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Full text of "Handbuch der Geschichte der Medizin. Bearb. von Arndt [et al.]"

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HANDBUCH 


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7 


DER  • 

GESCHICHTE  DER  MEDIZIN. 

BEGRÜNDET  VON 

Dr.  med.  TH.  PUSCHMANN, 

WEILAND    PROFESSOR    AN    DER    UNIVERSITÄT    IN  WIEN. 

BEARBEITET  VON 

Pkofessor  De.  Arndt  (t),  Geeifswald  ;  Geh.  San.-Rat  Dr.  Bartels,  Berun;  Dr.Wolp  Becher, 
Berlin  ;  Dr.  Iwan  Bloch,  Berlin  ;  Professor  Dr.  Chiari,  Prag  ;  Professor  Dr.  Fasbender, 
Berlin;  Professor  Dr.  Fossel,  Graz;  Dr.  Robert  Fuchs,  Dresden;  Professor  Dr.  Helf- 
reich, Würzburg  ;  Professor  Dr.  Heymann,  Berlin  ;  Hofrat  De.  Höfler,  Tölz  ;  Professor 
Dr.  Horstmann,  Berlin;  Professor  Dr.  Hüsemann  (f),  Göttingen;  Professor  Dr.  Ipsen, 
Innsbruck  ;  Oberstabsarzt  Professor  Dr.  Köhler,  Berlin  ;  Dr.  G.  Korn,  Berlin  ;  Professor 
Dr.  Kossmann,  Berlin  ;  Professor  Dr.  Keeidl,  Wien  ;  Professor  Dr.  Ritter  von  Metnitz, 
Wien;  Privatdocent  Dr.  Neubürger,  Wien;  Dr.  Freiherr  Felix  Oefele,  Neuenahr; 
Professor  Dr.  Pagel,  Berlin;  Professor  Dr.  Politzer,  Wien;  Professor  Dr.  Prausnitz, 
Graz;  De.  Preuss,  Berlin;  Professor  Dr.  Rille,  Innsbruck;  Professor  Dr.  Schaer, 
Strassburg  i/E.;  Sanitätsrat  Dr.  Scheube,  Greiz;  Professor  Dr.  Schrutz,  Prag;  Privat- 
docent Dr.  Ritter  von  Töply,  Wien;  Professor  Dr.  Vierordt,  Tübingen 

HERAUSGEGEBEN   VON 
De.  med.  MAX  NEUBURGER,      und       Dk.  med.  JULIUS  PAGEL, 

DOCENT  AN  DER  UNIVERSITÄT  IN   WIEN  PROFESSOR  AN  DER  UNIVERSITÄT  IN  BERLIN. 


ERSTER  BAND. 


JENA. 

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER. 

1902. 


Alle  Rechte  vorbehalten. 


I3\ 

ni 


Herrn  ßeh.  Medizinal-Rat 


Professor  Dr.  R.  Virchow 


zum  80.  Geburtstage 


ehrerbietigst  gewidmet 


von 


den  Herausgebern. 


Vorrede. 


Der  langjährige  ordentliche  Universitätsprofessor  der  med.  Ge- 
schichte an  der  Wiener  Universität  Theodor  Pusch  mann,  gestorben 
am  28.  September  1899,  fasste  im  Sommer  1897,  infolge  einer  An- 
regung der  \'erlagsbuchhandlung,  den  Entschluss,  im  Verein  mit 
mehreren  Mitarbeitern  ein  Handbuch  der  medizinischen  Geschichte 
in  drei  Bänden  herauszugeben.  Band  I  sollte  Altertum  und  Mittel- 
alter, Band  II  und  III  die  Neuzeit  (vom  16.  Jahrhundert  ab)  um- 
fassen. Abweichend  von  dem  bisher  üblichen  Modus  der  allgemeinen 
systematischen  Darstellung  sollte  nach  Pusch mann's  Plan  für  die 
Neuzeit  der  Schwerpunkt  a  uf  die  einzelnen  Fachwissen- 
schaften gelegt  werden  und  deren  Entwicklungsgang  von  be- 
rufenen Forschern  eine  litterarisch  wie  pragmatisch  gleich 
gründliche  und  erschöpfende  Bearbeitung  erhalten,  ein 
Vorhaben,  welches  einer  bereits  von  vielen  Seiten  gestellten,  aber 
bisher  nur  ungenügend  erfüllten  Forderung  durchaus  entspricht. 

Um  der  Darstellung  möglichste  Gleichmässigkeit  und  dem  Umfang 
des  Werkes  das  mit  dem  Herrn  Verleger  vereinbarte  Maass  zu  sichern^ 
war  als  Richtschnur  für  die  Mitarbeit  zugleich  die  Weisung  gegeben, 
alle  wesentlichen  Thatsachen  in  gedrängtester  Kürze 
zusammenzufassen.  Besonders  eindringlich  war  die  Notwendig- 
keit absolut  zuverlässiger  Angaben  betont  worden.  Die  Be- 
arbeitung des  klassischen  Altertums  hatte  der  Begründer  des  Werks 
sich  selbst  vorbehalten,  während  für  die  übrigen  Abschnitte  von  ihm 
bereits  Autoren  gewonnen  waren,  die  durch  ihre  litterarischen  Arbeiten 
für  quellenmässige  Kenntnis  und  Behandlung  des  betreffenden  Stoffes 
eine  besondere  Gewähr  leisteten.  Leider  machte  der  für  die  Wissen- 
schaft viel  zu  früh  erfolgte  Tod  unseres  Meisters  allen  seinen  Plänen 
ein  Ende.  Längere  Erkrankung  hatte  ihn  an  jeder  schriftstellerischen 
Thätigkeit  verhindert,  sodass  im  Nachlass  ausser  der  klassischen  Ein- 
leitung, die  wir  in  unveränderter  Gestalt  zum  Abdruck  gebracht  haben, 
kein  Manuskript  für  das  Handbuch  von  ihm  vorgefunden  wurde. 


"VT  Vorrede. 

Die  weitere  Durchführung  des  vorlieg-enden  Unternehmens  war 
zunächst  laut  testamentarischer  Verfügung  dem  Schüler  und  jüngeren 
Freund  des  Verewigten,  dem  mitunterzeichneten  Neuburger,  zugefallen. 
Auf  dessen  und  des  Herrn  Verlegers  ehrenden  Wunsch  erklärte  sich 
auch  der  andere  Mitherausgeber  bereit,  nach  Kräften  mitzuwirken. 

Wenn  wir  beide  dieser  mühevollen  Aufgabe  trotz  mancher  ent- 
gegenstehenden Bedenken  uns  unterzogen  haben,  so  leiteten  uns  dabei 
in  erster  Linie  Gefühle  inniger  Verehrung  und  Dankbarkeit  für  unseren 
zu  früh  aus  dem  Leben  geschiedenen  Meister,  dessen  letzte  Wünsche 
zu  erfüllen  für  uns  Ehrensache  war,  ausserdem  aber  auch  das  Be- 
streben, ein  Unternehmen  nicht  fallen  zu  lassen,  dessen  wissenschaft- 
licher Wert,  ja  dessen  Notwendigkeit  klar  zu  Tage  liegt  und  für  das 
die  Vorarbeiten  bereits  bis  zu  einem  Stadium  gediehen  waren,  welches 
die  glückliche  Erreichung  des  vorgesteckten  Zieles  in  absehbarer  Zeit 
hoifen  Hess.  Freilich  blieb  noch  manche  Schwierigkeit  zu  überwinden. 
Einige  der  ursprünglich  verpflichteten  Mitarbeiter  traten  nach  dem 
Tode  Buschmanns  zurück,  und  vor  allem  musste  Ersatz  für  den  Aus- 
fall seines  eigenen  Beitrages  gesucht  werden.  Die  Herren  Dr.  Dr. 
Eobert  Fuchs  aus  Dresden,  der  bekannte  Hippokrateskenner,  und 
Iwan  Bloch  aus  Berlin,  ein  jüngerer,  bereits  mit  anerkannten  Detail- 
studien im  Gebiet  der  med.  Geschichte  hervorgetretener  Genosse,  sind 
nach  Kräften  bemüht  gewesen,  die  ihnen  übertragene  Aufgabe  zu  lösen. 
Dank  besonders  ihrer  und  der  übrigen  Herren  Kollegen  rühriger  Mit- 
arbeit haben  wir  nunmehr  die  Freude,  der  wissenschaftlichen  Welt 
Bd.  I  des  von  Buschmann  begründeten  Werks  vorzulegen.  Wie  auch 
immer  das  Urteil  der  unbefangenen  Kritik  lauten  möge,  das  Eine  wird 
sie  anerkennen  müssen,  dass  gegenüber  den  früheren  Geschichtswerken, 
besonders  auch  dem  „grossen  Haeser",  nach  der  litterarischen  Seite 
sicher  ein  nennenswerter  Fortschritt  erzielt  ist.  In  dieser  Beziehung 
steht  das  neue  Werk  unbestreitbar  auf  der  Höhe  der  Gegenwart. 

Möge  das  Handbuch  den  Namen  seines  Begründers,  mit  dem  es 
für  alle  Zeit  verknüpft  bleiben  soll,  in  Ehren  tragen. 

Wien  VI,  Kollergerngasse  3,      Berlin  N.,  Chausseestr.  85, 
im  März  1902. 


Neuburger.         Pagel. 


Inhaltsübersicht. 


Seite 

Altertum. 

Einleitung  von  weiland  Theodor  Puschniann 3 

Das  medizinische  Können  der  Naturvölker  Ton  Max  Bartels  (Berlin) 10 

Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern  von  B.  Scheube  (Greiz)    20 

I.  Chinesen 21 

II.  Japaner 37 

III.  Koreaner       50 

Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier  von 

V.  Oefele  (Bad  Neuenahr) 52 

Einleitung       52 

Sumerische  Medizin  des  Zwischenlandes 57 

Vorarische  Medizin  Indiens 61 

Medizin  der  alten  Nubischen  Völker 62 

Medizin  der  Götterländer  und  Weihraucliländer 62 

3Iedizin  der  alten  Nordwestafrikaner 63 

Krankheit  des  Sonnengottes  in  Aegypten .  64 

Krankheiten  der  Osirisfamilie 64 

Nagadaperiode '.    .    .    .  65 

Die  drei  ersten  Dynastien  Aegyptens 65 

König  Naramsin  (in  Babylonien) 66 

Aegyptische  Medizin  der  Pyramidenzeit 68 

Babylonische  Medizin 69 

Aerztestand  im  Zweistromlande 72 

Babylonische  Anatomie  und  Physiologie 73 

Babylonische  Pathologie 73 

„             Geburtshilfe 74 

„             Medikamente 74 

Aegyptische  Medizin  des  mittleren  Reiches 74 

Trojanische  Medizin 76 

Papyrus  Ebers 78 

üebersicht  über  die  ägyptische  Heilkunde 80 

18.  und  19.  Dynastie  Aegyptens       88 

Mykenäkultur 91 

Cypem 91 

Etrurien 91 

Medizin  Westasiens  zur  Zeit  von  Amenophis  III.  und  IV.    ...  92 

Aegyptische  Medizin  der  Zeit  demo tischer  Schrift 93 

Assyrische  Medizin 94 

Babylonisch-assyrische  Pharmakotherapie 99 

Physikalische  Therapie 100 

Chirurgie 101 

Medisch-persische  Medizin 101 


VIII  Inhaltsübersicht. 

Seite 

Aegyptische  Medizin  von  Psammetik  bis  Alexander 103 

Medizin  der  Ptolemäerzeit 104 

Koptische  Medizin 105 

Medizin  des  Sassanidenreichs  in  Westasien 107 

Die  Medizin  der  Juden  von  J.  Preuss  (Berlin)       110 

Indische  Medizin  von  Iwan  Bloch  (Berlin) 119 

Litter arhistorische  Einleitung       120 

Beziehungen  der  indischen  Medizin  zur  griechischen  und  arabischen 

Heilkunde 124 

Uebersicht  über  die  medizinischen  Schriften  der  Inder       ....  128 

Medizin  der  Vedas       135 

Medizin  der  brahmanischen  Periode:  Anatomie  und  Physiologie    .  138 

Allgemeine  Aetiologie  und  Pathologie 140 

Allgemeine  Diagnostik  und  Prognostik 140 

Diätetik  und  Hygiene ;...-..  141 

Materia  medica  und  Toxikologie 143 

Spezielle  Pathologie  und  Therapie 146 

Chirurgie 149 

Augenheilkunde 150 

Geburtshilfe,  Gynäkologie  und  Kinderheilkunde 150 

Standesverhältuisse  und  Deontologie 151 

Anhang:  Tibetische  Medizin ■ 152 

Geschichte  der  Heiiltunde  bei  den  Griechen   von  Robert  Fuchs  (Klotzsche  bei 

Dresden) 153 

Die  mythische  Zeit: 

1.  Ursprung  der  griechischen  Heilkunde 153 

2.  Quellen  der  Geschichte  der  griechischen  Heilkunde      ....  155 

3.  Litterarische  Hilfsmittel 158 

4.  Die  Heilkunde  bei  Homeros  und  den  Homeriden 161 

5.  Die  griechischen  Heilgötter,  Heroen  und  Dämonen.    Asklepios 

und  die  Asklepiaden 163 

6.  Die  medizinischen  Kenntnisse  der  ältesten  griechischen  Philo- 

sophen    170 

7.  Aeussere  Verhältnisse  des  Aerztestandes  im  Zeitalter  des  Hippo- 

krates.      Unterricht.       Aerztliche    Werkstätten.      Honorar. 

Amtsärzte  und  militärische  Aerzte 178 

8.  Gymnasien  und  Gymnasten 184 

9.  Rhizotomen  und  Pharmakopoen.    Hebammen 188 

10.  Die    ältesten     griechischen    Aerzteschulen ,    Kyrene,    Kroton, 

Sicilien,  Rhodos,  Knidos,  Kos 191 

11.  Vorhippokratische  oder  zeitgenössische  Aerzte  des  Hippokrates  193 

Hippokrates: 

12.  Lebensgeschichte 196 

13.  Die  hippokratischeu  Schriften  (Corpus  Hippocraticum)      .     .     .  201 

14.  Die  Echtheitsfrage 206 

15.  Die  Schriften  der  hippokratischen  Sammlung 211 

16.  Die  Heilkunde   in   den   hippokratischen  Schriften.     Anatomie 

und  Physiologie 236 

17.  Allgemeine  Pathologie 241 

18.  Allgemeine  Diagnose,  Prognose  und  Therapie 242 

19.  Aeussere  Heilmittel,  Pharmakologie 248 

20.  Spezielle  Pathologie   und    Therapie,    Fieber,   Darmleiden,   Re- 

spirations-    und  Gefässkrankheiten,  Krankheiten  der  Harn- 

und  Geschlechtswerkzeuge  und  des  Nervensystems  ....  250 

21.  Wunden,  Geschwülste,   Hernien,   Hämorrhoiden,  Fisteln,  Para- 

siten, kachektische  Zustände,  Hautleiden 255 

22.  Chirurgie,  Frakturen,  Luxationen,  Muskelschäden  und  Amputation  257 

23.  Ophthalmologie,  Otologie,  Rhinologie,  Zahnheilkunde  und  Psy- 

chiatrie        260 

24.  Gynäkologie  und  Geburtshilfe 263 

25.  Unmittelbare  Nachfolger  des  Hippokrates 268 


Inhaltsübersicht.  TS. 

Seite 

26.  Die  Philosophie  des  Platon  und  Aristoteles.    Theophrastos  und 

Menou.    Straton  von  Lampsakos,  Eudemos,  Klearchos,  KaUi- 

sthenes 279 

27.  Die    Heilkunde    in    der   Alexandrinerzeit.      Herophilos.     Die 

■  Herophileer  (300  a.  Chr.- 50  p.  Chr.) 286 

28.  Erasistratos.    Die  Erasistrateer       295 

29.  Die  Empii-iker 309 

30.  ^'ikandros.     Sostratos.     Aratos  etc.     Krateuas.      Die   alexan- 

drinischen  Chirurgen 316 

31.  Verpflanzung  der  griechischen  Heükunde  nach  Rom.    Askle- 

piades 323 

32.  Die  Methodiker 328 

33.  Plinius,  Dioskurides  und  andere  Phannakologen 348 

34.  Pneumatiker  und  Eklektiker.    Ruphos 358 

Galenos: 

35.  Galenos.    Leben  und  Bedeutung 373 

36.  Die  galenischen  Schriften 379 

37.  Das  galenische  System  der  Heilkunde 393 

Altrömische  Medizin  von  Iwan  Bloch  (Berlin) 403 

Litteratur 403 

Theurgischer  Charakter  der  altitalisch-römischen  Heilkunde      .    .  404 

Medizinische  Gottheiten  der  Römer 405 

Die  medizinischen  Weihgeschenke 408 

Medizinalwesen  der  älteren  Zeit 409 

Altrömische  medizinische  Litteratur 411 

Celsus  von  Iwan  Bloch  (Berlin) 415 

Litteratur 415 

Zeitalter  und  Schriftsteller  des  Celsus 416 

Die  medizinische  Schrift  des  Celsus 417 

Anatomie 420 

Allgemeine  Aetiologie,  Symptomatologie  und  Prognostik  ....  421 

Allgemeine  Therapeutik,  Diätetik  und  Hygiene 422 

Materia  medica,  Pharmacie  und  Toxikologie 427 

Allgemeine  Pathologie  und  Therapie 428 

Spezielle  Pathologie  und  Therapie 431 

Chirargie 432 

Augenkrankheiten 436 

Gjniäkologie  und  Geburtshilfe ^     .    .     .  438 

Dermatologie,  Krankheiten  der  Geschlechts-  und  Harnorgane    .    .  439 

Deoutologie 442 

Celsus  als  Medizinhistoriker 443 

Mittelalter. 

Einleitung  von  Julius  Pagel  (Berlin) 447 

Altgermanische  Heilkunde  von  M.  Höfler  (Tölz) 456 

Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts  von  Iwan 

Bloch  (Berlin) 481 

Alexandros  von  Aphrodisias 482 

Antyllos 483 

Philagrios  und  Poseidonios 489 

Magnos,  Theon,  Jonikos,  Zeon 491 

Byzantinische  Medizin  von  IwanBloch 492 

Die  Schriftsteller  des  4.  und  5.  Jahrhunderts: 

Oreibasios 513 

Der  Anonymus  des  Lauremberg 521 

Adamantios 522 

Nemesios 523 

Hesychios  von  Damaskus  und  sein  Sohn  Jokohos  Psychrestos    .    .  524 

Asklepiodotos  Alexandrinos 525 


X  Inhaltsübersicht. 

Seite 

Palladios  Sophistes  und  Severos 526 

Die  Schrift  „Kyranides" 528 

Die  Schriftsteller  des  sechsten  Jahrhunderts: 

Aetios  von  Amida 529 

Alexandros  von  Tralles 535 

Uranios 544 

Die  Schriftsteller  des  7.  Jahrhunderts: 

Theophilos  Protospatharios 545 

Stephanos  von  Athen 547 

Paulos  Aiginetes 548 

Joannes  Alexandrinus,  Ahron 556 

Hygienische  und  diätetische  Schriften   des  6.  bis  8.  Jahr- 
hunderts: 

Meletios 558 

Die  Schriftsteller  des  neunten  bis  zwölften  Jahrhunderts: 

Leo 559 

Photios 560 

Theophanes  Nonnos 560 

Mi(;hael  Psellos 561 

Simeon  Seth 563 

Damnastes 564 

Niketas 564 

Synesios 564 

Stephanos  Magnetes 565 

Schriftsteller  des  13.  und  14.  Jahrhunderts: 

Demetrios  Pepagomenos  . 565 

Joannes  Chumnos 565 

Nikolaos  Myrepsos 566 

Joannes  Aktuarios 566 

Nachträge 567 

Uebersicht   über  die  ärztlichen  Standesverhältnisse    in   der  west-  und  oströmischen 

Kaiserzeit  von  Iwan  Bloch  (Berlin) 568 

Litteratur 568 

1.  Medizinischer  Unterricht 570 

2.  Klassen  der  Aerzte 573 

3.  Bürgerliche  Stellung  der  Aerzte 579 

4.  Leibärzte 580 

5.  Archiatri 583 

6.  Andere  öffentliche  Aerzte 585 

7.  Militärärzte  und  Militärmedizinalwesen 586 

8.  Niedergang  des  ärztlichen  Standes 587 

Die  Medizin  der  Araber  von  Schrutz  (Prag) 589 

1.  Einleitung 589 

2.  Die  Anfänge  der  arabischen  Medizin 591 

3.  Allgemeine  Charakteristik  der  ersten  Periode 593 

4.  Die  hervorragendsten  Vertreter  der  ersten  Periode 595 

5.  Blüteperiode  der  arabischen  Heilkunde 598 

Avicenna 605 

Avenzoar 609 

6.  Minder  hervorragende   Aerzte  des   X.— XII.  Jahrhunderts  und 

beginnender  Verfall  der  arabischen  Medizin 610 

Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter  von  Julius  Pagel  (Berlin) 622 

Die  Vorläufer  der  Mönchsmedizin.   Die  letzten  medizinischen  Schrift- 
steller aus  der  römischen  Kaiserzeit 622 

Die  Mönchsmedizin  vom  6. — 12.  Jahrhundert 624 

Die  salernitanische  Schule 637 

Constantinus  Africanus 643 

Charakter  der  medizinischen  Leistungen  der  Salernitaner     .    .    .  655 


Inhaltsübersicht.  XI 

Seite 
Die   Medizin  im  Zeitalter  der  Scholastik.    Die   Uebersetzer  der 

arabischen  Werke 658 

Die  Naturforscher  der  scholastischen  Periode 661 

Die  scholastischen  Mediziner.    Italien 666 

Die  Medizin  in  Frankreich  während  der  scholastischen  Periode  .  685 
Die  Medizin  in  den  übrigen  Ländern  Europas  während  des  13. — 15. 

Jahrhunderts 697 

Nachträge 700 

Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  {Mittelalter  von  Julius  Pagel  (Berlin)      .    .  701 

Anatomie  und  Physiologie 701 

Die  Chirurgie  vom  12. — 15.  Jahrhundert 707 

Wundärzte  der  Salemitanischen  Schule 709 

Die  Ergebnisse  der  Salemitanischen  Chirurgie 713 

Schule  von  Bologna 715 

Die  Chirurgie  in  den  übrigen  Schulen  Italiens 718 

Die  Chirurgie  in  Frankreich  vom  13. — 15.  Jahrhundert  ....  722 
Die  Chirurgie  in  den  germanischen  Ländern,  in  den  Niederlanden, 

England  und  Deutschland 736 

Die  Chirurgie  in  Italien  während  des  15.  Jalirhunderts    ....  742 

Die  italienischen  Empiriker  des  15.  Jahrhunderts 744 

Die  Augenheilkunde  im  Mittelalter  (12.— 15.  Jahrhundert)  .  .  .  745 
Oeffentliche    Gesundheitspflege    und    Epidemien    im    Mittealter. 

Populäre  medizinische  Litteratur 746 

Die  übrigen  Spezialzweige  der  Medizin  während  des  Mittelalters  .  748 

Register 753 


Druckfehlerverzeichnis. 

p.  659  Z.  21  V.  u.  1.  kongenialer  statt  kongenitaler, 
p,  668  Z.  16  V.  0.  1.  geuoss  statt  genass, 
p,  669  Z.  15  V.  u.  1.  somit  statt  sowie. 


Altertum. 


Handbucli  der  Geschichte  der  Medizin. 


Einleitung. 

Von  weiland  Theodor  Pnschmann  (Wien). 


Alle  menschliche  Geschichte  ist  nur  eine  Geschichte  von  gestern. 

Wie  klein  ist  der  Zeitraum,  seitdem  sich  die  ersten  Menschen  aus 
dem  tierartigen  Zustande  zur  Erkenntnis  ihrer  selbst,  zum  Bewusst- 
sein  ihrer  höheren  geistigen  Fähigkeiten  erhoben  haben!  Ungezählte 
Jahrtausende  gingen  voran,  welche  die  Äfenschheit  in  geistiger  Nacht 
und  Dämmerung  verbrachte,  zufrieden,  wenn  sie  die  tägliche  Nahrung 
fand  und  die  dringenden  Bedürfnisse  des  Daseins  befriedigen  konnte. 

Gleich  den  Tieren  des  Waldes  lebten  die  Menschen  in  wilder 
Ungebundenheit ;  ohne  feste  Wohnsitze,  Hessen  sie  sich  dort  nieder, 
wo  der  Boden  Früchte  bot.  Den  Unbilden  des  Wetters  preisgegeben, 
nicht  selten  von  Nahrungsmangel  heimgesucht,  waren  sie  manchen 
schädlichen  Einflüssen  ausgesetzt,  welche  ihren  Körper  schwächten  und 
Krankheiten  erzeugten.  Dazu  kamen  die  Gefahren,  die  ihnen  von 
Naturereignissen  und  feindlichen  Tieren  und  Menschen  drohten. 

Wenn  sich  unter  solchen  Umständen  Katarrhe,  Entzündungen 
innerer  Organe  und  langes  Siechtum  entwickelten,  so  stand  man  dieser 
Thatsache  rat-  und  hilflos  gegenüber. 

Vielleicht,  dass  sich  hier  und  da  jener  Heilinstinkt  geltend  machte, 
welcher  das  Tier  treibt,  die  Fieberhitze  im  kalten  Wasser  zu  löschen, 
die  steifen  Glieder  an  der  Sonne  zu  erwärmen,  die  Wunden  der  Haut 
mit  dem  eigenen  Speichel  zu  befeuchten  und  bei  verdorbenem  Magen 
Gras  zu  essen,  um  dadurch  Erbrechen  zu  erregen  ?  —  Der  Organismus 
reagiert  auf  reflektorischem  Wege  gegen  die  Schmerzen  und  Leiden, 
von  denen  er  ergriffen  wird  und  wählt  dazu  die  Mittel,  die  am  nächsten 
liegen.  Die  im  Körper  vorhandenen  regulatorischen  und  kompen- 
satorischen Vorrichtungen,  welche  man  als  Heilkraft  der  Natur  be- 
zeichnet, führen  oft  zum  Ausgleich  der  vorhandenen  Störungen  und 
zum  Stillstand  der  Krankheitsvorgänge.  In  diesem  Sinne  erscheint 
die  Natur  als  die  erste  Lehrerin  der  Heilkunde. 

Mit  dem  Erwachen  der  Intelligenz  begannen  die  Menschen,  die 
Dinge  in  ihrem  Verlauf  zu  beobachten  und  nach  ihren  Ursachen  zu 
fragen:  Dann  mögen  einzelne  wohl  auch  die  Gebräuche  bei  Erkran- 
kungen und  Verletzungen,  durch  welche  man  die  Gesundheit  wieder 
zu  erlangen  hoffte,  einer  Betrachtung  unterzogen  haben.   Durchschauten 

1* 


4  Theodor  Puschinann. 

sie  dabei  die  Weisungen  der  Natur  und  folgten  sie  ihnen,  so  werden 
sie  bald  zu  eigenen  Erfahrungen  gelangt  sein,  welche  die  Naturheil- 
kunde bestätigten,  in  manchen  Punkten  berichtigten  und  auf  eine 
sichere  Grundlage  stellten. 

Wir  besitzen  aus  jener  Periode  nur  wenige  Dokumente  über  die 
Heilkunst,  aber  sie  zeichnen  ein  deutlicheres  Bild  der  pathologischen 
Vorgänge,  als  es  Worte  vermögen :  es  sind  die  Schriftzüge,  welche  die 
Krankheiten  und  Verletzungen  auf  den  prähistorischen  Knochen  zu- 
rückgelassen haben.  Wir  sehen  Knochenbrüche,  deren  Heilung  wahr- 
scheinlich durch  Ruhe  und  dauernde  Festlagerung  der  gebrochenen 
Glieder  bewirkt  wurde,  Gelenkentzündungen  mit  Verdickungen  und 
Wucherungen  der  Knochensubstanz,  Verkrümmungen  der  Knochen,  die 
durch  Rhachitis  hervorgerufen  wurden  und  krankhafte  Veränderungen, 
Avelche  auf  Lues  hindeuten. 

Volkssagen  und  Legenden,  die  sich  aus  undenklichen  Zeiten  er- 
halten haben,  berichten  von  Seuchen,  welche  unter  den  Menschen 
wüteten. 

Die  Entstehung  derselben  erschien  ihnen  rätselhaft;  ihre  Ver- 
breitung und  Bösartigkeit  erfüllte  sie  mit  Entsetzen;  die  Heilmittel, 
die  bei  anderen  Leiden  angewendet  wurden,  waren  wirkungslos. 

In  dieser  Not  wandten  sie  sich  an  die  überirdischen  Gewalten; 
von  den  Göttern,  mochten  sie  dieselben  unter  der  Gestalt  der  Sonne, 
des  Mondes  oder  der  Elemente  suchen  oder  als  den  menschlichen 
Sinnen  entrückte,  unbegreifliche  Mächte  betrachten,  erhofften  sie  Hilfe 
und  Rettung  von  Krankheit  und  Tod. 

Die  Priester  verkündeten,  dass  die  Seuchen  von  den  über  die 
Sünden  der  Menschen  erzürnten  Gottheiten  gesendet  worden  seien,  um 
sie  zur  Busse  anzuhalten.  Durch  Gebete  und  Opfer  glaubte  man  die 
Verzeihung  der  Götter  zu  erlangen  und  ihr  Erbarmen  zu  erregen. 

Bestimmte  Kultgebräuche,  welche  für  diesen  Zweck  ersonnen 
und  ausgebildet  wurden,  errangen  das  Vertrauen  des  gläubigen  Volkes, 
welches  die  strenge  Befolgung  derselben  forderte.  Weise  Gesetzgeber 
verbanden  damit  bisweilen  Vorschriften  und  Einrichtungen,  die  auf 
Reinlichkeit,  Massigkeit  und  einen  geordneten  Lebenswandel  abzielten 
und  trugen  dadurch,  wenn  auch  unbewusst,  zur  Begrenzung  und  Unter- 
drückung der  epidemischen  Krankheiten  bei.  Erloschen  dieselben, 
nachdem  die  ganze  Bevölkerung  vom  Krankheitsstoff  durchseucht  worden 
war  oder  grössere  Widerstandskraft  dagegen  erlangt  hatte,  so  wurde 
dieser  Erfolg  den  Göttern  und  den  Massnahmen  ihrer  klugen  Priester 
zugeschrieben.  Waren  Gebete  und  Opfer  vergeblich,  so  blieben  die 
letzteren  von  jedem  Vorwurf  frei,  indem  sie  die  Schuld  auf  den  über- 
mächtigen Willen  der  beleidigten  Gottheit  schoben.  Dadurch  gelangten 
die  Priester  allmählich  in  den  Ruf,  dass  sie  im  Besitze  der  Heilkunst 
seien.    Sie  waren  bemüht,  denselben  zu  erhalten  und  zu  vermehren. 

Deshalb  achteten  sie  darauf,  welche  Gottheiten  das  Flehen  der 
Menschen  um  Erlösung  zu  erhören  schienen.  Ihnen  wurde  ein  be- 
sonderer religiöser  Kultus  geweiht,  weil  man  annahm,  dass  sie  von 
den  übrigen  Göttern  mit  der  Aufgabe  betraut  seien,  die  körperlichen 
Leiden  und  Schmerzen  zu  lindern.  Häufig  waren  es  dieselben  Gott- 
heiten, welche  sich  zu  anderen  Zeiten  als  Feinde  der  Menschen  er- 
wiesen und  sie  mit  Plagen  und  Seuchen  schlugen.  Diesen  Mächten 
musste  es  leicht  sein,  das  Uebel,  das  sie  selbst  geschaffen,  wieder  zu 
beseitigen.     Es   kam   auch   vor,   dass   Menschen,   die  während   ihres 


Einleitung.  5 

Lebens  als  berühmte  Heilkünstler  Bewunderung  erregten,  nach  dem 
Tode  als  Heilgötter  verehrt  wurden,  wie  A  s  k  1  e  p  i  o  s.  Auch  hier  be- 
währte sich  der  Satz,  dass  die  Götter  Geschöpfe  der  Menschen  sind^ 
projizierte  Phantasiegebilde  des  eigenen  Seelenlebens. 

Die  Priester  der  Heilgottheiten  widmeten  sich  neben  dem  Ke- 
ligionsdienst  hauptsächlich  der  Krankenbehandlung.  Dieselbe  trug 
einen  mystischen  Charakter,  durchsetzt  von  den  Ueberlieferungen  der 
empirischen  Heilkunde.  Je  nach  den  Begriifen,  die  man  sich  von  den 
Krankheiten  machte,  nahm  sie  verschiedene,  zuweilen  sogar  recht 
wunderliche  Formen  an. 

Wenn  man  die  Krankheit  als  ein  fremdes  Wesen,  als  einen  bösen 
Geist,  Dämon  oder  Teufel  betrachtete,  der  vom  Körper  Besitz  ge- 
nommen, so  galt  es,  ihn  daraus  zu  vertreiben.  Man  versuchte  es 
durch  Bitten  und  Beschwörungen.  Half  dies  nicht,  so  wurde  Gewalt 
angewendet  oder  man  nahm  zur  List  seine  Zuflucht. 

Noch  heute  finden  wir  in  der  Medizin  mancher  Völker  Reste 
dieses  Urzustands  der  mystisch-theurgischen  Heilkunst. 

Die  Chinesen  schreiben  an  das  Hausthor,  dass  ihre  Kinder  nicht 
zu  Hause  sind,  wenn  die  Diphtherie  ausbricht,  weil  sie  dadurch  den 
Geist  der  Krankheit  veranlassen  wollen,  dass  er  bei  ihnen  keine  Ein- 
kehr hält. 

Manche  Naturvölker  glauben,  dass  es  ihnen  gelingt,  durch  wider- 
liche Gerüche  und  Räucherungen  oder  durch  betäubenden  Lärm  den 
Krankheitsdämon  zu  verscheuchen;  andere  wollen  ihm  Furcht  und 
Schrecken  einflössen  und  halten  ihm  scheussliche  Fratzen  vor,  die 
angeblich  sein  Ebenbild  darstellen.  Bei  einigen  Volksstämmen  ist  es 
üblich,  den  Kranken  zu  schütteln  oder  zu  prügeln,  um  dem  Dämon 
der  Krankheit  den  Aufenthalt  im  Körper  unangenehm  zu  machen. 

Nicht  minder  grausam  waren  die  Versuche,  die  Götter  durch 
Opfer  zu  gewinnen.  Wenn  man  sich  vorstellte,  dass  sie  von  Gier  nach 
dem  Leben  des  Kranken  erfüllt  seien  und  durch  das  Opfer  eines 
Tieres  oder  Sklaven  befriedigt  werden,  so  zeigte  man,  wie  niedrig 
man  von  ihnen  dachte.  Das  waren  mitleidslose  blutdürstige  Gestalten^ 
geradeso  wie  die  Menschen,  die  vor  ihnen  zitterten. 

Als  die  Sitten  milder  wurden,  verloren  die  Opferungen  ihren 
bestialischen  Zug  und  klangen  zuletzt  in  symbolische  Gebräuche  aus^ 
die  sich  in  Kulthandlungen  zum  Teil  bis  heute  erhalten  haben.  Dass 
weder  die  vermeintliche  Austreibung  der  Krankheitsdämonen  noch  die 
Sühnopfer  auf  den  Kranken  eine  günstige  Wirkung  ausübten  oder 
überhaupt  eine  hygienische  Bedeutung  hatten,  ist  leicht  zu  erkennen. 

Einer  idealen  Auffassung  huldigten  die  Priesterärzte  der  Griechen. 
Sie  trachteten,  die  Kranken  in  geistigen  Verkehr  mit  dem  Heilgott 
zu  bringen.  Zu  diesem  Zweck  Hessen  sie  dieselben  in  den  Tempeln 
schlafen  und  träumen.  Aus  den  Träumen  sprach  nach  ihrer  Meinung 
die  Gottheit,  und  die  Kunst  der  Priester  bestand  darin,  die  Ereignisse 
und  Worte  des  Traumes  in  dieser  Richtung  zu  deuten  und  ein  Heil- 
verfahren zu  ersinnen,  welches  den  Ratschlägen  des  Gottes  entsprach. 

Stellte  sich  der  ersehnte  Traum  in  der  ersten  Nacht  nicht  ein,  so 
wurden  die  Kranken  auf  die  folgende  Nacht  vertröstet,  bis  ihre  Er- 
wartungen erfüllt  wurden.  Durch  Beten,  Fasten  und  Kasteiungen  ge- 
schwächt, beständig  mit  dem  Gedanken  an  ihr  Leiden  beschäftigt,  voll 
Vertrauen  in  die  Macht  und  Güte  des  Gottes,  das  durch  die  Erzäh- 
lungen seiner  glücklichen  Heilerfolge  noch  gestärkt  w^urde,  gelangten 


6  Theodor  Pusclimann. 

sie  allmähiicli  in  einen  Zustand  hochgradiger  geistiger  Erregung, 
welche  ihnen  während  des  Schlafes  Bilder  vor  die  Seele  zauberte,  in 
denen  sich  ihre  Leiden  und  Schmerzen,  ihre  Befürchtungen  und  Hoff- 
nungen wiederspiegelten. 

Freilich  geschah  es  oft  genug,  dass  alle  Versuche  der  Kranken, 
einen  Traum  zu  erhalten,  vergeblich  waren.  In  solchen  Fällen  über- 
nahmen die  Priester  an  ihrer  Stelle  die  Aufgabe,  zu  schlafen  und  zu 
träumen.  Damit  wurden  dem  Betrug  die  Thore  eröffnet,  und  es  ent- 
wickelte sich  eine  Klasse  berufsmässiger  Träumer,  welche  aus  dem 
Verkehr  mit  überirdischen  Wesen  ein  einträgliches  Geschäft  machten, 
ähnlich  den  spiritistischen  Medien  unserer  Tage.  Diese  Leute  scheuten 
sich  nicht  vor  groben  Betrügereien,  wie  sie  Aristophanes  auf  der 
Bühne  geisselte. 

Der  theurgisch-mystische  Charakter  beherrschte  die  Medizin  aller 
Völker  während  der  Periode  ihrer  frühesten  Kulturentwicklung.  Wenn 
ihre  Vertreter,  die  Priester  und  Zauberer,  damit  später  die  Ueber- 
lieferungen  der  empirischen  Heilkunde  verbanden  und  auf  diese  Weise 
auf  den  festen  Boden  der  Thatsachen  zurückkehrten,  so  wurde  die 
Möglichkeit  gegeben,  dass  die  Summe  des  medizinischen  Wissens  ver- 
mehrt und  systematisch  begründet  werden  konnte. 

In  den  Tempeln  begannen  die  Priesterärzte  ihre  Beobachtungen 
niederzuschreiben  und  zu  vergleichen.  Die  Ergebnisse  dieser  Thätig- 
keit  waren  bestimmte  Regeln  für  die  Erkenntnis  und  Behandlung 
der  Krankheiten,  welche  den  folgenden  Geschlechtern  als  Richtschnur, 
als  Gesetz  des  ärztlichen  Handelns  dienten.  Das  waren  die  ersten 
Lehrbücher  der  Heilkunde,   der  Beginn   der  medizinischen  Litteratur. 

Die  Priester,  die  Erfinder  der  Schreibekunst,  die  Hüter  alles 
menschlichen  und  göttlichen  Wissens,  unterzogen  sich  der  Aufgabe, 
alle  Gebiete  des  geistigen  Lebens  zu  durchforschen  und  zeichneten 
nicht  bloss  die  Grundlagen  der  Medizin,  sondern  auch  der  Rechts- 
kunde, Mathematik,  Astronomie  und  anderer  Wissenschaften  auf.  Diese 
Werke  gewannen  im  Lauf  der  Jahrhunderte  immer  mehr  an  Ansehen 
und  wurden  für  heilig  gehalten.  Die  Aegypter  leiteten  ihre  Ent- 
stehung von  einem  Gott  her,  die  Chinesen  von  weisen  Herrschern  der 
Vorzeit. 

Eine  Vereinigung  dieser  Bücher  zu  einem  Ganzen  kam  nur  dort 
zu  Stande,  wo  die  Priester  Kollegien  bildeten,  deren  Mitglieder,  wenn 
sie  auch  in  ihrer  eigentlichen  Berufsthätigkeit  von  einander  abwichen, 
doch  als  geschlossene  Korporation  nach  aussen  auftraten,  wie  in 
Aegypten. 

Die  Asklepiospriester  der  Griechen  schieden  sich  schon  früher 
von  den  übrigen  Priestern,  hier  gab  es  keine  das  gesamte  Wissen 
jener  Zeit  umfassende  sacrosancte  Litteratur.  Zudem  achteten  die 
Asklepiospriester  streng  darauf,  dass  ihre  Geschäftsgeheimnisse  allen 
verschlossen  blieben,  die  nicht  zum  engen  Kreise  ihrer  Mitglieder 
gehörten. 

Erst  als  sich  die  Heilkunst  mehr  und  mehr  vom  religiösen  Kultus 
frei  machte  und  in  die  Hände  von  Aerzten  überging,  die  nicht  Priester 
waren,  war  es  möglich,  dass  die  wissenschaftlichen  Errungenschaften 
der  ärztlichen  Forschung  allgemeinere  Verbreitung  fanden.  Das  war 
das  Verdienst  einiger  Aerzte  des  6.  und  5.  Jahrhunderts  v.  Chr.,  unter 
denen  Hippokrates  am  bekanntesten  ist. 

Die  griechischen  Aerzte  nannten  sich  Asklepiaden,  Abkömmlinge 


Einleitung.  7 

des  Asklepios,  um  dadurch  den  Glauben  zu  erwecken,  dass  sie  ihre 
medizinischen  Kenntnisse  als  Familientradition  von  ihrem  mythischen 
Ahn  überkommen  hätten.  Sie  vereinigten  sich  zur  gemeinsamen  Ver- 
ehrung desselben  in  den  Asklepiostempeln  und  hielten  die  Beziehungen 
zu  diesen  geheiligten  Orten,  denen  sie  einen  grossen  Teil  ihrer  medi- 
zinischen Kenntnisse  verdankten,  aufrecht.  Auch  unterschieden  sie  sicli 
danach  in  verschiedene  Sekten  oder  Schulen,  die,  wenn  sie  auch  in 
ihi'en  Theorien  und  Hypothesen  auseinandergingen,  doch  darin  über- 
einstimmten, dass  die  Erfahrung  die  hauptsächlichste,  vielleicht  die 
einzige  Quelle  der  ärztlichen  Erkenntnis  bildet. 

Die  griechische  Medizin  ging  zwar  aus  der  Tempelmedizin  hervor; 
aber  sie  stützte  sich  vorzugsweise  auf  die  durch  Beobachtung  am 
Krankenbett  ermittelten  Thatsachen.  Dabei  zog  sie  alle  den  Kranken 
betreffende  Verhältnisse  in  Betracht,  z.  B.  den  Einfluss,  welchen 
Klima,  Wetter,  Temperatur  und  Nahrung  auf  ihn  ausübten  und  schlug 
eine  individualisierende  Richtung  ein.  Sie  wollte  nicht  die  Krankheiten, 
sondern  den  Kranken  behandeln.  Dieses  Ziel  hat  den  grossen  Heil- 
künstlern aller  Zeiten  vor  Augen  geschwebt.  Ihm  verdanken  die 
griechischen  Aerzte  die  Erfolge,  die  sie  mit  ihren  Kuren  errangen. 

Daneben  wurde  die  wissenschaftliche  Begründung  der  Heilkunde  ver- 
sucht. Im  Anschluss  an  die  Naturphilosophie,  welche  sich  an  die  schwie- 
rigsten Pi'obleme  des  kosmischen  Lebens  wagte,  ging  man  an  die  Erklärung 
der  physiologischen  und  pathologischen  Erscheinungen  des  menschlichen 
Körpers.  Wenn  auch  bei  dem  Mangel  der  dafür  erforderlichen  Vor- 
kenntnisse die  Ergebnisse,  zu  denen  man  dabei  gelangte,  lediglich 
spekulativer  Natur  waren,  so  verdient  es  doch  Anerkennung,  dass 
man  bestrebt  war,  allgemeine  Gesichtspunkte  für  das  Verständnis  des 
menschlichen  Organismus  zu  gewinnen  und  die  Ursachen  der  Lebens- 
erscheinungen zu  erforschen. 

Die  Theorien  der  Elemente,  der  Urqualitäten  und  der  Säfte  boten 
das  Material  dafür.  Die  grösste  Verbreitung  erlangte  die  Lehre,  dass 
die  Flüssigkeiten  des  Körpers,  wenn  sie  eine  normale  Mischung  der 
Grundstoffe  enthalten,  die  Gesundheit  bedingen,  durch  eine  anormale 
Mischung  derselben  aber  Krankheiten  erzeugen.  Man  dachte  sich, 
dass  die  Flüssigkeiten,  namentlich  das  Blut,  welches  in  allen  Teilen 
des  Körpers  ström.t,  Kraft  und  Leben  zuführen  und  bei  Erkrankungen 
die  Krankheitskeime  überallhin  verbreiten.  Diese  Form  der  Humoral- 
pathologie  fand  bei  den  Indern  und  anderen  orientalischen  Völkern 
Eingang,  wurde  von  den  Römern  übernommen  und  erhielt  sich  in 
mannigfachen  Modifikationen  durch  das  Mittelalter  und  die  Neuzeit 
bis  ins  19.  Jahrhundert. 

Allerdings  führte  die  Einseitigkeit  dieser  Anschauung  schon  im 
Altertum  dazu,  dass  auf  die  Bedeutung  der  festen  Teile  des  Körpers 
für  Gesundheit  und  Krankheit  hingewiesen  wurde.  Der  geniale  As- 
klepiades  entwarf  auf  Grundlage  der  Solidarpathologie  ein  System 
der  Heilkunde,  in  welchem  den  Holilräumen  und  Poren  des  Körpers  die 
Rolle  zugeteilt  wurde,  welche  in  der  Humoralpathologie  die  Gefässe 
spielten.  Später  treten  an  Stelle  der  Poren  die  Nerven,  welche  das 
Allgemeinverhalten  des  Körpers  bestimmen  sollen. 

Weder  die  eine  noch  die  andere  Theorie  vermochte  alle  Fragen 
zu  beantworten.  Die  denkenden  Aerzte  huldigten  deshalb  einem  ver- 
nünftigen Eklekticismus,  der  die  leitenden  Gedanken  der  verschiedenen 


g  Theodor  Puschmaun. 

Systeme  zu  vereinigen  suchte  und  sich  in  der  Praxis  hauptsächlich  an 
die  Erfahrung  hielt. 

Wertvoller  als  die  gewaltsame  Anpassung  der  mangelhaft  er- 
kannten und  häufig  falsch  verstandenen  Thatsachen  an  ein  künstlich 
zugeschnittenes  Schulsystem  war  die  Vermehrung  des  Wissensmaterials, 
welche  sich  viele  Aerzte  zur  Aufgabe  machten.  Es  war  vor  allem  die 
Beobachtung  am  Krankenbett,  in  welcher  es  das  Altertum  zu  einer 
hohen  Vollendung  brachte.  Da  blieb  keine  Veränderung  in  dem  Be- 
finden des  leidenden  Körpers  unbeachtet.  Die  einzelnen  Erscheinungen 
Avurden  so  genau  beschrieben,  dass  den  verschiedenen  Krankheitsbildern 
von  den  späteren  kaum  etwas  hinzugefügt  werden  konnte.  Man  lauschte 
aufmerksam  dem  Walten  der  Natur  und  wollte  selbst  in  der  ärztKchen 
Thätigkeit  nichts  weiter  leisten  als  der  Natur  hilfreich  dienend  zur 
Seite  zu  stehen. 

Die  Heilkunde  der  Alten  musste  sich  damit  begnügen,  an  den 
äusseren  Erscheinungen  der  Krankheiten  zu  haften.  Die  Erforschung 
des  Wesens  derselben  blieb  ihr  verschlossen;  denn  eine  pathologische 
Anatomie  gab  es  damals  noch  nicht.  Die  Diagnosen  waren  daher  nur 
symptomatische,  und  ihre  Krankheitsbegriffe  deckten  sich  nicht  mit 
den  unserigen.  Man  unterschied  als  selbständige  Krankheiten,  was 
wir  als  Krankheitserscheinungen  bezeichnen,  wie  Husten,  Erbrechen, 
Durchfall,  und  fasste  Krankheiten  verschiedenen  Wesens  unter  dem 
gleichen  Namen  zusammen,  wenn  sie  durch  ein  gemeinsames  S5'mptom 
eine  äussere  Aehnlichkeit  darboten,  wie  in  der  Phrenitis  u.  a. 

Bewundernswert  sind  die  Leistungen  des  Altertums  auf  dem  Ge- 
biete der  Chirurgie,  umsomehr  als  eine  notwendige  Voraussetzung, 
nämlich  die  genaue  Kenntnis  des  anatomischen  Baues  des  Körpers 
fehlte.  Mit  sehr  geringen  technischen  Hilfsmitteln  ausgestattet,  unter- 
nahm man  grosse  chirurgische  Operationen,  z.  B.  Trepanationen,  Ampu- 
tationen, Resektionen,  deren  glückliche  Ausführung  auch  jetzt  noch 
viele  Schwierigkeiten  bietet. 

In  der  Schule  der  Erfahrung  hatte  man  gelernt,  dass  Reinhaltung 
der  Wunden,  gute  Luft,  Ruhe  und  Zeit  die  besten  Heilmittel  in  der 
chirurgischen  Therapie  sind.  Im  Anlegen  von  Verbänden,  in  der  Ein- 
richtung verrenkter  Gliedmassen  gab  die  wiederholte  Uebung  die  er- 
forderliche Geschicklichkeit,  und  die  Vorkommnisse  bei  den  Ringkämpfen 
boten  manche  Gelegenheit  dazu. 

Selbst  in  der  Augenheilkunde  und  Geburtshilfe  errangen  die  Aerzte 
des  Altertums  bemerkenswerte  Erfolge.  Sie  verstanden,  den  grauen 
Star  zu  operieren  und  das  verlorene  Augenlicht  wieder  herzustellen, 
obwohl  sie  weder  wussten,  worin  dieses  Leiden  besteht,  noch  welche 
Wirkungen  sie  durch  ihren  Eingriff"  herbeiführten.  Es  ist  dies  eines 
der  deutlichsten  Beispiele,  dass  die  Heilkunst  der  Heilwissenschaft  vor- 
ausgeht. Leichter  waren  die  Verhältnisse  in  der  Geburtshilfe  zu  durch- 
schauen. An  gebärenden  Tieren  sowohl  wie  bei  der  Besichtigung 
weiblicher  Becken  konnte  man  die  Beziehungen  des  kindlichen  Körpers 
zum  Fruchthalter  studieren.  Daraus  ergab  sich  die  Erkenntnis,  dass 
schwierige  Geburten  durch  die  Verbesserung  der  Kindslage  erleichtert 
werden  können.  Die  Wendung  und  der  Kaiserschnitt  waren  Operationen, 
bei  denen  der  genetische  Zusammenhang  zwischen  der  Kunsthilfe  und 
der  beabsichtigten  Wirkung  jedem  einleuchten  musste. 

Die  Erforschung  der  theoretischen  Grundlagen  der  Heilkunde  blieb 
hinter  der  praktischen  Ausübung  derselben  zurück.    Man  verstand  die 


Einleitung.  9 

Kunst,  Kranklieiten  zu  heilen,  ehe  man  wusste,  wie  der  Körper  im 
gesunden  Zustande  aussieht  und  funktioniert,  und  wie  er  im  kranken 
verändert  wird.  Diese  Thatsache  widerspricht  der  Kathederweisheit 
unserer  Schulen,  nach  welcher  Anatomie,  Physiologie  und  Pathologie  die 
unerlässlichen  Vorbedingungen  einer  rationellen  Therapie  bilden. 
Uebrigens  wenden  wir  auch  heute  noch  Heilmethoden  und  Heilmittel 
an,  deren  Wirkung  auf  den  Organismus  unbekannt  ist,  lediglich  weil 
wir  aus  Erfahrung  wissen,  dass  sie  im  stände  sind,  Krankheiten  zu 
mildern  oder  zu  beseitigen. 

Die  anatomischen  Kenntnisse  der  Griechen  beschränkten  sich  im 
wesentlichen  auf  die  Knochenlehre  und  die  wichtigeren  Organe  der 
Körperhöhlen;  von  den  Muskeln,  Gefässen  und  Nerven  hatten  sie  nur 
dunklere  und  lückenhafte  Vorstellungen. 

Eifrigere  Pflege  fand  dieser  Gegenstand  erst  in  Alexandria,  wo 
den  Aerzten  gestattet  wurde,  ihr  anatomisches  Wissen  an  mensch- 
lichen Leichen  zu  erweitern.  Dieser  Periode  sind  die  ersten  Arbeiten 
über  das  Nervensystem  zu  verdanken. 

Die  griechische  Medizin  nahm  ihren  Weg  über  Alexandria  nach 
Eom.  Heilkünstler  aus  dem  Oriente,  welche  seit  dem  2.  Jahrhundert 
V.  Chr.  in  der  Hauptstadt  des  neu  entstehenden  Weltreiches  einwan- 
derten, erregten  durch  ihre  chirurgische  Geschicklichkeit  das  Erstaunen 
der  bäuerlichen  Bewohner  Latiums  und  zeigten  ihnen,  was  Aerzte, 
welche  diesen  Namen  verdienen,  zu  leisten  vermögen. 

Die  auf  italischem  Boden  entstandene  Heilkunde  beschränkte  sich 
auf  die  Kenntnis  einiger  Hausmittel  und  der  alltäglichen  chirurgischen 
Hilfeleistungen.  Sie  unterlag  der  griechischen  Medizin.  Die  Ueber- 
legenheit  derselben  brachte  es  mit  sich,  dass  römische  Aerzte  bei  den 
Griechen  in  die  Schule  gingen  und  ihre  Lehren  annahmen.  Uebrigens 
gehörte  die  Medizin,  da  sie  liäufig  von  Sklaven  ausgeübt  wurde,  nicht 
zu  den  vornehmen  Künsten,  welche  den  nach  politischen  und  mili- 
tärischen Erfolgen  dürstenden  Ehrgeiz  der  Römer  weckten.  Darin  liegt 
sicherlich  eine  der  Ursachen,  dass  die  Heilkunde  von  ihnen  nahezu  gar 
keine  Bereicherung  erfahren  hat. 

Ihre  wissenschaftliche  Pflege  blieb  auch  in  Rom  in  den  Händen 
der  Griechen.  Alle  wertvollen  medizinischen  Werke  wurden  von 
griechischen  Aerzten  verfasst  und  in  griechischer  Sprache  geschrieben. 

Galen,  der  grösste  Theoretiker  des  Altertums,  der  Pharmakologe 
Dioskorides,  der  Frauenarzt  Soranos  waren  Griechen.  In  latei- 
nischer Sprache  ist  nur  ein  einziges  medizinisches  Buch  von  Bedeutung 
verfasst,  und  dieses  rührt  nicht  von  einem  Arzt  her,  sondern  von 
einem  Laien,  dem  hochgebildeten  A.  Cornelius  Celsus. 

Die  Römer  bekundeten  vorzugsweise  für  die  Chirurgie  und  die 
Heilmittellehre  Interesse.  Fortschritte  waren  daher  nur  auf  diesen 
Gebieten  möglich.  Die  chirurgische  Operationskunst  feierte  grosse 
Triumphe  und  der  Arzneischatz  erfuhr  wesentliche  Bereicherungen. 
Die  litterarische  Thätigkeit  ihrer  Aerzte  befasste  sich  hauptsächlich 
mit  der  Anfertigung  von  Auszügen  aus  den  umfangreichen  Werken, 
von  Rezeptsammlungen  und  für  das  praktische  Bedürfnis  berechneten 
Kompendien. 

Diesen  Charakter  zeigen  auch  die  Produkte  der  spätlateinischen 
Periode;  der  Rückschritt,  welcher  sich  hierin  deutlich  offenbart,  bildete 
nur  die  notwendige  Konsequenz  des  Verfalls,  dem  die  gesamte  Kultur 
am  Ausgang  des  Altertums  unaufhaltsam  zustrebte. 


Das  medizinische  Können  der  Naturvölker. 


Von 

Max  Bartels  (Berlin). 


Es  ist  eine  in  der  menschlichen  Natur  fest  wurzelnde  Eigentüm- 
lichkeit,  in  körperlichen  Leiden  bei  den  Mitmenschen  Trost  und  Linde- 
rung zu  suchen,  oder  dem  Leidenden,  so  gut  oder  so  schlecht  als 
man  es  vermag,  mit  helfenden  Ratschlägen  zur  Seite  zu  stehen.  Tritt 
danach  die  erhoifte  Besserung  ein,  so  wird  bei  ähnlichen  Krankheits- 
symptomen das  gleiche  Mittel  in  Anwendung  gezogen,  und  hiermit  ist 
dann  der  erste  Stein  für  eine  empirische  Heilkunde  gelegt.  So  ist  die 
Ausübung  ärztlicher  Hilfe  wahrscheinlich  so  alt,  wie  die  Menschheit 
selbst;  und  wenn  wir  von  einer  Geschichte  der  Heilkunde  sprechen 
wollen,  so  haben  wir  ihre  allerersten  Anfänge  in  der  Kindheit  des 
Menschengeschlechtes  zu  suchen.  Aus  diesen  Perioden  giebt  es  natür- 
lich keine  geschriebenen  Dokumente,  jedoch  reden  manche  Knochen- 
verletzungen, wie  sie  sich  an  den  Resten  vorgeschichtlicher  Menschen 
fanden,  für  den  aufmerksamen  Beobachter  eine  sehr  beredte  Sprache. 
Ausser  diesen  Funden  der  Vorzeit,  wie  sie  gelegentliche  Ausgrabungen 
liefern,  giebt  es  aber  auch  noch  einige  andere  Hilfsmittel,  um  sich 
ein  Bild  der  embryonalen  Anfänge  der  Heilkunde  entwickeln  zu  können. 
Wie  auf  anderen  Gebieten  der  Kulturgeschichte,  ist  es  auch  hier  das 
Studium  dessen,  was  die  Naturvölker  thun,  das  uns  das  rechte  Ver- 
ständnis giebt.  Denn  heute  ist  es  eine  bekannte  Thatsache,  dass  das 
Thun  und  Treiben  dieser  letzteren  auf  allen  Gebieten  des  menschlichen 
Handelns  eine  überraschende  Uebereinstimmung  zeigt  mit  demjenigen, 
was  die  Völker  der  Urzeit  thaten.  Und  so  unterliegt  es  keinem 
Zweifel,  dass  sie  auch  in  ihrem  medizinischen  Denken  die  betreifenden 
Analogien  bieten.  In  einer  Reihe  von  Fällen  ist  man  im  stände,  dieses 
auch  mit  Sicherheit  nachzuweisen. 

Aber  auch  noch  einen  anderen  Faktor  dürfen  wir  nicht  unter- 
schätzen, wenn  wir  uns  vorstellen  wollen,  wie  in  der  schriftlosen  Ur- 
zeit sich  das  medizinische  Können  verhielt;  das  ist  das  heilkünstlerische 
Gebahren,  wie  wir  es  in  den  niederen  und  in  den  geistig  armen 
Schichten  der  heutigen  Kulturvölker  finden,  namentlich  bei  der  Land- 
bevölkerung.   Dieses  hat  soviel  Uebereinstimmendes   mit   dem   medi- 


Das  medizinische  Können  der  Naturvölker.  11 

zinischen  Denken  und  Handeln  der  unzivilisierten  Völker,  dass  wir 
sicherlich  wohl  nicht  fehlgehen,  wenn  wir  viele  von  diesen  Massnahmen 
auch  schon  in  dem  grauen  Altertum  suchen. 

Auch  für  diese  Anschauung  liegen  bestimmte  Beweise  vor  in  den 
Aufzeichnungen  der  antiken  Schriftsteller.  Wir  vermögen  aus  den- 
selben zu  ersehen,  dass  manche  Heilmethoden,  wie  das  heutige  niedere 
Volk  sie  übt  und  wie  wir  sie  bei  den  Naturvölkern  wiederfinden,  auch 
im  Altertum  ganz  gebräuchlich  waren.  Es  sei  hier  an  die  Be- 
schwörungen, die  Amulette  und  die  Votivgaben  erinnert,  durch  die 
man  der  Krankheit  Herr  zu  werden  suchte. 

Diese  Erörterungen  werden  genügen,  um  darzuthun,  dass  in  einem 
Werke,  das  die  (jeschichte  der  Medizin  behandeln  soll,  auch  der 
Medizin  der  Naturvölker  ein  berechtigter  Platz  gebührt. 

Es  muss  hier  aber  noch  an  einen  beachtenswerten  Umstand  er- 
innert werden:  Wir  dürfen  nicht  ohne  weiteres  alles,  was  wir  in  der 
Medizin  der  Naturvölker  oder  in  der  Volksmedizin  antreffen,  als  ein 
wahrhaftes  Spiegelbild  dessen  betrachten,  was  in  der  Urzeit  der  Medizin 
vorgenommen  wurde.  In  der  Volksmedizin  findet  sich  mancherlei,  was 
sich  bei  genauerer  Betrachtung  als  ein  Ueberrest  alter  Magistralmedizin 
erkennen  lässt.  Solche  aus  der  gelehrten  Heilkunde  früherer  Jahr- 
hunderte dem  Volke  in  Fleisch  und  Blut  übergegangenen  Massnahmen 
dürfen  wir  natürlicherweise  nicht  berücksichtigen  wollen.  Anderer- 
seits giebt  es  unter  den  heutigen  Naturvölkern  einige,  welche  in  längst 
vergangener  Zeit  eine  hohe  Kultur  besassen,  die  aber  allmählich  immer 
mehr  in  rohe  Verhältnisse  herabgesunken  sind.  Von  ihrem  früheren 
Können  jedoch,  namentlich  auf  medizinischem  Gebiete,  haben  sie  einiges 
hinübergerettet,  das  ihr  kultureller  Verfall  nicht  zu  vernichten  ver- 
mochte. Auch  diese  Ueberlebsel  aus  besseren  Zeiten  wird  man  bei 
genauerem  Zusehen  ohne  Schwierigkeit  auszuschalten  vermögen,  und 
so  wird  man  das  wahrhaft  Ursprüngliche  von  dem  künstlich  Auf- 
gepfropften trennen  können. 

Bei  den  Naturvölkern  ist  fast  noch  mehr  als  in  der  wissenschaft- 
lichen Medizin  die  Frage  nach  der  Aetiologie  der  Krankheit  von 
hervorragender  Bedeutung.  Denn  je  nach  der  Auffassung,  was  die 
Krankheit  sei,  richtet  sich  auch  das  therapeutische  Handeln.  Ist 
die  Krankheit  ein  Dämon,  der  in  den  Menschen  fährt,  so  muss  man 
ihn  durch  Beschwörungen  vertreiben  oder  durch  Versprechungen 
herausschmeicheln,  oder  endlich  durch  geschickte  Ueberlistung  her- 
auslocken. Hat  der  Dämon  Teile  des  Menschen  entwendet,  die  Seele 
(z.  B.  Celebes,  Loangoküste,  Hervey- Inseln  u.  s.  w.),  den  Schatten 
(z.  B.  in  Nias),  das  Nierenfett  (z.  B.  bei  den  Australnegern  Victorias), 
so  muss  man  ihm  dieselben  wieder  abjagen  und  sie  in  den  Kranken 
zurückbefördern.  Hat  ein  böser  Mensch  durch  unheilvolle  Zauberei 
die  Krankheit  herbeigerufen,  so  kommt  es  darauf  an,  durch  einen 
kräftigen  Gegenzauber  dieselbe  wiederum  unwirksam  zu  machen, 
oder  sie  auf  ihren  unheilvollen  Urheber  zu  übertragen.  Hat  die  Be- 
zauberung darin  bestanden,  dass  die  Krankheit  in  Form  einer  fremden 
Substanz,  als  Tier,  als  Stein,  als  Knochen,  als  Holzstück,  als  Stroh- 
halm, in  den  Körper  der  Patienten  geschleudert  wurde,  so  muss  der 
Medizinmann  den  Fremdkörper  entfernen,  was  meistens  durch  kräftiges 
Aussaugen  geschieht.  Wird  die  Krankheit  aufgefasst  als  eine  Strafe, 
die  die  Gottheit  sandte,  oder  als  eine  Prüfung,  welche  letztere  über 
den  Menschen  zu  verhängen  beschloss,  dann  vermag  natürlicherweise 


12  Max  Bartels. 

nur  strenge  Busse  und  Opfer  und  Gebet  sie  dem  Erkrankten  ab- 
zunehmen. 

Doch  wir  finden  bei  den  Naturvölkern  auch  bisweilen  schon  die 
Ansicht  vertreten,  dass  bestimmte  Erkrankungen  der  Vererbung  (Lepra), 
dem  Genüsse  gewisser  Pflanzen  (Abortus),  oder  elementaren  Einflüssen, 
z.  B.  dem  Winde,  ihren  Ursprung  verdanken.  Dass  auch  die  Ver- 
wundungen und  Verletzungen,  wo  man  die  Ursache  und  Wirkung  vor 
Augen  hat,  keinen  übernatürlichen  Ursachen  zugeschrieben  werden, 
das  ist  wohl  leicht  zu  begreifen.  Und  es  mag  hier  gleich  hervor- 
gehoben werden,  dass  in  diesen  letzteren  Fällen  auch  das  therapeutische 
Handeln  meist  ein  zielbewusstes  und  nicht  selten  ein  überraschend 
zweckmässiges  ist. 

Um  mit  der  Gottheit  direkt  zu  verkehren  oder  gar  Dämonen  zu 
bekämpfen,  dazu  gehören  besonders  starke  Geister,  die  in  ihrer  In- 
telligenz höher  stellen  als  ilire  Stammesgenossen,  Nicht  selten  dulden 
sie  keinen  zweiten  neben  sich;  bei  anderen  Völkern  aber  treten  sie 
gemeinsam  zu  mehreren  auf  und  dann  haben  wir  bereits  das  Bild  des 
Ordinarius  mit  seinen  Assistenten  vor  uns,  denen  sich  bisweilen  auch 
noch  der  Consiliarius  hinzugesellt.  Da  nun  aber  der  Verkehr  mit  der 
Geisterwelt  sich  nicht  ausschliesslich  auf  medizinische  Dinge  richtet, 
so  flnden  sich  in  vielen  Fällen  die  Funktionen  des  Medizinmannes  mit 
derjenigen  des  Priesters  vereinigt,  und  durch  allerlei  äusseren  Putz 
oder  durch  grauenhafte  Vermummung,  sowie  durch  ein  strenges  Cere- 
moniell  versuchen  sie  es  mit  grossem  Erfolg,  das  profane  Volk  von 
sich  fern  zu  halten.  So  bilden  sie  einen  höchst  einflussreichen  Stand, 
in  welchen  einzutreten  oft  eine  lange  und  harte  Novizenzeit  erfordert. 

Der  Novize  muss  bei  einigen  Völkern  eine  ganze  Reihe  von  Jahren 
warten,  bis  er  in  den  nächst  höheren  Grad  einrücken  darf,  und  solcher 
Grade  hat  er  mehrere  zu  durchlaufen,  bevor  er  die  höchste  Stelle  er- 
reicht. Letzteres  gelingt  aber  überhaupt  nur  ganz  vereinzelten  und 
hervorragenden  Naturen,  deren  Macht  und  Einfluss  dann  aber  auch 
sehr  bedeutend  ist.  Bei  einigen  Volksstämmen  finden  sich  Einrich- 
tungen, die  an  ein  ärztliches  Examen  erinnern,  so  bei  den  nordameri- 
kanischen Indianern,  bei  den  Xosakaffern  u.  s.  w. 

Ihr  Ansehen  dem  Volke  gegenüber  wissen  die  Medizinmänner  sich 
durch  allerlei  Kunstgrifi'e  zu  erhalten:  sie  essen  anderes,  als  ihre 
Stammesgenossen,  ihre  Mahlzeiten  werden  zu  anderer  Zeit  gehalten, 
ihre  Kleidung  ist  eine  ungewöhnliche,  sie  tragen  ein  absonderliches 
Benehmen  zur  Schau,  sie  prahlen  geschickt  mit  ihren  Erfolgen,  stossen 
gegen  ihre  Gegner  schwere  Drohungen  aus,  und  suchen  ihre  Lands- 
leute in  Furcht  zu  erhalten.  Die  Honorare,  welche  ihnen  zu  zahlen 
sind,  erreichen  manchmal  eine  beträchtliche  Höhe.  So  wurde  einem 
Arzt  der  Navoj6-In dianer  in  Arizona  für  eine  Behandlung  ein  sehr 
grosses  Geschenk  an  Pferden  und  reichliche  Nahrung  für  die  Dauer 
der  Kur  für  sich  und  seine  Gehilfen  dargeboten. 

Aber  der  Beruf  der  Medizinmänner  ist  nicht  ohne  Gefahr,  da  man 
sie  bei  manchen  Völkern  für  den  Tod  des  Patienten  verantwortlich 
macht.  Sie  sind  dann  selber  dem  Tode  verfallen,  wenn  es  ihnen  nicht 
glücklich  gelingt,  die  Hinterbliebenen  davon  zu  überzeugen,  dass  nicht 
sie,  sondern  ein  böswilliger  Medizinmann  eines  feindlichen  Stammes 
den  letalen  Ausgang  verursacht  habe. 

In  der  Behandlungsweise  der  Medizinmänner  spielen  vorbereitendes 
Fasten,  Reinigungsbäder  und  Räucherungen,  sowie  Gebete  eine  hervor- 


Das  medizinische  Können  der  Naturvölker.  13 

ragreude  EoUe,  für  die  Ausführung  ilirer  Kuren  bedienen  sie  sich  viel- 
fach der  Bauchrednerkunst,  die  der  staunenden  Menge  vortäuscht,  wie 
der  Medizinmann  durch  die  Lüfte  fliegt  (Australneger),  oder  wie  er 
mit  Dämonen  und  Geistern  lange  Unterredungen  führt  (Indianer).  Auf 
diesem  Gebiete  verstehen  sie  bisweilen  ganz  Hervorragendes  zu  leisten, 
das  selbst  Europäer  in  Erstaunen  setzt.  Auch  die  Hypnose  und  die 
Suggestion  ziehen  sie  vielfach  in  Anwendung,  aber  diese  wird  nicht 
überall  in  gleicher  Weise  ausgeführt.  Manche  Medizinmänner  führen 
sich  selbst  durch  eintönigen  Gesang,  betäubendes  Rasseln  und  gleich- 
förmige Bewegungen  in  einen  hypnotischen  Zustand  über,  z.  B.  die 
Schamanen  der  sibirischen  Völker,  andere  hjT)notisieren  einen  Gehilfen, 
der  ihnen  als  ihr  Medium  dient,  und  der  dann  mit  der  Geisterwelt 
verkehrt  und  die  notwendigen  Massnahmen  verkündet.  Das  ist  nament- 
lich bei  verschiedenen  Stämmen  Cochinchinas  und  auf  der  Insel  Buru 
im  Osten  des  malayischen  Archipeles  Gebrauch.  Aber  vielfach  sehen 
wir  auch,  dass  der  Medizinmann  den  Patienten  selber  in  einen  hypno- 
tischen Schlaf  versetzt,  aus  dem  er  dann  geheilt  zu  erwachen  pflegt. 
Ueberhaupt  können  wir  nur  staunen,  wenn  wir  aus  glaubwürdigen 
Berichten  erfahren,  was  bei  den  Naturvölkern  die  Einbildung  thut, 
sowohl  im  guten,  als  im  schlechten  Sinne.  Die  eindringliche  Ver- 
sicherung des  Heilkünstlers,  dass  die  Krankheit  gehoben  sei,  ist  iu 
vielen  Fällen  genügend,  den  Patienten  von  seinen  Leiden  zu  befreien. 
Andererseits  reicht  aber  auch  die  blosse  Drohung  eines  erzürnten 
Medizinmannes  hin,  dass  der  Bedrohte  innerhalb  einer  kuraen  Anzahl 
von  AVochen  sterben  würde,  um  bei  einem  ganz  gesunden  Menschen 
einen  CoUapsus  hervorzurufen  und  eine  tiefgreifende  Melancholie,  welche 
innerhalb  der  gestellten  Frist  den  Unglücklichen  wirklich  zum  Tode  führt. 

Um  hier  in  die  Einzelheiten  einzugehen,  die  sehr  viel  Interessantes 
bieten,  ist  der  mir  zu  Gebote  stehende  Raum  zu  beschränkt.  Ich  habe 
diese  Dinge  ausführlich  erörtert  in  einem  Werke  über  die  Medizin 
der  Natur  Völker, M  wo  der  Leser  die  genaueren  Belege  findet. 

Das  Tragen  von  Talismanen  und  Amuletten,  um  sich  vor  Krank- 
heiten zu  schützen,  oder  um  letztere  zu  vertreiben,  ist,  wie  oben  be- 
reits angedeutet  wurde,  auch  bei  vielen  Naturvölkern  bekannt,  und 
auch  bei  ihnen  geniessen  bestimmte  Priesterärzte  und  gewisse  Heilig- 
tümer in  der  Herstellung  dieser  wirksamen  Dinge  eines  gi-össeren 
Rufes,  als  andere  dieser  Art. 

Die  Anwendung  von  Beschwörungsformeln  ist  eine  weit  verbreitete, 
und  es  bieten  sich  auch  in  dieser  Beziehung  mancherlei  Analogien 
mit  dem  Gebahren  der  „klugen  Frauen"  unserer  Landbevölkerung 
dar.  Wie  von  den  letzteren,  werden  auch  von  den  Medizinmännern 
vielfach  die  Zauberformeln  murmelnd  hergesagt  oder  in  eintöniger 
Weise  gesungen;  vielfach  findet  sich  in  ihnen  eine  altertümliche 
Sprache  verwendet,  die  das  gemeine  Volk  nicht  versteht,  und  oft  auch 
der  Beschwörer  ebenfalls  nicht.  Auch  was  den  Inhalt  anbetrifft,  so 
finden  ^^^r  viel  Uebereinstimmendes;  denn  die  Formeln  enthalten  ge- 
wöhnlich demütige  oder  schmeichelnde  Bitten,  Vorstellungen,  Befehle 
oder  Verfluchungen.-) 

')  Max  Bartels,  Die  Medizin  der  Naturvölker.  Ethnologische  Beiträge  zur  Ur- 
geschichte der  Medizin.  Älit  175  Originalholzschuitten  im  Text.  Leipzig,  Th.  Griebens 
Verlag  (L.  Fernau)  1893. 

■)Max  Bartels,  Ueber  Krankheitsbeschwörungen.  Zeitschrift  des  Vereins 
für  Volkskunde.    Jahrgang  V.    S.  1—40.    Berlin  1895. 


14  Max  Bartels. 

Diese  Erörterungen  mögen  in  dem  Leser  wohl  die  Empfindung- 
hervorrufen,  als  ob  das  medizinische  Handeln  und  Können  der  Natur- 
völker eigentlich  ein  recht  primitives  und  unzureichendes  wäre,  welchem 
jegliche  Grundlage  richtiger  Beobachtung  oder  durchdachten  und 
zweckmässigen  Eingreifens  fehlt.  Aber  ganz  wie  in  der  Volksmedizin, 
so  treffen  wir  ebenfalls  auch  bei  den  Naturvölkern  allerlei  zweckent- 
sprechende Massnahmen  an,  wie  sie  die  gelehrte  Medizin  in  ähnlicher 
Weise  zu  benutzen  pflegt.  Allerdings  liegen  sie  nicht  in  allen  Fällen 
klar  zu  Tage,  sondern  allerlei  phantastisches  Beiwerk  hat  sie  der- 
massen  überwuchert,  dass  man  sie  nur  mit  einiger  Mühe  aus  diesem 
Wüste  herausschälen  kann.  Für  die  Volksmedizin  hat  dies  Lieber^) 
in  sehr  glücklicher  Weise  gethan. 

In  der  Medizin  der  Naturvölker  müssen  wir  noch  einige  Heil- 
faktoren  etwas  eingehender  betrachten.  In  erster  Linie  sei  der  Massage 
gedacht,  welche  eine  über  den  ganzen  Erdball  verbreitete  Ausdehnung 
besitzt.  Unter  den  verschiedensten  Namen  und  von  den  verschiedensten 
Völkern  haben  die  Eeisenden  sie  rühmend  erwähnt  und  nicht  selten 
haben  sie  eindringlich  ihre  Nachahmung  empfohlen.  Ihre  Ausführung 
ist  nicht  immer  die  gleiche,  aber,  wo  man  sie  auch  angetroffen  hat, 
immer  musste  man  die  staunenswerte  Geschicklichkeit  der  Masseure 
oder  der  Masseusen  besonders  bewundern.  Bald  ist  es  nur  ein  ganz 
leises  Berühren,  bald  ein  Streichen,  Drücken  und  Kneten,  bald  ein 
Stossen  mit  den  Fäusten  oder  mit  den  Knien,  oder  selbst  ein  Treten 
mit  den  Füssen,  oder  ein  Peitschen  mit  Euten  oder  Nesseln ;  meistens 
aber  hat  es  den  erwünschten  Erfolg.  Um  ein  Beispiel  der  Ge- 
schicklichkeit der  Masseusen  zu  geben,  möchte  ich  erwähnen,  dass 
in  Cochinchina  dieselben  durch  vorsichtiges  Treten  des  Leibes  die 
zögernde  Nachgeburt  zu  entfernen  verstehen,^)  und  dass  ihre  Kolleginnen 
in  Java  eine  künstliche  Eückwärtsknickung  der  Gebärmutter  hervor- 
rufen können,  um  Befruchtungen  zu  verhüten,  und  dass  sie  diesen 
Schaden  wieder  gut  zu  machen  verstehen,  wenn  eine  Schwangerschaft 
erwünscht  sein  sollte.*) 

Auch  die  Anwendung  von  Wasserkuren  findet  sich  häufig,  und 
ganz  wie  in  der  Volksmedizin,  wo  die  Leitung  solcher  Kuren  in  den 
Händen  von  Laien  liegt,  sehen  wir  auch  hier  neben  einer  ganzen 
Anzahl  guter  Erfolge  eine  gar  nicht  zu  unterschätzende  Quote  von 
erheblichen  Verschlimmerungen,  und  es  liegen  sogar  eine  ganze  Menge 
von  Beobachtungen  vor,  in  welchen  derartige  Kuren  zum  Tode  führten. 

Die  Ausführung  der  Wasserkuren  ist  bei  den  einzelnen  Völkern 
sehr  verschieden  und  sie  hängt  in  nicht  unerheblichem  Grade  von  den 
geographischen  Verhältnissen  ihres  Landes  ab.  Wo  Seen,  Flüsse  und 
Bäche  zur  Verfügung  stehen,  werden  diese  natürlich  zum  Baden  be- 
nutzt, und  wie  sich  durch  solche  Gebräuche  bisweilen  verderben- 
bringende Epidemien  verbreiten,  das  hat  überzeugend  Eobert  Koch 
von  den  Tangs  in  Indien  gelegentlich  seiner  Choleraforschungen  be- 
wiesen. Die  Strandbewohner  baden  meist  im  Meere  und  zwar  oft  bei 
erschrecklich  niedrigen  Temperaturen,  wie  wir  von  den  Koljuschen  in 
Nordwestamerika  und  von  einer  Wöchnerin  in  Feuerland  wissen.  Wo 
die  Natur  Thermalbäder   bietet,   oder  Mineralwässer  irgend   welcher 

")  A  u  g  u  s  t  L  i  e  b  e  r ,  Die  Volksmedizin  in  Deutsch tirol.  Zeitschrift  des  Deutschen 
und  Oesterreichischen  Alpenvereins.    Band  XVII.    S.  222 — 241.    Jahrgang  1886. 

*)  C.  H.  Stratz,  Die  Frauen  auf  Java.  Eine  gynäkologische  Studie.  Stuttgart 
1897.    S.  25,  43—48. 


Das  medizinische  Können  der  Naturvölker.  15 

Art,  haben  die  Naturvölker  Kenntnis  davon  und  sie  verstehen  es,  sich 
dieselben  für  therapeutische  Zwecke  dienstbar  zu  machen.  Oft  unter- 
nehmen sie  weite  Reisen,  um  zu  diesen  Kurmitteln  zu  gelangen. 

Kalte  und  warme  Uebergiessungen  finden  vielfach  ihre  Anwendung; 
auch  werden  bisweilen  Berieselungen  und  Besprühungen  vorgenommen, 
letztere  meist  aus  dem  Munde  des  Medizinmannes,  und  man  vermag 
sich  wohl  vorzustellen,  wie  in  einem  tropischen  Klima  letztere  durch  ihre 
schnelle  Verdunstung  eine  Abkühlung  der  Oberhaut  herbeiführen  können. 

Dampfbäder  treffen  wir  auch  häufiger.  Meist  werden  dieselben 
so  hergestellt,  dass  man  in  einem  engen,  geschlossenen  Raum  glühend 
gemachte  Steine  mit  Wasser  übergiesst.  Uebrigens  ist  bei  den  Weiss- 
russen im  Gouvernement  Smolensk  noch  heute  ein  ganz  ähnliches 
Verfahren  gebräuchlich.  Um  Schwitzkuren  einzuleiten,  lagert  man  die 
Kranken  auch  oft  dicht  an  einem  Feuer  und  lässt  sie  grosse  Mengen 
Flüssigkeit  trinken,  was  dann  die  erwünschte  Wirkung  hat. 

Auf  einem  anderen  Gebiete  sind  die  Leistungen  der  Naturvölker 
auch  keineswegs  zu  unterschätzen.  Sie  haben  von  der  sie  umgebenden 
Natur  meistens  eine  sehr  vollkommene  Kenntnis;  sie  unterscheiden 
mit  grosser  Sicherheit  giftige  und  nützliche  Gewächse;  sie  finden 
bei  beiden  die  Heilwirkungen  heraus  und  verstehen  es,  sie  zweck- 
mässig zu  verwenden.  Wir  dürfen  nicht  vergessen,  dass  ^Wr  manche 
wichtigen  Schätze  unserer  Pharmakopoe  den  Medizinmännern  der 
Naturvölker  zu  verdanken  haben.  Es  sei  hier  nur  an  die  Chinarinde, 
die  Cocablätter,  an  Strychnin  und  Curare,  an  die  Carica  papaya,  aber 
auch  an  die  Ipecacuhana  und  die  Senega  erinnert,  und  mit  grosser 
Leichtigkeit  Hesse  sich  diese  Liste  noch  erheblich  vermehren.  Auch 
die  Produkte  des  Mineralreichs,  Salz,  Salpeter,  Thonerde  u.  s.  w. 
finden  in  der  Therapie  der  Naturvölker  ihre  Verwendung,  und  auch 
das  Tierreich  machen  sie  sich  dienstbar.  In  dieser  letzteren  Beziehung 
möchte  ich  den  Thran,  das  Fett,  die  Konkremente  aus  dem  Tierkörper, 
die  Bärengalle  u.  s.  w.  erwähnen. 

Die  Anwendung  ihrer  Arzneistoflfe  wird  in  sehr  verschiedener 
Form  geübt;  sie  finden  als  Aufgüsse  und  Decocte,  als  frische  Säfte, 
Umschläge,  Salben  und  Pulver  und  sogar  als  Pillen  ihre  Verwertung. 
Laxantia,  Emetica,  Styptica,  Narcotica,  Aromatica.  Rubefacientia,  Vesi- 
cantia,  Vermifuga,  Emollientia  u.  s.  w.  sind  ihnen  wohlbekannt.  Einen 
ausgedehnten,  praktischen  Gebrauch  machen  sie  von  diätetischen  Vor- 
schriften. Fasten  und  Speiseverbote,  Aenderungen  der  Ernährung 
werden  von  ihnen  nicht  immer  nur  aus  religiösen  Rücksichten  vor- 
geschrieben, sondern  häufig  bilden  sie  einen  zielbewussten  Teil  ihres 
therapeutischen  Handelns. 

Prophylaktische  Massnahmen,  um  sich  vor  Epidemien  zu  schützen, 
werden  auch  von  vielen  Naturvölkern  geübt,  und  je  nach  der  Roheit 
ihrer  Sitten  tritt  dabei  manche  Grausamkeit  auf.  Einige  ihrer  als 
besondere  Härte  kritisierter  Massnahmen  aber  haben  in  allerjüngster 
Zeit  auch  hochentwickelte  Kulturvölker  angenommen.  Ich  erinnere 
hier  nur  an  die  völlige  Absperrung  der  Wohnsitze  gegen  verdächtige 
Fremde,  wie  wir  sie  in  der  letzten  Choleraepidemie  in  Hamburg  erlebt 
haben,  und  an  die  Verbannung  der  Leprösen  aus  ihren  Dörfern  und 
ihre  Unterbringung  in  abgesonderten  und  streng  überwachten  Orten. 
Auch  einige  andere  eingehaltene  Regeln  einer  prophylaktischen  Hy- 
gieine  verdienen  unsere  volle  Beachtung,  so  die  Absonderung  der  Men- 
struierenden von  den  mit  ihnen  eng  zusammenwohnenden  Familienmit- 


16  Max  Bartels. 

gliedern  und  die  Errichtung  besonderer  Gebärliütten,  die  bei  manchen 
Stämmen  nach  beendetem  Wochenbett  mit  allen  Gebrauchsgegenständen 
der  Wöchnerin  durch  Niederbrennen  unschädlich  gemacht  werden. 
Alle  diese  Verhältnisse  habe  ich  in  meinen  sechs  Bearbeitungen  des 
Werkes  von  H.  Ploss,  das  Weib  in  der  Natur-  und  Völker- 
kunde ausführlicher  erörtert. 

Da  wir  von  der  öffentlichen  Gesundheitspflege  sprechen,  so  möge 
hier  gleich  angeknüpft  werden,  was  die  Naturvölker  für  ihre  Kranken 
und  Siechen  thun.  Man  hört  sehr  oft  die  Behauptung  aufstellen,  dass 
es  erst  dem  Christentume  vorbehalten  war,  eine  Fürsorge  für  die 
Kranken  zu  treffen.  Das  widerspricht  den  positiven  Thatsachen  und 
bereits  im  klassischen  Altertum  hat  man  das  Institut  der  Kranken- 
häuser gekannt.  Auch  bei  den  Naturvölkern  kennen  wir  Beispiele, 
dass  sie  eine  Art  von  Krankenhäusern  errichtet  haben.  Solcher  Bei- 
spiele lassen  sich  von  der  Insel  Nias  und  von  Neu-Guinea  beibringen. 

Allerdings  lässt  es  sich  nicht  leugnen,  dass  manche  Völkerschaften 
mit  ihren  Schwerkranken  sehr  grausam  verfahren,  dass  sie  sie  ver- 
lassen, oder  sie  töten.  Aber  das  letztere  ist  nicht  immer  ganz  eine 
solche  Grausamkeit,  wie  es  den  Anschein  hat,  namentlich  wenn  es  sich 
um  Völker  handelt,  die  keine  festen  Wohnsitze  haben.  Wenn  der 
Lagerplatz  gewechselt  werden  muss,  dann  bringt  nicht  selten  alles, 
was  den  Marsch  verzögert,  ernstliche  Gefahr  für  die  ganze  Horde,  und 
so  bleibt  ihnen  dann  nichts  anderes  übrig,  als  ihre  Kranken  zurück- 
zulassen. Da  ein  solches  Zurückgelassenwerden  für  die  Unglücklichen 
einen  gewissen,  aber  langsamen  und  qualvollen  Tod  bedeutet,  so  er- 
scheint es  nicht  mehr  als  eine  solche  Härte,  wenn  die  Freunde  ihnen 
die.  Leiden  verkürzen  und  sie  schnell  und  schmerzlos  töten. 

Eine  Kategorie  von  unheilbaren  Kranken,  denen  bei  den  euro- 
päischen Völkern  noch  vor  kurzem  vielerlei  Unbill  zugefügt  wurde, 
hat  es  bei  einer  grossen  Zahl  von  Naturvölkern  um  vieles  besser,  als 
in  den  Pflanzstätten  der  Kultur.  Dieses  sind  die  Geisteskranken, 
welche  meist  gut  verpflegt  und  versorgt  und  oft  sogar  heilig  gehalten 
werden,  und  denen  man  alles  zu  Willen  thut.  Allerdings  werden  sie 
bei  anderen  Volksstämmen,  namentlich  wenn  sie  tobsüchtig  werden, 
gefesselt  und  angekettet,  ganz  so,  wie  es  noch  vor  fünfzig  Jahren  in 
den  europäischen  Narrentürmen  geschah. 

Es  ist  in  den  bisherigen  Erörterungen  immer  nur  von  Medizin- 
männern  die  Rede  gewesen,  aber  die  Heilkunst  ist  bei  den  Natur- 
völkern durchaus  nicht  ausschliesslich  ein  Mäunergeschäft,  wir  finden 
bisweilen  auch  angegeben,  dass  Weiber  den  ärztlichen  Beruf  ausüben. 
Immerhin  sind  das  aber  nur  Ausnahmefälle,  nur  bei  der  Ausübung  der 
Massage  und  in  der  Eigenschaft  als  hypnotische  Medien  treffen  wir 
Weiber  häufiger  an.  Ein  Gebiet  der  Heilkunde  nun  ist  aber  fast 
ausschliesslich  ihre  Domäne,  das  ist  die  Geburtshilfe.  Hier  gehört  es 
zu  den  grössten  Ausnahmefällen,  dass  auch  Männer  thätig  eingreifen 
dürfen,  und  selbst  ziemlich  schwierige  Massnahmen  werden  nicht  selten 
von  den  Weibern  ausgeführt.  Das  geburtshilfliche  Können  der  Natur- 
völker lässt  sich  nicht  in  kurzen  Worten  besprechen;  es  ist  bei  den 
verschiedenen  Stämmen  der  Erde  ein  ganz  ausserordentlich  wechselndes. 
Während  bei  einigen  von  einer  Geburtshilfe,  auch  selbst  in  der  be- 
scheidensten Auffassung,  keine  Rede  sein  kann,  da  die  Weiber  ganz 
allein,  abgesondert  in  der  Einsamkeit,  ohne  jede  Unterstützung  nieder- 
kommen, findet  sich  bei  anderen  Völkern  schon  eine  recht  erhebliche 


Das  medezinische  Können  der  Naturvölker.  17 

Kenntnis  und  bisweilen  sogar  eine  erstaunliche  Gewandtheit,  sich  in 
schwierigen  Lagen  zurechtzufinden.  Diese  Verhältnisse  sind  so  kom- 
pliziert, dass  sie  in  meinem  schon  erwähnten  Werke  ^)  eine  grössere 
Zahl  von  Kapiteln  füllen. 

Eine  Art  der  medizinischen  Behandlung,  welche  bei  den  Natur- 
völkern sehr  verbreitet  ist  und  nicht  selten  von  dem  Patienten  selber 
mit  Umgehung  des  Medizinmannes  ausgeführt  wird,  ist  die  Blutent- 
ziehung. Die  Methoden  der  Blutentziehung  sind  sehr  verschieden- 
artige, sie  lassen  sich  aber  im  wesentlichen  auf  Scarifizieren,  Schröpfen 
und  Aderlassen  zurückführen.  Die  Scarifikationen  werden,  je  nach 
dem  Bildungsgrade  des  Volksstammes,  mit  Dornen,  Fischzähnen,  Stein- 
splittern, Knochenstückchen  oder  Messern  vorgenommen.  Auch  Tätto- 
wierungen  werden  bisweilen  aus  medizinischen  Gründen  ausgeführt. 
Wie  für  die  Scarifikationen,  so  haben  die  Naturvölker  auch  für  das 
Schröpfen  sehr  verschiedene  Methoden,  die  oft  noch  mit  den  ersteren 
verbunden  werden.  Sehr  häufig  wird  das  Schröpfen  nur  mit  dem 
Munde  ausgeführt  durch  kräftiges  Saugen,  vielfach  aber  verwendet 
man  hohle  Tierhörner  (meist  von  Kinderarten);  auch  an  diesen  muss 
dann  gewöhnlich  noch  gesogen  -werden,  wenn  sie  die  erwünschte 
Wirkung  haben  sollen.  Es  kommen  aber  auch,  allerdings  nur  in 
seltenen  Fällen,  wirkliche  Schröpfköpfe  zur  Anwendung. 

Venäsektionen  werden  von  verechiedenen  Naturvölkern  an  ver- 
schiedenen Körperstellen  ganz  lege  artis  ausgeführt  mit  Steinsplittern, 
Glasscherben  oder  Dornen.  Oft  werden  dieselben  soweit  umhüllt,  oder 
in  einem  Handgriff'e  verborgen,  dass  nur  die  Spitze  so  lang  hervorragt, 
als  sie  in  die  Vene  eindringen  soll. 

Sehr  absonderlich  ist  eine  Art  des  Aderlasses,  wie  sie  sich  merk- 
würdigerweise bei  zwei  sehr  weit  von  einander  entfernt  wohnenden 
Volksstämmen  findet,  nämlich  bei  den  Isthmus-Indianern  und  den 
Papuas  in  Neu-Guinea.  Die  Medizinmänner  dieser  Völker  bedienen 
sich  kleiner,  zierlicher  Bögen,  deren  Pfeile  mit  ganz  kurzen  Stein- 
spitzen armiert  sind,  und  diese  schiessen  sie  aus  geringer  Entfernung 
in  die  Vene,  die  sie  eröffnen  wollen. 

AVlr  sind  mit  diesen  Betrachtungen  bereits  in  die  Besprechung 
der  chirurgischen  Eingritfe  eingetreten.  Dass  die  Naturvölker  Stacheln 
und  Dornen  oder  ähnliche  Fremdkörper,  welche  in  die  Haut  einge- 
drungen sind,  mit  Gewandtheit  zu  entfernen  verstehen,  das  wird  uns 
bei  ihrer  Lebensweise  nicht  besonders  verwundern  können.  Kriegerische 
Völker  besitzen  auch  in  der  Extraktion  von  Pfeilspitzen  und  ähnlichem 
eine  anerkennenswerte  Geschicklichkeit. 

Schwieriger  vermögen  sie  sich  schon  mit  der  Behandlung  der 
Knochenbrüche  abzufinden,  wie  manch  bekannt  gewordenes  Präparat 
von  schief  geheilten  Frakturen  beweist.  Einige  Stämme  verstehen  es 
aber  sehr  wohl,  geschickte  Schienenverbände  und  gut  wirkende 
Lagerungsapparate  herzustellen,  und  sogar  bis  zur  Anlegung  von  Ver- 
bänden aus  später  erhärtendem  Thon  haben  sie  sich  emporgeschwungen. 
Letzteres  ist  nun  keineswegs  etwa  bei  einem  relativ  vorgeschrittenen 


*)  Max  Bartels,  Das  Weib  in  der  Natur-  und  Völkerkunde.  Anthropologische 
Studien  von  Dr.  H.  Ploss.  Nach  dem  Tode  des  Verfassers  bearbeitet  und  heraus- 
gegeben von  Max  Bartels.  Secjiste  umgearbeitete  und  stark  vermehrte  Auflage. 
Mit  11  lithographischen  Tafeln  und  539  Abbildungen  im  Text.  Leipzig,  Th.  Griebens 
Verlag  (L.  Femau)  1899.  Band  II.  S.  207.  Die  siebente  Auflage  ist  im  Erscheinen 
begriffen. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.  2 


18  Max  Bartels. 

Volksstamme  der  Fall,  sondern  gerade  bei  einem  solchen,  der  in 
kultureller  Beziehung-  auf  einer  besonders  niederen  Stufe  steht,  näm- 
lich bei  den  Eingeborenen  Australiens, 

Die  Eröffnung-  von  Abscessen,  Wundverbände  aller  Art  mit  g-e- 
pulverten,  breiigen  oder  flüssigen  Substanzen,  die  Anlegung  von  Nähten 
oder  die  feste  Bandagierung,  um  blutig  getrennte  Teile  wieder  zur 
Verwachsung  zu  bringen,  sind  den  Medizinmännern  wohlbekannt. 
Aber  auch  auf  bedeutend  grössere  und  viel  eingreifendere  Operationen 
lassen  sie  sich  bei  manchen  Volksstämmen  ein,  und  auch  hier  sind  es 
überraschenderweise  oft  besonders  tiefstehende  Nationen. 

In  dieser  Beziehung  lassen  sich  gleich  wieder  die  Australneger 
als  Beispiel  anführen.  Einige  ihrer  Stämme  machen  an  der  Mehrzahl 
ihrer  jungen  Leute  eine  mit  dem  Namen  Mika  bezeichnete  Operation. 
Dieselbe  ist  eine  Urethrotomia  externa  und  sie  besteht  darin,  dass  der 
Operateur  die  Harnröhre  von  unten  her  in  der  ganzen  Ausdehnung 
der  Pars  pendula  des  Penis  mit  einem  rohen  Steinmesser  aufschlitzt 
und  später  dafür  Sorge  trägt,  dass  die  getrennten  Teile  sich  nicht 
wieder  vereinigen  können.  Der  ausgesprochene  Zweck  dieses  operativen 
Eingriffes  ist,  einer  Uebervölkerung  vorzubeugen.  Aber  auch  noch  eine 
andere  Operation  verstehen  diese  Leute  auszuführen,  welche  ein  über- 
raschendes Licht  auf  ihre  anatomischen  und  physiologischen  Kennt- 
nisse wirft.  Es  ist  das  eine  Entfernung  der  Eierstöcke,  welche  sie 
von  der  Vagina  aus  vornehmen. 

Aufschabungen  der  Röhrenknochen  bis  zur  Eröffnung  der  Mark- 
höhle führen  die  Eingeborenen  der  Loyalitäts-Inseln  in  der  Südsee 
aus,  um  rheumatische  Affektionen  zu  heilen.  Auch  Trepanationen  des 
Schädels  machen  sie;  aber  diese  letztere  Operation  finden  wir  auch 
bei  anderen  Völkern  des  Erdballs,  bei  den  alten  Einwohnern  der 
Canarischen  Inseln,  bei  den  alten  Peruanern  u.  s.  w.  und  auf  euro- 
päischem Boden  kennen  wir  sie  von  verschiedenen  vorgeschichtlichen 
Stämmen;  hier  reicht  diese  Operation  bis  in  die  jüngere  Steinzeit 
zurück. 

Amputationen,  nicht  nur  einzelner  Phalangen,  sondern  auch  nament- 
lich der  Hände,  treffen  wir  bei  verschiedenen  Völkern,  letzteres  aller- 
dings gewöhnlich  weniger  aus  chirurgischer,  als  aus  kriminaljuridischer 
Indikation.  Immerhin  sehen  wir,  dass  diese  Leute  sich  hier  mit  der 
Blutstillung  abzufinden  wissen  und  es  verstehen,  die  Stümpfe  zu 
heilen.  Eine  besondere  Erwähnung  verdient  es  noch,  dass  wir  bei 
einigen  Naturvölkern  auch  sogar  den  Kaiserschnitt  nachweisen  können, 
der  mit  glücklichem  Erfolge  ausgeführt  wurde.  In  einem  sehr  genau 
beschriebenen  Fall  (in  Uganda  in  östlichen  Central-Afrika)  wurde  eine 
sorgfältige  Bauchnaht  angelegt. 

Bei  diesen  operativen  Eingriffen  dürfen  wir  nicht  vergessen,  dass, 
wie  es  den  Anschein  hat,  der  Schmerz  bei  diesen  Kindern  der  Natur 
keine  so  hervorragende  Rolle  spielt,  als  bei  den  Kulturvölkern;  aber 
wir  begegnen  auch  bisweilen  Massnahmen,  um  denselben  herabzu- 
mindern. Die  Patienten  werden  manchmal  berauscht  oder  sie  be- 
kommen betäubende  Tränke,  oder  endlich  es  wird  auch  hier  wieder  zu 
dem  Mittel  der  Hypnose  gegriffen.  Jedenfalls  beweist  auch  dieses 
wieder,  dass  es  den  Medizinmännern  der  Naturvölker  keineswegs  an 
chirurgischer  Ueberlegung  fehlt. 

Nur  in  grossen,  allgemeinen  Zügen  habe  ich  mich  bemüht,  ein 
Bild  zu  entwerfen  von  dem  medizinischen  Denken  und  Handeln,  wie 


Das  medizinische  Können  der  Naturvölker.  19 

wir  es  bei  den  Naturvölkern  finden.  Auf  die  Angabe  von  Einzelheiten 
rausste  ich  verzichten,  da  sie  zu  vielseitig  und  zahlreich  sind,  um  in 
engem  Räume  sich  vorführen  zu  lassen,  und  ich  muss  diejenigen  Leser, 
welche  eine  genauere  Auskunft  wünschen,  noch  einmal  auf  mein  aus- 
führliches Werk  ^)  verweisen,  in  welchem  sie  auch  eine  nahezu  er- 
schöpfende Aufführung  der  Öriginalquellen  finden. 

Bei  der  Betrachtung  dieser  Verhältnisse  treten  uns  ein  paar 
interessante  Thatsachen  entgegen.  Es  ist  oft  ausserordentlich  über- 
raschend, zu  sehen,  wie  sich  ganz  gleiche  Anschauungen  und  Mass- 
nahmen bei  ganz  verschiedenen  Volksstämmen  finden,  deren  Wohnsitze 
durch  so  ungeheure  Landstrecken  und  durch  so  ungeheure  Meere  von 
einander  gesondert  sind,  dass  der  Gedanke  einer  unmittelbaren  Ueber- 
tragung  dieser  Dinge  von  dem  einen  Volke  auf  das  andere  vollständig 
ausgeschlossen  erscheint.  Aber  wir  werden  von  den  medizinischen 
Fähigkeiten  der  Naturvölker  auch  eine  ganz  andere  und  um  vieles 
günstigere  Vorstellung  gewonnen  haben,  als  wir  sie  uns  vorher  ge- 
bildet hatten.  Denn  trotz  vielem  Wust  und  Aberglauben  und  trotz 
vielem  Phantastischem,  sowie  Ueberflüssigem  und  selbst  Fehlerhaftem 
trefi'en  wir  doch  auch  nicht  gerade  selten  klug  Durchdachtes  und  ge- 
schickt und  mit  grosser  Kühnheit  Ausgeführtes  an.  Ueberraschen 
werden  uns  immer  die  unendlich  häufigen  Analogien  mit  unserer 
eigenen  Volksmedizin  und  mit  der  der  übrigen  Völker  Europas.  Hier 
tritt  sicherlich  manch  Ueberlebsel  zu  Tage  aus  Zeiten,  wo  auch  in 
unserem  Erdteil  die  europäischen  Volksstämme  sich  in  naturgeschicht- 
licher Beziehung  von  den  heutigen  Naturvölkern  kaum  unterschieden. 
Dass  sich  nun  in  dem  Denken  und  Empfinden  der  auf  einer  niederen 
Kultur  stehenden  Völker  sehr  erstaunliche  Uebereinstimmungen  finden, 
das  ist  auch  auf  anderen  Gebieten  menschlicher  Intelligenz  bekannt 
Bastian  hat  bekanntlich  diese  Dinge  als  den  Völkergedanken 
bezeichnet,  als  Gedankengänge,  welche  das  inenschliche  Gehirn  auf 
den  verschiedensten  Punkten  der  Erde  unter  den  gleichen  Verhält- 
nissen denkt,  weil  es  eben  ein  Menschenhirn  ist.  Auch  in  anderen 
Abteilungen  dieses  Werkes  werden  uns  noch  manche  Thatsachen  ent- 
gegentreten, welche  ebenfalls  in  die  grosse  Gruppe  der  Völkergedanken 
zu  zählen  sind. 


2* 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern. 

Von 

B.  Sclieul)e  (Greiz). 


Litteratur. 

I.  Chinesen. 

A.  Bordier,  La  Medecine  chez  les  Chinois.  Gaz.  hebdom.  de  med.  et  de  chir. 
1872.  S.  833,  1873.  S.  1.  —  J£.  Breitenstein,  Die  gerichtliche  Medicin  bei  den 
Chinesen.  Wien.  med.  Wochenschr.  1898.  S.  215.  —  W.  Colin,  Anatomie  in  China. 
Deutsch,  med.  Wochenschr.  1899.  Nr.  30.  S.  496.  —  JP.  JJabry,  La  Medecine  des 
■Chinois.  Paris  1863.  —  Die  Arzneikunde  der  Chinesen.  Ausland  1872.  8.  119.  — 
Max  Ferenczy,  Zur  Heilgymnastik  der  Chinesen.  Deutsch,  med.  Wochenschr.  1898. 
S.  337.  —  Francis  T.  B.  Fest,  Die  Aerzte  Chinas.  Mitt.  der  deutsch.  Ges. 
f.  Natur-  u.  Völkerk.  Ostasiens.  VIT.  1898.  S.  94.  —  E.  Gurlt,  Geschichte  der 
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the  Chineses.  Journ.  of  the  Royal  Asiatic  Soc.  of  Great  Brit.  and  Irel.  IV.  1837. 
S.  156.  —  C.  de  Haslez,  Quelques  traits  de  Vart  medical  chez  les  Chinois. 
Arch.  de  biol.  Gand.  YIl.  1887.  S.  411.  —  Hepke,  Die  kulturwissenschaft- 
lichen Beziehungen  der  alten  Chinesen  u.  der  Hellenen.  Verh.  der  Ges.  f.  Erdk. 
zu  Berlin.  VI.  1879.  S.  171.  —  Heusinger,  Die  chinesische  Medizin  nach 
J.  Wilson,  Medical  Notes  on  China,  London  1846.  Janus  III.  1848.  S.  193. 
—  Stan.  Jidien,  Medecine  des  Chinois.  Gaz.  med.  de  Paris  1849.  S.  275,  315, 
395  —  TF.  KorsaJcow,  Die  Eunuchen  in  Peking.  Deutsche  med.  Wochenschr. 
1898.  S.  338.  —  lAetard,  Medecine  des  Chinois  fft  des  Japonais.  La  Grande 
Encyclopedie.  XXIII.  S.  516.  —  D.  J.  Macgowan,  China.  Imp.  Cust.  Med. 
Rep.  22.  1882.  S.  14;  27.  1884.  S.  12;  29.  1885.  —  Julian  Marcuse,  Heil-  u. 
Arzneimittel  in  China.  Wien  med.  Wochenschr.  XLIX.  1899.  Nr.  50.  S.  2347.  — 
E.  Martin,  Etüde  historique  et  critique  sur  Vart  medical  en  Chine.  Gaz.  hebd. 
de  med.  et  de  chir.  1872.  S.  65,  81,  97.  —  Derselbe,  Etüde  sur  la  prostitution 
in  Chine.  Ebenda  1872.  S.  401,  465.  —  Jf.  Nebel,  Heilgymnastik  u.  Massage  im 
grauen  Altertum,  speziell  bei  den  Chinesen.  Arch.  f.  Min.  Chir.  XLIV.  1892. 
S.  58.  —  TatsuJiiko  Ohamura,  Zkr  Geschichte  der  Syphilis  in  China  u.  Japan. 
Monatsh.  f. prakt.  Dermatol.  XXVIII.  1899.  S.  295.  —  A.-M.-F.  Fiton,  Apergu 
sur  la  medecine  en  Extreme-Orient,  Chine  et  Japon.  These.  Bordeaux  1887.  — 
Jules  Begnault,  L' Opotherapie  en  Chine  et  en  Indo-Chine.  Rev.  de  med.  XX. 
1900.  S.  1028.  ■ —  JV.  Stricker,  Die  Prostitution  u.  die  daraus  entspringenden 
Krankheiten  in  China.  Virch.  Arch.  LI.  1870.  S.  430.  —  A.  Tatarinoff,  Die 
chinesische  Medizin.  Arb.  der  Kaiserl.  Russ.  Gesandtsch.  in  Peking  über  China  n.  s.  w. 
Aus  dem  Russ.  v.  C.  Abel  u.  F.  A.  Mecklenburg.  II.  Berlin  1858.  S.  421. — 
George  Thin,  On  the  early  history  of  Syphilis  in  China.  Edinb.  med.  Journ.  XIV. 
1868.  S.  47.  —  Thomas  A.  Wise,  Revieiv  of  the  history  of  medicine.  II.  London 
1867.    S.  451. 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  21 


II.  Japaner. 

M.  Alsberff,  Die  Heilkunde  in  Japan.  Ausland  LXIV.  1891.  S.  715,  727. 
—  X.  Ardouin,  Aperru  sur  Vhistoire  de  la  medecine  en  Japon.  Paris  1884.  — 
Geerts,  lieber  die  Pharmacopoe'e  Japans.  Mitt.  d.  deutsch.  G.  f.  Xahir-  it.  Völkerk. 
Ostasiens.  I.  1874.  4.  S.  36,  ö.  S.  16,  6.  S.  46.  —  H.  aierke,  Ueber  die 
Medizin  in  Japan  in  alten  u.  neuen  Zeiten.  Deutsch  Arch.  f.  Gesch.  d.  Med. 
VIT.  S.  1.  —  E.  Gurlt,  Geschichte  der  Chirurgie.  I.  Berlin  1898.  S.  81.  — 
fT.  Hirschberg,  Aerztliche  Bemerkungen  über  eine  B^ise  um  die  Erde.  Deutsch, 
med.  Wochenschr.  1893.  S.  35,  283,  308,  650,  674,  703,  730,  756.  —  Hoff'mann^ 
Die  Heilkunde  in  Japan.  Mitt.  d.  deutsch.  Ges.  f.  Xatur-  u.  Völkerk.  Ostasiens.  I. 
l.  1873.  S.  23.  4.  1874.  S.  9.  —  ßenjaniin  Howard^  The  vernacular  medicine 
and  surgery  of  Japan.  Lancet  1892.  I.  S.  133.  —  Engelbert  Kämpfer,  Gc' 
schichte  n.  Beschreibung  von  Japan.  IL  1779.  S.  423,  429.  —  Lietard,  Mede- 
cine des  Chinois  et  des  Japonais.  Im  Grande  Encyclopedie.  XXIII.  S.  516.  — 
Cr.  Maget,  La  medecine  au  .Japon.  Gaz.  des  hup.  1877.  S.  493.  —  B.  Miyake^ 
Ueber  die  japanische  Geburtshilfe.  Mitt.  d.  deutsch.  Ges.  f.  Xatur-  u.  Völkerk.  Ost- 
asiens. L  5.  1874.  S.  21,  8.  1875.  S.  9,  10.  1876.  S.  9.  —  M.  Ogata, 
Beitrag  zur  Geschichte  der  Geburtshilfe  in  .lapan.  Diss.  Freiburg  i.  B.  1891.  — 
Derselbe,  Ueber  das  medizinische  Leben  in  Japan.  Deutsch,  med.  Wochenschr. 
1894.  Xr.  13.  S.  306.  —  Tatsuhiho  Okamurfi,  Zur  Geschichte  der  Syphilis  in 
China  u.  Japan.  Monatsh.  f.  prakt.  Dermatol.  XXVIII.  1899.  S.  295.  —  B. 
Scheube,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Kak-ke.  Mitt.  d.  deutsch.  Ges.  f.  Xatur- 
u.  Völkerk.  Ostasiens.  III.  24.  1881.  S.  170.  —  Derselbe,  Ein  Beitrag  zur 
Geschichte  der  Syphilis.  Virch.  Arch.  XCI.  1883.  S.  448.  —  Derselbe,  Ueber 
die  Geburtshilfe  der  .lapaner.  Cbl.  f.  Gynäk.  1883.  Nr.  49.  —  Alex.  M.  Vedder, 
Remarks  an  the  actual  state  of  medical  science  in  Japan.  Americ.  Journ.  of  med. 
Sc.  1869.  S.  43.  —  A.  Wernich,  Ueber  die  Fortschritte  der  modernen  Medizin  in 
.Tapan.  Berl.  klin.  Wochenschr.  1875.  S.  447,  474,  590,  655,  667.  —  Derselbe, 
Zur  Geschichte  der  Medizin  in  .lapan.  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Med.  I.  1878. 
S.  215.  —  If.  y.  Whitney,  Xotes  on  the  histwy  of  medical  progress  in  Japan. 
Transact.  of  the  Asiatic  Soc.  of  Japan.    XII.    1885.    S.  245. 

III.  Koreaner. 
X.  Cliastang,  La  Coric  et  les  Coreens.  Arch.  de  med.  nav.  LX  VI.  1896.  S.  161. 

I.  Chinesen. 

Unter  den  ostasiatisclien  Völkern  nehmen  die  Chinesen  hin- 
sichtlich ihrer  Zahl,  ihres  Alters  und  des  geistigen  Einflusses,  den  sie 
auf  die  Nachbarländer  ausgeübt  haben,  die  erste  Stelle  ein.  Ihre 
Medizin  ist  so  alt  wie  überhaupt  ihre  Kultur.  Schon  vor  Jahrtausenden ^ 
als  es  noch  keine  abendländische  Kultur  gab,  als  die  Bewohner  Europas 
noch  im  Zustande  von  Naturvölkern  sich  befanden,  waren  sie  bereits 
ein  hoch  entwickeltes  Volk.  Manche  Erfindung  und  manche  Entdeckung 
ist  in  China  hunderte  von  Jahren  früher  gemacht  worden  als  in  Europa. 
Aber  seit  Jahrhunderten  sind  die  Chinesen  auf  demselben  Standpunkte 
stehen  geblieben.  Die  Ehrfurcht  vor  den  Vorfahren  und  dem  von 
ihnen  Ueberlieferten,  welche  den  Grundzug  ihres  Charakters  bildet,  hat 
jede  Neuerung  und  jeden  Fortschritt  unterdrückt,  so  dass  man  mit 
Recht  sagen  kann:  die  Tradition  hat  die  Chinesen  versteinert.  In 
gleicher  Weise  wie  für  die  anderen  Künste  und  Wissenschaften  gilt 
dies  auch  für  die  Medizin. 

Als  Begründer  der  Heilkunde  wird  der  halbmythische  Kaiser  S  h In- 
no n  g  angesehen,  dessen  Regierung  nach  der  allerdings  nicht  sehr  zu- 
verlässigen Zeitrechnung  der  Chinesen  in  die  Zeit  von  2838—2699  v.  Chr. 
verlegt  wird.    Von  demselben,   welcher,  als  wahrer  Landesvater  für 


22  B.  Scheube. 

seine  Unterthanen  sorgend,  die  Kultur  der  5  Feldfrüclite  (Weizen, 
Reis,  Hirse,  Gerste  und  Bohnen)  einführte  und  die  Gerätschaften  für 
den  Ackerbau  erfand,  wird  berichtet,  dass  er  alle  Pflanzen  seines 
grossen  Reiches  durchkostete  und  durch  den  Geschmack  fand,  welche 
von  denselben  heilkräftig  und  welche  giftig  waren.  Ferner  soll  er 
Heilkräuter  angepflanzt  und  ein  medizinisches  Kräuterbuch,  in  dem 
5  Samenarten  und  100  Pflanzen  besprochen  wurden,  verfasst  haben. 
Das  letztere  existiert  nicht  mehr,  soll  aber  die  Grundlage  für  die 
später  zu  erwähnende  grosse  Pharmakopoe  gebildet  haben.  Auch 
die  Erfindung  der  Akupunktur  wird  Shin-nong  zugeschrieben. 

Als  das  älteste  medizinische  Werk,  welches  noch  vorhanden  und 
noch  heutigen  Tages  in  Gebrauch  ist,  gilt  das  Nei-king  (Buch  der 
inneren  Medizin),  für  dessen  Verfasser  oder  wenigstens  geistigen  Ur- 
heber der  Kaiser  Hwang-ti  (2698  —  2599  v.  Chr.)  gehalten  wird. 
Wäre  dies  richtig,  so  würde  dasselbe  das  älteste  medizinische  Buch 
der  Welt  sein.  Wahrscheinlich  ist  es  aber  jüngeren  Ursprungs  und 
erst  in  den  beiden  letzten  Jahrhunderten  vor  oder  den  beiden  ersten 
nach  Christo  entstanden. 

Auch  die  andern  kanonischen  Bücher,  von  denen  das  bekannteste 
das  Mih-king  (Buch  über  den  Puls)  von  Wang-shuh-ho  aus  dem 
3.  vorchristlichen  Jahrhundert  ist,  haben  ein  hohes  Alter.  Nach  den 
Dynastien  Sung  und  Yuen  (960 — 1280)  sind  überhaupt  keine  Original- 
arbeiten mehr  erschienen,  sondern  nur  Kompilierungen,  Ergänzungen 
und  Kommentierungen  älterer  Autoren,  die  ein  trauriges  Zeugnis  für 
die  bereits  eingetretene  geistige  Stagnation  ablegen.  Eine  Kritik  und 
Polemik  über  die  Haltbarkeit  und  Richtigkeit  der  von  den  Vorfahren 
ausgesprochenen  Dogmen,  welche  als  unumstössliche  Wahrheit  gelten, 
fehlt  in  dieser  neueren  Litteratur  so  gut  wie  ganz. 

Die  Grundprinzipien,  auf  denen  sich  das  medizinische  Lehrgebäude 
der  Chinesen,  wie  es  schon  im  Nei-king  dargestellt  wird,  aufbaut, 
sind  der  chinesischen  Philosophie,  die  dem  Confucianismus  als  Funda- 
ment gedient  hat,  entlehnt.  Wie  jedes  Ding  in  der  Welt  ist  der 
Mensch  aus  den  öElementen:  Holz,  Feuer,  Erde,  Metall  und  Wasser 
zusammengesetzt,  stellt  also  ein  Universum  im  Kleinen,  einen 
Mikrokosmus  in  Makrokosmo  dar.  Die  Fünfzahltheorie  spielt  in  der 
chinesischen  Philosophie  eine  grosse  Rolle  und  stammt  wahrscheinlich 
von  der  Musik,  welche  bei  den  Chinesen  die  Wissenschaft  der  Wissen- 
schaften ist,  von  den  5  Tönen  der  alten  chinesischen  Tonleiter  her. 
Den  5  Elementen  entsprechen  5  Planeten,  5  Sinne,  5  Eingeweide  u.  s.  w., 
ferner  giebt  es  5  Farben,  5  Geschmäcke,  5  Kardinalbeziehungen 
(zwischen  Kaiser  und  Volk,  Vater  und  Sohn,  Ehegatten,  Brüdern, 
Freunden)  u.  s.  w. 

Mit  den  Elementen  kombiniert  sich  in  der  Zusammensetzung  des 
Weltalls  das  Doppelprinzip  des  Männlichen  und  Weib- 
lichen, welches  sich  der  Vorstellung  des  Menschen  vom  Entstehen 
alles  Lebenden  gewissermassen  von  selbst,  durch  die  Anschauung 
menschlicher  Verhältnisse,  aufdrängt  und  daher  in  der  Kosmogenie 
der  uräJtesten  Völker  den  Ausgangspunkt  der  Weltenbildung  bildet. 
Wie  jedem  Ding  wohnen  dem  menschlichen  Körper  2  polar  sich  ent- 
gegenstehende Mächte  oder  Prinzipien  inne,  das  männliche,  posi- 
tive (Yang),  welches  Licht,  Stärke,  Härte,  das  Heisse  und  Trockene, 
die  Lispiration,  alle  aktiven  und  guten  Eigenschaften  zu  Attributen 
hat,  und  das  w  e  i  b  1  i  c  h  e ,  n  e  g  a  t  i  v  e  (Y  i  n),  dem  Dunkelheit,  Schwäche, 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  deu  ostasiatischen  Völkern.  23 

Weichheit,  das  Feuchte  und  Kalte,  die  Exspiration,  alle  passiven  und 
schlimmen  Eigenschaften  zugeschrieben  werden.  Dieselben  sind  die 
Lebenskräfte  und  Schöpfer  des  belebten  Körpers.  Auf  ihrem  voll- 
kommenem Gleichgewichte  beruht  die  Gesundheit.  Sie  cirkulieren  im 
Körper  immer  zusammen  mit  dem  Blute  und  der  Lebensluft  (Ke), 
welche  für  sie  die  Vehikel  bilden.  Unter  der  Lebensluft  stellen  sich 
die  Chinesen  eine  belebende  ätherische  Substanz  vor,  die  dem  Aether 
der  Natur  gleicht  und  durch  die  Atmung  erneuert  wird,  und  legen 
auf  dieselbe  ein  grösseres  Gewicht  als  auf  das  Blut.  Die  Cirkulation 
findet  in  einem  durch  den  ganzen  Körper  verzweigten  Kanalsystem 
statt  und  kann  auf  verschiedene  Weise,  durch  die  Schwere,  die  in 
den  Gefässen  entstehende  Eeibung,  sowie  durch  äussere  Ursachen, 
Störungen  erfahren. 

Das  naturphilosophische  System  der  Chinesen  zeigt  Anklänge  an  die 
Humoraldoktrin  der  Indier  und  Griechen  (Hipp  okr  ates).  Dieselben  sind 
wahrscheinlich  zurückzuführen  auf  den  uranfänglichen  Zusammenhang  der 
alten  Kulturvölker,  als  sie  noch  ihre  Ursitze  in  Centralasien  inne  hatten, 
die  Fr.  V.  ßichthofen  in  das  Tarym-Becken  und  an  die  Oberläufe  des 
Oxus  und  Jaxartes  verlegt.  Diese  Annahme  hat  viel  mehr  Wahrscheinlich- 
keit für  sich  als  die  Ansicht  Lietards,  nach  welcher  das  Fundament  der 
Lehre  aus  Indien  mit  dem  Buddhismus,  welcher  um  die  Zeit  Christi  in 
China  Eingang  fand,  hierhin  gekommen  sein  soU. 

Die  anatomischen  Kenntnisse  der  Chinesen  sind  äusserst  gering. 
Die  Anatomie  ist  von  ihnen  immer  mehr  spekulativ  als  realistisch  be- 
trieben worden.  Sektionen  sind  in  China  nicht  gestattet.  Das  Verbot 
gründet  sich  auf  die  im  Ahnenkultus  und  Buddhismus  wurzelnde 
religiöse  Anschauung,  dass  jeder  im  Jenseits  so  erscheinen  soll,  wie 
er  auf  der  Erde  war,  weshalb  jede  Verstümmelung  oder  Abtrennung 
eines  Körperteils  gefürchtet  ist.  Nur  in  ganz  vereinzelten  Fällen  ist 
diesem  Verbote  zuwider  gehandelt  worden.  So  liess  im  4.  Jahrhundert 
der  Gouverneur  einer  Provinz,  um  der  Wissenschaft  einen  Dienst  zu 
leisten,  40  enthauptete  Verbrecher  Aon  Aerzten  secieren  und  die  Organe 
zeichnen.  Zu  Anfang  vorigen  Jahrhunderts  nahm  der  Kaiser  K  h  a  n  g  -  h  i 
(1662 — 1722),  welcher  eine  grosse  Vorliebe  für  die  europäischen  Wissen- 
schaften besass,  bei  den  Jesuiten  auch  Unterricht  in  der  Anatomie. 
Zu  diesem  Zweck  übersetzten  dieselben  für  ihn  die  Anatomie  des  Pierre 
Dionis  (Paris  1690)  in  die  Mandschu-Sprache  und  zeichneten  dazu  die 
Bilder  aus  Thomas  Bartholin us  Institutiones  anatomicae  (Lugd. 
Batav.  1641)  ab.  Diese  chinesische  Bearbeitung  ist  jedoch  nicht  an 
die  weitere  Oeffentlichkeit  gekommen,  sondern  nur  in  3  Exemplaren  für 
den  Herrscher  angefertigt  worden.  Letzterer  gab  auch  den  Jesuiten 
einen  Tiger  zum  Secieren,  nahm  aber  an  Sektionen  von  Menschen  An- 
stoss.  Da  sonst  auch  Zergliederungen  von  Tieren  nicht  zum  Vergleich 
herangezogen  wurden,  sind  also  die  Quellen  für  die  anatomischen 
Kenntnisse  der  Chinesen  ausserordentlich  spärliche.  Es  ist  daher  kein 
Wunder,  dass  ihre  Anatomie  grösstenteils  auf  willkürlichen  Annahmen 
beruht.  In  gleicher  Weise  ist  auch  ihre  Ph3'siologie  auf  blosse 
Spekulation  begründet. 

Nach  chinesischer  Anschauung  schliesst  der  Körper  5  Haupt - 
ei nge  weide,  Herz,  Lunge,  Niere,  Leber  und  Milz,  ein,  denen  5  weitere 
Organe,  nämlich  Dünn-  und  Dickdarm,  Harnleiter,  Gallenblase  und 
Magen,  als  Gehilfen  zur  Seite  stehen.    Erstere  sind  Sitz  des  weib- 


24  B,  Scheube. 

liehen  Prinzips,  letztere  des  männlichen.  Jedes  der  Haupteingeweide 
entspricht  einem  Element,  einem  Planeten,  einer  Jahreszeit,  einer 
Himmelsgegend,  einer  Farbe,  einem  Geschmacke  u.  s.  w.  und  hat 
ausserdem  je  ein  anderes  Organ  zur  Mutter,  zum  Sohne,  zum  Freunde, 
zum  Feinde.  Auch  besitzt  es  am  Kopfe  des  Menschen  ein  Merkmal, 
das  seinen  Zustand  erkennen  lässt. 

Das  vornehmste  Eingeweide  ist  das  Herz.  Zur  Mutter  hat  dasselbe 
die  Leber,  zum  Sohne  den  Magen  oder  die  Milz,  welche  beide  nicht  scharf 
von  einander  getrennt  werden,  zum  Freunde  die  Leber,  zum  Feinde  die 
Niere.  Es  ist  dem  Feuer  unterworfen  und  entspricht  dem  Planeten  Mars. 
Seine  Jahreszeit  ist  der  Sommer,  seine  Tageszeit  die  Mittagsstunde,  seine 
Himmelsgegend  der  Süden,  seine  Farbe  rot,  sein  Geschmack  bitter.  Die 
Zunge  dient  dazu,  seinen  Zustand  erkennen  zu  lassen.  Es  gleicht  der  er- 
schlossenen Blüte  der  Wasserlilie,  liegt  unter  der  Lunge  und  stützt  sich  gegen 
den  5.  Wirbel.  Vom  Herzbeutel  umhüllt,  enthält  es  einen  feinen  Saft  und 
ist  durchbohrt  von  7  Löchern  und  3  Spalten.  Seine  Funktion  besteht 
darin,  den  Chylus  zu  empfangen,  zu  vervollkommnen  und  in  Blut  zu  ver- 
wandeln. 

Der  Gehilfe  des  Herzens  ist  der  Dünndarm.  Dieser  macht 
16  Krümmungen  und  hat  2  Löcher,  von  denen  eins  mit  dem  Magen,  das 
andere  mit  dem  Dickdarm  kommuniziert.  Er  empfängt  die  Nahrung,  ver- 
daut sie  und  verwandelt  sie  in  Chylus, 

Die  Lunge  hat  zur  Mutter  die  Milz  oder  den  Magen,  zum  Sohne  die 
Niere,  zum  Freunde  die  Leber,  zum  Feinde  das  Herz.  Sie  ist  dem  Metall 
unterworfen,  entspricht  dem  Planeten  Venus  und  herrscht  im  Herbst.  Ihre 
Tageszeit  ist  die  Abendstunde,  ihre  Himmelsgegend  der  Westen,  ihre  Farbe 
weiss,  ihr  Geschmack  scharf.  Die  Nasenlöcher  lassen  ihren  Zustand  er- 
kennen. Sie  ist  am  3.  Wirbel  angeheftet,  in  8  Blätter  geteilt,  von  denen 
2  die  beiden  Ohren  bilden,  und  durchbohrt  von  80  kleinen  Löchern,  durch 
welche  die  Luft  entweicht.  An  ihrem  oberen  Teile  ist  sie  mit  dem 
Schlünde  durch  ein  Gefäss  mit  9  Gelenken  verbunden  und  bildet  gleichsam 
einen  Deckel  für  die  anderen  Eingeweide.  Sie  schliesst  viel  Luft  und  wenig 
Blut  ein.  Ihre  Funktion  ist  das  Blut  laufen  zu  lassen  und  den  Schleim  und 
die  anderen  Materien  zu  entfernen. 

Der  Gehilfe  der  Lunge  ist  der  Dickdarm,  welcher  16  Krümmungen 
macht  und  2  Löcher  hat.  Von  letzteren  steht  eins  mit  dem  Dünndarm, 
das  andere  mit  dem  After  in  Verbindung.  Die  Funktion  des  Dickdarms 
besteht  darin ,  die  groben  und  unreinen  Materien  zu  stossen  und  zu  ent- 
leeren. 

Die  Niere  hat  zur  Mutter  die  Lunge,  zum  Sohne  die  Leber,  zum 
Freunde  das  Herz,  zum  Feinde  die  Milz  oder  den  Magen.  Ihr  Element  ist 
das  Wasser,  ihr  Planet  der  Merkur,  ihre  Jahreszeit  der  Winter,  ihre  Tages- 
zeit die  Nacht,  ihre  Himmelsgegend  der  Norden,  ihre  Farbe  schwarz,  ihr 
Geschmack  salzig.  Die  Ohren  lassen  ihren  Zustand  erkennen.  Sie  hat  eine 
bohnenförmige  Gestalt  und  ist  am  14.  Wirbel  aufgehängt.  Sie  bildet  den 
Harn  aus  dem  Blute,  das  vom  Herzen  kommt. 

Der  Gehilfe  der  Niere  ist  der  Harnleiter,  welcher  den  Harn  in  die 
Blase  gelangen  lässt. 

Die  rechte  Niere  heisst  die  „Pforte  des  Lebens".  Ihre  Funktion 
besteht  darin,  das  Blut  in  Samen  zu  verwandeln.  Der  Hoden  dient  als 
Behälter  des  Samens,  wie  die  Blase  als  solcher  des  Harns. 

Milz  und  Magen  haben  zur  Mutter  das  Herz,  zum  Sohne  die  Lunge, 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  25 

zum  Freunde  die  Niere,  zum  Feinde  die  Leber.  Sie  sind  der  Erde  unter- 
worfen und  entsprechen  dem  Planeten  Satm-n.  Sie  herrschen  während  der 
letzten  18  Tage  jeder  Jahreszeit.  Ihre  Himmelsgegend  ist  die  Mitte,  ihre 
Farbe  gelb,  ihr  Greschmack  süss.  Der  Mund  dient  zum  Erkennen  ihres 
Zustandes. 

Die  Milz  hängt  am  11.  Wirbel. 

Der  Magen  hat  2  Löcher.  Das  eine  kommuniziert  mit  dem  Gange, 
der  am  Schlünde  endigt  und  die  Nahrung  zuführt,  und  durch  den  auch  die 
Atmungsluft  ein-  und  austritt,  das  andere  mit  dem  Dünndarme.  Er  ist 
Sitz  der  Freude  und  seine  Funktion  die  Nahrung  zu  empfangen ,  zu  zer- 
reiben und  für  die  Verdauung  vorzubereiten. 

Die  Leber  hat  zur  Mutter  die  Niere,  zum  Sohne  das  Herz,  zum 
Freunde  Milz  und  Magen,  zum  Feinde  die  Lunge.  Sie  ist  dem  Holz  unter- 
worfen und  entspricht  dem  Planeten  Jupiter.  Ihre  Jahreszeit  ist  der 
Frühling,  ihre  Tageszeit  der  Morgen,  ihre  Himmelsgegend  der  Osten,  ihre 
Farbe  blau,  ihr  Geschmack  sauer.  Ihr  Zustand  wird  aus  den  Augen  er- 
kannt. Sie  stützt  sich  gegen  den  9.  Wirbel  und  hat  7  Blätter,  3  linke 
und  4  rechte. 

Der  Gehilfe  der  Leber  ist  die  Gallenblase,  welche  in  ihrer  Form 
einem  Weingefässe  gleicht. 

Beide  Organe  dienen  zur  Filtration  der  Säfte.  Die  Leber  ist  der 
Sitz  der  Seele,  von  ihr  gehen  alle  grossen  und  edlen  Projekte  aus.  In  der 
Gallenblase  sitzt  der  Mut.  Die  Galle  der  wilden  Tiere  und  auch  der  ge- 
köpften Verbrecher  giebt  daher  grossen  Mut  und  Kraft. 

Ausser  den  angeführten  unterscheiden  die  Chinesen  noch  ein 
weiteres,  aus  3  Teilen  bestehendes  Organ  (San-tsiao),  welches  für 
die  Funktionen  der  5  Haupteingeweide  nötig  ist. 

Der  obere  Teil  desselben  liegt  in  der  Herzgegend.  Ohne  ihn  würden 
Herz  und  Lunge  die  Luft  und  das  Blut  nicht  beherrschen  können.  Der 
mittlere  Teil  befindet  sich  in  der  Gegend  des  Brustbeins  4  Zoll  über  dem 
Nabel.  Ohne  denselben  könnte  der  Magen  nicht  die  Nahrung  verdauen. 
Der  untere  Teil  ist  1  Zoll  unter  dem  Nabel  gelegen  und  hat  2  Löcher, 
dui'ch  welche  die  Nahrung  passiert.  Derselbe  ist  für  Leber  und  Niere 
zum  Filtrieren  der  Flüssigkeiten  nötig.  Gleichzeitig  ist  er  Gehilfe  der 
rechten  Niere. 

Die  verschiedenen  Organe  sind  unter  einander  durch  Kommuni- 
kationskanäle verbunden,  in  denen  Lebensluft  und  Blut  zusammen 
mit  den  beiden  Prinzipien  cirkulieren.  Dieselben  sind  in  23  Zweige 
geteilt,  die  sich  im  ganzen  Körper  verteilen,  und  welche  die  Phantasie 
der  Chinesen  die  wunderbarsten  Wege  machen  lässt.  12  von  ihnen 
werden  als  grosse  oder  King  unterschieden,  von  denen  6  zur  Fortleitung 
des  männlichen  Prinzips  und  6  zu  der  des  weiblichen  dienen.  Die  ersteren 
beginnen  am  Kopfe,  und  3  enden  an  den  Füssen,  3  an  den  Händen. 
Von  letzteren  entspringen  3  an  den  Händen,  3  an  den  Füssen  und 
begeben  sich  nach  verschiedenen  Körperteilen.  Lebensluft  •  und  Blut 
machen  in  24  Stunden  50  Umläufe.  In  dieser  Zeit  finden  13500  Atem- 
züge statt.  Während  eines  Atemzuges  legen  Luft  und  Blut  6  Zoll 
zurück,  in  24  Stunden  also  81000  Zoll.  Der  längste  Weg,  den  sie 
zurückzulegen  haben,  beträgt  1620  Zoll.  Durch  die  Bewegung  der 
Luft  und  des  Blutes  wird  der  Puls  erzeugt,  welcher  in  der  chinesischen 


26  B-  Scheube. 

Pathologie    die    Hauptrolle    spielt.      Die    Chinesen    lassen   denselben 
54000— 67  000  mal  in  24  Stunden  schlagen. 

Die  Behauptung,  dass  die  Chinesen  den  Blutkreislauf  vor  Entdeckung 
desselben  durch  "William  Harvey  (1616)  bereits  gekannt  hätten,  ist  eine 
irrige.  Das  oben  erwähnte  Kanalsystem,  in  dem  zwar  das  Blut,  aber  auch 
die  Lebensluft  und  die  beiden  Prinzipien  cirkulieren,  ist  ein  reines  Phantasie- 
gebilde und  hat  nichts  mit  dem  Blutgefässsystem  zu  thun.  Nirgends  in 
den  chinesischen  Schriften  findet  sich  auch  nur  eine  Andeutung  über  die 
Herzklappen  und  die  Veränderung  des  Blutes  in  den  Lungen  und  den 
Kapillaren. 

Ueber  das  Nervensystem  herrscht  fast  vollständige  Unkenntnis. 
Das  Gehirn,  welches  als  Sitz  aller  die  animalen  Funktionen  ver- 
richtenden Sinne  angesehen  wird,  nimmt  nach  den  anatomischen  Dar- 
stellungen der  Chinesen  nur  einen  kleinen  Raum  in  der  Schädelhöhle 
ein.  Seine  Basis  bildet  einen  Behälter,  von  dem  sich  das  Mark  durch 
den  Wirbelkanal  im  Körper  verbreitet. 

Nerven,   Blutgefässe   und   Muskeln   werden   nicht   unterschieden. 

Die  Zahl  der  Knochen  im  Körper  beträgt  365.  Der  Schädel 
wird  als  einziger  Knochen  betrachtet,  ebenso  Becken,  Vorderarm  und 
Unterschenkel.  Die  Knochen  der  Frauen  zeigen  eine  etwas  dunklere 
Farbe  als  die  der  Männer. 

Ebenso  wie  von  Anatomie  und  Physiologie  haben  die  Chinesen 
auch  von  der  Entwicklungsgeschichte  phantastische  Begriffe. 
Im  Si-yuen-luh,  dem  später  noch  zu  besprechenden  Werke  über 
gerichtliche  Medizin,  finden  sich  folgende  Angaben:  im  ersten  Monate 
gleicht  der  Fötus  einem  Wassertropfen,  im  zweiten  einem  Pfirsich- 
blatte; im  dritten  scheiden  sich  die  Geschlechter;  im  vierten  nimmt 
die  Frucht  menschliche  Gestalt  an;  im  fünften  sind  Knochen  und  Ge- 
lenke leicht  zu  unterscheiden;  im  sechsten  Monat  haben  die  Haare  eine 
gewisse  Entwicklung  erlangt;  zu  Ende  des  siebenten  Monats  bewegt 
sich  die  rechte  Hand  links  im  Mutterleibe,  wenn  es  ein  Knabe  ist; 
zu  Ende  des  achten  Monats  bewegt  sich  die  linke  Hand  rechts  im 
Mutterleibe,  wenn  es  ein  Mädchen  ist;  zu  Ende  des  neunten  Monats 
sieht  man  beim  Palpieren  des  Unterleibs  3  Veränderungen  in  der 
Lage  der  Frucht  sich  vollziehen;  am  Anfange  des  zehnten  Monats 
ist  das  Kind  vollkommen  entwickelt. 

In  der  Pathologie  dominiert  die  Theorie  vom  Pulse,  welche 
ausserordentlich  kompliziert  ist.  Der  menschliche  Körper  wird  mit 
einem  Saiteninstrumente  verglichen:  die  verschiedenen  Pulse  gleichen 
den  Saiten  und  Tönen  desselben  und  lassen  wie  diese  Harmonie  und 
Disharmonie  erkennen.  Die  Untersuchung  des  Pulses  dient  daher  als 
Grundlage  für  die  ärztliche  Thätigkeit ;  von  derselben  hängt  Diagnose, 
Prognose  und  Therapie  ab. 

Der  Puls  wird  an  11  verschiedenen  Stellen  gefühlt,  von  denen 
jede  ihren  eigenen  Namen  hat.  und  welche  folgende  sind:  1.  unter 
dem  Hinterkopfe,  2.  unter  den  Ohren,  3.  unter  der  Brustwarze,  4.  über 
dem  rechten  Handgelenke,  5.  über  dem  linken  Handgelenke,  6.  l^,  Zoll 
unter  dem  Nabel,  7.  3  Zoll  unter  dem  Nabel,  8.  372  Zoll  unter  dem 
Nabel,  9.  auf  der  Konvexität  des  Fusses  3  Zoll  vom  Knöchel  entfernt, 
10.  am  Knöchel,  11  in  der  Mitte  der  Fusssohle.  Die  wichtigsten  von 
diesen  Stellen  sind  die  beiden  Handwurzeln,  an  denen  die  Ausdehnung 
des  Pulses  1   Zoll  beträgt.     Man   fühlt   denselben  mit    dem   Ring-, 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  27 

Mittel-  und  Zeigefinger  und  teilt  ihn  in  3  Teile  ein,  welche  Tsuen. 
Kuan  und  Che  genannt  werden,  entsprechend  den  Teilen  der  Radial- 
arterie, die  unter  den  Ring-,  Mittel-  und  Zeigefinger  zu  liegen  kommen, 
wenn  der  Mittelfinger  auf  den  Radius  aufgesetzt  wird.  Jeder  dieser 
Pulse  wird  weiter  in  einen  äusseren  und  inneren  eingeteilt,  je  nach- 
dem man  nach  aussen  oder  nach  innen  von  der  Arterie  fühlt,  so  dass 
man  also  jederseits  6  und,  da  immer  an  beiden  Handwurzeln  unter- 
sucht wird,  im  ganzen  12  Pulse  hat.  Die  Untersuchung  pflegt  während 
9  Atemzügen  vorgenommen  zu  werden;  auf  jeden  Atemzug  kommen 
normal  4 — 5  Pulsschläge.  Jeder  der  12  Pulse  steht  in  Beziehung  zu 
einem  bestimmten  Organe  und  zeigt  den  Zustand  desselben  an,  wie 
aus  nachfolgender  Tabelle  ersichtlich  ist. 


Rechte  Hand 

Linke  Hand 

^^"^°  (innen      Dickdarm 
TT  n  o  «  t  aussen    Milz 
^^^^^  \  innen      Magen 

Che   /^'^^^^^    Niere 
\  innen      Blase 

Herz 

Dünndarm 

Leber 

Gallenblase 

rechte  Niere  (Lebenspforte) 

San-tsiao 

Durch  "die  äusseren  Pulse  manifestiert  sich  gleichzeitig  das  weib- 
liche Prinzip,  durch  die  inneren  das  männliche,  während  noch  weitere 
Annexe  derselben  unterschieden  werden,  welche  Aufschluss  über  die 
grossen  Kommunikationskanäle  geben. 

Jeder  dieser  Pulse  wird  dreimal  getrennt  uutei*sucht,  indem  man 
das  erste  Mal  leicht,  das  zweite  Mal  etwas  stärker  und  das  di'itte 
Mal  stark  aufdrückt.  Demnach  giebt  es  einen  oberflächlichen,  mittleren 
und  tiefen  Puls.  Die  einzelnen  Pulse  sind  ausserdem  verschieden  nach 
Jahreszeiten,  Geschlecht,  Alter  und  Konstitution.  Jedes  Organ  hat 
ferner  ausser  einem  natürlichen  Puls  noch  einen  entgegengesetzten, 
der  sich  mit  den  Jahreszeiten  ändert,  und  beide  können  wieder  von 
einem  fremden,  einbrechenden  überfallen  werden.  Auf  diese  Weise 
kommen  etwa  200  Pulsvarietäten  zu  stände,  die  alle  verschieden  be- 
nannt sind,  und  es  giebt  nicht  weniger  als  26,  welche  allein  den  Tod 
anzeigen. 

Indem  alle  diese  verschiedenen  Pulse  sich  mit  einander  kombi- 
nieren können,  entsteht  ein  unentwirrbares  Chaos,  und  es  ist  ganz 
unmöglich,  aus  diesem  Wust  von  Absurditäten  auch  nur  eine  exakte 
Thatsache  herauszufinden.  Nichts  zeugt  mehr  von  der  geistigen  Stag- 
nation, welche  in  der  chinesischen  Medizin  Platz  gegriffen  hatte,  als 
das  Faktum,  dass  im  Laufe  der  Jahrhunderte  nicht  ein  klarer  Kopf 
sich  gefunden  hat,  der  es  unternommen  hätte,  an  dieser  phantastischen, 
jeder  realen  Unterlage  entbehrenden  Pulstheorie,  dem  Fundamente 
der  chinesischen  Pathologie,  zu  rütteln. 

Durch  die  Untersuchung  des  Pulses  allein,  welche  oft  Stunden 
in  Anspruch  nimmt,  wird  der  erfahrene  Arzt  in  den  Stand  gesetzt, 
Sitz  und  Art  der  Erkrankung  zu  diagnostizieren.  Meist  beschränkt  sich 
die  Krankenuntersuchung  überhaupt  auf  denselben,  manchmal  werden 
ausserdem  noch  Zunge,  Mund,  Nase,  Augen,  Ohren,  Harn  und  Stuhl 
angesehen.  Gar  kein  Gewicht  legen  dagegen  die  chinesischen  Aerzte 
auf  die  Anamnese  und  stellen  ohne  diese  ihre  Diagnose. 

Die  Klassifikation  der  Krankheiten  zeichnet  sich  durch  den  ab- 


28  B.  Schenbe. 

soluten  Mangel  an  Methode  aus.  Die  Beschreibungen  derselben  sind 
meist  oberflächlich  und  summarisch ;  vielfach  handelt  es  sich  bei  ihnen 
nur  um  mit  besonderen  Namen  belegte  Symptome  oder  Symptomen- 
komplexe. Doch  fehlt  es  daneben  auch  nicht  an  Zeichen  guter  Be- 
obachtung. So  werden  z.  B.  Masern,  Pocken,  Dysenterie,  Cholera  gut 
beschrieben.  Eine  grosse  Vorliebe  besitzen  die  Chinesen  für  Abtei- 
lungen und  Unterabteilungen.  Von  den  Pocken  unterscheiden  sie  z.  B. 
nicht  weniger  als  42,  von  der  Dysenterie  14  Arten,  w^obei  offenbar 
andere  Krankheiten  mit  denselben  konfundiert  werden. 

Der  älteste  Schriftsteller  über  die  Pocken,  welche  zum  ersten 
Male,  ohne  jedoch  festen  Fuss  zu  fassen,  in  der  Mitte  des  3.  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  von  der  Mongolei,  zum  zweiten  Male  48  n.  Chr.  von 
Süden  in  China  eingeschleppt  wurden  und  seitdem  dort  heimisch  sind, 
ist  Ch'ien  Chungyang,  welcher  im  10.  Jahrhunderte  lebte. 

Auch  die  Inokulation  der  Pocken  ist  in  China  sehr  alt, 
aber  nicht  einheimischen  Ursprungs.  Im  11.  Jahrhundert  wurde  die- 
selbe von  Indien,  wo  sie  seit  den  ältesten  Zeiten  in  Gebrauch  ist,  über 
Tibet  eingeführt.  Die  Methode  der  Impfung,  welche  in  China  geübt 
wird,  weicht  aber  von  der  in  Indien  gebräuchlichen  ab.  Die  trockene 
Kruste  einer  Pockenpustel  wird  gepulvert  und  in  die  Nasenschleimhaut 
eingerieben  oder  mittels  einer  tabakspfeifenartigen  Röhre  in  die  Nase 
geblasen  oder  auch  mit  dem  Inhalt  einer  frischen  Pustel  getränkte 
Baumwolle  in  die  Nase  gebracht,  und  zwar  nimmt  man  bei  Knaben 
die  Inokulation  im  linken  Nasenloche,  bei  Mädchen  im  rechten  vor. 

Die  Syphilis  mit  ihren  primären,  sekundären  und  tertiären  Er- 
scheinungen, auch  die  hereditäre  Syphilis,  wird  zuerst  in  Werken  aus 
der  2.  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  beschrieben,  während  unreine 
Affektionen  der  Genitalien  schon  in  den  alten  Schriften  Erwähnung 
finden.  Erstere  soll  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  durch  ein 
europäisches  Handelsschiff  nach  Kanton  eingeschleppt  worden  sein  und 
von  hier  aus  sich  über  Centralchina  verbreitet  haben. 

Was  die  Ansicht  der  Chinesen  über  die  Aetiologie  der 
Krankheiten  betrifft,  so  wiegt  die  Annahme  bestimmter  Krank- 
heitsgifte, die  auf  verschiedenen  Wegen  in  den  Körper  eindringen  und 
hier  als  feindliche  Mächte  wirken,  vor.  Daneben  spielen  Wind,  Kälte, 
Trockenheit,  Feuchtigkeit,  Leidenschaften  und  Affekte,  aber  auch  böse 
Geister  und  imaginäre  Tiere  eine  grosse  Rolle. 

Der  wichtigste  Teil  der  chinesischen  Medizin  ist  die  Arznei- 
mittellehre, welche  reicher  ist  als  die  eines  anderen  Volkes,  und  auf 
diesem  Gebiete  nehmen  die  Chinesen  als  Empiriker  entschieden  eine 
hohe  Stellung  ein.  Das  Hauptwerk  der  chinesischen  Pharmakologie 
heisst  Pan-ts'ao-kang-muh  und  wurde  in  der  Mitte  des  16.  Jahr- 
hunderts von  Le-shi-chin  verfasst.  Es  zählt  52  Bände  und  be- 
steht aus  Exzerpten  aus  mehr  als  800  Autoren  über  Medizin  und 
Materia  medica.  Als  Grundlage  für  dasselbe  soll,  wie  schon  erwähnt, 
ein  dem  Kaiser  Shin-nung  zugeschriebenes  Buch  gedient  haben. 
In  ihm  werden  1892  Arzneimittel,  darunter  374  neue,  welche  allen 
3  Naturreichen  entnommen  sind,  meistens  aber  aus  dem  Pflanzenreiche 
stammen,  hinsichtlich  ihres  Ursprungs,  ihrer  Zubereitung,  Aufbewah- 
rung, Anwendung  und  Wirkung  abgehandelt.  Darunter  befinden  sich 
viele  Mittel,  welche  auch  unserem  Aieneischatze  angehören,  und  manches 
Mittel  des  letzteren,  wie  z.  B.  den  Rhabarber,  verdanken  wir  zweifel- 
los den  Chinesen,  indem  dasselbe  von  dort  auf  dem  Wege  des  central- 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  29 

asiatischen  Handels  der  medizinischen  Welt  Westasiens  und  Europas 
zugeführt  worden  ist.  Wie  wir  wenden  die  Chinesen  Eisen  gegen 
Bleichsucht,  Anämie  und  Erschöpfung  der  Kräfte,  Arsenik  gegen 
Wechselfleber  und  Hautkrankheiten,  Quecksilber  gegen  Syphilis,  und 
zwar  teils  innerlich,  teils  in  Form  von  Dämpfen,  indem  eine  mit 
Zinnober  gefüllte  Papierrolle  in  ein  Nasenloch  eingeführt  und  ange- 
brannt wird,  an.  Die  Merkurialbehandlung  der  Syphilis  findet  sich 
schon  in  den  ältesten  diese  Krankheit  behandelnden  Werken  erwähnt; 
gegen  Hautkrankheiten  und  venerische  Geschwüre  wurde  das  Queck- 
silber bereits  im  Altertume  gebraucht.  Den  Chinesen  ist  ferner  die 
Wirkung  von  Kupfersulfat  als  Brechmittel,  von  Rhabarber  und  Natrium- 
sulfat als  Abführmittel,  der  Granatwurzel  gegen  Würmer,  von  Moschus 
und  Kampher  als  Nervenmittel,  von  Opium  als  schmerzstillendes 
Mittel,  von  Alaun  gegen  Angina,  von  Schwefel  gegen  Krätze  u.  s.  w. 
bekannt.  Daneben  wenden  sie  aber  auch  die  absurdesten  und  ekel- 
haftesten Substanzen,  wie  Eidechsen,  Kröten,  Schlangen,  Skorpionen, 
Skolopendren,  Regenwürmer,  Blutegel,  Seidenraupen  und  deren  Puppen, 
Tigerknochen,  Zähne  und  Knochen  von  Drachen,  Elefantenzähne 
(gegen  Epilepsie),  Elfenbein  (gegen  Diabetes),  Hirsch-  und  Rhinozeros- 
horu.  Schildkrötenschale,  menschliche  und  tierische  Exkremente  (als 
Abführmittel),  Samen  junger  Männer,  welcher  in  Pillenform  bei  Blut- 
armut und  Schwächezustäuden  verordnet  wird.  Hoden  besonders  von 
Tigern  (gegen  Impotenz),  Leber  von  verschiedenen  Tieren  (gegen 
Leberkrankheiten),  Galle  (s.  oben),  Mutterkuchen  (zur  Erleichterung 
der  Geburt),  Milch  junger  Frauen,  welcher  die  Kraft  das  Leben  zu  ver- 
längern. Alte  jung  zu  machen  zugeschrieben  wird,  altes  Kupfergeld 
u.  s.  w.,  an.  Sogar  Menschenblut  und  Menschenfleisch  wird  von  ihnen 
nicht  verschmäht,  indem  das  Blut  von  Enthaupteten  im  Rufe  eines 
ausgezeichneten  Kräftigungsmittels  steht  und  das  Fleisch  der  Kinder 
als  bestes  Stärkungsmittel  für  die  Eltern  gilt,  so  dass  sich  häuflg  pietät- 
volle Kinder  Stücke  aus  Arm  und  Bein  schneiden  lassen,  um  dem 
altersschwachen  Vater  mit  der  kräftigsten  aller  Fleischbrühen  zu 
helfen. 

Eine  ausserordentlich  grosse  Rolle  spielt  die  G  i  n  s  e  n  g  -  W  u  r  z  e  1 , 
die  AVurzel  von  Panax  Ginseng  Nees,  einer  Umbillifere,  die  besonders 
im  Norden  von  Korea  kultiviert  wird.  Dieselbe  gilt  als  eine  wahre 
Panacee  und  wird  selbst  mit  Gold  nicht  aufgewogen. 

Ein  viel  gebrauchtes  Mittel  ist  auch  der  Zinnober,  welcher  von 
den  chinesischen  Alchimisten  für  eine  Art  von  Stein  der  Weisen,  der 
Metalle  in  Gold  verwandelt  und  Unsterblichkeit  verleiht,  gehalten  wird. 

Der  Gebrauch  von  Mineralbädern  scheint  in  China,  ganz  un- 
bekannt gewesen  zu  sein. 

Die  herrschende  Idee  in  der  chinesischen  Arzneimittellehre  ist 
die  von  den  spezifischen  Eigenschaften  der  Mittel :  jedem  wird 
eine  bestimmte  Wirkung  zugeschrieben,  und  sie  werden  nach  dieser, 
welche  allerdings  vielfach  eingebildet  und  manchmal  recht  phantastisch 
ist,  indem  u.  a.  die  durch  ihre  Farbe  und  ihren  Geschmack  gegebenen 
Beziehungen  zu  den  verschiedenen  Organen  (s.  oben)  eine  Rolle  spielen, 
klassiflziert.  Dabei  fehlt  es  aber  nicht  an  richtigen  Beobachtungen. 
So  ist  den  Chinesen  die  Unverträglichkeit  und  der  Antagonismus  ge- 
wisser Substanzen,  also  auch  die  Existenz  von  Gegengiften  bekannt. 
Interessant  sind  die  Anklänge  an  unsere  moderne  Organtherapie. 

Verabreicht  werden  die  Heilmittel   in  Form  von  Dekokten,  Mix- 


30  B-  Scheube. 

turen,  Pulvern,  Pillen,  Boli,  Latwergen,  Suppositorien,  auch  in  Fett 
gebraten.  Dagegen  giebt  es  in  der  chinesischen  Pharmazie  keine 
Arzneimittel,  die  auf  komplizierterem  Wege,  chemisch  zubereitet 
werden,  wie  Extrakte,  verdickte  Säfte,  Tinkturen, 

Jedes  Eezept  ist  in  der  Regel  aus  einer  Anzahl  von  Mitteln  zu- 
sammengesetzt, von  denen  einem  oder  zwei  die  Hauptwirkung  zukommt, 
während  die  anderen  als  Adjuvantien  dienen.  Je  voluminöser  die 
Arzneien  sind,  von  desto  besserer  Wirkung  werden  sie  gehalten.  Bei 
den  Verordnungen  sollen  stets  auch  Jahreszeiten  und  Wetter  berück- 
sichtigt werden.  Ferner  kommen  verschiedene  Mittel  zur  Anwendung, 
je  nachdem  die  Krankheit  einen  Mann  oder  eine  Frau  betriift. 

Bei  der  Zusammensetzung  der  Eezepte  spielt  der  Glaube  an  den 
Einfluss  gewisser  Zahlen,  namentlich  der  5  und  3,  eine  grosse  Rolle. 
Die  Zahl  der  verordneten  Substanzen  pflegt  daher  5,  3  oder  Multipla 
von  diesen  zu  betragen,  selten  sind  es  weniger  als  9  oder  10,  und 
man  lässt  gewöhnlich  5  Gaben,  5  Boli  u.  s.  w.  nehmen. 

Ausserordentlich  verbreitet  sind  die  Geheimmittel.  Es  dürfte 
wohl  kaum  ein  zweites  Land  in  der  Welt  geben,  das  eine  so  grosse 
Zahl  von  solchen  besitzt  als  China  wegen  des  Aberglaubens,  von 
w^elchem  hier  alle  Schichten  der  Bevölkerung  durchdrungen  sind.  Die- 
selben pflegen  sowohl  von  Aerzten  als  Droguisten  verkauft  zu  werden. 
Unter  ihnen  nehmen  den  ersten  Platz  die  sogenannten  Frühlings- 
rezepte (Chun-fan),  unter  welchen  Aphrodisiaka  zu  verstehen 
sind,  ein. 

Bei  dem  allgemeinen  Aberglauben,  der  in  China  herrscht,  kann 
es  nicht  Wunder  nehmen,  dass  dort  auch  die  theurgische  Be- 
handlung derKrankheiten  durch  Amulette,  Anbetung  von  Götzen- 
bildern, Kurieren  nach  Anleitung  der  Geister,  Beschwörung  und  Aus- 
treibung derselben  u.  s.  w.  sehr  verbreitet  ist.  Dieselbe  wird  meistens 
von  Taoisten -Priestern,  aber  auch  von  Aerzten  vorge- 
nommen, von  letzteren  namentlich  auf  dem  Lande,  wo  sie  zugleich 
die  Stelle  der  Astrologen  zu  versehen,  über  glückliche  und  unglück- 
liche Tage,  Günstigkeit  und  Ungünstigkeit  eines  Platzes  für  den 
Hausbau,  Anlage  eines  Begräbnisses  u.  s.  w.  zu  wahrsagen  pflegen. 
In  alten  Zeiten  waren  überhaupt  Heilkunst,  Zauberei  und  Wahrsage- 
kunst eng  mit  einander  verbunden,  ja  galten  geradezu  für  identisch, 
was  auch  daraus  hervorgeht,  dass  die  medizinischen  und  astrologischen 
Bücher  von  der  Verordnung  des  despotischen  Kaisers  Shi-hwang-ti 
(221 — 210  V.  Chr.),  der  alle  Bücher,  als  der  Moral  nachteilig,  ver- 
brennen liess,  w^eil  er  glaubte,  die  höhere  Bildung  seiner  Unterthanen 
könne  seine  Herrschermacht  beeinträchtigen,  ausgeschlossen  waren. 

Die  Chirurgie  ist  bei  den  Chinesen  nicht  aus  den  Kinder- 
schuhen herausgekommen.  Dieselbe  beschränkt  sich  in  der  Haupt- 
sache auf  das  Verbinden  von  Geschwüren  und  Wunden  mit  Salben, 
w^obei  mit  Fäden  aus  der  Rinde  des  Maulbeerbaumes  genäht  wird, 
das  Kauterisieren  mit  dem  Glüheisen,  welches  bei  alten  Geschwüren 
und  zur  Entfernung  wilden  Fleisches  sowie  gegen  den  Biss  toller 
Hunde  zur  Anwendung  kommt,  das  Anlegen  primitiver  Frakturver- 
bände, das  Eröffnen  oberflächlicher  Abscesse. 

Zwei  weitere  Operationen,  die  häufig  ausgeführt  werden  und  bis 
ins  hohe  Altertum  zurückreichen,  sind  die  Kastration  und  die  Ver- 
krüppelung  der  Füsse. 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  31 

Die  Kastration  kam  ursprünglich  als  Strafe  —  als  solche  wird  die- 
selbe schon  1100  V.  Chr.  erwähnt  —  später  zu  dem  Zwecke,  Eunuchen 
für  den  Dienst  in  den  Palästen  des  Kaisers  und  einiger  Mitglieder  der  kaiser- 
lichen Familie,  welche  allein  das  Privileg  solche  zu  halten  haben,  zu  liefern, 
zur  Anwendung.  Die  Zahl  der  Eunuchen,  welche  nur  in  Peking  angetroffen 
werden,  ist  im  letzten  Jahrhundert  bedeutend  zurückgegangen,  von  etwa 
6000  auf  1000.  Die  Operation  wird  von  Spezialisten  ausgeführt,  deren 
Handwerk  in  ihren  Familien  erblich  bleibt.  Vor  derselben  werden  die 
Geschlechtsteile  unempfindlich  gemacht,  was  nach  einer  Angabe  durch 
Kneten  im  heissen  Bade,  nach  einer  anderen  durch  Baden  in  bestimmten 
Mitteln  geschieht.  Dann  werden  Penis  und  Scrotum  zusammengefasst  und 
mit  einer  seidenen  Binde  sehr  fest  eingewickelt,  so  dass  das  Ganze  die  Form 
einer  "Wurst  bekommt.  Darauf  schneidet  der  Operateur  mit  einem  mittels 
einer  Schere  oder  einem  sichelförmigen  Messer  geführten  Schnitte  die  Or- 
gane dicht  vor  dem  Schambogen  ab.  Sein  Gehilfe  drückt  eine  Hand  voll 
styptisches  Pulver,  das  aus  wohlriechenden  Harzen,  Alaun  und  Wundschwamm 
besteht,  auf  die  Wunde  und  setzt  die  Kompression  und  das  Auflegen  des 
Pulvers  fort,  bis  die  Blutung  steht.  Sodann  wird  nach  Einführung  eines 
nagelfömigen  Stöpsels  aus  Holz  oder  Metall  in  die  Harnröhre  fest  verbunden 
und  die  Heilung  der  Natur  überlassen.  Unmittelbar  nach  der  Operation 
wird  der  Operierte"  unter  die  Arme  gefasst  und  2 — 3  Stunden  im  Zimmer 
herumgeführt,  damit  die  normale  Cirkulation  der  Körpersäfte  wieder  her- 
gestellt wird,  und  dann  erst  ins  Bett  gebracht.  3  Tage  lang  darf  er  nichts 
trinken  und  der  Verband  nicht  abgenommen  werden.  Kann  er  nach  Ab- 
lauf dieser  Zeit  urinieren,  so  gilt  er  als  gerettet,  und  die  Heilung  erfolgt 
gewöhnlich  in  100  Tagen.  Wenn  nach  4  Tagen  kein  Harn  gelassen  wird, 
pflegt  der  Tod  unter  septischen  Erscheinungen  einzutreten.  Selten  wird 
der  Tod  durch  Blutung  veranlasst. 

Nach  Stricker,  stirbt  von  den  kastrierten  Erwachsenen  die  Hälfte, 
von  den  Kindern  ein  Drittel,  während  nach  Stent  die  Sterblichkeit  nur 
2  ^Iq  betragen  soll.  Obwohl  von  den  Kastrierten  hölzerne  Dilatatoren  ge- 
tragen zu  werden  pflegen,  entwickeln  sich  doch  bei  den  meisten  Strikturen 
mit  ihren  Folgeerscheinungen. 

Nach  Martin,  der  eine  von  der  obigen  abweichende  Beschreibung 
giebt,  wird  die  Kastration  auf  unblutige  Weise  vorgenommen.  Nach- 
dem die  Knaben  14  Tage  lang  eine  besondere  Diät  erhalten  haben,  werden 
einige  Tage  Waschungen  und  Umschläge  auf  die  Geschlechtsteile  mit  einer 
aus  10  Pflanzen  zusammengesetzten  Mixtur  gemacht,  um  dieselben  unem- 
pfindlich zu  machen.  Dann  werden  allmählich  verstärkte  Torsionen  vorge- 
nommen, zu  denen  später  noch  Ligaturen  mit  Seidenfäden  hinzukommen, 
um  Gangrän  der  Genitalien  zu  erzeugen,  während  die  Flüssigkeitszufuhr 
möglichst  eingeschränkt  wird.  Nach  15 — 20  Tagen  stossen  sich  die  gan- 
gränösen Geschlechtsteile  ab,    und    nach  2  Monaten  ist  die  Heilung  erfolgt. 

Die  entfernten  Geschlechtsteile  werden  von  den  Eunuchen  in  Spiritus 
aufbewahrt  und  nach  dem  Tode  mit  ins  Grab  genommen,  da  nach  der  religiösen 
Anschauung  der  Chinesen  für  den,  welcher  mit  verstümmeltem  Körper  das 
Reich  der  Toten  betritt,  eine  Vereinigung  mit  den  Vorfahren  nicht  möglich  ist. 

Wahrscheinlich  gleichfalls  sehr  alt  ist  die  Verkrüppelung  der 
Füsse,  welche  bei  den  Mädchen  der  höheren  Stände  zur  Ausführung 
kommt,  eine  Sitte,  die  übrigens  von  den  Mandschu,  welche  in  der  Mitte  des 
17.  Jahrhunderts  das  chinesische  Reich  eroberten  und  jetzt  den  Thron  inne- 
haben,   nicht    angenommen   worden   ist.     Mit  dieser  Operation  beginnt  man 


32  B.  Scheube. 

etwa  im  7.  Lebensjahrej  indem  man  die  Füsse  durch  feste  Einwickelungen 
in  der  Weise  einpresst,  dass  die  2. — 5.  Zehe  untergebogen  und  gleich- 
zeitig die  Fersen  nach  oben  und  rückwärts  gezwängt  werden.  Die  Folge 
dieser  Verkrüppelung  ist,  dass  die  Frauen  sich  schwer  fortbewegen  können 
und  wegen  ihres  unsicheren  Ganges  sehr  leicht  fallen,  so  dass  sie  grössten- 
teils aufs  Haus  angewiesen  sind.  Vielleicht  liegt  in  dieser  Fesselung  ans 
Haus  überhaupt  der  Zweck  der  ganzen  Sitte. 

Nach  M  o  r  a  c  h  e  hat  die  Verkrüppelung  der  Füsse  eine  Hypertrophie 
des  Mons  Veneris  und  der  grossen  Schamlippen  zur  Folge,  während  sich 
die  Scheide  an  dieser  Hypertrophie  nicht  zu  beteiligen  scheint.  Der  ge- 
nannte Autor  ist  daher  geneigt  in  dieser  für  das  sexuelle  Leben  nicht  be- 
deutungslosen Folgeerscheinung  den  Zweck  der  Operation  zu  suchen. 

lieber  einen  angeblichen  grossen  Chirurgen  findet  sich  eine  Notiz  in 
dem  im  15.  Jahrhundert  verfassten  Ku-kin-i-tong  (allgemeine  Samm- 
lung alter  und  neuer  Medizin).  Nach  derselben  führte  der  im  3.  Jahr- 
hundert lebende  Arzt  H  o  a  t  h  o  ,  nach  anderer  Schreibweise  C  h  u  a  - 1  o  , 
grosse  Operationen,  wie  Oeffnung  der  Hirnschale ,  Ausschneidung  von 
Knochen,  Amputationen,  aus  und  wandte  bei  diesen  künstliche  An- 
ästhesie an,  indem  er  den  Kranken  Ma-yo  (Ma-jao),  was  8 tan. 
Julien  mit  „Hanfpräparat",  Tatarinoff  mit  „einschläfernder  Arznei"  über- 
setzt, gab,  wodurch  dieselben  so  unempfindlich  wurden,  als  ob  sie  betrunken 
oder  des  Lebens  beraubt  gewesen  wären,  aber  nach  einigen  Tagen  wieder 
ganz  hergestellt  waren,  ohne  bei  der  Operation  die  geringsten  Schmerzen 
empfunden  zu  haben.  Da  diese  Operationen  nirgends  näher  beschrieben 
worden  sind  und  keine  Nachahmung  gefunden  haben,  verweist  Tatarinoff 
wohl  mit  Recht  dieselben  ins  Bereich  der  Fabel. 

Der  Aderlass  kommt  in  China  sehr  selten  zur  Anwendung,  da 
die  Chinesen  sehr  blutscheu  sind.  Häufiger  bedienen  sie  sich  des 
trockenen  Schröpfens.  Dabei  wird  zuerst  ein  kleines  Wachslicht 
auf  den  zu  schröpfenden  Körperteil  gesetzt,  darüber  kommt  ein  kupferner 
Schröpf  köpf,  welcher  auf  seiner  oberen  Fläche  eine  kleine,  mit  Wachs 
verschlossene  Oeffnung  hat.  Aus  letzterer  wird  nach  Beendigung  der 
Operation  das  Wachs  mittels  einer  Nadel  herausgenommen,  so  dass  die 
Luft  eindringen   und  der  Schröpfkopf  wieder   entfernt  werden   kann. 

Die  Klystiere  sind  den  Chinesen  erst  durch  die  Portugiesen, 
welche  in  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  nach  China  kamen 
und  sich  in  Macao  festsetzten,  bekannt  geworden,  werden  von  ihnen 
aber  wenig  gebraucht. 

Häufig  angewandte  Verfahren  sind  dagegen  Moxibustion, 
Akupunktur,  Massage  undHeilgymnastik,  deren  Ausübung 
aber  meist  nicht  in  den  Händen  von  Aerzten  liegt. 

Die  Moxibustion  kommt  zur  Anwendung  bei  schmerzhaften 
Affektionen,  damit  die  stagnierende  Materie,  welche  die  Krankheit  ver- 
ursacht, in  Bewegung  gesetzt  und  ihr  eine  Ausgangspforte  geöffnet 
wird.  Die  Chinesen  bedienen  sich  zu  derselben  des  Schwefels,  der 
Wolle,  mit  Oel  gedrängten  Binsenmarks,  vor  allem  aber  der  Artemisia 
vulgaris.  Die  unter  besonderen  Kautelen  gepflückten  und  getrockneten 
Blätter  der  letzteren  werden  zu  einer  wolligen,  zunderähnlichen  Masse 
zerstampft  und  sodann  zu  kleinen  Kegeln  geknetet,  die  man  auf  den 
betreffenden  Körperteil  mittels  einer  durchlochten  Münze  oder  Metall- 
platte aufsetzt  oder  direkt  mit  Speichel  aufklebt  und  darauf  anzündet. 
Je  nach  der  Krankheit  sind  Applikationsstellen  und  Zahl  der  Moxen 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  33 

verschieden.  So  werden  diese  bei  Magenkrankheiten  auf  den  Schultern, 
bei  Brustkrankheiten  auf  dem  Rücken,  bei  Zahnschmerzen  am  Daumen, 
bei  venerischen  Affektionen  längs  der  Wirbelsäule  aufgesetzt.  Es  giebt 
auch  bestimmte  Kontraindikationen  gegen  ihre  Anwendung ;  eine  solche 
kann  z.  B.  das  Wetter  bilden.  Die  Moxibustion  ist  ein  so  populäres 
Heilmittel,  dass  sie  wie  bei  uns  früher  der  Aderlass  prophylaktisch 
von  Zeit  zu  Zeit  gebraucht  zu  werden  pflegt. 

Die  Akupunktur  (Chin-kieu)  wird  bei  Störungen  in  der 
Cirkulation  der  Luft  und  des  Blutes  angewandt,  indem  dieselbe  dazu 
dient,  schädliche  Flüssigkeit  oder  Luft  herauszulassen  oder  auch  der 
äusseren  Luft  Eintritt  zu  gewähren.  Sie  ist  daher  bei  den  verschie- 
densten Krankheiten  in  Gebrauch.  Sie  wird  mit  feinen  Nadeln  aus 
Gold.  Silber  oder  gehärtetem  Stahl,  die  5—22  cm  lang  sind  und  ver- 
schiedene Formen  haben,  ausgeführt.  Mittels  eines  kurzen  Schlages 
mit  dem  Finger  oder  einem  kleinen  Hammer  auf  den  spiralig  aus- 
gekehlten Kopf  der  Nadel  wird,  während  der  Kranke  hustet,  die 
Spitze  durch  die  gespannte  Haut  eingetrieben  und  dann  die  Nadel 
mittels  leichter  Dreh-  und  Druckbewegungen  weiter  eingeführt.  Die 
Prozedur  ist  nicht  schmerzhaft,  der  Kranke  empfindet  kaum  das  Ein- 
dringen der  Nadel.  Nach  Entfernung  der  letzteren  wird  auf  die 
Einstichstelle  eine  Moxe  gesetzt.  Bezüglich  der  Applikationsstellen 
und  Applikationsweise  bestehen  minutiöse  Vorschriften,  indem  je  nach 
der  Krankheit  Ort  des  Einstichs,  Tiefe  der  Einführung,  Dauer  des 
Liegenlassens,  Zahl  und  Anordnung  der  Nadeln  verschieden  sind.  Es 
giebt  nicht  weniger  als  388  Einstichspunkte,  die  alle  besondere,  oft 
sehr  wichtig  klingende  Namen  haben. 

Die  Massage,  welche  die  Chinesen  den  Indiern  entlehnt  haben 
sollen,  besteht  hauptsächlich  in  Kneten  und  Klopfen.  Dieselbe  kommt 
beim  geringsten  Schmerz,  bei  der  geringsten  Kontusion  zur  Anwendung, 
wird  aber  nicht  von  Aerzten,  sondern  meist  von  alten  Frauen  und 
Blinden  ausgeführt. 

Die  Heilgymnastik  (Kang-fu)  soll  als  prophylaktisches 
und  heilendes  Mittel  schon  in  grauer  Vorzeit  in  Gebrauch  gewesen 
sein.  Dieselbe  wird  zurückgeführt  auf  den  legendhaften  Ch'ih-sung- 
tzu,  welcher  der  Sage  nach  bereits  das  Alter  von  12  Jahrhunderten 
erreicht  hatte,  als  sich  sein  kaiserlicher  Gebieter  und  Herr  H  w  a  n  g  - 1  i 
von  ihm  in  der  Kunst  das  Leben  zu  verlängern  unterrichten  liess. 
Eins  der  wichtigsten  Werke  darüber  wurde  477  von  Tamo,  welcher 
von  Indien  eingewandert  war,  verfasst  und  618  von  Li-yao-shih 
herausgegeben.  Sie  hat  den  Zweck,  die  Cirkulation  der  Lebensluft  zu 
regulieren  und  zu  erhöhen  und  besteht  als  eine  Vorläuferin  der  schwe- 
dischen Heilgymnastik  in  systematischen  Einatmungen  von  Luft,  Rei- 
bungen des  Unterleibs,  die  bei  Störungen  infolge  von  Mangel  des 
männlichen  Prinzips  von  einem  Mädchen,  bei  solchen  infolge  von 
Mangel  des  weiblichen  Prinzips  von  einem  Knaben  vorgenommen 
werden,  Schlagen  der  Brust  und  des  Rückens  mittels  eines  mit  Fluss- 
kieseln gefüllten  Sackes,  Bearbeitung  des  Bauches  mit  einer  hölzernen 
Keule,  aktiven  Muskelbewegungen  der  gesamten  Muskulatur  des 
Körpers,  selbst  der  Muskeln  der  Augen,  der  Zunge  und  des  Mundes, 
Widerstandsbewegungen,  bei  denen  der  Widerstand  durch  eine  zweite 
Person  oder  durch  schwere  Gegenstände,  besonders  mit  Steinen  ge- 
füllte Säcke,  hergestellt  wird,   was  alles  zu  einer  planmässigen,  über 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.  3 


34  B-  Scheube. 

viele  Monate  sich  hinziehenden  Kur,  während  welcher  die  Kranken 
enthaltsam  leben  und  den  Geist  ruhen  lassen  müssen,  geordnet  ist. 

Die  Zahnheilkunde,  welche  mit  viel  Charlatanerie  betrieben 
wird,  besteht  nur  in  der  Applikation  reizender  Pasten  und  der  Extraktion 
der  Zähne  mit  Hilfe  von  hebelartigen  Instrumenten,  nachdem  dieselben 
mittels  eines  Pulvers  oder  einer  Paste,  die  ins  Zahnfleisch  gerieben 
werden,  gelockert  worden  sind. 

Die  Geburtshilfe  wird  praktisch  nur  von  Hebammen  aus- 
geübt. Werden  Aerzte  zu  Entbindungen  hinzugezogen,  so  begnügen  sie 
sich  damit,  krampf-  und  schmerzlindernde  Mittel  zu  verordnen;  selbst 
eine  Verbesserung  der  Lage  des  Kindes  erwarten  sie  von  Innern  Mitteln. 
Das  Vorhandensein  und  die  Funktion  der  Gebärmutter  ist  ihnen  un- 
bekannt. Auch  die  Kenntnisse  und  Kunstfertigkeit  der  Hebammen  sind 
gering  und  beschränken  sich  auf  Andeutungen  von  Verbesserung  der 
Lage  der  Frucht,  Ergreifen  der  vorliegenden  Füsse  und  Extraktion, 
Reposition  des  vorgefallenen  Armes  oder  der  vorliegenden  Nachgeburt, 
Entfernung  des  abgestorbenen  Kindes  mittels  eines  eisernen  Doppel- 
hakens, wenn  nötig  nach  Zerbrechen  der  Knochen  mit  der  Hand,  Ampu- 
tation der  Glieder  mit  einem  Messer,  Prozeduren,  welche  nur  zu  oft  auch 
den  Tod  der  Mutter  zur  Folge  haben. 

Nach  der  Entbindung  bekommt  die  Wöchnerin  eine  Tasse  Urin 
eines  3  —  4  jährigen  Kindes  zu  trinken,  wodurch  der  Abgang  des 
schlechten  Blutes  erleichtert  werden  soll,  und  muss  wenigstens  3  Tage 
im  Bett  in  erhöhter  Lage  zubringen,  während  ihre  Nahrung  nur  aus 
Hirse  und  Reiswasser  besteht.  14  Tage  darf  sie  sich  nicht  waschen 
und  kämmen.  Dem  Kinde  wird  am  4.  Tage  auf  das  Nabelschnurende 
eine  Moxe  gesetzt. 

Die  Dauer  der  Schwangerschaft  wird  auf  270  Tage  angenommen. 
Das  Geschlecht  der  Frucht  kann  am  Pulse  der  Mutter  erkannt  werden : 
wenn  der  rechte  Puls  derselben  erhoben  ist,  ist  es  ein  Knabe,  w^emi 
der  linke,  ein  Mädchen,  wenn  beide,  sind  es  Zwillinge  verschiedenen 
Geschlechts. 

Ueber  gerichtliche  Medizin  besitzen  die  Chinesen  das  älteste 
Werk,  welches  existiert.  Dasselbe  ist  betitelt  Si-yuen-luh,  d.  h. 
Sammlung  der  Verfahren,  mit  deren  Hilfe  man  ein  Unrecht  räclit,  und 
stammt  aus  dem  Jahre  1248.  Es  ist  also  fast  300  Jahre  älter  als 
die  ältesten  europäischen  Bücher  über  gerichtliche  Medizin,  die  Bam- 
bergische Halsgerichtsordnung  (1507)  und  Kaiser  Karl  V.  peinliche 
Gerichtsordnung  (1532). 

Das  "Werk  besteht  nach  Maetin  aus  5  Büchern.  Im  ersten  werden 
die  Verantwortliclikeitsfrage,  die  tödlichen  Verletzungen,  die  Vornahme  der 
Leichenbesichtigungen,  welche  in  China  aber  nicht  von  Aerzten,  sondern 
von  Beamten  der  untersten  Hangklasse  vorgenommen  werden,  die  Identi- 
tätsfrage ,  der  künstliche  Abort  und  der  Kindsmord  abgehandelt.  Der 
künstliche  Abort  pflegt  in  China  nicht  durch  Instrumente,  sondern  durch 
Aufstreuen  von  getrockneten  und  pulverisierten  Rindsläusen  und  Blutegeln 
auf  den  Gebärmutterhals  eingeleitet  zu  werden.  Bei  der  Feststellung  der 
Identität  spricht  eine  wichtige  Rolle  die  Blutprobe,  durch  welche  die 
Verwandtschaft  zweier  Personen  bewiesen  wird.  Diese  müssen  sich  einen 
Stich  beibringen  und  das  aus  diesem  austretende  Blut  in  AVasser  fallen 
lassen.  Sind  sie  Vater  und  Kind,  Mutter  und  Kind,  Mann  und  Frau  (!), 
so  fliesst    das  Blut  zusammen,    sonst    nicht.     Zur  Agnoscierung  des  Skelets 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  deu  ostasiatischen  Völkern.  35 

ihrer  Eltern  lassen  auf  dasselbe  die  Kinder  ihr  Blut  fallen :  dringt  dies  in 
die  Knochen  ein,  so  sind  es  die  elterlichen.  Durch  Waschen  derselben  mit 
Salzwasser  kann  das  Gelingen  der  Probe   verhindert  werden. 

Das  zweite  Buch  handelt  von  den  Haussuchungen,  den  gerichtlichen 
Untersuchungen,  vom  Selbstmorde  und  dem  Tode  durch  Strangulation,  Ver- 
brennung und  Ertrinken.  Stark  aufgetriebener  Leib,  am  Kopfe  klebendes 
Haar,  Schaum  vor  dem  Munde,  steife  Hände  und  Füsse,  weisse  Fusssohlen, 
Sand  unter  den  Nägeln  gelten  bei  "Wasserleichen  als  Zeichen  dafür, 
dass  dieselben  lebend  ins  Wasser  gekommen  sind,  während  diese  Zeichen 
fehlen,    wenn    die  Leiche    nach  dem  Tode  ins  Wasser  geworfen   worden   ist. 

Im  dritten  und  vierten  Buche  werden  namentlich  die  Vergiftungen, 
ihre  Erkennung  und  Behandlung  besprochen.  Giftmorde  kommen  in  China 
sehr  häußg  vor.  Die  Gifte,  welche  angeführt  werden,  sind  Croton  Tiglium, 
Arsenik,  Quecksilber,  Pottasche,  Aprikosenkeme  (Blausäure),  Opium.  Zur 
Erkennung  von  Vergiftungen  wird  eine  silberne  Nadel,  die  in  einem  Auf- 
gusse von  Mimosa  saponaria  gewaschen  wurde,  in  den  Mund  der  Leiche 
gesteckt  und  dieser  mit  Papier  verstopft.  Hat  eine  Vergiftung  stattge- 
funden, so  wird  dieselbe  nach  einiger  Zeit  blauschwarz  und  bleibt  es  auch 
beim  Abwaschen  mit  demselben  Aufgusse.  Oder  es  wird  etwas  gekochter 
Reis  in  den  Mund  und  die  Kehle  der  Leiche  gebracht,  der  Mund  24  Stunden 
mit  Papier  bedeckt,  dann  der  Reis  herausgenommen  und  einem  Huhne  zu 
fressen  gegeben.     Stirbt  dies,  so  liegt  eine  Vergiftung  vor. 

Das  fünfte  Buch  enthält  Allgemeines  über  gerichtliche  Untersuchungen 
und  die  Hauptbegriflfe  der  Anatomie  und  Physiologie. 

Dies  Werk  dient  noch  heutigen  Tags  den  chinesischen  Justizbeamten 
zur  Richtschnur.  Beim  Volke  gilt  dasselbe  für  ein  so  unfehlbares 
AVerkzeug  zur  Entdeckung  von  Verbrechen,  dass  die  Verbrecher  es 
für  nutzlos  halten  zu  leugnen  und  Geständnis  ablegen.  Es  ist  daher 
ein  wichtiges  Hilfsmittel  der  chinesischen  Rechtspflege,  dient  aber  auch 
auf  der  anderen  Seite  den  Richtern  als  bequemer  Deckmantel  füi* 
ihre  Missbräuche. 

Erwähnt  sei  noch,  dass  schon  seit  alter  Zeit  in  der  chinesischen 
Rechtspflege  AbdrückederDaumenspitzen,  und  zwar  der  linken 
bei  Männern  und  der  rechten  bei  Frauen,  nicht  nur  als  Unterschriften 
von  Geständnissen,  sondern  auch  bei  den  Signalements  von  Verbrechern 
zur  Verwendung  kommen. 

Der  ärztlicheBeruf  ist  in  China  frei  ebenso  wie  der  Verkauf 
von  Arzneimitteln.  Wer  ersteren  ausübt,  kann  daneben  auch  Staats- 
diener sein  und  eine  Militär-  oder  Zivilstelle  begleiten.  Die  Verfasser 
von  vielen  medizinischen  Werken  waren  Beamte. 

Früher  gab  es  für  die  Ausbildung  der  Aerzte  zahlreiche  Medizin- 
schulen, in  allen  Distriktshauptstädten,  die  namentlich  im  7.  und  12. 
Jahrhunderte  gegründet  wurden.  Dieselben  sind  aber  verschwunden 
wie  die  in  früheren  Jahrhunderten  vorhandenen  Hospitäler.  Ver- 
schwunden sind  auch  die  Prüfungen,  welche  zu  Ende  des  13.  Jahr- 
hunderts unter  dem  mongolischen  Kaiser  Kublai  eingeführt  wurden, 
ebenso  wie  die  drei  Grade  der  Medizin,  welche  von  der  D3^nastie 
Ming  (1368—1644),  unter  deren  Herrschaft  die  Blütezeit  der  chine- 
sischen Medizin  fiel,  analog  den  3  akademischen  Graden  geschaffen 
wurden.  Auch  die  kaiserliche  Medizinschule,  welche  in  neuester  Zeit, 
1894,  auf  Li-hung-changs  Betreiben  in  Tientsin  errichtet  wurde^ 
hat  nur  ein  kurzes  Dasein  gefristet  und  ist  wieder  eingegangen. 

3* 


36  B.  Scheiibe. 

Uebrig-  geblieben  ist  nur  das  unter  der  Dynastie  Ming  gegründete 
Kollegium  der  Aerzte  in  Peking,  T'ai-i-yuen  (hohes  Arzt-Kollegium) 
genannt,  in  welchem  die  Aerzte  für  den  kaiserlichen  Hof  und  alles, 
was  zu  diesem  gehört,  ausgebildet  werden,  und  dem  eine  grössere  Zahl 
von  Aerzten,  teils  Mandschu,  teils  Chinesen,  die  besondere  Titel  führen, 
angehören.  Dasselbe  ist  aber  auch  nur  ein  Schatten  von  dem,  was 
es  früher  war.  Mehr  nach  Gunst  als  nach  Verdienst  verteilt  es  jetzt 
Diplome  an  alle  Schüler,  die  ein  Stück  aus  einem  der  alten  medi- 
zinischen Klassiker  oder  auch  aus  einem  Manuskripte  eines  Mitgliedes 
ihrer  eigenen  Familie,  das  Arzt  war,  auswendig  können. 

In  der  Kegel  gehen  die  Aerzte  in  China  einige  Jahre  bei  älteren 
Kollegen  in  die  Lehre.  Sie  spielen  die  Handlanger  ihrer  Meister, 
lesen  fleissig  deren  Eezepte,  hören  andächtig  auf  jedes  Wörtchen 
Weisheit,  das  ihren  Lippen  entfällt,  und  studieren  nebenbei  die  kano- 
nischen Werke.  Meist  erbt  sich  der  ärztliche  Beruf  vom  Vater  auf 
den  Sohn  fort.  So  giebt  es  Aerztefamilien,  deren  männliche  Mitglieder 
seit  Jahrhunderten  sämtlich  in  gleicher  Weise  Praxis  ausüben,  indem 
die  vorhandenen  Rezepte  und  medizinischen  Bücher  stets  sich  mit  ver- 
erben und  den  gemeinsamen  Quell  ihres  Wissens  bilden.  Im  all- 
gemeinen hat  man  das  meiste  Vertrauen  zu  solchen  Aerzten,  die  eine 
lange  Reihe  von  Berufsahnen  aufzuweisen  haben.  Doch  giebt  es  auch 
viele  Aerzte,  welche  Autodidakten  sind,  indem  sie  irgend  ein  medi- 
zinisches Buch  auswendig  gelernt  oder  auch  nur  einige  Rezeptformeln 
sich  angeeignet  haben.  Ueberhaupt  ist  jetzt  die  Mehrzahl  der  Aerzte 
zu  reinen  Charlatanen  herabgesunken. 

Die  Aerzte,  I  -  s  h  e  n  g  (Herr  Arzt)  genannt,  gehören  zu  der  zweiten 
der  beiden  Klassen,  in  welche  sich  die  chinesische  Gesellschaft  scheidet, 
zum  Volke  (Min),  nur  die  Mitglieder  des  ärztlichen  Kollegiums  werden 
zur  ersten,  zu  den  Wohlgeborenen  (C  h  e  n),  die  sich  aus  den  Zivil-  und 
Militärbeamten  zusammensetzt,  gerechnet. 

Sie  haben  keine  besondere  Tracht.  An  ihren  Häusern  sind  farbige 
Aushängeschilder  angebracht,  auf  denen  in  goldenen  Charakteren  teils 
die  Namen  der  Häuser,  teils  schmeichelhafte  Inschriften,  welche  ihre 
Kunst  preisen  und  ihnen  von  dienstfertigen  Freunden  oder  Patienten 
gewidmet  sind,  stehen. 

Das  Spezialistentum  ist  in  China  ausserordentlich  entwickelt,  meist 
legen  sich  die  Aerzte  nur  auf  die  Behandlung  bestimmter  Krankheiten. 
So  giebt  es  Aerzte  für  innere,  äussere,  Kinder-,  Frauen-,  Augen-,  Zahn- 
und  Mundkrankheiten,  Erkältungsfieber,  Schlagflüsse,  Kinderausschläge 
(besonders  Pocken  und  Masern). 

Auf  dem  Lande  pflegen  die  Aerzte  ihre  Rezepte  selbst  anzu- 
fertigen, während  in  den  Städten  dieselben  in  Apotheken  bereitet 
werden. 

Die  Bezahlung  der  Aerzte  ist  eine  schlechte.  Ständige,  fixierte 
Hausärzte  haben  nur  die  Fürsten  (Mandschu). 

Es  ist  üblich,  dass  die  Aerzte  ihre  Kranken  nur  besuchen, 
wenn  sie  gerufen  werden ,  ein  Brauch ,  der  ihnen  die  Möglich- 
keit nimmt,  Krankheiten  zu  beobachten  und  die  Wirkung  von  Arznei- 
mitteln kennen  zu  lernen.  Ihre  Besuche  machen  sie  möglichst  früh 
am  Morgen,  weil  sie  glauben  sich  zu  dieser  Zeit  besser  ein  Urteil  über 
die  Natur  der  Krankheit  bilden  zu  können.  Schwierige  Fälle  pflegen 
sie  nicht  in  Behandlung  zu  nehmen  aus  Furcht  für  ihren  Ruf  und 
auch   für  ihre   Sicherheit.     Denn  es  steht  Strafe  sowohl  auf  unvor- 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  37 

schriftsmässiger  Bereitung  der  Arzneien  als  auch  auf  unvorschrifts- 
mässiger,  den  Lehren  der  alten  Autoren  zuwiderlaufender  Behandlung, 
die  den  Tod  zur  Folge  gehabt  hat,  unter  Umständen  sogar  Todesstrafe. 
Die  Folge  dieser  Bestimmung  ist,  dass  sich  die  Aerzte  innerhalb  des 
Kreises  der  klassischen  Formeln  halten,  die  sie  vor  jedem  Prozess 
schützen. 

Die  eben  erwähnten  Thatsachen  tragen  sicher  im  Verein  mit  dem 
Verbote  der  Sektionen  zum  Teil  wenigstens  mit  die  Schuld  an  dem 
niederen  Stande,  auf  welchem  die  Medizin  in  China  stehen  geblieben  ist. 

Ebensow^enig  wie  sich  der  chinesische  Staat  in  der  Gegenwart  um 
die  Ausbildung  der  Aerzte  kümmert,  hat  er  auch  für  Anstalten  und 
Einrichtungen  des  öffentlichen  Gesundheitswesens  gesorgt,  wenn  man 
von  höchst  dürftigen  Niederlassungen  für  Aussätzige  im  südlichen  China, 
besonders  in  der  Umgebung  von  Kanton,  absieht.  Die  Krankenhäuser, 
welche  es  in  China  giebt,  sind  entweder  von  fremden  Missionsgesell- 
schaften, von  denen  namentlich  die  1838  gegründete  Medical 
Missionary  Society,  welche  sich  auch  um  die  Uebersetzung  von 
medizinischen  Werken  ins  Chinesische  verdient  gemacht  hat,  zu  er- 
wähnen ist,  errichtet  worden  oder  stehen  in  Verbindung  mit  dem 
unter  englischer  Leitung  stehenden,  die  Kontrolle  über  die  auf  den 
Fremdhandel  entfallenden  Aus-  und  Eingangszölle  führenden  See- 
Zollamte.  An  denselben  ist  den  chinesischen  Aerzten  Gelegenheit 
geboten  sich  auszubilden,  von  welcher  aber  dieselben  nur  verhältnis- 
mässig wenig  Gebrauch  machen.  Seit  kurzem  erscheint  in  Hongkong 
die  erste,  monatlich  herauskommende  Zeitschrift  für  Medizin.  So 
findet  die  abendländische  Medizin  nur  langsam  Eingang  in  China  und 
hat  vielfach  nicht  nur  mit  Indifferentismus,  sondern  sogar  mit  directem 
Widerstände  zu  kämpfen.  Aber  wenigstens  eine  Segnung  derselben 
fangt  an  sich  immer  mehr  im  Eeiche  der  jNIitte  auszubreiten  und  feste 
Wurzel  zu  fassen.  Es  ist  dies  die  Schutzpockenimpfung.  Das 
Verdienst,  diese  in  China  eingeführt  zu  haben,  gebührt  dem  Engländer 
Alexander  Pearson,  der  1805  dort  die  ersten  Impfungen  vornahm. 

II.  Japaner. 

Die  Medizin  des  alten  Japan  ist  nicht  einheimischen  Ursprungs, 
sondern  stammt  wie  überhaupt  dessen  ganze  Kultur  aus  China. 
Ho  ff  mann  vergleicht  erstere  treffend  mit  „einem  von  China  nach 
Japan  verpflanzten  Baume,  der  trotz  des  fremden  Bodens  und  des 
fremden  Gärtners  seinen  heimischen  Charakter  und  alle  seine  ursprüng- 
lichen Eigenschaften  bis  in  die  neueste  Zeit  ganz  unverfälscht  bewahrt 
hat".  Die  Brücke,  auf  welcher  die  Heilkunde  von  China  nach  Japan 
übergewandert  ist,  ist  dieselbe,  auf  der  auch  die  übrigen  AVissenschaften, 
Künste  und  Industrien  sowie  der  Buddhismus  von  dort  herübergekommen 
sind,  das  zwischen  beiden  liegende  Korea. 

Mit  diesem  Lande  kam  Japan  zum  ersten  Male  zu  Anfang  des 
3.  Jahrhunderts  der  christlichen  Zeitrechnung  durch  den  siegreichen 
Feldzug  der  grossen  Kaiserin  Jingu  in  nähere  Berührung,  und  nach 
demselben  begann  auf  diesem  Wege  chinesische  Civilisation  und  Kultur 
in  Japan  Eingang  zu  finden.  Aber  schon  lange  vorher,  im  2.  vor- 
christlichen Jahrhundert,  waren  die  Japaner  bereits  einmal  in  Be- 
ziehung zur  chinesischen  Heilkunde  getreten.  Denn  es  wird  berichtet, 
dass  unter  der  Eegierung  der  Kaiserin  Kogen  (214 — 158  v.  Chr.)  ein 


gg  B.  Scheube. 

chinesischer  Arzt,  der  aus  politischen  Gründen  sein  Vaterland  verlassen 
hatte,  mit  300  jung-en  Leuten  nach  Japan  kam.  Von  Jing-us  Zeiten 
an  wurden  häufig  Söhne  koreanischer  Könige  medizinische  Instruktoren 
von  Söhnen  japanischer  Kaiser.  Im  Jahre  414  ward  ein  chinesischer 
Arzt,  der  in  Korea  lebte,  zum  schwer  erkrankten  Kaiser  nach  Japan 
gerufen.  553  Hess  der  Kaiser  zahlreiche  Gelehrte,  darunter  auch 
Aerzte  und  Botaniker,  aus  Korea  kommen,  und  von  nun  an  breitete 
sich  die  koreanisch-chinesische  Medizin  immer  mehr  im  Lande  aus. 
Zu  Ende  des  7.  und  im  Anfang-e  des  8.  Jahrhunderts  fing-  man  an, 
Medizin  schulen  unter  koreanischer  Leitung  sowohl  in  der  Hauptstadt 
als  in  den  Provinzen  zu  errichten.  In  denselben  wurden  auch  Spezial- 
kurse  für  Akupunktur,  Moxibustion,  Massage,  Frauen-  und  Augen- 
krankheiten abgehalten,  und  es  fanden  auch  Frauen,  welche  meist  dem 
kaiserlichen  Hofe  angehörten,  Ausbildung  in  Geburtshilfe  und  nebenbei 
in  Akupunktur,  Moxibustion  und  Massage.  Ueberhaupt  war  zu  jener 
Zeit  die  ärztliche  Praxis  nicht  auf  die  Männer  beschränkt;  es  kam 
sogar  vor,  dass  weibliche  Professoren  angestellt  wurden.  Ferner 
wurden  Anstalten,  in  denen  Arzneien  und  Nahrungsmittel  an  Arme 
verteilt  wurden,  sowie  Hospitäler  für  Arme  gegründet.  Vom  7.  Jahr- 
hundert an  begannen  die  Japaner  die  chinesische  Medizin  auch  an  der 
Quelle  zu  studieren.  Mit  jeder  Gesandtschaft  wurden  junge  Männer 
auf  Staatskosten  nach  China  gesandt,  um  sich  hier  in  den  Wissen- 
schaften, speziell  der  Medizin,  auszubilden.  Während  der  Bürgerkriege, 
von  denen  Japan  vom  12. — 16.  Jahrhundert  heimgesucht  wurde,  geriet 
mit  den  übrigen  Wissenschaften  auch  die  Medizin  in  Verfall,  die 
Prüfungen,  welche  eingeführt  worden  waren,  wurden  abgeschafft,  die 
Schulen  gingen  ein,  doch  begaben  sich  noch  immer  Aerzte  zum  Studium 
nach  China,  und  wiederholt  ereignete  es  sich,  dass  japanische  Aerzte, 
welche  sich  dort  einen  Namen  gemacht  hatten,  an  das  Krankenbett 
des  Kaisers  von  China  gerufen  wurden. 

Die  Zahl  der  chinesischen  Werke,  aus  denen  die  japanischen 
Aerzte  ihre  Kenntnisse  schöpften,  ist  eine  beschränkte.  Namentlich 
sind  es  die  folgenden: 

1.  S  h  ö  -  k  a  n  -  r  0  n  ^)  (S  h  a  n  g  -  h  a  n  - 1  u  n  ^) ),  Lehre  von  den  fieber- 
haften Krankheiten,  von  Cho-chiyu-kei,  der  um  200  n.  Chr.  lebte; 

2.  Kin -ki  ^)  (Kin-kwei -)),  goldener  Kasten,  welcher  die  nicht 
fieberhaften  Krankheiten  behandelt,  von  demselben  Verfasser; 

3.  Nan-kyö^)  (Nan-king^)),  über  schwierige  Krankheiten, 
von  Hen-jaku  aus  dem  3.  Jahrhundert  v.  Chr.; 

4.  S  0  -  m  0  n  ^)  (S  u  -  w  a  n  -) ),  Fragestücke  des  S  o  k  o ,  von  demselben 
Verfasser ; 

5.  R  e  i  -  s  u  i  ^)  (L  i  n  g  -  c  h  *"  u  -)),  heiliger  Mittelpunkt,  der  über  innere 
Medizin  und  Akupunktur  handelt  und  gleichfalls  Hen-jaku  zum  Ver- 
fasser hat. 

Es  giebt  zwar  auch  eine  grosse  japanische  Litteratur,  aber  diese 
besteht  der  Hauptsache  nach  in  nichts  anderem  als  Exzerpten  und 
Zusammenstellungen  aus  den  alten  chinesischen  Klassikern,  zu  denen 
im  günstigsten  Falle  einige  eigene  Bemerkungen  der  Verfasser,  welche 
bezwecken,  die  Berechtigung  der  verschiedenen  Lesarten  in  den 
chinesischen   Werken    zu   erweisen   und  Erklärungen    zum  Texte   zu 


^)  Japanische  Aussprache. 
^)  Chinesische  Aussprache. 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  39 

liefern,  hinzukommen.  Ueber  letzteren  hinaus  erstreckt  sich  die  Kritik 
nicht,  die  Autorität  der  alten  Autoren  selbst  wird  niemals  angefochten. 
Das  Fundament  der  Pharmakologie  bildet  das  chinesische 
Hauptwerk  Pän-ts'ao-kang-muh  (in  japanischer  Aussprache  H o n - 
zö-ko-moku).  Auf  diesem  basieren  auch  die  beiden  neueren  japani- 
schen Pharmakopoen : 

1.  Hon-zo-ko-moku  kei-mo  (Buch,  durch  welches  die  Dunkel- 
heit aus  dem  Hon-zo-ko-moku  vertrieben  wird)  von  Ono  Ean- 
zan.  1804  erschienen  und  aus  48  Teilen  bestehend,  eine  Pharmako- 
gnosie Japans,  in  der  mit  grosser  Genauigkeit  die  Namen  und  physi- 
kalischen Eigenschaften  sowie  die  Fundorte  in  Japan  der  im  H.  auf- 
geführten Arzneimittel  beschrieben  werden,  und 

2.  Yamato-hon-zo  (japanisches  H.)  von  Kai- Bar a,  1709  er- 
schienen, ein  16  bändiges  Handbuch  der  Naturgeschichte  Japans  und 
der  rein  japanischen  Droguen,  in  dem  die  therapeutische  Anwendung 
derselben  keine  Berücksichtigung  findet. 

Bevor  die  chinesische  Medizin  in  Japan  eingeführt  wurde,  gab  es 
hier  bereits  eine  uralte  einheimische  Heilkunde,  als  deren  Begründer 
die  Gottheiten  0-na-muchi-no-mikoto  und  Sukuna-hiko- 
na-no-mikoto,  welche  viele  100  Jahre  vor  der  christlichen  Aera 
lebten,  angesehen  werden.  Auch  wird  in  dem  im  8.  Jahrhundert  ver- 
fassten  N  i  h  o  n  g  i  (japanische  Annalen)  berichtet,  dass  im  Zeitalter  der 
Götter  von  einem  Kaiser  Sanitätsoffiziere  angewiesen  worden  seien, 
mit  Medizinalpflanzen  Versuche  an  Affen  anzustellen  und  auch  deren 
Leiber  zu  sezieren,  wodurch  der  Bau  des  Körpers  bekannt  wurde. 
Als  im  9.  Jahrhundert  die  chinesische  Medizin  einen  solchen  Eingang 
und  eine  solche  Verbreitung  in  Japan  gefunden  hatte,  dass  zu  be- 
fürchten stand,  dass  die  alte  einheimische  Heilkunde,  wie  sie  in  alten 
Zeiten  von  den  Göttern  den  Menschen  gelehrt  wurde,  verloren  ginge, 
beauftragte  der  Kaiser  Heiz  ei  in  der  Periode  Daido  (806 — 810) 
seine  beiden  Leibärzte  A b e  Manao  und  Idzumo  Hirosada  damit, 
die  Formeln  und  Anwendungsweisen  der  alten  Rezepte  aus  alten  Ur- 
kunden in  Dörfern  und  Shintoterapeln  und  von  bekannten  Landärzten, 
die  noch  nach  den  alten  Methoden  kuiierten  und  die  Kenntnis  dieser 
Vorschriften  geheim  gehalten  hatten,  zu  sammeln  und  aufzuzeichnen. 
So  entstand  das  Werk  Daido-rui-shiu-ho  (nach  Klassen  geordnete 
Rezeptsammlung  aus  der  Periode  Daido).  Leider  geriet  dasselbe  in 
Vergessenheit,  wie  überhaupt  die  ganze  Reaktion  von  kurzer  Dauer 
war,  und  ist  ohne  Einfluss  auf  die  japanische  Heilkunde  geblieben, 
obwohl  es  den  Stempel  einer  für  Zeit  und  Volk  bewundernswerten 
Objektivität  trägt  und  so  sehr  vorteilhaft  von  der  oft  in  pliilosophischen 
Spekulationen  sich  verlierenden  chinesischen  Litteratur  sich  auszeichnet. 
Erst  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts  erschien  es  zum  ersten  Male  im 
Drucke,  aber  nach  einer  unvollständigen  Handschrift.  Im  Jahre  1827 
wurde  in  einem  Tempel  der  Provinz  Bungo  auf  der  Insel  Kiushiu  ein 
gut  erhaltenes  Manuskript  aufgefunden  und  herausgegeben,  und  seit- 
dem sind  mehrmals  neue  Auflagen  erschienen.  Das  Buch,  in  dessen 
Texte  viele  schwarze  Quadrate  unleserliche  Stellen  in  der  Handschrift 
bezeichnen,  zerfällt  in  100  Kapitel.  Die  ersten  13  enthalten  ein  Ver- 
zeichnis von  Arzneimitteln,  grösstenteils  Pflanzen,  die  sich  nach  den 
gebrauchten  Namen  jetzt  vielfach  nicht  mehr  identifizieren  lassen.  In 
den  übrigen  Kapiteln  werden  122  verschiedene  Krankheiten  bezw 
Kraukheitssj'mptome  abgehandelt,    unter  diesen  befinden  sich  auch 


40  B.  Sclieube. 

wodurch  das  Werk  noch  ein  ganz  besonderes  Interesse  gewinnt,  Lepra 
und  Syphilis.  Letztere  wird  in  ihren  verschiedenen  Formen,  deren 
Zusammengehörigkeit  richtig  erkannt  ist,  beschrieben.  Daido-rui- 
shiu-ho  wäre  hiernach  das  älteste  jetzt  bekannte  Werk  überhaupt, 
in  dem  die  Syphilis  mit  ihren  primären,  sekundären  und  tertiären  Er- 
scheinungen beschrieben  wird  und  uns  die  Auffassung  derselben  als 
konstitutionelle  Krankheit  entgegentritt.  Neuerdings  wird  jedoch  nach 
Okamura  die  Echtheit  dieser  Schrift  von  gediegenen  Kennern  der 
altjapanischen  Litteratur  in  Zweifel  gezogen.  Der  genannte  Autor 
vertritt  die  Ansicht,  dass  die  Syphilis  erst  seit  dem  16.  Jahrhunderte 
in  Japan  heimisch  ist.  Er  weist  darauf  hin,  dass  die  am  Ende  des 
16.  Jahrhunderts  verfassten  Bücher  Beschreibungen  dieser  Krankheit 
enthalten,  welche  eine  grosse  Uebereinstimmung  mit  denen  der  chine- 
sischen Werke  aus  jener  Zeit  zeigen,  und  führt  sogar  2  Schriftsteller, 
allerdings  erst  aus  der  1.  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  an,  nach  denen 
die  Syphilis  im  Jahre  1569  durch  fremde  Handelsschiffe  in  den  Hafen 
von  Nagasaki,  w^elcher  damals  für  den  Handel  und  Verkehr  mit  den 
Fremden  (Portugiesen  und  Chinesen)  bestimmt  war,  eingeschleppt 
Avorden  sein  und  von  da  sich  über  das  Land  verbreitet  haben  soll. 

Vereinzelte  Ueberbleibsel  der  alten  japanischen  Heilkunde  haben 
sich  neben  der  herrschenden  chinesischen  Medizin  erhalten.  Hierher 
gehört  die  Anwendung  von  schweisstreibenden  Mitteln  bei  allen  Arten 
von  Erkältungen  und  Katarrhen  der  Respirations-  und  Digestions- 
organe. Im  Gegensatz  zu  den  Chinesen  machen  ferner  die  Japaner, 
welche  überhaupt  an  regelmässige  heisse  Bäder  gewöhnt  sind,  aus- 
giebigen Gebrauch  von  heissen  Mineralquellen,  an  denen  Japan 
reich  ist,  indem  sie  diese  zum  Baden,  aber  nicht  zum  Trinken  be- 
nutzen. Der  Gebrauch  derselben  ist  sehr  alt  und  wird  auf  die  oben 
erwähnten  Gottheiten  zurückgeführt.  Je  heisser  die  Bäder  sind,  für 
desto  wirksamer  gelten  sie.  In  früheren  Zeiten  sind  in  Japan  auch 
kalte  Bäder  bei  akuten  Fiebern  angewandt  worden,  seit  dem  12.  Jahr- 
hundert aber  ausser  Gebrauch  gekommen,  wie  sich  die  Japaner  auch 
nicht  der  Fluss-  und  Seebäder  bedienen. 

Wenn  auch  blinder,  jeden  Fortschrift  hemmender  Autoritätsglauben 
jahrhundertelang  die  japanische  Medizin  charakterisierte,  gab  es  doch 
im  Laufe  derselben  einzelne  durch  Beobachtungsgabe  und  Menschen- 
kenntnis hervorragende  Aerzte,  die  sich  von  der  chinesischen  Schule 
emanzipierten.  Besonders  erwähnt  zu  werden  verdient  Nagata 
Tokuhon  (geboren  1512,  gestorben  1630),  dessen  Bestreben  darauf 
ging,  die  Naturheilkraft  (riyö-no)  zu  unterstützen.  Er  gestattete  den 
Kranken  gegen  die  Vorschriften  der  chinesischen  Schule  kaltes  Wasser 
zu  trinken,  wenn  sie  danach  verlangten.  Wenn  er  mit  Nervenleidenden 
zu  thun  hatte,  gab  er  sich  wenig  mit  Rezepten  ab,  sondern  suchte 
die  Ursache  ihrer  Krankheit  zu  ergründen  und  erzielte  oft  Heilung, 
indem  er  auf  das  Gemüt  der  Patienten  einwirkte:  zum  Landmann 
sprach  er  vom  fruchtbaren  Regen,  zum  Mädchen  von  zukünftiger 
Heirat,  zur  Frau  von  der  baldigen  Rückkehr  des  abwesenden  Gatten. 

Die  theurgische  Behandlung  der  Krankheiten  hat 
auch  in  Japan  jederzeit  eine  grosse  Rolle  gespielt  und  spielt  diese 
noch  heute,  wenn  auch  keine  so  grosse  wie  in  China,  da  das  japanische 
Volk  aufgeklärter  ist  als  das  chinesische.  Gebete,  Beschwörungen, 
Exorzismen  und  andere  Zaubermittel  werden  zur  Heilung  von  Krank- 
heiten angewandt  und  in  gleicher  Weise  von   den  Priestern  des  ein- 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  41 

lieimisclien  Shintoismus  wie  von  denen  des  in  der  Mitte  des  6.  Jahr- 
Imnderts  eingeführten  Buddhismus  geübt.  In  früheren  Zeiten  waren 
an  den  Medizinschulen  Professoren  für  Astrologie  und  eine  Zeitlang 
sogar  an  der  Kaiserlichen  Medizinalschule  ein  Professor  für  Exor- 
zismus angestellt. 

Die  Chirurgie  Avar  bei  den  Japanern,  bevor  sie  mit  den 
Europäern  in  Berührung  kamen,  sehr  wenig  ausgebildet.  Sie  legten 
um  gebrochene  Glieder  plumpe  Verbände,  bedeckten  Wunden  und 
Geschwüre  mit  Pflastern  oder  Salben,  applizierten  auf  Abscesse  Kata- 
plasmen,  machten  aber  keine  blutigen  Operationen.  Der  Gebrauch 
der  Blutegel  ist  ihnen  schon  seit  dem  8.  Jahrhundert  bekannt.  Sehr 
viel  angewandt  werden  wie  in  China  Moxibustion,  x\kupunktur  und 
Massage.  Es  wird  berichtet,  dass  schon  zur  Zeit  des  ersten  Kaisers 
Jimmu  (660—585  v.  Chr.)  Blinde  und  Stumme  von  Aerzten  in  Massage 
und  Akupunktur  unterrichtet  worden  seien.  Danach  würden  diese 
schon  in  den  ältesten  Zeiten,  vor  der  Berührung  mit  China,  in  Japan 
bekannt  gewesen  sein.  Da  aber  die  ältesten  japanischen  Geschichts- 
quellen nicht  vor  dem  8.  Jahrhundert  geschrieben  sind,  sind  alle  Be- 
richte aus  früherer  Zeit  legendenhaft. 

Die  Moxibustion  wird  ausserordentlich  viel  angewandt,  selten 
findet  man  einen  Japaner  ohne  Moxennarben.  Dieselbe  ist  aber  nicht 
das  Geschäft  von  Aerzten,  sondern  wird  von  alters  her  von  niedrigen 
Leuten,  besonders  armen  Weibern  oder  auch  von  Familienmitgliedern 
ausgeführt.  Man  bedient  sich  dazu  ausschliesslich  der  Artemisia 
vulgaris.  Die  Moxibustion  wird  hauptsächlich  als  Präservativmittel 
angesehen  und  an  bestimmten,  je  nach  den  Krankheiten  verschiedenen 
Körperstellen  vorgenommen,  die  oft  von  dem  kranken  bezw.  vor  Krank- 
heit zu  schützenden  Teile  ganz  entfernt  und  mit  diesem  ohne  allen 
Zusammenhang  sind.  So  werden,  um  nur  einige  derselben  anzuführen, 
bei  der  Kakke  (Beriberi)  die  Moxen  an  der  Wade,  bei  Lepra  und  Ge- 
hirnkrankheiten zu  beiden  Seiten  der  Wirbelsäule,  bei  Krämpfen  auf 
der  Fusssohle,  bei  Brustkrankheiten  am  Brustbein  und  an  den  Schlüssel- 
beinen, bei  Schulterrheumatismus  am  Ellenbogen,  bei  Tripper  in  der 
Mitte  zwischen  Scham  und  Nabel,  bei  schweren  Geburten  an  der  Spitze 
der  linken  kleinen  Zehe,  gegen  Unfruchtbarkeit  zu  beiden  Seiten  des 
4.  Lendenwirbels,  zur  Verhütung  von  Konzeption  am  Nabel  gesetzt. 

Von  Japan  wurde  die  Moxibustion  im  17.  Jahrhundert  wahrschein- 
lich von  den  Portugiesen  nach  Europa  gebracht,  wo  dieselbe  aber  nur 
ein  kurzes  Dasein  fristete.  Das  Wort  Moxa  stammt  übrigens  nicht, 
wie  vielfach  angenommen  wird,  aus  dem  Portugiesischen,  sondern  ist 
von  dem  japanischen  Worte  Mogusa,  das  „Brennkraut"  bedeutet,  ab- 
zuleiten. 

Die  Anwendung  der  Akupunktur  (Shin-jutsu)  liegt  in  den 
Händen  von  besonderen  Spezialisten.  Die  Japaner  unterscheiden  2 
Arten  von  Nadeln:  1.  die  Drehnadel  (Nejibari).  welche  durch  lang- 
same Drehbewegungen,  und  2.  die  Schlagnadel  (Uchibari),  welche 
durch  einen  Schlag  mit  den  Fingern  oder  einem  kleinen  Hammer  ein- 
geführt wird.  Erstere  ist  4—8  Zoll  lang  und  mit  einem  Holz-  oder 
Elfenbeingriffe  versehen.  Letztere  läuft  in  einer  Kanüle,  durch  die 
ein  zu  tiefes  Eindringen  der  Nadel  in  die  Haut  verhindert  wird.  Die 
Akupunktur  kommt  bei  den  verschiedensten  Krankheiten,  namentlich 
allen  schmerzhaften  Zuständen,  nach  den  auch  in  China  geltenden 
Eegeln  zur  Anwendung. 


42  B.  Scheube. 

Die  Massage  wird  von  blinden  Knete rn  (Amma)  ausgeübt, 
welche  des  Abends  mit  ihren  Pfeifen  sich  ankündigend  durch  die 
Strassen  zu  ziehen  pflegen.  Dieselbe  besteht  in  Streichen,  Drücken, 
Kneten,  Klopfen  und  Stossen  mit  Fingern  und  Händen  nach  bestimmten 
Regeln  und  wird  nicht  nur  bei  Krankheiten  verschiedenster  Art,  sondern 
auch  bei  allgemeinem  Unbehagen  und  nach  Muskelanstrengungen  an- 
gewandt. 

Was  die  Zahntechnik  der  Japaner  betrifft,  so  ist  ihre  Methode 
der  Zahnextraktion  eine  rohe:  der  Zahn  wird  zuerst  mit  Hilfe  eines 
hölzernen  Stöckchens  und  eines  Hammers  gelockert  und  dann  mit  den 
Fingern  extrahiert.  Dagegen  kennen  sie  schon  seit  etwa  200  Jahren 
die  Applikation  künstlicher  Gebisse  mittels  des  atmosphärischen 
Druckes.  Die  Yorderzähne  derselben  werden  aus  sorgfältig  ge- 
schliffenen Quarzkieseln  gefertigt  und  in  hartem  Holze  gefasst,  während 
Kupfernägel  an  Stelle  der  Mahlzähne  den  Kauprozess  verrichten. 

Abweichend  von  den  übrigen  Zweigen  der  Medizin  hat  die  Ge- 
burtshilfe in  Japan  eine  selbständige,  von  chinesischem  Einflüsse 
unabhängige  Entwicklung  genommen.  Bis  in  die  neueste  Zeit  ist  die 
geburtshilfliche  Praxis  von  der  übrigen  ärztlichen  Praxis  ganz  ab- 
getrennt und  wird  von  besonderen  Geburtshelfern,  die  einen  niedrigeren 
Rang  einnehmen  als  die  anderen  Aerzte,  ausgeübt.  Der  eigentliche 
Begründer  der  japanischen  Geburtshilfe  istKagawa  Shigen  oder 
K.  Genyetsu,  wie  er  auch  genannt  wird,  der,  seines  Zeichens  ur- 
sprünglich Akupunkturist  und  Kneter,  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts in  Kioto  lebte.  Bis  dahin  lag  wie  in  China  die  praktische 
Ausübung  der  Geburtshilfe  lediglich  in  den  Händen  von  Hebammen 
(Samba),  die  durch  mündliche  Tradition  ihre  Kenntnisse  und  Ge- 
schicklichkeit unabhängig  von  Aerzten  wieder  auf  Frauen  fortpflanzten. 

Kagawa  Shigen  ist  der  Verfasser  des  ältesten  japanischen 
Werkes  über  Geburtshilfe,  welches  bis  zur  neuesten  Zeit  das  Fundament 
derselben  bildete.  Dasselbe,  aus  2  Bänden  bestehend,  ist  betitelt  San- 
ron  (Abhandlung  über  die  Geburt)  und  1765  erschienen.  Es  fasst 
zusammen,  was  in  japanischer  Tradition  sich  im  Gegensatz  zu  der 
chinesischen  Auffassung  von  der  Geburt  rein  erhalten  hat  und  stellt 
ein  seltsames  Gemisch  von  Resultaten  einer  guten,  scharfsinnigen 
Beobachtung,  treffenden  Urteilen  und  Altweiberglauben  dar.  Eine 
genauere  Kenntnis  der  Gebärmutter  geht  Kagawa  Shigen  noch  ab, 
dagegen  bekämpft  er  die  alte  Ansicht,  dass  das  Kind  bis  zum  10.  Monate 
im  Mutterleibe  aufrecht  stehe  und  erst  bei  der  Geburt  sich  umdrehe. 
Derselbe  ist  der  Stammvater  der  angesehensten  japanischen  Geburts- 
helferfamilie, und  noch  jetzt  leben  Nachkommen  von  ihm.  Die  meisten 
der  japanischen  geburtshilflichen  Instrumente  sind  von  Mitgliedern 
dieser  Familie  erfunden  worden.  Sein  Adoptivsohn  Kagawa  Gen- 
t  e  k  i  schrieb  einen  Nachtrag  zum  San-ron  (S  a  n  -  r  o  n  -  y  o  k  u),  welcher 
gleichfalls  2  Bände  umfasst  und  1775  erschien. 

Schon  in  alter  Zeit  erfuhren  in  Japan  die  Schwangeren  die  sorg- 
fältigste Behandlung.  Man  hatte  ein  besonderes  Geburtszimmer 
(Ubu-ya),  in  das  sich  dieselben  3  Wochen  vor  der  zu  erwartenden 
Niederkunft  begaben  und  noch  3  Wochen  nach  dieser  blieben.  Auch 
der  Gebrauch  der  sehr  zweckmässigen  L  e  i  b  b  i  n  d  e  (H  a  r  a  -  o  b  i),  die  aus 
einem  6  Fuss  langen  und  1  Fuss  2  Zoll  breiten  Stücke  weissen  Baum- 
wollenzeugs besteht  und  von  den  Frauen  in  der  2.  Hälfte  der  Schwanger- 
schaft und  auch  noch  5  Wochen  nach  der  Entbindung  getragen  wird. 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  43 

ist  sehr  alt  und  wird  auf  die  Kaiserin  Jingu  zurückgeführt.  Ausser 
der  Leibbinde  kommen  in  der  2.  Hälfte  der  Schwangerschaft  vielfach 
Reibungen  des  Unterleibes  in  Anwendung,  die  nach  be- 
stimmten Vorschriften,  gewöhnlich  7  mal  im  Monate,  vorgenommen 
werden  und  den  Zweck  haben,  die  richtige  Lage  des  Kindes  zu  er- 
halten oder  eine  fehlerhafte  in  die  richtige  zu  verwandeln.  Die 
japanischen  Geburtshelfer  unterscheiden  3  Kindslagen:  1.  die  richtige 
(der  Kopf  unten).  2.  die  umgekehrte  (die  Füsse  unten)  und  3.  die 
Querlage  und  diagnostizieren  dieselben  mit  Hilfe  der  äusseren  und 
inneren  Untersuchung.  Für  die  mannigfachen  Zufälle,  welche  während 
der  Schwangerschaft  eintreten  können,  giebt  es  eine  grosse  Zahl  von 
Vorschriften.  Erwähnt  sei  nur,  dass  von  Kagawa  Shigen  gegen 
hartnäckiges  Erbrechen  ein  Ooitus  empfohlen  wird,  ein  Rat,  der  an 
die  bei  uns  gebräuchliche  Kauterisation  und  Dehnung  des  Mutter- 
mundes erinnert. 

Künstlicher  Abort  kommt  in  Japan  häufig  vor,  wenn  auch 
bei  Entdeckung  strenge  Strafe  auf  demselben  steht.  Er  pflegt  aber 
nicht  von  Aerzten,  sondern  von  besonderen  Frauen  ausgeführt  zu 
werden.  Ausser  starken  Abführmitteln  und  dem  Anstechen  des  Eies 
mit  zugespitzten  Holzstäbchen  bedient  man  sich  dazu  schon  seit  alter 
Zeit  der  Wurzeln  von  Achj-ranthus  aspera  Thbg.  oder  der  Blattstiele 
von  Ligularia  Kämpfen  Sieb,  et  Zuc. ,  die  mit  Moschus  bestrichen  in 
den  Muttermund  eingelegt  und  1—2  Tage  liegen  gelassen  werden, 
während  gleichzeitig  auch  innerlich  Moschus  gereicht  wird,  oder  es 
werden  auch  mit  Moschus  imprägnierte  Seidenfäden  eingeschoben.  In 
Europa  ist  die  analoge  künstliche  Erregung  der  Frühgeburt  (durch 
Bougies  u.  dergl.)  erst  seit  Beginn  des  zweiten  Drittels  dieses  Jahr- 
hunderts in  Gebrauch. 

Bei  der  Entbindung  kniet  die  Kreissende  gewöhnlich  auf  Matten, 
die  mit  Oelpapier  und  altem  Zeuge  bedeckt  sind,  und  stützt  die  Arme 
auf  das  Gestell  eines  Kohlenbeckens.  Die  Hebamme  drückt  mit  beiden 
Händen  gegen  die  Kreuzbeingegend.  Später  stützt  sie,  um  einen  Vor- 
fall des  Afters  zu  verhindern,  diesen  mit  einer  Hand,  während  sie  mit 
den  Fingern  in  die  Scheide  fühlt,  ob  der  Kopf  kommt,  und  drückt 
heim  Diirchtritte  des  letzteren  zur  Vermeidung  von  Dammrissen  den 
Damm  nach  vorn.  Die  Nabelschnur  wird,  nachdem  eine  doppelte 
Ligatur  von  rohem  Hanf  3  Zoll  vom  Nabel  entfernt  um  dieselbe  ge- 
legt worden  ist,  mit  der  Schere  durchschnitten  und  dann  mit  Gall- 
äpfelpulver bestreut  und  in  Papier  eingewickelt. 

Nach  Austritt  des  Kindes  wird  der  Leib  gerieben,  um  die  Nach- 
geburt herauszubefördern  (ähnlich  wie  bei  der  Cred eschen  Methode). 
Gelingt  dies  der  Hebamme  nicht,  so  tritt  der  Geburtshelfer,  welcher 
bisher,  falls  überhaupt  ein  solcher  zugegen  war,  den  blossen  Zuschauer 
spielte,  in  Aktion,  indem  er  mit  einer  Hand  den  Leib  reibt  und  mit 
der  anderen  am  Nabelstrang  zieht.  Folgt  der  Mutterkuchen  nicht, 
so  wird  er  mit  einer  besonderen  Zange  oder  auch  mit  der  später  zu 
erwähnenden  Fischbeinschlinge  extrahiert. 

Nach  der  Entbindung  wird  die  Frau  mit  erhöhtem  Rücken  auf 
die  linke  Seite  gelagert  und  muss  ^/o  Tag  so  ruhig  liegen  bleiben. 
In  früheren  Zeiten  mussten  die  Frauen  während  der  Geburt  und  die 
ersten  8  Tage  nach  derselben  in  einem  besonderen  Geburtsstuhle 
(Sandai)  zubringen,  welcher  von  den  Kagawa  verworfen  wird,  aber 
noch  jetzt  im  Volke   seine  Anhänger  hat.    Der  Wöchnerin  wird  auf 


44  B.  Scheiibe. 

die  äusseren  Geschlechtsteile  mit  Eüböl  getränkte  Watte  gelegt  und 
eine  Arznei  gegeben,  deren  wirksamste  Bestandteile  Amygdala  Persica 
und  Cinnamomum  sind,  und  welche  die  Gebärmutter  zur  Zusammen- 
ziehung bringen  soll.  Das  Mutterkorn  war  den  Japanern  unbekannt. 
Bei  Blutungen  nach  der  Geburt  wird  die  Scheide  mit  Leinewand  ver- 
stopft. Nach  1  Woche  steht  die  Wöchnerin  auf,  nimmt  ein  Bad  und 
darf  nun  wieder  leichte  Arbeit  verrichten. 

Das  Kind  wird  erst  vom  4.  Tage  an  an  die  Mutterbrust  gelegt. 
Bis  dahin  erhält  es,  um  abzuführen,  eine  Abkochung  von  verschiedenen 
Pflanzen,  darunter  Rhabarber.  Obwohl  die  Japanerinnen  gewöhnlich 
reichlich  Nahrung  haben,  kamen  doch  schon  sehr  frühzeitig  bei  vor- 
nehmen Leuten  Ammen  und  Ernährung  mit  Kuhmilch  in  Gebrauch. 

Die  hauptsächlichsten  von  den  japanischen  Geburtshelfern  ange- 
gewandten Operationen  sind  folgende: 

1.  Die  Extraktion  beiFusslage,  welche  schon  im  S  a  n  -  r  o  n 
beschrieben  wird. 

2.  Die  Wendung  auf  den  Kopf  durch  äussere  und 
innere  Handgriffe,  die  gleichfalls  schon  von  Kagawa  Shigen 
bei  Querlagen  empfohlen  wurde,  also  früher,  als  sie  in  Europa  be- 
kannt war. 

3.  Die  Wendung  auf  den  Fuss  durch  äussere  und  innere 
Handgriffe  mit  nachfolgender  Extraktion.  Gelingt  es  nicht,  mit 
dem  Finger  oder  einem  stumpfen  Haken  ein  Bein  herunterzuholen,  so 
kommt  eine  besonders,  von  Kagawa  Mitsunori  1869  erfundene 
Schlinge  zur  Anwendung.  Eine  seidene  Schnur  wird  mittels  zweier 
Fischbeinstäbchen  und  eines  Eisenstäbchens  eingeführt  und  um  den 
Leib  des  Kindes  gelegt  und  dies  so,  während  man  mit  einer  in  die 
Achsel  desselben  eingelegten  Fischbein  platte  die  Schulter  in  die  Höhe 
drückt,  gewendet. 

4.  Die  Extraktion  mit  der  Fischbeinschlinge,  welche 
Anfang  dieses  Jahrhunderts  von  Mizuhara  Yoshihiro  erfunden  wurde. 
Dieselbe  wird,  nachdem  man  sie  in  heissem  Wasser  erweicht  hat,  an- 
gelegt, mit  einer  Fischbeinplatte  angezogen  und  dann  in  einen  hölzernen 
Handgriff  gesteckt,  an  dem  man  extrahiert.  Durch  Hinzufügen  eines 
seidenen  Netzes  kann  dieselbe  in  eine  Kappe  verwandelt  werden.  Sie 
kommt  bei  Schädel-,  Gesichts-  und  Steisslagen  zur  Anwendung,  auch 
beim  nachfolgenden  Kopf.  Diese  P'ischbeinschlinge  ist  entschieden  ein 
sinnreiches  Instrument,  das  wie  kaum  ein  anderes  einen  der  Becken- 
axe  entsprechenden  Zug  gestattet,  aber  bei  ihrer  Zartheit  erfordert 
die  Extraktion  mit  derselben  grosse  Kraft.  Daher  erfand  schon 
Mizuhara  einen  besonderen  Zugapparat  dafür. 

Da  sie  ferner  häufig  am  Kopfe  des  Kindes  blutrünstige  Stellen 
hinterlässt,  setzte  Kagawa  Mitsutaka  1832  an  Stelle  dieser  Operation 

5.  die  Extraktion  mit  einem  seidenen  Tuche,  das  mit 
Hilfe  zweier  Fischbeinstäbchen  um  den  Kopf  gelegt  und  dann  mit 
einem  eisernen  Spatel  festgezogen  wird. 

6.  Die  Perforation  und  Decapitation  mit  dem  scharfen 
Schlüsselhaken,  den  Kagawa  Shigen  erfunden  hat.  Diese  Er- 
findung wurde  lange  von  der  Familie  der  Kagawa  geheim  gehalten, 
sei  es  aus  Eigennutz  oder  weil  die  Operation  für  sehr  grausam  galt, 
weshalb  sie  auch  immer  heimlich  ausgeführt  wird.  Die  Perforation 
ist  angezeigt  nach  Absterben  des  Kindes  oder  bei  Gefahr  für  die 
Mutter,    die    Dekapitation   bei    verschleppten   Querlagen.     Dieselben 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  45 

geben  eine  bessere  Prognose  als  die  anderen  Operationen,  weil  danach 
weit  seltener  Fieber  einzutreten  pflegt  als  nach  letzteren. 

Der  oben  erwähnte  M  i  z  u  h  a  r  a  Y  o  s  h  i  h  i  r  o  ist  der  Verfasser  eines 
12  bändigen,  1849  erschienenen  Werkes  über  Geburtshilfe,  das  den 
Titel  San-iku-zen-sho  (Buch  der  gesamten  Geburtshilfe)  führt  und 
zahlreiche  höchst  interessante  Abbildungen  enthält.  In  demselben  ist, 
was  die  Anatomie  des  Unterleibes,  der  Gebärmutter  u.  s.  w.  betrifft, 
bereits  der  europäische  Einfluss  nicht  zu  verkennen,  es  bildet  so  den 
Uebergang  zur  jetzigen  Aera. 

Man  hat  die  Originalität  der  japanischen  geburtshilflichen  Instrumente, 
insbesondere  der  Fischbeinschlinge,  in  Zweifel  ziehen  wollen.  In  England 
ist  allerdings  schon  seit  langer  Zeit  eine  ähnliche  Fischbeinschlinge  in  Ge- 
brauch; wie  lange,  habe  ich  nicht  feststellen  können,  sondern  nur  soviel, 
dass  derselben  bereits  in  Smellies  Mitte  vorigen  Jahrhunderts  erschienenem 
Werke  über  Geburtshilfe  Erwähnung  gethan  wird.  Die  Möglichkeit,  dass 
dies  Instrument  von  England  über  Holland  nach  Japan  gekommen  ist,  kann 
daher  nicht  vollkommen  von  der  Hand  gewiesen  werden,  irgend  ein  Beweis 
dafür  liegt  aber  nicht  vor.  Die  blossen  Aehnlichkeiten  von  in  Europa  und 
in  Japan  gebrauchten  Instrumenten  berechtigen  noch  lange  nicht  dazu, 
auf  einen  gemeinsamen  Ursprung  derselben  zu  schliessen.  Mit  demselben 
Rechte  könnte  man  dann  auch  behaupten,  dass  Chassagny  und  Joulin, 
deren  Zugapparate  für  die  Zange,  welche  aus  dem  Anfange  der  70  er  Jahre 
stammen,  eine  entschiedene  Aehnlichkeit  mit  Mizuharas  Zugapparat  für 
die  Fischbeinschlinge  zeigen,  eine  Anleihe  bei  den  Japanern  gemacht  haben. 
Kagawas  Schlüsselhaken  erinnert  zwar  an  den  von  den  chinesischen  Heb- 
ammen benutzten  Doppelhaken,  ist  aber  wahrscheinlich  auch  dessen  eigene 
Erfindung  und,  wie  mir  von  einem  Nachkommen  desselben,  den  zu  meiner 
Zeit  gesuchtesten  Geburtshelfer  in  Kioto,  mitgeteilt  wurde,  aus  einem  Feuer- 
haken, den  Kagawa  zum  ersten  Male  zum  Anstechen  des  Kopfes  benutzte, 
her  V  orgegangen . 

Der  ärztliche  Beruf  stand  in  den  ältesten  Zeiten  in  Japan 
in  hohem  Ansehen:  es  widmeten  sich  demselben  nur  Verwandte  des 
Kaisers  und  Edle,  aus  dem  niederen  Stande  höchstens  alte  Leute. 

Nach  Ausbildung  des  Feudalsystems,  welches  zu  Anfang  des 
17.  Jahrhunderts  durch  lyeyasu  begründet  wurde  und  durch  die 
Restauration  im  Jahre  1868  sein  Ende  erreichte,  unterschied  man 
2  Klassen  von  Aerzten:  Fürstenärzte  und  Volksärzte. 

Erstere  waren  die  Aerzte  des  Mikado,  des  Shogun  und  der  Daimio, 
von  denen  sie  bestimmte  Gehälter,  die  in  der  Regel  wie  bei  den  anderen 
Beamten  in  Reisrationen  bestanden,  bezogen ;  die  obersten  besassen  auch 
Schloss  und  Landgut.  Sie  entstammten  der  Klasse  der  Samurai,  der 
Adligen,  während  die  Volksärzte  zu  den  Heimin,  dem  gemeinen  Volke, 
gehörten.  Von  den  Samurai  pflegten  sich  namentlich  solche,  die 
wegen  körperlicher  oder  geistiger  Gebrechen  zur  Erlernung  des  Krieger- 
handwerks untauglich  waren,  dem  friedlichen  Berufe  des  Arztes  oder 
Priesters  zu  widmen,  und  zwar  wandten  sich  die  Imbecillen,  geistig 
schwach  Beanlagten  oder  Verwahrlosten  dem  Priesterstande,  die  Ver- 
wachsenen, Hinkenden  und  sonst  Verunstalteten  dem  ärztlichen  Stande 
zu.  Während  für  die  Volksärzte  der  Eintritt  in  den  freien  Stand  eine 
Erhöhung  bedeutete,  sahen  die  Fürstenärzte  denselben  für  eine  Herab- 
setzung und  daher  ihren  Beruf  für  ein  notwendiges  Uebel,  eine  jeder 
besonderen  Anstrengung  unwürdige  Sinekure  an.    Sie  waren  in  den 


46  B.  Scheute. 

Mechanismus  der  bestehenden  Rangklassen  eingefügt  —  den  höchsten 
Rang  nahmen  die  Mikadoärzte  ein  —  und  bildeten  auf  diese  Weise 
eine  Art  wohlgeordneter  Hierarchie,  so  dass  sie  auf  die  Volksärzte 
hoch  herabblickten.  Der  Shogun  verlieh  seinen  Aerzten  auch  Titel 
wie  anderen  Gelehrten  und  Künstlern,  analog  unserem  Professortitel 
für  Gelehrte  und  Künstler. 

Der  Stand  der  Volksärzte  war  dagegen  ein  gedrückter,  ihr 
Ansehen  gering.  Gegen  jedermann  mussten  sie  höflich  und  unterwürfig 
sein  und  durften  kein  Honorar  fordern,  sondern  waren  auf  die  Gross- 
mut ihrer  Patienten  angewiesen,  die  ihr  „Geschenk"  nach  Willkür  be- 
messen konnten.  Lautete  doch  das  32.  der  100  Gesetze  lyeyasus: 
„weil  die  Menschen  dieser  Welt  nicht  von  Krankheiten  frei  sein 
können,  haben  die  Weisen  des  Altertums  voll  Mitleid  die  Heilkunde 
geschaffen.  Wenn  deren  Jünger  nun  auch  die  Krankheiten  geschickt 
heilen  und  Erfolge  haben,  so  dürft  Ihr  ihnen  doch  keine  grossen 
Einkünfte  verleihen,  denn  sie  würden  dann  notwendigerweise  ihren 
Beruf  vernachlässigen.  Ihr  sollt  ihnen  daher,  so  oft  sie  eine  Kur 
gemacht  haben,  eine  der  Grösse  ihrer  Erfolge  entsprechende  Beloh- 
nung geben."  Das  dürftige  Honorar  betrug  etwa  das  2— 4  fache 
des  Medikamenten  Preises,  der  den  Aerzten,  welche  stets  die  von  ihnen 
verordneten  Arzneien  selbst  bereiteten,  ebenfalls  erstattet  wurde. 
Kriechende  Höflichkeit  und  Schmeichelei  waren  daher  für  sie  die 
besten  Mittel  bei  Hoch  und  Niedrig  zu  ihrem  Rechte  zu  kommen. 
Die  gröbsten  Kunstfehler  wurden  ihnen  eher  verziehen  als  Unhöflich- 
keit.  Sie  hielten  daher  schon  ihre  Schüler  an,  sich  höflich  zu  be- 
nehmen und  in  schmeichlerischen  Redewendungen  sich  zu  üben,  weil 
sie  selbst  wussten,  dass  dadurch  mehr  zu  gewinnen  war  als  durch 
ärztliche  Erfolge.  In  seltenen  Fällen  rückten  berühmt  gewordene 
Volksärzte  in  den  Rang  der  Fürstenärzte  auf. 

Beide  hatten  eine  gemeinsame  Tracht.  Ihr  Gewand  unterschied 
sich  von  dem  der  Samurai  durch  lange  Aermel,  die  beim  Waffenhand- 
werk hinderlich  sind.  Sie  wurden  daher  „Langärmel"  (Nagasode) 
genannt,  ein  Name,  der  anfangs  im  Munde  der  Krieger  etwas  Gering- 
schätzendes hatte,  später  aber  ohne  Nebensinn  für  alle  gelehrten 
Stände  gebraucht  wurde.  Sie  rasierten  ferner  den  Kopf  wie  die 
buddhistischen  Priester.  Nur  in  Kioto,  wo  am  Hofe  des  Mikado  der 
Buddhismus  keinen  Eingang  gefunden  hatte,  herrschte  diese  Sitte 
nicht.  Der  Fürstenarzt  trug  ausserdem  ein  Schwert,  das  in  späteren 
Zeiten  einer  hölzernen  Scheinwaffe,  einem  zierlich  geschnitzten,  leichten 
Holzschwert  ohne  Klinge,  Platz  machte. 

In  den  letzten  Jahrhunderten  wurden  die  Aerzte  ebenso  wie  die 
Geburtshelfer  nicht  auf  öffentlichen  oder  privaten  Lehranstalten  aus- 
gebildet, sondern  kamen  jung,  im  Alter  von  16 — 20  Jahren,  zu  älteren 
Aerzten  ins  Haus  und  in  die  Lehre,  wo  sie  gewöhnlich  2  Jahre  blieben. 
Die  Schüler  begleiteten  ihre  Meister  auf  die  Praxis  und  suchten  ihnen 
dabei  ihre  Kunst  möglichst  abzugucken.  Auch  mussten  sie  für  die- 
selben die  Arzneien  anfertigen.  Ausserdem  studierten  sie  fleissig  die 
alten  chinesischen  medizinischen  Klassiker,  zu  denen  nur  von  den 
fleissigsten  Lehrern  Erklärungen  gegeben  wurden. 

In  Japan  ist  es  allgemein  Sitte,  dass  der  Beruf  vom  Vater  auf 
den  Sohn  übergeht.  Die  erste  Unterweisung  in  demselben  erhalten 
die  Söhne  aber  gewöhnlich  nicht  von  ihren  Vätern,  sondern  von 
Freunden  der  letzteren.    Es  giebt  Familien,  in  denen  schon  seit  Jahr- 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  47 

liunderten  eine  bestimmte  Berufsart  sich  fortgeerbt  hat,  und  welche 
daher  wegen  ihrer  in  derselben  erlangten  Tüchtigkeit  in  grossem  Rufe 
stehen.  In  der  in  Japan  überhaupt  sehr  gebräuchlichen  Adoption  ist 
ein  Mittel  gegeben,  dem  Erlöschen  derselben  vorzubeugen ;  nicht  selten 
findet  übrigens  auch  zwischen  Berufsgenossen  eine  gegenseitige  Adop- 
tion der  Söhne  statt.  Wie  berühmte  Künstlerfamilien  gab  es  und  giebt 
es  auch  berühmte  Aerztefamilien.  Manche  der  letzteren,  die  im  Laufe 
der  Jahrhunderte  zu  grossem  Ansehen  gelangt  sind,  stammten  von 
naturalisierten  Koreanern  und  Chinesen  ab. 

In  den  letzten  Jahrzehnten,  seitdem  sich  Japan  vollkommen  der 
europäischen  Kultur  erschlossen  hat,  hat  sich  dort  ein  gewaltiger 
Umschwung  in  der  ärztlichen  Wissenschaft  und  dem  ärztlichen  Stande 
A'ollzogen.  Die  ersten  Berührungen  mit  derselben,  die  auch  nicht  ganz 
ohne  Einfluss  auf  die  Medizin  blieben,  reichen  jedoch  viel  weiter  zurück. 
Mit  den  portugiesischen  Missionären,  die  bald,  nachdem  Mendez 
Pinto,    ein   portugiesischer   Abenteurer,   Japan    um   die   Mitte   des 

16.  Jahrhunderts  entdeckt  hatte,  in  grosser  Zahl  unbehindert  ins  Land 
einwanderten,  kamen  auch  Aerzte,  die  arme  Kranke  behandelten,  Heil- 
pflanzen anbauten  und  Japaner  in  der  Medizin  unterrichteten.  Ihnen 
verdanken  die  Japaner  die  ersten  Anfänge  der  operativen  Chirurgie, 
die  freilich  über  das  Oeffnen  von  Abscessen  und  das  Aufschneiden  von 
Mastdarmfisteln  nicht  hinausgingen,  und  ihre  Schüler  gründeten  eine 
Medizinschule,  die  Nam-ban-riu  (Schule  der  südlichen  Barbaren) 
genannt  wurde.  Der  Aufenthalt  der  Portugiesen  in  Japan  dauerte 
jedoch  kein  volles  Jahrhundert.  Infolge  der  politischen  Umtriebe,  in 
welche  sich  dieselben  verwickelt  hatten,  wurden  sie  vertrieben,  das 
Christentum,  welches  grosse  Verbreitung  im  Lande  gefunden  hatte, 
ausgerottet,  Tausende  von  Christen  vernichtet,  und  Japan  schloss  sich 
nun  vollkommen  gegen  das  Ausland  ab. 

Nur  einer  kleinen  Schar  von  Holländern,   die  zu  Anfang  des 

17.  Jahrhunderts  nach  Japan  gekommen  waren,  wurde  der  Aufenthalt 
auf  Deshima,  einem  kleinen,  dicht  vor  Nagasaki  auf  der  südlichen  Insel 
Kiushiu  liegenden  Eilande,  gestattet,  wo  sie  vielen  Demütigungen  aus- 
gesetzt nicht  viel  anders  als  Gefangene  lebten.  Dieselben  hatten 
immer  einen  Arzt  bei  sich.  Unter  den  Aerzten  der  holländischen 
Faktorei  befand  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  mancher  tüchtiger 
Gelehrte,  darunter  auch  mancher  Deutscher;  sie  sind  es,  denen  wir  in 
erster  Linie  unsere  Kenntnis  über  Japan  verdanken.  Es  sei  nur  an 
Namen  wie  Engelbert  Kämpfer,  Philipp  Franz  v.  Siebold 
und  Karl  Thunberg  erinnert. 

Obwohl  den  Japanern  jede  unbefugte  Berührung  mit  Europäern 
bei  Todesstrafe  verboten  war,  wurden  die  Aerzte  der  holländischen 
Faktorei  nicht  selten  von  Kranken  aus  Nagasaki  konsultiert.  Auch 
unterrichteten  dieselben  ihre  Dolmetscher,  die  sich  als  intelligent 
und  gutwillig  erwiesen,  in  der  Medizin  und  stellten  ihnen ,  wenn 
sie  sich  eine  Summe  von  Kenntnissen  erworben  hatten,  Arztdiplome 
aus.  Von  einzelnen  dieser  Schüler  wurden  dann  wieder  Medizinschulen 
gegründet. 

Die  Aerzte  der  holländischen  Faktorei  nahmen  auch  an  den  regel- 
mässigen Reisen,  welche  die  Holländer  nach  Tokio  an  den  Hof  des 
Shogun  machen  mussten,  um  diesem  Geschenke  zu  überbringen  und 
ihre  Loyalität  zu  bezeugen,  teil,  wobei  stets  eine  Zusammenkunft  der 
Aerzte  des  Shogun  mit  dem  Arzte  der  Holländer  stattfand.    Wenn 


48  B.  Scheube. 

auch  hierbei  kein  direkter  Vorteil  für  die  Japaner  heraussprang,  ge- 
wahrten diese  doch,  dass  die  holländischen  Aerzte  den  japanischen 
überlegen  waren.  Infolgedessen  wurden  solche  japanische  Aerzte 
gesucht,  die  einige  Brocken  europäischer  Medizin  aufgeschnappt  hatten. 
Da  den  Dolmetschern  verboten  war  sich  holländische  Bücher  anzu- 
schaifen,  mussten  sich  dieselben  damit  begnügen,  die  mündlichen  Lehren 
ihrer  Meister  niederzuschreiben.  Erst  in  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahr- 
hunderts wurde  dies  Verbot  aufgehoben. 

Ein  denkwürdiges  Ereignis  in  der  Geschichte  der  japanischen 
Medizin  ist  das  Erscheinen  der  ersten  Ueber Setzung  eines 
holländischen  medizinischen  Buches  ins  Japanische, 
welches  in  das  Jahr  1775  fiel.  Es  war  dies  die  holländische  Ausgabe 
der  Anatomie  des  Danziger  Professors  Johann  Adam  Kulmus^) 
(Anatomische  Tabellen,  zuerst  herausgekommen  Danzig  1725),  welche 
Sugita  Issai  oder  Sugita  Gempaku,  wie  er  auch  genannt  wird, 
mit  seinen  beiden  Freunden  Mayeno  Riotaku  und  Nakagawa 
Kiyöwan  in  4  Jahren  unter  unsäglichen  Mühen,  da  ihnen  die  nötige 
Kenntnis  des  Holländischen  abging  —  sie  verfügten  nur  über  700 
holländische  Vokabeln  —  übersetzten,  nachdem  sie  sich  bei  der  Sektion 
einer  enthaupteten  Verbrecherin  von  der  Richtigkeit  der  Kulm us  sehen 
Abbildungen  im  Gegensatz  zu  der  alten  chinesischen  Lehre  überzeugt 
hatten.  Die  Uebersetzung  führt  den  Titel :  Kai-tai-shin-sho  (neues 
Werk  über  Anatomie). 

Der  Einfluss  der  Holländer  machte  sich  namentlich  auf  dem  Ge- 
biete der  Chirurgie  geltend.  Hanaoka  Shin  war  zu  Anfang  dieses 
Jahrhunderts  der  erste,  welcher  grössere  Operationen,  besonders  Exstir- 
pationen  von  Geschwülsten,  Sequestrotomien,  Amputationen,  machte.  Er 
führte  dieselben  unter  Narkose  aus,  indem  die  Kranken  vor  der 
Operation  eine  Abkochung  von  5  Kräutern:  Datura  alba,  Aconitum, 
Angelica  anomala,  Ligusticum  acutilobum  und  Conioselinum  univittatum 
erhielten,  durch  welche  sie  3  Tage  betäubt  blieben.  Von  seinem  Schüler 
HonmaGencho  wurde  zuerst  die  Unterbindung  der  Arterien  zur  An- 
wendung gebracht. 

Die  Einführung  der  europäischen  Medizin  hatte  aber  mit  be- 
ständigen Hindernissen  zu  kämpfen.  Vielfach  begegnete  man  der- 
selben mit  grösstem  Misstrauen,  und  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts 
kam  die  Reaktion  in  der  Gründung  neuer  Schulen,  die  eine  Wieder- 
belebung der  chinesischen  Heilkunde  bezweckten,  zum  Ausdrucke. 
Noch  im  Jahre  1848  erliess  der  Shogun  ein  Verbot  gegen  die  west- 
liche Medizin  und  die  ^xemden  Arzneimittel,  das  er  mit  den  grossen 
physikalischen  Unterschieden,  die  zwischen  Japanern  und  Fremden 
beständen,  begründete.  Aber  schon  einige  Jahre  später  entschloss  sich 
sein  Nachfolger  auf  Betreiben  der  Holländer  dazu,  eine  Medizinschule  in 
Nagasaki  zu  gründen,  zu  deren  Leitung  Pompe  van  Meedervort 
berufen  wurde.  Am  9.  September  1858  machte  dieser  hier  nach  ein- 
geholter Erlaubnis  des  Shogun  an  einem  Verbrecher  die  erste  Sektion. 
Das  Volk  geriet  in  Aufregung,  liess  sich  aber  durch  die  Versicherung 
des  Statthalters,  die  Sektion  diene  dem  allgemeinen  Wohle,  be- 
ruhigen. Der  Medizinschule  in  Nagasaki  folgten  bald  weitere  in 
Osaka,  Kioto,  Nagoya  u.  a.  Städten,  die  wie  erstere  mit  Hospitälern 
verbunden  waren  und  zuerst  gleichfalls  von  Holländern  geleitet  wurden. 


^)  Die  Japaner  haben  den  Namen  „Kulmus"  in  ,.Kurumans"  umgewandelt. 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern.  49 

Im  Jahre  1871  erfolgte  die  Gründung  der  medizinisch-chirurgischen 
Akademie  in  Tokio,  an  welche  als  die  ersten  Lehrer  die  preussischen 
Militärärzte  Müller  und  Hoff  mann  berufen  wurden,  und  die  man 
1877  mit  der  Universität  (Dai  Gaku)  zu  Tokio  vereinigte.  Von  nun 
an  fand  die  europäische  Medizin  raschen  Eingang  in  Japan,  und  es 
gebührt  hauptsächlich  Deutschen  das  Verdienst,  die  Japaner  in 
dieselbe  eingeführt  zu  haben,  indem  seit  den  70  er  Jahren  auch  an 
die  Spitze  der  anderen  Medizinschulen  grösstenteils  deutsche  Aerzte 
gestellt  und  von  den  jungen  Japanern,  die  zu  ihrer  weiteren  Aus- 
bildung ins  Ausland  gingen,  vorzugsweise  deutsche  Universitäten  auf- 
gesucht wurden.  In  der  medizinischen  Fakultät  zu  Tokio,  in  welcher 
das  Studium  4  Jahre  mit  3 jährigem  Vorbereitungskurs  dauert,  wird  in 
deutscher  Sprache  gelehrt,  und  die  dort  ausgebildeten  Aerzte,  welche 
den  Titel  Igakushi  (Gelehrter  der  Medizin,  Dr.  med.)  führen,  erhalten 
die  ersten  Stellen  im  Lande  als  Militärärzte,  Hospitaldirektoren  und 
Professoren.  Neben  der  deutschen  besteht  noch  eine  japanische  Ab- 
teilung mit  3 jährigem  leichteren  Lehrkurs,  und  ausserdem  giebt  es 
noch  eine  grössere  Zahl  von  Provinzialmedizinschulen,  welche  meist 
gleichfalls  einen  3jährigen  Kurs  haben.  In  neuester  Zeit  ist  noch 
eine  zweite  Universität  in  Kioto  hinzugekommen. 

Um  praktizieren  zu  können,  bedürfen  jetzt  die  Aerzte  der  Appro- 
bation, die  durch  Ablegung  einer  Prüfung,  welche  in  den  ver- 
schiedenen Departements  gemacht  werden  kann,  erlangt  wird.  Zu 
derselben  zugelassen  werden  nur  solche  Kandidaten,  welche  von  min- 
destens 2  Aerzten  oder  Lehrern  der  Medizin  ausgestellte  Zeugnisse, 
dass  sie  3  Jahre  studiert  haben,  beibringen.  Wer  das  Diplom  einer 
Medizinschule  hat,  ist  von  ihr  entbunden,  ebenso  wie  die  Aerzte, 
welche  schon  vor  1875  in  der  Praxis  waren.  Die  letzteren,  welche 
im  Gegensatz  zu  den  geprüften,  Shin-ishi  (neuer  Arzt)  genannten 
Aerzten  Kiyu-ishi  (alter  Arzt)  heissen,  gehören  natürlich  grössten- 
teils noch  der  alten  chinesischen  Schule  an.  Ebenso  wie  die  Aerzte 
bedürfen  jetzt  auch  die  Geburtshelfer,  Augenärzte  und  anderen  Spezia- 
listen besonderer  Approbation,  desgleichen  die  Zahnärzte,  während  die 
Hebammen  ihre  Ausbildung  in  besonderen  Schulen  durch  Aerzte  er- 
halten. 

Eine  grössere  Zahl  von  medizinischen  Gesellschaften 
und  Zeitschriften  zeugt  von  dem  regen  wissenschaftlichen  Leben, 
welches  unter  den  japanischen  Aerzten  heiTs^ht.  Die  medizinische 
Fakultät  zu  Tokio  giebt  ihre  Mitteilungen  }n  deutscher  Sprache 
heraus.  ' 

Auch  im  übrigen  hat  das  Gesundheitswesen  im  Laufe  der 
letzten  Jahrzehnte  einen  gewaltigen  Aufschwung  genommen.  Es 
besteht  ein  Centralgesundheitsamt ,  welches  zum  Ministerium  des 
Innern  gehört,  und  dem  lokale  Gesundheitsämter  in  den  verschie- 
denen Fu  (Hauptstädten)  und  Ken  (Departements)  untergeordnet  sind. 
Daneben  giebt  es  eine  centrale  und  lokale  Gesundheitskommissionen, 
zu  deren  Mitglieder  die  Direktoren  der  Gesundheitsämter  zählen. 
Ueber  das  ganze  Land  sind  Gouvernementshospitäler  verbreitet,  und 
auch  für  die  Geisteskranken  ist  durch  die  Errichtung  von  Irren- 
anstalten gesorgt. 

Impfung  und  Wiederimpfung  sind  obligatorisch,  und  seit 
1892  wird  ausschliesslich  mit  Tierlymphe,  die  im  Centralimpfinstitute 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  4 


50  B-  Scheube. 

in  Tokio  hergestellt  wird,  geimpft.    Letzteres  versorgt  auch  Hongkong 
und  andere  chinesische  Häfen  mit  Lymphe. 

In  früheren  Zeiten  haben  die  Pocken  in  Japan  furchtbare  Ver- 
heerungen angerichtet.  Ihre  erste  Einschleppung  erfolgte  im  Jahre  670 
von  Korea  aus.  Die  in  China  gebräuchliche  Inokulation  der  Pocken 
scheint  in  Japan  niemals  geübt  worden  zu  sein.  Das  Verdienst,  die 
Impfung  in  Japan  eingeführt  zu  haben,  gebührt  dem  schon  oben  er- 
wähnten V.  Siebold,  der  dort  1824  zum  ersten  Male  mit  aus  Java 
importierter  Lymphe  impfte.  Nach  seinem  Weggange  von  Japan  im 
Jahre  1829  geriet  aber  die  Vaccination,  da  die  Lymphe  degenerierte, 
wieder  in  Verfall,  bis  sie  1849  von  Mohnike  in  Nagasaki  nach  einer 
furchtbaren  Pockenepidemie  von  neuem  aufgenommen  wurde.  Der 
Erfolg  war  aber  kein  erheblicher,  wohl  namentlich,  weil  es  an  guter 
Lymphe  fehlte.  Erst  seit  den  70  er  Jahren  hat  mit  dem  allgemeinen 
Aufschwünge  des  Gesundheitswesens  auch  die  Impfung  bedeutende 
Fortschritte  gemacht. 

Nach  japanischer  Darstellung  soll  die  Vaccination  durch  einen  Fischer 
aus  Yezo ,  Namens  Nakagawa  Groroji,  der  durch  einen  Sturm  nach 
Sibirien  verschlagen  worden  war  und  hier  dieselbe  bei  den  Russen  kennen 
gelernt  hatte,  eingeführt  worden  sein.  Im  Jahre  1824  in  seine  Heimat  zu- 
rückgekehrt, zeigte  er  sie  dem  Arzte  Sakurai  Shozen  und  führte  sie 
in  Gemeinschaft  mit  diesem  aus. 

Seit  mehreren  Jahren  besteht  in  Japan  auch  ein  Institut  für 
die  Bereitung  von  Diphtherieheilserum  sowie  ein  Institut  für  In- 
fektionskrankheiten nach  Kochschem  Muster,  und  1897  wurde  ein 
Seuchengesetz  mit  weitgehenden  Bestimmungen  hinsichtlich  Isolierung 
der  Kranken,  Desinfektion  und  Leichenverbrennung  erlassen.  Ferner 
ist  die  Prostitution  geregelt,  die  Prostituierten  werden  regelmässig 
untersucht,  und  es  sind  besonders  Hospitäler  für  dieselben  vorhanden. 
Der  Verkehr  mit  Arzneimitteln  ist  geordnet.  Medizinfabrikanten, 
Apotheker  und  Droguisten  bedürfen  besonderer  Lizenzen.  In  Tokio 
befindet  sich  ein  botanischer  Garten,  in  dem  Medizinalpflanzen  gezogen 
werden.  Besonders  strenge  Vorschriften  bestehen  betreffs  des  Verkaufs 
des  Opiums.  Uebrigens  haben  auch  noch  heutigen  Tages  die  meisten 
Aerzte  ihre  eigenen  Hausapotheken  und  bereiten  die  von  ihnen  ver- 
ordneten Arzneien  selbst.  Auch  ein  Nahrungsmittelgesetz  besitzt 
Japan,  und  in  neuester  Zeit  sind  dort  sogar  Schulärzte  eingeführt 
worden.  Das  aufstrebende  Land  ist  also  in  erfreulichem  Gegensatz 
zu  dem  grossen  Nachbarreiche  China  redlich  bemüht,  was  das  Ge- 
sundheitswesen betrifft,  den  führenden  Kulturstaaten  des  Westens  es 
gleich  zu  thun,  eilt  diesen  sogar  in  mancher  Hinsicht  voraus,  wenn 
auch  in  Wirklichkeit  vielleicht  nicht  alles  so  sein  dürfte,  wie  es  auf 
dem  Papiere  steht. 

III.  Koreaner. 

lieber  die  koreanische  Medizin  ist  wenig  bekannt.  Aus  dem 
vorhergehenden  Abschnitte  geht  aber  schon  hervor,  dass  dieselbe  ein 
Ableger  der  chinesischen  ist.  Ihr  Ursprung  wird  zurückgeführt 
bis  auf  1122  v.  Chr.,  in  welchem  Jahre  zwei  berühmte  chinesische 
Aerzte  sich  in  Korea  niedergelassen  haben  sollen. 

In    der   inneren  Medizin    ist   das   wichtigste   Heilmittel   die 


Die  Geschichte  der  Medizin  bei  den  ostasiatischen  Völkern. 


51 


Ginseng- Wurzel.  Korea  liefert  die  beste  Sorte  derselben.  Ihre 
Kultur  liegt  in  den  Händen  einiger  königlicher  Pächter,  und  die  Felder, 
auf  denen  sie  gebaut  wird,  sind  eingezäunt  und  werden  Tag  und 
Nacht  von  Hütern  bewacht.  Noch  höher  als  die  kultivierte  Pflanze 
wird  die  wilde  geschätzt,  welche  jedoch  sehr  selten  vorkommt  und 
schwer  aufzufinden  ist. 

In  der  Chirurgie  kommen  fast  ausschliesslich  Akupunktur 
und  Moxibustion  zur  Anwendung. 

Die  europäische  Medizin  hat  in  Korea  noch  wenig  oder  keinen 
Eingang  gefunden,  was  bei  den  traurigen  politischen  Verhältnissen, 
welche  dort  herrschen,  nicht  Wunder  nehmen  kann,  ' 


4* 


Yorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens 
und  der  mediterranen  Vorarier. 


Von 
von  Oefele  (Bad  Neuenahr). 


Einleitung. 

Die  Geschichte  der  Medizin  beginnt  in  der  fernsten  Prähistorie 
der  Menschheit  oder  selbst  schon  bei  heilsamer  Hilfeleistung  der  Tiere 
unter  einander  (Auspicken  der  Oestruslarven  bei  Quadrupeden  durch 
Vögel  und  anderes).  Die  rückläufige  Verlängerung  der  Geschichte  in 
Westasien,  Afrika  und  Europa  durch  Ausgrabungen  und  Entzifferung 
alter  Schriftsysteme  hat  erweisliches  Gebiet  der  Geschichte  der  Medizin 
verlängert.  In  diesen  aufgedeckten  Kulturen  setzen  die  wieder  ge- 
fundenen medizinischen  Fachschriften  in  ihrer  datierbaren  Nieder- 
schrift spät  ein.  Mit  letzteren  Daten  beginnt  die  Geschichte  der 
Medizin  um  deswillen  nicht,  da  die  meisten  z.  B.  ägyptischen  medi- 
zinischen Papyri  stückweise  sich  selbst  auf  medizinische  Quellschriften 
zurückdatieren,  welche  um  Jahrtausende  vor  der  Niederschrift  dieser 
erhaltenen  Papyri  „gefunden"  d.  h.  verfasst  sein  sollen.  Eine  Teubner- 
sche  Hippokratesausgabe  ^)  bleibt  in  diesem  Sinne  stets  ein  zweitausend 
Jahre  alter  Text.  Aber  selbst  die  Niederschrift  der  ältesten  hierher 
gehörigen  Belege  reicht  über  die  ältesten  ostasiatischen  und  indischen 
Schriften  zurück.  Daher  steht  mein  Abschnitt  nur  wegen  der  Zweck- 
mässigkeit der  geographischen  Anordnung  nicht  am  Anfange  des  Buches. 

In  diesem  Abschnitte  ist  eine  Datierung  häufig  nicht  einmal  auf 
ein  bis  zwei  Jahrtausende  genau  zu  geben.  Wir  müssen  uns  mit  relativer 
Datierung  des  Früheren  und  des  Späteren  begnügen.  Bei  Einheit  des 
Schauplatzes  ist  dies  meist  möglich.  In  meinem  Abschnitte  ist  aber  die 
Einheit  des  Ortes  in  keiner  Weise  gewahrt.  Da  keine  Historie  ohne 
Chronologie  denkbar  ist,  so  ist  mehrfach  versucht  worden  Jahreszahlen 
zu  geben.  Auch  ich  gebe  dieselben  wieder  oder  wähle  vielmehr  aus 
den  oft  dutzendfach  verschieden  angesetzten  Chronologien  das  mir 
Wahrscheinlichste  aus.  Ich  habe  auf  dieser  Grundlage  selbst  die  Auf- 
stellung einer  chronologischen  Tabelle  versucht.  Ich  warne  aber  aus- 
drücklich die  Zahlen  vor  dem  Jahre  2000  für  mehr  als  Hypothesen 


^)  In  gleicher  Weise  für  Pseudohippokratestexte  gültig. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Yorarier.    53 

oder  Notbehelfe  zu  nehmen.  Dann  folgt  eine  Periode,  welche  durch 
astronomisch-kalendarische  Notizen  auf  4  Jahre  genau  datierbar  ist, 
während  selbst  in  noch  späteren  Zeiten  wieder  Spielräume  von 
mehreren  Jahrzehnten  auftreten.  Alle  Jahreszahlen  in  meinem  Ab- 
schnitte ohne  Angabe  des  Gegenteiles  beziehen  sich  auf  die  Zeit 
vor  Christi  Geburt. 

Vor  3000  setzt  L  e  p  s  i  u  s  die  letzte  Eiszeit.  Unsere  vorzüglichsten 
Kulturländer  von  heute  in  Europa,  Asien  und  Amerika  nördlich  von 
circa  45.  ^  n.  Br.  waren  grösstenteils  unwirtlich  kalt.  Dagegen  war 
der  Gürtel  von  20.  —  30.  ^  n.  ßr.  ohne  erschlaffend  warmes  Klima  der 
damalige  Träger  eines  gemässigten  Kulturklimas.  Die  Kultur  schloss 
sich  den  grossen  Flussthälern  an:  dem  Koang-ho,  Jang-tse-kiang, 
Mekhong,  Ganges,  Indus,  Mesopotamien  und  Nil  und  griff  wahr- 
scheinlich später  nach  Iran,  Tibet  und  den  Küsten  des  mittelländischen 
Meeres  über.  Die  Schriftsysteme  dieser  Kultur,  heute  noch  im  Osten 
gebräuchlich,  verwenden  Bilder  als  Träger  von  Werten  von  Laut- 
komplexen. Beim  Gleichklange  vieler  Worte  und  bei  den  niederen 
Entwicklungsstufen  der  damaligen  Kultursprachen  (die  flektierenden 
semitischen  und  arischen  Sprachen  spricht  noch  kein  Kulturvolk)  werden 
den  gelesenen  Lautbildern  noch  generelle  Bilder  zugefügt ;  ob  dieselben 
japanisch  „hen"  oder  in  der  Philologie  des  Westens  Determinativa. 
genannt  werden,  sachlich  ist  es  das  gleiche  und  beweist  die  enge 
Zusammengehörigkeit  dieser  vorsemitischen  und  vorarischen  Kulturen 
und  Medizinen. 

Ethnographisch  und  linguistisch  fehlen  die  Brücken  zwischen  den 
ältesten  Kulturvölkern  Mesopotamiens  und  Aegyptens  einerseits  und 
den  heutigen  Kulturen  des  Westens  andererseits.  Ethisch  sind  die 
im  Westen  verworfenen,  noch  heute  aber  im  Orient  gültigen  Welt- 
anschauungen jenen  Kulturen  eigen.  Nur  als  vereinzeltes  Beispiel  sei 
ausser  der  Polygamie  daran  erinnert,  dass  im  Westen  von  den  Men- 
struationstagen der  einzelnen  Frau  im  bürgerlichen  Leben  gar  nicht 
gesprochen  wird,  während  im  Orient  dies  seit  der  ältesten  Zeit  mit 
Männern  unbeanstandet  besprochen  wird,  aber  die  Frau  selbst  für 
den  allgemeinsten  häuslichen  Verkehr  (z.  B.  Benutzung  des  gleichen 
Essgeräts  etc.)  als  unrein  gilt.  Wahrscheinlich  überwiegt  hier  beim 
Orientalen  die  Furcht  yS  angeblicher  Gesundheitsschädigung  das 
sonstige  sexuelle  Schamgefühl. 

Diese  fremden  Völker  befinden  sich  ausserdem  kulturell  noch  in 
der  Kupferzeit,  ja  zum  Teile  noch  im  Uebergange  von  der  Stein-  zur 
Kupferzeit.  Sozial  ist  das  Matriarchat  noch  nicht  völlig  abgestreift. 
Die  Sklavenhaltung  steht  in  höchster  Blüte,  ergiebt  aber  bei  der 
starken  sprachlichen  und  politischen  Zersplitterung  in  einzelne  Stadt- 
oder Hirtenkönigreiche  und  bei  der  geringen  Ausbildung  der  Verkehrs- 
mittel einen  wichtigen  internationalen  Faktor  zur  Verbreitung  neuer 
Kulturerrungenschaften,  vor  allem  auch  zur  internationalen  Verbreitung 
medizinischer  Empirie.  Die  Grundlagen  für  die  Medizin  und  ihre 
Hilfswissenschaften  sind  also  in  jenen  Zeiten  und  Ländern  weit  ver- 
schieden von  heute.  Der  Konservativismus  der  Malaien  und  Ostasiaten 
in  Sprache  und  Kultur  lässt  uns  auch  in  anderen  Dingen,  besondei-s 
der  Medizin  vielfach  ein  gleiches  Festhalten  erwarten,  allerdings  nicht 
ohne  Spuren  der  Altersdegeneration  in  den  heutigen  Resten.  Bei 
näherer  Erschliessung  der  Medizin  der  Südsee,  Ostasiens  und  Tibets 
von  heute  wird  auch  die  Medizin  vom  Jahre  3000  für  uns  verstand- 


54  von  Oefele. 

liclier  werden.  Einstweilen  sind  ja  manche  scheinbar  wertvolle  Fund- 
stücke zur  alten  Medizin  für  das  Zusammenfügen  eines  Gesamtbildes 
noch  recht  unverwertbare  Brocken,  und  gar  vieles,  was  den  Schlüssel 
für  das  Verständnis  anderer  Fundstücke  ergeben  könnte,  liegt  ungekannt 
und  ungenützt  in  den  Eumpelkammern  europäischer  Museen,  welche 
sich  täglich  mehr  mit  unverdautem  Inhalte  ohne  Platz  zur  Aufstellung 
anschoppen  und  dabei  vor  allem  medizinische  Belege  vernachlässigen. 

Die  rein  empirische  Medizin  der  ältesten  Südseekultur  ist  frei 
von  Mystizismus,  Aberglauben  und  Zauberwesen,  dagegen  auch  ohne 
jede  höhere  Auffassung  der  Medizin  als  Wissenschaft  und  ohne  jede 
Systematik.  Durch  Erfahrung  oder  Vererbung  kennt  ein  Mann  blutige 
Geiselungen  mit  Aussaugen  des  Blutes  gegen  lokale  Schmerzen,  während 
ein  zweiter  eine  Reihe  von  Manipulationen  bei  Trommelsucht  eines 
Haustiers  beherrscht.  Die  Medizin  war  somit  ein  ganz  zufälliges  Konglo- 
merat von  Einzelerfahrungen.  Am  Anfange  der  südöstlichen  Medizin 
besteht  eine  Zerfahrenheit  in  Einzelkenntnissen,  wie  sie  unsere  Ueber- 
kultur  im  Niedergange  der  Medizin  durch  zersplitterndes  Spezialisten- 
tum wieder  hervorzubringen  droht. 

Gegenüber  dem  geringen  Abstraktionsvermögen  besass  der  Anfangs- 
kulturmensch ein  gutes  Gedächtnis  für  Einzelbeobachtungen,  welche 
einer  rein  empirischen  Medizin  eine  handwerksmässige  Vollkommenheit 
verschaifen  können.  Noch  heute  beobachten  wir  diese  relative  Voll- 
kommenheit der  angewandten  Medizin  bei  vielen  modernen  Natur- 
völkern, so  dass  die  moderne  Kulturmedizin  in  ihrer  vielfachen  thera- 
peutischen Ohnmacht  von  Tag  zu  Tag  in  die  Lage  kommt,  von  der 
Empirie  der  Naturvölker  Entlehnungen  zu  machen. 

Von  dieser  empirischen  Medizin  ohne  Aerztestand  erzählt  im 
Anachronismus  Herodot  (I,  197)  in  Babylon:  „Sie  bringen  ihre  Kranken 
auf  den  Markt;  denn  Aerzte  haben  sie  nicht;  und  nun  tritt  ein 
jeglicher  zu  dem  Kranken  und  giebt  ihm  guten  Rat,  falls  er  selber 
das  Uebel  gehabt,  daran  der  Kranke  leidet  oder  auch  weiss,  dass  ein 
anderer  daran  gelitten.  Darüber  bespricht  er  sich  mit  dem  Kranken 
und  rät  ihm  Mittel  an,  die  ihn  selber  von  einer  ähnlichen  Krankheit 
erlöst  oder  einen  anderen  von  seiner  Bekanntschaft."  ^) 

Von  dieser  freien  oder  vielmehr  wilden  Medizin  mit  vielen  Merk- 
malen der  späteren  knidischen  Schule  bis  zur  Knebelung  in  die  her- 
metische Medizin  Aegyptens  werden  verschiedene  Entwicklungsstationen 
durchlaufen. 

Aufgabe  des  folgenden  Abschnittes  ist  es,  die  kurz  skizzierte  Ent- 
wicklung der  Medizin  in  den  drei  (nach  anderen  5  und  selbst  noch 
mehr)  vorchristlichen  Jahrtausenden  mit  ihren  Störungen  durch  ethno- 
graphische Verschiebungen  im  Zweistromlande,  dem  Nilthale  und  dem 
Mittelmeerbecken  mit  Ausschluss  der  Hellenen  und  Israeliten  synchro- 
nistisch zu  behandeln.  Leider  können  aber  einstweilen  nur  einzelne 
Lichtblicke  in  die  einzelnen  Gebiete  durch  bisherige  Funde  geboten 
werden,  Lichtblicke,  die  oft  durch  hundertjähriges  und  tausendjähriges 
Dunkel  von  einander  getrennt  sind.  Die  betrachteten  Länder  stehen 
fortwährend  in  kriegerischen  und  friedlichen  Beziehungen,  so  dass  ein 
Austausch  kultureller  Fortschritte  und  Rückschritte  bedingt  ist.  Wenn 
also  um  3000  die  Einblicke  in  die  südmesopotamische  Kultur,  um  2000  in 


^)  Dies  wird  von  modernen  Erklärern  als  Dragomamvitz  aufgefasst,  auf  welchen 
Herodot  hereingefallen  sein  soll. 


Yorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    55 

die  ägyptische  Medizin,  um  1000  in  die  homerische  und  um  700  in  die 
assyrische  Medizin  im  Vordergrunde  stehen,  so  sind  diese  Entwicklungs- 
phasen gleichzeitig  wahrsclieinlich  auch  in  den  nicht  belegbaren 
anderen  Gebieten  ähnlich  und  wir  dürfen  mit  Rücksicht  auf  die 
chronologischen  Differenzen  ethnographische  Differenzen  in  der  Medizin 
weniger  betonen.  Diese  Einleitung  zu  meinem  Abschnitte  erscheint 
zu  gross.  Aber  so  verschiedene  Kulturländer,  durch  einen  Zeitraum 
weit  länger  als  von  Hippokrates  bis  zu  uns  auf  wenigen  Seiten  be- 
handelt, verlangen  eine  vorläufige  Orientierung,  zudem  die  gedrängten 
Details  gerade  dieses  Abschnittes  sich  von  Tag  zu  Tag  durch  neue 
Ausgrabungen,  Lesungen  und  Deutungen  rasch  erweitern.  Ohne  solchen 
Ueberblick  ergeben  sich  fortwährend  Missverständnisse  im  Kreise  der 
Leser  und  sogar  unter  speziellen  Medicohistorikern. 

Es  kann  ja  auch  nicht,  wie  in  anderen  Abschnitten  auf  zusammen- 
fassende benützte  Litteratur  verwiesen  werden.  Es  ist  noch  nicht 
eine  einzige  Sammlung  des  Materiales  versucht  und  jenes  selbst  liegt 
noch  in  Hunderten  von  kleinen  Aufsätzen  und  Bemerkungen,  vor  allem 
auch  der  speziellen  sprachwissenschaftlichen  Litteratur  zei-streut,  schwer 
erreiclibar  durch  den  modernen  künstlichen  gegenseitigen  Abschluss 
der  verschiedenen  Wissenschaften.  Zum  Teil  musste  ich  auch  unver- 
öffentlichtes Material  bei  den  einschlägigen  Philologen  durch  persönliche 
Beziehungen  aufsuchen.  Meine  Leser  werden  mit  mir  diesen  uneigen- " 
nützigen  Förderern  Dank  wissen. 

Wenn  wir  in  der  ältesten  Kultuimedizin  ein  inniges  Gemisch  von 
treuer  Naturbeobachtung  und  Aberglauben  erkennen,  so  müssen  wir 
die  beiden  Fehlerquellen  jener  Zeiten,  welche  zu  den  Fehlern  führten, 
zu  verstehen  suchen.  Gegenüber  dem  guten  Gedächtnisse  für  Einzel- 
beobachtungen beim  Naturmenschen  mangelt  einerseits  ein  genügendes 
Abstraktionsvermögen,  andererseits  wird  zu  wenig  Kritik  dem  „post  hoc 
ergo  propter  hoc"  entgegengesetzt.  Die  Astronomie  war  noch  die 
leichteste  Beobachtungswissenschaft.  Der  Zusammenhang  des  Sonnen- 
standes und  der  Sternaufgänge  mit  den  Jahreszeiten,  der  Mondphasen 
mit  Ebbe  und  Flut  und  Witterungsvorgängen,  die  wechselnde  Stellung 
zwischen  Fixsternen  und  Planeten  und  dann  wiederum  der  Einfluss 
von  Jahreszeit  und  Witterung  auf  das  Auftreten  bestimmter  Krankheits- 
formen, die  abendlichen  Fiebersteigerungen,  die  periodischen  Er- 
scheinungen bei  zooparasitären  Erkrankungen  wie  Malaria  und  Fila- 
riasis legten  den  Grund  zur  leicht  verzeihlichen  astrologischen  Be- 
trachtung der  Physiologie  und  Medizin.  Die  Analogien  führten  teils 
ausgesprochen  teils  unausgesprochen  zur  Lehre  vom  parallelen  Verlauf 
der  Lebensvorgänge  im  Makrokosmos  und  Mikrokosmos.')  Das  Zwei- 
stromland wie  Aegypten  in  der  Nähe  der  Wüste,  vielfach  nur  fruchtbar 
durch  Ueberschwemmungen  ihrer  Flüsse,  Hessen  in  Analogieschlüssen 
die  Notwendigkeit  des  bewegten  Blutes  für  das  Leben  des  Körpers 
verstehen.  Wie  der  Boden  unfruchtbare,  undurchfeuchtbare  Steine 
neben  Humus  besitzt,  so  wurden  im  Körper  Hartteile  (Skelett)  neben 
blutdurchtränkten  Weichteilen  unterschieden.  Die  Hitze  war  für 
den  Pflanzenwuchs  nötig;  doch  übermässige  Hitze  musste  durch  Wind- 
zug gekühlt  werden,  um  nicht  alles  zu  versengen.  Solchen  AVindzug 
besass   auch   der  Mikrokosmos   in    der  Atmung  gegenüber    der  ein- 

')  Win  ekler  verwendet  die  Durchführung  dieser  Parallelisierung  mit  dem  Ge- 
stimlaufe  auch  in  der  Geschichtsschreibung.  Physiologisch  findet  sich  dieser  Paralle- 
lismus  am  ausgesprochensten  in  der  clunesischen  Medizin  (Alb recht). 


56  von  Oefele. 

gepflanzten  Wärme  des  Körpers,  welche  bei  Ueberliandnalime  als 
lokale  „Entzündung"  oder  als  allgemeines  Fieber  gleich  der  Glutsonne 
das  Leben  zerstören  konnte. 

Damit  war  die  Lehre  von  den  vier  Elementen  im  Makrokosmos 
lind  Mikrokosmos  gegeben  und  zwar  im  paarigen  Gegensatz  als  trocken 
und  feucht,  heiss  und  kalt.  Zeitlich  und  örtlich  bekam  das  eine  oder 
andere  Element  mehr  Bedeutung  und  wurden  für  die  mikrokosmische 
Betrachtung  die  unveränderten  Makrokosmosnamen  oder  analoge  Sonder- 
namen eingesetzt.  Es  w^urde  versucht,  diese  Elemente  und  ihre  Quali- 
täten im  allgemeinen  und  im  besonderen  mit  dem  Laufe  der  Gestirne 
in  Beziehung  zu  bringen.  Analogien  wie  die  Fieberhitze  nach  dem 
täglichen  Hochstand  der  Sonne  und  die  Sommerhitze  nach  dem  Jahres- 
hochstand der  Sonne  schienen  vollgültige  Beweise.  In  der  Keilschrift- 
kultur ist  zuerst  erweislich  die  Geburt  mit  dem  Laufe  der  Gestirne 
und  den  späteren  Schicksalen  des  Geborenen  in  Beziehung  gebracht. 
Dies  musste  immer  noch  als  der  Versuch  angesehen  werden,  exakte 
Naturbeobachtung  für  die  Gesundheit  des  Individuums  nutzbar  zu 
machen,  die  heute  noch  anerkannte  Aufgabe  der  Heilkunde  in  antiker 
Anschauung.  Wenn  die  Ontogenese  in  antikem  Sinne  und  das  Wohl 
und  Wehe  des  Staates  so  sehr  vom  Lauf  der  Sterne  abhängig  war,  so 
mussten  ungewöhnliche  Sternstellungen  sowohl  bestimmte  Geburts- 
abnormitäten wie  bestimmte  Ereignisse  im  Staat  oder  im  Klima  her- 
vorrufen. Nur  ein  Schritt  weiter  war  es  —  für  unsere  Anschauungs- 
weise ganz  unverständlich  — ,  wenn  ein  altes  keilinschriftliches  25- 
Tafelwerk  d.  h.  also  eine  sehr  umfangreiche  Abhandlung  sich  mit  den 
verschiedensten  Geburtsabnormitäten  befasste  und  bei  deren  Eintritt 
gewisse  Ereignisse  prophezeit.  Dass  solche  Anschauungen  international 
waren,  beweist  die  Wiederholung  ähnlicher  ominöser  Ereignisse,  z.  B. 
die  Mauleselgeburt  bei  Livius.  Livius  steht  hier  auf  etrurischer 
Tradition,  so  dass  sich,  wie  so  häufig,  auch  hier  keilschriftliche  und 
etrurische  Medizin  und  Naturwissenschaft  berühren. 

Zu  allen  Zeiten  w-aren  Sternschnuppen  und  Meteore  gefallene 
Sterne.  Die  Gestalt  solcher  Meteorsteine  mit  der  gehörigen  Phantasie 
musste  sich  dem  gleichen  falschen  naturwissenschaftlichen  Schema  und 
der  astrologischen  Deutung  fügen.  Wir  kennen  solche  Meteore  mit 
göttlicher  Verehrung  und  ominöser  Bedeutung  aus  dem  Athena-gestal- 
tigen,  also  eulenförmigen  Schutzmeteore  Trojas  und  dem  heiligen  Steine 
in  Mekka.  Nach  Jensen  trägt  eine  Keilschrifttafel  Omina  von  Sternen, 
welche  sich  solcher  Art  in  Löwe,  wilden  Hund,  Fuchs,  Haushund, 
Schwein  (?),  Fisch  (?),  Pfeil,  Maus  (?),  Kleider,  Schwalbe  (?),  Sichel, 
Scheibe,  Malachit,  Lapislazuli,  Silber,  Gold,  Kupfer,  Sonnenhund,  Motte, 
Würmchen,  Schafe  verwandeln. 

Dem  Menschen  kam  seine  unsichere  indirekte  Kenntnis  recht 
ungenügend  vor.  Die  elektrischen  und  hygroskopischen  Vorgänge  in 
der  Luft  vor  Regen  veranlassen  z.  B.  die  Katze  sich  über  die  Ohren 
zu  waschen,  die  Schwalben  bei  der  Insektenjagd  niederer  zu  fliegen  etc. 
Die  Thätigkeit  der  einzelnen  Tiere  wurde  darum  wie  auch  andere 
Naturereignisse  sorgfältig  beobachtet,  um  die  Zukunft  zu  ergründen 
und  hier  vor  allem  ausser  Witterungsangaben  Leben  und  Gesundheit 
und  deren  Gegenteile  für  den  einzelnen  Menschen.  Auch  hierfür  liefert 
die  Keilschriftlitteratur  reichliche  Belege  und  die  etrurische  Tradition 
bewegt  sich  im  gleichen  Geiste.  Eine  Menge  dieser  abergläubischen 
Ansichten   hat  sich  bis  in  die  Gegenwart  erhalten.     Gar  manchem 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    57 

TJeberbleibsel  davon  begegnet  noch  Tag  für  Tag  der  Arzt  am  Kranken- 
bette. Aber  nur  die  ältesten  Formen  des  Medizinalaberglaubens 
können  das  Verständnis  ergeben.  Die  ältesten  erweislichen  Belege 
dafür  liefert  aber  die  Keilschrift,  wo  sich  dieser  Aberglaube  mit 
inniger  Naturbeobachtung,  falschen  Analogieschlüssen  und  längst  ver- 
alteten Theorien  zu  einem  festen  Bau  fügt,  in  welchem  die  Grenzen 
zwischen  Naturwissenschaft,  Medizin  und  Aberglauben  überhaupt  nicht 
mehr  feststellbar  sind.  Darum  ist  auch  von  sehr  vielen  Litteratur- 
produkten  jener  Zeiten  nur  nach  subjektivem  Empfinden  entscheidbar, 
ob  sie  zur  Geschichte  der  Medizin  gehören  oder  nicht.  Die  medi- 
zinischen Anschauungen  oder  Lehrgebäude  können  aber  nur  aus  dieser 
Grenzlitteratur  erschlossen  werden. 

Wie  zu  allen  Zeiten  fühlten  wohl  auch  damals  nicht  die  schlech- 
testen Aerzte  die  Kluft  zwischen  Theorie  und  Praxis,  ausserdem  auch 
die  der  Medizin  ferner  Stehenden,  nach  heutiger  Benennung  „die  Kur- 
pfuscher und  ihr  Anhang".  Ohne  Diagnose  im  heutigen  Sinne  wurden 
einzelne  subjektive  Beschwerden  des  Patienten  und  einzelne  Symptome 
beachtet  und  eine  empirische  Sammlung  jenei'  Stotfe  und  Massnahmen 
angelegt,  welche  symptomatisch  erleichtern.  Dass  auch  hier  viele 
subjektive  Beobachtungsfehler  und  suggestive  Erfolge  verallgemeinert 
wurden,  war  sehr  natürlich  und  begreiflich.  Diesem  Geiste  entsprechen 
in  späterer  Zeit  die  mittelalterlichen  Arzneibüchei-.  in  hippokratischer 
Zeit  die  erhaltenen  gynäkologischen  therapeutischen  Schriften.  Diese 
Art  medizinischer  Schriften  sind  aber  auch  schon  reichlich  in  Aegj'pten 
und  dem  Zweistromlande  von  den  ältesten  erweislichen  Zeiten  medi- 
zinischer Litteratur  ab  nachweisbar,  aber  leider  in  verschiedenen 
Museen  unveröffentlicht  zerstreut. 

Dazwischen  steht  ein  Litteraturprodukt,  welches  einerseits  lange 
Theorien  meidet,  den  Stoff  ebenfalls  nach  praktischen  Gesichtspunkten 
einzelnen  S3'mptomen  unterordnet,  aber  doch  wieder  die  einzelnen 
Symptome  für  das  therapeutische  Handeln  in  Unterarten  zerlegt,  indem 
durch  Beigabe  von  Nebensymptomen  gleichzeitig  eine  Art  abgerundeter 
Krankheitstypen  geschaffen  werden.  Diese  Litteraturprodukte  flechten 
überallhin  vermittelnd  einzelne  Jahreszeitbemerkungen  und  ähnliches 
ein,  sie  geben  auch  diätetische  Verordnungen,  welche  mehr  oder 
weniger  durch  die  Theorien  der  Zeit  begründet  werden.  Sie  fügen 
aber  auch  empirische  Rezepte  an  und  zwar  häufig  zur  Auswahl  deren 
mehrere.  Im  hippokratischen  Corpus  werden  Schriften  dieser  Art  der 
knidischen  Schule  zugeschrieben.  Aber  auch  Partien  der  ägyptischen 
Papyri  und  der  Keilschriftmedizin  tragen  diese  Charakterzüge.  Be- 
sonders beachtenswert  erscheint  es  mir,  dass  in  allen  drei  Kulturen 
gerade  Krankheiten  der  abdominellen  Verdauungsorgane  in  dieser 
Weise  behandelt  werden.  Ein  grosses  prognostisches  Keilschriftwerk 
mit  knidischem  Charakter  muss  später  näher  besprochen  werden. 

Sumerische  Medizin  des  Zweistromiandes. 

Einen  Vorläufer  der  babylonisch-assyrischen  Kultur  bilden  die 
Sumerer.  In  vielen  Punkten  herrscht  noch  Unsicherheit,  vor  allem 
über  die  geographische  Bestimmung.  Lebten  die  Sumerer  in  Babylonien 
oder  südöstlich  in  Elam  oder  müssen  sie  als  ausländische  (indische? 
südwestliche  ?  iranische  ?)  Mutterkultur  (wie  China  zu  Japan)  betrachtet 


58  von  Oefele. 

werden?  Nach  den  Untersuchungen  Hommels  gehört  die  Sprache  der 
Sumerer  dem  gleichen  Stamme  an,  wie  die  Sprachen  der  Türken, 
Finnen,  Ungarn  und  Tataren.  ^)  Die  sumerische  Kultur  des  Zweistrom- 
landes reicht  angeblich  ins  vierte,  vielleicht  fünfte  vorchristliche  Jahr- 
tausend zurück  und  ist  nach  der  verbreitesten  Ansicht,  vor  allem  der 
Assyriologen,  älter  als  die  älteste  erschlossene  Hieroglj^phenkultur 
Aegyptens. 

Wie  später  die  Germanen  nach  Zertrümmerung  des  Kömerreiches 
in  Wissenschaft  und  Religion  lateinisch  schrieben,  so  hielt  sich  bei  den 
semitischen  Babyloniern  und  Assyrern  und  selbst  noch  anfänglich  bei 
den  arischen  Persern  eine  sumerische  Gelehrten  spräche  und  die  mehr 
oder  weniger  veränderte  sumerische  Schrift.  Die  sumerische  Schrift 
war  anfänglich  eine  Bilderschrift.  In  den  ältesten  erschlossenen 
Formen  sind  die  Bilder  durch  die  Verwendung  für  Inschriften  auf 
Stein  in  Systeme  von  geraden  Linien  aufgelöst  z.  B.  die  Sonne  O  in  <>. 
Ursprünglich  wurden  diese  Bilder  in  senkrechten  von  rechts  nach  links 
auf  einander  folgenden  Zeilen  wie  chinesische  Schrift  angeordnet. 
Später  wurden  durch  eine  Vierteldrehung  die  Zeilen  wagrecht  von 
links  nach  rechts  laufend  gestellt.  Durch  Verwendung  von  Lehmtafeln 
und  Griffeln  bedingt  beginnen  die  einzelnen  Striche  oben  oder  links 
dick  und  enden  unten  oder  rechts  dünn  (Keile).  Obiges  Sonnenbild 
wird  dadurch  zu  ^;I. 

Dieses  Schriftsystem,  welches  in  Silben  die  semitische  Sprache  der 
Babylonier  und  Assyrer,  die  arische  Sprache  der  Perser  und  zeiten- 
weise mehrere  andere  Sprachen  von  Indien  bis  zum  mittelländischen 
Meere  fixierte,  muss  als  Bilderschrift  bezeichnet  werden  mit  vielfach 
sumerischer  Benennung  der  Bilder  als  Grundlage  der  Lesung  auch  der 
anderen  Keilschriftsprachen. 

Unter  den  Schriftzeichen  sind  Bilder  von  Körperteilen  und  andere 
medizinische  Begriffe  reichlich  vertreten;  doch  ist  deren  reale  Form 
selbst  aus  den  archaischen  Zeichen  mit  vieler  Phantasie  nur  bei 
den  bekanntesten  Gegenständen  rekonstruierbar.  Die  Mammae,  in 
alter  Schrift  y,  in  späterer  Schrift  nach  links  umgelegt  t3|||;^  diene 
als  Beispiel.  Wie  sehr  aber  bis  in  die  spätesten  Schriftperioden  das 
Bewusstsein  vom  Rebuscharakter  der  Schrift  blieb,  zeigt  ^;[||  als  L  e  i  b , 
Herz,  Magen,  |{  als  Sohn  und  die  Kombination  \:J[|f||  als 
schwanger,  schwängern  oder  gebären.  Schon  die  letztere 
Unsicherheit  ergiebt  die  Schwierigkeit  der  Lesung  medizinischer 
Texte  durch  Nichtmediziner  in  dieser  Rebusschrift,  was  einzelne  Philo- 
logen aber  nicht  zugestehen  wollen. 

Diese  Schriftstücke  sind,  abgesehen  von  Steininschriften  und  Pris- 
men, welche  für  die  medizinische  Litteratur  nicht  in  Betracht  kommen, 
und  wahrscheinlich  vorhanden  gewesenen,  aber  nicht  bis  heute  erhaltenen 
Schriften  auf  Schilfpapier  oder  Leder,  Folgen  von 'Lehmtafeln.  Die- 
selben wurden  in  Babylonien  nur  an  der  Sonne  getrocknet  und  in 
Assyrien  gebrannt.  Man  schrieb  die  längsten  Texte  in  eine  Reihe 
Thontafeln  von  gleicher  Grösse  und  Gestalt  und  setzte  an  den  Schluss 
jeder  derselben  die  Anfangszeile  des  folgenden  als  Custos.  Ausserdem 
erhielt  der  -Schluss  der  Tafel   einen  Bibliotheksvermerk,  welcher  die 

^)  In  dieser  Anschauung  steht  Hommel  ziemlich  vereinzelt. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    59 

Nummer  der  Tafel  in  dem  Werke  und  die  ersten  Worte  des  Werks 
als  dessen  Titel  enthielt 

Da  die  Keilschrift  grossen  Inhalt  auf  kleinem  Räume  darstellt, 
so  ist  die  Zahl  der  Tafeln  eines  Werkes  oder  „Serie",  wie  man  es  zu 
nennen  pflegt,  nicht  sehr  gross.  Doch  sind  Werke  bekannt,  welche 
bis  zu  70  und  100  solcher  Tafeln  umfassen.  Das  assyrische  Werk 
„Wenn  ein  Beschwörer  in  das  Haus  eines  Patienten  geht"  umfasst 
19  Tafeln  und  das  prognostische  geburtshilfliche  Buch  „Wenn  eine 
Frau"  mindestens  25  Tafeln. 

Alle  diese  Tafeln  sind  nur  in  einzelnen  Scherben  erhalten  und 
bei  20000  solcher  Stücke,  z.  B.  aus  der  Bibliothek  von  Niniveh. 
ist  nur  sehr  teilweise  Zusammengehöriges  vereinigt.  Unter  diesen 
Fragmenten  sind  bis  jetzt  19  Stücke  erkannt,  welche  bibliothekarischen 
Listen  entsprechen.  Dabei  wird  die  Serie  „Wenn  ein  Neugeborenes" 
in  K  13280  und  K  13818  erwähnt.  Listen  von  Beschwörungstexten, 
vielleicht  therapeutischen  Charakters,  enthalten  K  2832,  Iv  3996  und 
K  6961.  Die  Tafelanfänge  zweier  Serien  prognostischer  (medizinischer? 
oder  abergläubischer?)  Texte  enthält  K  1352,  Die  erste  Serie  ent- 
hält danach  14  Tafeln,  von  deren  jeder  die  Zeilenzahl  verzeichnet  wird, 
und  die  zweite  Serie  i?  Tafeln.  Ein  Verzeichnis  von  Kapitelanfangen 
therapeutischen  Charakters  enthält  die  Tafel  82 — 5 — 22,563. 

Der  belebte  Körpei-  besteht  aus  Seele  und  Leib.  Der  Sitz  des  Ver- 
standes ist  das  Herz;  daher  ist  „Geisteskrankheit"  gleich  „Verkehrtheit 
des  Herzens".  Der  Körper  wird  als  Fleisch  bezeichnet.  Das  Belebende 
des  Körpers  ist  in  der  hämatischen  Physiologie  dieser  Kultur  das  Blut. 
Das  Centralorgan  für  das  Blut  ist  aber  die  Leber.  So  treten  „Herz 
und  Leber"  unzählige  Male  bis  in  die  späteste  Keilschriftlitteratur 
zusammengenannt  als  Seele  und  Leib  auf,  mehr  prosaisch  in  der  Brief- 
litteratur  steht  dafür  Herz  und  Fleisch.  Das  Centralorgan  des 
Willens  ist  das  Ohr.  Von  der  augenfälligen  Thätigkeit  anderer 
Organe  wie  Hände,  Füsse,  Lippen,  Augen  etc.  besassen  die  Sumerer 
natürlich  richtige  Vorstellungen.  Bei  dem  Interesse  für  das  Blut 
unterschieden  sie  arterielles  und  venöses  Blut  als  Blut  des  Tages  (?) 
d.  h.  helles  Blut  und  Blut  der  Nacht  (?)  d.  h.  dunkles  Blut.  Zum 
Blut  des  Tages  gehörte  auch  wohl  das  im  Laufe  eines  Aderlasses  sich 
aufhellende  Blut. 

Auch  hellrote  Granulationen  und  nach  einem  Belege  aus  assyrischer 
Zeit  auch  der  Keparationspannus  im  Auge  wurde  als  arterielles  Blut 
bezeichnet. 

Dem  ganzen  Altertume  entstammen  die  Träume  aus  dem  Blute.  In 
dem  hämatischen  Zweistromlande  sind  daram  die  Träume  als  Ausfluss 
des  Lebensprinzipes  Blut  die  ungetrübte  Quintessenz  des  Lebens.  Ueber- 
all  erfahren  wir  \^on  Träumen.  Der  Traumdeuter  ist  darum  eine  hoch- 
Tsassenschaftliche  medizinische  Person  vergleichbar  einem  modernen 
Nervenphysiologen.  In  der  Bibliothek  von  Niniveh  fanden  sich  42  M 
Tafelfragmente,  welche  sich  auf  die  Deutung  von  Träumen  bezogen. 
Und  hier  setzte  bei  Bedarf  eine  vorbeugende  Therapie  ein,  da  auch 
3  Tafeln  erhalten  sind  mit  Vorschriften  gegen  die  Folgen  übler  Träume. 

Arzt,   Traumdeuter,  Seher    und   Astrologe    kann   nicht    strenge 


^)  Nach  Bezold  sind  es  viel  mehr  als  42  Fragmente ;  nur  sind  sie  nicht  alle 
als  solche  beweisbar,  da  die  betreffenden  Anfänge:  ,,wenn  er  in  einem  Traume 
sieht  .  .  ."  vielfach  abgebrochen  sind. 


60  von  Oefele. 

aus  einander  gehalten  werden.  Der  Arzt  ist  sinnbildlich  geschrieben 
„der  Sohn  des  Wissens",  der  Seher  „der  gute  Mann"  abgesehen  vom 
Lautwert. 

Der  absichtlich  abgewartete  Tempeltraum  als  Grundlage  des 
therapeutischen  Handelns,  wie  ihn  die  Hellenen  anwandten,  ist,  so  sehr 
er  dem  Geiste  des  Zweistromlandes  entspricht,   bisher  nicht  erwiesen. 

Grundbedingung  der  Fortdauer  des  Lebens  ist  die  Erneuerung 
des  Blutes  durch  Trinken  und  vor  allem  durch  Essen.  So  droht  Istar 
in  der  Unterwelt,  dass  sie  die  Toten  wieder  essen  und  dadurch  leben 
lassen  werde.  Die  Atmung,  welche  in  der  ägyptischen  Volksphysiologie 
so  oft  betont  wird,  wird  im  Zweistromlande  kaum  erwähnt. 

Ob  in  der  Zwischenzeit  bis  zur  Begründung  der  Universität 
Niniveh  einmal  ein  System  Wechsel  stattgefunden  hatte,  oder  ob  afri- 
kanische Medizin  importiert  worden  war,  ist  unbestimmbar.  Meist 
sind  ja  Beschwörungstexte  viel  konservativer  als  Eezepttherapie.  Aber 
in  der  Serie  von  der  Kolik  humoral-pathologischen  Charakters  ist 
eine  pneumatische  Windbeschwörung  erhalten;  ausserdem  ist  eine 
pneumatische  Augenbeschwörung  in  Keilschrift  erhalten.  Dann  betet 
K  256  der  Babylonier :  „Gott,  mein  Schöpfer,  meine  Arme  ergreife  (?); 
den  Atem  (miisü)/)  meines  Mundes  leite;  meine  Hände  leite!  0  Herr 
des  Lichtes!" 

Geleugnet  wurde  übrigens  die  Lebenswichtigkeit  der  Atmung  auch 
vom  Humoralpathologen  nicht.  Die  Atmung  war  ihm  nur  sekundäre 
Funktion.  Auch  dem  Humoralpathologen  waren  Arterie,  Vene,  Nerv 
und  Sehne,  wie  dem  ganzen  Altertume  ein  einziges  System.  Was  der 
Römer  nervus.  der  Grieche  (pleip,  der  Hebräer  gid  und  der  Aegypter 
MOTT  nennt,  ist  im  Zweistromlande  mfsritu  oder  buanu. 

Die  Bibliothek  des  Assyrerkönigs  Assurbanipal  lieferte  eine  Reihe 
sumerischer  Texte,  teilweise  mit  gleichzeitiger  interlinearer  assyrischer 
Uebersetzung,  darunter  viele  Krankenbeschwörungen  d.  h.  Vorschriften 
zu  symbolischen  gottesdienstlichen  Handlungen  verbunden  mit  Gebeten. 
Z.  B.  Es  wird  eine  Zwiebel  entschält,  eine  Dattelrispe  entbeert,  ein 
Blumenstrauss  (?)  aufgelöst  und  ein  Wollbausch  zerzupft  und  die  Ab- 
fälle davon  jedesmal  dem  Feuer  übergeben  mit  dem  wiederholten 
Wunsche,  dass  ein  Gott  in  gleicher  Weise  gründlich  die  Krankheit 
vernichten  möge.  In  einem  anderen  Falle  wird  der  Patient  gefesselt 
und  dann  seine  Fesseln  unter  Gebeten  wieder  gelöst,  damit  der  Patient 
gleicherweise  von  den  Fesseln  der  Krankheit  erlöst  werde.  Oder  es 
wird  Getreide  oder  Getreideschrot  ausgestreut  und  wieder  weggekehrt. 
Auch  einfachere  hymnenartige  Gebete  um  Befreiung  von  Bauchschmerz 
und  Kopfschmerz  finden  sich.  In  denselben  sind  vielfach  rationelle 
therapeutische  Massnahmen  erwähnt,  wie  nasse  Umschläge  und  ähn- 
liches. 

Diese  symbolischen  Handlungen  bildeten  sich  in  der  späteren 
semitischen  Kultur  und  bei  deren  Schülern  d.  h.  den  Aegyptern  am 
Ende  des  neuen  Reiches  und  in  demotischer  Zeit  zur  'Zaubermedizin  um. 

In  der  sumerischen  Kultur  blühten  die  Naturwissenschaften,  vor 
allem  Astronomie,  Zoologie,  Botanik  und  Mineralogie,  so  dass  die 
folgende  semitische  Kultur  ihre  termini  technici  der  Naturwissen- 
schaften aus  der  sumerischen  Sprache  wählte. 


^)  musu  =  das  was  herausgeht  (?),  nach  Delitzsch  Handwh.:  die  Eein- 
erhaltunä:. 


Vorhippokratische  iledizin  Westasiens,  Aegyptens  and  der  mediterranen  Vorarier.     61 

Neben  der  Dattel  sind  Zwiebel  und  Lauch  (nicht  aber  Knoblauch!) 
wichtige  Xahrung:smittel,  welch  erstere  nach  einem  Sprichwort  als 
Diätetikum  und  Prophjiaktikum  gegen  Leibschmerzen  verwendet 
werden.  Gerste  ist  Brotfurcht  und  Sesam  die  Oelfrucht.  Der  Bier- 
(Kwass)genuss  war  stark  verbreitet. 

Die  Massage  ohne  Oel  (Sesamöl)  wird  als  zwecklose  Handlung 
bezeichnet. 

Mesopotamien  war  seit  ältester  Zeit  das  Ursprungsland  des  Asphalt- 
exportes, welcher  schon  in  der  ältesten  ägyptischen  Medizin  als  Pro- 
dukt von  Südmesopotamien  als  Pflastergrundlage  Verwendung  findet. 
In  Asien  fand  Asphalt  auch  interne  Verwendung. 

Sumerische  medizinische  Texte,  ausgenommen  die  erwähnten  Be- 
schwörungstexte sind  in  der  Bibliothek  des  Assurbanipal  nicht  er- 
weislich. Was  aus  den  Bibliotheken  von  Telloh  und  anderen  Samm- 
lungen erwartet  werden  kann,  lässt  sich  nicht  überblicken.  Durch 
die  Freundlichkeit  von  S  c  h  e  i  1  erhielt  ich  die  Uebersetzung  eines  alten 
humoralpathologischen  Keilschrifttextes,  welcher  aus  Niffer  stammt  und 
in  Konstantinopel  als  Nr.  583  aufbewahrt  wird. 

Noch  vor  das  Jahr  2000,  also  vor  die  babylonisch-semitische  Zeit, 
ist  der  Siegelcylinder  des  Edinmugi  (alias  Inaserisumukin)  mit  dem 
Herrn  L u g a  1  e d i n a  (alias  Belseri)  anzusetzen.  Zehnpfund  schreibt 
das  Siegel  der  Zeit  Gudeas  (circa  3300)  zu.  .  An  bildlichen  Darstel- 
lungen enthält  es  den  Gott  der  Heilkunde  Ninip  (oder  Adar)  mit 
charakteristischer  Kopfbedeckung  und  Kaunakesgewand.  Der  Gott 
hält  einen  gerundeten  Schröpfkopf;  zwei  andere  sind  auf  Säulen 
postiert.  Dazwischen  ist  eine  Doppelpeitsche  dargestellt,  welche  zwei 
Krumm  bolzen  an  den  Schnurenden  trägt  und  zum  Schlagen  von 
Schröpfwunden  benützt  wurde.  Der  zweite  Name  des  Cylinders  ist 
als  Arzt  bezeichnet  und  muss  als  freier  Priester  gedeutet  werden. 
Der  Träger  des  ersten  Namens  nennt  sich  in  zwei  Ausdrücken  als 
Sklave  des  Arztes  und  bezeichnet  sich  als  Skarifikator,  Schröpfkopf- 
setzer und  Pflasterleger.  Es  ist  also  der  Chirurge  schon  hier  getrennt 
und  untergeordnet  dem  Internisten. 

Alle  Handwerker  und  Gewerbetreibenden  waren  in  Babylonien 
bis  spät  in  die  Seleucidenzeit  Sklaven.  Es  entspricht  dem  sonstigen 
Bilde  babylonischer  Leibeigenschaft,  dass  der  freie  priesterliche  Arzt 
Lugaledin  sich  einen  eigenen  Sklaven  als  Bader  hielt  für  Han- 
tierungen, welche  ihm  als  Priester  zu  respektwidrig  erschienen.  Den 
Honoraren  für  Schröpfen  etc.  gegenüber  huldigte  er  der  Praxis:  non 
ölet.  Der  Bader  erhält  dafür  von  seinem  Herrn  Wohnung,  Kleidung 
und  Unterhalt  und  durfte  sich  Nebenverdienste  verschaffen,  auch  wohl 
den  in  Keilschrift  belegbaren,  sogar  quittierten  Bakschisch.  Dass  der 
Sklave  Edinmugi  selbst  Privatbesitz  haben  durfte,  zeigt  gerade  der 
Besitz  des  gefundenen  Privatsiegels. 

Von  philologischer  Seite  wird  vielfach  die  Lesung  des  Siegels  an- 
gezweifelt, dagegen  aber  nicht,  dass  die  eine  Person  mit  dem  Standes- 
namen als  Arzt  bezeichnet  ist. 

Vorarische  Medizin  Indiens. 

Die  Sanskritmedizin  ist  in  einem  anderen  Abschnitte  behandelt. 
So  umstritten  die  Chronologie  der  Sanskritmedizin  ist,  so  kann  in  der 
Zeit  der   sumerischen   Kultur   Mesopotamiens  noch   nicht   von   einer 


(32  von  Oefele. 

arischen  Kultur  Indiens  die  Rede  sein.  Die  Drawidavölker  werden  als 
die  Reste  der  vorarischen  Kulturvölker  betrachtet.  Von  Flow  er 
werden  die  Drawida  zu  der  kaukasischen  Rasse  gerechnet,  von  Huxley 
aber  mit  den  Bewohnern  Australiens  und  den  alten  Aegyptern  aus 
anatomischen  Gründen  zu  einer  besonderen  australoiden  Rasse  ver- 
einigt. 

Auch  die  Behandlung  der  modernen  Drawidamedizin  ist  Sache 
eines  anderen  Bearbeiters.  Für  die  grosse  vorhippokratische  Kultur- 
gemeinschaft, welche  ausser  Mesopotamien  und  Aegypten  auch  Indien 
umfasste,  und  die  zugehörige  Geschichte  der  Medizin  liefert  also  In- 
dien keinen  Beitrag.  Der  älteste  Hinweis  auf  indische  Medizin  ist 
mir  in  einer  brieflichen  Mitteilung  von  W.  Max.  Müller  aus  einem 
demotischen  Papyrus  bekannt,  welcher  bei  der  Droge  Magneteisenstein 
ausdrücklich  Indien  als  Ursprungsland  anführt  (stammt  aber  nach 
Müller  erst  von  circa  200  n.  Chr.). 

Zur  Zeit  Ibn  elBeithars  und  der  übrigen  berühmten  arabischen 
Aerzte  werden  die  alterprobten  östlichen  Drogen  als  indisch  bezeichnet 
und  darunter  indisches,  iranisches  und  mesopotamisches  Lehngut  der 
Pharmakotherapie  vermengt. 

Im  Norden  und  Osten  Indiens  giebt  es  heute  Reste  alter  Kulturen 
in  Siam,  Tibet  und  den  angrenzenden  Ländern.  Nördlich  davon  finden 
sich  Stammsitze  von  einer  Reihe  zusammengehöriger  Sprachen.  Die 
altindische  Medizin  scheint  gleich  der  ägyptischen  einen  pneumatischen 
Charakter  besessen  zu  haben. 

Auch  die  tibetische  Medizin  enthält  nach  der  neuerlichen  Be- 
arbeitung von  Lauf  er  viel  pneumatisches  Erbgut. 

Medizin  der  alten  Nubischen  Völker. 

Atavismen  der  ägyptischen  Königs-  und  Priestertracht  zeigen  nahe 
Beziehungen  zu  den  Jägervölkern  des  Obernil  aus  der  Steinzeit.  Die 
Haustiere,  welche  aus  Nubien  stammen,  besitzen  schon  die  alten 
Aegypter,  während  wir  jene  aus  anderen  Ländern  (z.  B.  Hühner, 
Pferde,  Kamel)  vermissen.  Ibis,  Papyrusstaude  und  anderes  wird  halb- 
domestiziert aus  Nubien  (?)  in  Aegypten  eingebürgert.  Reger  Verkehr 
zwischen  Nubischen  Völkern  und  Aegyptern  blieb  bestehen.  Beide 
besitzen  eine  Vorliebe  für  alkoholische  Exzesse.  Um  eine  gesteigerte 
Wirkung  hervorzubringen,  griifen  die  Nubavölker  zu  narkotischen 
Solaneengiften,  speziell  zu  Mandragorafrüchten.  In  altägyptischer 
Göttersage  werden  aus  Nubien  importierte  Mandragorafrüchte  in  Bier 
einer  Göttin  zur  Lähmung  bei  ihrem  Rachewerke  gereicht  mit  exakter 
Beschreibung  der  Atropinwirkung.  Die  Göttin  wird  nämlich  berauscht, 
ihre  Augen  glänzen  und  sie  kann  nach  Sonnenaufgang  nicht  mehr 
sehen. 

Der  Aussatz,  altägyptisch  wahrscheinlich  die  Krokodilkrankheit, 
koptisch  ebros  (=  slecpavTiaoig)  erscheint  in  spätägyptischer  Auf- 
fassung als  Gabe  der  Nubischen  Länder. 

Medizin  der  Götterländer  und  Weihrauchländer. 

Die  kulturellen  Anfänge  Aegyptens  weisen  nach  Oberägypten 
aber  mit  dem  Ursprünge  von  den  Küsten  des  roten  Meeres.  Hier 
liegen   die  Götterländer  und  die  Ursprungsländer  der  ursprünglichen 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Voraiier.     63 

Käuchermittel.  Im  neuen  Keiche  sind  diese  Weihrauchländer  durch  das 
Auftauchen  wertvoller,  aber  südlicher  Eäuchermittel  in  Negergebieten 
näher  bestimmbar.  Das  ursprüngliche  Götterland,  also  prosaisch  aus- 
gedrückt Stammland  der  Kultur  der  Aegypter,  liegt  diesseits  des  roten 
Sieeres.  Dorthin  richtet  der  Aegypter  seine  Blicke,  ob  er  die  auf- 
gehende Sonne  anbetet  oder  ob  er  für  Krankheitsfälle  Arzneidrogen 
benötigt.  Die  Küsten  des  roten  Meeres  sind  nach  Herodot  auch  die 
Stamraländer  der  späteren  Phöniker. 

Für  die  Drogen  jener  Gegend  scheint  eine  Vorliebe  zum  Rösten 
zu  bestehen,  wie  ja  wir  heute  noch  unsere  Coffea  arabica  rösten.  Die 
Rezeptvorschriften  wimmeln  bis  in  das  Mittelalter  von  solchen  ge- 
rösteten Drogen  aus  Tier-,  Pflanzen-  und  Mineralreich.  Diese  Drogen- 
röstungen,  welchen  wir  noch  mehrfach  begegnen,  stammen  wohl  aus 
den  Drogenländern  der  Küsten  des  roten  Meeres. 

Auch  Balsam,  Weihrauch  und  ähnliche  aromatische  Drogen  kamen 
entweder  von  diesen  Ländern  oder  wurden,  soweit  sie  noch  östlicheren 
Ursprungs  waren,  hier  umgeschlagen.  Enge  sind  diese  Länder  in  der 
Geschichte  der  Medizin  mit  Altägypten  zu  vereinen,  da  diese  wenigen 
sicheren  Spuren  doch  schon  deutliches  Gepräge  einer  pneumatischen 
Auffassung  der  Medizin  ergeben. 

Auch  das  Schminken  der  Augen  d.  h.  die  präservative  Behandlung 
von  Conjunctivitis  blieb  nach  W.  Max.  Müller  bei  den  Völkern  der 
Küste  des  roten  Meeres  am  längsten  erhalten  (entogen?). 

Neuerlich  werden  auch  Inschriften  aus  Südarabien  beschafft  und 
ausgegraben.  Die  Einzelheiten  sind  noch  vielfach  umstritten.  Aus 
dem  schwer  zugänglichen  Materiale  ist  nach  Wincklers  Nachweis 
der  vielfachen  Verwechselung  durch  Namensähnlichkeit  von  Südarabien 
und  Aegypten  in  den  altorientalischen  Sprachen  soviel  ersichtlich,  dass 
in  Südarabien  ausser  vielen  kleineren  Stämmen  etc.  zwei  grössere 
Kulturreiche  und  zwar  das  minäische  und  das  sabäische  erweislich 
sind.  Weber  setzt  das  minäische  von  mindestens  1350  (?)  bis  750  (?)  an. 
Während  das  sabäische  Reich  von  da  ab  bis  zur  entsprechenden  Aus- 
breitung des  Röraerreiches  blühte.  Aus  dem  minäischen  Reiche  sind 
durch  Inschriften  bis  jetzt  schon  25  bis  29  Königsnamen  bekannt,  was 
wohl  auf  ein  noch  viel  höheres  Alter  des  minäischen  Reiches  schliessen 
lässt.  Die  erhaltenen  Inschriften  sind  zum  Teil  Weihinschriften  reicher 
Kaufleute  nach  glücklichen  Handelsexpeditionen.  Darunter  scheint 
der  Arzneidrogenhandel  nach  dem  Nordwesten  eine  wichtige  Rolle  von 
den  ältesten  Slinäerzeiten  bis  in  klassische  Zeiten  gespielt  zu  haben. 

Medizin  der  alten  Nordwestafrikaner. 

Wiedemann  macht  wahrscheinlich,  dass  schon  in  der  ersten 
Dynastie  unter  Menes  Aegypten  kriegerische  Verwicklungen  mit  den 
Libyern  gehabt  habe,  den  seit  der  6.  Dynastie  Temhu  genannten  Völkern, 
Die  „Paletten"  etc.  aus  der  1.  Dynastie  zeigen  Kämpfe  mit  Libyern. 

In  der  12.  Dynastie  in  Beni  Hasan  erscheinen  die  Libyer  als 
Hirten.    Als  Söldner  sind  sie  zuerst  bei  Hatschepsut  nachweisbar. 

In  der  19.  und  20.  Dynastie  bilden  diese  Völker  die  Söldnerheere 
der  Aegypter  und  werden  so  einflussreich,  dass  die  Zeit  von  1100  bis 
700  als  libysche  Zeit  bezeichnet  wird  und  dass  um  950  Herrscher 
libyscher  Herkunft  als  22.  Dynastie  den  ägyptischen  Königsthron  an 
sich  reissen. 


64  von  Oefele. 

Von  den  empirisch-medizinischen  Kenntnissen  dieser  Völker  aus 
jenen  Zeiten  wissen  wir  bis  jetzt  nichts. 

Bei  den  Libyern  sind  Trepanierungen  der  Schädel  erwiesen,  ein 
Gebrauch,  welcher  auch  bei  den  Ureinwohnern  der  Canarien  bekannt 
ist  und  wohl  durch  ganz  Nordafrika  verbreitet  war. 

Durch  die  trojanische  Völkerwanderung  erscheinen  in  jenen  Ge- 
bieten immer  wieder  neue  Völker  und  Herodot  zählt  uns  in  jenen 
Gebieten  ein  unentwirrbar  Völkergewirre  auf.  Die  Kyrenaika  tritt 
durch  die  Kolonisation  der  Griechen  und  die  heutigen  nordafrikanischen 
Raubstaaten  durch  die  Kolonisation  von  Karthago  aus  in  die  abend- 
ländische Kultur  und  damit  später  in  die  Kulturmedizin  ein.  Die 
neueren  Ausgrabungen  in  Karthago  ergeben  eine  starke  Anlehnung  an 
ägyptische  Kultur.  In  der  klassischen  Zeit  ist  die  KjTenaika  und 
Karthago  bekannt  durch  Handel  mit  Arzneidrogen,  so  dass  dieser  seit 
älteren  Zeiten  bestanden  haben  wird. 

Krankheit  des  Sonnengottes  in  Aegypten, 

Vor  den  ersten  menschlichen  Königen  wandelten  nach  ägyptischem 
Mythus  die  Götter  unter  den  Menschen  und  herrschten  über  diese. 
So  wurde  auch  der  Sonnengott  Re  alt  und  gebrechlich  als  König  und 
wird  als  kachektisch  beschrieben.  Die  Schlange  oder  der  Wurm  als 
Krankheitsursache  der  alternden  Abendsonne  wird  zum  Feinde  des  Re 
und  damit  zum  Bringer  alles  Uebels  und  der  Krankheiten.  Dass  wir 
unter  diesen  Würmern  neben  Schlangen  und  echten  Würmern  auch 
Dipterenlarven  zu  verstehen  haben,  zeigt  unter  anderem  ein  späteres 
Gebet :  „Befreie  du  ihn  von  den  Würmern,  welche  in  Restao  (Jenseits) 
sind  und  welche  leben  auf  den  Körpern  von  Männern  und  Weibern 
und  welche  sich  nähren  von  ihrem  Blute." 

Die  belebte  Krankheitsursache,  welche  von  der  Ferse  aus  den 
Sonnengott  infiziert,  wird  von  Isis  aus  dessen  eigenem  Sputum  bereitet 
und  muss  als  sagenhafte  Ausgestaltung  der  Beherbergung  des  Guinea- 
w^urmes  aufgefasst  werden. 

In  die  Regierung  des  Sonnengottes  setzt  man  auch  die  Berauschung 
der  Göttin  Sechmet  mit  Bier,  das  mit  Mandragora  versetzt  ist. 

Kranl<lieiten  der  Osirisfamilie  in  Aegypten. 

Der  Aerztegott  der  Aegypter  ist  Thout;  er  ist  wie  der  Aerzte- 
gott  des  Zweistromlandes  der  ältesten  Zeit  gleichzeitig  Mondgott. 
Schutzgötter  der  Entbindung  sind  Bes  und  Epet. 

Isis  in  den  Sümpfen  des  Delta  soll  eine  Phlegmone  der  Mamma 
überstanden  haben  nach  der  Geburt  der  Götter  Su  und  Tefnut. 

Eine  Reihe  von  Krankheiten  sollte  Horus,  der  Sohn  des  Osiris, 
überstehen.  Als  er  mit  seiner  Mutter  Isis  vor  Set  in  diese  Sümpfe 
geflohen  war,  erkrankte  er  an  sehr  gefährlichen  Skorpionstichen.  Ein 
andermal  machte  er  nach  dem  Londoner  Papyrtfs  eine  Dysenterie 
durch.  Aus  dem  Pap5Tus  Ebers  und  einem  koptischen  Zauberspruche 
erfahren  wir,  dass  die  hierzu  gehörigen  Leibschmerzen  auf  einem 
Wüstenberge  begannen.  Zur  Besserung  seines  körperlichen  Wohl- 
befindens trug  es  sicherlich  auch  nicht  bei,  dass  Set  den  Horus  trotz 
der  naiv  beschriebenen  Enge  des  anus  doch  per  anum  coitieren  wollte. 
Später  im  Entscheidungskampfe  mit  Set  verlor  Horus  ein  Auge  und 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    65 

Set  seine  Hoden.  Das  Auge  des  Horus  wurde  in  Heliopolis  wieder 
geheilt.  Solche  Krankheiten  zu  erwähnen  war  speciell  in  magischen 
Formeln  für  Krankheitsbehandlungen  beliebt. 

Nach  der  Mythe  sind  in  dieser  Zeit  auch  alle  Vorlagen  für  die 
späteren  Medizinbücher  vom  Aerztegott  Thout  verfasst  und  eigen- 
händig geschrieben. 

Nagadaperiode  in  Aegypten. 

Mariette  hoffte  im  Laufe  gründlicherer  Ausgrabungen  auch 
Denkmäler  der  Schemsu-Hor,  der  sagenhaften  Vorgänger  des  Menes, 
zu  finden,  der  Heroen  der  ägj'ptischen  Geschichte,  welche  sich  nach 
der  Tradition  zwischen  göttliche  und  menschliche  Dynastien  einfügen. 
Ebers  bezeichnet  dies  1880  noch  als  Mangel  an  Kritik.  Jetzt  sind 
Ausgrabungsergebnisse  in  der  Zwischenzeit  jener  Epoche  näher  gerückt. 
Allerdings  eine  Geschichte  der  Medizin  jener  Zeiten  giebt  es  einst- 
weilen noch  nicht.    Siehe  Seite  69  ersten  Abschnitt! 

Sie  balsamierten  ihre  Toten  nicht,  sondern  begruben  dieselben  in 
ganz  bestimmter  Körperhaltung.  Man  findet  bei  ihnen  eine  grüne 
Malachitfarbe,  welche  wohl  als  Augenschminke  gedient  hat,  wie  in 
späteren  Zeiten  die  schwarzen  Kollyrien.  In  der  präservativen  Augen-, 
behandlung  gehen  also  die  Kupferpräparate  den  Bleipräparaten  voraus. 
Ausserdem  sind  Paletten  aus  Schiefer  gefunden,  welche  zum  Verreiben 
der  Malachitschminke  dienten. 


Die  drei  ersten  Dynastien  Aegyptens. 

Zwischen  Mythe  und  Geschichte  stehen  die  drei  ersten  Dynastien 
Aegyptens.  Die  Könige  und  ihre  Reihenfolge  allerdings  mit  vielen 
Varianten  und  Auslassungen  und  mit  variierenden  Angaben  über 
ihre  Regierungsjahre  sind  in  drei  Listen  erhalten.  Die  Nagadaperiode 
reicht  bis  in  die  3.  Dynastie  und  entspricht  als  Grundlage  den  un- 
zweifelhaften Anachronismen  der  späteren  Berichte  ägyptischer  und 
vor  allem  ausserägyptischer  Quellen. 

Menes  wird  als  Begründer  der  ersten  ägyptischen  Königsdynastie 
von  der  Tradition  genannt.  Dessen  Sohn  und  Nachfolger  Athotis 
{äg.  Teti)  war  nach  Manetho  Arzt  und  hat  anatomische  Bücher  ver- 
fasst. Vielleicht  wird  damit  Itath  der  3.  König  der  1.  Dynastie  oder 
Teti  der  3.  Dynastie  der  Verfasser,  der  unter  Chasty  (fälschlich 
Usaphais)  gefundenen  Bücher  bezeichnet.  Diese  Abfassung  durch  einen 
König  ist  nach  W.  Max  Müller  volksetymologische  Verwechselung 
mit  dem  Berichte  der  Abfassung  durch  den  Gott  Thout 

.angeblich  unter  Chasty,  dem  5.  König  der  1.  Dynastie,  ist  nach 
Pap.  Ebers  103,  1  und  Pap.  Brugsch  15,  1  die  Lufthaltigkeit  der 
Leichenarterien  und  die  Bluthaltigkeit  der  Venen  gefunden  worden. 
Erster  Schritt  zur  pneumatischen  Dogmatik  in  der  Medizin. 

Nach  seinem  Tode  gelangt  an  Sendi  (gr.  Sethenes),  den  5.  König 
der  2.  Dynastie,  diese  anatomisch-physiologische  Schrift.  Offizielle  An- 
erkennung der  Pneumalehre  und  der  Scheidung  von  Arterien  und 
Venen. 

Zoser  Sa  (gr.  Tosorthos  Asklepios),  3.  Dynastie,  erhielt  nach 
Manetho  wegen  seiner  ärztlichen  Praxis  den  mit  Asklepios  übersetzten 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  ^ 


66  von  Oefele. 

Beinamen   V  sa  (Heiler),  der  als  'i^^  (göttlicher  Arzt)  in  seinem 

Horusnamen  erhalten  ist.  Da  er  in  Memphis  residierte,  möchte 
Brugsch  für  ihn  den  Beinamen  Imhotep  (gr.  Imuthes)  rekonstruieren. 
Von  seinem  12.  bis  18.  Kegierungsjahre  herrschte  in  Aegypten  wegen 
ungenügender  Nilüberschwemmungen  Hungersnot.  Er  lässt  angeblich 
durch  eine  Forschungsexpedition  nach  den  Nilquellen  suchen. 

Sein  Nachfolger  Zoser  Teti,  beigenannt:  „Geliebt  von  Ptah", 
teilt  mit  einem  König  der  1.  und  6.  Dynastie  den  Namen  Teti.  Die 
Mutter  eines  dieser  Könige  Sehe  seh  benützt  nach  Pap.  Ebers  66,15 
das  älteste  Haarwuchsrezept,  dessen  Drogen  schon  unter  herme- 
tischen Geheimnamen  versteckt  werden. 

König  Naramsin  [in  Babylonien]. 

Sargon  I.  von  Agade  und  sein  Sohn  Naramsin  herrschten  um  3750  ^) 
(Nabonid's  Datierung).  Für  die  späteren  Babylonier  ist  dies  die 
klassische  Zeit  der  Wissenschaft.  Die  gefundenen  Kunstprodukte  er- 
geben ebenfalls  von  da  ab  für  später  einen  ständigen  Rückgang.  Sein 
Reich  reichte  vom  persischen  Meerbusen  bis  an  das  mittelländische 
Meer.  Ein  grosses  astronomisches  Werk,  welches  bis  zur  griechischen 
Eroberung  in  Babylonien  grundlegend  blieb,  soll  Sargon  I.  haben  zu- 
sammenstellen lassen.  Aus  seiner  und  seines  Sohnes  Zeit  stammen 
auch  die  astrologischen  Sterndeutungen  und  andere  Vorhersagen. 

Die  Bibliothek  von  Niniveh  liefert  uns  in  der  späteren  Zeit  einen 
Einblick  (K  3041),  dass  nicht  nur  ganze  Serien  d.  h.  zusammenhängende 
Werke  für  Niniveh  aus  babylonischen  Quellen  abgeschrieben  wurden, 
sondern  dass  die  Kopie  selbst  auf  die  Uebersichtstafel  d.  h.  Inhalts- 
verzeichnis und  Bibliothekskatalog  einer  16-Tafelserie  sich  erstreckte. 
Darnach  ist  auch  ein  Vermerk  von  K  5988  und  K  10244  sehr  glaub- 
würdig, dass  die  meist  abergläubischen  Geburtsprognostica  auf  Naramsin 
zurückgehen.  Was  der  Babylonier  hier  für  möglich  hielt,  ergeben 
folgende  Beispiele: 

„Wenn  eine  Frau  ein  Kind  gebiert,  das  Löwenohren  hat,  so  wird 
ein  starker  König  im  Lande  sein.  Wenn  eine  Frau  ein  Kind  gebiert, 
dem  das  rechte  Ohr  fehlt,  so  werden  die  Tage  des  Fürsten  lang  sein. 
Wenn  eine  Frau  ein  Kind  gebiert,  dem  beide  Ohren  fehlen,  so  bringt 
es  Trauer  ins  Land  und  das  Land  wird  verkleinert.  Wenn  eine  Frau 
ein  Kind  gebiert,  dessen  rechtes  Ohr  zu  klein  ist,  so  wird  des  Mannes 
Haus  zerstört  werden.  Wenn  eine  Frau  ein  Kind  gebiert,  das  einen 
Vogelschnabel  hat,  so  wird  das  Land  im  Frieden  bleiben.  Wenn  eine 
Frau  ein  Kind  ohne  Mund  gebiert,  so  muss  die  Herrin  im  Hause 
sterben.  Wenn  eine  Frau  ein  Kind  gebiert,  dem  die  Finger  der 
rechten  Hand  fehlen,  so  wird  der  Herrscher  von  seinen  Feinden  ge- 
fangen werden.  Wenn  ein  Schaf  einen  Löwen  gebiert,  werden  die 
Walfen  des  Königs  siegreich  sein  und  der  König  "wird  seinesgleichen 
nicht  haben"  etc. 

In  babylonischer  Schrift  (und  Sprache)  sind  abgefasst  79 — 7—8, 
127;  K  1930.  In  den  übrigen  hierher  gehörigen  Texten  ist  meist 
assyrischer  Text  und  assyrische  Schrift  in  den  erhaltenen  Kopien  ein- 
gesetzt.   Der  ganze  Stoff  ist  in  spätassyrischer,   aber  doch  wohl  auch 

^)  Diese  Jahreszahl  wird  fast  allgemein  als  altes  Falsifikat  verworfen  und  der 
König  von  Winckler  viel  später  angesetzt. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    67 

schon  in  dieser  Zeit,  sj^stematiscli  in  einer  Serie  von  mindestens 
25  Tafeln  zum  Nachschlagen  geordnet.  Solche  Tafeln  handeln  vom 
Löwenauge,  Löwenohr,  Löwenschaf,  Löwenhaupt,  Doppellöwenhaupt, 
Augenfarbe,  Ohren,  Nase,  Haar  etc.  des  Neugeborenen,  Stutengeburt, 
Hundsgeburt,  Gazellengeburt.  Wie  weit  es  sich  hier  um  Ausgeburt 
wilder  Phantasie  oder  um  termini  technici  im  Sinne  unserer  modernen 
„Hasenscharte"  handelt,  entzieht  sich  momentan  noch  der  Beurteilung 
Slanche  Texte  scheinen  von  objektiv  beobachteten  Totgeburten, 
Missgeburten  und  Zwillingsgeburten  zu  handeln.  Sehr  ominös  waren 
Missgeburten  königlicher  Weiber. 

Nicht  zu  trennen  von  diesen  Texten  sind  gegenwärtig  Angaben 
über  die  physiognomische  Aehnlichkeit  von  Menschengesichtern  mit 
gewissen  Tiergesichtern.  Hier  können  sich  momentan  noch  unentwirr- 
bar Texte  gleichgestellt  finden,  von  denen  die  einen  den  unsinnigsten 
Aberglauben  widerspiegeln,  während  die  anderen  ganz  naturgetreue  Be- 
obachtungen über  den  Zusammenhang  von  Physiognomie,  Volkstypus 
und  Charakteranlagen  bringen.  Ebensowenig  kann  in  der  späteren 
assyrischen  Gynäkologie  (K  9614)  die  Prognose  des  Todes  im  Kindbett 
für  eine  Schwangere  als  nüchtern  oder  als  abergläubisch  gegenwärtig 
festgestellt  werden.  Wie  die  Zeiten  von  Sargon  und  Naramsin  neben 
genauen  astronomischen  Beobachtungen  der  Astrologie  huldigten,  so. 
wird  in  der  Serie  „wenn  eine  Frau"  bald  der  Eindruck  des  Aberglaubens 
bald  derjenige  objektiver  Naturbeobachtung  auf  den  ersten  Blick  her- 
vorgerufen. Meist  muss  aber  der  Entscheid  bei  der  heutigen  Kenntnis 
noch  fraglich  bleiben. 

Für  manchen  Aberglauben  ist  die  Entstehung  erklärlich.  Das 
babylonische  Religionssystem  war  auf  dem  Sternendienste  aufgebaut. 
Die  Astrologie  stellte  also  nur  die  Beziehungen  einerseits  zwischen 
Makrokosmos  und  Mikrokosmos,  andererseits  zwischen  Göttern  und 
Menschen  her.  Wir  finden  so  im  babylonischen  Geiste  noch  bis  in 
das  Mittelalter  die  einzelnen  Körperregionen  unter  der  Regierung  je 
eines  Zeichen  des  Tierkreises.  Nichts  ist  natürlicher  als  auf  diesen 
Körperteil  einzuwirken,  wenn  das  regierende  Sternbild  im  Osten  be- 
ginnt sich  zu  erheben.  Ein  Carminativum  wird  darum  beim  Aufgang 
des  Ziegensternes  (K  191)  gereicht,  also  am  1.  Juli  um  6  Uhr  abends, 
am  1.  August  um  4  Uhr  abends,  am  1.  September  um  2  Uhr  nach- 
mittags etc.,  da  der  Ziegenstern  dem  Anus  vorsteht^) 

Ein  Jahrhundert  vor  Samsibin's  Gründung  von  Assyrien  fällt  diese 
Blütezeit  Sargon's  L,  dessen  bevorzugte  Universitäts-  und  Bibliotheks- 
stadt Uruk  (Erech)  war,  das  neben  Borsippa  noch  in  Griechenzeiten 
als  Aerzteschule  genannt  wird. 

Nach  Lehmann  ist  Sargon  I.  erst  1980  anzusetzen.  Ich  habe 
darum  Babylon,  soweit  nicht  der  Name  Naramsin  in  Betracht  kommt, 
erst  später  eingefügt. 

Str  ab  0  berichtet  uns  von  einer  gewissen  eifersüchtigen  Konkurrenz 
dieser  alten  Universitäten,  welche  sich  in  Sektenbildung  kenntlich 
machte.  Wenn  wir  darum  auf  medizinischem  Gebiete  später  in  Assyrien 
eklektische  Kompilationen  mit  vorknidischer  Pharmakotherapie  und 
pneumatischer  Theurgie  finden,  so  entstammen  die  einzelnen  Teile 
wohl  diesen  alten  Sektenschulen. 


^)  So  verstehe  wenigstens  ich,  nicht  unwidersprochen,  eine  Stelle  der  mir  von 
Küchler  zur  Einsicht  mitgeteilten  Texte. 

5* 


QQ  vonOefele. 


Aegyptische  Medizin  der  Pyramidenzeit. 

S  n  0  f  r  u ,  1.  König  der  4.  Dynastie,  erster  König  im  vollen  Lichte 
der  Geschichte.  Er  leidet  nach  doppelten  Quellen  an  Impotentia  coeundi, 
jenem  im  Orient  noch  heute  so  häufigen  Uebel,  die  ein  Obervorlese- 
priester durch  den  Anblick  eines  scheinbaren  Massencoitus  behandelt. 
Zu  seiner  Zeit  ist  die  Einbalsamierung  der  Leichen  noch  nicht  all- 
gemeiner Gebrauch.  Unter  den  einfach  bestatteten  Leichen  in  der 
Nähe  seiner  Grabpyramide  finden  sich  zahlreiche  Skelette  mit  Ver- 
letzungen. Nach  Wiedemann  fehlt  dem  einen  Toten  ein  Bein,  dem 
zweiten  ein  Arm,  der  dritte  hat  ein  paar  Zähne  verloren,  welche  neben 
der  Leiche  beigesetzt  sind  u.  s.  f.  Bei  den  Männern  ohne  Arm  und 
Bein  finden  sich  an  den  Stümpfen  keinerlei  Spuren  eines  Heilungs- 
prozesses, so  dass  die  Verletzung  dem  Tode  kurz  vorangegangen  sein 
muss.  Es  handelt  sich  wohl  um  Betriebsunfälle  beim  Bau  der  Grab- 
pyramide. Grösseren  Verletzungen  gegenüber  zeigt  sich  hier  auch 
die  altägyptische  Medizin  resp.  Chirurgie  ohnmächtig.  In  jenen  Zeiten 
sind  zweckmässige  Nachoperationen  solcher  Unfallamputationen  und 
die  Blutstillung  verletzter  Arterien  noch  unbekannt. 

In  seiner  Zeit  und  bis  in  die  5.  Dynastie  ist  die  Zerstückelung 
der  Leiche  beim  1.  oder  2.  Begräbnis  gebräuchlich.  Bei  letzterem 
wird  das  Fleisch  von  den  Skelettteilen  geschabt.  Es  ist  eine  Nach- 
ahmung des  Osiris'schen  Sonnenmj^thus.  Der  Gebrauch  selbst  ergab 
den  Höhepunkt  allgemeiner  menschlicher  Anatomie,  dem  gegenüber  die 
Zeit  der  Einbalsamierung  schon  einen  ersten  Eückschritt  und  die 
spätere  abendländische  Scheu  vor  Leichenverletzungen  einen  Tief- 
punkt darstellt. 

Das  spätere  Wort  für  Arzt  ist  schon  in  der  Pyramidenzeit  er- 
weislich und  besitzt  die  spezielle  Bedeutung  „Salber". 

Unter  Chufu  (Cheops)  dem  Pyramidenerbauer  (4.  Dyn.)  sind  die 
heiligen  Schriften  des  Thout,  also  die  philosophischen  und  ärztlichen 
Bücher,  unauffindbar  (Pap.  Westcar)  in  die  Hände  einer  Sonnenpriester- 
'familie,  Begründer  der  5.  Dynastie,  übergegangen.  Ein  Abschnitt  des 
*  circa  1000  v.  Chr.  niedergeschriebenen  Papyrus  in  London  will  im 
Original  unter  Chufu  gefunden  sein.  Ein  Märchen  beschreibt  unter 
seiner  Regierung  vielleicht  mit  Anachronismen  eine  göttliche  Drillings- 
geburt mit  Glückshauben,  periodeutischer  vierfacher  Hebammenhilfe 
und  minimalem  Hebammenhonorar  in  Naturalien  (Gerste).  Unter  Chufu 
bestehen  schon  Handelsbeziehungen  mit  den  Weihrauchländern  des 
Südosten,   also  ausländischer  Drogenhandel. 

Des  Pyramidenerbauers  Chafre  Gemahlin  M  e  r  i  s  a  n  c  h  ist  Ober- 
priesterin  des  Aerztegottes  Thout,  also  vielleicht  wie  später  Cleopatra 
Aerztin  (?). 

König  Sahure  der  5.  Dyn.  ehrt  seinen  Oberarzt  Sechmetnaeanch 
durch  eine  kostbare  Blendthüre,  die  unter  den  Augen  des  Königs  von 
dessen  eigenen  Künstlern  gemeisselt  und  mit  Lapislazulifarbe  bemalt 
w^urde.  Nach  der  übrigen  bescheidenen  Grabeinrichtung  lebte  dieser 
Oberarzt  aber  in  dürftigen  Verhältnissen.  Aus  dem  Titel  Oberarzt 
ersehen  wir,  dass  schon  im  alten  Reiche  der  Aerztestand  hierarchisch 
organisiert  war  (Capart). 

Andere  Aerztenamen  der  ägyptischen  älteren  Zeiten  war  mir 
einstweilen  nicht  möglich  zu  finden.    In  den  Nagadafunden  ist  Iwch 


Vorhippokratisclie  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    69 

auf  dem  Fragmente  einer  Alabastervase  mit  einer  Standesbezeichnung 
notiert,  welche  nach  Griffith  vielleicht  (?)  als  Arzt  gelesen  werden 
kann  (1.  oder  2.  Dyn.). 

Unter  König  Assi  der  6.  Dyn.  soll  der  Pap.  Prisse,  das  älteste 
Buch  mit  Sittenregeln  verfasst  sein.  Er  enthält  am  Anfange  eine 
lange  mit  guten  medizinischen  Details  ausgestattete  Beschreibung  der 
Altersschwäche. 

Wenn  aus  der  Pyramidenzeit  bisher  keine  medizinischen  Texte 
gefunden  sind,  so  datieren  sich  doch  bis  zum  Jahre  1000  mindestens 
alle  gefundenen  medizinischen  Texte  auf  die  Pyramidenzeit  zurück. 
Die  Sprache  dieser  Texte  ist  eine  relativ  einheitliche.  Bei  der  er- 
wiesenen geringen  philologischen  Veranlagung  der  alten  Aegypter  war 
die  Abfassung  grösserer  Texte  in  der  Sprache  einer  ausgestorbenen 
Periode  unmöglich.  Es  läge  also  nahe  anzunehmen,  dass  alle  medi- 
zinischen Texte  des  mittleren  und  neuen  Eeiches  auf  Vorlagen  der 
Pyramidenzeit  zurückgehen.  Nach  W.  Max  Müller  entspricht  aber 
die  Sprache  der  medizinischen  Texte  der  Kunstsprache  des  mittleren 
Reiches,  so  dass  für  obige  Zusammenstellung  einer  Medizin  der  Pyra- 
midenzeit fast  durchgehends  ]\Iärchen  etc.  benützt  werden  mussten 
mit  der  Unsicherheit,  welche  solchen  Quellen  anhaftet. 

Der  1.  König  der  6.  Dyn.  soll  nach  W.  Max  Müller  aus  Ele- 
fantine stammen  und  mit  Negersöldnern  Aegypten  usurpiert  haben, 
sicherlich  nicht  ohne  Einfluss  auf  die  Aufnahme  medizinischer  Neger- 
empirie aus  dem  Süden.  Alle  sich  selbst  datierenden  Stücke  medi- 
zinischer Papyri  sind  aber  angeblich  älter  als  dieser  Eroberer. 

Babylonische  Medizin. 

Als  ältestes  semitisches  Reich  erscheinen  neben  anderen  südlichen 
Stadtkönigreichen  (siehe  Agade)  die  Babylonier.  Wie  alle  landfremden 
Eroberer  nennen  sich  diese  Semiten  die  Befreier  von  300  jähriger  Fremd- 
herrschaft der  Elamiten  (2280—1980,  nach  anderen  2430—2130)  und 
ihrer  Könige  Kudur-Nanchundi,  Kudur-Mabuk  etc.  über  Babylon.  Ab- 
gesehen von  den  Stadtkönigreichen  von  Ur  etc.,  welche  bis  jetzt  fast 
keine  medizinische  Ausbeute  (siehe  Edinmugi)  liefern,  und  den  Texten 
Naramsin's,  gehen  von  den  erhaltenen  Texten  nur  Legenden  wie  das 
Gilgamisepos  auf  jene  ältesten  semitischen  Zeiten  und  ihre  Vorkulturen 
zurück,  aber  bis  jetzt  keine  spezifisch  medizinischen  Texte. 

Gilgamis  ist  jener  alte  Heros,  dessen  Löwenerwürgung  in  einen 
Siegelcylinder  („medischen  Stein")  gegraben,  unter  dem  hellenisierten 
Namen  Herakles,  noch  der  christliche  Byzantinerarzt  Alexander 
von  Tralles  als  Amulet  gegen  Kolik  tragen  lässt. 

Später  rühmen  sich  diese  Zeiten  in  historischen  Texten,  die  Wissen- 
schaften und  damit  die  Medizin  von  ihrer  Vorkultur  entlehnt  zu  haben. 
Die  hämatischen  Grundanschauungen  der  sumerischen  Medizin  gelten 
auch  für  diesen  Abschnitt. 

Wissenschaft  und  Medizin  befindet  sich  in  den  Händen  einer 
mächtigen  Priesterschaft.  Anfänglich  steht  als  Schule  noch  die  alte 
Priesterstadt  Erech  (Uruk,  Warka)  im  Vordergrund.  Wie  aber 
politisch  Babylon  immer  mehr  die  einzig  genannte  Stadt  Südmeso- 
potamiens wurde,  zog  sich  der  wissenschaftliche  und  medizinische 
Schwerpunkt  auch  mehr  in  dessen  Gebiet,  nach  Borsippa  (Birs  Nimrud). 

Die  Grundlage  der  babylonisch-assyrischen  Religion  bilden  doppelte 


70  von  Oefele. 

Göttertriaden,  erweitert  zu  zwölfgliedrigen  Götterkreisen.  An  die 
Spitze  tritt  der  jeweilige  Stadtgott,  bald  mit  mehr  henotlieistischerj 
bald  mit  mehr  polytheistischer  Betonung,  je  nachdem  der  Reichseinheit 
auch  die  Gotteseinheit  des  hauptstädtischen  Obergottes  mit  den  nur 
nominell  davon  dilferen zierten  henotheistischen  Göttern  der  übrigen 
Städte  oder  ein  vielgliederiges  Pantheon  mit  den  unterschiedenen  Stadt- 
göttern nach  Rang  und  Würde  der  respektiven  Städte  oder  Priester- 
kollegien entsprach.    Darnach  wechseln  auch  vielfach  die  Aerztegötter. 

Der  Dreiteilung  von  Himmel,  Erde  und  Meer  entsprechen  die 
Götter  Anu,  Bei  und  Ea.  Daneben  steht  die  siderische  Götterdreiheit 
Samas  (Sonne),  Sin  (Mond)  und  die  Göttin  Istar.  Gott  Bei  giebt  Regen 
und  Fruchtbarkeit,  aber  auch  Unheil  als  Sündenstrafe.  Gott  Ea  ist 
Gott  der  unergründlichen  Weisheit.  Der  älteste  Aerztegott  des  Südens 
ist  Sin,  wie  der  Mondgott  auch  in  anderen  Ländern.  Darum  dürfen 
manche  Drogen  der  Keilschriftmedizin  das  Gesicht  der  Sonne  nicht 
gesehen  haben.  Diese  internationale  atavistische  Vorschrift  verbietet 
darum  bis  in  die  moderne  Pharmacie  vielfach  die  Drogentrocknung 
unter  Besonnung. 

Istar  ist  Kriegsgöttin,  aber  auch  Venus  fecunda.  Sie  schafft  die 
libido  bei  Mann  und  Frau,  sie  beschützt  ausserdem  Schwangerschaft 
und  Entbindung.  Im  keilschriftlichen  Sintflutbericht  sagt  sie,  dass 
sie  die  Menschen  geboren  werden  lasse  (?);  in  der  Etanalegende  muss  bei 
ihr  der  Gebärstein  geholt  werden ;  in  der  Höllenfahrt  sterben  ohne  ihre 
Hilfe  die  Föten  vor  der  Entbindung.  Ihr  semitischer  Beiname  .Tole- 
deth  als  Entbinderin  wurde  bei  Uebernahme  ihrer  Gestalt  in  das 
griechische  Pantheon  in  Eileithyia  verändert. 

Viele  Götter  sind  Sonnengötter  und  treten  durch  die  Sonne  von 
gestern  und  heute  in  ein  descendentelles  Verhältnis.  Dabei  werden 
die  Stadtgötter  berühmter  Aerzteschulen  zu  Medizinalgöttern.  Der 
Sohn  des  Gottes  Ea,  Gott  Marduk  (Merodach),  als  die  aus  dem  Meere 
aufsteigende  Frühsonne,  ist  der  Stadtgott  von  Babylon.  Sein  Sohn 
Nabu  (Nebo)  ist  der  Lokalgott  von  Borsippa.  Hier  besass  er  seinen 
berühmten  Tempel  Ezida,  nach  welchem  später  noch  mindestens  zwei 
andere  seiner  Tempel  den  gleichen  Namen  erhielten  (siehe  Assyrien). 
Nabu  wird  als  der  Besitzer  aller  Wissenschaft  und  der  Medizin  ge- 
priesen. Für  den  Babylonier  war  aber  Marduk  der  allmächtige  Gott, 
welcher  Krankheiten  vertreibt  und  Gesundheit  verleiht. 

In  der  sumerischen  theurgischen  Symbolik  lag  der  Keim,  den  wir 
im  babylonischen  Aberglauben  mächtig  angewachsen  sehen.  Die  Grund- 
anschauung bildet  ein  Fatalismus.  Einblicke  in  dies  unabwendbare 
Geschick  erhält  der  Mensch  durch  abergläubische  Vorzeichen  und 
Traumdeuterei ,  wobei  nicht  vergessen  werden  darf,  dass  letztere  in 
der  hämatischen  Lehre  naturwissenschaftlich  begründet  erschien. 

Die  Vorzeichen  sind  teilweise  in  der  naiven  Volksvorstellung  selbst 
Schicksalsbringer  und  entscheiden  über  Gesundheit,  Krankheit  und 
Tod.  Schon  der  Bau  des  Hauses,  in  welchem  der  Babylonier  wohnte, 
war  ausschlaggebend  für  seine  und  seiner  Angehörigen  Gesundheit. 
„Wenn  bei  der  Grundsteinlegung  Grillen  gesehen  werden,  so  stirbt 
der  Besitzer  eines  vorzeitigen  Todes."  „Wenn  über  die  frisch  gelegte 
Hausthürsch welle  ein  Pferd  tritt,  so  stirbt  die  Hausfrau,  wenn  ein 
Esel,  der  Haussohn." 

Dieses  Verhängnis  wird  häufig  als  Wirkung  missgünstiger  Gott- 
heiten angesehen.    Die  Keilschriftforschung  war  bisher  sehr  geneigt 


Yorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Yorarier.     71 

ZU  der  Bezeichnung-  Pestgott  für  jeden  Gott,  welcher  gelegentlich  als 
Sender  von  Krankheit  und  Ungemach  genannt  wird.  So  werden  Urugal, 
Namtar,  Nergal  und  andere  zu  Krankheitsgöttern.  Dämonen  in  der 
Siebenzahl,  der  doppelten  Siebenzahl  oder  in  der  Zahl  13,  geboren  im 
Berge  des  Sonnenunterganges,  werden  in  dichterischer  Sprache  als 
krankheit-  und  todbringend  beschrieben.^  Namen  von  Krankheits- 
dämonen waren:  Asakku,  Utukku,  Alu,  Ekiramu,  Gallü,  Rabisu,  La- 
martu,  Labasu,  Lilitu,  Samanu,  Achchazu  und  Lilu.  Manchem  Durch- 
schnittsbabylonier  war  wohl  jede  Krankheit  die  Wirkung  eines  Dämons 
oder  die  Strafe  für  Sünde.  Oder  umgekehrt:  jede  Krankheit  wurde 
als  besonderer  Dämon  personifiziert. 

Stets  war  aber  die  Krankheit  etwas  dem  Körper  Fremdes,  von 
aussen  Eingedrungenes.  Marduk,  der  Besieger  der  Tiamat  (ein  Drache), 
vermochte  im  babylonischen  Geiste  diese  materia  peccans  zu  vernichten. 
Er  war  ausserdem  dem  Babylonier  der  Vermittler  zwischen  den 
Menschen  und  den  Göttertriaden.  So  konnte  er  Krankheiten  als  Sünden- 
strafen abwenden.  Er  war  ferner  der  Herr  der  Schicksalstafeln  und 
konnte  als  solcher  ein  gütiges  Geschick  bestimmen  und  ein  ungünstiges 
noch  zu  rechter  Zeit  abwenden.  Als  Besieger  der  Tiamat  ist  er 
Herr  der  Beschwörungen.  Solcher  Beschwörungstexte  ist  eine  grosse 
Zahl  überliefert.  Eine  in  vielen  babylonischen  Beschwörungstexten 
mit  geringen  Variationen  wiederkehrende  dramatische  Szene  leitet  die. 
Hilfeleistungen  Marduks  folgendermassen  ein :  Marduk  sieht  das  Elend 
der  Menschen,  das  der  Fluch,  die  böse  Stimme,  der  böse  Blick  oder 
ein  Dämon  hervorgebracht  hat  „und  tritt  zu  seinem  Vater  Ea  ins 
Haus  und  spricht:  Mein  Vater,  was  soll  dieser  Mensch  thun?  Er 
weiss  nicht,  womit  er  Heilung  erlangt."  Da  antwortet  Ea  seinem 
Sohne  Marduk:  „Mein  Sohn,  was  wüsstest  du  nicht?  Was  sollte  ich 
dich  lehren  ?  Was  ich  weiss,  weisst  auch  du.  Aber  gehe,  mein  Sohn, 
und  etc.  etc."  (es  folgt  die  Vorschrift). 

Der  Inhalt  einer  Reihe  sumerischer  Texte,  welche  auch  für  diese 
Zeit  und  bis  in  das  späteste  assyrische  Reich  gelten,  ist  bei  der  sume- 
rischen Medizin  besprochen.  Gründlicher  als  die  Vernichtung  der 
KrankheitstoflFe  sollte  die  symbolische  Vernichtung  der  Dämonen  wirken. 
„Ich  halte  empor  die  Fackel;  ich  stecke  in  Brand  die  Bilder  des  Uttuku, 
des  Sedu,  des  Rabisu,  des  Ekimmu,  des  Lamartu,  des  Labasu,  des 
Achchazu,  des  Lilu,  der  Lilitu,  der  Magd  des  Lilu,  und  alles  Feindliche, 
das  die  Menschen  ergreift.  Euer  Rauch  steige  empor  zum  Himmel 
und  Funken  mögen  verdecken  die  Sonne.  Es  breche  euern  Bann  der 
Sohn  des  Gottes  Ea." 

Gott  Ea  ist  hier  Obermagier  der  Götter  in  Krankheitssachen. 
Mittelsperson  ist  Gott  Marduk.  Dieser  Prozess  spielt  sich  weiter,  und 
zwischen  Marduk  und  die  Menschheit  werden  neue  weitere  Mittels- 
personen eingeschoben,  z.  B.  Gibil,  der  Feuergott,  vor  allem  aber  die 
Gemahlin  des  Marduk,  die  Göttin  Zarpänitu  und  deren  Sohn  Nabu, 
Letzterer  hat  in  den  litterarisch  belegbaren  Zeiten  seinen  Vater  Marduk 
aus  dessen  schon  erwähntem  Tempel  Ezida  in  Borsippa,  einer  der  beiden 
bei  Strabo  erwähnten  babylonischen  Aerzteschulen,  verdrängt. 

Selbst  Gilgamis  als  Gott  Gilgamis^wird  zum  Herrn  der  Beschwörung 
und  Unterrichter  des  Sonnengottes  Samas.  Nach  einer  langatmigen 
Lobpreisung  des  Gottes  Gilgamis  folgt:  „Ich  bin  N,  N.,  der  Sohn  des 
(der?)  N.  N.,  dessen  Gott  N.  N.,  dessen  Göttin  N.  N.  Schmerz  hat  mich 
erfasst ;  Busse  muss  ich  zahlen.    Ich  beuge  mich  vor  dir,  dass  du  meine 


72  vonOefele. 

Entscheidung  treffen  mögest.  Sprich  das  Urteil !  Reisse  heraus  meinen 
Schmerz  aus  meinem  Leibe!  Besiege  alles  Uebel,  das  in  meinem  Leibe 
ist!"  Darauf  spricht  der  Priester  zum  Kranken:  „An  diesem  Tage 
hat  sich  der  Gott  deiner  erbarmt:  Er  wird  dich  stark  machen  etc." 
und  zur  Gottheit:  „Er  will  opfern  vor  dir  ein  Opfer.  Er  will  dir 
bringen  ein  Feierkleid,  Holz,  Wohlgerüche,  Gold  etc." 

Hier  sei  bemerkt,  dass  jeder  Stand  besondere  Götter  hatte  und 
ein  Arzt  hätte  sagen  müssen:  „Mein  Gott  ist  Ninip  und  meine  Göttin 
Gula." 

Aber  nicht  nur  abstrakte  Krankheitsdämonen  waren  Ekimmu, 
Asakku  etc.,  sondern  auch  echte  Krankheitsnamen.  So  verenden  in 
einer  Ziegenherde  des  Inisin,  Patesi  von  Ur,  17  Mutterziegen  an 
Asakku.  In  der  Bibliothek  Assurbanipals  sind  aber  mindestens  19  Tafel- 
stücke vorhanden,  welche  zu  einer  Serie  von  mindestens  11  Tafeln 
gegen  Asakku  gehören;  hier  erfahren  wir  auch,  dass  diese  Krankheit 
das  Abdomen  schmerzend  macht.  Gegen  das  ,, Ergriffensein  von  Ekimmu" 
werden  echte  Rezepte  mit  Angabe  der  pharmazeutischen  Zubereitung 
und  der  verordneten  Art  des  Einnehmens  vorgeschrieben,  welche  ähn- 
lich in  einem  anderen  Werke  gegen  Kolik  auf  phlegmatischer  Grund- 
lage empfohlen  sind.     Siehe  Assurbanipal! 

In  der  Höllenfahrt  wird  Istar  auf  Befehl  der  Herrin  der  Unter- 
welt Allatu  von  Namtar  mit  einer  Reihe  Schmerzen  bestraft,  welche 
an  eine  Beschreibung  des  Denguefieber  erinnern,  so  dass  der  Dämon 
Namtar  wahrscheinlich  eine  Personifikation  des  Dengueflebers  ist. 

Allatu  besitzt  in  der  Unterwelt  auch  einen  Quell  mit  Lebens- 
wasser, welcher  nicht  nur  alle  Schmerzen  beseitigt,  sondern  selbst  Tote 
wieder  lebendig  macht.  Schon  ein  Besprengen  mit  diesem  Wasser 
genügt.  Die  vielfache  Verwendung  des  Wassers,  besonders  heiligen 
Euphratwassers,  verspricht  bei  weiterer  Erschliessung  der  Texte  eine 
bedeutende  Rückwärtsverlängerung  der  Geschichte  der  Hydrotherapie. 

Lebensbaum  und  Lebenswasser  befinden  sich  bei  Aegyptern  etc. 
zwischen  Himmel,  Erde  und  Unterwelt. 

Aerztestand  im  Zweistromlande. 

Entgegen  der  Ableugnung  Herodots  bezeugt  Strabo  übereinstim- 
mend mit  keilinschriftlichen  Belegen  in  historischer  Zeit  die  Existenz 
des  Arztes  !{  ■-dl  in  Bab3^1onien  und  Assyrien.  Ja  selbst  Tierärzte  ^) 
Ij  ^jr]\  r ^Ir^  (d.  h.  Arzt  des  Esels)  mit  dem  besonderen  Titel  M  u  n  a  i  s  u 
werden  in  einer  Rangliste  mit  anderen  Aerzten  und  Priestern  genannt. 
Auch  der  Arzt  gehört  dem  Priesterstande  an.  Wenn  hierin  Babylonien 
und  Assyrien  übereinstimmen,  so  ist  doch  in  Babylonien  die  Priester- 
schaft ein  mächtiger  Faktor  im  öffentlichen  Leben  selbst  der  Krone 
gegenüber,  während  in  Assyrien  sich  auch  die  Priester  unter  den 
Absolutismus  des  Königs  beugen.  Bei  dem  Ueberwiegen  assyrischer 
Quellen  ist  uns  bisher  aus  der  babylonischen  Priesterschaft  kein  Aerzte- 
name  ausser  Luga ledin  und  Sadurabea  überliefert,  während  in 
Assyrien  uns  durch  ihre  Briefe  oder  sonstige  Leistungen  mit  Namen 
bekannte  individuell  charakterisierbare  Aerzte  entgegen  treten. 


^)  d.  h.  also  Spezialisteutum  innerhalb  des  Aerztestandes.  Dieser  Ausdruck 
geht  übrigens  wörtlich  übersetzt  als  „muloniedicus"  für  Veterinarius  nach  Albrecht 
in  die  lateinische  Sprache  über. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  nnd  der  mediterranen  Vorarier.    73 

Die  überall  im  Alterturae  belegbare  Dreiteilung  der  Heilkunde 
als  alte  Einrichtung  im  Zweistromlande  ergiebt  auch  das  Kolophon 
von  K  191  etc.,  indem  hier  von  1.  Heilungen  (natürlich :  der  angeführten 
Rezepttherapie),  2.  Verrichtungen  des  Herrn  des  Ritzmessers  und  3.  An- 
weisung der  Beschwörer  gesprochen  wird.  Nach  Boissier  bildet  der 
Beschwörungsarzt  als  masmasu  einen  besonderen  Stand. ^) 

Der  Salbenbereiter  (also  Apotheker)  als  päsisu  wird  häufig  er- 
wähnt. 

Babyionische  Anatomie  und  Pliysioiogie. 

Nach  uraltem  oft  wiederkehrendem  babylonischem  Typus  halten 
Göttergestalten  ein  Gefäss,  aus  dem  ein  doppelter  oder  vierfacher 
Wasserstrom  quillt.  Die  Spendung  des  Lebens  ist  hier  auch  religiös 
in  humoralpathologischer  Weise  dargestellt  und  selbst  schon  die  Zwei- 
teilung und  Vierteilung  angedeutet.  Wie  in  Aegypten  von  der  Lebens- 
luft, so  wird  darum  in  Babylonien  vom  Lebenswasser  gesprochen.  Im 
Tempel  des  Marduk  befand  sich  ein  Brunnen  mit  Lebenswasser  (ein- 
mal Speichel  des  Lebens),  das  im  heiligen  Strome  Euphrat  geschöpft 
wurde  und  zwar  dort,  wo  er  ins  Meer  fliesst.  Humoralpathologisch 
erscheint  auch  das,  was  uns  die  Griechen  von  mesopotaraischer  Medizin 
unter  dem  späteren  Namen  der  Perser  in  einer  Uroskopie  und  einer 
Diagnostik  aus  dem  Aderlassblute  überliefert  haben. 


Babyionisciie  Pathologie. 

Im  vorstehenden  sind  wiederholt  die  Krankheitsdämonen  erwähnt. 
Es  gab  sogar  Bilder  dieser  Dämonen,  welche  man  S3^mbolisch  ver- 
nichten konnte.  Dabei  sind  diese  Dämonennamen  aber  als  echte 
Krankheitsnamen  aufzufassen.  Greifen  wir  den  Ekimmu  heraus !  Sein 
Name  bedeutet  „Weguehmer",  „Räuber".  In  68 — 5 — 23,  2  wird  ein 
Mittel  gegen  das  Ergreifen  des  Ekimmu  von  einem  Mittel  gegen  den 
Ekimmu  unterschieden.  Ich  kann  darin  nur  den  Unterschied  von 
Prodromen  und  eigentlicher  Erkrankung  sehen.  Mit  den  Prodromen 
befasst  sich  therapeutisch  noch  K  3284.  K  10658  und  K  13  387,  mit 
Ekimmu  selbst  die  Tafel  nach  K  7826,  dann  K  9150,  K  11772  und 
Rm  2,  484.  Was  hiervon  bekannt  ist,  entspricht  ganz  der  Therapie 
von  den  bekannten  kranken  Körperteilen.  So  wird  auch  hier  schon 
Ekimmu  als  echte  Krankheitsbezeichnung  wahrscheinlich.  In  K  4075 
werden  gegen  Ekimmu  sogar  ganze  Rezepte  aus  mineralischen  (z.  B. 
Salz?)  und  pflanzlichen  Drogen  aufgeführt.  Wenn  dem  gegenüber  in 
Rm  99  Ekimmu  in  einem  Hause  herrschen  kann  und  man  seinen 
Schädigungen  vorbeugen  wollte,  so  ist  dies  nicht  nui*  auf  einen  Dämon 
beziehbar,  sondern  auch  auf  eine  ansteckende  Erkrankung.  Nach 
Jeremias  ist  Ekimmu  der  spezielle  Dämon  für  Erkrankung  eines 
Körperteils,  den  man  philologisch  meist  als  Hüfte  übersetzt  hat,  an 
dem  aber  Istar  ihren  Gürtel  trägt  und  welcher  auch  „IMitte"  gelesen 
werden  kann.  Danach  muss  der  Ekimmu  als  Personifikation  einer 
typhösen  oder  dysenterischen  Erkrankung  aufgefasst  werden. 


^)  Zimmern,   Beiträge  zur  Kenntnis  der  babyl.  Religion,  konnte  ich  hierzu 
nicht  einsehen. 


74  von  Oefele. 

Wenn  in  gleicher  Weise  der  Asakku  das  Fieber  (?)  in  den  Kopf 
bringt,  der  Namtaru  das  Leben  mit  einer  Epidemie  bedroht,  der  Utukku 
den  Hals,  der  Alii  die  Brust,  nach  der  Erwähnung  des  Ekimmu  der 
Gallü  die  Hand  und  der  Rabisu  die  Haut  packt,  so  sind  dies  wohl 
ebensolche  bisher  noch  nicht  indentifizierte,  als  Dämonen  personifizierte 
Krankheitsnamen.  Es  wird  sich  aber  in  der  Angabe  der  Körperteile, 
welche  ich  hier  nach  Jeremias  gab,  noch  manches  bei  genauerer  Be- 
arbeitung verschieben. 

Babylonische  Geburtshilfe. 

In  der  Etanasage  ist  die  Geburt  eines  Heldenkindes  unmöglich 
und  es  muss  erst  unter  Schwierigkeiten  nach  der  Geburtspflanze, 
welche  im  Besitze  der  Istar  ist,  getrachtet  werden.  Sonst  ist  bei  Ge- 
burten Gott  Nabu  (Nebo)  hochgeschätzt,  der  die  Vaterschaft  schenkt 
und  das  Leben  der  Neugeborenen  erhält.  In  einem  höfisch  stilisierten 
Briefe  wird  die  Entbindung  als  eine  Erfreuung  der  Mutter  durch  die 
Göttin  Tasmitu  umschrieben. 


Babylonische  Medikamente. 

Das  Lebenswasser  des  Marduktempels  wird  auch  zur  Heilung  von 
Krankheiten  z.  B.  des  Kopfschmerzes  empfohlen.  Die  bei  den  Sumerern 
erwähnten  Arzneistoife  gelten  auch  für  hier. 

Aegyptische  Medizin  des  mittleren  Reiches. 

Nach  der  Pyramidenzeit  beginnt  Ende  der  11.  Dynastie  wieder 
eine  bekanntere  kulturhistorische  Periode  als  „mittleres  Eeich"  be- 
nannt. 

Für  Medizin  und  Arzneidrogenhandel  wichtig  ist  die  Wiederauf- 
nahme der  Handelsbeziehungen  zu  dem  südöstlichen  Weihrauchlande 
Punt  durch  Sanchkare,  6.  König  der  11.  Dynastie. 

Von  der  12.  Dynastie  an  werden  Theben  und  Memphis  von  be- 
sonderen Königen  unter  fremden  Oberkönigen  in  Hebron  beherrscht. 
Es  ist  die  älteste  Zeit  direkter  medizinischer  Ueberlieferungen  durch 
die  Funde  der  beiden  medizinischen  Kahunpapyri  durch  Flinders 
Petrie. 

Amenemhetl.  (alle  Könige  der  12.  Dynastie  heissen  Amenemhet 
und  Usertesen)  ordnet  die  Verwaltung  etc.  nach  aufgesuchten  alten 
Schriften.  Auch  Kunst  und  Wissenschaft  blühen  unter  Benützung  des 
Altertums,  aber  noch  ohne  geflissentliche  Rückdatierungen.  Nubien 
wird  erobert  und  frequenter  Handel  mit  Südarabien  und  Syrien  ge- 
trieben. Hochentwickelte  Zahnpflege,  so  dass  in  einem  Massengrabe 
von  Prinzessinnen  kein  Zahndefekt  erweislich  ist.  ' 

Amenemhet  III.  bewässert  das  Fayum  (Mörissee).  Dort  gründet 
Usertesen  IL  Kaliun  (circa  2230),  das  circa  2100  zerstört  wird.  Also 
sind  Veterinärpapyrus  und  gynäkologischer  Papyrus  zwischen  2230  und 
2100   niedergeschrieben.  ^)    April  1889  fand  hier  Flinders  Petrie  den 


^)  Die  Berliuer  Forscher  setzen  hier  durchweg  jüngere  Data. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    75 

gynäkologischen  Papyrus  und  November  1889  den  Veterinärpapyrus. 
1897  (andere  Papyri  sind  noch  nach  Jahrzehnten  unveröflfentlicht) 
wurden  beide  Papyri  durch  Griffith  veröffentlicht  nach  einem  vor- 
läufigen Uebersetzungsversuch  des  gynäkologischen  Papyrus  in  Me- 
dical  News. 

Der  Veterinärpap}' rus  ist  ein  Unikum  in  jeder  Beziehung. 
Format,  Anordnung  der  Zeilen.  Charakter  und  Richtung  der  Schrift- 
zeichen sind  für  eine  Profanschrift  ungewöhnlich.  Derselbe  ist  14,5  cm 
hoch  und  nach  der  Blattklebung  mindestens  101  cm  lang.  Mindestens 
4  Zehntel  des  Beginnes  sind  nur  in  einzelnen  Bruchstücken  erhalten 
und  auch  das  Hauptstück  enthält  mehrere  Lücken.  Philologische 
Details  sind  von  Griffith  bearbeitet,  leider  ohne  medizinisch-histo- 
rischen Beirat. 

Die  erhaltenen  und  teilweise  erhaltenen  Abschnitte  sind  1.  Lege- 
not (?)  der  Gans  (das  Haushuhn  kennt  der  Aegypter  noch  nicht),  2.  eine 
Fischkrankheit  (?) ,  3.  Kolik  des  Rindes,  4.  Dasselbeulen  des  Rindes, 
5.  tympanitische  Peritonitis  des  Rindes,  6.  Nagana  des  Rindes. 

Symptome  der  Kolik:  offenstehendes  Glotzauge,  Scharren,  Nage- 
tiergeruch und  Hundeaussehen  der  Exkremente.  Therapie :  Schröpfen 
und  Bepflastern  bis  zum  Stillstand  der  Füsse,  eventuell  Hetzen  durch 
Hunde  als  Diaphoreticum  (?). 

Symptome  der  Dasselbeulen:  Rennen  beim  Fliegensummen, 
körperliches  Abfallen,  verborgene  Körner  unter  der  Haut.  Therapie: 
detailliert  beschriebene  Operation. 

Symptome  des  Meteorismus:  Triefaugen,  Einfallen  der  Wangen, 
Rötung  des  Zahnfleisches  und  Erheben  des  Nackens.  Therapie :  lokale 
Begiessungen  und  Einreibungen  am  gefesselten  Tiere,  eventuell  Ader- 
lass  an  Oberlippe  und  Schwanz,  eventuell  Glüheisen. 

Nagana  teilweise  zerstört,  teilweise  auf  verlorene  Kapitel  ver- 
wiesen. 

Gegenüber  dem  teilweisen  Gepräge  späterer  Papyri  als  empirisches 
Rezeptbuch  gegen  je  ein  aufgezähltes  meist  a  capite  ad  calcem  ge- 
ordnetes Symptom  ist  in  diesem  ältesten  Texte  auf  den  relativ  höchsten 
Stand  der  Veterinärmedizin  zu  verweisen  mit  wohlerfasstem  Symptomen- 
komplexe für  eine  abgeschlossene  Diagnose  und  einer  meist  rationellen 
Therapie  im  Grenzgebiete  von  Chirurgie  und  Medizin.  Die  Sprache 
des  Veterinärpapyrus  ist  wie  die  aller  medizinischen  Papyri  bis  zum 
Jahre  1000  altägyptisch,  entspricht  also  der  Pyramidenzeit.  Aehnliche 
Veterinärtexte  müssen  durch  den  ganzen  Verlauf  der  ägyptischen  Kultui- 
benützt  worden  sein,  da  verschiedene  Sätze  des  Veterinärpapyrus  in 
fast  wörtlicher  Uebersetzung  noch  in  den  Geoponika  byzantinischer 
Zeit  erscheinen. 

Der  gynäkologische  Papyrus  ist  100  cm  lang  und  32,5  cm 
breit  mit  87  Zeilen  in  3  Spalten.  Der  Anfang  scheint  erhalten,  das 
Ende  ist  nicht  bestimmbar.  Der  Erhaltungszustand  ist  so  schlecht, 
dass  mit  grossen  Lücken  Spalte  3  aus  46  Stücken  besteht.  Die  beiden 
ersten  Spalten  waren  schon  vor  4000  Jahren  beschädigt  und  wurden 
durch  Aufkleben  kleiner  Makulaturstreifen  auf  dem  Rücken  ausge- 
bessert. Auf  dem  Rücken,  also  nach  der  x\usbesserung  und  nach  lang- 
jähriger Benützung,  ist  ein  Rechnungsvermerk  vom  20.  Paophi  des 
29.  Jahres  der  Regierung  Amenemhet  IIL  Der  gynäkologische  Text 
ist  eine  Kompilation  aus  zwei  nach  geographischem  Ursprung  und 
formaler  Anordnung  verschiedenen  Quellen  und  zwar  so,  dass  Spalte 


76  vonOefele. 

1  und  2  17  Kapitel  aus  der  einen  und  Spalte  3  17  Vorschriften  aus 
der  anderen  Quelle  trägt.  Die  Schrift  ist  wie  bei  allen  folgenden 
medizinischen  Papyri  bis  ungefähr  1000  hieratisch  (nur  der  be- 
sprochene Veterinärpapyrus  ist  hieroglyphisch).  Der  Inhalt  ist  aus- 
schliesslich gynäkologisch.  Der  erste  Teil  besitzt  die  Anordnung  von 
Symptom,  Diagnose,  Therapie,  der  zweite  Teil  von  Indikation  (kurzes 
Eubrum)  und  Therapie.  Unter  einer  Eeihe  noch  undeutbarer  Uterus- 
erkrankungen finden  sich  solche,  welche  dem  Uterus  Steigen  und  Fallen, 
also  ein  Herumschweifen  im  Leibe  zuschreiben.  Die  Therapie  ist  wie  im 
Veterinärpapyrus  empirisch  und  frei  von  Theurgie,  hier  aber  meist 
pharmakotherapeutisch.  Den  Artikel  Maspero's  im  Journal  des  savants 
über  diesen  Papyrus  konnte  ich  bis  jetzt  nidit  einsehen. 

Von  einer  Königin  Mentuhotep  (13.  Dynastie)  steht  im  Berliner 
Museum  ein  Toilettenkasten  früher  als  Reiseapotheke  gedeutet.  Be- 
sonders für  die  in  Aegypten  allgemein  gebrauchten  Augenschminken 
als  Präventive  gegen  Bindehautaifektionen  ist  Kosmetik  und  Pharmako- 
therapie untrennbar.  Diese  Kollyrien  als  gangbarster  Handverkaufs- 
artikel  verbreiten  sich  in  römischer  Kaiserzeit  bis  über  Gallien. 

Trojanische  Medizin. 

Dass  die  alte  vorhippokratische  Kultur  im  Westen  nicht  auf  die 
Flussthäler  des  Zweistromlandes  und  des  Ml  beschränkt  waren,  er- 
weisen die  Ausgrabungen  Schliemanns  in  Ilion,  welche  Reste  von  neun 
zeitlich  auf  einander  folgenden  Städten  mit  verschiedener  Kultur,  ver- 
schiedener Wohlhabenheit  und  verschiedener  Dauer  aufdeckten.  Die 
sechste  Stadt  von  unten  mit  mykenischen  Topfwaren  ist  das  Troja 
der  homerischen  Gesänge  von  1500  (??)  bis  1184  (?).  Im  Uebergang  von 
der  Kupferzeit  zur  Eisenzeit  mit  den  letzten  Kulturresten  aus  der 
Steinzeit  lebten  die  armen  Nachkommen  der  reichen  zweiten  Stadt, 
welche  nach  langer  friedlicher  Entwicklung  bei  einer  feindlichen  In- 
vasion niedergebrannt  wurde.  Schwerter,  Kleiderspangen  und  Lampen 
fehlen  in  den  sechs  unteren  Städten. 

Auch  in  Europa  existieren  eine  ältere  und  jüngere  Kupferkultur, 
deren  zeitliches  Verhältnis  zu  den  Ausgrabungen  von  Schliemann  nicht 
feststellbar  ist.  Nach  diesen  Perioden  ergeben  die  Belege  des  Bonner 
Provinzialmuseunis  und  anderer  Sammlungen  noch  eine  deutlich  trenn- 
bare vorrömische  Kulturperiode.  Die  ältere  und  jüngere  Kupferzeit 
muss  also  ohne  nähere  Einordnung  teilweise  mit  der  Keilschrift-  und 
Hieroglyphenkultur  zusammenfallen  und  stellt  für  das  Rheinland  eine 
vorübergehende  Höhe  der  Kultur  dar,  wie  sie  erst  in  der  römischen 
Kaiserzeit  wieder  erreicht  wurde.  Der  Fund  einer  Steinaxt,  im  Schulter- 
gelenk eingeklemmt,  in  England  zeigt  die  Ohnmacht  gegen  arterielle 
Blutungen  und  die  Unkenntnis  der  Wundnaht.  Für  parenchymatöse 
Blutentziehungen  war  beim  Fehlen  der  Lampen  die  Applikation  von 
Schröpfköpfen  eine  weit  schwierigere  als  zur  Zeit  der  römisch-grie- 
chischen Kultur.^)  Nach  dem  Aerztesiegel  des  Edinmugi  müssen  thera- 
peutische Blutentziehungen  in  den  fernsten  Zeiten  der  Medizin  vor- 
handen gewesen  sein. 


^)  Es  kann  zur  Luftverdünnung  natürlich  auch  eine  Holzkohle  oder  ähnliches 
benützt  werden,  oder  bei  kalt  applicierten  Schröpfköpfen  an  einer  zweiten  kleineren 
Oeffnung  (siehe  Prosper  Alpinus)  die  Luft  ausgesogen  werden. 


Yorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    77 

Die  Ausgrabungen  von  Scliliemaun  ergaben  Nephrit  aus  Inner- 
china, Elfenbein  aus  Indien  und  Bernstein  von  der  Nordsee  in  Ilion. 
Eine  einheitliche  Kultur  ist  über  grosse  Ländergebiete  ausgebreitet 
und  unterhält  einen  ausgedehnten  internationalen  Handelsverkehr, 
welch  letzterer  immer  und  überall  in  der  Geschichte  einen  inter- 
nationalen Austausch  von  Medizinaldrogen  einschliesst.  Am  Beginn 
aller  schriftlichen  Nachrichten  ist  die  Institution  der  Sklaverei  vor- 
handen, d.  h.  das  Recht  des  Siegers  den  Besiegten  als  persönliches 
Eigentum  zu  behandeln  und  damit  von  Land  zu  Land  zu  verschleppen 
oder  zu  verkaufen.  Auch  dies  beförderte  die  Internationalität  natur- 
wissenschaftlicher und  medizinischer  Empirie, 

Reichlich  sind  in  Ilion  die  Gefässfunde,  welche  nach  ihrer  ab- 
sonderlichen Formung  einer  rationellen  Scheidekunst  dienten,  jeden- 
falls noch  ohne  scharfe  Trennung  pharmazeutischer,  chemischer, 
metallurgischer  und  kulinarischer  Bestimmung.  Das  Material  der  Ge- 
fasse  war  gebrannter  Thon.  Das  oifene  Herdfeuer  dieser  prähistorischen 
Zeiten  erfordert  dieselben  Prinzipien  der  Formgebung,  wie  die  der 
modernen  chemischen  Kochgeiässe  für  offene  Spiritus-  und  Gasheizung. 
Der  Boden  der  Kochgefässe  ist  konvex  geformt  zur  Ausnützung  der 
Feuerung.  Deshalb  erhöht  auch  ein  Dreifuss  verbunden  oder  getrennt 
den  Stand  über  der  Feuerung.  Für  langwierige  Kochungen  erhält 
das  Kochgefäss  eine  cylindrische  Verlängerung  (modernes  Prinzip  des 
Rückflusskühlers).  Berührung  mit  der  Luft  und  den  Flammen,  also 
Oxydation  und  Ueberkochen  von  Flüssigkeiten  ist  dadurch  vermieden. 
Abbiegen  des  Ansatzrohres  (Prinzip  der  Glasretorte)  verhindert  das 
Einfallen  von  Russ  und  Asche  während  des  Kochens  und  ermöglicht 
darnach  bei  entsprechender  Haltung  den  Ausguss  untenstehender  oder 
zwischengeschichteter  Flüssigkeiten,  während  überstehende  Schlacke 
und  Schaum  zurückgehalten  wird.  Zum  Schlemmen  sind  die  Gefässe 
mit  Doppelöffnungen  geeignet.  Verschiedene  ganz  flache  Schalen 
dienten  als  Mörser  und  Verdampfgefasse  für  Verreibungen  und  Gold- 
und  Silberabtreibung,  was  enthaltene  Reste  beweisen.  Das  Sieb  scheint 
noch  unbekannt.  Dafür  ist  der  Seiher  mannigfach  variiert ;  z.  B.  wird 
er  auf  einer  hochgestellten  Mittelsäule  befestigt  im  Ablaufgefässe  ar- 
miert. 

Die  Chirurgie,  sicherlich  nur  kleine  Chirurgie,  wie  im  ältesten 
ägyptischen  medizinischen  Papyrus  hatte  kein  differenziertes  Instru- 
mentarium, sondern  musste  im  Bedarfsfalle  auf  die  Hilfsmittel  des 
Alltagslebens  zurückgreifen.  In  der  ersten  Stadt  Hions  überwiegt 
noch  die  Steinzeit  neben  Nadeln  aus  Knochen  und  Bronze.  In  der 
zweiten  Stadt  haben  sich  nahezu  200  Sägen  aus  Obsidian,  Feuerstein 
oder  Chalcedon  gefunden.  Pfriemen  und  Nadeln  (z.  B.  für  Schröpfen) 
sind  noch  aus  Hörn  und  Knochen 

Ein  Gefäss  mit  siebtormigem  Boden  und  enger  Halsöffnung  scheint 
dem  Gefässe  für  Inhalationen  und  Scheidenräucherungen  zu  entsprechen, 
das  der  gynäkologische  Papyrus  von  Kahun,  Papyrus  Ebers  und  Hippo- 
krates  erwähnen. 

Medizinisch  bemerkenswert  ist  der  doppelte  Fund  von  Skeletten 
sechsmonatlicher  Embryonen  in  Dreifussurnen  der  ersten  Stadt  bei 
der  Leichenverbrennung  für  andere  Tote. 


78  von  Oefele. 


Papyrus  Ebers. 

Der  Erhaltungszustand  des  Papyrus  Ebers  ist  ein  ungewöhnlich 
vollständiger,  während  der  Veterinärpapyrus  und  der  Londoner  med. 
Papyrus  Birch  grosse  Lücken  besitzen  und  i^r  gynäkologische  Papyrus 
schon  im  Altertume  ausserdem  geflickt  wurde.  Auch  fehlen  dem  Papyrus 
Ebers  die  Spuren  des  fleissigen  Benützens,  wie  sie  der  grössere  medi- 
zinische Papyrus  in  Berlin  trägt,  von  welchem  die  Schrift  teilweise 
völlig  abgegriffen  ist. 

Der  Papyrus  Ebers  ist  nach  Art  vieler  altertümlicher  Hand- 
schriften als  medizinischer  Sammelband  zu  bezeichnen.  Derselbe  ist 
über  20  Meter  lang  und  trägt  auf  der  Vorderseite  die  Spalten  I — HC 
von  rechts  nach  links  folgend.  Auf  der  Rückseite  von  HC  beginnt 
Spalte  IC  und  folgen  ihr  wieder  von  rechts  nach  links  die  Spalten 
bis  CX.  Dann  sind  wieder  ungefähr  83  Spalten  frei  und  dann  folgt 
eine  Kalendernotiz.  Vorderseite  und  Rückseite  sind  mit  Ausnahme  der 
Kalendernotiz  von  der  gleichen  Hand  geschrieben.  Die  Kalendernotiz 
entspricht  dem  Jahre  1553,  1552,  1551  oder  1550. 

IC — CX  nimmt  auf  die  Vorderseite  keine  Notiz  weder  im  Fort- 
gang noch  in  der  Form  der  Kapitelüberschriften.  CHI  Zeile  1  —  18 
ist  ein  Teil  der  Physiologie  des  Adernsystems  vom  Gotte  Anubis. 
Davon  besitzen  wir  eine  zweite  Redaktion  ungefähr  200  Jahre  später 
im  Papj'^rus  Brugsch.  Unvermittelt  an  diesen  Traktat  aus  Letopolis 
schliesst  sich  CHI  Zeile  19  bis  CX  Schluss  eine  thebanische  Schrift 
meist  chirurgischen  Inhalts.  Dem  gegenüber  steht  der  lange  Text 
der  Vorderseite,  welcher  aus  Heliopolis  und  Sais  stammen  soll.  Aber 
auch  dieses  Vorderteil  zerfällt  in  mehrere  Stücke  sehr  ungleichartigen 
Ursprungs.  Diese  Ungleichartigkeit  zeigt  sich  in  der  Grammatik, 
insofern  als  zwar  die  Kunstsprache  des  mittleren  Reiches  benützt 
ist,  aber  doch  schon  in  den  einzelnen  Abschnitten  Uebergangsformen 
zur  Konjugation  der  Zeit  der  Niederschrift  sich  finden,  in  Lexikon 
und  Orthographie,  insofern  für  unzweideutig  identische  Begriffe  in 
verschiedenen  Teilen  ganz  verschiedene  Worte  gebraucht  sind  oder 
wo  gleiche  Worte  verwendet  werden,  diese  in  verschiedenen  Teilen  die 
Orthographie  ändern  und  in  den  Aerztegöttern,  insofern  erst  nur  auf 
die  Götter  der  Osirisfamilie ,  dann  wieder  auf  die  Götter  des  Götter- 
kreises des  Sonnengottes,  dann  auf  den  spätzeitlichen  Anubis  und  dann 
wieder  auf  einen  spezifisch  thebanischen  Gott  Bezug  genommen  wird. 

Die  Vorderseite  war  also  eine  lose  zusammengefügte  Kompilation. 
Das  lange  Werk  war  auf  Spalte  CII  noch  nicht  abgeschlossen,  sondern 
setzte  sich  auf  mindestens  einem  zweiten,  vielleicht  ebenso  langem 
Papyrus  fort.  Ich  will  hier  die  Bestandteile  und  Abschnitte,  wie  sie 
sich  im  Original  entweder  durch  neue  Zeilen  oder  durch  das  aber- 
malige Wort:  „Beginn",  meist  sogar  durch  beides  hervorgehoben 
werden,  geben: 

Abschn.  1:  I,  1.  bis  II,  6.    Einleitung. 

Abschn.  2:  II,  7.  bis  XVI,  14.  Behandlung  abdomineller  Er- 
krankungen meist  mit  Brech-  und  Abführmitteln. 

Abschn.  3:  XVI,  15.  bis  XXV,  11.  Eingeweidewürmer  und  An- 
hang. 

x4bschn.  4:  XXV,  11.  bis  XXX,  17.  Aeusserlich  behandelte  Rumpf- 
krankheiten. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.     79 

Abschn.  5:  XXX,  18.  bis  XXXVI,  3.  Krankheiten  des  Anus  mit 
Anhang. 

Abschn.  6:  XXXVI,  4.  bis  XXXXIV,  12.  Krankheiten  des  Epi- 
gastriums.  Dieser  Abschnitt  fällt  in  Sprache  und  Anordnung  sofort 
als  spätes  Einschiebsel  auf,  erinnert  aber  sehr  stark  an  die  thebanische 
Schrift  der  Rückseite  und  an  die  ersten  beiden  Spalten  des  gynä- 
kologischen Papyrus  von  Kahun.  Ausserdem  bestehen  Anklänge  an 
die  assyrische  Serie  von  den  abdominellen  Krankheiten  und  an  die 
griechischen  Schriften  der  knidischen  Schule. 

Abschn.  7:  XXXXIV,  13.  bis  XXXXVI,  9.    Dysenterie. 
Abschn.  8:  XXXXVI,  10.  bis  XXXXVIII,  20.    Rezepte  für   den 
Sonnengott  (siehe  oben  Krankh.  d.  Sonnengottes),  Preisung  des  Ricinus 
und  Kopfschmerzmittel. 

Abschn.  9:  XXXXVIII,  21.  bis  L,  21.    Ascites. 
Abschn.  10:  L,  21.  bis  LI,  14.    Dyspepsie. 

Abschn.  11:  LI,  15.  bis  LII,  22.  Schleimkrankheiten  des  Halses  (?). 
Abschn.  12:  LIII,  1.  bis  LV,  1.    Synanche. 
Abschn.  13:  LV,  1.  bis  LV,  20.    Eine  Parasitenkrankheit. 
Abschn.  14:  LV,  20.  bis  LXIII,  2.    Ophthalmologie. 
Abschn.  15 :  LXIII,  4.  bis  LXIV,  13.    Beisätze  von  Rezepten  eines 
Urma  und  eines  Phönikers. 

Abschn.  16:  LXIV,  14.  bis  LXV,  8.    Eine  Kopfkrankheit. 
Abschn.  17—19:  LXV,  8.  bis  LXVI,  7.  bis  LXVII,  7.  bis  LX VII,  16. 
Zwei  Abschnitte  von   den   Haaren  und   einer   von  der  Leber  (!).    Es 
folgen  sich  hier  mehrere  kleine  Schriften  von  kosmetischem  Interesse, 
darunter  erscheint  die  Leber  wahrscheinlich  wegen  des  Ikterus. 

Abschn.  20:  LXVII,  17.  bis  LXIX,  22.  Brandwunden  und  Striemen. 
Abschn.  21:  LXX,  1.  bis  LXXI,  21.     Wunden. 
Abschn.  22:  LXXI,  21.  bis  LXXII,  10.    Scabies  und  Pediculi. 
Abschn.  23:  LXXII,  10.  bis  LXXII,  18.    Pemphigus. 
Abschn.  24:  LXXII,  19.  bis  LXXV,  18.    Dermatologie. 
Abschn.  25:  LXXV,  19.  bis  LXXVI,  19.     Accidentelle  Wund- 
krankheiten (?). 

Abschn.  26:  LXXVI,   19.   bis  LXXVIII,  3.     Ulcus   cruris,   Po- 
dagra etc. 

Abschn.  27 :  LXXVIII,  4.  bis  LXXIX,  5.   Wundschmarotzer  u.  ähnl. 
Abschn.  28 :  LXXIX,  5.  bis  LXXXV,  16.    Behandlung  des  Röhren- 
systemes  (Nerven,  Adern,  Sehnen  und  Penis). 

Abschn.  29:  LXXXV,  16.  bis  LXXXVI,  3.    Zunge  (?),  Uvula  (?) 
oder  Penis  (?). 

Abschn.  30:  LXXXVI,  4.  bis  LXXXVIll,  3.    ? 
Abschn.  31 :  LXX5:Vltl,  4.  bis  LXXXVIll,  12.    ? 
Abschn.  32:  LXXXVIll,  13.  bis  LXXXIX,  1.    ? 
Abschn.  33:  LXXXIX,  2.  bis  LXXXIX,  15.    Stiche  von  Insekten. 
Abschn.  34:  LXXXIX,  16.  bis  XC.  5.    ? 
Abschn.  35:  XC,  6.  bis  XC,  14.    ? 
Abschn.  36:  XC,  14.  bis  XCI,  1.    Rhinologie. 
Abschn.  37:  XCI,  2.  bis  XCII,  6.    Otologie. 
Abschn.  38:  XCII,  7.  bis  XCIII,  5.    ? 
Abschn.  39:  XCIII,  6.  bis  XCIV,  22.    Gynäkologie. 
Abschn.  40:  XCV,  1.  bis  XCV,  14.    Fortsetzung  der  Gj'näkologie. 
Abschn.  41:  XCV,  15.   bis   XCVII,   4.     Fortsetzung   der   Gynä- 
kologie. 


30  vonOefele. 

Absclin.  42:  XCVII,  5.  bis  XCVII,  12.    Synusia. 

Abschn.  43:  XCVII,  13.  bis  XCVII,  15.    Pädiatrie. 

Abschn.  44:  XCVII,  15.  bis  XCVIII,  11.    Ungeziefer  des  Hauses. 

Abschn.  45:  XCVIII,  12.  bis  XCVIII,  21.    Kyphirezept. 

Bis  dahin  geht  eine  scheinbar  nach  einem  einheitlichen  Plane 
zusammengestellte  Kompilation  aus  mehreren  alten  Schriften  zum 
Zwecke  eines  therapeutischen  Handbuches.  Die  meisten  derselben  be- 
sitzen entweder  schon  gemeinsamen  Ursprung  oder  sind  schon  in  älterer 
Zeit  äusserlich  einheitlich  überarbeitet.  Die  Zusammengehörigkeit 
zeigt  sich  darin,  dass  verschiedene  Rezepte  und  Teilrezepte  bei  gleicher 
oder  ähnlicher  Indikation  in  verschiedenen  Abschnitten  wiederholt  auf- 
treten. Dies  hindert  aber  nicht,  dass  unvermittelt  fremdartige  Stücke 
eingeschaltet  wurden. 

Abschnitt  46  als  Physiologie  der  Gefässe  und  Abschnitt  47, 
welchen  Schäfer  als  Schollen  zu  einer  Beschreibung  der  Peritonitis 
erwies,  beschliessen  ohne  gegenseitige  scharfe  Trennung  die  Vorderseite. 

Der  Papyrus.  Ebers  ist  bisher  und  auch  für  die  absehbare  Zu- 
kunft nach  den  verschiedensten  Richtungen  die  Grundlage  des  grössten 
Teiles  unserer  Kenntnisse  von  der  altägyptischen  Medizin. 

Uebersicht  über  die  ägyptische  Heilkunde. 

Mit  Rücksicht  auf  die  vielen  gemeinsamen  Punkte  in  der  Medizin 
Aegyptens  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zu  den  heutigen  Tagen  und 
mit  Rücksicht  auf  eine  fast  gleichartige  Entwicklung  in  den  Staaten 
des .  westlichen  Asiens  scheint  eine  allgemeine  Uebersicht  über  die 
ägyptische  Medizin  angebracht  und  dieses  Bild  lässt  sich  am  passendsten 
dem  neuen  Reiche  als  der  Zeit  des  höchsten  Glanzes  und  Einflusses 
von  Aegypten  einfügen,  wenn  auch  die  Medizin  damals  schon  längst 
ihren  Höhepunkt  überschritten  hatte. 

Die  Quellen  für  die  altägyptische  Medizin  sind  die  bisher  er- 
wähnten Papyri.  Ausserdem  befindet  sich  in  London  ein  medizinischer 
Papyrus  aus  der  12.  Dynasie,  welcher  neu  entdeckt  wurde  und  soeben 
erst  aufgerollt  wird.  Ein  Londoner  medizinischer  Papyrus  an  der 
Grenze  von  18.  und  19.  Dynastie  wird  gegenwärtig  von  W.  Max 
Müller  und  mir  zur  baldigen  Herausgabe  vorbereitet.  In  Berlin 
liegen  zwei  medizinische  Papyri,  von  denen  einer  veröffentlicht  und 
einer  im  Druck  ist.  Eine  Londoner  medizinische  Lederhandschrift, 
wahrscheinlich  aus  dem  mittleren  Reich,  soll  beim  Aufrollen  total  zer- 
brochen sein.  Ausserdem  streifen  die  magischen  Handschriften  in 
Leyden  öfters  Medizin.  Auch  Ostraka  enthalten  medizinische  Texte. 
Ein  grosses  Berliner  enthält  Vorschriften  gegen  Ulcera,  ein  anderes 
aus  New  York  ist  von  AV.  Max  Müller  veröffentlicht.  Von  medi- 
zinischen Texten,  welche  in  Boulaq  liegen,  habe  ich  nur  unbestimmte 
Nachrichten  erhalten. 

In  allen  Produkten  von  Fauna  und  Flora  war  der  Aegypter  in 
seinem  ganzen  Leben  und  so  auch  in  Krankheitsursachen,  theoretischen 
Krankheitsansichten  und  Therapie  haarscharf  auf  die  fruchtbaren  Ge- 
biete des  Nilüberschwemmungsbettes  angewiesen.^)  Hier  war  üppige 
Fruchtbarkeit,  hier  ernährte  der  vom  Nil  befruchtete  Boden  eine  dichte 


^)  Hierbei  ist  natürlicli   abgesehen  von  den  fortwälirenden   ausländischen 
Importen  ans  allen  Weltteilen  speziell  auch  von  den  Importen  aus  Kleinasien. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier,    gl 

Bevölkerung.  Bei  der  haarscharfen  Grenze  gegen  die  unbewässerte 
Wüste  war  aber  hier  auch  jeder  Fingerbreit  kulturfähiges  Land  zur 
Kultur  ausgenützt.  Es  gab  keine  üppige  freie  Natur,  die  dem  Aegypter 
die  Möglichkeit  eines  Lebens  ohne  Gesetze  denkbar  machen  konnte. 
Und  selbst  die  Heilkräfte,  welche  der  heutige  Kultureuropäer  vor- 
züglich der  spontanen  Flora  aus  Berg  und  Wald  als  Geschenke  der 
freien  Natur  entnimmt,  konnten  bei  dem  Mangel  an  Wiesen  und 
Wäldern  im  alten  Aegypten  nur  Produkte  sorgsamen  Ackerbaues 
liefern.  Dem  Urmenschen  bestand  das  Wesen  des  Lebens  in  der 
Atmung.  \)  Der  Unterschied  zwischen  Wüste  und  bewässerter  Nilebene 
führte  als  zweites  Lebensprinzip  die  Befeuchtung  ein.  Aber  nicht 
während  der  Ueberschwemmung ,  sondern  erst  nach  deren  Rücktritt 
erscheint  die  Vegetation,  da  sie  das  feste  Land  als  Stützpunkt  be- 
darf. Mikrokosmos  und  Makrokosmos  war  hier  das  Leben  des  Men- 
schen und  das  Leben  des  Nilthaies.    Der  Mensch  wurde  zur  Mumie 

durch  Verlust  des  Pneuma  XZ3  und  der  Körperflüssigkeiten  jy     Wenn 

auch  Aegypten  noch  zu  den  Ländern  des  Mittelmeergebietes  gerech- 
net werden  muss,  so  unterecheidet  es  sich  doch  von  anderen  Mittel- 
meerländern durch  seine  Zugehörigkeit  zu  Afrika,  von  dessen  frucht- 
baren Gebieten  es  die  einzige  nach  Norden  vorgeschobene  Zunge 
ist.  Und  dies  macht  sich  schon  in  der  Aetiologie  der  Krankheiten 
geltend.  Wir  von  heute  pflegen  seit  den  Koch  sehen  Entdeckungen  bei 
l)arasitären  Krankheitserregern  stets  in  erster  Linie  an  das  menschen- 
feindliche Pflanzenreich  zu  denken.  In  Afrika  sind  solche  Feinde 
nicht  sehr  verbreitet  und  auch  nicht  sehr  fürchterlich,  wie  Sons  in  o 
am  Auftreten  der  Cholera  in  Aegypten  gezeigt  hat.  Hier  bedroht  das 
Tierreich  nicht  nur  durch  Löwen,  Hyänen,  Schakale,  Krokodile  und 
giftige  Schlangen,  sondern  auch  durch  Ungeziefer,  Hypodermalarven, 
schmarotzende  Rundwürmer,  Bandwürmer,  vor  allem  auch  Distomen  und 
Fieberplasmodien  etc.  ständig  den  Menschen.  Und  wenn  hier,  wo  selbst 
der  Blutegel  als  Nasenparasit  sich  einnisten  kann,  Schlangen  und  Würmer 
Hyj^  zum  Grundsymbole  aller  Krankheit  werden,  so  ist  dies  für 
Aegypten  nicht  in  hölierem  Masse  eine  Uebertreibung  als  die  bota- 
nischen Mikroorganismismen  in  mancher  modernen  Aetiologie.  Dazu 
drängte  gerade  die  älteste  schriftliche  Fixierung  in  ihrer  Unzertrenn- 
lichkeit von  Gelehrsamkeit  und  Bildei-schrift  zu  einer  konkreten 
Symbolisierung  aller  medizinischen  Begriffe.  Der  Wortlaut  vieler 
medizinischer  Lehrsätze  ist  wohl  Jahrtausende  unverändert  geblieben 
und  dies  begünstigte  die  Festlegung  in  hermetischen  Büchern, 
wie  sie  die  Griechen  zu  nennen  beliebten.  Jedes  Jahrhundert  dachte 
sich  aber  wohl  oft  unter  dem  gleichen  Satze  etwas  anderes.  Zeit- 
weise waren  wohl  alle  Priester  gleichzeitig  auch  in  die  Lehren  der 
Arzneiwissenschaft  eingeführt.  Und  zu  Zeiten,  in  denen  selbst  ge- 
wöhnliche Vorarbeiter  des  Schreibens  kundig  waren,  drangen  Bruch- 
stücke der  ärztlichen  Lehren  sogar  relativ  sehr  weit  in  das  Laien- 
publikum. So  können  sich  selbst  ausgesprochene  Ansichten  medi- 
zinischer Theorie  in  Laienpapyri  widerspiegeln.  Vielfach  sind  wir 
auch  gewohnt,  Sachen  für  medizinische  Interna  zu  halten,  die  nach 
ägyptischen  Begriffen  gar  nichts  mit  Medizin  zu  thun  haben. 

^)  Wie  der  Aegypter  überhaupt  als  Gegner  klarer  Begriffsfassungen  erscheint, 
so  sind  auch  die  vier  Elemente  in  Aegypten  nirgends  klar  ausgesprochen. 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  6 


32  von  Oefele. 

Ausserhalb  der  Medizin  steht  so  vor  allem  die  Geburtshülfe.  Dies 
zeigt  sich  am  deutlichsten  darin,  dass  keine  der  medizinischen  männ- 
lichen Gottheiten  etwas  mit  der  Entbindung  zu  thun  hat,  sondern 
nur  der  widderhörnige  Gott  Chnum,  Die  Entbindung  liegt  in  den 
Händen  einer  Oberhebamme  vor  der  Kreissenden  hockend  mit  drei 
Hilfshebammen,  zu  beiden  Seiten  und  hinter  der  Kreissenden,  die  auf 
einem  Geburtsstuhl  sitzt. 

Als  Anhang  der  Medizin  sind  aber  im  Pharaonenlande  sicherlich 
die  Naturwissenschaften,  so  weit  sie  bekannt  waren,  im  weitesten 
Sinne  zu  rechnen.  Und  hier  brachten  es  die  lokalen  Verhältnisse  mit 
sich,  dass  vielfach  ihre  Kenntnisse  relativ  hohe  waren.  Die  Ver- 
wendung von  einfachen  Bildern  von  Tieren  und  ihren  Teilen  in  der 
Hieroglyphik  mit  scharfen  Speziesunterscheidungen  durch  wenige  Um- 
risse zeigt  Befähigung  zur  Systematik.  Die  Entwicklungsgeschichte 
der  Koprophagen  vom  Ei  zum  Käfer,  der  Schmeissfliege  von  der  Larve 
zum  Insekt,  des  Frosches  von  Kaulquappe  zum  vierfüssigen  Tiere  war 
bei  den  dazu  günstigen  Verhältnissen  im  Nilthale  in  den  frühesten 
Zeiten  schon  beobachtet  worden.  In  der  Botanik  und  Mineralogie 
waren  die  Kenntnisse  entsprechend  hoch.  Freilich  war  das  Eisen 
wohl  nur  in  der  Form  von  Meteoreisen  bekannt.  Daher  war  seine 
allgemeine  Verwendung  zu  Instrumenten  ausgeschlossen.  Aber  in  der 
praktischen  Chemie  der  Metalle,  z.  B,  Blei,  leisteten  sie  Grosses;  und 
ihre  farbenprächtigen  Malereien,  welche  im  Laufe  der  Jahrtausende 
nicht  verblassten,  sind  mit  solchen  künstlich  hergestellten  Mineral- 
farben gemalt.  Zwei  Ausgangsstoffe  für  jede  chemische  Industrie 
lieferte  den  Aegyptern  in  günstigster  Weise  die  Natur,  nämlich  das 
Weiche  Nilwasser,  das  heute  noch  von  chemischen  Fabriken  als  natür- 
liches distilliertes  Wasser  verwendet  wird  und  dann  natürliche  Soda 
in  den  Natronseen  des  Nordwesten.  Um  die  ärztliche  Propädeutik, 
war  es  also  stets  günstig  bestellt.  Es  ist  nur  die  Frage,  wie  weit 
die  ärztliche  Wissenschaft  der  alten  Aegypter  auf  naturwissenschaft- 
licher Propädeutik  aufgebaut  war.  Immer  und  überall  tritt  im  Alter- 
tum die  Dreiteilung  des  Aerztestandes  in  Arzt,  Chirurg  und  Beschwörer 
auf,  wobei  dieselbe  Person  zwei  und  selbst  alle  drei  dieser  Heil- 
methoden in  sich  vereinigen  kann.  Häufig  hat  der  Internist  sich  nicht 
die  gebührende  Geltung  verschaffen  können  und  selbst  der  Chirurg 
wurde  nur  zu  oft  von  dem  Beschwörer  in  den  Hintergrund  gedrängt. 
Auch  im  alten  Pharaonenreiche  schwankten  die  Verhältnisse  hin  und 
her  und  bei  der  schliesslichen  Allmacht  der  Priesterschaft  war  es 
natürlich,  dass  Aberglauben  und  Suggestionstherapie  siegte.  Brugsch 
glaubt  aus  dem  demotischen  Papyrus  von  Leiden  bei  den  Aegyptern 
die  hypnotische  Therapie  erweisen  zu  können.  Solche  Texte  sind  dem 
Aegyptologen  von  Fach  geläufiiger  als  die  nüchternen  Eezepte  der 
medizinischen  Papyri  mit  ungedeuteten  termini  technici.  In  diesem 
Sinne  fürchtet  Capart,  dass  aus  meiner  Darstellung  der  Leser  den 
altägyptischen  Arzt  mehr  den  modernen  Aerzten  parallel  setzt,  als 
dies  der  Eindruck  der  Philologen  ist,  welche  den  ägyptischen  Arzt 
als  eine  Mischung  von  Arzt,  Priester  und  Zauberer  nach  Art  des  in- 
dianischen Medizinmannes  betrachten.  Hierbei  steht  aber  empirisch 
auch  wieder  der  indianische  Medizinmann  so  hoch,  dass  die  modernste 
Arzneitherapie  Dutzende  von  Arzneikräutern  dem  Erfahrungsschatze 
dieser  indianischen  Medizinmänner  entlehnt  hat. 

Die  Vereinfachung  der  Therapie  hatte  merkwürdigerweise  eine  Zer- 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    83 

splitterung  in  Spezialitäten  als  Augenärzte,  Frauenärzte  etc.  im  Gefolge. 
In  einer  Tempelpriesterschaft  waren  diese  Spezialisten  zu  einem  festen 
Gefüge  vereint.  Honorarstreitigkeiten  konnten  die  vei-schiedenen  Aerzte 
nicht  entzweien.  Die  honorierte  Praxis  war  in  der  Blütezeit  des 
Reiches  nur  mehr  gering.  Die  Einnahmen  bestanden  fast  durchgehends 
aus  festen  Tempeleinkünften.  In  den  ältesten  Zeiten  waren  aller- 
dings diese  priesterlichen  Einkünfte  nur  sehr  gering  gewesen  und 
können  nur  als  sehr  spärliche  Nebeneinkünfte  betrachtet  werden  gegen- 
über einer  wirklich  bezahlten  Praxis.  Wenn  in  diesen  Zeiten  sogar 
ein  Arzt  den  Königsthron  usurpieren  kann,  so  muss  er  aus  freiem 
Einkommen  zu  den  einfluss-  und  einkommenreichen  Personen  gerechnet 
werden.  In  der  späteren  Zeit  des  priesterärztlichen  Kastengeistes  drehen 
sich  die  Verhältnisse  gerade  um.  Jeder  hohe  Priester  ist  dann  auch 
ein  Arzt;  der  König  ist  vermöge  seiner  Stellung  der  höchste  Priester 
und  aus  Gottesgnadentum  eo  ipso  ein  Arzt.  Es  sind  dies  die  Aus- 
wüchse im  königlichen  Bestreben  als  höchster  der  Kriegerklasse  gleich- 
zeitig auch  der  höchste  in  der  Ausübung  jedes  einzelnen  Berufes 
scheinen  zu  wollen.  In  den  weiteren  Konsequenzen  geht  aber  die 
Fähigkeit  zu  heilen  auch  auf  die  Umgebung  des  Königs  über,  so  dass 
selbst  schon  Homer  eine  ägyptische  Königin  als  Medizinalpfuscherin 
charakterisiert  (Od.  4,  221 ). 

Als  die  ärztliche  Hilfe  eine  Verpflichtung  der  Tempelgenossen- 
schaft geworden  war  und  gar  nicht  mehr  oder  nur  minimal  honoriert 
wurde,  wurde  sie  sicherlich  ausgiebig  begehrt,  so  weit  nicht  die  Scheu 
einer  Sünde  bei  unnötiger  Bemühung  der  heiligen  Priester  und  damit 
Furcht  vor  Verschlimmerung  der  Krankheit  als  göttlicher  Strafe  be- 
stand. Aber  auch  schon  in  früheren  Zeiten  wurde  ausgiebig  der  Arzt 
aufgesucht.  Ein  Witwer  legt  es  seiner  Verstorbenen  schriftlich  ins 
Grab,  dass  er  den  Oberarzt  so  oft  geholt  habe,  als  sie  wünschte. 
Die  Zahl  solcher  begehrter  Besuche  kann  man  sich  daraus  vergegen- 
wärtigen, dass  selbst  die  ägyptischen  Hebammen  bei  Moses  die  ägyp- 
tische Frau  als  hyperästhetisch  charakterisieren  und  selbst  schon  der 
Eintritt  jeder  Dysmenorrhoe  bei  einfachen  Arbeiterfrauen  Männer 
und  Väter  zur  Versäumnis  eines  Arbeitstages  veranlasst.  Der  grossen 
Nachfrage  nach  ärztlicher  Hilfe  entsprach  auch  eine  grosse  Zahl  that- 
sächlicher  Aerzte  im  alten  Pharaonenlande. 

Der  fromme  Aegypter  sah  seinen  Lebenszweck  in  der  Fürsorge 
für  das  Leben  nach  dem  Tode  und  für  die  dereinstige  Wiederbelebung 
des  Fleisches.  So  konnte  sich  auch  die  älteste  physiologische  An- 
schauung vom  Leben  bis  in  den  Gottesdienst  hinein  geltend  machen. 
Der  lebendige  Odem  (die  bewegte  Luft)  und  die  strotzende  Durch- 
tränkung mit  Flüssigkeit  waren  die  Grundlagen  des  Lebens  von  aussen 
her,  die  eingepflanzte  Wärme  von  innen  her.  Der  Gottesdienst  in 
seiner  Grundlage  eine  Vermischung  von  Ahnendienst  und  Naturdienst 
bietet  den  Göttern  wie  den  Abgeschiedenen  von  alters  her  gute 
Luft  in  Form  von  Weihrauch  und  Lebenswasser  in  Form  von  Weih- 
wasser in  Hieroglyphen  geschrieben  ^   und   ^.    Für   den  Patienten 

gilt  es  in  gleicher  Weise  die  gestörten  Lebensbedingungen  zu  ver- 
bessern. 

Die  vornehmsten  Medikamentformen  sind  darum  die  Räucherungen 
und  die  Arzneitränke.  Immer  und  überall  besass  der  Aegypter  den 
Hang  zur  Symbolik  und  natürlich  musste  dieser  Hang  grossen  Ein- 

6* 


84  .  von  Oefele. 

fluss  auf  die  Therapie  des  praktischen  Arztes  mit  ihren  vielen  Ent- 
täuschungen gewinnen. 

Unüberwindliche  Schwierigkeiten  tauchen  auf,  sobald  wir  zu  einer 
Besprechung  der  rein  medizinischen  Einzeldisziplinen  übergehen.  Es 
ist  hier  zu  bedenken,  dass  wir  eine  Sprache  vor  uns  haben,  die  Jahr- 
tausende tot  und  unverständlich  war  und  deren  Verständnis  aus  sich 
selbst  entwickelt  werden  muss.  Bei  allen  Spezialfächern  geht  es  lang- 
sam mit  dem  Verständnis.  Zu  der  Menge  von  anatomischen  Begriffen, 
die  erst  bestimmt  werden  müssen,  kommt  die  weitere  Schwierigkeit 
einer  grösseren  Zahl  verschiedener  Bezeichnungen  für  denselben  Körper- 
teil einerseits  und  anderseits  der  gleichlautenden  Bezeichnung  für  ver- 
schiedene Körperteile.  So  wird  mit  gleichem  Worte  Magen  und  Herz, 
lingua  und  uvula,  frons  und  umbilicus,  os  und  vulva,  Nasenmuschel  und 
Ohrmuschel  etc.  bezeichnet.  Dies  darf  aber  nicht  als  Armut  anato- 
mischer Begriffe  aufgefasst  werden;  sondern  im  Gegenteil  gerade  die 
weitgell  ende  Differenzierung  anatomischer  Begriffe  führt  zu  solchen 
Resultaten,  wie  uns  die  moderne  Vieldeutigkeit  von  Tuba  etc.  wieder 
beweist.  Ein  Einwurf  gegen  die  anatomischen  Kenntnisse  bleibt  stets 
die  Vernachlässigung  derselben  von  den  ägj^ptischen  Malern.  Dieser  Ein- 
wurf schwindet  aber  zum  guten  Teil,  sobald  wir  die  plastischen  Werke 
des  alten  Reiches  neben  die  Malereien  stellen.  Der  Fehler  der  Malerei 
beruht  zum  grössten  Teile  auf  falschen  gekünstelten  Regeln  der  alt- 
ägyptischen Perspektive,  welche  Deutlichkeit  der  Lebenswahrheit  vor- 
zog. Da  erinnere  ich  mich  an  die  Begegnung  meines  Lehrers  der 
Anatomie  in  einer  Münchner  internationalen  Kunstausstellung,  der  über 
die  anatomischen  Sünden  der  modernen  Maler  zur  Zeit  exakter 
anatomischer  Kenntnisse  bei  Behandlung  nackter  Körper  in  hoch- 
gradige Erregung  versetzt  war.  Die  Sichtung  der  anatomischen  Be- 
griffe Aegyptens  befindet  sich  noch  im  Stadium  philologischer  Unter- 
suchung. Für  näheres  Studium  muss  auf  die  Speziallitteratur  ver- 
wiesen werden.  Umfangreich  behandelt  Georg  Ebers  in  den  Ab- 
handlungen der  kgl.  bayr.  Akademie  der  Wissenschaften,  München 
1897  und  1898,  „Die  Körperteile,  ihre  Bedeutung  und  Namen  im  Alt- 
ägyptischen".^)  Bemerkenswert  ist  die  vielfache  bildliche  Nomenklatur 
in  der  Anatomie,  die  ihre  Ausläufer  in  der  hippokratischen  Nomen- 
klatur besitzt,  z.  B.  wird  der  Brustkorb  ägyptisch  als  Schildkröte  be- 
zeichnet ,  worauf  sich  der  hippokratische  Ausdruck  für  Expektoration 
aufbaut.  Eine  genaue  Physiologie  kann  ohne  sicher  rekonstruierte 
Anatomie  auch  nicht  gegeben  werden ,  obwohl  die  medizinischen 
Schriften  der  alten  Aegypter  von  physiologischen  Einstreuungen 
wimmeln.  Aber  das  ist  sicher,  dass  überall  wieder  ein  priesterlicher 
Versuch  zur  Systematisierung  der  Physiologie  im  Einklänge  mit  der 
religiösen  Systematisierung  versucht  wurde.  Die  fortwährende  Bilanzie- 
rung der  Religion  zwischen  Dreieinigkeiten  und  Viereinigkeiten  und 
die  Komplettierung  zu  Neunheiten  (=3x3)  blieb  auch  der  Physiologie 
nicht  erspart.  Und  noch  in  die  hippokratische  Medizin  geht  die  Drei- 
heit  von  Blut,  Schleim  und  Galle,  die  durch  Spaltung  der  Galle  Vier- 
heit  wird,  über.    So  kennt  die  äg5^ptische  Physiologie  einen  Körper, 

der  aus  Fleisch  ü^^TiT  (Weichteilen)  und  Knochen  E     besteht    und 

von  Luftadern  und  Blutadern  durchzogen  wird.    Um  aber  der  natür- 


^)  Nach  W.  Max  Müller  ist  hierfür  meist  Briigsch  die  benutzte  Quelle. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    85 

liehen  Einteilung  in  gasförmige,  flüssige  und  feste  StoflFe  auch  in 
anderer  Weise  gerecht  zu  werden,  wird  das  Röhrensystem,  die  f=^,^) 
in  Arterien,  Venen  und  Nerven  eingeteilt.  Der  Puls  wird  mit  dem 
Kommen  und  Gehen  der  Nilüberschwemmung  verglichen.  Aehnlich 
wie  für  die  normale  objektive  Pulsation  drückt  sich  die  ägyptische 
Sprache  auch  für  die  pathologische  subjektive  Pulsation  und  Fluktuation 
von  Phlegmonen  aus. 

Die  Aetiologie  der  Krankheiten  wird  den  herrschenden  physio- 
logischen Anschauungen  gemäss  im  allgemeinen  als  somatisch  betrachtet. 
Doch  scheinen  die  epidemischen  Krankheiten  als  göttlichen  Ursprungs 
betrachtet  zu  werden,  wenigstens  drückt  sich  der  Sprachgebrauch  in 
dieser  Weise  aus.  Vielfach  wird  das  Symptom  für  die  Ki-ankheit  ge- 
nommen; aber  in  den  austührlichen  Teilen  gerade  der  ältesten,  medi- 
zinischen Litteratur  finden  sich  schon  Beschreibungen  gi'össerer  Sym- 
ptomenkomplexe zu  einer  einheitlichen  Diagnose  zusammengefasst. 
Die  Therapie  wendet  sich  allerdings,  wie  auch  heute  noch,  vorzüglich 
gegen  einzelne  S3'mptome.  Zur  Feststellung  der  Diagnose  werden 
auch  ausgiebig  spezielle  Untersuchungsmethoden  angewendet  und  zwar 
vor  allem  Inspektion  und  Palpation.  Die  Palpation  ist  besonders  für 
die  Feststellung  abdomineller  Veränderungen  fein  ausgebildet.  Diei 
grosse  Zahl  der  Milztumoren,  der  Leberschwellungen  etc.  rechtfertigen 
das  Vordrängen  gerade  dieser  Untersuchungsmethode.  Mit  dem  Satze : 
„das  Ohr  hört  darunter"  kann  nur  die  Auskultation  verstanden 
sein.  Von  der  Perkussion  oder  anderen  absichtlichen  Schallerschei- 
nungen zu  diagnostischen  Zwecken  konnte  ich  nichts  finden.  Die  Auf- 
fassung der  Krankheiten  ist  im  allgemeinen  eine  anatomisch  lokali- 
sierende und  zwar  noch  mehr  als  heute.  So  wird  Malaria  primär  als 
Erkrankung  der  Milz  aufgefasst  und  gehört  somit  ebenso  wie  Leber- 
krankheiten etc.  zu  den  abdominellen  Erkrankungen.  Das  schädliche 
Uebermass  in  der  Milz  soll  daher  durch  Vomitive  Entleerung  koupiert 
werden  können,  eine  Ansicht,  die  bis  zu  Alexander  von  Tralles  ihre 
Ausläufer  treibt.  Einzelne  Krankheiten  sind  hier  schwer  anzuführen, 
da  auch  die  vielen  Krankheitsnamen  noch  nicht  über  philologische 
Vorarbeiten  herausgekommen  sind.  Die  Zersplitterung  der  ägyptischen 
Medizin  in  Spezialfächer  war  zur  Zeit  der  griechischen  Schriftsteller 
eine  grosse.  Aber  schon  in  frühesten  Zeiten  scheinen  von  besonderen 
Schulen  besondere  Fächer  besonders  kultiviert  worden  zu  sein.  Denn 
die  einzelnen  Spezialdisziplinen,  z.  B.  des  Papyrus  Ebers,  sind  nach 
Alter  der  Sprache  und  Lokaldialekt  verschieden,  können  also  auch 
nur  von  spezialistischen  Aerzteindividuen  abgefasst  sein.  Mit  Namen 
und  Stand  traten  solche  wissenschaftliche  Forscher  nicht  hervor,  da 
in  Aegypten  nur  der  König  oder  eine  priesterliche  Korporation  etwas 
geschichtlich  Fixierbares  vollbringen  konnte.  Dieser  Mangel  an  histo- 
rischem Sinn  für  hervorragende  Begebenheiten  lässt  uns  auch  jede 
Chronik  und  Mitteilung  über  grosse  Epidemien  vermissen.  Ohne 
solche  Epidemien  ist  aber  die  Einführung  einer  vielfach  sehr  detaillierten 
Hygiene  der  Priesterpolizei,  wie  sie  Aegypten  stets  besass  und  wie 
sie  besonders  für  die  höheren  Stände  verbindlich  war,  nicht  denkbar. 
Die  Kleidung  war  höchst  primitiv  und  dient  mehr  der  Eitelkeit  und 


^)  Diese   beiden   letzten   Zeichen   erscheinen  in    der  hieratischen   Schrift    des 
Papyrus  Ebers  als  P  xmd  f^   ^ . 


gg  von  Oefele. 

den  Standesunterschieden  als  dem  Scliutzbedürfnis.  Ein  gleiches  kann 
von  der  Wohnung  vermutet  werden.  So  bezog  sich  die  Hygiene  meist 
so  weit  bekannt  auf  Beschneidung,  Bäder  und  Nahrung.  Die  Wasser- 
versorgung war  stets  auf  den  Nil  angewiesen  und  bei  dem  Genüsse  be- 
rauschender Getränke  hörte  der  Aegypter  nicht  mehr  auf  die  Stimme 
der  Vernunft,  noch  weniger  also  auf  die  Hygiene.  Die  Fäkalien 
wurden  ausserhalb  der  Wohnungen  abgesetzt.  Die  Leichenbestattung 
war  eine  religiöse  Forderung.  Von  der  ägyptischen  Chirurgie 
sind  uns  bis  jetzt  nur  die  Luxusleistungen  der  Beschneidung  und 
Kastration  bekannt.  Die  Inzisionen  des  Papyrus  Ebers  sind  noch 
insofern  fraglich,  ob  sie  mit  der  Lanzette  oder  mit  dem  Glüheisen  aus- 
geführt sind.  Die  Schreibung  des  Arztes  als  "^^  vereinigt^)  aber 
schon  das  Inzisionsinstrument  mit  dem  Medikamentenmörser  und  die 
Behandlung  des  Meteorismus  beim  Rinde  mit  dem  Glüheisen,  also  wohl 
eine  Art  Pansenstich  beweist  auch  die  Vornahme  gewagter  Operationen. 
Ueberhaupt  ist  im  Veterinärpapyrus  zufällig  die  Chirurgie  überwiegend, 
so  dass  für  menschliche  Chirurgie  entweder  noch  kein  einschlägiges 
Material  gefunden  wurde  oder  verkannt  noch  unveröffentlicht  in 
Sammlungen  liegt.  Die  Befähigung,  zweckmässige  Instrumente  zu 
konstruieren,  besassen  die  alten  Aegypter;  das  beweist  ihre  Technik 
der  Mumifizierung,  von  der  Nase  aus  das  Siebbein  zu  zerstören  und 
dadurch  das  Hirn  aus  der  Schädelhöhle  zu  entfernen,  ohne  die 
Konfiguration  des  Gesichts  im  mindesten  zu  verändern.  Eine  der  um- 
fangreichsten und  geachtetsten  Spezialitäten  neben  der  Gynäkologie 
war  wohl  die  Augenheilkunde.  Die  Geschichte  der  Ohrenheilkunde 
interessiert  ein  Votivstein.  -)  Die  konservative  Zahnheilkunde  ist  durch 
lückenlos  erhaltene  Gebisse  der  weiblichen  Mumien  in  ein  glänzendes 
Licht  gestellt.  Bei  Männern  war  der  Verlust  der  Schneidezahnkronen 
durch  Traumen  unvermeidlich.  Dieselben  werden  durch  durchbohrte 
Kronen  und  Golddrahtgeflecht  in  meisterhafter  Weise  ersetzt,  entsprechend 
dem  modernen  Prinzipe  der  Brückenarbeit.  Eine  Spezialität  besass 
die  ägyptische  Medizin,  die  wir  heute  nicht  mehr  zur  Medizin  rechnen 
dürfen  und  das  war  die  Kosmetik.  Ihre  Vereinigung  mit  der  Medizin 
war  deshalb  selbstverständlich,  da  bei  aller  übrigen  Differenzierung 
der  medizinischen  Disziplinen  in  sich  noch  keine  Scheidung  zwischen 
Medizin  und  Pharmacie  eingetreten  war.  Wir  können  uns  höchstens 
in  den  einzelnen  Tempellaboratorien  Aerzte  vorstellen,  die  als  Spezial- 
fach den  Kollegen  die  Zubereitung  der  komplizierten  Arzneien  ab- 
nahmen. Dabei  schwankte  aber  jedenfalls  zwischen  beiden  Gruppen 
nach  Bedürfnis  Selbstordinieren  und  Selbstdispensieren  hin  und  her 
ohne  feste  Grenzen.  Die  Pharmakotherapie  war  jedenfalls  die  stärkste 
Seite  der  ägyptischen  Medizin.  Das  oberste  Bestreben  war  es,  Koupie- 
rungsmittel  mit  entsprechender  Nachkur  zu  reichen.  Das  Koupierungs- 
mittel  wurde  als  P^intagsmittel  (Monemeron),  die  Nachkur  als  Vier- 
tagsmittel (Tetremeron)  gereicht.  Die  ägyptische  Medizin  setzte  diese 
Bestimmungen  in  den  medizinischen  Papyri  an  das  Ende  der  Signatur 
als  Ql  (für  Tag  einen)  und  Q||||  (für  Tag  vier). ^)  Dem  Eintagsmittel 
lag  der  Gedanke  zu  Grunde,  die  Materia  peccans  auszuleeren.    Brech- 


^)  Lautlich  bedeutet  dies  Wort,  wie  schon  erwähnt  „Salber". 
^)  Deveria  deutet  diesen  Stein  in  anderer  Weise. 

^)  Hieratisch  ist  dies  f  f  |  ^Cr%  geschrieben.  Diese  Zeichen  können  nicht,  wie  ver- 
sucht wurde  „4  mal"  gelesen  werden. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    87 

mittel  und  Abführmittel  standen  im  Vordergrunde.  Von  den  ersten 
sind  besonders  die  Zubereitungen  mit  Kupferverbindungen  und  das 
Oxymel  Scillae  zu  erwähnen.  Doch  auch  durch  Schweiss,  Urin, 
Niesen.  Kuctus  und  Flatus  wurden  schlechte  Säfte  und  schlechtes 
Pneuma  entfernt.^)  Die" Viertagskur  bekämpfte  dann  allgemeinere 
Symptome,  wie  z.  B.  das  Fieber.  Dabei  wurde  Feuer  mit  Wasser 
bekämpft,  also  Contraria  contrariis.  Dass  nicht  auch  einzelne  Mass- 
nahmen als  Similia  similibus  gedeutet  werden  können,  ist  nicht  aus- 
zuschliessen.  Ein  Grund,  so  allgemeine  Grundsätze  klar  auszusprechen, 
lag  dem  ägj'ptischen  Arzte  sicherlich  nicht  nahe.  Denn  die  Therapie  war  das 
Geheimnis  des  Aerztestandes.  Immer  wieder  finden  sich  Anweisungen, 
die  einzelnen  gefundenen  Symptome,  die  Untersuchungsmethoden,  dann 
vor  allem  die  Gruuddiagnose  und  selbst  eine  sehr  gewagt  präzise 
Prognose  dem  Patienten  mitzuteilen.  Die  Therapie  wurde  in  jeder 
Weise  mit  Geheimniskrämerei  umhüllt.  Der  Grund  ist  durchsichtig. 
Die  heute  noch  zugängigen  wenig  veränderten  Ausläufer  der  alten 
vorhippokratischen  Südseemedizin  kennen  keine  Honorierung  der  ärzt- 
lichen Bemühungen.  Die  Einnahmequelle  des  Arztes  liegt  im  Handel  mit 
den  nötigen  Arzneistoffen.  Der  höchste  Ruf  der  Geschicklichkeit  ist 
also  finanziell  wertlos,  wenn  der  Arzt  sich  nicht  auch  das  Verkaufs- 
monopol für  seine  Verordnungen  wahren  kann.  Jeder  zweite  und 
dritte  Patient  mit  gleichartiger  Erkrankung  wird  wieder  zum  gleichen 
Arzt  durch  das  Geheimnis  der  verwendeten  Stoffe  gezwungen,  die  er 
im  anderen  Falle  bei  irgend  welchem  Laienkrämer  viel  billiger  be- 
ziehen konnte.  Am  einträglichsten  wurde  das  Arzneigeschäft,  wenn 
man  sich  auf  irgend  welche  religiöse  Beziehungen  berufen  konnte. 
War  irgend  eine  entzündliche  oder  fieberhafte  Krankheit  das  Feuer 
des  Horus,  so  wurde  der  Pflanzensaft  dagegen  das  Wasser  der  Isis. 
F'ür  Isis  setzte  man  dann  wieder  die  heilige  Kuh  der  Isis  ein.  Sollte 
dann  wirklich  ein  zweiter  oder  dritter  Patient  für  sein  Leiden  die 
ekelhafte  Mischung  von  Kuhspeichel  und  Kuhurin  verwenden,  so  war 
ihm  die  Differenz  gegen  das  erste  Medikament  leicht  klar  zu  machen.^) 
Die  Wissenschaft  der  angeblichen  richtigen  Zubereitung  konnte  damit 
als  so  ausschlaggebend  demonstriert  werden,  dass  den  Aerzten  die 
Arzneibereitung  gewahrt  blieb.  Dieses  Moment  als  Charakteristikum 
der  hermetischen  Medizin  wird  .noch  durch  den  feinen  Zug  illustriert, 
dass  ihr  Schutzgott  Hermes  gleichzeitig  der  Gott  der  Aerzte,  der  Kauf- 
leute und  der  Diebe  war.  ^)  Spezifisch  ägyptisch  ist  diese  hermetische 
Umnennung  nicht.  Im  Papyrus  Ebers  enthalten  gerade  die  phönikischen 
Rezepte  gehäuft  Blutsorten,  welche  ich  für  phönikische  hermetische 
Umnennungen  auffasse.  Auch  die  medizinischen  Keilschrifttexte  aus 
Ninive,  welche  gegenwärtig  Küchler  bearbeitet,  enthalten  nach 
meiner  Ansicht  reichlich  hermetische  Geheimnamen. 


^)  Diese  Ausleerung  der  Materie  peccans  in  flüssiger  Form  auf  verschiedenen 
Wegen,  sogar  Speichel  und  Ohrenschmalz  lehrt  auch  das  medizinische  Keilschrift- 
fragment aus  Niffer  in  Konstantinopel. 

*)  Natürlich  wurden  sicherlich  auch  bei  den  Aegyptern  vielfach  ekelhafte  Stoffe 
zu  Medikamenten  verwendet,  wie  auch  heute  wieder  Harnstoff  verwendet  wird.  Aber 
in  einem  noch  nicht  erweislichen  Prozentsatze  nach  meiner  persönlichen  Ansicht  in 
der  überwiegenden  Zahl  der  Fälle  handelt  es  sich  um  Umnennungen,  wenn  die 
ägyptischen  Eezepte  Stoffe  heiliger  Tiere  enthalten.  Prof.  Wiedemann  glaubt 
diese  Umnennungen  mit  Unrecht  auf  die  griechische  Zeit  beschränkt. 

')  Und  heute? 


88  vonOefele. 

In  die  ägyptische  Arzneiverschieibung-  ragt  noch  ein  atavistisches 
duales  Gewichtssystem  herein,  so  dass  sich  die  Drogengewichte  in 
den  Eezepten  wie  1 :  2  :  4  :  8  :  16  :  32  :  64  verhalten.  In  dem  Pfunde 
mit  32  Loten  etc.  hatte  sich  diese  Einteilung  bis  in  die  Neuzeit  er- 
halten. Im  Mittelalter  finden  sich  noch  A15handlungen,  welche  durch 
lange  theoretische  Deduktionen  die  Notwendigkeit  dieses  Drogenver- 
hältnisses aus  der  Qualitätslehre  beweisen  wollen.  Aus  der  Kenntnis 
der  Qualitäten  und  ihrer  Grade  konnte  der  wissende  Arzt  die  Dosis 
berechnen.  Der  Geist  dieser  Geheimnislehre  weist  auf  hermetische 
ägyptische  Medizin,  und  den  Schlüssel  dafür  finden  wir  in  ferner 
Spätzeit  ausserhalb  Aegyptens  in  der  galenischen  Medizin. 

18.  und  19.  Dynastie  Aegyptens. 

Der  Beginn  der  18.  Dynastie  und  damit  des  sogenannten  neuen 
Reiches  1580  (?).  Die  Aegypter  machen  sich  erst  von  der  asiatischen 
Oberherrschaft  frei,  treten  dann  selbst  erobernd  in  Asien  auf,  bringen 
Aegypten  auf  den  höchsten  Glanz,  verfallen  aber  sehr  bald  zunehmen- 
dem semitischen  Einflüsse.  Doch  schon  der  Papyrus  Ebers  war  nicht 
ohne  asiatische  Entlehnungen. 

Nach  dem  Tode  des  Königs  Thutmose  I.  folgten  nach  einander 
seine  beiden  gleichnamigen  Söhne.  Die  wahre  Herrscherin  war  deren 
Schwester,  Gemahlin  und  Mitregentin.  Nach  ihrem  wohl  nicht  sehr 
natürlichen  Tode  wurde  sie  verurteilt,  nie  gelebt  zu  haben  und  ihr 
Name  wurde  überall,  doch  nicht  so  gründlich  getilgt,  dass  er  nicht 
als  Hatschepsut  und  Beinamen  Makaiie  wieder  ergänzbar  war. 
Sie  rüstete  die  älteste  bekannte  kommerzielle  Forschungsexpedition 
aus,  indem  sie  eine  Flotte  nach  den  Küstenländern  am  roten  Meer 
sandte,  welche  Weihrauch,  Drogen,  Naturalien  und  31  lebende  Weih- 
rauchbäume mit  Wurzelballen  nach  Aegypten  brachten.^)  Für  die  Ge- 
schichte der  Zoologie,  Botanik,  des  Drogenhandels  sowohl  wie  für 
die  Ethnographie  ist  diese  Expedition  von  höchster  Wichtigkeit.  Die 
Abbildungen  befinden  sich  im  Tempel  von  Deir  el  Bahari  und  sind  von 
Dümichen,  Mariette  und  Naville  verölfentlicht. 

Es  sind  auch  die  übrigen  Bilder  dieses  Tempels  publiziert,  darunter 
die  Geburt  dieser  Königin.  Dieselbe  erfolgt  auf  dem  Geburtsstuhle, 
mit  mehrfacher  Hebammenhilfe  wie  früher  im  Papyrus  Westcar  und 
später  bei  der  Entbindung  der  Kleopatra  und  aus  Soranus  ebenfalls 
ersichtlich  ist. 

Memphis  und  vor  allem  Heliopolis,  die  alten  Schulen,  werden  von 
dieser  Königin  und  der  ganzen  Dynastie  sehr  herabgedrückt  und  Theben 
gehoben;  dies  wie  auch  die  Resultate  der  Expedition  und  andere 
Massnahmen  sind  der  Hebung  der  thebanischen  Aerzteschule  zu  gute 
gekommen. 

Als  nach  dieser  friedlichen  Expedition  nach.  Südost  Thutmose  III. 
durch  glückliche  Kriege  im  Nordosten  die  Grenzen  seines  Reiches  bis 
an  den  Euphrat  schob,  so  lernten  die  Aegypter  eine  Menge  Drogen, 
welche  bisher  nur  durch  Zwischenhandel  in  Aegypten  zugängig  waren, 
direkt  in  den  Produktionsländern  kennen.    Für  eine  nüchterne  natur- 


^)  C apart  macht  mich  ausserdem  auf  den  altägyptischen  botanischen  Garten 
von  Karnak  aufmerksam  aus  der  Zeit  Thutmose  III.  Veröffentlichung  von  Mariette 
und  Maspero. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    89 

wissenschaftliche  Forteilt  wickhing  der  Therapie  hätte  dieser  Umstand 
befruchtend  wdrken  können.  Leider  wurden  die  Aeg-ypter  aber  gleich- 
zeitig bekannter  mit  der  mystisch  symbolischen  Krankenbehandlung 
der  mesopotamischen  Priesterschaft.  Und  die  Einführung  vermehrter 
Geheimniskrämerei  und  vermehrten  Aberglaubens  in  die  Therapie  ent- 
spracli  der  religiösen  Ueberzeugung  und  dem  Vorteile  der  allmächtigen 
oberägyptischen  Priesterschaft.  Wir  haben  aus  der  Folgezeit  drei 
medizinische  Papyri,  don  denen  einer  (Pap.  Brugsch  major)  noch  relativ 
rationell  formal  überall  altägyptisch  zu  sein  bestrebt  ist,  während  die 
beiden  anderen  mit  gesuchter  Asiatenliebhaberei  den  thörichtsten 
Zauberspuk  aufnahmen.  Die  übrigen  oben  erwähnten  Papyri  sind  in- 
haltlich noch  nicht  bekannt. 

Amenhotep  III.  (griech.  Amenophis),  der  Erbauer  des  Tempels  von 
Luqsor.  beherrschte  das  Gebiet  von  Nubien  bis  MittelsjTien.  Unter 
seiner  Regierung  wurden  gemäss  der  Nachricht  von  Lee  maus  nach 
einem  Satze  des  grossen  Londoner  medizinischen  Papyrus  alte  ver- 
lorene und  wiedergefundene  medizinische  Texte  revidiert  und  angeb- 
lich verbessert.^)  Der  Vergleich  zwischen  älterer  und  jüngerer  ägyp- 
tischer Medizin  lässt  in  dieser  Verbesserung  nur  die  definitiven  Aus- 
lieferungen aller  freien  Medizin  an  die  Priesterschaft-)  speziell  unter 
Oberaufsicht  der  thebanischen  Ammonspriester  vermuten!  Da  der  grosse 
Londoner  medizinische  Papyrus  noch  in  nächster  Zeit  herausgegeben 
wird  und  darum  erst  gegenwärtig  sich  in  intensiver  noch  nicht  be- 
endigter Bearbeitung  befindet,  muss  hier  auf  eine  nähere  Analyse  des 
ungemein  abergläubisch  beeinflussten  sehr  beschädigten  Textes  ver- 
zichtet werden.  Das  gleiche  gilt  von  dem  kleineren  medizinischen 
Papyrus  in  Berlin.  Dass  selbst  den  Königen  vor  der  beginnenden  All- 
macht der  Priesterschaft  bange  werden  musste,  zeigt  der  Sohn  dieses 
Königs. 

Amenhotep  IV.,  ein  stürmischer  Reformator,  der  Urenkel  von 
Thuthmose  III.,  nannte  sich  Achnaten  (Glanz  der  Sonnenscheibe).  Er 
folgte  einer  mächtigen  Strömung  unter  den  aufgeklärteren  Kreisen 
Aegyptens.  Er  hob  den  Polytheismus  und  vor  allem  die  Verehrung 
der  thebanischen  Götter  auf  und  setzte  unter  starker  Benützung  des 
Dogmas  der  alten  Sonnenstadt  Heliopolis,  der  alten  medizinischen 
Metropole,  eine  monotheistische  Verehrung  der  Sonnenscheibe  ein. 
Es  war  ein  Zeitalter  des  Naturalismus,  das  selbst  den  Ketzerkönig  an 
Stelle  der  kanonischen  Schablone  mit  ausgesprochenem  kachektischem 
Typus  darstellte.  In  welcher  Weise  die  Medizin  von  der  freieren 
Richtung  in  Kunst  und  Wissenschaft  Nutzen  zog,  lässt  sich  noch  nicht 
erweisen.  Nach  dem  Tode  des  Achnaten  folgten  sich  rasch  drei 
mit  ihm  verschwägerte  Prätendenten  bis  zum  Beginne  der  19.  Dy- 
nastie. Dies  war  der  definitive  Sieg  der  Macht  der  thebanischen 
Ammonspriester,  welche  in  den  Folgen  ihrer  äusserst  energischen 
Gegenreformation  der  Medizin  das  Beschreiten  nüchterner  Wege  für 
immer  verwehrte.  In  der  nächsten  Zeit  wurden  zwar  noch  alte 
wissenschaftlich  medizinische  Werke  abgeschrieben. 

So  sehr  war  unter  diesem  Ketzerkönige  schon  der  Einfluss  Asiens 
gestiegen,   dass  nach   neueren  Brieffunden  der  ägyptische  Hof  nach 

^)  Diese  Anachronismen  etc.  des  Londoner  Papyrus  werden  W.  Max  Müller 
und  ich  bei  Herausgabe  dieses  Papyrus  besprechen. 

*)  Auch  schon  früher  waren  wohl  schon  alle  Aerzte  immer  Priester.  Doch  tritt 
die  äusserliche  Knebelung  nicht  so  stark  in  die  Erscheinung. 


90  von  Oefele. 

Palästina  in  mesopotamischer  Keilschrift  und  Sprache  korrespondierte. 
Dies  lässt  auch  weitgehende  kulturelle  und  speziell  medizinische  Be- 
ziehungen voraussetzen. 

Die  19.  Dynastie  beginnt  mit  mächtigen  kriegerischen  Königen. 
Namen  wie  Sety  I.  und  Ramses  IL  gelten  noch  als  glänzende 
Herrscher,  die  den  Ansturm  der  Völker  von  Nordwest  und  Nordost 
zurückzutreiben  wissen,  selbst  erobernd  auftreten  und  nach  innen  eine 
fieberhafte  kostspielige  Bauthätigkeit  entwickeln.  Für  den  Stand  der 
Medizin  giebt  uns  der  Papyrus  Brugsch  maior  einen  Einblick  nicht  in- 
sofern, als  die  Abfassung  der  einzelnen  Stücke  in  diese  Zeit  fällt,  sondern 
als  die  erhaltene  Abschrift  unter  der  Regierung  von  Ramses  IL  genommen 
wurde.  Dass  natürlich  zu  einer  Zeit  priesterlicher  Bevormundung  nur 
altehrwürdige  Texte  kopiert  wurden,  ist  selbstverständlich.  Charakteri- 
stisch ist  nur  die  Art  der  Auswahl  und  die  Treue  der  Kopie  der 
Wort-  und  Satzgruppen.  In  der  Auswahl  kommt  der  Aberglaube 
wenigstens  im  Verhältnis  zum  Papyrus  Ebers  doch  schon  in  den 
Vordergrund.  In  der  Treue  der  Kopie  ist  trotz  der  ungleich  flüchtigeren 
Schrift  gegenüber  dem  Papyrus  Ebers  doch  eine  möglichste  Ver- 
meidung aller  Wort-  und  Satzkürzungen  erstrebt,  so  dass  ich  eine  viel 
sklavischere  Verehrung  für  den  alten  Text  annehme  als  zu  allen 
anderen  Zeiten  mit  reichlichen  Schreiberänderungen.  Dazu  trägt  dieser 
Papyrus  Brugsch  Spuren,  dass  er  durch  häufiges  Nachschlagen  stark 
abgenützt  wurde.  Wenn  dies  auch  nur  alles  zufällige  Eigentümlich- 
keit des  einzigen  erhaltenen  Exemplares  eines  medizinischen  Buches 
jener  Zeit  sein  können,  so  liegt  doch  die  Versuchung  sehr  nahe,  diese 
Eigentümlichkeiten  zur  Charakteristik  jener  Zeit  zu  verwerten. 
Darnach  wäre  seit  der  Zeit  des  Königs  Thutmose  IIL  die  Gelehrsam- 
keit zurückgedrängt  worden  und  Krieger  und  Priester  wetteifern  in 
der  Ausnützung  der  Hilfsmittel  des  Landes  zur  Hebung  ihres  Wohl- 
lebens. Die  ärztliche  Gelehrsamkeit  sank  zu  einem  abergläubischen 
ängstlichen  Nachschlagen  des  Rezepttaschenbuches  herab,  da  ein 
positives  Wissen  mangelte  und  kein  Versehen  gegenüber  priester- 
polizeilich verordneter  Therapie  vorkommen  durfte. 

Der  grössere  medizinische  Papyrus  Brugsch,  zur  Zeit  im  Berliner 
Museum,  wurde  von  Passalacqua  auf  seiner  ägyptischen  Reise  erworben 
und  zuerst  im  Jahre  1826  beschrieben.  Er  wurde  in  der  Nähe  von 
Sakarah  bei  Memphis  in  einem  irdenen  Topfe  zugleich  mit  einem 
zweiten  Schriftstücke  gefunden,  beide  auf  die  Regierungszeit  Ramses  IL 
datierbar.  Der  Anfang  fehlt.  Es  sind  21  Spalten  der  Vorderseite  und 
3  Spalten  der  Rückseite  erhalten.  Der  Inhalt  zerfällt  in  drei  resp. 
vier  Teile  verschiedenen  Ursprunges.  Die  ersten  vierzehn  Spalten 
gehören  einem  grösseren  therapeutischen  Handbuche  an,  das  in  anderer 
Gestalt  auch  in  den  ersten  Partien  des  Papyrus  Ebers  vorliegt.  Der 
zweite  Teil,  die  übrigen  sieben  Spalten  der  Vorderseite  prätendieren 
eine  alte  Therapie  aus  dem  Pyramidenreiche  auf  Gefässsystemphysiologie 
aufgebaut  darzustellen.  Das  traurigste  Machwerk  scheint  den  beiden 
ersten  Spalten  der  Rückseite  als  Quelle  gedient  zu  haben.  Es  be- 
handelt in  scheinbar  meist  abergläubischer  Anschauungsweise  geburts- 
hilfliche Fragen.  Die  rudimentäre  dritte  Spalte  enthält  mit  dem 
Schlüsse  der  zweiten  Spalte  ohrenärztliche  Pharmakotherapie. 

Die  Länge  des  ganzen  Papyrus  beträgt  nicht  ganz  fünf  Meter. 
Die  Höhe  der  beschriebenen  Spalten  beträgt  fast  nur  die  Hälfte  des 
Papyrus  Ebers  und   der  Schriften  des  mittleren  Reiches,  so  dass  im 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    91 

ganzen    dieser    zweitgrösste    medizinische   Papyrus    an   Inhalt    weit 
hinter  dem  Papyrus  Ebers  zurückbleibt. 

Mykenäkultur. 

Ungefähr  auf  die  Zeit  von  1700  bis  1200  lässt  sich  durch  Importe 
und  Tributartikel  in  Aegypten  die  Mj'kenäkultur  festsetzen.  Dieselbe 
beherrschte  mindestens  den  ganzen  Osten  der  Küsten  des  mittel- 
ländischen Meeres.  Von  der  Medizin  dieser  Kultur  wissen  wir  nichts. 
In  der  Kunst  tritt  uns  aber  eine  treue  Wiedergabe  von  Tier-  und 
Pflanzenformen  entgegen,  welche  gute  morphologische  Beobachtungs- 
gabe zeigt.  Die  medizinischen  ägyptischen  Papyri  dieser  Zeit  ent- 
halten viele  ausländische  Entlehnungen ;  alle,  welche  davon  der  Myken- 
äkultur angehören,  können  einstweilen  nicht  gesammelt  werden.  Zu 
beachten  ist  aber,  dass  manche  Lehre  dieser  Papyri,  z.  B.  eine 
Schwangerschaftsdiagnose,  sich  bei  Hippokrates  wiederfindet.  Wenn 
auch  die  Entlehnung  der  Griechen  ei'st  ein  Jahrtausend  später  wahr- 
scheinlich erscheint,  so  kann  doch  nicht  exakt  widerlegt  werden,  ob 
nicht  manches  Gemeinsame  der  altägyptischen  und  der  hippokratischen 
Medizin  sich  auf  Kulturaustausche  schon  des  regen  Verkehres  zwischen 
Griechenland  und  Aegypten  zur  Zeit  der  Mykenäkultur  zurückgeführt 
werden  muss.  Der  Papyrus  Ebers  erwähnt  Bohnen  aus  Kefto  d.  h. 
dem  Sitz  der  Mykenäkultur  nach  ägyptischer  Bezeichnung. 

Cypern. 

Auf  asiatischem  Boden  im  Norden  von  Aegypten  und  im  Osten 
der  mesopotamischen  Kultur  tritt  eine  ganze  Reihe  von  Kulturvölkern 
auf,  welche  in  ihrer  gegenseitigen  Abgrenzung  der  schärfsten  Kontro- 
verse unterworfen  sind.  Es  finden  sich  hier  Kiliker,  Hettiter,  Amoriter, 
Philister,  Phryger,  Lyder  und  viele  andere.  Durch  ihre  weiten  See- 
fahrten und  ihren  Handel  mit  den  Griechen  treten  besonders  die 
Phöniker  hervor.  Von  ihnen  haben  wir  direkte  Nachrichten  in 
Hieroglyphen,  Keilschrift  und  griechischen  Texten,  wonach  sie  als 
schlaue  Kaufleute  den  Drogenhandel  vermittelten  und  damit  die  Kennt- 
nis von  Arzneimitteln  verbreiteten.  Da  auf  kleinasiatischem  Boden 
aber  auch  die  ersten  griechischen  Aerzteschulen  blühten,  so  wäre  für 
alle  diese  Völker  eine  detaillierte  Behandlung  geboten.  Doch  bevor 
nicht  direkte  Ausgrabungen  vermehrtes  Material  liefern,  hat  ein  solcher 
Versuch  mehr  Hypothesen  als  feste  Ergebnisse.  Am  interessantesten 
ist  bis  jetzt  die  Insel  Cypern.  Hier  haben  die  Ausgrabungen  des  Palma 
di  Cesnola  Weihgescheuke  mit  medizinischem  Interesse  zu  Tage  ge- 
fördert, z.  B.  eine  Parturiens  in  hockender  Stellung  und  eine  Frau  mit 
einem  gynäkologischen  Leiden,  welche  entweder  eine  Scheidenwaschung 
oder  eine  Scheidenräucheruns:  vornimmt. 


Etrurien. 

Die  etruskischen  Funde  ergeben  eine  hohe  Vervollkommnung 
einzelner  chirurgischer  Techniken,  wie  uns  solche  im  Zahnersatz  an 
einem  etrurischen  Schädel  erhalten  ist.  Hier  sind  die  Ersatzkronen 
in    vollendeter  Weise    durch   Goldspangen    und   Goldnieten    an   den 


92  vonOefele. 

Nachbarzähnen  befestigt,  während  ein  analoger  altägyptischer  Fund 
eine  ganz   andere  Befestigungstechnik  mit  Golddrahtgeflecht  wählte. 

Zwei  Fundstücke  in  Terracotta  von  Prof.  Löschke  in  Bonn 
zeigten  zuerst,  dass  die  Etrusker  eine  Anatomie  der  menschlichen 
Eingeweide  kannten  und  als  Phantom  am  geöffneten  Eumpfe  sehr 
naturalistisch  darzustellen  vermochten.  Von  zwei  ähnlichen  aber  nicht 
identischen  Stücken  italienischer  Museen  besitze  ich  die  Photographie. 
xA^usserdem  ist  eine  Nachbildung  der  Dünndarmschlingen  in  Terracotta 
vorhanden.  Auch  weibliche  Brüste  und  andere  äussere  Körperteile 
wurden  nachgebildet.  Da  aber  die  Kunde  auch  von  diesen  Stücken 
bis  in  die  letzten  Monate  noch  unbekannt  war,  so  ist  anzunehmen, 
dass  in  italienischen  Museen  und  vielleicht  auch  in  holländischen  und 
englischen  noch  mehr  hierher  gehörige  übersehene  Objekte  liegen. 
Von  den  vatikanischen  Sammlungen  ist  ähnliches  mitgeteilt,  ohne  dass 
ich  aber  Abbildungen  gesehen  habe.  Schon  das  Vorhandene  beweist 
einen  Stand  der  etruskischen  Anatomie  höher  als  die  spätere  römische.  ^) 
Einen  Kulturzusammenhang  mit  Mesopotamien  der  Keilschriftzeit  er- 
geben die  beiden  babylonischen  Lebermodelle,  über  welche  Publikationen 
von  Boissier  vorliegen. 

Für  die  übrige  etruskische  Medizin  fehlen  direkte  Belege.  Trotz 
der  Lesbarkeit  der  etruskischen  Schrift  und  trotz  der  unzähligen  wenn 
auch  kurzen  Texte  ist  die  etruskische  Sprache  noch  nicht  übersetzbar. 
Indirekte  Quellen  sind  die  römischen  Schriftsteller,  nach  welchen  wir 
uns  die  Etrusker  als  Ausbund  des  Aberglaubens  vorzustellen  hätten. 
Ob  aber  nicht  gerade  die  Römer  aus  dem  etruskischen  Erbe  das 
Talmi  des  Aberglaubens  auswählten  und  das  echte  Gold  positiver 
Wissenschaft  verschmähten,  muss  mindestens  als  sehr  wahrscheinlich 
erscheinen. 

Nach  den  Berichten  des  Dioskurides  spielen  im  Arzneischatze  der 
Etrusker  Asarum,  Anagallis,  Weissdorn,  Parthenium  und  Lappa  minor 
eine  Rolle,  was  um  so  mehr  zu  glauben  ist,  als  dies  heimische  Pflanzen 
der  nordmediterranen  Flora  sind.  Die  angegebenen  angeblichen  etrus- 
kischen Namen  sind  so  gut  lateinisch,  dass  höchstens  der  Ausweg 
bleibt  anzunehmen,  eine  ganze  Reihe  lateinischer  naturwissenschaft- 
licher Bezeichnungen  sei  etruskische  Entlehnung. 

Medizin  Westasiens  zur  Zeit  von  Amenophis  III.  u.  IV. 

Moses  ist  nach  biblischem  Berichte  Gründer  der  israelitischen 
Religion  und  des  israelitischen  Staates  in  Palästina.  Gegen  Ende  der 
18.  Dynastie  (nach  1400)  gehört  Palästina  noch  den  vorisraelitischen 
Völkern,  welche  noch  zu  Davids  Zeiten  mit  und  unter  den  Israeliten 
das  Land  bewohnen.  Die  wechselnden  Redensarten  vom  Leben  und 
anderen  medizinischen  Dingen  in  der  Sprache  der  Bibel  spiegeln  die 
vorisraelitischen  medizinischen  Anschauungen  in  Palästina  wieder.  Die 
Textkritik  schälte  besonders  aus  den  ersten  Büchern  der  Bibel  nach 
Sprache  und  anderen  Kriterien  Stücke  aus,  welche  die  schliessliche 
Redaktion  als  ältere  Stilisierungen  schon  vorfand  und  einfügte.  Diese 
Quellschriften  besitzen  örtlich  und  zeitlich  getrennte  Entstehung. 

Der  judäische  Jahwist  spiegelt  pneumatische  Physiologie.  Der 
Körper  besteht  aus  Hartteilen,  Weichteilen  (Flüssigkeiten)  und  Luft. 


Seit  Ablieferung  des  Manuskriptes  hat  Stieda  hierüber  publiziert. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    93 

Die  letztere  ist  das  Belebende.  Die  einzelnen  Mitglieder  einer  Familie 
sind  durch  (Bein  und)  Fleisch,  also  durch  die  unbelebten  Teile  ver- 
wandt. Der  Jahwist  hält  medizinisch  das  Versehen  der  Schwangeren 
für  möglich.  Medizinisch  und  hygienisch  werden  Räuchermittel  und 
Wohlgerüche  hochgeschätzt  und  zwar  gerade  der  Handel  dieser  Stoffe 
nach  dem  pneumatischen  Aegypten  betont. 

Der  Elohist  aus  dem  nördlichen  Reiche  lehnt  sich  hämatischer 
Anschauung  der  Redensarten  an  das  geographisch  nähere  Mesopotamien. 
Mord  ist  hier  überall  gleich  Blutvergiessen.  Nicht  nur  dieses,  sondern 
auch  der  Genuss  des  Tierblutes  oder  noch  Blut  haltenden  Fleisches 
ist  verboten.  Bei  der  Wichtigkeit  der  Körpei'flüssigkeiten  für  das 
Leben  wird  dem  Besitze  und  der  Besprechung  von  Brunnen  grosse 
Wichtigkeit  beigemessen.  Beim  Opfer  wird  das  Vergiessen  des  Blutes 
betont  (gegenüber  der  Verbrennung  beim  Pneumatiker).  Als  wichtigster 
Ausfluss  des  reinen  ungetrübten  Blutlebens  erscheinen  die  Träume, 
welche  wiederholt  entscheidend  in  das  reale  Leben  eingreifen. 

Während  Jahwist  und  Elohist  neben  der  theologischen  und  histo- 
rischen Schilung  auch  sonst  belegbare  in  Denken  und  Sprache  reflek- 
tierte medizinische  Schulung  erkennen  lassen,  fehlt  dies  meist  im 
Priestercodex.  Ausser  der  Bewegung  als  Grundlage  des  Lebens  kommen 
mehrfach  hämatisch  pneumatische  Vermittelungsvorstellungen  vor.  Wo 
der  Priestercodex  auf  alte  Gesetze  und  ähnliches  zu  sprechen  kommt, 
treten  meist  hämatische  Vorstellungen  in  den  Vordergrund.  Im  Ganzen 
entspricht  dieses  Schwanken  des  Priestercodex  einer  Unkenntnis  der 
Medizin.  Der  reine  Theokratismus  betrachtet  ja  die  Medizin  als  un- 
berechtigten Versuch  in  das  Walten  Gottes  einzugreifen.  Charakteri- 
siert wird  die  Richtung  durch  die  Legende,  dass  Salomo  eine  pflanz- 
liche Pharmakologie  geschrieben  habe,  dass  aber  die  spätere  Priester- 
schaft diese  unnötigen  und  schädlichen  Bücher  habe  verbrennen  lassen. 

Palästina  ist  also  in  vorisraelitischer  Zeit  politisch  und  medizinisch 
zwischen  den  beiden  grossen  Flussthälern  in  kleine  Pufferstaaten  zer- 
splittert. Eine  kulturelle  Einigung  versuchte  Aegypten  selbst  zur  Zeit 
seiner  unbestrittenen  politischen  Vorhen*schaft  so  wenig  zu  erzwingen, 
dass  Amenophis  III.  und  Amenophis  IV.  mit  diesen  Duodezvasallen  in 
ausländischen  Sprachen,  ausländischer  Schrift,  auf  ausländischem  Schreib- 
materiale  korrespondierten. 

Wie  aber  alle  diese  Kulturelemente  Vorderasiens  der  Amarnazeit 
mehr  vom  Zweistromlande  beeinflusst  sind  als  von  Aegypten,  so  ist 
auch  die  Medizin  mit  den  hygienisch  theologischen  Speisegesetzen  ab- 
gesehen vom  Jahwisten  dem  Zweistromlande  entsprechend  hämatisch. 

Aegyptische  Medizin  der  Zeit  demotischer  Schrift. 

Die  demotischen  medizinischen  Reste  sind  einstweilen  nicht  spezieller 
als  in  das  letzte  vorchristliche  Jahrtausend  (?)  zu  datieren.  Von  den  alten 
Resten  sind  jene  des  Museums  in  Leiden^)  durch  die  Publikation  von 
Leemans  zugängig.  Neben  Mitteln  z.  B.  für  Blutungen  oder  Fuss- 
luxationen  überwiegt  der  Liebeszauber,  um  eine  Frau  in  einen  Mann 
verliebt  oder  ihrem  Ehemann  geneigt  oder  begattungslüstern  zu 
machen.  Die  Form  der  Rezepte  und  die  verwendeten  Drogen  sowie 
die  termini  technici  entsprechen  auch  in  dei\  demotischen  Belegen  der 

*)  Auch  London  ed.  Hess. 


94  •     ven  Oefele. 

altägyptischen  Medizin,  nur  dass  die  Eezepte  nach  Geschmack  und 
Bedürfnis  jener  Zeit  gesichtet  und  kompiliert  sind.  Vor  allem  findet 
sich  auch  die  hermetische  Umnennung  der  Drogen  als  Tierblut  und 
ähnliches.  Das  AVuchern  des  Aberglaubens  zeigt  sich  besonders  in 
dieser  Periode.  Einerseits  wird  durch  Tagewählerei  und  Omenbeachtung 
eine  präservative  Gesundheitserhaltung  erstrebt ;  andererseits  führt  die 
Abhängigkeit  der  menschlichen  Gesundheit  von  mystischen  überirdischen 
Einflüssen  zu  einem  der  Medizin  verderblichen  Fatalismus.  Die  demo- 
tische Zeit  erscheint  darum  als  das  tiefste  Niveau,  das  ägyptische 
AVissenschaft  erreicht  hat.  Nach  Wiedemann  ersehen  wir  aus  dem 
Romane  des  Setna,  des  Sohnes  von  Ramses  II.,  aber  auch  aus  genug 
anderen  Texten,  dass  der  Aegypter  dem  in  bestimmter  Form  ausge- 
sprochenen Worte  eine  hohe  magische  Bedeutung  beilegte  und  durch 
Recitation  einer  Formel  unter  anderem  Krankheiten  und  Schlangen- 
bisse heilen  wollte.  Dieser  Roman  ist  auch  erst  für  die  demotische 
Zeit  illustrativ.  Brugsch  erklärt  therapeutische  Massnahmen  als  Hyp- 
notismus. 

Die  oben  erwähnten  demotischen  medizinischen  Texte,  welche 
neuerlich  Thompson  bearbeiten  will,  entstammen  als  Manuskript  nach 
W.  Max  Müller  der  Zeit  von  circa  200  n.  Chr.  und  sind  nach 
Müller  unverkennbar  nach  griechischen  Vorlagen  in  ägyptische 
Sprache  übersetzt.  Dieselben  wären  somit  erst  nach  der  ptolemäischen 
Zeit  zu  besprechen.  Für  700  v.  Chr.  bis  200  n.  Chr.  würden  somit 
abgesehen  von  den  kosmetischen  Tempelrezepten  direkte  Belege  fehlen. 

Assyrische  Medizin. 

Unter  Adad-nirari  III.  (812 — 783)  und  seiner  Mutter  oder  Frau 
Sammuramat  (Semiramis),  einer  babylonischen  Prinzessin,  wird  der 
Dienst  des  babylonischen  Gottes  Nabu  787  in  Assyrien  eingeführt,  in- 
dem ihm  in  Kalah  ein  Tempel  Ezida  errichtet  wurde.  Dieses  Ereignis 
scheint  auch  der  gleichzeitigen  Importation  babylonischer  Priester^ 
medizin  nach  Assyrien  als  Stützpunkt  gedient  zu  haben. 

Für  die  Stellung  der  Aerzte  in  Assyrien  sei  angeführt,  dass  unter 
der  Regierung  des  Königs  Sargon  (722 — 705)  von  Istarduri  unter 
Bedeckung  eines  Boten  mit  einem  Begleitschreiben  (K  504)  zwei 
assyrische  Aerzte  Nabusumidina  und  Nabuerba  zum  persönlichen  Er- 
scheinen vor  dem  König  gesandt  werden,  ohne  dass  sie  (wie  ausdrück- 
lich mitgeteilt  wird)  vorher  Aufschluss  über  Grund  dieser  Deportation 
erhalten  haben.  Das  hohe  Militär  war  also  rücksichtslos  gegen  den 
gelehrten  Beruf 

Die  Inspektion  bei  im  Felde  erkrankten  Militärs  macht  ein  höherer 
Offizier,  z.  B.  Adadsumusur,  giebt  darüber  Bericht  an  die  Hof- 
kanzlei und  vertügt  über  das  vorhandene  Pflegepersonal.  In  der 
gleichen  Zeit  d.  h.  der  Regierung  von  Asarhaddon  von  Assyrien  (681 
bis  668)  sind  vier  Briefe  des  Arztes  Aradnanä  und  ein  Brief  des 
Arztes  Bäni  erhalten.  Aradnanä  scheint  Hofarzt  bei  Asarhaddon  ge- 
wesen zu  sein,  welcher  sich  bei  seiner  bevorzugten  Stellung  Unkolle- 
gialitäten  gegen  weniger  titulierte  Kollegen  ganz  nach  moderner  Art 
erlaubte. 

Aradnanä  erklärt  in  einem  Berichte  (K  532)  den  Gesundheits- 
zustand des  Königssohns  Asurmukinpalea  für  befriedigend.  In  einem 
anderen  Briefe  (K  576)  rät  er  dem  Könige  präservative  Einreibungen, 


Vorhippokratische  Medizin  "Westasiens,  Aegyptens  nnd  der  mediterranen  Vorarier.    95 

Wassertriuken  und  häufiges  Händewaschen.  In  einem  dritten  Briefe 
(S  1064)  berichtet  er  von  dem  unerwartet  günstigen  Heilungsverlauf 
einer  Augenwunde  (vielleicht  nach  einem  absichtlichen  Blendungs- 
versuche). In  einem  vierten  Briefe  (K  519)  erklärt  er  den  Verband 
eines  Kollegen  für  kunstwidrig  und  bietet  seine  bessere  (!)  Hilfe  an. 

In  gleicher  Zeit  greift  aber  die  Priesterschaft  in  den  ärztlichen 
Beruf  ein.  Eine  Reise  des  obigen  kränklichen  Asurmukinpalea  begut- 
achten zwei  Astrologen  (K  565).  In  die  Heilung  des  Königs  selbst 
(K  1024)  mischt  sich  der  Priester  Aradea,  der  als  Wille  der  Gottheit 
die  Heilung  des  Königs  und  noch  manches  Regierungsjahr  verheisst. 
Schoenanthus,  wohlriechende  Hölzer  und  ähnliche  Drogen  sind  darum 
nicht  nur  fiir  medizinische,  sondern  noch  viel  hervorragender  für 
Kultuszwecke  verwendet,  so  dass  ebenso  wie  in  ägyptischer  Ptolemäer- 
zeit  Opferliste  und  Apothekerinventar  mehr  und  mehr  in  einander 
verschwimmen. 

Arzt  Bäni  hatte  über  den  Patienten  Nabunadinsum  eine  günstige 
Prognose  eingesandt  und  musste  dieselbe  auf  Anforderung  der  Hof- 
kanzlei mit  Gründen  belegen. 

Der  Arzt  Ikisaaplu  war  dem  erkrankten  Feldherrn  Kudurru  in 
Erech  auf  Befehl  des  Königs  zugewiesen  worden  (K  81). 

Assurbanipal  (668—626),  der  Sardanapal  der  Griechen,  bevorzugte 
Niniveh  als  Residenz,  begründete  dort  eine  Hochschule  und  legte  eine 
Bibliothek  an.  Die  grösste  ausgegrabene  assyrische  Bibliothek  ist  jene 
von  Niniveh,  welche  sich  als  ,,Kouyunjik  Collection"  im  britischen 
Museum  in  London  befindet.  Dieselbe  ist  in  fünf  mächtigen  Bänden 
von  Prof.  C.  Bezold  in  Heidelberg  katalogisiert. 

Viel  inhaltreicher  sind  aber  noch  die  in  letzter  Zeit  ausgegrabenen 
(Bibliotheken  (?)  und)  Archive  babylonischer  Städte.  Doch  sind  diese 
weder  ausführlich  katalogisiert  noch  sonst  für  die  Geschichte  der 
Medizin  zugänglich,  so  dass  einstweilen  für  die  älteste  Geschichte  der 
Medizin  in  Mesopotamien  fast  alle  Aufschlüsse  aus  der  Bibliothek  von 
Niniveh  zu  holen  sind. 

Medizin,  Naturwissenschaften  und  naturwissenschaftlicher  Aber- 
glaube umfassen  über  tausend  Tafelfragmente  und  schon  die  thera- 
peutischen Texte  sind  über  400  Stücke.  Davon  sind  bis  heute  noch 
kein  halbes  Dutzend  im  Jahre  1885  von  Sayce  in  vorläufiger  Form 
herausgegeben  und  neuerlich  wieder  mit  neuen  Stücken  durch  Küchler 
von  den  Originalen  kopiert  und  neu  bearbeitet  im  Erscheinen  begriffen. 

Seh  eil  in  Paris  hat  im  Jahre  1900  einige  Proben  eines  medizi- 
nischen Keilschriftwerkes  gelegentlich  veröffentlicht.  Das  Original  liegt 
im  Konstantinopeler  Museum  (N.  583)  und  stammt  aus  Niffer. 

Für  den  Umfang  der  medizinischen  Texte  diene  als  Anhaltspunkt, 
dass  z.  B.  K  191  ursprünglich  auf  Vorderseite  und  Rückseite  je  4  Spalten 
mit  je  ca.  70  Zeilen  Text  besass,  wobei  eine  Durchschnittszeile  in  der 
Uebersetzung  mehr  als  eine  Zeile  dieses  Buches  umfasst,  so  dass  dies 
Dreitafel  werk  .allein  schon  ungefähr  zwei  Druckbogen  dieses  Buches 
entspräche. 

Die  Medizin  und  Naturwissenschaft  atmen  den  Geist  direkter 
Naturbeobachtung.  Dabei  ist  aber  das  ,,post  hoc  ergo  propter  hoc" 
kritiklos  selbst  wieder  vom  Mikrokosmos  auf  den  Makrokosmos  und 
umgekehrt  übertragen.  Der  Aberglaube  von  heute  bringt  noch  die 
Begegnung  von  Schafen,  Schweinen  etc.  mit  Prognosen  von  Ereignissen 
in  Zusammenhang.    Dergleichen,  sowie  astrologische  Beobachtung,  aber 


96  von  Oefele. 

auch  teilweise  berechtigte  meteorologische  Verhältnisse  werden  für 
Gesundheit,  Krankheit  und  Tod  verantwortlich  gemacht.  Andererseits 
wird  auch  wieder  in  berechtigter  Weise  die  Physiognomie  der  Menschen 
für  zu  erwartende  Charkterausflüsse  und  Ereignisse  verwendet,  aber 
auch  wieder  die  Geburt  von  Missbildungen  zu  Prophezeiungen  für 
König  und  Reich  verwertet.  Wahrsagerei,  Astronomie,  Naturwissen- 
schaft und  Medizin  war  deshalb  nicht  völlig  getrennt.  In  einer 
Bibliothek,  in  der  nur  Stücke  von  Schriftwerken  enthalten  sind,  deren 
Katalogisierung  erst  1899  nach  mindestens  zwölfjähriger  Arbeit  beendet 
war,  können  wir  natürlich  diese  Disziplinen  auch  nicht  trennen,  am 
w^enigsten  heute  schon. 

Ein  prognostisch-medizinisches  Werk  scheint  das  19-Tafelwerk 
„Wenn  ein  Beschwörungsarzt  in  das  Haus  seines  Patienten  geht". 
Nach  Bezold  handelt  es  sich  um  Zufälle,  welche  einem  Patienten  be- 
vorstehen und  zwar  sind  diese  Voraussagungen  aus  Beobachtungen  an 
den  Körperteilen  des  Patienten  selbst  gezogen.  Das  Werk  gliedert 
sich  nach  den  assyrischen  Bibliotheksvermerken  in  2  Tafeln  Ein- 
leitung, 12  Tafeln  der  ersten  Unterserie  „Wenn  der  Sitz  des  Zahnes 
eines  Kranken  eitert"  und  5  Tafeln  der  zweiten  ünterserie  „Wenn 
einer  am  ersten  Tage  krank  ist". 

Von  der  Einleitung  ist  nichts  rekognosziert  als  die  Anfangsworte, 
welche  an  den  Beginn  der  Methodik  des  hippokratischen  7ieql  itad-Cov 
erinnern.  Die  dritte  Tafel  beginnt  mit  Beobachtung  der  Sprache  (?) 
oder  des  Gesichtsausdruckes  (?)  bei  der  Uebernahme  des  Kranken. 
Die  4.  Tafel  bespricht  die  Stirne  (K  2723 -fK  3872 -fK  4051,  K  3872), 
die  5.  Tafel  das  rechte  Auge,  die  6.  Tafel  das  linke  Auge  (K  12539 
+  K  12897),  die  7.  Tafel  die  Zunge  (K  2949 +  K  12856,  K  2952 -f 
K  3678),  die  8.  Tafel  das  rechte  Ohr  (K  4080 -f  Sm  552),  die  9.  Tafel 
die  beiden  Augen  (?)  (K  261),  die  10.  Tafel  den  Hals  (K  3987  +  Sm 
951),  die  11.  Tafel  die  ausgestreckte  rechte  Hand,  die  12.  oder  13. 
Tafel  (K  8793)  die  Brust,  die  14.  (?)  Tafel  den  Fuss  (Sm  872). 

Die  15.  Tafel  beginnt  „Wenn  einer  am   ersten  Tage  krank  ist". 

Auch  in  den  rein  therapeutischen  Texten  spielt  dTe  Prognose  eine 
grosse  Rolle,  so  dass  fast  jedem  Rezepte  die  Verheissung  angefügt  wird: 
„so  wdrd  er  genesen".  Auch  im  offiziellen  Krankenbericht  ist  die 
Prognose  scheinbar  die  Hauptsache. 

Die  Wissenschaft  der  Assyrer  macht  in  allen  Gebieten  den  Ein- 
druck der  Pedanterie  und  Haarspalterei.  Dem  entspricht  in  dem 
Buche  „Wenn  ein  Beschwörer  in  das  Haus  seines  Patienten  geht"  die 
Reihenfolge  der  Körperteile  von  oben  nach  unten.  Auch  wo  wir  keine 
direkten  Beweise  durch  Auffindung  der  Serienbezeichnung  haben,  wird 
die  Annahme  dieser  Reihenfolge  wahrscheinlich. 

Im  Katalog  Bezold  fand  ich  bis  jetzt  281  Tafelfragmente  verzeich- 
net, von  denen  bis  jetzt  nichts  weiter  gesagt  werden  kann,  als  dass 
sie  therapeutischen  Inhalts  sind.  Ob  hierin  ein  grosses  systematisches 
therapeutisches  Werk  von  vielen  Tafeln  verborgen  liegt,  muss  erst 
die  Zukunft  lehren.  Wahrscheinlich  ist  dies  nicht,  da  die  Tafeln  be- 
kannten Inhaltes  zu  kleineren  Serien  gehören.  Diese  Serien  machen 
den  Eindruck  von  Spezialabschriften,  z.  B.  der  Abdominalerkrankungen. 
Dabei  werden  die  einzelnen  Krankheitsgattungen  durch  kurze  Be- 
schreibungen in  eine  grosse  Reihe  von  Unterarten  zerteilt  und  jeder 
eine  Reihe  von  Rezepten,  Beschwörungen  und  anderen  Vorschriften 
und  vor  allem   auch  eine  Prognose  quoad  exitum  beigefügt.    Es  ist 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegj'ptens  und  der  mediterranen  Yorarier.    97 

dies  eine  Anordnung,  wie  sie  ägyptisch  der  Papyrus  Ebers,  PapjTus 
Brugsch  und  mittelalterlich  die  lateinischen,  deutschen,  englischen  etc. 
Practica  besitzen.  Dabei  sind  sie  weder  rein  ideographisch  noch 
syllabisch  geschrieben.  Es  giebt  allerdings  auch  andere  ähnlich  ge- 
schriebene Texte  z.B.  historische;  diese  sind  nur  viel  übersichtlicher, 
und  die  modernen  Forscher  sind  über  den  dortigen  Sprachschatz  durch 
viele  Parallelen  und  Varianten  besser  unterrichtet.  In  den  medizinischen 
Texten  ergiebt  diese  Art  Schreibung  viele  Schwierigkeiten  für  die 
Lesung. 

Originalwerke  enthielt  die  Bibliothek  von  Niniveh  kaum.  Die 
medizinische  Tafel  82 — 5 — 22,  544  bezeichnet  sich  als  Kopie.  Im 
höchsten  Falle  liegen  uns  für  Niniveh  angefertigte  Kompilationen  aus 
älteren  Werken  vor,  eine  Deutung,  welche  der  Bibliotheksvermerk 
auch  zulässt.  Vereinzelte  Stücke  z.  B.  des  Werkes  „Wenn  eine  Frau" 
sind  in  Duplikaten  erhalten,  welche  Auszüge  aus  dem  Texte  von  drei 
bis  vier  Tafeln  auf  eine  Tafel  vereinigten.  Ob  dabei  die  Abschreiber 
mit  übergrosser  Gewissenhaftigkeit  arbeiteten,  lässt  sich  nicht  be- 
haupten. In  10  medizinischen  Tafeln  habe  ich  den  Vermerk  von  inter- 
linearen Schreiberglossen  gefunden. 

Zwei  näher  kontrollierbare  medizinische  Serien  der  Bibliothek 
von  Niniveh  weisen  alle  jene  Charakteristika  auf,  welche  in  der  hippo- 
kratischen  Medizin  der  knidischen  Schule  zugeschrieben  werden.  Die 
Schule  von  Niniveh  steht  also  mit  den  Lehren  der  knidischen  Schule 
in  enger  genetischer  Beziehung. 

Mit  der  Therapie  einer  Erkrankung  des  Kopfes  befassten  sich 
die  Texte  K  8074,  K  10562,  K  10926,  K  13502  u.  K  13505.  mit 
Augenerkrankungen  K  4170,  K  5906.  K  6773,  K  6974.  K  7241,  K 
8349,  K  8832,  K  9247,  K  9503,  K  9555,  K  10495,  K  11568,  K  11803, 
K  13393,  79 — 7—8,  163.  Einzelne  Sj'mptome  von  Augenerkrankuugen : 
K  7055  u.  K  10625  (Lichtscheue  etc.).  Eine  rationelle  Therapie  da- 
für ergiebt  K  2500,  während  K  10892  Ceremonien  vor  einer  Stier- 
gottheit und  K  2573,  K  2970  und  K  5000  Beschwörungen  vorschreiben. 
Aber  nicht  nur  in  diesen  vielen  Spezialtexten  war  die  Ophthalmologie 
niedergelegt.  Wohl  ein  kleines  Rezepttaschenbuch  stellt  K  10639 
dar,  wo  auf  ein  Augenrezept  sofort  eines  für  die  beiden  Seiten  folgt. 
Dyspnoe  als  Erkrankung  von  Mund  und  Nase  besprechen  K  8089, 
K  9072,  K  10733,  K  13388,  K  13831.  Von  auffallender  Häufigkeit 
ist  es,  dass  drei  Fragmente  Leiden  der  Lippen  aufführen:  K  6773, 
K  9438  und  Em  2,  143.  Es  werden  aber  auch  in  81—2—4,  199  und 
82 — 3 — 23,  56  Mund  und  Lippen  des  Neugeborenen  besonders  beachtet 
und  werden  die  Schneckenlippe,  die  Wildschweinlippe  und  andere  als 
Geburtsanomalien  aufgeführt.  Mit  der  Zunge  des  Patienten  beschäftigen 
sich  K  2441.  K  6488,  K  6586  und  K  9438,  mit  Länge  und  Zustand 
der  Zunge  des  Neugeborenen  Sm  1906.  Für  Zahnschmerzen  gab  es 
nach  K  2439  eine  besondere  Serie,  also  ein  Spezialwerk.  K  2849 
berichtet  von  Beschwörungsformeln  gegen  Zahnschmerz,  während  in 
81 — 2—4,  418  dagegen  Kaurezepte  empfohlen  werden.  Zur  Zahnheil- 
kunde gehört  auch  der  Text  K  10  834.  Nasenerkrankungen  dj'spnoischen 
Charakters  enthalten  K  9528,  K  12  272  und  K  13971.  Mit  der  Nase 
des  Neugeborenen  soll  sich  angeblich  K  13  959  befassen,  wenn  es  sich 
nicht  nach  meiner  Ansicht  um  die  Nabelschnur  handelt.    Ohrenheil- 

Haudbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  7 


98  von  Oefele. 

kimdei)  betreffen  K  10498,  K  10  767,  K  11027,  K  11788,  K  13492, 
Sm  379.  Ein  Abschnitt  für  eine  Erkrankung  im  Innern  der  Ohren 
und  ein  Abschnitt  für  das  rechte  Ohr  steht  auf  K  6661.  Danach 
muss  wohl  hier  in  Assyrien  den  beiden  Ohren  ebenso  eine  verschiedene 
Funktion  zugeschrieben  sein  wie  im  Papyrus  Ebers  auf  ägyptischem 
Boden.  Die  Otitis  media  acuta  als  „Feuer  im  Herzen  des  Ohres" 
erwähnt  K  10  453.  Prognostisch  mit  den  Händen  befasst  sich  K  1562, 
therapeutisch  mit  Händen  und  Füssen  K  9156.  Die  Therapie  von 
Erkrankungen  der  Fingernägel  und  Finger  behandelt  K  10464;  darunter 
wird  Panaritium  als  „schmerzhafte  Fülle"  (murus  kabarti)  auf- 
geführt. Phthisis  pulmonum  (?)  als  Eiter  aus  dem  Innern  der  Lungen  (?) 
wird  K  11 582,  Pneumonie  (?)  K  2590,  K  6825  u.  K  13  423  behandelt. 
Das  Epigastrium  wird  in  K  2614,  K  7824  und  81—7—27,  57  erwähnt. 
Mit  Magenschmerz  beginnt  K  71  b.  Das  Abdomen  behandelt  K  13  738  etc., 
Darmerkrankungen  K  11622  etc.  etc. 

Seit  Bartels  murusqaqqadi  (wörtlich :  Sc  hmerzdes  Kopfes) 
und  dessen  Synonym  te'u  als  Erysipel  (!)  gedeutet  hat,  liegt  bei  den 
Keilschriftforschern  neben  Lues  und  Lepra,  welche  aus  Kontro- 
versen über  das  Gesetz  Mosis  philologisches  Gemeingut  geworden  sind, 
und  neben  der  Pest,  die  sich  als  rettendes  Wort  einstellt,  wo  Be- 
griffe fehlen,  eine  allzugrosse  Vorliebe  vor,  überall  eine  dieser  4  Diagnosen 
aufzustellen.  Es  muss  gewarnt  werden  in  der  Kultur  des  Zweistrom- 
landes in  höherem  Masse,  als  es  Altgriechenland  besass,  scharf  um- 
schriebene Krankheitstj'pen  im  Rahmen  moderner  Terminologie  finden 
zu  wollen.  Gerade  die  erhöhte  Schwierigkeit  der  Selbstlesung  gegen- 
über griechischen,  indischen,  hebräischen  und  selbst  ägyptischen  Texten 
lässt  Philologen  und  Medicohistoriker  sich  dabei  gegenseitig  in  Fehler 
hineintreiben,  deren  Korrektur  nachträglich  fast  unmöglich  wird.  Es 
bedarf  noch  Jahrzehnte  angestrengter  Zusammenarbeit  von  Philologen 
und  Medizinern,  bis  eine  Klärung  möglich  ist.  Selbst  in  den  nichtmedi- 
zinischen Texten  der  Beschwörungs-  und  Gebetsformeln  finden  sich 
viele  ungedeutete  Krankheits-  und  Symptomennamen. 

Eine  der  gefürchtetsten  Epidemien  ist  m  u  t  ä  n  u  (wörtlich :  Todes- 
krankheit). Sie  herrscht  in  den  Jahren  803,  765  und  759  nach  den 
Eponymenlisten  in  Assyrien.  Ihr  Vorläufer  ist  ein  böser  verheerender 
Wind.  Sie  kann  entsprechend  dem  hippokratischen  tvcpoi  und  dem 
ägyptischen  äaä  als  Zusammenfassung  dysenterischer  Erkrankungen 
und  ähnlichem  betrachtet  werden.  Eine  andere  keilschriftliche  Kranken- 
beschreibung hat  Jensen  auf  Wassersucht  bezogen 

In  einer  synchronistischen  Tafel  werden  verschiedene  Todes- 
ursachen von  Königen,  darunter  Apoplexie  des  Minanu,  König  von 
Elam,  mit  Sprachstörungen  erwähnt.  Phlegmone  (mursu)  und  Car- 
cinom  (machsu)  der  Brust  werden  in  Laientexten  unterschieden. 

In  den  Texten  Küchlers  handelt  es  sich  hauptsächlich  um  Leib- 
schneiden und  andere  Erkrankungen,  welche  auf  abdominelle  Organe  be- 
zogen werden  können.  Als  Krankheitsgrundlagen  lassen  sich  Schleim, 
Galle  und  Wind  erkennen. 

Von  gynäkologischen  Erkrankungen  erfahren  wir  von  Phlegmone 
der  Mamma  und  Carcinom  der  Mamma  (K  156),  an  welch  letzterem 
ein  Todesfall  der  Amme  erwähnt  wird. 


^)  Auch   K  4023,    wo   es   sich   aber  wohl   um  äussere  Verletzungen,  Schlag  etc. 
handelt. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.     99 

Bezeichnend  fiir  diese  Kulturen  des  abgeschlossenen  Harems  ist 
ein  offizieller  brieflicher  Bericht  an  den  König-,  dass  eine  Haremsdame 
an  Verstopfung  leidet,  mit  der  Anfrage,  ob  ein  Arzt,  wie  es  scheint 
zum  Setzen  eines  Klystiers,  gerufen  werden  soll. 

Eine  Eeihe  von  Texten  (K  4570,  K  4575,  K  6611,  K  6663,  K  6673) 
sprechen  von  üblen  oder  günstigen  Folgen  wie  Süssigkeit  des  Herzens, 
Freilassen  seines  Verderbens  etc.  nach  dem  Genüsse  verschiedener 
Arten  tierischer  Nahrung,  Vögel,  Pflanzen,  Baumfrüchten,  Hölzern  etc. 
Ob  dies  als  Pharmakologie  oder  als  Wahrsagetext  aufzufassen  ist,  kann 
bei  der  Undeutbarkeit  der  Realien  einstweilen  nicht  entschieden 
werden. 

Andere  Texte  befassen  sich  mit  prophj^laktischen  Vorschriften  für 
Eeisen  und  andere  Gelegenheiten. 

Für  die  Therapie  wurde  der  Dienst  bestimmter  Götter  vorge- 
schrieben, deren  zu  diesem  Zwecke  K  9250  mit  Gott  Marduk  beginnend 
und  mit  Göttin  Gula  endigend  sieben  (!)  aufzählt. 

Im  übrigen  musste  von  mir  an  vielen  Stellen  schon  die  theurgische 
Therapie  erwähnt  werden. 

Beachtenswert  ist  auch  die  Tagewählerei  für  Ceremonien  zur  Be- 
handlung chronischer  Leiden.  So  sollen  Leute  mit  Kolikanfällen  (K 191) 
am  Tage  des  Anfalles  eine  Wallfahrt  zu  Schiff  unter  Benutzung  einer 
speziellen  Gebetsformel  unternehmen.  Die  Ueberschrift  dieses  Kranken- 
gebetes als  siptu  bit  nuru  findet  sich  ausser  in  diesem  Londoner 
medizinischen  Texte  auch  in  dem  Konstantinopeler  Fragmente. 

Auch  für  die  Phannakotherapie  wurden  Pflanzen  und  Mineralien 
noch  magisch  vorbereitet  (K  4609  b  etc.).  Im  allgemeinen  giebt  der 
Prolog  des  Konstantinopeler  medizinischen  Textes  hier  Einblick.  Trotz 
der  Verstümmelung  ist  in  diesem  einleitenden  Gebete  des  Hauses  des 
Lichtes  (siptu  bit  nuru)  zu  erkennen,  dass  die  Krankheit  als  Folge 
einer  Materia  peccans  aufgefasst  wird  und  als  Gift  im  Körper  des 
Menschen  sich  befindet.  Dieses  Gift  soll  in  der  Therapie  sich  in  un- 
schädliche Körperprodukte  verwandeln,  wie  die  Milch  der  Brust,  den 
Schweiss  der  Seite  und  den  Urin  der  Blase  (?).  Und  in  dieser  Form 
soll  die  Materia  peccans  als  Urin,  Milch,  Nasenschleim  und  Ohren- 
schmalz den  Körper  des  Patienten  verlassen. 

An  der  Grenze  von  Aberglauben  und  Empirie  steht  auch  die  Ver- 
wendung früherer  Medikamente  in  späterer  Zeit  als  Amulette.  So 
werden  nach  Dioskurides  und  Keilschriftbelegen  in  AssjTien  Siegel- 
cylinder  aus  Bandjaspis  als  geburtsförderndes  Amulett  an  die  Schenkel 
gebunden. 

Babylonisch-assyrische  Pharmakotherapie. 

Innerlich  Kräuter,  äusserlich  Salben  scheinen  die  Grundlage  der 
keilschriftlichen  Pharmakotherapie  (IV.  R.  57,7  b).  „Kräuter  und  Salben 
(napsastu),  die  dii'  verordnet  sind,  sollen  tilgen  dein  Weh."  Der 
Salbenmacher  (pasisu),  eine  häufig  erwähnte  Person,  ist  damit  teil- 
weise der  keilschriftliche  Vorläufer  des  modernen  Apothekers.  Die 
Salben,  Pasten  oder  Fettschminken  benützt  das  ganze  Altertum  und 
so  auch  die  Keilschriftkultur  als  Medikamente,  als  Präservativmittel 
der  Hygiene  und  als  Luxusmittel,  welche  im  Kult  selbst  für  Götter 
bereitet  werden. 

Als  Fettgrundlage  steht  dafür  immer  und  überall  in  Mesopotamien 


100  ■^ou  Oefele. 

das  Sesamöl  im  Vordergrund.  Im  Gilgamisepos  wird  auch  guter  Rinder- 
talg, in  den  Sardanapalrezepten  auch  Milchfett  d.  h.  Butter  zum  Salben 
verwendet.  ^)  Aus  dem  westlichen  Oelbaumlande  bezogen  die  Mesopo- 
tamier  zur  Zeit  ihrer  Weltherrschaft  Olivenöl.  Ein  sogenanntes 
„Baumöl"  kann  nur  auf  Ricinusöl  bezogen  werden. 

Das  nachträgliche  Einreiben  mit  Oel  empfiehlt  der  Konstantinopeler 
Keilschrifttext  auch  nachträglich  nach  der  Einwirkung  eines  Pflanzen- 
absudes auf  die  Füsse  des  Patienten. 

Unter  den  Pflanzen  und  Mineralien,  welche  die  assyrische  Medizin 
verwendet,  begegnen  wir  einer  Reihe,  deren  Namen  in  wenig  ver- 
änderter Form  von  den  Griechen  und  Römern  in  semitischer  Bezeich- 
nung entlehnt  wurde,  z.  B.  cuminum,  porrum,  aetites.  Andere  Namen 
wurden  wörtlich  übersetzt,  z.  B.  misy,  cynoglossum  etc.  Selbst  die 
eigentümliche  Unterscheidung  männlicher  und  weiblicher  Pflanzen  und 
Steine  der  Spätzeit  lässt  sich  assyrisch  belegen.  Andere  noch  un- 
gedeutete  Namen  wie  das  Salz  am  an  im  neben  Steinsalz  lassen  sich 
wohl  mehrfach  auch  in  dieser  Weise,  also  als  Ammoniak  etc.  deuten. 
Viele  Drogen  bleiben  auch  so  noch  einstweilen  undeutbar,  obwohl  die 
aramäischen  und  andere  semitische  Pflanzennamen  späterer  Zeiten  enge 
Verwandtschaft  bekunden. 

Im  einzelnen  innerlichen  Rezept  scheint  vielfach  von  Geschmacks- 
korrigentien  Gebrauch  gemacht  zu  sein  und  zwar  kommen  Dattelsirup 
und  Honig  in  Betracht.  Als  ein  wohlschmeckendes,  gleichzeitig  alko- 
holisches Auszugsmittel  ist  eine  oder  vielmehr  mehrere  Kwassarten 
verwendet. 

Die  Rezepttherapie  ist  in  verschiedenen  Fragmenten,  welche  zu- 
gänglich sind,  sehr  verschieden  ausgebildet.  Teilweise  wird  eine 
einzelne  Droge  mit  Wasser  oder  Milch  oder  Kwass  oder  Oel  ausgezogen. 
Teilweise  sind  Rezepte  mit  mehr  als  ein  Dutzend  Drogen  überliefert. 
In  letzterem  Falle  erscheinen  Rezepte  von  3 — 5  Stoffen  gegenseitig 
zu  einem  Teilrezepte  verbunden  in  einer  grösseren  Anzahl  umfang- 
reicherer Rezepte  wieder,  so  dass  also  auch  hier  wie  in  Aegypten  her- 
metisch festgelegte  ältere  ursprünglich  selbständige  Rezepte  zu  neuen 
Rezeptkombinationen  verschmolzen  erscheinen. 

In  diesen  combinierten  Rezepten  wird  die  Zahl  der  Rezeptbestand- 
teile besonders  mitgeteilt  und  wie  es  scheint  Gewicht  darauf  gelegt; 
so  enthält  ein  Rezept  sieben  Drogen,  andere  5  resp.  18. 

Für  das  Einnehmen  der  Arzneitränke  wird  häufig  die  Forderung 
der  Nüchternheit  (balu  patan)  aufgestellt. 

Im  Vergleich  mit  ägyptischer  Medizin  und  dem  betreffenden 
Kapitel  des  Dioskurides,  muss  es  auffallen,  dass  Salz  auch  sogar  zu 
innerlichen  Medikamenten  Verwendung  fand. 

Physikalische  Therapie. 

Verfasser  sieht,  dass  in  die  medizinische  Litteratur  in  letzter  Zeit 
die  Nachricht  eingedrungen  ist,  dass  die  Keilschriftkultur  die  Massage 
gekannt  habe.  Ich  weiss  nicht,  aus  welchen  Texten  dies  abgeleitet 
sein  soll.  Dagegen  sind  mir  Texte  bekannt,  welche  das  gerade  Gegen- 
teil beweisen.    Einmal  werden  die  Salbungen  und  Einreibungen  ideo- 


^)  Auch  Hammeltalg-  kommt  vor  K  71b,  I,  23  und  Schweinefett  K  191,  11,  11 
(Küchler). 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.  101 

graphisch  schon  als  A-GUB-BA  g-eschrieben ,  was  das  „U eber- 
ziehen mit  Flüssigkeit"  als  Grundlage  jeder  Einreibung  ergiebt, 
und  zweitens,  noch  beweisender,  vergleicht  ein  altsumerisches  Sprich- 
wort, das  noch  bis  in  spätassyrische  Zeiten  in  Gebrauch  war,  eine 
zweck-  und  sinnlose  Handlung  mit  einer  Einreibung,  zu  der  kein  Oel 
oder  Salbe  verwendet  wurde. 

Dagegen  finden  vdr  hier  schon  Güsse  mit  kaltem  Wasser,  was 
bei  dem  vielfach  theurgischen  Charakter  der  Keilschriftmedizin  eine 
eigentümliche  psychologische  Parallele  zu  Kneipp  ergiebt  (K  191. 
I.  14).  „Wenn  ein  Patient  an  Leibschneiden  leidet,  soll  er  auf  seine 
Füsse  niederknieen  und  sich  setzen ;  kaltes  Wasser  sollst  du  auf  seinen 
Kopf  fliessen  lassen." 

Einer  der  häufigsten  Eingriffe  ist  das  Klystier  und  zwar  werden 
stets  medikamentöse  Klysmen  verordnet. 

Chirurgie. 

In  der  Verstümmelungsfähigkeit  des  menschlischen  Körpers  hatten 
die  Assyrer  sich  weitgehende  Erfahrungen  gesammelt.  Kaum  ein 
Körperteil  blieb  an  dem  einen  oder  anderen  ihrer  überwundenen  Feinde 
vom  grausamem  Uebermute  des  Feindes  verschont.  Ob  die  nötigen 
Lehren  für  operative  Behandlung  der  heimischen  Patienten  daraus  ge- 
zogen wurden,  ist  unbekannt.  Die  Kastration  von  Sklaven  war  jeden- 
falls eine  der  üblichsten  Operationen ;  denn  Eunuchen  ohne  Barte  finden 
sich  mehrfach  bildlich  dargestellt. 


Die  Tempelschule  von  Niniveh  war  den  Wissenschaften  gewidmet, 
welche  im  Geiste  der  Assyrer  als  praktische  galten.  Die  Schreiber- 
kunst, entsprechend  unserer  modernen  Philologie,  und  Astrologie  und 
ähnliches  ist  neben  der  Medizin  in  reichem  Masse  vertreten.  Aus  den 
letzten  Jahren  AssurbanipaFs  und  den  folgenden  20  Jahren  bis  zur 
Zerstörung  Ninivehs  fehlen  genauere  kulturhistorische  L^eberlieferungen. 
Es  ist  dies  die  Zeit  des  entsetzlichen  Einfalls  der  scythischen  Horden 
der  Kimmerier,  welche  Syrien,  Phönikien  und  Palästina  bis  an  die 
Grenze  Aegyptens  (630)  verwüsteten. 

Wie  weit  in  diesen  allgemeinen  kulturellen  Verfall  hinein  die 
Hochschule  Niniveh  blühte,  ist  ungewiss.  Sicherlich  war  sie  vor  der 
Zerstörung  Ninivehs  (606)  erloschen. 

Nach  dem  Falle  Ninivehs  setzt  die  Blüte  des  neubabylonischen 
Reiches  ein.  Medizinische  Texte  aus  der  Zeit  des  Königs  Nabunaid 
sind  bisher  weder  ausgesucht  noch  bearbeitet. 

Medisch-persische  Medizin. 

Vom  Jahre  606  au  treten  in  Mesopotamien  die  ethnographisch 
untrennbaren  Iranier :  Meder  und  Perser  Weltreiche  bildend  auf.  Als 
Indogermanen  bilden  sie  einen  neuen  Faktor  in  dem  vorher  völlig 
semitischen  Mesopotamien.  Auch  religiös  als  Anhänger  des  Zara- 
thuschtra  (Zoroaster)  unterschieden  sie  sich  von  den  mehr  anthro- 
pomorphisierenden  und  polytheistischen  Vorgängern.  Eine  eigene 
Pharmakotherapie  auf  den  Namen  Zarathuschtras  zurückgehend  ver- 
bürgt bei  den  Persern  noch  Dioskurides.    Von  diesen  ersten  Anfängen 


102  "^'011  Oefele. 

an  kann  kein  zusammenhängender  Verlauf  persischer  Kultur  und  damit 
persischer  Medizin  geboten  werden.  AVie  unzusammenhängend  die  ein- 
zelnen Lichtblicke  persischer  Kultur  sind,  zeigt  schon  der  Wechsel 
von  Keilschrift,  Pehlewi  und  arabischem  Schriftsystem  im  Laufe  der 
Zeit.  Das  altpersische  Eeich,  das  mit  Darius  III.  330  endete,  schloss 
Mesopotamien,  Aegypten  und  die  kleinasiatischen  Griechen  in  sich. 
Jedes  dieser  Gebiete  hatte  seine  besondere  Medizin  und  jede  davon 
wusste  mit  wechselndem  Geschicke  am  persischen  Hofe  Einfluss  zu 
erlangen. 

Weder  von  der  Adoptivmedizin  fremder  Völker  noch  von  der 
nationalen  persischen  konnten  Belege  in  persischer  Aufzeichnung  erhalten 
bleiben.  An  die  Stelle  des  Ziegels  als  Schreibmaterial  in  den  semiti- 
schen Kulturen  Mesopotamiens  traten  in  den  königlichen  Archiven 
der  Perser  Lederrollen.  Auf  Monumenten  finden  sich  nur  Texte  ohne 
Interesse  für  die  Geschichte  der  Medizin. 

Herodot  erzählt  die  Episode,  wie  der  griechische  Arzt  Demokedes 
aus  Kroton  die  Kunst  der  ägyptischen  Aerzte  aussticht.  AVenn  schon 
unter  solchen  Verhältnissen  die  nationale  persisclie  Medizin  nicht  von 
fremden  Beimischungen  verschont  bleiben  konnte,  so  waren  die  556 
Jahre  vom  Tode  Darius  III.  bis  zur  Gründung  der  Sassanidendj^nastie 
durch  Artaxerxes  die  schwierigste  Epoche  für  Erhaltung  der  alten 
Tradition  nationaler  persischer  Medizin.  Als  Kehrseite  haben  aber 
auch  diese  Zeiten  der  Fremdherrschaft  nationalgesinnte  Perser  viel 
eifriger  auf  die  Erhaltung  der  alten  medizinischen  Traditionen  bedacht 
sein  lassen,  als  es  unter  dem  eklektischen  Luxus  des  altpersischen 
Weltreiches  der  Fall  war.  Bei  der  engen  Verknüpfung  medizinischer 
und  religiöser  Vorstellungen  in  der  Kultur  der  Perser,  ziehen  sich  in 
den  wenigen  erweislichen  Resten  als  roter  Faden  die  gleichen  Grund- 
gedanken von  den  altbaktrischen  Zeiten  bis  zur  Zerstörung  des  neu- 
persischen Reiches  durch  den  Mohamedaner  Omar  durch.  Und  wenn 
auch  damit  die  Medizin  im  Lande  Persien  mit  der  Geschichte  der 
arabischen  Medizin  vom  Jahre  636  n.  Chr.  angefangen  zusammenfliesst, 
so  lebt  die  altpersische  Medizin  ausser  Landes  in  dem  kleinen  ver- 
sprengten Häuflein  der  Parsen  oder  Feueranbeter  bis  heute  fort.  Die 
Geschichte  der  persischen  Medizin  umfasst  also  manches  Jahrhundert 
mehr  als  die  hippokratische  Medizin  des  Abendlandes. 

Nach  der  Religion  der  Perser  entsteht  der  Dualismus  durch  den 
Abfall  des  Bösen  vom  Guten.  In  der  zarathuschtrischen  Medizin  lässt 
sich  bis  in  die  älteste  Zeit  der  entsprechende  Grundgedanke  nach- 
weisen, dass  jede  Trennung  und  Abscheidung  vom  Körper  unrein  ist. 
Ein  menschlicher  Körper  mit  unnatürlicher  Ausscheidung,  vor  allem 
also  mit  Hautausschlägen,  ist  unrein  und  wird  gemieden.  Manche 
Forderung  moderner  Antiseptik  und  Aseptik  findet  sich  darum  bei  den 
Persern  aller  Zeiten,  aber  auch  manche  ganz  gegenteilige  Gebräuche. 
Dahin  ist  zu  rechnen  das  Fehlen  sowohl  der  Beerdigung  wie  der 
Leichenverbrennung.  Der  Selbstreinigung  der  Flüsse  entgegengesetzt 
ist  das  Verbot  in  einen  Fluss  zu  harnen,  zu  spucken  oder  sich  darin 
zu  waschen.  Die  religiöse  Bevormundung  der  Medizin  hatte  schon 
beim  ersten  Auftreten  der  Perser  in  der  Geschichte  die  empirisch 
medizinischen  Erfolge  auf  ein  sehr  tiefes  Niveau  herabgedrückt.  Die 
Ohnmacht  der  altpersischen  Medizin  sehen  wir  an  dem  Tode  der 
Schwester  des  Kambyses  nach  einem  traumatischen  Aborte,  an  dem 
hilflosen  Dahinsiechen  des  Kambvses  innerhalb  drei  Wochen  an  einer 


Vorhippokratische  Medizin  Westasieus,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Yorarier.   103 

infizierten  Fleiscliwunde,  an  der  Hilflosigkeit  bei  der  Sprunggelenks- 
luxation  des  Königs  Darius  und  dem  Mammaabscesse  der  Königin  Atossa. 

Bei  den  griechischen  Klassikern  werden  wohl  medische  und  per- 
sische Drogen  und  Zubereitungen  erwähnt;  nach  sicheren  Anhalten 
sind  dies  aber  Verwechslungen  mit  babylonischer  und  assjTischer 
Medizin,  welche  in  der  Zeit  der  Seleukiden  nochmals  zur  Herrschaft 
gelangte. 

Mit  der  Scheu  der  Perser  vor  jeder  Berührung  mit  Körperaus- 
scheidungen lässt  sich  auch  die  Nachricht  nicht  vereinigen,  dass  eine 
kurze  griechische  Uroskopie,  welche  Ideler  reproduziert  hat,  aus  persi- 
schem Originale  übersetzt  sei.  Auch  hier  liegt  nach  meiner  Ansicht 
eine  Verwechslung  mit  den  semitischen  Vorkulturen  des  Perserreiches 
zu  Grunde. 

In  gleicher  AVeise  verhält  es  sich  mit  der  Diagnostik  und  Pro- 
gnostik aus  dem  Aderlassblute. 

Aegptische  Medizin  von  Psammetik  bis  Alexander. 

Wenn  aus  dem  wissenschaftlichen  Stande  der  Medizin  von  Psam- 
metik bis  Alexander  (664 — 332)  nichts  zu  berichten  ist,  so  ist  doch  der 
Beruf  der  Aerzte  in  dieser  Zeit  in  Aegj'pten  ein  geachteter  und  lukra- 
tiver. Im  Vatikan  befindet  sich  eine  prachtvoll  ausgeführte  Statue  des 
Oberarztes  Psamtik-seneb,  von  dem  sich  eine  Canope  in  Florenz 
befindet  aus  der  Zeit  von  Psammetik  I.,  im  britischen  Museum  die  Statue 
des  Vorstehers  des  Schatzhauses,  Oberarztes  und  Oberhausmeisters 
Pef-nef-a-Neit  aus  der  Zeit  von  Apries,  wieder  im  Vatikan  eine 
naophore  Statue  des  Erbfürsten,  Siegelwahrers,  einzigen  Freundes, 
wirklichen  königlichen  Anverwandten,  Vorstehers  der  Schreiber  in 
dem  Palaste,  Schrifterklärers,  Vorstehers  der  königlichen  Flotte  unter 
Amasis  und  Psammetik  III.  Namens  Horuzasutennet,  welcher  von 
Kambyses  zum  Oberarzt  und  Palastaufseher  ernannt  wurde.  ^)  Gerade 
dieser  Mann  beweist  in  seiner  Lebensbeschreibung,  dass  er  vor  allem 
für  den  Tempel  der  Göttin  Neit  in  Sais  besorgt  war  und  wohl  deren 
Priesterkollegium  angehörte.  Bei  seiner  Vielseitigkeit  dürfte  seine 
Stellung  als  Oberarzt  besonders  auch  des  Darius  wohl  mehr  eines  seiner 
reich  dotierten  Hofämter  gewesen  sein,  als  eine  Gelegenheit  zur  Aus- 
übung ärztlicher  Praxis. 

Die  Institution  des  Oberarztes  bestand  noch  zur  Zeit  des  Prosper 
Alpinus  in  Kairo  und  wird  von  ihm  als  bestechliche  Approbations- 
behörde für  die  Zulassung  zur  ärztlichen  Praxis  beschrieben. 

Wichtig  ist  diese  Periode,  da  sie  es  ist,  in  welcher  Griechen  für 
ihre  aufstrebende  Kultur  ägyptische  Entlehnungen  machen  konnten 
und  auch  machten.  Wie  unter  dem  Ketzerkönige  mit  den  Asiaten 
in  deren  Sprache  von  Aegyptern  korrespondiert  wurde,  so  machte  auch 
unter  den  Griechen  Pythagoras  die  einzige  Ausnahme  durch  Erlernung 
der  ägyptischen  Sprache.  Im  übrigen  behielten  die  Griechen  soweit 
sie  auch  in  Aegypten  ihre  Kolonien  vorschoben,  ihre  Muttersprache 
bei  und  verkehrten  mit  der  Bevölkerung  durch  heimische  Dolmetscher. 
Als  Seeräuber,  Söldlinge  und  Kaufleute  kamen  die  Griechen  nach 
Aegypten.  Söldlinge  waren  die  ersten  Griechen,  welche  Psammetik  I. 
ansiedelte.     Söldling  war   noch   der  Spartanerkönig  Agesilaos  unter 


I 


*)  C apart  bezieht  den  Text  auf  eine  Reorganisation  der  Medizin. 


104  A'^on  Oefele. 

dem  letzten  unabhängigen  heimischen  Könige.  Alexander  und  die 
Ptolemäer  waren  fremde  Eroberer.  Im  Anschlüsse  an  diese  Söldner- 
heere bildeten  sich  Handelskolonien  in  verschiedenen  Städten  bis  zur 
samischen  in  der  grossen  Oase,  so  dass  wir  fern  der  Heimat  südlich 
vom  eigentlichen  Aegypten  die  älteste  gefundene  Inschrift  im  jonischen 
Alphabete  besitzen.  Bei  der  tiefen  sozialen  Stellung  der  Dolmetscher 
in  Aegypten,  auf  welche  die  Griechen  angewiesen  waren,  blieben  sie 
vielfach  mit  allem  fremd,  was  nicht  direkt  Handel  und  Krieg  betraf. 
Dass  mancher  Grieche  in  seine  Heimat  zurückkehrte,  beweisen  Ver- 
schleppungen von  Gegenständen  mit  Hieroglypheninschriften,  z.  B.  einer 
Büste  mit  dem  Namen  des  Königs  Apries  aus  der  Gegend  von  Athen. 
Wenn  darunter  fremde  Gelehrte  waren,  so  war  von  den  Dolmetschern 
nichts  zu  erfahren  und  sie  waren  vom  guten  Willen  der  heimischen 
Gelehrten  abhängig,  ob  ihnen  etwas  und  wie  viel  ihnen  mitgeteilt 
wurde.  Da  die  heimischen  Kreise  die  Invasion  der  Griechen  sehr 
ungern  sahen,  so  war  dieser  gute  Wille  meist  sehr  negativ  geartet. 
Als  Pythagoras  mit  Empfehlungen  des  Polykrates  von  Samos  zu 
Amasis  kam,  gab  dieser  König  dem  griechischen  Gelehrten  Briefe 
nach  Heliopolis  und  Memphis  mit,  um  ihm  den  Zutritt  zu  den  grössten 
Heiligtümern  Aegyptens  zu  verschaffen.  Trotzdem  wies  an  beiden 
Orten  die  Priesterschaft  den  Pythagoras  ab  und  erst  in  Diospolis 
führte  Sonches  denselben  in  die  ägyptische  Gelehrsamkeit  ein,  wobei 
bedacht  werden  muss,  dass  Pythagoras  der  einzige  Grieche  war, 
welcher  sich  die  Landessprache  angeeignet  hatte. ^)  So  kann  auch  ver- 
mutungsweise angenommen  werden,  dass  Hippokrates  nur  die  medizi- 
nischen Lehren  der  Schule  von  Letopolis  oder  einer  ähnlichen  zugäng- 
lich fand,  während  erst  sein  Schwiegersohn  Polybus  sich  die  Medizin 
von  Heliopolis  aneignen  konnte.  Vielleicht  geschah  aber  auch  dies 
nur  auf  dem  Umwege  durch  ägyptische  geflüchtete  Aerzte  während 
der  Kämpfe  der  Aegypter  mit  den  Persern  um  ihre  Selbständigkeit. 
Der  Phantasie  bleibt  hier  freier  Spielraum,  wenn  wir  an  die  nackte 
aber  auffallende  Thatsache  kommen,  dass  mitten  unter  den  griechischen 
Aerzten  der  hippokratischen  Aera  in  der  Menonia  ein  ägyptischer 
Arzt  Niny  . .  .  erwähnt  wird  oder  dass  in  „de  aere,  aqua  et  locis" 
im  letzten  Abschnitte  alle  Aehnlichkeiten  und  ünähnlichkeiten  auf 
Aegypten  bezogen  werden  und  somit  ein  einzelnes  Fragment  einer 
überarbeiteten  hippokratischen  Schrift  und  zwar  eines  der  besten, 
eine  aus  sich  erkennbare  unveränderte  Uebersetzung  eines  ägyptischen 
Elaborates  darstellt.  Die  spätere  umgekehrte  Entlehnung  habe  ich 
schon  vorweg  in  der  Uebersicht  der  Zeit  demotischer  Schrift  erwähnt. 

Medizin  der  Ptolemäerzeit. 

Der  siegreiche  Alexander  galt  den  Aegj^ptern  als  Befreier  vom 
persischen  Joche.  Mit  der  Gründung  Alexandriens  und  der  Errichtung 
der  Ptolemäerdynastie  hielt  griechisches  Wesen  und  Wissenschaft  in 
Aegypten  in  einer  Weise  Einzug,  dass  für  lange  Zeit  Alexandria  als 
Vorort  griechischer  Bildung  gilt  und  dass  in  der  Geschichte  der 
griechischen  Medizin  die  Medizin  von  Alexandria  einen  wichtigen 
Abschnitt  bildet.    Dem  anfänglichen  Entzücken  über  die  griechische 


')  Von  dieser  Reise  brachte  Pythagoras  das  Rezept  zum  Oxymel  Scillae  nach 
alter  Üeherlieferuns*  nach  Hause. 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Torarier.    105 

Invasion  folgte  bald  in  den  heimischen  ägyptischen  Kreisen  eine  Er- 
nüchterung mit  kühler  Absonderung.  Im  gleichen  Aegj-pten  wohnten 
neben  einander  zwei  Rassen,  zwei  Sprachen,  zwei  Kulturen,  zwei 
Religionen.  Alle  Amalgamierungsversuche  blieben  nur  oberflächlich. 
Und  so  trennte  sich  auch  die  heimische  Priestermedizin  nach  anfänglichem 
teilweisen  freundlichen  Austausche  immer  schärfer  von  der  hellenischen 
Medizin  in  Alexandria.  Heliopolis  war  angeblich  von  Kambyses  zer- 
stört, das  mächtige  Theben  war  in  den  Hintergrund  getreten;  dafür 
war  jetzt  das  uralte  Memphis  die  Centrale  der  nationalen  Medizin 
geworden.  Die  Trennung  der  beiden  Nationen  war  schroifer  als  zur 
Zeit  des  Piaton  ^j  und  Hippokrates.  Zwar  arbeiteten  die  Ptolemäer- 
könige  ständig  an  der  Verschmelzung  der  Gegensätze  und  versuchten 
in  schmeichelhafter  Zuvorkommenheit  für  die  autochthone  Wissenschaft 
Rezepte  dauernd  für  die  Nachwelt  zu  fixieren.  Aber  nicht  echte 
Medizin,  sondern  nur  die  umständlichen  Rezepte  für  die  verschiedenen 
Räuchermittel  und  Salböle  sind  auf  diese  Weise  erhalten  und  dazu 
auch  nur  auf  die  Wände  der  heiligsten  und  geheimsten  Gemächer  der 
nur  einheimischen  Priestern  zugänglichen  alten  Tempel  in  Hieroglyphen- 
schrift aufgemalt.  Der  gleichen  Gruppe  der  Medizin  gehören  die  ver- 
lorenen Schriften  der  Kleopatra  VII.  an,  Kosmetik  und  Geburtshilfe 
sind  ihr  Inhalt.  Die  Eroberung  durch  die  Römer  war  dem  heimischen 
Aegypter  nur  ein  Vertauschen  der  ptolemäischen  Fremdherrschaft  mit 
der  römischen.  Beide  Dynastien  bedienten  sich  der  griechischen  Sprache, 
beide  hatten  dieselbe  Religion,  mochten  sie  den  obersten  Gott  Zeus 
oder  Jupiter  nennen.  Auch  der  späteren  byzantinischen  Christianisierung 
begegnete  der  heimische  Aegypter  mit  passivem  Widerstände  um  so 
mehr,  da  die  Diener  des  Christengottes  viel  unduldsamer  auftraten  als 
die  alten  Zeuspriester.  Gezwungen  zu  einem  vielfachen  Schein christen- 
tume  verlassen  die  Aegypter  auch  die  alte  Schrift  und  nehmen  die 
griechischen  Zeichen  an.  Aber  sie  behalten  ihre  Sprache  als  Kopten. 
Und  sie  behalten  auch  ihre  alten  medizinischen  üeberlieferungen.  Der 
Medizin  der  klassischen  Kulturvölker  ein  verschleiertes  Bild  durch- 
wandert die  ägyptische  Epigouenmedizin  die  gleichen  Zeiten  wie  diese, 
aber  ungesehen  und  unbeachtet.  Nur  ganz  gelegentliche  Bemerkungen, 
zuletzt  noch  bei  Galenos,  zeigen  das  Misslingen  der  Versuche,  den 
Schleier  zu  lüften.  Was  sich  aus  diesen  Nachrichten  bei  den  alten 
Klassikern  zusammenstellen  lässt,  giebt  doch  nur  Bruchstücke  und 
Zerrbilder.  Aeltere  Lehrbücher  der  Geschichte  der  Medizin  konnten 
diese  Quellen  nicht  übergehen,  da  erst  neuerdings  die  authentischen 
ägyptischen  Quellen  zugänglich  wurden.  Von  ägj'ptischen  Quellen  für 
die  Medizin  der  Zeit  von  Alexander  bis  zum  Beginn  der  koptischen 
Kultur  kommen  die  erwähnten  hieroglyphischen  Tempelrezepte  und 
griechisch  abgefasste  Papyri  in  Betracht. 

Koptische  Medizin. 

Die  koptische  Kultur  kann  als  formell  hellenisiert,  in  der  Tünche 
auch  christianisiert,  im  Wesen  aber  noch  als  altägyptisch  bezeichnet 
werden.    Dies  zeigt  sich   auch  in  den  wenigen  medizinischen  Resten. 


^)  Die  griechischen  Unterthanen  der  Ptolemäer  verachteten  den  unterworfenen 
antochthonen  Aegypter,  was  solche  Versuche  zu  einer  Verschmelzung  der  beiden 
Nationalitäten  behinderte. 


106  von  Oefele. 

Die  Rezepte  und  Beschwörung-sformeln  sind  noch  die  gleichen  wie 
unter  der  Hieroglyphenkultur.  Selbst  die  Krankheitsnamen  und  Medika- 
mentenbezeichnung-en  entsprechen,  abgesehen  von  den  Abschleifungen 
der  Formen,  noch  der  Hieroglj^phenmedizin.  Aber  die  Fixierung-  der 
Laute  erfolgt  durch  das  adoptierte  griechische  Alphabet.  Nur  ganz 
versteckt  werden  noch  Isis,  Horus  und  die  übrigen  Götter  angerufen. 
Meist  wird  Maria,  Jesus  mit  den  Erzengeln  Michael,  Uriel,  Raphael 
und  Gabriel  und  den  42  Märtyrern  eingesetzt.  Der  8emitengott  Set 
als  Teufel  spielt  seine  Rolle  weiter  und  gelegentlich  wird  in  der  Be- 
schwörung dem  Christengotte  bei  ungenügender  Willfährigkeit  gedroht, 
dass  der  Beschwörer  zur  Teufelsanbetung  zurückkehren  wolle.  Bei 
den  geringen  Resten  koptischer  Medizin  und  ihrer  geringen  lokalen 
Verbreitung  würde  sie  als  epigonaler  Ausläufer  keine  besondere  Be- 
sprechung verdienen,  wenn  sie  nicht  nach  den  übereinstimmenden 
Resultaten  der  speziellen  ägj^ptologischen  Forscher  die  Grundlage  für 
die  rasche  Blüte  der  arabischen  Medizin  geworden  wäre,  die  latinisiert 
als  salernitaner  Medizin  ihren  Weg  durch  Klostervermittelung  bis  in 
die  Rezepte  der  nordischen  Volksmedizin  fand. 

Eine  historische  Gliederung  der  Geschichte  der  koptischen  Medizin 
ist  gegenwärtig  nicht  möglich.  Dieselbe  ist  als  relativ  einheitliche 
Episode  zeitlich  ungefähr  parallel  dem  oströmischen  Kaiserreich  und 
dieses  überdauernd  zu  betrachten.  Als  Rest  der  altägyptischen  Kultur 
musste  sich  die  koptische  Medizin  gegenüber  dem  orthodoxen  Gewissens- 
zwang der  Byzantiner  im  Verborgenen  vererben.  Das  was  uns  er- 
halten blieb,  sind  darum  keine  historisch  aufgezeichneten  Daten,  sondern 
zufällig  erhalten  gebliebene  koptische  Papyri.  Welch  grosse  systema- 
tische Sammelwerke  aber  vorhanden  gewesen  sein  müssen,  zeigen  die 
hohen  Originalblattbezeichnungen  241  und  244,  welche  die  beiden 
einzigen  davon  erhaltenen  Blätter  in  Turin  tragen.  Die  Sprache  dieses 
Bruchstücks  ist  oberägyptisch,  während  die  Reste  im  Berliner  Museum 
meist  fajumisch  abgefasst  sind.  Es  ist  zu  vermuten,  dass  auch  noch 
in  anderen  Sammlungen  unbeachtet  ähnliche  medizinische  Bruchstücke 
anderer  Dialekte  liegen.  Schmidt  will  kürzlich  einen  grossen  Codex 
gesehen  haben,  der  nicht  mehr  zu  ermitteln  war. 

In  den  Neapler  Stücken  scheint  es  sich  um  die  Behandlung  von 
Hautkrankheiten  zu  handeln.  Im  übrigen  sind  sekretere  Sachen  im 
Vordergrund:  Geburt,  Liebeszauber  und  selbst  ein  Hundesegen  für 
Diebe.  In  einem  kleinen  Fragmente  sind  Brand,  Leibschmerzen,  Uterus- 
leiden  und  schmerzhafte  Nase  zusammengestellt.  Die  Anatomie  wurde 
natürlich  in  dieser  konservativen  Tradition  nicht  gehoben,  sondern 
gefiel  sich  darin  in  mystischer  Weise,  z.  B.  von  300  Adern,  welche 
vom  Nabel  ausgehen,  zu  sprechen.  Dagegen  erhielt  sich  eine  gewisse 
pharmaceutische  Chemie  aus  der  alten  umständlichen  Arzneibereitung, 
so  dass  der  alchemistische  Ofen  mit  Blasebalgheizung  und  das  Rösten 
mineralischer  Drogen  erwähnt  wird.  Ein  Färberezept  gehört  ver- 
wandten Gebieten  an.  Sehr  tief  stehen  dem  gegenüber  die  anderen 
propädeutischen  Kenntnisse  des  koptischen  Arztes,  so  dass  er  selbst 
in  den  erhaltenen  koptischen  Physiologusstücken  dessen  Zoologie  noch 
unvernünftiger  machen  konnte.  Seine  Botanik  scheint  auch  nur  soweit 
gereicht  zu  haben,  um  wilde  Artemisia  und  ähnliches  einsammeln  zu 
können.  Ein  oberägyptischer  Leichenstein  mit  Krankheitsbeschreibung 
ist  neuerdings  besprochen  (Bloch). 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegyptens  und  der  mediterranen  Vorarier.   107 


Medizin  des  Sassanidenreichs  in  Westasien. 

Nach  der  kurzen  Regierung  Alexanders  des  Grossen  zerfiel  das 
Weltreich  unter  den  Diadochen  in  verschiedene  Teile,  deren  jeder  mit 
äusserlich  giiechischen  Herrschern  in  seine  ursprüngliche  heimische 
Kultur  zurückkehrte.  Vorderasien,  das  ja  selbst  mehr  oder  weniger 
die  Mutter  der  griechischen  Kultur  war,  blieb  im  engen  Kultur- 
austausch mit  dem  Westen,  da  es  auch  im  späteren  römischen  Welt- 
reiche eine  Nachbarprovinz  Griechenlands  darstellte,  Mesopotamien 
und  Iran  lagen  aber  ferner  ab.  Zur  Zeit  des  römischen  Weltreiches 
waren  diese  Gebiete  nur  vorübergehend  politisch  unterworfen.  Kulturell 
blieben  sie  aber  auch  dann  von  Rom  und  Byzanz  unabhängig.  Eine 
religiöse  dem  Christentume  ähnliche  Reformation  hatten  die  iranischen 
Indogermanen  schon  früh  durchgemacht.  Die  Religion  des  Zara- 
thuschthra  durchsetzte  das  ganze  Leben  der  Iraner  und  gab  auch 
strikte  Gesetze  für  die  Medizin.  Jedenfalls  waren  dieselben  auch  dem 
Achämenidenreiche  geläufig,  werden  aber  in  weiser  Politik  in  einem 
so  gemischtreligiösen  Reiche  in  duldsamer  ^^'eise  zurückgestellt.  Die 
Medizin  des  Seleucidenreiches  muss  erst  entziffert  werden.  Im  par- 
thischen  Reiche  werden  die  alten  Lehren  hervorgesucht,  vermehrt, 
kommentiert  und  gehandhabt. 

Alexander  soll  bei  der  Unterwerfung  Persiens  die  heiligen  Bücher 
vernichtet  und  nur  die  Schriften  über  Heil-  und  Sternkunde  ver- 
schont haben.  Auch  von  den  anderen  Büchern  sollen  die  Reste 
später  wieder  gesammelt  sein.  Der  Inhalt  wurde  aber  schon  zur 
römischen  Kaiserzeit  scharf  vor  Fremden  gehütet  und  in  mehr  oder 
weniger  veränderter  Form  bis  auf  den  kleinen  Rest  der  heutigen 
Parsen  vererbt.  Dass  ein  Franzose  Anquetil  du  Perron  1771  sich 
durch  persönlichen  Verkehr  mit  den  Parsen  in  den  Stand  setzte,  eine 
französische  Uebersetzung  der  Zendavesta  zu  geben,  hat  zur  Folge, 
dass  auch  die  meisten  Arbeiten  über  die  Zendavesta  im  allgemeinen 
und  über  die  Heilkunde  der  Zendavesta  im  besonderen  der  franzö- 
sischen Litteratur  angehören.  Davon  ziehe  ich  vor  allem  Carsatelli 
und  Pergens  heran,  da  ich  in  den  Sprachen  der  Urtexte  nicht  be- 
wandert bin. 

Zu  dem  Dualismus  des  guten  und  bösen  Prinzipes  tritt  ein  Poly- 
theismus der  personifizierten  Naturkräfte.  Das  böse  Prinzip  des  Dua- 
lismus Angra  Mainyn  (Ahriman)  ist  der  Schöpfer  aller  Krankheiten 
und  allen  Unglücks.  Die  Schlange  (oder  die  Würmer)  das  Sinnbild 
des  Giftes  sind  die  Ursachen  der  Krankheiten.  So  erscheint  die 
Krankheit  als  etwas  Fremdes  in  den  Körper  Eingedrungenes  als 
Materia  peccans.  Die  angebliche  Zahl  dieser  Krankheiten  wechselt. 
Das  Vendidäd  nennt  99  999,  die  Uebersetzung  Gujarat  90  000,  das  Bun 
Dehesch  10000  und  das  Dinkart  nur  4333.  Die  aufgezählten  Krank- 
heitsnamen versuchen  diesen  Zahlen  in  keiner  Weise  nahe  zu  kommen. 
Für  die  Krankheitsauffassung  ist  bezeichnend,  dass  alles,  was  den 
Körper  verlässt,  als  unrein,  also  infektiös,  gilt. 

Die  Thätigkeit  des  Arztes  wird  dadurch  zu  einer  priesterlichen 
und  war  von  einer  Erfolgsprüfung  abhängig.  Der  Kandidat  musste 
drei  Vertreter  der  verstossenen  Kaste  ohne  Todesfall  behandeln,  um 
zur  Praxis   bei    rechtgläubigen   Parsen   zugelassen  zu   werden.    Die 


108  ^on  Oefele. 

Aerzte  gliedern  sich  in  Chirurgen,  Internisten  und  Beschwörer,  von 
welchen  die  Beschwörer  am  höchsten  geachtet  waren. 

Der  Kranke  war  unrein.  Von  einem  Krankheitsdämon  besessen, 
schied  er  Produkte  der  Krankheit  aus,  vor  allem  auch  bei  Hautkrank- 
heiten; so  konnte  diese  Gefahr  der  Infektion  selbst  zur  Isolation  des 
Unreinen  führen.  Der  Arzt  hatte  die  Aufgabe,  den  Krankheitsdämon 
auszutreiben  und  den  Kranken  zu  reinigen,  so  dass  er  wieder  ein 
brauchbares  Glied  der  Gesellschaft  wurde.  Die  Stellung  von  Patienten 
mit  erkennbar  unheilbaren  Krankheiten  war  somit  eine  höchst  traurige. 
Thrita,  der  älteste  Arzt  der  persischen  Mythe,  erhielt  von  den  Göttern 
ein  goldenes  Operationsmesser  und  ausser  dem  Lebensbaume  10000 
Arzneipflanzen.  Unter  letzteren  soll  Cannabis,  eine  Lauchart,  Benzoe, 
Aloe  und  Granate  sich  befinden. 

Trotz  der  scharfen  religiösen  Abgrenzung  der  unreinen  Dinge 
befindet  sich  unter  den  Medikamenten  der  Rinderharn.  Unter  den 
Amuletten  sind  Rabenknochen  und  Rabenfedern  zu  erwähnen. 

Die  Behandlungstaxe  war  nach  dem  Stande  des  Patienten  wechselnd 
festgesetzt  und  stand  darum  in  keinem  Verhältnisse  zur  Leistung  des 
Arztes.  Die  Bezahlung  erscheint  auch  nicht  als  Honorierung  der 
Einzelleistungen,  sondern  als  Pauschalsumme  für  die  Uebernahme  eines 
einzelnen  Falles  von  Erkrankung.  Ob  bei  Misserfolg  resp.  im  Todes- 
fall die  Honorierung  unterblieb,  ist  nicht  zu  ersehen.  Die  Aerzte  für 
Menschen  behandelten  auch  die  Tiere. 

Alle  unnatürlichen  Vorgänge  und  Einwirkungen  im  Bereich  des 
Geschlechtslebens  sind  verboten,  teilweise  bei  Todesstrafe.  Dahin  ge- 
gehört Samenfluss,  Masturbation,  Päderastie,  Prostitution,  Abortus, 
Todgeburt;  selbst  die  Menstruation  macht,  wie  überall  im  Orient,  un- 
rein. Da  die  ganze  Medizin  religiös  gehalten  ist  oder  umgekehrt  uns 
nur  die  religiöse  Seite  der  Medizin  in  den  Religionsvorschriften  erhalten 
ist,  so  verstehen  sich  auch  die  religiös  begründeten  Vorschriften  für 
die  Menstruation. 

Für  die  eigentümliche  Totenbestattung  der  Parsen  bestehen  aus- 
führliche Vorschriften,  aus  welchen  hervorgeht,  dass  eine  frische  Leiche 
für  unreiner  gilt  als  eine  Leiche  in  Verwesung. 

Zeitlicli  ist  das  Bild,  welches  sich  solcher  Gestalt  aus  den  heiligen 
Büchern  der  Perser  zusammenstellen  lässt,  nicht  einheitlich.  Schon 
die  Quellen  zeigen  dies  in  einer  auffallenden  Weise.  Im  7,  Kapitel 
des  Vendidad  in  den  Paragraphen  20  bis  22  findet  sich  das  Material 
noch  in  der  alten  Sprache  des  Zend.  In  dem  speziellen  Kapitel  über 
Medizin  des  Dinkart  ist  ein  Pehleviwerk  erhalten.  Beide  Stücke  als 
Medizinalgesetz  im  Verhältnis  von  Urtext  und  Auslegung  waren  zur 
Zeit  der  Sassaniden  gültig.  Eine  engere  Begrenzung  ist  aber  nicht 
möglich.  Der  genauere  Einblick,  welcher  uns  durch  die  Schriften  des 
Abu  Mansur  Muwaffak  ben  Ali  Harawi  in  die  persische  Medizin  gewährt 
wird,  gehört,  weil  nach  Muhamed,  nicht  mehr  zu  diesem  Abschnitt 
(968—977  n.  Chr.). 

In  Syrien  und  Mesopotamien  gründeten  in  den  ersten  Jahrhunderten 
unserer  Zeitrechnung  Juden  und  Nestorianer  berühmte  Schulen,  welche 
auch  dem  Studium  der  Heilkunde  dienten.  Es  seien  Djondisabur, 
Edessa  und  Nisibis  erwähnt.  Die  Pflege  der  Medizin  und  Natur- 
wissenschaften in  Kleinasien  brachte  die  syrischen  Uebersetzungen 
des  Dioskurides,  der  Geoponica,  des  Physiologus  und  anderen  hervor, 


Vorhippokratische  Medizin  Westasiens,  Aegj-ptens  und  der  mediterranen  Vorarier.    109 

welche  in  der  Eückübersetzung  der  erhaltenen  Handschriften  wert- 
volle Mittel  zur  Kritik  der  griechischen  \ielfach  verstümmelten  Texte 
ergeben. 

Djondisabur  als  persische  Universität  für  Kirchen-  und  Laien- 
wissenschaft begann  unter  Chosroes  I.  (532 — 579  n.  Chr.)  zu  blühen. 
Hier  bestand  ein  Spital  und  eine  Apotheke,  und  die  Namen  mehrerer 
Aerzte  sind  bekannt.  Ausser  der  sj'rischen  Medizin  wurde  von  oben 
herunter  eine  möglichst  weitgehende  Verpflanzung  der  Sanskritmedizin 
nach  Persien  in  dieser  Zeit  unterstützt. 


Während  des  Druckes  teilte  W.  Max  Müller  aus  Kairo  mit, 
dass  ein  neuer  grosser  hieratischer  medizinischer  Papyrus  für  die 
University  of  California  gekauft  wurde.  Die  bisher  aufgerollten  Seiten 
enthalten  nur  Eezepte,  welche  schon  aus  Papyrus  Ebers  bekannt  sind, 
aber  in  anderer  Anordnung.  Man  envartet,  wenn  das  Ganze  auf- 
gerollt ist,  in  ägyptologischen  Kreisen  mit  grosser  Spannung  ein 
Duplikat  zu  Papyrus  Ebers. 


Die  Medizin  der  Juden. 

Von 
J.  Preuss  (Berlin). 

Litteratur. 

Joh.  Georg  Gross,  S.  Theol.  D.,  Compendium  Medicinae  ex  Scripturä  Sacra 
depromtum.  Basil.  1620.  8°.  —  Biujaniin  Mussdphia,  Alias  Dionysii 
dicti:  Sacro-Medicae  Sententiae.    Hamburg  1640.    12^.   —    Thomas  Bartholin, 

De  morbis  biblicis  miscellanea  medica.  Franeof.  {1672).  1693.  8°;  1705.  4**.  — • 
Georg  Goetz,  Medicinae  practicus:  Variae  celeber.  mediconim  observat.  quibus 
multa  loca  Novi  Testamenti  docte  illustrantur.  Fascic.  pjrimus.  Altorph.  1740.  8^. 
(Fortsetzg.":)  —  floh.  Jac.  Schniiät,  Pastor,  Biblischer  Medicus.  Züllichau  1743. 
8  *'.  —  Rieh.  Mead,  Medic.  reg. :  Medica  sacra  sive,  de  morbis  insignioribus,  qui 
in  Bibliis  memorantur.  Land.  1749.  Nachdruck:  Amstelod.  1749.  Deutsch:  Lpz. 
1777.  —  €hr.  Tob.  Ephr.  Meinhard,  Dr.  med.,  Bibelkrankheiten,  welche  im 
alten  Testamente  vorkommen,  erster  u.  anderer  Theil.  Frankf.  u.  Lpz.  1767.  III. 
u.  IV.  Buch  ibid.  V.  Buch  {neues  Test.)  ibid.  1768.  —  J.  C.  Trnsen,  Oberstabs- 
arzt, Darstellung  der  bibl.  Krankht.  Posen  1843.  8'*;  Breslau  18-53.  8°.  —  J.  B. 
Friedreich  {Prof.  med.  forens.).  Zur  Bibel.  Naturhistorische,  anthropol.  imd 
mediein.  Fragmente.  2  T.  Nürnbg.  1848.  8".  —  Sir  Bidson  Bennet,  -The 
diseases  of  the  Bible.  {Oxford)  1887.  1891.  8°.  —  IFilli.  Ebstein,  Die  Medizin 
im  alten  Testament.    Stuttg.  1901.    8". 


Benj.  Wolff  Gintzburger,  praes.  Georg  Gottlob  Richter,  Disp.  inaug. 
med.,  qua  Medicinam  ex  Talmudicis  illustrat.  Gotting.  1743.  4".  Auch  in  Picht  er' s 
opusc.  med.  Franeof.  u.  Lpz.  1780.  tom.  I  No.  7.  —  Abr.  Hartog  Israels, 
Diss.  hist.-med.  exhibens  Collectanea  Gynaecologica  ex  Talmude  Babylonico.  Groning. 
1845.    8°. —  B.  tT.  Wunderbar,  Biblisch-talmudische  Medizin.    Riga  1850 — 1860. 

—  Josef  Berget  {toie  der  vorige,  Lehrer),  Die  Medizin  der  Talmudisten.  Lpz.  1885.  — 
»7.  31.  Babbinowicz,  La  medecine  du  Thalmud.  Paris  1880.  8°  {enthält  nur 
Excerpte).  —  Derselbe,  Einleitg.  in  die  Gesetzgebung  und  die  Medizin  des  Tlialmuds. 
Deutsch  von  Mayer.  Trier  1881.  8°.  —  Der  .Joce  dophen-Streit:  Baivitzki-Kotel- 
niann,  Virch.  Archiv  1880— 1884;  Israels,  Nederl.  Tydschr.  voor  Geneeskd.  1882  II; 
Pinkhoff  ibid.  1888  I.  —  L.  Kazenelson,  Dr.  med.,  Die  normale  und  patho- 
logische Anatomie  des  Talmud.    Koberfs  pharmakol.  Studien.    Bd.  V.    Lpz.  1896. 

—  tf.  Preiiss,  Dr.  med.,  Materialien  zur  Geschichte  der  bibl.-talmud.  Medizin :  der 
Arzt,  Vir  eh.  Arch.  Bd.  138;  Auge,  W.  med.  W.  1896;  Mundhöhle,  D.  Med.-Ztg. 
1897 ;  Beschneidung,  W.  Min.  Rundschau  1897 ;  Bauchhöhle,  Allg.  med.  Centralztg. 
1898 ;  männl.  Genitalien,  W.  med.  Wochenschr.  1898 ;  Nervensystem,  D.  Mediz.-Ztg. 
1899;  Nerven-  und  Geisteskrankh.,  Ztschr.  f.  Psych.  1899;  lirusthöhle,  Allg.  med. 
Centralztg.  1899;  Nase  und  Ohr,  ibid.  1899;  Chirurgie,  D.  Ztschr.  f.  Chirurgie  1901. 

Die  cit.  Schriften  enthalten  Nachweise  auch  der  übrigen  ausserordentlich  um- 
fangreichen Litteratur. 


Die  Medizin  der  Juden.  111 

Die  Medizin  der  Juden  nimmt  in  der  Gescliiclite  der  Heilkunde 
insofern  eine  Sonderstellung  ein,  als  unsere  Kenntnis  dei^elben  aus 
nichtärztlichen  Schriften  fliesst.  Die  gesamte  altjüdisclie  Litteratur 
gellt  auf  den  Pentateucli  zurück,  dem  sich  die  übrigen  Bücher  der 
Bibel  in  Form  von  Chroniken  oder  Dichtungen  anschliessen.  Neben 
dieser  „schriftlichen  Lehre*'  geht  die  mündliche  einher,  die  dem  Mose 
gleichfalls  auf  Sinai  offenbart,  von  ihm  aber  nicht  aufgezeichnet  wurde. 
Sie  pflanzt  sich  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  durch  mündliche  Ueber- 
lieferung  fort,  Schriftauslegungen  und  rabbinische  Verordnungen  auf- 
nehmend, bis  im  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  Rabbi  Jehuda  ha-nasi  (der 
Fürst)  das  umfangreiche  Material  unter  dem  Namen  M  i  s  c  h  n  a  sammelt 
und  redigiert.  Eine  andere  derartige  Sammlung  ist  als  „Tosephtha" 
auf  uns  gekommen.  An  diese  Schriften  schliessen  sich  ausführliche 
Diskussionen  mit  Abschweifungen  auf  alle  Gebiete  des  Wissens,  der 
Sage  und  Legende,  die  dann  ihrerseits  wieder  im  Anschluss  an  die 
einzelnen  Sätze  der  Mischna  geordnet  und  unter  dem  Namen  Geniara 
vereinigt  wurden.  Als  Urheber  der  älteren  Sammlung,  der  palästinen- 
sischen Gemara  (des  Jeruschalmi),  gilt  R.  Jochanan  im  Anfang  des 
dritten,  als  der  des  babylonischen  Talmuds,  des  Babli,  R.  Asche  im 
6.  Jahrhundert.  Mischna  und  bab3'lonische  Gemara  heissen  Talmud 
im  engeren  Sinne.  Andere  Sammlungen,  die  Midraschim  genannt 
werden,  enthalten  nur  Schriftauslegungen  meist  homiletischer  Natur 
und  zwar  nach  der  Reihenfolge  der  Bibelverse  geordnet.  Sie  sind  in 
den  verschiedensten  Zeiten  angelegt. 

Eine  Schrift  rein  ärztlichen  Inhalts  aus  dem  jüdischen  Altertum 
existiert  dagegen  nicht,  nicht  einmal  ein  naturhistorisches  Sammel- 
werk, wie  etwa  das  des  Plinius.  Bibel  und  Talmud  sind  in  erster 
Reihe  Gesetzbücher,  die  ärztliche  Dinge  in  der  Hauptsache  nur 
insoweit  behandeln,  als  sie  dem  Gesetz  unterstellt  waren.  Von  irgend 
einer  medizinischen  Systematik  kann  daher,  vielleicht  mit  einer  ein- 
zigen noch  zu  erwähnenden  Ausnahme,  gar  keine  Rede  sein.  Die 
Mitteilungen  stammen  von  den  verschiedensten  Autoren,  aus  den  ver- 
schiedensten Zeiten  und  Ländern,  von  Männern  der  Wissenschaft  so- 
wohl als  auch  von  Laien.  Eine  jüdische  Medizin  alsAnalogon 
etwa  der  ägyptischen  odei-  griechischen  giebt  es  daher 
nicht.  Die  ersten  jüdischen  Aerzte,  die  in  der  Heilkunde  litterarisch 
sich  bethätigen,  sind  Araber,  die  auch  in  der  Sprache  ihres  Heimat- 
landes schreiben.  Das  älteste  Fragment  eines  ärztlichen  Werkes  in 
hebräischer  Sprache  stammt  von  Donnolo,  einem  italischen  Juden  des 
10.  Jahrhunderts,  und  stellt  eine  Rezeptsammlung  dar. 

I. 

Die  Ersten,  denen  die  Bibel  den  Namen  röphe  (Arzt,  Heiler)  bei- 
legt, sind  die  ägyptischen  Paraschisten,  die  die  Leiche  des  Patriarchen 
Jakob  ein'balsam'ieren.  Dieser  Name  rophe  ist  fortan  der  einzig  ge- 
bräuchliche für  jeden  ärztlichen  Praktiker,  den  Internisten  sowohl  als 
auch  den  Chirurgen  und  Augenarzt  und,  soweit  davon  im  Altertum  die 
Rede  sein  kann,  auch  den  Gynäkologen  und  Geburtshelfer.  Dass  auch 
der  Priester  ärztliche  Funktionen  ausgeübt  habe,  nimmt  man  zwar 
gewöhnlich  aus  vergleichend  ethnologischen  Gründen  an,  doch  hat 
er  in  den  Quellen  nur  die  Funktion  des  Gesundheitsbeamten,  und  zur 
Zeit  des  Königs  Hiskia  (um  720  v.  Chr.)  erscheint  er  schon  neben 


112  J.  Preuss. 

dem  Arzte.  Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  dass  die  Priester,  ebenso 
wie  die  Propheten,  ärztlicher  Kenntnisse  bar  gewesen  seien. 

Namen  von  Aerzten  sind  im  Talmud  sehr  selten  und  wo  sie  er- 
scheinen, wird  von  ihren  Fachkenntnissen  wenig  mitgeteilt.  Ein  Arzt 
Thodos,  der  noch  zur  Zeit  des  Tempels  lebte,  und  dessen  Identität 
mit  dem  gleichnamigen  griechischen  Empiriker  man  geraten  hat,  be- 
richtet, dass  man  in  Alexandria  jedes  Mutterschwein  vor  dem  Export 
kastriert  habe  und  begutachtet,  dass  eine  ihm  vorgelegte  Anzahl 
Wirbel  nicht  von  demselben  Menschen  stamme.  Schüler  des  B.  Ismael 
obduzieren  (kochen)  um  100  p.  Chr.  den  Körper  einer  zum  Tode 
verurteilten  Prostituierten,  um  die  Zahl  der  Glieder  des  menschlichen 
Körpers  zu  bestimmen.  R.  Ismael  berichtet  auch  von  Vivisektionen 
an  Verbrecherinnen  in  Alexandria,  wie  denn  überhaupt  die  Beziehungen 
zwischen  jüdischen  und  alexandrinischen  Aerzten  sehr  enge  gewesen 
zu  sein  scheinen  und  jedenfalls  eingehender  Untersuchung  noch  wert 
sind.  Dass  jüdische  Aerzte  auch  in  Alexandrien  gelebt  haben,  kann 
als  sicher  gelten.  Ein  anderer,  späterer  Kreis  ärztlicher  Praktiker 
gehört  den  babylonischen  Juden  an,  unter  denen  sich  besonders  Mar 
Samuel  (165 — 257)  einen  Namen  gemacht  hat.  Er  ist,  wie  alle  seine 
Landsleute  (Chaldäer),  gleichzeitig  Astrolog.  Man  kannte  von  ihm 
ein  „collyrium  Samuelis",  dessen  Wert  er  aber  selbst  nicht  hoch  an- 
schlägt, vielmehr  hält  er  klares  Wasser  für  das  beste  aller  Augenwässer. 
Er  lehrt,  dass  wenn  man  einem  lebenden  Tiere  das  Genick  bricht  und 
ihm  dann  den  Hals  durchschneidet,  das  Fleisch  nicht  ausblutet.  Von 
ihm  stammt  die  forensisch  wichtige  Lehre,  dass  die  Defloration  unter 
Umständen  auch  ohne  Blutung  stattfinden  könne.  Der  weitaus  grösste 
Teil  der  ärztlichen  Aussprüche  aber,  die  sich  im  Talmud  finden,  ist 
anonyme  Tradition,  so  dass  eine  Datierung  derselben  häufig  nicht  ein- 
mal annähernd  möglich  ist. 

Von  der  Verantwortlichkeit  des  Arztes  wird  besonders  in  der 
Tosefta  öfters  gesprochen.  Schadet  er  einem  Kranken  absichtlich,  so 
ist  er  strafbar  „um  der  Weltordnung  willen",  ist  die  Beschädigung 
durch  einen  Irrtum  des  Arztes  veranlasst,  so  greift  das  irdische  Ge- 
richt nicht  ein,  sondern  seine  Aburteilung  bleibt  dem  Himmel  auf- 
bewahrt.  Dagegen  ist  er  für  Fahrlässigkeit  auch  auf  Erden  haft- 
pflichtig. Diese  Gesetze  gelten  übrigens  nur  für  den  Arzt,  „der  heilt 
mit  Erlaubnis  der  Behörde",  während  der  Nichtapprobierte  dem  ge- 
meinen Recht  unterliegt,  also  auch  bei  Schaden  durch  Irrtum  haft- 
pflichtig ist.  Griechenland  und  Rom  bestraften,  wie  bekannt,  den 
Arzt  selbst  bei  vorsätzlicher  Tötung  des  Kranken  nicht. 

In  der  Bibel  hat  von  jeher  das  Kapitel  von  der  gara'^ath 
(Levit.  13)  das  Interesse  der  Aerzte  erregt.  Dass  es  sich  um  die  Lepra 
der  Haut  handelt,  darf  als  ausgemacht  gelten  trotz  der  mehr  oder 
minder  geistreichen  Hypothesen,  die  die  Neuzeit  wieder  gebracht  hat. 
Es  wird  die  Diiferentialdiagnose  zwischen  anderen  schuppenden,  fleckigen 
Erkrankungen  der  Haut  gegeben,  im  Zweifel  wird  der  Kranke  auf 
eine  oder  zwei  Wochen  eingeschlossen  (isoliert)  und,  falls  sich  wirk- 
liche Lepra  herausstellt,  dauernd  aus  dem  Lager  entfernt  und  ihm  die 
Verpflichtung  auferlegt,  jeden,  der  sich  ihm  nähert,  durch  Zuruf  auf 
seine  Krankheit  aufmerksam  zu  machen. 


Die  Medizin  der  Juden.  113 

Hervorzuheben  sind  ferner  aus  der  Bibel  die  Vorschriften  über 
die  Gonorrhoiker  (zabim),  über  Menstruierende  und  Wöchnerinnen, 
die  Speisegesetze,  unter  denen  das  wiederholt  mit  grosser  Strenge  ein- 
geschärfte Verbot  des  Blutgenusses  besonders  bemerkenswert  ist,  das 
ebenfalls  mit  Nachdruck  betonte  Gebot  der  Sabbathruhe,  die  auch 
Sklaven  und  Vieh  umfasst,  und  manches  andere,  das  allgemein  bekannt 
ist.  Aber  ob  alle  diese  Gesetze  in  hj^gienischer  Absicht  gegeben  oder 
ob  ihnen  kultuelle,  ethische  oder  sonstige  ErAvägungen  zu  Grunde  liegen, 
das  sagen  uns  die  Quellen  nicht,  wenn  sich  dem  modernen  Leser  auch 
diese  Meinung  mit  zwingender  Gewalt  aufdrängt.  Dass  dagegen  die 
strikte  Befolgung  dieser  Vorschriften  auf  die  Gesundheit  des  Volkes 
resp.  des  Individuums  von  heilsamstem  Eiufluss  sein  musste,  leuchtet 
ohne  weiteres  ein. 

„Interessante  Fälle"  aus  der  Bibel  sind:  die  Beulenpest  mit  dem 
Mäusesterben  bei  den  Philistern,  die  Anfälle  von  Petit  mal  des  Königs 
Saul  und  die  Epilepsie  und  Melancholia  agitata  der  Besessenen  in  den 
Evangelien. 

Geburtshilflich  wird  (aus  der  Aegypterzeit)  ein  Gebärstuhl,  obnajim, 
erwähnt.  Die  Institution  der  Hebammen  ist  bekannt,  ihre  Leistungen 
iDeschränken  sich  auf  das  Vertrösten  der  Kreissenden.  Abnorme  Ent- 
bindungen sind  die  der  Rebecca,  bei  der  bei  der  Geburt  des  zweiten 
Zwillings  ein  Arm  vorfällt,  und  die  der  Rahel,  die,  vielleicht  infolge 
von  Uterusatonie,  bei  der  Entbindung  stirbt.  Thamar  erleidet  bei 
ihrer  Zwillingsgeburt  einen  Dammriss,  während  der  zweite  Zwilling 
durch  Selbstwendung  spontan  zur  Welt  kommt.  Das  Weib  des  Pinchas 
(I.  Sam.  4,  19)  stirbt  bei  einer  infolge  heftigen  Schrecks  eingetreteneu 
Frühgeburt. 

lIL 

Die  Miscliiia  hat  verschiedentlich  Veranlassung,  ärztliche  Dinge 
^u  besprechen.  Die  Zahl  der  Glieder  (Knochen)  des  menschlichen 
Körpers  wird  auf  248  angegeben,  was  der  Wahrheit  entspricht,  wenn 
man,  wozu  triftige  Gründe  vorliegen,  mit  Kazenelson  annimmt,  mau 
habe  die  Leiche  einer  16 — 17  Jahre  alten  Person  gekocht,  wobei  die 
noch  niclit  durch  feste  Verknöcherung  verschmolzenen  Skeletteile  aus- 
einanderfielen. Das  biblische  Gesetz,  dass  sowohl  der  Priester  als  auch 
das  von  ihm  darzubringende  Opfer  ohne  Körperfehl  sein  soll,  bildet 
den  Grund  zu  einer  Art  Musterungsvorschrift,  in  der  alle  Fehler,  die 
dienstuntauglich  machen,  aufgezählt  werden:  eine  ganze  Anzahl  von 
Augenleiden,  besonders  Hornhautflecke  und  Staar,  Verunstaltungen  der 
Nase  (durch  Lepra),  sowie  zahlreiche  Missbilduiigen  des  Schädels,  der 
Wirbelsäule  und  dei;  Extremitäten ;  ferner  Abnormitäten  der  Genitalien : 
die  verschiedenen  Arten  von  Kryptorchismus  —  ein  Fall  von  Retentio 
testis  lumbalis  beim  Tier  wird  aus  dem  1.  nachchristlichen  Jahr- 
hundert beschrieben  —  und  der  Spadonie.  Zu  letzterer  rechnet  R. 
Ismael  auch  den  meroach  eschek  der  Bibel  („seine  Hoden  sind  zer- 
drückt", Levit.  21,  20),  während  R.  Akiba  darunter  die  Pneumatokele 
der  Alexandriner  versteht  („er  hat  Luft  in  seinen  Hoden'*).  Dienst- 
untauglich ist  auch  der  Epileptiker,  der  Taubstumme  und  Geisteskranke. 

Auf  die  Abnormitäten  der  Genitalien  näher  einzugehen,  geben  auch  die 
Ehegesetze  Veranlassung.  Dem  Manne  mit  zerquetschten  Hoden  oder  zer- 
schnittener Harnröhre  verbietet  schon  die  Bibel  die  Ehe  (Deut.  23, 2).  Der 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  8 


114  J-  Preuss. 

ersten  Kategorie  setzt  die  Mischiia  alle  Formen  des  Kasti-atentums  gleich, 
die  übrigens  die  Bibel  gleichfalls  schon  erwähnt  und  bei  Menschen 
und  Tieren  auszuführen  verbietet;  zur  letzteren  Form  gehören  auch 
die  Fisteln  und  Spaltbildungen  des  Penis,  falls  sie  den  Penisschaft, 
nicht  bloss  die  Glans  betreffen.  Als  „Merkmale  des  Kastraten"  werden 
angegeben :  er  hat  keinen  Bart,  sein  Haar  ist  weich,  seine  Haut  glatt, 
er  lässt  seinen  Harn  nicht  im  Bogen,  seine  Stimme  ist  hoch,  sodass 
sie  von  der  einer  Frau  nicht  zu  unterscheiden  ist,  sein  Körper  dampft 
nicht,  selbst  wenn  er  zur  Kegenzeit  in  kaltem  Wasser  gebadet  hat. 
Unterschieden  wird  „der  saris  durch  Menschenhand'',  der  eigentliche 
Kastrat,  von  dem  saris  chammah,  dessen  Genitalien  auf  kindlicher 
Stufe  der  Entwicklung  stehen  geblieben  sind,  wie  dies  infolge  Lepra 
ja  auch  heute  noch  nicht  selten  beobachtet  wird.  Eheunfähig  sind 
auch  die  Zwitterformen  des  Androgynos  und  tumtom  (Krypsorchis). 

Gynäkologisch-geburtshilfliche  Bemerkungen  finden  sich  in  den 
Ausführungsgesetzen  der  biblischen  Verordnungen  über  Menstruation 
und  Wochenbett.  Die  Vagina  wird  vom  Uterus  unterschieden.  Die 
Pubertät,  deren  Eintritt  die  Straf-  und  Ehemündigkeit  bedingt,  er- 
scheint beim  Weibe  früher  als  beim  Manne.  Bei  beginnender  Pubertät 
bildet  sich  unter  der  Brustdrüse  eine  Falte,  die  Mamma  neigt  sich 
nach  vorn  über,  der  Warzenhof  färbt  sich  dunkler,  die  Mamilla  lässt 
sich  eindrücken  und  richtet  sich  erst  langsam  wieder  auf. 

Die  Dauer  der  regelmässigen  Menses  normiert  die  Bibel  auf  längstens 
7  Tage,  unterschieden  davon  werden  protrahierte  Blutungen  und  .,Blu- 
tungen  nicht  zur  Zeit  der  Menses".  Schreck  und  sonstige  heftige 
psychische  Erregungen  können  früheren  Eintritt  bedingen.  Da  auf  die 
Kohabitation  mit  einer  Menstruierenden  oder  sonst  „aus  dem  Blutquell" 
(Uterus)  blutenden  Frau  die  Bibel  die  Strafe  der  Vertilgung  durch 
Gottes  Hand  setzt,  so  werden  detaillierte  Anweisungen  zur  Unter- 
scheidung dieses  Blutes  von  anderem  nötig.  Subjektive  Zeichen  des 
„Unwohlseins"  sind :  Gähnen,  Niesen,  abnorme  Sensationen  in  der  Nabel- 
gegend und  im  Unterleibe,  Fluor,  Fieberschauer. 

Aus  demselben  Grunde  war  auch  die  Diagnose  einer  stattgehabten 
Entbindung  erforderlich.  Abgegangene  Klumpen  werden  in  Wasser 
gelegt,  lösen  sie  sich  auf,  so  bestehen  sie  aus  Blut.  Ein  sandalen- 
artiger  Fötus  (F.  papyraceus)  ist  nur  möglich,  wenn  gleichzeitig  ein 
andei'er,  normaler,  da  ist.  Zwillinge  können  gemeinsame  oder  ge- 
sonderte Eihäute  haben.  Embryotomie  am  lebenden  Kinde  darf  nur 
ausgeführt  werden,  bevor  der  Kopf  den  Scheideneingang  verlassen  hat, 
später  vernichtet  man  nicht  ein  Leben  um  eines  anderen  willen. 
Einer  Hochschwangeren,  die  auf  dem  Gebärstuhl  verstorben  ist,  soll 
man  den  Leib  aufschneiden  und  das  Kind  herausnehmen,  da  es  vor- 
gekommen ist,  dass  das  Kind  nach  dem  Tode  der  Mutter  noch  gezuckt 
hat.  Schwierigkeiten  in  gesetzlicher  Beziehung  macht  das  „durch  die 
Wand  Geborene"  (joce  dophen).  Nach  Eabbi  Simon  ist  es  jedoch  „wie 
ein  geborenes"  anzusehen.  .  Schon  diese  Bemerkung  zeigt,  dass  joce 
dophen  nicht,  wie  man  auf  scholastischem  Wege  beweisen  wollte, 
ein  durch  centralen  Dammriss  geborenes  Kind  sein  kann,  dass  viel- 
mehr die  übereinstimmende  Tradition  der  Kommentare  im  Eecht  ist, 
die  darunter  den  Kaiserschnitt  an  der  Lebenden  und  unter  der  „Wand" 
die  Bauchwand  versteht.  Thatsache  ist,  dass  die  Mischnagesetze 
mehrfach  mit  dem  lebenden  joce  dophen  und  seiner  ebenfalls  lebenden 
Mutter  (glücklicher  Ausgang  für  Mutter  und  Kind)  rechnen,  wobei 


Die  Medizin  der  Juden.  115 

dahingestellt  bleiben  möge,  ob  diese  Annahme  auf  Beobachtung  oder, 
wie  Israels  wollte,  auf  einem  theoretischen  Analogieschluss  von  dem 
allgemein  bekannten  Kaiserschnitt  an  der  Toten  beruht. 

Die  geschlechtliche  Differenzierung  der  Frucht  ist  mit  dem  41.  Tage 
vollendet,  nach  R.  Ismael  jedoch,  der  Gelegenheit  hatte,  in  Alexandria 
eine  schwangere  Verbrecherin  vivisezieren  zu  sehen,  kann  die  Dia- 
gnose der  weiblichen  Frucht  erst  mit  dem  81.  Tage  gestellt  werden. 
Achtmonatskinder  sind  nicht  lebensfähig,  wohl  aber  im  7.  Monat  ge- 
borene. 

Ein  ausführliches  Kapitel  ist  den  Hautkrankheiten  (nega'im)  ge- 
widmet. Der  biblische  Name  Qar'^aath  für  den  Aussatz  ist  aber  aus 
der  Sprache  für  immer  geschwunden,  man  diskutiert  nur  noch  die 
beiden  Einzelformen  der  wie  Schnee  glitzernden  bahereth  und  der 
stumpfen,  in  ihrer  Farbe  der  Schalenhaut  des  Eies  gleichenden  seeth, 
macht  darauf  aufmerksam,  dass  eine  Atfektion  auf  der  Haut  eines 
Germanen  anders  aussehe  als  auf  der  eines  ]\Iohren  und  wieder  anders 
bei  einem  in  der  Hautfarbe  zwischen  beiden  stehenden  Semiten.  ]\[an 
lässt  den  Leprösen  zum  Lehrhause  zu,  trennt  ihn  aber  von  den  übrigen 
Besuchern  durch  eine  10  Handbreit  hohe  AVand,'  er  muss  zuerst  ein- 
treten und  zuletzt  herausgehen.  Noch  aus  der  Zeit  des  Tempels 
werden  Fälle  von  Lepra  mutilans  erwähnt.  Am  Rüsttage  des  Passah-*- 
festes  gingen  diese  Unglücklichen  in  Jerusalem  zum  Arzt,  um  sich 
ihre  „hängenden  gefühllosen  Glieder"  amputieren  zu  lassen,  da  sie  zur 
Darbringung  des  Opfers  nicht  durch  Totes  verunreinigt  sein  durften. 

Von  besonderem  Interesse  sind  die  Verordnungen  bei  Gelegenheit 
der  Speisegesetze.  Nach  biblischer  Vorschrift  ist  ein  gefallenes  oder 
von  wilden  Tieren  zerrissenes  Tier  (trepha)  zum  Genuss  verboten.  Die 
Mischna  nennt  als  trepha  alle  Tiere,  bei  denen  sich  Verletzungen  oder 
sonstige  abnorme  Zustände  an  inneren  Organen  finden,  denen  das 
Tier,  falls  es  nicht  geschlachtet  worden  wäre,  in  absehbarer  Zeit 
erlegen  wäre,  freilich  ohne  ausdrücklich  zu  lehren,  dass  der  Genuss 
solcher  Tiere  gesundheitsschädlich  sei.  Jedes  Schlachttier  muss  auf 
solche  Zustände  untersucht  werden.  Der  Gedanke  und  die  konsequente 
Durchführung  dieser  obligatorischen  Fleischschau  —  die  mit 
der  heidnischen  Opferschau  natürlich  gar  keine  Beziehungen  hat  — , 
die  ausnahmslos,  auch  für  Hausschlachtungen,  gilt,  bildet  den  Glanz- 
punkt der  talmudischen  Medizin  überhaupt,  mögen  auch  in  Einzel- 
heiten die  modernen  Anschauungen  von  denen  der  Mischna  abweichen. 
Gleichzeitig  geben  diese  Vorschriften  ein  ungefähres  Bild  der  chirur- 
gischen Veterinärpathologie  der  Tanaiten. 

Es  gelten  als  lebensgefährlich:  Perforation  des  Oesophagus,  Ab- 
reissung  der  Trachea  (aber  nicht  einfache  Perforation  oder  Längs- 
w^unden),  Perforation  der  Hirnhaut,  perforierende  Herzwunden,  Bruch 
der  Wirjjelsäule  mit  gleichzeitiger  Trennung  des  Rückenmarks,  voll- 
ständige Entfernung  der  Leber,  Perforation  oder  Defekte  der  Lunge, 
Perforation  des  Magendarmsystems,  soweit  dadurch  Speise-  oder  Kot- 
massen in  die  freie  Bauchhöhle  oder  in  das  umliegende  Zellgewebe 
austreten  können,  Perforation  der  Gallenblase.  Nicht  lebensgefährlich 
sind:  Entfernung  der  Milz,  der  Nieren,  des  Uterus,  grösserer  Leber- 
teile, fistulöse  Kommunikation  zwischen  Netzmagen  und  Blätter- 
magen. 

In  dieser  ganzen  Liste,  die  offenbar  eine  Art  Anleitung  für  den 
Fleischbeschauer  darstellt,  kommt  nicht  ein  einziger  griechischer  oder 


116  J.  Preuss. 

sonst  fremdsprachlicher  Terminus  vor,  so  dass  die  Annahme,  sie  sei 
von  Fremden  entlehnt,  wohl  ausgeschlossen  ist. 

IV. 

In  der  Gemara  werden  wieder  die  meisten  Einzelbestimmungen 
der  Mischna  einer  Besprechung  unterzogen.  Mar  bar  E.  Asche  hat 
einen  Penis  mit  Epispadie  wie  einen  Calamos  zurechtgeschnitten, 
wohl  nach  der  Technik,  die  wir  von  Antj^llus,  seinem  alexandrinischen 
Zeitgenossen,  kennen  (Oribas.  50,  3).  Für  Sperma  und  Harn  existieren 
zwei  gesonderte  Ausführungsgänge.  Dem  Kastraten  unter  den  Männern 
entspricht  bei  den  Frauen  die  ajlonith:  sie  hat  keine  Brüste,  hat 
Schmerzen  bei  der  Kohabitation,  Labien  und  Mons  veneris  sind  nicht 
wie  bei  anderen  Frauen  entwickelt,  sie  hat  selbst  als  20jährige  noch 
keine  Pubes,  ihre  Stimme  ist  männlich  -  rauh.  Sie  ist  nicht  ge- 
bärfähig. 

Auf  gynäkologischem  Gebiet  bringt  man  ein  Eohr,  das  oben  etwas 
Werg  trägt,  in  die  Vagina,  um  im  Zweifelsfalle  zu  entscheiden,  ob 
Blut  wirklich  aus  dem  Quell,  dem  Uterus,  stammt.  Die  Untersuchungen 
werden,  wie  im  Altertum  überhaupt  (Galen  K.  VIII.  433),  von  Frauen 
ausgeführt,  die  dem  Arzte  resp.  in  foro  Bericht  erstatten. 

Die  Dauer  der  Schwangerschaft  wird  auf  271—274  Tage  ange- 
geben. In  den  ersten  drei  Monaten  liegt  das  Kind  im  unteren  Teil 
seiner  Wohnung  (des  Abdomens  oder  des  Uterus?),  in  den  mittleren 
im  mittleren,  in  den  letzten  im  oberen  Teil.  Es  liegt  zusammengerollt 
wie  eine  Schreibtafel,  die  Arme  an  den  Schläfen,  die  Achselhöhlen  auf 
den  Knieen,  die  Fersen  gegen  die  Glutäen,  der  Kopf  liegt  zwischen 
den  Schenkeln,  der  Mund  ist  geschlossen,  der  Nabel  offen ;  es  isst  und 
trinkt  dasselbe  wie  die  Mutter,  hat  aber  keinen  Stuhl,  um  die  Mutter 
nicht  zu  töten.  Bei  der  Geburt  öffnet  sich  das  Geschlossene  und 
schliesst  sich  das  Offene,  sonst  könnte  es  keine  Stunde  leben  (R.  Samlai 
im  3.  Jahrhdt.). 

Wichtig  ist  eine  Bemerkung  des  R.  Zeira  im  Namen  des  R.  Huna 
(um  250  p.Chr.):  Alle  Früchte  sind  als  7 Monats- oder  9 Monatskinder 
angelegt.  Manche  der  ersteren  Kategorie  werden  einen  Monat  länger  im 
Uterus  zurückgehalten  und  bleiben  dann  am  Leben,  manche  der  letzteren 
Art  werden  einen  Monat  früher  geboren  und  sterben  dann  (j.  Keth.IV, 
5*^  Anf.).  Man  hat  also  zweifellos  beobachtet,  dass  auch  8  Monats- 
kinder am  Leben  bleiben,  nun  aber  auch  die  Theorie  aufzugeben,  die 
alle  Welt  glaubte,  dazu  konnte  man  sich  nicht  entschliessen. 

Ausführlich  sind  die  Diskussionen  über  die  trephoth.  Bänder 
(sirka)  zwischen  den  Pleurablättern  sind  nicht  Ligamenta  spuria,  sondern 
krankhafte  Gebilde :  bei  intakter  Serosa  entsteht  keine  sirka.  Bronchi- 
ektatische  Höhlen  werden  von  ulcerösen  geschieden.  Eingehend  werden 
die  Perlsuchtgebilde  auf  der  Pleura  geschildert,  aber  nicht  für  lebens- 
gefährlich erklärt.  Ist  von  der  Leber  soviel  wie'  eine  Olive  übrig  ge- 
blieben an  der  Stelle,  wo  die  Gallenblase  liegt,  sie  (die  Leber)  wächst, 
so  ist  eine  Restitutio  ad  integrum  möglich.  Ist  auch  nur  eine  Niere 
wie  faules  Fleisch  geworden,  so  dass  sie  beim  Anfassen  zerfällt,  oder 
ist  Eiter  im  Nierengewebe,  so  ist  das  Tier  trepha. 

Chirurgisch  interessant  ist  die  Lehre,  dass  die  Hand  der  Wunde 
schadet.  Ein  Heide  sieht  einen  Mann,  dem  durch-  einen  Sturz  vom 
Dache  der  Leib  geborsten  war,  so  dass  die  Därme  heraustraten.    Da 


Die  Medizin  der  Juden.  117 

liess  er  den  Sohn  des  Verletzten  holen  und  that,  wie  wenn  er  ihn  vor 
den  Augen  des  Vaters  töten  wollte.  Bei  diesem  Anblick  bekommt  der 
Kranke  einen  Ohnmachtsanfall,  seufzt  tief  auf,  die  Därme  treten  zurück 
und  jener  näht  den  Leib  zu,  ohne  den  Darm  berührt  zu  haben.  — 
Einem  Schaf  hat  man  ein  Stück  aus  der  Trachea  fensterartig  aus- 
geschnitten und  das  Tier,  nachdem  die  Wunde  durch  ein  Stück  Rohr- 
haut verschlossen  war,  am  Leben  erhalten  —  die  älteste  Erwähnung 
der  Tracheotomie  in  semitischen  Quellen,  soweit  bis  jetzt  bekannt. 
Den  sehr  fetten  R.  Elasar  bringt  man  in  ein  Marmorhaus,  giebt  ihm 
einen  Schlaftrunk  (Narkose)  und  nimmt  viele  Körbe  Fett  von  ihm. 
In  eine  Penisfistel  steckt  man  eine  grosse  Ameise,  lässt  sie  sich  fest- 
beissen  und  schneidet  ihr  dann  den  Kopf  ab,  der  einheilen  und  die 
Fistel  verschliessen  soll.  Die  Furcht  vor  eisernen  Instrumenten,  der 
man  im  Altertum  vielfach  begegnet  und  die  unter  den  Arabern  noch 
Fachchirurgen  teilen  (z.  B.  Abulkasem  IL  57),  findet  im  Talmud  ihren 
Ausdruck  in  dem  Satz,  dass  „Eisen  Entzündung  macht".  Daher 
schneidet  man  bei  Atresia  ani  die  den  After  verschliessende  Haut  mit 
einer  Gerstengranne  kreuzweis  ein.  Das  gewöhnliche  Operations- 
instrument ist  natürlich  trotzdem  das  Messer.  —  Für  verloren  ge- 
gangene Zähne  hat  man  den  künstlichen  „Zahn  von  Gold",  für  fehlende 
Glieder  eine  Prothese  qab,  vielleicht  ein  nach  Art  eines  Schuhes 
ausgehöhltes  Holzstück. 

Aus  dem  Gebiet  der  Neurologie  ist  der  Streit  Rabinas  und  R. 
Jemars  hervorzuheben  über  ein  Schaf,  dessen  Hinterbeine  nach- 
schleppten ;  der  eine  meinte,  es  leide  an  Ischias,  der  andere,  der  Faden 
der  Wirbelsäule  (das  Rückenmark)  sei  beschädigt.  JVLan  schlachtet 
das  Tier,  um  die  Diagnose  durch  die  Autopsie  zu  kontrollieren. 

Ausserordentlich  zahlreich  sind  die,  meist  in  Form  von  Aphorismen 
durch  den  ganzen  Talmud  zerstreut  vorkommenden  diätetischen  Regeln. 
Obenan  steht  die  Warnung  vor  plötzlicher  Aenderung  der  Lebensweise, 
denn  sie  führt  leicht  zu  choli  meajim,  den  im  Orient  so  gefürchteten 
Darmkrankheiten.  Von  gleicher  Wichtigkeit  ist  Massigkeit.  Das  Leid 
der  Schlaflosigkeit,  der  Uebelkeit,  der  Bauchschmerzen  ist  bei  den 
Unmässigen,  lehrte  schon  Ben  Sira,  und  „von  der  Mahlzeit,  die  dir 
gut  schmeckt,  zieh  deine  Hand  bei  Zeiten  weg,"  mahnte  R.  Jochanan. 
Laufen,  Sitzen,  Stehen  soll  man  gleichmässig  einteilen.  Wer  isst  ohne 
zu  trinken,  bekommt  Verdauungsstörungen;  man  vermeidet  sie  daher, 
wenn  man  sein  Essen  in  Wasser  schwimmen  macht.  Wichtig  ist  ein 
kräftiger  Morgenimbiss  und  wenn  möglich,  der  tägliche  Genuss  von 
frischem  Gemüse  oder  Kompo't.  Kinder  soll  man  nicht  an  Fleisch  und 
Wein  gewöhnen.  Leichte  Speisen  braucht  der  Mensch,  wenn  er  zur 
Welt  kommt  und  wenn  er  sich  anschickt,  sie  zu  verlassen.  —  Selbst 
bei  unheilbar  Kranken  verlangt  die  Humanität,  dass  der  Arzt  ihnen 
bestimmte  Diätvorschriften  gebe.  Man  soll  bedenken,  dass  der  Ge- 
sunde isst,  was  er  gerade  hat,  der  Kranke  aber  allerlei  Leckerbissen 
verlangt. 

Ganz  bekannt  ist  der  Einfluss  des  Klimas  auf  Gesunde  und  Kranke. 
Rabbi  wohnte  in  Beth  Schearim;  als  er  krank  wurde,  zog  er  nach 
Sephoris,  das  hoch  liegt  und  dessen  Luft  balsamisch  (bassim)  ist.  Der 
König,  der  seinen  kranken  Sohn  zur  Heilung  an  einen  anderen  Ort 
führt,  kommt  in  den  Gleichnissen  sehr  oft  vor.  Ebenso  bekannt  sind 
Bäder  „im  grossen  Meer,  in  den  heissen  Quellen  von  Tiberias  und  in 
den  Wassern  Sodoms",   die  man    „zur  Heilung"  nahm  (j.  Sabb.  14''), 


118  J.  Preixss. 

natürlich  auch  die  dem  ganzen  Orient  geläufigen  Dampfbäder  ebenso 
wie  Waschungen  und  Bäder  aus  Gründen  der  Sauberkeit,  der  Körper- 
pflege und  des  Kultus. 

Weitaus  das  Meiste  jedoch  aus  der  Zahl  der  ärztlichen  Bemer- 
kungen, die  die  Gemara  hat,  gehört  überhaupt  nicht  hierher,  sondern 
in  eine  Geschichte  der  Volksmedizin.  So  all  die  Lehren,  die  Abbaje 
von  einer  klugen  Frau,  seiner  Amme  oder  Mutter  erhalten  hat,  so  die 
Namen  von  Krankheiten  und  ihre  Kuren,  die  bei  der  Besprechung 
des  Gesetzes,  dass  bei  gefährlichen  Erkrankungen  die  Sabbatvorschriften 
nicht  beobachtet  werden  dürfen,  und  bei  anderen  Gelegenheiten  auf- 
gezählt werden.  Hier  treffen  wir  in  der  Aetiologie  die  Dämonen  aus 
Persien,  die  Astrologie  aus  Babylon,  das  Pneuma  aus  Griechenland,  in 
der  Therapie  das  Besprechen  von  Wunden  und  manches  Andere,  das 
die  mischnischen  Schriften  noch  als  heidnischen  Aberglauben  verbieten, 
die  Amulete  und  Beschwörungsformeln.  Die  Namen  der  Krankheiten, 
häufig  auch  die  der  Medikamente,  sind  fremdsprachlich,  meist  griechisch. 
Ein  sehr  spätes  Einschiebsel  scheint  eine  nach  Körperteilen  syste- 
matisch geordnete  Eezeptsammlung  zu  sein,  die  sich  Gitt.  69 ab 
fiindet.    Sie  rührt  vielleicht  erst  von  Kabina  aus  dem  6.  Jahrhdt.  her. 

Zur  Zeit  des  Midrasch  hat  im  Volke  griechische  Freude  an  der 
Schönheit  der  äusseren  Form  über  den  rein  auf  das  Abstrakte  ge- 
richteten bilderlosen  Kult  des  Judentums  gesiegt ;  die  Priester  schelten 
über  das  Verweilen  in  Theater  und  Cirkus,  über  die  laxen  Sitten 
Griechenlands  und  Roms,  die  auch  ihre  Umgebung  anzustecken  drohen, 
und  manche  Bemerkung  in  den  Gleichnissen,  z.  B.  über  hysterische 
Stummheit,  ist  auch  für  die  Medizingeschichte  interessant.  Aber 
bereits  sind  die  Juden  unter  alle  Völker  der  Erde  versprengt  und  ihre 
Leistungen  gehören  der  Geschichte  des  Volkes  an,  das  sie  aufge- 
nommen hat. 


Indische  Medizin. 

Von  Iwan  Blocli. 


Litteraturverzeichnis 

(in  chronologischer  Reiheufolg-e).  ^ 

Die  ältere  Litteratur  bis  1875  hei  Haeser^  „Lehrbuch  dei'  Geschichte  der 
Medizin"  I  S.  5  {tcozu  noch  nachzutragen:  J.  II.  Fürstenau  und  Johannes 
J*hUipp  Pancmunn,  „Spicileginm  observationum  de  Indorum  morbis  et  medicina^', 
Rinteln  1735,  abgedr.  in:  Despntationes  ad  morborum  historiam  et  airationem 
facientes  etc.  ed.  A.  Hall  er ,  Lausanne  1758,  Bd.  VI  S.  745—776). 

A.  Weber,  .,Akademische  Vorlesungen  über  indische  Litteraturgeschichte", 
Berlin  1876,  S»,  S.' 82-33;  S.  283-290;  Nachtrag  1878  S.  13-14.  —  E.  Haas, 
„üeber  die  Ursprünge  der  indischen  Medizin,  mit  besonderem  Bezug  auf  SMsrjtta" 
in:  Zeitschr.  der  deutschen  morgenl.  Gesellsclmft  1876  Bd.  XXX  S.  617 — 670.  — 
Derselbe,  „Hippokrates  nnd  die  indische  Medizin  des  Mittelalters"  ebendas.  1877 
Bd.  XXXI  S.  647-666.  —  Vdoy  Chand  UuU,  „The  Materia  Medica  of  the 
Hindus",  Calcutta  1877,  8^.  —  A.  Maller,  ., Arabische  Quellen  zur  Geschichte  der 
indischen  Medizin",  Z.  d.  d.  morgenl.  Gesellsch.  1880  Bd.  XXXIV  S.  465—556.  — 
M.  Garbe,  „Die  indischen  Mineralien".  Leipzig  1882,  8  °.  —  G.  Lietard,  „Sugruta" 
in:  Dictionn.  encycloped.  des  sciences  medicales,  Paris  1883,  Bd.  XII,  S.  643 — 673. 
..Notice  sur  les  connaissances  anatomiques  des  Indous  etc."  Revue  medic.  de  fest. 
Nancy  1884,  Bd.  XVL  S.  236—240.  —  L.  v.  Schröder,  „Indiens  Litteratur 
und  Kultur",  Leipz.  1887,  S.  729—733.  —  H.  Joachim,  „Die  Diätetik  und  die 
Krankheiten  des  kindlichen  Alters  bei  den  alten  Indern"  in:  Archiv  für  Kinder- 
heilkunde 1891  Bd.  XII  S.  179—233.  —  J.  Jolly,  „Sonic  considerafions  regarding 
the  age  of  the  Early  Medical  Literature  of  India"  in:  Transact.  ofthe  9.  Internat. 
Congress  of  Orientalists,  London  1893  S.  454 — 461.  —  JP.  Cordier,  Etudes  sur  la 
Medecine  Hindoue  {Temps  vediques  et  historiques)",  Paris  1894.  —  ß.  IJ.  JBasii, 
„Essay  on  the  Hindu  System  of  medicine"  in:  Med.  Rep.  of  Calcutta  1894,  Bd.  III 
S.  309 — 341.  —  JI.  H.  Sir  Bhagvat  Sinh  Jee,  ,,A  short  history  of  Aryan 
medical  science'^,  London  1896,  8°.  —  Takasusu,  „J-Tsing",  Oxford  1896.  — 
P.  Cordier,  „Vägbhata  etVAstängahridayasamhitä",  Besangen  1896,  8°.  — I>ers., 
„Nagarjuna  et  V  Üttaratantra  de  la  Siignitasamhitä",  Anantarivo  1896  {Publication 
privee).  —  Sylvain  JLevi,  „Notes  sur  les  IndoScythes"  in:  Journal  Asiatique  1896 
9e  Serie  Vol.  VIII  S.  444 — 484  (über  Caraka).  —  G.  A.  lAHard,  „La  litteraiure 
medicale  de  l'Inde"  in:  Bulletin  de  VAcademie  de  Medecine"  1896  Bd.  XXXV  3«  serie 
S.  466—484.  —  H.  Fasbender,  „Entwicklungslehre,  Geburtshilfe  und  Gynäkologie 
der  Hippokratiker",  Stuttgart  1897,  8  ",  S.  41—70  (Indische  Geburtshilfe).  —  IJefard, 
„Le  medecin  Charaka.  Le  serment  des  hippocratistes  et  le  serment  des  medecins 
hindous".  Bull.  deVAcad.  de  Med.  1897  Bd.  XXXVII 3«  serie  S.  565— 575.  —  „Hymns 
of  the  Atharva-Veda"  translated  by  Maurice  Bloom field,  Bd.  XLII  von  Max 
Müll  er 's  „Sacred  Books  of  the  East",  Oxford  1897,  c9  ".  —  Derselbe  in  „Grund- 
riss  der  indischen  Philologie"  von  Bühl e r - Kielh orn  Bd.  II,  1,  b  {Atharvaveda). 
—  Lietard,  „La  doctrine  humorale  des  Hindous  et  le  Rig-Veda",  Janus  1898  Bd.  III 


120  Iwan  Bloch. 

S.  17 — 21.  —  JP.  Cordier,  „Quelques  donnees  nouvelles  ä  propos  des  traites  medicaux 
sanscrits  antericurs  au  XIll«  siecle",  Calcutta  1899,  8°  (Puhlication  vrivee).  — 
fj.  Hirschberg,  „Geschichte  der  Augenheilkunde^'' ,  Leipz.  1899,  8°,  Bd.  1  S.  31 — 49 
{Augenheilkunde  der  Inder).  —  J.  JEÜoch,  „Ein  neuer  Beitrag  zur  Frage  der  Alter- 
tumssyphilis''  in:  Monatshefte  für  prakt.  Dermatologie  1899  Bd.  XXVIII  S.  629  bis 
632.  —  X.  Aschoff,  „lieber  das  Botver-Manuskripf^  in:  Deutsch,  med.  Wocheii- 
schrift  1900,  Vereinsbeil.  No.  8  S.  50.  —  Th.  A.  Wise,  „Commenfary  of  the 
Hindoo  Systeme  of  medicine",  London  1900,  8  °  {unveränderter  Neudruck  der  Aus- 
gabe von  1860).  —  W.  Caland,  „Altindisches  ZauberrituaV^ ,  Amsterdam  1900.  — 
G.  liietard,  „Resume  de  Vhist.  de  la  med.  chcz  les  orientaux  en  Europe  jusqu'au 
XIII.  siede''  in  Bull  med.  Vosgues,  Epinal  1900  Bd.  X  V  S.  19—32.  —  ,f.  Jolly, 
„Zur  Quellenkunde  der  indischen  Medizin  {1.  Vägbhatay  in:  Zeitschr.  der  deutsch, 
morgenl.  Gesellsch.  1900  Bd.  LIV  S.  260 — 274.  —  ,f.  OrtJi,  „Bemerkungen  über  das 
Alter  der  Pocken-Kenntnis  in  Indien  und  China''  in:  Janus,  Archives  internat.  pour 
Vhistoire  de  la  medecine,  1900  Bd.  V  S.  391—396;  S.  452—458.  —  ,T.  Jolhj,  „Nach- 
trägliches über  das  Alter  der  Pockenkenntnis  in  Indien",  ebendas.  Bd.  V  S.  577—578. 
—  i.  Aschoff',  „Das  Knoblauchlied  aus  dem  Boiver-Manuskript" ,  ebendas.  Bd.  V 
S.  493 — 501.  —  JP.  Cordier,  „Origines,  evolution  et  decadence  de  la  medicine  In- 
dienne"  in :  Annales  d'' Hygiene,  Paris  1901,  Bd.  IV  S.  81  ff.  —  fl.  Jolly,  „Indische 
Medizin"  in  Bühl  er ''s  {bezw.  Kielhorn^s)  „Grundriss  der  indo-arischen  Philo- 
loge", Strassburg  1901  {unter  der  Presse;  dank  der  Güte  des  Verfassers  konnte  der 
die  vener.  Krankheiten  und  Lepra  betreffende  Teil  des  Manuskriptes  benutzt  iverden). 
In  Beziehung  auf  die  Ausgaben  der  einzelnen  indischen  Autoren  und  sonstigen 
Schriften  über  dieselben  vgl.  die  Angaben  an  den  betreffenden  Stellen. 


Litterarhistorische  Einleitung. 

In  dem  seit  der  letzten  Bearbeitung  der  indischen  Medizin  durch 
Haeser  verflossenen  Vierteljahrhundert  haben  sich  die  Anschauungen 
über  den  Charakter  und  die  Entwicklung  der  indischen  Heilkunde  zu 
wiederholten  Malen  geändert,  und  erst  in  neuester  Zeit  wurden  einige 
sichere  Thatsachen  ermittelt,  welche  der  weiteren  Forschung  über  die 
Quellen  der  indischen  Medizin  und  ihre  Beziehungen  zur  Heilkunde 
anderer  Völker  als  Ausgangspunkte  dienen  können.  Es  befindet. sich 
diese  Forschung  noch  in  den  Anfängen,  wie  die  folgende  litterar- 
historische  Uebersicht  lehrt,  welche  den  gegenwärtigen  Stand  derselben 
in  Kürze  darlegen  soll. 

Die  Zahl  der  medizinischen  Werke  der  Inder  ist  eine  ungemein 
grosse.  Lietard  hat  230  Autorennamen  und  500  Büchertitel  ge- 
sammelt, und  schätzt  die  Gesamtzahl  der  alten  und  modernen  medi- 
zinischen Schriften  auf  700  bis  800.  ^)  Die  drei  ältesten  und  berühm- 
testen medizinischen  Schriftsteller,  auf  denen  zu  einem  grossen  Teile 
alle  folgenden  beruhen,  sind  Susruta,  Caraka  und  Vägbhata, 
die  „alte  Trias"  (VrddhatrayT)  der  indischen  Medizin.  Mit  ihnen  vor 
allem  hat  sich  die  geschichtliche  Forschung  der  letzten  25  Jahre  be- 
schäftigt, da  ihre  genaue  chronologische  Fixierung  uns  zugleich  Auf- 
schlüsse über  die  grössere  oder  geringere  Originalität  der  indischen 
Medizin  gewährt,  die  besonders  ein  Gegenstand  heftigen  Streites  ge- 
wesen ist. 

In  zwei  durch  einen  oft  allzugrossen  Scharfsinn  bemerkenswerten 
Abhandlungen  verfocht  E.  Haas  die  Ansicht,  dass  die  indische  Medizin 


^)  Vgl.  insbesondere  den  „Catalogue  of  the  Sanskrit  Manuscripts  in  the  Library 
of  the  India  Office"  edited  byJuliusEggeling,  London  1896  Part  V  p.  923—990 
(Medizin.  Handschr.).  —  Gildemeister,  ,.Bibliothecae  sanscriticae  specimen",  Bonn 
1847,  S.  149 ff.  —  A.  Webers  „Verzeichnis  der  Sanskrithandschriften  der  K.  Bibl. 
in  Berlin"  Bd.  I  u.  II,  Berl.  1853—1890. 


Indische  Medizin.  121 

jeder  Originalität  entbehre  und  nur  eine  „schattenhafte  Reproduktion 
geborgter  und  schlecht  verstandener  Weisheit,  vermengt  mit  eigenem 
kindischen  Unverstand  sei",  die  nicht  über  die  im  ganzen  Mittelalter 
gültige,  von  Galen  ererbte  und  von  den  Arabern  fortgepflanzte 
Humoralpathologie  und  über  die  gleichfalls  von  den  Arabern  besessenen 
Kenntnisse  in  der  Chirurgie  hinausgehe.  Was  den  theoretischen  Teil 
der  indischen  Medizin  betreffe,  so  sei  derselbe  ein  blosser  „Reflex  der 
griechischen  Naturphilosophie",  wie  diese  in  den  successiven  Bearbei- 
tungen der  Syrer  und  Muhammedaner  nach  dem  Osten  gedrungen  sei. 
Haas  nimmt  als  Anfangs-  und  Endpunkte  für  die  Entstehung  der 
systematischen  Wissenschaft  der  Medizin  bei  den  Indern  die  Mitte  des 
10.  und  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  nach  Chr.  an,  wobei  er  das 
berühmte  Hauptwerk  der  indischen  Medizin,  das  des  Susruta  für 
ein  modernes  Produkt  des  15.  Jahrhunderts,  das  Werk  des  Caraka 
für  einen  „Pseudo-Caraka"  erklärt.  Er  stützt  sich  hierbei  besonders 
auf  die  Angaben  des  Fihrist  (10.  Jahrhundert)  und  des  „Tibb-i-Sikan- 
darl"  (15.  Jahrhundert),  einer  persischen  Uebersetzung  und  Encyklopädie 
der  indischen  Medizin.  Was  Vägbhata  betrifft,  so  meint  Haas,  dass 
dieser  zeitlich  älter  sei  als  Susruta  und  Caraka;  denn  es  „müssen 
erst  Sammelwerke  wie  Yägbhata's  „Astafigahridaya"  vorausgegangen 
sein,  ehe  ein  Laie  sich  mit  der  Behaglichkeit  und  Geschwätzigkeit 
eines  Susruta  oder  Caraka  darüberhermacht  und  sie  mit  moralisieren- 
den Gemeinplätzen  verficht,  die  der  AVürde  des  Gegenstandes  durch- 
aus nicht  entsprechen"  (?). 

Zur  näheren  Begründung  dieser  Ansicht,  die,  wie  gleich  bemerkt 
sei,  weit  über  das  Ziel  hinausschiesst,  wies  Haas  auf  verschiedene 
merkwürdige  Uebereinstimmungen  einzelner  Stellen  des  Susruta 
und  des  Hippokrates  hin  und  Hess  sich  sogar  zu  der  kühnen 
Etymologie  Susruta  =  Bukrät  =  Hippokrates,  Käsl=  Kos, 
Divodäsa  =  ^toeiör^g  verleiten.  Doch  ist  gerade  dieser  Teil  der  Unter- 
suchungen von  Haas  über  die  Analogie  zwischen  indischer  und 
griechischer  Medizin  der  wertvollste,  weil  solche  in  der  That  bestehen, 
wie  später  an  einigen  Beispielen  gezeigt  werden  soll. 

Im  übrigen  wurden  die  Haas  sehen  Hypothesen  alsbald  durch  die 
vortreffliche  Arbeit  von  A.  Müller  arg  erschüttert,  durch  welche  die 
unzweifelhafte  Existenz  des  Werkes  von  Susruta,  wie  wir  es  jetzt 
kennen,  um  das  Jahr  910  n.  Chr.  nachgewiesen  wurde.  Ein  um  jene 
Zeit  geschriebenes  arabisches  Buch,  angeblich  eine  durch  den  Inder 
Manka  aus  dem  Sanskrit  ins  Persische  übersetzte  Toxikologie  des 
indischen  Arztes  S  ä  n  ä  k ,  enthält  unverkennbare  Spuren  der  Benutzung 
eines  Kapitels  des  Susruta. 

Ferner  fand  man  auf  einer  Ruine  bei  Angkor  in  Cambodja  eine 
Inschrift  mit  einer  Erwähnung  des  Susruta  und  seiner  Geschick- 
lichkeit als  Arzt.  Es  ist  diese  Inschrift  zu  Ehren  eines  Königs 
Yasovarman  verfasst,  der  seit  889  und  vor  910  regierte. 

Endlich  wird  Susruta  schon  in  der  ältesten  medizinischen  Hand- 
schrift, dem  B  0  w  e  r  -  Manuskript,  welches  dem  fünften  nachchristlichen 
Jahrhundert  angehört  und  nach  Hoernle  mehrere  auffällige  textliche 
Uebereinstimmungen  mit  Susruta  und  Caraka  aufweist,  erwähnt. 
Es  geht  aus  dem  Inhalt  des  Bo wer- Manuskriptes  hervor,  dass  diese 
beiden  Schriften  schon  damals  „alte  Bücher"  waren,  und  dies  ist  für 
Caraka  durch  einen  weiteren  Fund  in  erfreulicher  Weise  bestätigt 
worden.    Sylvain  Levi  veröffentlichte   nämlich  im  Jahre  1896  im 


122  Iwan  Bloch. 

„Journal  Asiatique"  eine  Notiz  aus  einer  alten  chinesischen  [Jeber- 
setzung  einer  Sanskriterzählung  über  den  indoskythischen  König 
Kaniska.  Die  Uebersetzung  ist  ungefähr  um  405  n.  Chr.  verfasst. 
Kaniska  regierte  am  Anfang  des  ersten  nachchristlichen  oder  am 
Ende  des  ersten  vorchristlichen  Jahrhunderts.^)  In  dieser  Erzählung 
ist  von  Caraka  als  von  einer  ganz  bekannten  Persönlichkeit  die 
Rede,  die  zur  Zeit  des  Kaniska  lebte  und  den  Euf  eines  bedeuten- 
den Arztes  genoss,  so  dass  der  König  seine  Bekanntschaft  zu  machen 
wünschte.  Eines  Tages  kam  Caraka  in  den  Palast  des  Kaniska 
und  imponierte  dem  König  in  hohem  Grade  durch  seine  schlagfertige 
Redeweise.  Bald  fand  Caraka  Gelegenheit  seine  ärztliche  Kunst 
dem  Könige  ad  oculos  zu  demonstrieren.  Er  extrahierte  der  Lieblings- 
gemahlin Kaniska's  ein  totgeborenes,  in  Fusslage  befindliches 
Kind.  Er  warnte  dann  den  König  vor  einer  neuen  Schwängerung 
dieser  Gattin,  da  dieselbe  D3^stokie  zur  Folge  haben  würde.  Doch 
„das  Feuer  der  lasciven  Begierden  des  Kaniska  loderte  zu  heftig", 
wiederum  erfolgte  eine  Konzeption  und  die  Königin  gebar  unter  den- 
selben Schmerzen  einen  Sohn.  Caraka,  tief  betrübt  über  die  Miss- 
aclitung  seiner  Ratschläge,  zog  sich  in  die  Einsamkeit  zurück,  um 
ganz  seinen  Studien  und  erbaulicher  Beschäftigung  zu  leben. 

Hiernach  fällt  die  Lebenszeit  des  Caraka  mit  grösster  Wahr- 
scheinlichkeit in  den  Beginn  unserer  Zeitrechnung.  -) 

Was  den  dritten  altindischen  Arzt  Vägbhata  betrilft,  so  hatte 
Huth  („Sitzungsbericht  der  Berl.  Akad.  d.  Wissensch."  1895  S.  267  If.) 
einen  Kommentar  des  Candränanda  zu  Vägbhata's  „Astan- 
gahrdaya"  in  dem  tibetischen  Tandjur  nachgewiesen  und  danach  als 
untere  Grenze  für  die  Abfassungszeit  dieses  Werkes  das  8.  Jahrhundert 
n.  Chr.  angenommen.  Ihm  trat  Cordier  in  mehreren  Schriften  ent- 
gegen und  erklärte  den  Vägbhata  für  einen  Zeitgenossen  des  Königs 
Jayasimha  von  Kaschmir  (1196 — 1218).  Neuerdings  hat  J.  JoUy 
dem  Vägbhata  eine  ausführliche  quellen  kritische  Studie  gewidmet 
und  sich  dabei  besonders  auf  ein  älteres  Werk  desselben,  den  „Astän- 
gasamgraha"  gestützt,  der  wahrscheinlich  von  dem  echten  Väg- 
bhata stammt,  während  der  „Astängahrdaya"  einen  Pseudo-V.  zum 
Verfasser  hat.  Dieses  Werk  ist  nach  Jolly  wahrscheinlich  nicht 
nach  dem  7.  Jahrhundert  n.  Chr.  entstanden,  und  da  in  ihm 
wieder  Caraka  und  Susruta  als  ältere  Autoren  citiert  werden, 
so  gewinnen  wir  wiederum  auch  für  diese  chronologische  Anhalts- 
punkte. Vägbhata  gehört  übrigens  einer  Medizinerfamilie  an.  Denn 
es  heisst  am  Schlüsse  des  „Astängasamgraha" :  „mein  Grossvater,  von 
dem  ich  meinen  Namen  habe,  war  der  ausgezeichnete  Arzt  Väg- 
bhata, dessen  Sohn  war  Simhagupta,  von  diesem  stammeich  ab,  im 
Indusgebiet  bin  ich  geboren.  Von  meinem  Lehrer  Avalokita  und 
meinem  noch  verehrungswürdigeren  Vater  lernte  ich."     Simhagupta 


')  Nach  T.  W.  R.  Davids,  „Der  Buddhismus",  Leipzig  1899,  S.  245  begann 
er  um  10  n.  Chr.  zu  regieren. 

-)  Die  bxxddhistische  Medizin  in  Indien,  über  die  J-tsing  (671—695  n.  Chr.) 
ausführliche  Angaben  macht,  entspricht  der  des  Caraka  und  Susruta  und  wurde 
in  fast  unveränderter  Form  nach  Tibet  verpflanzt  (vgl.  H.  Lauf  er,  ,, Beiträge  zur 
Kenntnis  der  tibetischen  Medizin",  Berlin  u.  Leipz.  1900,  2  Teile).  König  Buddha- 
däsa  von  Ceylon  (4.  Jahrb.)  war  selbst  Arzt,  errichtete  Hospitäler,  ebenso  Asoka 
(250  V.  Chr.).  Altbuddhistische  Medizin  des  Mahävagga  um  350  v.  Chr.  (3  Humores, 
Laparatomie  etc.). 


Indische  Medizin.  123 

wird  an  einer  anderen  Stelle  „vaidj'apati"  Meister  der  Medizin  genannt, 
war  also  ebenfalls  Arzt. 

Alle  späteren  medizinischen  Schriften  entlehnen  den  grössten  Teil 
ihres  Inhalts  diesen  drei  Autoren.  Sie  werden  bei  der  Uebersicht  der 
einzelnen  Ausgaben  erwähnt  werden. 

Von  Interesse  sind  die  bei  Caraka,  Susruta  und  Yäg- 
bhata  und  anderen  Autoren  sich  findenden  alten  Ueberlieferungen 
über  die  Entstehung  der  indischen  Heilkunde.  Die  Medizin  gilt 
den  Indern  als  ein  „Upaveda"  (Nebenveda)  und  wird  von  ihnen  als 
„Ayurveda"  (Heilkunde,  Wissenschaft  des  Lebens)  bezeichnet,  dei-  gött- 
lichen Ursprungs  ist.  Der  älteste  Menschenarzt  ist  Atreya.  Ihm 
folgen  Agnivesa  und  Caraka,  Dhanvantari  und  dessen  Schüler 
Susruta.  Im  „Astäiigasamgraha"  des  Yägbhata  wird  über  den 
Ursprung  der  indischen  Medizin  folgendes  berichtet: 

„So  sprachen  Atreya  und  die  anderen  grossen  Weisen:  Wer  sich  ein 
langes  Leben  wünscht,  das  religiöses  Verdienst,  Reichtum  und  Wohlsein 
bringt,  muss  sich  streng  an  die  Vorschriften  des  Ayurveda  (der  Heilkunde) 
halten.  B  rahm  an,  nachdem  er  das  bedeutungsvolle,  ewige  Ambrosia  des 
Ayurveda  erkannt  hatte ,  übergab  es  dem  D  a  k  s  a ,  dieser  den  beiden 
Asvins,  und  diese  dem  Satakratu  (Indra).  Da  nun  die  Menschen 
von  Krankheiten  gequält  wurden,  welche  die  Religion,  den  Erwerb,  den 
Genuss  und  die  Erlösung  hemmten,  begaben  sich  die  erhabenen,  grossen 
Weisen:  Dhanvantari,  Bharadväja,  Nimi,  Kas'yapa  und  Kä- 
s'yapa  sowie  Alambäyana  und  die  übrigen,  mit  Punavarsu  (Atreya) 
an  der  Spitze,  zu  dem  hilfreichen  Götterfürsten  öatakratu.  Als  er  sie 
erblickt  hatte,  trug  ihnen  der  Tausendäugige  (I  n  d  r  a)  der  Uebei-Heferung  ge- 
mäss den  das  Leben  schützenden  Veda  vor,  der  ein  Nebenveda  ist,  aus  den 
acht  Teilen:  (Heilung  der  Krankheiten  des  ganzen)  Körpers,  der  Kinder, 
der  (durch)  Dämonen  (veranlassten),  der  Glieder  oberhalb  des  Schlüssel- 
beins (Ohren,  Augen,  Mund,  Nase  u.  s.  w.),  Chirurgie,  Toxikologie,  Lehre 
von  den  Elixieren  und  Lehre  von  den  Liebesmitteln  besteht  und  heilig  ist, 
so  wie  der  Urvater  (B  rahm  an)  ihn  erkannt  hatte.  Nachdem  sie  diesen 
heiligen  Text  begriffen  und  einander  erklärt  hatten,  kamen  die  hochedeln 
Weisen  erfreut  zur  Menschenwelt.  Dort  verfassten  sie,  um  den  Bestand 
des  Ayurveda  zu  sichern,  Lehrbücher.  Nachdem  sie  dieselben  abgefasst 
hatten,  brachten  sie  sie  sorgsam  ihren  tüchtigen  Schülern  bei:  Agnivesa, 
Härlta,  Bheda,  Mändavya,  Susruta,  Karäla  und  den  anderen. 
Dann  verfasste  auch  jeder  von  diesen  ein  besonderes  Lehrbuch,  und  sie 
trugen  diese  Werke  ihren  klugen  Lehrern  und  den  Scharen  der  Weisen  vor. 
Von  diesen  gelobt,  erlangten  dieselben  hohes  Ansehen  auf  der  Erde.  Jedes 
einzelne  dieser  Werke  behandelt  aber  nicht  die  Heilung  der  sämtlichen 
Krankheiten,  und  bei  Beschäftigung  mit  den  verschiedenen  Werken  würde 
über  dem  Lesen  derselben  ein  Menschenalter  vergehen,  weil  von  den  Ver- 
fassern der  nämliche  Gegenstand  bald  wiederholt  abgehandelt,  bald  ver- 
schieden dargestellt  ist,  und  weil  sie,  um  die  Erklärung  des  Sinnes  bekümmert, 
nicht  auf  den  Wortlaut  achten.  Deshalb  wird  mit  thunlichster  Zusammen- 
fassung aller  Lehrbücher,  der  Abstufung  der  Zeitalter  entsprechend,  in 
(passender)  Einteilung  der  Astängasamgi-aha  abgefasst  werden,  der  frei  ist 
von  Unordnung,  AVortschwall,  Selbstberichtigungen,  Wiederholungen  u.  a. 
(Fehlern  der  Darstellung),  nur  auf  die  drei  Teile  (der  Medizin) :  Grund- 
ursachen,   Symptome   und  Heilmittel  Bezug  hat,   Bestimmungen,    deren  Sinn 


124  lAvau  Bloch. 

und  Wesen  verborgen  ist,  erklärt,  und  "Widersprüche  zwischen  seinen  eigenen 
und  fremden  Lehrbüchern  zumeist  beseitigt." 

(Uebersetzuug  von  J.  JoUy.) 

Beziehungen  der  indischen  Medizin  zur  griechischen  und 
arabischen  Heilkunde. 

Nach  dem  gegenwärtig-en  Stande  der  historischen  Forschung-  über 
die  Quellen  der  indischen  Medizin  darf  als  unzweifelhaft  angenommen 
werden,  dass  die  beiden  extremen  Anschauungen  über  die  völlige  Selb- 
ständigkeit derselben  und  andererseits  ihre  von  Haas  behauptete  durch- 
gängige Abhängigkeit  von  der  griechischen  Medizin  als  völlig  unhalt- 
bar zurückgewiesen  werden  müssen.  Eine  unbefangene  Prüfung  hat 
bisher  eine  durchaus  selbständige  Entwicklung  der  indischen 
Heilkunde  nachgewiesen,  die  aber  mit  einer  Aufnahme  fremder 
Elemente  verknüpft  war.  Unzweifelhaft  hat  eine  Wechselwirkung 
zwischen  griechischer  und  arabischer  Medizin  einerseits  und  indischer 
Medizin  andererseits  stattgefunden.  Es  ist  deshalb  von  Wichtigkeit, 
die  bisher  darüber  bekannten  Thatsachen  näher  zu  betrachten. 

Es  ist  bemerkenswert,  dass  schon  in  dem  Corpus  hippocraticum 
indische  Heilmittel  genannt  werden,  wie  Narde,  Zimt  und 
Pfeffer.  Der  letztere,  der  von  den  Indern  als  Augenmittel  verwendet 
wird,  tritt  auch  bei  Hippokrates  (ed.  Littre  VIII,  202)  ah  ivdi/.6v 
(fcxQftayMv  TO  twv  6cp0^aX}.uöv  o  '/.aXetrai  TtensQi  auf. 

Ferner  werden  Sesamum  Orientale,  Andropagon  Schoenanthus, 
Amomum,  Hyperanthera  Morunga,  Cardamomum,  Boswellia  thurifera, 
Laurus  Cinnamomum  und  andere  Heilpflanzen  indischen  Ursprungs  ge- 
nannt. Dass  schon  vor  dem  Zuge  Alexanders  des  Grossen  nach 
Indien  Berührungen  zwischen  Griechen  und  Indern  stattgefunden  haben, 
ist  wahrscheinlich  ^),  so  dass  sich  hierdurch  die  Erwähnungen  indischer 
Medikamente  bei  Hippokrates  erklären.  Sicher  ist  jedenfalls,  dass 
ein  Zeitgenosse  des  Hippokrates,  der  knidische  Arzt  Ktesias, 
der  lange  Jahre  als  Leibarzt  am  Hofe  des  Perserkönigs  weilte,  nach 
Indien  kam  oder  wenigstens  sehr  zuverlässige  Berichte  über  indische 
Verhältnisse  empfing,  die  er  in  einem  Werke  'Ivdr/.ä  niederlegte,  von 
dem  leider  nur  noch  Fragmente  vorhanden  sind.  Ktesias,  dessen 
Wahrheitsliebe  nicht  angezweifelt  werden  darf-),  erzählt,  dass  die  in- 
dischen Aerzte  den  Griechen  in  der  Behandlung  des  Schlangenbisses 
überlegen  seien,  dass  sie  ebenfalls  die  heilende  Kraft  gewisser  Quellen 
entdeckt  hätten.    Auch  rühmt  er  die  vortreffliche  Gesundheit  der  Inder. 


^)  Chr.  Lassen,  „Indische  Altertumskunde",  2.  Aufl.,  Leipzig  1867,  Bd.  II 
S.  583  nimmt  weite  Seereisen  der  Inder  in  frühgeschichtlicher  Zeit  an,  von  denen 
schon  im  Rigveda  die  Rede  sei.  —  Haeser  („Geschichte  der  Medizin",  3.  Aufl.,  Leipz. 
1875,  Bd.  I  S.  164)  spricht  von  dem  uralten  Handelsverkehr  der  Aegypter  und 
Phönikier  mit  Indien,  zu  welchem  Ceylon  die  Brücke  gebildet  zu  haben  scheint. 
Auf  dem  Wege  dieses  Verkehrs  gelangten  dann  die  indischen  Mittel  nach  Griechenland. 
W.  Max  Müller  teilte  Dr.  Felix  v.  Oefele  eine  Stelle  aus  einem  demotischen 
Papyrus  mit,  welche  den  als  Arznei  verwendeten  Magneteisenstein  aus  Indien  er- 
wähnt.    (Gütige  Mitteilung  des  Herrn  Kollegen  v.  Oefele.) 

^)  Vgl.  meine  Untersuchung  über  des  Ktesias  Nachrichten  über  die  Lepra  in 
Persien  („Beiträge  zur  Geschichte  und  geographischen  Pathologie  des  Aussatzes", 
Deutsch,  med.  Wochenschr.  1900  Xr.  9).  Ferner  Gilmore  in  seiner  Ausgabe  des 
Ktesias,  London  1888,  S.  5. 


Indische  Medizin.  125 

Keiner  von  ilmen  litte  an  Kopfweh,  Augenkrankheiten,  Zahnweh,  Mund- 
geschwüren und  Fäuhiis  (?).  ^) 

Die  eigentliche  Entdeckung  Indiens  durch  die  Griechen  erfolgte 
durch  den  kühnen  Zug  des  grossen  Alexander.  Seitdem  fand  ein 
regerer  Verkehr  zwischen  Indien  und  Europa  statt,  der  bis  in  die 
römische  und  bj'Zantinische  Zeit  angedauert  hat.  Nearchos,  einer 
der  Begleiter  Alexanders,  bezeichnet  die  Lebensweise  der  Inder  als 
eine  sehr  einfache  und  hebt  besonders  die  sorgfältige  Pflege  hervor, 
die  sie  ihrem  Körper  zu  teil  werden  Hessen.  Sie  bedienten  sich  dabei 
insbesondere  der  Abreibungen  durch  glatte  Eeibhölzer  aus  Ebenholz. 
Er  behauptet  nun  —  eine  interessante  Stelle  — ,  dass  die  Inder  diesen 
Gebrauch  von  den  Griechen  angenommen  hätten,  ebenso  wie  sie  die 
Bereitung  der  Salben  durch  die  Griechen  kennen  gelernt  hätten.  -) 

Im  ganzen  haben  die  Begleiter  Alexanders  ihre  Aufmerksam- 
keit mehr  der  Natur  als  der  Kultur  Indiens  zugewendet.  Erst  in  der 
Diadoclienzeit  begann  diese  letztere  mehr  beachtet  zu  werden.  Es  ist 
vor  allem  Megasthenes,  dessen  Reisen  nach  Indien  C.  Müller 
(Fragm.  historicorum  graecor.  Paris  1848  Bd.  II  S.  398)  zwischen 
300  und  288  v.  Chr.  ansetzt,  welcher  seine  Eindrücke  und  Beobach- 
tungen während  seines  Aufenthaltes  in  Palibothra  (Pataliputra)  am 
Ganges  (als  Gesandter  des  Seleucus  Xicator  bei  ,.SandrakottGs) 
in  einem  vier  Bücher  umfassenden  Werke  „Indica"  niederlegte.") 
Aufzeichnungen  medizinischer  Natur  wird  besonders  das  zweite  Buch 
der  „Indica"  enthalten  haben,  das  nach  Arrian  und  Strabo  die 
Sitten  der  Inder  behandelte.  Diodor  (II,  35)  berichtet,  dass  einige 
Kapitel  über  die  Beschaifenheit  des  Körpers  der  Inder,  über  Lebens- 
weise, und  über  den  Einfluss  der  westlichen  Kultur  auf  Indien  ge- 
handelt hätten.  Der  Verlust  dieses  letzteren  Kapitels  ist  besonders 
schmerzlich.  Erhalten  ist  eine  interessante  Notiz  des  Megasthenes 
über  die  indischen  Aerzte.    Sie  lautet: 

„Die  indischen  Philosophen  sind  die  Brahmanen  und  Gannanen.  Den 
letzteren  stehen  am  Ansehen  die  Aerzte  am  nächsten.  Sie  leben  einfach, 
aber  nicht  unter  freiem  Himmel,  nähren  sich  von  Reis  und  Mehl,  die  ihnen 
jeder,  den  sie  darum  bitten,  gern  gewährt.  Sie  verstehen  es,  die  Frauen 
fruchtbar  zu  macheu  und  durch  Arzneien  die  Erzeugung  von  Knaben  oder 
Mädchen  zu  bewirken.  Die  Heilung  von  Krankheiten  führen  sie  in  der 
Regel  durch  geeignete  Speisen,  nicht  durch  Arzneien  herbei.  Am  meisten 
schätzen  sie  unter  den  Heilmitteln  Umschläge  und  Einreibungen,  weil  andere 
von  schädlichen  "Wirkungen  nicht  frei  seien." 

(Uebersetzung  von  Haeser.) 

Während  der  ganzen  Diadochenzeit  und  der  römischen  Weltherr- 
schaft hat  ein  lebhafter  Verkehr  zwischen  Indien  und  den  westlichen 
Ländern  stattgefunden,  der  gewiss  zu  einem  Austausch  geistiger  und 
materieller  Schätze  geführt  hat.  *)    In  Alexandria  und  in  Rom  konnte 


^)  Ktesias,  Fragm.  57,15  bei  Lassen  a.  a.  0.  II  S.  654. 

2)  Lassen  a.  a.  0.  II  S.  728. 

■^)  Die  Fragmente  sind  als  „Megasthenis  Indica"  von  E.  A.  Schwanbeck 
(Bonn  1846)  herausgegeben.  Saudrakottos  liess  dem  Seleucus  Aphrodisiaka 
und  stimulierende  Medikamente  zukommen  (Athenaeus,  Deipnos.  I,  32). 

*)  Vgl.  A.  Weber,  „Die  griechischen  Nachrichten  von  dem  indischen  Homer, 
nebst  Aphorismen  über  den  griechischen  und  den  christlichen  Einfluss  auf  Indien"' 
in  „Indische  Studien"  Bd.  II  1853  S.  161—169. 


126  Iwan  Bloch. 

man  häufig  indische  Kaufleute  und  Brahmanen  sehen,  und  es  ist  be- 
zeichnend, dass  Theophrast,  ein  Schüler  des  Aristoteles,  sogar 
von  einem  Inder  berichtet,  der  sehr  wirksame  Arzneimittel  (Aphro- 
disiaka)  besass.  ^)  Wiederholt  kamen  indische  Gesandtschaften  nach 
Rom  -),  und  wenn  auch  umgekehrt  fast  nur  römische  Kaufleute  nach 
Indien  gingen,  so  kamen  doch  auch  Gelehrte  dahin.  Lucian  berichtet 
von  einem  jungen  Paphlagonier,  der  in  Alexandria  studierte  und  von 
dort  nach  Indien  reiste.  (Lucian  im  Leben  des  „Alexander  von  Abono- 
teichos"  cap.  44).  Galen  hat  uns  den  (gräcisierten)  Namen  eines 
alten  indischen  Arztes  erhalten,  der  ein  zu  seiner  Zeit  berühmtes 
Abortivmittel  angegeben  hatte.  Dieser  Arzt  hiess  0  r  b  a  n  o  s.  ^)  Galen 
giebt  die  genaue  Zusammensetzung  dieses  indischen  Eezeptes  an,  in 
welchem  Crocus,  indische  Narde,  Zimt,  Ingwer,  verschiedene  Pfeffer- 
arten und  andere  indische  Pflanzenmittel  vorkommen.  Dies  deutet 
doch  auf  eine  relativ  genaue  Kenntnis  der  indischen  Medizin  hin.  Noch 
an  einer  anderen  Stelle  des  Galen  (ed.  Kühn  Vol.  XVII a,  S.  608} 
wird  eines  indischen  Arztes  P  a  m  p  h  i  1  o  s  gedacht.  Hier  soll  aber  die 
Lesart  'Ivöixiig  eine  unrichtige  sein  (nach  Mitteilung  von  Dr.  Hermann 
Schöne),  so  dass  jene  Stelle  nicht  für  unsere  Zwecke  verwertet  werden 
kann.  Die  Authentizität  und  Richtigkeit  der  ersten  Stelle  steht  da- 
gegen fest.  Auch  der  im  6.  Jahrhundert  n.  Chr.  lebende  byzantinische 
Arzt  Aetius  erwähnt  einen  indischen  Kollegen  als  o  'Ivöog  (vielleicht 
Caraka?).  Ein  Namensvetter  dieses  Arztes  war  der  im  4.  Jahrh, 
n.  Chr.  lebende  Presbyter  Aetius,  der  in  Alexandria  Medizin 
studierte  und  später  die  Freundschaft  des  um  350  n.  Chr.  aus  Indien 
zurückgekehrten  Theophilus  genoss.  Heusinger  vermutet,  dass 
aus  dieser  Quelle  auch  die  Kenntnisse  des  Byzantiners  Aetius  über 
die  indische  Medizin  stammen.^) 

Von  grossem  Interesse  ist,  dass  sich  schon  seit  der  Ptolemäerzeit 
die  griechischen  Aerzte  mit  den  in  Indien  endemischen  Krankheiten 
beschäftigten.  Höchstwahrscheinlich  stammt  der  erst  seit  300  v.  Chr. 
nachweisbare  Name  iltcpavrtaoig  (für  die  alte  „Lepra"  des  Herodot 
und  „oarvQiaoig''  des  Aristoteles),  mit  dem  man  fortan  den  Aussatz 
benannte,  aus  Indien,  wo  die  Begleiter  Alexanders  den  Elefanten 
und  die  „Elefantenkrankheit"  kennen  lernten.'^)  Der  Pneumatiker 
Archigenes,  ein  Zeitgenosse  Trajans,  berichtet  uns  über  ver- 
schiedene originelle  Heilmethoden,  welche  die  indischen  Aerzte  bei 
Leprakrankheiten  anzuwenden  pflegten. '')  Leonides,  ein  alexan- 
drinischer  Arzt  des  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderts,  weiss,  dass 
die  Guineawurm  (Filaria  medinensis) -Krankheit  in  Indien  endemisch 
ist.  ^)  Zahlreiche  den  Beinamen  „indisch"  führende  Arzneimittel  der 
griechischen  Aerzte  sind  uns  in  den  Sammelwerken  der  byzantinischen 


^)  Theophrast,  Hist.  plantar.  IX,  18  sect.  9. 

^)  Vgl.  L.  Fried  1  an  der,  ,. Darstellungen  aus  d.  Sittengeschichte  Roms",  Leipz. 
1888,  Bd.  I  S.  52—58.  _       ^  .,.,,/,, 

^)  'AvriäoTog  i)  '  Ooßavov  Xeyouevrj  tqv  IvSov,  ttqos  to  t«  Ivzoe  ßos<fr]  EKßdXXeiv 
bei  Galen,  De  antidotis  lib.  II  cäp.  1  ed.  Kühn  XIV,  109—111. 

*)  Fabricius,  „Biblioth.  graeca"  XIII,  254;  C.  F.  Heu  sing  er,  „Der  Pres- 
byter Aetius"  in  Henschels  „Janus"  Bd.  II,  Breslau  1847,  S.  424. 

^)  Vgl.  J.  Bloch,  „Zur  Vorgeschichte  des  Aussatzes",  Zeitschr.  f.  Ethnologie 
1899  S.  211.  Das  indische  „slipada"  ist  unsere  heutige  Elephantiasis  („Elephanten- 
fuss"). 

«)  Aetius,  Tetrabibl.  IV  Serm.  I  cap.  122. 

')  Ibid.  Tetrabibl.  IV  Serm.  II  cap.  85. 


Indische  Medizin.  127 

Periode  erhalten  geblieben,  z.  B.  das  berühmte  „indische  Pulver"  gegen 
Gicht.i) 

Unter  der  Herrschaft  des  Islam,  welche  sich  bis  nach  Indien  er- 
streckte, gestalteten  sich  die  Beziehungen  der  indischen  Heilkunde  zu 
der  Medizin  des  Abendlandes,  welche  nunmehr  in  der  Form  der 
arabischen  Heilkunde  auftrat,  greifbarer  und  inniger.  Doch  kann 
man  im  ganzen  annehmen ,  dass  die  Aniber  mit  ihrer  eminenten 
Assimilationsfälligkeit,  auch  auf  wissenschaftlichem  Gebiete,  sich  mehr 
von  den  Indern  aneigneten  als  diese  von  ihnen. 

Schon  in  vorislamitischer  Zeit  machten  sich  arabische,  iri  der 
von  den  christlichen  Nestorianern  gegründeten  Medizinschule  zu  Gondi- 
sapur  vorgebildete  Aerzte  mit  der  indischen  Heilkunde  vertraut.  Der 
um  460  n.  Chr.  lebende  Arzt  el-Haret  aus  Tejif  bei  Mekka  bereiste 
Indien,  um  seine  Kenntnisse  zu  bereichern.  -)  Es  ist  dies  die  älteste 
Nachricht  über  die  Verbindung  der  Schule  von  Gondisapur  mit  Indien. 
Der  persische  König  Kosru  I.  Nuschirvan  (Chosroes  der  Griechen), 
der  von  532 — 579  n.  Chr.  regierte,  schickte  seinen  Leibarzt  Barzujeh 
(Burzweih)  zweimal  nach  Indien,  um  Arzneien  und  medizinische 
Werke  zu  holen.  Es  ist  derselbe  Arzt,  der  auch  das  Schachspiel  aus 
Indien  mitbrachte.")  Wie  innig  die  Verbindung  der  Medizinschule 
von  Gondisapur  mit  Indien  war,  erhellt  aus  der  Thatsache,  dass  ein 
indischer  Arzt  T  a n  f  a t s  c  h  a  1  (T  a  n  f  a s  t a  1,  N  a  u  f  a  s  c  h  a  1,  T  a  s  u  i- 
tistani),  der  ein  „Buch  der  irrigen  Meinungen  über  die  Krankheiten 
und  Gebrechlichkeiten"  verfasste,  die  in  Gondisapur  üblichen  medi- 
zinischen Disputationen  leitete.^)  Auch  Haret  Ben  Kai  da,  der 
Arzt  des  Propheten  Muhammed,  soll  in  Indien  Medizin  studiert 
haben.  ^) 

Die  in  persischer  Sprache  geschriebene  Arzneimittellehre  des 
Abu  Mansur  Muwaffaq,  die  neuerdings  auf  Veranlassung  von 
R.  Kobert  durch  Abdul  Chali  Achundow  ins  Deutsche  übersetzt 
worden  ist,  bildet  ein  sehr  interessantes  Dokument  für  die  frühen  Be- 
ziehungen der  indischen  Medizin  zur  arabischen.  Dies  AVerk  wurde 
zwischen  968  und  977  n.  Chr.  verfasst. ")  Der  Verfasser,  ein  Nord- 
perser aus  Hirow,  hatte  Persien  und  Indien  bereist.  In  letzterem 
Lande  verweilte  er  längere  Zeit;  er  erwähnt  mehrere  indische  Aerzte, 
bevorzugt  die  indische  Gradeinteilung  der  Arzneien.  Er  nennt  Indien 
das  Dorado  wirksamer  Arzneimittel,  und  die  indischen  Grundanschau- 
ungen über  Medizin  haben  für  ihn  den  gleichen  Wert  wie  die 
griechischen.") 

Als  indische  Aerzte  nennt  Muwaffaq:  „Galek  den  Inder", 
Mengeh,  Naufil,  Rata,  Bihail  und  einen  so  rein  indischen  Namen 
wie  Sri  B  h  a  r  g  a  v  a  d  a  1 1  a.  ^) 


^)  Paulus  Aegineta  VIII  13;   Alexander  v.  Tralles  ed.  Puschmann 
11,  542;  Nikolaus  Myrepsus  XVIII,  1. 
)  ^I 3/ 0  s  p  r  R    R    0    T    ^4H 

')  Ernst  H.  F.  Meyer,  „Geschichte  der  Botanik'',  Königsb.  1856,  Bd.  HI  S.  31; 
Haeser  I,  452. 

*)  Haeser  I,  452. 

*)  Ibidem. 

**)  „Historische  Studien  aus  dem  Pharmakolog.  Institute  der  Kaiserl.  Universität 
Dorpat",  herausg.  von  K.  Kobert,  Halle  1893,  Bd.  III  S.  303. 

')  Ibidem  S.  304—306. 

«)  Meyer  a.  a.  0.  III,  40;  Müller  a.  a.  0.  S.  551—552. 


128  Iwau  Bloch. 

Ibii  Abu  Oseibia,  der  berühmte  arabische  Geschichtsschreiber 
der  Medizin  behandelt  im  12.  Buche  seiner  „Geschichte  der  Aerzte" 
auch  die  indischen  Aerzte  besonders.  Er  nennt  „Kankah  den  Inder", 
Sangahal,  Susrud  (Susruta),  eine  indische  Aerztin  Eüsä,  die 
ein  Buch  über  die  Behandlung  der  Frauenkrankheiten  schrieb,  Güdar, 
Manka  (zur  Zeit  Harun  al  Easchid's),  der  in  dessen  Tagen  von 
Indien  nach  dem  'Iräq  reiste  und  ihn  behandelte",  ferner  Sälih 
Ibn  Bah  lach,  von  dem  er  eine  interessante  Anekdote  erzählt,  in  der 
die  griechische  H  eilkunde  und  ihr  Vertreter  Gabriel  B  a  c  h  t  i  s  c  h  u  a 
der  indischen  Heilkunst  und  Sälih  Ibn  Bahlach  entgegengestellt 
wird,  und  der  indische  Arzt  über  den  Vertreter  der  arabisch-griechischen 
Medizin,  triumphiert,  endlich  Sänäq  und  dessen  „Buch  der  Gifte  in 
fünf  Abteilungen",  welches  Manka  der  Inder  aus  der  indischen 
Sprache  in  die  persische  übersetzte.^)  Auszüge  aus  diesem  letzt- 
erwähnten Werke  giebt  August  Müller  in  deutscher  üebersetzung 
und  weist  zugleich  nach,  dass  dieses  Buch  niemals  in  Indien  geschrieben 
wurde,  aber  unverkennbare  Spuren  der  Benutzung  eines 
Kapitels  des  Susruta  enthält,  so  dass  schon  um  910  n.  Chr. 
dieses  Werk  von  den  Arabern  benutzt  worden  ist.  -) 

Ishak  ben  x^mran  aus  Bagdad,  der  die  medizinische  Wissen- 
schaft nach  Nordafrika  verpflanzte,  schrieb  um  eben  dieselbe  Zeit 
(900  n.  Chr.)  ein  Werk  über  die  einfachen  Arzneien,  in  dem  auch  in- 
dische Heilmittel  erwähnt  wurden'^),  und  endlich  gedenkt  bereits  der 
grosse  Ehazes  (850—923)  der  hervorragendsten  indischen  Aerzte. 
Vor  allem  citiert  er  oft  den  Caraka,  dann  den  Atreya  (Hawi  X,  2), 
den  Sesirid  (Susruta),  und  kennt  sogar  die  „sthänas"  (Abschnitte 
der  Medizin)  der  Inder,  indem  er  den  „Sind-Hisher"  (Siddha-sthäna) 
erwähnt.  Auch  soll  Ehazes  ein  indisches  Werk  über  den  Zucker 
ins  Arabische  übersetzt  haben.*) 

Die  Kenntnis  dieser  Thatsachen  gestattet  ohne  Zweifel  den  Schluss, 
dass  fremde  Einflüsse  auch  in  der  indischen  Medizin  thätig  gewesen 
sind.  Wir  besitzen  hierfür  aber  viel  weniger  positive  Belege  als  für 
den  grossen  Einfluss,  den  die  indische  Heilkunde  auf  die  griechische  und 
arabische  Medizin  ausgeübt  hat.  Die  Namen  fremder  Aerzte  werden 
in  den  älteren  medizinischen  Schriften  der  Inder  nicht  genannt,  nament- 
lich findet  sich  keinerlei  Erwähnung  der  Y  a  v  a  n  a  s  (Griechen).  Anderer- 
seits wissen  wir,  dass  auf  anderen  Gebieten  Entlehnungen  stattgefunden 
haben.  Eohde  hat  mit  Evidenz  nachgewiesen,  dass  ein  Teil  der 
indischen  Novellendichtung  von  den  Griechen  entlehnt  ist.  ^)  So  scheint 
auch  die  Humoralpathologie  der  Inder  griechischen  Ursprungs 
zu  sein  ^),  und  bei  einer  sehr  wünschenswerten  genauen  Vergleichung 
der  indischen  Medizin  mit  der  griechischen  Hessen  sich  vielleicht  noch 
mehr  Uebereinstimmungen  entdecken.  Auf  die  Thatsache,  dass  man  eine 
dem  Eide  der  Asklepiaden  fast  gleichlautende  Formel  bei  Caraka 
findet,  dass  die  Facies  hippocratica  übereinstimmend  geschildert  wird, 


^)  A.  Müller  a.  a.  0.  S.  478ff. :  F.  Wüstenfeld,  „Geschichte  der  arabischen 
Aerzte  und  Naturforscher",  Gott.  1840,  S.  138. 

2)  Müller  a.  a.  0.  S.  545. 

•■')  L.  Leclerc,  „Gazette  niedicale  de  l'Algerie"  1870  No.  6. 

*)  Vgl.  M.  Steinschneider,  .,Die  toxikologischen  Schriften  der  Araber  u.  s.w." 
in  Virch.  Arch.  Bd.  52,  Berlin  1871,  S.  487—491. 

■^)  Erwin  Rohde,   „Der  griechische  Roman",   2.  Aufl.,   Leipz.  1900,   S.  582  ff. 

**)  Auch  Hirschberg  a.  a.  0.  S.  34  Anm.  3  ist  dieser  Ansicht. 


Indische  Medizin.  129 

II.  dgl.  mehr,  ist  nicht  allzu  viel  Gewicht  zu  legen.  Auf  eine  aller- 
dings sehr  merkwürdige  Uebereinstimmung  in  der  Schrift  des  Hippo- 
krates  über  die  Kopfwunden  und  in  Susruta  machte  Pagel  auf 
merksam.  ^)  Es  handelt  sich  um  das  Versprechen  der  späteren  Schil- 
derung einer  besonderen  Wundnaht,  das  in  beiden  Schriften  vorkommt 
und  in  beiden  nicht  gehalten  wird. 

Trotzdem  ist  eine  gewisse  Originalität  der  altindischen  Medizin 
unverkennbar.  Hätte  wirklich  die  indische  Medizin  den  grössten  Teil 
ihrer  Kenntnisse  der  griechischen  entlehnt,  dann  wäre  es  sehr  auffallig, 
dass  z.  B.  die  Grundlage  jeder  Heilkunde,  die  Anatomie  in  nichts 
an  die  griechische  erinnert,  die  doch  schon  zur  Zeit  des  Hippokrates 
eine  sehr  hohe  Entwicklungsstufe  eiTeicht  hatte.  Die  indische  Ana- 
tomie ist  die  allerprimitivste,  die  man  sich  denken  kann,  da  das  brah- 
manische  Gesetz  jede  Beschäftigung  mit  Leichen,  jede  Berührung  der- 
selben verbot.  Haeser  hat  ihre  überraschende  Aehnlichkeit  mit  der 
altgermanischen  Anatomie  nachgewiesen-),  so  dass  wir  mit  Sicherheit 
sagen  können,  dass  die  indische  Anatomie  einen  autocht honen, 
urarischen  Charakter  trägt.  Ferner  ist  kein  Zweifel,  dass  auch  die 
Materia  medica  der  Inder  vollkommen  ursprünglich  ist.  Sie  ist 
besonders  von  den  Griechen  und  Arabern  in  reichem  JMasse  benutzt 
worden.  Die  Heilmittel  in  den  indischen  medizinischen  Schriften  sind 
durchweg  indische.  Nur  eine  einzige  fremde  Arzneipflanze,  die  in 
Persien  einheimische  Asa  foetida,  lässt  sich  in  dem  Heilschatz  der 
Inder  nachweisen.  =^)  In  der  inneren  Medizin  ist  den  Indern  die 
Kenntnis  des  Zuckergehaltes  des  Urins  bei  Diabetes  eigentümlich,  in 
der  Chirurgie  die  Ehinoplastik,  die  Nasenbildung  aus  der  Stirn- 
oder Wangenhaut.  Auch  die  Hygiene  und  Diätetik  haben  ein 
durchaus  originelles  Gepräge. 

Uebersicht  über  die  medizinischen  Schriften  der  Inder. 

1.  Die  Bo  wer -Hand  Schrift.  —  In  den  Kuinen  von  Mingal 
nahe  bei  Kuchar  in  Kaschgarien  (chinesisch  Turkestan)  ist  diese  uralte 
medizinische  Handschrift  entdeckt  worden.  Sie  befand  sich  in  einem 
buddhistischen  Stüpa,  der  1889  von  zwei  einheimischen  Kauf  leuten  auf 
der  Suche  nach  verborgenen  Schätzen  erbrochen  und  seines  Inhalts  be- 
raubt wurde.  Der  englische  Leutnant  Bower  erwarb  dieselbe  von 
dem  einen  derselben  im  Jahre  1890.  *)  Er  übergab  sie  dem  berühmten 
Sanskritisten  Rudolf  Ho  er  nie  in  Calcutta,  dem  wir  die  meisten 
Aufschlüsse  über  diesen  Fund  verdanken. 

Die  Bower-Handschrift  besteht  aus  56  Blättern  aus  Bii'kenbast, 
von  denen  54  doppelseitig  beschrieben  sind.  Von  diesen  54  Seiten 
enthalten  ST^j»  drei  medizinische  Werke.  Die  Sprache  des  medizinischen 
Teiles  ist  Sanskrit,  aber  kein  grammatisches  Sanskrit,  sondern  das 
alte  Sanskrit  des  nordwestlichen  Indien,  das  bei  den  Buddhisten  am 
Beginne  unserer  Zeitrechnung  in  Gebrauch  war.  Zunächst  galt  es, 
das   Alter   der   Bower-Handschrift   festzustellen.      Aus    den   Unter- 


1)  J.  L.  Pagel,  „Geschichte  der  Medizin",  Berlin  1898,  I,  33. 

2)  Haeser  a.  a.  0.  I,  607. 

3)  Meyer  a.  a.  0.  III,  17. 

*)  Note  by  Lieutenant  Bower  in :  Proceedings  of  the  Asiatic  Society  of  Bengal 
1890  S.  221. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  9 


130  Iwan  Bloch. 

sucliungeii  von  H  o  e  r  n  1  e  ^)  und  B  ü  h  1  e  r  -)  hat  sich  ergeben,  dass  die 
Handschrift  in  das  5.  Jahrhundert  nach  Chr.  zu  versetzen  ist.  Einige 
Teile  gehören  dem  Ende  des  5.  Jahrhunderts,  andere  dem  Anfange 
desselben  an.  Keinesfalls  ist  eine  spätere  Abfassungszeit  als  550  n.  Chr. 
anzunehmen. 

Durch  die  nunmehr  (bis  auf  die  litterarische  Einleitung)  vollstän- 
dig vorliegende  Uebersetzung  des  Bower-Manuskriptes  von  H  o  e  r  n  1  e  •^) 
sind  wir  über  den  Inhalt  desselben  genau  unterrichtet  worden.  Der 
Inhalt  der  medizinischen  Schriften  des  B.-Ms.  ist  der  folgende. 

Erstes  AVerk  (5  Blätter):  Ursprung  und  medizinische  AVirkungen 
des  Knoblauchs,  der  als  wahre  Panacee  gegen  alle  möglichen  Uebel  ge- 
priesen wird,  und  das  Leben  bis  auf  100  Jahre  verlängern  soll.  Dieser 
Abschnitt  ist  neuerdings  von  L,  Aschoff  aus  dem  Englischen  ins 
Deutsche  übersetzt  und  kommentiert  worden  (s.  oben).  Gleich  im  An- 
fang wird  eine  interessante  Uebersicht  über  die  altindischen  Aerzte 
gegeben:  „Auf  dem  heiligen  Berge,  wo  die  heilbringendenPflanzen 
wachsen,  wohnen  die  Munis,  Männer  mit  erleuchtetem  Geiste:  Atreya, 
Härita,  Paräsara,  Bhela,  Garga,  Sämbhavya,  Susruta, 
Vasist  ha,  Karäla  und  Käpya.  Sie  prüfen  den  Geschmack,  die 
Eigentümlichkeiten,  die  Formen,  Kräfte  und  Namen  aller  heilbringenden 
Pflanzen."  Bekannt  sind  von  diesen  das  Werk  des  Susruta,  die 
Härlta-Samhitä,  und  Vangasena  d.  h.  die  Ueberarbeitung  der 
Atreya-Samhitä.  ^)  —  Auf  das  „Knoblauchlied"  folgen  kürzere  Ab- 
schnitte über  Verdauung,  über  ein  Elixier  für  tausendjährige  Lebens- 
dauer, über  die  richtige  Mischung  der  Ingredienzien,  über  gewisse 
stärkende  Arzneien,  über  Augenwasser,  über  Gesichtspflaster  und 
Augensalben,  über  Haarmittel  und  Hustenmittel. 

Zweites  Werk.  Dieses  ist  umfangreicher,  umfasst  Blatt  6 — 34 
der  Handschrift  und  heisst  „Navanitaka"  („Sahne")  d.  h.  Extrakt  aus 
älteren  Lehrbüchern.  Es  handelt  in  16  Kapiteln  von  Pulvern,  Butter- 
decocten,  Oelen,  vermischten  Rezepten,  Klystieren,  Elixieren,  Brühen, 
Aphrodisiaka,  Augensalben,  Haarfärbemitteln,  Terminthia,  Chebula, 
Bitumen,  Plumbago  zeylanica,  Kinderpflege,  Sterilität  und  Behandlung 
von  Schwangeren  und  Wöchnerinnen.  Die  letzteren  xAbschnitte  sind, 
da  Kap.  15  und  16  verloren  gingen,  nicht  vorhanden.  Von  Interesse 
ist,  dass  auch  in  diesem  Teile  des  Bower-Ms.  der  Diabetes  erwähnt 
wird  („süsser  Urin",  an  dem  die  Hunde  lecken). 

Drittes  Werk.    Dieses  umfasst  nur  3Vo  Blätter  und  enthält  in 


^)  R.  Hoernles,  „Proceedings  of  the  Asiatic  Society  of  Beugal"  1891  S.  54; 
,,0n  the  data  of  the  Bower  Mamiscript,  Journal  of  the  Asiatic  Soc.  of  Bengal"  Bd.  LX 
1891  S.  79;  ,.An  instalment  of  the  B.  Ms."     Ibidem  S.  135. 

^)  Bühl  er,  „Wiener  Zeitschrift  für  die  Kunde  des  Morgenlandes"  Bd.  V  1891 
S.  103,  302. 

^)  „The  Bower  Manuscript.  Facsimile  Leaves,  Nagari  .Transcript,  ßomanised 
Transliteration,  and  English  Translation  with  Notes,"  edited  by  A.  F.  Rudolf 
Ho  er  nie,  Ph.  D.,  Principal  Calcutta  Madrasah.  Parts  I — VII.  Published  by  Order  of 
the  governments  of  India.  Calcutta  1893—1897.  —  Vgl.  das  Referat  von  J.  Jolly 
in  der  „Zeitschr.  der  deutschen  morgenländ.  Gesellschaft"  Bd.  LIII  1899  S.  374—380 
[„eine  monumentale  Publikation  sowohl  seiner  äusseren  Ausstattung  als  seinem 
inneren  Wert  nach"]. 

*)  Ein  grosser  Teil  des  Inhaltes  der  Bower-Handschrift  findet  sich  gleichlautend 
in  Caraka,  Susruta,  Härita-Samhitä  u.  s.  w.  wieder.  —  Auch  in  anderen 
uralten  centralasiatischen  Handschriften  mit  Sanskrittext  z.  B.  in  der  um  350  n.  Chr. 
geschriebenen  Macartney-Hs.  kommen  medizinische  Dinge  vor  (Jolly). 


Indische  Medizin.  131 

72  Versen  14  Arzneiformeln  zu  änsserlichem  oder  innerlichem  Gebrauche 
bei  den  verschiedensten  Krankheiten. 

Alle  drei  Werke  sind  fast  durchweg  metrisch  abgefasst. 

2.  Caraka  —  Ausgaben:  a)  Carakasamhitä  Sthana  1.  Sütra- 
sthänam,  Gangädhara  viracitam.  Jalpakalpataru-samäkhyayä  vya- 
khyaya  sahitam  tenaiva  samsodhitam.  Kalikätä  samvat  1925  (Calcutta 
1868)  8*^  384  S.  Der  Herausgeber  ist  Gangädhara  Kaviräja 
Kaviratna.  —  Diese  Ausgabe  enthält  nur  das  erste  Kapitel  des 
ersten  Buches  und  den  Anfang  des  zweiten,  d.  h.  etwa  den  70.  Teil 
des  Ganzen.  Der  beigegebene  Kommentar  des  Herausgebers  ist  weit 
umfangreicher  als  der  Originaltext.  Diese  Ausgabe  ist  vervollständigt 
durch  Dharanidhar  Ray,  Behrampore  1878.  1528  S.  —  b)  Caraka- 
samhitä Jivänanda  Vidyäsagara  Bhattäcäryena  samskrtä  prakä- 
sitä  ca.  Calcutta  1877,  8  ".  —  2.  Auflage  1896.  93i  S.  (Herausgeber 
ist  Jivänanda  Vidyäsagara.)  —  c)  Carakasamhitä.  Mahämuni- 
nägnivesena  praritämaharsi - Carakena  pratisamskitä  kaviräja  srl - D  e - 
V  e  n  d  r  a  n  ä  t  li  a  -Senaguptena  kaviräja-sri  -  U  p  e  n  d  r  a  n  ä  t  h  a  -Senagup- 
tena  ca  sampäditä  samsodhitä  prakäsitä  ca.  (Charaka  Samhita  By 
Mahamuni  Agnibesha.  Rev.  by  Maharshi  Charaka.  Compiled  and 
edited  by  Debendra  Xath  Sen  and  Upendra  Nath  Sen.)  Cal- 
cutta 1897,  8'*  1056  S.  —  d)  Englische  Uebersetzung :  Charaka  Samhita, 
translated  into  English  by  Abinash  Chandra  Kaviratna,  Cal- 
cutta 1891-1899  (20  Hefte,  noch  unvollständig.  Vgl.  Roth  in  Z.  der 
deutsch,  morgenl.  Gesellsch.  Bd.  48  S.  140—142)  —  1870  übersetzte 
Mah.  Lal  Sircar  2  Kapitel  im  Calcutta- Journ.  of  Medicine. ^) 

Nach  R.  R  0 1  h  (Caraka  in :  Zeitschr.  d.  deutschen  morgenl.  Gesell- 
schaft 1872  Bd.  XXXVI  S.  441—452)  zerlällt  das  Werk  des  Caraka 
in  11  Hauptteile  (sthäna)  von  verschiedenem  Umfange:  1.  Sütra  (seil, 
sthäna)  30  Kapitel:  Lehrsätze,  einleitender  allgemeiner  Teil.  2.  Ni- 
däna,  8  Kap.:  Ursachen  der  Krankheit.  3.  Vimäna,  8  Kap.:  Vom 
Masse,  nämlich  der  drei  Humores  u.  s.  w.  Vorschriften  über  Diät, 
über  ärztliches  Studium,  Epidemiologie  u.  a.  m.  —  4.  Särira,  7  Kap.: 
Anatomie.  5.  Indriya,  12  Kap.:  Anatomie  und  Pathologie  der  Sinnes- 
organe, Sinnestäuschungen,  Sprachstörungen,  Vorzeichen  des  Todes. 
6.  Rasäyana,  4  Kap.:  Essenzen,  Elixiere.  7.  Väjikarana,  4  Kap.: 
Aphrodisiaka.  8.  Cikitsä,  28.  Kap.:  Einteilung  der  Krankheiten, 
Prophylaxe,  Therapie,  Makrobiotik,  Gegengifte.  9.  Kalpa,  12  Kap.: 
Gegengifte,  Brech-  und  Abführmittel.  10.  Pancakarmädhikära, 
11  Kap.:  Applikation  der  Medikamente,  Vomieren,  Laxieren,  Geschwürs- 
lehre.   11.  Uttarasiddhi,  1  Kap.:  Nachkur. 

3.  S  u  s  r  u  t  a  —  Ausgaben :  a)  The  Susruta  or  System  of  medicine 
taught  by  Dhanvantari  and  composed  by  his  disciple  Susruta,  ed.  by 
Sri  Madhusudana  Gupta.  Calcutta  1835—1836,  2  Bände  8**. 
b)  The  Susruta  or  System  of  medicine  taught  by  Dhanvantari,  edited 
by  pandit  Jibananda  Vidyäsagara.  Calcutta  1873,  8 "  3.  Auf- 
lage 1889.  915  S.  c)  Susruta  -  Samhita,  Mähamati  -  Dalvanäryyakrto 
Nirandhasamgrahäkhyatikä  -  sahitä  -  Kaviräja  srl  A  v  i  n  ä  s  a  c  a  n  d  r  a 
Kaviratnena  anuväddtä  samsodhitä  etc.  (Teil  1—34).  Mehr  nicht 
erschienen.  Calcutta  1885,  8  ^K  —  Uebersetzungen :  a)  Susrutas  Ayur- 
vedas.  Id  est  medicinae  systema  a  venerabili  Dhanvantare  demon- 
stratum  a  Susruta  discipulo  compositum.   Xunc  primum  ex  Sanskrita  in 


^)  Der  wichtigste  Caraka-Kommentar  ist  der  des  Cakradatta. 

9* 


132  Iwan  Bloch. 

Latinum  sermonem  vertit.  introductionem,  annotationes  et  rerum  in- 
dicem  adjecit  Dr.  Franciscus  Hessler.  Erlangen  1844 — 1850, 
3  Bände  8  **.  —  Kommentar  in  2  Heften.  Erlangen  1852  u.  1855. 
[Nach  dem  Urteile  von  A.  Webe  r  ist  diese  Uebersetzung  mangelhaft. 
Hessler  hat  sogar  Personennamen  als  Sachnamen  übersetzt!]. 
b)  A.  M.  Kunte,  „Charaka  edited  and  Susruta  translated",  Bombay 
1876  (nur  Anfang),  c)  The  Susruta  Samhitam.  translated  from  the 
original  Sanskrit  byUdoy  Chand  Dutt  (Fase.  1  u.  2),  by  Angho- 
rechunder  Chattopadhyäya  (Fase.  3),  Calcutta  1883;  1891.  8® 
[Bibliotheca  Indica.  New  Series  No.  490,  500,  802].  —  d)  Susruta 
Samhitä.  The  Sugruta  Samhitä  or  the  Hindu  System  of  medicine 
according  to  Susruta.  Translated  from  the  original  Sanskrit  by 
Dr.  A.  F.  E.  Hoernle.  Fase.  L  Calcutta  1897,  8^  [Bibliotheca 
Indica.    N.  S.  No.  911].  ^) 

Koth  bemerkt  über  das  Verhältnis  des  Susruta  zu  Charaka: 
„Was  System  und  Terminologie  betrifft,  so  sind  sich  Caraka  und 
Susruta  in  allen  wesentlichen  Punkten  ähnlich,  weit  ähnlicher  als  zwei 
heutige  Lehrbücher  der  Pathologie  unter  einander  sind.  Caraka  über- 
trifft den  Susruta  an  Umfang,  aber  nicht  erheblich.  Man  bemerkt 
bei  beiden  denselben  Wechsel  von  Prosa  und  gebundener  Rede,  doch 
dürfte  jene  bei  Caraka  etwas  häufiger  vorkommen.  Seine  Schreibart 
ist,  wo  der  Stoff  es  zulässt,  lebhafter  und  ansprechender,  als  die  trockene 
sachmässige  Behandlung  bei  Susruta."  Schon  die  alten  indischen 
Schriftsteller  betonen,  dass  die  Chirurgie  in  besonderer  Ausführ- 
lichkeit und  besser  als  von  anderen  Autoren  von  Susruta  be- 
handelt wird. 

Dieses  Gebiet  wird  besonders  im  ersten  Sthäna  des  Susruta, 
dem  1.  Sütrasthäna,  berücksichtigt.  46  Kapitel.  Ursprung  der 
Heilkunde,  Propädeutik,  Instrumentenlehre,  Chirurgie,  Entzündung, 
Wundbehandlung  und  Geschwürslehre,  Ehinoplastik ,  Diagnostisch- 
Prognostisches,  Speise  und  Trank,  Arzneien  und  Anwendung  derselben. 

2.  Nidänasthäna.  16  Kap.  Allgemeine  Pathologie.  Rolle 
des  Blutes,  der  Galle,  des  Schleimes  und  der  Luft  bei  der  Entstehung 
der  Krankheiten,  Hämorrhoiden,  Lithiasis,  Fistula  ani,  Lepra,  Harn- 
leiden, Bauchtumoren,  Fötalkrankheiten,  Phlegmonen,  Abscesse,  Fisteln, 
Mammaaffektionen,  Arthritis,  indolente  Tumoren,  Halstumoren,  vene- 
rische   Krankheiten,    Elephantiasis,     Frakturen,     Mundkrankheiten. 

3.  ^ ä r I r a s t h ä n a.  -)  10 Kap.  Anatomie.  Embryologie.  Sperma, 
Menstruation,  Befruchtung,  Entwicklung  des  Embryo,  Teile  des  Körpers, 
Gefässlehre,  Aderlass,  Neurologie,  Schwangerschaft,  Diätetik  der  Neu- 
geborenen. 4.  Cikitsästhäna.  40  Kap.  Therapie,  Therapie 
der  Wunden  und  Geschwüre,  der  Frakturen,  des  Rheumatismus,  der 
Hämorrhoiden,  Lithiasis,  Fisteln,  Lepra  und  Hautkrankheiten;  Harn- 
leiden, Diabetes  (Kap.  13),  Abdominaltumoren,  geburtshilfliche  An- 
gaben (Kap.  15),  Therapie  der  Phlegmonen  und  Entzündungen,  Abscesse, 
Mammageschwülste ,  Gicht ,  Geschlechtskrankheiten ,  Elephantiasis, 
Mundleiden,  Oedeme  und  Schwellungen,  Haarkrankheiten,  Aphrodisiaka, 
Sedativa,  Panaceen  und  Elixiere,  Therapie  der  Fettleibigkeit,  Anti- 
hidrotica,  Vomitiva  und  Purgantia,   Klystiere,  Räucherungen,   Nasen- 


^)  Kommentare   zum   Susruta   wurden   von   Ubhatta  Jej jata    Dallana, 
Cakradatta  (im  12.  u.  13.  Jahrli.  n.  Chr.  u.  früher)  u.  a.  verfasst. 
^)  Dieser  Teil  ist  besonders  von  Parasuräma  herausgegeben. 


Indische  Medizin.  133 

mittel.  5.  Kalpasthäna.  8  Kap.  Toxikologie.  Antidote.  lieber 
Giftmischer  („Giftmädchen"),  Symptome  der  Vergiftung,  vegetabilische 
animalische  Gifte,  Schlangenbisse  und  Therapie  derselben,  Antidote  gegen 
andere  Gifte.  6.  Uttaratantra  (Schlussabhaudlung).  66  Kapitel. 
Spezielle  Pathologie  und  Therapie.  Krankheiten  des  Kopfes 
(Augen,  Ohren,  Nase,  Katarrhe),  Kinder,  Dämonen  und  Heilmittel  da- 
gegen, weibliche  Geschlechtsleiden,  Fieber,  Dysenterie,  Schwindsucht, 
Drüsenverhärtungen,  Herzkrankheiten,  Ikterus,  Diarrhoe,  Erbrechen, 
Durst,  Singultus,  Atembeschwerden,  Husten,  Stimmlosigkeit,  AVurm- 
leiden,  Blähungen,  Heus,  Appetitlosigkeit,  Ischurie,  sonstige  Harnleiden, 
dämonische  Krankheiten,  Epilepsie  (Kap.  61),  Delirium,  über  Ge- 
schmacksempfindungen, Lebensweise. 

Ueber  diesen  weitschichtigen  und  oft  bunt  zusammengewürfelten 
Inhalt  des  Werkes  des  Susruta  macht  E.  Meyer  die  treffende  Be- 
merkung: „Eine  Masse  wahrhafter  Kenntnisse,  die  eine  durch  Jahr- 
hunderte fortgesetzte  ärztliche  Beobachtung  voraussetzen,  sind  mit  einer 
etwa  gleichen  Masse  der  abenteuerlichsten  Einbildungen,  denen  die 
Gestalt  höchster  Präzision  angedichtet  ist,  zusammengeknetet,  und  aus 
der  Gesamtmasse  sind  Glaubenssätze  wie  Kügelchen  euies  Eosenkranzes 
gedreht  und  aufgereihet,  die  sich  dem  Gedächtnisse  des  Schülers  ein- 
prägen sollen."  ^) 

4.  Vägbhata.  —  a)  Astängahrdayam  (d,  h.  Wesen  der  8  Teile  sc. 
der  Medizin).  A  compendium  of  the  Hindu  System  of  medicine,  AVith 
the  commentary  of  Arunadatta.  Revised  by  Anna  Moreshvar 
Kunte.  Bombay  1880,  8'«  2  Bde.  —  2.  Auflage.  Bombay  1891,  4«.  — 
b)  The  Astängahrdaya,  a  treatise  of  Hindu  medicine  by  Bäg  Bhata. 
—  Edited  by  pandit  Jibänanda  Vidyasagara.  Calcutta  1882, 
8  ".  —  c)  Srimad  Vägbhata  viracitam  Ästangahrdayam  Sankara- 
sastrinä  cikitsakena  parisodhitam.  Bombay  1900  (153,  792  S.  8". 
Textausgabe  von  dem  Arzte  ^.).  —  d)  Ein  anderes  neuerdings  heraus- 
gegebenes Werk  des  Vägbhata  ist  der  „Astängasamgraha,  com- 
pendium of  medicine  edited  bv  Ganesa  Sakhäräma  Tarte*', 
Bombay  1888.  2  Bde.  (306,  421  S.)  gr.  8  ".  -) 

Beide  Schriften  des  Vägbhata  können,  wie  Jolly  dargelegt  hat, 
nicht  später  als  im  7.  bezw.  8.  nachchristlichen  Jahrhundert  verfasst 
worden  sein.  Sie  gleichen  in  ihrer  Einteilung  völlig  dem  Ayurveda  des 
Susruta.  1.  Sütrasthäna.  Chirurgie,  Diätetik,  Pharmakologie. 
2.  S  ä  r  1  r  a  s  t  h  ä  n  a.  Anatomie  und  Embryologie.  3.  N  i  d  ä  n  a  s  t  h  ä  n  a. 
Aetiologie  und  Pathogenese,  Fieber,  allgemeine  Pathologie.  4.  Cikit- 
sästhäna.  Therapie.  5.  Kalpasthäna.  Antidote,  dämonische 
Medizin,  Elixiere.  ^_ 

5.  Härita  (Atreya).  —  Die  unter  dem  Namen  des  altindischen 
Arztes  Atreya  gehenden  Manuskripte  sind  apokryph.  '■^)  In  der  Ein- 
leitung der  „Caraka  Samhitä*'  wird  Härita  als  einer  der  Lieblings- 


^)  E.  Meyer  a.  a.  0.  Bd.  HI  S.  14. 

-)  Kommentare  zu  Vagbhatas  Werken  verfassten  Arxinadatta  (vor  dem 
15.  Jahrh.),  Hemädri  (Minister  des  1271 — 1309  n.Chr.  regierenden  Königs  Eäma- 
räja*).  Auch  existiert  ein  alter  anonj'mer  Kommentar  zum  Astängahrdaya  aus  dem 
13.  Jahrhundert. 

^)  Vgl.  Räjendraläla  Mitra,  „Notices  of  sanscrit  manuscripts,  published 
under  orders  of  the  government  of  Bengal  etc."  Bd.  VIII,  Calcutta  1885,  S.  138  — 
Inhaltsangabe  eines  Ätreya-Manuskriptes  bei  F.  E.  Dietz.,  „Analecta medica",  Leipz. 
1833,  S.  158. 


134  Iwan  Bloch. 

Schüler  des  Ätreya  bezeiclmet.  Dieser  Harlta  verfasste  ein  medi- 
zinisches A^'erk,  welches  vielleicht  als  eine  Ueberarbeitimg  des  ur- 
sprünglichen,  nicht  mehr  bekannten  Buches  des  Atreya  anzusehen 
ist.  Vägbhata  citiert  bereits  den  Härlta,  ebenso  erwähnt  dieser 
den  Vägbhata  als  Zeitgenossen.  Hiernach  kann  n.an  den  Härlta 
(oder  vielmehr  das  seinen  Namen  tragende  Werk)  ungefähr  in  das 
6.  bis  7.  nachchristliche  Jahrhundert  setzen,  a)  Die  Härita-Sam- 
liitä  .existiert  in  wenigen  Handschriften,  von  denen  die  eine  sich  in 
Calcutta,  die  andere  in  der  Sammlung  des  Mahäräja  von  Birkaner 
befindet.  Ein  Teil  ist  in  der  Königl.  Bibliothek  zu  Berlin.  Heraus- 
gegeben wurde  die  Härlta  Samhitä  von  Kaviräja  Bin  od  Lal 
S  e  n :  Atreya  Maharshi  -  Härlta  -  Samhitä,  a  complete  System  of  Hindu 
medicine  ed.  and  publ.  by  Kaviraj.  Bin  od  Lal  Sen.  Calcutta  s. 
a.  (1887)  8^\  420  S.  b)  Ausgabe  von  Jair am  Eaghunath.  Bom- 
bay 1892,  812  S. 

6.  Bhävamisra;  Verfasser  des  Bhävaprakäsa.  —  Ausgabe: 
a)  Bhävaprakäsa,  a  treatise  on  Hindu  medicine,  compiled  by  Bhäva- 
misra. Edited  by  Jivänanda  Vidj^asägara.  Calcutta  1875,  8  ".  b)  Das- 
selbe s.  1.  1881,  8  ">.      ■ 

Der  Bhävaprakäsa  ist  die  berühmteste  mittelalterliche  Schrift 
der  indischen  Medizin.  Er  gehört  dem  16.  Jahrhundert  an  und  ist 
eine  Kompilation  aus  den  besten  früheren  medizinischen  Werken,  die 
wegen  ihres  klaren,  leicht  verständlichen  Stiles  und  ihrer  vorzüglichen 
Anordnung  unter  den  indischen  Aerzten  sehr  verbreitet  ist.  Wise 
hat  seine  Darstellung  der  indischen  Medizin  zu  einem  grossen  Teile 
nach , dem  Bhä vapr.  gegeben.  Bhävamisra  hat  Caraka,  Susruta, 
Yägbhata  und  andere  alte  Schriftsteller  ausgiebig  benutzt,  anderer- 
seits aber  auch  einiges  Originelle  in  seinem  Werke  niedergelegt. 
So  ist  er  der  Erste,  der  die  durch  die  Portugiesen  eingeschleppte 
Syphilis,  den  „phii-anga  roga"  (Franken-  d.  h.  Portugiesenkrankheit) 
beschreibt.    Auch  erwähnt  er  als  Erster  ausländische  Arzneimittel. 

Dies  sind  die  Hauptschriften  der  indischen  Medizin,  worauf  alle 
folgenden  beruhen.  Kurze  Erwähnung  verdient  noch  M  ä  d  h  a  v  a  oder 
Mädhaväcärya.  der  im  12.  Jahrhundert  lebte,  und  besonders  als 
Diagnostiker  berühmt  war.  Er  schrieb  das  „Mädhava-Xidäna"  (Ausg. 
von  Vidyäsagara,  Calc.  1876;  von  Dutt,  Calc.  1880).  Eine  alte 
Sanskritstanze  lautet : 

Nidäne  Mädhavas  sresthas, 
Sütrasthäne  tu  Vägbhatas : 
Särlre  Susrutas  proktas, 
Carakas  tu  cikitsake. 

d.  h.  Mädhava  ist  unübertroffen  in  der  Diagnostik,  Vägbhata  in 
Theorie  und  Praxis  der  Medizin,  Susruta  in  Chirurgie.  Caraka 
in  der  Therapie.  —  Mädhava  widmet  bereits  den  Pocken  (masü- 
rikä)  ein  besonderes  Kapitel.  Früher  wurden  dieselben  nur  unter  den 
leichteren  Uebeln  aufgezählt. 

Ein  sehr  verbreitetes  medizinisches  Handbuch  ist  der  „Madana- 
vinoda"  oder  „Madanapälanighanu",  ein  „Nighantu"  (Wörterbuch), 
aber  mehr  eine  Materia  medica.  Es  wurde  um  1374  unter  den 
Auspizien  von  Madanapäla,  einem  Räjan  im  Norden  von  Delhi  ver- 
fasst.  —  Ein  anderer  „Nighantu"  trägt  den  Namen  des  Dhanvantari, 
des  indischen  Aeskulap,  und  ist  ein  Repetitorium  der  Materia  medica 


Indische  Medizin.  135 

aus  dem  15.  oder  16.  Jahrhundert,  wichtig  durch  die  Aufzählung 
zahlreicher  Synonj^me. 

Der  „Astängahridayanighaiitu"  ist  das  Wörterbuch  aller  Sub- 
stanzen, die  in  der  Samhitä  des  Vagbhata  vorkommen. 

Das  berühmteste  Werk  über  die  Synon3'men  und  Eigenschaften 
der  Arzneien  und  über  diätetische  Verhältnisse  ist  der  „Rajanighantu" 
des  ,.Narahari.  eines  Arztes  aus  Kashmir,  verfasst  zwischen  1235 
bis  1251  n.  Chr. 

Ein  Handbuch  der  klinischen  Medizin  ist  die  „Säriigadharasam- 
hitä"  von  Säriigadhara.  dem  Sohne  des  Damodara,  die  im 
„Bhävaprakäsa"  citiert  wird  und  wohl  ins  13.  Jahrhundert  gehört. 
Sie  enthält  eine  Beschreibung  der  Krankheiten  und  der  Symptome, 
sowie  therapeutische,  pharmaceutische  und  diätetische  Notizen.  Aehn- 
liche  Nosologien  wurden  von  Vangasena  und  Cakradatta  ver- 
fasst. 

Die  zahlreichen  Werke  über  Hygiene  heissen  „Pathyäpathya" 
d.  h.  gesunde  und  ungesunde  Dinge.  Endlich  giebt  es  noch  Mono- 
graphien über  den  Puls  über  Fieber,  Pädiatrie  (bälacikitsä),  Lepra, 
Diabetes,  Augenleiden,  Gynäkologie,  Pastoralmedizin,  über  den  Ge- 
brauch metallischer  Präparate  oder  ge\\isser  anderer  Heilmittel. 

Medizin  der  Vedas. 

Die  indische  Medizin  der  vedischen  Periode  ist  eine  rein  theur- 
gische.  Zauber,  Dämonen  und  Beschwörungen  spielen  die  Hauptrolle. 
Daremberg  unterscheidet  eine  ältere  Periode  der  vedischen  Medizin, 
in  welcher  (besonders  in  den  älteren  Teilen  des  R-Yeda)  die  Krank- 
heiten durch  Gebete  und  Anrufungen  der  Götter  beseitigt  werden 
und  eine  jüngere,  in  der  Magie  und  Zauberformeln  am  meisten 
zur  Anwendung  kommen.  Hierauf  beziehen  sich  vor  allem  die  Sprüche 
und  Lieder  des  vierten,  des  Atharva-Veda,  der  überhaupt  für  die 
Kenntnis  der  vedischen  Medizin  die  grösste  Bedeutung  besitzt. 

Unter  den  Heilgöttern  der  Yedas  treten  uns  besonders  die 
Asvins  ^)  entgegen,  die  „rossgestaltigen  Himmelsärzte",  die  Yerkünder 
der  Morgenröte,  welche  auch  von  ihrem  dreirädrigen  goldenen  Wagen 
auf  die  Erde  herabsteigen,  um  die  kranken  Menschen  zu  heilen,  die 
Fruchtbarkeit  der  Frauen  zu  befördern  und  das  Leben  durch  Arzneien 
zu  verlängern.  Auch  als  Chirurgen  geniessen  die  Asvins  grossen  Ruf 
Sie  verstehen  abgeschlagene  Köpfe  so  wieder  anzusetzen,  dass  die  be- 
treffende Person  wieder  lebendig  wird,  heilen  die  Armlähraung  des 
I  n  d  r  a  und  sind  auch  die  Aerzte  der  übrigen  Götter,  Yon  ihnen  ging 
die  Kenntnis  des  heiligen  Opfertrankes,  des  Soma  (Saft  von  Sarco- 
stemma  viminalis  und  Asclepias  acida)  aus,  der  den  Geniesser  unsterb- 
lich macht  und  daher  den  Göttern  die  am  meisten  willkommene 
Gabe  ist. 

Neben  den  Asvins  gilt  R  u  d  r  a ,  der  Yater  der  Maruts,  der  schnellen 
Winde,  als  bester  der  Aerzte,  den  man  um  Heilmittel  anflehte,  die  er 
in  seiner  Hand  trägt.  Sein  Hauptmittel  ist  „jäläsa",  d.  h.  Urin  (der 
Kuh),  mit  dem  die  kranken  Stellen  eingerieben  werden.    Dies  geschieht 


^)  My r i an t Ileus,  „Die  Asvins  oder  arisclieu  Dioskuren",  München  1876;  W. 
Schwartz,  ,,Die  rossgestaltigen  Himmelsärzte  bei  Indern  und  Griechen",  Zeitschr. 
f.  Ethnologie  Bd.  XX,  1888. 


136  Iwan  Bloch. 

z.  B.  im  Atharvaveda  bei  Skrophulose.  —  Agni,  der  Gott  des  Feuers, 
der  „nächste  Freund",  den  die  alten  Inder  im  Herdfeuer  beständig  bei 
sich  hatten,  Sarasvati,  Savitar  sind  ebenfalls  Götterärzte.  Der 
letztere  ist  der  Erregergott,  der  aller  Bewegung  und  Thätigkeit  vor- 
steht.   Es  heisst  von  ihm: 

„Der  goldenhändige  Savitar,  der  rege,  bewegt  sich  zwischen  Erd  und  Himmel, 
vertreibt  die  Krankheit,  setzt  die   Sonne  in  Bewegung,  eilt 
durch  die  dunklen  Räume  hin  zum  Himmel." 

(Rigveda  1,  35,  9.  —  Uebersetzung  von  E.  Hardy.) 

Dhätar,  der  Gott  „Setzer",  „Bildner",  „Ordner"  wird  besonders 
bei  Kontinuitätstrennungen  (Frakturen  u.  dgl.)  angerufen.  Endlich 
werden  noch  die  „Wässer"  als  göttliche  Personifikationen  der  Heil- 
kraft des  Wassers  angerufen. 

„Die  Wässer  heilen  wirklich,  die  Wässer  verjagen  jede  Krankheit,  heilen 
jedes  Leiden.     Mögen  sie  ein  Heilmittel  für  Dich  bereiten ! " 

(Atharvaveda  VI  p.  91.) 

Die  Krankheiten  sind  das  Werk  böser  Dämonen,  der  Räk- 
sasas  oder  auch  der  Götter,  wie  denn  Rudra  nicht  bloss  als  Krank- 
heitsheiler,  sondern  auch  als  Krankheitsbringer  auftritt.  Aber  auch 
Menschen  ist  die  Kunst  gegeben,  durch  Zauber  ihre  Mitmenschen 
krank  zu  machen  und  aus  ihnen  rekrutiert  sich  nach  dem  Tode  die 
Klasse  Räksasas.  Opfer,  Gebete  und  Zauberhandlungen,  magische 
Sprüche,  Amulette  u.  s.  w.  sind  die  Hauptabwehrmittel  aller  dieser 
schädlichen  und  krankmachenden  Einflüsse.  Man  sucht  z.  B.  den 
Krankheitsgeist  dadurch  von  sich  abzuwehren,  dass  man  das  Haus,  in 
dem  ein  Kranker  sich  befindet,  durch  eine  ungewöhnliche  Oeffnung 
verlässt!  Oder  man  bannt  die  Krankheit  in  andere  Menschen  oder 
auch  in  Tiere.  Das  kalte  Fieber  wird  dem  Frosche,  die  Gelbsucht 
dem  Papageien  zugeschoben.  Auch  Lärmmachen  vertreibt  die  Krank- 
heitsdämonen. Die  verschiedenen  Heilkräuter,  entstammend  dem 
göttlichen  Amrta  (Ambrosia),  an  ihrer  Spitze  der  Soma,  w^erden 
gegen  die  Krankheiten  angerufen  (z.  B.  Atharvaveda  VI,  96 ;  VIII,  7). 

Es  scheint  schon  in  der  vedischen  Periode  einen  eigenen  Stand 
der  Aerzte  gegeben  zu  haben.  An  einer  Stelle  des  Rigveda  heisst 
es:  „Die  Wünsche  der  Menschen  sind  verschieden,  der  Fuhrmann  ver- 
langt nach  Holz,  der  Arzt  nach  Krankheiten,  der  Priester  nach  Liba- 
tionen."  Der  vedische  Arzt  macht  nach  R.  Roth  „kein  Hehl  daraus, 
dass  nicht  Menschenfreundlichkeit  vorzugsweise  ihn  zur  Praxis  treibe, 
sondern  dass  der  Gewinn  der  wesentliche  Gesichtspunkt  sei".  Er  ist 
ein  „Kräutermann,  welcher  in  dem  Holzkästchen,  das  er  mit  sich  führt, 
eine  Anzahl  der  duftenden  Kräuter  bereit  hat,  die  er  als  seine  Bundes- 
genossen im  Kampfe  mit  der  Krankheit  betrachtet  und  zur  Besiegung 
des  Feindes  anfeuert".  ^) 

Die  Zahl  der  im  Atharvaveda  erwähnten  Krankheiten  ist  durch- 
aus keine  geringe.  -)  Es  ist  da  die  Rede  von  Abscessen,  Tumoren, 
Skropheln,  Blutungen  und  Blutflüssen,  Kolik,  Obstipation,  Schwindsucht, 
Konvulsionen,  Husten,   Deformitäten,   Diarrhoe,   Samenfluss,  Hydrops, 


^)  Vgl.   das   „Lied   des  Arztes"   (Rigveda  X,  97)    übersetzt    von   R.  Roth  in: 
Zeitschr.  d.  deutschen  morgenländ.  Gesellschaft  1871  Bd.  XXV  S.  645  ff. 

^)  Vgl.  den  Index  zuBloomfields  Ausgabe  des  Atharvaveda,  unter  „Diseases". 


Indische  Medizin.  137 

Epilepsie,  Ohrenschmerzen,  Augenkrankheiten.  Fieber.  Schwellungen, 
Frakturen,  Gicht,  Kopfschmerz,  Herzkrankheit,  Hemiplegie,  hereditäre 
Krankheit,  Entzündung,  Gelbsucht.  Lepra  (kiläsa).  Manie.  Krankheiten 
der  Nägel,  Neuralgie.  Hautexanthem,  Lähmung,  „Königskrankheit" 
(Epilepsie?).  Rheumatismus,  Krämpfe,  Veitstanz,  Zahnleiden,  Blähungen, 
Geschlechtskrankheiten  (grämya  sc.  vyädhi),  Wurmleiden,  Wunden, 
Kinderkrankheiten,  Schlangenbiss  u.  s.  w. 

Besonders  häufig  wird  im  Atharvaveda  des  Takman  gedacht, 
dessen  Heilung  allein  vier  Hymnen  (I,  25;  V,  22,  VI,  20,  VII,  116) 
gewidmet  sind.    Im  Hymnus  V,  22  lautet  z.  B.  eine  Stelle: 

„0  Takman,  zu.  den  Müjavant  gehe  und  weiter  weg  zu  den  Balhika 
(fernewohnenden  Völkerschaften) !  Das  S  ü  d  r  a  -  "Weib  (aus  der  S  ü  d  r  a  - ,  der 
niedrigsten  Kaste)  falle  an,  das  strotzende,   das  schüttele  etwas,   o  Takman." 

Nach  den  Untersuchungen  von  VirgilGrohmann^)  und  Bloom- 
field^')  ist  der  Takman  ein  bösartiges  Fieber  und  zwar  haupt- 
sächlich Malariafieber,  das  intermittierenden  Typus  zeigt. 

Ferner  sind  der  vedischen  Medizin  schon  einige  Thatsachen  des 
menschlichen  Geschlechtslebens  bekannt,  so  die  Vermischung  des  männ- 
lichen und  weiblichen  „Samens"  bei  der  Befruchtung,  die  Dauer  der 
Schwangerschaft,  die  auf  10  Mondmonate  bemessen  wird,  konzeptions- 
befördernde  Mittel,  Abortiva  und  vor  allem  Aphrodisiaka,  die  ja 
auch  in  der  späteren  indischen  Medizin  eine  so  grosse  Rolle  spielen. 
Die  Gandharven,  die  „göttlichen  Lebemänner",  die  sich  mit  den 
himmlischen  Nymphen,  den  Apsaras  vergnügen,  sind  besonders  auf 
diesem  Gebiete  wohl  bewandert  und  kennen  viele  aphrodisisch  wirkende 
Pflanzen. 

Als  Heilpflanze  wird  besonders  die  K  u  s  t  h  a  -  Pflanze  (Costus 
speciosus)  verwendet,  nach  der  später  der  Aussatz  benannt  sein  soll. 
Auch  homöopathische  Mittel  finden  sich  im  Atharvaveda.  Man 
braucht  vergiftete  Pfeile  gegen  Gift,  gelbe  Pflanzen  gegen  Gelb- 
sucht u.  a.  m. 

Heilsprüche  des  Rigveda  preisen  die  heilsame  Wirkung  der  See- 
winde: 

„Zwei  Winde  wehen  eilend  her,  vom  Ocean,  vom  fernen  Ort, 
Kraft  wehe  Dir  der  eine  zu,  der  andere  Dein  Leiden  fort, 
Wind,  wehe  Heilung  diesem  zu,  und  wehe,   Wind,  sein  Leiden  fort, 
Die  Götter  haben  Dich  gesandt  mit  aller  Heilungsmittel  Hort," 

und  diejenige  der  kalten  Bäder: 

„Heilkräftig  ist  des  Wassers  Schwall,  das  Wasser  kühlet  Fiebers-Gluth, 
Heilkräftig  gegen  alle  Sucht,  Heil  bringe  Dir  des  Wassers  Fluth!'*^) 

Auf  einer  verhältnismässig  hohen  Stufe  der  Entwicklung  scheint 
die  vedische  Chirurgie  gestanden  zu  haben.  Man  wandte  auch  bei 
chirurgischen  Krankheiten  zunächst  Zaubersprüche  an  und  vollzog 
symbolische  Handlungen.  Einer  dieser  Zaubersprüche  ist  sehr  merk- 
würdig, weil  er  in  einer  auffallenden  Uebereinstimmung  mit  dem  alt- 


^)  Virgil  Grohraann,  „Medizinisches  aus  dem  Atharvaveda  mit  besonderem 
Bezug  auf  den  Takman"  in  A.  Weber's  „Indische  Studien"  Bd.  IX  (1865)  S.  381  ff. 

')  M.  Bloorafield  a.  a.  0.  S.  441—444. 

*)  Rigveda  X,  137.  Vgl.  Aufrecht,  „Zeitschr.  der  deutsch,  morgenländ.  Ge- 
sellschaft" Bd.  XXIV  S.  203. 


138  Iwan  Bloch. 

germanisclien,  sogen.  „Merseburger  Segen",  sich  deutlicli  als  ein  Ueber- 
rest  urar isolier  Medizin  bekundet.  Dieser  eine  Fraktur  be- 
treifende Spruch  findet  sich  im  Atharvaveda  IV,  12,  2—5  und  lautet: 

2.  "Wenn  dir  zerrissen,   dir  zerbrochen 
ein  Knochen  in  dem  Leibe  ist, 

das  leg'  zum  Heile  wieder, 

Dhätar,  zusammen  Glied  zum  Glied! 

3.  Zusammen  sei  mit  Mark  dein  Mark, 
zusammen  sei  mit  Glied  dein  Glied ! 
Zusammen  wachs'  dein  altes  Fleisch 
und  auch  der  Knochen  wachs'  dazu! 

4.  Zusammen  füg'   sich  Mark  mit  Mark, 
und  mit  der  Haut  verwachs'  die  Haut ! 

So  wachs'  dein  Blut  und  auch  das  Bein  [Knochen], 
das  Fleisch  verwachse  mit  dem  Fleisch ! 

5.  Das  Haar  verein'  sich  mit  dem  Haar, 
die  Haut  verein'  sich  mit  der  Haut ! 

So  wachs'  dein  Blut  und  auch  das  Bein 
zusammenleg'  Zerbrochnes,  Kraut !  ^) 

Doch  in  chirurgischen  Fällen  konnte  man  am  allerwenigsten  auf 
Zaubersprüche  bauen.  So  finden  wir  schon  im  Rigveda  sehr  bedeutende 
Leistungen  der  urindischen  Chirurgie  aufgeführt.  Es  ist  dort  sogar 
von  künstlichen  Beinen  (Rigveda  I,  116,  15)  und  Augen  (I,  116, 16)  die 
Rede.  Sehr  geschickte  Chirurgen  extrahierten  die  Pfeile  aus  den 
Wunden  der  Krieger,  die  dann  regelrecht  verbunden  wurden.  Die 
A^vins  sollen  dem  Püsan  neue  Zähne  eingesetzt  haben.  Im  Atharva- 
veda (IV,  22)  wird  die  Kastration  erwähnt.  Bei  Diarrhoe  versetzte 
man  dem  Patienten  Schläge  auf  die  Analgegend! 

Medizin  der  brahmanisclien  Periode:  Anatomie  und  Physiologie. 

Die  Inferiorität  der  indischen  Heilkunde  in  Vergleichung  mit  der 
griechischen  Medizin  beruht  vorzüglich  auf  dem  gänzlichen  Mangel 
einer  anatomischen  und  physiologischen  Wissenschaft.  Da  diese  beiden 
Disziplinen  die  Fundamente  der  wissenschaftlichen  Heilkunde  bilden, 
so  trägt  trotz  einiger  glanzvoller  Einzelerrungenschaften  die  indische 
Medizin  im  ganzen  den  Charakter  der  Unwissenschaftlichkeit,  des  rein 
Empirischen. 

Die  Pflege  der  Anatomie  war  deswegen  vollkommen  unmöglich, 
weil  die  Beschäftigung  mit  Leichen  aufs  strengste  durch  das  religiöse 
Gesetz  verboten  war  (Manu  IV,  132;  V,  87,  135)  und  jede  Berührung 
eines  toten  Körpers  durch  ein  Bad  und  andere  Ceremonien  gesühnt 
werden  musste  (Manu  V,  59;   62;   64;  85;   IV,  108;  110;  111;   116). 

^)  Vgl.  E.  Harcly,  „Indische  ReligionsgescMclite",  Leipz.  1898,  S.  44.  lu  dem 
„Merseburger  Segen"  heisst  es:  „Beiu  zu  Beine,  Bhit  zu  Blute,  Glied  zu  Gliedern, 
als  wenn  sie  geleimt  wären."  Hier  bespricht  Wodan,  der  Götterarzt,  die  Bein- 
verletzung. Vgl.  W.  Scherer,  „Geschichte  der  deutschen  Litteratur",  7.  Aufl.,  Berlin 
1894,  S.  15. 


Indische  Medizin.  139 

Trotzdem  sind,  wie  aus  Särlrasthäna  Kap.  5  des  Susruta  hervor- 
geht, ohne  Zweifel  Untersuchungen  von  Leichen  vorgenommen  worden. 
Wie  später  die  mittelalterlichen  Aerzte  es  thaten,  liess  man  die  Leiche 
sieben  Tage  in  Wasser  liegen,  bis  sie  maceriert  war  und  die  äusseren 
Teile  abgeschabt  werden  konnten.  Hierzu  benutzte  man  Pflanzenrinden. 
Hatte  man  so  die  inneren  Teile  freigelegt,  so  beschränkte  man  sich 
auf  eine  blosse  Okularinspektion.  So  erklärt  sich  die  mangelhafte 
Ausbildung  der  Anatomie,  die  im  wesentlichen  nur  eine  Aufzählung 
der  einzelnen  Körperbestandteile  ist.  Der  menschliche  Körper  besteht 
aus  6  G 1  i  e  d  e  r n  (4  Extremitäten,  Rumpf  und  Kopf) ;  aus  einzelnen 
(Kopf,  Bauch,  ßücken.  Nabel,  Stirn,  Kinn,  Hals  und  Brust)  und  dop- 
pelten (Ohren,  Augen,  Nase,  Augenbrauen,  Schläfen,  Oberarme.  Brüche, 
Hoden,  Seitenteile,  Nates,  Kniee,  Unterarme.  Oberschenkel  u.  s.  w.) 
Organen.  Dazu  kommen  noch  20  Finger  und  die  Organe  der  Sinne. 
Das  ist  die  allgemeine  Körpereinteilung.  Im  besonderen  werden  nach 
Susruta  7  Häute.  7  Segmente.  7  Elemente,  7  Sitze  der  einzelnen 
Organe,  70  Gefässe,  500  Muskeln  (bei  Frauen  490),  90  Sehnen,  300 
Knochen  (nach  Caraka  306,  nach  anderen  340—360).  210  Gelenke 
(68  bewegliche),  107  Punkte,  deren  Verletzungen  lebensgefährlich  oder 
gefährlich  sind  (,.Marman'-)  ^),  24  Nerven,  3  Körperflüssigkeiten.  3  Ex- 
cretionsflüssigkeiten,  9  Sinnesorgane.  Die  Gefässe  laufen  alle  im 
Nabel  zusammen,  sie  führen  nicht  nur  Blut,  sondern  auch  Luft, 
Schleim  und  Galle.  Auch  die  24  Nerven  entspringen  aus  dem  Nabel, 
10  ziehen  nach  oben,  10  nach  unten  und  4  nach  den  Seiten.  Der 
Mensch  hört,  sieht,  schmeckt  und  riecht  mit  8  Nerven,  spricht  mit  2, 
schläft  mit  2  u.  s.  w. 

Ebenso  phantastisch  wie  die  Anatomie  ist  die  Physiologie.  Ihre 
Grundlage  bildet  die  Lehre  von  den  drei  Humores:  Luft,  Galle  und 
Schleim.  Diese  durchfliessen  den  ganzen  Menschen.  Ihre  Alterationen 
sind  die  Ursachen  aller  Krankheiten.  Die  Luft  befindet  sich  haupt- 
sächlich zwischen  Fuss  und  Nabel,  die  Galle  zwischen  Nabel  und  Herz 
und  der  Schleim  zwischen  Herz  und  Scheitel.-)  Luft  herrscht  im 
Greisen-,  Galle  im  Mannesalter.  Schleim  in  der  Kindheit  vor.  Ebenso 
prävaliert  Schleim  am  Morgen,  Galle  am  Mittag,  Luft  am  Abend. 
Luft  ist  alleiniger  Träger  und  Vermittler  der  Bewegung,  die  Galle 
ist  Ursache  der  tierischen  Wärme,  der  Schleim  ermöglicht  die 
Thätigkeit  der  einzelnen  Organe.  —  Diese  drei  Elementarstoife  des 
Körpers  erzeugen  sieben  andere  Stoffe  (dhätus):  Chylus,  Blut.  Fleisch, 
Fett,  Knochen,  Mark  und  Samen.  Chylus  entsteht  durch  Attraktion 
aus  der  Nahrung,  ist  weiss  und  süss  und  erhält  den  Menschen  in 
guter  Stimmung.  In  der  Milz  und  Leber  wird  der  Chylus  zu 
Blut.  Das  Blut  verwandelt  sich  in  Fleisch,  Fleisch  in  Fett,  Fett 
in  Knochen.  Knochen  in  Mark  und  Mark  in  Samen.  Diese  ganze 
Metamorphose  nimmt  einen  Monat  in  Anspruch.  Der  krankhaft 
veränderte  Chylus  wird  sauer  oder  salzig  und  erzeugt  dann  kon- 
stitutionelle Krankheiten.    Blut   ist  schwerer  als  Chylus,   es  bewegt 


*)  Und  zwar  19,  deren  Verletzung  sofortigen  Tod  herbeiführt,  33,  deren  Ver- 
letzung nur  langsamen  Tod,  44,  Lähmung  der  Glieder,  8,  heftigste  Schmerzen  herbei- 
führt, 3,  die  kein  Herausziehen  von  Fremdkörpern  vertragen.  Zu  diesen  „marman" 
gehören  Hohlkand.  Fusssohle,  Testes,  Regio  inguinalis  u.  s.  w. 

^)  Bekanntlich  lassen  auch  die  Hippokratiker  den  Schleim  hauptsächlich  aus 
dem  Gehirn  herabfliessen  („Katarrh")  und  so  in  die  verschiedenen  Organe  eindringen 
und  krankhafte  Veränderungen  erzengen. 


140  Iwan  Bloch. 

sich  durch  die  verschiedenen  Gefässe  des  Körpers.  Härlta  und 
Bhävamisra  sollen  sogar  die  Cirkulation  des  Blutes  vom  Herzen 
aus  durch  Arterien  und  Venen  erwähnen,  und  so  Vorläufer  Harveys 
sein  (B  h  a  g  V  a  t  S  i  n  h  J  e  e).  Bei  den  Frauen  entsteht  das  Menstrual- 
blut  ebenfalls  aus  dem  Chylus.  Findet  Konzeption  statt,  so  fliesst  es 
zu  den  Brüsten  und  verwandelt  sich  in  Milch,  Urin,  Fäces,  Schweiss, 
Cerumen,  die  freien  Eänder  der  Nägel,  Haar,  Sputum,  Thränen,  Nasen- 
schleim gelten  für  Unreinheiten  des  Körpers.  —  Sechs  hohle  Einge- 
weide dienen  dem  Zwecke,  den  Schleim,  unverdaute  Nahrung,  Galle, 
Luft,  Fäces  und  Urin  in  sich  aufzunehmen.  Das  AVeib  hat  drei 
weitere  für  die  Aufnahme  des  Fötus  und  der  Milch  bestimmte. 

Allgemeine  Aetlologie  und  Pathologie. 

Härita  führt  die  Krankheiten  auf  drei  Hauptursachen 
zurück,  auf  ,,K a r m a",  Alteration  derHumores  oder  beide  zu- 
gleich. „Karma"  ist  die  unvermeidliche  Folge  guter  und  böser,  in 
dieser  oder  jener  Welt  verrichteter  Handlungen.  Gewisse  Krankheiten 
(„Karmajah")  sind  Folgen  von  Sünden  in  einem  früheren  Leben.  Der 
Mörder  eines  Brahmanen  leidet  an  Anämie,  der  Töter  einer  Kuh  an 
Lepra,  ein  Königsmörder  an  Schwindsucht,  ein  Mörder  im  allgemeinen 
an  —  Diarrhoe !  Der  Ehebrecher  mit  seines  Herrn  Frau  wird  Gonorrhoe 
erdulden,  der  Schänder  des  Ehebettes  seines  Lehrers  Urinverhaltung. 
Ein  Trunkenbold  bekommt  Hautkrankheiten,  ein  Brandstifter  Erysipel, 
ein  Spion  verliert  ein  Auge.  Die  durch  Karma  verursachten  Krank- 
heiten müssen  durch  Gebete,  Sühneceremonien  und  beruhigende  Zauber- 
sprüche geheilt  werden.  So  soll  z.  B.  der  Karma-Kranke  auf  einem 
schmalen  Fusspfade  fortgehen  bis  zur  unsichtbaren  nordöstlichen  Land- 
zunge; er  soll  von  Wasser  und  Luft  leben,  bis  „seine  irdische  Hülle 
dahinsinkt  und  seine  Seele  sich  mit  Gott  verbindet"  (Manu).  —  Es 
giebt  80  Krankheiten,  die  durch  krankhafte  Veränderung  der  Luft  er- 
zeugt sind,  40  durch  Alterationen  der  Galle,  20  durch  Abnormitäten 
des  Schleimes  und  10  durch  Erkrankungen  des  Blutes.  Je  nach  der 
Prävalenz  des  einen  oder  anderen  Elementarteiles  werden  Greise, 
Männer  oder  Kinder  ergriffen.  Auch  die  übrigen  Grundstoffe  spielen 
bei  der  Pathogenese  der  einzelnen  Krankheiten  eine  Eolle,  so  dass  die 
mannigfachsten  Kombinationen  möglich  sind  und  in  der  theoretischen 
Medizin  verwertet  werden. 

Allgemeine  Diagnostik  und  Prognostik. 

Die  allgemeine  Diagnostik  der  Krankheiten  erfuhr  bei  den  alten 
Indern  eine  ziemlich  subtile  Ausbildung,  besonders  in  ihrem  physi- 
kalischen Teile.  Inspektion,  Palpation,  Perkussion,  Auskultation,  Ge- 
ruch und  Geschmack  wurden  als  Hilfsmittel  derselben  verwendet.  Der 
Arzt  soll  alle  fünf  Sinne  bei  der  Diagnose  einer  Krankheit  in  Ge- 
brauch ziehen,  ferner  das  Aussehen,  den  Blick,  Zunge,  Haut,  Stimme, 
Urin  und  Fäces  des  Kranken  beachten.  Der  Puls  (Radialis)  muss 
sorgfältig  geprüft  werden,  beim  Manne  der  rechtsseitige,  bei  der  Frau 
der  linksseitige.  Kompressibilität,  Frequenz,  Eegelmässigkeit,  Grösse 
desselben  sind  zu  erforschen.  Der  leise  dahinschleichende  kündigt 
Vorherrschen  der  Luft,  der  wie  ein  Frosch  hüpfende  Prävalenz  der 
Galle,   der  laugsam  gegen  den  Finger  schlagende,  des  Schleimes  an. 


Indische  Medizin.  141 

Nacli  Bhagvat  Sinh  Jee  zeigen  die  weiteren  subtilen  Einteilungen 
des  Pulses  bei  den  altindisclien  Aerzten  eine  auffällige  Ueberein- 
stiramung  mit  denjenigen  des  Galen. 

Die  Prognostik  der  Inder  ist  eine  eigene  Kunst,  die  ausserordent- 
lich zahlreiche  Dinge  zu  berücksichtigen  hat.  Es  giebt  günstige  und 
ungünstige  Vorzeichen  vor  dem  Besuche  des  Arztes.  Günstige  sind 
eine  Jungfrau,  eine  Frau  mit  Säugling,  zwei  Brahmanen.  Fisch,  Pferd, 
Wild.  Elephant.  Milch,  Blumen.  Tänzerin,  spirituöse  Flüssigkeit, 
Wäscher  mit  trockenen  Kleidern,  voller  Wassertopf  u.  s.  w.;  un- 
günstige :  Gras,  Schlange,  Oel,  Feind,  streitendes  Volk,  Eunuch,  Butter- 
milch, Bettler,  Asket,  Einäugiger,  leerer  Wassertopf  u.  s.  w.  Alle 
diese  Dinge  muss  aber  der  Arzt  zufällig  auf  seinem  Wege  zum 
Patienten  treifen,  um  daraus  eine  Prognose  stellen  zu  können.  Sieht 
aber  der  zum  Arzt  geschickte  Patient  die  oben  erwähnten  guten  Vor- 
zeichen auf  seinem  Wege,  so  ist  das  schlecht  für  den  Kranken,  sieht 
er  die  schlimmen,  so  ist  es  gut!  Auch  sollte  der  Bote  von  demselben 
Geschlechte  und  Stande  wie  der  Patient  und  darf  keine  Witwe  oder 
Bettler  sein.  Die  Herkunft  und  Heimat  des  Kranken  sind  von  Be- 
deutung. Verbrecher,  Mörder  und  Schlächter,  Unheilbare  sollen  nicht 
behandelt  werden.  Die  Prognose  ist  bei  Brahmanen,  Königen,  Greisen, 
Frauen,  Kindern  ungünstiger,  da  sie  keine  starken  Arzneien  nehmen 
dürfen  und  unfolgsamer  sind.  Die  Körperbeschaffenheit  des  Kranken 
ist  für  die  Dauer  des  Lebens  bezw.  der  Krankheit  massgebend  (kurzes 
Leben,  langes  Leben  und  Leben  von  mittlerer  Dauer).  Kurze  Finger 
und  langes  Sexualorgan  sind  ein  Zeichen  von  Kurzlebigkeit  I  Feindschaft 
Gottes,  der  Brahmanen  und  der  Aerzte  verkürzt  das  Leben  und  be- 
schleunigt bei  Krankheit  den  Tod.  Als  die  acht  „schweren  Krank- 
heiten" mit  besonders  ungünstiger  Prognose  gelten  Ascites,  Aussatz, 
Nervenleiden.  Gonorrhoe.  Hämorrhoiden,  Mastdarmfisteln,  widernatür- 
liche Kindeslage  und  Lithiasis. 

Diätetik  und  Hygiene. 

Diätetik  und  Hj-giene  waren  bei  den  alten  Indern  aufs  pein- 
lichste geregelt,  ihre  zum  Teil  lächerlich  pedantischen  Vorschriften 
wurden  strenge  befolgt.  Anerkannt  muss  werden,  dass  bei  keinem 
anderen  Volke  der  Grundsatz  der  körperlichen  Reinheit  in  solch 
rigoroser  Weise  durchgeführt  wurde  wie  bei  den  alten  Indern. 

Zweimal  täglich  zwischen  9  und  12  Uhr  vormittags  und  7  und 
10  Uhr  abends  soll  man  speisen,  und  zwar  nicht  an  einem  öffentlichen 
Platze,  da  Essen,  Coitus  und  die  Befriedigung  der  natürlichen  Bedürf- 
nisse dem  Blicke  anderer  Menschen  entzogen  werden  müssen.  Als 
Speisegeräte  sind  vorzüglich  goldene  zu  benutzen,  da  Gold  das  „beste 
Tonicum"  für  das  Auge  ist.  Aus  silbernen  Schüsseln  zu  speisen,  ist 
für  die  Beförderung  der  Leberfunktionen  sehr  zuträglich.  Zink  ver- 
bessert Intelligenz  und  Appetit.  Messing  vermehrt  Luft  und  Hitze, 
heilt  aber  Störungen  des  Schleimes  und  vertreibt  Würmer.  Der  Ge- 
brauch von  Stahl-  oder  Glasgefässen  ist  wirksam  gegen  Chlorose,  Gelb- 
sucht und  Schwellungen.  Ein  Stein-  oder  irdenes  Service  bringt 
Armut.  Holzschüsseln  regen  zwar  den  Appetit  an,  aber  vermehren 
die  Sekretion  des  Schleimes.  Die  Benutzung  von  Blättern  als  Schüsseln 
schützt  gegen  Gifte.  Bevor  man  das  Speisezimmer  betritt,  soll  man 
etwas  Salz  und  frischen  Ingwer  nehmen,  zur  Anregung  des  Appetits 


142  Iwau  Bloch. 

und  Reinigung'  des  Halses.  Caraka  schreibt  vor,  dass  man  beim 
Essen  das  Antlitz  nicht  gegen  Norden  wende.  Manu  sagt,  dass,  um 
lange  zu  leben,  man  gegen  Osten  gerichtet  speisen  müsse,  um  berühmt 
zu  werden,  gegen  Süden,  um  reich,  gegen  Westen,  und  um  die  rechte 
Erkenntnis  zu  erlangen,  gegen  Norden  (Manu  11,  52).  Wem  bei  der 
Mahlzeit  ein  Flatus  entfährt,  der  muss  sofort  das  Mahl  verlassen  und 
darf  während  des  ganzen  Tages  keine  Nahrung  mehr  zu  sich  nehmen. 
Es  giebt  4  Arten  der  Nahrung :  die  mit  den  Zähnen  zerkaute  wie  Brot, 
die  mit  der  Zunge  geschlürfte  wie  Gewürz,  die  mit  den  Lippen  ein- 
gesaugte wie  Mango  und  die  einfach  getrunkene  (Flüssigkeiten).  Die 
verschiedenen  Gerichte  werden  nacheinander  in  einer  vorgeschriebenen 
Ordnung  aufgetragen  und  auf  bestimmte  Plätze  gestellt.  Die  Speise 
soll  vom  Menschen  mit  göttlicher  Verehrung  betrachtet  werden,  was 
der  Gesundheit  zuträglich  ist  (Manu  II,  55).  Granatäpfel,  Zucker 
und  ähnliche  Dinge  sollen  stets  zuerst  und  nie  am  Ende  der  Mahlzeit 
gegessen  werden.  Es  ist  zweckmässig,  harte  und  butterähnliche  Sub- 
stanzen am  Anfang,  weiches  Fleisch  in  der  Mitte  und  Flüssigkeiten 
am  Ende  der  Mahlzeit  zu  geniessen.  Süssigkeiten  sollen  zuerst,  darauf 
salzige  und  saure  Dinge,  dann  scharfe  und  bittere,  und  zuletzt  ad- 
stringierende  genommen  werden.  Die  ganze  Mahlzeit  beendige  man 
mit  einem  Trunk  Milch  oder  Molken  gemischt  mit  Wasser.  Nie  über- 
stürze man  das  Mahl.  Man  vermeide  Gourmandise,  fülle  die  Hälfte 
des  Magens  mit  fester,  ein  Viertel  mit  flüssiger  Nahrung,  der  übrige 
Teil  bleibe  leer.  Ab  und  zu  darf  man  während  der  Mahlzeit 
AVasser  trinken,  am  Anfang  genommen  verzögert  es  aber  die  Ver- 
dauung und  macht  mager,  am  Ende  genommen  ruft  es  Fettleibigkeit 
hervor  (Vägbhata).  Ein  Durstiger  sollte  vor  dem  Essen  seinen 
Durst  löschen  und  ein  Hungriger  sollte  vor  dem  Trinken  etwas  feste 
Nahrung  zu  sich  nehmen.  Wer  das  Erste  nicht  befolgt,  bekommt 
Tumoren,  im  zweiten  Falle  Hydrops.  Was  der  Mensch  isst,  ist  er 
d.  h.  Intelligenz  und  Charakter  hängen  von  der  Nahrung  ab.  Nach 
beendigter  Mahlzeit  muss  der  Mund  sorgfältig  gereinigt  werden,  innen 
und  aussen,  und  zwar  mit  Wasser,  ebenso  die  Hände.  Schmierige 
Stellen  werden  mit  Salz  abgerieben,  der  Zahnstocher  wird  ausgiebig 
zur  Anwendung  gebracht.  Auch  die  Augen  werden  mit  nassen  Fingern 
bestrichen.  Dann  folgt  ein  Dankgebet.  Betelkauen  vertreibt  den 
nach  dem  Essen  sich  ansammelnden  Schleim,  beseitigt  den  Foetor  ex 
ore  und  verbessert  die  Stimme.  Auch  ein  Spaziergang  (100  Schritte) 
ist  lebens  verlängernd.  Sitzenbleiben  unzuträglich.  Lauf  eh  nach  dem 
Essen  ist  so  viel  als  ob  man  den  Tod  selbst  herbeiriefe.  Nach  dem 
Spaziergange  lege  man  sich  eine  kurze  Zeit  auf  die  linke  Seite,  was 
die  Verdauung  befördert.  Hiernach  pflegte  der  alte  Inder  sich  ge- 
wöhnlich der  Massage  zu  unterwerfen,  sowie  Leibesübungen 
(Gymnastik,  Friktion  u.  s.  w.)  vorzunehmen,  da  dies  „Fleisch,  Blut 
und  Haut"  reinigt,  das  Gemüt  erheitert.  Schlaf  herbeiführt  und  doch 
zunächst  die  Ermüdung  vermindert.  Die  Massage  wird  besonders  von 
Barbieren  ausgeführt.  Frauen  werden  nur  von  Frauen  massiert.  Der 
Schlaf  ist  am  Tage  nur  nach  grossen  Anstrengungen  gestattet.  Man 
soll  ihn  auch  in  der  Nacht  nicht  zu  lange  ausdehnen  und  eine  Stunde 
vor  Sonnenaufgang  aufstehen,  und  (nach  allerlei  Ceremonien)  zunächst 
seine  natürlichen  Bedürfnisse  befriedigen  (mit  bedecktem  Kopfe),  dann 
die  Zähne  mit  Zahnpasta  oder  Pulver  reinigen  (gepulverter  Tabak, 
Salz,  Betelnuss,  Pfeifer,  Ingwer),  und  mit  einer  der  verschiedenen  Zahn- 


Indische  Medizin.  143 

bürsten  (Zweige  von  „Acacia  arabica'%  Ficus  indica  ii.  s.  w.).  Danach 
wird  die  Zunge  mit  einem  goldenen,  silbernen  oder  kupfernen  In- 
strument abgekratzt,  der  Mund  mit  kaltem  Wasser  mehrere  Male  aus- 
gespült und  das  Gesicht  gewaschen.  In  die  Nase  wird  täglich  ein 
wenig  Rüböl  eingetropft.  Nägel,  Bart  und  Haar  sind  rein  zu  halten, 
und  müssen  jeden  fünften  Tag  geschnitten  werden.  Der  Körper  wird 
mit  parfümiertem  Oel  eingerieben,  besonders  Kopf,  Ohren  und  Fuss- 
sohlen.  Dies  geschieht  besonders  vor  dem  täglichen  Bade,  welches 
streng  vorgeschrieben  ist  (Manu  IV,  203;  Yäjnavalkya's  Gesetz- 
buch III.  314).  Nach  dem  Essen  ist  das  Bad  schädlich,  kalte  Bäder 
verhindern  Blutkrankheiten,  heisse  haben  eine  alterierende  Wirkung. 
Ein  alter  Arzt,  Hariscandra  sagt:  „0  Menschen,  ein  warmes  Bad, 
frische  Milch,  ein  junges  Mädchen  und  massiger  Gebrauch  von  fett- 
reicher Nahrung  sind  Eurer  Gesundheit  zuträglich."  An  Erkältung, 
kaltem  Fieber,  Diarrhoe,  Dyspepsie,  Ohrkrankheiten,  Augen affektionen 
leidende  Personen  dürfen  nicht  baden.  Nach  dem  Bade  muss  der 
Körper  sorgfältig  abgetrocknet  werden.  Bei  jedem  Tempel  sind  heilige 
Badestellen  („tirthäni"),  die  heiligsten  Bäder  sind  diejenigen  im  Ganges- 
flusse. Ausserdem  wurden  Seebäder  und  Heilquellen  (im  Hima- 
laya,  Hindostan,  Dekhan)  benutzt.  M  Die  Kleidung  muss  vollkommen 
sauber  sein.  Schmutzige  Kleider  rufen  Hautkrankheiten  hervor. 
Blumen,  Gold,  Edelsteine  dienen  als  Schmuck  und  wenden  böse  Geister 
ab.  —  ]\Iilch,  Butter  (gegen  Phthisis),  Honig,  Eeis,  W^asser  verlängern 
das  Leben.  Nach  dem  Coitus  soll  man  Milch  trinken.  Einmal  in  der 
AVoche  ein  Vomitiv,  monatlich  ein  Laxans,  zweimal  im  Jahi-e  ein 
Aderlass  erhalten  die  Gesundheit.  —  Der  Beschaffenheit  des  Klimas 
wendeten  bereits  die  alten  Inder  volle  Aufmerksamkeit  zu.  Sie  unter- 
scheiden drei  Klimate.  ,,Annpa*'  ist  eine  feuchte  Marschengegend  mit 
zahlreichen  Flüssen,  Seen  und  Hügeln,  enthält  viel  AVild,  Früchte 
und  Vegetation  (Zuckerrohr).  Die  ,.Schleim"-  und  ,,Liift"krankbeiten 
sind  in  diesem  Gebiete  besonders  häufig.  „Jangala"  ist  ein  trockener, 
wasserarmer  Landstrich,  wo  Akazien,  Calatropis  gigantea,  Salvadora 
indica  und  ähnliche  Bäume  in  überreichlichem  Masse  gedeihen.  Die 
Früchte  dieser  Gegend  sind  süss,  die  Fauna  besteht  besonders  aus 
Aifen  und  Bären.  Hier  herrschen  Gallen-  und  Blutkrankheiten  vor. 
„Misra"  vereinigt  die  Vorteile  von  „Anüpa"  und  „Jaiigala"  ohne  ihre 
Nachteile  zu  haben.  Diese  Gegend  ist  weder  zu  heiss  noch  zu  feucht 
und  daher  am  meisten  der  Gesundheit  zuträglich.  Der  an  einer  Schleim- 
krankheit Leidende  gehe  in  die  Jangala-Gegend,  der  Biliöse  ins 
Anüpa-Gebiet.  Der  Arzt  muss  genau  die  klimatischen  Verhältnisse 
der  einzelnen  Landesteile  kennen,  damit  er  seine  Patienten  in  dieser 
Beziehung  gut  beraten  kann. 

Materia  medica  und  Toxikologie. 

Die  Materia  medica  der  Inder  musste  in  dem  äusserst  fruchtbaren 
Lande  sich  im  Laufe  der  Zeit  zu  einem  grossen  Eeichtum  entwickeln. 
Sie  bildet  denn  auch  einen  durchaus  eigenartigen  Bestandteil  der  alt- 
indischen Medizin.  Caraka  teilt  die  Arzneien  in  drei  Klassen: 
mineralische,  animalische  und  vegetabilische.    Susruta  hebt  die  Not- 


^)  Vgl.  „Ein  Seebad  im  alten  Indien"  im   „Journal  of  the  Asiatic   society  of 
Bengal"  vol.  41  n.  „Globns"  Bd.  24  S.  248;  Haeser  a.  a.  0.  I,  491. 


144  Iwau  Bloch. 

wendigkeit  pharmakologischer  Kenntnisse  für  den  Arzt  hervor.  Der 
Arzt  solle  selbst  auf  die  Suche  nach  Arzneien  gehen  und  sich  von 
Hirten,  Büssern,  Reisenden  und  anderen  Kennern  des  Waldes  über  diie 
Standorte  und  Eigenschaften  der  Heilkräuter  belehren  lassen.  Nara- 
käri  beschreibt  ausführlich  die  Natur  des  Bodens,  auf  dem  die  ver- 
schiedenen Medizinalpflanzen  kultiviert  werden  können.  —  Man  schreibt 
allen  Medikamenten  (pflanzlichen,  tierischen  und  mineralischen)  fünf 
Eigenschaften  zu  (Geschmack,  spezifische  Wirkung,  ausserdem  er- 
hitzende oder  erkältende  Eigenschaft,  Umwandlungsfähigkeit  der 
Körper,  verschiedene  Wirkung  derselben  Substanz  bei  innerlichem  oder 
äusserlichem  Gebrauche).  Caraka  kennt  500  Heilpflanzen, 
Susruta  760.  Unter  diesen  sind  besonders  viel  gebraucht:  Costus 
speciosus  (Antispasmodicum),  Wrightia  antidysenterica  (Haemostaticum), 
Tribulus  terrestris  (gegen  Lithiasis),  Cardiospermum  Helicacabum 
(Emmenagogum),  Piper  uigrum  (Laxativum),  Piper  longura  (Stomachi- 
cum),  Salvadora  indica  (Antipyreticum),  Terminalia  bellerica  (gegen 
Yerschleimung  und  Lungenkatarrh),  Saccharum  officinarum  (Beförde- 
rung der  Schleimbildung,  Befrigerans),  Santalum  album  und  Santalum 
flavum  (Krätze,  Gonorrhoe),  Poa  cynosuroides  (Diureticum),  Moringa 
pterygosperma  (Antihj^pnoticum),  Capparis  sepiaria  (Hypnoticum),  Shorea 
robusta  (Enthaarungsmittel),  Cinnamomum  Cassia  (Cholagogum),  Vina 
medicata  (Anaestheticum),  Luffa  echinata  (Emeticum  und  Purgativum), 
Ptychotis  ojowan  (gegen  Kolik),  Amomum  elettarum  (Antasthmaticum), 
Pimpinella  Anisum  (Galactagogum),  Dolichos  sinensis  (führt  Flatus 
herbei),  Minosa  Serissa  (Anodynum),  Aconitum  Napellus  (Toxicum), 
Cannabis  sativa  (Sedativum),  Ricinus  communis  (Laxans),  Spermacoce 
hispida  (Emeticum),  Convolvulus  Turpethum  (Laxans),  Symplocos  race- 
mosa  (Laxans),  Embelia  ribes  (Anthelminticum),  Pentaptera  Arjuna 
und  Plectanthrus  sentellaroides  (gegen  Lithiasis);  Datura  alba,  nigra, 
Opium,  Nerium  odorum,  Calotropis  gigantea,  Gloriosa  superba,  Cocculus 
Indiens  und  Strychnos  nux  vomica  dienen  als  Narcotica.  Als  Anti- 
dote („Agada")  bei  Vergiftungen  werden  hauptsächlich  genannt: 
Vangueria  spinosa,  Asclepias  germinata,  Convolvulus  Turpethum,  Ter- 
minalia, Curcuma  longa,  C.  xanthorrhizon,  Nymphaca  odorata,  Brassica 
latifolia,  Aconitum  ferox.  Aphrodisiaca:  Piper  longum,  Aloe  per- 
foliata,  Pimpinella  anisium,  Aeschynomene  grandiflora,  Euphorbia 
pentagonia,  Carthamus  tinctorius,  Carpopogon  pruriens,  Flacourtia  cata- 
plu-acta, .  Galedupa  arborea,  Phyllanthus  Emlica  u.  s.  w. 

Auch  tierische  Heilmittel  werden  ausgiebig  verwendet.  Ziegen- 
knochen werden  pulverisiert  und  mit  anderen  Ingredienzien  zu  einer 
Salbe  gegen  Fisteln  verarbeitet.  Elefantenzähne  bei  Leukorrhoe. 
Milch  ist  sehr  heilkräftig,  menschliche  und  Elefantenmilch  vortreff- 
lich bei  Augenleiden,  Kuhmilch  befördert  die  Samenbildung,  Büffel- 
milch den  Schlaf,  Ziegenmilch  heilt  Phthisis  und  Blutkrankheiten, 
Schafsmilch  befördert  den  Haarwuchs,  Stutenmilch  nützt  gegen  Rheu- 
matismus, Eselsmilch  gegen  Husten,  Kamelsmilch  ist  Laxans  und  wirkt 
gegen  Hydrops,  Asthma  und  Skrophulose.  Molken  und  Butter  sind 
gleichfalls  vortreffliche  Heilmittel.  —  Verbrannte  Haare  gegen  Haut- 
wunden. Ferner  Fleisch,  Fett,  Urin  (besonders  Urin  der  Kuh),  Nägel 
(Räucherungen  gegen  Malaria),  Mist  (Kuhmist  gegen  Entzündungen 
und  Haut  Verfärbungen,  Elefantenmist  gegen  Lepra),  Blut  (als  Stärkungs- 
mittel). 

In   hohem  Ansehen   standen   bei   den   alten  Indern   die   mine- 


Indische  Medizin.  145 

rauschen  Arzneimittel,  die  von  ihnen  bereits  innerlich  verwendet 
wurden.  Die  Metalle  zerfallen  in  zwei  Klassen:  Haupt-  und  Xeben- 
metalle.  Die  sieben  Hauptmetalle  sind:  Gold,  Silber,  Kupfer,  Zinn, 
Blei,  Zink,  Eisen.  Die  Nebenmetalle  sind  Kompositionen  der  Haupt- 
metalle: Messing,  Kupfersulfat,  Bleioxyd  u.  s.  w.  —  Zu  den  „rasa"' 
(Freuden  d.  h.  der  Aerzte)  gehören  Quecksilber,  Schwefel,  Arsenik, 
Bleisulfate,  Borax,  Alaun,  Eisensulfat,  Zinkcarbonat,  Bleiglätte.  Auch 
Edelsteine  kommen  zur  Verwendung  (Diamant,  Rubin,  Saphir,  Topas, 
Onyx  u.  s.  w.),  ferner  Silicate,  Salze  (Pottasche,  Kochsalz,  Chloram- 
monium.) Vegetabilische  Arzneimittel  sind  nach  dem  Glauben  der 
Inder  nicht  so  wirksam  \ne  metallische.  (Pflanzenpulver  sind  nur 
2  Monate,  Pillen  und  Tinkturen  1  Jahr,  ölige  Präparate  16  Monate 
wirksam).  So  ging  das  Bemühen  der  indischen  Aerzte  dahin,  metallische 
Mittel  mit  den  Kräften  der  pflanzlichen  Heilmittel  zu  begaben.  Dies 
erreicht  man  durch  chemische  Prozesse  (Reinigung.  Oxydation,  Subli- 
mation u.  s.  w.)  und  erhält  so  Mittel,  die  Jahre  hindurch  wirken. 
Gold  wird  gereinigt,  indem  man  es  in  dünne  Blättchen  schlägt,  diese 
werden  bis  zur  Rotglut  erhitzt  und  in  süsses  Oel  getaucht,  dann  wieder 
erhitzt  und  in  Molken  gelegt,  ein  drittes  Mal  erhitzt  und  in  Kuhurin 
abgekühlt.  Dieser  ganze  Prozess  wird  siebenmal  wiederholt.  Dann 
ist  das  Gold  frei  von  allen  schädlichen  Beimischungen.  Es  wird  dann* 
oxydiert,  und  so  als  Arzneimittel  gebraucht,  heilt  alle  Krankheiten, 
verlängert  das  Leben,  ist  Stimulans  und  Aphrodisiacum.  Aehnlich 
verfährt  man  mit  Silber,  Kupfer,  Zinn,  Blei,  Zink  und  Eisen. 

Von  allen  Metallen  wird  das  Quecksilber  (parada)  am  meisten 
geschätzt.  Die  Inder  scheinen  die  Ersten  gewesen  zu  sein,  die  den 
Merkur  als  Arzneimittel  verwendet  haben.  Er  wird  schon  bei  C  a  r  a  k  a 
und  Susruta  als  solches  erwähnt \),  und  sowohl  äusserlich  als  auch 
innerlich  verordnet.  Es  werden  dem  Quecksilber  göttliche  Kräfte  zu- 
geschrieben. Die  Arznei,  die  etwas  Merkur  enthält,  gilt  für  besonders 
heilkräftig.    Ein  Sprichwort  lautet: 

,,Der  Arzt,  welcher  die  Heilkräfte  der  Wurzeln  und  Kräuter  kennt, 
ist  ein  Mensch,  der,  welcher  die  des  Wassers  und  Feuers  kennt,  ein  Dämon, 
wer  die  Kraft  des  Gebetes  kennt,  ein  Prophet,  des  Quecksilbers,  ein  Gott." 

Die  zahlreichen  Vorrichtungen  und  Apparate  zur  Herstellung  der 
verschiedenen  Präparate  des  Quecksilbers  heissen  Yantra. -)  Queck- 
silber fand  gegen  alle  möglichen  Krankheiten,  vor  allem  Hautleiden, 
auch  fieberhafte  Krankheiten  (Pocken),  Nervenleiden.  Lungenaifektionen, 
später  gegen  Syphilis  Verwendung. 

Die  Formen  der  Arzneien  waren  Tinkturen ,  Elektuarien, 
Tropfen,  Pulver,  Inhalationen.  Räucherungen.  Bäder,  Infusionen.  Gar- 
garismen,  Salben.  Pasten,  Pillen,  wässrige  Extrakte,  Suppositorien, 
Dekokte,  Pflaster.  Bolus,  Konfektionen,  Syrupe.  Pimulsionen,  Lotionen, 
Spray,  Dämpfe.  Oele.  Linimente,  Fomentationen,  Bougies  u.  a.  m. '^j 
Es  giebt  vier  Arten  von  Niesemitteln:  pulverförmige  (durch  ein  Rohr 
einzuschnauben),  Pasten  (in  die  Nase  einzuführen).  Rauch  von  ver- 
brannten Harzen,  Rauch  von  Haaren  und  Federn. 


^)  Näheres  über  die  Geschichte  des  Quecksilbers  bei  den  Indern  bei  J.  Bloch, 
„Der  Ursprung  der  Sj-philis-',  Jena  1901  Bd.  I,  S.  128—129. 

2)  Vgl.  BhagvatSinhJeea.  a.  0.  143-146  und  Tafel  1—6. 

•■')  Gewichte  und  Masse:  bei  Bhagvat  Siuh  Jee  a.  a.  0.  S.  149 — 150;  ferner 
Tab.  1  u.  II  als  Anhang  zu  Bd.  II  der  Hesslerschen  Susruta-Uebersetzung. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  10 


146  Iwan  Bloch. 

Besondere  Erwähnung- verdienen  auch  die  Toxikologie  und  die 
Aphrodisiaca.  Indien  ist  recht  eigentlich  das  Land  der  Gifte. 
Diese  spielen  in  Leben  und  Sitte  des  Volkes  eine  bedeutende  Rolle. 
Daher  muss  der  Arzt  die  Zahl  und  Natur  der  Gifte  genau  kennen. 
Es  giebt  zwei  Arten  von  Giften:  „Sthävara"  (vegetabilische  und 
mineralische)  und  „  Jaflgama"  (animalische).  Datura,  Arsenik,  Aconitum 
Napellus  u.  a.  gehören  zur  ersten  Klasse;  Insekten-,  Skorpionen,  Eid- 
echsen-, Schlangen-,  Tollwut-,  Fuchs-.  Schakal-,  Wolf-,  Bären-  und 
Tigergift  zur  zweiten  Klasse.  Es  giebt  allein  80  giftige  Schlangen, 
die  in  fünf  Klassen  zerfallen,  je  nachdem  ihr  Gift  das  Fett,  die  Ein- 
geweide, die  Knochen,  das  Mark  oder  den  Samen  vergiftet.  Letzterer 
Fall  ist  absolut  tödlich.  Die  Hauptantidote  wurden  oben  erwähnt. 
Innerlich  genommene  Gifte  werden  mit  kaltem  Wasser  und  Brech- 
mitteln behandelt,  mit  Aderlass  und  der  Mischung  der  „fünf  Salze" 
(Piper  longum,  nigrum,  Ingwer,  Honig).  Beim  Schlangenbiss  wird  der 
Teil  oberhalb  der  Wunde  zusammengeschnürt,  oder  die  Bissstelle  aus- 
geschnitten, ausgebrannt,  ausgewaschen,  ausgesaugt.  Berühmt  sind 
die  indischen  „Giftmädchen",  die  durch  ihren  Umgang  töten.  ^) 

Bei  der  äusserst  subtilen  und  merkwürdigen  Ausbildung  der  Ars 
amatoria  bei  den  alten  Indern  waren  die  Aphrodisiaca  von  ungewöhn- 
lich grosser  Bedeutung.  Der  Inder  betrachtet  eine  gewisse  Variation 
und  ein  künstliches  Raffinement  in  den  geschlechtlichen  Beziehungen  ^) 
als  sehr  gesundheitszuträglich  und  als  von  den  Göttern  gern  gesehen. 
Die  verschiedenen  „Figurae  Veneris"  (48)  gelten  deshalb  als  durchaus 
zulässig.  Tag,  Stunde,  Art  des  Coitus  werden  genau  vorgeschrieben. 
Es  giebt  gewisse  Manipulationen  vor,  während  und  nach  dem  Beischlaf. 
Ungues,  lingua,  dentes  werden  zu  aphrodisischen  Zwecken  in  Bewegung- 
gesetzt,  künstliche  Vergrösserung  des  Gliedes  auf  verschiedene 
Weise  (z.  B.  durch  Biss!  und  durch  Insekten)  zu  erreichen  gesucht. 
Lingam  (Penis)  und  Yoni  (Vulva)  geniessen  göttliche  Verehrung.  Die 
zahlreichen  aphrodisischen  Medikamente  sind  oben  erwähnt  worden. 
Ausserdem  werden  Gesang,  Mondenschein,  Musik,  Blumen  u.  s.  w.  zur 
Steigerung  des  Geschlechtstriebes  herangezogen.  Kinderlosigkeit  gilt 
für  das  grösste  Unglück.  Während  der  IVIenstruation,  am  8.,  14.  und 
15.  Tage  jedes  Monats,  am  Sterbetage  der  Eltern  ist  der  Coitus  ver- 
boten. „Faules  Fleisch,  alte  Weiber,  Herbstsonne,  halbgeronnene 
Milch,  Morgencoitus  und  Morgenschlaf  sind  verderblich."  Im  Sommer 
soll  man  alle  14  Tage,  in  den  anderen  Jahreszeiten  alle  3  Tage  den 
Beischlaf  ausüben.  „Plenus  venter  non  amat  libenter"  ist  eine  indische 
Variation  des  Sprichwortes.  Auch  auf  den  Glauben  an  das  Versehen  wird 
beim  Coitus  Rücksicht  genommen  (durch  freundliche  Umgebung  u.  s.  w.). 

Spezielle  Pathologie  und  Therapie. 

Schon  die  Veden  weisen  eine  beträchtliche  Zahl  von  Krankheits- 
namen auf.  In  den  systematischen  Werken  der  indischen  Medizin  ist 
die  Menge  der  Krankheiten  eine  erstaunlich  grosse.  Auch  hier  wird 
oft  jede  einzelne  Krankheit  je  nach  der  Verschiedenheit  der  Sj'mptome 


')  Vgl.  über  diese  den  Abschnitt  ,,Die  indischen  Giftmädchen"  in:  „Der  Ur- 
sprung- der  Syphilis"  von  J.  Bloch,  Teil  II. 

^)  Vgl.  darüber  das  „Kämasütram  des  V  ä  t  s  y  ä  y  a  n  a",  deutsch  von  R.  Schmidt, 
2.  Aufl..  Leipzig  1900:  „Ananga-Ranga"  von  Kalyäna  Malla,  französ.  Uebersetzg. 
Paris  1886. 


Indische  Medizin.  147 

in  eine  Anzahl  neuer  Kategorien  aufgelöst.  Es  giebt  z.  B.  25  ver- 
schiedene Arten  von  Fieber  (nach  Caraka  13).  unter  denen  haupt- 
sächKch  Malaria-Formen  zu  verstehen  sind.  20  Varietäten  der  Gonorrhoe, 
6  Arten  der  Abscesse,  9  Karbunkel,  8  Typen  des  Diabetes,  9  Ery- 
sipelas,  74  Mundaffektionen,  18  Hautkrankheiten,  21  Wurmleiden  u.  s.  w. 
Die  Inder  haben  eine  sehr  subtil  ausgebildete  Lokalpathologie  und 
Lokaltherapie.  Unter  den  Symptomen  spielen  Anämie  (Pänduroga), 
Blutungen,  Gelbsucht,  Fettsucht  und  Abmagerung  eine  grosse  Rolle. 
A\'ie  schon  erwähnt,  kannten  die  altindischen  Aerzte  das  Hauptsymptom 
des  Diabetes,  den  süssen  Geschmack  des  Urins,  und  vielleicht  auch 
die  Albuminurie  (schaumiger  Urin).  Der  als  unheilbar  angesehene 
Diabetes  wird  voraüglich  mit  Erdharz  behandelt.  Die  indische 
Cholera  wird  mit  Brechmitteln,  Erwärmung  des  Körpers,  auch  mit 
Asa  foetida  und  Adstringentien  innerlich  (Susruta)  oder  mit  weissem 
Pfeffer  und  Opium  (Caraka)  kuriert.  Zahlreiche  Hautkrank- 
heiten (Geschwüre,  Kerion  Celsi.  Alopecie,  Pityriasis  capitis.  Favus, 
Canities,  Acne,  Eczem,  Naevus,  Verruca.  Erysipel)  werden  beschrieben. 
Von  Interesse  ist  die  Erwähnung  von  Hautentzündungen  infolge  von 
Berührung  mit  Blüten.  Früchten,  Saft  von  Semecai'pus  Aracardium, 
stachligen  Insekten.  Die  Hautkrankheiten  werden  durch  Einreibung 
von  Pasten  und  Salben,  durch  Aetzmittel  u.  s.  w.  behandelt.  Die' 
Pocken  (mäsurikä)  kommen  als  selbständige  Krankheit  erst  später 
vor,  fehlen  im  Bower-Mskr.  und  bei  Caraka,  ebenso  ist  der  Cult 
einer  Pockengöttin  späteren  Ursprungs  (Orth-Jolly).  Besonders 
reichhaltig  ist  das  Kapitel:  Lepra.  Die,  schwerste  Form  des  Aus- 
satzes heisst  im  Veda  „kustha",  sogen,  „schwarzer  Aussatz".  Die 
ärgsten  Sünden  werden  im  Jenseits  mit  ..kustha"  bestraft.  Der 
..kusthin"  ist  erbunfähig.  Nach  Jolly  hat  die  medizinische  Litteratur 
diesen  Begriff  etwas  weiter  gefasst.  Schon  das  Bower-Manuskript 
versteht  unter  ..kustha"  verschiedene  Hautleiden.  Ursachen:  schäd- 
liche Nahrung,  wie  z.  B.  ^lilch  mit  Fischen,  Unterdrückung  der 
natürlichen  Ausscheidungen,  körperliche  Anstrengung,  starke  Erhitzung 
oder  Erkältung,  sexueller  Verkehr  bei  Indigestion,  Versündigungen 
gegen  Brahmanen,  Lehrer  oder  in  früherem  Leben.  Vorzeichen: 
Die  Haut  ist  glänzend  und  rauh,  starke  oder  keine  Scliweisssekretion, 
Verfärbung,  Hitze.  Jucken,  Taubheit  einzelner  Theile.  starke  Schmerz- 
haftigkeit  von  Wunden  und  Geschwüren,  leichte  Entstehung  und  lang- 
same Heilung  dei-selben,  dunkle  Farbe  des  Blutes,  Exanthem  von  roter 
Farbe.  Schmerzen,  Mattigkeit.  Es  giebt  18  Arten  von  kustha 
(7  schwere,  11  leichte).  Dutt  glaubt,  dass  unter  diesen  sich  auch 
die  Ichthyosis  und  die  Elephantiasis  befinden,  ferner  Psoriasis, 
Pityriasis.  Herpes  tonsurans.  Impetigo  u.  s.  w.  Die  Lepra  ist  nicht 
bloss  in  der  Haut,  sondern  auch  in  den  inneren  Organen.  Hautlepra 
hat  bereits  Lähmung  der  Hände  und  Füsse.  Abfall  der  Glieder  zur  Folge. 
Die  innere  Lepra  (in  Mark  und  Knochen)  verursacht  Einfall  oder  Ab- 
fall der  Nase,  Rötung  der  Augen.  Stimmlosigkeit.  Der  Keim  der  Krank- 
heit geht  in  Samen  und  ..Meustrualblut"  über  und  vererbt  sich  dann. 
Hautlepra  ist  heilbar,  innere  Lepra  nicht.  ..Kustha"  ist  nach  Susruta 
ebenso  wie  Schwindsucht.  Fieber.  Ophthalmie  und  epidemische  Krank- 
heiten (Pocken  u.  a.)  durch  häufige  Berührung.  Atem.  Zusammenspeisen, 
Zusammenliegen  und  -sitzen.  Kleider.  Kränze  und  Salben  übertragbar. 
Nach  Caraka  verursachen  „Würmer"  das  Abfallen  der  Glieder,'  Fieber 
u.  a.  bei  der  Lepra.    Behandlung:  Verschiedene  Abkochungen  mit 

10* 


148  Iwan  Bloch. 

Butter  und  Oel  alle  14  Tage  ein  Brechmittel,  monatlich  ein  Abführ- 
mittel, alle  drei  Tage  ein  Nasenmittel,  alle  sechs  Monate  Aderlass,  Diät, 
fromme  Lebensweise,  Meidung  des  Coitus,  Fleisches  und  geistiger  Ge- 
tränke. —  Neben  kustha  wird  oft  der  „weisse  Aussatz''  (svitra)  er- 
wähnt, eine  leichtere  Krankheit.  Diesem  verwandt  ist  „kiläsa",  die 
schon  im  Atharvaveda  als  eine  durch  weisse  und  graue  Flecken 
charakterisierte  Krankheit  geschildert  wird.  Nach  D  u  1 1  ist  „kiläsa"  = 
Leukoderma,  Vitiligo,  nach  J  o  1 1  y  aber  auch  Lepra  anaesthetica.  Nach 
Susruta  sitzt  kiläsa  nur  in  der  Haut  und  ist  ohne  Ausfluss,  zerstört 
aber  die  Haut,  juckt,  gleicht  bisweilen  Brandwunden.  Kiläsa  der 
Genitalien,  Handflächen,  Lippen  ist  unheilbar.  Ferner  giebt  es  noch 
eine  Krankheit  „vatarakta"  (Windblut),  die  auf  Lepra  bezogen  wird, 
wahrscheinlich  aber  auch  gichtische,  rheumatische  Leiden  und  Derma- 
tosen umfasst  (Jolly). 

Unter  den  venerischen  Krankheiten  giebt  es  zunächst  (nach 
Vägbhata)  23  Krankheiten  der  männlichen  Genitalien;  von  diesen 
scheiden  aber  18  sogenannte  „sükadosa"  aus,  die  durch  Stimulantien 
hervorgerufen  wei'den.  Besonders  oft  kommt  „upadamsa"  vor,  eine 
Erkrankung  des  Penis  (durch  Verletzungen  beim  Coitus  mit  den 
Händen,  Nägeln  oder  Zähnen  (sie),  Unterlassung  der  Abwaschung 
post  coitum,  Benutzung  von  verdorbenem  Wasser  zur  Abwaschung. 
Verkehr  mit  einer  menstruierenden,  unreinlichen  oder  an  einer  Frauen- 
krankheit leidenden  Frau,  erzwungenen  Coitus,  Gebrauch  von  Stimu- 
lantien u.  s.  w.),  die  sich  durch  rauhe,  aufgesprungene  Haut,  Priapis- 
mus, Schmerzen,  schwarze,  schmerzhafte,  gelbe  oder  rote  Pusteln, 
feigenähnliche,  heftig  brennende,  rasch  reifende  Geschwulst,  Aus- 
fluss u.  s.  w.  auszeichnet,  mit  Hodenanschwellung  verbunden  ist,  oft 
zur  Zerstörung  des  Gliedes  und  zum  Tode  führt.  Wenn  das  Fleisch 
am  Penis  geschwunden,  von  Würmern  zerfressen  ist,  so  dass  nur  noch 
die  Hoden  übrig  sind,  so  ist  der  Fall  hoffnungslos.  Upadamsa  wird 
zunächst  mit  Oelen  und  Wärme  behandelt,  dann  macht  man  einen 
Aderlass  am  Penis  oder  setzt  Blutegel  an,  verordnet  Laxantien  und 
Breclimittel.  auch  wohl  ein  Klystier,  lässt  warme  und  kalte  Ein- 
reibungen, Abwaschungen  und  Umschläge  machen.  Eiter  muss  mit 
dem  Messer  beseitigt  werden.  Upadamsa  kommt  auch  bei  Frauen 
vor.  —  „Avapätika"  ist  Paraphimose,  „arsas"  sind  juckende  Fleisch- 
auswüchse  am  Penis  (innen  und  aussen)  oder  schw^ammartige,  schleimige, 
Blut  entleerende  Gebilde  in  der  Vagina,  die  unbehandelt  die  männ- 
liche Potenz  bezw.  die  Menstruation  zerstören.  Ferner  werden  Polypen 
der  Harnröhre,  Phimose,  Strikturen  erwähnt.  Bei  letzteren  wird  in 
die  Harnröhre  eine  eingefettete  Röhre  eingeführt,  alle  drei  Tage  von 
etwas  grösserem  Kaliber,  oder  es  wird  auch  die  Verengerung  mit  dem 
Messer  behandelt.  ..Lingavarti",  „Lingärsas"  (Penisgeschwür)  ist  ein 
hahnenkammähnlicher  Auswuchs  an  den  Genitalien,  der  chirurgisch 
oder  durch  Einreibung  des  Saftes  von  Berberis  asiatica.  Realgar  u.  a. 
behandelt  wird.  Jolly  hat  ganz  richtig  erkannt,  dass  „arsas"  (sonst 
„Hämorrhoiden"),  „lingärsas"  und  „lingavarti"  dieselbe  Krankheit, 
nur  verschiedene  Formen  derselben  bezeichnen  und  zwar  uusere 
venerischen  Vegetationen  (spitze  Condylome,  Feigwarzen).  Sie 
haben  nichts  mit  Syphilis  zu  thun.  Diese  Krankheit  wird  vielmehr 
als  „phiraiiga,  phirangaroga",  „phirangämaya"  erst  in  den  Schriften 
des  16'.  Jahrhunderts,  zuerst  im  Bhävaprakäsa  genannt;  denn  der  in 
Europa  zunächst  darüber  bekannt  gewordene  Passus  aus  einem  Skrt.- 


Indische  Medizin.  149 

Ms.  der  kgl.  Bibl.  in  Berlin  (Cliarabers  510^^)  ist  nach  E.  Sieg,  der 
für  den  Verf.  denselben  übersetzt  hat,  wörtlich  aus  dem  Bhäva- 
prakäsa  (4.  50)  entlehnt,  -)  Er  bezieht  sich  auf  die  ..Frankenkrank- 
heit" und  ihre  Einschleppung  nach  Indien  durch  die  Portugiesen.  Die 
Syphilis  ist  danach  eine  „Beulenkrankheit",  die  durch  intimen  Verkehr 
mit  einem  ..phirangin*'  (Europäer)  oder  einer  „phirangini"  (Europäerin) 
entsteht.  Es  giebt  einen  äusseren  (Hauteruptioneu)  und  inneren 
phiranga  (Gelenkaffektionen,  Rheumatismus)  und  einen  äusserlich- 
inneren.  Komplikationen:  Abmagerung,  Kräfteverfall.  Einfallen  der 
Nase,  Knochenaffektionen.  Hauptmittel :  Quecksilber,  besonders  inner- 
lich (Pille  mit  Weizen,  die  ohne  die  Zähne  zu  berühren  mit  Wasser 
hinuntergeschluckt  wird),  äusserlich  als  Räucherung  oder  Einreibung. 
Zweites  Mittel  gegen  Syphilis  ist :  Sassaparilla  (cobaclnl,  Chobchini), 
Wurzel  von  Smilax.  Jolly  zweifelt  nicht  an  der  europäischen  Her- 
kunft der  Syphilis. 

Chirurgie. 

Obgleich  chirurgische  Eingriffe  von  den  alten  Indern  nur  im 
äussersten  Notfalle  beim  Versagen  aller  übrigen  Mittel  gemacht  wurden, 
hat  doch  die  Chirurgie  (Salya)  eine  hohe  Ausbildung  bei  ihnen  erlangt. 
Die  eminente  Reinlichkeit  der  Inder,  der  sorgfältige  Verband,  die  aus- 
gezeichnete Nachbehandlung  sicherten  den  glücklichen  Erfolg  auch 
sehr  kühner  Operationen  (Laparotomie,  Rhinoplastik),  welche  die  in- 
dischen Aerzte  früher  als  die  Aerzte  aller  übrigen  Völker  ausgeführt 
haben.  Dieselben  verfügten  auch  bereits  über  ein  sehr  reichhaltiges 
Instrumentarium  (125 — 131  chirurgische  Instrumente).  Dieses  wird  in 
die  „Yantra"  (Apparate,  Hilfsinstrumente)  und  „Sastra"  (eigentliche 
Instrumente)  eingeteilt.  Die  105  Yantras  sind  Pincetten,  Zangen  (für 
Polypen),  Tuben,  Katheter,  Bougies,  die  Kleidung  des  Patienten  und 
als  wichtigstes  Yantra  die  Hand,  die  als  das  beste  aller  Instrumente 
betrachtet  wird.  Die  20  Sastras  sind  Messer,  Lancetten,  Sägen, 
Scheren,  Troicarts,  Nadeln,  Bisturis  u.  s.  w. '-)  Alle  Instrumente  sind 
aus  bestem  Stahl  hergestellt  und  werden  in  hölzernen  Etuis  auf- 
bewahrt. Operationen  werden  nur  an  glückbringenden  Tagen  vor- 
genommen, der  Patient  muss  gegen  Osten,  der  Operateur  gegen  Westen 
sehen.  In  schwierigen  Fällen  wird  der  Patient  narkotisiert  (haupt- 
sächlich mit  der  Drogue  .,Sammohini").  Vorher  wurden  die  Operationen 
an  Früchten  (Kürbis)  eingeübt,  oder  an  toten  Tieren.  Blutentziehungen 
wurden  durch  Aderlass,  Schröpfköpfe,  Blutegel  vorgenommen,  Cauteri- 
sationen  vermittelst  heissen  Sandes,  Feuers  (bei  Schlangenbissen) 
siedender  Flüssigkeiten  ausgeführt.  Nach  Susruta  ist  ein  Aetzmittel 
besser  als  das  Messer.  Glühende  Nadeln  wurden  bei  Milzschwellung  ins 
Milzparenchym  eingestossen,  mit  sehr  günstigen  Erfolgen.  Als  Klystier- 
und  Injektionsspritzen  wurden  die  Harnblase  von  Schweinen  und  anderen 
Tieren,  lederne  Schläuche  mit  goldener  Kanüle  u.  s.  w.  benutzt. 

Die.  Wunden  zerfallen  in  gequetschte,  geschnittene,  gehauene,  ge- 
stochene, perforierende  u.  s.  w..  werden  zum  Teil  genäht  (Kopf).  Zum 
Ausziehen  von  Fremdkörpern  wird  auch  der  Magnet  gebraucht.  Kälte, 
heisses  Oel,  Kompression  gegen  Blutungen.    Geschwüre,  Abscesse,  Ge- 

^)  S.  Weber,  Verz.  der  Berl.  Skr.-Handschriften  Bd.  I  N©.  996. 
^)  Vgl.  die  auf  Tafel  7 — 10  bei  Bhagvat  Sinh  Jee  a.  a.  0.  zwischen  S.  182 
u.  183  abgebildeten  altindischen  chirurgischen  Instrumente. 


150  Iwan  Bloch. 

schwülste  werden  sehr  zweckmässig'  behandelt  (Incision,  Exstirpation, 
Arsensalben  gegen  Neoplasmen).  Bei  Frakturen  und  Luxationen 
kommen  feste  Verbände,  Schienen  und  Extension  durch  künstliche 
Vorrichtungen  zur  Anwendung. 

Die  Inder  führten  die  Laparotomie  und  D  a  r  m  n  a  h  t  (Ameisen- 
naht) aus  ^),  operierten  Mastdarmfisteln  mit  Messer  oder  Cauterium. 
entfernten  den  Stein  durch  Sectio  perinaealis  (genau  nach  der  Methode, 
die  auch  Celsus  beschreibt),  bei  Frauen  von  der  Scheide  aus.  Be- 
sonders glanzvoll  ist  die  plastische  Chirurgie  dei  alten  Inder.  Sie 
übten  die  Oto-,  Cheilo-  und  vor  allem  die  R  h  i  n  o  p  1  a  s  t  i  k ,  die  wegen 
der  Häufigkeit  des  Abschneidens  der  Nase  (als  Strafe)  eine  gewöhn- 
liche Operation  geworden  war.  Der  gestielte  Lappen  wurde  aus  der 
Wange  gebildet,-)  nachdem  man  auf  diese  ein  Pflanzenblatt  von  der 
Grösse  der  Nase  gelegt  und  den  vorderen  Teil  der  Nase  angefrischt 
hatte.  Die  künstliche  Nase  wurde  mit  Salbe  von  rotem  Sandel-  und 
Süssholz  bedeckt  und  dann  ein  guter  Verband  angelegt. 

Augenheilkunde. 

Das  Auge  ist  eine  Vereinigung  aller  Elemente.  Ausser  den  Lidern 
giebt  es  4  Augenhäute.  Die  Linse  gilt  als  Ort  des  Sehens.  Es  giebt 
76  Augenkrankheiten  (Geschwür  der  Hornhaut,  Entzündung  und 
Trübung  derselben,  Vorfall  der  Regenbogenhaut,  Verschliessung  der 
Pupille,  Scleritis,  Phlyktänen,  Chalazion,  Hordeolum,  Trachom,  Con- 
junctivitis, Ectropium,  Lidkrampf,  Ptosis,  Trichiasis,  Blennorrhoea  neo- 
natorum u.  s.  w.).  Sehr  interessant  ist  die  Beschreibung  des  Milz- 
brandes der  Lider: 

,,Eine  andere  Art  bildet  sich  an  den  Augenlidern  ähnlich  einer  Pflaume 
und  ist  schmerzhaft,  hart,  dick,  feucht  und  eitert  nicht,  sondern  wird  aus- 
gedehnt und  knotig;  wenn  Wind,  Galle  und  Schleim  in  Unordnung  sind, 
erscheint  die  Schwellung  oberhalb  des  Augenlids,  bricht  auf,  und  Blut, 
Wasser  und  Eiter  werden  entleert  durch  mehrere  Oeffnungen.  In  diesen 
Fällen  ist  der  Schmerz  so  heftig,   dass  er  einer  Vergiftung  ähnelt." 

(Hirschberg.) 

Die  Therapie  der  Augenkrankheiten  ist  eine  ziemlich  zweck- 
mässige (kalte  Umschläge,  Breiumschläge.  Abkochungen  von  Eibisch, 
Ingwer,  Streichen  von  Arzneien  über  und  unter  die  Lider,  Skari- 
fikationen  der  Lider  bei  Blennorrhoe  der  Neugeborenen,  Extraktion 
von  Fremdkörpern  u.  a.  m.).  Hirschberg  konnte  aber  die  Angabe, 
dass  Susruta  die  Star-Operation  beschrieben  habe,  nicht  be- 
stätigen, da  die  Beschreibung  zu  undeutlich  sei.  ^) 

Geburtshilfe,  Gynäkologie  und  Kinderheilkunde. 

Der  Uterus  hat  die  Gestalt  eines  Fischmaule.s.  Man  unterschied 
das  Cavum  uteri  und  den  äusseren  Muttermund  vom  Scheideneingang. 
Die   Eierstöcke   werden  nicht   erwähnt.    Das   Menstrualblut   stammt 


^)  Vgl.  die  Stelle  des  Susruta  nach  Stenzlers  Uebersetzung  bei  Haeser 
a.  a.  0.  Bd.  I  S.  30. 

^)  Siehe  Stenzlers  Uebersetzung  der  Susruta- Stelle  bei  Haeser  I,  31— 32. 

•'')  Vgl.  die  Uebersetzung  der  Stelle  durch  Gustav  Oppert  bei  Hirschberg 
a.  a.  0.  S.  38 — 39.  Star  heisst :  Linganäsa  (Wesensverlust),  mantha  (math  =  quirlen), 
Netrapatala  (Hülle  auf  dem  Auge). 


Indische  Medizin.  151 

aus  dem  Chylus.  Die  Menstruation  beginnt  im  10.  oder  12.  Jahre, 
dauert  bis  zum  50.  Jahre.  Sie  wird  durch  die  Luft  bewirkt.  Die 
Konception  geschieht  durch  die  Vereinigung  des  männlichen  Samens 
mit  dem  3Ienstrualbhit.  Mädchen  sollen  nach  dem  12.,  Männer  nach 
dem  25.  Jahre  heiraten.  Beischlaf  während  der  Menses  erzeugt  tote 
Kinder  oder  Monstra,  durch  Amor  lesbicus  werden  knochenlose  Kinder 
produziert!  Die  Schwangerschaft  dauert  durchschnittlich  10  Monate. 
Die  Brüste  schwellen  durch  das  Menstrualblut  an.  Sorgiältig  war  die 
Diätetik  der  Schwangerschaft  bei  den  Indern  (Furcht  vor  Verseheu), 
sie  hatten  eigene  Gebärhäuser. 

Der  Embrj'o  zeigt  im  dritten  Monat  die  Hervorragungen  des 
Kopfes  und  der  Extremitäten,  im  vierten  Herz,  im  fünften  differenzieren 
sich  die  einzelnen  Körperteile,  im  sechsten  regt  sich  die  Psyche.  Die 
harten  Körperteile  entstammen  dem  männlichen  Samen,  die  weichen 
dem  Menstrualblut.  Zwillinge  entstehen  durch  Teilung  der  Samen- 
menge. Die  Ursachen  der  Geschlechtsverschiedenheit  beruhen  auf  der 
jeweiligen  Prävalenz  des  Samens  oder  Menstrualblutes.  Für  das  Er- 
zeugen von  Knaben  oder  Mädchen  existieren  sorgfältige  Vorschriften. 

Bei  der  Entbindung  assistieren  vier  Frauen.  Abort  wird  undeut- 
lich beschrieben,  ebenso  die  Nachgeburt,  welche  durch  äusseren  Druck, 
Schütteln  des  Körpers  der  Kreissenden  und  Brechmittel  entfernt  wird. 
Die  altindische  Geburtshilfe  kannte  nicht  das  enge  Becken,  ebenso-' 
wenig  eine  kombinierte  äussere  und  innere  ^Methode  zur  Wendung  auf 
den  Kopf.  Die  Wendung  auf  die  Füsse  ist  den  Indern  und  Hippo- 
kratikern  unbekannt  (F  a  s  b  e  n  d  e  r).  Bei  unvollkommener  Fusslage  und 
Steisslage  holten  die  Inder  den  zweiten  Fuss  bezw.  beide  Füsse  hervor. 
Sicher  ist,  dass  die  altindischen  Aerzte  den  Kaiserschnitt  an  der 
Toten  kannten,  den  die  Hippokratiker  nicht  erwähnen.  Die  Patho- 
logie des  Wochenbettes  und  die  Gynäkologie  ist  sehr  dürftig. 
Die  Diätetik  des  Wochenbettes  und  der  Neugeborenen  verdient  da- 
gegen alle  Anerkennung.  Mutter  und  Kind  werden  nach  der  Geburt 
gewaschen,  erst  nach  IVo  Monaten  wird  die  Wöchnerin  entlassen.  Das 
Kind  bekommt  am  ersten  Tage  Honig  mit  flüssiger  Butter,  am  zweiten 
und  dritten  Tag  eine  Handvoll  Muttermilch  mit  Honig  und  Butter, 
dann  die  Mutterbrust.  Für  das  Lager  des  Kindes  werden  sehr  subtile 
Vorschriften  gegeben.  Ammen  sind  sehr  gebräuchlich,  müssen  diätetisch 
leben,  schwere  Speisen  vermeiden,  dürfen  nicht  kalt  baden  u.  s.  w. 
Arznei  wird  dem  Kind  vielfach  durch  die  Mutter-  oder  Ammenbrust 
zugeführt,  die  entweder  von  der  Frau  eingenommen  oder  als  Paste 
auf  deren  Brust  verrieben  wird.  Die  Medikamente  werden  sehr  genau 
nach  den  einzelnen  Lebensmonaten  und  Jahren  des  Kindes  dosiert. 
Brechmittel  sind  verpönt,  Abführmittel  werden  nur  selten  angewendet. 
Vielfach  werden  Blutegel  den  Kindern  appliziert. 

Standesverhältnisse  und  Deontologie. 

Die  ältesten  Aerzte  der  Inder  waren  Priester.  Erst  später  bildete 
sich  ein  eigener  Aerztestand:  die  Vaidj^as  (litauisch  ähnlich  == 
vaistas,  Arzt).^)  Neben  den  Aerzten  bilden  die  Vaisyas  (Heilgehilfen) 
eine  niedere  Klasse.  Der  Stand  der  Aerzte  war  ein  hoch  angesehener 
wegen  seines  hervorragenden  wissenschaftlichen  Strebens,  das  Medizin 

^)  Von  „Veda"  Wissenschaft,  also  eigentlich:  Gelehrter,  Weiser. 


152  Iwan  BJoch. 

und  Chirurgie  in  gleichem  Masse  umfasste.  „Der  Arzt,  dem  die 
Kenntnis  des  einen  dieser  Zweige  abgeht,  gleicht  einem  Vogel  mit 
nur  einem  Flügel"  (Su^ruta).  Mit  dem  12.  Jahre  begann  der  ärzt- 
liche Unterricht  und  dauerte  bis  zum  18.  Jahre.  Ein  Lehrer  soll  nur 
4  bis  6  Schüler  zugleich  unterrichten.  Er  soll  „lauter,  gewandt,  recht- 
lich, unbescholten"  sein,  seine  Hand  zu  regieren  wissen,  mit  den  nor- 
malen und  abnormen  Zuständen  des  menschlichen  Körpers  vertraut, 
geduldig  und  liebreich  gegen  seine  Schüler  sein.  Diese  stammen  am 
besten  aus  einer  Aerztefamilie,  sollen  Keuschheit,  Wahrheitsliebe  und 
Gehorsam  geloben,  sich  eifrig  der  Lektüre  ärztlicher  Schriften,  dem 
Unterricht  des  Lehrers  und  dem  Verkehr  mit  anderen  Aerzten  hin- 
geben (Caraka).  Nach  Susruta  mnss  der  Arzt  eine  „feine  Zunge, 
schmale  Lippen,  regelmässige  Zähne,  ein  edles  Antlitz,  w^ohlgeformte 
Nase  und  Augen,  ein  heiteres  Gemüt  und  feinen  Anstand  haben  und 
fähig  sein,  Mühen  und  Schmerzen  zu  ertragen".  Mit  feierlichen  Cere- 
monien  wurde  der  Schüler  vom  Lehrer  aufgenommen.  Der  Unterricht 
bestand  in  Lektüre  der  medizinischen  Schriften  und  Auswendiglernen 
derselben,  in  der  Ausführung  von  Operationen  (an  Früchten,  Leder- 
teilen, Teilen  toter  Tiere),  Anlegung  von  Verbänden  (an  menschlichen 
Figuren,  Pflanzensuchen,  Salbenbereitung  u.  s.  w.  Die  Obrigkeit  er- 
teilte nach  beendigtem  Lehrkursus  die  Erlaubnis  zur  Ausübung  der 
ärztlichen  Praxis.  Meistens  musste  die  Genehmigung  des  Rajan  ein- 
geholt werden.  Susruta  giebt  für  das  Auftreten  des  Arztes  gegen- 
über seinen  Patienten  sehr  beherzigenswerte  Vorschriften.^) 

Die  ärztliche  Politik  ging  so  weit,  dass  Caraka  empfahl,  beim 
König  missliebige  Personen  nicht  in  Behandlung  zu  nehmen.  Auch 
zeichnet  dieser  ein  lebensvolles  Bild  des  Kurpfuschers  und  Charlatans, 
der  „das  Zusammenkommen  mit  Gebildeten  meidet,  wie  der  Wanderer 
die  Gefahren  des  dichten  Waldes".  —  Die  Aerzte  waren  steuerfrei, 
empfingen  ihr  Honorar  nach  den  Verhältnissen  des  Kranken  und 
mussten  von  Zahlungsfähigen  sehr  hoch  honoriert  werden,  während 
Brahmanen,  Freunde,  Verwandte,  Arme  kein  Honorar  zu  entrichten 
brauchten.  Hospitäler  für  Menschen  und  Tiere  wurden  bereits  von 
dem  buddhistischen  Könige  A^oka  eingerichtet,  wie  auf  den  In- 
schriften desselben  zu  lesen  ist  (250  v.  Chr.). 

Anhang.    Tibetische  Medizin. 

Heinrich  Lniifer,  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Tibetischen  Medizin.  Teil  I. 
Berl.  Inaug.-Diss.  vom  10.  August  1900  {p.  1—42).    Teil  IL   Leip.  1900  p.  45—90. 

In  den  oben  angeführten  beiden  überaus  beachtenswerten  Ver- 
öffentlichungen bietet  Lauf  er,  gestützt  auf  Materialien  seines  Bruders 
Berthold  L.,  ein  vollständiges  und  deutliches  Bild  vom  Stande  der 
mit  der  indischen  in  vielen  Beziehungen  verw^andten  tibetischen  Heil- 
kunde. Dort  findet  sich  auch  anhangsweise  die  deutsche  Uebersetzung 
eines  Werks  aus  dem  Tanjur,  Sütra,  Bd.  123  fol;  1— 3*^  nach  einem 
Exemplar  des  Asiatischen  Museums  in  St.  Petersburg.  Es  handelt  von 
dem  Elixir  Sarvegvara,  welches  alle  Krankheiten  bezwingt  und  die 
Körperkräfte  vermehrt  (SarvegvararasäyunarogaharaQarirapustakanäma). 
Der  Vollständigkeit  halber  sei  hier  auf  diese  Publikationen  von  Laufer 
verwiesen. 


^)  Vgl.  Th.  Puschmann,  „Geschichte  des  medizinischen  Unterrichts",  Leipzig 
1889,  S.  12—13. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen. 

Von 
Robert  Fuchs  (Klotzsche  bei  Dresden). 


Die  mythisclie  Zeit. 
I.  Ursprung  der  griechischen  Heili(unde. 

1.  von  Oefele,  Phannac.  Post  1899  Xr.  6.  —  2.  von  Oefele,  Ällgem.  medic. 
Central-Zta.  LXVII,  189R  Nr.  96  ff.  —  .9.  Haas,  Ztschr.  der  Deutsch.  Morgenland. 
Gesellschaft  XXXI,  1877  S.  647  jf.  —  4.  Th.  Puschmann,  Geschichte  des  medic. 
Unterrichts  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zur  Gegemvart,  Leipz.  1889  S.  12 f.  — 
5.  J,  Bei  endes,  Apotheker-Ztg.  1899  Xr.  93.  —  6.  Le  rage  Benouf,  Ztschr.  f. 
ägypt.  Sprache  und  Alterthumskunde  XI,  1873  S.  123.  —  7.  Georg  Kbers,  Das  her- 
metische Buch  von  den  Arzneimitteln  der  alten  Aegypter,  Leijiz.  1875,  Vorwort.  — 
8.  von  Oefele,  Wien.  Min.  Wochenschr.  1894  Nr.  46;  1900  Nr.  26.  —  9.  von 
Oefele,  Allg.  medic.  Central-Ztg.  LXIV,  1895  Nr.  39.  —  10.  von  Oefele  a.  a.  0. 

—  11.  Hopf,  lanus  lY,  1899  S.  125  ff.  —  12.  von  Oefele,  Allg.  medic.  Central- 
Ztg.  LXIV,  1895  Nr.  31  f.  —  13.  von  Oefele,  Heilkunde  1898  {Anticonceptionelle 
Arzneistoffe.    Ein  Beitrag  z.  Frage  des  Malthusianismus  in  alt.  u.  neuer  Zeit).  — 

14.  von    Oefele,   Prager   medic.    Wochenschr.   XXIV,   1899  Nr.  24  ff.   S.   8.   — 

15.  J.  H.  Hirschherg,  Gesch.  der  Augenheilkunde.  Gräfe -Sämisch,  Handb. 
der  gesamten  Augenheilk.    2.  Aufl.  IL  Teil  XII.  Bd.  XXXIIL  Kap.,  Leipz.  1899. 

—  16.  Carl  KicTisen,  Historisches  ü.  Krisen  u.  krit.  Tage,  Berl.  1893.  — 
17.  Allan  Webb,  The  historical  relations  of  ancient  Hindu  with  Greek  medicine 
in  connection  etc.,  Calcutta  1850.  —  18.  lAetard,  La  litterature  medicale  de 
VInde.  Extrait  du  Bulletin  de  VAcad.  de  medecine  1896,  5  mai.  —  19.  lietard, 
lanus  III,  1898  S.  17 ff.  —  20.  Berentles  s.  unter  5.  —  21.  von  Oefele,  70.  Ver- 
samml.  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  zu  Düsseldorf  1898.  Histor.  Ausstellwiig 
f.  Naturiciss.  u.  Medicin  S.  15f.  —  22.  Norsk  Magazin  for  Laegevidenskaben  Vtl 
1021  ff. — 23.  A.  X prj  ar  i 8t]  g ,  'Agxnia  f.Xkrjviyirj  yvvniyteioXoyia,  if  Kwrarat'TivovTto^ei 
1894  S.  201  f.  —  24.  von  Näf/elsbach ,  Homerische  Theologie,  2.  Aufl.  von 
Autenrieth,  Nürnberg  1861  S.  7  ff.  —  25.  Conradi,  Gölting.  gel.  Anzeigen  1856 
I  60  S.  599.  —  26.  Ernst  Curtitts,  Griech.  Gesch.  I  25. 

Wie  die  Anfänge  der  griechischen  Kultur  sind  auch  die  Grund- 
lagen der  griechischen  Heilkunde  aus  der  Zeit  der  urindogermanischen 
Völkergemeinschaft  herzuleiten.  Stets  baut  sich  ja  die  wissenschaft- 
liche Heilkunde  auf  der  volkstümlichen  auf,  die  sie  nach  und  nach 
mehr  ausgestaltet  und  vervollkommnet.  Auf  der  sich  langsam  voll- 
ziehenden Wanderung  von  ihrer  asiatisch-europäischen  Urheimat  nach 
Kleinasien  und  Hellas  hinunter  und  später,  nach   ihrer  endgültigen 


154  Robert  Fuchs. 

Niederlassung-,  haben  die  Griechen  höchstwahrscheinlich  auch  auf 
medizinischem  Gebiete  manches  von  den  Völkern  gelernt,  mit  denen 
sie  in  Berührung  kamen.  Jedoch  sind  trotz  eifriger  Versuche  einiger 
ärztlicher  Geschichtsforscher,  nahezu  alles  als  entlehnt  nachzuweisen, 
bisher  nur  verhältnismässig  wenige  unzweifelhaft  sichere  Ergebnisse 
gewonnen  worden.  Auch  den  zuversichtlichsten  Beteuerungen  gegen- 
über ist  die  grösste  Vorsicht  von  nöten,  und  es  empfiehlt  sich,  stets 
zugleich  den  Nachweis  zu  verlangen,  dass  die  allmähliche  Entwicklung 
der  betreffenden  Kenntnis  aus  der  volkstümlichen  Medizin  unmöglich  ist. 

Der  Beweis  der  Entlehnung  ist  nicht  erbracht  im  Falle  der  Be- 
ziehung auf  Gemeinplätze  oder  auch  sonst  vorhandene  Sitten,  Ein- 
richtungen oder  Anschauungen.  Dahin  gehören  bezüglich  der  die 
Keilschrift  verwendenden  mesopotamischen  Kulturvölker  die  Schriften: 
1  (Amulet),  2  (Aderlass  und  Humoralpathologie) ;  bezüglich  der  Inder : 
3  (Gemeinplätze,  Schülereid,  augenfällige  Sj^mptome,  selbstverständliche 
Vorschriften),  4  (desgl.),  5  (Berücksichtigung  von  Jahreszeit,  Ort  und 
Körperbeschaffenheit ;  Lehre  von  den  4  Temperamenten) ;  bezüglich  der 
Aegypter :  6  (Versuchsmittel  zur  Feststellung  der  Fruchtbarkeit),  7  (all- 
gemeine Beobachtungen),  8  (Inhalation),  9  (Aerztinnen),  10  (Frauen- 
emanzipation), 11  (Frauenmilch  als  Wundermittel),  12  (Schwur,  ethische 
Vorschriften),  13  (angeblich  Aegyptisches  in  Niederdeutschland!), 
14  (naheliegende  Sentenz). 

Ein  Zusammenhang  der  hellenischen  Heilkunde  mit  der  indischen 
ist  am  besten  erkennbar  in  der  Verwendung  indischer  Eezeptbestand- 
teiie  (Sesamum,  Cardamomum,  Andropogon,  Laurus  cinnamomum, 
Amomum,  Valeriana  Jatamansi  u.  s.  w.),  vergl.  15.  Der  Behauptung 
von  Eicksen  (16),  dass  Anklänge  in  der  Chirurgie  vorhanden  seien, 
widerspricht  die  glaubwürdige  Versicherung  von  Hirschberg.  Am 
vorsichtigsten  urteilen  Webb  (17)  in  seinem  grundlegenden  Werke  und 
der  vielbelesene  Lietard  (18;  19).  Wegen  bisher  ungelöster  chrono- 
logischer Zweifel  ist  die  Heranziehung  von  Sanskrittexten  ergebnis- 
los (20),  und  in  späterer  Zeit  ist  sogar  eine  Befruchtung  der  indischen 
Heilkunde  durch  die  griechische  wahrscheinlicher  (18;  21). 

Auf  ägyptische  Vorbilder  (22;  23)  weisen  ausdrückliche  Er- 
wähnungen bei  Homeros  hin,  ferner  ägyptische  Pflanzenmittel  (Faba 
Aegyptiaca,  Acacia  Aegj^ptiaca,  Cuminum,  Quercus  Aegyptiaca,  viel- 
leicht auch  Sinapis),  sowie  tierische  und  mineralische  Erzeugnisse 
Aegyptens  (Körperteile  des  Flusspferdes,  des  Krokodils,  der  Hyäne; 
Alaun,  Salz,  Antimon,  wohl  auch  Sory). 

Beweise  dafür,  dass  fremde  Einwirkungen  in  bestimmten  Rich- 
tungen stattgefunden  haben,  sind  ferner  die  auffällige  Uebereinstimmung 
von  Mass  und  Gewicht  bei  den  Hellenen  und  bei  den  Aegyptern  und 
Babyloniern  und  das  Emporblühen  der  ältesten  griechischen  Aerzte- 
schulen  an  Orten,  die  im  Brennpunkte  des  Verkehrs  mit  den  orienta- 
lischen Völkern  lagen  (Rhodos,  Knidos,  Kos,  Kroton,  Kyrene).  Dafür 
hingegen,  dass  diese  Einflüsse  nur  an  der  Oberfläche  haften  blieben, 
zeugen  wichtige  Gründe:  die  stark  ausgeprägte  Veranlagung  der 
griechischen  Volksstämme,  eher  Einfluss  auszuüben,  als  sich  beeinflussen 
zu  lassen,  die  Unkenntnis  der  fremden  Sprachen,  die  mit  dem  auto- 
chthonen  Stolze  verbundene  Geringschätzung  alles  Fremden,  Barba- 
rischen. Diese  Momente  hebt  Nägelsbach  (24)  für  das  Gebiet  der 
homerischen  Theologie  treffend  hervor  und  schon  Conradi  (25)  mit 
Bezug  auf  die  Medizin.    Mag  nun  auch  zeitweise  die  Vorliebe  für  die 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  155 

eine  oder  andere  Ansicht  im  Meinungskampfe  mehr  hervortreten,  stets 
wird  die  von  Ernst  Curtius  (26)  ausgesprochene  Wahrheit  un- 
erschütterlich fest  stehen:  „Was  sie  Cdie  Griechen)  in  Religion  und 
Cultur,  im  Staatsleben,  Kunst  und  Wissenschaft  gethan,  ist  ihr 
eigen,  und  wie  viel  sie  auch  von  anderen  übernommen,  haben  sie  es 
doch  so  umgestaltet  und  wiedergegeben,  dass  es  ihr  Eigen thum 
geworden  ist". 

2.   Quellen  der  Geschichte  der  griechischen  Heilkunde. 

Zur  Ergänzung  unserer  sehr  lückenhaften  Kenntnis  von  der  Ent- 
stehung und  Entwicklung  der  griechischen  Heilkunde  dienen:  1.  die 
erhaltenen  Bauwerke  (Tempel,  Grotten,  Altäre);  2.  Werke  der  Klein- 
kunst (z.  B.  Götterbilder,  Weihgeschenke,  Darstellungen  nackter  Körper 
oder  Körperteile  zur  Abwehr  des  bösen  Blickes);  3.  erhaltene  Instru- 
mente und  Behälter  (namentlich  Sonden,  Nadeln,  Messer,  Schröpfköpfe, 
Salbenbüchsen,  Balsamnäpfchen,  Mörser  und  Mörserkeulen);  4.  In- 
schriften, Pap3Ti;  5.  die  uns  überkommenen  Werke  der  alten  Aerzte; 
6.  Bemerkungen  alter  Schriftsteller  über  die  griechische  Medizin. 
Eine  Aufzählung  der  einschlägigen  Litteratur  ist  wegen  deren  be- 
deutenden Umfauges  unmöglich.  Der  Hervorhebung  würdig  sind  bei  1 
in  erster  Eeihe: 

J.  Anderson,  Brit.  Med.  Journ.  1887,  II.  —  Caton,  a.  a.  0.  1898,  1 1509; 
1572.  —  Courtois-Sufflt,  Archives  yener.  de  medecine  1891,  II  576  ff.  —  Defras 
et  Lechat,  Epidaure,  Pjrm  1895.  —  L.  Iferrlich,  Epidaurus,  Berlin  1898.  — 
Kavi'ftdifis,  FouiUes  d' Epidaure  I,  Athenes  1891  ff.  —  Körte,  Mitfheil.  des  Kais. 
Deutsch.  Archäolog.  Instituts,  Athen.  Ahth.  XVIII  231  ff'.;  XXI  287 ff.  —  Julian 
Mareuse,  Zur  Gesch.  der  Krankenhäuser.  Zeitschr.  f.  Krankenpjiege  1899.  — 
Pansanios,  periegesis,  Indices.  —  Hitter  von  Rittershuin,  Der  medic.  Wunder- 
glaube 11.  die  Incuhation  im  Alterthume,  Berlin  1878. 

Weitere  Litteratur  findet  man  in  den  angegebenen  Werken,  sowie 
in  den  archäologischen  und  mythologischen  Nachschlagebüchern.  Ueber 
2.  Weihgeschenke  und  Votivhände  gegen  den  bösen  Blick 
handeln  ausser  den  Genannten  noch: 

Crirard,  Bulletin  de  correspondance  helleniqiie  II  419  ff.  —  *T.  M.  C'harcot  et 
P.  Sicher,  Les  difformes  et  les  malades  dans  Vart,  Paris  1889;  Dies.,  Nouvelle 
iconographie  de  la  Salpetriere,  Paris  IL  —  Die  verschiedenen  Corpora  inscripüonum.  — 
Fröhner,  Revue  des  deux  mondes  1873.  —  Chirlt,  Gesch.  der  Chirurgie  I  94f.. 
Berlin  1H98 ;  lanus  IL  1897—98  S.  482 ff.  —  Jahn,  Ber.  d.  K.  Sachs.  Ges.  d. 
Wiss.,  phil.-hist.  Cl.  YII,  1855  S.  28  ff.  —  Köhler,  Athen.  Mitth.  II,  1877  S.  253  ff. 
—  Körte,  a.  a.  0.  —  Lötry,  Archäol.-epigraph.  Mitth.  IV,  1880.  —  Margoulieff, 
Etüde  critique  sur  les  mo7iuments  antiques  representant  des  scenes  d'accouchement, 
Paris  1893.  —  M(trx,  Athen.  Mitth.  X  Taf.  6.  —  EL.  Meige,  Internat,  med. 
photogr.  Monatsschr.  1894  S.  137;  167.  —  Perdrizet,  Melusine  1899.  —  Heisch, 
Ahhandl.  des  Wien,  archäol.-epigraph.  Seminars  VIII.  —  Richer,  Rev.  scientifiqne 
LH,  1893.  —  Usener,  Rhein.  Mus.  XXVIII,  1873  S.  407  ff. 

Ueber  3.  Instrumente  belehren  die  Kataloge  fast  sämtlicher 
grossen  Museen  (Athen,  London,  Paris,  Berlin,  Bukarest),  sowie  die 
Werke  über  Ausgrabungen  in  Griechenland.  Verzeichnis  bei  Gurlt 
(s.  0.)  I  506  ff.  unter  Nachweis  der  Schriften.  Die  grösste  Sammlung 
(Lambros)  befindet  sich  im  Athenischen  Nationalmuseum.  Das  wichtigste 
Werk  ist  Scultetus,  Armamentarium  chirurgicum  c.  observat.  B.  a 
Lamzweerde  et  Verduin  ed.  Sprögel,  2  Bb.,  Amstel.  1741.  Ueber  die 
in  Olympia  und  sonst  ausgegrabenen  Instrumente  und  Geräte  berichten : 


156  Eobert  Fuchs. 

Ernst  Curtius  u.  Friedt:  Adler,  Olympia,  Berlin  1S90,  Bd.  IV.  —  Recueil 
des  travaux  de  la  Socicte  medicale  allemande  de  Paris  I,  1866  S.  59  ff.  —  Gazette 
hebdomadaire  de  medecine  et  de  Chirurgie  1855  S.  693  ff.  —  Lanibros  {Ktüvar. 
IT.  '/.  Aaun^ös),   Jlsot  oixvcöv  xnl  OfKvdascos  Ttatju  rols  d^x'^'^ois,  Ad'ijv7]ai  1895. 

Bei  manchen  Geräten,  Tiegeln,  Töpfen,  Kästchen,  Büchsen,  Mörsern 
und  Mörserkeulen  lässt  sich  nicht  entscheiden,  ob  sie  für  sonstige 
häusliche  Zwecke  oder  speziell  für  medizinische  gedient  haben.  In 
Griechenland  ist  ärztliches  Werkzeug  viel  seltener  gefunden  worden 
als  in  römischen  Gebietsteilen,  doch  sind  sicher  manche  der  in  Pompei, 
Herculaneum,  Spanien,  Gallien  und  in  den  österreichisch-slavischen 
Ländern  gefundenen  römischen  Instrumente  im  Besitze  von  Aerzten 
griechischer  Abkunft  gewesen.  4.  Bezüglich  der  Inschriften  ist 
wiederum  auf  die  grossen  Sammelwerke  und  die  Museen  zu  verweisen. 
Zu  nennen  sind  ausserdem  u.  a.: 

I.  jBaier,  Expositio  veteris  inscri2^tionis  de  Aesculapio  et  Hygea  diis  hominum 
amantissimis,  Altorf.  1742.  —  Th.  Hannack,  Inschriften  aus  dem  Kretischen 
Asklepieion.  Philologus  1891.  —  Joh.  u.  Theod.  JBcninack,  Inschriften  aus  d. 
Asklejneion  von  Epidauros,  Leipz.  1886.  —  Briau,  Varchiatrie  romaine  ou  la 
medecine  officielle  dans  Vempire  romain,  Paris  1877.  —  Deecke  u.  Sief/ismund, 
Die  tvichtigste7i  Kyprischen  Inschriften.  Curtius^  Sammlung  der  Inschriften  XII 
217 ff.  —  N.  Festa,  Atene  e  Roma  III,  1900  i\V.  13.  —  Henzen,  Philologus 
XXI,  1864;  Bollett.  delV  Instit.  —  JP.  Kahhadias^  'Ecprjuepls  aoxaio/.oyixij  1883; 
1885.  —  ie  Has,  Voyage  archeol,  pari.  V  inscr.  161;  1695  u.  s.  w.  —  A.  C. 
Merriani,  Gaillard,  Med.  Journ.  1885;  Boston  Med.  and  surgical  Journ.  CXII, 
18S5.  —  Paton  and  Hicks,  Inscriptions  of  Cos,  Oxford  1891.  —  Pellegrinif 
Lapide  votivn  ad  Esculapio  Belluno  1890.  —  Piccoloiuini,  Nuova  antologia 
XXXXIV,  1893.  —  Beine  arcMologiqtie  1863  S.  469 ff  —  Bh angäbe, 
Antiquites  hellcniques  n.  378.  —  Sallet,  Zeitschr.  f.  Numismatik  V.  —  3Ioriz 
Schmidt,  Die  Inschrift  von  Idalion  und  das  kyprische  Syllabar,  Jena  1874.  — 
von  Wilafnowitz-Möllendorff,  Isyllos  von  Epidauros.  Philolog.  Untersuch.  IX. 
Heft,  Berl.  1886. 

Die  Litteratur  über  die  Ehrentafeln  für  Aerzte  wird  in  Kap.  3  ver- 
zeichnet werden.  Eine  Zusammenstellung  aller  medizinischen  Papyri 
steht  noch  aus;  sie  ist  schon  deshalb  gegenwärtig  nicht  zu  liefern, 
weil  noch  keine  Sichtung  der  täglich  anwachsenden  Bibliotheksschätze 
erfolgen  konnte.  Es  sind  daher  die  Kataloge  der  grossen  Bibliotheken 
zu  befragen,  aus  denen  die  Litteraturgeschichten  und  Geschichtsbücher 
der  Medizin  nur  dürftige  Auszüge  bieten.    Als  Proben  seien  angeführt : 

Papyrus  Erzherzog  Bainer.  „Führer  durch  die  Ausstellung",  Wien  1894. 
2.  Zimmer  241  {Rezept  aus  dem  2.  oder  3.  Jahrhunderte  n.  Chr.).  —  Pap>yri 
Argentoratenses  Graecae  ed.  a  Car.  Kalbfleisch,  Ind.  lect,  Rostoch.  1901.  —  Greek 
Papyri  in  the  British  Museum.  Catalogue  with  texts.  Edited  by  F.  G.  Kenyon, 
I,  London  1893;  II,  London  1898  (i  48;  51;  57;  90 f;  93;  96 ff.;  II 113 ff.;  252,  teils 
schiver  entzifferbare  Worttrümmer,  teils  Rezepte,  abergläubische  Formeln;  das  vorletzte 
Citat  bezieht  sich  auf  die  Steuerverhältnisse  der  Pastophoren).  —  Catalogue  of  Additions 
to  the  Department  of  Manuscripts  in  ihe  British  Museum,  London  1888 — 1893 
S.  396 ff.  Nr.  CLV  {Zahnheilkunde);  CLXXXVI  ro  [Rezepte).  —  Bloch,  Ueber 
einen  griechischen  Papyrus  forensisch-medicinischen  Inhalts.  Allg.  medic.  Central- 
Ztg.    68.  Jhrg.  1899  Nr.  46 f.  —  Brandts,  Hermes  XXXII,   1897  S.  509;  520. 

Dahin  gehören  zum  Teil  auch  die  Papyri  magici,  welche  unter 
die  Zauberformeln  gelegentlich  medizinische  Weisheit  mischen. 

So  z.  B.  Fuchs,  Medicinisches  ans  den  griechischen  Papyri  der  ägyptischen 
Gräber.  Deutsche  medic.  Wochenschr.  1899  Nr.  26  [vgl.  dagegen  von  Oef'eles  Be- 
merkungen a.  a.  0.).  —  Wilh.  Christ,  Gesch.  der  griech.  Litt,  bis  auf  d.  Zeit 
Justinians  [Iw.  Müller,  Handb.  der  Mass.  Altert.-Wissensch.  VII),  3.  Aufl.  S.  836. 
—  The  american  Journal  of  philology  XVII  1,  1896  S.  77  ff.  —  JDieterich, 
Jahrb.  f.   class.   Philol.   Suppl.  XVI   783 ff.   —    Greek  Papyri  etc.   (s.  o.)  I  65 ff.; 


GescMchte  der  Heilkunde  bei  den  Grieclien.  157 

215:  —   Kroll,  Phüologns  LIV,  1895  S.  560  ff.  —  Kyranides  s.  Byzantinisches. 

—  Noi'ossadsky,    Journal    du    Ministere    russe    de   Vinstruction  publique    1895 

5.  81  ff.  —  C  Wessely,  Griechische  Zauberpapyrus  von  Paris  ti.  London,  Wioi 
1S88;  15.  Jahresber.  des  K.  k.  Staatsgymn.  in  Hernais,  Wien  1889  u.  s.  iv.  — 
Fapyrus  Londinensis  s.  unten. 

5.  Die  erhaltenen  Werke  griechischer  Aerzte  brauchen 
hier  nicht  aufgeführt  zu  werden.  Nur  die  wichtigsten  Anecdota  und 
Anonyma  seien  aufgezählt: 

Anecdota  Graeca  ed.  ßoissonade,  Paris.  1844,  1 228  z.  B.  —  Anecdota  Graeca, 
e  codd.  mss.  Biblioth.  Oxoniensis  descr.  I.  A.  Craniet;  Oxonii  1889 ff'.,  4  voll.  — 
Anecdota  medica  Graeca  ed.  Zach.  Ernierins,  Lugd.  Bat.  1840.  —  Anecdota  medica 
Graeca  von  Hob.  Fuchs.  Rhein.  Mus.  XLIXf.,  1894  f.  —  Anecdota  aus  Byzan- 
tinischer Zeit.    Von  denis.  Leipz.  1899  (s.  Deutsche  media.  Wochenschr.  1899  Nr.  7  f.). 

—  ^v/.knyi]  'Eilt/vtxcoi'  avexäozcov  noirjriov  ytai  koyoyonqcov  Sinipootuv  hTtoxiov^Ek/.nbos: 
OTTovdj]  'ApSo.    Movazo^väov  xai  /Jriii.     E%ivit.    Tsrouäiov  n — ?',    'Ev    Devsriq   1816 

(Aetios,  Epiplmnios  der  Physiolog,  Theophilos  de  fahrica  corporis  humani,  de  stercore). 

—  Anecdota  Graeca  et  Graecolatina  ed.  Yal.  Mose,  Berol.  1864 ff.  —  Anecdota 
Graeca  ed.  Vüloison,  Venef.  1781.  2  Bh.  —  Co8tomiris,Jiev.  des  etudes  grecques 
1889;  Gazette  medicale  de  Paris  1S89.  —  IMrembei'g,  Archives  des  missions 
scientifiques  et  littcraires  u.  s.  u\  II  484ff.,  Paris  1851. 

Anonymi  carmen  de  herbis  {rä  ^sol  ßorttviör)  s.  G.  Kaibel,  Hermes  XXV, 
1890  S.  103  ff. ;  Poetarum  de  re  physica  et  medica  reUquias  coUegit  U.  Cats  Busse- 
inakei',  Paris  1851.  —  Anonymi  introductio  anatomica  ed.  lo.  Steph.  Rernard, 
Lugd.  Bat.  1744.  —  Anonymi  iusiurandum  {voxos  InTci^de)  s.  Poef/irum  de  re  phy- 
sica etc.  —  Anonymus  Londinensis  s.  unten.  —  Anonymi  de  oculis  s.  Galenus  ed. 
Basileensis  1549.  —  Anonymi  neoi  ofd-aluMv  s.  Th.  P-uschinann,  Berl.  Studien  V 
Heft  2,  1886;  Helm  reich,  Philologus  LI  =  K.  F.  V,  1892  S.  746.  —  Anonymi 
TTsoi  Ttii&töf  s.  S.  Schneider,  Excerpta  rr.  tt.,  Progr.,  Leipz.  1895.  —  Anonymi 
d-rjoi/ty.)']  s.  Poetarum  de  re  physica  etc.  —  Anonymus  s.  Wessely,  Wien:  Stud. 
XIII,  1891  S.  312 ff.  {Optik  betreffend). 

Die  pseudonj'men  Schriften  finden  sich  da  erwähnt,  wo  über  den 
betreifenden  Schriftsteller  gehandelt   wird,  dem  sie  beigelegt  werden. 
Unter  den  Sammelausgabeu  ragen  hervor: 

Apollonii  Citiensis  etc.  scholia  in  Hippocr.  et  Galen,  ed.  Dietz,  Regimontii 
Prussorum  1834,  2  Bb.  —  ArticeUa:  lohanitii  Isagoge,  Philareti  über  pulsuum, 
Theophili  de  urinis.  Hippocratis  aphorismi  c.  comment.  Galieni,  üb.  prognost.,  üb. 
regiminis  acut.,  Hippocr.  üb.  epidemiar.,  de  nat.  foetus,  Galieni  IIb.  Tegni,  Gentilis 
de  Fulgineo  de  divisione  librorum  Galieni,  Hippocr.  de  lege  et  jusjurando.  Venet. 
1487,  fol.  —  Eclogac  physicae  ed.  I.  G.  Schneider  I  1801;  II  1801.  —  Medicae 
artis  principes,  post  Hippocr.  et  Galen.,  Graeci  Latinitate  donati,  Aretaeus,  Buff'us 
Ephesius,  Uribasius,  Paulus  Aegineta,  Aetius,  Alex.  TralUanus,  Actuarius,  Nie. 
Myrepsiis.  Latini,  Com.  Celsus,  Scrib.  Laryus,  Marcell.  Empiricus.  Aliique  jn'acterea, 
quorum  unius  nomen  ignoratur  etc.  Anno  M.  D.  LXVII  Excudebat  Henricus 
Stephanus.  —  Medici  antiqui  omnes  qui  Latinis  Utteris  etc.,  Venet.  1547,  fol.  — 
Medicorum  Graecarum  opera,  quae  extant.  Cur.  Car.  Gottl.  Kühn.  Gr.  et  lat.  26 
voll,  in  28  2)fit'tt.,  Lips.  1821 — 33  {Galenos,  Aretaios,  Dioskurides,  Hippokrates).  — 
Medicorum  XXI  vetermu  et  clarorum  Graecorum  varia  opuscula  ed.  Ch.  F.  de 
Matthaei,  Mosquae  (selten).  —  Physici  et  medici  Graeci  minores  ed.  Ideler,  1841  f., 
2  voll.  —  Poetarum  de  re  j)hysica  et  medica  reliquiae  ed.  Bussemaker,   Paris  1851. 

—  Principes  artis  medicae  ed.  II.  cur.  Adalb.  de  Haller  et  Rud.  Vicat,  Lausannae 
1784 ff.  {Alexandros  von    Trallds  2  voll.,  Rhazes  1  vol.,  Caelius  Aurelianus  2  roll). 

—  Scriptores  pHirabilium  medicamentorum  antiqui  ed.  Ackermann,  1788. 

Wertvolle  Belehrung  über  die  alte  Medizin  verdanken  wir  unter 

6.  den  alten  Schriftstellern  vor  allem  den  griechischen  Werken 
des  Piaton*,  Aristoteles*,  Strabon*,  Erotianos,  Plutarchos*  und  den 
anderen  Doxographen*.  Soranos,  Tansanias*,  dem  Anonj-mus  Parisinus 
und  dem  Anonymus  Londinensis  (auf  Menon,  Schüler  des  Aristoteles, 
beruhend),  Galenos,  Athenaios*,  Oreibasios,  Aetios,  den  Canones  medi- 
corum der  Alexandrinerzeit  *  (Otto  K  r  ö  h  n  e  r  t ,  Canonesne  poetarum 


158  Robert  Fuchs. 

scriptorum  artificum  per  antiquitatem  fuerunt  ?  Diss.,  Königsberg- 1897 ; 
Wellmann,  Hermes  XXXV,  1900  S.  367),  den  Glossensammlungen 
und  Wörterbüchern  (Lexica,  Etymologica),  den  Anthologien,  den  mittel- 
alterlichen latrosophien  (Hausarzneibüchern) ;  den  lateinischen  des  Celsus, 
Plinius  Maior*,  Martialis*  Gellius*,  Caelius  Aurelianus.  Viele  historische 
Darstellungen  der  Medizin  aus  dem  Altertum  sind  uns  nur  dem  Namen 
nach  bekannt,  z.  B.  Athanasios,  Herennius  Philon,  Paulos,  Phoibammon, 
Sopatros,  Soranos  (tisqI  iaTQcov)  u.  a. 

3.  Litterarische  Hilfsmittel. 

Da  die  medizinische  Geschichtswissenschaft  nui-  ein  Teil  der  ge- 
samten Geschichts-  und  Kulturwissenschaft  ist  so  dienen  ihr  zugleich 
die  litterarischen  Hilfsmittel  des  umfassenderen  Wissenszweiges  und  der 
meisten  Einzeldisziplinen,  vor  allem  der  naturwissenschaftlichen  Eichtung 
und  der  Philosophie.  Die  Darstellungen  der  allgemeinen  Geschichte 
der  Medizin  finden  am  Schlüsse  des  vorliegenden  Gesamtwerkes  ihren 
Platz;  die  besondere  Litteratur  der  griechischen  Heilkunde  wird  hier 
verzeichnet.  Die  wichtigeren  Werke  sind  durch  *  hervorgehoben. 
Pragmatische  und  bibliographische  Werke  sind,  weil  ihr  Inhalt  aus 
dem  Titel  hervorgeht,  nicht  geschieden  worden. 

*  Maurice  Albert,  Les  medecins  grecs  ä  Rome,  1694.  —  Archives  des  missions 
scientifiques  et  littcraires,  ser.  I  vol.  4 — 6',  Faris  1866 f.;  ser.  II  vol.  1 — S,  Paris 
1864 ff'.  —  Aitnier,  Die  arabischen  (hebräischen)  Handschriften  der  k.  Hof-  u. 
Staatsbibl.  in  München,  Münch.  1875  S.  351  ff.  —  *  Herrn,  jiaas,  Grundriss  der 
Gesch.- d.  Mediz.u.  des  heil.  Standes,  Stutfg.  1876;  ders.,  Die  geschichtl.  EntwicM. 
des  ärztl.  Standes  u.  d.  mediz.  Wissenschaften,  Berl.  1896.  —  Banlis,  Brit.  medical 
Journal  1892.  —  Beverovicins,  Idea  medicinae  veterum,  Liigd.  Bat.  1637.  — 
Briau,  Bev.  archeol.   3e  ser.   tome  V,  Paris  1885  S.  385 ff.;   VI  1885   S.  192 ff. 

—  *  Conr,  Bursian,  Jahresbericht  ü.  d.  Fortschritte  d.  klass.  Alter tumstviss.,  jetzt 
hrsg.  V.  L.  Gurlitt  u.  W.  Kroll.  {Letzter  Jahrgang :  XXVII 1899;  mit  Beiblättern  : 
Bibl.  philol.  u.  Biogr.  Jahrb.).  —  *Enitnanuel  Chanvet,  La  philosophie  des 
medecins  grecs,  Paris  1886;  *ders.,  La  medecine  greeque  et  ses  rapports  ä  la  Philo- 
sophie, Paris  1883.  —  *  Willi.  Christ,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  bis  auf  d.  Zeit 
Justinians,  3.  Aufl.,  Münch.  1898,  S.  851  ff.  —  *X  XySi^g,  ^Agxains  Icciqi-aT^s  avd- 
?.sxTa  rj  ByxcoQiOä  ictrpixr]  xara  na()döoaiv.  ITQaxrixa  avvöSov  'EXXjvoov  iarpon',  'Ad"/]- 
vT]oi  1883.  —  Corlieu,  Les  medecins  grecs  deimis  la  mort  de  Galien  jusqu^ä  la  chute 
de  Vempire  d'Orient,  Paris  1885.  —  *G.-A.  Costoniiris  {KcoaTOftoio(g),  Rev.  des 
etudes  grecques  IL  III,  Paris  1889;  X,  Paris  1897  S.  405  ff.  —  Ch.  Daremberg, 
Archives  des  missions  scientifiques  et  littcraires,  Paris  1851,  II  484 ff. ;  ders,, 
Notices  et  extraits  des  manuscrits  grecs  d''Angleterre,  Paris  1853;  *ders.,  Notices 
et  extraits  des  manuscrits  medicaux  grecs,  latins  et  fran^ais,  Paris  1853 ;  *  Etat 
de  la  medecine  entre  Homere  et  Hippocrate,  Rev.  archeol.  IX,  1868.  —  JJarein- 
herg  et  Saglio,  Dictionnaire  des  antiquitcs  grecques  et  romaines  [noch  nicht  voll- 
ständig). —  * Dechambre,  Dictionnaire  encyclopedique  des  sciences  medicales,  Paris 
1884,  unter  Grece.  —  IHipony,  Medecin  XI  Nr.  15,  Paris  1885.  —  *A.  Enimiriger, 
Die  nosokratischen  Philosophen  nach  d.  Berichten  des  Aristoteles.  Preisschrift. 
Würzburg  1878.  —  Engelinann,  Bibliotheca  scrij)torum  Graecorum,  8.  Aufl.  bes. 
von  Preuss,  Leipz.  1880.  '—  *  Fabricius,  Bibl.  Graeca  XII 1724;  XIII 1726  tt.  s.  w. 

—  H.  Francotte,  Distinctions  honorifiques  ä  Athenes,  Le  Musee  Beige,  4«  annee, 
1900  Nr.  2.  —  Gedike,  Medic.  Ztschr.  d.  Vereinigung  f.  Heilkunde  in  Preussen, 
1849  S.  31  ff.  —  Nie.  Gerzetic,  lieber  Medicin  u.  Sonnencultus  d.  Alterthums, 
Karansebes  1895.  —  *Th.  Goniperz,  Griech.  Denker,  Leipz.  1896,  I  221  ff.  — 
CJir.  Godofr.  Grüner,  Bibl.  d.  alten  Aerzte,  Leipzig  1781  f.,  2  Bb.  —  Jose 
Miguel  Gnardia,  De  medicinae  situ  apud  Graecos  pirogressucjue  per  pthUosophiam, 
Paris  1855.  —  Giüd  u.  Koner,  Das  Leben  d.  Griech.  u.  Rom.  lieber  Aerzte,  Bäder 
u.  Heilquellen  b.  d.  Alten,  Berl.  1861.  —  Chr.  Fr.  Harless,  Die  Verdienste  der  Frauen 
um  Naturwiss.,    Gesundheits-  und  Heilkunde  u.  s.  w.,  Götting.  1830.  —  Ad.  Harnack, 


*  Nichtmedizinische  Quellen. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  159 

Medicinisches  a.  d.  ältest.  Kirchengesch.,  Leipz.  1892.  —  *  Houdart,  Histoire  de 
la  medecine  grecque  depuis  Esculape,  Paris  1856.  —  Sud.  Kohevt,  Hist.  Stud. 
a.  d.  Pharmakol.  Instit.  d.  Kais.  Univers.  Dorpat,  I  62  ff.,  1889.  —  *Karl  Kriini- 
bacher,  Gesch.  d.  hyzantin.  Litt,  von  Justinian  bis  z.  Ende  des  oström.  Reiches 
(527—1453),  2.  Aufl.,  Miinch.  1897  S.  613 ff.;  903.  —  * Car.  Goftl.  Kühn, 
Opuscula  academica  medica  et  philologica  I.  II,  Lips.  1827  f.  —  Li.  31.,  Rhein.  Mus. 
XXIII,  1868,  S.  187 ff.;  384.  —  *IAetard,  Bulletin  medical  des  Vosges  1896  Nr.  41. 

—  LipinslxU,  Histoire  des  femmes  medicins  dans  Vantiquite.  Vortrag  vor  der  „Sectio» 
d'histoire  des  sciences'^,  Paris  1900.  —  *  Emil  Lüviny,  Die  ü.  d.  medic.  Kennt- 
nisse d.  alten  Aegypter  berichtenden  Papyri  verglichen  mit  den  griech.  u.  röm. 
Autoren,  Leipz.  1888.  —  Mahler,  Allg.  Wien.  med.  Ztg.  1887.  —  *  Manget, 
Bihliotheca  scriptorum  medicorum  veteriim  et  recentiorum,  1731,  fol.,  4  Bb.  — 
Mareuse,  Wien,  medic.  Wochenschr.  1900  Nr.  10;  Zukunft  1899  Nr.  32.  — 
H.  Mead,  Opera  medica,  3.  Aufl.,  I  pars  5;  IL  Goettingae  1748  f.  —  *i.  M.  »7. 
Mouclier ,  Essai  sur  l  histoire  chronologique  de  la  medecine  grecque  depuis  les 
temps  les  plus  recules  jusqu'ä  Hippocrate,  These,  Bordeaux  1887.  —  *l*aidy- 
Iflssowft,  Real-Encyclopädie  d.  class.  Altertumswissenschaft,  Stuttg.  1894  ff',  [un- 
vollendet). —  «7.  E.  Petreqiiin,  De  Vetude  des  medetins  de  Vantiquite,  Lyon  1858. 

—  * PhilippsoH,  "Tkrj  dvö-pconivT],  Berol.  1831,  I  1  n.  2.  —  Pingel,  Fleckeisens 
Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1895  S.  183 ff.  —  * Prosopographia  Imperii  Romani  saec. 
I.  IL  III,  I  ed.  Elimarus  Klebs,  Berol.  1897;  II  ed.  Herrn.  Dessau,  1897;  III 
ed.  Paulus  de  Rohden  et  Herrn.  Dessau,  1898.  —  *F.  Pitccinotti,  Medicimi 
antica,  besorgt  v.  Salvatore  de  Renzi,  Napoli  1860.  —  Qititzmann,  Med. 
Central-Ztg.  1847.  —  F.  Schneller,  De  honoribus  medicorum  ap\id  veteres,  Lips. 
1732.  —  H.  Schelenz,  Pharmazeut.  Ztg.  LXXVIII,  1899;  ders.,  Frauen  im 
Reiche  Aeskulaps,  Berl.  1899.  —  Scoutetten,  Gazette  hebdomadaire  de  Bordeaux  X 
73  ff.  —  Franz  Spät,  Münch.  med.  Wochenschr.  1896.  —  *  M.  Steinschneider, 
Yirchows  Archiv  f.  pathol.  Anat.  CXXIV,  1891;  Beihefte  z.  Centralblatt  f.  Biblio- 
tliekswesen  XII,  Leipz.  1893.  —  *  Franz  Snsemihl,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d. 
Alexandrinerzeit,  I  Leipz.  1891  S.  777 ff.;  II  1892  S.  414ff.  —  * Konttt.  Tsintsi- 
ropoulos,    La    medecine   grecque    depuis  Asclepiade  jusqu'ä    Galien,   Paris  1892. 

—  *  Uffelniann,  Sammlung  gemeinverständl.  ivissensch.  Vorträge  von  Tirchotv 
und  von  Holtzendorf  18.  Ser.  Heft  418,  Berl.  1883.  —  *  Vnger,  Wien,  mediz. 
Wochenschr.  1888.  —  *  Vercmitre,  Rev.  archeol.,  nouv.  Serie,  21«  annee  vol.  39, 
Paris  1880  S.  99 ff.;  vgl.  die  Kritik  von  Dechanihre,  Gazette  hebdomadaire  de 
medecine  et  de  Chirurgie  XXVII,  1880  S.  689 ff.  —  Welcher,  Kleine  Schriften, 
Teil  in,  Bonn  1850.  -  *  Wellmann,  Fleckeisens  Jah-hb.  f.  ckiss.  Philol.  CXXXVII, 
1888  S.  152  ff.;  *CXLV,  1893  S.  675  ff.;  *  Hermes  XXIII,  1888  S.  556  ff.  — 
A.  Witkoivski,  Le  malqu'on  a  dit  des  medecins,  i«  ser.,  Paris  1884.  —  Wright, 
Medical  Standard  VI,  Chicago  1889. 

Auch  bei  den  einzelnen  Zweigen  der  griechischen  Heilkunde  ist 
es  unmöglich,  die  Monographien  allgemeinen  Inhalts  aufzuführen.  Es 
werden  daher,  zunächst  für  Anatomie  und  Physiologie,  nur  die- 
jenigen Werke  genannt,  die  sich  wesentlich  mit  Griechenland  be- 
fassen. 

*  Choulant,  Graphische  Incunabeln  f.  Naturgesch.  u.  Medicin,  Leipz.  1858. 

—  Fröhner,  Anthropologie  des  vases  grecs.  Rev.  des  deux  mondes  1873.  —  G-ilis, 
L'anat.  plastique,  ses  origines,  ses  progres.  Montpellier  medical,  suj^pl.  III,  1892.  — 
*Jos.  Hyrtl,  Antiquitates  anatomicae  rariores,  Vindob.  1835;  Onomatologia  anat. 
Gesch.  u.  Krit.  d.  anat.  Sprache  d.  Gegemo.  u.  s.  w.,  Wien  1880.  —  Lahoidhene, 
Revue  scientifique  XXXVIII;  ders.  Union  medicale  1887.  —  *  Longg,  Dissertatio 
hist.  med.  de  ph.  veterum,  Roterod.  1833.  —  *  Morel,  De  vocabulis  partium  corporis 
in  lingua  graeca  metaphorice  dictis.  Diss.  Genevae  1875.  —  *  Lukas  Papaioannes, 
Aimrofitnä  fieKer'';u.aTn  afayaoöitevu  sh  rova  agxaiovg  ?X.Xrivas  imoovs,  sv  UsioKitl 
1882.  —  C.  Pauli,  Ueber  d.  Benennung  der  Köriiertheile  d.  Indogermanen,  Progr., 
Stettin  1866.  —  *Roh.  Jtitt.  von  Töph/,  Studien  z.  Gesch.  d.  Anat.  im  Mittelalter, 
Leipz.  u.  Wien  1898.  —  *  Welcher,  Kleine  Schriften,  Teil  III,  Bonn  1850. 

Die  Hauptwerke  über  die  allgemeine  Geschichte  der  Anatomie 
und  Physiologie  werden  am  Schlüsse  des  Werkes  zusammengestellt. 
Von  diesen  schlagen  besonders  auch  für  die  griechische  Wissenschaft 
ein:  Gölicke  1713;  1738;  Douglas  1715;  Portal  17701f.;  von 
Haller  1774ff.;   Lassus  1783;   Lauth  1815;    Eble  1836;  Burg- 


160  Robert  Fuchs. 

graeve   1840;    Daremberg   1841ff.   (s.  Galenos);    Medici   1857; 
Falk  1871  (s.  Galenos);  Schrutz  1895  (s.  Hippokrates). 

Pathologische  Werke: 

*  Godofr.  Grüner,  Morborum  antiquitates,  Vratislaviae  1774.  —  *  Chirlt, 
s.  Chirurgie.  —  *Aug.  Hirsch,  Handb.  d.  Mst.-geogr.  P.,  2.  Aufl.,  Stuttg.  1881,  I. 
—  *  S.  ab  Oeconomicus,  De  p.  generali  veterum  Graecorum,  1833.  —  F.  Pruner, 
Die  Krankheiten  d.  Orients,  Erkingen  1847.  —  Quitzmann,  Darstellg.  d.  Ziistandes 
d.  Med.  u.  d.  vorzüglichsten  Krankh.  in  Griechenl.  Med.  Central-Ztg.  1847.  —  E<Iin. 
Stern^  Historisches  zur  path.  Terminologie,  Diss.,  Leijpz.  1885.  —  Wertner,  Wien. 
mediz.  Presse  XX,  1879. 

Unter  den  allgemeineren  verdienen  Beachtung:  Blackfard  1896; 
Haeser  1839ff.;  A.  von  Haller  1757ff.;  Heusinger;  Monti  1898; 
Nemnich  1801  (Lexikon);  Eibbert  1899  u.  a.  m. 

Werke  über  Therapie: 

*  Ch.  Fiessinger,  La  therapeutique  des  anciens  maitres,  Bulletin  de  ther., 
Paris  1895  ff.  —  «7.  E,  Hebenstreit,  Palaeologia  th.  qua  veterum  de  morbis  curandis 
pilacita  potiora  recent.  sententiis  aequantur,  ed.  Grüner,  Halae  1778.  —  Sahnten, 
Dogmata  veterum  et  recentior.  medicor.  eorumque  in  praxi  medica  usu,  diss.  Dwpat. 
1811.  —  *  Moriz  Tihanyi,  Die  ther.  Kenntnisse  d.  Griech.  im  Alterth.  Klinikai- 
füzetek  Heft  XU,  Budapest  1897. 

Chirurgische  Hilfsbücher: 

*^f?.  Albert,  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Ch.  2  Hefte,  Wien  1877  f.  —^DiKÜey, 
Journal  of  the  Maine  medical  Association  XII,  Portland  1896.  —  *F.  Gitrlt, 
Gesch.  d.  Ch.  u.  ihrer  Ausübung.  Berl.  1898  (s.  auch  III 810  ff.).  —  Hoffa,  Deutsche 
medic.  Wochenschr.  1900  iVr-.  16.  —  (Heinr.  üohlfs),  Allg.  u.  differentielle  Charak- 
teristik d.  ch.  Klassiker  s.  Janus  V,  1882  S.  313  ff. 

Allgemein  gehaltene  chirurgische  Werke:  Bernstein  1822; 
Dujardin  et  Peyrilhe  1774ff.;  Gesner;  Gründer  1859;  Häser 
1879;  A.  von  Haller  17741f.;  Hebra  1842;  Hecker  in  Rusts  ch. 
Handwörterbuch  IV  6131f.;  Manget;  Miller;  Peyrilhe;  Portal 
1770;  Rigels;  Sprengel  1805if.;  St.  H.  de  Vigiliis  von 
Creutzenfeld  1781;  Zeiss  1862 ff.  Die  berühmten  Sammlungen 
alter  chirurgischer  Schriftsteller  sind  die  collectio  Veneta,  Parisina, 
Tigurina  und  Florentina.  Die  bedeutendsten  Ausgaben  sind:  Veterum 
medicorum  chirurgia  quaedam  antehac  desiderata  Graeca  et  Latina, 
Florentiae  anno  1754  (Sorani  unus  de  fracturarum  signis,  Oribasii 
puo  de  fractis  et  de  luxatis  e  collectione  Nicetae  ab  antiquissimo 
et  optimo  codice  Florentino  descripti  etc.  ab  Antonio  Cocchio); 
Chirurgia  e  Graeco  in  Latinum  conversa  VidoVidio  Florentino  inter- 
prete  etc.,  Paris  1544. 

Die  Gynäkologie  wird  behandelt  von: 

*e7.  Astriic,  Tratte  des  maladies  des  femmes.  Avec  un  catalogue  chronol. 
des  medecins  qui  ont  ecrit  sur  ces  maladies,  3  Bb.,  Avignon  1763.  —  *  F.  C  F. 
jBachimont,  Documents  pour  servir  ä  Ihist.  de  la  puericulture  intra-uterine, 
Diss.,  Paris  1897198.  —  *Th.  BartJiolinns,  Antiquitatum  veteris  puerperii  Synopsis, 
Hafniae  1646 \  Amstel.  1676.  —  *L4.  XprjariSrjg,  'Ap/aia  'EXXrjvncr]  ywatxsioXoyia 
u.  s.  IV.  (s.  Hippokrateslitteratur).  —  *  Fabricitis,  Bibl.  Graeca  XII  699  ff.  — 
*  Commentarii  Gynaeciorum  physicus  et  chirurgicus  ed.  C.  Hauliinus,  3  Bh., 
Basil.  1586.  —  *  Gynaecia  ed.  Spachius,  Argentorati  1595,  fol.  —  Caspar  Wolph, 
Gynaeciorum   sive   de   mulierum   affectibus   commentarii   etc.,    Basil.   1586.    — 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  161 

*  Gynaeciorum  sive  de  niulierum  affectibus  commentarii  Graecorum,  Latin.,  Barbar, 
jam  olim  et  nunc  recens  editorum,  Basil.  1784.  —  Die  Gynäk.  des  Alterthums.  Von 
Edward  W.  Jetiks  aus  Chicago  in  Illinois.  Nach  d.  Engl,  bearb.  v.  Prof.  Dr. 
Ludw.  Kleinwächter.  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr.  von  Hnr. 
u.  Gerh.  Rohlfs  VI  41  ff.,  Leipz.  1883.  —  Kleimvächter  s.  Jenks.  —  *  Fr.  B. 
Osianderf  Denkiciirdigkeiten  f.  d.  Heilkunde  u.  Geburtshülfe,  3  Bb.,  1794  f.  — 
D.  J.  Z.  Flatnev,  Panegyrin  medicam  indicit  et  de  arte  obstet,  veter.  disserit, 
lAps.  1735.  —  Prochownich;  Archiv  f.  Gynäk.  XXIII 1  ff'.  —  Schilder,  Medic. 
Post  1894.  —  *Ed.  Kasp.  Jah:  von  Siebold,  Versuch  einer  Gesch.  d.  Geburts- 
hülfe I,  Berlin  1839.  —  *JR.  Stumpf,  Die  Gesch.  d.  Ehelebens,  der  Geburtshülfe, 
der  körperl.  u.  geist.  Erziehg.  der  alt.  Römer,  Berl.  1896  [Aus  „Deutsche  Medizinal- 
Ztg.  1895).  —  *jP.  Site,  Essais  hist.,  litteraires  et  critiques  sur  Vart  des  accouche- 
ments,  Paris  1779,   2  Bb.   —    Welcher,   Kleine  Schriften  III  185  ff.,  Bonn  1850. 

—  Wertner,  Deutsch.  Archiv  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  medic.  Geogr.  von  Hnr.  u. 
Gerh.  Rohlfs  VI  71  ff.,  Leijyz.  1883.  —  G.  J.  Withowski,  Tetoniana;  anecdotes 
hist.  sur  les  seins  et  l'aUaitement,  comprenant  l'hist.  du  decolletage  et  du  corset, 
Paris  1898. 

Schliesslich  wären  für  die  Pharmakologie  zu  nennen: 

L.  Andre-Pontier,  Hist.  de  la  j)h  ,  Paris  1899.  —  *  J.  Berendes,  Die  Ph. 

bei  d.  alt.  Culturvölkern,  2  Bb.,  Halle  a.  S.  1891.  —  lierthelot,  Journal  des  savants 
1895  S.  382  ff.  —  Luiffi  Boinani,  Introduzione  alla  storia  della  farniacia  in 
Italia,  2  Fase,  Bologna  1897  u.  1899.  —  *  G.  Camus,  L'historique  des  preniiers 
herbiers,  Genes  1895.  —  Cap,  Gazette  medicale  de  Paris  1850  S.  355  ff.  —  *  Cr. 
l>ragendorff.  Die  Heilpflanzen  d.  versch.  Völker  u.  Zeiten.  Ihre  Anwendg,., 
wesentl.  Bestandtheile  u.  Gesch.,  Stuttgart  1898.  —  *F.  A.  Flilchiger,  Archiv  d. 
Ph.  1876;  Ders.,  Pharmakognosie  des  Pflanzenreiches,  3.  Aufl.,  Berl.  1891  s.  den 
„Geschichtlichen  Anhang".  —  FrederAinff,  Grundzüge  d.  Gesch.  d.  Pharmacie, 
Göttingen  1874.  —  *  Bnd.  Kobert,  Hist.  Studien  a.  d.  ph.  Institut  d.  Kaiserl. 
Univ.  Dorpat  I—  V,  1889  ff.  —  3£arch,  Apotheker  u.  Drogist  1893  Xr.  4  f.  — 
Philippe,  Gesell,  d.  Apotheker,  Jena  1859.  —  *  Pölchan,  Studien  üb.  d.  Einfluss 
der  bedeutendsten  medic.  Systeme  alt.  u.  neuer.  Zeit  auf  die  Ph.,  Diss..  Dorpat  1861. 

—  Schelenz,  Pharmaz.  Ztg.  LXXVIII,  1899. 

4.   Die  Heilkunde  bei  Homeros  und  den  Homeriden. 

1.  Brendel,  De  Homero  medico,  Diss.,  Vitebergae  1700.  —  :2.  Buchholz,  Die 
homerischen  Realien,  Leipz.  1871  ff.  —  5.  Dareniberg,  Rev.  archeol.  XII 1865  S.  95  ff. ; 
La  medecine  dans  Homere  etc.,  Paris  1865 ;  Etat  de  la  medec.  entre  Homere  et  Hippocrate 
etc.,  Paris  1869  [auch  Rev.  archeol.  IX,  juillet  1868);  Grundzüge  der  homer.  Psychol., 
Zeitschr.  f.  Psychiatrie  VI.  —  4.  Dunbar,  The  medicine  and  surgery  of  Homer,  Brit. 
med.  Journ.  1880.  —  5.  Friedreich,  Die  Realien  in  der  lliade  u.  Odyssee,  2.  Aufl., 
Erlang.  1856.  —  6.  Frölich,  Baracken  im  Troj.  Kriege,  Virchotvs  Archiv  LXXl 
[1877);  Sanitäre  Gedanken  über  den  Chiton  der  Homerischen  Helden.  Virchotcs 
Archiv  LXXIII,  1878;  Die  Militärmed.  Homers,  Stuttg.  1879;  Ueber  Leichen- 
verbrennung nach  Homer' s  Gesängen,  Janus  II,  1897'98  S.  248  ff.  —  7.  Houdart, 
Hist.  de  la  medec.  grecque  depuis  Esculape  etc.,  Paris  1856.  —  8.  Hyrtl,  Antiquitates 
anatomicae  rariores,  Vindob.  1835.  —  9.  Kerkhoren,  De  Machaone  et  Podalirio 
primis  medicis  militar'ibus,  Groningae  1838.  —  10.  Knott,  The  medicine  and 
surgery  of  the  Homeric  poems,  Dublin  Journ.  1895,  Decbr.  ff.  —  11.  Küchen- 
meister in  Günsburgs  Zeitschr.  f.  Min.  Med.  VI  1  ff.  —  12.  Kunis,  Les  choses 
medicales  dans  Homere,  Annales  de  In  Societe  de  medecine  II,  Anvers  1889.  — 
13.  Lichtenstädt,  Versuch  einer  Darstellg.  der  in  d.  homer.  Gesängen  obwaltenden 
Ansichten  über  Xafiir-  u.  Heilkunde,  Heckers  literar.  Annaleti  der  Heilkunde  1827, 
S.  257  ff.  —  14.  Malgaigne,  Etüde  sur  Vanat.  et  la  physiol.  d" Homere,  Paris  1842 ; 
Sur  V Organisation  de  la  medec.  et  ch'ir.  avant  Hippocrate,  Journ.  de  medec.  et  de 
chir.  1846.  —  15.  Bichter,  Das  Traumleben  der  homer.  Griechen,  Europa  1885.  — 
16.  Seymour,  Homeric  viands,  Transactions  and  proceedings  of  the  American  philo- 
logical  association  XXX  1899.  —  17.  Terpstra,  Antiquitas  Homerica,  Lugd. 
Bat.  1831.  —  18.  Virchotv,  Alt- Trojan.  Gräber  u.  Schädel,  Abhandl.  der  kgl.  Akad. 
d.  Wiss.  zu  Berlin  1882.  —  19.   Welcher,  Kleine  Schriften,  Theil  III,  Bonn  1850. 

—  Soweit  künstlerische  Darstellungen  homerischer  Scenen  in  Frage  kommen,  vergl. 
z.  B.  Albert,  Les  Grecs  ä  Rome.  Les  medecins  grecs  ä  Rome,  Paris  1894  S.  7  ff. 
Brian  in  der  Reime  archeol.  1885.  —  Darernberg  (s.  unter  3).  —  Gurlt,  Gesch. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  1.  11 


162  Robert  Fuchs. 

der  Chir.  und  ihrer  Äiisühg.,  Berl.  1898,  I94f.  —  Hoffa,  Ein  Meiner  Beitrag  zur 
Gesch.  d.  Chir.,  Deutsche  med.  Wochenschr.  1900  Nr.  16.  —  Löwy,  Telephos'  Ver- 
loundung,  Archaeol.-epigraph.  Mittheil.  IV,  1880.  —  Mai,  lliadis  fragme.nta  anti- 
quissima  cum  picturis  etc.,  Mediol.  1819.  —  Pnnoflia,  Bilder  antiken  Lehens, 
Berl.  1843.  Hierher  gehören  auch  die  Schale  des  Sosias  in  Berlin  sowie  Athener 
Schalen  und  die  in  römischer  Zeit  beliebten  Wandmalereien  (Pompeji),  die  der  freien 
Phantasie  entsprungen  sind. 

Alles  das,  was  wir  über  die  griechische  Heilkunde  um  das  Jahr 
1000^)  wissen,  entnehmen  wir  dem  ältesten  erhaltenen  Dichtwerke 
der  Hellenen,  der  Ilias  und  Odyssee  des  sagenumwobenen  Homeros, 
und,  zu  einem  kleinen  Bruchteile,  den  kyklischen  Dichtern.  Es  finden 
sich  da  beiläufige  Erwähnungen  des  Dämonen-  und  Heroen glaubens, 
der  Entsühnung,  der  Magie,  der  Antidota,  der  Speisen  und  Getränke, 
des  Badens  und  Salbens,  endlich  werden  auch  chirurgische  Szenen 
kurz  angedeutet  (17  S.  3;  18  ff.;  43  ff;  133  ff.;  181  ff.;  339  ff.).  Die 
anatomischen  Kenntnisse  sind  noch  gering,  da  sie  nur  auf  den  Er- 
fahrungen aus  der  Opferschau  und  aus  der  Verwundetenpflege  be- 
ruhen. Die  Körperteile  werden  sehr  mannigfaltig  bezeichnet  (3),  die 
Beschreibungen  der  verletzten  Stellen  sind  treffend  und  anschaulich. 
Das  Leben  liegt  im  Hauche;  das  Substantivum  Ttveü^ia  ist  allerdings 
noch  nicht  gebräuchlich  (II.  17,  447;  Od.  18,  131).  Der  Hauch  ist  der 
Träger  der  geistigen  Thätigkeit  (Od.  19,  138;  nsTivvfievog  =  verständig) 
und  der  Affekte  (Od.  22,  203).  d-vf-ibg  bedeutet  Leben,  Lebenskraft, 
Sinn,  Gesinnung,  Gemüt,  Mut,  Zorn,  Verlangen,  Gedanke  und  lässt  die 
Vorstellung  dieser  Lebensäusserungen  als  Hauch  noch  erkennen  in  der 
Redensart  ^vf-ibv  anonveiEiv,  das  Leben  aushauchen.  Der  Sitz  des 
Lebensgeistes  sind  die  cpQsveg,  Zwerchfell;  der  griechische  Ausdruck 
kann  daher  dieselben  Bedeutungen  annehmen  wie  d-vf-iög.  Der  im  Tode 
ausgehauchte  oder  aus  der  Wunde  entweichende  Lebensodem,  ipvxri, 
führt  als  „Seele"  im  Hades  ein  Traumleben.  Wie  die  Adern  der  Sterb- 
lichen mit  Blut,  so  sind  die  der  Unsterblichen  mit  Lymphe  {Ix^q)  ge- 
füllt (IL  5,  339  ff. ;  416) ;  denn  die  Götter  geniessen  statt  des  blutbilden- 
den Fleisches  und  Weines  unvergängliche  Nahrung,  Nektar  und  Am- 
brosia. Asklepios  erscheint  als  thessalischer  Fürst  und  kundiger  Arzt. 
Seine  Söhne  Podaleirios  '0  und  Machaon  treten  nur  in  der  Ilias  als 
Militärärzte  und  Kämpfer  auf.  In  dem  anscheinend  jüngeren  11.  Buche 
der  Ilias  führt  Nestor  den  verwundeten  Machaon  zur  Pflege  nach  seinem 
Zelte.  Ebenda  bittet  der  am  Schenkel  durch  einen  Pfeilschuss  ver- 
letzte Eurypylos  den  Patroklos,  die  Spitze  auszuschneiden,  das  Blut 
mit  lauem  Wasser  abzuwaschen  und  die  mildernden  cp(XQ(.iayM  (Kräuter) 
aufzulegen,  die  ihn  Achilleus  und  diesen  wiederum  der  Kentaur  Cheiron 
kennen  gelehrt  habe.  IL  16,  28  erzählt  Patroklos,  wie  die  tapfersten 
Helden  der  Griechen  von  den  Aerzten  mit  vielen  Mitteln  wundärztlich 
behandelt  werden,  und  der  Scholiast  Aristarchos  merkt  an,  dass  in 
dem  Heere  eine  Mehrzahl  von  Aerzten  thätig  sei,  die  man  nach  schol. 
Vict.  zu  IL  13,  213  Eegimentsärzte  nennen  könnte  {y-ara  edriq  yaq 
r^aav  =  sie  lagerten  nach  Völkerschaften).  Nach  IL  2,  729  ff.  be- 
herrschen die  beiden  Asklepiaden  Trikka,  Ithome  und  Oichalie.  Zu 
IL  11,  514  f.  erläutern  Eustathios  (859)  und  schol.  Townleianum  unter 
Berufung  auf  die  "Iliov  TtÖQdiqaLg  des  Arktinos,  dass  Machaon  der  erste 


^)  Die  Gewährsmänner  lassen  einen  Spielraum  von  fast  500  Jahren. 
'^)  Im  Canon  medicorum  Laurentianus  erscheint  er  als  ärztlicher  Schriftsteller 
in  der  Form  „Podarilius". 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  163 

Chirurg,  Podaleirios  der  erste  Vertreter  der  inneren  Medizin  und  der 
Psychiatrie  sei  (Feststellung  des  Wahnsinns  des  Aias;  vergl.  3);  hier 
ist  aber  Poseidon  und  nicht  Asklepios  der  Vater.  (Näheres  bei  von 
Wilamowitz-Möllendorff,  Isyllos  von  Epidauros,  Philolog. Unter- 
such. IX,  Berl.  1886,  S.  45  if.)  Die  141  beschriebenen  Wunden,  welche  be- 
handelt werden,  sind  oberflächliche,  penetrierende  oder  Quetschwunden. 
Neben  der  Ausschneidung  der  Fremdkörper  findet  sich  das  Ausziehen 
in  beiderlei  Richtung.  Die  Blutung  wird  gestillt,  die  Schmerzen  werden 
durch  Auflegen  von  Umschlägen  oder  Aufstreuen  gestossener  Wurzeln 
gelindert ;  dann  wird  ein  Verband  angelegt.  Als  Instrument  wird  das 
Messer,  fÄaxaiQa,  verwendet.  Als  Arznei  wird  nur  eine  Mischung  ver- 
ordnet, die  aus  Zwiebeln,  Honig,  Ziegenkäseschabsein  und  Mehl  in 
pramnischem  Weine  besteht.  Beschwörungen  (eTtt^öai),  mit  singender 
Stimme  vorgetragen,  lördern  die  Heilung.  Heilkundige  Frauen  sind: 
die  Halbgöttin  Kirke  und  die  Kräuterkennerinnen  Agamede  und  die 
Aegypterin  Polydamna.  Letzterer  verdankt  Helene  die  Kenntnis  vieler 
Pflanzenmittel,  besonders  des  cpüg^iaxov  vr^TtevSeg  =  „Trauerlos";  die 
in  Wein  gelöste  Arznei  (wohl  Mohnsaft  =  Opium,  nicht  aber  Hanf 
oder  Bilsenkraut)  macht  alles  Leid  vergessen  (Od.  4,  220  if.).  Bei 
Ovidius  (Heroid.  V)  erscheint  auch  noch  Oinöne  als  Aerztin.  Da  die 
Aerzte  bereits  als  Demiurgen,  d.  i.  im  öffentlichen  Dienste  stehend,  be- 
zeichnet werden  (Od.  17,  383  if.),  hat  es  natürlich  auch  schon  früher 
Aerzte  gegeben.  In  der  Kleinen  Ilias  heilt  Machaon  die  durch 
Schlangenbiss  erzeugten  Wunden  des  Philoktetes ;  Podaleirios  wird 
nicht  genannt.  In  den  späteren  Bearbeitungen  des  Sagenstoflfes  finden 
sich  widersprechende  Berichte  über  die  beiden  Asklepiaden,  deren 
Namen  sogar  verwechselt  werden.  Bei  den  Ausgrabungen  von  Ilion 
fanden  sich  u.  a.  vier  6  [Monate  alte  Embryonen,  die  nur  durch  Ab- 
treibung oder  den  Kaiserschnitt  ans  Tageslicht  gekommen  sein  können 
(von  Oefele,  Anticonceptionelle  Arzneistoffe,  Heilkunde,  Wien  1898, 
S.  26).  Golden  ist  das  Urteil  des  Homeros  über  den  ärztlichen  Stand : 
hjTQbg  yctQ  ävrjQ  7co/J.Cov  ävtä^iog  lilliov  =  „denn  ein  Arzt  wiegt  viele 
andere  auf-  (II.  11,  514;  vergl.  Od.  4,  231  f.). 

5.  Die  griechischen  Heilgötier,  Heroen  und  Dämonen.    Asklepios 
und  die  Asklepiaden. 

Aus  der  gewaltigen  Litteratur  über  die  griechischen  Heilgötter 
seien  nur  einige  Werke  herausgehoben: 

1.  Hertsch,  Meeresriesen,  Erdgeister  und  Lichtgötter  in  Griechenl,  Progr.  d. 
Gymn.  in  Tanberbischofsheim  1900.  —  2.  Köt'te,  Die  Attischen  Heilg.  und  ihre  Kult- 
stätten [34.  Abteiig.  des  Xaturf.-  und  Aerztetages  in  Düsseldorf  1898).  — 3.  Nägels- 
bach, Homerische  Theologie,  2.  Aufl.,  Nürnberg  1861.  —  4.  Panofka,  Die  Heilg. 
der  Griechen,  Abh.  der  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1843  S.  157  ff.  —  5.  Pauly-Wissotva, 
Real-Encyclopädie  d.  class.  AltertumsivissenscMft,  Stuttg.  1894  ff.  {unter  dem  betr. 
Namen).  —  6.  UoP.ixjjs,  AI  dad'iveiai  xard  rovs  ^vd'ovs  rov  skkt]vi}<ov  Xaov.  'Ev 
Ad-r]vais.  —  7.  Preller,  Griech.  Mythologie,  4.  Aufl.  bearb.  v.  Robert^  Berl.  1894.  — 
8.  Mubensofm,  Das  Aushängeschild  eines  Traumdeuters.  Festschrift  Joh.  Vahlen 
z.  siebenzigsten  Geburtst.  gewidm.  v.  seinen  Schul.,  Berl.  1900  S.  Iff.  —  9.  Welcher, 
Kleine  Schriften,  Theil  III,  Bonn  1850.  —  Dämonen:  10.  Höfler,  Centralblatt 
f.  Anthropol.  V,  1900,  Iff.  ~  11.  Bibbeck,  Beden  und  Vorträge,  Leipz.  1899, 
I  Nr.  3.  —  12.  Jtoscher,  Ausführl.  Lexikon  d.  griech.  u.  röm.  Mythol,  Leipz.  1884  ff.  ; 
Ephialtes,  Abh.  d.  Kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.,  philos.-hist.  Gl.,  XX,  2,  Leipz.  1900. 
—  13.  ITkert,  lieber  D.,  Heroen  und  Genien,  Abh.  d.  Kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss., 
philol.-hist  Cl,  I,  Leipz.  1850.  —  Heroen:  s.  Nr.  13.  —  Böser  Blick:  14.  Jahn, 

11* 


164  Eobert  Fuchs. 

Ueber  d.  Aberglauben  des  b.  B.  bei  den  Alten,  Ber.  d.  Kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss., 
phüol.-hist.  Ct.,  VII,  Leipz.  1855  S.  28 ff.  —  Asklepios:  15.  Anderson,  Brit. 
media.  Journal  II,  1887.  —  16.  ßmev,  Expositio  veteris  inscriptionis  de  Aesculapio 
et  Hygea  diis  hominum  amantissimis,  Altorf.  1742.  —  17.  Joh.  u.  Theod.  Bau- 
nack,  Inschriften  aus  d.  AsMepieion  v.  Epidauros,  Leipz.  1886 ;  Philologiis  1891; 
1895  S.  16  ff.  [Litteraturbelege).  —  18.  Hernays,  Ueber  den  unter  d.  Werken  des 
Apulejus  stehenden  hermetischen  Dialog  Asclepitis.  Monatsber.  der  Königl.  Preuss. 
Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin,  Bert.  1872,  500  ff.  {Entstehungszeit  des  untergeschobenen 
Dialogs:  Anfang  des  3.  Jahrhunderts  n.  Chr.).  —  19.  Bischoff,  Kauf  u.  Verkauf 
von  Priesterthümeni  bei  d.  Griechen,  Rhein.  Mus.  K.  F.  LIV 1899,  9  ff'.  —  20.  ßriau 
im  Dictionnaire  des  antiquites;  s.  auch  Gazette  hebdomadaire  1875.  —  21.  Caton, 
Brit.  medic.  Journal  1898,  1 1509  ff.  —  22.  Courtois-Sufflt,  Archives  gener.  de 
medec.  II,  1891  S.  576  ff.  —  23.  Defias  et  Leehat,  Epidaure,  Paris  1895.  — 
24.  Dibbelt,  Quaestiones  Coae  mythologae,  Diss.  Gryphisv.  1891.  —  25.  Diels  in 
Nord  und  Süd  XLIV,  1888.  —  26.  r.  IMhn,  Archäol.  Ztg.  1877,  139  ff.  — 
27.  Eschweiler,  Ueber  die  Namen  und  das  Wesen  des  griech.  Heilgottes,  Gymn.- 
Progr.,  Brühl  1885.  —  28.  Festa  in  Atene  e  Roma  l'll,  1900,  Nr.  13.  —  29. 
Fötaler,  American  Journal  of  archeol.  III,  1887.  —  30.  Franchetti,  Le  guarigioni 
di  Asclepio.  Atene  e  Roma  III,  1900,  Nr.  17.  —  31.  Gauthier,  Recherches  hist. 
sur  Vexercice  de  la  medec.  dans  les  temples  chez  les  2'>ßuples  de  Vantiquite,  Paris  et 
Lyon  1844.  —  32.  Crvosshanser,  Aesculap  und  Hippokrates,  Wien  ohne  Jahr.  — 
33.  Herrlich,  Epidaurus,  Berl.  1898.  —  54.  Hirschberg,  Gesch.  d.  Augenheil- 
kunde im  Altertimm,  Leipz.  1899  §  30.  —  35.  Hoffniann,  Die  Tratimdeutg.  in  den 
Asklepieen,  Zürich  1881. ,  —  .36.  Kftbbadias  (=  Carvodios),  'Efrj/xe^is  «(>;t;a<o- 
loyiitfi  1885 ;  Fouilles  d' Epidaure  I,  Athenes  1891.  —  37.  Kehule,  Bidlettino  delV 
Instituto  di  corrispondenza  archeologica  per  Vanno  1865,  Roma  1865,  S.  263  ff.  — 

38.  Körte,  Janus  III,  1898  S.  178  f.:  'EfrjisQls  aQxaioXoyty.r;  1885;  Mittheil,  des 
Kais.   Deutsch.   Archäol.   Instituts.    Athen.  Abth.   XVIII  231  ff.;   XXI  287  ff.  — 

39.  Malgaigne,  Sur  les  Asclepiades  et  les  Asclepions,  Lancette  Francaise  1872.  — 

40.  Merriatn,  Gaillard^s  medical  Journal,  Washington  1885;  Boston  medical  and 
surgical  Journ.  CXII,  1885.  —  41.  JPanofka,  Asklepios  und  die  Asklepiaden,  Abh. 
d.  Kgl.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin  1845,  Berl.  1847  S.  271'Jf.;  327  ff.  —  42.  PeUe- 
grini,  Lapide  votiva  ad  Esculajno.  Belluno  1890.  —  43.  Piccoloniini  in  Nuova 
Antologia  XLIV,  1893.  —  44.  Premier,  Rhein.  Mus.  XLIX  S.  313  ff.  —  45.  v. 
Mittershain,  Der  medic.  Wunderglaube  und  die  Incubation  im  Alferthum,  Berl. 
1878.  —  46.  V.  Sollet,  Asklepios  und  Hygieia,  die  sogenannten  Anafhemata  für 
heroisirte  Todte,  Berl.  1878;  Zeitschr.  f.  Numism.  V.  —  47.  Schäfer,  Neue 
Jahrbb.  f.  Philol.  CXXII,  1880.  —  48.  Urlichs,  Asklepios  und  die  Eleusinischen 
Gottheiten,  Jahrbb.  d.  Vereins  von  Alter thumsfreimden  im  Rheinlande,  Heft  87, 
Bonn  1889.  —  49.  Vercoutre,  La  medecine  sacerdotale  dans  Vantiquite  grecque. 
Revue  archeol.  ser.  III  tome  6  f.  1885  f.  —  50.  Wertner,  Aeskulap  und  seine  Nach- 
kommen, Wien.  med.  Presse  XX,  1879  Sj).  1093  ff.  —  51.  Welcher,  Kleine  Schriften, 
Theil  III,  Bonn  1850.  —  52.  Wilder,  The  A,sclepiads,  the  physicians  of  archaic 
and  ancient  times,  Transactions  of  the  natural  ecleciic  medical  association  VI, 
New  Yor'k  1877  f.  —  53.  Wolters,  Darstellungen  des  Asklepios.  Mitth.  des  Kaiserl. 
Archäol.  Instit.  zu  Athen  XVII,  1892,  1  ff.  —  54.  Zacher,  Hermes  XXI  [1886) 
S.  467  ff.  —  55.  Ziehen,  Studien  zu  den  Asklepiosreliefs,  Mitth.  des  Kais.  Archäol. 
Instit.  zu  Athen  XVII,  1892,  195  ff. ;  229  ff.  —  Die  Verzeichnung  der  Litteratur 
für  die  einzelnen  Kultusstätten  und  Heilgötter  würde  zu  weit  führen. 

Die  Macht,  Menschen  zu  heilen,  zu  verschönern  und  zu  verjüngen, 
in  ihrer  äusseren  Gestalt  umzubilden,  zu  töten  oder  zum  Leben  zu  er- 
wecken, verständig  zu  machen  oder  zu  bethören,  wird  nicht  nur  bei 
Homeros,  sondern  ganz  allgemein  zunächst  allen  Gottheiten  zugeschrieben 
(3).  Daher  wurden  über  dem  Hauseingange  die  Namen  der  verschie- 
densten IvOLoi,  ccTTOTQÖnaioi,  dle^iy.ay.oi,  äXe^ijAOQOL.  d.  i.  Abwehrer, 
Heiland,  angebracht.  Darum  heisst  es  noch  Anthol.  Graeca  ed. 
Jacobs  V  41  ^=  Brunck,  Analecta  II  325  Nr.  39:  ,.—  der  Isis  — 
Zorn  II  Oder  wer  sonst  blind  macht  von  den  Himmlischen".  So  wird 
denn  auch  der  Tod  auf  die  verschiedensten  Gottheiten  zurückgeführt  und 
erscheinen  als  Urheber  der  Pollution  {dv€iQtoyf.iög)  neben  einander:  Pan, 
die  Seirene,  Hekäte,  Gello  und  ein  besonderer  daif^imv  (=  Daemon 
meridianus).    Später  wurden  besondere  Gottheiten  Träger  der  Heil- 


Geschichte  der  Heilkiiude  bei  den  Griechen.  165 

funktion  oder  ihres  Gegenteils.  Aphrodite  ist  die  Urheberin  aller 
geschlechtlichen  Vorgänge  und  der  Geburt  (schon  IL  5,  429;  Od.  20, 
74 f.).  Apollon  ist  der  Gott  der  Heilkunde  und  Götterarzt;  er  wird 
auch  Paieon,  Paion  oder  Paian  genannt.  Zahlreiche  Beinamen  deuten 
teils  seinen  wohlthätigen  {irfiog)^  teils  seinen  unheilbringenden  Einfluss 
(«xßTjj/jo'/og,  h.iqßolog,  ylvTÖto^og)  an.  Mit  dem  Pfeile  tötet  er  die 
Frevler,  während  er  andererseits  seine  Geliebte  Korönis  wieder  zu 
beleben  sucht  (Ovid.,  metam.  II  618)  und  bei  der  Korönis  =  Aigla  und 
Euadne  geburtfördernd  eingreift.  Er  gilt  als  Erfinder  der  Heilkunst 
und  wird  im  sog.  hippokratischen  Eide  als  ir^rgög  =  Arzt  angerufen. 
Des  Musengottes  Schwester  Artemis  ist  das  weibliche  Gegenstück  zu 
ihm.  Ihr  weihen  in  Brauron  die  Jungfrauen  die  erste  Monatsbinde, 
sie  lindert  die  Wehen  der  Frauen  und  heilt  Blindheit,  aber  sie  ist 
zugleich  die  unerbittliche  Todesgöttin.  Athene  sendet  bei  Homeros 
den  Freiern  Wahnsinn  und  verleiht  ihren  Günstlingen  Kampfesmut. 
Sonst  erscheint  sie  als  dcp&aXiitlTig  =  dorisch  oTCzühig,  Augenschützerin. 
Dionysos  wirkt  auf  das  Befinden  der  Menschen  durch  seinen  Wein. 
Hades  ist  der  Todesgott,  der  Bräutigam  des  jungfräulich  sterbenden 
Mädchens.  Hermes  berückt  mit  seinem  Zauberstabe  die  Augen  und 
erweckt  die  verzauberten  Menschen.  Er  sendet  den  Schlaf  (Hypnos) 
und  Träume,  verfügt  über  Zauberkräuter  (fiwXv,  tQuodd-Ktvlog)  und" 
führt  die  Seelen  der  Toten  zum  Schattenreiche.  Poseidon  gilt  manchen 
als  Vater  des  Asklepios.  Auf  Tenos  wurde  er  als  iaxQog  verehrt.  Der 
Kyklope  erwartet  von  ihm  Heilung  seiner  Wunde  (Od.  9,  520).  Gott- 
heiten minderen  Ranges  stehen  neben  den  olympischen  Göttern  und 
bilden  allmählich  den  Uebergang  zum  Menschengeschlechte.  Dem 
Hades  leistet  der  unterirdische  Fährmann  Charon  seine  Dienste,  doch 
erscheint  er  erst  in  byzantinischer  Zeit  als  Todesgott.  Aus  dem  alle- 
gorischen Bilde  des  Totseins  bei  Homeros,  Thanätos,  ist,  z.  B.  in  der 
Alkestissage,  ein  mächtiger  Gott  geworden,  der  bald  als  mürrischer 
Greis,  bald  als  wehmütig  teilnehmender  Jüngling  gedacht  wird. 
Eileithyia  =  „die  Kommende"  leistet  bei  Geburten  Beistand,  von  den 
Moiren,  und  zwar  besonders  von  Lachesis,  unterstützt.  Sie  ist  bald 
als  Einheit,  bald  als  Mehrheit  in  der  Vorstellung  des  Homeros  lebendig. 
Nach  stoischer  Tradition  ist  sie  mit  Hekäte  identisch.  Sie  jagt  den 
Menschen  Schrecken  ein,  verwendet  ihre  unheimlichen  Kräuter  zu 
Zauberspuk  und  Mord,  verliert  dann  ihren  Charakter  als  feindseliger 
Dämon,  und  ihr  Kultus  geht  schliesslich  in  dem  der  Artemis  auf.  Von 
dieser  hat  die  Tochter  des  kolchischen  Aietes  und  Gattin  des  läson, 
Medeia,  ihre  Zauberkünste  und  Giftmischerei  gelernt  (Ttaf-upäQ^iaxog 
=  alle  Mittel  kennend;  vergl.  Lunäk,  Zur  Medeasage,  Philologus 
LI  =  N.  F.  V,  1892  S.  739f.;  Zielinski,  ebda.  L  =  X.  F.  IV,  1891 
S.  148).  Pan,  der  Hirtengott,  sendet  den  panischen  Schrecken,  der 
für  eine  Art  Epilepsie  oder  Manie  gehalten  wurde,  das  Alpdrücken 
und  Träume  besonderer  Art,  wie  sie  auch  die  Dämonen  Ephialtes^) 
oder  Pnigalion,  die  Seirenes,  Empusai.  Lamiai  oder  Mormolykiai  (vergl. 
Goethes  Gedicht  .,Die  neue  Sirene",  Gödeke  I  112;  Unger,  Zur 
Sirenensage.  Philologus  XL  VI  1888,  770  ff.)  verursachen  sollen.   Gleich- 


^)  Ausführliche  Litteraturangaben  bei  Höfler,  Der  Alptranm  als  Urquell  der 
Kraukheitsdämonen.  Janns  V  liWO  S.  512  ff. ;  Röscher,  Ephialtes,  eine  pathol.- 
mythol.  Abhandl.  über  die  Alpträume  u.  Alpdämonen  d.  klass.  Altert.  Abh.  d.  Kgl. 
Sachs.  Ges.  d.  Wiss.,  philos.-hist.  Cl.  XX  Heft  2,  Leipzig  1900. 


166  Robert  Fuchs. 

falls  der  geschlechtlichen  Sphäre  gehören  an  Priäpos  und  dessen 
attische  Vertreter  Tychon,  Orthänes  und  Konisälos.  Die  krallen- 
füssigen  Harpjien  verkörpern  den  alles  dahinraffenden  sicheren  Tod. 
Dessen  verschiedene  Arten  werden  in  den  Keres  (auch  die  Einzahl 
„die  Ker"  findet  sich),  den  Kindern  der  Nj'x  =  Nacht,  personifiziert. 
Als  Totengöttin  der  noch  nicht  Erwachsenen  erscheint  die  auch  wegen 
ihrer  Unzüchtigkeit  geschmähte  Gello,  eine  in  ein  Gespenst  verwandelte 
lesbische  Jungfrau,  unter  dem  Schutze  der  d^eol  itargCpoL  stehen  einzelne 
Familien  oder  Familiengruppen ;  die  Eömer  verehrten  im  gleichen  Sinne 
die  genii  loci.  Helene  steht  als  y.ovQotQÖcpog  den  Lakedaimonierinnen 
bei  Geburt  und  Kinderaufziehung  gnädig  bei.  Als  „Abwehrer"  (^Ae^tg) 
und  später  als  Schutzgott  der  Athleten  wird  Herakles  verehrt.  Für 
die  Heilwissenschaft  wichtig  ist  die  Personifikation  des  „rechten  Augen- 
blicks" im  Kairos,  der  dem  Homeros  noch  fremd  ist,  aber  bei  Ion  und 
Sophokles  als  jüngstes  Kind  des  Zeus  und  Beistand  der  Mutigen  be- 
sungen wird.  Der  Palästra  entnommen,  fand  er  in  Lj^sippos  seinen 
herrlichsten  bildnerischen  Darsteller.  In  der  Gestalt  abgezehrter 
Nimmersatte  schildert  Kallimachos  (hymn.  in  Cerer.  103)  die  Dämonen 
Bulimos  und  Bubröstis,  d.  h.  Heisslmnger  und  Hungersnot.  Der  Gott 
Podagra  ist  eine  scherzhafte  Erfindung  des  spöttischen  Philosophen 
Lukiänos.  Aus  der  Urzeit  erhielt  sich  in  Rhamnus  und  Oröpos  der 
Kultus  des  Amphiaräos,  eines  chthonischen  Gottes  (38).  Ihm  Avurden 
Nachbildungen  der  geheilten  Körperteile  geweiht.  Bildliche  Darstellungen 
schliessen  sich  an  den  Zeustypus  an.  (Vgl.  Corpus  inscript.  Graeciae 
septentrionalis  I  303;  3498;  über  seine  Verehrung  in  Athen  neben 
Asklepios:  J.  Ziehen,  Studium  zu  den  Asklepiosreliefs,  Mittheil,  des 
Kais.  Archäol.  Instit.  in  Athen  XVII 1892,  249.)  Speziell  in  der  Attike 
ist  der  Vorgänger  des  Asklepios  der  „Abwehrende",  Alkon^)  = 
Amynos  (38).  Den  Namen  des  Sohnes  des  Alkon,  Phaleros,  trägt  der 
altathenische  Hafen  Phaleron.  Aber  auch  in  Athen  wurde  zwischen 
1892  und  1895  ein  Heiligtum  des  Amynos  zwischen  Markt  und  Burg 
aufgedeckt.  Der  in  dem  heiligen  Bezirke  gelegene  Brunnen  musste 
bereits  im  6.  Jahrhunderte  v.  Chr.  aus  der  Wasserleitung  des  Peisi- 
strätos  mit  gewöhnlichem  Wasser  gespeist  werden.  Die  Inschriften 
(5. — 1.  Jahrh.  v.  Chr.)  sind  dem  Amynos,  Asklepios  oder  beiden  ge- 
widmet. Aus  ihnen  ergiebt  sich,  dass  Dexion,  d.  i.  der  nach  seinem  Tode 
heroisierte  Tragiker  Sophokles,  als  Priester  des  Amynos  den  Asklepios, 
der  später  zum  Staatsgotte  erhoben  wurde,  in  das  Heiligtum  einziehen 
liess  und  durch  einen  Paian  verherrlichte.  Die  Weihgeschenke  stellen 
die  Adoration  Genesender  oder  vielfach  die  geheilten  Glieder  dar 
(vergl.  Katalog  der  histor.  Ausstellg.  f  Naturw.  u.  Med.,  Düsseldorf 
1898  S.  19  f.).  Aristomächos  ist  dei"  Name  eines  ärztlichen  Heros 
(f;^wg  iaxQog).  Sein  Grab  lag  in  Marathon,  wo  er  verehrt  wurde.  Mit 
ihm  scheint  der  ^'.  i.  b  ev  äorsi  (d.  i.  in  der  Stadt  -[Athen])  zusammen- 
zuhängen (vergl.  Corp.  inscr.  Attic.  II  403  f;  Rohde.  Psyche  174,  3; 
Hirschfeld,  Hermes  VIII  350ff.;  von  Sybel,  a.  a.  Ö.,  S.  43).  Pseud- 
hippokrates,  de  diaeta  IV  =  de  insomniis  c.  5  =  90  (bei  mir  I  367  u.) 
empfiehlt,  den  Heroen  im  allgemeinen  nach  schlechten  Träumen  zu 


')  lieber  seine  Beziehungen  zu  Eleusis  s.  '£ftifi.  apy/uo/..  1890,  S.  1171;  1892, 
S.  115.  Die  Inschriften  wurden  im  Norden  Athens  gefunden.  Zur  Litteratur  vgl. 
Curtius.  Die  Stadtgesch.  von  Athen,  Berl.  1891,  S.  L;  210;  von  Sybel,  Hermes 
XX  41  if. ' 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griecheu.  167 

opfern.  Die  Heroen  sind  die  „Welirer",  die  aTtoTQÖTiaioi,  und  werden 
nach  ihrer  Apotheose  in  heiligen  Bezirken,  arj-Aoi,  verehrt.  Der  Heros 
besitzt  ein  Denk-  oder  Grabmal,  fjQqtov,  teilweise  mit  Kapelle  und 
Baumeinzäunung.  In  Olj^mpia  beteten  die  Kranken  Polydämas  an, 
in  Theben  Hektor.  Lukianos  erwähnt  den  heroisierten  Skythen 
Toxäris,  der  in  Athen  unter  dem  Namen  „Der  fremde  Arzt"  {^€vog  iazQÖs) 
besonders  bei  Fiebern  angerufen  wurde  (13  S.  192).  Die  Stoiker 
lehrten  unheilstiftende  Heroen  fürchten,  deren  nächtliche  Begegnung 
Schlagfluss,  Geisteskrankheit  und  andere  Leiden  bringe  (Pseudhippocr. 
de  morbo  sacro,  bei  mir  II  547  tf.). 

Die  Dämonen  ^),  öaif^oveg,  waren  ursprünglich  die  Götter  selbst, 
von  Hesiödos  an  meist  neben  den  Göttern  stehende  männliche  oder 
weibliche  Wesen,  die  alle  Eäume  füllen.  Im  Genienglauben  der  Römer 
findet  sich  der  griechische  Dämonismus  getreu  nachgebildet.  Die 
Dämonen  zerfallen  in  gute  und  böse  (Namen  bei  Pollux,  onomast.  V 
26  §  131).  Die  aufgeschriebenen  Namen  der  ersteren  schützen  den 
Eingang  der  Häuser  vor  bösen  Geistern  und  sind  ein  gutes  Omen. 
Dem  Glücklichen  =  dlßioöaifxojv  (Hom.  II.  3,  182)  steht  der  /.a/.odaiiuov 
=  Unglückliche,  besonders  der  Komödie,  gegenüber.  Die  Dämonen 
heilen  auch  Krankheiten  ihrer  Schutzbefohlenen,  gleichwie  sie  sie 
hervorrufen,  Begierden  erzeugen  und  den  Tod  bringen  (Diog.  Laert." 
8,  33;  Cic,  de  div.  I  3;  II  58;  Porphyr.,  de  abst.  II  37;  Aret,  de  morb. 
chron.  I  9  bezüglich  Epilepsie ;  HesychTos  und  Phaborinos  s.  v.  Jaggiöv 
=  Makedonischer  Dämon).  Auch  an  hundeartige  Dämonen  glaubten 
viele ;  das  sind  die  Seelen  bösartiger  Toten,  die  aus  dem  Grabe  kommen, 
um  den  Lebenden  Krankheit,  Wahnvorstellungen  und  Verderben  zu 
bringen.  Die  Geister  wurden,  soweit  man  überhaupt  ihre  Existenz  einräumte 
(Plut.,  de  Stoic.  repugn.  37;  Sallust.  Emes.,  de  diis  ed.  Gale  p.  266), 
durch  Kräuter,  Steine  und  Buchstabenspuk  (rä  'Ecpioia  yQdi.if.iaxa  = 
Ephesische  Buchstaben,  Lucian.  Philopatris  16 ;  Apoll.  Tj^an.  III  38  etc.) 
gebannt. 

Den  bösen  Blick  (dfpduhiog  TtoviqQog,  6.  cpOvvsQog,  ßa(r/.avia) 
machen  unschädlich:  Amulette  mit  Götterbildern  oder  Namen  von 
Göttern  (Tyche,  Eros,  Aphrodite,  Athena,  später  Saräpis,  Harpokrätes), 
Bilder  des  nackten  Körpers,  besonders  des  weiblichen  oder  kindlichen 
in  typischer  Stellung,  oder  menschlicher  Körperteile  (Hand,  Auge,  Geni- 
talien), Darstellung  von  Löwenköpfen,  Schreckbildern  (Medusa),  Karika- 
turen ■-)  und  Leitern,  Anwendung  des  Gegenzaubers  oder  Fluches, 
Schellen,  eiserne  Nägel,  Knoblauch,  Gladiatoren-  oder  Yerbrecherblut, 
Spucken  in  den  eigenen  Busen  oder  in  den  eines  anderen,  endlich 
Entblössung  des  Körpers  (14). 

Mit  Mythologie  und  Medizin  standen  auch  noch  folgende  Natur- 
erscheinungen in  enger  Beziehung:  die  XaQ(xtv{E)ia  oder  nlovxtoveia 
=  spiracula  Ditis  =  Höhlen  mit  schädlichen  Ausdünstungen  (z.  B.  am 
Maiandros  in  Kleinasien);  die  Traumorakel  im  Amphiaräosheiligtum 
in  Oröpos  und  das  P}i;hion  des  Apollon  in  Delphoi  in  Phokis;  die 
Wundergrotte  des  Trophonios  in  Lebadeia  in  Boiotien;  die  Erdfeuer 
des  Berges  Moschylos  auf  Lemnos ;  die  namentlich  Euboia,  den  Kopais- 


^1  Vg'l.  du  Prel,  Die  Mj'stik  der  alten  Griechen,  Leipz.  1888. 

^)  Hierher  gehört  auch  der  häufig  gefundene  nackte  Zwerg  mit  unförmigem 
Kopfe,  dickem  Bauche  und  heraushängender  Zunge.  Es  ist  wahrscheinlich  ein 
phönikischer  Gott,  der  über  Aegypten  (deshalb  „Aegyptischer  Herakles")  einwanderte. 
Hesychios  nennt  ihn  Gig(n)on.    Sonst  heisst  er  auch  ndraiv.os. 


168  Robert  F\ichs. 

See,  Delplioi,  Lakonien  und  die  Inseln  heimsuchenden  Erdbeben;  die 
verschiedenen  Dampf-  und  Wasserquellen,  als  die  Solfatara  von  Susaki 
(Schwefelwasserstoff  und  Kohlensäure),  die  Kohlensäurequellen  bei 
Hierapölis  in  Phrygien,  die  Schwefelquellen  bei  Thermopylai  (Hgccylsia 
lovxQcc  =  Heraklesbäder),  die  Mineralquellen  auf  Kos,  die,  wie  alle 
übrigen,  erst  durch  die  Pneumatiker  zu  Ehren  kamen,  und  in  Epi- 
dauros,  die  heissen  Quellen  auf  Melos  (Hippocr.  epid.  V  9;  bei  mir 
II  224),  Polyaigos,  Kimölos,  Methöne,  am  Isthmos  (Bäder  der  Helene), 
die  stark  gashaltige  Quelle  bei  dem  ältesten  Orakel  in  Dodöna  etc. 

Ehe  wir  uns  zu  Asklepios  wenden,  bedarf  das  gewaltige  Gebiet, 
das  wir  unter  der  Bezeichnung  „Mythische  Medizin"  ^)  zusammenfassen 
können,  wenigstens  der  Erwähnung.  Nach  R  o  s  c  h  e  r  s  *)  Zusammen- 
stellung gehören  hierher :  1)  der  Gesichtskrampf  (zt'tov  =^  xvvubg  anaof-WQ 
=  Hundekrarapf)  der  Pandareostöchter ;  2)  das  Leiden  der  Proitiden: 
Wahn,  in  weisse  Kühe  verwandelt  zu  sein,  Stimmenveränderung, 
Grind,  Linsenmal  {äXcp6g\  Haarverlust  und  Satyriasis,  Heilung  durch 
Nieswurz  vom  Seher  Melampus  bewirkt;  3)  des  Herakles  Hautleiden 
(xjjcoQo),  durch  Schwefelbäder  (s.  o.)  vertrieben;  4)  desselben  Helden 
letztes  Leiden,  verursacht  durch  von  der  Hydra  stammendes  Pfeilgift 
und  bestehend  in  starkem  Jucken  und  Krämpfen;  5)  der  Epiäles  = 
Alpdruckdämon,  von  Herakles  erwürgt;  6)  des  Minos  ansteckende 
venerische  Krankheit,  durch  ein  Ziegenblasen-Condom  unschädlich  ge- 
macht -)  und  durch  Alraun  beseitigt ;  7)  die  Läusesucht  (cp^eiglaaig) 
des  Peliassohnes  Akastos;  8)  des  Aison,  Vaters  des  lason,  angebliche 
Vergiftung  durch  Stierblut;  9)  die  Pygalgie  (Steissschmerzen)  der 
Reisige  des  Agamemnon;  10)  das  Lemnische  Frauenleiden  {Arn-iviov 
/.a/Mv)  =  foetor  oris  et  pudendorum;  11)  der  Heisshunger  des  Ery- 
sichthon;  12)  die  Cheironischen ,  d.  i.  unheilbaren,  schmerzhaften 
schwärenden  Wunden,  besonders  an  den  Füssen;  13)  ähnliche,  nach 
Telephos  benannte  Wunden  mit  Eiterung;  14)  Wahnsinn,  sporadisch 
oder  epidemisch,  z.  B.  des  Herakles,  Orestes,  Aias  und  der  lo  und 
Ino  oder  der  Tyrrhenischen  Seeräuber,  der  Proitiden,  Thebanerinnen ; 
15)  die  mit  Xoiuög  bezeichneten  und  gewöhnlich  mit  „Pest"  übersetzten 
Seuchen  von  Ilion,  Athen,  Tanagra;  16)  zwei  Hundekrankheiten: 
Lethargie  und  Kynanche  (eine  Art  Bräune);  17)  Kyn-  oder  Lykan- 
thropie,  von  Pan  über  Hirten  verhängt  (Long,  pastor.  3,  23). 

Der  Mittelpunkt  aber  der  mythischen  und  religiösen  Medizin  des 
Altertums  ist  A  s  k  1  e  p  i  o  s ,  bei  Homeros  und  Hesiodos  ein  thessalischer 
Fürst  (s.  Kap.  4).  Sein  Name  lautet  'JaxXrjTtiö:,  dialektisch  "Joylamög, 
'Ao/.'kani6g,  'Aoyl.aTiitov,  Ataxlaßiög,  Jtlo/ilarctög  und  Aiaxlartievg,  lateinisch 
Aisc(u)lapius,  Aesculapius.  Der  Ursprung  dieses  Wortes  ist  unauf- 
geklärt. ^)  Sein  Kultus  ging  von  dem  Phlegyer-  und  Minyerlande  = 
Thessalien-Magnesia   aus.    Die   thessalische   Sage  nennt  Ischys,   den 


■')   1.    IToXiTTjs.  AI  aad'epeiaL  y.ara  roiiq  iivd'ovg  rov  sXXrjvixov  Xaov,   ev  Ad'/jvaig  o.  J. 

2.  V.  Sybel,  Die  Mythologie  der  Ilias,  Marburg  1877 ;  3.  Röscher,  Die  sogen.  Phar- 
makiden  des  Kypseloskasteus,  Philologus  XL  VIT  =  N.  F.  I,  1889  S.  703  ff.;  Die 
„Hvindekrankheit"  {kvcdv)  der  Pandareostöchter  und  andere  mythische  Krankheiten, 
Rhein.  Mus.  N.  F.  LIII,  1898  S.  169 ff.;  639  ff. 

-)  Heibig,  Ein  Condom  im  Altertume,  Reichs-Medizinal- Anzeiger  XXV,  1900 
S.  3  f. 

')  Thrämer  bei  Pauly-Wissowa,  Real-Encyclopädie  der  class.  Altertums- 
Avissenschaft  II,  Stuttg.  1896,  Sp.  1642  ff.  —  Deutungsversuche  Sp.  1643.  —  Litteratur 
ebda.  Vgl.  noch  Rubensohn,  Das  Aushängeschild  eines  Traumdeuters  (Festschrift 
Joh.  Vahlen  zum  siebenzigsten  Geburtst.  gewidm.  v.  sein.  Schul.,  Berl.  1900,  S.  1  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  169 

Sohn  des  Lapitlieiikönigs  Elätos,  als  seinen  Vater,  Korönis,  die  Tochter 
des  Phlegyas,  als  seine  Mutter.  Nach  der  Ilias  (II  729 ff.;  IV  202) 
stammen  die  Asklepiossöhne  Machäon  und  Podaleirios  aus  Trikke, 
Ithöme  und  Oichalie.  Sie  und  ihr  Vater  sind  schlichte  Heroen,  erst 
in  der  späteren  Sage  wird  Apollon  zum  Vater  des  Geschlechtes  ge- 
stempelt. Der  Kentaur  Cheiron  unterweist  ihn  auf  dem  Pelion  in 
der  Kräuterkunde  (II.  IV  219)  und  gesellt  ihm  die  Schlange  als  Be- 
gleiterin bei.  Die  Phokaier  verehren  Asklepios  als  ihren  Stammvater 
{^QXay€Tag).  Die  älteste  Kultstätte  in  der  Peloponnesos  ist  Titane  bei 
Sikvon;  dort  finden  sich  die  thessalischen  Schlangen  wieder,  ausser- 
dem bekleidete  Statuetten.  Gründer  des  Tempels  ist  der  Sohn  des 
Machäon  oder  Asklepios,  Alexänor.  In  Arkadien  gelten  Arsippos  und 
Arsinöe  als  Eltern  des  Asklepios.  Auch  die  Messenier  eigneten  sich 
den  Gott  an,  indem  sie  die  in  der  Ilias  genannten  Stammsitze  nach 
ihrem  Lande  verlegten;  Vater  ist  Apollon,  Mutter  die  Tochter  des 
Leukippos,  Arsinöe,  Gattin  Xanthe.  Machäon  soll  die  als  Heilgötter 
verehrten  Söhne  Xikomächos  und  Gorgäsos  gezeugt  haben.  Argölis 
hängt  vollständig  ab  von  der  epidaurischen  Sagengestaltung.  Nach 
der  inschriftlich  erhaltenen  Darstellung  des  Isyllos^)  ist  Aigla,  auch 
Koronis  genannt,  des  Asklepios  Mutter,  sein  Vater  Apollon.  Von 
Epidauros  wanderte  der  Kultus  weithin,  nach  der  Akropolis  von  Athen 
420  V.  Chr.,  Balagrai  in  der  Cyrenaica.  Kos,  Taras  =  Tarentum,  Rom 
(zur  Vertreibung  der  Pest  293  v.  Chr.  wird  der  Schlange  auf  der 
Tiberinsel  ein  Heiligtum  errichtet).  Sonst  zeichnen  sich  durch  den 
Asklepioskultus  noch  aus:  Tithorea  in  Phokis;  Acharnai,  Peiraieus, 
Eleusis  in  der  Attike,  Sikyon  (Goldelfenbeinstatue  von  Kalämis) ;  Argos ; 
Gerenia,  Pharai,  Messene  in  Messenien;  Leuktra,  Sparte,  Epidauros 
Limera  in  Lakonien;  Lebena  auf  Kreta  (Heilungen  s,  Philologus  1889 
S.  401  f.;  1890  S.  577  ff.);  Kyrene;  Rhodos;  Melos;  Kalymna;  Burina 
auf  Kos  (Krankengeschichten  von  Hippokrates  benutzt  nach  Strab. 
XIV  657:  Varro  bei  Plin.  XXIX  4);  Knidos;  Syrna  in  Karlen;  Samos; 
Pergamon  (Aristid.  serm.,  2.  Jahrh.  n.  Chr.);  Kroton  in  Bruttium.  Als 
Lehrer  des  Asklepios  tritt  neben  Cheiron  Apollon  auf  (Diodor.  V  74). 
Thrämer  zählt  folgende  Wunderkuren  des  Asklepios  auf:  1.  der 
wahnsinnigen  Töchter  des  Proitos  von  Tiryns;  2,  der  erblindeten 
Phineiden;  3.  des  blinden  Epidaurierkönigs  Askles  (daher  angeblich 
Asklepios  =  "Aa/lr^g  -f-  r^itLog  =  mild) ;  4.  des  an  der  Hüfte  verletzten 
Herakles ;  5.  des  Iphikles  durch  Ttäva/.eg  ^keyvrjiov  (===  Heilwurz) ;  6.  der 
zahlreichen  Toten,  für  deren  Erweckung  ihn  Zeus  mit  dem  todbringenden 
Blitzstrahle  bestrafte.  Das  Gorgonenblut  aus  der  linken  Ader  be- 
nutzte er  zur  Schädigung,  das  aus  der  rechten  zur  Heilung  (Apollod. 
III  10,  3,  8).  Nach  seiner  Tötung  wird  Asklepios  entweder  als 
Schlangenträger  unter  die  Sterne  versetzt  oder  in  den  Olympos  er- 
hoben. Die  Gräber  des  Asklepios  sind  unterirdische  Kultstätten 
(aövTa),  so  am  Lusios  in  Arkadien  und  in  Kynosürai  in  der  Attike. 
Cicero  (de  nat.  deor.  III  57)  unterscheidet  3  Aesculapii:  1.  den  von 
den  Arkadern  verehrten  Sohn  des  Apollon  und  einer  Unbekannten, 
2.  den  von  Zeus  getöteten  und  bei  Kynosürai  begrabenen  Sohn  des 
Ischys   und   der   Koronis,   3.  den   am   Lusios    bestatteten   Sohn    von 


^)  von  Wilaraowitz-Möllendorff,  I.  von  Epidauros  =  Philolog.  Unter- 
such. IX,  Berl.  1886  11  if.:  89 ff.;  Cavvadias,  Fouilles  d'Epidaure  I,  Athenes 
1893,  Nr.  7. 


170  Kobert  Fuchs. 

Arsippos  und  Arsinoe.  Als  Gattin  erscheint  neben  Xantlie  (s.  oben) 
Lampetie,  Tochter  des  Helios,  oder  Hipponöe  oder  Epiöne.  Treffend 
scheidet  Thrämer  bei  den  Kindern  die  hygienische  oder  iatrische 
Seite.  Ersterer  gehören  an:  1.  die  jungfräuliche  Hyg(i)eia,  besonders 
in  Titane,  doch  auch  in  Epidauros  verehrt,  von  der  zahlreiche  Bild- 
werke erhalten  sind;  2.  Euamerion,  Dämon  in  Titane;  3.  die  jugend- 
liche Aigle  =  Glanz;  letzterer:  1.  Panake(ia)  (Pseudhipp.  iusiur.); 
2.  laso;  3.  Akeso;  von  männlichen:  4.  Akesis;  5.  laniskos  (Aristoph. 
Plut.  701  schol.) ;  6.  Telesphöros ;  7.  Machaon  und  8.  Podaleirios  gelten 
in  der  "lUov  rcögOrjoiq  als  Söhne  des  Poseidon.  Machaons  Söhne  sind : 
Nikomächos,  Gorgäsos,  Polemokrätes,  Sphyros,  Alexänor.  Der  Gott 
ist  chthonischen  Ursprungs  (Schlange,  Inkubation,  Orakel).  Seine 
Funktion  ist  die  Eettung  (z.  B.  vom  Ertrinken).  Heilung  Kranker  und 
Erhaltung  Gesunder. 

Von  den  ärztlichen  Beinamen  des  Asklepios  sind  einige  bezeich- 
nend, so  iazQÖg,  'Irjiog  u.  s.  w.  =  Arzt,  Koxvlsvg  =  Becherreicher, 
"Og&iog  =  Erector,  naiäv  u.  s.  w.  ==  Helfer,  IiorriQ  ==  Retter.  Als 
Attribute  seien  hervorgehoben :  Schlange,  Hund,  Ziege,  Mohn,  Zange  (?), 
Schröpf  köpf  (?),  Schale,  Bücherrolle,  Tafel,  Cypresse,  Keuschlamm,  Lor- 
beer, Stab  (meist  Schlangenstab).  Der  Gott  spendet  seine  Hilfe  während 
des  Schlafes  im  Tempel  (lyMifirjaig  =  incubatio),  teils  persönlich,  teils 
durch  Schlange  oder  Hund.  Das  Traumbild  giebt  auch  bloss  Rat- 
schläge, meist  übernatürlicher,  auch  wunderlicher  Art.  Die  erhaltenen 
Geschichten  dienten  zur  Erbauung  und  Bethörung  der  Opfer  arg- 
listiger Priester.  Wirkliche  Heilungen  kommen  bloss  bei  M.  Junius 
Apellas  (v.  Wilam.  —  Möllend.  a.  a.  0.)  und  in  einer  verstümmelten 
Inschrift  in  Betracht,  auch  bei  einigen  Rhetoren  (vgl.  auch  Plaut. 
Curculio).  Die  Tempel ärzte  dürfen  mit  den  traumdeutenden  Priestern 
nicht  verwechselt  werden;  sie  heissen  „Diener",  „Söhne  des  Gottes" 
(Asklepiaden)  oder  „Assistenten"  {Cdxooot  vnodQuJvreg).  Von  ihren  Ver- 
diensten erzählten  die  kölschen  nivocxsg  =  Tafeln,  die  Hippokrates 
studierte  (Strab.  VIII  374;  XIV  657;  Plin.  h.  n.  XXIX  4).  Sie  Hessen 
bei  der  Behandlung  natürlich  keine  Stellvertretung  zu  wie  die  traum- 
deutenden Tempeldiener.  Unterstützend  traten  zu  den  Eingriffen  der 
Aerzte  hinzu:  die  gesunde  Lage  des  Ortes,  Aufenthalt  in  luftigen, 
teilweise  noch  erhaltenen  Zellen,  Bäder,  streng  geordnete  Lebensweise 
und  Leibesübungen. 

6.  Die  medizinischen  Kenntnisse  der  ältesten  griechischen 
Philosophen. 

Die  Wichtigkeit  der  Kenntnis  der  Philosophie  für  das  Studium 
der  Heilkunde  ist  jederzeit  anerkannt  worden.  In  wie  weit  die  Aerzte 
diesen  Grundsatz  bekannten,  wird  an  gehöriger  Stelle  jedesmal  hervor- 
gehoben werden.  Von  den  Philosophen  verkündete  u.  a.  Aristoteles 
(de  sens.  et  sens.  1),  dass  der  „Physiker",  d.  h.  der  Naturforscher,  auch 
über  die  letzten  Ursachen  von  Gesundheit  und  Krankheit  unterrichtet 
sein  müsse,  und  ebenda  (Kap.  7)  wird  betont,  dass  Naturwissenschaft  und 
Heilwissenschaft  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  gemeinsamen  Grenzen 
liegen.  Die  Philosophie,  die  erste,  grundlegende  und  allumfassende 
Wissenschaft,  spürte,  lange  bevor  es  eine  ärztliche  Wissenschaft  gab, 
nach  der  Entstehung,  Entwickelung,  Abnahme   und  Vernichtung  des 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  171 

menschlichen  Körpers,  den  Störungen  seines  Gleichgewichtes,  der  Art 
und  den  Bedingungen  seiner  Lebensbethätigungen,  den  geistigen 
Kräften  und  ihren  Aeusserungen,  den  Winden,  Klimaten,  Jahreszeiten, 
der  Beschaffenheit  und  den  Wirkungen  der  Nahrungsmittel  u.  ä.  Die 
Medizin  bildete  also  einen  kleinen  Teil  der  Gesamtdisziplin,  mit  der 
sie  innig  verwachsen  war.  Je  mehr  die  Kenntnisse  auf  ärztlichem 
Gebiete  wuchsen,  desto  mehr  trat  naturgemäss  das  Bestreben  der 
Spezialisierung  hervor.  Hippokrates  bestimmte  zuerst  die  Grenzen 
beider  Fächer,  indem  er  die  Medizin  auf  eigene  Füsse  zwar  stellte, 
aber  doch  den  noch  bei  Galenos  nachklingenden  Grundsatz  im  Wesen, 
nicht  in  der  Wortfassung  festlegte :  der  beste  Arzt  ist  zugleich  Philosoph. 
So  lückenhaft  unsere  Kenntnis  der  ältesten  griechischen  Medizin  ist, 
so  reichlich  fliessen  die  philosophischen  Quellen  von  Solons  und  Kroisos' 
Zeiten  an.  Sie  bieten  uns  daher  einen  wertvollen  Ersatz  für  das  un- 
wiederbringlich Verlorene.  So  wünschenswert  es  wäre,  die  Uebergänge 
und  das  Uebergreifen  der  einen  Wissenschaft  in  die  andere  darzulegen, 
so  gebieterisch  heischt  der  dem  Griechentum  zugewiesene  Raum  die  Be- 
schränkung auf  rein  medizinische  Thatsachen. 

Von  den  alten  ionischen  Philosophen  erklärte  Thaies  von  Miletos 
(etwa  624— 548  5  v.  Chr.)  das  Wasser  für  den  Grundstoff  aller  Dinge. 
Sein  Mitbürger  und  Zeitgenosse  Anaximandros  nahm  als  Anfang 
{&Qyiri)  von  allen  Dingen  das  Unbegrenzte  (aTtsigov),  die  unendliche 
Stoffmasse,  an.  Die  Menschen  sind  als  fischähnliche  Lebewesen  aus 
der  flüssigen  Erde  hervorgegangen.  Sein  Schüler  und  Landsmann 
Anaximenes  erklärte  die  Luft  und  den  wehenden  Hauch  {TTvevf^a) 
für  das  allem  zu  Grunde  Liegende.  Eine  doppelte  Veränderung  der 
Luft  findet  statt,  die  Verdünnung  =  Erwärmung  und  die  Verdichtung 
=  Erkältung.  Hippon  aus  Rhegion  (2.  Drittel  des  5.  Jahrh.  v.  Chr.) 
ging  von  dem  Feuchten  (vyQÖv)  aus  und  erklärte  die  Seele  als  eine 
aus  dem  Samen  entwickelte  Feuchtigkeit.  Die^)  Krankheiten  be- 
ruhen auf  dem  Uebermasse  des  Feuchten  oder  auf  seiner  Verminderung 
durch  Austrocknen,  doch  auch  auf  Dick-  oder  Dünnsein  der  Feuchtig- 
keit. Auf  die  aus  diesen  Ursachen  entstehenden  Krankheiten  selbst 
ging  Hippon  nicht  ein.  Die  „Gefühllosigkeit  und  Trockenheit"  der 
Greise  soll  auf  Feuchtigkeitsverminderung  zurückzuführen  sein.  Das 
Weib  sondert  auch  Samen  ab,  jedoch  nicht  zum  Zwecke  der  Frucht- 
bildung. Zuerst  entwickelt  sich  beim  Embrj-o  der  Kopf,  zuletzt  Nägel 
und  Zähne.  Die  Ausbildung  erfolgt  meist  in  60  (oder  40?)  '^)  Tagen,  kann 
sich  aber  auch  4  Monate  hinziehen.  Diogenes  von  Apollonia  (etwa 
430)  schloss  sich  an  Anaximenes  an :  die  vernunftbegabte  Luft  bewirkt 
das  körperliche  und  geistige  Leben.  Dem  Erdschlamme  sind  die  Lebe- 
wesen entstiegen.  Ueber  den  Verlauf  der  Adern  hat  uns  Aristoteles 
(hist.  anim.  III  2  p.  511  b  30  f.)  ein  Fragment  des  Diogenes  überliefert, 
dem  die  Schilderung  in  Pseudhippocr.  de  morbo  sacro  VI  (III)  =  bei 
mir  II  553  f.  sehr  nahe  kommt.  Es  giebt  2  Hauptadern,  die  der  Leber 
(fiTtaTirig)  und  die  der  Milz  {aTthqvlrig).  Beide  verästeln  sich  nach  den 
Füssen  und  dem  Kopfe  und  berühren  auch  das  Herz.  Die  Adern 
{(pUßeii)  führen  unterschiedslos  Blut  und  Luft.  Von  Aorta,  Hohlvene, 
Carotis  und  Jugularis  finden  sich  schwache  Andeutungen.  Auch  der 
Puls  {(pleßonalia)  war  ihm  bekannt  (Erotian.   ed.  Klein  p.  131,  14  f). 


^)  Anon.  Londiu.  11  (Beckh-Spät  S.  16). 

2)  Fredrich,  Hippokratische  Untersuchungen,  Berl.  1899  S.  128  A.  3 f. 


172  Robert  Fuchs. 

Auf  Pseudliippocr.  de  flat.  hat  die  Lektüre  des  Diogenes  zweifellos  ein- 
gewirkt. Was  über  die  Beeinflussung  anderer  sogenannter  hippokra- 
tischer  Schriften  vorgetragen  wird,  bezeichnet  Fredrich^)  unter  An- 
gabe der  Litteratur  mit  Eeclit  als  üeberschätzung  seines  Einflusses. 
Zur  Lehre  des  fiyei.ioviY.ov  ==  des  „herrschenden  Teiles"  der  Seele 
bringt  W  e  y  g  o  1  d  t  treffliche  Beiträge.  -)  Der  Vergleich  des  Menschen 
mit  der  Pflanze  arQariwTTjg  (=  „Soldat"  =  Pistia  stratiotes  L.  = 
Muschelblume),  der  sich  Anon.  Londin.  6,  22 ff.  (Beckh-Spät  S.  10) 
findet  und  darin  beruht,  dass  der  Mensch  mit  der  Nase  so  in  der  Luft 
wurzle  wie  jene  Pflanze  mit  ihren  Wurzeln  im  Wasser,  braucht  keines- 
wegs auf  Diogenes  zurückzugehen. 

Durch  die  Zahlenlehre  des  Pythagöras  von  Samos  (etwa  575 
V.  Chr.  bis  zur  Jahrhundertwende),  der  von  seinen  mittleren  Jahren 
ab  in  Kroton  in  Unteritalien  lehrte,  wurde  die  Heilkunde,  und  zwar 
vermutlich  erst  nach  seinem  Tode,  nur  in  so  fern  gefördert,  als  die 
Lehre  von  den  kritischen  Tagen  auf  seiner  Theorie  beruht.  Als  Arzt 
erforschte  er  den  Bau  des  Tierkörpers  und  sann  er  über  die  Zeugung 
nach.  Alles  tierische  Leben  entsteht  nach  ihm  aus  dem  Samen,  nicht 
aus  faulenden  Stoffen.  Ohne  über  die  Seele  genauere  Untersuchungen 
anzustellen,  führte  er  auch  sie  auf  die  Zahl  zurück.  Er  schied  die 
Seele  und  den  Verstand  (vovg)  von  den  Affekten  {S-ci-wg).  In  der  Be- 
handlung Kranker  soll  er  erfahren  gewesen  sein,  wobei  ihm  die 
Kenntnis  der  Heilwirkungen  der  Pflanzen  und  des  Sühneverfahrens 
zu  statten  gekommen  sein  soll.  Der  von  ihm  gegründete  Mysterien- 
verein legte  den  Mitgliedern  eine  reine,  gesunde  Lebensweise  auf,  be- 
stehend in  Leibesübungen,  Musik  und  wissenschaftlichen  Studien  (u.  a. 
der  Medizin),  Massigkeit,  Enthaltung  von  Fleisch  und  Bohnen,  Nicht- 
tragen  von  Wollkleidung  und  Genuss  von  Meerzwiebeln,  deren  Essig, 
Kohl,  Anis  (z.  B.  bei  Skorpionenbiss,  Epilepsie)  und  Senf.  Seine  Lehren 
gestaltete  der  (jüngere?)  Zeitgenosse  des  Sokrates  Philoläos  von 
Kroton  aus.  Die  physischen  Eigenschaften  wies  er  dem  Gebiete  der 
5  zu,  die  Seele  dem  der  6,  den  Verstand,  die  Gesundheit  und  das 
Licht  dem  der  7,  Liebe,  Klugheit  und  Einsicht  dem  der  8.  Das 
Menschliche  verlegte  er  in  das  Gehirn,  wo  der  Verstand  (vovg)  seinen 
Ursprung  (ccqxcc)  hat,  das  Tierische  in  das  Herz  {^vf.i6g  =  Begierde), 
das  Pflanzliche  (nach  Zeller  ,.Anwurzlung  und  Wachstum")  in  den 
Nabel,  alles  dreies  zusammen  (nach  Zeller  „Besamung  und  Erzeugung") 
in  die  Geschlechtsteile.  Nach  ^)  ihm  besteht  der  Körper  aus  Warmem ; 
er  bildet  sich  in  der  gleichfalls  warmen  Gebärmutter.  Sofort  nach 
der  Geburt  wird  aber  die  kalte  Luft  eingeatmet  und,  nach  erfolgter 
Kühlung  der  inneren  Teile,  wieder  ausgestossen.  Krankheitsursachen 
sind  Galle,  Blut  und  Schleim.  Die  Galle  ist  Fleischsaft  {i%ioQ  oag-Mg) ; 
sie  hat  also  mit  der  Leber  nichts  zu  thun  und  ist  unnütz.  Durch 
Zusammenpressen  des  Fleisches  entsteht  Blutverdickung  und  umgekehrt 
Der  Schleim  wird  durch  den  Eegen  erzeugt  und  ist,  wie  sein  Name 
cpleyi-m  =  „Brand"  besagt,  warm.  Wohin  der  Schleim  gelangt,  da 
verursacht  er  Entzündung.  Zu  viel  oder  zu  wenig  Wärme  oder 
Nahrung  u.  a.  sind  unterstützende  Ursachen  der  Erkrankung.  Die 
Einreihung  des  Blutes  unter  die  Krankheitserreger  nähert  ihn  den 


^)  A.  a.  O.  Iudex. 

2)  rieckeiseus'jahrbb.  f.  class.  Philol,  CXXIII,  1881  S.  508  ff. 

3)  Anou.  Loudin.  18;  20  (Beckh-Spät  S.  251;  28). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  173 

Koern  und  trennt  ihn  von  den  Knidiern.  Alkmaion  von  Kroton^; 
war  noch  ein  Jüngling,  als  Pythagoras  schon  ein  Greis  war.  Er  war 
höchstwahrscheinlich  Arzt,  doch  auch  Physiolog.  Chalkidios  (comment. 
in  Plat.  Timaeum  p.  279  Wrobel)  berichtet,  dass  er  sich  um  die 
Anatomie  des  Auges  verdient  gemacht  habe.  Es  ist  leider  nicht 
sicher  zu  entscheiden,  ob  hier  .,exsectio"  Herausnahme  des  Auges  oder 
Zergliederung,  nämlich  von  Tierleichen,  bedeutet;  Letzteres  nehmen 
an :  Z  e  1 1  e  r ,  W  i  n  d  e  1  b  a  n  d  und  H  ä  s  e  r.  Ausser  dem  Tastsinne  ver- 
mutete er  „Gänge"  {tzoqoi)  der  Sinnesorgane  nach  dem  Gehirne,  das 
Sitz  der  Seele  ist  und  den  Samen  erzeugt.  Er  stellte  den  Adern, 
(pXißeg,  blutführende  Adern,  aliiÖQQooi  cp.,  gegenüber,  erkannte  also  bei 
den  Sektionen  die  fast  blutleeren  Arterien.  Da  bei  ihm  der  Schlaf 
durch  Zurückstauung  des  Blutes  in  die  blutführenden  Adern  erklärt 
wird,  hat  er  also  die  an  der  Leiche  gewonnene  Anschauung  auf  den 
lebenden  Körper  übertragen.  Gewiss  führte  er  den  Ursprung  aller 
Adern  auf  den  Kopf  zurück.  Er  behauptete  (Aristot.  hist.  anim. 
I  11,  492  a  14),  dass  die  Ziegen  durch  die  Ohren  atmeten,  und  wurde 
deshalb  von  Aristoteles  gescholten,  der  sich  selbst  die  Entdeckung  der 
Eustachischen  Röhre  zuschreibt  (a.  a.  0. 19).  Auch  die  Luftröhre,  dQtrjQir], 
kannte  er.  Das  Kind  entsteht  aus  der  Vereinigung  des  männlichen 
und  weiblichen  Samens;  sein  Geschlecht  hängt  von  dem  üeberwiegen 
der  einen  oder  anderen  Samengattung  ab.  Zuerst  bildet  sich  "der 
Kopf,  damit  der  Mund  schon  im  Uterus  die  Nahrung  aufsauge.  Krank- 
heit und  Gesundheit  richten  sich  nach  dem  Fehlen  oder  Vorhandensein 
des  Gleichgewichts  der  Elemente  (Feuchtes,  Trockenes,  Kaltes,  Warmes, 
Bitteres,  Süsses  u.  s.  w.).  Aehnlich  ist  der  Grundsatz  der  hippokratischen 
Pathologie.  Alkmaion  schrieb  nur  e  i  n  Werk,  das  die  alexandrinischen 
Bibliothekare  7C6qI  cpiaeiog  (Ueber  die  Natur)  betitelten;  es  war  das 
erste  Werk  über  ^Medizin.  Aristoteles  bekämpfte  es  in  dem  verlorenen 
Buche  TiQog  xa  UlvMakovog,  hielt  es  also  für  echt.  Das  Buch  war 
bereits  zur  Zeit  des  Simplikios  (etwa  530  n.  Chr.)  verschollen  und 
sonst  wenig  citiert,  wenngleich  Alkmaion,  der  eigentliche  Vater  der 
Medizin,  auf  die  Hippokratiker  und  Empedokles,  Anaxagoras  und 
Demokritos  wesentlich  eingewirkt  hat. 

Epicharmos,  der  Vertreter  der  dorisch-sicilianischen  Komödie 
(etwa  550—460  v.  Chr.),  war  nicht  Pj'thagoreer,  sondern  Eklektiker. 
Als  sein  Vater  wird  Hel(i)othäles  (oder  Philothales?), -)  als  sein 
Bruder  M  e  t  r  o  d  ö  r  o  s  von  Kos  genannt,  doch  ist  deren  Zugehörigkeit 
zum  Asklepiadengeschlechte  und  Aerztestande  noch  nicht  ausgemacht. 
Epicharmos  schrieb  u.  a.  über  den  Kohl,  der  als  innerliches  und 
äusseres  Heilmittel  diente. 

Xenophänes  ausKolöphon  (etwa  575— 480  v.  Chr.),  als  Rhapsode 
Hellas  durchwandernd,  bis  er  in  Elea  in  Lucanien  eine  Philosophen- 
schule  gründete,   erklärte  die  Gottheit,   das  Ein  .und  Alles,   für  den 


')  Gomperz,  Griech.  Denker,  Leipz.  1896,  1119 ff.;  Kühn,  Car.  Gottl.,  opusc. 
medica  acad.  I  69  ff.:  Unna  bei  Petersen,  Hist.-philol.  Studien,  Hamburg  1832: 
loann.  Wacht  1er,  De  Alcmaeone  Crotoniata,  Lips.  1896,  auch  als  Berliner  Disser- 
tation 1896. 

^)  Elolathes  bei  Häser.  3.  Aufl.  I  78,  ist  falsch  (Herzog,  Koische Forschungen 
u.  Funde,  Leipz.  1899,  S.  200  f.).  Nach  lambl.  vita  Pythag.  34  ist  Metrodoros  viel- 
mehr Sohn  des  Thyrsos.  des  Vaters  des  Epicharmos :  hingegen  ist  nach  Diog.  Laert. 
Vni  1,  5;  3,  1  Elothales  Vater  des  Epicharmos.  Wie  sich  auch  immer  diese 
Schwierigkeit  lösen  mag,  sicher  ist  der,  dessen  Philosophie  auf  die  Heilkimde  über- 
tragen wird  (lambl.).  Thyrsos  und  der  Üebertragende  Metrodoros. 


174  Kobert  Fuchs. 

Urgrund  alles  Seins.  Die  Seele  ist  nach  ihm  Luft.  Sein  Lehrgedicht 
TtEQi  cpvoEiog  (Ueber  die  Natur)  ist  nur  in  Trümmern  erhalten.  Das 
eigentliche  Haupt  der  Eleaten  istParmenides  aus  Elea  (geb.  etwa  540 
V.  Chr.).  Er  lehrt,  das  Seiende,  die  den  Raum  füllende  Masse,  ist  die 
Wurzel  aller  Dinge,  und  mit  ihm  ist  das  Denkende  identisch.  Die 
Sinne  trügen,  wahrhaftig  ist  nur  die  Vernunft  (löyog).  Der  Wert  der 
Seele  beruht  auf  dem  Warmen  als  ihrem  Träger,  ipvxr]  und  vovg, 
Seele  und  Verstand,  sind  noch  nicht  gesondert.  Die  Menschen  sind 
nach  seiner  Lehre,  wie  es  scheint,  aus  dem  Erdschlamme  hervorge- 
gangen. Das  Geschlecht  des  Fötus  hängt  von  dem  Uebergewichte  des 
männlichen  oder  weiblichen  Samens  ab.  Knaben  entstehen  aus  dem 
rechten  Hoden  und  in  der  rechten  Gebärmutterhälfte  und  umgekehrt, 
wie  noch  im  Ausgange  des  18.  Jahrhunderts  gewähnt  wurde.  Das 
weibliche  Geschlecht  ist,  wie  bei  den  Knidiern,  das  wärmere ;  denn  es 
hat  mehr  Blut;  daher  die  Menses.  Das  Altern  ist  die  Folge  der 
Wärmeabgabe.  Zenon  aus  Elea  (25  Jahre  jünger  als  sein  Lehrer 
Parmenides)  und  sein  Zeitgenosse  Meli ssos  von  Samos  können  über- 
gangen werden.^) 

Herakleitos  aus  Ephesos  (etwa  535  —  475)  erklärt  das  Feuer 
für  den  Urgrund  der  Dinge  und  beurteilt  die  Eeinheit  der  Seele  nach 
der  Menge  des  Feuers.  Alles  ist  in  stetem  Flusse.  Daher  täuschen 
die  Sinne  leicht;  nur  die  Vernunft  vermittelt  die  Erkenntnis  des 
Wahren.  Die  in  Anlehnung  an  Herakleitos  verfassten  Briefe  gehören 
etwa  dem  1.  nachchristlichen  Jahrhunderte  an.  Der  5.  handelt  von 
der  falschen  Heilkunde  gegenüber  der  wahren  Naturerkenntnis,  der 
6.  bekämpft  die  Aerzte  (B  e  r  n  a  y  s ,  Die  Heraklit.  Briefe,  Berlin  1869).  -) 
Empedökles  von  Akragas  (Agiigent)  lebte  etwa  zwischen  495  und 
435  V.  Chr.  und  bethätigte  sich  auch  als  Arzt  (Galen.  X  5).  Er  ist 
bei  den  Aerzten  sehr  beliebt.  Seine  Lehre  ist  von  Alkmaion  stark 
beeinflusst,  wie  die  beiden  poetischen  Werke  cpvoiKd  (=  Ueber  die 
Natur)  und  xaO^aQf^ioi  (=  Sühnungen)  zeigen.  Die  iazQL/A  (=  Aerzt- 
liches)  bildeten  entweder  einen  Teil  der  dem  Arzte  Pausanias  ge- 
widmeten ersten  Schrift  oder  waren  selbständig.  Der  iazQiyibg  löyog, 
vermutlich  dieselbe  Schrift,  verzeichnete  Mittel,  durch  die  man  Krank- 
heiten und  Unglücksfälle  fern  halten  könne.  Die  Dinge  bestehen 
aus  den  4  qitdbuaTa  (=  Wurzeln  oder  Elemente):  Feuer,  Wasser, 
Luft,  Erde;  ihre  Eigenschaften  beruhen  auf  der  Mischungsart,  die 
durch  Liebe  und  Hass  geregelt  wird.  Aus  der  Erde  wuchsen  Glied - 
massen  hervor,  die  sich  zu  Ungeheuern  und  dann  zu  Menschen  ver- 
einigten. Naturgeschichte,  Anatomie  und  Phantasie  ergaben  folgenden 
Werdegang  des  einzelnen  Menschen:  Mann  und  Frau  sondern  Samen 
aus ; ")  die  Frau  ist  kalt  und  feucht,  der  Mann  warm  und  trocken ; 
das  Geschlecht  richtet  sich  nach  der  Wärmemenge  des  Samens  oder, 
wie  auch  bei  den  Hippokratikern,  nach  der  Menge  des  männlichen 
oder  weiblichen  Samens ;  nimmt  die  Frau  kalte  und  feuchte  Nahrung, 
so  wird  sie  eine  Tochter  gebären;  Zwillinge  entstehen,  wenn  viel 
Samen  fliesst  und  sich  dieser  gleichmässig  in  beide  Uterushörner  ver- 
teilt.    Die  Aehnlichkeit  der  Kinder  und  der  Eltern  beruht  also  auf 


')  Vgl.  Fredrich  a.  a.  0.  S.  29  ff.;  132;  Fuchs,  Hippokrates  I  189ff.,  An- 
merkungen. 

*)  Vgl.  unten  Hippokrates,  de  nat.  hom.  und  de  diaeta. 

^)  Vgl.  Fredrich  a.  a.  0.,  S.  127  A.  1  eine  weitere  Vermutung. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  175 

Vererbung.  Im  Uterus  bildet  sich  nun  die  Frucht,  zuerst  das  Herz, 
zuletzt  die  Nägel  und  Zähne.  Ausgebildet  ist  sie  in  40  Tagen,  die 
Knaben  etwas  rascher  als  die  Mädchen;  die  Geburt  tritt  nach  7 — 10  Mo- 
naten ein.  Die  Seele  ruht  im  Blute,  ist  Blut;  sie  bewegt  sich,  wie 
alle  Teilchen  der  Dinge  {dnoQQoaL),  durch  die  Poren  oder  Kanäle 
{tcöqol).  Solche  Kanäle  bestehen  für  die  Sinnesorgane,  die  Haut  und 
die  Nahrung.  Die  Dinge  werden  durch  ihnen  Gleichartiges  im  Körper 
wahrgenommen.  Ton  ihnen  lösen  sich  Teilchen  los  und  dringen  in 
die  betreifenden  Organhöhlen.  AVenn  z.  B.  gegen  das  Auge  ein  Strahl 
vorrückt,  so  eilen  ihm  Feuer-  und  Wasserteilchen  des  Auges  entgegen 
und  bewirken  das  Gesichtsbild.  Der  Schall  wird  im  Ohrlabyrinthe 
(Aet,  de  plac.  philos.  IV  16)  aufgefangen  und  hängt  von  den  Poren 
ab,  durch  und  gegen  welche  er  sich  bewegt.  Indem  sich  das  Blut  in 
der  Brust  senkt,  bewirkt  es  das  Nachströmen  der  Luft,  d.  h.  die  Ein- 
atmung; das  sich  hebende  Blut  treibt  die  Luft  aus  und  erzeugt  so 
die  Ausatmung.  Doch  erfolgt  die  Atmung  zum  Teile  auch  durch  die 
Haut.  Die  Zusammensetzung  der  Knochen  und  Weichteile  suchte 
Empedokles  zu  ergründen.  Die  Gesundheit  lässt  er  bemhen  auf  dem 
Gleichgewichte  der  4  Elemente.  Endlich  machte  er  sich  um  die  sanitären 
Verhältnisse  seiner  Vaterstadt  verdient,  denn  er  unterdrückte  ungesunde 
Erdausdünstungen  durch  Verstopfen  einer  Bergspalte ;  ^)  die  schädlichen 
Wässer  des  Flusses  Hypsas  verbesserte  er  durch  Zuleitung  frischen 
Wassers,  wie  er  denn  überhaupt  die  Entstehung  natürlicher  Wässer 
zu  ergründen  suchte.  Die  pestähnliche  Seuche  (Ao^.moc;)  aber  soll  er 
durch  Räucherungen  und  brennende  Scheiterhaufen  vertrieben  haben.-) 
Sein  Schüler  Akron  von  Akrägas  wird  in  den  Canones  medicorum 
genannt.  Empedokles  verspottete  ihn  in  einer  Komödie.  Nach  Suidas 
schrieb  Akron  eine  Diätetik  Gesunder  {iiegl  Tgocprjg  vyuivwv),  und  zwar 
in  dorischem  Dialekte.  Die  athenische  „Pest'  ist  von  ihm  nach 
Plutarchos  durch  Anzünden  von  Scheiterhaufen  vertrieben  worden; 
doch  war  das  jedenfalls  eine  frühere  Seuche  als  die  des  Jahres  430  ff. 
Dass  er  den  Phänomenen  besondere  Aufmerksamkeit  schenkte,  ver- 
leitete dazu,  ihn  als  Begründer  der  empirischen  Sekte  zu  betrachten, 
mit  der  er  nichts  zu  thun  hat. 

Die  atomistische  Schule  gründete  Leukippos  aus  Miletos  oder 
Elea,  Empedokles'  Zeitgenosse,  Schüler  des  Parmenides.  Er  und  sein 
Schüler  Demokritos  von  Abdera  bezeichnen  als  Wurzel  der  Dinge 
das  Volle  und  Leere.  Das  Volle  soll  in  zahllose  unteilbare  Bestand- 
teile, äroua,  zerfallen.  Sie  sind  ewig  unveränderlich  und  nur  durch 
Form  und  Grösse  unterschieden.  Alle  Erscheinungen  beruhen  auf 
Stoss  und  Druck  der  Atome,  bei  räumlicher  Entfernung  zwischen  den 
Dingen  auf  Ausflüssen.  Die  Seele  ist  eine  Ansammlung  der  feinsten 
Atome,  also  von  Feuerteilchen.  Sie  ergänzt  sich  durch  die  Atmung, 
durchdringt  den  Körper  und  giebt  ihm  Bewegung  und  Empfindung. 
Die  Wahrnehmungen  erfolgen  dadurch,  dass  sich  Atome  von  dem 
Objekte  loslösen  und  die  Seelenatome  in  Bewegung  versetzen.  Demo- 
kritos, unter  dessen  Lehre  viel  Leukippisches  verborgen  sein  mag, 
wandte  dieses  auf  die  Einzelwissenschaften  praktisch  an.    Die  Orga- 


')  Eine  auf  dieses  Ereignis,  aher  nicht  auf  Empedokles  selbst  geschlagene 
Münze  bespricht  Thiersch,  Epochen  der  bildenden  Kunst  unter  d.  Griechen,  2.  Aufl., 
München  1829  S.  425.     Vgl.  Weicker,  Kleine  Schriften  III,  Bonn  1850,  S.  43. 

*)  Vgl.  unten  Hippokrates :  de  vet.  med.,  de  nat.  hom.,  de  sem.  und  de  diaeta. 


176  Eobert  Fuchs. 

iiismen  entstammen  dem  Schlamme.  Mit  der  Anatomie  der  Tiere, 
besonders  des  Chamäleons  (z.  B.  bei  dem  angeblichen  Besuche  des 
Hippokrates),  hat  sich  Demokritos  viel  befasst.  Bezüglich  der  Sinne 
meinte  er,  sie  täuschten  jeden  in  anderer  Weise  über  die  Eigenschaften 
der  Dinge;  daher  sei  unser  Wissen  lückenhaft  und  unsicher.  Den 
Puls  (cphßoTiaUr])  kannte  er.  Namen  und  Wesen  der  Entzündung 
{cpltyf-iovi])  erklärte  er  durch  die  Anwesenheit  des  Schleimes  {(pleyiia). 
Er  sann  nach  über  Fieber  und  Seuchen ;  letztere  sollen  durch  das  Herab- 
fallen von  Himmelskörpertrümmern  verursacht  sein.  Die  Elephantiasis 
(sc.  Graecorum)  soll  er  allein  im  frühen  Altertum  gekannt,  beschrieben 
und  durch  das  Eindringen  zähen  Schleims  in  die  Hautadern  und 
Klumpigwerden  (d^goußovodai)  des  Blutes  erklärt  haben.  Dabei  fallen 
die  nekrotischen  Hauterhebungen  ab.  ^)  Wasserscheu  soll  auf  Nerven- 
entzündung beruhen.  Viele  Krankheiten  verschulden  die  Dämonen. 
Auch  der  Diätetik  wandte  er  seine  Aufmerksamkeit  zu.  In  der  Em- 
bryologie leistete  er  Bedeutendes.  Auch  er  glaubte  an  männlichen 
und  weiblichen  Samen;  je  nach  dem  Ueberwiegen  des  ersten  oder 
zweiten  entsteht  ein  Knabe  oder  Mädchen.  Der  Same  selbst  ist  der 
wirksamste  Bestandteil  des  Menschen  und  hat  am  Seelenfeuer  einen 
hervorragenden  Anteil.  Auch  die  Weiber  besitzen  ein  samenbildendes 
Organ,  Beim  Embryo  bildet  sich  zuerst  der  Nabel  als  Fruchthalter, 
dann  Kopf  und  Bauch,  schliesslich  die  inneren  Teile.  Frühzeitig 
spannen  sich  Sagen  und  Anekdoten  -)  um  den  sympathischen  Philosophen, 
und  Bölos  von  Mendes  vergrösserte  die  Verwirrung  durch  seine  be- 
kannte Schwindellitteratur.  Die  unter  des  Demokritos  Namen  gehen- 
den Werke  betreifen:  den  kleinen  Diakosmos;  die  Natur  des  Menschen; 
die  irjTQt'/.rj  yvw^nq  =  Aerztliche  Anschauung;-')  Sympathien  und  Anti- 
pathien;^) die  Anatomie  des  Chamäleons;  Seuchen;  Fieber;  Husten, 
Emprosthotonus,  •^)  Hundswut,  Elephantiasis,  *')  die  Epilepsie ; ')  Pro- 
gnostik; Diät,  Arzneimittel,  x«/(>o-/;fi)jza:  =  „Handfestes"  (magische 
Kräutermittel  und  Mittel  für  Tiere);  ntgl  ^vo(.iwv  r/  '/.oyiyaJv  y.avojv  = 
Ueber  Ehythmen  (d.  i.  über  die  Heilwirkung  der  Musik);  *)  Alchemie;  ^) 
Landwirtschaft.  Dass  Demokritos  auch  als  Arzt  thätig  gewesen  ist, 
lässt  sich  nach  dem  Schriftenkatalog  und  Zeugnis  des  Satyros  bei 
Diog.  Laert.  nicht  bestreiten.  Strittig  aber  ist,  mangels  einer  gründlich 
zusammenhängenden  Untei'suchung,  welche  Schriften  oder  welche  Ge- 
danken in  ihnen  echt  sind  oder  sein  können  (vgl.  Fabricius,  Bibl. 
Graeca  II  633  ff.  ed.  Harl.).    Die  Frage  kann  nur  nach  Sammlung  der 


1)  Fuchs,  Anecd.  med.  Graeca,  Rhein.  Mus.  XLIX  1894,  S.  557  f.! 

2)  Vgl.  Anon.  Lond.  37,  35  ff.  (Beckh-Spät  S.  60f.;  106  f.  =  Diög.  Laert.  IX 
43)  über  seinen  Tod.    Ueher  Demokritos  und  Hippokrates  s.  unten  Hippokrates. 

*)  Ueber  „Seelenheilkunde"  handelnd  nach  Gromperz,  Sitz.-Ber.  d.  Kais.  Ak. 
d.  Wiss.,  philos.-hist.  KL,  CXXII  S.  4,  Wien  1890,  der  es  für  echt  hält. 

*)  Unecht.  —  Der  pseudhippokratische  vofws  {=^  lex)  wird  bloss  von  v.  Wilamo- 
witz-MöUendorff,  und  zwar  ohne  Grund,  für  deniokritisch  angesehen  (Gom- 
perz  a.  a.  0.  CXX  1889,  S.  184). 

*)  Vielleicht  kein  selbständiges  Buch. 

•*)  Verworfen  von  Fredrich  a.  a.  0.,  S.  42  A.  2:  Wellmann,  Die  pneumat. 
Schule  bis  auf  Archigenes  u.  s.  w.,  Berlin  1895,  S.  25. 

"')  De  morbo  sacro  des  Hippokrates-Corpus  ist  dem  Demokritos  aus  thörichten 
Gründen  beigelegt  Avorden :  Nachweis  bei  Hippocr.  ed.  Ermerins  II  p.  XXX  f. 

*)  Gell.,  noct.  Att.  IV  13.  —  Rezepte  bei  Marcellus  Empiricus,  Serenus  u.  s.  w. 

**)  Die  in  dieses  abseits  gelegene  Gebiet  schlagenden  Pseudonyma  sind  noch 
längst  nicht  vollständig  zusammengebracht,  geschweige  abschliessend  behandelt. 
Vgl.  einstweilen  Oder,  Rhein.  Miis.  XLV  70 ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  177 

Pseudodemocritea  und  Vergleichung  mit  den  Bruchstücken  und  Zeug- 
nissen über  Demokritos  gelöst  werden;  denn  auf  Demokritos  fussen 
viele  Meinungen  späterer  Aerzte,  z.  B.  des  Asklepiades. 

Anaxagöras  aus  Klazomenai  in  Kleinasien  (etwa  500—428 
V.  Chr.)  setzte  an  die  Stelle  von  Urstoff  und  ürkraft  die  vernünftige 
Weltseele  (vovg),  die  die  physikalischen  Veränderungen  in  der  Welt 
regele.  Die  Masse  besteht  aus  unendlich  kleinen  und  vielen  unver- 
änderlichen, aber  teilbaren  Teilchen,  Gold  aus  solchen  Goldteilchen, 
Silber  aus  Silberteilchen  u.  s.  w,;  das  ist  die  später  so  benannte 
Homöomerientheorie.  Die  Lebewesen  stammen  aus  dem  Erdschlamme 
und  sind  von  dem  Geiste  erfüllt,  der  durch  die  unvollkommenen 
Sinnesorgane  die  Wahrnehmungen  geschehen  lässt.  Jede  Sinnes- 
thätigkeit  ist  mit  einer  Art  Schmerz  verbunden.  Der  Schlaf  ist  ein 
rein  körperlicher  Erholungsvorgang,  denn  die  Seele  ist  ja  in  den 
Traumbildern  thätig.  Das  Atmen  haben  die  Lebewesen  mit  den 
Pflanzen  gemein,  behauptete  Anaxagöras  als  Erster.  Er  beobachtete 
die  seitlichen  Ventrikel  des  Gehirns  und  fand,  dass  bei  einem  ein- 
hörnigen Bocke  nur  eine  Gehirnhöhle  vorhanden  war.  Die  Frucht 
wird  durch  die  dem  Samen  innewohnende  Wärme  erzeugt.  Den 
Samen  giebt  der  Mann,  das  Weib  nur  die  Stätte  zur  Umformung. 
Zuerst  bildet  sich  das  Gehirn.  Knaben  gehen  aus  dem  rechten  Hoden 
hervor  und  liegen  im  rechten  Uterushorne;  bei  den  Mädchen  ist  es 
umgekehrt.^)  Die  bedeutsamsten  akuten  Krankheiten  sind  durch  die 
Oallenverlagerung  auf  Lunge,  Adern,  Pleura  verursacht,')  worüber 
sich  die  Komiker  mehrfach  aufhielten.  Schwarze  und  gelbe  Galle 
wird  unterschieden.  Galenos  sieht  in  Anaxagöras  den  Vater  der 
Krisenlehre.  Sein  Schüler  Archeläos  von  Athen  suchte  Anschluss 
an  Anaximenes  und  Diogenes  und  sprach  von  2  Elementen,  Warm 
(Feuer)  und  Kalt  (Wasser),  wie  sie  in  dem  Urstoffe  Luft  vorlägen. 
Eine  Ausgestaltung  seiner  Lehre  ist  das  pseudhippokratische  Buch 
über  die  Diät  (de  victu);-)  ihr  folgte  auch  Petron  von  Aigina.  Die 
Atmungslehre  des  Anaxagöras  dehnte  Archelaos  auf  alle  Dinge  aus. 
Sonst  ist  uns  nichts  von  seinen  Anschauungen  überliefert. 

Anhangsweise  müssen  noch  kurz  die  Meinungen  der  Philosophen 
oder  Aerzte  verzeichnet  werden,  dei'en  Name  und  Theorie  wir  dem 
1891  nach  London  gebrachten  Anonj'mus  verdanken.  Herodikos 
von  Knidos,  wohl  älter  als  Alkamenes,  aber  jünger  als  Euryphon,  '^) 
erklärt  die  Krankheiten  durch  Nahrungsüberschüsse.  Die  Zustände 
hängen  von  der  Mischungsart  des  die  Nahrungsüberschüsse  bildenden 
saueren  und  bitteren  Saftes  ab  und  von  der  Stelle  und  der  Beschaffen- 
heit der  Stelle,  nach  welcher  sich  jene  Säfte  begeben.  Alkamenes 
von  Abydos  geht  auf  die  zum  Kopfe  aufsteigenden  und  von  ihm 
wieder  überallhin  versandten  Nahrungsüberschüsse  zurück.  Nach 
Timotheos  von  Metapontion  werden  die  Säfte  von  dem  gesunden 
Kopfe  richtig  verteilt ;  ist  er  aber  durch  Temperatur  oder  Verletzungen 
geschädigt,  so  verstopfen  sich  die  Durchgänge,  die  sich  im  Kopfe 
stauenden  Säfte  verwandeln  sich  in  salzige  und  scharfe  Flüssigkeit 
und  brechen  schliesslich  irgendwohin  durch;  je  nach  der  Beschaffenheit 
der  Stelle  richtet  sich  die  ausbrechende  Krankheit.    Ist  die  Luftröhre 


^)  Die  nämliche  Lehre  haben  die  Hippokratiker. 
-)  Tredrich  a.  a.  0.,  S.  129  f.;  138  ff. 
•■')  A.  a.  0.,  S.  34  f. 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  12 


178  Robert  Fuchs. 

betroifen,  so  erfolgt  der  Erstickungstod.  Abas  macht  die  Entleerungen 
des  Gehirns  nach  Nase,  Ohren,  Augen  und  Mund  verantwortlicli.  Bei 
geringer  Abgabe  ist  der  Mensch  gesund,  sonst  krank.  Aus  den 
Eeinigungen  entstehen  5  Katarrhe  (vgl.  meine  Hippokratesausgabe  I 
171  A.  6  zu  de  gland.  XI,  wo  7  Flüsse  vorkommen).  Herodikos 
von  Selymbria  nennt  die  Lebensweise  die  Ursache  der  Krankheiten. 
Gesundheit  liegt  vor,  wenn  das  richtige  Mass  Anstrengungen  und 
Schmerz  für  die  Verdauung  sorgen.  Heilmittel  ist  die  Arbeit.  Die 
Heilkunst  ist  die  „Anweisung  zu  naturgemässem  Leben".  Ninyas, 
der  Aegypter,  unterscheidet  angeborene  und  erworbene  Leiden.  Letz- 
tere entstehen  durch  die  Ueberschüsse  der  Nahrung,  die  im  Körper 
liegen  bleibt.  Thrasymächos  von  Sardeis  (Kardia  vermutet 
V.  Wilamowitz-Möllendorff)  beschuldigt  das  Blut,  das  durch 
Temperaturextreme  in  Schleim,  Galle  oder  Fäulnisstoif  umgewandelt 
wird.  Phaeitas^)  aus  Tenedos,  Arzt,  denkt  an  die  Ablagerung  der 
Flüssigkeiten  an  ungeeigneter  Stelle  und  an  Abgänge;  die  Stelle  ist 
lückenhaft. 

7.  Aeussere  Verhältnisse  des  Aerztestandes  im  Zeitalter  des 

Hippokrates. 

Unterricht.    Aerztliche  Werkstätten.     Honorar.    Amts- 
ärzte und  militärische  Aerzte. 

/.  Hecher,  Charikles,  Le'qiz.  1840,  II 89  ff.  —  2.  Bloch,  Zur  Gesch.  d.  wissensch. 
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ivickelg.  d.  Krankenpflege,  Bd.  I  Abt.  1  von  Liebe,  Jacobsohn  und  George  Meyer, 
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und  Jetzt  der  feldärztl.  Wirksamkeit.  Allg.  Wien.  med.  Ztg.  1872 ;  Geschichtl.  der 
Militärmedicin,  Militärärztl.  Zeitschr.,  Wien.  med.  Presse  1873;  Wegweiser  f.  d.  Er- 
forschung d.  militär-med.  Gesch.  d.  Alterth.  Ebda.  IX ;  Zur  Bücherkunde  d.  militär- 
medic.  Wiss.,  Berl.  1874;  Ein  militärärztl.  Blick  in  d.  morgenländ.  Altertimm.  Allg. 
militärärztl.  Zeitschr.,  Beilage  d.  Wien.  med.  Presse  1875;  Vierteljahrsschrift  f,  off. 
Gesundheitspfl.  1875;  Gedanken  ü.  d.  vorgeschichtl.  Entstehg.  u.  d.  weitere  Entwickelg. 
des  Beistandes  f.  die  im  Kriege  Verwund.  u.  Erkrankten.  Der  Feldarzt,  Beil.  d. 
Allg.  med.  Ztg.  1876;  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  1 1878,  27 ff.;  II 
1879,  395  ff. ;  Militärmedizin,  Braunschw.  1887;  Die  ältest.  Schussiounden,  Prag, 
med.  Wochschr.  1890;  Wien.  klin.  Wochschr.  VIII  1895,  S.  757  ff.;  üeber  d.  frei- 
will. Kriegskrankenpfl.  des  Alterth.  Ztschr.  f.  Krankenpfl.,  hrsg.  v.  Mendelsohn,  1895. 
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gerichtl.  Medicin,  Maschka's  Handbuch  d.  gerichtl.  Med.,  Prag  1880.  —  13.  ßlarctise. 
Das  Sanitätstoesen  in  d.  Heeren  d.  Alten,  München  1899  (s.  auch  Münch.  medic. 
Wochschr.  1899  Nr.  14).  —  14.  de  Matthaeis,  Infermerie  degli  antichi  e  lora 
differenze  dai  moderni  ospedali,  1830.  —  15.  3Ieissner-I>ieniev,  Die  Kranken- 
pflege im  Kriege  u.  d.  Hilfeleistung  d.  Frauen  v.  d.  ältest.  Zeiten  bis  z.  Vertrage 
von  Genf,  Samml.  gemeinnütz.  Vortr.,  Prag  1887.  —  16.  MolUere,  De  Vassistance 
aux  blesses  avantV  Organisation  des  armees  permanentes ;  Leservice  de  sante  militaire 
chez  les  Grecs  et  les  Romains,  Lyon  medical  1888.  —  17.  Monnier,  Hist.  de  Vassi- 


*)  Ich  stimme  von  Wilamowitz-Möllendorff  (Hermes  XXXIII  519)   be- 
züglich der  Schreibung  des  Namens  bei.    Phasilas  ist  verlesen. 


Gescliichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  179 

sfance  publ.  dans  les  femps  anc.  et  niod.,  2.  Aufl.,  Paris  1860.  —  18.  Xielli/,  Hyffiene 
navale,  son  histoire,  ses  progres,  Paris  1878.  —  19.  Oestet'leiiy  lieber  d.  früheste 
Eiitwickelg.  d.  gerichtl.  Medic,  Schmidts  Jahrbb.  CLXX  VI  1877.  —  20.  Ortolan, 
Debüts  de  la  medec.  legale  en  Europe  comme  institution  pratiqiie  et  conime  science, 
Gazette  medic.  de  Paris  1872.  —  21.  Pett'equin,  Du  transport  des  blesses  chez 
les  anciens  et  d' apres  les  poctes  grecs  et  lat.  Atm.  de  la  societe  de  medec.  d'Anvers 
1872.  —  22.  Piischninnn,  Gesch.  des  medic.  Unterrichts  n.  s.  tc,  Leipz.  1889.  — 
23.  ütingabey  Antiquites  Hclleniques  II,  Athenes  1855,  S.  35.  —  24.  Bittmannf 
Cultürgesch.  Xotizen  ü.  d.  Heerespfleqe  in  d.  Vorzeit,  Der  Feldarzt,  Beil.  d.  Allg. 
Wien.  med.  Ztg.  1880.  —  25.  Sancey,  Les  ambiilances  dans  Vhistoire,  Gazette  des 
hopitaux  1871.  —  26.  Max  ScInnidU  Allgem.  Umrisse  der  cidturgesch.  Entwickelg. 
d.  Hosjntalivesens  u.  d.  Krankenpflege,  Vortr.,  Gotha  1870.  —  27.  Tollet,  Les 
edifices  hospitaliers  depuis  leurs  origines  jusqu'ä  nos  jours,  2.  Aufl.,  Paris  1893.  — 
28.  Trepte,  Die  freiio.  Krankenpfl.  im  Kriege,  ihre  Gesch.  u.  ihre  Aufgabe,  Berl. 
1895.  —  29.  Triller,  Clinotechnica  viedico-antiquaria ;  s.  de  diversis  aegroiorum 
lectis  etc.,  Francof.  a.  M.  1774.  —  30.  Vercotttre,  La  medec.  publ.  dans  l'anti- 
quite  grecque,  Rev.  archeol.  XXXIX,  1880  S.  99  ff.  —  3L  WeUker,  Kleine 
Schriften,  Bonn  1850,  III.  —  32.  JVolzenflorff',  Die  Pflege  d.  Verwundeten  bei  d. 
Griechen,  Westermanns  illustr.  deutsche  Monatshefte  LXXI,  1892  S.  671. 

Ueber  keine  der  hier  zu  behandelnden  Fragen  besitzen  wir  Mono- 
graphien der  Alten.  Die  rein  zufälligen  Erwähnungen  in  den  Klassikern 
ergeben  daher  kein  vollständiges  oder  durchaus  zuverlässiges  Bild,  da 
Einzelheiten  verallgemeinert  werden  müssen  und  in  dem  unerbittlich 
engen  Rahmen  eines  Sammelwerkes  nicht  einmal  aufgezählt,  geschweige 
denn  beleuchtet  werden  können.  Der  Arzt,  der  auch  im  alten  Hellas 
hochgeehrt  w^ar,  bisweilen  jedoch  auch  herb  getadelt,  ja  verhöhnt 
wurde,  fuhrt  den  Namen  des  Heilenden,  iargög.  Er  gehört  zu  den 
örnuovqyoi,  den  gemeinnützigen  Handwerkern,  oder  er  ist  ör^fioauiiuv, 
ölfentlicher  Diener  (Hom.  Odyss.  XVII  383 f.;  Aristoph.  Acharn.  1222; 
vesp.  1432;  Strab.  IV  181).  Da  T«';fj^  Handwerk  und  Kunst  bedeutet, 
ist  er  zugleich  rexriTr^g,  xiiQOtiX^rjg.  Er  kann  empirisch  als  örjfuovQybg, 
kunstgerecht  als  dQxiTexwvr/.bg  =  Meister  oder  dilettantisch  als 
TTtTtaiöevi-ävog  =  „Kenner"  vorgebildet  sein  (Plat.  polit.  293;  Aristo t. 
polit.  III  11).  Erst  bei  Aristophanes  (Acharn.  1030)  bekommt  diquoouveiv 
(ßrii.iiovqy6g)  die  Bedeutung  des  Praktizierens  (Arztes)  schlechthin. 

Ursprünglich  wird  die  Unterweisung  der  Aerzte  in  der  Weise 
erfolgt  sein,  dass  der  Vater  oder  ein  älterer  Verwandter  den  Knaben 
belehrte  über  Bau  und  Funktionen  des  Körpers,  Arten  und  Ursachen 
der  Krankheiten,  allgemeine  philosophische  und  naturwissenschaftliche 
Erfahrungen  und  ihn  zum  Krankenbette  mitnahm.  So  würde  sich  die 
Fortpflanzung  der  ärztlichen  Lehre  in  dem  Asklepiadengeschlechte 
am  ungezwungensten  erklären.  Die  Genossenschaft  der  Asklepiaden, 
die  sich  zu  gemeinsamen  Opfern  und  religiösen  Familienfesten  zu  ver- 
einigen pflegte,  wird  aber  bald  Zuzug  von  Angehörigen  anderer 
Geschlechter  erhalten  haben,  teils  dadurch,  dass  sich  begeisterte  Freunde 
der  Heilkunde  um  die  Zulassung  bewarben,  teils  auch  dadurch,  dass 
sich  Unberechtigte  als  Asklepiaden  ausgaben  und  so  eindrängten.  Die 
keineswegs  zuverlässigen  Geschlechtsregister  sollten  wohl  lediglich  die 
Reinheit  der  Lehre  nach  aussen  hin  verbürgen.  Als  sich  die  Askle- 
piaden, deren  Benennung  nunmehr  den  Sinn  von  „ärztlichen  Zunft- 
genossen" erhält,  über  Hellas  verbreitet  hatten,  genügte  die  Ueber- 
tragung  der  Lehre  von  Vater  auf  Sohn  den  Bedürfnissen  nicht  mehr; 
man  nahm  geeignete  Bürgerssöhne  in  die  eigens  eingerichteten  Askle- 
piadenschulen  auf.  Auch  dieser  Unterricht  begann  in  früher  Jugend; 
die  Aufnahme  in  die  Zunft  selbst  erfolgte  aber  erst  nach  Vollendung 
der  Ausbildung  durch  einen  Eid  (Pseudhippocr.  iusiur.).    Der  Bewerber 

12* 


180  Kobert  Fuchs. 

verpflichtete  sich  in  diesem  Eide  zu  Pietät  geg-enüber  dem  Lehrer, 
Teilung-  von  Hab  und  Gut  mit  ihm,  wenn  er  dessen  bedarf,  geschwister- 
licher Liebe  zu  dessen  Nachkommen,  unentgeltlicher  Unterweisung 
dieser  in  der  Heilkunde,  Geheimhaltung  der  überkommenen  Lehre, 
diätetischen  Massnahmen  für  Kranke,  Fernhaltung  von  schädlichen 
Einflüssen,  Verabscheuung  tötlicher  Mittel  oder  gefährlicher  Ratschläge, 
Verwerfung  der  Abtreibung  und  des  Steinschnittes,  ^)  der  den 
„Handwerkern"  zukomme.  Er  versprach  ein  lauteres  Leben,  eine 
ebensolche  Kunstausübung,  Sittsamkeit  im  Verkehre  mit  Patientinnen 
und  Patienten  jeden  Standes  und  Wahrung  des  Amtsgeheimnisses. 
Eine  Prüfung  vor  der  Aufnahme  in  die  Innung  wird  nicht  erwähnt. 
Die  Eintragung  der  Geprüften  in  das  Geschlechtsregister  ist  sehr 
wahrscheinlich.  In  Athen  mussten  die  Bewerber  um  das  Aerzteamt 
der  Ekklesia  den  „Meister"  nachweisen,  bei  dem  sie  in  der  Lehre 
gewesen  waren  (Xenoph.,  memor.  IV  2,  5).  Die  öff'entlichen  Vor- 
lesungen, die  Pseudhippokrates  (praec.  12)  verwirft,  dienten  nicht  der 
sachlichen  Ausbildung,  sondern  waren,  wie  alle  Sophistenmache,  auf 
Geldgier  und  Ruhmsucht  zurückzuführen.  Diese  latrosophisten,  wie 
sie  später  genannt  werden,  waren  keine  Aerzte,  sondern  sprachen  nur 
über  Medizin.  Bisweilen  versteht  man  unter  latrosophisten  allerdings 
auch  Aerzte,  die  in  sophistischer  Weise  Betrachtungen  über  die  Heil- 
kunde anstellen  (Hippocr.  ed.  Ermerins  II  p.  LXXXVII).  Diese 
Sophisten  zogen  von  Stadt  zu  Stadt  und  sind  daher  mit  Tiegiodurai 
(==  Wandernde,  Wanderlehrer)  passend  bezeichnet  worden.-)  In  rein 
ärztlichem  Sinne  jedoch  sind  unter  Periodeuten  nicht  Aerzte  zu  ver- 
stehen, die,  wie  die  Quacksalber,  von  Stadt  zu  Stadt  zogen  (Häser, 
Brian,  Daremberg),  sondern  ansässige  Aerzte,  die  ihre  Patienten 
im  Herumgehen  von  Haus  zu  Haus  aufsuchten  (Kliniker),  im  Gegensatze 
zu  den  Chirurgen,  welche  in  der  Werkstätte  auf  Kunden  warteten.  •') 
Natürlich  konnte  das  Gewerbe  in  beiden  Formen  auch  von  einem  Ein- 
zigen ausgeübt  werden.  Solche  Periodeuten  sind  z.  B.  Demokedes, 
Hippokrates,  später  Alexandros  von  Tralleis  und  Paulos  von  Aigina. 
Nicht  bettlägerige  Patienten  kamen  in  die  iaxQela  =  largud 
(QyaazrJQia  oder  ärztlichen  Werkstätten,  um  sich  untersuchen, 
operieren  oder  mit  Arzneien  versehen  zu  lassen.  Es  waren  dieses  grosse, 
wohl  meist  an  den  Hauptstrassen  gelegene  Gebäude,  auch  Buden,  mit 
grossen  Thüren  und  dem  vollen  Tageslichte  zugänglich,  wie  sie  noch 
zur  Zeit  des  Galenos  den  städtischen  Aerzten  überlassen  wurden.^) 
Ein  Bibliotheksgebäude  in  Theben  (Aegypten)  hatte  die  Aufschrift 
^t^/jjs'  IctTQelov  (der  Seele  ärztliche  Werkstatt).  Die  Werkstätte  war 
vielfach  mit  der  Wohnung  des  Arztes  verbunden  und  mit  Kranken- 
zimmern für   die  Patienten   und   die   bedienenden   Sklaven  versehen. 


^)  Bei  dieser  Bedeutung  von  h&iäv  uiuss  man  stehen  bleiben.  Wer  „Kastration" 
vermutet,  muss  das  klare  Wort  mit  unsäglicher  Künstelei  umdeuten  und  das  be- 
kräftigende oviVt  uijv  seinem  Sinne  und  Gebrauche  entgegen  erläutern. 

")  Wenn  Häser,  3.  Aufl.,  I  87  f.  anmerkt,  dass  das  Substautivum  nicht  vor 
Athanas.  Alexandr.  homil.,  ed.  Paris.  1798  II  431:  433  belegt  sei,  so  vergisst  er, 
dass  eine  andere  Ableitung  schon  bei  Dioskurides  vorkommt.  Nebenbei  sei  bemerkt, 
dass  jene  Sitte  noch  heute  in  Griechenland  besteht  (Häser  a.  a.  0.). 

■'')  L  Ö  AV  e  n  f  e  1  d  ,  Eiy.oairciPxaeTriols  rov  'EXXriviycov  fpiloloyiy.ov  EvXXoyov 
S.  338;  342. 

*)  XVIII,  II  629  if.  Vgl.  Aeschin.  adv.  Timarch.  19:  50;  Aristoph.  Acharn. 
1030:  Epictet.  III  23,  27  ff. :  Lucian.  adv.  indoct.  29;  Macrob.  Saturn.  VII  16;  Plat. 
leg.  1 14;  polit.  III 13  f.  —  Hippocrate  par  Littre  II  604;  III  272  ff.;  V  25;  IX  206 ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  181 

Die  Wohlhabenden  konnten  dort  ihre  völlige  Genesung  nach  der 
Operation  abwarten,  wie  heute  in  den  Privatkliniken.  Die  Zahl  der 
IcuQda  hing  von  der  der  Krankheitsfälle  ab.  Zu  der  unentbehrlichen 
Ausstattung  gehörten  nach  Pollux  (onomast.  X  46;  149):  kupferne 
Badewannen,  Salben-  und  Arzneibüchsen,  Schröpfköpfe,  Bougies.  Gestelle, 
Skalpelle,  Pinsel,  Ohrlöffel,  Scheeren,  Ohrensonden  und  andere  Soliden, 
Zahnbürsten  und  -Zangen,  Schüsseln,  Schwämme,  Binden,  Kompressen, 
Verbandzeug,  Fusshalter  (zum  Fixieren  bei  der  Operation),  Klystier- 
spritzen.  Der  Verfasser  der  hippokratischen  Schrift  de  medico  tadelt 
die  Benutzung  von  kupfernen  Geräten  neben  den  Instrumenten  und 
pomphafte  Binden,  denn  der  Kranke  suche  nicht  Putz,  sondern  Hilfe.^) 
In  den  Aerztebuden  trieben  sich  aber  auch  oft  Neugierige.  Possen- 
reisser  und  Schmähsüchtige  herum,  die  Demochäres,  des  Demosthenes 
Neffe,  witzig  „Dysmeniden"  nannte  (Aelian.  var.  hist.  III  7).  Dem 
Arzte  standen  lernende  Gehilfen  zur  Seite,  vnrjohai,  t^ia^rjxai.  Sie  werden 
nicht  selten  mit  dem  blossen  Artikel  bezeichnet.  Es  ist  wahrscheinlich, 
dass  diese  nur  geringe  Leute  und  Sklaven  selbständig  behandelten 
und  nicht  selten  quälten.  Die  Sklaven,  öovloi,  bedienten  auf  Geheiss 
ihren  Herrn,  legten  wohl  auch  nach  dessen  Anweisung  mit  Hand  an, 
durften  aber  von  sich  aus  nur  Unfreie  behandeln.  Der  freie  Arzt 
kurierte  jedermann.  Den  Frauen  war  das  Heilgewerbe  verschlossen; 
ihr  Einfluss  beschränkte  sich  auf  Katschläge  und  Beistand  in  der 
Familie,  namentlich  bei  Geburten.  Gingen  die  Aerzte  auf  Reisen,  so 
führten  sie  einfachere  Hilfsmittel  für  den  Handgebrauch  mit  sich, 
also  wohl  Charpie  und  Verbandzeug,  Abführ-  und  Brechmittel  sowie 
Instrumente.  -)  Vorschriften  über  das  Benehmen  und  die  Deontologie 
überhaupt  sind  in  den  hippokratischen  Schriften  de  medico,  de  hab. 
dec.  und  praec.  gegeben;  sie  sind  teilweise  naiv  (z.  B.  Reden  in  Sen- 
tenzen, Wohlbeleibtheit  des  Arztes).  Spezialärzte  gab  es  nicht,  Avenn- 
gleich  natürlich  der  einzelne  Arzt  in  bestimmten  Hantierungen  geübter 
gewesen  sein  mag  als  in  anderen  (Cic.  de  orat.  III  33). 

Das  Honorar  bestand  ursprünglich  stets  und  später  gelegentlich 
in  Geschenken.  Sonst  hätte  die  Sage  nicht  entstehen  können,  dass 
Zeus  den  Asklepios  mit  dem  Blitze  erschlug,  weil  er  Geld  nahm.  In 
hippokratischen  Zeiten  war  die  Bezahlung  durch  Geld  {/utoi^ög)  bereits 
eingebürgert.  Bei  staatlichen  Aerzten  bezahlten  die  Bedürftigen  sicher 
kein  Honorar.  Bei  den  Wohlhabenden  ist  das  Gegenteil  anzunehmen ; 
denn  sonst  wären  die  Auszeichnungen,  das  öffentliche  Lob,  der  Ehren- 
kranz und  das  Bürgerrecht,  die  dem  Euenor  wegen  Ueberwachung  der 
Arzneibereitung  für  das  öffentliche  iatQtlov  in  Athen,  wegen  Stiftung 
einer  grossen  Summe  aus  eigenen  Mitteln  und  wegen  unentgelt- 
licher Behandlung  Kranker  zuerkannt  worden  sind,  nur  hin- 
sichtlich der  beiden  ersten  Thaten  begründet.  In  der  hippokratischen 
Schrift  praec,  Kap,  IV  (bei  mir  I  58  f.)  wird  geraten,  mit  der 
Honorarfrage  nicht  anzufangen,  weil  sonst  der  Kranke  glauben  Avürde, 
dass  man  ihn  im  Stiche  lassen  werde,  wenn  er  nicht  alles  bewillige. 
Besonders  sei  Aufregung  über  den  Geldpunkt  bei  solchen  zu  befürchten. 


^)  Hippocr.,  de  offic.  med.  giebt  weitere  ansführliche  Auskunft  über  alle  diese 
Fragen.    Die  Charlataue  kennzeichnet  Welcker  (a.  a.  0.,  S.  227  ff.) 

^}  Vgl.  Pseudhippocr.  de  hab.  dec.  8.  Kästchen  mit  Bestecken  haben  sich  er- 
halten: vgl.  Guhl  und  Kon  er,  Das  Leben  d.  Griech.  u.  Rom.,  Berl.  1862,  II  297; 
Jahn,  Annal.  d.  Vereins  f.  nassauische  Alterthumsk.  u.  Gesch.  VI,  1859;  Aaun^ög, 
Ueol  aixvcji^  xal  aixvdascos  Tcaoa  rols  doxaiois,  lAd'/jvTjat  1895  (Reliefs). 


182  Eobert  Fuchs. 

die  an  einer  akuten  Krankheit  litten. ')  „Besser  ist  es,  denen,  welche 
davong-ekommen  sind,  Vorwürfe  zu  machen,  als  diejenigen,  welche  in 
Gefahr  schweben,  im  Voraus  gehörig  auszuschnäuzen".  Daraus  schliesse 
ich,  dass  die  vorherige  Forderung  von  Honorar  zum  mindesten  zu- 
lässig war.  Im  übrigen  sollte  sich  das  Honorar  nach  den  Vermögens- 
verhältnissen des  Patienten  richten.  Im  Asklepieion  zu  Epidauros 
und  wohl  auch  sonst  stand  die  Höhe  der  nach  glücklicher  Kur  zu 
zahlenden  Summe  CiaTQo)  im  Belieben  des  Patienten.  Der  Bademeister, 
der  nicht  zugezogen  worden  war,  erhält  z.  B.  1  'Atrurj  ==  1  Drachme  = 
etwa  72  Pf.  Trinkgeld.  ^)  Der  Gott  fordert  die  Bezahlung  mit  den 
Worten:  „Geheilt  bist  du;  nun  musst  du  aber  das  Honorar  bezahlen!" 
Als  Gegenleistung  oder  Teil  einer  solchen  wurde  auch  die  Aufzeichnung 
der  Krankengeschichte  auf  Stein  oder  Metall  mit  Lobpreisungen  auf 
den  Gott  angesehen.  Was  die  Höhe  der  Honorare  anlangt,  so  sind 
uns  nur  die  Maxima  überliefert;  aber  so  hohe  runde  Summen  sind 
immer  misstrauisch  zu  betrachten.  Andererseits  sind  die  Minimal- 
angaben des  Krates  von  Theben  •^)  (1  ögay^irj  =  etwa  72  Pf,  für  den 
Gang)  und  des  Aristophanes  (Plut.  407  f.  „gar  nichts")  nicht  ernst 
gemeint;  denn  bei  jenem  ist  der  satirische  Ton  der  Stelle,  bei  diesem 
die  komische  Uebertreibung  nach  unten  unverkennbar.  Die  Bezahlung 
erfolgte  bei  staatlichen  Aerzten  jährlich  (Herod.  III  131)  und  wurde 
durch  die  Steuer  mit  gedeckt.*) 

Demokedes  erhielt  in  Aigina  im  2.  Jahre  seiner  Praxis  1  aigi- 
netisches  Talent  ==  etwa  6522  J(,  im  3.  Jahre  in  Athen  100  attische 
Minen  =  etwa  7800  ^,  im  4.  Jahre  von  Polykrätes  von  Samos 
2  Talente  (Herod.  a.  a.  0.).  Bei  Dareios  erhielt  er  für  die  Ein- 
richtung des  luxierten  Beines  zunächst  ein  paar  goldene  Fesseln,  später 
aber,  da  er  dem  Grosskönige  Undank  vorwarf,  ein  reich  ausgestattetes 
Haus  und  Gastrecht  an  dem  Tische  des  Königs.  Ehrendekrete. 
goldene  Kränze,  ölf entliches  Lob,  Bürgerrecht,  Dotation  und  Steuer- 
freiheit (letzteres  beides  z.  B.  bei  Onasilos)  wurden  Aerzten  vielfach 
zuerkannt.  Nach  Diod.  Sicul.  IV  71  fassten  ja  schon  die  Eroberer 
Trojas  einen  Ateliebeschluss  zu  Ehren  von  Podaleirios  und  Machaon, 
Kleombrötos  soll  für  die  Heilung  des  Antiochos  I.  von  Seleukos 
100  attische  Talente  =  rund  470000  J^  erhalten  haben  (Plin.,  bist, 
nat.  VII  37,  123). 

Staatliche  Aerzte^)  gab  es  zu  Hippokrates'  Zeiten  schon 
längst,  gewiss  auch  in  den  Gymnasien.  Die  grossartige  Einrichtung 
des  iaxQüov  (de  off.  med.)  weist  auf  staatliche  Unterhaltung  hin.  ■^) 
Für  Kos  werden  uns  ferner  staatliche  Aerzte  durch  Inschriften  bezeugt.'*) 
Eine  Steuer,  iargc^öv,  deckte  auch  da  die  persönlichen  und  sächlichen 
Ausgaben,  z.  B.  in  Delphoi.  ^)    Dass  vor  Charondas  (7.  Jahrh.  v.  Chr.) 


^)  Rosen  bäum,  Pabst's  Allgem.  med.  Zeitg.  1838  Nr.  78:  vgl.  Bentley, 
Phalarideae  XIX  =  übers,  v.  Ribbeck  527  ff. 

^)  V.  Wilamowitz-Möllendorf  f ,  Isyllos  von  Epidauros.  Philol.  Untersuch. 
IX.  Heft,  Berl.  1886,  S.  122. 

")  Bei  Diog.  Laert.  VI  5,  86.  S.  auch  Iwan  Müller,  Handb.  d.  klass.  Altert - 
Wiss.,  1.  Aufl.,  VIS.  111  A.  1.  Die  Summe  ist  im  Vergleiche  zu  allen  anderen 
Lebensbedürfnissen  und  zu  den  heutigen  Verhältnissen  sehr  übertrieben. 

*)  Inschrift  in  den  Archives  des  missions  scientif.  et  litter.,  2«  serie,  Paris  1865, 
II  218  f.  no  16. 

*)  Herzog,  Koische  Forschungen  und  Funde,  Leipz.  1899  S.  204  ff. 

*)  Paton  and  Hicks,  Inscriptions  of  Cos,  Oxford  1891,  5;  344. 

■)  Curtius.    Götting.  gel.  Anzeigen  1864  S.  1226;   Perrot,  Guillaume  et 


G-escMchte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  183 

in  Tliurioi  (Lucanien)  die  Bürger  durch  Amtsärzte  gratis  behandelt 
wurden,  bezeugt  Diod.  Sic.  XII  13,  4;  denn  Charondas  nahm  diese 
Bestimmung  in  seine  Gesetzgebung  herüber.  Derselbe  Gedanke  wird 
auch  dem  Demokritos  zugeschrieben  (Pseudhippocr.  epist.  XXII  2). 
In  einer  Inschrift  von  Teos  wird  bei  einer  Einverleibung  den  neuen 
Bürgern  jede  Steuer  mit  Ausnahme  der  Aerztesteuer  auf  10  Jahre 
erlassen.  ^)  An  das  koische  egyaoTr^oiov  gliederte  sich  das  Asklepieion 
an.  In  Epidauros  wurden  Zimmer  für  Patienten  ausgegraben.  Da  die 
meisten  Besucher  Fremde  waren,  die  natürlich  bezahlen  mussten,  wurde 
der  Staat  sehr  entlastet.  Dass  aber  Thasos  keine  largela  gehabt  habe, 
weil  in  den  hippokratischen  „Epidemien"  Privatwohnungen  angegeben 
werden,  ist  keine  zwingende  Folgerung  Herzogs  ( a.  a.  0.,  S.  207  A.  3). 
Zu  den  Obliegenheiten  der  Amtsärzte  gehörten  vermutlich  ausser  der 
Behandlung  der  Armen  die  Leitung  bei  der  Bekämpfung  von  Seuchen 
und  Sachverständigengutachten ;  -)  die  gerichtlichen  Funktionen  aber, 
die  Bloch  •^)  aus  Papyri  mitteilt,  scheinen  lediglich  auf  römisch-ägyp- 
tischen Gesetzesbestimmungen  zu  beruhen. 

Militärärzte  wurden  in  den  homerischen  Gedichten  bereits 
nachgewiesen  (s.  Kap.  4).  Dieser  Gebrauch  erhielt  sich  für  die  Folge- 
zeit, denn  Solon  sorgte  für  die  staatliche  Pflege  verwundeter  Krieger 
(Plut.  Sol.  XXXI  4).  Aristeides  (orat.  Panathen.)  berichtet,  dass  für 
die  Verwundeten  in  Athen  ein  einziges  Krankenhaus  hergerichtet 
gewesen  sei;  aber  ein  so  gew^altiges  Lazaret  wird  es  schwerlich  ge- 
geben haben.  Wenn  auch  Thukydides  hierüber  keine  Belehrung  bringt, 
so  bezeugt  doch  Xenophon  für  das  Heer  der  10000  verschiedentlich 
das  Vorhandensein  von  Militärärzten;  z.  B.  anab.  I  8,  26  behandelt 
Ktesias  die  Wunde  im  Thorax  des  Artaxerxes;  III  4,  30  wird  be- 
richtet, wie  beim  Marsche  in  gebirgiger  Gegend  viele  Griechen  ver- 
wundet wurden  und  deshalb  im  nächsten  Quartier  3  Tage  Rast  ge- 
macht wird,  damit  die  Aerzte  ihres  Amtes  walten  können;  VII  2,  6 
werden  die  Soldaten  zur  Pflege  in  Privathäusern  untergebracht.  Auch 
in  der  Cyrop.  (z.  B.  I  6,  15)  wird  bezüglich  des  Heeres  der  Perser 
und  Griechen  Aehnliches  berichtet ;  es  werden  da  sogar  die  verwundeten 
Feinde  mit  behandelt.  Im  alten  Sparta  befanden  sich  gleichfalls 
Wahrsager,  Aerzte  und  Flötenspieler  als  Nichtkämpfer  bei  den  Heeren. 
Sie  genossen  Bürgerrecht  und  waren  in  gemeinsamen  Zelten  unter- 
gebracht.*) Onasilos  leistete  im  Kriege  von  Idalion  gegen  die  Perser 
und  Kitier  militärärztliche  Dienste  (Ende  des  5.  oder  Anfang  des 
4.  Jahrh.  v.  Chr.).  In  der  Schrift  des  Corpus  Hippocraticum  de  medico 
ist  das  letzte,  14.,  Kapitel  der  Kriegschirurgie  gewidmet.  Es  wird  da 
nur  das  Herausziehen  von  Geschossen  erwähnt,  das  in  Städten  selten 
vorkomme.  Darum  müsse  der  Feldscher  die  Heere  nach  auswärts  be- 
gleiten, um  in  seinem  Fache  tüchtig  zu  werden. '^)  In  den  unter- 
geschobenen Schriften  (de  legat.  Littre  IX  423)  berät  die  Ekklesia  vor 

Delbet,  Exploration  archeol.  de  la  Galatie  et  de  la  Bithynie,  Paris  1862;  Wescher 
et  Foncart,  Inscriptions  recueillies  ä  Delphes,  Paris  1863,  Nr.  16. 

^)  Zeit:  etwa  305  v.  Chr.    S.  Athen.  MittheU.  XVI  292. 

2)  lieber  einen  griech.  Pap.  forensisch-medic.  Inhalts.  AUg.  medic.  Centr.-Ztg. 
LXVIII,  1899  Nr.  46 f.  Vgl.  Iwan  v.  Müller,  Handb.  d.  klass.  Altertums-Wiss.  IV  1, 
2.  Aufl.,  1893  S.  206. 

»)  Vgl.  Demosth.  II  216  Schäfer. 

*)  Xen.  resp.  Laced.  XIII  7  =  scripta  minora  ed.  Dindorf,  Lips.  1824   S.  142. 

^)  Ecker,  Animadversiones  in  locnm  Hippocratis  tteqI  irir^ov  etc.,  Frib.  Brisg. 
1829,  S.  91f. 


184  Robert  Fuchs. 

der  Ausrüstung  der  Expedition  des  Alkibiädes  nach  Sicilien  darüber,  ob 
es  nötig  sei,  einen  Marinearzt  mitzugeben.  Hippokrates  sagt  zu,  seinen 
Sohn  Thessälos  aus  freien  Stücken  mitzuschicken.  Schon  aus  der 
Erwähnung  eines  einzigen  Arztes  ist  die  Unkenntnis  des  Fälschers 
zu  erkennen.  Dass  es  aber  sogar  eine  militärmedizinische  Litteratur 
zu  des  Hippokrates  Zeiten  gegeben  hat,  erhebt  die  Verweisung  im 
letzten  Satze  von  de  medico  über  allen  Zweifel.  Eine  besondere  Strafe 
für  Pflichtverletzungen  amtlicher  Aerzte  scheint  es  nicht  gegeben  zu 
haben ;  wenigstens  heisst  es  in  der  pseudhippokratischen  Schrift  lex  1 : 
„allein  für  die  ärztliche  Kunst  ist  in  den  Staaten  keinerlei  Strafe  fest- 
gesetzt ausser  der  Verachtung",  vor  deren  schweren  Folgen  wieder- 
holt gewarnt  wird. 

8.  Gymnasien  und  Gymnasten. 

1.  Basindes,  De  vetenim  Graec.  gymnastice,  Berol.  18o8.  —  2.  JBecker, 
Charikles,  Leipz.  1840;  1854  u.  ö.  —  3.  Hintz,  Die  Gymnastik  d.  Hellenen,  Güters- 
loh 1877  {mit  Litteratur).  —  4.  Depping,  Körperkraft  u.  Geschicklichk.  des 
Menschen.  Hist.  Darstell,  d.  Leibesübungen  b.  d.  alt.  u.  neuer.  Völkern.  Deutsch 
von  Springer.  2.  Aufl.,  Minden  1882.  —  5.  Grusherger,  Erziehg.  u.  Unterr.  im 
Mass.  Alterth.  u.  s.  iv.  1 1 :  Die  Knabenspiele,  Würzb.  1864.  —  6.  K.  F.  Her- 
niann,  Lehrb.  d.  griech.  Antiquitäten,  bearb.  v.  Blümner,  IV,  Freiburg  1882.  — 
7.  Hüppe,  lieber  antike  u.  mod.  Gymnastik,  Prag  1900.  —  8.  Fr.  tTacobs,  Ver- 
mischte Schriften  Bd.  III;  VIII,  Leipz.  1823  ff.  —  9.  Jäger,  Die  Gymnastik 
der  Hellenen,  2.  Aufl.,  Stuttg.  1881.  —  10.  Jüthner,  lieber  antike  Ttirngeräthe. 
Abh.  des  archäolog.-epigraph.  Seminares  der  Univ.  Wien.  Hrsg.  v.  Benndorf  u. 
Bormann,  XII,  Wien  1896.  —  11.  J.  H.  Krause,  Die  Gymnastik  u.  Agonistik 
d.  Hellenen  u.  s.  w.,  2.  Aufl.,  Leipz.  1841  ff.,  3  Bb.  —  12.  MercurUilis,  De  arte 
gymnast.  libri  VI,  Venet.  1672. 

Im  Mittelpunkte  des  griechischen  Lebens  stand  und  gleich  wichtig 
für  die  Entwicklung  der  Kunst  wie  der  Chirurgie  war  die  körper- 
liche Bewegung  in  der  Palästra  oder  dem  Gymnasion.  In  den  ärztlichen 
Schriften  ist  ein  Unterschied  in  der  Bedeutung  beider  Worte  nicht 
zu  erkennen,  und  für  andere  Schriften  ist  ein  solcher  wenigstens  noch 
nicht  einwandfrei  erwiesen.  Jedenfalls  findet  sich  in  den  erhaltenen 
ärztlichen  Texten  und  ihren  Erklärungsschriften  vorwiegend  die  Be- 
zeichnung Palästra  =  Eingschule.^)  Der  Zweck  der  Turnanstalten  war 
die  Erziehung  tüchtiger  Bürger  und  abgehärteter  Krieger.  Piaton 
fasst  das  Ziel  der  körperlichen  Ausbildung  zusammen  in  die  Worte: 
Unterweisung  der  Knaben,  Erhaltung  der  Gesundheit  der  Erwachsenen 
und  gute  Körperverfassung  (eve^ia)  aller.  Lukianos  (Anacharsis  s.  de 
gymnasiis)  legt  Solon  eine  begeisterte  Lobpreisung  der  Palästra  in 
den  Mund;  das  Turnen  stähle  den  Körper,  bereite  zum  W^aflfendienste 
vor  und  erwecke  den  Ehrgeiz  der  wetteifernden  jugendlichen  Kämpfer.^) 
Gleiche  Anerkennung  widmen  den  Leibesübungen  Pseudoplutarchos 
(TTsgl  aaxijaeiüg)  und  Philostratos ,  tvsqI  yvf.ivaoxr/.fß  (ed.  Daremberg, 
Paris  1858).''')  Wenn  dem  gegenüber  scharfe  Verurteilungen  laut  ge- 
worden sind,  so  liegt  das  an  der  früh  auftretenden  einseitigen  Ueber- 


^)  Kühle  wein,  Die  chir.  Schriften  des  Hippokrates.  Jahresb.  ü.  d.  Kgl.  Kloster- 
schnle  zu  Ilfeld,  Nordhausen  1898. 

2)  Heinz e,  Anacharsis.    Philologrus  L  =  N.  F.  IV,  1891  S.  458 ff. 

^)  H  ä  s  e  r ,  Canstatt's  Jahresber.  1858 ;  C  o  b  e  t ,  De  Philostrati  libello  tt.  y.  recens 
reperto,  Lugd.  Bat.  1859;  Flavii  Philostrati  opera  ed.  Kayser,  Lips.  1870;  Jessen, 
Apollonius  von  Tyana  u.  sein  Biograph  Philostratus,  Homburg  1885;  Fertig,  De 
Philostratis  sophistis,  Bamberg  1894. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  185 

treibung  der  Uebungen  in  das  Athletenhafte.  Hiergegen  wenden  sich 
die  scharfen  Tadelworte  des  Pseudhippokrates  (de  diaeta  I  24),  eines 
Tyrtaios  (XII  Iff.),  Xenophänes  (el.  2),  Euripides,  der  im  Autolykos 
(fragm.  282  Xauck)  sang:  „Denn  obwohl  es  unzählige  Nichtsnutzein 
Hellas  giebt,  so  ist  doch  nichts  nichtsnutziger  als  der  Athleten  Sipp- 
schaft" (Athen.  X  413 f.).  Auch  Isokrätes  (paneg.)  klagt,  dass  man 
die  Athleten  mehr  feiere  als  die  Geisteshelden.  Am  meisten  aber 
höhnten  die  stets  zu  kränkenden  Worten  aufgelegten  Kyniker.  Bei 
Dion  Chrysostömos  (orat.  XXXII  44)  nennt  Anacharsis  das  Gym- 
nasion  eine  Stätte,  wo  sich  täglich  die  Tollheit  tummelt,  und  Sparta 
als  Pflegestätte  der  Körperstählung  wird  wie  ein  Tollhaus  angesehen 
(Lucian.  Anacharsis  39,  cf.  5;  Diog.  Laert.  I  104  u.  a.).  Und  doch 
ist  das  Gymnasion  der  Born,  aus  dem  das  Griechentum  in  der  guten 
Zeit  seine  Lebenskraft  und  seine  Widerstandsfähigkeit  gegen  die  von 
aussen  anstürmenden  Mächte  stets  von  neuem  schöpfte,  und  selbst  so 
verdammenswerte  Auswüchse  wie  die  im  Gj'mnasion  erzeugte  Päderastie 
vermochten  der  kraftvollen  Förderung  der  Volksgesundheit  nur  in 
Ausnahmefällen  Abbruch  zu  thun. 

Uns  aber  beschäftigt  nur  die  ärztliche  Seite  dieser  Einrichtung. 
Durch  den  Anblick  der  nackten  Kämpfer,  deren  Stellung  stets  wechselte, 
wurde  zunächst  die  Kenntnis  des  Körperbaues,  also  ein  Teil  der  Ana- 
tomie, wesentlich  gefördert.  Während  die  Faust-  und  Ringkämpfer 
im  heroischen  Zeitalter  noch  den  Schurz  {TtsQiUof^a)  trugen,  erschienen 
sie  von  der  15.  Olympiade  (etwa  720  v.  Chr.)  an  völlig  unbekleidet. 
Sodann  wurde  der  Sinn  für  alles  das,  was  den  Körper  besonders  schön 
und  leistungsfähig  macht,  gestärkt,  also  für  Diätetik  (z.  B.  Entfettung) 
und  Hygiene.  Endlich  aber  wurde  die  Kenntnis  der  Chirurgie  fast 
täglich  vermehrt.  In  den  Gymnasien  ging  es  ja  nicht  ohne  leichte 
und  schwere  Verletzungen  ab ;  so  kamen  häufig  vor :  Verletzungen  von 
Augen,  Ohren,  Nase,  Zähnen,  Kiefern,  Luxationen  und  Knochenbrüche 
aller  Art.  Die  „gebrochenen  Ohren"  sind  das  Merkmal  des  Faust- 
kampfes (Plat.  Protag.  342 Bf.;  Gorg.  515  E);  die  Ohrenkappe  {äucpwzig) 
schwächte  die  gegen  den  Kopf  geführten  Schläge  kaum  ab.  Der  Faust- 
kämpfer Androleos  kam  um  Ohr  und  Auge.^)  Stratöphon  kann  kein 
Hund  mehr  erkennen.^)  Olj'mpikos  verliert  Augen,  Ohren,  Kinn, 
Brauen  und  Nase  und  seinen  Prozess  obendrein,  weil  er  dem  vorge- 
wiesenen Bilde  nicht  gleicht.^)  Aulus  aber  weiht  Zeus  die  Hirnschale 
und  verspricht  für  später  die  noch  erhaltenen  Wirbel.^)  Sind  hier 
auch  Uebertreibungen  untergelaufen,  so  bestätigen  doch  die  chirurgi- 
schen Hippocratica,  dass  das  Bild  im  ganzen  zutrifft  (de  artic.  repos. 
4;  47).  Auch  der  Kunstausdruck  oxüa&ai  (die  Hand  schnell  aus  der 
einen  in  eine  andere  Lage  bringen;  a.  a.  0.  30  vgl.  mit  Küh lewein 
a.  a.  0.)  ging  in  der  Bedeutung  „sich  in  einfacher  AVeise  luxieren" 
in  die  Fachsprache  über.  Das  Gj'mnasion,  das  vielfach  als  Fortbil- 
dungsaustalt  für  die  Knaben  bezeichnet  wird,  untersteht  dem  Gymnasi- 
arches,  den  der  Xystarches  in  der  Leitung  unterstützt.  Die  Vorturner 
oder  Leiter  der  einzelnen  Uebungen  sind  die  Gymnasten  {yvfxvaaxai, 
inioxdtai).  Als  Wächter  über  das  Salben  erhalten  sie  den  Namen 
eines  {iaTQ)alELn%r^g  und  als  Ratgeber  in  diätetischen  und  hygienischen 
Fragen  den  eines  tmqög,  vyieivög.    Die  Kinder  wurden  von  dem  staat- 


^)  Anthologia  Graeca  ed.  Jacobs  V  8;  7:  9;   13  =  Brnnck,   Analecta  11  319 
Nr.  13;  12;  320  Nr.  17;  317  Nr.  2. 


186  Robert  Fuchs. 

liehen  oder  privaten  Turnlehrer,  fcaiöorglßi^g,  unterwiesen.  Die  2  Turn- 
lehrer von  Teos  bezogen  je  500  Drachmen  =  etwa  360  J6  Jahres- 
gehalt. In  Athen  wählte  die  Ekklesia  den  Koafn]zr]g  als  Aufsichts- 
beamten und  Hess  durch  ihn  2  gymnastische  Pädotriben  und  4  Waffen- 
lehrer für  die  Epheben  berufen.  Der  aiocpQovLOTi]^,  von  der  Phyle  ge- 
wählt, übte  die  Zucht  und  führte  die  Hausverwaltung. 

Die  Arten  der  Gymnastik  bei  den  Knaben  umfassten  Turnen, 
Fechten,  Taktik,  Speerwurf,  Bogen-  und  Katapeltenschiessen,  Schleudern, 
Eingen,  Schwimmen,  Lauf  u.  s.  w.  Der  Lauf  ^)  (ögöinog)  ist  entweder 
geradlinig  oder  kreisförmig.  Der  diavlog  =  Doppellauf  beträgt  2  Stadien 
==  354,8  m  und  geht  zum  Ziele  und  wieder  zurück.  Beim  Reifenlaufe 
wird  der  Reifen,  tQoyög,  mit  dem  Stabe,  ilarriq^  getrieben.  Armheben 
ist  das  Vorspiel  zum  Faustkampfe,  doch  auch  eine  Einzelübung.  Es 
findet  seine  Krone  im  Kampfe  gegen  den  fingierten  Gegner,  o/cia/naxia 
(Dio  Chrys.  a.  a.  0.).  Gerungen  {Ttalauiv)  wird  entweder  so,  dass  sich 
der  Geworfene  wieder  zu  erheben  sucht,  oder  es  wird  im  Liegen 
(ä'/Jvöi^oLg,  '/.vliGig  =  das  Sichwälzen)  weiter  gekämpft.  Der  Finger- 
kampf, äxQoxeiQirj,  bezweckt,  den  Gegner  durch  Quetschen  und  Zer- 
brechen der  Hand  zu  überwinden.  Rohe  Finten,  wie  Gliederver- 
renkung, Beinstellen,  Würgen,  und  auch  die  ausweichenden  Wendungen 
waren,  wenn  überhaupt,  dann  nur  im  Anfangsunterrichte  verpönt. 
Beim  Sackkampfe  (y.coQvy.oinayJa)  wird  ein  mit  Feigenkörnern,  Mehl  oder 
Sand  gefüllter  und  über  dem  Kämpfer  befestigter  Sack  mit  den  Händen 
hin-  und  herbewegt.  Als  Nebenübungen  werden  genannt :  Spaziergang, 
Ritt,.  Schütteln  des  Körpers  {7TaQäaeio(.ia).  Reiben  (rglipig),  Finger- 
bewegung {x^igovo/iurj),  Atemanhalten.  Aus  sonstigen  Quellen  kennen 
wir  noch  den  Diskoswurf  (Metallscheibe,  bis  an  die  Armbeuge  reichend 
und  mit  dem  Unterarme  geschleudert)  und  die  Stimmübungen  zur 
Kräftigung  der  Brust.-)  Vor  den  mit  Entblössung  verbundenen 
Uebungen  wurde  der  Körper  mit  Olivenöl  eingerieben.  Die  durch 
Schmutz,  Staub,  Sand  und  Schweiss  gebildete,  als  Hokuspokusmittel 
gebrauchte  Kruste  wurde  vor  dem  Reinigungsbade  mit  der  Striegel 
wieder  abgeschabt.  Die  Nationalspiele  zu  Olympia  (erstmalige  Auf- 
zeichnung des  Siegers  776  v.  Chr.)  und  Nemea  (seit  573),  sowie  die 
isthmischen  bei  Korinth  (seit  582)  und  die  pythischen  (in  erweiterter 
Form  seit  590)  zu  Delphoi  förderten  nun  zwar  die  körperliche  Aus- 
bildung des  Hellenenvolkes,  aber  sie  zogen  auch  eine  einseitige,  häss- 
liche  Sportpflege  im  Athletentum  gross.  Die  Athleten  befolgten  strenge 
Lebensregeln :  Erhaltung  der  richtigen  Körperfülle  (o/xog)  durch  Hunger- 
kuren, Fleisch-  und  Hülsenfruchtnahrung  (Bohnen),  Enthaltung  von 
Brot  und  Essenszwang  (ävayxocpayia) ;  absichtliches  Lachen  und  Seufzen, 
Atemanhalten,  z.  B.  bei  der  Salbung,  lauter  Vorschriften,  die  von  den 
Aerzten  in  der  Heilkunde  kunstgerecht  ausgestaltet  wurden.  Gleich- 
wohl wird  über  die  Kraftproben  der  zum  Teil  mangelhaft  ernährten 
Athleten  in  den  Berichten  der  Alten  viel  gefabelt.  Manche  Leistungen 
sind  in  unseren  Tagen  nachgeahmt  worden  (5).  Milon  von  Kroton 
trug  ein  4 jähriges  Rind  um  die  Rennbahn;  aber  es  gehörte  der  be- 
sonders kleinen  peloponnesischen  Rasse  an  (5).    Auch  Sprünge  von  über 


^)  Pseudhippocr.  de  diaeta  II  27  (63)  ff.  =  bei  mir  I  337  ff.  Vgl.  das  ausführ- 
lichere Verzeichnis  bei  Galen.  VI  132  ff. ;  Orib.  ed.  Bussem.  et  Daremb.  I  448;  511; 
519;  521;  524  ff.;  531  ff. 

^)  Ewer,  Deutsche  mediz.  Presse  1899. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  deu  Griechen.  187 

50  Fuss  klären  sich  als  mehrfache  Sprünge  auf  (5).    Durch  Aufgeben 
der  Trainierung  wurden  die  Athleten  untüchtig  und  leicht  krank. 

Die  im  Gj'mnasion  gewonnene  medizinische  Erfahrung  wurde 
natürlich  von  den  Laienbeamten  verwertet.  Die  Verletzten  wurden 
zunächst  an  Ort  und  Stelle  vom  Gymnasten  behandelt;  z.  B.  wurden 
die  Glieder  sofort  eingerenkt  und  durch  Kieferverletzung  gelockerte 
Zähne  mit  Golddraht  befestigt.  Aber  zwischen  Gj'mnast  und  Arzt  ist 
doch  eine  scharfe  Grenze  gezogen;  die  endgültige  Hilfe  sowie  Hilfe 
in  schweren  Fällen  leistet  der  Arzt  (K  ü  h  1  e  w  e  i  n  a.  a.  0.).  Dass  ein- 
zelne Gymnasten  auch  ärztliche  Praxis  ausübten  und  sogar  chronische 
Leiden  behandelten,  ist  kein  Gegenbeweis.  I  k  k  o  s  von  Taras  (Tarentum), 
der  um  470  v.  Chr.  in  Olympia  siegte,  stellte  eine  Mässigkeitstheorie 
auf.  Piaton  ^)  tadelt  ihn,  weil  er  hinter  seiner  Darstellung  der  Diätetik 
und  der  Leibesübungen  Sophistisches  verberge.  Herodikos  von 
Megära,  nach  seinem  Wohnorte  gewöhnlich  „von  Selymbrla"  genannt,-) 
war  Gymnastes  und  verband  Gymnastik  und  Heilkunde  zur  laigakei- 
iTTtzj;  =  Salbheilkunde,  da  er  durch  eigene  Kränklichkeit  das  Prinzip 
bestätigt  fand,  dass  die  Nahrungszufuhr  in  der  körperlichen  Arbeit 
ihr  Corrigens  finden  müsse.  Dadurch  wurde  das  richtige  Verhältnis 
von  körperlicher  Wärme  und  Feuchtigkeit  (=  Kälte),  also  Gesundheit, 
erzeugt.  Diese  Lehre  hatte  er  in  einer  Beweisschrift  (uTrödeiBig) 
niedergelegt  und  damit  für  Salber  und  Badewärter  eine  reiche  Er- 
werbsquelle erschlossen.^)  Galenos  fXVII,  ii  99  ff.)  bezeugt  aus  Piaton, 
dass  Herodikos  grundsätzlich  ermüdende  Spaziergänge  verordnete,*) 
lässt  es  aber  dahingestellt,  ob  es  der  Leontiner  oder  Selymbrier  sei, 
und  Di  eis  stellt  unter  Vergleichung  von  Beckh-Spät  Kap.  IV  und 
Galenos  VII  701  auch  noch  den  Knidier  zur  Wahl.  Aber  das  Zu- 
sammenhalten sämtlicher  Stellen  entscheidet  mit  ziemlicher  Zuverlässig- 
keit für  den  Selymbrier ;  denn  da  Piaton  die  Ortsbezeichuung  Protag. 
316  D  hinzufügt  und  sonst  den  blossen  Namen  bei  ähnlichem  Ge- 
dankengange verwendet,  müsste  man  an  absichtliche  oder  leichtfertige 
Irreführung  der  Leser  glauben,  wenn  er  mit  blossem  „Herodikos"  einen 
anderen  hätte  bezeichnen  wollen.  Vorzüglich  passt  hierzu ,  dass  seine 
ärztliche  Erziehungskunst  (Plat.  resp.  III  406  A  ff.)  im  Hippokrates- 
corpus  öfter  bekämpft  v/ird.  De  loc.  in  hom.  34  (=  35)  heisst  es: 
„Gymnastik  und  ärztliche  Kunst  sind  einander  entgegengesetzt" ; 
epid.  VI  3,  18  lautet:  „Herodikos  brachte  die  Fieberkranken  um  durch 
Laufen,  Ringkämpfe  und  äussere  AVärme.  Das  Fieberhafte  ist  ein 
Feind  von  (Hunger,)  Ringkämpfen,  Spaziergängen,  Läufen  und  Ab- 
reibungen. (Er  heilte)  Schmerz  durch  Schmerz."  Aristot.  rhet.  A  5 
1361  b  4  meint,  dass  viele  gesund  seien  wie  Herodikos,  aber  sie  seien 
nicht  glücklich,  weil  sie  fast  auf  alles  das  verzichten  müssten,  wozu 
der  Mensch  da  sei.  Er  schuf  ja  sich  und  seinen  Patienten  durch  das 
naturwidrige  Herumdoktern  ein  langwieriges  Siechtum,  da  jede  Ab- 
weichung bei  den  Verwöhnten  Unwohlsein  herbeiführte,  und  diese 
„lächerliche"  Art  verbitterte  ihm  das  Leben  bis  in  sein  hohes  Greisen- 


^)  Protag.  316  D. 
.    2)  Anon.  Londin.  Beckh-Spät  14  f.;   77  ff.  —  Plat.  Protag.  316  D.:   Phaedr. 
227  D.    Vjgl.  oben  Kap.  6. 

*)  Plin.,  hist.  nat.  XXIX  4,  wo  Prodicus  (!)  zu  einem  Schüler  des  Hippokrates 
thörichterweise  gestempelt  wird. 

•*)  Z.  B.  von  Athen  bis  Megära  und  zurück  (26  Stadien  =  26  X  177,4  m  = 
4,6  km;  2  X  4,6  km  =  9,2  km). 


188  Eobert  Fuchs. 

alter  hinein.^)  Den  gegen  Ikkos  gerichteten  Vorwurf  erhob  Piaton 
mit  Recht  auch  gegen  ihn.  Einen  Verehrer  des  Herodikos,  aber  nicht 
ihn  selbst,  lernen  wir  in  Pseudhippocr.  de  diaeta  (w.  s.)  kennen.  Die 
seltenen  Kunstausdrücke  für  bestimmte  Uebungen  werden  von  Herodikos 
herrühren.  Galenos  hält  es  für  überflüssig,  ihn  in  seiner  Schrift 
7i6t£qov  latQr^fjg  rj  yvi.ivaony.fig  ton  rb  vyieivov  V  806  auch  nur  zu 
nennen ,  ^)  während  er  Hippokrates ,  Diokles ,  Praxagoras ,  Phylotimos 
und  Herophilos  als  vollkommene  Kenner  der  Leibesübungen  preist.-) 
Asklepiades  freilich  hat  ihn  berücksichtigt  (Cael.  Aurel.,  morb.  chron. 
III  8),  und  Caelius  (a.  a.  0.)  eröffnet  mit  ihm  den  Reigen  seiner  ,.be- 
rühmtesten"  Vorgänger  in  der  Heilung  des  Hydrops.  Herodikos  suchte 
nämlich  den  Hydrops  durch  Abführen,  Erbrechen  gleich  nach  dem 
Essen,  laue  Bähungen  (Rindsblasen  mit  verschiedener  Füllung)  und 
Schlagen  der  Geschwulst  mit  gefüllten  Schläuchen  zu  heilen. 

Des  Flavius  Philostratos^)  verdienstliches  Werk  Ttsgl  yt/nva- 
GTrArjg,  das  einzige  erhaltene  über  diesen  Gegenstand,  rührt  nicht  von 
dem  älteren  Philostratos  aus  Lemnos,  Sophist  und  Biograph,  etwa  200 
n.  Chr.,  her,  sondern  von  seinem  Neffen,  auch  einem  Sophisten  (f  264 
p.  Chr.).  Zu  jener  Zeit  war  die  Gymnastik  längst  verfallen,  und  der 
Verfasser  legt  u.  a.  den  ängstlichen  Diätvorschriften  der  Aerzte  die 
Schuld  daran  bei.  An  die  Gymnasten  stellt  er  bezüglich  der  körper- 
lichen und  geistigen  Eigenschaften  ideale  Ansprüche.  Gleich  der  „an 
sich  guten  Kunst"  der  Medizin  gilt  ihm  die  Gymnastik  als  eine  Wissen- 
schaft, bestehend  aus  Medizin  und  Pädotribie.  Die  Obliegenheit  des 
Gymnasten  ist  es,  die  Säfte  zu  entleeren,  überflüssige  Stofte  zu  ent- 
fernen. Hartes  zu  erweichen,  Dünnes  fett  zu  machen,  umzugestalten 
oder  zu  erhitzen;  sog.  Katarrhe,  Wassersucht,  Schwindsucht  und  Epi- 
lepsie durch  Diät  und  Massage  (rglipig)  zu  heilen.  Der  Arzt  hingegen 
heilt  jene  Krankheiten  durch  Uebergiessungen,  Arzneitränke  und  Um- 
schläge und  hilft  bei  Zerreissungen,  Verwundungen,  Augentrübungen 
und  Verrenkungen.  Da  sei  der  Gymnast  ratlos,  v/ie  ja  auch  der  Arzt 
nicht  sein  ganzes  Fach  gründlich  beherrschen  könne. 

9.  Rhizotomen  und  Pharmakopolen.    Hebammen. 

Vgl.  Kap.  3.  —  1.  Berendes,  Pharmacie  bei  d.  alt.  Culturvölkern.  Arch.  f. 
Phnrmacie  1889 ;  Dasselbe,  Halle  1891,  2  Eb.;  die  Rh.,  die  Vorläufer  d.  Apotheker? 
Das  älteste  Arzneibuch  d.  Griechen,  Apotheker-Ztg.  1899  Xr.  1-5 f.  — '2.  Hitschan, 
D.  Heimat  u.  d  Alter  d.  europ.  Culturpflanzen,  Correspondenzbl.  f.  d.  Ges.  f.  An- 
throp.  XXI  1891.  —  8.  Clievreitil,  Besume  d'une  hist.  de  la  matiere  dej)uis  les 
philosophes  jusqu'ä  Lavoisier,  Paris  1878.  —  4.  Colin,  Gärten  in  alt.  u.  neuer  Zeit, 
Rtmdschau  V 1879.  —  5.  Frederking,  Grundzüge  der  Gesch.  d.  Pharmacie  u.  s.  w., 
Götting.  1874.  —  6.  Gilbert,  La  pharmacie  ä  truvers  les  siecles,  Toulouse  1893.  — 
7.  Hergel,  Die  Rhizotomen,  Pr.  d.  K.  k.  Obergymnas.  zu  Pilsen  1887.  —  8.  Höfer, 
Hist.  de  la  botanique  etc.,  Paris  1873.  —  9.  Kirchner,  Fleckeisens  Jahrb.  f.  class. 
Philol.  Suppl.  VII  483  ff.  —  10.  E.  Meyer,  Gesch.  d.  Bot.,  Königsberg  1854  ff., 
4  Bb.  —  11.  Murr,  Beiträge  z.  Kenntniss  d.  altgriech.  Bot.,  Innsbruck  1889.  — 
12.  JPölchaii,  Stud.  über  d.  Einfluss  der  bedeutendsten  medic.  Systeme  älterer  u. 
neuer.  Zeit  auf  d.  Pharmakologie,  Diss.,  Dorpat  1861.  —  13.  Schidtes,  Grnndriss 
einer  Gesch.  u.  Litt.  d.  Botanik  nebst  Gesch.  der  bot.  Gärten,  München  1871.  — 
14.  Welltnann,  Die  Pflanzennamen  d.  Dioskurides,  Hermes  XXXIII  1898,  S. 
360  ff'. ;  Das  älteste  Kräuterbuch  d.  Griech.,  Festgabe  f.  Franz  Susemihl,  Leipz.  1898. 
—  15.    X^rjoriSris,    'AQ%aia    'EkXrjviy.i]   yvvaiy.eioXoyia   rjxot    avaxof^da    etc.,    tv   Kaiv- 


')  Plat.  resp.  III  406  A  ff. 

■^)  V  806  ff.  —  879;  898. 

■■')  Vgl.  auch  3Ieineke,  Krit.  Beiträge  z.  P.  rr.  /.    Philologiis  XV,  1860. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  189 

oravTiiovTcoXei  1894.  —  16.  Fasbendet',  Enticickelungslehre.  Gehurtshülfc  u.  Gynäk. 
in  d.  hippokraüschen  Schriften,  Stiittg.  1897.  —  17.  Godson,  On  the  evolution  of 
obstetrics  and  gynecology,  The  Lancet  1895.  —  18.  Harter,  Gesch.  d.  Wetidung 
tvährend  d.  Alterfh.  u.  d.  Mittelalters,  Diss.,  Berl.  1870.  —  19.  John  Hopkins 
Hosp.  Bull.  III.  Baltimore  1892  [Hunter).  —  20.  Kleinivächter,  Die  Gynäk.  d. 
Alterth.  von  Edtv.  Jenks,  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medio,  u.  medic.  Geogr. 
VI  1883.  —  21.  Kroner,  lieber  d.  Pflege  u.  d.  Krankheiten  d.  Kinder.  Aus  griech. 
Quellen.  Preisschrift,  Breslau  1876  (s.  auch  Arch.  f.  Kinderheilk.  1876).  —  22. 
Marcuse,  Heilkundige  Frauen  im  Alterth.,  Zukunft  1899  Xr.  32.  —  23.  Maryou- 
liejf',  Etüde  crit.  sur  les  monnments  antiques  representant  des  scenes  d'accouchement. 
Paris  1873.  —  24.  Meadows,  History  of  niidtvifery.  The  Lancet  1872.  —  25. 
Pinoff,  HenscheVs  Janus  IL  1847,  S.  735.  —  26.  Thierfelder,  Piaton  n.  d. 
Eigenschaften  u.  Verricht.  d.  Hebammen.  Küchenmeister,  Zeitschr.  f.  Med.  etc. 
N._  F.  L  —  27.  Welcher,  Kleine  Schriften  III,  Bonn  1850.  —  28.  WitKoivshi, 
Hist.  des  accouchenients  de  tous  les  peuples,  Pans  1888;  Accoucheurs  et  sages- 
femmes  celebres,  Paris  1893;  Anecdotes  et  curiosites  hist.  sur  les  accouch.,  Pat'is 
1893.  —  29.  Wnlfsohn,  Stud.  ü.  Gehurtshülfc  u.  Gynäk.  d.  Hippocratiker,  Diss.. 
Dorp.  1889. 

Die  Aerzte  der  älteren  Zeit  bereiteten  die  Arzneien  selbst,  zum 
Teil  in  den  lurgtla.  Einen  Beweis  dafür  bietet:  Pseudliippocr.  epist. 
ad  Cratevam  (Littre  IX  342  if.),  worin  Hippokrates  Krateiias  auffordeit, 
ihm  Pflanzen  zu  besorgen,  soviel  er  nur  kann,  Säfte  und  Flüssigkeiten 
in  Gläsern  zu  verwahren,  Blätter  und  Blüten  aber  in  verschlossenen 
irdenen  Töpfen.  Hier  erscheint  also  Krateuas  als  giCoiofiog  =  Wurzel- 
schneider, d.  h.  als  Droguenlieferant,  und  zwar  ist  dieser  Beruf  nach 
dem  Briefe  in  seiner  Familie  erblich.  Auch  Galenos  bezeichnet  noch 
die  Rhizotomen  als  vjir^Qärm  =  Handlanger  der  Aerzte  zusammen  mit 
mit  den  Salbenköchen,  Klystiersetzern,  Aderlassern  und  Schröpfkopf- 
setzern. *j  Dass  die  Aerzte  die  Arzneibereitung,  die  wohl  durch  die 
Assistenten  geschah,  zum  mindesten  überwachten,  lehrt  auch  Pseudhipp., 
de  hab.  dec.  8.  Auch  Arzneien,  deren  Zurichtung  sehr  zeitraubend 
war,  mussten  im  iatgtlov  bereit  stehen.  Wie  schwierig  aber  das 
Präparieren  war,  ist  aus  Galen.  XIII  366 f.;  372;  XIV  30;  220;  249 
und  aus  zahlreichen  hippokratischen  Medikamenten  ersichtlich.  Ersterer 
verlangt  ja  sogar  neben  der  sorgfältigen  üeberlegung  und  Beobachtung 
der  Eigentümlichkeiten  der  Bestandteile  die  Geschmacks-,  Geruchs- 
und Gesichtsprobe."-)  Die  qiIot6(.iol  haben  ihren  Namen  a  potior!  von 
den  oiZat  =  Wurzeln  erhalten,  die  sie  sammelten,  ganz  aufbewahrten 
oder  zerlegten,  teilweise  schälten  und  nötigenfalls  im  Rauchfange  oder 
in  der  Sonne  trockneten.  Das  Ausgraben  war  bei  Abergläubischen 
mit  allerhand  Spuk  verbunden.  Theophrastos  (hist.  plant.  IX  8,  5) 
giebt  genaue  Anweisungen  und  verspottet  die  Thoren,  die  beim 
Sammeln  des  /.Iv^ttrov  (Calendula  arvensis)  und  der  ylv/.vaiöi]  (Paeonia) 
den  Specht  fürchteten,  beim  Ausgraben  des  Ttava^eg  'yJaylrjTtieiov  (Echino- 
phora  tenuifolia)  beteten  und  Honigkuchen  und  Sommerweizen  auf  die 
Erde  warfen  und  beim  Suchen  der  Alraunwurzel  und  der  Nieswurz 
mit  einem  zweischneidigen  Schwerte  Kreise  zogen  oder  gemeine  Reden 
führten.  Natürlich  verarbeiteten  aber  die  Rhizotomen  auch  die  anderen 
brauchbaren  Pflanzenteile.  Es  ist  klar,  dass  sie  sich  dabei  pharma- 
ceutische  und  medizinische  Kenntnisse  erwarben  und  diese  auch  aus- 
nützten, manchmal  in  verwerflicher  Weise.    Sie  mischten  wohl  auch 


1)  XVII,  II  229. 

^)  Vgl.  auch  Galen.  XIV  24,  wo  es  auf  die  persönliche  Auswahl  ankommt  und 
die  Salbeuhändler.  inpoTrcölat  als  unzuverlässig  geschildert  werden.  Plin.  hist.  nat. 
XXXIV  11,  25;  XXXVI  3. 


190  Robert  Fuchs. 

die  Mittel,  gleich  unseren  Drogisten  {cpaQuay-orttölai  ==  Arzneiliändler)^ 
und  machten  den  Aerzten  Konkurrenz.  Doch  hat  Berendes  Eecht, 
wenn  er  das  nicht  als  Eegel  gelten  lässt.  Von  den  wirklichen  „Wurzel- 
schneidern" und  den  Arzneihändlern,  die  in  ihren  Buden  auch  Schön- 
heitsmittel, allerlei  Geheimmittel  und  Gifte,  ja  Kuriositäten,  z.  B.  Brenn- 
gläser, ^)  feil  hielten,  hebt  sich  eine  andere  mit  QiCoröi^iog  bezeichnete 
Klasse  vorteilhaft  ab,  die  pharmakologischen  Schriftsteller,  die  um  der 
Wissenschaft  willen  Pflanzen  gruben.  Ihre  Schriften  sind  bis  auf 
spärliche  Bruchstücke  (Diokles,  Krateuas  u.  s.  w.)  untergegangen.  Jeden- 
falls wurde  im  5.  und  4.  vorchristlichen  Jahrhundert  bereits  Tüchtiges 
geleistet.  Pseudhippocr.  de  nat.  pueri  enthält  viel  pflanzenphj'siolo- 
gische  Vorgänge,  und  zweifellos  förderte  die  Akademie  und  die  peri- 
patetische  Schule  später  diese  Studien.  Plin.  hist.  nat.  XXV  2,  4  f. 
spricht  von  Hhizotomen,  die  Abbildungen  der  Pflanzen  mit  darunter 
beigefügter  Aufzählung  ihrer  Wirkungen  veröifentlichten ,  doch  auch 
von  solchen,  die  die  Bilder  durch  Beschreibung  ersetzten  oder  bloss 
Namen  und  Wirkungen  verzeichneten.  Als  erstes  qi'Cozof.ir/.ov  ist  uns 
das  des  Diokles  bekannt;  als  der  ^iCow^iubs  gilt  aber  Krateuas. 

Natürlich  gab  es  auch  Charlatane,  empirisch  Kurierende,  z.  B. 
Hirten,  Quacksalber  und  Quacksalberinnen  {cpaQf.iay.oi,  ipaQfiay.ldeg)  und 
weise  Frauen.-)    Wo  hätten  die  auch  je  gefehlt? 

Als  die  Geburtsgöttinnen  nicht  mehr  selbst  zu  den  sterblichen 
Frauen  herabstiegen,  halfen  die  Frauen  ihren  Mitschwestern  in  schweren 
Stunden  treulich  aus.  Sie  werden  bezeichnet  als  •^) :  d/.toTgig*,  a/.imoQig, 
dxioiQia,  laTQivT],  iaxQOf-iala,  f.tala,  (.laievToia,  6f.upa/.oi6f.iog  *  (Nabelschnei- 
derin),  vcpaiQezQia  (die  unten,  d.  i.  unter  den  Schenkeln,  Wegnehmende) 
und  ist  oft  als  Substantivum  zu  Partizipien  weiblicher  Endung 
zu  ergänzen,  z.  B.  zu  loacpdooovoa  (hineinfassend),  iargsCovoa,  naga- 
(päooovaa,  raf-iovoa  (schneidend).  Aber  auch  da,  wo  die  Knidier  im 
Corpus  Hippocraticum  das  Masculinum  setzen,  ist  es  nur  als  allgemeiner 
Ausdruck  für  „man"  gebraucht;  bloss  dann,  wenn  der  Arzt  ausdrück- 
lich als  eingreifend  hervorgehoben  wird,  untersucht  er  an  Stelle  der 
Patientin,  einer  Freundin  oder  Verwandten  (s.  meine  Ausgabe  III 
327  A.  4;  347  A.  53;  526  A.  48).  Wenn  also  XgriOTiör]g  (15  S.  231) 
meint,  dass  die  männlichen  Formen  höchstens  bewiesen,  dass  sich  der 
Autor  an  Aerzte  wende,  so  hat  er  recht ;  aber  man  Avürde  fehl  gehen, 
wenn  man  mit  ihm  annehmen  wollte,  dass  die  Aerzte  nur  raten,  die 
Frauen  aber  die  Ratschläge  ausführten  (vgl.  z.  B.  Pseudhippocr.  de 
nat.  pueri  11  =  XIII;  epid.  V  63;  53;  iusi.).  Es  ist  völlig  unglaub- 
haft, dass  die  äusserst  komplizierten  Vorschriften  der  Einlagebereitung 
und  Einlegung  samt  Vorbereitung,  sowie  z.  B.  die  der  Embrj-ulcie  von 
eine]'  Frau  ausgeführt  worden  wären.  Herod.  133  wird  erzählt,  dass 
Atossa  dem  Demokedes  trotz  ihrer  Scham  ein  Geschwür  an  der  Brust 
(Mastitis)  zeigt.  Bei  Euripides  (Hippol.  293  f.)  mahnt  die  Amme  die 
Phaidra  also:  „Leidest  du  an  einem  verborgenen  Uebel,  so  stehen  dir 
Frauen  als  Helferinnen  zu  Gebote.  Ist  dein  Leiden  von  der  Art,  dass 
es  auch  Männern  ofi'enbart  werden  kann,  so  wende  dich  an  die  Aerzte." 
Natürlich  trieb  das  Schamgefühl  auch  damals  die  Mädchen  und  Frauen, 
sich  lieber  ihren  Geschlechtsgenossinnen  als  den  Aerzten  zu  entdecken. 


Aristoph.  nub.  767  mit  schol. 

Demosth.  in  Aristogiton.  793;  Menand.  frgm.  p.  42  Meineke. 
)  Die  mit  *  versehenen  Ausdrücke  gebrauchen  die  Hippokratiker. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  191 

Denn  jene  waren  die  geborenen  Geburtshelfer,  die  mit  freundlichem 
Zuspruche,  Zurufen,  Liedern,  Zaubergesängen,  Beschwörungen  und 
Arzneien  Beistand  leisteten.  Auch  sonst  waren  sie  gefällig  und  lieferten 
Abortivmittel  und  Liebestränke;  ja  sie  waren  in  Ausnahmefällen  zu 
den  niedrigsten  Diensten,  zu  Kuppelei  und  anderen  Verbrechen  bereit. 
Hebammen  mussten,  um  tüchtig  zu  sein,  geboren  haben,  aber  keine 
Geburten  mehr  erwarten.  Sie  belehrten  über  den  Eintritt  der  Geburt, 
beschleunigten  und  erleichterten  sie,  manchmal  auf  rohe  Weise,  trennten 
die  Nabelschnur  und  belebten  —  oder  töteten  —  scheintote  Kinder, 
indem  sie  das  Blut  der  Nabeigefasse  nach  innen  zurückdrängten.  Ihre 
Ausbildung  fanden  sie  vermutlich  nur  bei  älteren  Hebammen;  hin- 
gegen kann  ich  Häser  nicht  einräumen,  dass  die  Unterbringung 
Schwangerer  in  der  Wohnung  von  Hebammen  aus  Aristoph.  Lys.  746  f. 
hervorgehe,  wo  die  angeblich  Kreissende  vielmehr  bittet  „heim"  {or/.aöt) 
gehen  zu  dürfen.  Aufklärungen  über  das  attische  Hebammenwesen 
verdanken  wir  dem  Umstände,  dass  Sokrates'  Mutter  eine  ehrbare, 
angesehene  und  barsche  f^iala  war.^)  Auch  Sparta  hatte  zweifellos 
weibliche  Geburtshelferinnen,  trotz  des  archaischen  Steines,  auf  welchem 
2  männliche  Dämonen  (die  Tindariden)  eine  Spartanerin  entbinden.-) 
Eine  anmutige  Fabel  erzählt  uns  Hyginus  Nr.  274.  In  Athen  habe 
es  in  älterer  Zeit  keine  Hebammen  gegeben,  da  den  Frauen  und 
Sklavinnen  die  Ausübung  der  Heilkunst  verboten  war.  Da  habe 
Agnodike,  als  Mann  verkleidet,  bei  einem  Arzte  Hierophylus,  den  man 
für  Herophilos  gehalten  hat,  Unterricht  genommen  und  den  Gebärenden 
Hilfe  geleistet.  Von  den  Aerzten  aus  Brotneid  vor  dem  Areiopagos 
verklagt,  sei  sie  auf  Fürbitte  der  vornehmsten  Athenerinnen  frei  ge- 
sprochen, und  so  sei  das  Gesetz  aufgehoben  worden.^) 

Das  älteste  uns  erhaltene  Hebammenbuch  ist  das  des  Soranos  (w.  s.). 

10.  Die  ältesten  griechischen  Aerzteschulen,  Kyrene,  Kroton,  Sicilien, 

Rhodos,  Knidos,  Kos. 

1.  Grosser,  Gesch.  u.  Älterthümer  d.  Stadt  Kroton,  Theil  I,  Minden  1866.  — 
2.  StitdniczJi'ft,  Kyrene,  Eine  altgriech.  Göttin,  Leipz.  1890.  —  S.  X^rjoTiSr^s, 
Iviloyos  X.XIY  189213,  ersch.  1895  {über  die  loissenschaftl.  Methode).  —  4.  Con- 
radi,  Bemerkungen  ü.  d.  niedic.  Grundsätze  d.  kölschen  u.  knid.  Schule.  Ahh.  d. 
K.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Göttinyen  VII  1856,  S.  131  ff.  —  5.  Houdart,  Hist.  de  Ui 
niedec.  yrecque  depuis  Esculape  etc.,  Paris  1856  [mit  Vorsicht  zu  benutzen!).  — 
6.  Idzerdftf  Specimen  medicum  inaugurale  continens  doctrinam  de  morbis  cutaneis 
secundum  Hippocratem,  Gronningae  1836  (Einleituny).  —  7.  llherg.  Die  medic. 
Schrift  „lieber  die  Siebenzahl'\  Griech.  Stud.  —  H.  Lipsius  dargebracht,  Leipz.  1894 
S.  22  ff.;  35  ff.  —  8.  Hippocrate  par  Littre  IV  S.  XV ff.;  VII  304  ff.  —  9.  C\  T. 
Newton,  A  history  of  discoveries  at  Halicarnassus,  Cnidus  and  Branchidae,  Lon- 
don 1862  f.  2  Bb.;  Travels  and  discoveries  in  the  Levant,  Land.  1865;  Journ.  des 
savants  1866.  —  10.  Meinusat,  Sur  Hippocrate  et  Cnide,  Reo.  des  detix  mondes 
1857  f.  —  11.  Spät,  Die  Begründung  der  „Humoralpathologie^^  in  der  Schule  von 
Knidos,  Wien.  Min.  RundscJtau  1897  Nr.  47  [Nicht  einwandfrei).  —  12.  Barth, 
De  Coorum  tituloruni  dialecto,  Diss.,  Basil.  1896.  —  13.  JJubols,  De  Co  insula. 
Diss.  Lutet.  Paris.  1884  {Karte,  2  Pläne).  —  14.  Herzog,  Koische  Forschungen  u. 
Funde,  Leipz.  1899;  Koios  und  Kos.  Hermes  XXX  154  f.  —  15.  Kiihlewein,  Kos 
und  Knidos.  Eine  kulturgesch.-archäol.  Skizze,  Westernuinns  Illustr.  Monatshefte 
LIII  1882,  S.  393 ff.  —  16.  Lietard,  La  medecine  grecque  avant  Hippocrate. 
Extrait  du  Bulletin   medical  des    Vosgcs  1896  Nr.  41.   —   17.  Malgaigne,   Sur 


')  Plat.  Theaet.  p.  149  ff. 

2)  Marx,  Athen.  Mitth.  X  Taf.  6. 

^)  Wiener  mediz.  Presse  1895  Nr.  46  Sp.  1753. 


192  Robert  Fuchs. 

V Organisation  de  la  meclec.  et  chir.  avant  Hippocrate,  Journ.  de  medecine  et  de  chir. 
1846.  —  18.  Pantelides,  Itiscriptions  de  Vile  de  Cos,  Bull,  de  corresj).  hellen.  V 
1887.  —  19.  JPaton  and  Hicks,  Inscriptions  of  Cos,  Oxford  1891.  —  20.  l*ingel, 
Zur  Gesch.  d.  griech.  Heilkunde  {Herodotos  III  131),  Fleckeisens  Jahrhh.  f.  class. 
Philol.  1895  S.  183.  —  21.  Pullan,  Report  on  the  island  of  Cos.  —  22.  Bayet, 
Memoire  sur  l'ile  de  Cos,  Arch.  des  missions  scientif.  Serie  III  tome  III  1876  {Karte). 

Eine  der  ältesten  Pflegestätten  der  Medizin  war  Kyrene,  jetzt 
Grenne,  die  im  Jahre  631  v.  Chr.  gegründete  Kolonie  von  Thera. 
Kyrene  wurde  bald  von  der  Hauptstadt  der  Landschaft  Kyrenaia  (lat. 
Cyrenaica)  zur  zweitgrössten  nordafrikanischen  Stadt.  Von  einer  be- 
sonderen Aerzte  schule  ist  nichts  überliefert,  wir  wissen  nur  von  der 
Pflege  der  Philosophie  und  Mathematik.  Als  Demokedes  den  Polykrates 
von  Samos  (f  522  v.  Chr.)  behandelte,  erfreuten  sich  die  kyrenaischen 
Aerzte  nach  den  Krotoniaten  des  höchsten  Ruhmes  (Herod.  III  131). 
Das  oiXcpiov,  ^)  silphium,  laser(pitium),  ist  die  Pflanze,  der  Kyrene  sein 
Wappen  (Münzen)  und  seinen  Reichtum  verdankt.  Kr o ton  in 
Bruttium,  am  Aisäros  gelegen,  erhielt  seine  Aerzteschule  wahrschein- 
lich durch  Kalliphon,  den  Vater  des  Demokedes,  einen  knidischen 
Asklepiaden,  wenn  ei-  nicht  etwa  die  bereits  bestehende  Schule  bloss 
zur  Blüte  gebracht  hat.  Als  Demokedes  von  Kroton  floh,  4  Jahre 
vor  dem  Tode  des  Polykrates,  also  526/5  v.  Chr.,  war  er  bereits  ein 
tüchtiger  Arzt  (Herod.  III  131);  also  muss  die  Gründung  der  Schule 
wesentlich  vor  diese  Zeit  fallen.  An  ihr  studierten  die  Pythagoreer 
das  medizinische  Nebenfach  der  Philosophie.  Hippäsos,  etwa  450  v.  Chr., 
wird  sowohl  als  krotoniatischer,  als  auch  als  metapontischer  Arzt  be- 
zeichnet (lambl.  vita  Pytliag.  81;  267).  Sein  Zeitgenosse  Hippon  er- 
warb sich  in  Kroton  gründliche  Kenntnisse  in  der  Physiologie.  Dass 
er  eher  Philosoph  als  Ai-zt  war,  wurde  oben  angedeutet.  Dieses  gilt 
auch  für  Philoläos  (Anon.  Lond.  XVIII  8  p.  31  =  Beckh-Spät  25  0".). 
Will  man  eine  sicilische  Schule  unterscheiden,  so  kann  man  dieser 
PhilistTon,  Empedokles,  Pausanias  und  Akron  zuweisen.  Als  die 
rhodische  Schule  unterging,  deren  Blüte  schwerlich  lange  gedauert 
hat  und  deren  Geschichte  in  Dunkel  gehüllt  ist,  da  wetteiferten  von 
den  asiatischen  Schulen  Knidos  und  Kos  mit  einander  (Galen.  X  5). 
Die  meisten  und  besten  Choreuten  im  Wettkampfe  stellte  Kos  -)  (a.  a.  0.). 
Herodotos  lobt  allerdings  bloss  die  Krotoniaten  und  Kyrenaier.  Von 
den  Werken  der  Alten  über  Knidos  (jetzt  Kap  Kuio,  lakedaimonische 
Kolonie  in  der  asiatischen  Doris)  ist  nichts  erhalten.  Die  Schriften 
von  Poseidippos,  Aristeides,  Demognetos,  Theoporapos  sind  unterge- 
gangen; wir  wissen  nur,  dass  der  Letztgenannte  im  12.  Buche  aus- 
sagte, dass  die  kölschen  und  knidischen  Aerzte  Asklepiaden  gewesen 
und  dass  die  ersten  Nachkommen  des  Podaleirios  von  Syrnos  ge- 
kommen seien.-')  Ausser  den  knidischen  Schriften  des  Hippokrates- 
corpus  besitzen  wir  nur  einige  Citate  zur  Orientierung.  Die  früheste 
Erwähnung  kölscher  Aerzte  findet  sich  Pseudhipp.  de  legat.  (Littre  IX 


^)  Die  zu  Plinius'  Zeiteu  bereits  verschoUeue  Panacee  (bist.  nat.  XIX  15)  ist 
endlich  von  Kronfelder  als  eine  Art  Narthex  L.  ==  Steckenkraut  nachgewiesen 
worden,  die .  sich  bloss  in  Kaschmir  findet  (Die  Arkesilas-Schale  u.  das  Silphium. 
lanus  III  1898  S.  22  ff.). 

-)  366  V.  Chr.  wurde  Kos,  jetzt  Xco^a  =  „Land",  Hauptstadt  der  Insel.  Die 
Geschichte  der  Insel  schrieb  Makareus  (Athen,  dipnos.).  Berühmt,  auch  in  der  Heil- 
kunde, sind  die  koischen  Weine,  besonders  das  vinum  Hippocoum,  nach  dem  ager 
Hippo  =  Jetzt  S/jßos  'Innia  benannt. 

3)  Phot.  biblioth.  p.  120 B  ed.  Bekker. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  193 

408).  Um  584  v.  Chr.  nach  Häser  (3.  Aufl.  103),  nach  Curtius  Be- 
rechnung wahrscheinlich  noch  früher,  riefen  die  von  den  Einwohnern 
Kirrhas  hart  bedrängten  Apollonpriester  zu  Delphoi  angeblich  den 
Asklepiaden  Nebros  und  seinen  Sohn  Krisos  aus  Kos  zu  Hilfe.  Die 
Einwohner  von  Kirrha  vergifteten  aus  Rache  hierfür  den  Fluss 
Pleistos  und  erzeugten  so  eine  Seuche.  Fest  steht,  dass  die  Anfänge 
beider  Schulen  mindestens  um  Generationen  vor  Hippokrates  zurück- 
lagen und  dass  zunächst  nur  die  Angehörigen  des  Geschlechts  einen 
gemeinsamen  Kultus  hatten,  vermutlich  den  des  fJQcog  ATiatrig  i4ayla7ri6g, 
der  sich  zum  Hauptgotte  weiter  entwickelte.  Das  Geschlecht  besass 
bereits  zu  Anfang  des  5.  Jahrhunderts  v.  Chr.  eine  grosse  Bibliothek  ^) 
(Archiv)  und  eine  reiche  Litteratur, -)  wie  sie  Pseudhippocr.  de  vet. 
medic.  1  voraussetzt  und  L  i  1 1  r  e  I  55  iff.  und  232  f.  belegt,  sogar  populär- 
wissenschaftlicher Art  (Pseudhippocr.  de  affect.).  -)  Auch  für  die  Zeit 
des  Sokrates  bestätigt  es  Xenoph.  memor.  IV  2,  10:  ,,denn  es  giebt 
auch  viele  Schriften  der  Aerzte."  Welche  vorhippokratischen  oder 
mit  ihm  gleichzeitig  lebenden  Aerzte  dem  Namen  nach  bekannt  sind, 
wird  im  nächsten  Kapitel  gezeigt  werden. 

1 1 .  Vorhippokratische  oder  zeitgenössische  Aerzte  des  Hippokrates. 

Litteratur:  s.  oben.  Ausserdem:  1.  Weniger,  Erlebnisse  eine  griech.  Arztes. 
Samml.  gemeinnütz,  u-issensch.  Vo7-tr.  Heft  X.  F.  104.  —  2.  Wet'tner,  Demokedes 
aus  Kroton.  Altärztl.  Lebensbild  aus  Griechenl.  Bohlfs  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch. 
d.  Medic.  u.  med.  Geogr.  Y  1882,  S.  205  ff'.  —  3.  Ctesiae  Cnidii  quue  supersunt  — 
Cum  interj)retafione  Lat.  Henrici  Stephani  aliorumque  —  adiecit  Alb.  Lion.  Gottingae 
1823.  —  4.  Sjfief/el,  Ktesias  als  Geschichtsschreiber,  Ausland  1877  JVr.  33.  — 
5.  Wertner,  Altorient.  Curgeschichten  IL  Cursaison  1883;  Ueber  d.  Stetig,  d. 
ärztl.  Standes  im  Alterth.,  Bohlfs  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  YIII  1885, 
S.  188. 

Am  wenigsten  ist  uns  bekannt  von  Pj'thokles.  von  dem 
Pseudhippocr.  epid.  V  56  bloss  berichtet:  „Pythokles  gab  den 
Patienten  Wasser  und  mit  vielem  Wasser  versetzte  Milch  zu  trinken." 
Diese  Vorschrift  würde  zu  den  knidischen  Regeln  gut  passen.  Epid. 
VII  112  wird  dem  Halikarnassier  im  Hause  des  Xanthippos  nach  der 
Vorschrift  des  Mnesimächos  zur  Ader  gelassen,  aber  er  stirbt  an 
dadurch  entstandener  Phrenitis.  Auch  die  Knidier  übten  starken 
Aderlass,  jedoch  ist  erst  bei  den  folgenden  Aerzten  die  Zugehörigkeit 
zur  knidischen  Schule  zu  ermitteln  gewesen.  Ueber  Kalliphon, 
Hippäsos,  Hippon  und  Philoläos  wurde  bereits  gesprochen. 
Von  Polykritos  von  Mende  ist  nur  zu  sagen,  dass  er  als  Ge- 
fangener am  persischen  Hofe  gleichzeitig  mit  Ktesias  kurierte,  und 
von  Theomedon  ist  nur  der  Name  zu  verzeichnen. 

Demokedes  von  Kroton,  Sohn  des  knidischen  Asklepiaden 
Kalliphon,  war  am  Hofe  des  Polj^krätes  von  Samos,  als  dieser 
522  V.  Chr.  durch  den  persischen  Satrapen  Oroites  gekreuzigt  wurde. 
Er  war  damals  nach  Herod.  III  131  erst  4  Jahre  von  Kroton  fort, 
das  er  wegen  des  Jähzorns  seines  Vaters  verliess  (526'5).  Er  muss 
in  Kroton  schon  längere  Zeit  praktiziert  haben ;  denn  trotz  des  Mangels 


^)  Nach  Weisungen   für   Kos   und  Knidos  bei   Houdart  (5)    S.  271,   und   zwar 
Andreas  von  Karvstos,  Soranos  und  Tzetzes. 

2)  A.  a.  O./S.  205  ff.:  269 ff.    Vgl.  oben  Herodikos,   Kap.  8;   unten  Pythokles, 
Mnesimächos. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  13 


194  Robert  Fuchs. 

jedweder  Ausrüstung  ^)  war  er  in  Aigina  der  gesuchteste  Arzt.  Daher 
wurde  er  im  2.  Jahre  als  ör^f.uovQyhg  unter  glänzenden  Bedingungen 
angestellt  (s.  Kap.  7),  im  3.  nach  Athen  als  solcher  bei'ufen  und  im  4. 
als  Leibarzt  des  samischen  Tyrannen  angestellt  und  nach  Ermordung 
dieses  sowie  seines  Mörders  Oroites  als  Sklave  zu  Dareios  I.,  dem  Sohne 
des  Hystaspes,  nach  Susa  gebracht.  Als  Dareios  auf  der  Jagd  der 
Knöchel  aus  dem  Gelenke  sprang,  quälten  ihn  die  ägyptischen  Aerzte 
durch  gewaltsames  Einbinden  des  Gliedes  so,  dass  er  7  Nächte  nicht 
schlafen  konnte  und  auf  das  Aeusserste  gefährdet  wurde.  Mit  Fesseln 
und  Lumpen  angethan,  wurde  der  zufällig  dem  Könige  genannte 
Demokedes  herbeigeholt  und  unter  Androhung  von  Geisseihieben  ge- 
zwungen, seine  verheimlichte  Kunst  zu  bethätigen.  Dareios,  wider 
Erwarten  bald  vollkommen  genesen,  lohnte  ihm  die  milde  Behandlung 
der  schmerzhaften  Verletzung  mit  2  Paar  goldenen  Fesseln,  und  als 
der  Arzt  die  Gabe  als  „doppeltes  Uebel"  bezeichnet,  überschütteten 
ihn  auf  Geheiss  des  Grosskönigs  die  Haremsfrauen  mit  Gold.  Dareios 
erhob  hierauf  seinen  Eetter  zum  Genossen  der  königlichen  Tafel  und 
begnadigte  auf  seine  Fürsprache  die  ägyptischen  Aerzte.  Bald  darauf 
behandelte  er  die  Königin  Atossa  wegen  Mastitis  und  erreichte  durch 
sie  seine  Entsendung  nach  Hellas  an  der  Spitze  einer  Kundschafter- 
expedition. Es  gelang  ihm,  von  Taras  nach  Kroton  zu  entkommen  und 
dort  bei  den  Bürgern  gegen  die  ihn  aufgreifenden  Perser  Schutz  zu  finden. 
Zum  Abschiede  trug  Demokedes  den  Persern  auf,  seine  Verlobung  mit 
der  Tochter  des  Athleten  Milon  dem  Grosskönige  zu  melden.  Nach 
lamblichos  (vita  Pythag.  257  If.)  soll  Demokedes  später  die  von  Kylon 
verjagten  Pythagoreer  gegen  Kroton  geführt  haben  und  dabei  ums 
Leben  gekommen  sein.  Aber  diese  Nachricht  geht  auf  den  Schwindler 
Apollonios  von  Tyäna  zurück,  und  ausserdem  wissen  weder  die  übrigen 
Gewährsleute,  noch  lamblichos  selbst  (267)  von  der  Zugehörigkeit  zu 
den  Pythagoreern  auch  nur  das  Mindeste.  Suidas  erwähnt  ein  ärzt- 
liches Werk  des  Demokedes,  der  in  den  indices  Pliniani  ebenfalls  ge- 
nannt wird;  jedoch  liegt  der  Verdacht  nahe,  dass  die  Späteren,  die 
von  dem  Inhalte  nichts  wissen,  das  fingierte  Buch  einem  möglichst 
alten  Arzte  beigelegt  haben,  gleichwie  auch  Kadnios  das  erste  Prosa- 
werk verfasst  haben  soll.-)  Auch  um  die  Anatomie  hat  sich  Demo- 
kedes (W  achtler  a.  a.  0.,  S.  90  f.  Anm.  1)  verdient  gemacht. 

Euryphon  von  Knidos  ist  ein  etwas  älterer  (Soran.  vita  Hippocr.) 
Zeitgenosse  des  Hippokrates.  Er  war  der  Anatomie  kundig  (Galen. 
XV  135).  Die  Entstehung  der  Krankheiten  erklärte  er  also:  „Wenn 
der  Leib  die  erhaltene  Nahrung  nicht  entleert,  so  entstehen  Üeber- 
schüsse,  die  nach  dem  Kopfe  zu  emporsteigen  und  so  die  Krankheiten 
herbeiführen.  Wenn  jedoch  der  Leib  fein  und  rein  ist,  so  geht  die 
Verdauung  in  gehöriger  Weise  vor  sich;  andernfalls  tritt  das  Er- 
wähnte ein."  ^)  Er  schrieb  auch  über  die  7celLi]  vooog  =  die  bleiche 
Krankheit  (Galen.  XV  136;  XVII,  I  888),  wie  sie  in  der  knidischen 
Schrift  de  morb.  II  68  des  Hippokratescorpus  ebenfalls  beschrieben 
wird.  Das  Bruchstück  über  die  Ttshag,  das  uns  Galenos  überliefert, 
beweist,  dass  Euryphon  der  Verfasser  von  de  morb.  II  nicht  sein 
kann.     Es  handelt  sich  um  ein  trockenes  Fieber  mit  Schauern,  Kopf- 


^)  So  Herod.  a.  a.  0.;  s.  dagegen  Euseb.  praep.  ev.  XVII  2  p.  791. 
')  Wachtier,  De  Alcmaeone  Crotoniata,  Lips.  1896,  S.  20. 
'')  Anon.  Londin.  IV  31  ff.  (Beckh-Spät  7). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  195 

schmerz,  Leibschmerz,  Gallenerbrechen,  Versagen  des  Gesichts,  Schmerz- 
gefühl u.  s.  w. ;  die  Lippen  sehen  aus  wie  bei  einem,  der  Maulbeeren 
verzehrt  hat,  zuweilen  treten  häufige  Wechselzustände  ein.  Bei  Be- 
sprechung der  Hämorrhagien  behauptete  er  im  Gegensatze  zu  Hippo- 
krates,  dass  sie  auch  aus  den  Arterien  erfolgen  (Cael.  Aurel.  morb. 
cliron.  II  10).  Littres  Schluss  (I  214),  die  koische  Schule  habe 
deshalb  die  Luft  mehr  oder  weniger  auf  die  Arterien  beschränkt,  die 
knidische  hingegen  in  Arterien  und  Venen  Blut  und  Luft  voraus- 
gesetzt, ist  eine  wahrscheinliche  Hypothese.  Schmerzen  in  den  Ein- 
geweiden (tormentum)  nannte  er  xogöaipög.  Er  bezeichnete  die  Zeit 
als  seine  Lehrmeisterin.  Die  Schwindsucht  behandelte  er,  wie  vieles 
andere,  mit  Esels-  und  Frauenmilch  und  mit  dem  Glüheisen.  Zur  Er- 
kundung der  Konzeptionsfähigkeit  setzte  er  das  Weib  auf  einen  Geburts- 
stuhl (?)  und  machte  eine  Räucherung  (Soran.  I  9,  34).  Die  Verhaltung 
der  Nachgeburt  hob  er  durch  urintieibende  Arzneien  aus  Diptamdosten 
und  Salbei  oder  durch  bluttreibende  Pessarien  oder  durch  Schütteln 
der  an  einer  Leiter  festgebundenen  Wöchnerin  (I  22).  Bei  Uterus- 
prolaps  hing  er  die  Frau  Tag  und  Nacht  kopfüber  an'  einer  Leiter 
auf,  liess  sie  dann  rücklings  zurückfallen  und  verabreichte  ihr  als 
Nahrung  kalten  Getreideschleim.  Dabei  berechnete  er  die  geeignetsten 
Tage  falsch  (II  31,  85).  Mit  Unrecht  sind  ihm  beigelegt  worden  die 
pseudhippokratischen  Schriften :  de  diaeta,  de  victu  salubri,  de  morbis  II, 
de  morb.  int.  Auch  von  den  Kviöiai  yvCuiiai  kann  er  nicht  Urheber, 
sondern  höchstens  Miturheber  sein  (s.  unten).  Er  oder  sein  Sohn  oder 
Enkel  gleichen  Namens  wird  von  dem  ältesten  Komiker  Piaton  ver- 
spottet, weil  er  dem  hageren  Schwindsuchtspropheten  Kinesias  wegen 
Empj'ems  unzählige  Glüheisenmale  am  Körper  beigebracht  hat.*)  Jeden- 
falls hat  Euryphon  die  spätere  Medizin  noch  beeinflusst.-)  Nach  ihm 
behauptete  z.  B.  Herophilos,  dass  bei  Pleuritis  die  Lunge  leide  (Cael. 
Aur.  ac.  m.  II  16),  nannte  Praxagoras  noch  die  Eingeweide  und  den 
Ileus  unterschiedslos  yoQÖal  (a.  a.  0.,  III  17),  schlug  noch  Asklepiades 
die  Geschwulst  bei  Wassersüchtigen  mit  gefüllten  Blasen  (morb. 
chron.  III  8). 

Ktesias,  Asklepiade  (Galen.  XVIII,  I  731),  war  des  Ktesiarchos 
oder  Ktesiöchos  Sohn  und  knidischer  Arzt  (Suidas).  Im  Heere  des 
Kyros  gegen  dessen  Bruder  Artaxerxes  Mnemon  dienend  und  in  der 
Schlacht  bei  Kunaxa  von  diesem  gefangen,  stand  er  bei  ihm  17  Jahre 
lang  wegen  seiner  ärztlichen  Tüchtigkeit  in  Ehren  (Diod.  Sic.  II  32; 
danach  Tzetz.  ribr.  bist.  Alpha,  chil.  I  82).  Von  persönlichen  Be- 
ziehungen zu  Hippokrates  weiss  die  Ueberlieferung  nichts ;  denn  avyysvrjg 
(Galen.  XVIII,  I  731)  heisst  bloss  „Zeitgenosse".  Seine  geographischen 
Werke  neqai/.a,  'Ivdtxa  u.  s.  w.  interessieren  uns  hier  nicht.  Er  tadelte 
Hippokrates  Avegen  der  Ansicht,  dass  sich  der  Oberschenkel  dauernd 
reponieren  lasse  (a.  a.  0.).  Es  ist  aber  nicht  auszumachen,  ob  diese 
Kritik  in  einem  eigenen  ärztlichen  Werke  oder  als  Bemerkung  in  einer 
geogi-aphischen  Schrift  enthalten  war.  Gegen  Ktesias  wiederum  wandte 
sich  als  Verteidiger  des  Hippokrates  Diokles  (Galen.  XVIII,  I  736). 
Ein  Bruchstück  über  el/JßoQog  (Nieswurz)  hat  Oreibasios  erhalten  (ed. 
Bussem.  und  Daremb.  VIII  8).  Danach  war  diese  Pflanze  zur  Zeit 
seines  Vaters  noch  ungebräuchlich,  so  dass  man  die  Kranken  zu  seiner 


^)  Fragm.  poet.  comoediae  antiquae  ed.  Meineke  11  2  S.  679  f. 
^)  Ermerins  (Hippocr.  III  p. XII)  übertreibt,  wenn  er  sagt :  mehr  als  Hippokrates. 

13* 


196  Robert  Fuchs. 

Zeit  auf  die  häufige  tödiiche  Wirkung  dieser  Arznei  hinwies  und  erst 
allmählich  mit  ihr  umgehen  lernte.  Er  erwähnt  auch  eine  wohl- 
riechende indische  Salbe  ycdoTtiov  (Photii  Bibl.  p.  49.  33  Schneid.). 
Nach  Photios  schrieb  er,  wenn  auch  nicht  durchweg,  ionischen  Dialekt 
(p.  45  A  7,  20  Bekk.) ;  seine  Werke  waren  zur  Zeit  des  Galenos  noch 
vorhanden. 

Der  kölschen  Schule  gehört  an  Aineios,  Grossoheim  des  Hippo- 
krates,  an  welchen  ein  in  Athen  aufgefundener  Marmordiscus  mit  seinem 
Porträt  und  mit  einem  Epigramm  erinnert.  Sein  Weihgeschenk  be- 
weist, dass  sich  die  kölschen  Aerzte  bereits  gegen  Ende  des  6.  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  eines  grossen  Ansehens  erfreuten,  i)  Etwas  älter  als 
Hippokrates  ist  Apollonides  von  Kos,  Leibarzt  des  Artaxerxes  I. 
Longimänus  (465 — 424  v.  Chr.)  von  Persien.  Als  solcher  heilte  er  eine 
schwere  Wunde  des  Megabyzos.  Wegen  Vergehungen  mit  der  Schwester 
des  Königs  Amytis  w^urde  er  mit  dem  Tode  bestraft  (Ctes.  30;  42). 
Wenn  Hippokrates  in  den  gefälschten  Schriften  decret.  Athen.,  epist. 
1 — 9  Artaxerxes  I.  schroif  zurückweist  und  sich  weigert,  zu  dem  Hellenen- 
feinde als  Arzt  zu  kommen,  so  kann  hierin  ein  Anklang  an  jenes 
Ereignis  gefunden  werden.  Anhangsweise,  um  später  nicht  wieder 
darauf  zurückkommen  zu  müssen,  seien  wenigstens  genannt:  Melanthios 
(Herzog  151),  des  Demetrios  Sohn,  dessen  in  Halikarnassos  gefundener 
Grabstein  verkündet:  „Dieses  Stück  (oder:  „Koische  Erde";  denn  es 
ist  eine  Lücke)  Erde  birgt  (mich?)  einen  Greis,  ganz  frei  von  Kümmer- 
nis"; Kallignötos  von  Kos,  auf  den  Agathias  ein  bissiges  Epigramm 
gedichtet  hat  (Anthol.  Palat.  XI  382);  Xenokrätes  von  Kos,  der 
durch  ein  von  Praximönes  beantragtes  Ehrendekret  der  Koer  aus- 
gezeichnet wurde  (Herzog  20);  dann  aus  römischer  Zeit  C.  Julius 
Protoktetos  äQxiarQog  (=  Gemeindearzt)  in  Kos  (Herzog  92); 
Nikomedes  aus  Smyrna,  von  dem  zwei  Epigramme  erhalten  sind,  wohl 
dem  3.  Jahrhunderte  n.  Chr.  zugehörig  und  in  einen  Aesculapiustempel 
in  Rom  gespendet.  Das  Werk,  dessen  Kopie  die  Epigramme  erläutern, 
stand  im  kölschen  Asklepieion  und  rührte  angeblich  von  Boethos  aus 
Karthago  her  (Herzog  131  f.).  Die  übrigen  Aerzte  aus  Knidos  und 
Kos  werden  ein  jeder  an  seinem  Platze  aufgeführt  werden. 

Hippokrates. 
12.  Lebensgeschichte. 

1.  „Vom  Vater  der  Aerzte",  Europa  1879  Nr.  22.  —  2.  Ackermann,  Hist. 
litteraria  Hippocratis  [ed.  Kühn  I).  —  3.  Anderson,  Medico-chirurgical  notes  on 
the  tvorks  of  Hipjjocrates  and  Galen.  Medical  Neics  1895.  —  4.  Auber,  Institutions 
d' Hippocrate,  Paris  1864.  —  5.  JBarthez,  Discours  sur  le  genie  d'Hippocrate  s.  des- 
selben Nouveaux  elements  de  la  science  de  Vhomme,  3.  Aufl.,  Paris  1859.  —  6. 
Jßeglie  Warburton,  Hippocrates,  Ms  life  and  writings,  Edinburgh  1872  {auch 
Brit.  medic.  journ.  1872).  —  7.  Boulet,  Dubitationes  de  Hippocratis  vita,  patria, 
genealogia,  forsan  mythologicis,  et  de  quibusdam  ejus  libris  nmlto  antiquioribus  quam 
vulgo  creditur,  Paris,  these,  an  XII  =  1804  {Curiosum!)  —  8.  Boy  er,  Etüde  sur 
l'Hippocratisme,  le  Traditionalisme,  VEclecticisme  progressifs  de  Vecole  de  Montpellier, 
Montp.  medical  XL  VII  1881.  —  9.  Brian,  Gazette  hebdomadaire  1857  Nr.  29; 
1858  Nr.  15,  das  angebliche  Grabmal  des  H.  betreffend.  Becensionen  in  Canstatfs 
Jahresber.  1857  f.;  Schmidfs  Jahrbb.  XLV  251.   —   10.  Dareniberg,   Hist.   des 


^)  Herzog-,  Koische  Forsch,  u.  Funde,  Leipz.  1899  S.  151 ;  200  f.   Von  bekannteren 
Namen  seien  erwähnt:  Pythodötos,  Gorgias,  Gnosidikos,  HippolÖchos. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  197 

Sciences  medic,  Paris  1870,  1 89  ff.  —  11.  Duncnn,  Edinburgh  medical  journ. 
XXII  1876.  —  12.  Finckenstein,  H.  u.  seine  Zeit,  Deutsche  Klinik  1861.  — 
13.  FinlaysoUf  Hippocrates.  Gkisgoiv  medical  journ.  1892.  —  14.  Fishev, 
Historical  and  hiographical  notes  on  Hippocrates.    Ann.  a)iat.  and  surg.  III  1881. 

15.  Freund,   Blicke  ins  Culturleben:    Ueber  die  Person  des  H.,  Breslau  1879.  — 

16.  (lel  Gnizo,  II  genio  d' Ippocrate.  Memoria  letta  alVAccademia  Pontmiiana  etc., 
Napoli  1897  [Atti  deW  Accad.  Pont.  XXVIl).  —  17.  Gomperz,  Griech.  Denker, 
Leipz.  1896,  I  238  ff.  —  18.  Gregoras,  Krit.  Betrachtungen  ü.  d.  Leben  «.  d. 
Lehre  des  H.,  Diss.,  Erlangen  1886.  —  19.  Grosshause r,  Aesculap  u.  H.,  Wien 
0.  J.  —  20.  de  Hot/OS  Lhnon,  Espiritu  del ^Hippocratismo  en  su  evolucion  con- 
temporanea,  Sevilla  1854.  —  21.  Houdart,  Etudes  hist.  et  crit.  sur  la  vie  et  la 
doctrine  d'Hippocrate,  et  sur  Vetat  de  la  medec.  avant  Itii,  2.  Auft.,  Paris  1840 
(Vorsicht!). —  22.  Union  s.  20.  —  23.  llherg,  Ueber  das  Hippokratische  Corpus. 
Verh.  der  Philologen- Vers,  zu  Görlitz  1889;  Die  Hippokrates-Ausgaben  des  Artemidoros 
Kapiton  und  des  Dioskurides.  Rhein.  Mus.  N.  F.  XLV  1890;  Zur  Deberlieferung 
des  Hippokratischen  Corpus.  Ebda.  XLII.  —  24.  Jfschner,  Vom  Vater  d.  Medic. 
Gegentcart  1898  Nr.  47.  —  25.  Kraus,  Ueber  d.  Hippokratismiis.  Äntrittsvorlesg. 
Mitth.  d.  Vereins  d.  Aerzte  in  Steiermark  1894.  —  26.  Legallois,  Recherches 
chronologiques  sur  Hippocrnte.  Pai'is  1804.  —  27.  Hippocrate  jmr  Littre  I  l  ff.  — 
28.  Marius,  Dissertatio  de  vita  Hippocratis.  Wirceburgi  1838.  —  29.  3Ioreau  de 
la  Sarthe,  Notice  sur  Hippocrate,  Paris  1810.  —  30.  Oettinger,  Hippocratis 
vita,  2)hilosophia  et  ars  medica,  Berolini  1836.  —  31.  Chr.  Petersen,  Zeit  u.  Lebens- 
verhältnisse des  H.  =  Philologus  IV  1849,  S.  209  ff  —  32.  Jul.  Petersen,  Ueber 
d.  Hippokratismus.  Vortrag.  Verh.  d.  Congr.  f.  inn.  Med.  in  Wiesbaden  1889.  — 
33.  Pucchiofti,  Dtlla  sapienza  d^Ippocrate,  e  della  neeessitä  di  ristabilirc  la  medicina 
ippocratica  in  Italia,  Napoli  1858.  —  34.  Hemusat,  Sur  Hippocrate  et  Cnide'. 
Rev.  des  deux  mondes  1857  f.  —  35.  Heinr.  Bohlfs,  Ueber  d.  Geist  d.  Hippokrat. 
Medic.  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Med.  IV  3  ff.  —  36.  Sari,  St^idien  ü. 
H,  Florenz  1846.  —  37.  O.  Schnitz,  Hippokratiske  näzory  o  puvodu  usic,  Prag 
1895.  —  38.  Sourlangas,  Etüde  sur  Hippocrate,  son  oeuvre,  ses  idees  sur  Vinfection 
et  ses  moyens  antiseptiques,  Paris  1894.  —  39.  Wiirburton  s.  Beglie.  —  40. 
Porträt.  Medical  Class.  Public.  Comp.,  New  York  1888. 

Der  Name  „Hippokrätes"  war  im  Altertum  sehr  häufig.  Wir 
kennen  7  Aerzte  und  1  Tierarzt  dieses  Namens.  An  Lebens- 
beschreibungen stehen  zu  Gebote:  1.  Die  vita  Soräni,  die  entweder 
aus  dessen  ßloi  iaxqCov  entnommen  oder  nach  ihnen  gearbeitet  ist  und 
durch  den  citierten  Koer  Soranos  auf  die  koischen  Archive,  ferner 
auf  Eratosthenes  aus  Kyrene  (etwa  240  v.  Chr.),  Pherekydes,  Areios, 
Apollodöros  (etwa  140  v.  Chr.)  und  Tharseus  zuriickführt  ^);  2.  die  des 
Suidas  (etwa  1050  n.  Chr.)'^);  3.  die  des  Tzetzes  (etwa  1150  n.  Chr.; 
chil.  VII  155).  Zu  Rate  zu  ziehen  sind  nebenbei:  4.  Steph.  Byzant 
unter  KCbg  nach  Herennius  Philon ;  5.  die  gefälschten  Briefe,  die  meist 
anekdotenhaft  sind.  decr.  Athen.,  de  legal. ;  6.  andere  Schriftsteller,  z.  B. 
Piaton  und  Aristoteles.  Wie  angesiclits  dieser  Zeugnisse  Boulet  (7) 
bestreiten  konnte,  dass  es  einen  Hippokrates  gegeben  habe,  ist  uner- 
findlich. Der  Name  'l7t7toY.QdTr^Q  zunächst  hat  in  der  Ueberlieferung  die 
mannigfaltigsten  Veränderungen  erlitten.  Sehr  häufig  begegnet  in  den 
Handschriften  ^IrcTtoAgatf^g,  Hipocras  u.  ä.  Der  über  glossarum  hat 
Yppocratis  und  Epocratis,  und  Hippokras  ist  eine  aus  dem  ^Mittelalter 
herübergerettete,  wohlbekannte  Form.  Die  Namens  Verstümmelungen 
bei  den  Arabern  gehen  so  weit,  dass  Hippokrates  (Bukrät)  und  So- 
krates  (Sukrät)  geradezu  identisch  erscheinen. 

Ueber  das  Geburts-  und  Todesjahr  des  „Hippokrates  IL  des 
Grossen"  haben  wir  keine  eindeutige  Ueberlieferung.  Kedrenos  (ed. 
Basil.  p.  118)  lässt   ihn   zur   Zeit   des   Dareios,  des  Hystaspes   Sohn 


1)  Vgl.  Galen.  III  850. 

*)  Unter  'InTioxfaTr^i,  Km»,  .Joäxcof,   &eaaa?.6s,    Popyias,  .Je^i-rnoi-,  .^qfioxoiroi. 


198  Robert  Fuchs. 

(521 — 485  V.  Chr.),  Ruhm  erwerben,  Eusebios-Hieronymus  Ol.  86,  2 
bezw.  86,  1  =  434/433  bezw.  435/434  v.  Chr.  Petersens  Ansatz,  vor 
470,  wird  von  P  e  t  r  e  q  u  i  n  (Chirurgie  d'Hippocrate  I  32  ff.)  widerlegt. 
Gr egoras  (18)  kommt  auf  470,  indem  er  sagt:  Histomachos  (Sor.)  irrt, 
wenn  er  460  angiebt,  denn  dann  hätte  Hippokrates  der  athenischen 
Pest  (Frühsommer  431  ff.)  nicht  durch  Entsendung  seiner  Söhne  und 
seines  Schwiegersohnes  entgegentreten  können,  da  er  mit  29  Jahren 
keine  erwachsenen  Nachkommen  gehabt  haben  kann;  dazu  passt,  dass 
bei  Aul.  Gell.  XVII  21  Hippokrates  als  älterer  Zeitgenosse  des  Sokrates 
erscheint.  Zu  unbestimmt  ist  die  Angabe  bei  Synkellos  (248  B; 
253  D),  dass  er  zur  Zeit  des  römischen  Diktators  Rufus  Larcius 
501  berühmt  und  Zeitgenosse  des  Demokritos,  Empedokles,  Zenon, 
Parmenides  und  Artaxerxes  Makrocheir  (465 — 425)  gewesen  sei.  Auch 
Eusebios-Hieronymus,  die  seine  Blüte  um  436 — 432  ansetzen,  und 
Piaton,  dessen  Protagoras  dem  wenigstens  nicht  widerspricht,  ergeben 
nur  einen  mangelhaften  Anhalt,  wenngleich  der  ersteren  Angaben 
auf  Apollodöros  und  somit  auf  Eratosthenes  fussen  werden.  Wie  sonst 
verdient  vor  dieser  Tradition  die  genauere  Angabe  in  der  vita  Sorani 
(nach  Histomachos  7teQi  Trjg  'irtTtoAQaxovg  aigioeiog  I)  den  Vorzug,  dass 
Hippokrates  am  26.  Agrianos  oder  Agrianios  Olymp.  80,  1  =  460  459 
auf  Kos  geboren  sei  unter  dem  Monarchen  Habriädas ;  denn  sie  ist  den 
koischen  Urkunden  entlehnt,  ist  auch  heute  allgemein  anerkannt. 
Nach  Suidas  und  Tzetzes  starb  er,  104  Jahre  alt,  Olymp.  106,  1  = 
356/355.  P  e  t  r  e  q  u  i  n  verringert  sein  Leben  auf  das  wahrscheinlichere 
Mass  von  rund  85  Jahren  und  kommt  so  zu  etwa  375.  Von  dieser 
einigermassen  zuversichtlichen  Begrenzung  weichen  andere  mehr  oder 
weniger  ab;  377  nehmen  Sprengel  und  Fr  öl  ich,  377/359  Christ, 
376/373  Schulze,  370  Wertner  an.  Als  Grabstätte  bezeichnen 
Suidas  Larl(s)sa,  Soranos  und  Tzetzes  eine  Stelle  zwischen  Larissa  und 
Gyrtön(e)  in  Thessalien.  Dass  Samartsidis  im  Jahre  1857  bei  dem 
heutigen  Tyrnabe  (=  Gyrton)  das  Grab  und  den  Sarkophag  mit  In- 
schrift entdeckt  hätte,  hat  ihm  trotz  der  Beihilfe  der  Zeitung  'Einig 
niemand  geglaubt  (Petrequin  I  25).^) 

Das  Hippokratesporträt  in  einem  Cod.  Bononiensis  beruht  auf 
Phantasie.  Zweifel  bestehen  bezüglich  der  Büste  aus  der  Villa  Albani, 
abgebildet  bei  Christ,  Gesch.  d.  griech.  Litt.,  2.  Aufl.,  München  1890 
Taf.  21.  Die  Litteratur  über  HippokrateslDilder  findet  man  bei 
Fabricius-Harles  Bibl.  Graeca  II  507  Anm.  m  und  Visconti, 
Iconographie  grecque  I  379  ff.  Der  Stammbaum  ist  verschieden 
überliefert,  da  die  mit  einander  wetteifernden  Aerzteschulen  ihre  Sonder- 
interessen darin  zum  Ausdrucke  brachten ;  doch  werden  die  Hippokrates 
nahe  stehenden  Generationen  als  geschichtlich  gelten  dürfen.  Leider 
ist  der  Stammbaum,  den  C.  Stertinius  Xenophon  für  Kaiser  Claudius 
aus  Kos  verschrieb,  bei  Tacitus  (annal.  XII  61)  nicht  überliefert;  wir 
würden  sonst  auch  in  der  Zeitbestimmung  mehr  Stützen  gewinnen.  -) 
Nach  Soranos  gehört  Hippokrates  der  20.  Generation  des  Asklepios  und 
der  19.  des  Herakles  an,  nach  Tzetzes  der  17.  des  Asklepios.  Sein 
Vater  war  der  Arzt  Herakleides  (Sor.),  seine  Mutter  war  Praxithee,  die 


1)  Vgl.  Brian,  Gazette  hebdomadah-e  1857  Nr.  29:  1858  Nr.  15.  —  Caiistatt's 
Jahresbericht  18571  —  Rosenbanm,  Schmidt's  Jahrbb.  XLY  251  if. 

■^)  Herzog,  Koische  Forsch,  u.  Funde,  Leipz.  1899  S.  97:  200 f.  hat  alle  Nach- 
weisungen auf  Grund  der  Inschriften  beigebracht. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  199 

Tochter  der  Pliainarete  (epist.  2),  oder  Pliaiiiarete  (Sor.,  Tzetz.).  Als 
Grossoheime  werden  Aineios  (s.  oben)  und  Podaleirios.  ^)  als  Grossvater 
Hippokrates  I.,  Enkel  des  Nebros,  genannt.  Den  ärztlichen  Unter- 
richt erteilte  der  Täter.  Dass  ihm  Herodikos  von  Selymbria  (Sor., 
Tzetz.)  gymnastische  Stunden  gegeben  habe,  ist  ebenso  unsicher  wie 
der  Bericht,  dass  er  Schüler  des  Gorgias.  Prodikos  und  Demokritos 
gewesen  sei.  Bei  Herodikos  steht  entgegen,  dass  Hippokrates  an- 
scheinend Athen  nicht  besuchte.  Gorgias,  den  hochbetagten  Ehetor, 
könnte  er  in  Larissa  gesehen  haben.  Bei  Demokritos  könnte  an  ein 
oberflächliches  Zusammentreffen  in  Abdera  gedacht  werden.  Am  zweifel- 
haftesten aber  sind  die  Beziehungen  zu  Prodikos,  dem  Sophisten.  Hippo- 
krates unternahm  nach  glaubwürdiger  Ueberlieferung  grosse  Reisen 
durch  Hellas.  Es  war  dieses  einmal  der  allgemeine  Zug  jener  Zeit, 
sich  auf  Reisen  zu  bilden,  statt  daheim  die  Schule  fortzupflanzen.  Ferner 
aber  war  zweifellos  ein  lebhafter  Bildungsdrang  der  Grund,  weshalb  er 
das  Eiland  verliess,  das  ihm  wegen  seiner  gesunden  Lage  so  wenig  Lehr- 
stoff bot.  Auch  das  Bestreben,  andere  alte  Asklepiostempel  (z.  B.  auf 
Thasos)  kennen  zu  lernen,  mag  von  Einfluss  dabei  gewesen  sein.  Jeden- 
falls waren  ihm  sein  Schwiegersohn  Polybos  und  andere  Schüler  zuver- 
lässige Stellvertreter,  diddoyoi.  Von  freundschaftlichen  oder  verwandt- 
schaftlichen Beziehungen  zu  auswärtigen  Asklepiaden,  wie  Gregoras 
andeutet,  ist  uns  nichts  bekannt.  Die  von  Hippokrates  besuchten  Stätten 
sind  schwer  zu  bestimmen,  da  die  Schriften  grösstenteils  unecht  sind. 
Fest  steht  nach  epid.  I  und  III  der  Besuch  der  Insel  Thasos,  der  von 
Larissa  in  Thessalien,  Abdera  in  Thrakien,  Kyzikos  an  der  Propontis 
und  Meliboia  in  Thessalien;  die  beiden  Klazomenier  (I  2,  3  Kap.  20; 
I  10.  Pat.)  wohnten  offenbar  auf  Thasos.  Da  nicht  auszumachen  ist, 
^Weviel  von  epid.  II  und  VI  auf  Hippokrates  selbst  zurückgeht,  kann 
bezüglich  folgender  Städte  der  Besuch  zum  mindesten  nicht  erwiesen 
werden :  Kran(  n)on  bei  Larissa,  Perinthos  an  der  Thrakischen  Pro- 
pontis, Ainos  am  Hebros  (=  Maritza),  Plenos  (?;  vergl.  bei  mir  II  267  f. 
Anm.  52),  Pharsälos  in  Thessalien.  In  den  übrigen  Büchern  der  Epi- 
demien genannte  Orte,  wie  Oineiädai,  Pherai,  Malierland,  Datos,  können 
nicht  als  vorübergehende  Wohnorte  des  Hippokrates  in  Anspruch  ge- 
nommen werden.  Vollends  unerweisbar  ist  die  Annahme,  dass  er  an 
allen  den  in  de  aere  aq.  loc.  genannten  Stätten  gewesen  sei,  also  in 
Aegypten  (Georg  Ebers),  Libyen,  am  Asowschen  Meere,  am  Phasis 
(jetzt  Rion  in  Russisch-Kaukasien),  in  dem  ausgedehnten  Skythenlande, 
in  den  Ausläufern  des  Ural;  denn  seine  Mitteilungen  können  sehr 
wohl  auf  mündlichen  Berichten  beruhen.  Für  einen  etwaigen  Aufent- 
halt am  persischen  Königshofe  ergeben  die  gefälschten  Briefe  eben- 
falls keinen  Anhalt.  Für  einen  Besuch  in  Athen  spricht  ebenfalls 
nichts.  Galen.  XIV  281  passt  auch  für  jeden  anderen  griechischen 
„Pest"-Herd.  Die  Schilderungen  der  athenischen  „Pest"  bei  Thukydides 
(II  49  u.  ö.)  und  Hippokrates  (epid.  III  3,  7)  haben  so  gut  wie  keine 
Aehnlichkeit.  Thukydides  erwähnt  nicht  einmal  den  Arzt,  der  zu 
jener  Zeit  trotz  seiner  Jugend  in  Ehren  stand.  Wäre  Hippokrates 
thatsächlich  damals  in  Athen  mit  Erfolg  thätig  gewesen,  so  hätte  er 
auch  als  Athener,  Laie  und  Privatmann  (Gregoras  S.  11  f.)  ihn  nennen 
müssen.  Auch  sonst  weiss  Galenos  nichts  von  einem  Aufenthalte  in 
Athen,  und  selbst   mit  Piaton  (Protag.),  Varro  und  Plinius  ist  nichts 

*)  Steph.  Bj'z.  unter  Kwi. 


200  Robert  Fuchs. 

Zuverlässig-es  zu  ermitteln.  Alles,  was  sonst  berichtet  Avird,  sind 
Anekdoten,^)  deren  Spur  von  wahrem  Kerne  höchstens  erraten 
werden  kann.  Dahin  gehört  die  Behauptung,  er  habe  in  Knidos  (so 
Andreas,  wohl  der  Herophileer)  oder  Kos  (Tzetz.)  als  Gustos  der 
dortigen  Bibliothek  den  Tempel  samt  allen  Archivstücken  verbrannt, 
um  sich  den  Erfinderruhm  zu  sichern,  und  sei  deshalb  zu  den  thrakischen 
Edönen  geflohen.  Wohl  aber  wird  er  die  Tiivay.eg  (=  Weihetafeln) 
mit  den  Krankheitsbeschreibungen  und  Rezepten  studiert  haben  (Varro 
bei  Plin.  h.  n.  XXIX  4).  Seine  Diätetik  und  klinische  Lehre  kann 
sehr  wohl  aus  den  litterarischen  Tempelschätzen  abgeleitet  sein 
(Strab.  III 14 ;  cf.  XIV  657).  Eine  ähnliche  Brandstiftung  legt  Strabon 
(a.  a.  0.)  der  Frau  des  Hasdrübal  bezüglich  des  karthagischen  x4.sklepios- 
tempels  zur  Last,  die  Arabisten  dem  Avicenna.  Wunderlich  sind  bei 
Tzetzes  die  4  Gründe,  weshalb  Hippokrates  in  bildlichen  Darstellungen 
das  Haupt  mit  dem  Mantel  umhülle,  und  die  Zurückführung  der  Aus- 
wanderung nach  Thessalien  auf  einen  Traum  (Sor.).  Märchenhaft  ist 
es,  dass  er  mit  Euryphon  die  „Phthisis"  des  Königs  Perdikkas  von 
Makedonien  als  Liebessehnsucht  zur  Phila,  seines  Vaters  Nebenfrau, 
festgestellt  und,  von  den  Abderiten  berufen,  Demokritos  von  seinem 
Wahnsinne,  die  Stadt  von  der  Pest  befreit  haben  soll  (Sor.),  Zweifel- 
haft ist,  ob  er  den  Zug  der  Pest  vorausgeahnt  und  durch  Entsendung 
von  Schülern  in  der  Attike  gehemmt  habe  (Sor.).  Ersonnen  ist  die 
schroffe  Absage  an  Artaxerxes  I.  Makröcheir  (Sor.;  dogma  Athen.; 
epist.  llf.);  fraglich,  ob  er  Kos  vor  der  Eroberung  durch  die  Athener 
rettete,  indem  er  die  Thessalier  zur  Hilfe  herbeirief  (Sor.),  ob  er  in 
die  athenischen  Mysterien  eingeweiht  und  der  Speisung  im  Prytaneion 
gewürdigt  wurde  (decr.  Athen.);  nicht  wahr,  aber  gut  erfunden,  dass 
in  seinem  Grabmale  Bienen  gehaust  hätten,  deren  Honig  den  Soor  der 
Kinder  vertrieb ;  plausibel,  dass  er  uneigennützig  und  geldfeindlich  war 
(Sor.).  Nach  Pausan.  X  2,  4  hat  er  nach  Delphoi  ein  Skelett  als  Weih- 
gabe gestiftet,  gleichwie  Erasistratos  eine  Zahnzange;  nach  den  Ara- 
bisten gründete  er  das  erste  Hospital.  Die  an  weithin  sichtbarer 
Stelle  heute  noch  gezeigte  Hippokratesplatane  ist  viel  jüngeren  Ur- 
sprungs; hingegen  hat  Hippokrates  zweifellos  die  früher  nach  ihm 
benannte  Quelle  BovQiva  gekannt.  Hippokrates  hatte  2  Söhne, 
Thessälos-)  und  Drakon  (Galen.  XV  110;  Suid.),  die  ebenfalls  auf 
Wanderungen  auszogen.  Hippokrates  III.,  Sohn  des  Thessälos,  schrieb 
iatQLY.d,  ebenso  Hippokrates  IV.,  der  Sohn  des  Drakon,  welcher  Arzt 
der  Roxäne,  der  Gemahlin  des  grossen  Alexandros,  war.  Hippokrates  V. 
und  VI,  Söhne  des  Thymbraios,  schrieben  über  Medizin ;  und  dasselbe 
berichtet  wiederum  Suidas  von  Hippokrates  VII.,  dem  Sohne  des 
Praxiänax.  Zu  seinen  Schülern  zählten  in  erster  Reihe  seine  Söhne 
und  sein  Schwiegersohn,  weiterhin  aber  auch  Apollonios  und  Dexippos 
von  Kos  (s.  unten)  und  nach  Tzetzes  (chil.  VII  155)  Praxagoras  von 
Kos  u.  a.,  deren  Lehren  unten  besprochen  werden  werden. 

Was  die  Wertschätzung  des  grossen  Koers  anlangt,   so  sind 
Tadelworte    gegen   ihn    ausserordentlich    selten.     Bekannt    ist,    dass 


1)  Vgl.  L  i  1 1  r  e  VII  S.  XVII.  P  e  t  r  e  q  u  i  n  I  28  ff.  H  u  b  e  r  in  Friedreich's  Blatt, 
f.  gerichtl.  Mediz.  u.  Sanitätspolizei  XXXVII  1886  S.  321  ff.  Heuscliers  Janus  I 
853 f.  Haas  in  d.  Ztschr.  d.  deutsch,  morgenl.  Ges.  XXXI  1877  S.  6571  Was  am 
Schlüsse  genannt  ist,  bezieht  sich  auf  eine  "durch  Araber  verschuldete  Verwechselung 
des  H.  mit  einem  Wollüstling. 

-)  Vgl.  Kap.  7  Schluss  über  die  angebliche  Entsendung  nach  Sicilien. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  201 

Asklepiädes  seinen  gi'osseu  Vorfahren  aus  Eitelkeit  einen  „Todbringer" 
{d^avdrov  /.lelhrig)  nannte  und  verachtete.  ^)  Sonst  Hesse  sich  nur  der 
Tadel  des  Galenos,  XVI  809,  anführen.  Des  Lobes  voll  sind  alle 
Schriftsteller  aller  Zeiten.  Piaton  vergleicht  ihn  mit  Polykleitos 
und  Pheidias  (Protag.  311  B  f.),  Aristoteles  nennt  ihn  den  „Grossen" 
(polit.  VII  4  1326  a  15).  Apollonios  von  Kition  den  „Göttlichen"  (ed. 
Dietz  p.  1;  Chirurgi  Graeci  vet.  ed.  Cocchi  p.  171),  Galenos  den 
„Göttlichen"  (IV  542),  den  „in  jeder  Beziehung  Bewundernswerten" 
(IV  789;  II  189;  VII  739),  den  „Finder  alles  Guten"  (XVI  273; 
X  458)  und  kargt  auch  sonst  nicht  mit  Lob  (XV  110;  XIX  220 f.); 
Ruphos,  Celsus,  Athenaios  von  Naukrätis,  Stephanos  von  Bj'zantion 
(s.  Kiög),  Alexandros  von  Tralleis  (II  333  „der  weise  Greis";  377 
„der  Göttlichste"),  Theophilos,  Suidas  („das  Aphorismenbuch  übersteigt 
menschlichen  Verstand")  und  das  ganze  Mittelalter  huldigen  dem  „Vater 
der  Heilkunde",  dessen  Ehrenstellung  gewahrt  bleibt,  selbst  wenn  man 
den  Vaterbegriif  nicht  in  seinem  vollen  Umfange  anerkennen  kann. 

13.  Die  hippokratischen  Schriften  (Corpus  Hippocraticum). 

S.  die  Litteratiir  zu  Kap.  IS.  —  1.  Kühle tvein,  Beiträge  z.  Gesch.  u.  Be- 
urtheilg.  d.  hippokrat.  Schriften.  Philoloyus  XLTI  1S8'2.  —  2.  Laboulbene,  Hist. 
des  livres  hippocratiques.  Gazette  des  hopitaux,  Paris  1S>^1.  Die  bedeutendsten 
Werke  über  Chronologie  und  Echtheitsfragen  s.  in  den  Anmerkungen. 

Die  Zahl  der  unter  dem  Namen  des  Hippokrates  gehenden 
Schriften  wird  verschieden  angegeben,  da  es  darauf  ankommt,  welche 
Bücher  man  als  selbständige  Werke  und  welche  man  als  Fortsetzung 
eines  anderen  Buches  zählen  will.  Tzetzes  (chiliad.  VII  971  f.)  be- 
rechnet 53,  ebenso  Littre  und  Christ  in  seiner  griechischen  Litte- 
raturgeschichte  53  Schriften  in  72  Büchern;  von  einem  „Sechzig- 
bücherwerke"  und  3  Schriften  spricht  Suidas;  mehr  als  60  sind  es 
nach  Petrequin,  etwa  67  nach  Ermerins,  69  im  Index  des  cod. 
Paris.  2255/2254  saec.  XIV,  über  70  nach  Fredrich,  72  nach 
D  i  e  1  s.  -)  Die  Werke  der  Hippoki-atiker  waren  anonym,  als  sie  zu 
Beginn  des  3.  vorchristlichen  Jahrhunderts  für  die  bücherliebenden 
ägyptischen  Diadochen  gesammelt  wurden,  um  auf  die  TtLvayisg  (Kata- 
loge) der  alexandrinischen  Bibliothek  gebracht  zu  werden.  Nur  so 
erklären  sich  die  Zweifel  über  die  Aechtheit  und  die  schwankende  An- 
ordnung. Bis  dahin  waren  die  Werke  über  Hellas  verstreut ;  ihr  Haupt- 
stock aber  muss  in  Kos  und  Knidos  in  den  Archiven  gelegen  gewesen 
sein,  namentlich  die  formelhaften  oder  unvollendeten  Bücher  {vTroftvi]- 
f-iaxa).  Das  Fehlen  des  Titels,  der  meist  aussen  auf  den  Rollen  an- 
gebracht war,  die  Sammlung  durch  Kaufleute  aller  Länder  und  die 
Vereinigung  von  drei  Kategorien  von  Handschriften  (1.  erläuterte 
Texte,  2.  ra  £x  Ttloiwv  ^)  =  Schiifsbücher,  d.  h.  die  den  Schiffern  gegen 
Erstattung  einer  Kopie  von  Ptolemaios  III.  abgenommenen  Texte, 
3.  schon  vorher  in  Aegypten  verbreitet  gewesene  Bücher  in  der 
alexandrinischen  Bibliothek,  die  nicht  immer  zuverlässige  Eintragung 
in  den  (.ir^Qog  jtiva^  (=  kleiner  Katalog,  d.  h.  der  echten  Werke) '^) 


^)  Galen.  XI  163;  vgl.  XI  177;  Littre  IV  3.3 ff. 

-)  Ueher  d.  Excerpte  v.  Menons  latrika  in  dem  Londoner  Papyrris  137.    Hermes 
XXVIII  1893  S.  407  ff. 

»)  Galen.  XVIII,  i  379. 


202  Robert  Fuchs. 

haben  dazu  beigetragen,  dass  der  Ursprung  der  meisten  Werke  dunkel 
bleibt.  Kataloge  finden  sich  mehrfach  in  den  Handschriften,  z.  B.  im 
Vatic.  276  saec.  XII,  in  einem  Bruxellensis  saec.  XIP),  in  Paris. 
2146;  2255  und  2254  saec.  XIV,  in  einem  Arabiens  u.  s.  w. 

Die  ganz  verschiedenartigen  Schriften  sind  bei  Erotianos  ein- 
geteilt in:  1.  semiotische,  2.  naturwissenschaftliche  {cpvoi-/.a)  und 
ätiologische  und  3.  therapeutische  Werke  (diätetische,  chirurgische, 
vermischte,  auf  die  Kunst  bezügliche).  Nach  ihrer  Echtheit  zerfallen 
sie  in  knidische  und  koische  Denkmäler  oder  in  Vorbilder  und  Kompi- 
lationen aus  diesen ;  man  kann  auch  abgeschlossene,  ausgefeilte  Werke 
und  stichwortähnliche  Notizensammlungen  und  Krankenjournale  sondern. 
Den  Charakter  von  vrcouvrif-iaxa  =  Notizen  haben:  epid.,  aphor., 
praenot.  Coac,  prorrh.  I  und  de  nat.  hom.  vielleicht;  von  Kompilationen: 
de  diaeta,  de  oss.  nat,  de  cris.,  de  dieb.  crit.,  von  sophistischen  Reden 
z.  B.  de  arte,  de  vet.  med.,  de  nat.  hom.,  de  flat.,  orat.  Die  Schriften 
sind  an  Aerzte,  Laien  (de  victu  sah)  oder  beide  gerichtet.  Als  iTtiöeiiis 
an  das  grosse  Publikum  erweist  sich  z.  B.  de  arte.  Auch  als  Fach- 
schrift oder  Schulschrift  könnte  man  das  eine  oder  andere  Werk  kenn- 
zeichnen. 

Der  Dialekt,'-)  der  auf  Kos  gesprochen  wurde,  war  der  dorische. 
Natürlich  war  der  örund,  weshalb  die  hippokratischen  Schriften  in 
ionischem  Dialekte  abgefasst  sind,  nicht  der  Wunsch,  dem  Demokritos 
zu  Gefallen  zu  sein  (Aelian.  var.  hist,  IV  201,  sondern  in  jener  Zeit 
war  die  durch  Herodötos  so  meisterhaft  vertretene  "lag  die  vorwiegende 
Prosasprache.  Der  Anonj^mus  bei  Bachmann  (Anecd.  II  367)  hat 
Recht,  wenn  er  dem  Herodötos  das  Einmischen  poetischer  Formen  und 
Wendungen  nachsagt,  Unrecht,  wenn  er  die  hippokratische  las  rein 
nennt.  Denn  schon  Xenokritos  (Erot.  s.  v.  allocpdoGovTsg)  und  Erotianos 
(und  vermutlich  auch  Galenos  in  seiner  verlorenen  Schrift  über  den 
Dialekt  des  Hippokrates)  haben  vielfach  dorische  und  attische  Formen 
festgestellt.'^)  doch  gingen  die  alten  Kritiker  zu  weit,  die  durchweg 
den  altattischen  Dialekt  Q4tO-ig)  herausfinden  wollten.  Obwohl  auch 
bei  unserem  Corpus  das  Bestreben,  die  Schulformen  an  Stelle  der 
Dialektformen  zu  setzen,  vielfach  hervortritt,  so  ist  die  Ueberlieferung 
doch  im  Ganzen  in  den  besten  Codices  treu  und  häufig  der  Fassung 
des  Galenos  überlegen,  der  im  Kampfe  gegen  die  Atticisten  den 
Pseudionismus  allzu  wacker  verteidigte. 

In  Bezug  auf  den  Stil*)  weisen  die  hippokratischen  Schriften  die 
denkbar  grössten  Verschiedenheiten  auf,  wie  sich  schon  aus  dem  über 
die  Einteilung  Gesagten  schliessen  lässt.    Die  Schwierigkeit  der  Text- 


1)  Hellsehers  Jaiius  1847  S.  475. 

^)  Gomperz,  Sitzunosher.  d.  kais.  Ak.  d.  Wiss.  in  Wien,  phil.-hist.  Kl.  CXX 
1889  S.  76ff.:  „Dialektologisches".  0.  Hoff  manu,  Die  griech.  Dialekte  III  192  ff. 
Kaute,  Observationes  granimaticae  in  Hippocratis  scriptis  genuinis.  Diss.  Gryphis- 
waldiae  1876.  KühleAvein,  De  dialecto  Hippocratica  (s.  dessen  Ausgabe  des  Hipp. 
S.  LXVff.);  Hermes  XXII  186  A.  2.  Littre  in  seiner  Ausg.  des  Hipp.  I  479  ff.; 
X  S.  XXXliff.  Lob  eck,  Beiträge  z.  Kenntnis  des  Dialekts  des  H.  Philologus  1853; 
Quaestiones  lonicae,  Eegimoutii  1850.  Petrequin  (s.  dessen  Ausg.  des  Hipp.)  I 
111  ff.    Uthoff,  Quaestiones  Hippocraticae.    Diss.  Marburgi  1884. 

*)  Ilbergi  Studia  pseudippocratea.  Diss.   Lips.  1883,  S.  33  ff.  zählt  Beispiele  auf. 

*)  Kühle  wein,  Observationes  de  usu  particularum  in  libris  qui  vulgo  Hippo- 
cratis nomine  circumferuntur.  Diss.  Gotting.  1870.  Littre  I  465  ff.  Maas,  Hermes 
XXII  566 ff.  Petrequin  a.  a.  0.  Weber,  Einige  Bemerkungen  über  Hippo- 
krates' Darstellung  und  Stil  (S.-A.  aus  Freundesgaben  für  Carl  Aug.  Burk- 
hardt  zum  siebzigst.  Geburtst,  Weimar  1900). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  203 

behandlung.  welche  darin  wesentlich  mit  begründet  ist,  hat  die  Heraus- 
geber schon  (besonders  Erinerins)  verleitet,  ihren  eigenen  Stil,  ja  ihre 
modernen  Gedanken  in  die  Ueberlieferung  gewaltsam  hineinzukorrigieren, 
diesen  Widerstreitendes  wegzustreichen  und  überall  schulmeisterlich 
zu  uniformieren  (Beseitigung  des  Numeruswechsels;  ^)  Wortumstellung). 
In  den  besten  Schriften  findet  sich  eine  natürliche,  schlichte,  gefällige, 
klare,  edle,  stets  geschmackvolle  Redeweise.  Die  Satzverbindungen 
sind  durchsichtig  (Kopulation,  Adversation),  jedoch  mannigfaltiger  als 
bei  Herodötos,  und  die  Perioden  stellen  sich  von  selbst  in  tadelloser 
Abrundung  ein.  Eine  gewisse  Schwerfälligkeit  der  alten  Prosa,  keines- 
wegs bloss  des  Hippokrates,  zeigt  sich  in  der  häufigen  Wiederholung 
eines  und  desselben  schwerwiegenden  Begriftswortes  in  einem  Satze, 
wenn  das  Pronomen  genügen  würde  (z.  B.  de  artic.  repos.).  Daher 
vergleicht  Weber  den  hippokratischen  Stil  in  seiner  ^^'ürde  und  An- 
mut mit  der  Plastik  des  Kephisodötos.  des  Vaters  des  Praxiteles. 

Die  Handschriften-')  älterer  Zeit  enthalten  nur  einen  Teil 
des  Corpus.    Die  hervorragendsten  sind:  Yindobonensis  med.  IV  (ß), 

10.  Jahrh.;  Parisinus  2253  (A),   11.  Jahrh. ;   Laurentianus   74,  7  (B), 

11.  oder  12.  Jahrh.;  Vaticanus  graec.  276  (V),  Ende  des  12.  Jahrh.; 
Venetus  Marcianus  269  (M),  11.  Jahrh.  Hierzu  kommt  eine  grosse 
Anzahl  jüngerer  Codices,  die  in  2  Klassen  zerfallen.  Führer  der  ersten 
Klasse  ist  Paris.  2142  (H),  13.  Jahrh.,  Führer  der  zweiten  verschiedene 
Paris,  und  ein  Laurentianus  (74,  1  =  L),  Ende  des  15.  Jahrh. 

Ausgaben")  giebt  es  in  erstaunlicher  Anzahl  jedoch  sind  die 
älteren  mit  geringen  Ausnahmen  durch  die  neueren  entbehrlich  ge- 
worden. Im  Altertum  zunächst  gaben  den  Hippokrates  heraus:  Mnemon 
von  Side  in  Alexandreia  (Galenos  XVII,  I  606  tf.) ;  unter  Hadrianus 
(117 — 138  n.  Chr.)  Artemidöros  Kapiton  und  Dioskurides  der  Glossograph, 
die  vielfach  unnötige  Konjekturen  und  alltägliche  Ausdi'ücke  statt  der 
alten  in  den  Text  setzten  und  allzu  sehr  feilten  (Galen.  I  24 f.;*)  XV 
21;  XVI  2;  485;  XVII.  I  793 ff.;  XIX  83).  Ob  Galenos  selbst  die  ver- 
heissene  kritische  Ausgabe  der  echten  Schriften  verfasste,  wissen  wir 
nicht  (XVI  3).  Folgende  neuzeitliche  Ausgaben  sind  die  wichtigsten: 
die  editio  princeps  oder  Aldina,  Venet.  1526,  fol.;  die  von  Cornarius, 
Basil.  1538,  fol.  (beiLittre  Frobeniana  wegen  des  Druckers);  die  von 
M  e  r  c  u  r  i  a  1  i  s ,  Venet.  1588,  fol. ;  die  von  AnutiusFoesius,  Francof. 
ad  M.  1590 ;  1595,  am  besten  in  der  Neuauflage  cur.  Chouet,  Genev.  1657, 
fol.  (hierzu  gehört  die  kritisch  und  exegetisch  gleich  wichtige  Oeconomia 
Hippocratis,  alphabeti  serie  distincta  etc.  Anut.  Foesio  Mediomatrico 


1)  S.  bei  mir  I  58  A.  9;  60  A.  14;  164  A.  27;  173  A.  11:  182  A.  28;  197 
A.  35  u.  a.  m. 

'^)  Gomperz,  Sitz.-Ber.  d.  Kais.  Ak.  d.  Wiss.  in  Wien,  philos.-hist.  Kl.  CXX 
1890  S.  66 ff.  —  Ilberg,  Stndia  psendippocratea,  Diss.  Lips.  1883  S.  301;  Verh.  d. 
vierzigst.  Vers.  Deutsch.  Philol.  u.  Schnlniänner  in  Görlitz  1889,  Leipz.  1890  S.  401; 
Rhein.  Mus.  XLII  1887  S.  436;  Prolegoraena  critica  in  Hippocratis  operum  receu- 
sionem  novam,  Lips.  1894.  Kaute,  Ohserrationes  grammaticae  in  Hippocratis 
scriptis  genuiuis,  Gryphiswaldiae  1876  S.  9  f.  —  Kühle  wein.  Hermes  XVII  1882; 
XX  1885;  XXII  1887.  Littre  I  80ff.;  511ft'.;  X  S.  LIX  ft.  Petrequin  I  137  ff. 
Uthoff,  Quaestiones  Hippocraticae,  Diss..  Marburgi  1884,  S.  3  ff. 

*)  Choulant,  Handbuch  der  Bücherkunde  für  die  ältere  Medic.  etc.,  2.  Aufl., 
Leipz.  1841.  Daremberg,  Oeuvres  choisies  d'Hippocrate,  traduites  par  — ,  Paris 
1843  und  1855  S.  IX  ff.  Bissen,  Les  editions  et  les  traductions  de  la  collection  hippo- 
cratique,  Strasbourg  1866;  Littre  I  502 ff.;  540 ff.  u.  a.  ni.  Kritik  u.  Biograpliie 
der  Herausgeber  vereinigt  geschickt  Petrequin  I  145 ff. 

*)  Ilb^erg,  Ehein.  Mus.  XLY  1890  S.  111  ff. 


204  Eobert  Fuchs. 

medico,  authore,  Francofurdi  1588,  fol.,  besser  in  der  Neuausg-abe  cur. 
Choiiet,  Genev.  1662  fol.);  die  von  van  der  Linden,  Lugd.  Bat.  1665, 
8*\  2Bb.,  öfter  aufgelegt;  die  von  C kartier,  Paris  1639—1679,  fol., 
minderwertig,  unpraktisch;  die  von  Mack,  Wien  1743 — 1749,  8^  unvoll- 
endet; die  von  de  Merey,  Paris  1813,  12^  mit  lat.  Uebersetzung;  die 
von  Kühn,  Lips.  1825  -  1827, 3  Bb.,  desgl.  (nach  F  o  e  s  i  u  s ,  viele  Druck- 
fehler, gute  Einleitung).  Für  immer  verwachsen  mit  Hippokrates  ist 
der  Name  des,  „esprit  encyclopediqiie,  en  qui  la  force  de  conception  egale 
le  savoir",  ^)  E  (m  i  1  e)  L  i  1 1  r  e  s  -)  durch  seine  Ausgabe :  Oeuvres  com- 
pletes  d'Hippocrate,  traduction  nouvelle  avec'le  texte  grec  en  regard, 
Paris  1839  ff.,  10  Bb.  Die  Varianten  sind  am  ausführlichsten  ver- 
zeichnet, Erklärungen  oft  beigegeben;  die  Litteratur  ist  erschöpfend 
benutzt;  zahlreiche  Vorbemerkungen  und  Exkurse;  Uebersetzung 
elegant,  klar,  aber  sehr  frei  und  nicht  ohne  Willkür.  An  philo- 
logischer Hyperkritik  und  schulmeisterlicher  Pedanterie  kranken: 
Hippocratis  et  aliorum  medicorum  veterum  reliquiae.  Mandatu  academiae 
regiae  ...  ed.  Franc.  Zach.  Ermerins,")  Traj.  ad  Rhen.  1859—1864, 
3  unhandliche  Bände;  epimetrum  und  continuatio  epimetri,  Einleitung, 
Text  und  ausserordentlich  lückenhafte  lat.  Uebersetzung  nach  F  o  e  s  i  u  s ; 
wenige  Handschriften,  daher  unklare  Textauffassung  und  Verkennung 
des  Dialekts.  Das  Lob  Franckens  und  Kl  eins  „medicus  ille 
(fdoloywrarog'^  *)  ist  cum  grano  salis  zu  nehmen.  "iTtTio/.Qdzrig.  KofxLdj] 
Caroli  H.  Th.  Reinhold,  ^^jvtjol  1865 f.,  enthält  nur  14  Schriften  und 
diese  nicht  einmal  vollständig;  von  Wert  sind  die  kritischen  STtlfiexQa 
und  öß(-ho(.ioL.  Die  beste,  aber  lediglich  kritische  Ausgabe  ist  im  Er- 
scheinen begriffen;  sie  heisst:  Hippocratis  opera  quae  feruntur  omnia, 
vol.  I  rec.  Hugo  Kühle  wein,  Lips.  1895  (Teubner)  und  enthält:  de 
vet.  med.;  de  aere  aq.  loc;  progn.;  de  diaeta  in  ac. ;  epid.  I;  III; 
Prolegomena:  c.  I.  De  codicibus  manu  scriptis;  c.  IL  De  memoria 
secundaria  scr.  J.  Ilberg;  c.  III.  De  dialecto  Hippocratica  scr. 
H.  Kuehlewein.  Für  die  chirurgischen  Schriften  wird  stets  unent- 
behrlich sein :  die  postume  Chirurgie  d'Hippocrate  par  J.  E.  Petrequin, 
Paris  1877  f.,  2  Bb.  mit  wichtigen  Einleitungen,  Nachträgen,  Exkursen, 
Parallelensammlungen.  Die  übrigen  Spezialausgaben  müssen  über- 
schlagen werden.  Facsimilia  finden  sich :  The  Palaeographical  Society, 
Facsimiles  of  Ancient  Manuscripts  etc. ;  K  ü  h  1  e  w  e  i  n  I. 

Die  ältesten  der  zahlreichen  Ueber Setzungen^)  sind  lateinische'*) 
und  stammen  der  Sprache  nach  aus  dem  5.  und  6.  Jahrhunderte  n.  Chr. 
Zur  Zeit  der  Gothenherrschaft  in  Italien  (493 — 555)  wurden  die 
griechischen  Klassiker  ja   nicht   mehr  verstanden.    Die   Uebersetzer 


^)  Gazette  hebdomadaire  1861  S.  378. 

-)  Daremberg-,  Jonrnal  des  savants  1851  ff.  Lob  eck  (s.  unter  Dialekt).  — 
Heinr.  Rohlfs,  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  medic.  Geogr.  IV.  1881 
S.  58.  —  Ilberg-,  Verb.  (s.  oben)  S.  394. 

•'')  Ilberg-'a.  a.  0. 

*)  Erot.  ed.  Klein,  Lijis.  1865,  praef.  p.  V. 

■'')  Vgl.  oben  Ausgaben;  dann  Littre  1540 ff.;  Petrequin  I  145ff.  (Kritik, 
Biographie  der  Verfasser). 

'•)  Fuchs,  Anecdota  Hippocratea.  Philologus  58  =  N.  F.  12,  1899  S.  407  ff.  — 
Ilberg,  Verhandlungen  (s.  oben)  S.  399  ff.;  Philol.  52  =  N.  F.  6,  1894  S.  426;  in 
„Griech.  Stud.  —  H.  Lipsius  dargebracht",  Leipz.  1894  S.  23  ff.  Kühle  wein, 
Philol.  42,  1882—1884  S.  123;  Hermes  17,  1882  S.  484 ff.;  25,  1890  S.  120 ff.  Eose, 
Anecdota  Graeca  et  Graecolatina,  Berol.  1870,  II  115  ff.  —  Stadler,  .lanus  IV  1899 
S.  548. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  205 

waren  wohl  griechisch  sprechende  Gelehrte  von  Unteritalien;  sie  um- 
schrieben das  Original  gelegentlich  in  freier  Fassung  (Kühle wein). 
Cassiodorus  (instit.  divin.  lect.  I  31)  riet  seinen  Mönchen,  Hippokrates 
und  Galenos  im  lateinischen  Texte  zu  lesen;  er  war  514  n.  Chr.  Konsul. 
Constantinus  Africanus  übersetzte  etwa  1080  die  Aphorismen.  Gerardus 
von  Cremona  übertrug  aus  dem  Arabischen  in  das  Lateinische  das 
progn.  und  de  diaeta  in  ac.  Des  Galenos  Kommentar  7  und  8  zu  epid.  VI 
ist  nur  in  lateinischer  Fassung  erhalten,  ebenso  die  untergeschobene 
hippokratische  Schrift  de  hebdom.  Die  lateinische  Gesaratausgabe  von 
Fabius  Calvus,  dem  väterlichen  Gönner  Eaffaels  (*  1483),  Romae  1525,  foL, 
und  öfter,  hat  nur  antiquarisches  Interesse ;  besser  ist  die  des  C o  r  n  a  r  i  u  s, 
Venet.  1545,  fol.  und  Basil.  1554.  4".  Cod.  Paris.  Lat.  6865  saec.  XIV 
enthält  scholastische  Paraphrasen  des  Textes,^)  doch  ist  das  nur  ein 
Beispiel  für  viele.  Auch  an  arabischen  und  hebräischen,  ja  an  einer 
gälischen  üebersetzung  fehlt  es  nicht.  Von  sonstigen  Uebersetzungen 
sind  zu  beachten :  Daremberg,  Hippocrate.  A  Paris  1843.  2.  Aufl.  1855, 
8*^  (französisch)  und  Francis  Adams,  Lond.  1849,  2  Bb.,  unvoll- 
ständig, mit  brauchbarer  Einleitung.  Völlig  veraltet  sind  die  deutschen 
Uebersetzungen  von  Grimm,  Altenbg.  1781  ff.,  4  ßb.;  2.  Aufl.  von 
Lilieuhain,  Glogau  1837f.,  2Bb.;  Upmann,  Berl.  1847,  3  Bb.  Sie 
werden  ersetzt  durch  Fuchs,  Hippokrates,  Sämmtliche  AVerke.  Uebei's. 
und  ausführl.  commentirt,  Münch.  1895 — 1900. 

Ein  Wörterbuch  hat  nur  F  o  e  s  i  u  s  geliefert  (s.  oben  Oeconomia) ; 
die  versprochene  neue  Auflage  von  Ermerins  ist  nicht  geschrieben 
worden.  Auch  sonst  ist  es  nur  bei  Ansätzen  dazu  geblieben,  z.  B.  bei 
Petrequin.  Kommentiert-)  haben  die  Hippokratessammlung.  teils 
in  fach  wissenschaftlicher,  teils  in  grammatisch-lexikographischer  Weise : 
Herophilos  und  Erasisträtos  (um  300  v.  Chr.),  Bakcheios  von  Tanagi-a 
(290-260),  dessen  Kommen tartrümmer  im  handschriftlichen  Nachlasse 
Darembergs  gefunden  wurden,  Phillnos  (um  280),  Zeuxis  und  Deme- 
trios,  der  Epikureer  (um  250),  Xenokritos,  Glaukias  und  Herakleides  von 
Taras  (um  230),  EupliorTon,  Pasikrätes,  Lysimächos,  ein  unbekannter  Arzt 
Asklepios  (D  i  e  t  z ,  Apoll.  Citiens.  etc.  schol.  I  458 ;  478 ;  Geopon.  XX  6 ; 
Oder,  Rhein.  Mus.  XL VIII  21),  Attalion  und  Epikeleustes  unbe- 
kannter Zeit,  Nikandros  (Glossen),  Lj'kos,  der  Sohn  des  Pelops  aus 
Makedonien  (vor  100  v.  Chr.),  und  dessen  Benutzer  Epikles  aus  Kreta 
(s.  W^ellmann,  Hermes  XXXV  383),  Apollonios  von  Kition  (ältester  er- 
haltener Kommentar)  und  Asklepiädes  um  70  v.  Chr..  Philonides  (um 
30  V.  Chr.) ;  im  1.  Jahrhunderte  n.  Chr.  Erotiänos ,  ^)  Dioskurides  der 
Glossograph,  Archigenes,  Soranos,  Ruphos  der  Ephesier,  um  100 — 200 
n.  Chr.,  Sablnos,  die  beiden  Lj'kos  (w.  s.),  Galenos ;  Domnus,  Philagrios 
(um  350),  Pseudo-Oreibasios  (um  360),  Stephanos  von  Athen,  Theo- 
philos  der  Protospatharios,  Pseudo-Damaskios.  Palladios,  loannes  von 


^)  Kalbfleisch,  Rhein.  Mus.  N.  F.  51,  1896  S.  468. 

^)  L  i  1 1  r  e  I  80  ff.  P  r  e  u ,  Diss.  de  interpretibus  Hippoeratis  Graecis.  Altoi-fi  1795. 
Fedeli,  Die  hippocratischen  Comm.  an  d.  Hochschule  -in  Pisa  s.  Janus  V  1900 
S.  161  If.  Von  Späteren  z.  B.  Martianus,  Magnus  Hippocrates  Cous  notationibus 
explicatus,  Venet.  1652,  fol. 

•'')  Erotiani  vocum  Hippocraticarum  conlectio  rec.  ...  Jos.  Klein,  Lips.  1865. 
Ilberg,  Das  Hippokrates-Glossar  des  Erotiänos  u.  seine  urspr.  Gestalt.  Abh.  d. 
philol.-hist.  Gl.  d.  Kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  XIV  Nr.  IL  Leipz.  1893.  --  Häser 
H.  Aufl.  S.  115  erwähnt,  dass  handschriftlich  erhalten  sei  ein  Kommentar  von  Kalli- 
machos  zu  de  aitic.  repos. ;  dieser  Kallimachos  hat  auch  ein  verloren  gegangenes 
lexikographisches  Werk  zu  Hippokrates  geschrieben. 


206  Eobert  Fuclis. 

Alexandreia  (630—650),  Meletios  (um  780),  Maimonides  (um  1170 
n.  Chr.)  und  fast  alle  bedeutenden  Arabisten.  Erotianos  und  Galenos 
haben  uns  armselige  Bruchstücke  in  ihren  Glossenwerken  von  einigen 
dieser  Glossographen  übermittelt.  Auch  zwischen  und  neben  den 
Zeilen  unserer  Hippokrateshandschriften  (Scholia)  finden  sich  teilweise 
noch  nicht  einmal  veröffentlichte  Spuren  der  Erklärer.  Glossographisch 
sind  die  Arbeiten  von  Bakcheios,  Epikles,  Nikandros,  Erotianos, 
Galenos  (nur  gloss.),  Herakleides  von  Taras,  Lysimachos,  Philonides 
vielleicht,  sicher  Xenokritos  und  Zeuxis.  Das  fälschlich  unter  dem 
Verfassernamen  des  Herodötos  gehende  Glossar  ist  vielmehr  iür  den 
Historiker  Herodötos  bestimmt,  nicht  für  Hippokrates.^)  Herakleides 
von  Erythrai  schrieb  keinen  Kommentar  (Littre  I  91),  sondern  ein 
grösseres  Werk  über  die  in  den  „Epidemien"  den  Krankengeschichten 
angefügten  Wortabkürzungen,  yiaQuAtriQeg, 

Auf  die  Textgeschichte-)  einzugehen,  dazu  fehlt  es  an  Raum. 
Im  allgemeinen  stimmt  der  Text  des  Galenos  zu  unseren  bestbe- 
glaubigten Lesarten,  während  sich  Erotianos  häufig  weit  von  ihm 
entfernt.  Zuverlässig  ist  das  Urteil  über  Galenos  nur,  wenn  man  aus 
dem  W^ortlaute  der  Interpretation  die  ihm  vorliegende  Lesart  er- 
schlossen hat,  denn  auf  die  Lemmata  vor  dem  Kommentar  und  auf 
Citate  ist  bei  ihm  nicht  der  mindeste  Verlass.  Zu  tadeln  ist  vor 
allem,  dass  Galenos  trotz  seiner  Weitschweifigkeit  ■')  die  richtige  Text- 
form nicht  selten  verfehlt  hat,  dass  er  die  philologischen  Feinarbeiter 
der  Geschwätzigkeit  und  Kleinigkeitskrämerei  zieh,^)  im  Lexikon 
häufig  andere  Lesarten  hat  als  in  den  Kommentaren  und  in  diesen 
anderie  als  in  den  Citaten.  die  älteste  Lesart  unbeschadet  ihrer  Un- 
richtigkeit bevorzugte  (XVII,  i  1005),  den  Erotianos  nachschrieb,  in 
Erklärungen  phantasievoll  ist  (s.  bei  mir  II  444  A.  68)  und  über- 
haupt „mehr  schimmert,  als  überzeugt,  mehr  deklamirt,  als  beweist"  ^) 
und  zudem  echte  und  unechte  Schriften  zusammenwirft. 

14.  Die  Echtheitsfrage. 

Von  den  Kap.  13  genannten  Büchern  schlagen  hier  ein :  2,  ö,  6,  15,  16,  IS,  21, 
82;  aus  Kap.  14  vgl.  Daremberg,  Ermerins,  Gomperz,  Kaute,  Loheck,  Reinhold, 
ütho/f.  —  1.  Chauvet,  La  philosophie  des  medecins  grecs,  Paris  1886,  S.  1 — 99. 
—  2.  Christ,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  etc.,  8.  Aufl.,  Münch.  1898,  S.  712;  858ff.  — 
8.  Conradi,  Bemerkungen  ü.  d.  mediz.  Grundsätze  d.  koisch.  u.  knid.  Schule.  Abh. 
d.  Kgl.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Götting.  VII 1856,  S.  131  f.  —  4.  Biels,  Hermes  XXVIII 
409;  423 ff.;  427 ff .  —  5.  FredricJi,  Hippokratische  Untersuch.  =  Kiessling  u. 
V.  Wilaniowitz-Möllendorff',  Philol.  Untersuch.  XV,  Berl.  1899.  —  6.  Fuchs, 
Janus  II  1897,  S.  88ff.  {Zurückweisung  von  Spät,  w.  s.);  Ausg.  d.  Hipp.  Eingangs- 
bem.  zu  d.  einz.  Schrift.  —  7.  Grüner,  Censura  librorum  Hippocraticorum  etc., 
Vratisl.  1772.  —  8.  Hüser,  Lehrb.  d.  Gesch.  d.  Medic.  u.  d.  epid.  Krankh.,  3.  Aufl., 
Jena  1875,  S.  112  ff.  —  9.  Ilberg,  Studia  pseudippocratea,  Diss.,  Lips.  1883;  ders. 

1)  S.  Erotianus  ed.  Franzius,  Lips.  1780  p.  602  ff. 

^)  Ilberg-  iu  d.  Kühle  wein  sehen  Ausg.  I  Proleg.  Cap.  IL    Littre  I  502  ff. 

^)  „Der  unerträgliche  Seichbeutel"  nennt  ihn  von  Wilamowitz-Möllen- 
dorff  mit  einigem  Rechte  (Philolog.  Untersuch.  IX,  Berl.  1886  S.  122). 

*~)  Ilherg  in  der  Kühle  wein  sehen  Ausgabe  I  S.  XL  VIII. 

^)  Meixner,  Neue  Prüfung  der  Echtheit  u.  Reihenfolge  sämmtl.  Schrift.  Hippo- 
krates  d.  Gross.  (II)  u.  s.  w..  München  1837  S.  18 f.  Vgl.  Bröcker,  Die  Methoden 
Galens  in  d.  litter.  Kritik.  Rhein.  Mus.  XL  1885  S.  415  ff.  Cobet,  Mneraosj'ne  IX 
1860,  S.  25  ff.  Hipp.  ed.  Ermerins  I  S.  XVIII;  XXXIV.  Iw.  v.  Müller.  Verhandl. 
d.  41.  Versamml.  deutsch.  Philol.  u.  Schulmänner  in  München  1891.  Leipz.  1892 
S.  80  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  207 

in  „Griech.  Stud.  .  .  .  H.  Lipsins  dargebracht'-,  Leipz.  1S94,  S.  22  ff.  —  10.  Kob€t% 
Hist.  Stud.  aus  d.  pliarmakol.  Institute  d.  Kaiserl.  Univ.  Dorpat.  I,  Halle  a.  S. 
1889,  S.  59  ff.  —  11.  Kühleivein,  Observntiones  de  usu  particulanim  in  libris  qui 
vulgo  Hippocratis  nomine  circumferuntur,  diss.  Gotting.  1870.  —  12.  Laboulbene, 
Histoire  des  livres  hippocratiques.  Gazette  des  hdpitaxix  1881.  —  1.3.  Link,  Ueber 
d.  Theorien  in  d.  hippokra tischen  Schrift,  nebst  Bemerk,  ü.  d.  Echtheit  dieser  Sehr. 
Abh.  d.  Berl.  Ak.  d.  Wiss.  1814  f.,  physik.  KL,  S.  322  ff.  —  14.  Littre  I  200  ff.; 
IV  p.  XV  ff;  VII  i).  XI;  304  ff'.  —  15.  Meixnet;  Xetie  Prüfung  d.  Äechtheit  u. 
Reihenf.  sämmtl.  Schrift.  Hippokrates'  d.  Grossen,  Münch.  1836  f.  —  16.  Oettinger, 
Przegkid  lekarsk  (^  Med.  Uundschau]  1879  Xr.  27  ff'.  (Titel  übersetzt:  „Die  hipp. 
Samml.  im  Lichte  d.  neuer.  Krit.'').  —  17.  Petersen,  Hippocratis  nomine  qiuie 
circumferuntur  scripta  ad  temporum  rationes  disposita,  pars  prior  =  Index  scholarum 
in  gymnasio  Hamburgensium  academico  a  paschate  18.39  usque  ad  pascha  1840 
habehdarum,  Hamburgi  18.39.  —  18.  Pett'eqnin  I  103  ff'.  —  19.  Poschenriexler, 
Die  naturwiss.  Schriften  d.  Aristot.  in  ihrem  Verhältnis  z.  d.  Büchern  der  hippo- 
kratischen  Samml.  Progr.  d.  Studienanst.,  Bamb.  1887;  Die  piaton.  Dialogein  ihr.  Ver- 
hältnisse z.  den  hippokratischen.  Sehr.  Beil.  z.  Jahr.-Ber.  d.  Stud.-Ansf.  Metten  188182, 
Landshut  1882.  —  20.  Schneidet;  Quaestionum  Hippocratearum  sjiecimen,  diss., 
Bonnae  1885.  —  21.  Spät,  Der  gegenic.  Stand  d.  Hippokratesfrage  u.  d.  Corpus  Hippo- 
kraticum  v.  Standpunkte  der  Menon-Aristotelischen  Ueberlieferung  =  Allg.  medic. 
Central-Ztg.  1896  Xr.  91  ff.;  Die  geschichtl.  Enticickelg.  d.  sogeminnten  Hippo- 
kratischen Medic.  im  Lichte  d.  neuest.  Forsch..  Berl.  1897 ;  Zur  Gesch.  d.  altgriech. 
Medic.  =  Münch.  med.  Wochschr.  1896  [im  Ergebnis  verfehlt).  —  22.  Sprengel, 
Apologie  des  Hipp.  u.  seiner  Grundsätze,  Leipz.  1789—92,  2  Bb.x  Versuch  einer 
pragmat.  Gesch.  d.  Arzneikunde,  4.  Aufl.  Mit  Bericht,  u.  Zusatz,  verseh.  v.  Dr.  Jul 
Rosenbaum,  Leipz.  1846. 

Der  Wunsch,  in  diesem  Zusammenhange  ein  Bild  über  die  histo- 
rische Entwicklung  der  Echtheitsfrage  zu  geben,  bleibt  mir  versagt, 
da  in  den  2000  Jahren  nach  Hippokrates  eine  Litteratur  entstanden 
ist,  deren  blosse  Aufzählung  den  Rahmen  dieser  Skizzen  weit  über- 
schreiten würde.  Ebenso  würde  es  sich  mit  der  Aufführung  aller  an- 
gewandten Kriterien  für  Chronologie  und  Echtheit  verhalten.  Zunächst 
ist,  um  in  ganz  gi'oben  Umrissen  eine  Grundlage  zu  geben,  davon  aus- 
zugehen, dass  die  Schriften  fast  alle  vor  Aristoteles  verfasst  sind,  das 
Corpus  (=  Sammlung)  der  damals  ohne  Autornamen  verbreiteten  Schriften 
aber  nach  Aristoteles  zusammengestellt  worden  ist  und  im  wesent- 
lichen in  der  uns  erhaltenen  Form  bereits  den  ältesten  erreichbaren 
Kommentatoren  und  Glossographen  vorlag.  Nur  so  erklärt  es  sich, 
dass  knidische  Schriften  und  Sophistisches  im  Corpus  stehen.  Piaton 
und  Aristoteles  kannten  daher  nur  wenige  von  den  hippokratischen 
Schriften,  die  einen  Zeitraum  von  mehr  als  einem  Jahrhundert  um- 
spannen mögen,  und  auch  diese  nur  obei-flächlich.  Hippokrates  ist  für 
Aristoteles  beinahe  eine  mj-thische  Person  (Fredrich  S.  1).  Doch 
sah  noch  Galenos  auf  der  Bibliothek  zu  Pergamon  300  Jahre  alte 
j\ranuskripte,  die  er  für  echt  ansah  (XVIII  630).  Die  unendliche 
Schwierigkeit,  ja  vielfach  Unmöglichkeit  der  Echtheitsbestimmung 
beruht  darin,  dass  1.  die  Werke  anonj-m  waren,  als  sie  gesammelt 
wurden,  2.  gleichzeitige  zuverlässige  Zeugen  für  die  Echtheit  einzelner 
Werke  überhaupt  nicht  vorhanden  sind,  3.  die  alten  Kommentatoren 
und  Glossatoren  kritiklos  verfahren  sind,  ja  Galenos  ^)  in  tendenziöser 
Weise  zur  Unterstützung  seiner  Lehren  Gefälschtes  für  Echtes  an- 
gesprochen hat,  4.  die  Schriften  grundverschieden  angelegt  und  teil- 
weise unvollendet  geblieben  sind.  Erotianos  erkennt  in  der  Vorrede 
31  Schriften  als  echt  an,  Galenos,  soweit  wir  urteilen  können,  13  (aber 

')  Sein  Werk  über  die  Echtheitsfrage  ist  verloren  gegangen  (XVI  3).  Vgl. 
Bröcker,  Ehein.  Mus.  XL  (1885)  S.  415  ff.;  II her g,  Verh.  d.  41.  Vers,  deutsch. 
Philol.  u.  Schulmänner  in  München  1891  S.  80  ff. 


208  Robert  Fuchs. 

mit  vielen  angeblichen  Interpolationen),  Palladios  nur  11.  Boulet 
und  SittP)  übertreiben  die  Afterkritik  dahin,  zu  behaupten,  alle 
hippokratischen  Schriften  seien  nach  Piaton  geschrieben.  Daremberg 
klagt,  dass  die  sogenannten  echten  Werke  von  15  auf  4,  dann  auf  3 
und  schliesslich  auf  2  zusammengeschrumpft  sind  (de  cap.  vuln.,  de  aere 
aq.  loc);  wie  lange  werde  es  dauern,  bis  auch  diese  als  untergeschoben 
gelten  würden  ?  Nach  D  i  e  1  s  nimmt  die  neueste  Kritik  kaum  6  Schriften 
als  allenfalls  echt  an.  Ein  Blick  auf  die  Forschungen  lässt  deutlich 
die  Pole  erkennen,  zwischen  denen  die  Gelehrten  hin-  und  herschwankten. 
Sehr  lehrreich  ist  es,  unter  Petrequins  (I  70 ff.)  Führung  die  mannig- 
faltigen Gründe  ihres  Abirrens  zu  durchmustern.  Dem  treffenden 
Urteile  S  p  r  e  n  g  e  1  s '-)  fehlte  die  Durchführung.  Z  e  1 1  e  r  s  Grundsätze 
bezüglich  der  Piatonkritik  '^)  sind  auf  Hippokrates  noch  nicht  über- 
tragen worden.  Sie  gipfeln  in  sinngemässer  Anwendung  in  folgenden 
Sätzen:  1.  Es  lässt  sich  nicht  behaupten,  dass  die  Alten  oder  gar 
gerade  Piaton  und  Aristoteles  alle  hippokratischen  Schriften  in  den 
uns  zuiällig  erhaltenen  Werken  hätten  erwähnen  müssen;  2.  die  ge- 
schickte Nachahmung  konnte  einer  untergeschobenen  Schrift  Merkmale 
echter  Schriften  geben;  3.  auch  ein  Hippokrates  wird  nicht  lauter 
gleich  vollkommene  Werke  geschaffen  haben;  4.  ein  so  reicher  Geist 
war  nicht  auf  eine  Darstellungsform  beschränkt;  5.  seine  Ansichten 
konnten  im  Laufe  eines  halben  Jahrhunderts,  zumal  in  so  schnell- 
lebigen  Zeitläuften,  manchen  Wechsel  erfahren.  Jedoch  ist  die  Echt- 
heitsfrage bezüglich  des  Hippokrates  sehr  Adel  schwieriger  als  bei 
Piaton,  für  den  doch  sichere  Ausgangspunkte  in  grosser  Zahl  vor- 
handien  sind.  Die  Geschichte  dieser  Frage  ist  eine  Geschichte  des 
Irrtums  der  erlesensten  Geister  aller  Völker,  und  es  wäre  für  jeden 
Sterblichen  eine  Vermessenheit  ohnegleichen,  die  Lösung  dieses 
Sphinxrätsels  sich  zuschreiben  zu  wollen.  Doch  lehrt  auch  hier  der 
Irrtum  anderer  untrügliche  Wahrheiten  erkennen.  Typen  von  irrtüm- 
licherweise aufgestellten  Echtheitskriterien  sind  u.  a.:  1.  wo  das  Herz 
als  Ausgangspunkt  der  Adern  erscheint,  ist  später  Ursprung  der 
Schrift  erwiesen  (Littre  I  220);  2.  wo  ol7talaioi=  „die  Alten"  vor- 
kommt, desgl.  (viele),  denn  anders  konnte  sich  auch  der  Grieche  der  aller- 
ältesten  Zeit  kaum  ausdrücken ;  3.  die  innerliche  Verwendung  von  Oel 
beweist  nachplatonischen  Ursprung  (Bernard  s.  Littre  VIII  474 f.); 
4.  die  „äusseren"  und  „inneren"  Gründe  des  Selbstbewusstesten, 
Meixners.  Positive  Kriterien  hingegen,  die  aus  sorgfältiger  Ver- 
gleichung  der  Lehren  und  der  sprachlichen  und  stilistischen  Formen 
gewonnen  sind,  sind  z.  B. :  1.  Die  Annahme,  dass  die  Arterien  nur 
Luft,  die  Venen  nur  Blut  enthielten,  deutet  auf  Abfassung  der  Schrift 
nach  Praxagoras  (Fredrich  68);  2.  für  späte  Abfassung  ist  die  Er- 
wähnung von  sliiuvS^eg  iilaTüai  {=  Bandwürmer)  ein  Beweis;  3.  Ver- 
gleiche, die  Vorliebe  für  Schlagworte  {(pvoio,  und  vö^ioc,,  agd-Cog,  die 
Figur  der  Parechese)  sowie  auf  Anreden  hinführende  Formeln  u.  a.  m. 
sprechen  für  den  sophistischen  Charakter  der  Schrift;  4.  häufiges 
Brennen  und  Schneiden,  sowie  Eingiessen  in  die  Lunge  führen  mit 
Wahrscheinlichkeit  auf  knidische  Verfasser,  ebenso  vielleicht  die  Ver- 


')  Gesch.  d.  griech.  Lit.  bis  auf  Alex.  d.  Gr.,  München  1886  S.  492. 
^)  Beyträge  z.  Gesch.  des  Pulses  nebst  einer  Probe  u.  s.  w.,  Leipz.  u.  Breslau 
1787  S.  31  ff. 

'')  Grundriss  d.  Gesch.  d.  griech.  Philos.,  3.  Aufl.,  Leipz.  1889  S.  111  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  209 

Schreibung  von  y.o/./.oi  Kvidioi  (=  Seidelbastbeeren)  und  Mass-  und 
Gewichtsbestimmungen;  5.  bestimmte  Wörter  sind  knidischen  (s.  unten) 
oder  späteren  Ursprungs  (z.  B.  ovgr^ua  für  ovqov  =  Urin). 

Von  Alters  her  hatte  zwischen  den  kölschen  und  knidischen 
Asklepiaden  ein  edler  Wettkampf  geherrscht,  in  welchem  der  erst- 
genannten der  Sieg  schliesslich  zugefallen  ist.  Jedoch  war  die  knidische 
Schule  anscheinend  älter  als  die  koische,  denn  die  Kviöiai  yviouai 
(Knidische  Sentenzen)  hatten  bereits  die  2.  Auflage  erlebt,  ehe  sie 
Hippokrates  angriff.  Trotz  ähnlicher  Bedingungen  (Asklepiostempel 
mit  WeihinsQhrifteu.  die  die  Krankheitsgeschichte  darboten)  war  ein 
bedeutender  Unterschied  zwischen  den  beiden  Lehren  vorhanden.  Wo- 
her wissen  wir  denn  aber,  was  knidischen  Ui'sprungs  ist  ?  Hippokrates 
oder  ein  ihm  sehr  nahe  Stehender  hat  in  de  victu  in  ac.  1  folgenden 
Fingerzeig  gegeben:  „Diejenigen,  welche  die  sog.  ,.Knidischen  Lehr- 
meinungen" verfasst  haben,  haben  zwar  richtig  beschrieben,  was  die 
Patienten  bei  jeder  einzelnen  Krankheit  zu  leiden  haben  und  welchen 
Ausgang  einige  Krankheiten  genommen  haben,  von  demjenigen  aber, 
wovon  der  Arzt,  da  es  der  Patient  nicht  sagt,  Kenntnis  zu  erlangen 

suchen  muss,  ist  vielerlei  ausgelassen einiges  ist  auch  für  die 

Schlussfolgerung  (nämlich  aus  den  Sj'mptomen)  wichtig."  Weiter  tadelt 
er  sie,  weil  seine  Folgerungen  vielfach  ein  richtigeres  Ergebnis  lieferten 
und  weil  jene  nur  wenige  Heilverfahren  anwendeten,  nämlich  bei  den 
chronischen  Krankheiten  fast  stets  nur  Abführen  und  Molken-  und 
Milchdiät,  vorausgesetzt,  dass  es  die  Jahreszeit  zuliess.  Von  dieser 
völlig  unzureichenden  Therapie  der  alten  seien  aber  die  späteren 
Bearbeiter  der  Kviöiai  yvcöf-iai  zurückgekommen  zu  Gunsten  einer  mehr 
individualisierenden,  reicheren  Therapie.  In  Bezug  auf  die  Lebens- 
weise sollen  sie  auch  unkundig  gewesen  sein.  Die  mannigfachen 
Wendungen  der  Krankheiten  führten  sie  dahin,  eine  bestimmte  Anzahl 
von  Krankheiten  eines  Typus  aufzustellen  und  sich  mit  der  Einreihung 
des  Einzeltalls  unter  der  betreffenden  Nummer  zu  begnügen,  statt  über 
seine  Eigenart  nachzusinnen.  Es  ist  ja  begreiflich,  dass  auf  diese 
Weise  ein  Fortschritt  über  das  einmal  vereinbarte  Schema  hinaus  nicht 
leicht  war.  Dieses  ausdrückliche  Zeugnis  ist  unanfechtbar  und  Käsers 
Einwendung  gegen  die  Gerechtigkeit  des  Angriffs  abzulehnen  (S.  105). 
Die  Fehler  sind  also  kurz  folgende :  zu  viel  Krankheitsarten,  zufällige 
Merkmale  statt  charakteristischer  Sj'mptome  beachtet,  Vernachlässigung 
der  objektiven  gegenüber  den  subjektiven  Erscheinungen,  nur  einige 
treffende  Prognosen,  Nichterkennen  des  AVesens  der  Krankheiten  und 
ihrer  Erscheinungen  und  daher  schlechte  Krankheitsbilder.  Zu  dem 
ersten  Zeugnis  passt  gut  die  Parallelversion  des  Knidiers  Eurvphon 
zu  de  morb.  II  68  ülDer  die  nelid^  =  bleiche  Krankheit  (s.  Galen. 
XVII,  1  888),  worin  wir  die  auch  sonst  gebräuchliche  Reihenfolge: 
Semasiologie,  Therapie,  Prognose  kennen  lernen.  Durch  Zusammen- 
halten weiterer  Citate  ^)  und  den  Vergleich  mit  den  Schriften  unseres 
Corpus  erkennen  wir  sofort  an  den  hervorstechenden  Merkmalen  als 
knidisch  die  im  nächsten  Kapitel  vorangestellten  Schriften.  Aus  allen 
erreichbaren  Zeugnissen  ergiebt  sich  nun  folgendes  Bild.  In  sprachlich- 


1)  Vgl.  Galen.  XVII,  i  886  (Treuifii);  Ruf.  ed.  Daremberg-Euelle  159  über 
rsfpirts;  Galen.  I  419:  424;  TU  427;  Littre  II  199:  IV  65  f.:  VII  304.  Ausgiebig 
benutzt  sind  die  knidischen  Sätze  von  dem  Verfasser  von  de  hebd.  und  de  morb.  III 
nach  Ilberg  in  „Griech.  Stud."  (9)  S.  33  ff. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  14 


210  Robert  Fnchs. 

stilistischer  Hinsicht  fallen  gewisse  Redeweisen  auf,  z.  B.  alloxe 
y^al  äXXoTB,  e^avTrjg,  ßgöxeiv  tovQ  vdövrag,  rd  xard  cpvaiv  (das  Natürliche 
=  Menses),  aber  nicht  iivio  xal  /.ütio  (pdgfuaxov  diöövai,  u.  a.  m. ;  ferner 
die  wunderlichen  Kunstausdrücke:  oaxoi^)  =^  Schösslinge  ==  Zweige 
=  Uterusbänder  (Fuchs  III  558  A.  111);  „dicke  Krankheit"  für  ein 
nervöses  Leiden  ohne  Verdickung  (II  537  A.  78) ;  dliöm]^  =  Fuchs  = 
Lendenmuskel. 

In  der  Physiologie  zeigen  die  Knidier  Verwandtschaft  mit 
Alkmaion  und  Empedökles,  während  sie  andererseits  Philolaos'  An- 
schauungen beeinflussen.  Die  Schule  stellt  wahrscheinlich  die  Begriffe 
„Galle"  und  „Schleim"  fest  und  bringt  diesen  Ausdruck  {cpleyi-ia) 
künstlich  zusammen  mit  cpl€y{iLiaiv)sLv  =  brennen.  Das  weibliche  Ge- 
schlecht erscheint  ihr  wärmer  als  das  männliche,  wie  bei  Parmenides. 
Von  Einfluss  auf  das  Befinden  soll  das  „Göttliche"  sein.  Die  Schule 
hat  Vorliebe  für  gewisse  Probleme,  wie  für  die  Zusammensetzung  des 
Körpers,  Parallelisierung  der  körperlichen  Vorgänge  mit  solchen  im 
Weltall,  in  Tier-  und  Pflanzenleben,  Ausdeutung  von  Träumen  und 
dabei  Geringschätzung  des  Vorgängers  und  Hochachtung  vor  sich 
selbst.  In  der  Anatomie  leisteten  die  Knidier  Gutes  (Galen.  II  900 ; 
XV  136).  In  der  Pathologie  ersinnen  sie  ein  Anschwellen  und  Sich- 
umlegen der  Lunge,  doch  findet  sich  das  auch  in  einer  anscheinend 
auf  Hippokrates  beruhenden  kölschen  Prognose  (394).  Die  Zahl  der 
Krankheiten  ist  deutlich  erkennbar  in  de  niorb.  III:  4  des  Gehirns, 
5  mit  der  Lunge  zusammenhängende  oder  mit  Lungensymptomen  auf- 
tretende; in  de  morb.  int.:  „Es  giebt  3  Arten  Schwindsucht"  (10), 
4  von  den  Nieren  herrührende  Krankheiten  (14  fl".),  3  Wassersuchtarten 
(24 ff.),  3  Leberleiden  (27  ff.),  5  Milzleiden  (30 ff),  4  Gelbsuchtarten 
(35  ff.),  5  „Typhos"  genannte  Fieber  (39  ff),  3  Heus  (44 ff.),  4  „dicke" 
Krankheiten  nervöser  Art  (47  ff.)  u.  s.  w.  Dabei  beobachten  sie  gut. 
In  der  Therapie  sind  sie  geschickte,  wenn  auch  zu  diensteifrige 
Chirurgen,  die  sofort  mit  dem  Messer  und  Glüheisen  zur  Hand  sind. 
Die  Behandlung  Avar  sehr  einfach,  aber  höchst  energisch:  übertriebenes 
Abführen,  Diät  ohne  Auswahl,  meist  Milch  und  Molken,  besonders 
aber  Milch  von  einer  Frau,  die  einen  Knaben  geboren  hat  (vgl. 
Papyros  Ebers  ...  von  H.  Joachim,  Berlin  1890,  S.  23,  89,  92  u.  ö.). 
Spazierengehen  ist  z.  B.  bei  Phthisen  zu  empfehlen,  in  anderen  Fällen 
das  Auflegen  von  Schläuchen,  das  Eingiessen  von  Arzneien  in  die 
Luftröhre,  um  durch  Husten  Ausw^erfen  herbeizuführen,  das  Inhalieren, 
lederne  Schläuche  zum  Auflegen  und  Aufbinden  zum  Zwecke  der 
Bähung,  z.  B.  nach  Feststellung  pleuritischer  Reibe-  und  kleinblasiger 
Rasselgeräusche,  Schaukelbewegungen  (aliugelv),  bestimmte  Medikamente 
in  grosser  Zahl  (Galen.  VI  795  bezüglich  Euryphons),  darunter  die 
jederzeit  berühmte  cö/m^  Ivmg  =  „rohe  Lösung",  in  verschiedener 
Weise  zu  Mehl  verarbeitete  Gerste  mit  oder  ohne  Zusatz  (Fuchs  II 
426  A.  30).  Die  gynäkologischen  Lehren  des  Corpus  gehen  fast 
ausschliesslich  auf  knidische  Forschungen  zurück. 

Als  Urheber  der  „Knidischen  Lehrsätze"  bezeichnete  „man"  im 
Altertum  Euryphon  (Galen.  XVII,  I  886),  jedoch  erwähnt  der  Ver- 
fasser von  de  diaeta  in  ac.  mehrere  Verfasser.  Die  kölschen  Asklepiaden 
hatten  vor  Hippokrates  ihre  medizinischen  Erfahrungen  in  den  „Kölschen 
Lehrmeinungen"  niedergelegt,  die  Knidier  in  der  knidischen  Streitschrift 


')  De  morb.  mnl.  II  204  cf.  mit  Littre  VII  309;  VIII  534. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  211 

gleichen  Titels.  Die  Abhandlung  des  Theopompos  über  sie  ist  unter- 
gegangen (Phot.  bibl.  p.  120  B  Bekker).  Vor  dem  Erscheinen  von 
de  diaeta  in  ac.  war  bereits  die  2.  Auflage  der  knidischen  Schrift  er- 
schienen (Galen.  XV  424 f.);  sie  war  der  1.,  die  Streichungen,  Ver- 
besserungen und  Zusätze  erfahren  hatte,  sehr  ähnlich  und  entsprach  hin- 
sichtlich der  pharmakologischen  Therapie  den  ärztlichen  Ansprüchen 
besser  (a.  a.  0.).  Eine  2.,  erweiterte  Auflage  der  kölschen  Sätze  durch 
Praxagoras  liegt  nach  Kühlewein^)  in  den  Coac.  praenot.  der  Hippo- 
kratessammlung  vor. 

15.  Die  Schriften  der  hippokratischen  Sammlung. 

Litteratiirnachweisungen  s.  in  den  Ausgaben  {besonders  Littre,  Pctreqiiin,  Fuchs). 
Xur  hervorragend  Bemerkenswertes  tcird  hn,  Nachfolgenden  angeführt. 

1.   Knidische  Schriften. 

Auf  Grund  der  im  vorigen  Kapitel  gewonnenen  ^Merkmale  können 
nunmehr  die  sicher  knidischen  Schriften  leicht  zusammengestellt  werden. 

1.  Tiegl  rovocüv  y  =  de  morbis  III  =  Die  Krankheiten  III. 
Inhalt:  Gehirnleiden  (1 — 4),  Leiden  mit  Symptomen  wie  bei  Lungen- 
entzündung (5—9),  Angina  (10),  Gelbsucht  (11),  Starrkrampf  (12), 
Opisthotonus  (13),  Darm  verschluss  (14),  Lungen-  und  Brustfellentzündung 
(15 f.),  Eezeptbüchlein  (17).  ßeihenfolge  der  Körperteile  also  vom 
Kopfe  nach  unten  zu.  Disposition:  Semiologie  (Symptome)  und  Therapie; 
Prognose  zwischen  beiden  oder  am  Schlüsse.  Einleitungssatz  =  Schluss- 
satz von  de  hebd.,  also  bilden  beide  Schriften  ein  Ganzes,  de  hebd. 
und  de  morb.  III  heissen  bei  Galenos  (s.  Er  m  er  ins  II  S.  LXIf.)  n. 
fovowv  a  TÖ  liu/.QÖrsQov  und  7t.  v.  ß'  x6  u.  (das  kleinere) ;  Erot.  (praef.) 
zählt  de  morlD.  III  als  II,  dafür  II  als  I.  Kompiliert  aus  den  Kviöiai 
yviöfiai,  daher  enge  Verwandtschaft  mit  de  morb.  II  und  de  äff.  int.-) 
Vernachlässigung  der  Aetiologie,  wie  II 12—75,  weil  in  de  hebd.  schon 
gegeben.  Als  ursprünglichen  Gesamttitel  vermutet  Ilberg-)  gut 
vt.  vovocov.  Die  Byzantiner  wussten  von  der  Zusammengehörigkeit 
nichts  mehr.  Die  ßlrjToi  =  „Getroffenen",  d.  i.  vom  Schlage  gerührt, 
erinnern  an  de  diaeta  in  ac.  17.  Das  Formelbuch  für  Eezepte  ist  alt, 
aber  ohne  Grund  später  mit  1 — 16  vereinigt. 

2.  Ttegl  sßöouüdiüv  =  de  liebdomadibus  =  Die  Wochen  (Ilberg: 
lieber  die  Siebeuzahl;  Aumer:  Das  Buch  der  Siebensachen],  bis  auf 
winzige  Stücke  nui-  in  barbarischem,  verstümmeltem  Latein  und  in 
arabischer  Umschreibung  erhalten.  Inhalt  -) :  Die  7  beherrscht  das  AU 
und  alle  Körpervorgänge.  1^11  Nachweis  der  7  im  All,  phantastisch 
ausgeschmückt,  12 — 52  Uebertragung  dieser  kosmischen  Theorie  auf 
den  Mikrokosmos  Mensch,  13—23  Aetiologie  der  Fieber,  24—39  Therapie 
der  Fieber,  wobei  Phrenitis,  Lethargus,  Peripneumonie  und  Hepatitis 
als  mvoog  =  Brennfieber  angesprochen  werden;  Krisenlehre,  thera- 
peutische Ausführungen.  40—52  Semiotik  nebst  Traumlehre,  Prognostik, 
Tod.  Entstehungszeit  5.  Jahrhundert.  Diokles  benutzte  diese  Schrift. 
AVenn  Piaton  (Phaedr,  270  C)  dem  Hippokrates  die  Forderung  unter- 
stellt, dass  die  Kenntnis  der  ganzen  Natur   für   die  Medizin   unent- 


*)  Westermann's  illustr.  Monatshefte  LIII  (1882)  400. 

^)  Gegenüherstellung  bei  Ilberg,  Die  raediz.  Schrift  'Ueber  d.  Siebenzahl'  in 
,Griech.  Stiid.  ...  H.  Lipsiiis  dargebracht"',  Leipz.  1894  S.  36 ff. 

14* 


212  Robert  Fuclis. 

behrlicli  sei,  so  durfte  Fred  rieh  (6  f.)  darauf  nicht  die  Aussage 
gründen,  dass  der  Verfasser  in  dieser  Hinsicht  ein  „Schüler"  des 
Hippokrates  sei;  denn  jenes  Dogma  ist  rasch  Gemeingut  geworden. 
Im  übrigen  vgl.  oben  1  und  Härder,  Kliein.  Mus.  N.  F.  XL VIII 
433 ff.  (Uebersetzung) ;  Berthelot,  Rev.  des  deux  mondes  1893,  S.  557. 

3.  negl  GaQ/.dJv  (aQxiöv)  ==  de  carne  oder  musculis  (principiis,  s. 
Ermerins  III  501)  =  Das  Fleisch.  Inhalt:  Eigene  Theorie  des 
Anonymus  über  das  Warme  als  Grund  aller  Dinge  und  Vorgänge  in 
Anlehnung  an  Herakleitos  und  Parmenides.  Entstehung  der  Körper- 
teile aus  den  Fäulnismengen  der  Erde,  die  sich  in  Fettes,  Klebriges, 
Kaltes,  Feuchtes  verAvandeln,  durch  die  Einwirkung  des  göttlichen 
Warmen;  Erklärung  der  Sinnesvorgänge.  Hiermit  hängt  Kap.  19 
über  die  Siebenzahl  nur  äusserlich  zusammen.  Ich  nehme  daher  an, 
dass  nur  der  letzte  Teil  von  demselben  Knidier  herrührt  wie  oben 
1  und  2;  denn  auf  de  hebd.  wird  im  Schlusssatze  von  Schrift  3  ver- 
wiesen, Dass  aber  weder  de  carne,  noch  dessen  Schlusskapitel  (nach 
Ermerins  de  aetate  =  negi  aicövog)  mit  de  hebd.  ein  Buch  bildet, 
schliesse  ich  aus  der  Citierweise  „an  anderer  Stelle",  wofür  ja  „im 
nächsten  Kapitel"  oder  „Buche"  zu  erwarten  wäre.  Gomperz  (Griech. 
Denker  I  233  ff,,  454)  scheint  mir  in  der  Verschmelzung  zu  weit  zu 
gehen.  Auch  eine  Lücke  vor  Kap.  19  vermag  Ermerins  (III  p.  LXXIII) 
nicht  zu  erweisen.  Die  Schrift  fällt  in  die  Zeit  des  Diokles  (Fred rieh 
77  f.).  Ermerins'  Behauptung,  dass  de  sept.  partu  von  demselben 
Pythagoreer  herrühre  (III  p.  LXXIII  f.),  leidet  daran,  dass  er  über 
der  äusserlichen  Aehnlichkeit  der  Parallelen  den  Widerstreit  des  In- 
halts vergisst.  Dass  die  Siebenzahl  als  Grundlage  auf  die  pythagoreische 
Zahlentheorie  zurückzuführen  sein  wird,  fördert  unsere  Berechnungen 
nicht. 

4.  Ttegl  vovatüv  a  =  de  morbis  I  ==  Die  Krankheiten  I. 
Inhalt :  Allgemeine  Verhaltungsmassregeln ;  Krankheitsursachen :  Galle, 
Schleim,  Ueberanstrengung,  Verletzung,  Ueberwiegen  einer  der  4  Quali- 
täten; Folgezustände,  Prognose,  Günstiger  Augenblick  und  Akairie, 
Richtiges  und  Falsches  in  der  Kunst,  gute  und  schlimme  Symptome, 
Zufallsbehandlung,  Uranfang  und  Ende  der  Heilkunst,  Handfertigkeit 
(1 — 10),  —  Innerliche  Vereiterungen  =  Empyeme  (11  ff.),  eingebildete 
„Zerrungen  oder  Zerreissungen"  (20  ff.),  Wunden,  Prognose  bei  diesen 
Zuständen  allen;  Entstehung  von  Fieber,  Frost,  Seh  weiss,  Brustfell- 
und  Lungenentzündung,  Brennfieber  (-/Mvoog),  Phrenitis  (23  ff.)  ohne 
durchsichtige  Anordnung,  mit  Prognose  abschliessend.  Das  Buch  ist 
trotz  des  Anon.  Lond.  VI  43  unecht  (Kap.  2  =  An.  L.  VII  Iff.), 
Teil  I  (1 — 10)  ist  sophistischen  Ursprungs  wegen  der  eristischen  Formeln 
und  der  schematischen  Einteilung,  der  Eingang  nach  de  aere  aq.  loc. 
gemodelt.  Der  Verfasser  steht  dem  von  de  äff.  mindestens  sehr  nahe. 
Teil  II  (11  ff)  hiess  früher  Ttegi  l^mmov  (Galen.  XVII,  I  276;  XIX 
76  u.  ö.)  und  ist  knidischen  Ursprungs  wegen  der  Succussion  (6 ;  15 ;  17) 
und  dialektischer  Worte  (Ermer,  II  p.  LlXf.).    S.  oben  1;  7. 

5.  :^£qI  rovoiov  ß'  =  de  morbis  II  =  Die  Krankheiten  IL 
Inhalt:  Kopf  leiden  durch  Schleim- oder  Gallenanhäufung  (1 — 4),  „Gehirn- 
sphacelismus",  richtiger  der  Englische  Schweiss  (5),  Lähmung  mit  Stimm- 
verlust (6),  Knochenfrass  (7),  Lähmung  (8),  Angina  u.  ä.  (9  ff.).  —  Vom 
Kopfe  herrührende  Krankheiten  (12  ff),  Knochenfrass  (24),  Lähmung 
(25),  Anginaarten  (26  ff.),  Schwellung  und  Entzündung  des  Zäpfchens, 
der  Mandeln  und  der  unteren  Zungenfläche  sowie  Gaumenschwellung 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  213 

(29—32),  5  Polypenarten  (33  ff.),  2  Gelbsuchtarten  (38  f.),  Fieberg-attungen 
als  Gallenfieber,  Tertiana,  Quartana  (40  ff.),  3  Brustfellentzündungen 
(44  ff.),  3  Lungenaffektionen,  darunter  Phthoe-Phthisis  (47  ff.),  „Tracheal- 
aphthen"  (50),  Tabes  (51),  Lungenleiden  (52),  Tracheenverletzung  (53), 
verschiedene  Lungenleiden  u.  ä.  (54  ff.),  Brennfieber  (63),  Schluchzfieber 
(64),  Lethargus  (65),  Trockenkrankheit  =  avavzT^  (66),  Mörderisches 
Fieber  (67),  die  Ttelidg  =  bleiche  Krankheit  (68),  Rülpssucht  (69), 
Schleimkrankheiten  (70  f.),  rpQoviig  =  „Sorge",  d.  i.  Hj'pochondrie  in 

3  Arten  (72  ff'.),  Meläna  (75).  Erotianos  (praef.)  zählte  es  als  „Buch  I", 
Galenos  als  tt.  vovolov  «'  zd  i^ietLov  =  „das  grössere"  (vgl.  Citate  oben 
unter  1).  Teil  I  (1—11)  ist  eine  andere  Redaktion  von  Teil  II  (12  ff.), 
also  von  einem  anderen  Verfasser  geschrieben.  I  vernachlässigt  die 
Therapie,  bevorzugt  die  Aetiologie  und  ist  knapper,  II  bringt  unter 
Vernachlässigung' der  Aetiologie  meist  Symptome,  Therapie  und  Prognose 
und  ist  ausführlicher;  passend  nennt  Ilberg  (Siebenzahl  37)  I  wissen- 
schaftlich. II  praktisch.  Von  33  an  werden  von  dem  Verfasser  von 
Teil  II  die  Zustände  weiter  behandelt,  die  in  I  unberücksichtigt  sind. 
Kap.  1  war  schon  zu  Zeiten  des  Galenos  am  Kopfe  verstümmelt  (anders 
Ilberg  37  A.  1).  Knidische Lehre  enthält  die  ganze  Schrift,  zusammen- 
geschweisst,  wie  sie  heute  vorliegt;  denn  die  der  Byzantinerzeit  an^ 
gehörenden  Kapitelübei-schriften  decken  die  Zählweise  der  Krankheits- 
gattungen auf,  wie  sie  de  diaeta  in  ac.  3  an  den  Knidiern  rügt;  die 
Annahme  von  Schleim  und  Galle  als  Krankheitsursachen,  die  Milch- 
und  Molkenbehandlung,  die  Vorliebe  für  Abführmittel  und  eigentüm- 
liche Redeweisen  dienen  zur  Bestätigung  (Littre  VII  Einleitung; 
304 ff.;  Erm.  II  p.  LXIf).  Jüngerer  knidischer  Ursprung  ist  sicher, 
aber  Houdarts  Ansicht,  dass  gerade  Euryphon  der  Verfasser  sei,  ist 
unbegründet  (Hist.  de  la  medec.  grecque  etc.,  Paris  1856,  S.  185). 
Vgl.  1;  2;  4;  6. 

6.  tteqI  rcöv  ivrng  Ttaiköv  =  de  morbis  (affectionibus)  internis  = 
Die  inneren  Krankheiten.  Inhalt:  Lungeuleideu  aller  Art  (Iff.), 
fiktive  Kontinuitätstrennungen  (8),  Empyem  (9),  3  Phthisen  der  Lunge 
und  des  Rückenmarkes  (10  ff.),  Darre  (13),  4  Nierenleiden  und  Folge- 
zustände (14  ff^.),  durch  die  anhqviTig  =  Milzader  verschuldetes  Leiden 
=  Ischias  (19),  Schleim  als  Krankheitsursache  (20),  „Weisser  Schleim" 
=  Anasarka  sowie  Hydropsarten  (21  ff.),  3  Leberleiden  (27  ff.),  5  Milz- 
leiden (30  ff.),  4  Gelbsuchtarten  (35  ff),  5  „Typhos"-Arten,  d.  i.  ver- 
schiedene Fieber  0  (39  ff.),  3  Ilei  =  skorbutische  Erscheinungen  (44  ff.), 

4  „dicke  Krankheiten"  =  akute  Manie  (47  ff.),  Hüftweh  (51),  3  Tetani 
(52 ff.),  Knidische  Schrift:  Schleim  und  Galle  als  Krankheitserreger, 
Eingiessungen  in  die  „Lunge",  d.  i.  Luftröhre,  Widerspruch  gegen 
koische  Lehre  (s.  Littre  V  425;  VI  306;  VIII  8),  teilweise  wörtliche 
Uebereinstimmung  mit  de  morb.  II  und  III,  Sprachgebrauch,  de  morb.  II 
wird  durch  de  äff.  int.  zuerst  rekapituliert  und  ergänzt,  dann  wird  in 
der  Krankheitsschilderung  von  oben  nach  unten  fortgefahren^)  unter 
Angabe  von  Aetiologie,  Symptomatologie,  Prognose,  Therapie,  also 
wissenschaftlich-praktisches  Handbuch.-)  de  morb.  III  ist,  abgesehen 
von  der  Aetiologie,  näher  verwandt  mit  de  äff.  int.  als  de  morb.  IL 
Galenos  (gloss.)  nennt  das  Buch  „das  IL,  grössere  von  den  Krank- 
heiten",  mithin    ist   „inneren"    späterer  Zusatz,    vermutlich  gleichen 


')  Deutimg  in  meiner  Ausgabe  II  528  A.  68. 
■-)  Ilberg,  Siebenzahl  37  ff. 


214  Robert  Fuchs. 

Ursprungs  mit  den  byzantinischen  Kapitelüberschriften.  Trotz  vieler 
richtiger  Thatsachen  nennt  Galenos  das  Buch  des  Hippokrates  un- 
würdig (XV  537;  Erm.  II  p.  LXIXf.).  Houdart  (a.  a.  0.  406  Anm.) 
macht  wiederum  Euryphon  zum  Urheber,  ohne  es  beweisen  zu  können. 
Viele  Verwandtschaft  mit  Philolaos  von  Kroton.  Das  Buch  ist  nicht 
vollständig  (s.  bei  mir  Kap.  20  A.  41). 

7.  nsQL  nad-töv  =  de  affectionibus  =  Die  Leiden.  Inhalt:  Galle 
und  Schleim  als  Ursache  aller  Krankheiten  (1),  so  auch  des  Kopfes  (2) ; 
Abführen  und  Medikation  zu  Beginn  der  Krankheit,  nicht  gegen 
Ende  (3),  Schmerzen  in  den  Ohren,  im  Schlünde,  am  Zahnfleische,  am 
Zäpfchen  und  an  den  Zähnen  (4),  Polyp  (5);  Brustfell-,  Lungenent- 
zündung, Phrenitis  und  Brennfieber  (6  ff.),  andere  Fieber  (12);  Eigen- 
art akuter  Krankheiten  (13);  Schilderung  von  Sommerleiden  mit  und 
ohne  Fieber  (14  ff'.).  Tertiana  und  Quartana  (18),  Anasarka  (19),  Hyper- 
trophie der  Milz  (20),  Ileus  (21),  Hydrops  (22),  Ruhr  (23),  Lienterie  (24), 
Diarrhöe  (25),  Tenesmus  (26),  Cholera  =  Cholerine  (27),  Harnstrenge  (28), 
Hüftweh  (29),  Arthritis  (30),  Podagra  (31),  Gelbsucht  (32),  Geschwülste 
(34),  Varia  (35),  Abführung  (36),  Ausfragen  des  Patienten  und  erste 
Massnahmen  des  Arztes  (37),  Allgemeines  über  Verletzungen  (38),  Ver- 
wendung dessen,  was  zur  Hand  ist,  besonders  bei  Speisen  und  Ge- 
tränken (39),  Diät-,  Salb-,  Abführungsvorschriften  (40  ff.),  Weine  (48), 
Fleisch  (49),  Diät  allgemein  (50  ff.),  Bad  (53),  Verschiedenes  über  die 
Kost,  namentlich  Pflanzenkost  (54  ff.).  Der  knidische  Verfasser  der 
Notizensammlung  verrät  sich  durch  die  Milch-  und  Molkenkur,  häufiges 
Purgieren  und  Redensarten.  Die  für  Laien  verfasste  Schrift  (Kap.  1 ; 
33)  legte  Galenos  nach  den  Hippokrates-Codices  dem  Polybos  bei,  aber 
dem  widerspricht  Galenos  selbst  (XV  537 ;  587 ;  E  r  m.  II  p.  LXVI  ff.). 
Jedenfalls  steht  der  Verfasser  dem  von  de  morb.  I  nahe. 

8.  negi  döhtov  =  de  glandulis  =  Die  Drüsen.  Inhalt:  Be- 
schreibung der  Drüsen,  ihrer  Lage  und  Funktion  (1  ff.) ;  Drüsen  sitzen 
in  den  Eingeweiden  (5),  Nieren  (6),  im  Halse  und  Kopfe  (7),  in  den 
Achselhöhlen  (8).  Das  Gehirn  ist  die  grösste  Drüse  und  verursacht 
durch  Abgabe  des  herangezogenen  Drüsenüberschusses  7  Arten  von 
Flüssen  =  Katarrhen  (11  ff.);  Delirien  und  Raserei  als  Gehirnleiden  (15), 
Brustdrüsen  und  deren  Erkrankungen  (16  f.).  Die  Beschränkung  im 
Thema  bewirkt,  dass  deutliche  Anzeichen  für  den  knidischen  Ursprung 
fehlen.  Wahrscheinliche  Kriterien  zum  mindesten  sind  jedoch  die 
Aehnlichkeit  der  Flusstheorie  mit  de  morb.  I  Teil  II  und  de  carne  16 
und  was  Erm  er  ins  III  p.  VIII  anführt. 

Zu  allen  Schriften  über  Gynäkologie  vgl.  Littre  VIII  520 ff. 

9.  neQi  yvvaLxeäov  (a)  =  de  morbis  mulierum  (I)  =Die  Frauen- 
krankheiten (I).  Inhalt :  Frauenleiden  und  Erklärung  der  Regel  (1), 
deren  Verhaltung  (2 f.),  spärliche  (4)  und  übermässige  Reinigung  (5), 
Beschreibung  des  Menstrualblutes  u.  ä.  (6),  Pnix  hysterica  (7),  „gallige" 
(8)  und  schleimige  Periode  (9),  Unfruchtbarkeit  des  Weibes  (10),  allerlei 
Störungen  der  Kindererzeugung  (11  ff.),  Mittel  für  Schwängerung  (22  f.), 
Beschwerden  und  Krankheiten  Schwangerer  (25  ff.),  Quer-  und  Fuss- 
lage  (33),  Entbindung  (34),  Lochienfluss  (35  ff.),  durch  Entbindung  ver- 
ursachte Leiden  (42  f.),  Milchanomalien  (44),  Nachgeburt,  Folgeerschei- 
nungen der  Geburt  un3  deren  Behandlung  (46  ff.),  Uteruskrankheiten 
(55  ff),  Abortus  (66  ff.),  Nichtkopflagen  (69  ff),  Molen  (71),  Rezepte  für 
alle  Frauenleiden  (74  ff.) ;  unechter  Teil  mit  Rezepten  (92  ff.).  Littre 
(VIII  8)  durfte  I  und  II  nicht  verbinden,  denn  die  stete  Ankündigung 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  215 

des  Themas,  odTqyriOLg,  in  I  und  das  Fehlen  dieser  in  II  weist  dieses 
einem  besonderen  Verfasser  zu  (Erm.  II  p.  LXXVIIIff.).  Daher  kann 
die  Benennung  ,.I"  und  „II"  nur  alexandrinischen  oder  späteren  Ur- 
sprungs sein.  Auf  de  nat.  pueri  wird  verwiesen  Kap.  1;  44  und  um- 
gekehrt (F  u  c  h  s  III  391),  doch  so,  dass  de  nat.  p.  älter  ist.  Enge  Be- 
ziehungen zu  de  morb.  IV,  de  sem.,  de  nat.  pueri,  (de  morb.  mul.  I  und) 
de  steril.,  ohne  dass  diese  etwa  ein  zusammenhängendes  AVerk  bilden 
müssten,  wie  Erm.  II  p.  LXXXV  will;  wohl  aber  kann  de  steril, 
Fortsetzung  von  de  m.  m.  I  sein.  Als  ich  aus  ,.aber"  im  1.  Satze 
schloss,  dass  der  Anfang  unvollständig  sei  (II  391  A.),  hatte  ich 
Di  eis  (Hermes  XXII  436  A.)  übersehen,  wonach  das  aber  einem 
Schreibfehler  zu  verdanken  ist.  Wegen  Fehlens  einer  klaren  Dispo- 
sition ist  es  fraglich,  wie  viele  Kapitel  echt  und  wie  viele  ausser  92  ff. 
ein-  oder  angesetzt  sind.  Die  Auszüge  des  Buches,  welche  sich  in  de 
superfet.  und  de  excis.  fet.  mit  finden,  beweisen,  dass  der  Text,  wohl 
auch  an  Vollständigkeit,  gelitten  hat  (Littre  VIII  532).  Knidisch 
ist:  der  Ausdruck,  die  Krankheitseinteilung  und  -Beschreibung,  das  stete 
Abführen  und  Darreichen  von  Milch  und  Molken,  das  Schütteln  Ge- 
bärender, die  eigentümlichen  Prognosenformeln  (bei  mir  II  391).  Das 
Buch  kann  aus  älteren  knidischen  Schriften  entlehnt  sein  (Erm. 
II  p.  XCIII),  ist  aber  trotz  Erm.  II  558  nicht  jünger  als  HippokrateV 
Zeitalter.  Der  unechte  Teil  hat  öfter  die  attische  Form  atacpig  für 
uarafpig;  vielleicht  gehört  trotzdem  das  Arzneibuchfragment  der  kni- 
dischen Schule  an.  Pseudaristoteles  entlehnt  dem  Buche  vieles  (Littre 
VIII  4  ff.). 

10.  negl  yvvaueuov  (II).  Zur  Bezifferung,  Entlehnung  u.  s.  w. 
vgl.  9.  —  Galenos  hielt  das  Werk  für  echt  (gloss.  niCai:  r/.raQ);  doch 
hält  ihm  Erm.  (II  p.  XCII)  entgegen :  methodus  nosologica,  purgantia 
und  Sprache.  Kap.  1  hat  van  der  Linden  aus  de  loc.  in  hom.  46 
wiedergewonnen.  Ein  geeigneter  Schluss  fehlt.  Inhalt:  Die  Gebär- 
mutter verursacht  alle  Frauenleiden  (1),  Flüsse  (1  ff.),  Verlagerungen 
des  Uterus  (14  ff.);  mit  besonderer  Einleitung  werden  28  ff.  weitere 
Verlagerungen  besprochen ;  sonstige  Uterusleiden  (45  ff.) ;  Rezepte  für 
allerlei  kosmetische  und  gj-näkologische  Zwecke  (76 ff.);  anscheinend  ist 
dieses  Arzneibuch  später  angefügt  und  nach  und  nach  vermehrt 
worden, 

11.  7i€Qi  dcpnQiov  =  de  sterilitate  ==  Die  Unfruchtbarkeit 
der  Frauen.  Inhalt:  Grund  der  Sterilität  (1),  Versuchsmittel  zu 
ihrer  Feststellung  (2),  Merkmale  der  Schwangerschaft  (3  f ),  Mittel  zur 
Konzeption  (4  ff.),  Mole  (21),  gynäkologische  Rezepte  und  Behandlungs- 
weisen  (22  ff.);  Extraktion  des  Fötus  (37).  Wegen  Zusammengehörig- 
keit mit  de  morb,  mul.  I  s.  oben  9;  bezüglich  de  superfet.  dieses. 
Knidisch  aus  den  oben  angeführten  Gründen  (Erm.  III  p,  VIII),  Die 
Disposition  ist  schlecht.    Vgl.  bei  mir  III  591  A, 

12.  neQi  yuvaixeirjg  q)voiog  =  de  natura  muliebri  =  Die  Natur 
der  Frau.  Der  Inhalt  deckt  sich  fast  völlig  mit  de  morb.  mul.  I  und  II, 
aus  welchen  de  n,  m.  ein  wohl  zu  Lehrzwecken  gemachter  Auszug  ist. 
Damit  ist  das  knidische  Gepräge  festgestellt.  Der  schlecht  gewählte 
Titel  ist  dem  anonj'men  Auszuge  später  vorgesetzt  worden.  Manches 
findet  sich  doppelt.  Die  Schüttelung  Schwangerer  ist  allgemein  knidisch, 
aber  auch  ausserhalb  von  Hellas  sehr  verbreitet ;  mithin  ist  Euryphons 
Verfasserschaft  eine  unglaubwürdige  Hypothese;  denn  der  berühmte 
Arzt  war  doch  kein  Plagiator. 


216  Robert  Fuchs. 

13.  ntql  £7iiy.vrjaiog  =  de  superfetatione  =  Die  Ueberfruch- 
tiing.  Inhalt:  üeberfruchtung,  Symptome,  Folgeerscheinung-en  bei 
Verhalten  der  Nachfrucht,  Ursache  (1),  allerlei  Komplikationen  bei 
der  Geburt  (2  ff.),  Sentenzen  über  Muttermundstellung,  Coitus,  Zwillinge 
(12  ff.),  Dystocie  (15),  Merkmale  der  Schwangerschaft  und  Schlüsse  auf 
den  Fötus  (16  ff.),  positive  und  negative  Disposition  für  Schwanger- 
schaft (20 f.),  Vorschriften  bezüglich  Konzeption  und  Abortus  (23 ff.); 
Rezepte  für  alles  dieses  (32  f.) ;  Regelverhaltung  bei  Jungfrauen  (34) ; 
Rezepte  (35  ff.).  Gründe  für  knidischen  Ursprung  wie  oben ;  ferner  ist 
die  Schrift  aus  den  anderen  knidischen  Schriften  ausgeschrieben,  be- 
sonders de  morb.  mul.  I  und  de  steril.;  manches,  z.  B.  der  Anfang  ist 
selbständig  verfasst.  Einleitung  und  Schluss  fehlen;  die  Disposition 
ist  von  der  Mitte  an  planlos;  der  Titel  verrät  dadurch,  dass  er  den 
Inhalt  nicht  deckt,  seine  späte  Entstehung.  Als  Urheber  vermutet 
L  i  1 1  r  e  Leophänes  (vor  Aristoteles ;  I  379  ff.) ;  dass  dieser  aber  einen 
so  mangelhaften  Auszug  gemacht  haben  könnte,  hat  ihm  niemand  ge- 
glaubt. 

14.  negl  lyxaTaTOf-irjg  ifißgvov  =  de  fetus  (embryonis)  in  utero 
excisione  =  Die  Zerstückelung  des  Kindes  im  Mutterleibe, 
Inhalt:  Thema  (1),  Querlage  (2),  Lochien  (3),  Schüttelung  oder  Succussion 
(4),  Prolaps  und  Reposition  (5).  Aus  den  anderen  knidischen  Schriften 
entlehnt,  jedoch  mit  Besonderheiten  in  Kap.  1;  4  f.  (Littre  VIII  510). 
Der  Titel  ist  später  dazu  gekommen  und  passt  nur  zu  Kap.  1. 

2.  Wahrscheinlich  knidischen  Ursprungs  sind: 

15.  TtsQi  vovoiüv  ö'  =  de  morbis  IV  =  Die  Krankheiten  IV. 
Inhalt:  Der  Fötus  besteht  aus  Schleim,  Blut,  Galle,  AVasser  wie  seine 
Eltern  (1);  Vermehrung  und  Verminderung  der  4  Säfte  durch  An- 
ziehung der  entsprechenden  Nahrungsteile  (2),  Beispiel  hierfür  (3), 
weiterer  Beweis  (4),  Gründe  für  Zunahme  des  Schleims  (4),  der  Galle  (5), 
des  Wassers  (6),  des  Blutes  (7),  Ergänzung  der  Säfte  (8  f.),  Abnahme 
der  Säfte  (10);  wieso  und  warum  sind  die  Menschen  gesund?  (11),  Ab- 
gang der  Entleerungen  am  3.  Tage  (11  f.),  andernfalls  Erkrankung  (13); 
Ueberwiegen  der  Feuchtigkeit  macht  krank  (14);  Nachlassen  des 
Fiebers  und  Krisis  an  ungeraden  Tagen  u.  s.  w.  (15  ff.) ;  Leiden  bei 
mangelnder  Entleerung  oder  Behandlung  (18) ;  3  Krankheitsursachen : 
1.  Nichtentleerung,  2.  ungünstige  Klima-  und  Lebensverhältnisse, 
3.  Trauma  oder  Anstrengung  u.  dgl.  (19 ff.);  Fieberentstehung  (22); 
Helminthologie  (23) ;  Steinleiden  (24) ;  das  Getrunkene  geht  nicht  nach 
der  Lunge  (25),  sondern  zum  Magen  (26);  infolgedessen  Entstehung 
des  Hydrops  (26).  Der  Titel  ist  spät  erfunden,  mindestens  die  Ziffer  IV. 
Bloss  von  Oefele  (Aerztl.  Rundschau  1895)  erklärt  das  Buch  für  echt, 
9in  schw^erer  Irrtum.  Littre,  Ermerins  und  D i e  1  s  (Preuss.  Jahrbb. 
LXXIV  1893,  S.  424)  nehmen  mit  Recht  für  de  morb.  IV  und  de 
nat.  pueri  denselben  Verfasser  an;  de  m.  IV  liegt  vor  de  sem.,  womit 
Littre  obendrein  de  nat.  pueri  verschmilzt,  wegen  des  Citats  in  de 
sem.  3.  Den  knidischen  Ursprung  beweist  Di  eis  (a.  a.  0.),  während 
Ermerins  an  einen  mit  knidischen  Lehren  vertrauten  Arztphilosophen 
(latrosophisten)  denkt  (III  p.  XIV);  natürlich  ist  dieser  latrosophist 
nicht  der  Verfasser  von  de  flat.  Am  Schlüsse  (23—26)  sind  Reste 
anderer  Schriften  desselben  Verfassers  angefügt,  meint  Fredr  ich;  viel- 
leicht sind  es  aber  zufällig  ankrystallisierte  fremde  Notizen.   Die  Ver- 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  217 

wandtschaft  der  Anschauungen  mit  denen  des  ApoUoniaten  Diogenes 
wurde  von  Petersen,  Ernst  H.  F.  Meyer  und  Diels  (Hermes  1894, 
S.  428)  zu  sehr  betont.  Die  Schrift  ist  für  Aerzte  und  Laien  bestimmt 
und  um  die  Wende  des  5.  vorchristlichen  Jahrhunderts  erschienen; 
Anspielung  auf  Kap.  2  bei  Plat.  Tim.  p.  70  A  f.  Genannt  Avird  die 
Schrift  nie. 

16.  Tisgi  yovfjg  =  de  semine  (genitura)  =  Der  Samen  und 

17.  7i€Qi  cpvaiog  Ttaiölov  =  de  natura  pueri  =  Die  Entstehung 
des  Kindes  sind  seit  Littre's  glücklichem  Blicke  ein  einheitliches 
Werk.  Der  Titel  st.  r/jg  (pvaiog  tov  Ttaiöiov  zov  iv  tö/m  muss  die  von  den 
Alten  nie  citierte  Schrift  de  sem.  mit  umfasst  haben.  Den  vollständigen 
Titel  der  beiden  Bücher  verdanken  wir  den  Selbstcitaten  des  Verfassers 
von  de  morb.  mul.  I,  der  also  auch  hier  als  Verfasser  anzunehmen  ist 
(Littre  VIII  6 f.;  Erm.  II  485;  496).  Empedökles  und  Demokritos 
haben  die  Anschauungen  merklich  beeinflusst.  —  de  nat.  p.  wurde  zu 
Galenos'  Zeiten  Hippokrates  oder  Polybos  beigelegt;  letzterem  stimmte 
auch  Kühle  wein  zu  (Philologus  XLII  1882-84,  S.  132),  und  von 
Oefele  erklärte  sie  sogar  für  echt  (hierzu  und  sonst  vgl.  oben  15). 
Letzterer  hätte  sich  statt  auf  schwanke  Gründe  auf  Orib.  I  527  Buss. 
u.  Dar.  stützen  sollen.  Allein  schon  Ermerins  erkannte  den  knidischen 
Ursprung  (II  p.  XC;  III  p.  VIII;  XIV).  Es  spricht  nichts  gegen 
Petersens  Ansatz,  um  424  v.  Chr.,  jedoch  sind  die  Anspielungen,  die 
Petersen  in  den  „Wolken"  des  Aristophanes  finden  will,  zu  sehr  ge- 
sucht, als  dass  sie  schlagende  Beweise  genannt  werden  könnten. 

18.  neQL  oipiog  =  de  visu  =  Vom  S'ehen.  Inhalt:  Verförbung 
der  „Pupille"  (1);  dem  Sehvermögen  kann  nur  bei  Erwachsenen  durch 
Schaben  und  Brennen  der  Lider  nachgeholfen  werden  (2);  Brennen 
im  Kücken  (3);  Schaben  und  Brennen  der  Lider  mit  Wolle  (4);  Ope- 
ration granulöser  Augenlider  durch  Schneiden,  Brennen  oder  Beizen  (5) ; 
Mittel  für  Erosionen  (6),  Tagblindheit  (7),  Verlust  des  Sehvermögens 
bei  erhaltenem  Auge  (8),  Trachom  (9).  Die  Schrift  ist  unvollständig 
und  vielfach  verderbt.  Die  Alten  erwähnen  sie  nicht.  Dass  sie 
knidische  Lehren  überliefere,  giebt  an  die  Hand:  1.  die  Verweisung 
de  aflfect.  5  (Erm.  II  p.  LXVIf.);  2.  die  Ausdrucksweise  (Erm.  III 
p.  XLI  vergl.  m.  III  p.  VIII  und  XL  f.)  vielleicht.  Die  Stilähnlichkeit 
von  de  visu  6;  9  und  de  äff.  2;  4  f.  (Littre  IX  127)  vermag  ich  nicht 
anzuerkennen.  Alle  Kritiker  verwerfen  die  Schrift  (Littre  IX  124  ff.; 
X  p.  XXXVIII  ff). 

19.  Tiegl  TÖTiiov  riJjv  xar'  ävdgwTtov  =  de  locis  in  homine  =  Die 
Stellen  am  Menschen.  Inhalt:  Die  Krankheit  geht  vom  ganzen 
Körper,  vorzugsweise  vom  Trockenen,  aus  (Solidarpathologie),  Theorie 
von  der  Drüseneigenschaft  des  Gehirns  nebst  „Flüssen"  oder  „Ka- 
tarrhen" (1),  Sinnesorgane  (2),  Aderlauf  (3),  von  Adern  und  Sehnen 
(Nerven?)  verursachte  Krankheiten  (4);  von  den  Sehnen  (5);  Suturen 
und  Gelenke  —  beachte  den  wunderlichen  Ausdruck  negövri  =  schnallen- 
nadelähnliches  Gebilde  zur  Bezeichnung  des  Ellenbogenfortsatzes  —  (6) ; 
Gelenkschäden  (7);  Weg,  den  die  Nahrung  nimmt  (8),  „Flüsse"  (9 ff.); 
gefährliche  Symptome  (16);  Therapie  der  Brustfellentzündung  (17),  des 
Empyems  (18),  der  Phthisis  pulmonum  (19);  Fluss  nach  dem  Bauche 
u.  s.  w.  (20  ff.),  Hydrops  (23  f.),  Therapie  verschiedener  Leiden  (25  ff.) 
und  allgemeine  Therapie  (30),  Trepanation  (31),  Prognosen  (32),  all- 
gemeine Therapie  (33),  Gymnastik  und  Medizin  (34),  Therapeutisches 
(35  ff.),   das  Brennen  der  Adern  (39);   die  ärztliche   Kunst  (40)   und 


218  Robert  Fuchs. 

schematische  Zusammen stellung-en  über  allerlei,  z.  B.  die  günstige  Ge- 
legenheit (41  If.) ;  die  Frauenkrankheiten  (46)  =  Anfang  von  de  morb, 
mul.  II  und  falschlich  hierher  geraten.  Knidisch  ist  die  „Umlegung 
der  Lunge"  (14)  und  die  Eingiessung  in  die  „Lunge"  d.  i.  Trachea 
(Erm.  III  p.  VIII).  Piaton  bezieht  sich  auf  die  Schrift  (Tim.  p.  74 
Dff.;  resp.  V  462  C).  Des  Galenos  Echtheitszeugnis  (I  54;  II  132) 
ist  wertlos  angesichts  der  sophistischen  und  vielfach  thörichten  Anlage 
und  Gruppierung  des  für  Aerzte  und  Laien  zusammengestoppelten 
Machwerks.  Alkmaions  Einfluss  ist  deutlich.  Der  Verfasser  scheint 
ein  Dorier  gewesen  zu  sein  (Erot.  unter  -/.iOagog  und  xä^/uagov). 

Nach  Erschöpfung  des  sicher  oder  wahrscheinlich  knidischen 
Schriftbestandes  wenden  wir  uns  nun,  um  die  Kreise  immer  enger  zu 
ziehen,  den  zweifellos 

3.  sophistischen  Schriften 

zu.    Als  typisches  Beispiel  einer  solchen  gehört  an  erste  Stelle 

20.  TCEQi  cpvawv  ==  de  flatibus  =  Die  Winde.  Inhalt:  Ein- 
leitung über  die  ärztliche  Kunst  (1),  die  Krankheiten  (2)  und  den  Wind 
als  den  Alleinherrscher,  vvQavvog,  über  alle  Dinge  (3 ff.);  der  Wind  im 
Körper  verursacht  die  Fiebererscheinungen  (7  ff.),  die  Flüsse  (10),  die 
fiktiven  Zerreissungen  der  Weichteile  und  den  Hydrops  (11),  die 
Schlagflüsse  (12  f.),  die  Epilepsie  (14),  kurz,  der  Wind  (Pneuma)  ist 
die  primäre  Ursache  aller  Krankheiten,  alles  übrige  begleitende  Ur- 
sache (15).  Wenn  Spät^)'und  von  Oefele-)  die  Schrift  für  echt 
und  somit  alle  genialen  Schriften  des  Corpus  mittelbar  für  gefälscht 
erklären,  so  setzen  sie  unsere  gründlichen  Kenntnisse  von  der  Sophistik 
als  nicht  vorhanden  voraus.  Diese  auch  durch  Piaton  und  Aristoteles 
gestützten  sophistischen  Kriterien  treffen  auf  de  flat,  in  vollendeter 
Weise  zu :  1.  es  ist  keine  Schrift,  sondern  durchweg  eine  epideiktische 
Eede  nach  Gorgias'  Manier ;  man  beachte  die  phrasenhafte  Einleitung, 
die  Anreden,  die  rhetorische  Emphase  (3),  den  Ichstil,  die  Ueber- 
treibungs-  und  Verallgemeinerungssucht  (z.  B.  1  Schluss,  2);  dieses 
ist  so  auffällig,  dass  Diels  (a.a.O.)  mit  Recht  von  einem  „abschreckenden 
Beispiele"  der  um  die  Wende  des  5.  und  4.  Jahrhunderts  grassierenden 
latrosophistik  spricht;  der  Verfasser  ist  aber  Sophist  und  steht  der 
Heilkunde  ziemlich  fern.  Auffällig  sind  ferner  die  sophistische  Rede- 
weise, z.  B.  die  Personifikation  des  Windes  als  dvväoTr]g  =  Machthaber, 
Despot,  Parechesis  von  Trag  (14),  die  typischen  Uebergänge,  Ankün- 
digungen des  Themas  und  Abschlüsse,  die  Disposition,  die  dichterischen 
Wendungen,  die  gesuchten  Gegensätze,  die  Citate,  die  ja  praec.  12 
ausdrücklich  verboten  sind,  u.  s.  w.  Piaton  hat  die  Schrift  vielfach 
benutzt,  ohne  den  Verfasser  zu  nennen.^)  Der  Anon.  Lond.  (Beckh- 
Spät9)  bezeugt,  Hippokrates  habe  nach  Aristoteles  die  Winde  {cpDaai) 
als  die  Krankheitsursachen  bezeichnet.  Aristoteles'  Schüler  Menon,  der 
Arzt,  hat  seinem  Meister  die  medizinische  Litteratur  gesichtet.     Die 


^)  Die  ganze  Litteratur  s.  bei  Fuchs,  Jauus  II  1  (1897). 

^)  Aerztl.  Eundschau  1895  Nr.  17.  Vgl.  dagegen  Weygoldt,  Fleckeisens 
Jahrbb.  f.  klass.  Philol.  CXXIII  1881,  S.'508£;  Maass,  Hermes  XXII  566  ff. ;  Erm. 
11  p.  LIII;  55;  Diels,  Hermes  XXVIII  424;  431;  433. 

'')  Poscheu rieder,  Die  piaton.  Dialoge  in  ihr.  Verhältnisse  z.  d.  hippokratisch. 
Sehr.  Jahres-Ber.  ü.  d.  k.  Stud.-Anst.  im  Benediktinerstifte  Metten,  Landshut  1882, 
S.  42;  461;  48 f.;  61;  68 f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  219 

angeschlossene  Erläuterung,  die  aus  de  flat.  stammt,  scheint  auch  Menon 
zum  Verfasser  zu  haben ;  mithin  galt  ihm  de  flat.  für  echt.  Wenn  der 
An.  Lond.  selber  im  nächsten  Kapitel  anhebt :  „Wie  aber  Hippokrates 
selbst  sagt"  und  nun  die  knidische  Schrift  de  morb.  I  umschreibt  und 
später  mit  de  nat.  hom.  ebenso  umspringt,  so  beweist  er  lediglich  seine 
Unglaubwürdigkeit.  Dass  aber  x4.ristoteles-Menon  in  der  hippokra- 
tischen  Echtheitsfrage  auch  sonst  nicht  unfehlbar  ist,  lehrt  de  nat. 
hom.  (w.  s.) ;  es  erklärt  sich  aus  der  geringen  Beachtung  der  ärztlichen 
Schriften  durch  Aristoteles  überhaupt,  der  xlnonymität  der  Schriften  in  so 
später  Zeit,  aus  der  Verdrängung  guter  echter  Bücher  durch  zeitgenössisch- 
elegant geschriebene  Bücher  unbekannter  Sophisten.  Als  Vertreter  der  da- 
mals herrschenden  Pneumatheorie  (Diogenes'  von  Apollonia  Theorie  galt 
zur  Zeit  des  peloponnesischen  Krieges)  hatte  Menon  Anlass  genug,  sich 
auf  die  seine  Theorie  stützende  Schrift  als  echte  zu  berufen,  selbst 
wenn  er  vom  Gegenteil  überzeugt  war.  Der  Verfasser  ist  beeinflusst 
von  Anaximandros  oder  sicherer  Anaximenes  und  Diogenes  von  Apollonia. 
21.  TtsQi  (pvöioq  &v3-Q(b7iov  =  de  natura  hominis  =  Die  Natur 
d  e  s  M  e  n  s  c  h  e  n.  Inhalt :  Der  Mensch  besteht  nicht  aus  einem  einzigen 
Grundstoffe  (Iff.),  sondern  aus  4  Qualitäten:  Warmes,  Kaltes,  Feuchtes, 
Trockenes  in  Form  von  Blut,  Schleim,  gelber  und  schwarzer  Galle 
(3  §  7  f.),  Beweise  (5  §  9  ff.) ;  wechselseitige  Zu-  und  Abnahme  der  Säfte 
mit  der  Jahreszeit,  daher  Zu-  und  Abnahme  der  Krankheiten  in 
Perioden  (7  §  12  ff.).  —  Heilung  per  contraria  (9);  Entstehung  der 
Krankheiten  durch  Lebensgewohnheiten  und  die  Luft  (individuelle  und 
endemische  oder  epidemische  Leiden),  Behandlung  (10);  Grad  der 
Krankheit  im  Verhältnis  zur  Stärke  des  Körperteils  (11) ;  des  Polybos 
Adernbeschreibung  (12);  allerhand  zusammenhangslose  Notizen  (13  ff.), 
z.  B.  über  Uiinsedimente  (15),  Fieber  (16).  Litteratur  und  Vorbilder 
s.  bei  mir  I  189;  dazu  Fred  rieh.  De  libro  tt.  cp.  ä.  pseudippocrateo, 
diss.  Gotting.  1894.  Die  Schrift  zerfällt  in  4  von  verschiedenen  Ver- 
fassern herrührende  Teile.  I  umfasst  1 — 8  und  wird  im  Anon.  Lond. 
XIX  2,  also  gewiss  von  Menon,  bezüglich  1 — 4  für  Polybos  in  An- 
spruch genommen.  Zu  Galenos'  Zeiten  sprachen  manche  die  ganze 
Notizensammlung  {v7toi.ivrii.ia)  dem  Hippokrates  ab  (XV  9),  andere 
sprachen  sie  Polybos  zu  (172 f.);  die  meisten  derer,  welche  die  Zu- 
sammenschiebung verschiedenartiger  Stücke  erkannten,  legten  1 — 8 
Hippokrates  bei  (11  ff.;  16;  107 ff.),  andere  sprachen  sie  ihm  ab,  wieder 
andere  hielten  es  mit  Menon  (Gal.  XV  11  f.).  Galenos  hält  1 — 8  für 
echt  (XV  10 ff;  15 f.;  49;  106;  109),  weil  Piaton  im  Phaidros  270B 
darauf  anspiele  (XV  3 f.;  12;  31;  102 f.).  Oreibasios  (coli.  med.  III 
Iff.)  hält  Hippokrates  für  den  Verfasser.  Beider  Gründe  sind  un- 
verbindlich, denn  beide  irrten  auch  bei  anderen  Schriften  in  unbegreif- 
licher Weise,  und  Piaton  bezieht  sich  a.  a.  0.  überhaupt  nicht  auf 
eine  bestimmte  Schrift  (Nachweis  Fred  rieh.  Hipp.  Unters.  Iff.).  Für 
Hippokrates  tritt  bei  1 — 8  ein  P  o  s  c  h  e  n  r  i  e  d  e  r,  für  Polj'bos :  L  i  1 1  r  e , 
Christ,  Diels,  Gomperz.  Gegen  die  Echtheit  von  1—8  sprechen : 
der  Charakter  als  epideiktische  Rede,  denn  weder  Hippokrates,  noch 
Polybos  waren  Redner  d.  i.  Sophisten,  sondern  sie  waren  Aerzte, 
und  praec.  12  verbietet  den  Aerzten  solche  Reden;  die  sophisti- 
schen Schlagwörter  (pvoig  und  vouoi  und  dg^wg,  wennschon  die 
Sophistik  gegen  de  flat.  etwas  zurücktritt ;  dass  Aristoteles  (bist.  anim. 
III  3,  512  b  12)  das  ganz  anders  geartete  12.  (bei  anderen  11.)  Kap. 
für  Polybos  bezeugt,  also  die  Kritiker  den  Verfasser  nur  dieses  Kapitels 


220  Robert  Fuchs. 

ZU  dem  der  ganzen  Notizensammluiig  gemaclit  haben  müssen.  —  Teil  II 
=  Kap.  9 ff.  gehört  einem  Unbekannten,  nach  Fredrich  (16)  dem,  der 
in  I  interpoliert  hat.  Dioskurides  schrieb  9  Hippokrates,  dem  Sohne 
des  Thessalos,  zu  (Gal.  XV  110 ff.);  der  Anon.  Lond.  VII  15  das  Kap. 
10  dem  grossen  Hippokrates  selbst;  doch  hatten  beide  keine  anderen 
kritischen  Mittel  als  wir.  —  Teil  III  =  Kap.  12.  Die  mangelhafte 
Aderlaufbeschreibung  ist  de  nat.  oss.  9  wiederholt.  Sie  wird  wegen 
ihrer  Unbestimmtheit  von  Galenos  (XV  150),  wegen  ihrer  schlechten 
Stilistik  von  Fredrich  (S.  18)  getadelt.  Die  Autorschaft  des  Polybos 
bestritten  später  manche  dem  Aristoteles  (Gal.  V  529),  wohl  mit  gutem 
Grunde.  —  Teil  IV  =  13  ff.  sind  verschiedene  Collectanea  eines  Un- 
bekannten. 13,  Eiteransammlungen,  weicht  ab  von  der  in  epid.  I.  III 
und  aph.  entwickelten  hippokratischen  Anschauung.  14  (Prognose), 
Verfasser  unbekannt,  ebenso  15  f.  Kap.  16  weicht  so  wie  13  von  Hippo- 
krates ab.  Da  die  Venenbeschreibung  schon  dem  Aristoteles  dürftig 
erschien,  muss  der  Notizensammler  einige  Zeit  vor  ihm  geschrieben 
haben.  Galenos  bezeichnet  avvoxog  =  synochisches  Fieber  in  Kap.  16 
als  nachhippokratisch  (XV  172  f.) ;  die  Entstehung  nach  Philistion  ver- 
tritt Fredrich  (47).  Jedenfalls  galt  das  ganze  Buch  in  der  römischen 
Kaiserzeit  als  Urkunde  der  kölschen  (=  hippokratischen)  Humoral- 
pathologie.  ^)  Einen  Kommentar  schrieb  Sablnos  hierzu  (Galen.  XV  25). 
Vgl.  22. 

22.  TtsQi  öicuTr^g  vyieiv^g  =  de  diaeta  (victu)  salubri  =  D  i  e 
Hygiene  der  Lebensweise.  Inhalt :  Wer  seiner  Gesundheit  leben 
kann,  hat  eine  bestimmte  Lebensweise  einzuhalten ;  deren  Beschreibung 
(1);  Regeln  für  die  einzelnen  Konstitutionen,  Altersstufen,  Jahreszeiten 
(2 f.);  Entfettungs-  und  Mastkur  (4);  Erbrechen  und  Klystiere  (5); 
Eegeln  für  Kinder  und  Frauen  (6);  Regeln  für  solche,  die  der  Gym- 
nastik obliegen  (7).  —  Fälschlich  angeschweisst  sind:  8  über  Gehirn- 
leiden =  de  morb.  II  12  Anfang;  9  (der  Verständige  muss  sich  durch 
eigene  Einsicht  in  Krankheitsfällen  helfen)  ==  de  affect,  1.  Satz.  Die 
für  Laien  bestimmte  Schrift  bildet  in  den  Handschriften  und  für 
Galenos  mit  de  nat.  hom.  ein  Buch;  daher  bei  Gal.  XVIII,  I  831 
(vgl.  XV  175)  7t.  cp.  a.  Y.ai  öiaiTrjg  genannt.  Kommentar  III  des 
Galenos  bezieht  sich  auf  de  d.  s.  Die  Abtrennung,  durch  Littre  war 
unberechtigt ;  denn  diese  Notizen  sind  nur  äusserlich  aneinandergereiht, 
wie  de  nat.  hom.  Gründe  für  Anreihung  bei  Fredrich  (Hipp.  Unt. 
19  ff.).  Dass  Buchhändler  zur  Zeit  der  Gründung  der  alexandrinischen 
Bibliothek  aus  Spekulation  de  nat.  hom.  und  de  v.  s.  aus  Notizen  zu- 
sammengesetzt hätten  (Gal.  XV  105 ;  109),  widerspricht  der  Entstehung 
des  Corpus  und  ist  auch  sonst  unglaublich.  So  ungeschickt  war  der 
Fälscher  nicht,  und  so  dumm  waren  die  Beamten  der  bücherliebenden 
Könige  nicht.  Unsere  Schrift  soll  von  Polybos  herrühren  (Gal.  XV 
108;  173;  175;  183;  212).  Dabei  bescheiden  sich  auch  Petrequin, 
Ilberg  und  Fredrich,  weil  Beweismittel  für  wie  gegen  fehlen. 
Jedenfalls  ist  die  Schrift  koisch  und  dem  hippokratischen  Kreise  ver- 
wandt, schon  wegen   der  Aehnlichkeit  mit  de  aere  aq.  loc. 

23.  vöiiiog  =  lex  =  Das  Gesetz.  Nötige  Anlagen  und  Kennt- 
nisse zur  Erlernung  der  Medizin.  E  r  m  e  r  i  n  s  will  lex,  de  arte,  de  vet. 
med.  so  als  einheitliches  AVerk  dnoloyia  rfjg  iiqxQLy.rg  zusammenstellen. 
Ihn  widerlegt  Ilberg  (Stud.  pseudipp.  28 ff.),    von  Wilamowitz- 


i;»  Di  eis,  Preuss.  Jahrbb.  LXXIV  1893  S.  430. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  221 

Möllendorff  schiebt  im  Motto  zum  „Herakles"  I  eiu  Citat  dem  Demo- 
kritos  unter,  von  Oe feie  macht  die  echt  griechische  Rede  mit  allen 
Merkmalen  der  Sophistik,  die  ihr  anhaften,  sogar  zu  einer  —  ägyp- 
tischen. ^)    Vgl.  24;  25. 

24:.  negl  reyvr^c  =  de  arte  =  Die  Kunst.  Inhalt:  Die  Heil- 
kunde existiert  und  ist  eine  Kunst  (1  f.) ;  Definition  (3) ;  die  Heilkunde 
vermag  ihre  Aufgaben  zu  lösen,  die  Angriffe  ihrer  Gegner  werden 
rhetorisch  abgeschlagen  (4  ff.).  Eine  vortreffliche  Sophistenrede  des 
5.  Jahrhunderts,  aber  nicht  von  Protagoras  (so  G  o  m  p  e  r  z)  - ),  auch  nicht 
von  einem  seiner  Schüler,  vielmehr  gegen  die  Richtung  seiner  Schule, 
von  einem  sophistisch  gebildeten  Arzte  verfasst.  ^)    Vgl.  23;  25. 

25.  n(Qt  ccQxairjg  irjTQi/.^g  ==  de  vetere  (prisca)  medicina  ^  Die 
alte  Medizin  (K  ü  h  1  e  w  e  i  n  I  1  ff.).  Inhalt :  Es  giebt  eine  ärztliche 
Kunst  (1);  Lob  der  alten  Kunst,  von  der  jede  weitere  Forschung  aus- 
gehen muss  (2 ff.) ;  ihr  Ursprung  sind  diätetische  Erfahrungen  bei  Ge- 
sunden und  Kranken  (5 ff.);  unrichtige  Anfüllung  wie  Entleerung  ver- 
ursacht Krankheit  (9 f.);  Gründe  (11  f.);  das  Warme  und  Kalte,  Feuchte 
und  Trockene  ist  nicht  die  Krankheitsursache,  sondern  das  Süsseste, 
Bitterste,  Sauerste,  Herbste  u.  s.  f.  (13 ff.);  Beweise:  Schnupfen  (18), 
Flüsse  (19);  wahre  Naturerkenntnis  hat  zur  Voraussetzung  Kenntnis 
der  gesamten  ärztlichen  Kunst,  besonders  des  individuellen  Verhaltens 
des  Menschen  gegenüber  Essen,  Trinken  und  der  sonstigen  Lebens- 
weise (20 f.);  die  Krankheiten  entstehen  aus  Energien  (höchste  Steige- 
rung der  Eigenschaft  und  Wirkung)  oder  Form  (Hohles,  Festes, 
Rundes  u.  s.  w.)  im  Körper  (22  f ) ;  Wirkungen  der  Säfte  und  ihre  Ver- 
wandtschaft: das  Sauere  ist  der  schädlichste,  das  Süsse  der  zuträg- 
lichste (24).  Die  Schrift  ist  voraristotelisch  *)  und  gehört  zum  älteren 
Bestände.  Die  Säftelehre  ist  von  Alkmaion  beeinflusst,  was  auf  das 
Ende  des  5.  Jahrhunderts  hinweist,  insofern  dessen  alter  Lehre  die 
neue  gegenübergestellt  wird.  Kap.  20  polemisiert  gegen  de  diaeta  I  2. 
Zu  de  diaeta  in  ac.  bestehen  auch  nahe  Beziehungen,  wenngleich  Iden- 
tität der  Verfasser  ausgeschlossen  ist ;  beide  nennen  das  cpUyfta  nicht ; 
de  vet.  med.  erwähnt  „ein  Bitteres,  gelbe  Galle  genannt",  de  d.  in  ac. 
..Bittergallige"  (vgl,  Littre  IV  656 ff.).  Im  übrigen  aber  ist  die 
Schrift  koisch.  Dass  ein  Redner,  also  ein  Sophist  vorliegt,  und  zwar 
einer,  der  mehr  Philosoph  als  Arzt  ist,  lehrt  der  Augenschein.  Litte- 
ratur:  Kühle  wein,  Hermes  XXII  1887,  S.  179  ff;  XXVII  301  ff.; 
Weber,  Philologus  1897.  S.  2310^:  von  Wilamowitz-Möllen- 
dorff,  Hermes  XXXIII  518 f    Vgl  Nr.  23. 

26.  negl  öiahrig  I — III;  IV  =  Ttegi  tvvTtvuov  =  de  diaeta  (victu) 
I — III ;  IV  =  de  somniis  =  Die  Diät  I — III ;  IV  =  D  i  e  Träume. 
Inhalt  von  I:  Die  Vorgänger  haben  nur  kleine  Gebiete  der  Diätetik 
behandelt,  teilweise  auch  fehlerhaft,  der  Verfasser  will  unter  der  Be- 
nutzung der  früheren  Ergebnisse  die  ganze  Diätetik  behandeln  (1); 
Ausgangspunkt  muss  sein:  1)  Kenntnis  des  Körpers,  2)  Wirkung  der 
Nahrungsmittel  auf  ihn,  3)  Einwirkung  jeglicher  Arbeitsleistung  auf 
das  Individium,  d.  h.  richtiges  Verhältnis  der  Arbeit  zur  Nahrungs- 


^)  AUg.  medic.  Central-Ztg.  1895  S.  371  A. 

^)  Dissert.  in  ..Deutsche  Jahrbb.  f.  Politik  u.  Liter."'  1863,  April:  Griech.  Denker 
I  341  f.;  364:  374  f.:  376:  391  ff.     Vgl.  Schrift  unter  oben  Nr.  25. 
»)  Natorp.  Philologus  L  =  N.  F.  IV  1891  S.  262 ff.:  278 ff. 
*)  IIb  er  g,  Stud.  pseudipp.  28  ff.;  54  ff. 


222  Robert  Fuchs. 

aufnähme,  letzteres  die  „Entdeckung"  des  Verfassers  (2);  Körper- 
beschreibung: Zusammensetzung  aus  Feuer  (Warmem  —  Trockenem) 
und  Wasser  (Kaltem  —  Feuchtem),  deren  Harmonie  (3 f.);  Entstehen 
und  Vergehen  ist  bloss  Zusammentreten  und  Scheidung  der  ewigen 
Elemente  (4);  derselbe  Gegensatz  „alles  ist  dasselbe  und  nicht  das- 
selbe" beherrscht  das  Weltall,  das  wird  mit  herakleitischen  Worten  dar- 
gethan  (5) ;  Anwendung  auf  die  Welt-  und  Menschenseele  (6  ff.) ;  hera- 
kleitische  Beispiele  hierfür  aus  dem  Handwerke  und  der  Kunst  (12  ff.) ; 
Uebergang  auf  die  beiden  Geschlechter,  in  denen  Feuer  und  Wasser 
wirken,  Entstehung  der  Kinder,  Geburt  (26 ff.);  Wirkung  des  Feuers 
und  Wassers  in  den  Altersstufen  (33)  und  Geschlechtern  (34),  in  der 
vernünftigen  und  unvernünftigen  Seele,  Heilung  durch  Stärkung  des 
einen,  von  dem  anderen  überwältigten  Elements  (35 f.).  —  von  II: 
Oertlichkeiten  (37),  Winde  (38),  Speisen  (39  ff.),  Bad  (57),  Salben  (58), 
Erbrechen  (59),  Schlaf  (60),  Anstrengungen  (61),  Spaziergänge  (62), 
Läufe  (63),  Schüttelung  (64),  Gymnastik  (65  f.).  —  von  III:  Genaue 
Vorschrift  über  die  Lebensweise  gemäss  dem  neuentdeckten  Prinzip 
(67 f.);  Selbstlob  wegen  der  Entdeckung,  nämlich  der  Diät  für  solche, 
die  lediglich  ihrer  Gesundheit  leben  können  (69);  15  Störungen  des 
Wohlbefindens  und  deren  Heilung  (70 ff.);  Schluss  (85).  —  Von  IV: 
Träume,  Einfluss,  Ursprung,  Auslegung,  ob  gut  oder  böse  (Iff.).  Der 
Nachweis,  dass  ein  ärztlicher  Sophist  ältere  Werke  (Herakleitos,  Anaxa- 
göras,  Kratylos'  Werk  oder  wenigstens  Ideen)  und  wohl  etwa  gleich- 
zeitige Werke  (Herodikos)  äusserlich  zusammengefügt  hat,  wird  von 
Fredrich  (Hipp.  Unt.  81  ff.)  in  beredter  Weise  erbracht  (Litteratur  s. 
dort) ;  Abfassungszeit  also :  etwa  400  v.  Chr.  Herodikos  von  Selymbria 
ist  trotz  der  gewiss  von  ihm  stammenden  gymnastischen  Kunstaus- 
drücke so  wenig  der  Verfasser  (IIb er g,  Berl.  philol.  Wchschr.  1897 
Sp.  1157 f.)  wie  Philistion  (Marcuse  widerlegt  von  Ilberg  a.a.O. 
1900  Sp.  432).  Der  koische  Ursprung  steht  fest  (Fredrich  221  f.), 
obwohl  nach  Galen os  als  Verfasser  angesehen  wurden  Euryphon, 
Phaon,  Philistion,  Ariston,  Philetas,  Pherekydes  oder  sonstwer  (227  f.). 
Diokles  tritt  gegen  das  Werk  auf  (172;  174).  In  den  Klöstern  wurde 
ein  mit  Galenos,  Oreibasios,  Alexandros  von  Tralleis  vermischter  Text 
von  de  diaeta  gern  gelesen.  Goethes  Sprüche  in  Prosa  (432 ff.)  ent- 
halten einige  Sätze  aus  unserer  Schrift. 

27.  n€Qi  TQocpr]g  =  de  alimento  =  Die  Nahrung.  Wuchtige 
Sentenzen  über  die  Nahrung  in  mystischer  Form  nach  dem  heraklei- 
tischen Satze  ,.Alles  ist  im  Flusse".  Wörtliche  Uebereinstimmung  ist 
selten,  ideelle  durchweg.  Galenos  erklärt  die  Schrift  für  echt  (V  529). 
Patin ^)  nimmt  denselben  Urheber  an  wie  für  de  diaeta;  aber  den 
Herakleitos  verehrte  damals  jeder  Grieche;  deshalb  ist  es  verfehlt,  zwei 
Verfasser  zu  identifizieren,  bloss  weil  sie  ihn  nachahmen. 

28.  nsQi  t€Qrjg  vovaov  =  de  morbo  sacro  =  Die  heilige  Krank- 
heit. Inhalt:  Die  Epilepsie  ist  ebenso  wenig  göttlichen  Ursprungs 
wie  irgend  eine  andere  Krankheit  (1),  vielmehr  haben  das  Sühnepriester 
und  Aufschneider  ersonnen,  weil  ihre  eingehenden  Anweisungen  oft 
erfolglos  waren  (2);  die  natürlichen  Heilmittel  beweisen,  dass  gött- 
licher Ursprung  nicht  vorliegt  (3  ff*.).  Krankheitsherd  ist  das  Gehirn, 
dessen  Beschreibung,  Adernlauf  (6  f.).  Schleimige  Konstitution  neigt 
zur  Fallsucht,  Arten  und  Symptome  der  Epilepsie  (8 ff'.),  Prognose  (Uff.), 


1)  Festschrift  für  Urlichs,  Würzburg  1880,  46 ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  223 

Anzeichen  eines  Anfalls  (15);  Einfluss  des  Windes  (16).  Gehirn  als 
Sitz  der  Wahrnehmung  (17),  dessen  Erkranken  durch  Feuchtigkeit  (17), 
Schleim  und  Galle  (18) ;  Gehirn  als  Sitz  des  Verstandes  und  Herr  des 
Körpers  (19),  nicht  das  Zwerchfell  oder  Herz,  die  die  meiste  Empfin- 
dung haben  (20);  Zusammenfassung  und  Schluss  (21).  Die  mehr  an 
Laien  als  an  Aerzte  gerichtete  Schrift  stammt  natürlich  nicht  von 
Demokritos ;  denn  die  epist.  de  mania,  welche  sich  auf  de  m.  s.  bezieht, 
ist  genau  so  gefälscht  wie  der  vorangehende  Brief.  Die  Briefe  „Hippo- 
krates-Demokritos"  sind  umgekehrt  von  de  m.  s.  abhängig.  Unecht 
ist  de  m.  s.  bereits  für  die  QueUe  des  Vossianus.  Die  Ueberein- 
stimmung  mit  de  aere  aq,  loc.  bestätigt  den  kölschen  Ursprung 
(Erm.  II  p.  XXX  flf.),  besonders  für  Aetiologie  und  Pathologie,  während 
Diogenes  von  Apollonia  Anatomie  und  Psychologie  beeinflusst.  Die 
Schrift  steht  viel  höher  und  ist  auch  mit  aus  diesem  Grunde 
jünger  als  de  flat.  Fredrich  (S.  32  A.  2)  denkt  an  einen  Schüler 
des  Hippokrates,  der  des  Meisters  Gedanken  ausführe;  ich  glaube  mit 
mehr  Recht  einen  latrosophisten,  auf  den  Hippokrates  mittelbar  ein- 
wirkt, denn  einen  Asklepiaden  als  Verfasser  ansprechen  zu  sollen. 

29.  negi  nagO-evkov  =  de  his  quae  (ad)  virgines  spectant  :=  Die 
Krankheiten  der  Jungfrauen.  Inhalt:  Psychische  Störungen 
hysterischer  Art  bei  unreifen  Mädchen.  Die  Schrift  ist  vollständig; 
da  sie  das  de  morb.  mul.  I  2  Erwähnte  nicht  enthält,  ist  die  dort 
citierte  Schrift  verloren,  und  unsere  steht  abseits.  Der  sophistisch 
veranlagte  Verfasser  ist  wohl  Arzt  und  nicht  Sophist  (letzteres  Erm. 
II  p.  XCIV).  Trotz  vieler  Aehnlichkeit  mit  de  morbo  sacro  beweist 
die  Verlegung  des  Verstandes  in  Herz  und  Zwerchfell  die  Verschieden- 
heit des  Verfassers.  Die  Einleitung  ist  weitschweifig,  die  Form  stark 
deklamatorisch.    Galen os  kennt  die  Schrift  (XIX  153). 

4.  Eein  ärztliche,  sicher  oder  wahrscheinlich  der 
kölschen  Schule  zugehörige  Schriften. 

30.  oQxog  =  iusiurandum  =  Eid.  Denkwürdigstes  Stück  der 
Sammlung:  Eidesformel  der  Schüler  beim  Eintritte  in  die  Lehre. 
Neueste  Litteratur  ausser  den  36  Ausgaben  (Littre  IV  626):  Bailly, 
Le  serment  d'Hippocrate.  Extrait  d'un  rapport  sur  un  memoire  de 
M.  Charpignon.  ,  Gazette  hebdomadaire  de  medecine,  Paris  1882; 
Charpignon,  Etüde  sur  le  serment  d'H.,  Orleans  et  Paris  1881; 
Deshayes,  Contribution  ä  l'histoire  de  la  Taille  et  de  la  Castration, 
Orleans  1882;  Küh lewein,  Westermanns  illustr.  Monatshefte  LIII 
1882,  392 ff. ;  Euder,  'l/tTTOAgäzofvg  bgxogvMl  dfpoQiof.ioi,  Eegensb.  1864; 
Smith,  The  oath  of  Hippocrates.  Baltimore  John  Hopkins  Hospital. 
Bulletin  III  1892.  Die  Kritiker  schwanken  sehr.  Oefele  (Allg.  medic. 
Central-Ztg.  1895  S.  370  i.)  hält  den  Eid  für  eine  Entlehnung  aus  dem 
Altägyptischen,  als  wenn  die  Griechen  in  der  besten  Zeit  Eide  hätten 
entlehnen  müssen.  Houdart  (S.  79)  hält  ihn  für  vorhippokratisch. 
Nach  Sprengel  und  Daremberg  ist  er  alexandrinisch,  weil  Apollon 
als  Aerztegott  angerufen  wird,  ein  ganz  willkürlicher  Grund,  gerade- 
so willkürlich  wie  die  Versetzung  des  Steinschnittes  —  nur  das 
kann  rouelv  Xi&aüvTag  bedeuten  —  in  die  Zeit  des  alexandrinischen 
Spezialistentums.  Littre  vermutet  bei  Aristoph.  Thesm.  273  eine 
Anspielung  auf  diesen  Eid;  aber  an  jener  Stelle  ist  gar  keine  Schrift 
gemeint.     Es  ist  wahrscheinlich,  dass  der  Eid  vor  Hippokrates  ver- 


224  Robert  Fuchs. 

fasst  war  und  ihm  nur  beigelegt  wurde,  weil  er  der  berühmteste  alte 
Arzt  war.  Sicherlich  ist  dieses  Asklepiadenstatut  eines  der  ältesten 
Denkmäler  des  Corpus  und  auf  Kos  entstanden.  Eine  unechte  Formel 
in  Hexametern  aus  cod.  Paris  suppl.  446  saec.  X,  in  den  ersten  christ- 
lichen Jahrhunderten  gedichtet,  veröffentlichte  K  ü  h  1  e  w  e  i  n  (Hipp.  73  f.) ; 
desgleichen  finden  sich  11  Hexameter  eines  Anonymus  aus  2  italie- 
nischen Handschriften  bei  Bussemaker  (Poetarum  de  re  physica  et 
medica  reliquias  collegit  — ,  Paris  1851). 

31.  ntQL  ir]TQov  =  de  medico  =  Der  Arzt.  Inhalt:  Deontologie: 
Aeussere  Erscheinung  und  Auftreten  des  Arztes  (1);  Näheres  über  die 
ärztliche  Werkstätte  (2) ;  jede  Handreichung  muss  Nutzen  schaffen  (3) ; 
Verband  (4);  Operationsweise  (5);  Instrumente  (6);  Schröpfköpfe*  (7) ; 
Aderlass  (8) ;  Schlusssatz  über  Instrumente  (9) ;  Abscesse  und  Geschwüre 
(10  f.) ;  Kataplasmen  (12) ;  Kriegschirurgie  (14).  Litteratur  :Petrequin, 
Melanges  d'histoii'e,  de  litterature  et  critique  medicale,  Paris  et  Lyon 
1864;  Revue  medicale  1850,  Mai  f.;  Recherches  historiques  et  critiques 
sur  l'origine  du  traite  „du  medicin",  Lyon  1850;  Janus  N.  F.  II  495; 
Ecker,  Animadversiones  in  locum  Hippocratis  Uegl  iiqrQov  etc.,  Friburgi 
Brisgaviae  1829,  meint,  die  für  Anfänger  verfasste  Schrift  sei  vielleicht 
vorhippokratisch,  aber  sie  verweist  doch  auf  de  vuln,  oder  de  loc.  in 
hom.  (bei  mir  I  45  A.  13).  Dass  in  de  off.  med.  unser  Buch  vor- 
ausgesetzt sei,  kann  ich  nicht  finden  (Häser,  3.  Aufl.  I  117).  Ich 
glaube,  dass  die  Schrift  der  kölschen  Schule  und  der  hippokratischen 
Zeit  angehört. 

32.  neQi  svoxrjinoovvr^g  ==  de  habitu  decenti  =  Ueber  den  An- 
stand. Inhalt:  Falsche  und  wahre  Wissenschaft  und  ihre  Vertreter 
(Iff.);  Philosophie  und  Medizin  sind  unzertrennlich  (5);  Göttliches  be- 
wegt die  Medizin  (6) ;  Anstandsvorschriftsn  (7  f ) ;  Kenntnisse  (9) ;  Vor- 
rätighaltung von  Instrumenten  und  Arzneien  (10);  Eintritt  in  das 
Krankenzimmer  (11  f.);  Untersuchung  (13);  Beachtung  der  Fehler  der 
Patienten  (14);  Lager  (15);  Würde  im  Auftreten  (16);  Assistent  und 
Laien  (17);  Schluss  (18).  Heinr.  Rohlfs  übersetzt  „Ueber  den  Chic".^) 
Ich  vermag  nichts  Bestimmtes  über  die  Schrift  auszusagen.  Die 
wunderliche  Ausdrucksweise,  die  mit  der  Sprache  ringt,  weist  sie  dem 
älteren  Bestände  zu.  Echt  ist  sie  nicht;  gegen  den  kölschen  Ur- 
sprung liegt  kein  Kriterium  vor. 

33.  naQayyeUai  =  praecepta  ^  Vorschriften.  Inhalt  ähnlich. 
Der  Text  ist  vielfach  dunkel,  die  Sprache  im  höchsten  Grade  schwülstig, 
es  scheinen  schwere  Verderbnisse  vorzuliegen.  Nach  einer  von  Darem- 
berg  aufgefundenen  Glosse  erklärten  Chrysippos,  Archigenes  und 
Galenos  die  Ausdrücke  xQÖvog  und  xaiQÖg.  -)  Sonst  weiss  ich  über  das 
Buch  nichts  weiter  anzugeben, 

34.  TteQi  dvaTOf-iiig  =  de  anatomia  =  Die  Anatomie.  Inhalt: 
Luftröhre  {dQrt]girj),  Lunge,  Herz,  Leber  und  deren  Adernsystem,  Nieren, 
Blase  =  6  Organe  der  Mitte;  Speiseröhre,  Magen,  Zwerchfell,  Milz, 
Därme.  Das  Bruchstück  beruht  auf  Forschungen  des  Demokritos  und 
ist  jedenfalls  vor  Aristoteles  geschrieben.  Die  Kürze  verwehrt  weitere 
Mutmassungen. 


M  Deutsches  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr.  IV  1881  S.  23. 
^)  Petrequin   I  110 f.;    Daremberg,    Archives   des   missions   scientifiques, 
Paris  1852  S.  412  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  225 

35.  Ttegi  y.aoöirjQ  =  de  corde  =  Das  Herz.  Die  sehr  genaue 
Beschreibung  des  Herzens  und  seiner  Verrichtungen  hält  Ermerins 
(III  p.  VIII)  für  knidisch,  Teichmüller  und  Fred  rieh  für  vor- 
aristotelisch, letzterer  setzt  sie  mit  Bestimmtheit  in  die  Zeit  des  Diokles, 
nach  de  carne,  Petersen  und  Falk  verweisen  sie  in  nacharistotelische 
bez.  praxagoreische  Zeiten.  Wevgoldt  (Fleckeisens  Jahrbb.  f.  klass. 
Philol.  CXXIII  1881,  S.  508  ff.)  und  Kühle  wein  (Jahresb.  ü.  d.  Kgl. 
Klosterschule  zu  Ilfeld,  Nordhaus.  1898,  S.  15)  berufen  sich  auf  die 
Sätze:  Seele  =  Feuer,  das  Feuer  ist  eingepflanzt,  die  Seele  hat  ver- 
schiedene Teile,  Sitz  der  Seele :  Herz,  Sitz  des  Verstandes :  linke  Herz- 
kammer und  den  Terminus  rb  rjye/novi-AÖv  sowie  die  teleologische  Vor- 
stellung von  einem  persönlichen  Gotte,  um  die  Schrift  einem  nach- 
aristotelischen Stoiker  beizulegen.  Bei  letzterem  wird  es  bewenden 
müssen. 

36.  TTegl  doricov  cpvoiog  ==  de  natura  ossium  =  D  i  e  Natur  der 
Knochen.  Inhalt:  Topographische  Anatomie  des  Rumpfes  (1);  Adern 
(2);  Nerven  und  Sehnen  (3);  Aeste  der  Adern  (4  —  19).  Keine  einheit- 
liche Schrift.  Bakcheios  las  das  Buch  als  „Anfang  zum  vectiarius" 
(Galen.  XIX  114;  128;  Ilberg,  Das  Hippokrates-Glossar  des  Erot, 
Leipz.  1893,  S,  134  f.).  Es  wurde  erst  nach  Galenos  mit  dem  aus  dem 
Anfange  erschlossenen  Titel  in  verkürzter  Form  selbständig.  Es  stammt 
vermutlich  aus  einer  doxographischen  Sammlung  wie  Aristot.  bist.  anim. 
III  2 f.  Das  vnöiiivriua  zerfällt  in  5  Teile:  I.  1 — 7,  Verfasser  unbe- 
kannt; II.  8  =  Aristot.  bist.  anim.  III  2;  III.  9  =  de  nat.  hom.  12 
(Arist.  1.  1.  3),  dem  Polybos  zugeschrieben  (s.  oben  Nr.  21);  IV.  10  = 
epid.  II  4,  1;  V.  11  bis  Schluss,  Verfasser  unbekannt.  Der  Annahme 
Ilbergs,  dass  das  Buch  zu  jung  sei,  um  von  Erotianos  gekannt  zu 
sein,  widerspricht  geschickt  Fredrich  (Hipp.  Unt.  56  A.  1;  s.  auch 
dessen  unter  21  erwähnte  Dissertation,  S.  17).  Kap.  10  ist  etwas 
jünger  als  die  Epidemienstelle,  die  überarbeitet  und  ergänzt  ist.  Die 
Excerptensammlung  gehört  wahrscheinlich  in  den  Anfang  des  4.  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  Bester  Text  bei  Fredrich,  Hipp.  Unt.  S.  57 ff. 

37.  Ttegi  xviuöv  =  de  humoribus  =  Die  Säfte.  Inhalt:  Stich- 
wortähnliche Sammlung  von  Sätzen  über  Säftebewegung,  Richtung 
dieser,  Mittel  dagegen  (1);  allgemeine  Kenntnisse  des  Nützlichen  und 
Schädlichen  und  der  Symptome  (2 ff.);  Behandlungsweisen  (5);  desgl. 
bei  Steigerung  der  Erscheinungen  (6  f.) ;  Individuelles  in  der  Säftefrage 
(8);  Seelisches  (9);  Anzeichen  etc.  (10);  Magen  (11);  Krankheitsarten 
und  -entstehung  (12);  desgl.  hinsichtlich  der  Jahreszeiten  (13);  des 
Windes  (14);  Jahreszeiten,  Klima  und  Konstitution  (15 ff.);  Aufhebung 
eines  Leidens  durch  das  andere,  Rückfälle  u.  dergl.  (20).  Litteratur 
bei  mir  I  404 ;  dazu  Rose,  Anecd.  graeca  et  graecolatina  I  22  ff.  Da 
die  Notizensammlung  bloss  Merkworte  enthält,  ist  eine  Ermittelung  des 
Verfassers  aussichtslos.  Die  zahlreichen  bei  mir  verzeichneten  Paral- 
lelen ergeben  nahe  Verwandtschaft  mit  echten  kölschen  Schriften. 
Zeuxis  und  Herakleides  von  Taras  verwarfen  das  Buch  (Gal.  XVI  1; 
XVIII,  II  631).  Galenos  hielt  das  Buch  für  echt,  da  er  einen  Kom- 
mentar dazu  geschrieben  hat  (Kühn  XVI  60 f.).  Paris,  graec.  2142 
schol.  bestätigt  dieses  Urteil  des  Galenos,  der  manches  als  „äusserst 
brachylogisch",  anderes  als  „ungebührlich  ausgesponnen"  bezeichne. 
Jedenfalls  wurde  das  vnöuvriua  für  Schulzwecke  auch  von  Galenos  noch 
benutzt. 

38.  TtsQl  Aoiaecov  =  de  crisibus  =  Die  Krisen.    64  kurze  Kapitel 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  1^ 


226  Robert  Fuchs. 

Über  kritische  Vorgänge.    Das  aus  progn.,  Coac,  aph.  und  epid.  ent- 
nommene Excerptenwerk  gehört  der  hippokratischen  Schule  an. 

39.  TttQL  V.QIOII.U0V  =  de  diebus  criticis  =  Die  kritischen  Tage, 
Ebenfalls  ein  hj'pomnemaartiges  Excerpt  aus  kölschen  (Kap.  1)  und 
knidischen  Stücken  (2—11).  Es  dient  zur  Wiedererlangung  kleiner 
Stücke  aus  de  hebd.  und  steht  sehr  tief  an  Wert. 

40.  neQt  vygiüv  '/.gr^oio^  =  de  liquidorum  usu  =  Ueber  den  Ge- 
brauch der  Flüssigkeiten.  Noch  nicht  geordnete,  vielfach  un- 
klare Notizensammlung,  Avahrscheinlich  Konzept  für  die  Ausarbeitung. 
Es  sollte  die  Anwendung  der  Wassersorten,  des  Weins  und  Essigs, 
warm  und  kalt,  in  der  Heilkunde  dargestellt  Averden.  IIb  er  g  weist 
darauf  hin  (Berl.  philol.  Wchschr.  XX  1900,  Sp.  1254),  dass  de  1.  u.  1  ff. 
wiederkehrt  aph.  V  16  ff.,  also  ist  auch  de  1.  u.  koisch.  Der  Zeit  nach 
kann  es  Hippokrates  nicht  fern  stehen.  Es  findet  sich  auch  der  späte, 
ungeschickt  gewählte  Titel  neQi  vöaiog  =  Ueber  das  Wasser  (L  i  1 1  r  e 
I  370). 

41.  /uoxhytös  =  vectiarius  =  Ueber  die  Einrenkung  (das 
Buch  vom  Hebel)  ist  ein  Auszug  aus  de  fract.  und  de  art.  rep.  Wie 
ihn  Ermerins  für  knidisch  halten  konnte  (lllp.  VIII),  ist  rätselhaft. 
Der  Excerptor  war  Arzt,  wie  sein  selbständiges  treffendes  Urteil  er- 
giebt.  Pasikrätes  soll  einen  Kommentar  hierzu  verfasst  haben  (Gal. 
XIII  213;  Littre  VIII  p.  XXXIII).    Vgl.  de  nat.  oss. 

42.  Ttegl  e7tTaf.irjvov  =  de  septimestri  partu  =  Das  Sieben- 
monatskind und 

43.  negl  uy.tau^vov  =  de  octimestri  partu  =  Das  Achtmonats- 
kind bildeten  einst  ein^)  Buch;  wenn  43  auf  42  folgte,  ist  mitten 
heraus  ein  Stück  verloren  gegangen  (Fuchs  III  648  A.  11).  Erotianos 
nennt  die  Bücher  nicht,  Aetios  (Flut.,  plac.  philos.  V  18)  und  Clemens 
Alexandrinus  (ström.  VI  16  =  p.  290  Sylb.)  legen  sie  Polybos,  Galenos  dem 
Hippokrates  selbst  bei,  wenn  sein  Kommentar  (ed.  Charterius  V  347 ;  bei 
Kühn  nicht)  echt  ist.  Zur  Frage  der  Einreihung  in  ein  Gesamtwerk 
s.  oben  Nr.  3.  Die  Zahlentheorie  verrät  den  Pythagoreismus.  Anklänge 
bei  Pseudaristot.  bist.  anim.  Ich  halte  die  Schriften  für  nachhippo- 
kratisch.  Ttegi  k7ttai.ii]vov  vöOvv  (bei  Calvus,  lat.,  p.  43;  ed.  Basil.  p.  541) 
hat  mit  dieser  Schrift  nichts  gemein.    S.  Fuchs  III  641. 

44.  jieQi  döovTocpv'iTjg  =  de  dentitione  =  Ueber  das  Zahnen 
wird  im  Altertum  nicht  genannt.  Die  Aphorismen  über  Kinderkrank- 
heiten sind  schlicht  gehalten  und  zeugen  von  ärztlichem  Verständnis. 
Vielleicht  ist  die  Schrift  unvollständig.  Zeit  »und  Verfasser  sowie  die 
Schule,  der  er  angehört,  sind  nicht  zu  ermitteln. 

Die  Kreise  sind  nunmehr  so  eng  gezogen,  dass  nur  noch  Schriften 
übrig  bleiben,  die  5.  echt  sind  oder  sich  mindestens  ganz  eng  an  Hippo- 
krates anschliessen. 

45.  negl  öiaiTrjg  o^ecov  =  de  diaeta  ([ratione]  victu[s])  in  acutis  = 
Die  Diät  (Lebensordnung)  bei  akuten  Krankheiten  (Kühle- 
wein 1109 ff.).  Inhalt:  Verurteilung  der  „knidischen  Lehrsätze"  und 
der  alten  Schriften  über  die  Lebensweise  (1  ff.) ;  allgemeine  Vorschriften 
des  Verfassers  über  die  Chirurgie  (4) ;  akute  Krankheiten  (5) ;  der  Laie 
hat  kein  Verständnis  für  wirkliche  Aerzte  und  Scheinärzte  (6);  die 
Aerzte  haben  vieles  nicht  erkannt  und  halten  das  für  gut,  was  der 


')  Nachweis  bei  Erm.  II  p.  LXXIV;   Kühle  wein,    Philologus  XLII  1882  ff. 
S.  131.      , 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  227 

andere  für  schlecht  hält  (7 ff.);  Nützlichkeit  des  Getreideschleims  (10); 
Verabreichung  (11  ff.),  Bereitung-  (15);  unterstützende  Behandlung,  sonst 
schlimmer  Ausgang  (16 ff.);  Zeitpunkt  der  Verabreichung  (20);  Zer- 
teilung  des  Schmerzes  in  der  Seite  u.  s.  w.  (21  ff);  bei  Diätwechsel  all- 
mählich verändern  (26 ff.);  Zahl  der  täglichen  Mahlzeiten  (29 ff.);  die 
mit  bitterer  Galle  leiden  schwerer  als  die  von  schleimiger  Verfassung 
(34);  Ungewohntes  schädigt,  auch  wenn  es  an  sich  gut  ist  (36 ff.); 
Schlaflosigkeit  (49) ;  Wein  u.  ä.  (50  ff.) ;  Bäder  (65  ff.).  —  ^6.9«  =  spuria 
=  Unechtes  (Anhang):  teilweise  ähnliche  Vorschriften  über  Behand- 
lung akuter  Leiden.  —  Andere  Titel:  TteQl  öiaiTT]g  Galen.  VII  924; 
ngbg  rag  Kviöiac,  '/viüf.iag  Gal.  XIX  195;  nsgl  nrioccvr^s  =  ü.  d.  Getreide- 
schleim Gal.  V  762;  s.  auch  XIX  182.  Teil  I  wurde  fast  von  allen 
alten  und  neuen  Kritikern  für  echt  erklärt.  Galenos  glaubte,  das  Buch 
sei  aus  dem  Nachlasse  herausgegeben  (XV  624),  und  kommentierte  es 
(XV  418 ff.;  XIX  182 ff:;.  Erasistratos  kritisierte  bereits  das  Werk. 
Petrequin  setzte  es  vor  de  vet.  med.,  mit  dem  es  grosse  stilistische  und 
inhaltliche  Aehnlichkeit  hat,  und  zwar,  übertrieben  genau,  vor  412  v.  Chr. 
Später  als  de  vet.  med.  erschien  es  Littre  verfasst  (I  318;  II  217), 
und  Petersen  liess  den  Spielraum  von  421 — 377.  In  der  That  mehrten 
sich  in  der  jüngsten  Zeit  die  Merkmale  für  nachhippokratischen  (aber 
voraristotelischen)  Ursprung.  Gegenüber  dem  Indicium  der  geringen 
Anzahl  von  Heilmitteln,  das  nur  auf  den  frühesten  Zustand  derknidischen 
Lehre  gehen  kann,  da  schon  Euryphon  zahlreiche  Verordnungen  gab 
(Gal.  VI  795),  sind  folgende  Thatsachen  hervorzuheben:  die  eigentüm- 
liche Verwendung  der  Partikeln  (wie  in  de  vet.  med.)  und  die  unge- 
mein entwickelte  Sprachstufe  passen  nur  in  eine  vorgeschrittene  Zeit,' 
die  Diction  in  de  cap.  vuln.  und  de  aere  aq.  loc.  weicht  so  ab,  dass 
man  für  beide  Gruppen  besondere  Verfasser  annehmen  möchte;  aller- 
dings sind  die  Abweichungen  von  epid.  I ;  III  so  geringiügig,  dass  sie 
nichts  beweisen.  Jedenfalls  scheint  sich  mir  bei  aller  Würdigung  ent- 
gegenstehender Merkmale  die  Wagschale  gegen  die  Verfasserschaft  des 
Hippokrates  zu  neigen.  Das  über  Bäder  Gesagte  halte  ich  für  unecht, 
doch  passt  es  wenigstens  zur  hippokratischen  Lehre.  Die  Schrift  ist 
für  Laien  und  Aerzte  geschrieben.  Vgl.  oben  Nr.  25;  zur  Litteratur 
bei  mir  III  1  A.  1  und  lunoxgatovg  rb  7C.  ö.  o.  y.ai  agyaiag  iaxQi'/.rig  (.lerd 
orif-ittiöötiov  rakJ.r^wv  t^d.  KogaiQ  etc.,  tv  '^&i^vaig  1887;  Weber, 
Philologus  LIX  (N.  F.  XIII)  1900,  S.  545 ff"  —  Appendix,  von 
Erasistratos  gekannt  (Gal.  XV  744;  vgl.  586 f.;  733),  von  Galenos 
verworfen,  schon  wegen  Wiederholungen  aus  Teil  I  (XV  796 ;  allgemein 
verworfen  nach  797;  800 f.;  812;  835 ff.;  839 ff;  851;  858;  867 ff.). 
Obschon  er  2,  jetzt  verschmolzene  Kominentare  schrieb  (XIX  36  ff.  vergl. 
mit  XV  732—919),  erkennt  er  doch  (XV  732)  in  Teil  II  eine  Samm- 
lung flüchtig  hingeworfener  Notizen,  die  ein  Schüler  confus  gesammelt 
habe ;  letzterer  habe  die  zuweilen  schon  von  Hippokrates  ausgefeilten 
Sätze  um  seine  eigene  Weisheit  vermehrt.  Die  Annahme  echter  und 
unechter  Miscellanea  aus  ausgewählten  Gebieten  der  Heilkunde  eignet 
sich  Daremberg  an  (vgl.  Gal.  XV  918).  Athenaios  (dipn.  II 16  p.  57) 
steht  auf  Seiten  der  P^chtheitsleugner. 

46.  TcgoyvojOTixov  =  prognosticum  =DasBuchderPrognoseri 
(K  ü  h  1  e  w  e  i  n  I  78  ff.).  Inhalt :  Wichtigkeit  der  Prognose  (1) ;  Gesicht 
und  „facies  Hippocratica"  (2);  Augen  (3);  Lagerung  (4);  Zähneknirschen 
(5);  Geschwür  (6);  Crocydisnius  (7);  Atmung  (8);  Seh  weiss  (9);  auf- 
getriebener Oberbauch  und  Schwellungen  überhaupt  (10 ff.);  Eiter  (13 f.); 

15* 


228  Robert  Fuchs. 

Hydrops  (15);  Verschiedenes  (16 ff.);  Schlaf  (19);  Stuhl  (20);  Blähungen 
(21);  Urin  (22);  Erbrechen  (23);  Auswurf  (24 f.);  ^ute  (26)  und  schlechte 
Anzeichen  (27);  Eiteransammlungen  (28 ff.);  Blase  (36);  Fieber  (37 ff.); 
Zäpfchen  (42);  Verschiedenes  und  Schluss  (43  ff.).  Kap.  47  nimmt  auf 
Libyen,  Delos  und  Skythien  als  persönlich  bekannte  Länder  Bezug-, 
doch  ist  von  einer  Bereisung  von  Libyen  und  Delos  durch  Hippokrates 
nicht  das  mindeste  zuverlässig  bezeugt.  Ebenso  braucht  epid.  I  3,  25 
das  von  Galenos  verstandene  progn.  in  der  Verweisung  nicht  gefunden 
zu  werden  (s.  bei  mir  II  117  A.  53).  Einen  Kommentar  hierzu  ver- 
fasste  Herophilos  (Gal.  XIX  64).  Als  Auszug  aus  Coac.  mit  Zusätzen 
fassen  die  Schrift  auf  Ermerins  (III  p.  XII;  Verfasser  ist  keinNach- 
ahmer  des  Hippokrates),  Littre  (bis  1840;  auch  aus  prorrh.)  und 
Hirschberg ^).  Es  sind  aber  vielmehr  die  Coac.  Auszüge,  das  progn. 
dagegen  ein  planvolles,  auf  langjähnge  Erfahrung  und  reifes  Urteil 
aufgebautes  Werk  eines  hervorragenden  Arztes.  Darum  schliesst 
Fredrich  (Hipp.  Unt.  80  A.  3)  mit  Recht  auf  einen  Schüler,  der  die 
Ansichten  seines  Meisters  Hippokrates,  mit  Ausnahme  der  göttlichen 
Krankheitsursache,  verarbeitet.  An  eine  Jugendarbeit  des  Hippokrates  zu 
glauben,  war  ein  schwerer  Missgriff  Petersens,  Falks  und  Littre 's. 
Die  angebliche  Anspielung  Aristoph.  Plut.  706  mit  schol.  auf  Hippo- 
krates als  Kotkoster  hat  mit  progn,  nichts  zu  thun.  Litteratur: 
'JaTQurj  icprinegig  I,  Athen  1859  Nr.  8;Kühlewein,  Jahresb.  ü.  d.  Königl. 
Klosterschule  zu  Ilfeld,  Nordhausen  1876;  Philologus  XLII  1882  ff. 
S.  119;  124 ff.  (Uebersetzungen  aus  dem  5.  und  6.  Jahrhunderte  n.  Chr.); 
Hermes  XXV  1890  S.  113  ff 

47.  Kojaxal  ngoyvcüasig  =  praenotiones  Coacae  ==Koische  Pro- 
gnosen. Inhalt:  1.  Erkältung  und  Fieber  (Iff.);  2.  Kopfschmerz 
(156 ff.);  3.  Koma  etc.,  Kopfwunden  (174 ff.);  4.  Anzeichen  von  den 
Ohren  her  (185  ff.) ;  5.  Geschwülste  der  Ohrspeicheldrüsen  (195  ff.) ;  6.  Ge- 
sicht (208  ff.) ;  7.  Augen  (213  ff) ;  8.  Zunge,  Mund  (224  ff) ;  9.  Sprache  (240  ff.) ; 
10.  Atmung  (255);  11.  Hals,  Schlund  (256 ff.);  12.  Hypochondrium,  Nabel, 
Kardialgie  (273 ff.);  13.  Lendensymptome,  bei  akutem  Rheumatismus 
besonders  (298 ff.);  14.  Blutverlust  (320 ff.);  15.  Zittern,  Krampf  (341  ff ) ; 
16.  Anginen  (357  ff.) ;  17. Brustfell-,  Lungenentzündung,  Empj^eme (373 ff.); 
18.  Phthisis,  Leber  (425 ff.);  19.  Hydrops  (443 ff);  20.  Ruhr  (453 ff.); 
21.  Lienterie,  Darmverschluss  (458  ff.) ;  22.  Blase  (462  ff.) ;  23.  Lähmungen, 
Manie,  Melancholie  (466 ff.);  24.  Kälte  im  Kreuz,  Pusteln,  Aderlass 
(477 ff.);  25.  allgemeine  Anzeichen  (482 ff.);  26.  Verletzungen,  Fisteln 
(488 ff.);  27.  Altersstufen  (502);  28.  Gynäkologisches  (503 ff.);  29.  Er- 
brechen (545 ff.);  30.  Schweiss,  Urin  (561  ff.);  31.  Stuhl  (589 ff.).  Titel 
echt.  163  Stellen  werden  ganz  oder  teilweise  citiert  prorrh.  I;  55 
werden  im  Buche  selbst  wiederholt,  3  drei-  und  1  viermal ;  65  stimmen 
zu  aph.;  mit  epid.  sind  12,  mit  de  cap.  vuln.  2,  mit  de  morb.  etwa  20 
Stellen  verwandt.  Also  ist  unser  Buch  eine  durch  sachlich  geordnete 
Auszüge  entstandene  Sammlung,  eine  neue  und  vermehrte  Auflage  der 
prorrh.  I,  ein  im6fAvr]f.ia  für  den  Schulgebrauch,  nicht  Privatgebrauch 
(wie  Fred  rieh  11  will).  H  i  r  s  c  h  b  e  r  g  (a.  a.  0.  59 ;  123)  hat  zweierlei 
übersehen,  wenn  er  in  seiner  Litteraturgeschichte  die  Coac.  aus  den 
Tempelinschriften  in  Kos  ableitet :  1.  die  Abhängigkeit  der  Sammlung 
von  noch  vorhandenen  Büchern  ganz  anderer  Art,  2.  die  völlige  Ver- 
schiedenheit der  zwar  von  Symptomatologie  und  Therapie,  aber  nicht 


')  Gesch.  d.  Augenheilkunde,  Leipz.  1899  S.  59;  123. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen. 


229 


von  Prognostik  handelnden  Weihegaben  für  Asklepios.  Aber  dass 
mittelbar  sehr  viele  Erfahrungen  aus  der  Tempelbehandlung  und  dem 
echten  Hippokrates  mit  überliefert  werden,  hat  niemand  zu  bestreiten 
gewagt.  Den  Gedanken,  dass  die  vorhippokratischen  „koischen  Sen- 
tenzen" von  Praxagoras  in  der  2.  Auflage  der  Coac.  auf  den  modernen 
Standpunkt  gebracht  worden  seien,  hatte  Kühle  wein  im  Jahre  1882 
ausgeführt  ^ ).  Auf  Anfrage  hat  er  liebenswürdigerweise  einige  Belege 
für  die  Ansicht  beigebracht,  dass  wenigstens  unter  seinem  Einflüsse 
die  Coac.  entstanden  seien:  von  den  eigentümlich  benannten  11  Säften 
des  Praxagoras  findet  sich  Coac.  146;  352  der  „glasartige",  397  der 
„salzige"  und  „süsse  Auswurf",  570  der  „lauchgrüne"  Urin  (vgl.  Euf. 
ed.  Daremb.  165,  14);  121;  125;  136  u.  ö.  der  „hämmernde"  Pulsschlag. 
Somit  wird  das  Handbuch  in  den  Kreis  der  Schüler  des  Praxagoras 
hinabgerückt;  mehr  lässt  sich  nicht  feststellen.  Einen  Kommentar 
schrieb  der  Epikureer  Demetrios  (Littre  IV  p.  XYIII). 

48.  TtgoQgrjti/.bv  a  ==  prorrheticum  (praedicta)  I  =  Die  Vorher- 
sagungen I.  Inhalt:  170  prognostische  Sentenzen,  gelegentlich  unter 
Namensnennung  des  Patienten,  ohne  jede  Ordnung  und  Kritik  von 
einem  ärztlichen  Excerptor  zusammengestellt.  Ermerins  hält  die 
Schrift  für  das  älteste  Werk  des  Corpus  wegen  der  Einfachheit  der 
Sprache  "^j ;  die  Votivtafeln  führt  er  auch  hier  irrtümlich  als  Vorlage  an. 
Galenos.  der  es  in  3  Büchern  kommentiert  hat  (XVI  489  flf.),  rechnet 
es  zur  hippokratischen  Schule  (706fi".)  und  weist  auf  Aehnlichkeiten 
mit  Coac.  (w.  s.),  aph.,  epid.  (besonders  II  und  VI)  und  progn.  hin. 
Erotianos  will  seine  Unterschiebung  nachweisen  (praef.  Schluss).  Das 
Buch  ist,  wie  eine  Vergleichung  ergiebt,  ein  ungeschickter  Auszug  aus 
der  meisterhaften  Schrift  progn.  und  muss  vor  Coac.  liegen.  Nicht- 
hippokratische  Gedanken  finden  sich  in  dem  Schriftchen  nicht;  dem- 
nach wird  an  einen  seiner  Schüler  als  Verfasser  zu  denken  sein. 

49.  nQOQqr(ii/.ov  ß'  ==  prorrheticum  (praedicta)  II  =  Die  Vor- 
hersagungen IL  Inhalt:  Tadel  der  wunderlichen  Prognosen  un- 
kundiger Aerzte  (1);  Anweisung  zur  Untersuchung  auf  die  Prognose 
hin  (2  f.) ;  Prüfung  der  Verstösse  bei  Stubenhockern,  Athleten  u.  a., 
deren  Anzeichen  (4);  Hydrops  (5  f.),  Phthisis  (7),  Podagra  (8),  Epilepsie 
(9  f.),  Geschwülste  (11),  Wunden  (12),  vouai  =  brandige  Zerstörungen 
(13),  Verletzungen  des  Kopfes  (14)  und  anderer  Körperteile  (15),  des 
Rückenmarkes  (16),  Anfüllung  der  Kehle  mit  Blut  (17),  Augenleiden 
(18  ff.),  Ruhr  (22),  Durchfall,  Lienterie  (23),  Konzeption  (24).  Die 
Sammlung  scheint  auch  für  Laien  bestimmt  zu  sein  und  rührt  von 
einem  Angehörigen  der  hippokratischen  Schule  her. 

50.  d(poQiouoi  =  aphorismi  =  Die  Aphorismen  (Lehrsätze, 
Denksprüche),  8  Bücher.  Inhalt  von  I :  Das  Leben  ist  kurz,  die  Kunst 
ist  lang  U.S.W.  (1),  diätetische  Therapie  (2—25);  von  II:  Prognostik 
(1 — 54) ;  von  III :  Jahreszeiten  und  Altersstufen  hinsichtlich  der  Krank- 
heitsdisposition  (1 — 31);  von  IV:  Erbrechen,  Abführen,  Diagnose, 
namentlich  bei  Fiebernden  (1 — 83);  von  V:  Krämpfe,  Kälte,  Wärme, 
Gynäkologisches,  Fieber  und  Vermischtes  (1 — 72);  von  VI:  Sympto- 
matologie für  chirurgisch  zu  behandelnde  Leiden,  Mannigfaltiges  (1—60); 
von  VII:  Nebenerscheinungen,  Komplikationen  mit  Prognose,  Folge- 


^)  Westermanus  illustr.  Monatshefte  LIII  S.  400. 

*)  Specialen  historico-medicum  inaugui'ale  de  Hippocratis  doctrina  a  prognostice 
oriunda,  diss.,  Lugd.  Bat.  1832  S.  10. 


230  Robert  Fuchs. 

erscheinungen  (1 — 79) ;  von  VIII :  allerlei  untergeschobene  Entlehnungen 
aus  anderen  Büchern  der  aph.  und  aus  den  hebd.  —  Die  Aphorismen 
I — VII  sind  das  berühmteste  Werk  der  Sammlung  und  bis  zu  unserem 
Jahrhunderte  als  echt  angesehen  worden.  Aus  der  grossen  Zahl  von 
Werken  verdienen  eine  Hervorhebung  (s.  ausserdem  bei  mir  I  67): 
Berends,  Lectiones  in  Hippocratis  aphorismos,  Berol.  1830;  Gurlt 
Gesch.  d.  Chir.  u.  s.  w.,  Berlin  1898,  I  277tf.;  Heiberg,  Aph.  von 
H.  Studier  fra  Sprog  og  Oldtitsforskning  etc.,  Kopenh.  1892;  Mer- 
b a c h ,  Die  A.  des  H.  in's  Deutsche  übers.,  Dresden  1860 ;  Leutzsch, 
Philologus  XXX  1870;  Menke,  Die  A.  des  H.,  Bremen  1842  (Text); 
Ruder,  "^iTTTroxQccTovg  ugzog  zal  dcpogiof-ioi,  Regeusb.  1864.  Die  ältesten 
Schriften  zu  den  „das  menschliche  Begreifen  schier  übersteigenden 
Aphorismen"  (Suid.)  sind:  Worterklärungen  des  Glaukias^),  des  Bak- 
cheios  von  Tanagra^);  der  Kommentar  und  eine  zusammenhängende 
Auseinandersetzung  über  den  Inhalt  der  aph.  von  Herophilos  in  2  be- 
sonderen Werken  (Gal.  XVIII,  II  16;  XIX  64;  404;  Daremb.  434)  — 
leider  sind  die  Stellen  nicht  zweifelsfrei,  auch  nicht  Erotianos;  Mont- 
faucons  Bemerkung  über  den  in  der  Mailänder  Ambrosiana  erhaltenen 
Kommentar  ^)  bedarf  der  Nachprüfung  — ;  der  Kommentar  des  Askle- 
piades,  dessen  2.  Buch  Cael.  Aurel.  de  morb.  ac.  II  1  citiert  (Scholia 
in  H.  et  Galenum  ed.  Dietz  II  458 ;  478) ;  der  des  schmähsüchtigen 
und  unwissenden  Lykos  von  Makedonien  in  mehreren  Büchern  (Gal. 
XVIII,  I  197),  gegen  die  Galenos  ro  Ttoog  Amov  iteol  xov  drpoQiof.wv 
schrieb  (scr.  min.  II  113);  der  des  Oreibasios,  wenn  das  Zeugnis  auf 
Wahrheit  beruht  (Littre  IV  442 ff.);  der  des  Damaskios  im  cod. 
Monacensis  graecus  227,  noch  nicht  veröffentlicht.  Im  5.  oder  6.  Jahr- 
hunderte n.  Chr.  wurden  die  aph.  ins  Lateinische  übersetzt  (s.  oben). 
Das  vTtöuvrjua,  das  ich  im  Gegensatze  zu  Fredrich  (Hipp.  Unt.  11) 
nicht  als  für  den  privaten,  sondern  für  den  öffentlichen  Gebrauch 
bestimmt  ansehe,  wurde  durch  Soranos  in  3,  Ruphos  von  Ephesos  in 
4,  Galenos  in  7  Abschnitte  eingeteilt;  doch  las  letzterer  auch  den 
8.  Teil  in  einigen  Handschriften.  Petrequin  I96ff.  glaubt  an  die 
Echtheit  wegen  der  Anspielungen  des  Piaton  (symp.,  soph.,  Tim.), 
Aristoteles  (bist,  anim.,  de  part.  anim.)  und  der  Polemik  des  Diokles 
(Steph.  Athen,  in  Scholia  etc.  ed.  Dietz  II  326),  überhaupt  wegen  der 
Stellungnahme  der  Alten.  Das  Werk  sei  kein  Jugendwerk,  denn  es 
fänden  sich  Erinnerungen  an  progn,,  epid.,  de  aere  aq.  loc,  de  victu 
in  ac.  und  an  die  chirurgica;  ferner  setze  es  langjährige  Erfahrungen 
und  eine  ausserordentliche  Geistesschärfe  voraus,  auch  gründliche 
praktische  Kenntnisse  eines  gereiften  Mannes;  es  sei  das  „Resume  der 
Prognostik  der  kölschen  Schule".  Daher  scliliesst  er  auf  rund  400 
V.  Chr.  Aber  man  sieht  nicht  ein,  weshalb  gerade  dieses  Jahr  heraus- 
gegriffen wird,  da  Hippokrates  in  den  späteren  25 — 30  Jahren  seines 
Lebens  zweifellos  noch  viel  mehr  Erfahrungen  gesammelt  haben  muss. 
Zweifel  äusserten :  der  stets  misstrauische  H  o  u  d  a  r  t ;  E  r  m  e  r  i  n  s ,  der 
an  einen  Sophisten  dachte  wegen  der  doch  nur  durch  ihre  Schlichtheit 
wirkungsvollen  herrlichen  Sinnsprüche,  in  denen  nicht  der  mindeste 
„Pomp"   liegt  (II  p.  LXXXIXf.);  Leutzsch  aus  gleichen  Gründen 


^)  Daremb  er  g,  Archives  des  missions  scientifiques,  Paris  1852,  S.  4.S3  gegen 
Littre. 

2)  A.  a.  0.  430 ff.  gegen  Littre  VIII  p.  XXXV f. 
^)  Fabricii  bibl.  Graeca  ed.  Harles  II  544. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  231 

(Philologus  XXX  1870  S.  264 ff.);  Häser  3.  Aufl.  I  S.  118;  Littre 
VIII  2  ff.  An  völlige  Unechtheit  kann  ich  nicht  glauben.  Bei  den 
markigen  Worten  fühlt  man.  wenn  man  es  auch  nicht  beweisen  kann, 
den  Genius  heraus,  dessen  einzige^  von  den  Alten  vielfach  als  „göttlich" 
bezeichnete  Gaben  doch  nicht  ihm  entrissen  werden  können,  um  irgend 
einem  namenlosen,  einfältigen  Sophisten  beigelegt  zu  werden.  Anderer- 
seits ist  die  Form  vieler  Sprüche  anfechtbar,  auf  Entlehnung  oder 
Excerpierung  hintührend.  Ich  glaube  demnach,  dass  der  Grundstock, 
in  den  Perlen  wörtlich,  in  den  übrigen  Stücken  dem  Gedanken  nach, 
dem  Hippokrates  zu  verdanken  ist,  doch  so,  dass  ein  nicht  sonderlich 
geschickter  Notizensammler  den  Vermittler  dabei  spielt. 

51.  y.at  iriTQelov  =  de  officina  medici  =  Die  ärztliche  "Werk- 
stätte. Inhalt:  Erkennung  des  Aehnlichen  und  Unähnlichen,  Wahr- 
nehmbaren bilden  die  Grundlage  der  Chirurgie  (1);  Handfertigkeit, 
Einrichtung  der  Werkstatt  (2),  Haltung  und  Stellung  des  Operateurs 
(3);  Nägel,  Hand  (4);  Instrumente  (5);  Gehülfen  =  Assistenten  (6); 
Verbandarten  und  Anlegung  u.  s.  w.  (7 ff.);  Wasseranwendung  (12); 
Unterlagen  für  Knoclienbrüche  (14);  Hinhalten,  Strecken,  Zusammen- 
passen, Lagern  und  Einbinden  des  beschädigten  Gliedes  (15 f.); 
Knetung  (17);  Ein-  und  Ausbinden,  besondere  Fälle  (18  ff.).  Der  Ent- 
wurf —  denn  um  einen  solchen  handelt  es  sich  —  hat  als  Lehrmittel 
für  Vorlesungen  gedient,  daher  die  Stichworte.  Die  Ausführung  behielt 
sich  der  Verfasser  für  den  Vortrag  vor.  E  r  m  e  r  i  n  s  irrt  vollkommen 
von  der  Wirklichkeit  ab,  wenn  er  das  Buch  für  knidisch  erklärt  (III 
p.  VIII);  dasselbe  wäre  von  Fredrich  zu  sagen,  wenn  er  aus  der 
sophistischen  Figur  der  Parechesis  den  sophistischen  Charakter  der 
Schrift  wirklich  erschliessen  wollte  (Hipp.  Ilnt.  31  mit  Anm.  2).  Der 
Nachweis  der  Echtheit  lässt  sich  wegen  der  eigenartigen  Form  des 
Buches  leider  nicht  führen ;  aber  das  Werk  ist  von  fast  allen  Forschern 
aller  Zeiten  für  des  Hippokrates  würdig  anerkannt  worden,  und  so 
kann  auch  ich  feststellen,  dass  es  mit  höchster  Wahrscheinlichkeit 
dem  grossen  Koer  zukommt.  Kommentare  schrieben  Asklepiades  ( Erot. 
116,  11;  Gal.  XVIII,  II  660;  666)  und  Galenos  (XVIII,  II  629  ff.). 
Litteratur  bei  Fuchs  III  71;  ferner  Kühlewein,  Hermes  XXIII 
1888  S.  259  ff.  ^ 

52.  negl  Umov  =  de  vulneribus  et  ulceribus  =  Die  Wunden 
und  Geschwüre.  Inhalt:  Allgemeine  Therapie  der  Wunden  und 
Geschwüre  (sky.og  ist  doppeldeutig) ;  Wundraittelformeln.  Erotianos  und 
Galenos,  dessen  Kommentar  verloren  gegangen  ist,  bezeugen  die  Echt- 
heit (Petrequin  I  257 ff.).  Mit  dem  dem  Galenos  bekannt  gewesenen 
unechten  Anhange  ist  auch  der  echte  Schluss  untergegangen.  Keines- 
falls knidisch  (Erm.  III  p.  VIII),  sicher  altkoisch  und  dem  Hippokrates 
mindestens  nahe  stehend,  wie  die  zahlreichen  Parallelen  aus  den  echten 
Schriften  darthun  (Petrequin  I  260 ff.).  Hier  wird  nur  die  sprach- 
liche Untersuchung  Gewissheit  bringen.  Litteratur:  Ellebrecht,  de 
vuln.  et  ulc.  secundum  Hippocratem,  Gryphisvaldae  1845. 

53.  Tcegl  alf.ioQoöiö(ov  =  de  haemorrhoidibus  =  Die  Hämor- 
rhoiden und 

54.  71€qI  avgiyytjv  =  de  flstulis  =  Die  Fisteln  bildeten,  wie 
Petrequin  I  329 ff.  sicher  nachweist,  ehemals  ein  Buch,  enthaltend 
Aetiologie  (1)  und  verschiedene  Heilverfahren  (2 ff.);  entsprechend  bei 
Nr.  54  Kap.  1  und  Kap.  2  ff.  und  Rezepte  für  verwandte  Leiden  (7  ff.). 
Beide   hält  Ermerins   für  knidisch  (III  p.  VIII),   während  es  nach 


232  Robert  Fuchs. 

Daremberg-  und  Littre  feststeht,  dass  die  Schrift  mindestens  einem 
koischen  Zeitgenossen  oder  Schüler  des  Hippokrates  angehört.  Letzteren 
selbst  könnte  man  mit  g-rösserer  Wahrscheinlichkeit  für  den  Verfasser 
erklären,  wenn  die  noch  nicht  erfolgte  Durchforschung  der  Diktion 
damit  in  Einklang  stehen  würde. 

55.  neqi  riov  ev  /.erpalfj  TQLo(.iäxcov  ==  de  capitis  vulneribus  =  D  i  e 
Verletzungen  am  Kopfe.  Inhalt:  Untergeschobene  Einleitung 
(Gründe  bei  mir  III  258  A.  1),  deskriptive  Schädelanatomie  (If.), 
5  Verletzungen  des  Schädels  (3 ff.);  Schädelbohrverfahren  und  sonstiges 
Heilverfahren  (9  ff.).  Die  Beobachtungen  verraten  eine  so  erlesene 
Kenntnis  in  allen  hier  in  Betracht  kommenden  Gebieten,  dass  man  sie 
bis  zu  Petrequins  Zeiten  als  irrig  ansah;  erst  dieser  bewies  durch 
eigens  zu  diesem  Zwecke  vorgenommenes  Studium  Tausender  von 
Schädeln,  dass  die  Schädelkenntnis  seiner  Zeit  hinter  der  hippo- 
kratischen  zurückstand.  Dabei  mutet  die  Sprache  altertümlich  an  und 
ist  schlicht  und  klar ;  es  spricht  demnach  nicht  das  Mindeste  dagegen, 
dem  übereinstimmenden  Echtheitszeugnis  von  Bakcheios  (Kommentar), 
Epikles  (Worterklärung  bei  Erot.  ed.  Klein  p.  58;  Littre  VIII 
p.  XXXIV),  Euphorion  und  Lysimächos  von  Kos  (Erot.  a.  a.  0.), 
Aristoteles  (bist.  anim.  I  16),  Erotianos  (p.  36)  und  Galenos  (Petre- 
quin  I  413),  dessen  Kommentar  verloren  ist,  Glauben  beizumessen. 
Oreibasios  hat  einen  Teil  und  Niketas  die  ganze  Schrift  in  die  eigene 
Sammlung  übernommen.  Die  sprachlichen  Verschiedenheiten  gegen- 
über de  fract.  und  de  artic.  rep.  sind  nicht  so  bedeutend,  dass  man 
sie  nicht  einer  anderen  Epoche  desselben  Schriftstellers  zuweisen 
könnte.  Litteratur  u.  a.  bei  Fuchs  III  258  ff.;  Kühle  wein,  Hermes 
XV  1885. 

56.  ntQl  dyf.uöv  =  de  fract(ur)is  =  Die  Knochen brüche  und 

57.  7t€QL  agdQiov  €iiißo?.rjg  =  de  articulis  (reponendls)  oder  de  articu- 
lorum  repositione  =  Die  Einrichtung  der  Gelenke  sind  nach 
Er  m  er  ins  (III  p.  VIII;  X;  XIII)  knidisch  „wegen  der  Kohheit  der 
chirurgischen  Eingriffe",  Die  „rohe  Behandlung"  war  aber  ebenso  gut 
den  alten  koischen  Aerzten  eigentümlich,  und  die  Anbindung  der  Frau 
an  die  Leiter  mit  dem  Kopfe  nach  unten  bei  Prolaps,  die  u.  a.  Euryphon 
empfahl,  wird  in  de  a.  gerade  verworfen;  mithin  ist  de  a.  koisch. 
Aber  dieses  Buch  verweist  in  Kap.  67  und  72  auf  jenes,  also  gehören 
beide  einem  und  demselben  Koer.  Das  bestätigen  die  sprachlichen 
Untersuchungen  vollauf.  Dass  Ermerins  beide  in  ein  Buch  ver- 
einigen will,  ist  eine  Uebertreibung  des  eben  richtiger  gefassten  Ge- 
dankens. Da  Ktesias  gegen  das  in  de  a.  70  behandelte  Einrichtungs- 
verfahren ankämpft  (Gal.  XVIII,  I  731),  Apollonios  von  Kition  den 
Text  von  de  a.  erläuterte  und  illustrierte  ^),  so  ist  ein  Zweifel  über  die 
Verfasserschaft  des  grössten  Koers  so  gut  wie  ausgeschlossen.  Auch 
Galenos'  Kommentar  in  4  Büchern  (XVIII,  T)  stimmt  damit  überein. 
Der  volle  Titel  n.  d.  L  findet  sich  in  den  besten  Handschriften 
(Laurent.  74,  7  saec.  IX ;  Vatic.  276  saec.  XII),  der  verkürzte  ist  durch 
die  Bequemlichkeit  des  Galenos  beim  Citieren  eingebürgert.  Ich  stimme 
Kühle  wein-)  bei,  wenn  er  die  Werke  in  das  Ende  des  5.  Jahr- 
hunderts, also  in   das   gereifte  Mannesalter  des  Hippokrates,  verlegt, 


^)  S.  Apollonios  von  Kition. 

2)  Die  chir.  Schriften  d.  Hippokrates.    Jahresber.  ü.  d.  Königl.  Klosterschule  zu 
Ilfeld  1897/98,  Nordhausen  1898  (mit  ausführlicher  Inhaltsangabe). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  233 

schon  wegen  zweier  mit  de  diaeta  in  ac.  übereinstimmender  Spracheigen- 
tümlichkeiten. Dass  aber  der  über  Nase  nnd  Ohren  handelnde  Teil 
(de  a.  35  ff.)  zwar  alt,  jedoch  nicht  ursprünglich  sein  soll,  habe  ich 
bereits  III  113  A.  21  bestritten.  Alles  Weitere  s.  Fuchs  III  84 ff.; 
177  ff. 

58.  Imdrjiiiuüv  ßißUa  hczä  =  epidemiorura  libri  VII  =  Die  epi- 
demischen Krankheiten  I — VII  (I  und  III  K ü h  1  e w e i n  180 ff.). 
Inhalt  von  I:  Witterungsgestaltung  (Katastase)  dreier  Jahre,  die  der 
Arzt  auf  Thasos  verbrachte,  nebst  Krankenjournal ;  von  III :  Witterungs- 
gestaltung eines  Jahres  ebenda  mit  Krankenjournal ;  von  II :  Katastase 
in  Kran(njon  in  Thessalien  (Iff);  Krankheitsverlauf  im  Allgemeinen 
(6);  Varia  (7  ff.);  Einzelfälle  (II  Iff);  Varia  (10  ff ).  Fälle  (Uff.);  Kata- 
stase von  Perinthos  an  der  Thrakischen  Propontis  mit  Journal  (III 
Iff.),  allgemeine  Erfahrungen  mit  Kasuistik  (5 ff.;  IV  Iff".);  Erkenntnis 
der  seelischen  Eigenschaften  auf  Grund  der  natürlichen  Körper- 
beschaffenheit (Physiognomonie ;  V  Iff'.),  desgleichen  und  Vermischtes 
(VI  Iff.);  von  IV:  Katastasen  mit  Kasuistik;  von  V:  Journal,  besonders 
lür  Larisa  in  Thessalien;  von  VI:  Vermischtes  derselben  Art;  von 
VII:  wde  von  V.  Kommentar  des  Galenos  zu  I:  XVII,  I  Iff.;  zu  II: 
303 ff.;  zu  III:  480 ff.;  zu  VI:  793 ff  Die  Inhaltsübersicht  beweist, 
dass  I  und  III  ursprünglich  zusammengehörten,  und  zwar  folgten  die 
4  Konstitutionen  auf  einander  und  ebenso  die  Krankengeschichten. 
Wegen  Vertauschungen  der  Fälle  s.  Fuchs  II  146  A.  29.  Bezüglich 
I  und  III  zeugen  die  Kommentatoren  und  Glossatoren  von  Bakcheios 
bis  Galenos  für  die  Authentizität  (Fred rieh,  Hipp.  Unt.  S.  9).  Die 
Fälle  sind  den  Vorschriften  des  progn.  eng  angeschlossen.  Den  Gruppen 
der  echten  Epidemien  stehen  die  beiden  Gruppen  der  unechten  gegen- 
über: II,  IV.  VI  und  V,  VII.  Letztere  sind  von  Schülern  verfasst 
(Littre  V  3ff.);  nur  2  Fälle  der  Aehnlichkeit  sind  zwischen  den 
Gruppen  II  und  III  zu  beobachten.  Aus  II  3,  17  dürfte  trotz  der 
Erwähnung  der  „hellenischen"  Monate  nicht  zu  schliessen  sein,  dass 
der  Verfasser  ausserhalb  Griechenlands  lebte;  denn  auch  in  Deutsch- 
land spricht  man  von  „deutscher  Währung",  „deutschem  Gelde"  und 
in  Frankreich  vom  „französischen  Theater".  Des  Galenos  Zeugnis  für 
Hippokrates  (XVII,  I  375;  V  529)  verschlägt  angesichts  der  augen- 
fälligen Minderwertigkeit  von  II,  IV  ff.  nichts.  Auch  darauf  ist  nichts 
zu  geben,  dass  nach  ebendemselben  (XVII,  I  314)  II  und  VI  von 
Hippokrates  für  den  Handgebrauch  aufgezeichnet  und  von  seinem 
Sohne  Thessalos  u.  a.  erweitert  und  vermehrt  worden  sein  sollen;  denn 
so  nahe  liegend  dieses  ist,  so  hat  doch  Galenos  keine  litterarischen 
Unterlagen  hierfür  befragen  können.  IL  IV  und  VI  können  nicht  den- 
selben Verfasser  haben  (P  e  t  r  e  q  u  i  n  I  48),  doch  ist  die  Sprache  I  und 
III  teilweise  ähnlich,  da  letztere  als  Vorlage  dienten.  Buch  IV  mit 
nicht  wenigen  rätselhaften  Aussprüchen  gilt  selbst  Galenos  als  unter- 
geschoben (XVII,  I  579;  633;  960).  Zu  dem  von  einem  Periodeuten, 
Wanderarzte,  gelieferten  Grundstocke  sind  mancherlei  Zusätze  ge- 
kommen (Erm.  I  p.  ClXff.).  Buch  V  erklärt  Galenos  für  „offenbar 
unecht"'  (XVII,  I  796).  Eine  Zeitbestimmung  gewinnen  wir  in  diesem 
seltenen  Falle  aus  Kap.  95.  Die  „Belagerung  von  Datos"  in  Thrakien 
ist  nach  Petrequin's  klarer  Beweisführung  nicht  identisch  mit  dem 
Treffen  bei  Drabeskos  im  Jahre  453  v.  Chr.  (Fuchs  II  249  A.  96), 
sondern  mit  dem  Kampfe  des  Philippos  von  Makedonien  um  die  dortigen 
Goldgruben,  356  v.  Chr.    Erinnerungen  an  die  knidische  Schule  finden 


234  Robert  Fuchs. 

sich  (bei  mir  Eing-ang;  Anm.  2;  83),  weshalb  wohl  hier  und  bei  VII 
an  jüngere  Knidier  als  Urheber  zu  denken  sein  wird.  Buch  VI  hat 
der  Sophist  Palladios  erläutert  (Apoll.  Cit.  etc.  schol.  ed.  Dietz  II 1  ff.). 
Knidisches  ist  in  diesem  Buche  nicht  zu  entdecken.  VII  (s.  oben  V) 
verlegt  Ernierins  mit  gutem  Grunde  in  die  Zeit  des  Philippos  von 
Makedonien.    Litteratur  bei  mir  II  99  ff. 

59.  neQi  degtüv,  vödriov,  rönwv  =  de  aere  aquis  locis  =  Ueber 
Luft,  Wasser  und  Oertlichkeit  (Kühlewein  I  33 ff.).  Inhalt: 
Der  Arzt  muss  Jahreszeiten,  Winde,  Gewässer,  Lag'e  u.  s.  w.  (1)  und 
Himmelskunde  berücksichtigen  (2);  Schilderung  der  Krankheiten  je 
nach  der  Lage  der  Ortschaften  (3  ff.),  des  Wassers  und  seiner  ver- 
schiedenen Wirkungen  (7 ff.),  der  Jahreszeiten  desgl.  (14 ff.);  Unter- 
schiede der  Asiaten  und  Europäer  in  dieser  Hinsicht  (18 ff.);  Lücke, 
in  der  über  Aegypter  und  Libj'er  gehandelt  war  (19);  Krankheits- 
kunde nach  Völkerschaften:  Asowsches  Meer  (20),  Makrokephale  (21), 
Riongegend  (22);  Trägheit  und  Weichlichkeit  der  Asiaten  im  Vergleich 
zu  den  Europäern  (23),  Skjthen  (24  ff.),  die  übrigen  Stämme  Europas 
(31  f.),  Schluss  (33).  Erotianos  nennt  die  Schrift  nur  rreol  r.  y.al  wQiwv 
(ü.  Oe.  u.  Jahreszeiten);  Galenos  (XIX  35)  jt.  t.  v.  und  behauptet,  es 
sollte  TT.  oh^oeiov  y.al  v.  /.al  cuoiöv  /.al  ytoQiöv  heissen ;  der  Schreiber  des 
cod.  Paris,  graec.  E  rtegl  nooyviooecog  hwv  'BinoxQäiovc  Litteratur: 
Ilberg,  Philologus  LH  422  ff;  Kühle  wein,  Hermes  XVIII  17  ff. 
Die  für  Aerzte  und  Laien  gleich  anziehende  Schrift  zerfällt  in  zwei  von 
demselben  Verfasser  herrührende  Teile:  1—17  Wind,  Wasser,  Jahres- 
zeiten, 18  ff.  Asien  und  Europa.  Die  Notwendigkeit  der  Meteorologie  und 
Astronomie  für  die  Medizin  betont  ja  auch  Piaton,')  und  Benutzungen 
unserer  Schrift  durch  Aristoteles  hat  erst  jüngst  noch  Richter  i)  nach- 
gewiesen. Auch  Euripides  kann  als  Echtheitszeuge  aufgerufen  werden 
(Clem.  Alex,  ström.  VI  627),  ferner  Galenos,  Erotianos,  Palladios 
Sophistes,  Athenaios  (II  7),  der  Scholiast  zu  Aristoph.  nub.  332,  der 
Verkürzer  des  Bakcheios :  Epikles  (Erot.  Klein  84).  Die  Neueren  sind 
einstimmig  für  die  Echtheit  dieser  Perle  der  alten  Litteratur  ein- 
getreten, aus  sachlichen  wie  sprachlichen  Gesichtspunkten.  Dass 
Hippokrates  das  Buch  nach  der  Rückkehr  von  seinen  Reisen  nieder- 
geschrieben hat,  erscheint  Petersen  einleuchtend  wegen  des  Urteils 
und  der  Erfahrung;  aber  dafür,  dass  dieses  gerade  zwischen  420  und 
414  gewesen  sei,  vermag  Petrequin  (I  88 f.)  nur  obige  ähnliche 
Euripidesstelle  anzuführen,  die  wenigstens  ein  Herabsteigen  unter  406 
verwehrt.  An  dieser  Schrift  kann  man  sich  am  besten  ein  Bild  von 
der  Genialität  und  Universalität  des  „Vaters  der  Heilkunde"  machen. 
Vgl.  4;  28. 

Ausser  diesen  59  Schriften  giebt  es  noch  eine  grosse  Anzahl  dem 
Hippokrates  untergeschobener  Abhandlungen  und  Bruchstücke,  deren 
Anzahl  durch  Bearbeitung  unedirter  Handschriften  leicht  zu  vermehren 
ist.  Auf  letztere  kann  nicht  eingegangen  werden. '-)  Schwierig  ist 
häufig  die  Entscheidung  darüber,  ob  auf  einen  Schriftteil  oder  eine 
besondere  Schrift  verwiesen  wird,  da  ja,  wie  oben  erwähnt,  nicht  ein- 
mal die  authentische  Titelform  feststand.  Man  muss  deshalb  in  der 
Annahme  selbständiger  Schriften  möglichst  zurückhaltend  sein.  Zu 
den  erstgenannten  gehören: 

^)  Richter,  De  Aristotelis  prohlematis,  diss.,  Bonnae  1885.  Vgl.  Fredrich, 
Hipp.  Unt.  9  Anm.  4;  5  f.;  leg.  V  p.  750  DE;  Gal.  IV  806. 

^)  S.  z.  B.  Kostomiris,  Kevue  des  etudes  grecques  II  1889  S.  352  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  235 

1.  Die  emoToXai  =  epistulae  =  Briefe.  Sie  gehören  der  koischen 
ßhetorenschule  an,  die  unter  den  ersten  römischen  Kaisern  blühte,  und 
zerfallen  in  die  Gruppen:  1.  Hippokrates  und  Artaxerxes  1 — 9;  2.  H. 
und  Demokritos  10 — 17;  3.  sonstiger  medizinischer  Briefwechsel 
18 — 24.  Für  jede  Gruppe  scheint  ein  Verfasser  vorzuliegen.  Litteratur: 
ten  ßrink.  Philologus  VIII  416  ff.:  Her  eher,  epistolographi  Graeci 
Nr.  306 ff. ;  Hirzel,  Hermes  XIV  358 ff.:  Marcks,  Sj'mbola  critica 
ad  epistolographos  Graecos  S.  30 ff.;  Schmidt,  Epistolarum  quae 
Hippocrati  vulgo  tribuuntur  censura,  lenae  1813;  Schneider, 
Henschels  Janus  I  1846  S.  Iff.;  Stadler.  Epistola  Pseudohippocratis. 
Arch.  f.  lat.  Lexikogr.  u.  Gramm.  XII  1900  S.  21  ff.  ^) 

2.  dnyfia  'JOrjvakov  =  decretum  Atheniensium  =  Beschluss  der 
Athener, 

3.  iTiißcüfuog  =  Altarrede, 

4.  ngeoßtvTuöi;  Oeaaa'/.ov  ^Irrnoy.Qärov^  viov  =  de  legatione  = 
Gesa ndtschafts rede  des  Thessalos  gehören  derselben  Schule 
an  wie  die  Briefe.  Sie  wai'en  im  Bibliothekskataloge  von  Alexandreia 
verzeichnet,  können  also  nicht  nach  dem  3.  Jahrhunderte  v.  Chr.  ver- 
fasst  sein  (Marcks  a.  a.  0.).  2—4  haben  einen  Verfasser;  Näheres 
bei  Herzog,  Koische  Forsch,  u.  Funde,  Leipzig  1899  S.  215. 

5.  nefji  (faguä/Mv  =  de  remediis  (medicamentis)  purgantibus  =  Ab- 
führmittel, ein  Schriftchen  von  1'.,  Seiten,  das  kein  alter  Zeuge 
erwähnt  und  dessen  Ursprung  unbekannt  ist.  Littre  I  422:  Küh le- 
wein I  p.  XXVI  A.  1. 

Endlich  sind  noch  die  verlorenen  Schriften-)  zu  streifen. 

1.  Die  Stellen,  an  welchen  ein  ßezeptbuch,  ffagjua/.iui^,  citiert 
wird,  hat  Ermerins  II  p.  LXVII  zusammengetragen.  Aehnliche 
Formularien  sind  de  morb.  III  und  de  morb.  mul.  angefügt  worden. 

2.  nsQi  oXe^gküv  Toavuäzwv  =  Ueber  lebensgefährliche 
Wunden  wird  von  Galenos  dem  Hippokrates  bloss  zweifelnd  bei- 
gelegt und  ist  jedenfalls  identisch  mit  der  bei  Erotianos  erwähnten 
Schrift  TTf.QL  ßüojv  y.ai.  %Qavf.iäuov  =  Ue.  Geschosse  u.  W.  Ein  Ab- 
schnitt handelte  vom  Herausziehen  der  Geschosse. 

3.  neol  eßöoudöwv  =  Die  AVochen  s.  oben. 

4.  Iv  rrjoL  nagd^evirjoi  vovaoioi  =  Ueber  J un g fr auenk rank- 
heiten wird  de  morb.  mul.  I  2  citiert  (vgl.  de  morb.  mul.  I  41); 

5.  iv  fp&ivddt  =  Ueber  Phthisis  de  morb.  mul.  12; 

6.  negi  Ttsoinvtv/iioviag  =  Ueber  Lungenentzündung  de 
morb.  IV  25,  bei  mir  I  271  A.  66.  Eine  grosse  Anzahl  solcher  Titel 
hat  Häser  I,  3.  Aufl.  Ulf.  vereinigt;  jedoch  sind  augenscheinlich 
die  meisten  hiervon  nicht  Bücher-,  sondern  Abschnittstitel  oder  über- 
haupt nur  allgemeine  Bezeichnungen  der  Stelle  einer  verlorenen  Schrift, 
sodass  über  ihren  Inhalt  nichts  ausgesagt  werden  kann. 

7.  vyieivöv  =  Ueber  Hygiene.  Vgl.  Ilberg  bei  Kühlewein 
p.  XVI;  XXVI;  Fredrich,  Hipp.  Unters.  S.  82. 


^)  Vgl.  Bernays,,    Die  heraklitischen   Briefe,    1869;    Ermerins,    Anecdota 
medica  Graeca  276  ff.  (epistnla  ad  regem  Ptolemaeum  de  hominis  fabrica). 
-)  Littre  I  422  ff. 


236  Robert  Fuchs. 

Die  Heilkunde  in  den  hippokratischen  Schriften. 
17.  Anatomie  und  Physiologie. 

1.  Hirsch,  Commentatio  historico-medica  de  collectionis  Hipjiocraticae  auctorum 
anatomia,  qualis  fuerit  et  quantum  ad  pathologiam  eorum  valnerit,  Berol.  1864; 
Nonnulla  de  Hippocratis  cognitione  authropologica,  diss.,  Berol.  1834.  —  2.  Kühle~ 
tvein,  Die  chir.  Schriften  d.  Hipp.  Jahresb.  iL  d.  Kgl.  Klosterschule  zu  llfeld 
1897198,  Nordhaus.  1898  S.  8  ff.  —  3.  Senfelder,  Die  hippokraiische  Lehre  v.  d. 
Ausscheidungen  u.  Ahlagernngen.  Wien.  med.  Wochenschr.  1896.  —  4.  Stenzel,  De 
Hippocratis  studio  anatomico  singulari,  diss.,  Vitembergae  1754  u.  a.  —  5.  Welcher , 
Kleine  Schriften  III,  B»nn  1850. 

Die  oben  betrachteten  Bücher  der  hippokratischen  Sammlung 
ergeben  als  Ganzes  ein  anschauliches  Bild  vom  damaligen  Stande  der 
Heilkunde.  Wollte  man  hingegen  die  Schriften  der  einzelnen  Gruppen 
bei  der  Schilderung  der  einzelnen  Zweige  der  Medizin  zu  Grunde 
legen,  so  würde  sich  ein  ganz  lückenhaftes  Bild  ergeben.  Beispiels- 
weise bieten  die  echten  und  die  kölschen  Schriften  über  Gynäkologie 
fast  nichts,  ebenso  die  knidischen  nichts  über  Luxationen  und  Knochen- 
brüche. Zudem  ist  es  der  Zufall,  dem  wir  die  Erhaltung  der  einen 
oder  anderen  Schrift  verdanken,  und  dieser  hat  natürlich  nicht  so 
gespielt,  dass  die  beste  und  umfangreichste  Darstellung  auf  uns  ge- 
kommen ist,  sondern  viel  mehr  Minderwertiges  als  Brauchbares.  Schon 
aus  diesem  Grunde  erscheint  es,  wenn  nicht  Bände  entstehen  sollen, 
durchaus  geboten,  nicht  eine  Schilderrng  der  kölschen  Anatomie  neben 
die  der  knidischen  zu  stellen,  sondern  die  Anatomie  und  Physiologie 
der  im  Corpus  vereinigten  Werke  zu  bieten  und  bei  den  übrigen 
Disziplinen  ebenso  zu  verfahren. 

Die  anatomischen  Kenntnisse  jener  Zeit  werden  von  dem  einen 
Forscher  eingehende,  von  dem  anderen  oberflächliche  genannt.  Mit  solchen 
Urteilen  ist  nichts  gesagt,  denn  es  fehlt  der  Massstab.  Wohl  aber 
kann  man  sagen,  dass  die  Kenntnis  der  Anatomie  und  Physiologie  dem 
Stande  der  übrigen  Zweige  entsprechend  entwickelt  war  und  nur  in 
den  unechten  Schriften  etwas  zurückstand.  Die  anatomischen  Kennt- 
nisse gewannen  die  Asklepiaden  auf  mannigfache  Weise :  durch  münd- 
liche und  schriftliche  Ueberlieferung,  durch  Zuschauen  bei  Opfern  und 
Hausschlachtung,  durch  den  Verkehr  in  der  Palästra,  durch  Ver- 
letzungen im  Felde  und  im  Frieden,  durch  Betrachtung  von  ange- 
schwemmten und  unbeerdigten  Leichen  und  Leichenresten  und  durch  Tier- 
anatomie. Die  Tieranatomie  ist  durch  vielerlei  Bemerkungen  gesichert; 
z.  B.  handelt  de  carne  17  von  Tier-  und  Menschenaugen,  de  morbo  sacro 
14  vom  pathologischen  Befunde  des  Ziegenhirns,  3  vom  tierischen  und 
menschlichen  Schädel,  epid.  VI  4,  6  vom  Dickdarme  des  Menschen  und 
des  Hundes,  de  corde  vom  tierischen  oder  menschlichen  Herzen,  ins- 
besondere von  den  hermetisch  schliessenden  Halbmondklappen  und  den 
Herzohren,  von  einem  Kehldurchschnitte  beim  Schweine,  vom  Heraus- 
nehmen des  Herzens  eines  Toten  u.  s.  w.,  de  nat.  oss.  besonders  vom 
Knochen  und  Adernlauf,  und  Pausanias  X  2,  4  erwähnt  sogar  ein  an- 
geblich von  Hippokrates  in  Delphoi  geweihtes  Skelett,  de  locis  in 
hom.  ermahnt  zur  Uebung  im  Secieren  und  giebt  über  alle  Körper- 
teile, wenngleich  Irrtümer  und  Spekulation  dem  Ergebnisse  abträglich 
sind,  ausführliche  Belehrung.    Die  Theorien  vom  zweihörnigen  Uterus 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  237 

und  über  die  UeberfruchtuDg  beruhen  auf  Tierstudien.  Es  ist  also 
nicht  richtig,  wenn  K  ü  h  1  e  w  e  i  n  (S.  8)  behauptet,  dass  von  Tieranatomie 
keine  Spur  in  der  Sammlung  vorliege.  Und  wie  steht  es  mit  der 
Anatomie  der  Menschenleiche?  Die  hypothetische  Form,  in  der  ^e 
art.  rep.  1  vom  Präparieren  des  Humerus  gesprochen  wird,  beruht 
zweifellos  auf  exakter  Kenntniss.  und  die  genaue  Beschreibung  der 
Wirbel  (der  „Zahnwirbel"),  der  Wirbelsäule,  des  Zwerchfells  und  der 
Bänder,  Sehnen-  und  Nervenstränge  setzt  unbedingt  voraus,  dass  der 
Verfasser  dieses  alles  nicht  am  Affen,  wie  später  Galenos,  sondern  am 
Menschen  selbst  beobachtet  hat.  Mag  auch  die  Lage  der  inneren 
Eingeweide  mangelhaft  beschrieben  sein  (Aristot.  de  part.  anim.  I  16), 
um  so  klarer  ist  die  Kenntniss  der  Osteologie  und  Histologie,  namentlich 
der  Extremitäten.  Es  ist  freilich  richtig,  dass  die  Vorschrift  der 
sofortigen  Beerdigung  Gefallener  und  der  Abscheu  vor  dem  Toten, 
Religion  und  Aberglaube  eine  planraässig  ausgeführte  Sektion  von 
Leichen  hemmte,  doch  konnten  alle  diese  Hindemisse  weder  gelegent- 
liche Einblicke  in  geöffnete  Körperhöhlen,  noch  partielle  Untersuchungen 
rein  anatomischer  Art  völlig  ausschliessen.  Solche  Einzelfälle  werden 
u.  a.  bezeugt  von  Herod.  IX  83;  Plin.  h.  n.  XI  70;  Paus.  IV  9;  Gal.  II 
280;  Aristot.  de  part.  anim.  IV  2  (pathologische  Sektion).  Zu  weit 
gehen  die  Forscher,  die  an  Vivisektionen  von  Tieren  und  Menschen 
glauben  möchten,  und  auf  der  anderen  Seite  wiederum  die  Ungläubigen, 
die  durch  das  blosse  Aufweisen  von  Irrtümern  (Verwechselung  von 
Venen  und  Arterien,  Sehnen  und  Nerven,  Vernachlässigung  des  Pulses) 
die  Vornahme  von  Teilsektionen  ausschliessen  zu  können  vermeinen. 
Gal.  II  280  ff.,  ^)  dessen  6  Bücher  über  die  „Anatomie  des  Hippokrates" 
leider  untergegangen  sind,  bestätigt  sogar,  dass  es  bei  den  Asklepiaden 
keine  anatomischen  Lehrbücher  gab,  weil  das  anatomische  Alphabet 
praktisch  erlernt  wurde.  Erst  als  man  mit  der  Ausbreitung  der 
Schule  im  Secieren  lässig  wurde,  stellte  sich  das  Bedürfnis  nach  Lehr- 
mitteln ein,  deren  erstes  Diokles  geschrieben  haben  soll.  Galenos 
lässt  Hippokrates  das  Verdienst,  die  ersten  anatomischen  Spekulationen 
angestellt  zu  haben,  obschon  er  sicherlich  darin  im  eigenen  Ge- 
schlechte Vorgänger  gehabt  hat,  und  preist  ihn  als  fleissigen  Anatomen. 
Der  unbekannte  Verfasser  von  de  loc.  in  hom.  erklärt  „die  Be- 
schaffenheit (cpvaig)  des  Körpers"  für  den  „Ausgangspunkt  der  wissen- 
schaftlichen Forschung"  (2).  Je  nach  dem  philosophischen  System 
gelten  das  Warme  und  Kalte  oder  das  Warme,  Kalte,  Feuchte.  Trockne 
oder  dieses  mit  Herbem,  Fadem,  Süssem,  Sauerem  u.  s.  f.  für  die 
Körperelemente.  Allmählich  bricht  sich  das  4  Qualitäten-System  Bahn, 
das  auf  den  4  empedokleischen  Elementen,  Feuer,  Wasser,  Luft  und 
Erde,  aufgebaut  ist.  Diesen  Elementen  entsprechen  die  animalischen 
Grundstoffe  Blut,  Schleim,  schwarze  und  gelbe  Galle.  Die  schwarze 
Galle  ist  die  Absonderung  der  Milz,  die  gelbe  die  der  Leber.  Auf 
dem  richtigen  Mischungsverhältnis  (zgäaiQ)  dieser  4  Flüssigkeiten 
beruht  die  Gesundheit,  das  Ueberwiegen  des  einen  Stoffes  über  die 
anderen  nennt  man  Krankheit.  Das  Leben  ist  im  Warmen  enthalten ; 
die  eingepflanzte  Wärme  des  Körpers  entspricht  dem  herakleitischen 
Feuer.  Die  Aussenluft  bildet  als  7tvev(.ia,  Atmungsluft,  die  Nahrung 
des  Warmen  im  Körper.  Die  Säfte  und  die  durch  Wärme  aus  ihnen 
heraus  destillierten  festen  Körperteile  werden  durch   die  Nahrung  er- 


^)  Litteratur  bei  Petrequin  I  62. 


238  Robert  Fuchs. 

gänzt,  indem  die  Wärme  wiederum   das  Gleiche  zum  Gleichen  lenkt 
und  durch  Ausdörren  assimiliert 

Die  Osteologie  umfasst  besonders  die  Beschreibung-  folgender 
Knochengebilde:  der  Schädelknochen,  so  der  Suturen  (Stirnnalit  be- 
deutet Gesundheit),  der  Stirnhöhlen,  der  Schläfengegend  (mangelhaft), 
des  Pericraniums,  der  beiden  Schädelplatten,  der  Diploe;  der  Nasen- 
knochen, des  Nasenknorpels,  des  Siebbeins,  das  einem  Schwamme  gleiche, 
der  Kiefer.  Der  Kiefer  ist  deshalb  mit  Zähnen  besetzt,  wöil  er  von 
allen  Knochen  allein  über  Blutgefässe  verfügt.  Von  der  Wirbelsäule 
ist  weniger  bekannt.  Des  obersten  Halswirbels  wird  nicht  gedacht, 
der  Zahnfortsatz  (ööovg)  (epid.  II  2,  24)  aber  wird  gut  beschrieben. 
Die  Wirbelzahl  ist  höchstens  18  oder  22;  es  giebt  je  7  wahre  und 
mehrere  falsche  Rippen  {nUvQai).  Ihre  Befestigung  an  den  Wirbeln 
wird  sachgemäss  geschildert.  Die  Schlüsselbeine  sind  durch  Gelenke 
mit  dem  Brustbeine  verbunden,  die  anderen  „Gelenke  sind  nach  den 
Schultern  geneigt  an  den  Schulterblättern"  (de  loc.  in  hom.  6).  Das 
Akromion,  als  selbständiger  Knochen  gedacht,  verbindet  Schulterblatt 
und  Clavicula.  Die  Gelenkverbindung  ist  entweder  arthrodisch  oder  gin- 
glymisch.  Zur  Geschmeidigmachung  dient  die  Gelenkschmiere  {(.w^a  = 
Schleim,  vYQnrrjg  rwv  ocQ^gcuv  =  Gelenkfeuchtigkeit).  Die  Knochen 
der  Kinder  sind  porös  {or]Qayywör]g)  und  darum  blutreicher. 

Die  Weichteile  heissen  aäg^  =  Fleisch  oder  /nvg  =  Maus,' 
Muskel.  Bekannt  sind  folgende  Muskeln:  Schläfenmuskeln,  Masseteren, 
Humerusmuskeln  mit  Sehnen,  der  Deltamuskel,  der  grosse  Brustmuskel, 
Hand-  und  Fingerbeuger,  Psoas,  Glutäen,  Schenkelmuskeln,  Biceps 
femoris,  Fibulasehnen,  Achillessehne,  die  Rückenmuskeln.  Dass  Sehnen 
und  Nerven  gemeinhin  als  vevqa  =  tövol  =  Strang  zusammengeworfen 
werden,  ist  schon  gesagt. 

Der  Darm  besitzt  2  Aodiat  =  Höhlen,  d.  i.  den  Magen  (vrjdvg)- 
und  die  Därme.  Der  sehnige  Magen  wird  durch  Fasern  {iv€g)  und 
Adern  mit  den  Nieren  verbunden.  An  ihn  schliesst  sich  das  12  Ellen 
lange  gewundene  y.wlov,  dann  der  fleischige  Mastdarm  {oiQxog  loiod^iog) 
und  der  After  {a-/.Qov  day.Tvliov).  Bei  Gelegenheit  wird  noch  der  Leer- 
darm {vfjoTig),  das  Mesenterion  und  Mesokolon  genannt,  durch  welche 
der  obere  Darmteil  an  der  Wirbelsäule  befestigt  ist.  Auch  das  nsgi- 
rövaiov,  Bauchfell,  wird  häufig  als  bekannt  vorausgesetzt.  Als  Quell 
des  Blutes  gilt  in  der  Regel  die  Leber,  die  bei  der  Opferschau  in 
erster  Linie  geprüft  wurde.  Der  Abriss  de  anat.  erwähnt  die  nv/iat  =; 
Pforten  als  „2  hervorragende  Zipfel"  (lobus  quadratus  und  lobus  Spiegelii). 
Die  Milz  zieht  sich  auf  der  linken  Seite  an  „der  falschen  Rippe" 
einer  „Fusssohle  ähnlich"  hin.  Von  Drüsen  (de  gland.)  sind  bekannt, 
die  Mandeln,  die  Lymphdrüsen  des  Halses,  die  Mesenterialdrüsen  und 
die  Brustdrüsen,  nicht  .aber  Schilddrüse,  Pancreas  und  Parotis,  doch 
werden  in  den  prognostischen  Werken  vielfach  Parotitiden  heran- 
gezogen. Die  vornehmste  Drüse  ist  das  Gehirn.  Alle  Drüsen  ver- 
walten die  Feuchtigkeit,  da  sie  schwammig  sind,  und  so  können  sie 
durch  übermässige  Aufspeicherung  von  Wasser  und  Schleim  und  durch 
deren  plötzliche  Entsendung  nach  einem  bestimmten  Körperteile  Krank- 
heiten erzeugen.  Die  Nahrung  wird  in  der  Leber  zu  Blut,  die  Luft 
im  Herzen  zum  Pneuma  =  Lebensgeiste  umgebildet.  ,  , 

Ferner  werden  Kehldeckel,  Luftröhre  {dgrriQLrj)  ohne  Hervorhebung 
des  Kehlkopfes  und  die  Bronchien  (ßgöy/oi)  mehrfach  beschrieben.  Die 
Epiglottis  verschliesst  die  Luftröhre  für  die  Nahrung  (de  corde).    Das 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  239 

Getränk  geht  nicht,  wie  viele,  auch  Piaton,  annahmen,  in  die  Lunge 
(de  morb.  IV  25),  sondern  in  den  Magen,  zum  Teil  auch  in  den 
Pharynx  und  von  da  in  das  Pericardium.  um  das  heisse  Herz  abzu- 
kühlen (de  corde  2 f.);  den  Beweis  dafür  erhält  mau,  wenn  man 
einem  Mennigewasser  trinkenden  Schweine  den  Kopf  abschlägt.  Die 
Stimme  bildet  sich  in  der  Luftröhre  durch  die  ausströmende  Luft. 
Wird  bei  einem  Selbstmörder  mit  durchschnittener  Kehle  die  Wunde 
geschlossen,  so  kehrt  die  Stimme  wieder  zurück.  Die  Lunge  hat  5 
überragende  Zipfel,  Lappen  {).oßoi),  sieht  aschgrau  aus  und  ist  wie  ein 
Wespennest  durchbohrt  (de  corde).  Die  eingeatmete  liUft  strömt 
(a.  a.  0.)  nach  den  Lungen,  um  das  Herz  zu  kühlen,  nach  de  morbo  s. 
geht  der  feinste  Teil  des  jrvei/ja  durch  Mund  und  Nase  nach  Gehirn, 
Leib  und  Lunge  und  von  dieser  durch  die  Adern  zum  Herzen. 

Das  Herz  (de  corde)  ist  pyramidenförmig,  dunkelrot  und  von 
einem  glatten  Häutchen  umgeben;  in  diesem  befindet  sich  etwas  urin- 
ähnliche Flüssigkeit,  um  des  Schutzes  willen  und  um  den  Brand  zu 
löschen.  Das  Herz  schlappt  das  in  die  Lunge  geleitete  Getränk  auf 
und  nährt  sich  davon.  Der  kräftige  Muskel  hat  in  einer  Umhüllung 
2  Kammern,  der  rechte  kommuniziert  mit  dem  linken.  Der  linke  ist 
geräumiger  und  schlaffer  als  der  andere,  lässt  die  Spitze  fest  und  er- 
scheint aussen  aufgenäht.  Die  Herzgrube  ist  mörserähnlich  geformt. 
Die  Herzohren  dienen  natürlich  nicht  zum  Hören,  wie  dem  schalkhaften 
Verfasser  fast  alle  Anatomen  späterhin  nachgesprochen  haben.  Die 
Kammern  sind  innen  rauh,  die  linke  infolge  der  einströmenden  Luft 
mehr  als  die  rechte.  In  die  Herzsubstanz  senken  sich  spinnengewebe- 
artige Fäden  ein.  Die  Halbmondklappen  schliessen,  namentlich  links, 
so .  gut,  dass  weder  Luft,  noch  Wasser  eindringen  können.  Die  linke 
Kammer  nährt  sich  von  dem  feinsten  Bestandteile  des  Blutes  der 
rechten  Kammer.  Die  Sektion  lehrt,  dass  der  linke  Ventrikel  blut- 
leer ist. 

Die  Vorstellung  von  den  Adern,  rpleßeg,  ist  sehr  verschieden  je 
nach  dem  Ursprünge  der  Schriften  und  grossenteils  hypothetisch.  Unter 
(pXeßeg  sind  von  Haus  aus  alle  Kanäle  im  Körper  zu  verstehen,  später 
die  blutführenden  Adern,  doir^gir]  bedeutet  zunächst  die  Luftröhre 
und  ihre  Verästelungen,  später  die  zunächst  im  Wesentlichen,  darauf 
ganz  luftführenden  Adern.  Das  älteste  Stadium,  vorhippokratische 
und  hippokratische  Zeit,  lässt  die  Adern  im  Kopfe  entspringen,  das 
zweite,  von  Diogenes  von  Apollonia  an  (Arist.  bist.  anim.  III  2),  von 
der  Aorta  und  Hohlvene  aus,  das  dritte  ist  das  unserige.  Die  zu- 
treffendste Beschreibung  findet  sich  de  morbo  s.  Leber  und  Milz  als 
Quellen  des  Blutes  entsenden  die  Hohlvene  und  die  Aorta  abdominalis; 
diese  verzweigen  sich  nach  Brust,  Herz,  Armen  und  Händen,  Gehirn, 
Sinnesoi'ganen  und,  an  Lenden  und  Nieren  vorüberziehend,  nach  den 
Ober-  und  Unterschenkeln.  Am  besten  bekannt  sind  die  der  Oberfläche 
nahe  kommenden  Teile  des  Adernsystems:  Aneurysma  der  Arteria 
subclavia,  Intercostalarterien,  Carotiden  und  deren  Spaltung  in  der 
„Schläfengegend",  die  Brustgefässe  und  deren  Verästelungen  nach  der 
Bauchdecke  und  die  Durchgänge  durch  das  Zwerchfell.  Im  all- 
gemeinen ist  die  rechte  Kammer  der  Speicher  des  Blutes;  sie  erhält 
auf  nicht  näher  beschriebenen  Bahnen  das  Blut  und  durch  die  Lungen- 
arterien etwas  Luft.  Die  dem  linken  Ventrikel  innewohnende  Wärme 
erwärmt  das  an  sich  kalte  Blut,  das  nun  in  die  Adern  strömt,  von 
dem  hämmernden  Herzen  vorwärts  getrieben.     Eine  pulsartige  Be- 


240  Robert  Fuchs, 

we^ung  zeigen  auch  Aorta  (dQTi^Qtrj)  und  Lungenarterie.  ^)  Die  Knochen 
verleihen  dem  Körper  Halt  und  P'orm,  die  Nerven  (Sehnen  ?)  Beugung 
und  die  Adern  Lebensluft,  Nahrung  und  Bewegung.  In  de  morbo  s. 
ist  das  Herz  Centralstelle  der  die  Krankheiten  ihm  kundthuenden 
Adern,  das  Gehirn  aber  bereits  Sitz  von  Denkvermögen,  Gefühl  und 
Bewegung.  Der  Gedanke  des  Kreislaufs  findet  sich  angedeutet  de 
nat.  oss.  Die  Gerinnung  des  Blutes  ausserhalb  des  Körpers  erfolgt  in 
der  Art,  dass  sich  Fasern  (h€<^)  bilden. 

Der  urogenitale  Apparat  umfasst  zunächst  die  herzförmigen 
Nieren,  die  den  Harn  filtrieren.  Sie  ziehen  die  Flüssigkeit  heran. 
Die  auf  beiden  Seiten  der  Blase  gelegenen  Samenbläschen  und  die 
vasa  deferentia  werden  nur  angedeutet.  Bei  der  Erektion  wird  der 
entstehende  Hohlraum  durch  Pneuma  und  Samen,  welche  einströmen, 
ausgefüllt.  Ueber  die  weiblichen  Genitalien  erhalten  wir  eingehende 
Schilderungen,  welche  auf  der  Tieranatomie  beruhen.  Das  Becken  ist 
bekannt;  es  entwickelt  sich  erst  durch  das  Auseinanderweichen  der 
Gelenke,  zumal  der  Symphyse,  während  der  Geburt  vollständig.  Das 
Hüftbein  ist  mit  dem  grossen  Wirbel  am  Sacrum  durch  ein  knorpeliges 
Band  verbunden.  Vom  Sacrum  zum  grossen  Wirbel  krümmt  sich  die 
Wirbelsäule  nach  innen,  und  dort  liegen  Blase,  Samenblase  und  Eectum. 
Die  Urethra  ist  bei  den  Weibern  kurz  und  weit.  Die  Nomenklatur 
der  einzelnen  Geschlechtsteile  ist  ungemein  reichhaltig  und  schwankend. 
Der  Uterus  heisst  infjrgai  =  Gebärmutter,  weil  er  zweihörnig  sein  soll. 
Der  äussere  und  innere  Muttermund  und  seine  Lippen  sind  bekannt. 
aiöua  bedeutet  Muttermund,  introitus  vaginae,  orificium  uteri.  Digitale 
Untersuchungen  der  portio  vaginalis  sind  sehr  häufig.  Die  Uterus- 
bänder (zparfa  oder  veCga  xd  y.aXt<')ueva  nayßi  =  Schösslinge)  und  die 
äusseren  Geschlechtsteile  werden  gleichfalls  beschrieben,  die  Ovarien 
hingegen  nicht.  Die  Gefässlehre  des  Beckens  ist  sehr  mangelhaft. 
Die  Milch  wird  durch  den  aufgetriebenen  Uterus  aus  dem  Netze  nach 
den  Brustdrüsen  gedrückt. 

Ueber  das  Nervensystem  ist  bereits  das  Wichtigste  gesagt. 
Die  dura  und  die  pia  mater  (ufjnyB)  umgeben  das  nach  de  morbo  s. 
in  zwei  Hälften  zerfallende  Gehirn;  die  Hälften  sind  durch  eine  da- 
zwischen gelegene  Haut  mit  einander  verbunden.  Sonst  erscheint  das 
Gehirn  als  eine  mit  kalter  Flüssigkeit  gefüllte  Drüse.  Der  vom 
gesamten  Körper  abgesonderte  und  im  Gehirne  aufgespeicherte  Samen 
wird  nach  den  Hoden  geleitet.  Anatomisch  erkannt  waren  nervus 
acusticus,  trigeminus,  vagus,  von  den  vom  umhäuteten  Rücken  marke 
ausgehenden  der  nervus  ulnaris,  plexus  brachialis,  nervus  ischiadicus 
und  andeutungsweise  der  sympathicus,  ferner  die  Intercostalnerven.  Von 
Funktionen  der  Nerven  ahnten  die  Hippokratiker  nichts. 

Das  Auge  hat  3  Häute:  to  levxör'  =  die  weisse  Haut,  die  f^tfiviy^ 
lemoTega  =  dünnere  Haut  und  to  dgaxvoeid/^g  ==  die  spinnengewebeartige 
Haut.  Vor  der  Pupille  (-/.ÖQr]  =  Puppe,  Öipig  =  Sehe)  liegt  die  Horn- 
haut =  zb  öiarpaveg,  das  Durchsichtige.  An  der  2.  Haut  unterschied 
man  ro  {.lilav  =  die  farbige  Haut,  Regenbogenhaut;   ihre  Grenze  mit 


')  Littrel  209  stellt  fest,  dass  die  Hippokratiker  den  Adern,  fUßes,  allgemein 
einen  Pulsschlaof  zuschrieben.  Die  Stellen  aus  epid.  VII  und  prorrh.  II  (Littre  I 
228),  wozu  de  alim.  48  treten  kann,  sind  sein  Beweismaterial,  ofvyfids  ist  Puls,  aber 
aucli  krankhafte  Pulssteigerung;  nnluoe  bedeutet  letzteres  oder  Zucken  (Ruf.  ed. 
Daremb.  614  ff.).  Wann  freilich  tfls^ee  allgemein  „Adern"  oder  speziell  „Blutadern" 
bedeutet,  ist  schwer  auszumachen. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.-  241 

dem  Weissen  hiess  „Kranz"  =  arsrpdvrj.  Das  Innere  ist  mit  der  durch 
das  Gehirn  gelieferten  einheitlichen  Flüssigkeit,  rb  vyonv,  gefüllt,  die 
an  der  Luft  gerinnt.  Die  Linse  musste  daher,  wenn  sie  überhaupt 
erkannt  wurde,  für  ein  Gerinnsel  angesehen  werden.  Zwischen  Auge 
und  Gehirn  bestehen  mehrere  Verbindungen,  nach  .\ristoteles  später 
3  Röhren  in  chiastischer  Stellung;  eine  von  diesen  rp)Jßeg  (bei  Hero- 
philos  Tinoni)  =  Kanälen,  Röhren  ist  auch  der  für  funktionslos  an- 
gesehene Sehnerv.  Die  Stoffteilchen  begegnen  in  den  Röhren  der 
Sehflüssigkeit  und  dringen  dann  bis  ins  Gehirn  vor,  wo  sie  Gesichts- 
eindrücke auslösen. 

Vom  Ohre  kennen  die  Hippokratiker  den  steinharten  knöchernen 
Teil  und  das  spinnengewebeähnliche  ganz  trockene  Trommelfell.  Der 
Knochen,  nicht  etwa  das  weiche  Gehirn,  erzeugt  durch  seinen  Wider- 
hall den  Ton.  Der  Verfasser  von  de  loc.  in  hom.  stellt  sich  die  Um- 
gebung der  Ohren  als  leere  Hohlräume  vor,  die  den  Schall  zum  Gehirne 
leiten.     Das  Labyrinth  war  schon  von  Empedokles  entdeckt  worden. 

Die  Nase  riecht,  indem  der  Geruch  der  Stoffe  durch  das  Siebbein 
nach  dem  Gehirne  aufsteigt.  Der  Katarrh  hebt  durch  die  Feuchtigkeits- 
menge diese  Fähigkeit  auf. 

18.  Allgemeine  Pathologie. 

Die  Gottheit,  ^)  t6  d^elov,  als  Urheberin  der  Krankheiten  (vovaog, 
vöarjfta,  rtäO-og)  erkannte  der  Verfasser  von  de  diaeta  IV  i=  de  somniis) 
an;  allein  der  Meister  widerepricht  dieser  Annahme  von  einer  göttlichen 
Einwirkung  direkt  und  indirekt  durch  die  Schrift  de  aere  aq.  loc,  und 
sein  Anhänger  (de  morbo  s.)  gesellt  zu  diesem  Meinungskampfe  oben- 
drein Spott  und  Hohn  über  die  einfältigen  Kollegen.  Und  in  der  That 
sind  es  durchweg  natürliche  Einflüsse,  die  in  den  hippokratischen 
Quellen  als  Krankenerreger  vorschweben,  so  Lebensgewohnheiten, 
namentlich  die  Diät,  Wärme  und  Kälte  (z.  B.  de  hum.  15),  Luft  und 
Wind,  Wasser  und  dessen  Ausdünstungen,-)  Jahreszeit,  Sonne  und 
Schatten,  örtliche  Lage,  Schlafen  und  Wachen,  Leidenschaften,  Gifte 
und  giftige  Tiere,  Einflüsse  der  Gestirne ;  Vererbung,  Flüsse  =  xaragooi 
im  Körper,  Zurückhaltung  von  Ausscheidungsstoften,  Alter,  Geschlechts- 
thätigkeiten,  gewaltsame  Eingriffe  aller  Art,  plötzliche  Veränderungen 
von  Lebensgewohnheiten,  selbst  wenn  sie  an  sich  schädlich  wären. 
Blähungen  (de  flat. ;  de  nat.  oss.).  Alle  Leiden  beruhen  darauf,  dass 
durch  die  genannten  Faktoren  eine  öuaAoaala,  d.  i.  ein  schlechtes 
Mischungsverhältnis  der  4  Qualitäten  (AVarmes.  Kaltes,  Feuchtes, 
Trockenes)  in  der  Weise  herbeigeführt  wird,  dass  das  eine  oder  andere 
überwiegt.  Die  tellurischen  und  cälestischen  Einflüsse  sind  in  dem 
anthropologischen  Meisterwerke  de  aerv^  aq.  loc.  geschildert.  Warme 
Winde  erzeugen  danach  viel  Feuchtigkeit  und  Schleim  und  daher 
Durchfälle,  ferner  schmächtigen  Wuchs  und  Schwächlichkeit,  Neigung 


*)  XorjariSrjg,  'Aoxctia  eXXrjvixij  yvrnntetoXoyia  etc.,  ev  KiovaxaftiiovTiöXet  1894 
S.  213  ff.;  Littre  VIII  p.  V;  530ff.:  Gal.  XVIII,  ii  18.  —  Vgl.  Senfelder,  Die 
hippokratische  Lehre  v.  den  Ausscheide,  u.  Ablagerg.     Wien,  mediz.  Wchschrft.  1896. 

-)  Ueber  Ansteckung  und  deren  Abwehr  vgl.  Sourlangas,  Etüde  sur  Hippo- 
crate,  son  oeuvre,  ses  idees  sur  l'infection  et  ses  moyens  antiseptiques,  Paris  1894. 
Hauptmittel  sind  das  Feuer,  Schwefel,  duftende  Blumen  und  Salben  (Gal.  XIV  281). 
Vgl.  auch  Struve,  Locus  Hippocratis  Epidemiorum  V  dartfovf  ytal  sxnvovi'  olov  ro 
acbucc  expositus,  Nordhusae  1760. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  16 


242  .    •  Robert  Fuchs. 

zur  Berauschung,  da  der  Kopf  nichts  verträgt.  Die  Frauen  neigen 
zu  Blutungen,  Unfruchtbarkeit  und  Fehlgeburten,  die  Kinder  zu 
Krämpfen,  Atemnot  und  Fallsucht,  die  Männer  zu  Ruhe,  Fieber,  nächt- 
lichen Pusteln,  Hämorrhoiden,  Flüssen  und  Lähmungen.  Kalte  Winde 
erzeugen  kräftige  und  säftearme  Menschen  mit  langsamem  Stuhle  und 
viel  Galle  oder  Schleim..  Die  Bewohner  solcher  Gegenden  bekommen 
leicht  Aderbrüche,  Brustfellentzündungen  und  überhaupt  akute  Leiden, 
doch  auch  Empyeme,  hartnäckige  Verstopfung,  Augenkrankheiten, 
Nasenbluten,  schwere  Epilepsiezufälle.  Die  Frauen  sind  meist  spärlich 
menstruiert  und  gebären  schwer,  Abortus  ist  selten;  sie  können  nicht 
stillen  und  neigen  zu  Phthisis  und  Krämpfen.  Kinder  bekommen 
Scrotalhydrops  und  werden  spät  geschlechtsreif  Stehendes  Wasser 
macht  schleimig  und  heiser,  die  Milz  schwillt  bei  seinem  Genüsse,  und 
Schmächtigkeit  des  Wuchses  und  Hydrops  ist  die  Folge.  x4.m  besten 
ist  das  Regenwasser,  doch  muss  es  abgekocht  und  durchgeseiht  werden. 
Blasen-  und  Nierensteine,  Harnstrenge,  Ischias  und  Hernien  entstehen 
durch  den  Genuss  verschiedenartigen  Wassers.  Knaben  leiden  mehr 
darunter  als  Mädchen,  denn  bei  letzteren  ist  die  Harnröhre  kurz  und 
weit.  Nicht  minder  von  Einfluss  sind  auch  die  Jahreszeiten  und 
Klimaverhältnisse.  In  Asien  z.  B.  ist  alles  schöner  und  grösser  als  in 
Europa,  denn  dort  sind  Kälte  und  Wärme  temperiert.  Allüberall 
spricht  sich  die  Frühlingsstimmung  aus,  und  es  ist  kein  Feld  vorhanden 
für  Männlichkeit,  Sorge,  Mühsal.  Hierauf  wird  an  den  skythischen 
Stämmen  der  Einfluss  der  klimatischen  Verhältnisse  und  der  Lebens- 
gewohnheiten gezeigt  (Erzielung  der  Makrokephalie  in  Asien;  Er- 
zeugung der  rätselhaften  sexuellen  Neurasthenie,  die  ,,vovoog  ^ijleia" 
genannt  wird,  u.  s.  w.).  Die  örtlichen  Verhältnisse  sind  für  die  ende- 
mischen [knr/ßQia  voaiji-iaTa),  die  Veränderungen  von  Jahreszeit  und 
Luft  für  die  epidemischen  Krankheiten  (y.oiva  oder  ndyxoiva  v.)  verant- 
wortlich zu  machen.  Letzterenfalls  ist  die  Fortsetzung  der  gewohnten 
Lebensweise  und  verminderte  Nahrungszufuhr  und  somit  Atmung  zu 
empfehlen. 

Die  Störung  des  Gleichgewichtes  der  Säfte  zeigt  sich  darin,  dass 
entweder  der  kalte  Schleim  Fieberfrost  oder  die  heisse  Galle  Fieber- 
hitze erzeugt,  indem  sie  das  Blut  durch  ihr  Eindringen  in  der  Tempe- 
ratur beeinflussen.  Das  Uebergewicht  des  Schleims  begünstigt  die 
Entstehung  von  7  Katarrhen,  nach  Ohren,  Augen,  Nase,  Leib,  Gurgel 
und  Lunge,  Rückenmark  und  Hüften.  Variationen  finden  sich  de 
carne  16  und  de  loc.  in  hom.  10  ff.  Eine  weitere  Folge  der  Ent- 
mischung ist  die  Entzündung  mit  der  Eiterung;  denn  der  Eiter  ist 
verdorbenes  Blut  oder  geschmolzenes  Fleisch.  Die  Ablagerungen  sind 
einfach  oder  metastatisch  und  kongestiv;  sie  stecken  in  einer  Tasche 
{Xircüv)  und  sind,  besonders  an  den  Gelenken  und  am  Darme,  als  Nieder- 
schlag der  Fieber  zu  betrachten. 


19.  Allgemeine  Diagnose,  Prognose  und  Therapie. 

Die  subjektiven  Symptome  hervorzuheben,  erscheint  den  Patienten 
als  Hauptaufgabe ;  die  des  Arztes  ist  es  darum,  unter  Berücksichtigung 
jener  die  objektiven  Symptome  durch  Untersuchung  zu  erforschen  und 
im  Schlussverfahren  zur  Geltung  zu  bringen.  Es  heisst  darum  de  off. 
med.  1 :  „(Man  lerne)  zuerst  das  Aehnliche  oder  Unähnliche  (gegenüber 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen,  243 

dem  Zustande  der  Gesundheit)  kennen.^)  (Man  gehe  dabei  aus)  von 
den  wichtigsten,  von  den  am  leichtesten  (erkennbaren  Erscheinungen), 
von  den  (Erscheinungen),  welche  auf  jede  Weise  .  .  .  erkannt  werden. 
Was  zu  sehen,  zu  fühlen  und  zu  hören  ist.  Was  durch  das  Gesicht, 
das  Gefühl,  das  Gehör,  die  Nase,  die  Zunge  und  den  Verstand  wahr- 
genommen werden  kann;  was  mit  allen  denjenigen  (Mitteln),  mit 
welchen  wir  erkennen  können,  erkennbar  ist."  -)  Die  Benutzung  des 
Geschmackssinns,  z.  B.  um  zu  erkennen,  ob  der  Ohrenschmalz  süss 
oder  bitter  sei  (epid.  VI  5,  12),  reizte  die  Komiker  dazu  an,  die  Askle- 
piaden  „Kotkoster",  Äongocpayoi,  zu  nennen,  prorrh.  II  3  werden  als 
Mittel  zur  Diagnose  hervorgehoben  Verstand,  Augen,  Befühlen  des 
Bauches  und  der  Adern,  die  Nase  bei  der  Behandlung  Fiebernder,  die 
Ohren,  um  auf  Stimme  und  Atmung  zu  lauschen.  Die  Kranken visite 
erfolge  früh  am  Morgen,  denn  da  sind  Patient  wie  Arzt  am  frischesten 
und  am  wenigsten  beeinflusst.  Dann  rauss  der  Arzt  zunächst  den 
Körper  betrachten;  denn  im  Gymnasion  hat  er  sich  ja  den  klaren 
Blick  für  gesunde  Körper  erworben.  Hierauf  sehe  er  nach  Aufstossen 
und  Blähungen,  Stuhl,  Atmung,  Schweiss,  Lagerung,  Urin  und  dessen 
Bodensatz  u.  s.  w.  Der  Puls  {arpvy/ii6^;  TiaÄuög,  nalia)  war  zwar  be- 
kannt, diente  aber  nur  dann  als  Merkmal,  wenn  er  stürmisch  ging. 
Das  gilt  auch  von  Hippokrates,  wennschon  in  dessen  echten  Schriften 
der  Puls  überhaupt  nicht  angeführt  wird.  Der  normale  Puls  wurde 
nicht  beachtet.  Die  Temperatur  wurde  mit  der  Hand  auf  der  Brust 
gemessen.  Die  Symptome,  welche  für  die  Diagnose  wertvoll  sind,  ge- 
hören auch  zur  Vorhersage  des  Ausgangs,  de  hum.  4  werden  als 
solche  Merkmale  weiter  angeführt:  Durst.  Nasenbluten,  Daliegen  wie 
ein  Toter,  Trockenheit,  Widerstandskraft  gegen  Collaps,  Atmungs- 
störungen, Schwellung  des  Oberbauches,  Kälte  der  Extremitäten,  Augen, 
Farbe,  Pulsschlag,  Zittern,  Verhärtung  von  Haut,  Sehnen,  Gliedern, 
Stimme,  Denkvermögen,  Haare,  Nägel,  Geruch  der  Haut,  des  Mundes, 
der  Ohren  u.  s.  w.,  Thränen,  Traumbilder,  Gehör,  Teilnahme  für  Mit- 
teilungen, Geduld,  Uterussekrete,  Nasensekrete,  Augenbutter;  auch  der 
Crocydismus  wurde  dabei  berücksichtigt.  Probeweise  dürfen  nach  de 
arte  auch  Abführmittel  und  anstrengende  Läufe  zur  Diagnose  heran- 
gezogen werden.  Auf  anatomische  Erfahrungen  gegründete  Diagnosen 
finden  sich  epid.  V  21  und  VII  121  (sardonisches  Gelächter,  weil  das 
Eisen  des  Katapultengeschosses  im  Zwerchfell  stecken  geblieben  war). 
Die  Perkussion  wird  zwar  nicht  erwähnt,  aber  die  Härte  und  Grösse 
von  Leber,  Milz  und  Lunge  Hess  sich  ohne  Perkussion  schwerlich  er- 
mitteln. Hingegen  wird  die  Auskultation  *)  gebührend  gewürdigt  und 
durch  Schütteln  {jcaoäaeiojtia)  des  Thorax  des  Kranken  unterstützt. 
Die  Schüttelung  bewirkt  als  therapeutischer  Eingriff  den  Durchbruch 
des  Eiters  nach  den  Bronchien,  als  diagnostischer  erzeugt  sie  bestimmte 
Geräusche  {ipörpog),  indem  der  Eiter  angeblich  gegen  die  Brustwandung 
schlägt,  da  ja  zwischen  den  beiden  Pleurablättern  ein  Hohlraum  vor- 
handen sein  sollte.    Eiteransammlungen  in  den  Sehnen   und  Knoten, 


^)  Küchenmeister,  Die  physik.  Diagnostik  des  H.  in  Bez.  auf  die  Krankh. 
der  Kespirationsorg'.  u.  d.  Milz.  Schmidt's  Jahrbb.  der  in-  u.  ausländ,  gesammt. 
Medic.  CXLIV  1869  S.  97;  Nebel,  Commentatio  in  Hippocratis  doctrinam  semioticam 
de  spasmis  et  convulsionibus,  Marburgi  1791. 

^)  Fuchs  III  71. 

')  Philipp.  Littre's  Ausgabe  d.  H.  u.  die  akiist.  Explorationsmethoden  b.  d, 
Hippokratikem.    Deutsche  Klinik  1855. 

16* 


244  Robert  Fuchs. 

in  der  Bauchhöhle  sind  durch  Schütteln  nicht  wahrzunehmen  (de  morb. 

I  17),  wohl  aber  solche  in  der  Pleura.  Das  Vorhandensein  blassgelber 
Schleimmassen  in  der  Lunge  verrät  sich  durch  ein  Kehlgeräusch  beim 
Atmen  (de  loc.  in  hom.  16).  Eiterherde  (Empyeme),  die  noch  nicht 
nach  oben  durchgebrochen  sind,  rufen  beim  Schütteln  in  der  Weiche 
ein  Geräusch  hervor  wie  bei  einem  Schlauche  (14).  Eine  Beschreibung 
therapeutischer  Succussion,  um  dem  Eiter  durchzuhelfen,  wird  de  morb. 

II  47  nach  der  knidischen  Lehre  geliefert;  III  16  wird  das  Anlegen 
des  Ohres  an  die  Brustwand  und  der  schnarchende  Ton  des  in  der 
Brust  zurückgehaltenen  Eiters  erwähnt.  Bei  Lungenwassersucht  hört 
man  bei  längerem  Aufhorchen  kleinblasige  Rasselgeräusche,  ähnlich 
dem  Sieden  und  Zischen  des  Essigs.  Bei  dem  von  den  Knidiern 
fingierten  „Auffallen  der  Lunge  auf  die  Seite"  vernimmt  man  ein 
Knirschen  wie  von  einem  Lederriemen,  also  pleuritische  Reibungs- 
geräusche. ^)  Ferner  wird  besonders  geachtet  auf  Farbe,  Geruch,  Kon- 
sistenz des  Erbrochenen,  des  Stuhles  und  Harns;  des  letzteren  Boden- 
satz ist  wichtig  als  Vorbedeutung  (progn.). 

Die  Wichtigkeit  der  Prognose^)  betont  der  Hippokratiker,  ge- 
treu der  Weisung  des  Meisters,  im  progn.  1:  „Es  scheint  mir  am 
besten  zu  sein,  dass  sich  der  Arzt  in  dem  Voraussehen  des  Krankheits- 
ausgangs Uebung  erwirbt ;  denn  wenn  er  bei  seinen  Patienten  vorher- 
erkennt und  vorhersagt  den  gegenwärtigen  Stand,  das  Vorausgegangene 
und  das  künftig  Geschehende,  ferner  das,  was  die  Patienten  beim  Be- 
richte über  ihren  Krankheitszustand  weglassen,  so  wird  man  festes 
Zutrauen  zu  ihm  haben."  Die  Bestätigung,  dass  dieses  im  Sinne  des 
Hippokrates  gesprochen  sei,  giebt  dieser  selbst  epid.  I  2,  2  Kap.  11: 
„Man  muss  das  vor  der  Krankheit  Gelegene  angeben,  den  gegen- 
wärtigen Stand  erkennen,  die  Prognose  voraussagen.  Das  hat  man  zu 
üben.  Bezüglich  der  Krankheiten  hat  man  sich  auf  zweierlei  einzuüben : 
zu  nützen  oder  (wenigstens)  nicht  zu  schaden."  Der  letzte 
Satz  ist  der  erhabenste  in  der  Therapie,  von  tiefem  sittlichen  Ernste 
und  markiger  Form :  cocpelslv  rj  (.lij  ßXäTtxBLv.  Die  prognostischen  Mittel 
decken  sich  mit  den  diagnostischen.  Von  guter  Vorbedeutung  sind 
z.  B.:  guter  Ernährungsstand,  gute  Mischung  der  Säfte  {svy.o(xoLa\  be- 
stimmte Farben,  ruhiger  Schlaf,  behagliche  Lagerung,  klare  Besinnung, 
starker  Schweiss,  zumal  an  den  kritischen  Tagen,  Beweglichkeit,  heitere 
Stimmung.  Ungünstig  sind  die  gegenteiligen  Symptome,  ausserdem 
z.  B.  Zähneknirschen,  Flockenlesen,  rohe  und  wilde  Schimpfworte  und 
Gesten,  Otfenstehenlassen  von  Mund  und  Augen,  unnatürliche  Lage  mit 
gespreizten  Beinen  und  Hinabrutschen,  starke  Hitze,  plötzliche  Ver- 
änderungen, Schlaflosigkeit,  Durchfälle,  Appetitlosigkeit.  Am  gefähr- 
lichsten und,  wenn  nicht  in  24  Stunden  die  Ursachen  beseitigt  werden 
können,  tötlich  ist  die  sog.  „facies  Hippocratica",  progn.  2 :  „eine  spitze 
Nase,  hohle  Augen,  eingefallene  Schläfen,  kalte  und  zusammengezogene 
Ohren,  abstehende  Ohrläppchen,  eine  harte,  straffe  und  trockne  Stirn- 
haut, eine  gelbe,  schwarze  oder  bleiche  Färbung  des  ganzen  Gesichts". 
Bei  den  Augen  ist  bedenklich:  Lichtscheu,  unwillkürliches  Thränen, 
Verdrehung,  Verkleinerung,  Rötung  oder  Gelbwerden  des  Augapfels, 
schwarze  Aederchen,  Augenbutter,  Verzerrung,  Verschwollensein,  Glanz- 


1)  Littre  VII  Iff.;  X  28;  Philipp,  Deutsche  Klinik  1855  Nr.  2. 
-)  Ermerius,  Specimen  historico-medicura  de  Hippocratis  doctriaa  a  proguostice 
oriunda,  Luard.  Bat.  1832. 


r 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  245 

losigkeit,  stierer  Blick,  Offenstehen.  Anzeichen  der  Lebensgefahr  sind 
u.  a.  auch  fahle  Verfärbung  des  Gesichts,  schlaffes  Herunterhängen 
der  kalten  Lippen,  Bauchlage,  Delirien,  Petechien  und  Hautausschläge 
mit  lividem  Hofe,  kalter  Atem,  kalte  Schweisse,  schmerzhaft  auf- 
getriebener Oberbauch,  übelriechender  Eiter,  Hydrops  nach  akuten 
Krankheiten,  Kaltwerden,  Erbleichung  von  Händen  und  Nägeln,  kon- 
trahierte Genitalien,  fortwährender  Stuhlgang  u.  s.  w.  Folgeerschei- 
nungen und  Vorläufer  des  Todes  werden  de  morb.  I  3  ff.  zusammen- 
gestellt. Derselbe  Eingriff  kann  je  nach  dem  Zeitpunkte  Eettung  und 
Verderben  bringen  (6).  doch  stellt  sich  Gutes  und  Böses  zufällig  ein, 
und  auch  das  überlegte  Handeln  des  Arztes  kann  zugleich  gute  und 
schlimme  Nebenfolgen  haben  (7f). 

Der  vornehmste  Heilfaktor  ist  die  Natur ^)  selbst:  vovawv  rpvaug 
iTjTQoi  =:  ,,Die  Naturen  sind  der  Krankheiten  Aerzte"  (epid.  VI  5,  1). 
Dann  heisst  es  weiter:  „Die  Natur  findet  von  selbst  die  Bahnen,  nicht 
infolge  von  Ueberlegung  .  .  .  Die  Natur  ist  ohne  Unterricht  ge- 
blieben und  hat  nichts  gelenit  und  thut  trotzdem  ihre  Schuldigkeit." 
de  alim.  39  bekräftigt  ebenfalls:  „Die  Naturen  sind  in  allem  ohne 
Lehrmeister."  Die  menschliche  cpiaig  ist  die  im  Körper  enthaltene 
natürliche  Widerstandskraft  gegen  krankhafte  Einflüsse.  Bei  den 
heftigsten  Krankheiten,  den  akuten,  ist  der  Widerstand  der  Natur 
am  deutlichsten  ausgeprägt.  Die  eingepflanzte  Körperwärme  sucht 
die  flüssigen  Krankheitsstoffe  zu  bewältigen,  indem  sie  sie  um- 
wandelt und  austreibt.  Aus  dem  Zustande  des  Eoh-  oder  ünge- 
kochtseins  (dTteipia)  leitet  die  rpiaig  durch  die  ihr  zu  Gebote  stehende 
Wärme  die  Säfte  über  in  den  Zustand  der  Kochung  oder  des  Reif- 
seins {Ttexpig)  und  zwingt  sie  zum  Entscheidrngskampfe  in  der  Krisis 
(ycQioig)  oder  der  milderen  Lösung  (Ivoig).  Das  klarste  Beispiel  sind 
die  Stufen  des  Nasen-  oder  Rachenkatarrhs.  Bei  örtlichen  akuten 
Krankheiten  muss  man  die  örtlichen,  bei  Fiebern  die  allgemeinen  Krisen 
aufmerksam  verfolgen.  Die  Krisis  zeigt  sich  durch  vermehrte  Aus- 
scheidungen, Ablagerungen  (änöoiaütg)  und  Metastasen  (Uebergang 
einer  Fieberform  in  die  andere)  und  vielfach  Delirien  an.  Zu  diesen 
Veränderungen,  die  über  Leben  und  Tod  entscheiden,  eignen  sich  die 
nach  der  pythagoreischen  Zahlentheorie  berechneten  kritischen  Tage  vor 
allen  übrigen.  Die  echte  Krisenlehre  findet  sich  epid.  I  26;  danach 
entscheiden  sich  Fieber  mit  an  einem  geraden  Tage  auftretender 
Exacerbation  am  4.,  6.,  8.,  10.,  14.,  20.,  24..  30.,  40..  60.,  80.  und  120. 
Tage,  andernfalls  am  3.,  5.,  7.,  9.,  11..  17.,  21.,  27.  und  31.  Tage.  Bei 
Nichteinhaltung  dieser  Tage  deutet  die  Krisis  auf  Rückfall  oder  Tod. 
Nach  progn.  37  führt  am  4.  Tage  ein  gutartiges  Fieber  zur  Krisis, 
ein  bösartiges  zum  Tode.  Dann  folgt  Periode  2  vom  4. — 7.,  3  vom 
7.-11.,  4  vom  11.— 14.,  5  vom  14.— 17.,  6  vom  17.— 20.  Tage.  Das 
sind  also  Viertagsperioden  mit  Abschluss  am  20.  Tage.  Doch  warnt 
der  Hippokratiker,  sich  dabei  auf  ganze  Tage  versteifen  zu  w-ollen,  da 
ja  nicht  einmal  das  Jahr  nach  solchen  zu  berechnen  sei.  Etwas  ab- 
weichend und  bis  zu  7  Jahren  erweitert  ist  das  System  von  de  sept. 
partu  9;  eine  Spielerei  mit  Zahlen  liegt   de  carne  19  vor.  ^)    Daher 


1)  Hahn,  Die  Naturheilkraft  des  H.,  Berl.  1870. 

2)  Borden,  Oeuvres  completes  de  B.  Par  .  .  .  Kicherand,  A  Paris  1818,  1209  ff. 
(Recherches  sur  les  crises);  Grüner,  Semiotice,  Halis  1775,  deutsch:  Jena  1793; 
Traube,  Deutsche  Klinik  1852  Nr.  15. 


246  Eobert  Fuchs. 

besteht  des  ohnmächtigen  Menschen  Werk  nicht  in  der  Meisterung, 
sondern  in  der  Unterstützung  der  Natur,  der  zum  Trotz  man  die  Be- 
handlung unheilbarer  Leiden  nicht  übernehmen  soll,  schon  nicht,  um 
nicht  falsche  Hoffnungen  zu  erwecken  und  die  Heilkunde  herabzusetzen 
(de  arte;  de  artic.  rep.  58;  progn.  1;  de  morb.  mul.  I  71).  Wo  aber 
Heilung  möglich  ist,  soll  man  den  Kranken  kräftig  machen,  ungünstige 
Vorgänge  verhüten  oder  mildern  und  zu  jedem  unterstützenden  Ein- 
griffe den  rechten  Zeitpunkt  (xaigög)  heraussuchen.  Denn  dieser  ist 
rasch  enteilt  (aph.  I  1),  und  nur  auf  ihn  ist  das  stolze  Wort  anwendbar: 
„Was  Arzneien  nicht  heilen,  heilt  das  Eisen,  was  das  Eisen  nicht  heilt, 
heilt  das  Feuer,  was  das  Feuer  nicht  heilt,  das  muss  man  als  unheilbar 
betrachten."  Greift  man  aber  ein,  so  kommt  es  vor  allem  darauf  an, 
den  Patienten  seine  Gewohnheiten  möglichst  genau  einhalten  zu  lassen. 
Die  Therapie,^)  deren  Leitsatz  oben  bereits  erwähnt  wurde, 
ist  auch  bei  den  Hippokratikern  eine  ungemein  reiche.  Jeder  plötzliche 
Umschwung  ist  gefahrvoll  (aph.  II  50;  de  diaeta  in  ac).  ,,Die  starke 
und  plötzliche  Entleerung  oder  Anfüllung,  Erwärmung  oder  Erkältung 
ist  gefährlich ;  denn  jedes  Viel  ist  der  Natur  feindlich.  Das  Allmähliche 
hingegen  ist  gefahrlos,  sowohl  sonst,  als  auch  dann  besonders,  wenn  man 
sich  von  dem  einen  zum  andern  wendet"'  (aph.  II  51);  „Wenn  man  alles 
nach  Gebühr  thut  und  die  Ereignisse  nicht  nach  Gebühr  eintreten,  soll 
man  nicht  zu  etwas  anderem  übergehen,  sondern  bei  dem  von  Anfang  an 
Beliebten  verbleiben"  (52).  Man  muss  also  planvoll,  konsequent  und 
dabei  mild  vorgehen,  das,  was  entleert  werden  soll,  entleeren  und  alle 
äusseren  und  persönlichen  Umstände  berücksichtigen  (1 2).  Bei  äussersten 
Leiden  soll  man  äusserste  Mittel  mit  Umsicht  anwenden  (6)  und  auf 
dem  Höhepunkte  der  Krankheit  leichte  Diät  anordnen  (4  ff.).  Das  be- 
kannte alte  Verfahren  ist  dem  unbekannten  neuen  vorzuziehen  (de 
fract.  1).  Die  Allopathen  und  Homöopathen  haben  sich  vielfach  auf 
Hippokrates  bezogen,  um  ihren  Standpunkt  zu  rechtfertigen  (s.  bei  mir 
aph.,  z.  B.  I  78  A.  22).  Jedenfalls  ist  der  Satz  „contraria  contrariis" 
im  Hippokratescorpus  für  manche  Bedingungen  klar  ausgesprochen, 
jedoch  ist  er  erst  viel  später  im  Streite  der  Meinungen  über  Gebühr 
ausgebeutet  worden.  In  der  authentischen  Fassung  ist  er  unanfecht- 
bar, z.  B.  aph.  II  22:  „Alle  durch  Ueberfüllung  kommenden  Krank- 
heiten heilt  die  Entleerung"  -)  und  umgekehrt  oder  de  flat.  1  in  der 
Gegenüberstellung:  Hunger  —  Essen,  Durst  —  Trinken,  Ermüdung  — 
Ruhe  oder  aph.  V  19:  „Was  erkältet  ist,  muss  man  erwärmen."  Auch 
der  Hippokratiker  von  epid.  VI  2,  1  ist  dieser  verständigen  Ansicht: 
„Nebenableiten;  nachdem  man  nachgegeben  hat,  sich  sogleich  entgegen- 
stemmen; nachdem  man  sich  widersetzt  hat,  nachgeben."  Doch  soll 
man  auch  gelegentlich  das  Gleiche  thun,  z.  B.  einen  Saft,  der 
schon  von  selbst  geht,  im  Weggehen  unterstützen ;  den  einen  Schmerz 
durch  den  anderen  aufheben  (man  denke  an  Ischias  und  Brennen, 
epid.  V  7),  Oeffnen  des  unteren  Ausweges,  wenn  das  in  Bewegung  Ge- 
ratene nach  oben  drängt,  und  umgekehrt.  Der  verallgemeinerte  Satz, 
dass  das  Entgegengesetzte  des  Entgegengesetzten  Arznei  sei  und  die 
Medizin  bloss  ein  Zusetzen  und  Wegnehmen^)  sei,  entspricht  so  recht 


^)  Senfelder,  Die  hippokratische  Psychro-  und  Thermotherapie.  Wien.  klin. 
Eundschau  XI  1897. 

^)  van  Cooth,  Diatribe  in  diaeteticam  veterum  etc.,  Trajecti  ad  Ehenum  1835. 

^)  Vgl.  Grüner,  Commentarius  ad  locum  Hippocratis:  Medicina  est  additio  et 
detractio,  lenae  1800. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  247 

dem  Sophisten  von  de  flat.  Vielmehr  muss  der  Arzt  die  individuellen 
Zustände  berücksichtigen  und  die  Diät  nach  den  Stadien  der  Krank- 
heit gestalten,  sodass  die  Widerstandskraft  stets  der  Schwere  des 
Leidens  gewachsen  ist.  Während  der  az«i)  (Höhepunkt)  des  Leidens 
ist  im  allgemeinen,  wie  gesagt,  Nahrungsverminderung  ^)  angezeigt, 
doch  ist  jedes  Zuviel  und  jedes  Zuwenig  bei  dem  einzelnen  gleich  ge- 
fährlich, wie  de  diaeta  in  ac.  eingehend  nachweist.  Bei  Fiebern  z.  B. 
ist  flüssige  Nahrung  anzuraten,  ebenso  bei  Wunden.  Die  Stärke  der 
Getreidenahrung,  meist  Gerste,  wird  verringert  durch  Abkochen,  Seihen, 
Rösten  und  Wasserverdünnung  zu  Gerstenschleim  und  blossem  Gersten- 
und  Mehlwasser.  Ferner  kommt  in  Anwendung  Wein  in  verschiedenen 
Marken  und  Verschnittarten,  Essighonig,  Honigaufguss  (^lelUgarov) 
sowie  die  cJui)  Ivaig  =  „rohe  Lösung",  d.  i.  Gerstenwelgen  von  frischer 
Gerste  oder  irgendwelchem  Getreidemehle,  Hirsen-  und  Weizentrank 
und  der  y.v/.H6v  =  Mischtrank,  d.  i.  Gerstengraupen  mit  Wasser  und 
nach  Befinden  Käse,  Wein,  ]\Iilch,  Salz,  Zwiebeln,  Kräutern.  Die 
Knidier  hingegen  verordneten  schematisch  die  Milch-  und  Molkenkur, 
häufig  in  unbegreiflichen  Mengen.  Dazu  kommen  die  anderen  diäte- 
tischen und  gymnastischen  Mittel,  wie  Leibesübungen,  Spaziergänge, 
Meeresfahrten,  Holzsägen,  Stimmübungen,  Erzeugung  von  Fettleibig- 
keit durch  starke  Märsche  und  Uebungen  mit  allmählicher  Nahrungs- 
entziehung und  dann  planmässiger  Steigerung.  Selbst  der  Rausch  ist 
mitunter  heilsam.  Eine  sorgfältige  Würdigung  der  Wirkungen  der 
einzelnen  Lebensmittel  wird  in  den  vortrefflichen  Vorschriften  de  diaeta 
II  geboten.  Es  Averden  da  abgehandelt:  die  Getreide-  und  Gemüse- 
arten, als  Bohnen,  Erbsen,  Kicherplatterbsen,  Hirse,  Linsen,  Erven, 
Leinsamen,  Salbeisamen,  Lupinen,  Rauke,  Gurke,  Sesam,  Echter  Saflor, 
Mohn  (9);  Knoblauch,  Zwiebel,  Porree,  Rettig,  Orientalische  Kresse 
(•/.doda^iov),  Senf,  Senfkohl,  Koriander,  Lattich,  Anis,  Petersilie,  Basilien- 
kraut, Gartenraute  u.  s.  w.  (18),  die  Obstsorten  (19) ;  die  Fleischspeisen, 
als  unsere  Fleischsorten,  Esel-,  Hunde-,  Fuchs-  und  Igelfleisch,  Geflügel 
und  besonders  Fische,  z.  B.  Drachenkopf,  Drachenfisch,  Rauher  Stern- 
seher, Knurrhahn,  Schattenfisch,  Barsch,  Klippfisch,  Meergrundel.  Kaul- 
kopf, Rochen,  Steinbutte,  Aesche,  Pfriemfisch,  Aal  und  andere  Meeres- 
gerichte: Polypen,  Tintenfische,  Muscheln  und  Schnecken,  Seeigel, 
Krabben,  Krebse;  endlich  die  übrigen  gewöhnlichen  Speisen,  Eier, 
Käse.  Ebenso  werden  die  in  der  Inhaltsangabe  oben  aufgezählten 
hygienischen  Massnahmen,  so  Baden,  Salben,  Massage,  Schlaf,  Schaukeln 
u.  s.  w.,  durchgesprochen. 

Der  Aderlass-)  wurde  nicht  eben  häufig  vorgenommen,  in  den 
zahlreichen  Fällen  von  epid.  III  nur  einmal  bei  Pneumonie.  Der  aph. 
I  23  kann  mit  der  Bemerkung,  dass  man  „es",  falls  der  Patient  Wider- 
stand leisten  kann,  bis  zum  Eintritte  der  Ohnmacht  treiben  soll,  auf 
den  Aderlass  gehen,  der  auch  V  31  erwähnt  wird,  wenngleich  dort 
vor  dem  Aderöffnen  bei  Schwangeren  wegen  des  dann  drohenden 
Abortus  gewarnt  wird.    Der  unechte  Anhang  von  de  diaeta  in  ac.  4 


')  Marcus e,  Die  Diät  d.  Hippokratiker  in  ac.  Krankh.  Wien,  mediz.  Blatt. 
1899  Nr.  11;  Diätetik  im  Alterthum,  Stuttg.  1899. 

2)  Bauer,  Geschichte  der  Aderlässe,  München  1870;  Chambers,  Bloodletting 
in  old  time.  British  and  foreign  medical  Review  XXII;  Edinburgh  medical  Journal 
1895  January;  Landsberg,  Janus  N.  F.  I  1851  S.  161  if.;  II  1853  S.  89ff.;  Mal- 
gaigne,  Revue  med.-chirurg.  de  Paris  IX  1851  S.  153;  182;  Mezler,  Versuch 
einer  Gesch.  des  A.,  Ulm  1793;  Preuss,  Wien.  klin.  Wchschr.  1895  S.  608  if.  u.  a. 


248  Robert  Fuchs. 

rät  wiederum  Aderlass  an  bei  Entzündungen  der  Oberbaucligegend  unter 
Absperrung  des  Pneuma,  Spannung  des  Zwerchfells  u.  s.  w.,  und  zwar 
als  hauptsächlichstes  Mittel.  Die  Knidier  wandten  Aderlass  vielfach  an, 
bei  Venen  und  Arterien,  an  Arm,  Fuss,  Kniekehle,  Zunge  u.  dgl.  und 
trieben  sie  jedesmal  so  weit,  wie  möglich,  je  nach  dem  Kräftestande  (ngog 
övfa/.iiv ;  de  morb.  mul.  I  77  u.  ö.).  Nahrungsaufnahme  und  Erwärmung 
durch  Bewegung  vor  dem  Aderöffnen  ward  vermutlich  nur  chronisch 
Erkrankten  zugemutet.  Vor  dem  Schneiden  muss  man  die  Venen  mit 
Binden  festhalten,  damit  die  Haut-  und  Venenwunde  korrespondiere 
(de  med.  8).  Nach  dem  Abzapfen  und  Abnehmen  des  Verbandes  muss 
man,  wenn  das  Blut  nicht  steht,  den  Körperteil,  Arm  oder  Bein,  so 
lagern,  dass  das  Blut  zurückströmt,  und  so  einen  Verband  anlegen, 
ohne  dass  der  Schnitt  durch  ein  Gerinnsel  verstopft  wird  (de  vuln.  et 
ulc.  26).  Das  Messer  sei  krumm  und  nicht  zu  schmal  (de  med.  7). 
Jahreszeit,  Konstitution,  Alter  und  Farbe  des  Blutes  entscheiden  mit 
über  die  abzuzapfende  Menge.  Prophylaktische  Aderlässe  erfolgen  im 
Frühjahre. 

Der  Schröpfkopf \)  (oixva),  den  die  CTriechen  sicher  nicht  erst 
fremden  Völkern  zu  entlehnen  bi'auchten,  ist  uns  durch  zahlreiche  auf- 
gefundene Exemplare  bekannt  geworden  (Museum  zu  Bukarest,  Athen, 
London).  Er  bestand  aus  Hörn,  Glas,  Bronze  oder  einem  Flaschen- 
kürbisende (Orib.  ed.  Buss.  et  Dar.  II  60  ff.).  Solche  mit  schmaler 
Peripherie  und  weitem  Bauche  ziehen  aus  der  Tiefe  herbei,  solche  mit 
breiter  Ansatzstelle  wirken  mehr  auf  die  Oberfläche  (de  med.  7).  Das 
Schröpfen  wird  vielfach  mit  dem  Scarifizieren  verbunden  (7);  auch 
werdisn  nach  Bedarf  mehrere  Schröpfköpfe  gesetzt  (epid.  V  8),  z.  B. 
unter  und  auf  den  Brüsten. 

Abgesehen  von  dem  Abführen,  über  das  unter  „Pharmakologie" 
gehandelt  werden  wird,  sind  dieses  im  wesentlichen  die  allgemeinen 
Heilfaktoren  der  hippokratischen  Medizin. 

20.  Aeussere  Heilmittel,  Pharmakologie. 

1.  ßurggraeve,  Etudes  sur  H.  au  point  de  vue  dosimetrique,  2.  Aufl., 
Paris  1893.  —  2.  I>ierbach,  Die  Arzneimittellehre  des  H.,  Heidelberg  1824.  — 
5.  Lucas,  Materia  medica  Hippocratica,  Specimen  inavgurale,  Halae  1815.  — 
4.  Maudnitz,  Materia  medica  Hijypocratis,  Dresdae  1843.  —  5.  Seidenschnur, 
De  Hippocratis  methodo  alvum  purgandi,  diss.,  Lips.  1843. 

Die  allem  Anscheine  nach  koische  Schrift  de  liq.  usu  zählt  die 
äusseren  Mittel  und  ihre  Anwendung  in  Form  kurzer  Notizen  auf. 
Es  werden  da  in  hervorragender  Weise  herangezogen:  Trinkwasser 
für  Genuss,  Befeuchten,  Erwärmen  und  Abkühlen,  als  Schwamm- 
auflage auf  die  Augen,  für  Güsse  und  Bähungen,  als  schweisstreibendes 
Mittel,  zum  Spülen,  Ausspritzen  der  Nase  und  Lindern  des  Schmerzes; 
Meerwasser  gegen  Pruritus,  zu  Bädern,^)  bei  reinen  Wunden,  zum 
Zusammenziehen  von  Geschwülsten,  gegen  Geschwüre  (ebenso  Salz, 
Salzlake,  Soda);  Essig  zu  Güssen  und  Bähungen,  bei  Wunden  und 
Verstopfung  der  Adern  durch  Gerinnsel,  Schwarzfärbung  der  Genitalien, 


^)  KcovßT.  AafiTi^öf,  tieqI  atyivcHv  yeal  aixvaascos  Tiapa  rols  a^x^tois,  A^^vrjat  1895; 
Fuchs'  Besprechg.  in  Rev.  crit.,  Wchschr.  f.  klass.  Philol.,  Deutsche  Medizinal-Ztg. 
1895;  Landsberg,  Janus  N.  F.  11  1853  8.  94 ff.;  Orib.  II  781  mit  Anm.;  Welcker, 
Kleine  Schriften  III,  Bonn  1850  S.  215  ff. 

2)  Hiller,  Die  Hydrother.  des  H.,  Diss.,  Freiburg  i.  B.  1892. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  249 

Hitze  an  Ohren  und  Zähnen,  Liehen,  Lepra,  Vitiligo.  Warzen,  Ohren- 
schmalzhäufung; Salzessiglösung,  Essighefe  desgl.;  Wein  in  unzähligen 
Sorten  bei  Verwundungen,  als  Deckmittel  bei  Arzneien,  bei  Güssen, 
Zusammenziehung,  zum  Anfeuchten  der  wollenen  Binden,  zum  Sättigen 
von  Runkelrüben-  und  Epheublättern,  zur  Mischung  mit  Brombeeren, 
Sumach,  Salbei  und  Mehl ;  Oel  und  Fette,  auch  Mönchsrobbenthi-an  zu 
denselben  Zwecken  wie  heute.  Allgemein  und  örtlich  wurden  Dampf-, 
Sand-,  Sonnenbäder,  Umschläge,  z  B.  Hirse  und  Salz  in  Wollsäckchen, 
Blasen  und  Schläuche  mit  Wasserfüllung,  Auflegen  von  Töpfererde 
u.  dgl.  verschrieben. 

In  den  koischen  Schriften  ist  die  Zahl  der  Medikamente  eine 
spärliche;  die  meisten,  wohl  gegen  300,  werden  in  den  knidischen 
Büchern  de  morb.  mul.  und  de  nat.  mul.  verordnet.  Unter  den  Erd- 
arten sind  am  wichtigsten :  Töpfererde,  Samische,  Eretrische.  Kimolische 
und  Weisse  Erde  und  Röthel;  unter  den  Salzen  die  Soole,  die  „trocknet" 
und  ,,warm  macht",  die  Soda  (Utqov  oder  virgov)  und  der  Alaun,  der 
von  der  Insel  Melos  ^=  Milo  oder  aus  Aegypten  kommt,  besonders 
bei  bösartigen  Geschwüren,  u.  a.  des  Uterus,  nützlich  ist,  die  Konzeption 
begünstigt  und  Zahnfleischschwellungen  vertreibt.  Unter  den  übrigen 
mineralischen  Stoffen  erfreuten  sich  besonderen  Rufes:  der  Schwefel, 
vor  allem  zu  Uterusräucherungen  und  -Bestreichungen  verwendbar 
und  gern  mit  Gänsefett  gebunden;  irgend  eine  mit  iiolv^daiva  be- 
zeichnete Bleiverbindung,  z.  B.  bei  Herpes  und  Flechten;  Bleiglätte 
und  Bleiweiss  desgl.;  Asphalt  zu  Räucherungen  der  weiblichen  Ge- 
schlechtsteile ;  Magneteisenstein  verhindert  beim  Weibe  das  Ausströmen 
des  männlichen  Samens;  Blei,  Kupfer  und  Zinn  zur  Herstellung  von 
Instrumenten,  z.  B,  Sonden,  Blei  zum  Einlegen  in  die  Nase  nach 
Polypenoperationen,  zur  Erweiterung  verengter  Genitalien  in  Röhren- 
form, als  Pessar;  Mennige  als  Suppressionsmittel,  geröstetes  Kupfer, 
Kupferblüte  und  Kupferschuppen  u.  dgl.  bei  Augenleiden,  als  Adstrin- 
gentien  und  Aetzmittel;  die  noch  nicht  gedeutete  Chalkitis,  Chalkitis- 
alaun  (=  Kupfervitriol  ?)  und  das  unbekannte  Misy  bei  Anschwellungen, 
Entzündungen,  Geschwüren  als  Adstringentia;  Ofenbruch  {anoöög), 
Gold-  und  Silberglätte,  ChrysokoUa  zu  mannigfaltigen  Zwecken.  Leicht 
abführend  wirken  vegetabilische  Arzneien  der  verschiedensten  Art, 
z.  B.  die  Runkelrübe,  Kohl,  Melone,  Sauerampfer,  teils  für  sich,  teils 
gemischt,  z.  B.  mit  Essighonig,  teils  ganz,  teils  als  Absud  oder  Auszug. 
Frische  Milch  und  Molken,  besonders  von  der  Eselin,  in  grosser  Menge 
genommen,  wirken  ähnlich.  Rettigsaft\(fft(>ji/a/ft)  führt  schon  zu  den 
kräftigeren  Purgativen  hinüber.  Am  wertvollsten  ist  entschieden,  auch 
als  Brechmittel,  der  WJßogog  i,u('lag)  =  die  Schwarze  oder  Orientalische 
Nieswurz,  deren  Gefährlichkeit  wegen  Unbekanntseins  der  Maximal- 
gabe bereits  die  Vorgänger  des  Ktesias  bestimmt  hatte,  die  Kranken 
zunächst  zum  Testamentmachen  anzuhalten.  Dass  der  unvorsichtige 
Gebrauch  auch  bei  den  Hippokratikern  viele  Todesfälle  zur  Folge 
hatte,  beweist  L  i  1 1  r  e  durch  zahlreiche  Beispiele  (V  199  ff.).  Er  wurde 
aber  auch  von  vorsichtigen  Hippokratikern  in  der  auguaia  und  mit 
Essighonig  verdünnt  gegeben.  Mit  der  Nieswurz  ward  gern  „das 
Sesamartige",  eine  unbekannte  Samenart,  zur  Steigerung  der  Brech- 
wirkung gemischt.  Wolfsmilcharten,  besonders  Meerstrandswolfsmilch 
{neTtUg  =  ninhov)  und  Gartenwolfsmilch  (/rsTrAog),  liefern  einen  Saft, 
der  von  Kot  und  Winden  befreit.  Abführend  wirkt  auch  Eselsgurken- 
saft, dessen  Bezeichnung,  tlarrjQiov,  auch  gemeinhin  jedes  Purgativum 


250  Robert  Fuchs. 

bezeichnet  zu  haben  scheint.  Die  ..Knidischen  Kerne"  {xoxxol  Kviöwi) 
=  Seidelbastbeeren  wurden  auf  Kos  so  gut  gebraucht  wie  in  Knidos. 
Die  geschälten  Kerne  werden  in  grosser  Zahl,  30  oder  mehr,  in  Honig, 
Wein  und  Pfeifer  gereicht.  Koloquinthe,  Smyrnäischer  Dosten  {vamoTiog) 
und  Saubrot  dienen  als  kräftige  Vomitiva.  Thapsiawurzel,  mit  Oel 
und  Honig  gekocht,  treibt  Galle  aus,  der  Saft  bewirkt  Erbrechen. 
Als  antispastisch  wirkend,  d.  i.  den  Schleim  von  dem  Gehirne  weg- 
ziehend, sind  erwähnt  Nies-,  Kau-,  Leckmittel  (Latwergen)  und  Gurgel- 
wässer (yagyaQiauaza).  Urintreibend  sind  zunächst  die  Getränke  mit 
Essig,  Honig,  See-  und  Salzlake,  nach  Bedarf  mit  Bingelkraut-,  Man- 
gold-, Klee-,  Seifenkraut-,  Knoblauch-,  Zwiebel-,  Sellerie-,  Petersilien-, 
Meerzwiebelsaft  und  „Kantharidenauszug"  (sicher  nicht  „Spanische 
Fliege",  vielleicht  Chrysomela  oleracea  oder  cerealis).  Schweisstreibende 
arzneiliche  Mittel  begegnen  nicht.  Menstruationsbefördernd  sollen  eine 
grosse  Anzahl  Mittel  sein,  von  den  unschuldigen  bis  zu  den  lebens- 
gefährlichen hinauf.  Sowohl  für  diesen  Zweck,  als  überhaupt  für 
gynäkologische  Zwecke  sind  brauchbar:  Osterluzei  (doimoloxia  =  am 
besten  für  die  Lochien),  Mutterzäpfchen  aus  Thapsia-  und  Saubrot- 
wurzel, Beifuss,  Eberraute,  Wermuth,  Aethiopischer  Kreuzkümmel, 
Zürgelbaum-  und  Cypressenschabsel,  Gichtrose,  Mutterkorn,  Beruf- 
kraut, Mutterharz,  Sagapenum  u.  a.  Erweichend,  namentlich  in  der 
Gynäkologie,  ist  die  Wirkung  von  Butter,  Oelen,  Salben  aller  möglichen 
duftenden  Pflanzen  (Schwertlilie,  Mandel,  Lilie,  Safran),  Fett  von 
Hammeln,  Schweinen,  Rindern,  Ziegen,  Hirschen,  Gänsen  und  Robben 
u.  a.  m.  Von  narkotischen  Mitteln  begegnen  //tjxwv/ov  V7tvwrr/.6v  = 
f.ir]'/.iovoQ  onög,  d.  i.  Mohnsaft,  einmal,  Nachtschatten,  Bilsenkraut, 
Alraun  (bei  Krämpfen  eingenommen,  sonst  als  Pessar),  Schierling. 
Lucas  erwähnt  zum  Schlüsse  noch  das  Aphrodisiacum  Bibergeil  und 
Silphion  (eine  Art  Narthex),  das  die  Stelle  unserer  Asa  foetida  völlig 
vertrat;  es  wurde  in  jedweder  Form  angewandt.  Aromatische  Mittel 
sind:  Koriander,  (Meer-)Fenchel,  Anis,  Dill,  Liebstöckel  (?  aioeli), 
Myrrhenkraut,  Morisons  Nussdolde,  Rosmarin,  Haarstrang,  Kretische 
Augenwurzel,  Minze,  Polei,  Dosten,  Basilienkraut,  Saturei,  Bohnenkraut, 
Bittermandelöl,  Zimmet,  Cassienrinde,  (Card)amomum,  Baldrian,  Kalmus, 
Weihrauch,  Myrrhe.  Stärkende  Nahrung  geben  ab  Färberröte  und 
Aegyptische  Saubohne  =  Indische  Seerose. 

Es  blieben  nunmehr  bloss  noch  die  sog.  Wundermittel  zu  er- 
wähnen, abergläubische  Phantasiemittel,  und  die  Dreckapotheke.  Zu 
der  ersten  Gruppe  gehört  das  Trinken  von  in  Wein  ersäuften  See- 
polypen, das  Einnehmen  von  Raupen,  Larven,  Otterhaut,  Buprestis, 
Hasenhaaren.  Bei  der  letzteren  Gruppe  ist  unrühmlicherweise  vertreten: 
Fuchs-,  Gänse-  oder  Habichtskot  als  Emmenagogum;  Frauenmilch, 
besonders  von  der  Mutter  eines  Knaben,  um  zu  erkennen,  ob  eine 
Frau  konzipieren  wird  (de  steril.  2). 


SpezieUe  Pathologie  und  Therapie. 

21.  Fieber,  Darmleiden,   Respirations-  und  Gefässl<ranl<heiten,   Krank- 
heiten der  Harn-  und  Geschiechtswerkzeuge  und  des  Nervensystems. 

„Hitzige"  {öB,vq)  und   „langwierige"  (xguviog),  d.  h.   nach  unserem 
Sprachgebrauche  akute  und  chronische  Krankheiten,  werden  im  Corpus 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  251 

vielerorten  erwähnt,  ebenso  findet  sich  der  Gegensatz  epidemischer 
bezw.  endemischer  und  sporadisch  ( (T/rooad/jv)  auftretender  Krankheiten. 
Am  klarsten  tritt  diese  in  de  morb.  II.  III,  de  äff.,  de  äff.  int.  minder 
deutliche  Einteilung')  hervor  de  diaeta  in  ac.  5:  ,,Akute  Krankheiten 
sind  die,  welche  die  Alten  Brustfellentzündung  (7rÄ.€VQlTig),  Lungen- 
entzündung {neQLTtvtvuovLa),  Phrenitis  und  Brennfieber  {xavoog)  genannt 
haben,  nicht  minder  alle  anderen  diesen  Krankheiten  zunächststehenden, 
bei  welchen  die  Fieber  im  allgemeinen  anhaltende  sind.  Wenn  näm- 
lich nicht  irgend  eine  pestähnliche  (d.  i.  seuchenartige)  Krankheitsart 
im  Volke  auftritt,  die  Krankheitsfälle  vielmehr  vereinzelt  vorkommen, 
so  sterben  an  diesen  Krankheiten  auch  viel  mehr  Leute  als  an  allen 
anderen  Krankheiten  zusammengenommen."'  Ein  wirkliches  System 
der  deskriptiven  Pathologie  findet  sich  leider  in  keiner  Schrift,  sondern 
höchstens  Ansätze  bald  dieser,  bald  jener  Art,  nach  äusserlichen  Merk- 
malen aufgebaut,  z.  B.  den  Körperteilen  vom  Kopfe  zum  Fusse  her- 
unter folgend. 

Die  zahlreichen  Fieber-)  zunächst  beruhen  auf  Veränderung  des 
Gleichgewichts  der  4  Qualitäten,  und  diese  wird  hervorgerufen  durch 
Trinkwasser  oder  miasmatische  Ausdünstungen.  Das  Wesen  des  Fiebers 
beruht  in  der  gewaltigen  Steigerung  der  dem  Körper  angeborenen 
Wärme  (Phys.  et  med.  Graeci  min.  ed.  Ideler  I  82;  Rose.  Anecd.  II 
226,  208).  Man  halte  sich  bei  Betrachtung  dieser  endemischen  Malaria- 
fieber stets  vor  Augen,  dass  es  sich  nicht  um  Tj'pen  unseres  ge- 
mässigten, sondern  um  eigene  Typen  des  subtropischen  Klimas  handelt, 
deren  Eigenart  bei  dem  Darniederliegen  der  historischen  und  allge- 
meinen Medizin  im  heutigen  Griechenland  überhaupt  noch  nicht  ge- 
nügend durchschaut  ist!  Es  finden  sich  folgende  Typen:  diufr^ueQivog 
nvQETÖg  =  Eintagsfieber  =  Quotidiana,  rgnalog  n.  =  Tertiana,  retag- 
ralog  n.  =  Quartana  und  Tquirgnaiog  n.  =  Halbdreitagsfieber.  D  n  d.  n. 
führt  Piaton  (Tim.  86  A)  auf  die  Luft  zurück,  was  auf  dem  Corpus 
oder  Philistion  beruhen  könnte.  Der  xo.  und  r.  n.  ist  durch  Schleim 
und  Galle  verschuldet  (de  afi".  18),  nach  Piaton  (a.  a.  0.)  durch  Aus- 
dünstungen des  Wassers.  Der  x.  tt.  tritt  namentlich  im  Herbste  bei 
Leuten  von  mehr  als  30  Jahren  auf  (aph.  II  25:  de  hebd.  28;  Littre 
II  182;  VIII  652)  und  überdauert  nicht  ein  Jahr  (epid.  VI  6,  11; 
Stelle  unsicher).  Im  Urine  zeigen  sich  zuvor  schwarze  Wolken  (Coac. 
571).  Nach  Piaton  (a.  a.  0.)  soll  die  Erde  an  dem  Leiden  schuld  sein. 
Der  Hemitritaeus  ist  die  Duplikation  einer  Tertiana  und  einer  Quotidiana. 
Haben  die  Fieber  keinen  bestimmten  Tj^pus,  so  sind  sie  entweder 
avvoxoL  oder  awexelg,  d.  i.  anhaltend,  oder  nlävrizeg,  d.  i.  erratisch. 
Gvvoyfii  werden  bloss  de  nat.  hom.  16  erwähnt,  doch  darf  man  hieraus 
keineswegs  mit  Fredrich^^)  schliessen,  dass  schon  in  jener  Zeit  die 
avvextlg,  wie  bei  den  Pneumatikern,  als  etwas  anderes  gedacht  wurden 
als  die  ovvoxoi;  die  kleinen  Abweichungen  beruhen  auf  dem  ver- 
schiedenen allgemeinen  Standpunkte  der  Verfasser,  nicht  auf  der 
Pyretologie  selbst.  Der  rinlalog  7t.  ist  nach  dem  Alpdämon  genannt 
und  bezeichnet  den  Fieberfrost  (giyoiivgerog  Phrynich.  Bekk.  p.  42.  1; 
Etymol.  magn.  434,  5;  Eustath.  zu  II.  561,  6 ff.;  zu  Od.  1687,  53),  die 


^)  S.  z.  B.  auch  de  morb.  I  3. 

*)  Conradi,  Ueber  die  von  H.  geschilderten  Fieber  u.  s.  w.,  Göttingen  1844 
Littre  II  530ff. 

^)  Hippokratische  Untersuchungen  25  A.  1. 


252  Robert  Fuchs. 

febi'is  algida,  ein  durch  Schleim  verändertes  Brennfieber  (de  liebd.  25). 
Späte,  aber  auch  schon  für  die  Hippokratiker  zutreffende  Definitionen 
giebt  Archig-enes  ^)  und  Pseudosoränos.  -)  Der  -mdoog  =  Brennfieber  ^) 
ist  1.  jedes  Fieber  mit  grosser  Hitze  (vgl.  das  ardent  fever  der  Tropen), 
2.  febris  remitteus  oder  pseudocontinua  der  subtropischen  Länder,  mit 
dem  Hauptmerkmale  „innerliche  Hitze  bei  äusserlicher  Kälte"  (de  morb. 

I  29 ff.;  Fuchs  I  101  A.  54;  437  A.  9;  II  99  A.  5);  Ursache  ist  die 
Galle,  eine  gewöhnliche  Begleiterscheinung  Lungenentzündung.  Der 
XijO^agyog  (sc.  Ttugerög)  ist  nicht  Lethargie  schlechthin,  sondern  jedes, 
vermutlich  pseudokontinuierliche,  Fieber  mit  Somnolenz  (aph.  III  30 
=  bei  mir  I  90  A.  30;  Coac.  136  =  II  19  f.  A.  136;  II  454  A.  88; 
Littre  V  584 ff.).  Die  leinvQia  =  doujdrjg  it.  (Fieber  mit  Ekel  und 
Brechreiz)  ist  im  Corpus  nicht  eindeutig  erklärt;  es  ist  aber  soviel  zu 
entnehmen,  dass  es  nach  dem  Fastigium  sofort  stark  abfiel  (Littre 
X  668;  Fuchs  II  17  A.  117;  417  A.  15;  Eose,  Anecd.  gr.  et  graecol. 

II  260  §  115).  Phrenitis,  wörtlich  Zwerchfellkrankheit,  ist  die  un- 
unterbrochene Störung  des  Denkvermögens  bei  heftigem  kontinuierenden 
oder  remittierenden  Fieber  (Gal.  XVI  492  ff.).  Mit  Influenza  identisch 
oder  ihr  nahekommend  ist  die  epidemische  Phthisis  auf  Thasos:  epid. 

III  3,  13.  Als  Diphtheritis  und  ähnliche  mit  Komplikationen  auf- 
tretende akute  Leiden  glaubte  Littre  die  Perinthische  Hustenepidemie 
(Fuchs  II  280  A.  106)  ansprechen  zu  sollen ;  jedoch  deuten  mancherlei 
Umstände  auch  auf  die  Grippe  hin  (epid.  VI  7,  1;  7,  10;  IV  52  f.). 
Grosse  Aehnlichkeit  mit  Unterleibstyphus  und  biliösem  Typhoid  haben 
die  Fälle  aph.  VI  42;  epid.  III  3,  13.  Patient;  de  morb.  11  41;  de  äff. 
int.  27  ff.  Epidemische  Parotitiden  mit  Metastase  auf  die  Hoden  finden 
sich  erwähnt  prorrh.  I  153 ff. ;  158 ff.;  epid.  I  2.  Als  symptomatische 
Fiebereinteilung  sind  Bezeichnungen  aufzufassen,  wie  it.  tzvamöc,  = 
starkes  F.,  xhagög  =  lauwarmes,  nsQrmrjg  =  brennendes,  xvrjoimüdrjc: 
=  juckendes,  hyywörjs  =  Schluchzfieber,  tvfpwörig  nicht  typhöses 
Fieber,  sondern  als  Sammelname  aufzufassen  (die  näheren  Bestimmungen 
s.  Fuchs  II  528  A.  68).  Die  Behandlung  wurde  oben  angedeutet. 
Anzufügen  wäre  nur  noch,  dass  die  Hippokratiker  im  Gegensatze  zu 
Galenos  den  Genuss  von  Wasser  den  Fiebernden  verboten. 

Von  örtlichen  Leiden  werden  häufig  genannt:  voi-iai  =  Noma, 
Wasserkrebs  (epid.  V  4;  VII  113;  prorrh.  II  13;  Fuchs  I  509  A.  28); 
Skorbut  u.  ä.  (de  äff.  int.  46  „blutiger  Ileus";  mit  Milzschwellung 
prorrh.  II  36);  „Aphthen"  bei  Kindern  und  Schwangeren  (aph.  III  24 
=  Soor;  gynäk.  Schriften);  Zäpfchen-  und  Mandelentzündung  (de  morb. 
II  29 f.);  Dysenterie,  Lienterie,  Tenesmus,  Diarrhöe  (de  nat.  hom.  7; 
Coac.  453  ff.).  Nach  heftigen  Diarrhöen  wird  gern  der  Urin  verhalten ; 
eine  Wendung  zum  Guten  ist  zu  erwarten,  wenn  die  auf  den  Bauch 
gebrachte  Hand  keine  peristaltischen  Bewegungen  mehr  wahrnimmt 
und  Blähungen  abgehen  (prorrh.  II  22  f.).  Die  Darmwandschabsel  bei 
Dysenterie  und  Durchfälle  verschwinden  durch  Brech-  und  Niesmittel, 
Diät  (Milch,  Schleimharze,  Oel),  Güsse  über  den  Unterleib  u.  dgl. 
Ileus,  durch  verhärtete  Kotmassen  den  Darm  verschliessend,  wird  durch 
Einblasen  von  Luft  in  den  Anus  gehoben  (de  äff.  21 ;  de  morb.  III 14). 


^)  Wellmann,  Die  pneumatische  Schule  bis  auf  A.,  S.  167. 

*)  Rose,  Anecd.  graeca  et  graecolat.  II  261  §  121. 

')  G 1  a  s  s ,  De  febribus  ad  Hipp,  accomm.,  Laus.  1788 ;  K  ä  h  1  e  r ,  De  causo  veterum 
commentatio,  Regimontii  Prussorum  1834 ;  Lange,  De  causo  vet.,  diss.,  Berol.  1836; 
Littre  II  538:  X  p.  LVL 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  253 

Als  Symptome  werden  sehr  oft  i^enannt  Geschwulst  des  Hypochondriiims, 
Milz-  und  Leberschwellungen  mit  Folgekrankheiten,  wie  Icterus, 
Hydrops,  Marasmus,  Nasenbluten.  Das  Brennen  mit  Buchsbaumspindeln, 
die  in  siedendes  Oel  getaucht  werden,  mit  dem  Glüheisen  oder  dem 
Lampendochte  schafft  Linderung  (de  morb.  int.  28  vgl.  m.  18;  25). 
„Empyeme"  der  Unterleibshöhle  werden  nicht  durch  Succussion,  son- 
dern durch  Auflegen  feuchter,  in  charakteristischer  Weise  trocknender 
Töpfererde  (de  morb.  I  17)  erkannt. 

Die  Atmungsorgane  werden  von  Katarrh,  Geschwüren. 
Schwellungen  und  Entzündungen,  Polypen.  Angina  (jede  Verengerung 
des  Larynx),  chronischer  Larjmgitis,  Lungen-  und  Brustfellentzündung, 
Blutspeieu,  Blutung  (auch  Bluterbrechen)  und  Phthisis  heimgesucht. 
5  Nasenpolypenoperationen  werden  de  morb.  II  33  ff.  beschrieben.  Mit 
Hilfe  einer  Zinnröhre  werden  4  um  ein  Schwammstückchen  befestigte 
Fäden  in  die  Nase  eingetührt,  ein  Geissfuss  wird  unter  das  „Zäpfchen" 
(=  Polyp)  gelegt  und  nun  Faden,  Schwamm  und  Polyp  durch  den 
Mund  entfernt.  Charpie  mit  Kupferblüte,  die  in  Honig  gebunden  ist, 
oder  Bestreichen  der  Stelle  mit  Honig  vermittelst  einer  Bleisoude  u.  ä. 
bringen  Rettung.^)  Die  Unterabteilungen  der  Anginen  =  Halsentzün- 
dungen (de  morb.  II  26  ff.)  sind  künstlich  ersonnen  und  gelten  bloss 
für  die  Anhänger  der  knidischen  Lehre.  Die  Behandlung  besteht,  da 
Blutstockungen  im  Halse  vorliegen  sollen,  in  Aderlass,  Abführen,  Nies- 
mitteln und  Diät.  Die  Lungenentzündung  {[rregijrtvevinovia)  wird  mit 
der  nkevolTig  mehrfach  zusammengeworfen,  de  loc.  in  hom.  14  besagt: 
„Wenn  sich  der  Fluss  nach  der  Brust  wendet  und  es  Galle  ist,  so  ... . 
befällt  die  Weiche  und  das  auf  der  Seite  der  Weiche  gelegene  Schlüssel- 
bein Schmerz,  es  stellt  sich  Fieber  ein,  die  Zunge  wird  oben  gelblich, 
und  der  Kranke  hat  einen  zusammengeballten  Auswurf.  .  .  .  Wenn 
beide  Seiten  schmerzen,  ...  so  ist  dieses  Lungenentzündung,  jenes 
Brustfellentzündung".  Der  Fluss  zieht  sich,  um  die  Entstehung  mit 
zu  berühren,  vom  Kopfe  nach  den  Bronchien  und  der  Lunge,  und  diese 
schwillt  infolge  des  Feuchtigkeitsgehalts  an.  Der  Schleimfluss  führt 
nun  zur  Vereiterung,  „Empyem",  und  der  Eiter  wird  entweder  aus- 
geworfen oder  lagert  sich  als  Herd  in  der  Lunge  oder  Brusthöhle  ab. 
Nach  der  knidischen  Lehre  von  de  morb.  int.  3  ff.  sind  Blut  und  salziger 
Schleim,  die  von  der  Lunge  herbeigezogen  werden,  die  Erreger  von 
eiternden  Tumoren  {(pv^iara)  in  der  Lunge.  Die  schaumigen  Oedem- 
massen  werden  mit  Spinnengeweben  verglichen  (de  morb.  int.  3  ff.). 
Hauptcriterium  ist  das  Aussehen  der  Zunge  (epid.  VII  6;  14 f.;  17; 
23).  Pleuritis  -)  ist  auch  eine  Folge  des  Auffallens  der  geschwollenen 
Lunge  auf  die  Seite  (Coac.  395).  Freilich  ist  Pleuritis  nicht  nur 
Brustfellentzündung,  sondern  Fieber  mit  Seitenstechen,  gewöhnlich 
leichtere  Fälle.  Sie  tritt  auf  nach  Traumen  und  Lungeneiterung; 
die  Prognose  richtet  sich  nach  dem  Auswurfe,  falls  nicht  Durchbruch 
nach  aussen  eintritt.  Die  Therapie  bei  Pneumonie  und  Pleuritis  ist 
ähnlich,  warme  Bäder  und  Güsse,  warme  Umschläge,  Einölen,  Diät. 
Chirurgische  Eingriffe  sollen  erst  nach  dem  7.  Tage  erfolgen:  Ein- 


')  Lurje,  Stud.  ü.  Chirurgie  der  Hippokratiker,  Dorpat  1890  S.  71. 

*)  von  Leyden,  Berl.  klin.  Wchschr.  1889  Nr.  29  wird  bezüglich  der  Aspiration 
der  Pleuraexsudate  widerlegt  von  Lurje  a.  a.  0.  78:  Wolff,  Die  Gesch.  der  PI.  mit 
bes.  Berücks.  d.  Ther.  u.  d.  Probepuuction.    Allg.  medic.  Central-Ztg.  1900  S.  277  ff. 
Verna,  Morborum  acutorum  pleuritis  juxta  Hippocratis  mentem,  Yenet.  1713. 


254  Robert  Fuchs. 

schneiden  nahe  dem  Zwerchfelle,  Brennen^)  am  Rücken,  allmähliches 
Abzapfen  des  Eiters,  Leinwand drainage.  Ebenso  helfen  Niesmittel, 
Eingiessen  scharfer  ßeizmittel  in  die  Lunge  (d.  i.  Luftröhre),  Husten 
erregende  Mittel,  fette  und  salzige  Speisen,  herber  Wein.  Das  Lungen- 
erysipel  (de  morb.  int.  7  u.  a.)  ist  unser  Alpenstechen.  Die  Aus- 
trocknung der  Lunge  wird  als  Ursache  angesehen.  Die  Phthisis  be- 
greift alles,  was  auf  Schwund  zurückgeführt  wurde,  namentlich  die 
Darre  (/nagaoinög)  und  die  Auszehrung  (cp-O-örj,  cp^ioig).  Die  Lungen- 
phthisis  ist  eitriger  oder  knotiger  (cpiina)  Natur,  auch  die  Folge  von 
Blutspeien,  verursacht  durch  den  Schleimkatarrh.  Die  Beschreibung 
ist  treffend  (de  morb.  II  48 f.;  epid.  III  5;  aph.  V  llff;  Coac.  426 ff.). 
Die  Therapie  gleicht  der  bei  Lungenentzündung.  Von  der  Uebertrag- 
barkeit  der  phthisis  pulmonum  sprechen  zuerst  Isokrätes  (Aegin.  14) 
und  Aristoteles  (s.  H  ä  s  e  r  Ig  174).  Das  Herz,  dessen  Hämmern  (ocpvy/nög) 
nur  bei  Krankheiten  beachtet  wurde,  aber  nicht  als  sonderlich  gefähr- 
lich galt,  ist  angeblich  vor  allen  Gebresten  immun  (Fuchs  I  427  A.  17). 
Kardialgie  bedeutet  nicht  etwa  „Herzweh",  sondern  „Weh  am  Magen- 
munde". 

Das  Steinleiden  war  so  verbreitet,  dass  sich  nach  dem  iusi.  die 
Aerzte  verpflichten  mussten,  das  niedrige  Geschäft  den  Lithotomen  zu 
überlassen,  wie  heute  noch  in  Griechenland  epeirotische  Bader  das 
Geschäft  besorgen.  Eine  andere  Auslegung  der  Stelle  ist  durchaus 
unstatthaft,  mag  auch  aph.  VI  18  jede  Verletzung  der  Blase  für  töt- 
lich  erklären.  Das  Leiden  entsteht  durch  den  Genuss  verschieden- 
artigen Wassers  (de  aere  aq.  loc.  12  f.).  Kinder  bekommen  Lithiasis 
durch  die  Amme  (de  morb.  IV  24).  4  Nierenleiden  kennen  die  Knidier 
(de  morb.  int.  14  ff.).  Danach  bewirken  Schleim  und  Galle,  besonders 
im  Sommer,  Nierenentzündung,  akute  und  chronische  Nieren abscesse, 
die  auch  Folgen  des  Steinleidens  sein  können,  mit  Durchbruch  des 
Eiters  nach  Blase,  Bauchhöhle  oder  Darm  (aph.  VII  36).  Ist  eine 
Geschwulst  erkennbar,  so  ist  in  der  Richtung  der  Niere  einzuschneiden 
und  der  Eiter  abzulassen ;  ausserdem  reiche  man  urintreibende  Mittel. 
Die  akute  Cystitis  der  Knaben  und  Greise  gilt  für  schwer  heilbar  (aph. 

VI  6;  Fuchs  I  121  A.  6).  ipioga  (Krätze)  oder  /JrtQa  der  Blase  be- 
deuten chronischen  Blasenkatarrh.  Bei  jeder  Verschwärung  (ß?,xwoig) 
der  Blase  geht  kleienartiger  Bodensatz  unter  Schmerzen  mit  ab  und 
riecht  der  Urin  nach  Ammoniak  (de  nat.  hom.  15 ;  aph.  IV  75  ff.).  Der 
den  Indern  bereits  bekannt  gewesene  Diabetes  mellitus  ist  den  Hippo- 
kratikern  noch  fremd.  An  den  männlichen  Geschlechtsorganen  be- 
obachteten die  Koer  und  Knidier  folgende  Krankheiten :  metastatische 
Hoden geschwulst  bei  Fieber  (epid.  II  2,  7),  bei  Husten,  also  wohl 
Hernien  (II  1,  6  ff.),  Hydrocele  und  Varicen  der  Hoden  (de  aere  aq. 
loc.  12  ff.),  Geschwüre  und  Feigwarzen  (t9ü«/a),  d.  i.  spitze  Kondylome, 
am  Präputium  (de  vuln.  et  ulc.  14  =  Fuchs  III  292  A.  43 ;  ebda,  das 
Rezept:  Matiicaria  parthenium  L.)  und  möglicherweise  Tripper  (aph. 

VII  57). 

Von  den  Nervenleiden  wurde  die  Phrenitis  schon  abgethan. 
Auch  bei  diesen  Krankheiten  ist  der  Schleimfluss  aus  dem  Gehirne 
die  Ursache,  und  sie  wollen  nicht  weichen,  weil  die  „trocknen"  Nerven 
die  Feuchtigkeit  nicht  ertragen  mögen  (de  loc.   in  hom.  4).    Daher 


^)Moldenhawer,   De   varia  iTstionem   adhibendi  ratione  apud  Hippccratem, 
Berol.  1818. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  255 

erklärt  sich  die  Bösartigkeit  der  Apoplexie  und  Paraplegie,  der  Spasmen 
und  Konvulsionen,  ^)  des  Tetanus  und  Opisthotonus,  der  Eückenmarks- 
darre,  des  Hüftwehs, -j  des  Rheumatismus  ^l  und  der  bloss  örtlich  ver- 
schiedenen Gichtarten.  Auch  die  Atrophie  infolge  von  Lähmung  ist 
bekannt.  Der  in  de  morbo  s.  verhöhnte  Aberglaube  bezüglich  der 
,heiligen  Krankheit',  Lrdr^iLnpia  oder  hg^  vovoog.  hat  lediglich  kultur- 
historisches Interesse.  „Schuld  ...  ist  das  Gehirn"  (6),  die  schleimige 
Konstitution  der  Frucht  wie  des  lebenden  Individuums.  Der  Schleim 
sperrt  den  Adern  die  Luft  ab.  und  so  entsteht  Stimmverlust,  Ohnmacht, 
Krampf  der  Hände,  Augenverdrehung  u.  s.  w.  Bei  Kindern  ist  Heilung 
selten  möglich,  bei  Erwachsenen  unter  Umständen  durch  die  Behand- 
lung zu  erhoifen.    Sie  besteht  in  trocken  machender  Diät. 

22.  Wunden,  Geschwulste,  Hernien,  Hämorrhoiden,  Fisteln,  Parasiten, 
kachektische  Zustände,  Hautleiden. 

„Wenn  bei  einem  Blase,  Gehirn,  Herz,  Zwerchfell,  Dünndann, 
Magen  oder  Leber  verwundet  ist,  so  ist  es  tötlich'',  lehrt  aph.  VI  18 
(vgl.  24),  und  Gehirn,  Rückenmark,  Magen  und  eine  zu  Blutfluss 
neigende  Ader  fügt  de  morb.  I  3  hinzu ;  bei  Verletzung  dicker  Sehnen 
und  der  Muskelköpfe  erfolgt  unheilbare  Lähmung.  Penetrierende 
Brustwunden  sind  wegen  des  Einströmens  von  Luft  fast  stets  tötlich. 
Vorschriften  für  die  Behandlung  sind  nach  de  vuln.  et  nie. :  Venneidung 
der  Anfeuchtung,  ausgenommen  mit  Wein,  und  des  Verbandes,  be- 
schränkte Nahrungsaufnahme,  Herbeiführung  raschen  Eiterns,  Aus- 
trocknung, Blutenlassen  der  Wunde,  wenn  nötig,  nach  vorheriger  Er- 
weiterung und  Einschneidung  der  Ränder,  Aufschläge  auf  die  LTm- 
gebung  und,  nach  Verharschung,  auf  die  Wunde  selbst.  Abführen.  Kap. 
11  ff.  bringen  das  Rezeptformular  für  alle  Wundarten  und  verordnen 
u.  a.  Wollkraut.  Asphaltklee,  Feigen-  und  Olivenblätter,  Andorn, 
Keuschlamm,  Malve,  Raute,  Leinsamen,  Färberwaid,  Linsen,  Olivenöl, 
Fette,  Harze,  Mehlbrei,  Honig,  Rindsgalle,  Weihrauch  und  Myrrhe, 
Essig,  Alaun,  Kupferblüte,  Kupfervitriol,  Ofenbruch,  Bleiglätte,  Grün- 
span, Soda,  Realgar,  Auripigment  und  das  sog.  „schwarze  Wuudmittel" 
(a.  a.  0.  12).  „Hernien^)  {Qrj^ig,  später  x?;ÄrJ  ...  in  der  Schamgegend 
sind  meistenteils  für  den  Augenblick  ungeiährlich.  Brüche  ein  wenig 
oberhalb  des  Nabels  und  auif  der  rechten  Seite  sind  schmerzhaft  und 
verursachen  Unruhe  und  Koterbrechen  ...  Sie  entstehen  .  .  .  durch 
einen  Schlag  oder  eine  Zerdehnung  oder  durch  den  Sprung  eines  anderen 
auf  den  Leib"  (epid.  II  1,  9).  Hämorrhoiden  (de  haemorrh.)  ent- 
stehen durch  Festsetzung  von  Galle  oder  Schleim  in  den  Blutadern 
am  After,  Erhitzung  und  Anschoppung  des  herbeigezogenen  Blutes  und 
Geschwulstbildung.  Die  Operation  besteht  im  Ausbrennen  mit  7 — 8 
Stück  22  cm  langen  Sonden,  deren  Ende  umgebogen  ist  und  eine 
Abplattung,  viel  kleiner  als  ein  silbernes  20-Pf-Stück,  trägt,  und  zwar 
muss  man  alle  Knoten  völlig  wegbrennen.    Der  Patient  soll  gehalten 


^)  Nebel,  Commeutatio  in  Hippocratis  doctrinam  semioticam  de  spasrais  et 
convulsionibus,  Marburg-i  1791. 

*)  Landsberg,   Ueb.  d.  hippokratische  Behandig.  der  Ischias.    Janus  N.  F.  I. 

*)  Saalmann,  Descriptio  rheumatismi  acuti  etc.,  Monasterii  1789. 

*)  Albert,  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Chir.  2.  Heft,  Wien  1878:  „Die  Hemiologie 
d.  Alten";  Gyergyai  berichtigt  Sprengel  bei  Eohlfs,  Deutsch.  Archiv  f.  Gesch.  d. 
Medic.  u.  med.  Geogr.  III  1880  S.  321  ff. 


256  Robert  Fuchs. 

werden  und  schreien,  damit  die  blassen,  weinbeerkernähnlichen  Knoten 
hervorspringen.  Dann  wird  Linsen-  oder  Ervenbrei,  später  ein  mit 
Honig  bestrichener  Schwamm  eingeführt  und  durcli  Bauchbinde  fixiert, 
mindestens  20  Tage  lang;  Nahrung:  Mehlbrei,  Hirse,  Kleienabsud, 
Wasser.  Man  kann  auch  die  güldene  Ader  wegschneiden  und  Adstrin- 
gentien  auflegen  oder  bei  der  Untersuchung  dem  Ahnungslosen  die 
Knoten  mit  dem  Finger  abreissen.  Weit  oben  sitzende  „Feigwarzen" 
=  Mastdarmpolypen  sucht  man  mit  dem  Spiegel  (xaroTtTijg)  auf.  Schutz 
gegen  Verbrennen  beim  Einführen  des  Eisens  gewährt  ein  Metallrohr. 
Als  trockene  Haut  fällt  der  Knoten  ab,  wenn  man  ihn  mit  Zäpfchen 
aus  Myrrhe,  Galläpfeln,  Alaun,  Schusterschwärze  u.  s.  w.  beizt  oder 
eine  Durchnähung  {dvaQfjdntnv)  vornimmt.  Fisteln  am  After  ent- 
stehen durch  Quetschung  und  Geschwulst,  Rudern  und  Reiten,  weil 
dadurch  das  Blut  in  die  Weichteile  getrieben  wird,  fault  und  eine 
Höhle  bildet.  Man  hat  die  Geschwulst  sofort  zu  öffnen,  ehe  der  Fistel- 
gang zum  After  vorgerückt  ist.  Die  Tiefe  der  Fistel  wird  mit  einem 
Knoblauchstengel  gemessen.  Der  durch  Fasten  und  Liebstöckel- 
auszug (?)  vorbereitete  Patient  wird  in  Bauchlage  gebracht,  dann 
zieht  man,  nach  der  Speculumuntersuchung,  mit  Hilfe  des  Knoblauch- 
Stengels  und  eines  Fadens  eine  mit  Thalwolfsmilchsaft  und  Kupfer- 
blüte gesättigte  Linnenwieke  von  aussen  nach  dem  After  hin  ein. 
Die  eingepasste  Wieke  wird  durch  einen  Hornzapfen  festgehalten, 
nachdem  der  Anus  mit  Walkererde  eingerieben  ist.  Arii  6.  Tage  ätzt 
man  mit  Alaun-  und  Myrrhen  Zäpfchen.  Aehnlich  ist  die  Behandlung 
mit  Flachsfäden,  Schwamm,  Bleistäben.  Auch  Spülungen  mit  Aetz- 
mitteln,  die  in  eine  Blase  mit  Federkielmündung  gefüllt  werden,  sind 
rätlich.  Der  vorgefallene  After  wird  mit  einem  Schneckenbreie  be- 
strichen, während  der  Patient  an  den  Füssen  aufgehängt  ist.  Andere 
Mittel,  die  durch  Zapfen  und  Gurte  fixiert  werden,  sind  in  de  fist.  be- 
schrieben. Von  Parasiten  begegnen :  Bandwürmer  {ek/mvO-eg  TilaTtlai), 
als  deren  Glieder  die  sonst  irrtümlich  für  ihre  Jungen  gehaltenen 
gurkenkernähnlichen  Entleerungen  zu  gelten  haben  (de  morb.  IV  23) ; 
Spulwürmer  (e.  aiQoyyvlai  =  rund),  Springvvürmer  (do/.aQldec\  de  morb. 
mul.  II  78  =  Fuchs  III  570  A.  146).  Kachektische  Zustände 
sind  zunächst:  der  Kropf  (yoyyQwvrj),  die  Skrofeln  {xoiqdg  =  Ferkel- 
geschwulst), die  Krebse  (aniQQog  harter  K.,  xag-Atvog  oder  y.aQxlpiofia  == 
offener  K.,  /.gv/tTog  x.  =  tiefliegender  Krebs,  d/.QÖ!ca0^og  /..  =  Ober- 
flächencarcinom).  Öcculte  Carcinome  dürfen  nicht  exstirpiert  werden, 
weil  das  stets  baldigen  Tod  zur  Folge  hat.  Die  Wassersucht, 
vögcüip,  vdeoog,  entsteht  durch  vieles  Trinken  Die  Lunge  entsendet 
von  dem  Getränküberschusse  nach  der  Brust,  es  entsteht  Hitze,  und 
das  Fett  schmilzt  (de  morb.  int.  23).  Andere  Ursachen  sind  Ge- 
schwülste in  der  Lunge  =  Hydatiden ;  Schleimüberfluss  {levxov  (pUyj.ia 
=  weisser  Schleim;  de  äff.  22);  Hämorrhagie  (epid.  VI  4,  9);  Milz- 
und  Leberleiden,  Ruhr  und  Lienterie  (de  äff.  22).  vögwip  und  vöegog 
sind  meist  Ascites,  o'iöi]i.ia  und  vöq.  vTtooaQy.iÖLog  =  Anasarka,  cpläyf-ia 
Xsvy.öv  =  Oedem,  Anasarka,  allgemeine  schleimige  Kakochymie,  viel- 
leicht auch  Hautemphysem;  vdo.  ^r^gög  =  Trommelsucht  (aph.  IV  11; 
bei  mir  I  93  A.  11;  Littre  IV  415  ff.).  Succussion  und  Auflegen  von 
Thonerde  als  diagnostische  Mittel  sind  schon  besprochen.  Das  Heil- 
verfahren besteht  in  abführenden,  trocknenden  Arzneien,  Uebungen, 
Spaziergängen,  Paracentese  (a.  a.  Ö.).  Bei  Schenkelödem  und  Scrotal- 
hydrops  werden  die  entsprechenden  Adern  geöffnet  (de  morb.  int.  23 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  257 

Schluss).  Ueber  die  Hauterkraiikungen,  Geschwüre  und  Geschwülste 
zu  sprechen,  ist  bei  der  Reichhaltigkeit  der  Terminologie,  der  Arm- 
seligkeit der  Forschungsergebnisse  und  dem  Wortreichtum  der  streiten- 
den Parteien  nicht  rätlich.  Gruppen  und  Deutungen  haben  folgende 
Spezialisten,  allerdings  unter  steten  Vorbehalten,  versucht:  Bären- 
sprung, Die  Hautkrankheiten,  Erlangen  1859;  Idzerda,  Specimen 
medicum  inaugurale  continens  doctrinam  de  morbis  cutaneis  secundum 
Hippocratem,  Gronningae  1836;  Janovsky,  Beiträge  z.  Gesch.  der 
Dermatologie  I  bei  Rohlfs  (s.  Anm.  4)  VIII  1885  S.  60  ff.  Doch  darf 
soviel  als  ausgemacht  gelten,  dass  die  Hippokratiker  1.  ffv/nara  =  „Ge- 
wachsenes", d.  i.  „alle  auf  oder  unter  der  Haut  entwickelten  Beulen 
oder  Geschwülste,  die  allmählich  in  Eiterung  übergehen",  und  darunter 
phlegmonöse  Abscesse  {(pvyed-la),  2.  Iotvol  =  IottoL  =  Schuppen 
{Xijtqa,  Xeiyriv,  TtiTVQiaaig),  3.  s^avd-riuara  kh/MÖsa  ==  nässende  Aus- 
schläge, u.  a.  Wachsgeschwülste,  Favus  oder  Kopfgrind  {xrjQiov),  im- 
petiginöse  Ekzeme  (?  axcog)  und  pustulöse  und  vesiculöse  Ausschläge 
(cpXvATaiva,  cp),vKzaivig,  rpiv^dxiov,  ipvögdKiov)  unterschieden  haben. 
Zudem  sind  glaubhaft  aufgewiesen  Anthrax,  €Q7rr]g  ia&i6j.ievog  = 
fressende  Geschwüre  einschliesslich  Herpes,  ipd)Qa  =  chronische  exsu- 
dative Dermatosen,  Vitiligo  {&lfp6(;,  lev-Kv,  ?).  ^)  Nach  den  Ursachen 
scheidet  Idzerda  mit  Recht:  Verunstaltungen,  idiopathische  Haut- 
veränderungen und  Ablagerungen  {dtTTÖaiaoig);  seine  Feststellungen 
von  Purpura,  Miliaria  und  Erythem  sind  gleichfalls  unwidersprochen 
geblieben. 

22.  Chirurgie,  Frakturen,  Luxationen,  Muskelschäden  und  Amputation. 

t.  Genga,  Erläut.  der  Chirurg.  Lehrsätze  des  H.  Aus  d.  Ital.  von  Hunczoicsky, 
Wien  1777.  —  2.  von  Gesscher,  Die  Wundarzneykunst  des  H.  Aus  d.  Holland., 
Hildburgh.  1795.  —  3.  Guerhois,  La  chir.  d'Hippocrate  extraite  de  ses  aphorismes 
etc.,  Paris  1836.  —  4.  K-ühlewein,  Die  chir.  Schriften  des  H.,  Jahresh.  ü.  d.  Kgl. 
Klosterschule  zu  llfeld  Ostern  1898,  Kordhaus.  1898.  —  5.  lAttre  III  338  ff.;  IV 
Iff.  —  6.  Lurje,  Studien  iL  Chir.  der  Hippokratiker,  Dorpat  1890.  —  7.  Mal- 
gaigne,  Eecherches  historiques  et  pratiques  sur  les  appareils  employes  dans  le  traite- 
ment  des  fractures  en  general  depuis  Hippocrate  etc.,  Paris  1841.  —  8.  Petrequin, 
Chirurgie  d'Hippocrate,  2  Bb.,  Paris  1877 ;  Vues  nouvelles  sur  la  chir.  d'Hipp., 
Anvers  1864;  ßulletin  de  therapie  1864. 

Auf  die  hochentwickelte  Chirurgie  der  Hippokratiker,  die  aus 
jahrhundertelanger  Arbeit  die  staunenerregende  Summe  zieht,  ist 
schon  öfter  ein  Streiflicht  gefallen,  so  in  den  Abschnitten  über  ärzt- 
liche Werkstätten  und  über  Therapie.  Es  wird  daher  genügen,  nach 
G  u  r  1 1  s  -)  vollständiger  und  zutreffender  Vorlage  hier  die  Instrumente 
jener  Zeit  zusammenzustellen,  deren  Verwendung  ja  keine  andere  sein 
konnte  als  in  heutiger  Zeit.  Die  Sonde,  i^ioxög  (auch  Wundeinlage 
von  Zinn  oder  Charpie)  oder  jUtJA?;,  gdßöog,  bestand  aus  Zinn,  Blei  oder 
Kupfer  und  war  glatt  oder  gebogen,  solid  oder  hohl,  auch  mit  Knopf, 
Spatel  (vTtdlsiTtTQov)  oder  Oelir  (reiQr^/^ievrj,  ^ir]lioT[Q]ig)  versehen.  Sie 
wurde  bei  Fisteln  durch  einen  Knoblauchstengel  ersetzt.  Das  Messer 
(af-ulrj)  erscheint  als  Lanzette  oder  Bistouri  {f.iaxaiQig,  /naxaiQiov),  als 
Konvexbistouri  (arr^d-oeidr^g  u.)  oder  Spitzbistouri  (d^vßelrjg  i-i.).  Das 
7iami]Qiov   oder   Glüheisen,   auch    aidiJQia  =   Eisenstäbchen   benannt, 

^)  So  Bärensprung  und  Janovsky. 

®)  Gesch.  d.  Chir.  u.  ihrer  Ausübung  u.  s.  w.,  Berl.  1898, 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  1  • 


258  Robert  Fuchs. 

wird  durch  Holzspindeln,  die  in  siedendes  Oel  getaucht  sind,  und 
durch  Lampendocht  manchmal  wirksam  ersetzt.  Zum  Schaben  dient 
das  Easpatorium,  ^vottiq.  Schädelbohrungen  werden  mit  dem  xQvjtavov 
=  Perforationsbohrer  oder  jvqIiov  xagavirög  ==  Sägetrepan  (Krontrepan  ?) 
vorgenommen.  Als  Kanülen  finden  sich  ovQiyyeg  und  avliGxoi  erwähnt. 
Der  Mastdarmspiegel  (;mro7izi]Q)  ist  bei  Hämorrhoiden  und  Fisteln  un- 
entbehrlich. Bei  Polypen  legt  man  den  Geissfuss  {xr]li])  unter.  Zum 
Schröpfen  nimmt  man  gl-avui,  zum  Einblasen  von  Luft  und  zum  Ein- 
spritzen Blase  und  Federkiel  {^vatig  und  titeqöv).  Die  Zahnzange 
{ööovTccyQcx)  und  die  Zäpfchenzange  {oTacpvMyqa)  werden  als  bekannt 
vorausgesetzt.  ^) 

Die  Knochenbrüche,  ayfxoi,  werden  in   de  fract.  meisterhaft  ab- 
gehandelt.   Die  Einrichtung  muss  in  natürlicher  Haltung  erfolgen  und 
kann  durch  Pronation  und  Supination  unterstützt  werden.    Schwierig 
wird  die  an  sich  leichte  Behandlung  lediglich  durch  den  Unverstand 
der  Aerzte;   der  Laie  übertrifft   sie  an  Einsicht,   denn  er  bietet  das 
verletzte  Glied  von  selbst  in  der  richtigen  Lage  dar.    Die  „akademische 
Pose'"  (Petrequin  II  104)  ist  nicht  die  uns  geläufige,  also  Supination 
des  herabhängenden  Armes,   sondern   die  rechtwinklige  Beugung  in 
Mittellage  zwischen  Pronation   und  Supination.    Da  diese  Grundlage 
vor  Petrequin  unbekannt  war,  sind  nur  dessen  Erläuterungen 
brauchbar.    An  den  oberen  Extremitäten   ist  der  Bruch  der  Speiche 
leichter  zu  heilen  als  der  der  Elle,  weil  eine  massige  Streckung  aus- 
reicht.   Die  Einrichtung  erfolgt  mit  den  Ballen,  dann  trägt  man  etwas 
Wachssalbe  auf,  lässt  die  Hand  etwas  über  Ellenbogenhöhe  halten, 
bringt  den  Kopf  der  Binde  auf  die  Bruchstelle,  wickelt  2—3  Touren 
nicht  zu  fest,  aber  auch  nicht  zu  lose  und  verteilt  die  übrigen  Lagen 
so,  dass  der  Blutzufluss  abgeschnitten  wird.    Die  zweite,  längere  Binde 
kommt  mit  dem  Kopfe  auf  den  Bruch,  man  geht  einmal  herum  und 
verteilt  die  übrigen  Lagen  nach  unten  zu,  wobei  man  immer  weniger 
anzieht  und  die  Abstände  weiter  nimmt,  damit  die  Binde  dahin  zurück- 
kehre, wo  die  erste  endigt.    Ob  man  links  oder  rechts  herum  wickelt, 
hängt  davon  ab,  nach  welcher  Richtung  hin  die  Natur  des  Bruches 
einen  kleinen  Ausschlag  des  Verbandes  wünschenswert  macht.    Darauf 
kommen  mit  etwas  Wachssalbe  bestrichene  Kompressen  rund  um  die 
Bruchstelle  herum  und  dann  wieder  Binden  abwechselnd  nach  links 
und  rechts  herum.    Eine  gleichmässige  Höhe  soll  erst  am  Ende  der 
Wickelung  erreicht  sein.    Einige  lockere  Touren  kommen  um  die  Hand- 
wurzel.  Ob  die  Binden  kunstgerecht  liegen,  entscheidet  die  Aussage  des 
Patienten,  dass  der  Verband  anliege,  aber  nicht  drücke.    Am  nächsten 
Tage  muss  eine  kleine  weiche  Geschwulst  an  der  Hand  entstanden  sein, 
dann  muss  der  Patient  das  Gefühl  allmählicher  massiger  Lockerung 
haben.    Am  3.  Tage  muss  der  Arzt  den  Verband  erneuern  und  etwas 
mehr  anziehen,  von  der  Bruchstelle  aus   allmählich  mehr  nachgebend. 
Späterhin  sind   die  Binden  zu  vermehren.    Am   7.  Tage  ist  die  Ge- 
schwulst verschwunden  und  die  Zusammenpressung  nötigenfalls  sorg- 
fältiger vorzunehmen,   dann   wird   wiederum  eingebunden  und  einge- 
schient.   Immer  nach  3  Tagen  werden  die  Schienen  etwas  fester  an- 
gebunden.    In    30  Tagen    etwa    ist    die    Festigung   der   Bruchstelle 
erreicht.    Nach  jedesmaligem  Lösen  sind  Güsse  angezeigt.    Die  Diät- 
vorschriften sind :  etwas  weniger  Nahrung,  weiche  Zukost,  kein  Wein, 

^)  Einige  nur  in  der  Geburtshilfe  augewandte  Instrumente  s.  daselbst. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  259 

kein  Fleisch,  später,  nach  etwa  10  Tagen,  allmählich  kräftigere  Kost ! 
(1.  Abschnitt).  Nach  diesem  Muster  verfahrt  man  bei  Brüchen  des 
Oberarms  (8)  und  der  unteren  Extremitäten  (9  ff.).  Die  Einrichtung 
wird  je  nachdem  unterstützt  durch  den  erhöhten  Sitz  des  Verletzten, 
durch  hebelartige  Stöcke  mit  Kissenbelag,  Schemellehnen,  weiche  Leder- 
riemen, die  mit  Gewichten  beschwert  sind,  mörserkeulenartige  Holz- 
stäbe, die  in  eine  eingegrabene  Eadnabe  eingesetzt  werden,  eiserne 
Hebel  von  der  Art  der  Brecheisen,  lederne  Ringe,  am  Bette  gestützte 
Balken  u.  s.  w.,  wie  das  in  meiner  Ausgabe  erläutert  und  durch 
Petrequin  in  Bildern  veranschaulicht  ist.  Zur  Lagerung  der  Beine 
werden  Unterlagen  und  Rinnen  (atüXrjv  =  gouttiere)  benutzt,  für  den 
Arm  Tragbinden  (15  f. ;  22).  Der  Autor  behandelt  dann  Kap.  24  ff. 
die  komplizierten  Knochenbrüche,  bei  denen  Fleischwunden  zu  heilen 
sind  und  Knochenzersplitterung  und  -Abstossung  vorliegt.  Die  Luxa- 
tionen werden  in  de  artic.  rep.  geschildert,  zunächst  die  Verrenkung 
und  Einrichtung  des  Schultergelenks  mit  Hilfe  der  Hand,  der  Ferse, 
der  entgegengestemmten  Schulter  des  Arztes,  des  mörserkeulenförmigen 
Pfahls  (vTt€Qov),  der  Leiter,  der  ciußr^  oder  „Bank"  (eines  Einrichte- 
brettes, an  welchem  das  Glied  befestigt  wird,  weil  mit  dessen  Hilfe 
mannigfaltige  Hebelwirkungen  entfaltet  werden  können;  Kap.  7  vgl. 
mit  Fuchs  III  164  A.  49),  des  thessalischen  Stuhles  mit  hoher  Lehne 
oder  der  Querleiste  einer  zweiteiligen  Thür  (7  a).  Auf  allerlei  nütz- 
liche Winke  folgen  die  Vorschriften  für  Einrichtung  des  luxierten  und 
gebrochenen  Akromion  (13  ff.),  der  luxierten  Elle  (17  ff.),  der  Hand 
und  Finger  (26  ff.),  des  verrenkten  oder  gebrochenen  Unterkiefers 
(30  ff.).  Im  letztgenannten  Falle  bildet  die  gestörte  Zahnsymmetrie 
das  Indicium;  die  Zähne  werden  nötigenfalls  durch  Goldfäden  oder 
Zwirn  zusammengebunden.  Nasenbrüche  und  -Quetschungen  (35  ff.) 
werden  durch  eine  besondere  Plastik  beseitigt,  dann  folgen  die  Be- 
schädigung des  äusseren  Ohrs  (40),  die  Rückgratsverkrümmungen 
infolge  von  Krankheit  {(pv^iata  =  Tuberkeln)  und  Trauma  \)  (41  ff.), 
der  Rippenbruch  (49)  und  die  Quetschung  des  Thorax  (50).  die  Ober- 
schenkelluxationen  (51  ff.),  die  verschiedenen  Arten  der  Krummfüssig- 
keit  (62):  -/.vllog  oder  Qaißög  =  Knie  oder  Fuss  nach  innen,  ßlaiuög 
=  Knie  oder  Fuss  nach  aussen.  Bleisohlen  nach  Art  chiischer  Schuhe, 
Halbschuhe  (TtrjloTrdttdeg  =  Lehm  treter)  oder  kretisches  Schuhwerk 
erleichtern  die  Heilung.  Komplizierte  Luxationen,  d.  i.  mit  Durch- 
bohrung der  Weichteile  (63  ff.),  Lehren  über  Ablösung  ganzer  Knochen 
(68),  über  Gangrän,  Absetzung  (69),  Einrichtung  von  Extremitäten 
und  allgemeine  Vorschriften  bilden  den  Schluss,  Gelenkversteifung 
{äy-Avltoaig)  und  „Wieselarmigkeit"  {yaXidyy.tov)  sind  ebenfalls  den 
Chirurgen  geläufig  (Littre  IV  8ff ;  Fuchs  II  256  A.  11;  III  139 ff.). 
Verletzungen  des  Schädels,  dessen  genaue  anatomische 
Beschreibung  de  cap.  vuln.  1  ff.  in  meisterhafter,  bis  Petrequin 
unvollständig  begriffener  Weise  gegeben  wird,  sind  entweder  zu  be- 
zeichnen als  Riss  (Fissur)  mit  Quetschung  der  Weichteile,  Knochen- 
quetschung ohne  Bruch  oder  Lageveränderung,  Eindrückung,  Eindruck 
oder  Knochenwunde  ohne  Verlagerung  (töga),  Kontrafraktur,  also 
5  Arten,  wozu  die  Komplikationen  treten.    Es  kommt  zur  Bohrung 


')  Die  Wiederauffrischung'  der  hippokratischeu  Höckerbeseitigung  durch  Calot 
(Heusner,  Deutsche  mediz.  Wchschr.  1897  Nr.  48)  habe  ich  III  128  A.  33  ange- 
zogen. 

17* 


260  Robert  Fuchs. 

(TCQiaig,  Sägen,  Trepanation)  bei  Quetschungen  und  Brüchen  und  deren 
Komplikationen,  seltener  bei  Eindrückungen.  Schwer  erkennbare  Risse 
u.  s.  w.  werden  sichtbar,  wenn  man  die  Wunde  erweitert  und  läng- 
lich gestaltet  und  den  Knochen  mit  „dem  schwarzen  Mittel"  über- 
giesst,  vielleicht  mit  dem  von  de  vuln.  et  ulc.  12.  Die  Schläfengegend 
darf  man  nicht  anschneiden  wegen  der  sonst  auftretenden  Krämpfe 
ex  contrario.  Wird  der  Schaden  auch  so  nicht  sichtbar,  so  muss  man 
den  Schaber  (^vot-^q)  anwenden.  Die  Trepanation  hat  darauf  zu  er- 
folgen, jedoch  vor  Ablauf  von  3  Tagen  nach  der  Verwundung.  Sowohl 
die  blossgelegte  Hirnhautstelle,  als  auch  die  ganze  Wunde  müssen, 
damit  sie  nicht  fungös  werden,  rasch  ausgetrocknet  d.  i.  zur  Ver- 
eiterung gebracht  werden;  dann  kommen  gesunde  Granulationen  an- 
statt wilden  Fleisches  zu  stände.  Nach  Besprechung  der  Prognose 
und  allerlei  Einzelheiten  wird  (21)  die  Bohrung  selbst  also  beschrieben: 
man  bohre  nicht  gleich  bis  zur  dura  mater,  lasse  vielmehr  den  Knochen 
sich  selbst  lösen,  man  ziehe  wegen  der  Erhitzung  des  Knochens  den 
Trepan  wiederholt  heraus  und  tauche  ihn  in  kaltes  Wasser.  Hat  man 
die  Behandlung  nicht  von  Anbeginn  gehabt,  so  muss  man  mit  dem 
gezähnten  Schädelbohrer  sofort  bis  auf  die  Hirnhaut  bohren  unter 
häufigem  Herausziehen  und  Untersuchen  mit  der  Sonde. 

Muskelzerreissungen  (Qrjy^ara)  oder  -Zerrungen  {andof-iaTcc) 
wurden  aus  theoretischen  Gründen  vorausgesetzt  bei  Brustfellentzün- 
dungen (Coac.  376 ;  Erm.  I  p.  XXXI).  Aederchen  werden  leicht  durch 
körperliche  Anstrengungen,  Schlag  u.  ä,  zerrissen  (de  morb.  I  20). 
Zerrungen  in  den  Adern  oder  Weichteilen  haben,  wenn  sie  heftig  sind, 
Vereiterungen  zur  Folge;  sind  sie  schwächer,  so  treten  langwierige 
starke  Schmerzen  auf  (a.  a.  0.;  aph.  VI  22  vgl.  m.  Gal.  XVIII,  I  34). 
Die  angezogene  Feuchtigkeit  wird  schliesslich  abgestossen  und  er- 
weckt dadurch  den  Anschein,  als  wenn  die  Ruptur  verlegt  wäre ;  doch 
das  ist  eine  Täuschung. 

Eine  wirkliche  Amputation  findet  sich  nicht  erwähnt.  Der 
Arzt  hat  so  lange  zu  warten,  bis  der  Brand  {ocpd/.elog,  ydyyQaiva, 
fxelaaf.ia)  an  einem  Gelenke  Halt  macht.  Alsdann  wird  das  Erkrankte 
abgetragen  unter  peinlicher  Schonung  des  Gesunden,  damit  keine  Ohn- 
macht eintrete.  Blutungen  endlich  werden  gestillt  durch  Adstrin- 
gentia {GTvnTLy.d\  Kälte,  Elevation,  Durchschneiden  oder  Durchbrennen 
der  blutenden  Gefässe,  Tamponade  und  Verband,  ^)  nicht  Unterbindung. 

In  der  Chirurgie  haben  die  Hippokratiker  Grosses  geleistet,  soweit 
nicht  Anatomie  und  Angiologie  die  Voraussetzung  bildeten.  Ihre 
Haupt  Verdienste,  und  zwar  nach  menschlicher  Voraussicht  die  des 
Meisters  selbst,  liegen  auf  dem  Gebiete  der  Frakturen,  Luxationen, 
der  Trepanation,  Paracentese,  Empyemoperation  und  Hämorrhoiden- 
und  Fistelbehandlung. 

23.  Ophthalmologie,  Otologie,  Rhinologie,  Zahnheilkunde  und 

Psychiatrie. 

1.  Andreae,  Augenheilkunde   des  S.,   Magdeh.  1863.   —    2.  Harras,   Die 

hippokratische  Augenheilkunde,  Diss.,  Erlang.  1897.  —  3.  Hirschberg,  Berl.  Min. 
Wchschr.  1885  Nr.  23;  1896  Nr.  8;  Centralbl.  f.  Augenheilk.  1885;  Wörterh.  der 
Augenheilk.;   Gesch.   d.   Augenheilk.   hei    G-raefeSaemisch,    Handb.    d.    gesamt. 

')  Lurje  17 f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  261 

Au^enJieilk.,  2.  Auf.,  Leipz.  1899.  —  4.  3Ifignus,  Die  Gesch.  d.  grauen  Staares, 
Leipz.  1876;  Arch.  f.  Ophth.  XXIII;  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  1, 
Leipz.  1878  S.  43 ff.;  D.  Anat.  d.  Auges  h.  d.  Griech.  u.  Rom.,  Leipz.  1878:  Die 
antiken  Büsten  d.  Homer,  1896;  Augenärztl.  Unterrichtstafeln  Heft  XX  =  Die 
Anat.  d.  Auges  in  ihr.  geschichtl.  Enttcickelg.,  Brest.  1900;  Die  Augenheilkunde  der 
Alten,  Breslau  1901.  —  5.  Sichel,  Annales  (Voculistique  VI  1842  S.  216  ff. ;  s.  auch 
Fuchs  III  316  ff.  die  Anmerkungen.  —  6.  Körner,  hie  Ohrenheilk.  des  H.,  Wies- 
baden 1896.  —  7.  JBaldeiveiUf  Die  Bhinologie  d.  H,  Diss.,  Wiesbaden  1896.  — 
8.  Ahonyi,  Die  Zahnheilkunde  im  Zeitalter  des  H,  Janus  V  1900  S.  12 ff.;  Die 
Z.  im  Zeit.  d.  H,  Wien,  zahnärztl.  Wchschr.  1899  Nr.  9  ff.  —  9.  Geist-tTacohi^ 
H.  über  Zahnheilk.  Zahnärztl.  Wchblatt.  1894  S.  385  f.;  Hipp,  über  Z.  Correspondenz- 
blatt  f.  Zahnärzte  XXXIII  Heft  4.  —  10.  Döring,  Hippocratis  doctrina  de  deliriis, 
Diss.,  Marburgi  1790.  —  11.  2ffi88e,  De  insania  commentatio  secundum  libros  Hippo- 
craticos,  Diss.  Lips.,  Bonnae  1829. 

In  den  ausgezeichneten  Büchern  von  Hirschberg  und  Magnus 
sind  geradezu  alle  Streitfragen  der  hippokratischen  Ophthalmologie 
verabschiedet.  Deshalb  schliesse  ich  mich  ihnen  möglichst  an.  Die 
Kenntnis  vom  Baue  des  Auges  war  keine  eingehendere,  als  man  sie 
durch  äusserliche  Betrachtung  gewinnt.  Auch  de  carne  17  scheint 
nur  von  zufällig  ausgelaufenen  Menschen-  und  Tieraugen  zu  handeln. 
Es  bezeichnet  dcp^a).(^og  meist  das  Auge,  ö.w//a  meist  den  Augapfel, 
oxpig  das  Sehloch,  die  Iris,  die  Sehkraft  und  selten  den  Augapfel,  /o'^»; 
die  Pupille,  to  (.iümv  die  Regenbogenhaut  und  das  Sehloch,  oreq^arr] 
den  Lidrand  (nach  anderen  den  Corneo-Skleralfalz ;  vgl.  aber  Fuchs 
III  318  f.  A.  9).  3  Häute  werden  de  loc.  in  hom.  2  erwähnt,  eine 
obere  dickere,  die  mittlere  dünne  und  die  unterste  dünne,  die  die 
Feuchtigkeit  schützt.  Nach  de  carne  17  nannte  man  bei  der  obersten 
Haut  (to  Xev/.öv)  die  Hornhaut  wegen  ihrer  Durchsichtigkeit  zb  öiaqxxveg, 
an  der  2.  die  Eegenbogenhaut  to  i^eXav  (das  Dunkle  oder  Farbige) ;  von 
der  3.,  der  Netzhaut,  wusste  man  nichts  weiter.  Die  Krankheit,  die 
de  loc.  in  h.  angedeutet  wird,  ist  Vorfall  der  Regenbogenhaut;  vom 
Sehnerven  ist  nur  eine  dunkle  Ahnung  vorhanden.  Deutlich  erscheint 
der  Sehnerv  als  ffVeip  de  carne  17,  woselbst  auch  die  Schichten  der 
Hornhaut,  die  Netzhaut  und  der  Glaskörper  begegnen. 

Ursache  aller  „Augenleiden  sind  natürlich  die  Katarrhe"  aus  dem 
Gehirn,  und  zwar  der  6.,  der  Sehstörungen  (Sehnervenphthisis  bei 
Tabes?)  bewirkt  (de  loc.  in  hom.;  de  gland.;  de  morb.  II  1).  Unter 
den  die  Bindehaut  betreffenden  Leiden  ist  die  ocpO^aXf-da  =  lippitudo 
Celsi  =  Augenentzündung  zu  nennen.  In  dieser  Bezeichnung  fliessen 
Conjunctivitis,  auch  Trachom,  und  Erkrankungen  der  Cornea,  Iris  und 
Chorioidea  zusammen.  Die  Hippokratiker  unterscheiden  feuchte  und 
trockene  Ophthalmie,  eine  epidemische  und  endemische;  unerwähnt 
bleiben  Ophthalmia  neonatorum  und  die  skrophulöse  Augenentzündung, 
welch  letztere  der  Tagblindheit  in  prorrh.  II  33  f.  zu  Grunde  liegen 
muss.  Von  den  Lidkrankheiten  wird  das  Gerstenkorn  (y-gi^']),  die 
Lidkrätze  (iptoga)  mit  Jucken,  also  unsere  Lidrandentzündung,  die 
(pltynovrj  (pustula  maligna?),  die  Ausstülpung  und  die  Trichosis  ge- 
nannt, nicht  aber  das  Hagelkorn  {xalätiov).  Ueber  die  Thränenorgane 
liegen  nur  dürftige  Bemerkungen  vor;  sie  gelten  den  Thränen  auf 
Reizung  und  im  Alter.  An  der  Hornhaut  beobachtet  man  Geschwüre, 
Irisvorfall  und  verschiedenerlei  Narben  {ovXri,  dx^vc,  vecpelrj,  agye/nov, 
aiyis  hezw.  äylit]  und  naQÜlai-ixpig).  An  der  Iris  wird  erkannt:  die 
winkelige  Gestaltung,  Vergrösserung  und  Verkleinerung  und  die  Ver- 
dunkelung der  Pupille  =  Star.  Der  Star  ist  unheilbar,  die  Winkel- 
gestalt bei  jungen  Leuten  heilbar,  bei  den  übrigen  Krankheiten  ist 


262  Robert  Fuclis. 

die  Aussicht  nicht  gerade  schlecht,  de  loc.  in  hom.  13  bezieht  Hirsch- 
berg  auf  Irisentzündung  mit  Verwachsung,  Glaskörpertrübung  und 
Sehstörung.  Von  den  Linsenkrankheiten  ist  die  Trübung  =  Star  zu 
nennen  (prorrh.  II  20 ;  de  visu  1).  Die  meergrüne  Färbung  der  Pupille 
deutet  auf  Altersstar.  Näheres  über  die  ylavxomg  und  ihre  Prognose 
fehlt  zu  jener  Zeit.  Amblyopie  und  Amaurose  werden  genannt,  aber 
nicht  erläutert.  Erstere  kann  folgende  Gründe  haben :  Alter,  Bleich- 
sucht, Gelenkentzündung,  letztere  beiden  durch  Schleimfluss  bedingt; 
Amaurose  entsteht  bei  Fieber,  Wunden  in  der  Augenbrauengegend, 
Blutverlust.  Schwarzwerden  vor  den  Augen  vor  dem  Tode,  bei  Er- 
schütterungen und  Schwindel  heisst  oAÖTog  =  Finsternis,  Schwindel 
ölvog  oder  aMToöivlrj.  Halbsehen  findet  sich  nur  bei  Gehirnleiden  (de 
morb.  II  12).  Nyktalopie  ist  bei  Hippokrates  Tagblindheit,  bei  den 
Späteren  Nachtblindheit ;  Erscheinungsbedingungen :  in  der  Jugend,  bei 
einer  katarrhalischen  Epidemie,  beim  Husten  von  Perinthos.  Von  sub- 
jektiven Störungen  wurden  beobachtet:  mouches  volantes,  schwarze 
Linsen,  Flimmern,  Schatten  und  die  Vorstellung  von  Läusen  beim 
Flockenlesen  (de  dieb.  crit.  3).  Das  Schielen,  lllalveiv,  ist  erblich  (de 
aere  aq.  loc.  14)  oder  tritt  unvermittelt  auf  nach  Ohreneiterung,  Seh- 
nervenlähmung  und  im  Wochenbette.  Nystagmus  bei  hitzigen  Fiebern 
sowie  rasches  unausgesetztes  Augenzittern  CiTiTrog  =  Pferd)  fehlen 
gleichfalls  nicht.  Das  Semiotische  wurde  bereits  früher  erledigt. 
Therapeutisches  findet  sich  nur  in  den  untergeschobenen  Schriften,  und 
zwar  Schaben  der  trachomatösen  Bindehaut,  Ausschneiden  der  eben 
dadurch  verdickten  Bindehaut,  Herausnahme  des  Eiters  aus  der  Vorder- 
kammer, Beseitigung  der  Haarkrankheit  und  Ausziehen  einer  Pfeil- 
spitze aus  dem  Lide.  Man  schabte  und  brannte  dann  mit  krauser  ge- 
reinigter milesischer  Wolle,  die  um  eine  Spindel  gewickelt  wurde,  und 
ätzte  dann  mit  Kupferblüte,  ein  nach  Anagnostakis'  praktischen 
Versuchen  bewährtes  Verfahren.  Nach  dem  Schaben  und  Brennen  muss 
man  einen  Einschnitt  in  der  Scheitelgegend  machen  und  nach  dem  Ab- 
fliessen  des  Blutes  „das  blutstillende  Mittel"  auflegen  und  den  Kopf 
purgieren,  d.  i.  von  Schleim  befreien.  Tiefe  Einschnitte  in  den  Kopf 
heilen  den  Schleimfiuss  (de  loc.  in  hom.  13).  Werden  die  Pupillen 
bläulich  oder  meerwasserfarben,  so  ist  Purgation  des  Kopfes  und 
Brennen  am  Kopfe  nötig,  ebenso  bei  Bluteintritt  in  die  „Sehe"  (de 
visu  1 ;  de  1.  in  h.  13).  Brennen  der  Rückenvenen  bis  auf  den  Knochen 
bei  einem  wegen  einer  Lücke  nicht  bestimmbaren  Augenleiden  und 
Trepanierung  und  Herauslassen  des  Wassers  bei  Verlust  der  Sehkraft 
ohne  sichtbare  Veränderung  werden  schliesslich  de  visu  3  und  8 
empfohlen. 

Ueber  Otologie  hat  Körner  in  einem  meisterhaften  Vortrage 
alles  Wissenswerte  vereinigt.  Danach  ist  Hippokrates,  obwohl  zu- 
sammenhängende Darstellungen  fehlen,  doch  auch  der  Vater  der  Ohren- 
heilkunde. Der  äussere  Verlauf  der  Krankheiten  wird  trotz  des 
Mangels  tiefer  anatomischer  Kenntnisse  richtig  und  scharf  beobachtet 
und  wiedergegeben.  Die  Wechselbeziehungen  zum  Organismus  über- 
haupt sind  durchschaut,  ebenso  die  Einwirkung  der  äusseren  Umstände. 
Es  werden  besprochen :  die  Kontusion  der  Muschel  mit  Knorpelfraktur 
und  ihre  Folgen,  deren  Behandlung  durch  Diätetik  ohne  Verband  und 
Aufschläge,  durch  Fixierung  mit  Kleister  oder  Wachspflaster,  Eröffnung 
des  Eiterherdes,  Schneiden,  Brennen  unter  Vermeidung  des  Ausstopfens ; 
die  Schwerhörigkeit  der  Greise,  die  Ohrenflüsse  der  Kinder;  die  Me- 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen«  263 

tastase  der  Mandelentzündung  auf  die  Ohren;  die  adenoiden  Vege- 
tationen mit  ihren  Folgeerscheinungen,  besonders  bei  Spitzköpfigen ; 
die  akute  Ohreneiterung  infolge  von  Schleimfluss  und  nach  Gehirn- 
erkrankung ;  Ohreneiterungen  als  günstiger  Ausgang  akuter  Allgemein- 
leiden (Husten  von  Perinthos);  chronische  Ohreneiterungen;  Fälle  aus 
dem  Krankenjournal  (epid  VlI  5;  IV  12;  V  50;  VII  112  c);  Schwer- 
hörigkeit bei  hohem  Fieber  (epid.  I;  III;  II),  nach  Blutspeien  als  le- 
tales Symptom;  Gehörhallucinationen   bei  Geisteskranken  und  sonst. 

Durch  vorzügliche  Bilder  erläutert  B  a  1  d  e  w  e  i  n  die  chirurgischen 
Eingriffe  bei  N  a  s  e  n  1  e  i  d  e  n.  Auch  hier  war  die  anatomische  Grund- 
lage äusserst  dürftig.  Nasenbluten  gilt  als  wichtiges  kritisches  Moment, 
z.  B.  bei  Nasensekretverhaltung,  Ueberanstrengung  des  Körpers,  Sup- 
pression  der  Regel,  Leber-  und  Milzvergrösserung.  Nasenfrakturen 
und  -Polypen  sind  oben  geschildert  worden,  ebenso  ihre  Behandlung. 

Ueber  Zähne  belehrt  de  dent.  Wenn  beim  Zahnen  reichlicher 
Leibesfluss  vorhanden  ist,  sind  Krämpfe  seltener  (6),  ebenso  bei  akutem 
Fieber  (7);  im  Winter  ist  die  Prognose  besser  (9);  Husten  erschwert 
das  Zahnen  und  bewirkt  Abmagerung  (11);  „stürmisches  Zahnen"  ver- 
spricht bei  guter  Pflege  günstigen  Ausgang  (12).  Die  Handhabung 
der  Zahnzange  galt  als  selbstverständlich  und  stand  auch  Laien  frei. 
Cariöse  wackelnde  Zähne  sind  zu  entfernen;  sonst  sind  schmerzende 
Zähne  durch  Brennen  auszutrocknen  (de  äff.  4).  Die  gezogenen  Zähne 
wurden  untersucht  und  beschrieben  (epid.  IV  19).  Ein  oberer  Weis- 
heitszahn des  Hegesistratos  wird  ebenda  (25)  erwähnt  und  seine  Dis- 
position zur  Eiterbildung  richtig  geschildert.  Die  Zahnbildung  ist  in 
de  carne  in  theoretisierender  Weise  dargestellt,  de  äff.  schiebt  das 
Cariöswerden  auf  den  Schleim  und  die  Abnutzung  der  Zähne  durch 
die  Speisen.  Wer  über  die  einzelnen  Krankengeschichten  Aufklärung 
wünscht,  befrage  Abonyi  (S.  179 ff.). 

Das  Kapitel  der  Psychiatrie  muss  sehr  lückenhaft  ausfallen, 
da  die  meisten  Hippokratiker  das  geistige  Centrum  überhaupt  nicht 
in  das  Gehirn  verlegten  und  in  der  Wahnidee  der  4  Kardinalsäfte  be- 
fangen waren.  Sie  trennten  daher  psychische  Erkrankungen  und  das 
Delirium  und  ähnliche  Fiebersymptome  nicht  reinlich.  Von  Geistes- 
störungen ist  Folgendes  bekannt.  Bei  jungen  Mädchen  und  Frauen, 
selten  bei  Männern,  erzeugt  die  Epilepsie  leicht  Irrereden,  Ohnmacht, 
Schreckbilder  und  Drang  zum  Erhängen.  Geschlechtsreife  Jungfrauen 
bekommen  für  den  Fall  der  Nicht  Verheiratung  solche  Zustände  nament- 
lich zur  Zeit  der  Periode.  Bei  Suppression  der  Regel  bewirkt  das 
gegen  das  Herz  als  das  geistige  Centrum  vordrängende  Blut  Delirien 
und  Tobsucht,  dann  kommen  Schreckbilder  und  Selbstmordgedanken 
allerlei  Art.  Heilmittel  ist  die  Ehe  (de  his  q.  ad  virg.  spect.).  Die 
erbliche  Disposition  wird  auch  hier  nicht  erkannt.  Die  Behandlung 
ist  die  diätetisch-gymnastische ;  denn  dadurch  wird  das  gestörte  Gleich- 
gewicht der  Säfte  wiederhergestellt. 

24.  Gynäkologie  und  Geburtshilfe. 

1.  Bauer,  De  arte  obstetricia  Hippoo-atica,  Tuhingae  1833.  —  3.  Bucher, 
Die  noch  heute  interessirenden  Angaben  des  H.  über  geburtshülfl.  u.  gynäk.  Gegen- 
stände, Diss.,  Strassburg  1896.  —  3.  X^rjatiSTjs,  Ao/aia  s}.Xr]viXTJ  ywaineioloyia 
TJTOi  dvarotcla,  <pvaio).oyia,  voaokoyia  xal  ^e^arcsia  tcöv  yvvaixeioiv  ysvvrjrf/ccöv  o^yävcov 
fisrd  yev.  slaaycoyrjg  sh  rfjv  iaroix^v  tmi/  ^iTtTCoxQarcy.tiiv  xpövayv  etc.,  iv  Kcovoravrt- 
vovTtöXei  1894.  —  4.  Fasbender,  Entwickelungslehre,   Geburtshülfe  \md  Gynäk.  in 


264  ,  Eobert  Fuchs. 

d.  hippokratischen  Schriften,  Stuttg.  1897  [vorzüglich).  —  5.  Freund,  Klin.  Beiträge 
z.  Gynäk.  1864,  2.  Heft;  Deutsche  Klinik  1869  S.  239  ff.  —  6.  Georgiades,  De 
morbis  uteri  secundum  libros  Hippocratis  Tte^l  ywaixeiris  fvaios,  Diss.,  lenae  1797. 

—  7.  Grüner,  Explicatur  locus  Hippocratis  de  uteri  orificio  praepingxd,  lenae  1790. 

—  8.  Mobb  Hunter,  Hippocrates  on  the  diseases  of  ivomen  and  parturition.  John 
Hopkins  Bulletin  1892  S.  43  ff.  —  9.  Mitgen,  D.  Geburtshülfe  des  H.  Gemeinsame 
Deutsche  Ztschr.  f.  Geburtskunde  IV;  VI,  Weimar  1829;  1831.  —  10.  Slevogt, 
Prolusio  de  embryulcia  Hippocratis,  lenae  1709.  —  11.  Wulfsohn,  Stud.  u.  Ge- 
burtshülfe u.  Gynäk.  d.  Hippokratiker,  Diss.,  Dorpat  1889. 

Eine  für  uns  selbstverständliche  Wahrheit  war  zur  Zeit  der  Hippo- 
kratiker noch  nicht  errungen,  dass  nämlich,  entsprechend  der  ana- 
tomischen und  physiologischen  Verschiedenheit  von  Mann  und  Weib, 
auch  die  Männer-  und  Frauenleiden  verschieden  seien  und  eine  ver- 
schiedene Behandlung  erforderten.  Wenn  darum  der  knidische  Ver- 
fasser von  de  morb.  mul.  I  62  den  Aerzten  die  neue  Wahrheit  vor- 
hält, so  ist  schon  das  ein  grosses  Verdienst.  Freilich  kommt  in  Be- 
tracht, dass  die  Aerzte  nur  in  den  seltensten  Fällen  selbst  praktisch 
Frauen  behandelten  und  ihre  Kenntnis  fast  ausschliesslich  auf  falsche 
Schlüsse  aus  der  Tieranatomie,  auf  philosophische  Spekulationen  und 
die  Auskünfte  von  Frauen  und  Hebammen  gründeten.  Der  Arzt  unter- 
suchte nicht  selbst,  sondern  fast  stets  die  Hebamme  oder  eine  Freundin 
oder  alte  Frau.  Auf  deren  Aussage  und  die  Antworten  der  Patientin 
hin  ordnete  der  Arzt  die  Behandlung  an.  Somit  sind  die  ärztlichen 
Schriften,  die  als  knidisch  ihrem  Ursprünge  nach  erwiesen  sind,  trotz 
Häser  (Ig  198)  in  der  Theorie  zwar  für  Aerzte,  in  der  Praxis  aber 
für  Hebammen  verfasst.  Man  darf  sich  durch  das  häufig  verwendete 
Masciüinum  der  Partizipien  nicht  beirren  lassen.  Das  Masculinum  be- 
zeichnet lediglich  das  nicht  näherer  Charakterisierung  bedürftige  „man". 

Auf  die  ungemeine  Reichhaltigkeit  und  oft  mystische  Dunkelheit 
der  Kunstausdrücke  in  der  weiblichen  Anatomie  sei  nochmals  hinge- 
deutet, aidolov  bezeichnet  die  äusseren  und  inneren  Genitalien  allgemein, 
doch  auch  die  Vagina,  die  portio  vaginalis.  Daneben  findet  sich :  yevsoig, 
yövog  (auch  Vulva),  yovi]  (auch  Uterus,  Genitalschlauch,  Vulva) ;  zu  'Ikzüq 
vgl.  Fuchs  III  563  A.  127.  Der  Mons  Veneris  heisst  z-re/g  ==  „Kamm"' 
das  allerdings  auch  für  xöXfcog  =  Vagina  genommen  werden  kann 
(Fuchs  III  388  A.  176),  ferner  fjßr],  InloEiov,  k7tLy.xiviov.  Die  Labia 
heissen  'jidhq  ^)  oder  y.Qri(.ivoL  (wörtlich  „Abhang",  doch  auch  Vulva). 
Die  verborgenen  Teile  werden  vom  Touchieren  Tragacpaaisg  genannt. 
Ferner  sind  festzuhalten :  Vagina  =  avxtjv,  ^i^rga ;  2)  introitus  vaginae 
=  OTÖua  (auch  orificium  uteri),  aröinaxog;  Cervix  =  avx7]v,  atöf^taxog, 
doch  fehlt  jede  Beschreibung;  Cervicalkanal  vom  orificium  externum 
bis  0.  intern  um  =  avXög,  IvavUrj;  Uterus  =  voT€Qa{i)  oder  f.irJTQa,  jurj- 
TQai,  weil  2  Kammern  (köItzoi,  xägara)  angenommen  werden,^)  als  leben- 
diges Wesen  gedacht,  das  seine  Lage  verändert;  doch  bedeutet  /ti^rga 
und  fxffCQai  auch  Vagina,  Vulva;  fundus  uteri  =  7tv^/.i7]V]  Uterushals 
=  avx'>]v  TCüV  i^irjTQwv;  orificium  uteri  =  OTÖf.ia(Ta),  aröi-iaxog,  letzteres 
auch,  wenn  ein  Stück  Hals  eingeschlossen  wird;  Muttermundslippen 
=  ä/^icpidea  (auch  bloss  Saum),  leyva,  x^t^^^o  baxtov,  v(.iriv ;  *)  unbekannt 


^)  Wenn  iyx^iv,  •xlvKstv  =  spülen  dabei  steht. 

')  So  heissen  auch  die  Muttermundslippen. 

')  Zweihörnigkeit  des  Uterus  aus  neuer  Zeit  Avird  belegt:  Die  Medic.  d.  Gegen- 
wart II  1899  S.  400. 

*)  Allerdings  interpretiert  X^r;GriSr]g  S.  58  „Schleimhaut  an  Muttermundsiippen 
und  -Hals". 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  265 

ist  das  Hymen,  denn  die  dreimal  erwähnten  Häute,  ur^vr/yeg,  die  den 
Eintritt  des  Sperma  hindern,  liegen  im  orificium  uteri  und  sind  krank- 
hafte Gebilde.  Unbekannt  sind  ferner:  Clitoris,  Tuben  (erst  bei  Ari- 
stot.  bist.  an.  III  1  als  v.sQdxia  jfjg  }.ir^QUQ  zu  belegen),  Ovarien,  Nerven 
des  Uterus  (erst  bei  Herophilos)  und  die  Ligamenta  lata,  falls  etwa 
die  y.QcxTea  oder  vsvqcc  xa  -/MleouEva  ooyoi  (Schösslinge)  nur  theoretisch 
angenommen,  nicht  praktisch  festgestellt  sein  sollten.  Von  grosser 
Bedeutung,  auch  für  die  Folgezeit,  ist  die  Hypothese  des  Vorhanden- 
seins napf-  oder  becherförmiger  Erhöhungen  an  der  Innenwand  des 
Uterus,  aus  denen  der  Fötus  seine  Nahrung  sauge.  Soranos  erklärt 
diese  sog.  -/.orvlr^ööveg  für  Gefässmündungen,  ähnlich  den  Hämorrhoidal- 
knoten ;  aus  ihnen  ergiesse  sich  die  Regel. 

Die  Menstruation,  xaraur^via,  knidisch  ra  y.arä  cfvaiv  =  „das 
Naturgemässe",  fordert  durchschnittlich  l^o  (0,409  1;  de  morb.  mul.  I 
72j  oder  2  attische  Kotylen  (0,546  1 ;  a.  a.  0."  6)  Blut  zu  Tage.  Monats- 
binden {gd-Kog  =  Zeug)  werden  nicht  erwähnt,  wurden  aber  nach  dem 
Zeugnisse  von  Weihinschriften  der  Artemis  Brauronia  von  alters  her 
geweiht.^)  Für  ihre  Nichterwähnung  ist  der  Grund  der,  dass  hier 
kein  schweres  Leiden  vorliegt,  bei  dem  der  Arzt  eingreifen  müsste. 
Alle  Erscheinungen  vor,  bei  und  nach  dem  Auftreten  der  auf  3  Tage 
bestimmten  normalen  Regel  werden  richtig  beschrieben.  Der  liolVe 
Stand  des  orificium  uteri  vor  ihrem  Eintritte  sogar  wird  in  de  superf. 
22  gelehrt,  der  Tiefstand  vor  der  Geburt  a.  a.  0.  12.  Zwischen  den 
Brustdrüsen  und  dem  Uterus  besteht  eine  Sympathie,  die  sich  be- 
sonders beim  Anzüge  der  Regel  (de  his  q.  ad  virg.  spect.  u.  a.),  „Auf- 
fallen der  Gebärmutter  auf  die  Hüfte"  (de  morb.  mul.  II  24)  und  bei  der 
Milchbildung  (de  gland.  16  f.)  zeigt.  Die  volle  Entwicklung  des  Beckens 
tritt  erst  ein  durch  das  Auseinanderweichen  der  Gelenke  in  der  Ge- 
burtsperiode. Die  Frauen  haben  auch  Samen,  gleich  den  Männern, 
dessen  unwillkürliche  Entleerung  im  Schlafe  erfolgen  kann  (de  m.  m. 
II  66).  Unter  den  nicht  mit  dem  Gebiirtsvorgange  zusammenhängen- 
den Krankheiten  sind  folgende  hervorzuheben.  Die  Atresie.  gleichwie 
alle  derartigen  Leiden  durch  Touchieren  von  Frauenhand  ermittelt, 
findet  sich  als  idiopathischer  Zustand  nicht  erwähnt,  wohl  aber  als 
Folge  des  Zerreissens  und  Verschwärens  der  Weichteile  nach  der  Ge- 
burt, indem  die  Muttermundslippen  verwachsen;  auch  blosse  Ver- 
engerung ist  möglich;  cpiiwg  entsteht  durch  callöse  Stenose.  Von 
Flüssen,  qöoq,  giebt  es  eine  gi'osse  Anzahl  Spielarten;  dazu  gehört 
vor  allem  der  rote  (wohl  Genital blutungen),  rotgelbe,  mehrere  weisse 
und  weissliche  und  der  jauchige  Fluss,  zu  reichlicher  und  zu  spär- 
licher Fluss  sowie  gänzliches  Ausbleiben  mit  Metastase,  z.  B.  nach 
der  Nase.  Die  Behandlung  besteht  vorwiegend  in  Diät,  z.  B.  Suppen 
von  Hülsenfrüchten.  Hasen-  und  Ziegenfleisch,  Leber,  Geflügel,  ge- 
backenem  Eigelb,  Käse,  Enthaltung  von  Wein  und  Bädern,  Umbinden 
der  Armbeugen  und  Kniekehlen  mit  Wollbinden,  Schröpfen  unter  den 
Brüsten,  Mutterzäpfchen  =  Tieooög,  TTQÖod-e/na,  ngöod-sTov  adstringieren- 
der  Art,  Erbrechen,  kalten  Waschungen,  Beschränkung  auf  eine  Mahl- 
zeit täglich.  Spülungen,  -)  Nieswurzgaben,  Reinigung  des  Kopfes  u.  s.  w. 
Pessare  werden  noch  verwendet  bei  Prolaps,  Carcinom  und  Hydrops 


^)  Mommsen,  Philologus  LVIII  343. 

*)  Die  zahlreichen  Ableitungen  von  nkvvsiv,  vinrstv,  vit,sa&ai,  xXvisiv,  aloväv, 
Xeiv  =  irrigieren  hat  gesammelt  X^r^axihriq  236. 


266  Robert  Fuchs. 

des  Uterus  und  bei  Sterilität  infolge  von  Erschlaifung  und  Verlage- 
rung des  Uterus  oder  infolge  von  Samenzersetzung  im  Uterus.  Es 
sind  verschieden  geformte  Zäpfchen  und  Kugeln,  die  teils  mechanisch, 
teils  chemisch  einwirken  sollen.  Ihre  Länge,  z.  B.  bei  Meerzwiebel- 
einlagen, beträgt  bis  zu  6  Fingerlängen.  Der  künstliche  Penis  war 
uns  als  bXioßog  aus  Aristophanes  bekannt  und  ist  uns  als  ^öxy.ivog 
ßavß(bv  und  ovog  aus  Herodas  bekannt  geworden;  aber  die  erweitern- 
den zinnernen  und  bleiernen  Sonden,  die  mit  Medikamenten  bestrichen 
und  auf  Holzstäbchen  abgepasst  sind,  können  gar  nicht  so  verwendet 
worden  sein,  wie  de  superf.  29  klar  ergiebt.  Bei  Prolapsus  wird  die 
von  Euryphon  empfohlene  Schüttelung  mit  der  Leiter,  Kopf  nach 
unten,  mit  Recht  entschieden  verworfen  (Littre  VII  308 f;  VIII  6  f.), 
auch  zur  Beförderung  der  Entbindung  nicht  angewandt  (vgl.  de  exe. 
fet.  4  mit  epid.  V  103;  VII  49).  Die  Sterilität  tritt  bei  allen  mög- 
lichen Abnormitäten  am  Uterus  ein,  mag  dieser  nun  zu  feucht  oder 
trocken,  zu  hart  {tvCjqoc)  oder  weich,  zu  heiss  oder  kalt,  zu  fett  oder 
mager  oder  so  oder  so  verlagert  sein.  Als  Lageveränderungen  werden 
erwähnt:  Prolaps,  Version,  Flexion,  Inversion  und  die  hysterischen 
Folgezustände,  darunter  die  Pnix  hysterica. 

LTm  die  Konzeptionsfähigkeit  festzustellen,  wurden  Versuchsmittel 
(/t£iQr]Ti]Qia)  verordnet,  die  von  Mystizismus  und  Laienwahn  ^)  ein- 
gegeben sind  (Fuchs  III  381  A.  149).  Je  nach  Wunsch  der  Eltern 
steht  zur  Beseitigung  oder  Erlangung  von  Nachwuchs  eine  lange,  viel- 
fach ebenso  mystische  Liste  von  aiö/ua,  cpd^ÖQia,  ey.ßoha  und  anderer- 
seits xvrjzriQia  zur  Wahl.  Denn  sowohl  die  Abtreibung,  z.  B.  auch 
durch  Springen  mit  Anschlagen  der  Fersen  (de  nat.  pueri  2),  ^)  als 
auch  das  Aussetzen  des  geborenen  Kindes  galten  für  moralisch  ein- 
wandfrei. ^)  Der  Coitus  wird  je  nach  der  Konstitution  bald  empfohlen, 
bald  verboten  (de  sem.  4  =  Fuchs  I  212  A.  13).  Schleimigen  und 
wasserreichen  Naturen  ist  er  nützlich.  Nach  de  sem.  6  besitzt  der  Mann 
auch  weiblichen,  das  Weib  auch  männlichen  Samen,  der  männliche  ist 
stärker  als  der  weibliche,  deshalb  geht  von  ihm  die  Zeugung  aus; 
kommt  von  beiden  starker  Samen,  so  entsteht  ein  Knabe,  andernfalls 
ein  Mädchen.  Wenn  der  schwache  Samen  viel  reichlicher  ist  als  der 
starke,  so  ist  die  Frucht  weiblich,  andernfalls  männlich.  Ein  und 
dieselbe  Person,  ob  Mann,  ob  Frau,  hat  bald  starkes,  bald  schwaches 
Sperma.  Beeinflussung  des  Geschlechts  ist  möglich:  bei  wässeriger 
Diät  wird  ein  Mädchen,  bei  feuriger  ein  Knabe  entwickelt,  also  die 
Schenk  sehe  Theorie  (de  diaeta  127).  Erfolgt  binnen  7  Tagen  kein 
Samenausfluss  («xoom,  €KQvoig,  de  septim.  partu  9),  so  erfolgt  durch  die  vom 
Uterus  auf  das  Sperma  ausgeübte  Zugkraft,  öIki],  die  Konzeption,  und 
dann  treten  die  bekannten  Anzeichen  auf,  darunter  die  Flecken  im 
Gesichte,  Icpr^ideg.  Die  Grösse  der  einen  oder  anderen  Mamma,  des 
einen  oder  anderen  Auges  verrät  das  Geschlecht  des  Kindes:  auf  der 
rechten  :=  kräftigen  Seite  liegt  der  Knabe,  auf  der  linken  =  schwachen 
das  Mädchen  (de  superf.  19;  aph.  V  37  f.;  prorrh.  II  24;  epid.  II  6, 
15;  V  2,  25;  VI  4,  21).  Das  menschliche  Ei,  für  das  das  Hühnerei 
(de  sem.)  die  Parallele   abgiebt,  steht  mit  dem  ^öqlov  =  Placenta  in 


1)  Vgl.  aph.  V  59  =  Fuchs  I  116. 

^)  Der  sechstägige  Sameu.    der  abging,    wird  die   mucosa   uteri  gewesen   sein 
(Fuchs  I  218 f.  A.  4). 

*)  Dem  widerspricht  nicht  das  bloss  dem  Arzte  gegebene  Verbot  im  iusi. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  267 

Verbindung:  das  Fruchtwasser  wird  nicht  direkt  erwähnt.  Aber  noch 
ist  manche  Fährlichkeit  zu  besorgen.  Die  Gefahr  des  Versehens  wird 
allerdings  nur  einmal  erwähnt,  de  superf.  18 :  „Wenn  eine  Schwangere 
nach  dem  Genüsse  von  Erde  und  Kohlen  verlangt  und  auch  wirklich 
solche  isst,  so  findet  sich  am  Kopfe  des  Kindes  . . .  ein  davon  her- 
rührendes Zeichen";  aber  die  Möglichkeit  des  Fehlgehens  ist  eine 
stets  drohende  schlimme  Aussicht.  Abortus  liegt  vor.  wenn  der  Samen 
später  als  7  Tage  nach  der  Konzeption  abgeht  (TQOjaf^bg  u.  ä.;  dia- 
cpd-oQcc  u.  ä. ;  äf^iß'AojGig),  sonst  spricht  mau  von  „Ausfluss",  exQvoig  (de 
sept.  partu  9).  Für  den  gern  zu  gleicher  Zeit  wiederkehrenden  Abortus 
gilt  als  Ursache,  dass  die  Entwicklung  der  Frucht  rascher  vor  sich 
geht  als  die  des  Uterus  (de  superf.  27),  aber  nicht  unvorsichtige  Be- 
wegung. Zur  Abwehr  des  gefährlichen  Zufalls  dienen  Erzeugung 
von  Fettleibigkeit  und  Einbringen  von  Medikamenten  durch  Sonden 
in  den  Uterus  (de  m.  m.  I  25).  Ferner  stören  den  regelrechten  Ver- 
lauf das  Absterben  und  Abfaulen  der  Frucht,  Blutungen  (de  superf.  9), 
Molenbildung  und  Ueberf ruchtun g.  Die  ^ivlrj  entspricht  nach  Wulf- 
sohn unserer  Mole,  nach  Buch  er  und  Fasbender  einem  sich  von 
selbst  ausstossenden  verkalkten  Myom  (de  m.  m.  I  71).  Die  Ursache 
ist  reichlicher  Monatsfluss  und  schlechte  Beschaffenheit  des  Sperma. 
Ueberfruchtung,  eTtixvrjOig,  entsteht,  wenn  sich  der  Mutterhals  nach 
der  Konzeption  nicht  geschlossen  hat.  Befindet  sich  die  eine  Frucht 
in  der  Uterusmitte,  so  wird  sie  von  der  anderen  ausgetrieben;  be- 
findet sich  die  1.  Frucht  in  dem  einen  Home,  so  ist  das  2.  Kind  nicht 
lebensfähig.  Die  Nachfrucht  kann  zurückbleiben  und  verjauchen  (de 
superf.  1).  Zur  Beschleunigung  und  Steigerung  der  AVehen  dienen 
wy.vTOx.ia.  deren  z.  B.  de  m.  m.  I  77  eine  ganze  Reihe  aufgezählt  sind. 
Die  AVehen  erklären  sich  daraus,  dass  das  Kind  einmal  keinen  Platz 
mehr  hat  und  sich  nach  der  Freiheit  sehnt,  zum  andern  die  in  dem 
engen  Räume  (arevnxioQia)  durch  Anziehung  aufgespeicherte  Nahrung  auf- 
gezehrt hat.  Der  Ausgang  der  Geburt  hängt  von  der  Kindeslage  wesent- 
lich ab.  Wegen  der  Gravitation  des  schweren  Kopfes  liegt  dieser  gewöhn- 
lich vor.  Ausnahmen  sind :  die  einfache  (ömXöov)  und  gemischte  Steiss- 
lage,  gewöhnliche  Schieflagen  und  Lagen,  ..in  welchen  es  sich  um  eine 
Abweichung  des  Steisses  vom  Becken  eingang  in  geringerem  Grade 
handelt"  (Fasbender  293  0".),  vollkommene  (ohne  Wendung!)  und 
unvollständige  Fusslage  (mit  A\'endung!).  Armvorfall  bei  Schief  läge 
(Frucht  ist  tot,  Embryulcie !),  Schief  läge  ohne  Armvorfall  (Kind  lebt, 
Wendung  auf  den  Kopf  durch  die  knidische  Schüttelungsmethode !).  Die 
Wendung  auf  den  Kopf  erfolgt  durch  äussere,  innerliche  und  gemischte 
Handgriffe;  leider  ist  die  Anweisung  nicht  immer  klar  und  einmal  sogar 
unausführbar.  Bei  Abortus  wird  die  Schüttelung  oder  ein  Niesmittel 
dann  angewandt,  wenn  die  Ausstossung  gehemmt  ist  wegen  zu  grosser, 
quer  gelagerter  und  kraftloser  Frucht  (de  m.  m.  I  68).  Ein  Gebärstuhl 
findet  sich  in  hippokratischen  Zeiten  bei  den  Griechen  nicht.  Das 
Maavov  und  der  dkpQog  ävdxliiog  rerQVTtr^uevog  (mit  durchbohrtem  Sitze) 
dienen  entweder  zu  Scheidenräucherungen  oder  zur  Entfernung  der 
zögernden  Nachgeburt  (de  superf.  8);  im  letzteren  Falle  zieht  das  auf 
Schläuche  gebettete  Kind  beim  Ausfliessen  des  Schlauchinhalts  durch 
sein  Eigengewicht  die  Placenta  heraus.  Auch  in  der  Geburtsdarstellung 
aus  dem  Aphroditetempel  in  Golgos  auf  Cypern  (Cesnolasammlung  in 
New  York)  ist  nur  ein  bequemer  niedriger  Schemel,  nicht  ein  Gebär- 


268  Robert  Fuchs. 

stuhl  anzunehmen.  ^)  Eine  eigentliche  Zange  findet  sich  nicht,  ebenso- 
wenig der  Kaiserschnitt,  trotz  der  uralten  Mythen  A'on  der  Geburt  des 
Dionysos  und  Asklepios  sowie  der  indischen  und  römischen  Sagen 
(Numa  Pompilius).  Im  Falle  der  Totgeburt  werden  ein  Zermalmer 
=  TtieoTQov  und  ein  Haken  =  ö'w^,  elyivoxriQ  gebraucht;  die  Hand 
wird  mit  einer  getrockneten  stacheligen  Fischhaut  {iyßvrj)  umkleidet, 
die  Galenos  phantasievoll  als  Instrument  mit  fischschuppenähnlicher 
Oberfläche  deuten  will  (Fasbender  158  u.  A.  3).  Die  Unterbindung 
der  Nabelschnur  wird  nicht  erwähnt;  Pseudaristoteles  (bist.  anim. 
VII  10)  kennt  sie.  Obwohl  dort  auch  (.irf/xovwv  =  Kindspech  erwähnt 
wird,  vermag  ich  doch  de  diaeta  in  ac.  app.  72  nur  auf  Gartenwolfs- 
milch zu  deuten.  Vom  Wochenbette  ist  wenig  zu  sagen,  da  bloss  der 
Wochenfluss  {loxela,  s.  Fasbender  S.  180)  behandelt  wird,  der  als 
Analogon  der  Katamenien  betrachtet  wird.  Die  bei  dessen  Zurück- 
haltung beobachteten  Symptome  stimmen  grossenteils  zu  denen  in- 
fektiöser Krankheiten,  namentlich  des  Kindbettfiebers. 

Auf  die  nur  gelegentlich  angemerkten  Krankheiten,  wie  foetus 
carnosus  (epid.  II  2,  19),  Verwaclisung  von  Arm  und  Thorax  (V  13), 
Klumpfuss  (de  artic.  rep.  53),  kongenitale  Luxationen  (52),  sonstige 
intrauterine  Verletzungen  (de  sem.  10),  Hydrocephalus  acutus  (de  dent. 
6  ff.),  Krämpfe  (de  morbo  s.  10)  und  kleinere  Uebel,  wie  Husten, 
Verstopfung,  Durchfall,   Soor,  kann  hier  nicht  eingegangen   werden. 

25.   Unmittelbare  Nachfolger  des  Hippokrates. 

Es  wäre  gewiss  eine  reizvolle  Aufgabe,  mit  Häser  (I.,  206  ff.) 
einen  zusammenfassenden  Eückblick  auf  die  Verdienste  des  Hippokrates 
und  der  Hippokratiker  zu  werfen.  Allein  einmal  sind  bisher  schon 
die  Daten  so  ausgewählt  gewesen,  um  über  die  Hauptthatsachen  zu 
unterrichten,  sodann  aber  steht  die  mir  gegebene  Aufgabe,  Häsers 
Schilderungen  auf  einen  bedeutend  engeren  Raum  zusammenzuziehen, 
statt  sie  zu  vervollständigen  und  auszuspinnen,  hindernd  im  Wege. 
Die  bereits  von  mir  verschuldete  Ueberschreitung  des  dafür  von  An- 
fang an  vorgesehenen  Eahmens  erklärt  sich  aus  dem  Streben,  zunächst 
für  das  Verständnis  der  alten  Heilkunde,  die  den  modernen  Arzt  und 
Laien  gleich  freufd  anmutet,  eine  Grundlage  und  einen  Massstab  zu 
gewinnen,  an  dem  er  die  demnächstigen  langsamen  Fortschritte  der 
griechischen  Medizin  abmessen  kann.  Der  Umstand,  dass  der  zuerst 
zu  behandelnde  Arzt  ein  Hippokrates  und  „Vater  der  Heilkunde"  ist, 
war  ja  nur  zu  verlockend  für  den  Uebersetzer  und  Erklärer  der  hippo- 
kratischen  Sammlung.  Zur  Entschuldigung  mag  ferner  dienen,  dass 
Hippokrates  von  jeher  das  Schosskind  der  medizinischen  Geschichts- 
schreibung war  und  die  neuere  und  neueste  Forschung  zu  einem  ganz 
überwiegenden  Teile  gerade  ihm  gewidmet  ist.  Angesichts  dieser  un- 
bestreitbaren Thatsache  will  ich  auch  den  unausbleiblichen  Vorwurf, 
das  ganze  folgende,  viel  weniger  bearbeitete  und  aufgeklärte,  aber 
dessen  ungeachtet  durchaus  nicht  minderwertige  Gebiet  im  Fluge  zu 
durcheilen,  mit  einiger  Gelassenheit  auf  mich  nehmen. 

Die  gewaltige  Persönlichkeit  des  gottbegnadeten  Arztes  Hippo- 
krates war  wie  keine  zweite  geeignet,  auf  die  Gleichstrebenden  an- 
ziehend zu  wirken  und  sie  an  die  neu  aufgestellten  wichtigen  Erkennt- 


^)  S.  Fuchs  III  625  A.  9:  Seligraaun  in  Virchows  Jahresh.  1878. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  269 

nisse  zu  fesseln.  So  gaben  denn  die  kölschen  döy^iara  den  Mittelpunkt 
ab,  um  den  sich  die  zu  gleich  gründlichen  Studien  begeisterte  Mitwelt 
in  Gestalt  der  dogmatischen  Schule,  wie  sie  später  genannt  wurde, 
scharte.  Zu  den  ersten  Schülern  zählten  die  Söhne  Thessälos  und 
Drakon  (Gal.  XV  110),  die  gleich  dem  Vater  In  die  Fremde  zogen, 
und  der  Schwiegersohn  Polybos,  der  auf  Kos  die  Traditionen  seines 
Schwiegervaters  fortpflanzte  (I  58;  XV  12).  Dass  Thessälos  den 
Alklblädes  auf  der  slclllschen  Expedition  (415 — 413  v.  Chr.)  begleitet 
haben  soll,  entbehrt  eines  zuverlässigen  Zeugnisses,  wohl  aber  war  er 
später  Leibarzt  des  Makedouerkönlgs  Archelaos  und  vielleicht  Ver- 
fasser mehrerer  Schriften ;  ^)  vermutlich  enthalten  die  epld.  Beiträge 
von  ihm  und  seinem  Bruder  (Gal.  VII  855;  890;  IX  859;  XVII,  I  796; 
888).  Die  Vermutung  Petrequlns(I  44),  dass  beide  dieselben  Stätten 
wie  ihr  Vater  bereisten,  ist  einleuchtend.  Der  Sohn  des  Thessälos, 
Hlppokrates  III.,  hing  dem  platonischen  Philosophiesystem  an,  ver- 
fasste  mehrere  medizinische  Werke,  darunter  eines  de  morbls  (Petre- 
quln  I  45)  und  folgte  möglicherweise  seinem  Vater  in  der  Hofarzt- 
stelle nach.  Von  seinem  Bruder  Gor  glas  ist  nichts  bekannt.  Hlppo- 
krates IV.,  Sohn  des  Drakon,-)  also  des  L,  rettete  als  Leibarzt  der 
Ehoxäne  dieser  nach  dem  Tode  ihres  Gatten,  des  grossen  Alexandros, 
das  Leben  und  starb  nach  schriftstellerischer  Bethätlgung  unter 
Kassandros,  dem  Sohne  des  Antlpätros  (ca.  319  a.  Chr.).  Hlppo- 
krates V.  und  VI.,  Söhne  des  Thj^mbralos,  und  Hlppokrates  VII, 
Sohn  des  Praxlänax,  schrieben  gleichfalls  über  Medizin  (Suld.). 

Als  unmittelbare  Schüler  Hlppokrates'  IL  werden  Apollonios 
und  Dexlppos  (bei  Plut.  quaest.  convlv.  7,  1  fälschlich  Jioj^innog) 
genannt,  Anfang  des  4.  Jahrhunderts  (Suld.).  Letzterer  wurde  von 
dem  Karerkönlge  Hekatomnos  berufen,  um  die  für  verloren  gehaltenen 
Prinzen  Mausölos  und  Plxodäros  zu  retten,  und  er  bedang  sich  die 
vorherige  Beendigung  des  damals  tobenden  Krieges  aus.  Er  schrieb 
ein  ärztliches  Werk  in  1  Buche  und  tisqI  nQoyvüJaecov  in  2  Büchern.^) 
Diese  und  des  Apollonios  Werke  waren  schon  für  Eraslstratos  schwer 
erlangbar  (Gal.  XV  703).  Dem  Anon.  Lond.  col.  XVIII  entnehmen 
wir,  dass  ihm  die  Nah  rungs  Überschüsse  als  Krankheitserreger  er- 
schienen, also  Galle  und  Schleim,  doch  auch  AVärme  und  Kälte  u.  a.  m. 
Durch  Schmelzen  von  Galle  und  Schleim  entstünden  Lj'mphe  und 
Schweiss.  Würden  Galle  und  Schleim  faul  und  dick,  so  stelle  sich 
Ohrensausen,  Schnupfen  und  Triefäugigkeit  ein;  würden  sie  trocken 
und  fest,  so  bilde  sich  Fett  und  Fleisch.  Das  Weitere  dort  ist  ver- 
derbt. Gal.  XV  478;  702  flf.;  744  überliefert  von  beiden,  dass  sie  nach 
des  Eraslstratos  spöttischer  Aussage  12  wächserne  Becher  von  je  ^/g 
Kotyle  Inhalt  (ca.  Vas  1)  hergestellt  und  den  Fiebernden  (täglich) 
]  oder  2  hiervon  zum  Trinken  dargereicht  hätten;  sein  Vorwurf,  dass 
sie  die  Patienten  Hungers  sterben  Hessen,  sei  unberechtigt.*)  Der 
Zweck  des  Kehldeckels  {irnylioviig)  wurde  von  ihm  treffend  geschildert 
(Plut.  a.  a.  0.). 


*)  Suidas  erwähnt  „3  medizinische  Werke". 

^)  Unter  J  ^äxcov  sagt  Suidas,  dass  dieser,  also  der  IL,  ein  Enkel  des  berühmten 
Hippokrates  g'ewesen  sei  von  Thessälos  her,  einen  Sohn  Hippokrates  gehabt  habe  (also 
Hlppokrates  IV.)  und  dass  dieses  Hippokrates  Sohn  Drakon,  also  der  III.,  die  Ehoxane 
behandelt  habe. 

")  Jude  ich,  Kleinasiat.  Stud.  234. 

*)  Littre  I  328  ff. 


270  Eobert  Fuchs. 

Es  scheint  am  Platze  zu  sein,  die  bloss  aus  dem  Anon.  Lond.  uns 
bekannt  gewordenen  Aerzte  hier  einzureihen,  obwohl  nicht  anzu- 
nehmen ist,  dass  sie  gerade  Hippokrateer  waren.  Alkamenes  aus 
Abvdos  erklärte  nach  einem  verloren  gegangenen  Aristotelescitate  die 
Ueberschüsse  für  die  Krankheitsursachen ;  sie  steigen  zum  Kopfe,  doch 
dieser  führt  ihnen  weitere  Nahrung  zu,  und  so  entstehen  im  ganzen 
Körper  Krankheiten.  Timotheos  von  Metapontion  meint,  wenn  der 
Kopf  gesund  und  sauber  sei,  werde  aus  ihm  die  Nahrung  dem  ganzen 
Körper  zugeschickt,  und  das  Geschöpf  sei  gesund.  Sei  hingegen  der 
Kopf  nicht  gesund,  so  entstehe  durch  Verstopfung  der  Durchgänge 
für  die  Nahrung  Krankheit.  Der  im  Kopfe  abgesperrte  üeberschuss 
werde  zu  einer  salzigen,  scharfen  Flüssigkeit  und  rufe  da,  wohin  er 
durchbreche,  Krankheiten  hervor,  z.  B.  in  der  Luftröhre  Ersticken 
und  Tod.  Der  Kopf  aber  erkranke  durch  übergrosse  Abkühlung  oder 
Erhitzung  oder  durch  Verletzung.  Abas  (Aias?)  spricht  ebenfalls 
von  den  Abflüssen  des  Gehirns  nach  Nase,  Ohren,  Augen,  Mund  als 
Krankheitserregern ;  doch  ist  gleich  darauf  von  5  Katarrhen  die  Rede. 
Massiger  Abfluss  sei  unschädlich.  N  i  n  y  a  s  der  Aegj^pter  unterscheidet 
angeborene,  dem  Körper  eingepflanzte  und  erworbene  Leiden.  Die 
Wärme  erzeuge  die  Ueberschüsse.  Thrasymächos  von  Sardeis 
findet  den  Sitz  der  Krankheiten  im  Blute,  das  durch  Kälte  und  Hitze 
nachteilig  verändert  werde;  dabei  gehe  es  in  Schleim,  Galle  oder 
Faules  über.  Phaeitas  =  Phaidas  (Beckh-Spät  Phasilas)  von 
Tenedos  sagt,  die  Krankheiten  entstünden  durch  Flüssigkeitsablage- 
rungen an  ungeeigneten  Körperstellen  oder  durch  die  Abgänge  selbst. 
Die  Flüssigkeiten  bezeichnete  er  nicht  näher.  Er  schrieb  ein  Kochbuch, 
besonders  für  Kuchen  (Kallimachos'  Katalog  bei  Athen.  XIV  p.  643). 
Er  wird  in  der  1.  Hälfte  des  4.  Jahrhunderts  gelebt  haben.  Die 
Grabschrift  dieses  Sohnes  des  Damassagöras,  die  in  Paphos  gefunden 
wurde,  hat  von  Wilamowitz-Möllendorff^)  besprochen.  Aigi- 
m  i  0  s  von  Elis  behauptete,  eine  einmalige  Ueberfüllung  bewirke  mehr- 
malige Erkrankung.  Der  Körper  wachse  langsam,  weil  die  Nahrungs- 
zufuhr durch  sichtbare  und  unsichtbare  Entleerung  ausgeglichen  werde. 
Üeberschuss  entsteht,  wenn  zu  früh  neue  Nahrung  zugeführt  wird. 
Er  soll  zuerst  die  Pulslehre,  in  der  Schrift  nsgl  naAf.idjv,  behandelt 
haben  (Gal.  VIU  498;  716;  752;  Ruf.  ed.  Ruelle  219j.  Petrön(as)  ist 
vermutlich  identisch  mit  Petrichos.  -)  Nach  Celsus  III  9  lebte  er  vor 
Herophilos  und  nach  Hippokrates,  also  im  4.  Jahrhunderte  und  stammte 
aus  Aigina  (Hom.  IL  XI  624  schol.  BLV).  Ein  Gedicht  über  Schlangen 
von  Petrichos  erwähnt  Plinius,  in  den  Autorenverzeichnissen  desselben 
Plinius  erscheint  er  als  Arzt.")  Fiebernde  bedeckte  er  mit  vielen 
Gewändern,  um  Hitze  und  Durst  zu  erzeugen,  beim  Nachlassen  gab  er 
kaltes  Wasser,  bis  Seh  weiss  auftrat,  unter  Umständen  erst  auf  Erbrechen 
oder  Abführen  durch  Salzlake  hin  (Gal.  144).  Darauf  reichte  er  Schweine- 
braten und  Wein  (Geis.;  Gal.  XV  436  f.),  was  Erasistratos  als  „Stopfen" 
bezeichnete  und  verwarf.  Mikkion  scheint  ihn  ausgeschrieben  zu  haben.  ^) 
Die  2  Elemente,  die  er  nach  dem  Anon.  Lond.  annahm,  sind  das  Kalte 
und  AVarme  und  unterstützende  Faktoren  das  Trockene  und  Feuchte. 
Die  Krankheiten  entstehen  aus  Ueberfüllung  oder  schlechter  Mischung 


^)  Hermes  XXXIII  519;  XXXV  565  f. 

2)  Well  mann  in  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  CXXXVII  1888  S.  153  f 

•'•)  Wellmann,  Hermes  XXIII  1888  S.  563  A.  3. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  271 

der  Grundstoffe.  Die  Galle  ist  ein  Krankheitserzeugnis  und  völlig- 
unnütz. Sein  Schüler  Ariston  begegnet  in  meinen  Anecdota  medica 
Graeca  im  Rhein.  Mus.  49.  1894  S.  546.  Den  Philistion  aus  Lokroi 
(Athen.  III  p.  115  D;  Piut.  symp.  VII  1;  Gell.  XVII  11,  6;  Gal.  IV 
306),  der  sicilischen  Schule  angehörig  (Gal.  X  5;  Diog.  Laert.  VIII 
8,  1 ;  3),  einen  jüngeren  Zeitgenossen  Piatons,  hörten,  wie  Kallimächos 
im  „Katalog"  (mvaxeg)  angab,  Eudoxos  (und  Chrysippos)  von  Knidos 
(Diog.),  ferner  auch  Diokles  (Wellmann,  Rhein.  Mus.  LIII  626; 
Herm.  XXXV  372  f.).  Er  lebte  wie  Timaios  in  Syrakusai  (Plat.  epist. 
2  =  p.  314  D)  und  ist  auch  nach  Athen  gekommen,  wenn  der  bei 
den  botanischen  Forschungen  der  Akademie  beteiligte  ungenannte 
Arzt  (Athen.  II  p.  59  F),  wie  es  den  Anschein  hat,  Philistion  sein 
sollte.  Diese  Annahme  wird  gestützt  durch  die  vielen  Anklänge,  die 
Diokles  und  Piaton  aufweisen.  In  Anlehnung  an  Empedokles  nimmt 
Philistion  4  Elemente  (Ideen)  an,  Feuer  —  Wärme,  Luft  —  Kälte, 
Wasser  —  Feuchtes,  Erde  —  Trockenes.  Ursachen  der  Erkrankung 
sind  1.  die  Elemente,  2.  die  Körperbeschatfenheit  (öiddemg),  3.  die 
äusseren  Einflüsse  (Trauma  und  Geschwürbildung;  übergrosse  Hitze. 
Kälte  u.  dgl.  oder  deren  plötzlicher  Umschlag  ins  Gegenteil ;  Verderb- 
nis der  Nahrung).  Gesundheit  beruht  auf  richtigem  Atmen  und  Luft- 
wechsel durch  die  Hautporen,  Krankheit  auf  dem  Gegenteile.  Zweck  des 
Atmens  ist  Kühlung  der  eingepflanzten  Wärme  (Gal.  IV  471).  Das 
warme,  frische  Brot  erklärt  er  für  nahrhafter  als  das  kalte,  altbackene 
(Athen,  a.  a.  0.),  wie  in  seinen  öipaQTvzr/.d  (Athen.  XII  p.  516  C)  oder 
in  seiner  diätetischen  Schrift  (negl  diahrjg?)  stand.  Hingegen  kann 
er  trotz  der  Behauptung  „Einiger"  das  pseudhippokratische  de  victu  sal. 
nicht  verfasst  haben  (Gal.  XV  455;  XVIII,  I  8;  XIX  721).  Seine 
Säftelehre  wird  der  platonischen  nahe  stehen  (Tim.  p.  82  E  u.  ö.). 
Die  Atmung  findet  statt,  um  die  dem  Herzen  eingepflanzte  Wärme  zu 
lindern  (Gal.  IV  471;  V  702).  Würde  auch  die  platonische  Fieber- 
lehre Philistion  entlehnt  sein,  so  hätte  dieser  die  kontinuierlichen 
Fieber  auf  das  Feuer  und  von  den  intermittierenden  die  Quotidiana 
auf  die  Luft,  die  Tertiana  auf  das  Wasser  und  die  Quartana  auf  die 
Erde  zurückgeführt.  Das  Klebkraut,  cfdlaciov  (s.  Hippocr.  ed.  Fuchs 
III  352  A.  80  =  de  nat.  mul.  32),  hat  seine  oben  erwähnten  Verdienste 
um  die  Botanik  der  Nachwelt  überliefert.  Von  dem  ngyavov,  Apparat 
zum  Einrenken,  ist  uns  aus  Oreibasios  (coli.  med.  49,  4  =  IV  344) 
nur  der  Name  bekannt.  Einen  Bruder  des  Philistion  unbekannten 
Namens  erwähnt  Caelius  (m.  ehr.  III  8 ;  V  1).  Eudoxos  von  Knidos,  ^) 
Sohn  des  Aischines,  war  Astrolog,  Geograph,  Arzt  und  Gesetzgeber 
(Diog.  Laert.  8,  90).  Eusebios  -  Hieronymus  setzen  seine  Blüte  auf 
Ol.  89,  2  =  42221  v.  Chr.  an,  aber  nach  der  sicheren  Angabe  im 
Mathematikerverzeichnis  bei  Proklos  (ed.  Fried  lein  66,  14  ff.),  das 
sich  auf  Eudemos  von  Rhodos  stützt,  kann  er  nur  etwa  400  v.  Chr. 
geboren  sein.-)  Er  starb  53 jährig  342  337.  Er  erwarb  als  Sophist 
seinen  Unterhalt  auf  Reisen    nach  Athen,  -)    Aegypten,   Italien    und 


')  Unger,  Philologus  L  =  N.  F.  IV  1891  S.  218 f.  wird  vielfach  herichtigt 
durch  Susemihl,  Rhein.  Mns.  LIII  1898  S.  626  ff. 

*)  Ich  folgere  so,  von  Proklos-Endemos  ausgehend:  Piaton  geb.  427,  Leodamas 
geb.  ca.  437,  Neokleides  geb.  ca.  427,  Leon,  Schüler  des  letzteren,  geb.  ca.  407, 
Eudoxos  geb.  ca.  406,400;  Blüte  des  Philistion,  den  Eudoxos  hörte,  ca.  380  (geb.  ca. 
417) ;  Reise  nach  Aegypten  ca.  360  ;  Tod  des  Endoxos  im  Alter  von  53  Jahren  353/347 ; 
Blüte  nach  dem  Chron.  pasch.  373  2,   nach  ApoUodoros  368/4,   was  hiermit  gut  har- 


272  Robert  Fuchs. 

Sicilien,  wohin  ihn  sein  und  des  Philist ion  Schüler  Chrysippos,  der 
Sohn  des  Erineos  (Diog.  Laert.  VIII  8,  3).  von  Knidos  begleitete 
(Philostr.,  Apoll.  Tyan.  1,  32;  von  Wilamowitz-Möllendorff, 
Antigonos  v.  Karystos  324  ff.).  Seine  Heimat  Knidos  widmete  ihm  wegen 
seiner,  vorzugsweise  astronomischen,  Verdienste  und  wertvollen  AVerke 
(Diog.  Laert.  8,  89 ;  Helm,  Hermes  XXIX  167  ff.)  einen  Ehrenbeschluss 
(Diog.  VIII  68).  Chrysippos  wurde  ein  bedeutender  Arzt  und  Lehrer 
der  pneumatischen  Richtung.  Sein  Sohn,  Arzt  und  Mitverschworener 
der  Arsinöe,  der  ersten  Frau  des  Ptolemaios  I.,  wurde  ca.  277  hin- 
gerichtet (Diog.  VII  186;  Theoer.  XVII  128  schol.).  Sein  Schüler 
Aristogenes  (s.  unten)  war  Leibarzt  bei  Antigonos  Gonatas  (Gal.  XI 252). 
Andere  Schüler  von  ihm  waren  der  Lehrer  des  Erasistratos,  Metrodöros, 
und  Medios  (Gal.  XI  252).  Chrysippos  zeichnete  sich  als  xlnatom  aus 
(Gal.  XV  135)  und  lernte  in  Aegypten  die  Droguen  schätzen.  Eines 
seiner  Werke  handelte  von  den  Gemüsen  {negi  ^.axävcov;  schol.  ad 
Nicand.  ther.  845;  Plin.  oft).  Die  Pflanze  xQvoiTtTieiog  verdankte  ihm 
ihren  Namen  (Plin.  26,  93;  Garg.  Mart.  ed.  Ptose  152,  14).  Was  die 
Therapie  betrifft,  so  untersagte  er  Fiebernden  im  Gegensatze  zu  den 
Hippokratikern  das  Trinken.  Als  Hauptsymptom  des  Fiebers  be- 
zeichnete er  die  abnorme  Pulssteigerung  (Cael.  Aur.,  libri  respons. : 
Rose,  Anecd.  II  226,  208).  An  Stelle  des  Aderlasses  und  der  Abführ- 
mittel, die  er  verwarf,  wandte  er,  z.  B.  bei  Plethora,  Brechmittel, 
Klystiere  und  Umbinden  der  Arme  und  Beine  an.  Wassersucht  heilte 
er  durch  Schwitzkästen  oder  „Fässer"  (iy  öiä  ni&ov  TtvQia).  Die 
Diätetik  vervollkommnete  er  in  einer  besonderen  Schrift  (Porphyr, 
reliq.  ed.  Schrader  I  165;  Cels.  I  praef.  2,  18).  W^ahrscheinlich 
stammen  auch  einige  Rezepte  von  ihm  (Cels.  V  18,  30;  Ruf.  ed.  Dar.- 
Ruelle  6;  Cael.  Aur.  m.  ehr.  14;  II  5).  Um  nicht  nochmals  auf 
die  verschiedenen  Chrysippoi  zurückzukommen,  seien  gleich  noch  die 
anderen  beiden  hier  angeführt.  Der  Schüler  des  Aethlios  ^)  (Diog. 
Laert.  8,  89),  von  dem  Augenmittel  verbreitet  wurden,  ist  nach  W  e  1 1  - 
mann  (378)  der  jüngere  Chrysippos,  der  Enkel  des  Begleiters  des 
Eudoxos,  nach  meiner  Ansicht  aber  der  oben  erwähnte  Rhodier.  Er 
verfasste  q>vaiy.d  ^eojQrjinaTa  =  Physische  Lehrfragen  (Diog.  a.  a.  0.). 
Chrysippos,  der  Anhänger  des  Asklepiades,  im  Canon  Laurentianus 
ohne  Beiwort,  schrieb  de  lumbricis  =  Ueber  die  Würmer  (Cael.  Aur. 
m.  ehr.  IV  8  p.  537),  mindestens  3  Bücher,  ferner  unterschied  er 
Lethargus  und  Katalepse  (ac.  m.  II  10;  12;  m.  ehr.  I  4;  II  5).  Ein 
sonst  nicht  näher  bekannter  Chrysippos  war  Erasistrateer. 

Diokles^)  von  Karystos,  dessen  Name  in  den  Handschriften 
vielfach  verstümmelt  ist  (z.  B.  Dyodes),  wurde  von  vielen  ausge- 
schrieben, so  von  Praxagoras,  Piaton  (Fränkel  S.  30),   Aristoteles, 

moniert.  Geburt  des  Chrysippos  ca.  380;  Hinrichtung  des  Sohnes  des  Chrysippos 
von  Knidos,  des  Chrysippos  von  Ehodos,  durch  Ptolemaios  II.  ca.  277,  Geburt  also 
ca.  318.  Chrysippos  von  Knidos  mag  um  340  den  Metrodöros,  der  um  310  die  Pythias, 
Tochter  des  Aristoteles  heiratete,  in  die  Heilkunde  eingeführt  haben,  um  310/8  den 
Erasistratos.  Ich  teile  also  Wellmanns  chronologische  Bedenken  nicht,  die  ihn  dazu 
führen,  folgendes  Stemma  aufzustellen:  Chrysippos,  Sohn  des  Erineos,  aus  Knidos; 
dessen  Sohn  Aristogoras;  dessen  Sohn  Chrysippos,  Lehrer  des  Erasistratos;  dessen 
Sohn  Chrysippos  von  Rhodos  (Hermes  XXXV,  1900  S.  371  ff.). 

^)  Codex  der  Anecd.:  Agrius,  von  Eose  (a.  a.  0.)  verbessert. 

^)  Fabricius,  Biblioth.  Graeca  XII  583  ff.  (Harles);  Fränkel,  Dioclis  Carystii 
fragmenta  quae  supersunt,  Berol.  1840;  Grüner,  Bibl.  d.  alt.  Aerzte  II  605 ff. 
(deutsch);  Kühn,  Car.  Gott!.,  De  Diocle  Carystio  progrr.  V,  Lips.  1820;  opusc. 
II  86 if.;  Hippocrate  par  Littre  I  71.  » 


Geschichte  dgr  Heilkunde  bei  den  Griechen.  273 

Tlieoplirastos,  Apollodöros  dem  lologen,  Nikandros,  Krateuas,  Dios- 
kurides,  Sextius  Nigros,  indirekt  von  Plinius  (bist.  nat.).  Gargilius 
Martialis,  Symeon  Setli,  dem  lateinischen  DioscorideSj  Macer  Floridus  u.  a. 
Beziehungen  zur  Akademie,  seine  Erwähnung  in  den  Canones  medi- 
corum  Lambecii  und  bei  Plinius  (26,  2,  6):  „secundus  aetate  famaque 
exstitit",  Celsus  (I  praef.;  III  24;  YII  5;  VIII  20),  Galenos  (II  905; 
XIV  683;   XVIII,  I  731  f.   Bekämpfung  des  Ktesias),   Caelius  (chron. 

IV  6),  der  Unterricht  bei  Philistion  ( w.  s.)  und  sein  Widerspruch  gegen 
die  offenbar  noch  nicht  lange  vorliegende  pseudhippokratische  Schrift 
de  diaeta  weisen  ihn  dem  ersten  Teile  des  4.  Jahrhunderts  v.  Chr.  zu. 
Er  ist  ein  anderer  als  der  jüngere  Chalkedonier  (Gal.  XIII  87).  Sein 
Vater  hiess  Archidämos  (Arcidä  korrigierte  Wellmann,  Hermes 
XXXV  1900  S.  369)  und  war  Arzt  (Gal.  XI  472  ff.).  Nicht  nur  als 
Leiter  der  hippokratisch-dogmatischen  Schule  (XIV  683),  sondern  vor 
allem  wegen  seiner  Menschenfreundlichkeit  (V  751)  und  seiner  rheto- 
rischen Schulung  (XIX  530)  erwarb  er  sich  bei  seinen  Mitbürgern 
den  Namen  eines  „iunior  Hippocrates".  ^)  Nach  derselben  Quelle  muss 
er,  dem  Beispiele  des  Hippokrates  folgend.  Reisen  unternommen  haben, 
so  nach  Gaza  und  Athen.  Dass  er  bei  der  Angabe  des  Produktions- 
ortes der  besten  Gemüse  ähnliche  Reiseerinnerungen  verwerte,  lässt 
sich  ebenso  gut  leugnen  wie  versichern  (Athen,  p.  59  A).  Seine  in 
attischem  Dialekt  abgefassten  Schriften  w'aren  nahezu  so  vielseitig 
wie  die  von  ihm  vielfach  herangezogenen  hippokratischen  Schriften, 
die  er  trotz  der  eigenartigen  Numerierung  (p.  104;  107;  s.  Rose, 
Aristot.  pseudepigr.  379  f.)  durchaus  nicht  ediert  zu  haben  braucht, 
weil  die  Nummern  ja  auch  in  den  von  ihm  benutzten  Rollen  gestanden 
haben  können.  Auch  die  Physiognomonik  (Licht  und  Sonnenlauf)  als 
Ausgangspunkt  für  die  Prognosen  scheint  er  mit  ins  Auge  gefasst  zu 
haben  (Gal.  XIX  530).  Er  schrieb:  1.  eine  dvarourj  =  Anatomie  (II 
282;  716;  900  u.  ö.);  2.  TtaOvs,  atria,  O^egaTteia  {F?Ltho\ogie,  Aetiologie, 
Therapie;  XVIII,  I  7  u.  ö.;  Cael.  Aur.  ac.  m.  I  12);  3.  mindestens 
4  libri  curationum  (Cael.  Aur.  m.  ehr.  I  4  p.  132);  4.  vyuivd  nobg 
nlüoiaQyov  in  wenigstens  2  Büchern  (Einleitung  bei  Gal.  VI  455 f.), -) 
gegen  Pseudhipp.  de  diaeta  die  wahren  Lehren  des  Hippokrates  ver- 
fechtend (Fred rieh);-)  5.  nagt  laxävcov  =  Gemüse  {Gal.  XVIIL  I 
712;  XIX  89;  Fredrich  S.  187  A.  2);  6.  qi^otoiuxöv  =  Wurzel- 
schneidebuch, also  augenscheinlich  die  älteste  Pharmakologie ;  '^)  7,  negl 
d^avagUuov  (paQ(.ict'AOJv  =  Tötliche  Gifte  (Athen,  p.  681  B;  Nie.  ed. 
Schneider  97);  8.  Ttgoyvcoavixöv  (Cael.  ac.  m.  II  10  p.  96);  9.  nsgi 
Tivgenöv  =  Fieber  (Cael.  ac.  m.  I  12);  10.  TteQi  yv(.ivaan/.fjg  (nach  Gal. 

V  879  vielleicht  keine  selbständige  Schrift);   11.  :n:€Ql  Tteipeiog  (rtgay- 


^)  Den  Namen  des  Octavius  hat  der  Herausgeber  Heremannus  comes  a  Neüenar 
(Octavii  Horatiani  rerum  Medicarum  Lib.  Quatuor  etc.,  Argent.  1532)  eigenmächtig' 
eingesetzt.  Weil  die  Schrift  in  der  einzigen  (Brüsseler)  Handschrift  hinter  Theodoros 
Priscianus  steht,  wurde  sie  auch  diesem  beigelegt.  Dass  aber  des  letzteren  Lehrer 
Vindicianus  der  Verfasser  sei,  lehrt  die  Vergleichung  des  Textes  mit  den  Excerpten 
aus  den  Gj^naecla  des  Vindicianus  (Theod.  Prise,  euporiston  libri  III  ed.  a.  Val. 
Rose,  Lips.  1894  p.  426 ff. ;  448 f.  Anm.).  Dass  in  dieser  Schrift  fast  durchweg 
Diokles  zu  Grunde  liege,  zeigen  Rose,  Aristot.  pseudepigraphus  379 f.;  Diels, 
Doxogr.  Graeci  185;  435  Anm. 

2)  Gal.  XIX  89;   Athen,  p.  61  C;  320  D;   Orib.  öfter;   Fredrich,  Hippokrat. 
Untersuch.  171  ff. 

')  Well  mann.  Das  älteste  Kräuterbuch  d.  Griech.,  Festgabe  f.  Susemihl 
1  ff.;  29  ff. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  18 


274  Eobert  Fuchs. 

fiaTsia)  =  lieber  die  Verdauung  (Fuchs,  Anecd.,  Ehein.  Mus.  49, 
547);*)  12.  einen  über  de  egestionibus  =  Entleerungen  (Cael.  1.  1.); 
13.  xai'  iargelov  =  Aerztliche  Werkstätte  (Chirurgie;  Gal.  XVIII,  II 
629;  666);  14.  nsgl  kjtidtoiaov  =  Verbandlehre  (XVIII,  I  519); 
15.  "AQxLdaf.ioQ,  zu  Ehren  seines  Vaters  so  benannt,  wenngleich  er 
dessen  trockene  Friktionen  missbilligte  (Gal.  XI  472  if.);  16.  de  igni  et 
aere  =  Feuer  und  Luft  (Vind.  1.  1.);  17.  wenigstens  3,  vielleicht  12 
Bücher  ywmxela  =  Gynäkologie  (Sor.  II  2;  53;  85).  Unecht  ist  die 
€7ciorolr]  rtoocpvla-AUY.ri  an  König  Antigönos,  aus  Paul.  Aegin.  in  Fabricius 
(1. 1.)  übernommen,  und  der  Brief  an  Pleistarchos  (Kühn  opusc.  med.  II 
115).  Dass  er  Hippokrates  kommentiert  haben  soll,  ist  nicht  zutreffend; 
er  hat  das  Corpus  nur  oft  verwendet,  namentlich  wohl  im  progn.  Er 
war  ein  tüchtiger  Anatom  (Gal.  II  282;  716;  XV  135  f.),  wennschon 
ihn  Aristoteles  nicht  kennt  und  er  nicht  der  erste  anatomische  Autor 
war,  da  die  Hippokratiker  und  Demokritos  ihm  vorausgegangen  waren. 
Des  Galenos  Tadel  (II  900)  passt  nicht  recht  auf  seine  verdienstvollen 
Betrachtungen  der  Lunge  und  des  Herzens  (Fuchs  541;  Cael.  Aur. 
ac.  m.  II  28),  der  nögoi  (Gänge)  zwischen  Gallenblase  (xo?.rjööxog  ■/.voug) 
und  Leber  (Fuchs  554),  der  ßlinddarmklappe  (Vind.),  der  Ureteren 
und  des  Pförtners  (Gal.).  In  den  erhaltenen  Citaten  sind  die  4  hippo- 
kratischen  Säfte,  Blut,  Schleim,  schwarze  und  gelbe  Galle,  nachweisbar. 
Die  Seele  hat  ihren  Sitz  im  Herzen  (Fuchs  543),  und  zwar  in  dem 
eingeborenen  psychischen  Pneuma  der  wohl  blutleeren  linken  Kammer. 
Von  dieser  Centrale  gehen  die  beiden  Adersysteme  aus,  das  der  xoilrj 
(pVeip  und  der  na%aa  aQTr^oia  =  Aorta.  Die  Aorta  ist  blutgefüllt,  ent- 
hält aber  auch  zum  Gehirne  aufsteigendes  Pneuma  (Fuchs  523  ff".). 
Die  Adern  führen  Blut  und  Pneuma,  die  Arterien  wahrscheinlich  mehr 
Pneuma,  die  Venen  mehr  Blut.  Die  sinnliche  Wahrnehmung  verlegt 
er  in  die  rechte,  den  Verstand  in  die.  linke  Hirnhemisphäre  (Vind.). 
Die  Atmung  dient  zur  Abkühlung  der  angeborenen  Wärme  und  zur 
Ergänzung  des  Pneuma  (Gal.  IV  471).  Die  Wärme  bewirkt  auch  die 
Verdauung,  nach  deren  Eintritt  die  Leber  mit  der  Blutbereitung  ein- 
setzt (Fuchs  556).  Die  Ueberschüsse  gehen  nach  Darm  und  Blase, 
aber  auch  als  Schweiss  und  Ausdünstung  ab  (Gal.  XI  472).  Krank- 
heitsursachen sind  das  gestörte  Verhältnis  der  4  Qualitäten  oder  äussere 
Einwirkungen  (Di eis,  Dox.  gr.  441;  443).  Die  Lehre  von  dem  Fieber 
{irtiyevvrjjLia  =  Nebensymptom  ist  es  ihm  bloss;  Gal.  XIX  343)  wird 
der  des  Philistion  entsprochen  haben  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  10).  Die 
Intermittens  erschien  ihm  gutartiger  als  die  Continua.  -)  Die  Phrenitis 
hielt  er  für  Zwerchfellentzündung,  denn  dort  sitze  der  Verstand. 
Kräftige  Patienten  liess  er  baden,  jungen  kräftigen  Phrenitischen 
zapfte  er  Blut  ab,  ebenso  Vollblütigen  und  Weintrinkern.  Der  Ader- 
lass  erfolgte  am  Arme  und  unter  der  Zunge.  Bei  Lethargus  hat 
das  abgekühlte  seelische  Pneuma  um  Herz  und  Gehirn  das  dort  be- 
findliche Blut  fest  werden  lassen;  die  Kranken  dürfen  nicht  baden, 
sondern  müssen  scharfe  Arzneien,  Abreibungen  und  Niesmittel  an- 
wenden. Die  Katalepse  nannte  er  Aphonia.-  Epilepsie  und  Apoplexie 
werden  durch  Verstopfung  der  Aorta  mit  Schleim  verursacht;   dann 


^)  Diese  Anecdota  sind  eine  wichtige  doxographische  Quelle  für  Hippokrates, 
Diokles,  Praxagoras  und  Erasistratos  und  daher  namentlich  zu  den  letzten  drei  zu 
vergleichen. 

2)  S.  Cael.  Aurel.,  ac.  m.  II  10  p.  97. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  275 

kann  das  Pneuma  nicht  hindurch.  Bei  Angina  wird  verordnet :  Ader- 
lass,  bei  Blutarmen  Schröpfen,  Einreiben  mit  Ochsengalle  und  Kräuter- 
auszügen, Gurgelwässer,  Belegen  der  Höhle  unter  der  Zunge  mit 
Pfeffer,  Auflegen  warmer  Schw^ämme  und  Wachspasten  auf  den 
Hals  u.  s.  w.  Tetanus  heilen  Diuretica.  ^)  xoQÖaipog  =  Dünndarm- 
verschluss  und  Ileus  =  Dickdarmverschluss  werden  zuerst  unter- 
schieden. Da  die  Manie  auf  „Kochung  des  Herzblutes  ohne  Ver- 
stopfung*' zurückgeht,  so  sind  Kühlmittel  anzuwenden.  Der  durch 
Leber  oder  Milz  verursachte  Hydrops  zerfallt  in  dvd  ooq/m  und  daxitrjg; 
ist  das  Scrotum  leukophlegmatisch  gefüllt,  so  sagt  er  vögcuma/ttög.  Ab- 
gehende Würmer  hält  er  im  Gegensatze  zu  den  Hippokratikern  für 
ein  durchaus  nicht  etwa  ungünstiges  Zeichen.  Bei  der  Pneumonie, 
die  er  von  der  Pleuritis  schied,  sollen  die  Lungenvenen  erkrankt  sein. 
Zum  Ausziehen  breiter  Wurfgeschosse  erfand  er  ein  Brett  mit  Haken, 
Jio/liovg  ygacpia-Äog  (Cels.  VII  5).  Seine  Diätetik  (Orib.  III  168  ff.)  giebt 
Vorschriften  für  jede  Tagesstunde,  für  Morgenspaziergang,  Waschen, 
Zähneputzen,  Lagerung,  Sommer  und  Winter,  Wanderungen  (VI  69).  *) 
Erbrechen  verwirft  er.  Bei  übermässigem  Coitus  werden  Blase,  Nieren, 
Lunge,  Augen  und  Rückenmark  geschädigt  (III 181).  Eine  besondere 
Binde,  axacpiov  rf  ^öÄog  =  „Trögehen  oder  Kuppeldach",  erwähnt 
Orib.  IV  289.  Seine  gynäkologischen  Lehren  sind  ebenfalls  nur  in 
Trümmern  auf  uns  gekommen.  Die  Frauen  leiden  zufolge  ihres  be- 
sonderen Baues  an  besonderen  Krankheiten  (Sor.  II  2).  Die  Menses 
fallen  bei  allen  genau  in  dieselbe  Zeit,  dauern  bis  zum  60.  Jahre  und 
zeigen  von  der  Geschlechtsreife  bis  zum  Climacterium  ein  gleichmässiges 
Ansteigen  und  Abfallen  (I  4,  21).  Fruchtbarkeit  wii'd  daran  erkannt, 
dass  Hüften  und  Weichen  fleischig  und  breit  sind  und  Sommersprossen, 
rotblondes  Haar  und  männliches  Aussehen  vorgefunden  werden.  Wenn 
der  Duft  von  Scheideneinlagen  aus  Harz,  Raute,  Knoblauch  oder 
Koriander  im  Hauche  wahrgenommen  wird,  liegt  Fruchtbarkeit  vor. 
Sterilität  wird  verraten  durch:  Magerkeit,  Dürre,  Fettansatz,  hohes 
oder  sehr  geringes  Alter  (I  9,  35),  Schiefheit  des  Uterus,  wie  er  von 
Sektionen  an  Mauleselinnen  abnahm  (Gal.  XIX  329);  sie  tritt  ein, 
wenn  kein  oder  zu  wenig  Sperma  ejakuliert  wird,  im  Körper  eine  der 
4  Qualitäten  überwiegt  oder  der  Uterus  erschlafft  ist  (Plut.).  ^)  Beim 
Embryo  sind  am  9.  Tage  Blutpunkte,  am  18.  Bewegung  des  Herzens 
und  am  27.  schwache  Spuren  von  Rückenmark  und  Kopf  in  einer 
schleimigen  Membran  erkennbar  (Orib.  III  78).  Spontaner  Abort 
kündigt  sich  durch  Frost  in  den  Schenkeln  und  Schweregefühl  im 
Becken  an  (Sor.  I  18,  59).  Dystocie  stellt  sich  bei  erstgebärenden, 
sehr  jungen,  leukophlegmatischen  und  „hitzigett"  Frauen  ein.  Ursachen 
sind:  nicht  gerade  Stellung,  Verhärtung,  Verschluss  oder  Widerstand 
des  orificium  uteri,  Grösse,  mangelhafte  Ausbildung  oder  Tod  der 
Frucht  (II  17,  53).  Bei  Prolaps  treibt  er  Luft  in  den  Uterus  und 
legt  nach  dessen  Aufrichtung  geschälte  und  in  Essig  getauchte  Granat- 
äpfel ein  (II  31,  85).  Sein  QiCozof^uöv,  von  dem  wir  4  Bruchstücke  be- 
sitzen, *)  ist  die  Bibel    aller    griechischen  und   römischen  Nachfolger 


')  Arzneitränke  s.  bei  Orib.  IV  565. 

*)  Gegenüberstellung  von  Diokles  bei  Oreibasios  und  Psendhippokrates  de  diaeta 
bei  Fredrich  197 ff. 

")  Kleinwächter  bei   Rohlfs,   Deutsch.  Archiv  f.   Gesch.    d.  Medic.   u.  med. 
Geogr.  VI  1883  S.  267. 

*)  Wellmann  a.  a.  0.;  vgl.  Janus  IV  1899  S.  28. 

18* 


276  Robert  Fuchs. 

geworden.  Die  bei  Theophrastos  und  Dioskurides  beigefügten  populären 
Synonyma  sind  grossenteils  schon  bei  Diokles  aufgezählt  gewesen. 
Nach  den  Bruchstücken  zu  urteilen,  gab  er  auch  den  Standort,  die 
Art  des  Ausgrabens,  die  Aehnlichkeit  mit  verwandten  Pflanzen,  den 
Nährwert,  die  Eigenschaften  und  Wirkungen,  besonders  in  medizinischer 
Hinsicht  an.  ^)  Auch  der  Mineralogie  schenkte  er  seine  Aufmerk- 
samkeit. 

Praxagoras^)  von  Kos,  Sohn  des  Nikarchos  (Gal.  IV  471;  VI! 
584),  ist  ein  anderer  als  der  auch  lif-uxidag  genannte  Vater  des  syraku- 
sischen  Idyllendichters  Theokritos.  Gercke,  Rhein.  Mus.  XLII  602; 
Knaack,  Hermes  XXIX  474  wollen  beide  identifizieren.  Er  lebte 
gleichzeitig  mit  Diokles  (Gal.  II  905;  XIV  683;  Geis.  I  prooem.)  und 
wird  in  dem  Canon  medicorum  Laurentianus  und  dem  von  Gramer 
und  Lambecius  mit  aufgeführt.  Die  Blütezeit  des  nur  wenig  jüngeren 
Zeitgenossen  des  Aristoteles  mag  um  340/320  fallen.  Als  Haupt 
der  Dogmatiker  löste  er  seinen  Lehrer  Diokles  ab  (Gal.  XIV  683), 
dem  er  an  Einsicht  nicht  nachstand  (Euf.  220  Ruelle).  Seine  Schriften 
bezogen  sich  auf  Anatomie  (Gal.  XV  135;  Hom.  IL  X  325  schol. 
BD),  wobei  er  u.  a.  für  Pleuritis  auch  pathologische  Befunde  mit- 
teilte (Fuchs  545),  Diagnostik,  diacpogal  rwv  ö^eiov  (Unterschiede 
der  akuten  Krankheiten),  wovon  die  Abhandlung  über  die  Symptome 
(eTtiysvö/iuva)  wohl  ein  Teil  war;  wenigstens  4  Bücher  waren  de 
curationibus,  wenigstens  3  ^sgi  vovgcov  =  de  morbis,  wenigstens  2  de 
peregrinis  )  passionibus  betitelt  (Gael.  Aur.  ac.  m.  II  10  p.  96) ;  ferner 
schrieb  er  cpvaiy.a,  ovveÖQEvovxa  =  Folgekrankheiten  (?),  de  planus 
und  eine  Arzneimittellehre.  Galenos  (VI  511)  berichtet  uns,  dass 
Praxagoras  des  Diokles  Diätetik  zu  vervollständigen  suchte,  während 
ihn  wieder  Philotimos  ergänzte  (Fredrich,  Hippokrat.  Untersuch. 
174  ff.).  Er  gilt  Galenos  trotz  aller  Lücken  (a.  a.  0.)  als  der  wirk- 
liche Sachverständige  gegenüber  Herodikos  in  gymnastischen  und  diä- 
tetischen Fragen.  Ob  er  der  Verfasser  der  pseudhippokratischen 
Coac.  sei,  wurde  oben  unter  Nr.  47  mit  dem  nötigen  Vorbehalte  be- 
urteilt. Den  Unterschied  der  Venen  und  Arterien  (Aorta  =  Ttaxela 
aQTTqQia:  Fuchs  542  u.  ö.),  der  sich  bei  Hippokrates  bereits  ange- 
deutet fand,  hat  er  klar  hervorgehoben  und  für  die  Pulslehre  ver- 
wertet. Keineswegs  hat  er  jedoch,  wie  Galenos  annimmt  (V  561; 
VII  702),  den  Puls  entdeckt  (Hippocrate  par  Littre  I  225  ff.).  Der 
gewöhnliche  Puls,  ocpvy/iidg,  geht  bei  Krankheiten  in  den  7taXf.iög  == 
Hämmern  über,  dann  in  den  rgöf-iog  =  Zittern  (Ruf.  ed.  Daremb.  220 ; 
Aristot.  I  479  b  21).  Ihm  gelten  die  Arterien  als  nur  lufthaltig,  die 
Venen  als  nur  blutgefüllt.  '^)  Darin  folgte  ihm  die  Stoa.  Die  Körper- 
wärme erklärt  er  für  erworben,  eTtUrrjrov  (Gal.  VII  614).  Den  Sitz 
der  Fieber  verlegte  er  in  die  Hohlvene,  zoilr]  cpliip.  Trotz  der  Ver- 
wechslung von  Nerven,  Sehnen  und  Blutgefässen  scheint  er  die  Eigen- 
schaft der  Nerven  als  Vermittler  der  Empfindung  erkannt  zu  haben; 
das  Centrum  dieser  Empfindung  ist  das  Herz  (Gal.  V   187  f.).     Das 


i)Berendes,  Apotheker-Ztg.  1899  Nr.  15 f.  (S.-A.  S.  10 f.). 

^)  Gar.  Gottl.  Kühn,  De  Praxagora  Coo  programma  III,  Lips.  1823;  opiisc. 
acad.  et  med.  pathol.,  Lips.  1828  p.  128  ff.  —  Ein  phantastisches  Büd  von  ihm  wie 
von  den  meisten  anderen  Aerzten  enthält  nach  einer  brieflichen  Mitteilung  von 
Dr.  Piasberg  ein  cod.  Bononiensis ;  cf.  Uli  vi  er  i,  Studi  italiani  di  filologia  classica 
III  1895  S.  454. 

^)  Fredrich,  Hippokrat.  Untersuch.  S.  78. 


Geschichte  der  Heilknude  bei  deu  Griechen.  277 

Eückenmark  besitzt  im  Gehini  ein  Anhängsel  (Gal.  III  67),  Er 
nahm  11  Säfte  an,  die  er  als  süss,  gleiehmässig  gemischt,  glasartig, 
sauer,  laugig,  ^)  salzig,  bitter,  lauchgrün,  eigelb,  schabend  und  stockend 
bezeichnete.  Die  Phrenitis  deutete  er  als  Herzentzündung.  -)  Bei 
Lethargus  gab  er  unausgesetzt  Getreideschleimsaft,  daneben  scharfe 
Kly stiere,  Wein  mit  Kräuterauszügen,  und  die  Füsse  hielt  er 
warm.  Die  Epilepsie  u.  a.  erklärte  er  wie  Diokles  durch  Verstopfung 
der  Aorta  bezw.  Arterien  mit  Schleim.  Kataleptische  Zustände  nannte 
er  -^cofiaTwör^g  =  komaartige  Krankheit.  An  den  sie  begleitenden 
Fiebern  leiden  Sklaven  mehr  als  Freie.  Plötzliche  Nahrungszufuhr 
bringt  auch  anscheinend  Genesenen  leicht  den  Tod.  Bei  Pleuritis 
soll  die  Lunge  krank  sein ;  er  behandelte  sie  daher  gleich  der  Lungen- 
entzündung. Bei  A  ngina  gab  er  Klystiere  und  Seh  weissmittel ;  er  Hess 
zur  Ader,  erzeugte  Erbrechen,  schnitt  das  Zäpfchen  ein  und  legte 
Pech  auf.  Manie  soll  eine  Herzgeschwulst  zur  Ureache  haben.  Bei 
Ileus  Hess  er  auf  Rettigsaft  erbrechen ;  durch  Pressen  der  Eingeweide 
mit  der  Hand  quälte  er  die  Patienten  furchtbar;  half  dieses  nicht,  so 
schnitt  er  zur  Entfernung  des  Kotes  den  Dickdarm  oder  Leib  auf  und 
nähte  ihn  dann  zusammen.  Bei  Hämorrhagie  und  Hydrops  gab  er 
kräftige  Diuretica,  bei  Phthisis  Nieswurz.  Unter  seinen  Schülern 
zeichneten  sich  aus  Xenöphon,  Pleistonlkos,  Philotimos,  Mnesitheos  und 
Herophilos. 

Xenöphon  von  Kos,  „Schüler  des  Praxagoras",  bei  Diog. 
Laert.  II  59  der  Dritte  dieses  Namens,  behauptete  nach  einem  Scholion 
des  cod.  Paris,  graec.  2255  (=  Erot.  7,  20  ff.)  zum  hippokratischen 
progn.  (Littre  I  75),  „dass  die  Art  der  kritischen  Tage  göttlichen  Ur- 
sprunges sei;  so,  wie  die  Dioskuren,  sagt  er,  wenn  sie  vor  den  Augen 
der  vom  Sturme  heimgesuchten  Matrosen  erscheinen,  ihnen  durch  ihre 
göttliche  Gegenwart  Rettung  bringen,  entreissen  die  kritischen  Tage 
häufig  den  Kranken  dem  Tode".  Ein  Erasistrateer  gleichen  Namens 
hat  nicht  existiert.  Er  pflegte  die  anatomische  Nomenklatur  (Gal. 
XIV  699  f.).  Das  von  Chrysippos  aufgebrachte  Umbinden  der  Glieder 
anstatt  des  Aderlasses  verteidigte  er,  so  bei  Blutspeien  (Cael.  m.  chron. 
II 13  p.  416).  Hysterische  Anfälle  verstand  er  zu  heilen  (Sor.  II  29).  — 
Pleistonlkos  war  ein  guter  Anatom  (Gal.  XV  135 f.).  Er  erklärte  die 
Verdauung  nicht  für  Kochung.  sondern  für  Verfaulung  (Geis,  praef  4) 
und  nannte  das  Wasser  verdauungsförderlicher  als  den  Wein  (Athen.  II 
p.  45  D).  Er  schrieb  u.  a.  über  Säfte,  aber  ob  in  einem  besonderen  Buche 
7rsQl  xv(.uov  (Susemihl,  Geschichte  d.  giiech.  Litt,  in  d.  Alexandriner- 
zeit I  781  A.  26),  steht  dahin.  Rezepte  findet  man  bei  Galenos, 
Plinius  und  Oreibasios;  Plinius  führt  ihn  zu  Buch  20—27  als  Quelle 
auf  —  Philotimos  findet  sich  in  dieser  Schreibweise,  nicht  als 
Phylotlmos  (so  Athen,  ed.  Kaibel  I  p.  XL  f.),  in  den  Canones  medi- 
corum  und  sonstigen  mir  bekannten  Handschriften.  Seine  Blütezeit 
wird  etwa  290  v.  Chr.  angesetzt  werden  können.  Er  schrieb  nicht 
unter  13  Büchern  neql  zQOfpfjg  =  über  Ernährung  (Athen.  III  p.  79  Äff.), 
unter  dem  Titel  oipaQTVTixvv  ==  Gemüsebuch  (VII  p.  308  f;  Orib.  I 
182 ff.;  299 f;  429 ff ;  Gal.  VI  507 ff ;  720 ff  u.  ö.),  ferner  xm'  irjtQ€lov  = 

^)  virocoSris  =  wie  Soda.  Aus  Eiif.  de  appell.  part.  corp.  hum.  226.  Mit  den 
Säften  gaben  sich  seine  Schüler  als  Schriftsteller  ab:  Well  mann  bei  Susemihl, 
Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit,  Lpzg.  1891,  I  780. 

*)  Fuchs,  Anecd.  med.  Graeca  540 ff.  und  Cael.  Aur.  liegen  der  Pathologie  zu 
Grunde. 


278  Robert  Fuchs. 

Aerztliche  Werkstätte  (Geis.  8,  20;  Gal.  XVIII,  II  629;  6.66)  und  wohl 
auch  TtsQi  xv(aGjv  =  lieber  Säfte  (V  104  f. ;  346 ;  685).  Das  Gehirn  er- 
klärt er  für  unnütz  (Gal.  III  625).  Bei  Pleuritis  ist  die  Lunge  er- 
krankt; bei  Epilepsie  weist  Caelius  seine  nicht  näher  bezeichnete 
Therapie  zurück.  Einen  Anatomen  nennt  ihn  Galenos  XV  135  f. 
Herakleides  von  Taras  benutzte  den  Philotimos  bei  der  Besprechung 
der  Eeponierbarkeit  des  luxierten  Femur  (Gal.  XVIII,  I  731;  Gels. 
VIII  20).  Die  Tuben,  die  Diokles  Ksgalat  =  Hörner,  Praxagoras' 
Anhänger  mit  Philotimos  ^ölitoi  =  Busen  nannten,  soll  er  beschrieben 
haben,  denn  entdeckt  waren  sie  schon  (Gal.  II  890).  —  Mnesitheos  von 
Athen  scheint  auf  einem  Votivrelief,  auf  dem  „Mnesitheos,  der  Sohn  des 
Mnesitheos"  neben  „Epeuches  und  Diakritos,  den  Söhnen  des  Dieuches" 
als  Dedicant  verzeichnet  ist,  verewigt  zu  sein.  ^)  Er  mag  bald  nach 
Praxagoras  gewirkt  und  noch  vor  Philotimos  geschrieben  haben. 
Galenos  lobt  ihn  als  „in  jeder  Beziehung  tüchtig",  auch  als  treiflichen 
Anatomen  (XV  135 ;  Orib.  III  23  ff.).  Die  Hauptregel  seiner  medi- 
zinischen Encyklopädie  lautet:  „Die  Medizin  erhält  die  Gesundheit 
durch  Aehnliches,  heilt  die  Krankheit  durch  Entgegengesetztes".  -) 
Die  Schrift  Ttegl  EÖsaxibv  =  über  Nahrungsmittel  citiert  Athen,  dipn. 
VIII  p.  357  A  u.  ö.,  Fragmente  bei  Oreibasios.  Ein  Bruchstück  daraus 
in  16  lamben  trägt  den  Titel  Tteqi  olvov  =  über  den  Wein.^)  TceQl 
Ttaiöiov  rqocpfig  oder  vrjTCioTQocpiyiög  =  „Kinderernährung"  hatte  Brief- 
form und  war  an  Lykiskos  gerichtet  (Orib.  III  153  f.  schol.  =  III  682). 
Plinius  verwertete  des  Mnesitheos  Diätetik  (Index  zu  XXVII),  Athenaios 
seinen  Brief  ^rtsQi  y.iod-coviai^tov  =  lieber  das  Zechen  (XI  p.  483  F). 
Das  Versiegen  der  Milch  wollte  er  durch  Erbrechen  heilen  (Sor.  I  35, 
97).  Die  Mädchen  sollen,  weil  sie  schwächer  seien,  6  Monate  später 
entwöhnt  werden  (I  41,  117).  (.ivTqoL&eog  ist  der  Name  der  Kronen- 
wucherblume, ßovcpd-al(.iov  (Diosc,  III  146  p.  485).  —  Dieuches  von 
Athen,  ebenfalls  Dogmatiker  (Gal.  XI  163),  dessen  Erwähnung  auf 
einer  Dedikation  eben  berührt  wurde,  zeichnete  sich  aus  in  der  Ana- 
tomie (Gal.  XV  135),  pharmakologischen  Therapie  (XI  795)  und 
Diätetik,  u.  a.  für  Seefahrende  (Orib.  V  231  u.  ö.).  ^)  Die  empedo- 
kleische  Lehre  von  den  Elementen  teilte  er  mit  Diokles  und  Mnesitheos 
(X  462).  Unter  seinen  Schülern  ragte  hervor  Numenios  von  Herakleia 
durch  seine  dichterischen  akLEvti/.d  =  über  Fischfang,  das  öslTtvov  = 
"Gastmahl,  die  öipaqTVTiy.a  (Suid.  s.  Tii-iaxLdaq)  und  die  dnqQLaY.<x  =  über 
(schädliche)  Tiere,  besonders  Schlangen.^)  Gelsus  (V  18,  35;  21,  4) 
erwähnt  je  ein  Eezept  für  Arthritis  und  Metritis.  —  Menokritos 
aus  Samos,  möglicherweise  der  Sohn  des  Metrodoros,  erhielt  von  der 
Volksversammlung  der  Insel  Karpäthos  ein  Ehrendekret  wegen  un- 
eigennütziger Hilfeleistung  bei  einer  Seuche.  ®)  —  Euenor  von  Argos 


^)  Bulletin  de  correspond.  hellenique  II  88;  70.  Versamml.  deutsch.  Naturf.  u. 
Aerzte  zu  Düsseldorf  1898.    Hist.  Ausstellg.  f.  Naturw.  u.  Medic.  S.  21  Nr.  91. 

2)  Dietz,  ApoUonii  Citiensis  etc.  scholia  I  239;  Littre  I  77. 

*)  Poetarum  de  re  physica  et  medica  reliquias  collegit  U.  Cats  Bussemaker, 
Paris  1851 ;  vgl.  Athen.  II  p.  36  A;  Eustath.  p.  1624,  34. 

*)  Well  mann  bei  Susemihl  I  812  bringt  Ausführlicheres. 

^)  23  meist  hexametrische  Bruchstücke  s.  Poet,  de  re  phys.  et  med.  rell.  coli. 
Bussem.  II  87  ff.;  Wellmann,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  CXXXVII  1888 
S.  153. 

*)  Wescher,  Texte  et  explication  d'un  decret  en  dialecte  dorien  provenant  de 
nie  de  Carpathos.  Kevue  archeol.  Paris  1863  S.  469 ff.;  Cannstatt's  Jahresber.  II 
1864  S.  5. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  279 

in  Akarnanien  endlich,  der,  wie  Chrysippos  von  Knidos,  das  Fieber 
als  abnorme  Steigerung  der  eingepflanzten  Wärme  definierte,  wurde 
322/1  V.  Chr.  durch  die  Volksversammlung  in  Athen  durch  einen  Kranz 
und  das  erbliche  Bürgerrecht  ausgezeichnet,  weil  er  ein  Talent  zur 
Errichtung  eines  latreion  gespendet  hatte  (Rhangabe,  Antiquites 
helleniques  II  1855  Nr.  377 f.;  Curtius,  Götting.  gel.  Anzeigen  1856 
Nr.  196;  v.  Wilaraowitz- Möllendorff,  Hermes  XXII  240  A.  1; 
W  e  1 1  m  a  n  n ,  Hermes  XXIII  559  f.  A.  6).  Caelius  (m.  ehr.  III  8  p.  478) 
citiert  das  5.  Buch  curationes,  d.  i.  d^egaTtevrixcc.  Ferner  schrieb  er 
über  die  Wirkungen  der  Arzneimittel  (Athen.  II  p.  46  D;  Plin.  20, 
187;  191;  21,  180).  Das  Cisternenwasser  bevorzugte  er  (Athen,  a.  a.  0.; 
Plin.  31,  31 ;  34).  Zerstreute  Notizen  über  Feststellung  der  Konzeptions- 
fähigkeit, Prolapsus  uteri  und  Verhaltung  der  Nachgeburt  überliefert 
Soranos  von  ihm,    Galenos  rühmt  ihn  als  Augenarzt,  dfp&aX^uixög. 

26.  Die  Philosophie  des  Piaton  und  Aristoteles.  Theophrastos  und 
Menon.    Straton  von   Lampsakos,   Eudemos,   Klearchos,   Kallisthenes. 

1.  J^ichtenstädt,  Piatons  Lehren  auf  d.  Gebiete  d.  Naturwiss.  u.  Heil- 
kunde, Lpzg.  1826.  — ■■  2.  Philippson,  Tlr;  dvd-pcomvr;,  Berol.  1831.  —  3.  Poschen- 
rieder,  Die  piaton.  Dialoge  in  ihr.  Verhältnisse  z.  d.  hippokratischen  Schriften. 
Beil.  z.  Jahres-Bei-ichte  d.  Stud.-Anst.  Metten  für  1881182,  Landshut  1882  {Litteratur 
das.  S.  16  f.  A.  3).  —  4.  Schleiertnncher,  Ueb.  Piatons  Ansicht  v.  d.  Ausübung 
d.  Heilkunst.  Gesammelte  Werke  III 3  S.  286  ff.  —  5.  Sprengel,  Plato  ü.  Geistes- 
zerrüttung. Nasse''s  Ztschr.  f.  psychische  Aerzte  1818.  —  6.  Tininios  übersetzt  in 
Henschels  Janus  II  425  ff.  —  7.  ßaeumker,  Des  Aristoteles  Lehre  vom  äusa. 
u.  inn.  Sinnesvermögen.  Diss.  Münster  1877.  —  8.  IHels,  Medizin  i.  d.  Schule  des 
A.  Delbrücks  Preuss.  Jahrbb.  LXXIV,  Berl.  1893  S.  412  ff.  —  9.  Emminger, 
Die  nosokratischen  Philosophen  imch  d.  Bei-ichten  des  A.  Preisschrift,  Würzburg 
1878.   —   10.  Geoffroy,   L'anat.  et  la  physiol.  d'Aristote,    These,   Paris  1878.  — 

11.  HeHling,   Materie  u.  Form  u.  d.  Definition  d.  Seele  bei  A.,   Bonn  1870.  — 

12.  Landmann,   Die  physiol.  Anschauungen  des  A.,  Diss.,   Gi-eifstcald  1890.  — 

13.  Hippocrate  par  Littre  \II1  4  ff.  —  14.  Neuhäuser,  J..'  Lehre  v.  d.  sinnl.  Er- 
kenntnissvermögen u.  sein.  Organen,  Leipz.  1878.  —  15.  Peyrani,  La  biologia  nelV 
epoca  Aristotelica,  Parma  1886.  —  16.  üohlfs.  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic. 
u.  s.  w.  III  470  ff.  —  17.  Aristoteles  j)seudepigraphus  ed.  Val.  Rose,  Lips.  1863.  — 
18.  Volprecht,  Die  physiol.  Anschauungen  des  A.,  Diss.,  Greifsw.  1895.  —  19. 
Theophrasti  Eresii  opei-a  omnia  ed.  Wininier,  3 Bb.,  Paris  1854  ff.  (mit  lateinische)- 
TJebersetzung).  —  20.  Grüner,  Bibl.  d.  alten  Aerzte  II  581  ff.  —  21.  Kirchner, 
Die  bot.  Schriften  des  Theophrast  v.  Eresos,  Leipz.  1874.  —  22.  Richter,  Die  bot. 
Schriften  des  Th.  Jahrbb.  f.  Philol.  Suppl.  VII  449  ff.  —  23.  Stadler,  Theophrast 
u.  Discorides.  Abhdlgen.  W.  v.  Christ  dargebr.  v.  seinen  Schul.,  Münch.  1891.  — 
24.   Usener,  Analecta  Tlieophrastea,  Diss.,  Lips.  1858;  Rhein.  Mus.  XVI  259  ff. 

Die  Ideenlehre  des  grossen  Piaton  (7.  Thargelion  =  26./30.  Mai 
427 — 347  V.  Chr.)  als  solche  hat  auf  die  Entwicklung  der  Medizin 
nur  wenig  Einfluss  ausgeübt,  jedenfalls  sehr  viel  weniger  als  der 
aristotelische  Realismus.  Zudem  hat  Piaton  viel  mehr  die  ärztlichen 
Forschungsergebnisse  anderer  geschätzt  und  für  sein  System  verwertet, 
als  er  diese  Studien  selbst  förderte.  Sagt  doch  Galenos  nachdrücklich, 
dass  er  sich  überhaupt  nicht  mit  der  Heilkunde  selbst  abgab  (V  696). 
Das  aber,  was  er  den  Aerzten,  vor  allem  Hippokrates  und  Philistion, 
entlehnte,  gehört  eher  in  eine  philosophische  als  medizinische  Erörte- 
rung seiner  Theorien. 

Soweit  Piatons  Philosophiesystem  für  uns  in  Frage  kommt,  ist 
Folgendes  festzustellen.  Das  Wesen  der  Dinge  erkennt  Piaton  in 
ihrer  Form,  Idee  {iöea  =  €ldog),  die  allein  in  Wirklichkeit  existiere; 


280  Robert  Fuchs. 

die  sinnlich  wahrnehmbare  Form  der  Dinge  sei  der  Täusclmng  und 
dem  Wandel  unterworfen,  zwischen  Sein  und  Nichtsein  schwebend, 
nicht  wirklich  seiend.  Der  Begriff  sei  also  das  unveränderliche  Ur- 
bild alles  Veränderlichen;  für  jede  Gruppe  gleichartiger  Dinge  gebe 
es  daher  nur  eine  Idee,  und  so  nennt  er  diese  eine  Idee  eine  Monade. 
Die  Materie  ist  ihm  der  Eaum,  in  dem  sich  die  Dinge  darstellen, 
falls  die  Ideen  eine  Vereinigung  mit  ihnen  eingehen;  denn  nur  dann 
können  die  in  Wirklichkeit  nicht  existierenden  Dinge,  die  Schatten 
{sXdioXa)  und  Abbilder  der  einzig  existierenden  Begriffe,  überhaupt 
sinnlich  wahrgenommen  werden.  W  i  e  aber  dieses  Teilhaben  der  Dinge 
an  den  Ideen  zu  denken  sei,  darüber  hat  Piaton  keine  Aufklärung 
gegeben.  Es  ist  ein  Zwiespalt  zwischen  der  sinnlichen  und  unsinn- 
lichen Welt,  den  er  zu  lösen  weder  versuchte,  noch  vermochte.  Ver- 
mittler zwischen  beiden  Welten  ist  die  Seele.  Der  Physik  oder  Natur- 
lehre hat  Piaton  nur  den  Timaios  ^)  gewidmet,  den  er  in  hohem 
Alter  schrieb.  Der  Demiurg  schafft  die  Weltseele  nach  der  Idee  des 
Lebewesens  (avrotCoov)  aus  der  formlosen  Masse  des  Chaos.  In  diesen 
Weltseelenraum  stellt  er  die  zu  4  Elementen  gewordenen  chaotischen 
Teile  hinein,  die  uns  nun  als  existente  Dinge  erscheinen.  Diese  ganze 
Einkleidung  ist  so  mythisch  angelegt,  so  unklar  in  ihren  einzelnen 
Phasen,  dass  es  unmöglich  erscheint,  zu  sagen,  wieviel  Mythus  und  wieviel 
Weltanschauung  Piatons  ist.  Die  Lebewesen  zerfallen  in  4  Klassen, 
Götter,  Luft-,  Wasser-  und  Erdbewohner.  Die  Seele  des  Menschen 
sitzt  in  dem  vollkommen  d.  i.  kugelig  gestalteten  Gehirn.  Ihr  Feuer 
stösst  mit  dem  äusseren  Feuer  zusammen,  und  sie  sieht  u.  s.  w.  Das 
eigentliche  Wesen  der  Seele  liegt  in  ihrem  vernünftigem  Teile,  to 
XoyiGTixöv,  dessen  Sitz  der  Kopf  ist.  Ihr  sterblicher  Bestandteil  zer- 
fällt in  den  Mut,  to  S-v/^ioeiösg,  dessen  Sitz  die  Brust,  und  die  Begierde, 
To  t7tid^v(.iriTLY.6v,  dessen  Sitz  der  Bauch  ist  (Tim.  p.  69  CD;  72  D; 
Phaedr.  p.  246).  Hinsichtlich  der  Medizin  steht  also  Piaton  durchaus 
auf  den  Schultern  der  Aerzte  und  der  älteren  Philosophen.  Die  ge- 
legentliche Verurteilung  dieser  Disziplin  als  Charlatanerie  ist  von 
seinem  hohen  idealen  Standpunkte  und  von  dem  marktschreierischen 
Gebaren  der  latrosophisten  und  Scheinärzte  her  wohl  begreiflich,  ja 
berechtigt  (4).  Von  der  wahren  menschenfreundlichen  Heilkunde,  die 
nicht  schwätzt,  sondern  handelt,  und  besonders  von  dem  ihm  kon- 
genialen Hippokrates  denkt  er  genau  so  erhaben  wie  alle  anderen 
einsichtigen  Beurteiler  (resp.  I  p.  331  E;  346  A;  VIII  p.  567  C; 
Charm.  p.  165  C;  Prot.  p.  311  B;  Phaedr.  p.  269  ff.).  Nach  letztge- 
nannter Stelle  hängt  die  echte  Heilkunst  von  gründlicher  Kenntnis 
des  Körpers  ab,  diese  wieder  von  eingehendster  Einsicht  in  das  Wesen 
der  Natur,  des  Alls:  ohne  Naturbeobachtung  keine  Medizin.  „Der 
wahre  Künstler  (rex^txdg)",  umschreibt  Fredrich^)  den  schönen  Ge- 
danken, „muss  das  Wesen  eines  jeden  Dinges  genau  kennen,  muss 
wissen,  ob  es  einfach  oder  vielgestaltig  ist,  das  Vielgestaltige  in  Ein- 
faches teilen  und  alles  Einfache  untersuchen,  worauf  und  wie  es 
wirkt  und  wovon  und  wie  es  leidet."  Als  Zeugen  für  diese  idealste 
Auffassung  der  Heilkunde  nennt  er  Hippokrates,  jedoch,  wie  bei  de 
nat.  hom.  gezeigt,  nicht  eine  einzelne  bestimmte  Stelle,  sondern  sein 


^)  Vgl.  den  wichtigen  Kommentar  des  Chalkidios  hierzu. 
^)  Hippokrat.  Unters.  1  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  281 

ganzes  System.^)  Darum  legt  er  grossen  Wert  auf  anatomische  Unter- 
suchungen. Der  Demiurg  schuf  die  Sehnen  (veüga)  durch  Mischung 
von  Knochen  und  Fleisch,  wie  schon  die  Mischfarbe  Gelb  aus  Weiss 
und  Rot  anzeigt  (Tim.  p.  74  D ;  82  D).  Ihr  Zweck  ist  das  Zusammen- 
halten und  Bewegen  der  Gelenke,  daher  ist  der  Kopf  davon  frei 
(75  CD;  77  E).  Das  Herz  ist  die  Verknotungsstelle  der  noch  nicht 
unterschiedenen  Adern,  die  entweder  der  Leber-  oder  Milzader  zuge- 
hören, und  die  Quelle  des  kräftig  durch  alle  Glieder  getriebenen 
Blutes  (70  AB).  Es  wird  abgekühlt  durch  die  schwammigen  Lungen, 
die  das  Ttrev/na  und  die  Getränke  aufnehmen  (70  CD);  der  Luft  wegen 
führen  die  Kanäle  (dx^rol)  der  Luftröhre  (ccQrrjQia)  nach  der  Lunge. 
Das  Getränk  wandert  durch  die  Lunge  nach  den  Nieren  und  der  Blase 
hinab  (91  A).  Ein  Teil  der  Nahrung  allerdings  gelangt  durch  die 
Speiseröhre  (aTÖf.iayog)  in  die  Bauchhöhle  (y.odia;  73  A;  78  AC;  79  A). 
Die  Leber  ist  dicht,  glatt,  glänzend  und  süss  und  enthält  Bitteres 
=  Galle;  sie  gestaltet  das  aus  dem  Kopfe  Herabkommende  durch 
ihre  süsse  und  bittere  Eigenschaft  entsprechend  um.  Zu  ihr  gehören 
die  loßoi-  =  Lappen .  öoyol  =  Behälter  und  m'/at  =  Pforten  (71  A  flf.). 
Die  hohle  Milz  speichert  die  durch  Krankheit  erzeugten  Unreinlich- 
keiten  auf;  daher  schwillt  sie  bei  Kranken  und  geht  sie  bei  Gesunden 
zusammen  (72  C).  Knochen  und  Weichteile  sind  aus  dem  Marke  bezw. 
dem  Blute  hervorgegangen.  Die  Knochen  schützen  das  Mark  vor 
Temperaturstörungen.  Der  edelste  Teil  des  Markes  bildet  die  Samen- 
bereitungsstätte, das  Gehirn.  Das  im  Pneuma  aufgenommene  Feuer 
kocht  (d.  i.  verdaut)  die  Speisen.  Die  gewundenen  Därme  verzögern 
deren  Austritt.  Die  Ernährung  des  Körpers  besorgt  das  Blut.  Der 
Tod  besteht  in  der  Scheidung  der  Seele  von  der  Materie.  In  patho- 
logischer Hinsicht  sind  zu  beachten:  alle  Veränderungen  (inetaßoXai), 
von  aussen  kommende  oder  selbstverschuldete  (leg.  VII  p.  797  E  f. ; 
resp.  III  p.  404  AB;  leg.  V  p.  705  D  von  Hipp,  de  aere  aq.  loc.  ab- 
hängig), ferner,  wie  Philistion  lehrte,  jeder  Ueberfluss,  Mangel  oder 
Ortswechsel  von  Pneuma,  Schleim  und  Galle  (Tim.  p.  94  D) ;  Unmässig- 
keit  in  der  Ernährung  und  im  Geschlechtsgenusse  u.  s.  w.  (Prot, 
p.  353 ;  Gorg.  p.  518 ;  resp.  p.  404  u.  ö.).  Unzählige  Krankheiten  ent- 
stehen z.  B.  dadurch,  dass  die  Kanäle  der  Luft  durch  Flüsse  verstopft 
werden,  weil  dann  die  abgesperrten  Teile  faulen  (Tim.  p.  84  D).  In 
das  feste  Fleisch  eindringende  Luft  verursacht  Schmerzen,  d.  i.  wohl 
QijyjiiaTa,  Zerreissungen  (Tim.  p.  84  E  vgl.  m.  Poschenrieder  S.  42). 
Tetanus  und  andere  Krämpfe  ruft  ebenfalls  die  Luft  hervor,  nämlich 
wenn  sie  sich  um  die  Nerven  und  die  in  deren  Umgebung  gelegenen 
Aederchen  herum  anschoppt ;  Fieber  bringt  dann  die  Lysis.  Auch  das 
Missverhältnis  von  Nahrung  und  Anstrengung  ist  schädlich  (leg.  VII 
p.  789  A).  Die  Epilepsie  entsteht  durch  den  weissen  Schleim  und  die 
schwarze  Galle  (Tim.  p.  85  AB).  Die  4  Fieberarten  entstehen  durch 
die  4  Elemente:  die  Continua  durch  Feuer,  die  Quotidiana  durch 
Luft,  die  Tertiana  durch  Wasser,  die  Quartana  durch  Erde  (86  A). 
Grundlage  der  Therapie  ist  die  Prognostik,  die  sich  auf  Geschehendes, 
Gewesenes  und  Werdendes  erstreckt  (Lach.  p.  198  D).  Dazu  tritt  die 
Befragung  des  Kranken  und  seiner  Umgebung  (leg.  p.  720  D ;  857  D). 
Die  Umwandlung  des  leidenden  Zustandes  in  die  Genesung  muss  durch 


^)  So  schon  Petersen,   Hippocratis  nomine  quae  circumfernntur  scripta  etc.. 
Hamburgi  1839  S.  18. 


282  Robert  Fuchs. 

Arzneien  bewirkt  werden  (Theaet.  p.  167  A ;  Phaedr.  268  B) ,  jedoch 
im  richtigen  Augenblicke  (Tim.  p.  89  A  ff.;  resp.  I  p.  332  C;  V  p.  459  C). 
Damit  aber  muss  auch  die  Diät  harmonieren  (resp.  I  p.  332  C),  die  bei 
Kranken  nicht  zu  reichlich  sein  darf  (Gorg.  p.  504  E).  Allerdings  be- 
darf es  bei  der  einen  Krankheit  der  Änfüllung,  bei  der  anderen  der 
Entleerung,  doch  stets  im  richtigen  Verhältnis  (symp.  p.  186  CD,  dem 
Arzte  Eryximächos  in  den  Mund  gelegt);  das  ist  also  die  Form 
„contraria  contrariis!"  (vgl.  Pliileb.  p.  31  E;  35  A;  resp.  IX  p.  585  AB; 
X  p.  906  C).  Die  Lehre  von  der  Sympathie  der  Teile  (resp.  V  p.  462  CD) 
scheint  ebenfalls  hippokratischen  Ursprungs  zu  sein  (Poschenrieder 
S.  66  ff.). 

Aristoteles  (384—322  v.  Chr.)  aus  Stageira  oder  Stageiros  in 
Makedonien  war  der  Sohn  des  Nikomächos,  des  Leibarztes  des 
Königs  Amyntas  IL,  und  der  Phaistis.  Nikomächos  führte  sein  Ge- 
schlecht, wie  Phaistis  auf  Asklepios,  so  auf  Machäon  zurück  und  hat 
nach  Suidas  6  medizinische  Werke  und  ein  naturwissenschaftliches 
hinterlassen.  Für  den  früh  verwaisten  Sohn  sorgte  Proxenos  aus 
Atarneus.  367/6 — 347/6  gehörte  er  der  platonischen  Philosophenschule 
zu  Athen  als  Schüler  an,  nicht  ohne  bereits  in  seinen  Schriften 
Schwächen  der  Ideenlehre  seines  Meisters  darzuthun.  342  übernahm 
er  die  Erziehung  des  grossen  Alexandros  auf  Wunsch  des  Makedonier- 
königs  Philippos.  335/4  gründete  er  im  Lykeion  zu  Athen  die  peri- 
patetische  Schule,  deren  Bücherschätze  und  vielseitige  Forschungen 
durch  besondere  Assistenten  er  dank  seines  Reichtums  mächtig  förderte. 
Er  starb  in  Chalkis  auf  Euboia,  wohin  er  wegen  politischer  Umtriebe 
kurz  vor  seinem  Tode  geflohen  w'ar.  Von  den  Schriften  des  Aristo- 
teles, die  Hermippos  auf  400,  Ptolemaios  und  ihr  Neuherausgeber 
Andronlkos  auf  1000  schätzte,  sind  für  die  Medizin  von  Bedeutung: 
8  Bücher  cpvoiv.al  äy.godoeig  =  naturwissenschaftliche  Vorlesungen; 
10  Bücher  tisqI  ta  l^cim  larogiai  =  Tiergeschichte,  deren  7.,  9.  und  10. 
unecht  sind,  i^usg.  von  Aubert  und  Wimraer,  Lpzg.  1868,  2  Bb.; 
7t€Qi  ^(!)cüv  /Liogiiov  =  von  den  Teilen  der  Tiere,  4  Bücher;  tt.  'C  yeveosiog 
=  von  der  Entstehung  d.  T.,  5  Bücher,  letztes  selbständig,  Ausg. 
von  Aubert  u.  Wimmer,  Lpzg.  1860;  7C.  cdod-ijoeiüg  y.al  7t.  aiod-rizCbv  = 
über  Wahrnehmung  und  Wahrnehmbares;  ?r.  yeveGecog  =  über  Ent- 
stehung, 2  Bücher;  Jt.  ipvxfjg  =  über  die  Seele,  3  Bücher;  aezsojQoloyiycd, 
4  Bücher.  Die  ävaro/nal  sind  untergegangen,  ebenso  das  ötttiköv  = 
Optik  in  mehreren  Büchern  (Rose  373  ff.).  Diese  Schriften  "waren  für 
den  Unterricht,  nicht  für  die  Oeffentlichkeit  bestimmt  und  sind  an- 
scheinend im  wesentlichen  im  letzten  Jahrzehnte  vor  seinem  Tode 
verfasst  und  nach  seinem  Ableben  herausgegeben  w^orden.  Diogenes 
erwähnt  2  medizinische  Werke,  und  Caelius  citiert  „de  adiutoriis  I" 
=  Heilweisen.  Die  für  sich  und  allein  existierende  Idee  verwirft 
Aristoteles  und  erklärt  nur  das  Einzelne  für  wirklich  existierend, 
für  Substanz,  ovaia.  Die  allgemeinen  Begriffe  aber  sind  höchstens 
Nebenexistenzen,  nicht  für-sich -Existenzen.  Das  Wissen  kann  sich 
nur  auf  das  Unveränderliche,  Nichtsinnliche  beziehen;  alles  Sinnliche 
ist  veränderlich.  Das,  was  der  Veränderung  unterliegt,  ist  der  Stoff, 
die  vir];  die  Uebertragung  neuer  Eigenschaften  auf  den  Stoff  stellt 
sich  in  der  Form  [eiöog,  f-iogcpri)  dar.  Das  Geformtsein  des  Stoffes 
ist  die  Wirklichkeit,  evTslix^La,  der  Stoff  als  Nichtgeformtes  ist  die 
Möglichkeit,  dvva/.ug.  Alles  Stoffliche  unterliegt  der  Veränderung 
oder  Bewegung;  das  Bewegte  ist  der  Stoff,  das  Bewegende  die  Form. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  283 

Die  Naturlehre  erforscht  das  Geformte,  Körperliche,  in  Bewegung: 
Versetzte  und  den  Grund  der  an  ihm  vollzogenen  Veränderung.  Die 
Natur  ist  plan-  und  zweckmässig;  also  gilt  es,  diesen  Endzweck  zu 
ergründen.  Die  Menschen  sind  von  Anfang  an  vorhanden  gewesen, 
wie  alle  Gattungen.  Sie  sind  charakterisiert  durch  Ernährung,  Zeugung, 
Empfindung,  Bewegungs-  und  Denkfähigkeit  und  ebenso  beseelt  wie 
Pflanzen  und  Tiere.  Aristoteles  war  der  Begründer  der  systematischen 
und  komparativen  Botanik  und  besonders  Zoologie.  Anatomie  und 
Physiologie,  namentlich  die  der  Fortpflanzung,  bilden  hier  den  Aus- 
gangspunkt. Demokritos'  Verdienste  würdigte  er  bei  den  eigenen 
Tiersektionen  und  -Vivisektionen;  von  Diokles  war  er  vielfach  ab- 
hängig, aber  von  Praxagoras'  Theorien  wusste  er  so  gut  wie  nichts, 
weshalb  er  auch  Venen  und  Arterien  nicht  scheidet,  sondern  bloss 
Aorta  und  Hohlvene;  die  Hippokratiker  ausser  dem  sog.  „Polybos"'  (de 
nat.  oss.  9),  Syennesis  (8)  und  Diogenes  von  Apollonia  zog  er  (bist, 
anim.  III)  nicht  heran,  und  so  durfte  er  mit  Recht  sagen,  dass  die 
inneren  Teile  des  Menschen  wenig  bekannt  seien.  So  wusste  er  nichts 
von  Blutadern  im  Gehirn,  glaubte,  dass  das  Hinterhaupt  leer  sei,  das 
Herz  3  Kammern  habe,  alle  Nerven  und  Adern  dem  Herzen  ent- 
stammten, die  Nieren  des  Menschen  gelappt  seien,  die  Milz  der  des 
Schweines  gleiche,  und  die  Aussage  (de  part.  anim.  IV 2),  dass  ein 
Vorgang  durch  die  Sektion  bestätigt  werden  müsste,  zeigt  eben 
durch  die  irreale  Form  die  Irrealität  der  Sektion  an.  Die  Verschieden- 
heit der  Suturen,  wie  sie  Aristoteles  den  Männern  und  Weibern  bei- 
legt, beruht  auf  Irrtum.  Die  Physiognomik  ist  sehr  w^eit  ausgebildet. 
Alle  Menschen  haben  beiderseits  8  Rippen,  die  Ligürer  7.  Die  Hand- 
und  Fussknochen  sind  ungenau  beschrieben ;  die  Chirömantik  ist  dafür 
um  so  genauer.  Die  aktiven  Elemente,  Luft  und  Feuer,  und  die 
passiven,  Erde  und  Wasser,  bilden,  zu  gleichartigen  Stoßen  des  Körpers, 
Homöomerien,  zusammengeordnet,  Blut-,  Knochen-,  Fett-,  Markstoff 
u.  s.  w.  Das  Fleisch  ist  Träger  der  Empfindung,  das  Pneuma  der 
Seele.  Die  Wärme  ist  an  das  Pneuma  gebunden  und  wird  im  Samen 
des  Vaters  dem  Kinde  übermittelt.  Das  Blut,  das  im  Herzen  aus  den 
Nährstoffen  herausgekocht  wird,  w^ährend  die  unbrauchbaren  Ueber- 
schüsse,  7r€Qiaau)fiaTa.  abgehen,  nährt  und  vermittelt  Denkprozesse. 
Die  Wärme  verdaut  (kocht)  auch  die  Nahrung  im  Darme  unter  Bildung 
von  Chylus  (ix^^Q),  wobei  das  fettreiche  Netz  unterstützend  eingreift. 
Das  Nierenfett  erhält  den  Nieren  die  Wärme,  deren  sie  zur  Aus- 
scheidung des  Urins  bedürfen.  Der  Speisesaft,  iy^Q,  wird  durch  die 
vom  Mesenterium  zu  Aorta  und  Hohlvene  führenden  Adern  nach  dem 
Herzen  zur  Kochung  übergeführt.  Durch  Lungen  und  Lungenvenen 
wird  stets  warmes  Pneuma  dem  Herzen  zugeführt,  das  dann  heftig 
aufwallt  und  so  Pulsschlag  erzeugt.  Die  Adern  {(pleßeg)  schlagen  mit 
dem  Herzen,  wenn  sie  das  Pneuma  aufnehmen.  Aristoteles  kennt  die 
verschiedene  Färbung  venösen  und  arteriellen  Blutes,  scheint  aber  die 
Aorta  für  blutleer  zu  halten,  da  ihre  Aeste,  die  Samenarterien,  kein 
Blut  führen.  Das  menschliche  Hirn  ist  grösser  und  feuchter  als  das 
tierische,  blutlos,  kalt  und  ohne  Empfindung.  Es  hat  Drüsenfunktion. 
Das  Rückenmark  dagegen  ist  von  warmer  Beschaffenheit,  tvöqoi  = 
Kanäle  bedeuten  für  Aristoteles  Nerven,  Sehnen,  Bänder,  Darm,  Ureter. 
Ueber  die  Augen  hat  er  in  den  verloren  gegangenen  Schriften  dmi/.ov 
und  71£qI  bipeajg  gehandelt.  Er  nennt  die  Brauen,  Augen,  Lider,  die 
Pupille  (=  das  Feuchte,  womit  man  sieht),    das  Schwarze  bezw.  Hell- 


284  Robert  Fuchs. 

blaue  und  Weisse,  3  Gänge;  der  kleinste,  nach  der  Nase  zu  gelegen, 
führt  nach  dem  Gehirne,  die  beiden  anderen  nach  dem  kleinen  Gehirne. 
Das  Ohr  ist  innen  mit  dem  Munde  durch  eine  Röhre  verbunden ,  mit 
dem  Gehirne  jedoch  nur  durch  eine  Ader.  Die  Bildung  des  Sperma 
aus  Pneuma  und  Wasser  erfolgt  in  den  blutleeren  Gängen  (Arteriae 
spermaticae  internae),  die  Ausstossung  durch  Pneuma.  Die  Windungen 
der  Hoden  sollen  die  Lust  dämpfen,  gleichwie  der  gewundene  Darm 
die  Esslust  mässigt.  Der  Uterus  ist,  wie  in  der  Vorstellung  der 
Hippokratiker ,  zweihörnig.  Das  kältere  Weib  liefert  im  Samen  den 
Stolf,  d.  i.  den  Leib,  der  wärmere  Mann  die  Form,  d.  i.  die  Seele. 
Zwischen  Amnion  =  Schafhaut  und  Chorion  =  Lederhaut  sammeln 
sich  die  „falschen  Wässer",  TtqöcpoQov.  Achtmonatskinder  sind  lebens- 
fähig (Orib.  III  63  Buss.  u.  Dar.;  Censor. ,  de  die  nat.  718).  In  der 
Entwicklungsgeschichte  spekulierte  er  über  geschlechtliche  und  unge- 
schlechtliche Zeugung  (sogar  bei  einigen  Fischarten).  Wurm-,  Eiform, 
Lebewesen  sind  die  Entwicklungsstufen.  Die  Ausbildung  des  Huhnes 
und  der  einzelnen  Organe  der  Tiere,  sowie  die  Trächtigkeitsdauer  be- 
schäftigten ihn.  Am  14.  Tage  ist  die  männliche,  am  90.  die  weibliche 
Frucht  so  gross  wie  eine  Ameise  und  hat  in  der  Reihenfolge  der  Ent- 
wicklung folgende  erkennbare  Glieder :  Genitalien,  Herz,  Extremitäten. 
Die  Gravitation  wendet  den  zuerst  im  Fundus  liegenden,  nach  den 
Knieen  gerichteten  Kopf  kurz  vor  Eintritt  der  Geburt  nach  unten. 
Wirklich  medizinische  Lehren  des  Aristoteles  sind  uns  so  gut  wie 
nicht  bekannt,  nur,  dass  er  bei  maniakalischen  Zuständen  Kühlmittel 
empfahl,  weil  er  die  Krankheit  von  der  inneren  Glut  ableitete,  und 
dass  er  die  Pleuritis  auf  die  Kochung  oder  Verdichtung  der  flüssigen 
Teile  zurückführte  (Cael.  m.  ehr.  15;  ac.  m.  II 13).  Die  pseudaristo- 
telischen  7iQoßlri(.iaxa  sind  in  der  Alexandrinerzeit  von  einem  Anonymus 
aus  2  Büchern  „ärztlicher  Probleme"  und  aus  dem  Hippokratescorpus 
zusammengestückt  worden. 

Theophrastos  von  Eresos  auf  Lesbos  (f  288/86  im  86.  Jahre 
stehend),  dessen  Büste  in  der  Villa  Albani  zu  Rom  steht,  ^)  war  der 
Nachfolger  des  Aristoteles  als  Haupt  der  peripatetischen  Schule. 
Der  Philosoph  ergänzte  das  aristotelische  System  besonders  im  Hin- 
blick auf  Botanik  und  Mineralogie.  Von  Werken  sind  zu  nennen: 
10  Bücher  (wenn  das  4.  zerlegt  wird)  laroQlat  TtsQl  cpvtCov  =  Pflanzen- 
geschichte, eine  Beschreibung  und  Morphologie  der  Pflanzen;  6,  ur- 
sprünglich 8  Bücher  ahiai  cpvtCbv  ==  Aetiologie  der  Pflanzen;  TtEQl 
Xid^tov  =  Lieber  Steine,  nur  als  Auszug  erhalten,  die  Plinius  benutzte ; 
2  Bücher  rt.  tcvqöq  =  Vom  Feuer,  deren  2.  verloren  ist;  yc  oof-iwv  = 
Ueber  Gerüche;  ^.  aviutov  =  Ueber  Winde;  tt.  ar^f-ieicov,  vödzcov  xal 
Tivevfxarcov  ==  Ueber  Anzeichen,  Wässer  und  Winde  und  it.  xsif.td)vtov 
^al  Evdiwv  =  Ueber  Stürme  und  Windstille  sind  mit  zahlreichen  Zu- 
sätzen versehene  Notizensammlungen.  Auf  den  18  Büchern  cpvGixiöv 
öö^ai  =  Meinungen  der  Naturforscher  und  wahrscheinlich  auch  auf 
seinen  zahlreichen  Monographien  über  bestimmte  Philosophen  beruht 
der  wertvollste  Inhalt  der  cpvo.  66^.  des  Aetios  (Diels,  Doxographi 
Graeci,  Berol.  1878).  In  botanischen  Dingen  benutzt  Theophrastos 
den  Diokles,  ^)  weshalb  die  Bezeichnung  als  „Vater  der  Botanik"  nur 
teilweise  gerechtfertigt  ist.    Hingegen  steht  Dioskurides  in  pharma- 


')  Visconti,  Iconographie  grecque  I  257  if. 
2)  Janus  IV  1899  S.  28. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  285 

ceutischen  und  therapeutischen  Angaben  oft  ganz  für  sich.  Haupt- 
quelle für  Pflanzensäfte  und  Gifte,  also  die  Arzneimittellehre,  ist  hist. 
plant.  9.  Ganz  oder  vorzugsweise  medizinischen  Inhalts  sind  die 
verlorenen  Schriften  über :  Sinnliche  Wahrnehmung  und  sinnlich  Wahr- 
nehmbares, Epilepsie,  Schwindel  und  Schwarzwerden  vor  den  Augen, 
Schweiss,  Ermüdung,  Seuchen,  Ohnmacht.  Melancholie,  Trunkenheit, 
Lähmung,  Ersticken,  Delirium  und  Leidenszustände,  giftige  Tiere 
(TteQi  iü)v  öa'/ieiiüv  xat  ßkrjcr/Mv). 

M  e  n  0  n ,  ^)  der  Schüler  des  Aristoteles,  sammelte  und  sichtete  für 
diesen  die  ärztlichen  Werke  und  Lehren  der  Vorgänger  in  einer 
avvayojyi]  IcexQixi]  (ärztliche  Sammlung)  (Gal.  XV  25  f.),  so  auch  das 
hippokratische  Corpus.  Der  Anonj-mus  Londinensis  (2.  Jahrh.  n.  Chr.) 
hat  hieraus  einen  überarbeiteten  Auszug  aus  etwa  dem  1.  Jahrhunderte 
erhalten,  mit  Menekrrites  schliessend.  Das  andere  ist  Zusatz  des 
wenig  vertrauenswürdigen  Anonymus,  der  z.  B.  de  morb.  I  dem  Hippo- 
krates  beilegt.  Der  cpvoixbg  Straton  von  Lampsäkos,  Sohn  des 
Arkesiläos  oder  Arkesios,  leitete  nach  Theophrastos'  Tode  die  peri- 
patetische  Schule  18  Jahre  lang.  Er  war  der  bedeutendste  von  den 
8  ^)  Gelehrten  gleichen  Namens,  die  Diogenes  erwähnt  (V  61),  soll  Ptole- 
maios  Philadelphos  unterrichtet  und  „viele"  Werke  geschrieben  haben 
(Suid.).  Für  die  Medizin  werden  von  Bedeutung  gewesen  sein  die 
Werke  über  das  Pneuma,  die  menschliche  Natur,  die  Hervorbringung 
lebendiger  Junger,  die  Geschlechtsvereinigung,  den  Schlaf,  die  Träume, 
das  Sehen,  die  sinnliche  Wahrnehmung,  die  Krankheiten  und  die 
Mittel  {neQi  övvdf.ietov).  Nach  ihm  ist  die  Wärme,  daneben  die  Kälte 
die  Urheberin  aller  natürlichen  Erscheinungen.  Alle  seelischen  Funk- 
tionen gehen  auf  ein  mit  Vernunft  ausgestattetes  Seelenwesen  (tö 
fjysiiiovixöv  =  das  ,.Fülirende",  Centrum)  zurück,  dessen  Sitz  die  Augen- 
brauengegend ist.  Dieses  Seelische  verleiht  durch  Entsendung  des 
Pneuma,  in  dem  es  webt,  den  an  sich  leblosen  Körperteilen  Lebens- 
funktionen. Eudemos  von  Rhodos  folgte  Aristoteles'  Ansichten, 
namentlich  in  der  Naturlehre.  '■')  Ihn  setzten  manche  zu  Unrecht 
mit  dem  Herophileer  gleich.  Klearchos  von  Soloi  schrieb  utgl 
aKsksTtuv,  Phanias  über  Naturwissenschaft.  Kallisthenes  von 
Olynthos,  Aristoteles'  Neffe  und  Mitschüler  des  grossen  Alexandros, 
verfasste  ein  Werk  über  Anatomie.  Er  starb  wegen  Verhöhnung  des 
Königs  eines  gewaltsamen  Todes ;  darüber  berichteten  schon  die  Alten 
in  sehr  abweichender,  phantastischer  Weise  (Curt.  Ruf.  8,  5,  13;  8,  8,  21). 


')  S.  unter  Hippokrates,  Schriften ;  Anonymus  Londinensis.  Auszüge  eines  Un- 
bekannten aus  Aristoteles-Menons  Handbuch  der  Mediz.  u.  s.  w.  Deutsche  Ausg. 
von  Beckh  und  Spät,  Berl.  1896:  Diels,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Ak.  d.  Wiss.  1893 
S.  101  ff.  (Ueb.  d.  physik.  Syst.  des  Straton);  Hermes  XXVHI  410 ff.;  Anonymi  Lond. 
ex  Aristotelis  latricis  Menoniis  et  aliis  medicis  Eclogae  ed.  Acad.  Borussica,  suppl. 
Aristotelicura  III  1,  Berol.  1893;  Kenyon,  Classical  Eeview  \T  1893  S.  237  ff.; 
Littre  I  166 ff. :  Spät,  Zur  Gesch.  d.  altgriech.  Medic.  Aus  d.  griech.  Londoner 
Papyrus  137.  Münch.  med.  Wchschr.  1896  Nr.  3.  S.  oben  hippokratische  Schriften 
unter  Nr.  20. 

*)  Wellmann,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1892  S.  675;  Diels,  Ueber 
d.  physik.  System  des  Straton.    Sitz.-Ber.  d.  Berl.  Ak.  d.  Wiss.  1893  S.  101  ff. 

^)  Eudemi  fragmenta  ed.  Spengel,  Berol.  1866. 


286  Robert  Fuchs. 

27.  Die  Heilkunde  in  der  Alexandrinerzeit.    Herophilos. 

Die  Herophileer  (300  v.  Chr.  bis  50  n.  Chr.). 

1.  Beck,  De  schola  medicorum  Alexandrina  comnientatio,  Lips.  1810.  — 
2.  Daretnberg,  Histoire  des  sciences  medicales,  Paris  1870  S.  165  ff.  {Chrono- 
logie). —  3.  Cur.  Gottl.  Kühn,  Scholae  medicae  Alexandrinae  historia,  progr., 
Lips.  1832;  opusc.  acad.  I  109  ff.  —  4.  Matter,  Essai  historique  sur  Vecole 
d'Alexandrie,  2  Bb.,  Paris  1820.  —  5.  Hasch,  t>.  Mediz.  z.  Zeit  d.  Alexan- 
driner. Norsk  Magazin  for  Laegevid.  1894  Nr.  8  ff.  —  6.  Susemihl,  Gesch.  d. 
griech.  Litt,  in  d.  Alexandriner  zeit,  2  Bb.,  Lpzg.  1891.  —  7.  Daretnherg,  Ana- 
tomie et  pihysiol.  d' Herophile.  Revue  scientifique  XX  VII 1881.  —  8.  Finlayson, 
Herophilus  and  Erasistratus.  Glasgow  med.  Journal  XXXIX  321  ff.  —  9.  Car. 
Gottl.  Kühn,  opusc.  II  298  ff.  —  10.  lAebmann,  Quos  mediana  progressus 
fecerit  per  Herophilum  Erasistratumque,  Wirceb.  1845.  —  11.  Marx,  Herophilus. 
Ein  Beitr.  z.  Gesch.  d.  Medic,  Karlsruhe  u.  Baden  1838 ;  De  Herophili  celeberrimi 
medici  vita,  scriptis  etc.,  Gottingae  1842;  Comment.  soc.  Gotting.  VIII  79  ff.  — 
12.  Pinoff,  Herophilus,  ein  Beitr.  z.  Gesch.  d.  Geburtshilfe.  Janus  II 1847  S.  739  ff. 
—  13.  Schoene,  De  Aristoxeni  tieqI  rfjg  'H^ofiXov  al^saecoe  libro  XIIIo  a  Galeno 
adhibito,  Diss.,  Bonnae  1893.  —  14.  Schwarz,  Herophilus  und  Erasistratus,  eine 
hist.  Parallele,   Würzburg  1826. 

Die  vorzügliche  geographische  Lage,  die  grosse  Entwicklung  des 
Handels  und  infolge  d'avon  die  Ansammlung  gewaltiger  Reichtümer, 
die  fortschreitende  politische  Macht  der  griechischen  Stämme  unter 
Alexandros  und  seinen  Diadochen,  die  Erschliessung  entlegener  Welt- 
teile durch  Alexandros,  die  Berührung  der  griechischen  Bildung  mit 
der  hochentwickelten  einheimischen  Kultur  des  Aegypterlandes,  die 
begeisterte  Liebe  begabter  Fürsten  für  Kunst  und  Wissenschaft  und 
noch  viele  andere  glückliche  Umstände,  die  in  der  Menschheitsgeschichte 
nur  zu  ganz  seltenen  Zeitpunkten  vereinigt  zu  ünden  sind,  begünstigten 
in  Alexandreia  die  Entfaltung  auch  der  ärztlichen  Kunst  zu  hoher 
Blüte.  Mag  die  Einwohnerzahl  zu  jener  Zeit  mit  900000  richtig  ge- 
griffen sein,  mag  die  Bändezahl  700000,  die  man  der  einzigartigen 
Bibliothek  im  Bruch eion- Viertel  zugeschrieben  hat,  stimmen  oder  nicht, 
Alexandreia  ward  nach  Alexandros'  Tode  der  Mittel-  und  Brennpunkt 
der  griechischen  Welt  und  der  griechischen  AVissenschaft.  Da  die 
von  Ptolemaios  T.  Soter  gegründete  Hofbibliothek  und  die  von  Ptole- 
maios  IL  Philadelphos  gestiftete  Serapeionbibliothek  durch  ihre  reichen 
Mittel  fast  den  gesamten  Handschriftenhandel  nach  Alexandreia  zog, 
fanden  die  Gelehrten  nur  dort  das  Material  für  ihre  Studien,  während 
die  Attalerbibliothek  zu  Pergämon  zurückstand.  Hierdurch  wurde 
also  besonders  gefördert  die  ärztliche  Biographie,  Bibliographie,  Echt- 
heitsbestimmung, Chronologie,  Exegese,  Geschichtsschreibung,  Ency- 
klopädie.  Praktische  Förderung  aber  fand  die  Heilkunde  zunächst 
durch  anatomische  Studien.  Dass  freilich  Verbrecher  viviseziert 
worden  sein  sollen  und  sogar  von  den  Königen  persönlich,  wie  manche 
Historiker  gewähnt  haben,  ist  eine  Uebertreibung,  die  Celsus  (praef.)^) 
und  Tertullianus  (de  anima  10;  25)  als  Erfindern  zur  Last  zu  legen 
ist.  Aber  die  Sektion  Toter  wird  von  Plinius  (hist.  nat.  19,  5,  86) 
und  Galenos  (II  895 ;  900)  ausdrücklich  bestätigt  und  dabei  mit  Recht 
über  die  Tieranatomie  gestellt.  Förderlich  war  dabei  die  durch  Pyrrhon 
ausschliesslich   auf  die  Bahnen    des   sinnlichen  Erkennens  gewiesene 


^)  Fuchs,    Hermes   XXIX   1894   S.  174f.   (=  De  Erasistrato  capita  selecta); 
Rhein.  Mus.  N.  F.  LH  382 if.  (=  Lebte  Erasistratos  in  Alexandreia?). 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  287 

Philosophie,  die  Nachwirkung  der  solche  Einzelbeobachtungen  liebenden 
knidischen  Schule  in  Herophilos  und  Erasisträtos,  die  Einbalsamierung 
und  Beerdigung  der  Leichen  in  Aeg3-pten.  Bei  der  Sektion  wurde 
erst  die  Bauchhöhle,  dann  der  Thorax  geöffnet  (Geis.  1.  1.).  Dass  auch 
Demonstrationen  und  Anschauungsmittel,  z.  B.  von  den  nunmehr  streng 
auseinandergehaltenen  Arterien  und  Venen,  im  Unterrichte  benutzt 
wurden,  folgt  aus  den  bei  Aristoteles  häufig  hervorgehobenen  Worten 
7taQ(xÖ£Lyi.ia,  oxW"  oder  diayQarpr^.  Rhuphos  demonstrierte  Sichtbares 
an  einem  Sklaven,  Verborgenes  an  einem  Alfenkadaver.  Daraus  er- 
klärt sich  auch  der  vertrauensvolle  Mut  zu  den  verwegenen  Opera- 
tionen eines  Erasisträtos  u.  a.,  die  Erfindung  des  Starstiches  und  die 
Vervollkommnung  z,  B.  des  Steinschnittes  und  gynäkologischer  Ein- 
griffe, die  man  ohne  Kenntnis  der  betreffenden  Teile  niemals  gewagt 
haben  würde. 

Unter  den  von  solchen  Verhältnissen  begünstigten  alexandrinischen 
Aerzten  nimmt  den  ersten  Platz  ein  Herophilos  aus  Chalkedon, 
Schüler  des  Koers  Praxagoras  und  des  Knidiers  Chrysippos,  dessen 
Lebensschicksale  uns  verborgen  sind.  Sein  Name  wird  in  den  Hand- 
schriften vielfach  in  der  ersten  Silbe  zu  Hiero-,  in  der  letzten  zu 
phylos  u.  s.  w.  verderbt.  Als  Lebenszeit  giebt  Larcher  340 ff., 
Schulze  (Compendium  358)  324 ff.,  Petrequin  (Chirurgie  d'Hippo- 
crate  I  92)  307  ff.,  mit  Sprengel  übereinstimmend,  an,  jedoch  ohne 
irgendwelche  positiven  Unterlagen.  Ueber  ihn  und  seine  Sekte 
schrieben:  Zeuxis,  Aristoxenos  (13)  wenigstens  13,  Apollonios  Mys 
mindestens  28  Bücher,  betitelt  „de  secta  Herophili"  (Cael.  Aur.  ac.  m. 
II  13  p.  110),  und  Herakleides  von  Erythrai.  Varro  Hess  in  seinen 
quinquatrus  (Fragm.  6)  den  Diogenes  gegen  Herophilos  auftreten.  Die 
Anekdote  von  der  Hebamme  Agnodike  wurde  bereits  erzählt  (s.  S.  191). 
An  Schriften  verfasste  er:  amTo^iixä  in  wenigstens  3  Büchern  (Gal.  IV 
596),  eine  mehrbändige  /tsgl  arpvyinwv  nguyi-iaTda  (Handbuch  vom  Pulse), 
die  Galenos  und  Herakleides  von  Taras  in  eigenen  Werken  zurück- 
wiesen. TO  negl  offdahiüv  =  Ueber  die  Augen  (Aet.  VII  48  u.  ö.), 
mindestens  2  libri  curationum  (Cael.  Aur.  m.  chron.  II  13),  ad  Hippo- 
cratis  prognosticum  ^)  (1.  1.  V  2),  einen  Jicurr^iixös  (Sext.  Emp.  adv. 
math.  XI  50).  Das  Buch  ttsqI  ahiwv  -)  ist  von  Hegetor,  seinem  Schüler, 
verfasst.  Soranos  (I  6,  27)  erwähnt  die  Schrift  Tcgbg  tag  -/.oivag  dö^ag 
=  gegen  die  gemeinen  Ansichten  und  das  uauori/.öv  =  Hebammen- 
buch  (II  17,  53).  Endlich  schrieb  er  einen  Kommentar  zu  den  hippo- 
kratischen  Aphorismen  (Gal.  XVIII,  I  186  f.)  und  eine  yiMoawv  l^i^yrioig 
(Worterläuterung)  zu  den  hippokratischen  Schriften  (XIX  64;  Erot. 
ed.  Klein  37,  9).  Dass  er  auch  de  alim.  des  hippokratischen  Corpus 
verfasst  haben  soll,  wagt  der  Scholiast  bei  Littre  IX  98  Anm.  zu 
versichern.  Herophilos  war  bis  in  späte  Zeiten  als  „AVahrredner"  und 
vorzüglicher  Arzt  bekannt  und  beliebt  und  wurde  u.  a.  von  Archigenes 
fleissig  benutzt,  besonders  in  der  Anatomie  (Gal.  XV  135)  und  Puls- 
lehre.  Nach  ihm  beherrschen  4  Kräfte,  dvYä(.iug,  alle  Lebewesen,  die 
ernährende,  erwärmende,  denkende  und  empfindende,  deren  Sitz  Leber, 

*)  Aus  einer  Handschrift  des  Stephanus  Athenieusis  übersetzte  Puccinotti, 
Storia  di  raedicina  II 193  ein  Stück.  Häser  I3  235  erwähnt  einen  unedierten  Kom- 
mentar zu  den  hippokratischen  aph.  aus  der  Mailänder  Ambrosiana.  Ueber  Unter- 
g:eschobenes  vgl.  Sprengel-Rosenbaum;  E.  Meyer,  Gesch.  d.  Bot.  I  231; 
Cobet,  Mnemosyue  IX  21  ff. 

*)  Antonio  Cocchi,  Dell'  anatomia,  Firenze  1745,  bietet  ein  Bruchstück. 


288  Robert  Fiichs. 

Herz,  Gehirn  und  Nerven  sind.  Unsterblich  ist  er  geworden  durch 
die  Entdeckung-  des  Torcular  Herophili  (Irjvög  =  Kelter,  awli^v  = 
Einne)  und  durch  die  meisterhafte  Beschreibung  der  Hirnhäute,  der 
Plexus  choroidei,  der  venösen  Sinus,  der  Gehirnhöhlen ;  die  4.  galt  ihm 
als  Sitz  der  Seele,  die  „Schreibfeder"  in  ihr  führt  später  den  Namen 
■Kcclaf-iog  "Hgocpllov.  Das  Auge  beschrieb  er  nach  den  Sektionsergeb- 
nissen ausführlich,  und  Celsus  folgte  ihm  in  der  Darstellung.  Er 
handelte  vom  Glaskörper  und  beschrieb  die  Augenhäute.  Die  erste 
nannte  er  ^egatosiörig  =  hornartiger  (sc.  x^^ct»^  =  Mantel),  die  zweite, 
Ader-Regenbogenhaut,  Qayoeidvjg  =  Weinbeerenhaut  oder  xoQiosiörjg  = 
Zottenhaut ;  die  dritte  benannte  er  statt  aQaxvouöi^g  =  Spinnengewebe- 
haut vielmehr  äf.upißlrjOTQ06idr]g  =  Netzhaut,  ohne  aber,  wie  Celsus 
meint,  den  Namen  zu  erfinden.  ^)  Der  Sehnerv  ist  ihm  noch  ein  TtÖQog 
=  Kanal,  nämlich  für  das  Pneuma.  Dem  Zwölffingerdarme  gab  er 
seinen  Namen,  dwdexaddytrvkog,  und  die  Chylusgefässe  beobachtete  er. 
Seine  Beschreibung  der  Leber  hat  Galenos  (II  570 ;  Orib.  III  357  f.) 
erhalten.  Die  Arterien,  deren  Aufsaugungskraft  der  Nahrung  gegenüber 
grösser  sei  als  die  der  Venen  (Anon.  Loud.  28,  47  If.),  sollen  sechsmal 
stärkere  Häute  besitzen,  und  auf  Grund  der  Sektionsergebnisse  nannte  er 
die  Arteria  pulmonaria  vielmehr  cplhifj  aQvriQuhdrig  =  vena  arteriosa.  In 
der  Pulslehre  folgte  er  dem  ausgezeichneten  Musikschriftsteller  Aristo- 
xenos,  dem  Schüler  des  Aristoteles,  unter  Uebernahme  der  Rhythmen- 
deflnition  (Gal.  VIII  515 ;  871;  911;  IX  278;  463).  Er  ging  in  seinem 
sphygmologischen  Lehrbuche  aus  von  acpvyinög,  rgöi-iog,  artaaiibg  und 
nal(.iög  (VIII  716;  724)  und  sonderte  die  3  letzteren  als  Muskel-  und 
Nervenerscheinungen  vom  ocpvyf.i6g,  der  Arterienthätigkeit.  Somit 
kämpfte  er  teils  gegen  Praxagöras,  teils  gegen  Aigimios  an  (Ruf. 
S.  219).  Entdeckt  hat  er  aber  den  Puls  so  wenig  wie  Praxagöras. 
Die  Arterien  führen  Blut  und  Pneuma  (Gal.  IV  731)  und  erzeugen  das 
Schlagen,  indem  das  Herz  den  Arterien  die  Kraft  zur  Systole  und 
Diastole  vermittelt  (702).  Zwischen  diesen  beiden  Phasen  liegt  je  eine 
Pause.  Er  spricht  von  grossem,  schnellem,  starkem  und  rhythmischem 
Pulsschlage  und  unterscheidet  ausserdem  viele  Grade  der  Regelmässig- 
keit und  Gleichmässigkeit  des  Pulses  und  das  Gegenteil.  Diese  kom- 
plizierte Lehre  hielt  sich  aber  nicht  über  Plinius  (hist.  nat.  XI  38; 
XXIX  5)  hinaus.  Die  Genitalien  erforschte  er  ebenfalls  (Orib.  III  367 : 
Tuben).  Die  Nebenhoden  nannte  er  TtaquoTccTai  =  „Danebenstehende". 
Der  Samen  ist  aus  dem  Blute  bereitet  und  wird  von  den  vasa  sper- 
raatica  durch  den  Samenstrang  nach  den  Samenbläschen  geleitet.  Die 
linke  Vena  spermatica  zweigt  sich  nach  ihm  „zuweilen"  aus  der  Vena 
renalis  ab  (Gal.  II  895).  Wie  Mnaseas  bezeichnete  er  die  Menses  als 
dem  einen  Weibe  zuträglich,  dem  anderen  schädlich  (Sor.  16,  27 ;  29). 
Beim  Embryo  gehen  die  Venen  allesamt  in  die  „Vena  cava",  die 
Arterien  in  die  „Aorta  abdominalis",  die  sich  am  Rückgrate  hinzieht, 
jedoch  nicht  ohne  sich  vorher  in  der  Höhe  der  Blase  beiderseits  zu 
verästeln  (I  17,  57).  Männer-  und  Frauenkrankheiten  erklärt  er  für 
einerlei  Ursprungs  (II  2),  wie  die  Scholiasten  zu  seinem  Texte  an- 
merkten. Herophilos  war,  obwohl  Soranos  meist  anderer  Ansicht  in 
Einzelheiten  ist,  einer  der  erprobtesten  Geburtshelfer  und  Gynäkologen. 
Bezüglich  des  Prolapsus  uteri  meinte  er,  es  falle  nur  der  Muttermund 


^)  Gründe  bei  Magnus.  Die  Anat.  d.  Auges  in   ihr.   geschichtl.  Entwickelg,, 
Breslau  1900  S.  13 f.     Vgl.   Ruf.   ed.  Daremberg-Ruelle   S.  135 ff.;    154;   171  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  289 

vor.  ähnlich  dem  Kopfe  eines  Polypen  (11  31,  85).  Dystocien  sind 
u.  a.  eine  Folge  häufiger  Schwangerschaft  (Nebenfrau  des  Magnesiers 
Simon),  der  Schieflage  der  Frucht,  der  Enge  des  Mutterhalses  oder 
-mundes,  der  Verdickung  der  Fruchthiille  und  Zurückhaltung  des 
Fruchtwassers,  der  Schwäche  des  Uterus  oder  des  Körpers,  äusserer 
Ursachen,  blutiger  oder  wässeriger  Ausflüsse,  des  Todes  der  Frucht 
u.  s.  w.  Der  Austritt  kann  erfolgen  ohne  Sprengung  der  Häute,  aber 
dann  nur  schwer.  Sterilität  ist  bei  Schlaffheit  des  Uterus  zu  besorgen. 
Die  Geburt  von  Fünflingen  hat  er  ebenfalls  beobachtet.^) 

Was  die  Pathologie  und  Therapie  anlangt,  so  pries  Hero- 
philos  hier  wie  sonst  die  auf  Erfahrung  beruhende  Einsicht  als 
wichtigste  Grundlage,  und  in  der  Verteidigung  der  ratio  verschwendete 
er  den  Gegnern  gegenüber  sogar  seine  Worte  (Plin.  bist.  nat.  26,  2). 
Hingegen  gab  er  auf  theoretische  Erklärungen  (Xoyixi]  /ued^oöog)  nicht 
viel  und  kam  somit  folgerichtig  auf  die  Hervorhebung  der  unmittel- 
baren Erscheinungen,  also  der  Symptome.  -)  Im  allgemeinen  muss  man 
ihn  einen  Humoralpathologen  nach  Art  des  Hippokrates  und  Praxa- 
goras  heissen,  wenngleich  er  eine  Zurückfiihrung  der  Krankheiten  auf 
bestimmte  Säfteverhältnisse  in  der  Regel  unterliess,  so  bei  Pleuritis 
(Cael.  Aur.  ac.  m.  11  18),  bei  der  die  Lunge  leide  (16),  Peripneumonie 
(29),  Angina  (111  4),  Cardiaci  (11  38),  Cholera  (111  21)  und  Heus  (17). 
Vom  Opisthotonus  sprach  er  bloss  aus,  dass  er  Biegungen  der  Wirbel- 
säule auszugleichen  vermöge  und  ein  hinzutretendes  Fieber  die  Lysis 
bringe  (ac.  m.  111  8).  Herzparalyse  liege  vor,  wenn  der  Tod  ohne  er- 
kennbare Ursache  plötzlich  eintrete  (m.  chron.  11  1).  Er  unterschied 
3  Arten  von  Träumen,  gottgesandte  und  im  körperlichen  Zustande 
oder  in  der  geistigen  Verfassung  begründete  (Ps.-Plut.,  quaest.  conv. 
IV  2,  3).  Bei  Hämorrhagien  empfahl  er  im  Anschlüsse  an  den  knidischen 
Chrysippos  das  Umbinden  von  Kopf,  Arm  und  Schenkel  (m.  ehr.  11 
13).  In  TT.  ahiü)v  (s.  oben)  erklärte  er  die  Unheilbarkeit  der  Femur- 
luxation  durch  die  erfolgte  Zen-eissung  des  Ligamentum  teres.  Als 
der  Philosoph  Diodoros  aus  Karlen  von  ihm  die  Einrichtung  der 
Schulter  verlangte,  verweigerte  sie  der  Arzt  mit  dem  Scherzworte: 
„Deine  Schulter  konnte  weder  da,  wo  sie  ist,  noch  da,  wo  sie  nicht 
ist,  eine  Ausrenkung  erleiden"  (Sext.  Emp.,  Pyrrhon.  II  245).  Ob 
die  abgehenden  Würmer  lebendig  oder  tot  sind,  darauf  komme  nichts 
an,  merkte  er  zum  hippokratischen  progn.  an  (IV  8).  Bei  Zahnleiden 
warnte  er  vor  unüberlegten  Extraktionen,  weil  diese  mitunter  den 
Tod  bringen  (11  4).  Ueberhaupt  müsse  der  Ai-zt  die  Grenzen  seiner 
Macht  kennen,  denn  nur  der,  der  das  Mögliche  und  das  Unmögliche 
unterscheiden  könne,  sei  ein  vollkommener  Arzt  (Stob.  '^)  floril.  102,  9). 
Die  „Götterhände"  (Gal.  Xll  966;  vgl.  Erasistratos  bei  Ps.-Plut..  quaest. 
conv.  4,  1),  d.  i.  Arzneien,  verwandte  er  bei  jeder  Krankheit,  sollte  doch 
sogar  das  blosse  Darauftreten  auf  Arzneipflanzen  Nutzen  schaffen 
(Gels.  V  praef;  Plin.  25,  5,  15). 

Darin  schlössen  sich  seine  Schüler  ^)  ihm  an,  die  seine  Grundsätze 
gern  in  eine  viel  allgemeinere  und  apodiktische  Form  kleideten,  ohne 

^)  Nicolai  Rochei  de  morh.  mulier.  curand.  XXVII  in  Bauhini  Gynaecia  I  212. 

^)  „Als  Erstes  soll  man  das  bezeichnen,  was  sich  zuerst  zeigt,  auch  wenn  es 
nicht  das  Erste  ist",  lehrte  er  nach  dem  Anon.  Lond.  21,  22  (Beckh-Spät  S.  30). 

')  Vgl.  Roeper,  Philologus  X  569,  der  für  Tropilos  zuerst  Herophilos 
verbessert  hat. 

*)  Chronologie  bei  Daremberg,  Hist.  des  sciences  medic.  I  159 ff. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  19 


290  Robert  Fuchs. 

die  verständigen  Vorbehalte  ihres  Lehrers  zu  beachten.  Dabei  stellten 
sie  die  Prognostik  und  Therapie  ungebührlich  in  den  Vordergrund 
und  gerieten  so,  unter  Aufgabe  des  festen  Bodens  der  Erfahrung  überhaupt, 
zu  spitzfindigen  Spekulationen.  Obwohl  sie  die  Wichtigkeit  der  Anatomie 
betonten,  machten  sie  doch  auf  diesem  Gebiete  nur  unbedeutende 
Fortschritte ;  sie  begnügten  sich  im  wesentlichen  mit  den  angestaunten 
Errungenschaften  des  Hippokrates  und  Herophilos,  deren  Schriften  sie 
erläuterten  und  citierten.  Hegetor  warnte  vor  Heilversuchen  bei 
unheilbaren  Leiden  (Dietz,  ApoUonii  Citiensis  etc.  schol.  in  Hipp,  et 
Gal.  I  35).  Demetrios  von  Apameia,  in  den  Caeliushand Schriften 
auch  zu  Aponieus  oder  Attaleus  verschrieben,  ist  mit  D.  Herophil(i)us 
identisch.  ^)  Ihn  benutzte  Herakleides  von  Taras  in  seiner  Schrift  ngbg 
l4aTvdd^iavTa  (Gal.  XIII  722).^)  Er  rechnete  den  Lethargus  zu  den 
akuten  Krankheiten  und  nannte  als  Merkmale  einen  Druck  (pressura), 
Abgestumpftsein  und  Fieber  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1).  Bei  Peripneu- 
monie  liegt  eine  Schwellung  der  ganzen  Lunge,  bei  Pleuritis  eines 
Lungenteiles  (25)  vor.  Er  unterschied  den  a7taa/.ibg  vom  rQÖf^wg  und  saltus 
{afpvyf.iög  ?)  und  handelte  über  Manie  (chron.  m.  I  5).  Bei  Hydrops 
hob  er  die  Tympanitis  =  inflatio  durch  Luft,  den  xara  adg-^a  =  all- 
gemeines Oedem  und  die  Wasseransammlung  zwischen  Bauchfell  und 
Eingeweiden  =  &ayikr]g  hervor;  so  stand  in  seinem  11.  Buche  de 
passionibus.  Gingen  die  Getränke  sofort  ab,  so  nannte  er  das  „Durch- 
laufen" (diabetes),  die  erste  Erwähnung  dieses  Namens  für  die  schon 
den  Indern  bekannte  Krankheit  (III  8).  Sein  12.  Buch  tzsqI  7tad-G)v 
wird  ac.  m.  II  25  angezogen.  Bei  Hämorrhagien  unterschied  er  2 
Hauptgruppen,  cum  incisura  und  sine  i.,  mit  vielen  Unterabteilungen 
(chron.  m.  II  10).  Die  osiglaoig  2)  hält  er  in  seinen  orj/neitoTixü  =  An- 
zeichenlehre für  Brennfieber  (Sor.  I  47  §  124).  Andere  Citate  betreffen 
die  Phrenitis  (ac.  m.  I  1),  die  Cardiaca  passio  (II  33)  und  den  Cynicus 
Spasmus  (chron.  m.  II  1).  Die  Frauenleiden  sind  von  den  Männer- 
krankheiten verschieden  (Sor.  II  praef.  2).  Den  Fluss  der  Weiber 
erklärte  er  als  „Erguss  von  Flüssigkeiten  (also  nicht  von  Blut  schlecht- 
hin) durch  die  Gebärmutter  während  längerer  Zeit"  (II  11).  Seine 
8  durch  die  Farbe  und  einige  durch  Wirkung  und  Herkunft  unter- 
schiedene Arten  führt  Soranos  ebenfalls  an  (a.  a.  0.).  Die  Dystocie 
definierte  er  als  „schwere  Geburt" ;  ihr  Zustandekommen  hänge  von 
dem  Zustande  der  Mutter  oder  des  Kindes  oder  von  der  Beschaffen- 
heit der  Genitalien  ab.  Die  ausführlichen  Voraussetzungen,  die  er 
dabei  annimmt,  erschöpfen  die  Frage  nahezu  (II 17,  53).  Von  Eude- 
m  0  s ,  den  ich  nicht  für  den  Peripatetiker  ansehen  kann,  rühmt  Galenos 
anatomische  (XV  135),  besonders  die  Knochen  (III  203 ;  Ruf.  ed.  Dar.- 
Euelle  142;  152),  die  Drüsen  (Pankreas  IV  646)  und  die  Nerven 
(VIII  212)  betreffende  Untersuchungen.  Galenos  (II  890)  berichtet 
von  einem  Eudemos,  dass  er  die  Tuben  TtlexTccvai  =  Flechtwerk 
nannte,  ohne  eine  Erläuterung  für  diesen  Ausdruck  geben  zu  können. 
Ferner  sind  zu  nennen:  Kallimächos,  ein  Verwandter  des  Hero- 
philos, Kalliänax^)  und  Bakcheios  von  Tanagra.    Letzterer  gab 


^)  Vgl.  ausser  der  Uebereinstimmung'  des  Buchtitels  „libro  signorum"  und  eines 
Falles  von  Onanie  bei  Priapismus  (Cael.  Aur.  m.  chron.  V  9,  cf.  ac.  m.  III  18) 
Well  mann,  Hermes  XXHI  1888  S.  566. 

^)  Vermutungen  über  das  Leiden,  das  sicher  nicht  Sonnenstich  ist,  s.  bei 
Soranus  ed.  Lüneburg- Hu  her  S.  90  f.  A.  2. 

')  Er  war  Schulgenosse  des  Kallimächos   von  Bithynien  und  lebte  um  280 


Geschiebte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  291 

des  Hippokrates  epid.  UI  heraus  (Gal.  XVII,  I  619)  und  schrieb  zum 
Corpus  3  Bücher  le'^sig  =  Glossar (Erot.  14, 14 ;  31  u.  ö.).  Dieses  Glossar 
wurde  von  dem  Kreter  Epikles  und  Apollonios  Ophis  excerpiert  und 
durch  Phillnos  in  6,  Dioskurides  Phakas  in  7,  Apollonios  von  Kition 
in  3  Büchern  und  durch  Glaukias  in  1  Buche  bekämpft  (31,  13  ff.). 
Auch  andere  Werke  des  Corpus  erklärte  er  (Gal.  XVIII,  II  631), 
namentlich  die  aph.  (XVIII,  I  187).  Dem  Herophilos  setzte  er  in  der 
Schrift  äTtoixvrjfiovevi-iaTa  'IlQocpiXov  re  xal  tü)V  ärcb  zf^g  ot/Jag  avTov 
(=  Ueber  H.  und  seine  Schule;  XVIII,  II  149)  ein  Denkmal.  Seine 
„Gespräche"  mit  den  Patienten  tadelte  Zeuxis  (XVII,  II 145).  Sonstige 
Schriften  bezeichnet  Galenos  (VIII  732;  749)  als  „Vorlesungen", 
ä'KQodaeig.  Eine  Pulsdeflnition,  die  seinem  „Handbuche  vom  Pulse" 
(i^  Twv  arpvy^aov  eTtiToinrj,  a.  a.  0.)  entstammt,  wird  ebenda  nach  Aristo- 
xenos  und  Agathlnos  (748)  citiert.  Caesar  bediente  sich  seines  er- 
weichenden Mittels  {i^dXayfia),  dessen  Zusammensetzung  Galenos  XIII 
987  mitteilt.  Bluterguss  erklärte  er  durch  Aufbrechen,  Fäulnis, 
Anastomose  und  Auspressung,  expressio  oder  sudatio;  letztere  wii'd 
bei  unversehrtem  Zahnfleische  und  bei  verbundenen  Knochenbrüchen 
beobachtet  (Cael.  Aur.  m.  chron.  II 10  p.  390).  Mantias,  ^)  der  Lehrer 
des  Herakleides  von  Taras  (Gal.  XII  989;  XIII  462)  hat  lange  Zeit  vor 
Musa  gelebt  (XII  989).  Ein  phantastisches  Bild  von  ihm  und  einigen 
anderen  Aerzten  (so  Herakleides  von  Taras,  Krateuas,  Nikandros) 
birgt  der  Vindob.  des  Dioskurides.^)  Galenos  kennt  folgende  Werke 
von  ihm:  Ttegl  xad^aQtixrjg  fj  nQ07toxiO(.iCüv  /)  y.Xvof.icüv  =  Abführmittel, 
Tränke  oder  Klystiere;  dw6(.iug  =  Mittel;  fpaQf-iayiOTtcolrjg  6  ycca'  targelov 
=  der  Arzneimittelhändler  in  der  ärztlichen  Werkstätte;  ra  -/.axa 
TÖTtovg  =  Topica  und  xar'  iatgelov  (XVIII,  II  629;  666).  Soranos 
(I  22,  71;  II  4,  29)  erwähnt  ihn  in  seiner  Gynäkologie.  Sein  pharma- 
kologisches Wissen  schätzt  Galenos,  ebenso  wie  das  des  Krateuas, 
höher  als  die  botanischen  Arbeiten  des  Pamphilos  (V  134;  XI  795 ff.; 
XIV  7).  Er  beschäftigte  sich  u.  a.  mit  Abführmitteln,  Arzneitränken, 
Klystieren  und  topischen  Mitteln  (XI  795;  XII  534;  XIII  13;  162; 
462;  502;  642;  751).  Bei  zurückgehaltener  Placenta  liess  er  das 
Eigengewicht  des  Kindes  oder  ein  Bleigewicht  nachhelfen  (Sor.  I  22, 
71).  Kydias  von  Myläsa  in  Karlen  hat  den  Hippokrates  interpretiert. 
Erotianos  (p.  79,  15)  wirft  ihm  Unwissenheit  vor,  und  der  Koer  Lysi- 
mächos  schrieb  3  Bücher  gegen  ihn  (32,  4 ff.).  Chrysermos  war 
der  Lehrer  des  Erythraiers  Herakleides  (Gal.  VIII  743)  und  des 
Apollonios  Mys.  ^)  Galenos  (741)  gedenkt  der  Pulserklärung  des 
Chrysermos.  Ohrspeicheldrüsengeschwülste  heilte  er  durch  in  Wein 
gesottene  Affodilwurzel,  den  „dicken  Hals"  (struma)  durch  ebensolche 
Wurzeln  mit  weingetränktem  Rosmarin  (cachrys;  Plin.  22,  71).  Einen 
„Pastillus  Chrysermi"  schätzte  Galenos  noch  (XIII  243).  Zenon, 
vielleicht  der  von  Laodikeia  (Gal.  XIV  163;  171),  schrieb  2  Bücher 
über   die  xaqayafiQeg,    d.  h.   die    Buchstaben,   welche   den    Kranken- 


V.  Chr.;   von  ihm  wird  eine  Schrift   iQortrifiaTa  iarpixä.   (Fragen   des   Arztes   am 
Krankenbette)  erwähnt.    S.  Well  mann,  Hermes  XXXV  1900  S.  383. 

^)  Sprengel,   Gesch.  d.  Medic.  I4  605;   Gar.   Gottl.   Kühn,   opusc.  acad.  et 
philol.  II  151  ff.    Sie  setzen  seine  Zeit  ohne  ^Begründung  auf  etwa  276  an. 

*)  Visconti,    Iconographie   grecque,  A   Paris   1811,    I  295 f.;   A  Paris   1808 
S.  165  u.  Tai  35;  E.  Meyer,  Gesch.  d.  Bot.  I  232. 

')Schoene,  De  Aristoxeni  Tte^l  rfjs  'Hgofilov  al^iaetos  libro  XITI**  a  Galeno 
adhibito,  Diss.,  Bonnae  1893,  15  A.  2. 

19* 


292  Kobert  Fuchs. 

geschicMen  von  Hippocr.  epid.  I.  III  angefügt  sind  (Gal.  XVII,  I  618). 
Ihn  griff  der  Empiriker  Apollonios  von  Antiocheia  deshalb  an,  er  er- 
widerte, und  nach  Zenons  Tode  setzte  ein  anderer  Apollonios,  ge- 
wiss des  ersteren  Sohn,  die  Fehde  fort.  Wellmann  identifizierte 
die  beiden  Apollonios  mit  den  gleichnamigen  Nachfolgern  des  Serapion, 
die  der  Zeit  um  170  v.  Chr.  angehören  müssen.  Sein  Werk  über 
Arzneimittel  wird  mehrfach  erwähnt  (Gal.  XIV  143;  146;  Pallad. 
comment.  in  VI.  epid.  Hippocr.  ed.  Dietz  II  98).  Daraus  stammt  das 
Mittel  dia  stoechados  gegen  Kolik  (Cael.  Aur.  m.  chron.  IV  7;  Aet.). 
Ein  Zenon  von  Kypros  war  der  Lehrer  des  Oreibasios.  Herakleides 
von  Erythrai  in  lonien  lebte  gegen  Ende  des  1.  Jahrhunderts  v.  Chr. 
und  war  Schüler  des  Chrysermos.  ^)  Er  kommentierte  Pseudhippocr. 
epid.  III  und  VI  (Gal.  XVII,  I  793),  doch  ist  sein  vielleicht  aus- 
gedehnterer Kommentar  verloren  gegangen.  Ferner  schrieb  er 
wenigstens  7  Bücher  negl  T?/e  "Hgorpilov  algeosiog  =  Ueber  die 
Schule  des  Herophilos  (Gal.  VIII  746).  Er  war  etwas  jünger  als 
Apollonios  von  Kition.  -)  Andreas*^)  von  Karystos  fiel  kurz  vor 
der  Schlacht  von  Rhaph(e)ia  217  v.  Chr.,  weil  der  für  den  König 
Ptolemaios  Philopätor  bestimmte  Dolchstoss  ihn  traf  (Polyb.  V  81). 
Er  war  älter  als  Serapion  (Gal.  XIV  683  vgl.  m.  XIII  343,  wo  sein 
Malagma  auch  als  das  des  Serapion  bezeichnet  wird").  Eratosthenes 
gab  ihm  als  seinem  Abschreiber  den  Spitznamen  Bißhoaiyiad-og  = 
Bücheraigisthos  (Etym.  magn.).  Nach  der  vita  Hippocr.  des  Soranos 
brachte  er  in  seiner  „Genealogie  der  Heilkunde"  die  Anekdote  auf, 
Hippokrates  habe  nach  der  Entlehnung  der  ärztlichen  Lehren  das 
Archiv  in  Knidos  eingeäschert.  Seine  Schüler  behaupteten,  wohl  im 
Einklänge  mit  ihm,  dass  die  Wasserscheuen  alles  fürchteten,  Ttavröcpoßoi 
seien  (Cael.  Aur.  ac.  m.  III  12).  Die  Krankheit  selbst  nannte  er  ■awö- 
Ivaoog  (III  9).  In  einem  an  Sobios  gerichteten  Briefe  fügte  er  zu 
den  vielen  von  Herophilos  beigebrachten  Gründen  der  Dystocie  noch 
Lähmung  und  Schrumpfung  der  Frucht  hinzu,  denn  dann  sei  die 
Frucht  nicht  schwer  genug  (Sor.  II  17,  53).  Häufiger  Coitus  macht 
den  Samen  roh  und  unreif  (Orib.  III  108).  Das  grösste  Verdienst 
aber  erwarb  er  durch  sein  pharmakologisches  Werk  vägOnq^  =  Arznei- 
kasten, das  Galenos  in  übertriebener  Weise  tadelte  (XI  795  f.,  vgl. 
XIX  105  u.  ö.;  Plin.  bist.  nat.  XX  200;  XXII 102  u.  ö.).  Dioskurides 
jedoch  lobte  es  trotz  der  vielen  Auslassungen  von  Wurzeln  und  Pflanzen 
(praef.).  Ihn  schrieben  Serapion,  Nikandros,  Herakleides  von  Taras 
und  Philonides  (Athen,  dipn.  XV  675)  aus ;  Dioskurides  und  Plinius 
hingegen  benutzten  ihn  durch  Vermittelung  des  Sextius  Nigros  (Niger). 
Seine  aufrecht  stehende  Streckbank  zum  Einrenken  {TtUvd-wv)  be- 
schrieben Celsus  (8,  20),  Galenos  (XVIII,  I  338 f.;  747)  und  Oreibasios 
(coli.  med.  XLIX  4  =  IV  339  ff.).  Celsus  giebt  von  ihm  Salben  für 
die  Augen  an  (6,  6;  Gal.  XII  765).*)  Von  Schriften  begegnen  noch: 
negl  aterpdvwv  =  Ueber  (Schädigung  des  Kopfes  durch)  Blumenkränze 
(Plin.  21,  12;  Athen.  XV  p.  675  C);  ^sqI  dayie^wv  ==  Ueber  den  Biss 


1)  Wellmann,  Hermes  XXIII  1888  S.  565  u.  Anm.  2. 

^)  Osann,  De  loco  Rufi  Ephesii  medici  apud  Oribasium  servato  sive  de  peste 
Libyca  disputatio.    Gratul.-Progr ,  Gissae  1833  S.  7. 

ä)  Wellmann  a.  a.  0.  S.  561  ff. 

*)  Ueber  den  Karystier  gleichen  Namens  findet  man  Näheres  bei  Susemihl, 
Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit  I  818  A.  238 ;  ebenso  über  den  Pharma- 
kologen  Andreas,  den  Sohn  des  Chrysares  (817  A.  230). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  29S 

giftiger  Tiere  (VII  p.  312  D;  Gal.  XIV  180;  Wellmann,  Hermes  XXHI 
1888  S.  561  ff.);  ttsqi  twv  ipevöws  TteTtiotevf.iiviov  =  Üeber  das,  was 
man  fälschlich  glaubt,  d.  i.  Ueber  AVundergeschichten  (Nie.  ther.  823 
schol.). 

Lange  nachdem  Ptolemaios  Physkon  (171 — 167  v.  Chr.)  aus  Hass 
gegen  seinen  Bruder  Ptolemaios  Philometor  die  Gelehrten  und  Aerzte 
aus  Alexandreia  vertrieben  und  so  über  ganz  Hellas  zerstreut  hatte 
(Athen.  IV  p.  83),  kam  in  Menos  Karu  zwischen  Laodikeia  und  Karüra 
an  der  phrygisch-karischen  Grenze  die  zweite  herophileische  Schule  *) 
zur  Zeit  des  Strabon  (XII  580),  der  etwa  66  v.  Chr.  geboren  wurde, 
zu  Stande.  Der  jüngere  Zeuxis,  dessen  Werke  schon  Galenos  schwer 
erreichbar  waren,  und  sein  Nachfolger  Alexandros  Philalethes, 
um  Christi  Geburt  herum  lebend.  -)  brachten  sie  zur  Blüte.  Alexandros 
ist  die  Hauptquelle  des  Anon.  Lond.  Der  2.  Abschnitt  beginnt  mit 
einem  herophileischen  Satze,  dann  wird  gegen  die  Erasistrateer  pole- 
misiert und  Asklepiades  vielfach,  teils  lobend,  teils  tadelnd,  eingeführt; 
aus  dieser  Stellungnahme  zu  Asklepiades  ist  zu  erklären,  dass  er  sogar 
als  dessen  Schüler  betrachtet  wurde  (Theod.  Prise,  p.  315  B  Aid.; 
Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1).  Diels  beruft  sich  ferner  auf  die  verbindliche 
Widerlegung  des  Herophilos  (29,  12  ff.),  die  schulmeisterliche  Benennung 
der  Gegengründe  mit  1,  2,  3  und  die  lonismen.  Bezüglich  des  1.  Ab- 
schnittes ist  die  Benutzung  der  nämlichen  Quelle  zweifelhaft,  da  die 
Menoneia  so  gut  direkt  benutzt  sein  könnten  wie  mittelbar  durch 
Alexandros.  Seine  Geschichte  trug  den  Titel  ^gea-Kovra  tolg  iaTQoli;  = 
Lehrmeinungen  der  Aerzte;  Galenos  VIII  726  citiert  deren  5.  Buch. 
Die  Schrift  nsgl  arceg^iarog  (=  der  Samen)  hat  Vindicianus  in  dem 
Teile  des  Brüsseler  Bruchstückes  ausgebeutet,  der  mit  den  Worten 
anhebt:  „Alexander  amator  veri  appellatus,  discipulus  Asclepiadis, 
libro  I  de  semine  spumam  sanguinis  eins  essentiam  dixit  Diogenis 
placitis  consentiens"  (Octav.  Horatian.  ed.  a  Neüenar,  Argent.  1532 
p.  102  ff.).  Alexandros  hielt  die  Verdauung  im  Magen  für  eine  blosse 
Zerkleinerung  zu  Brei,  leugnete  aber  die  von  anderen  behauptete 
substantielle  Verwandlung  und  Anpassung  (Anon.  Lond.  24,  30  ff.).  Den 
Lethargus  deutete  er  wie  Asklepiades  als  plötzlich  auftretendes  Leiden 
mit  Fieber,  Druck  und  Abstumpfung  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1  p.  74). 
Die  Frauenleiden  fasste  er  nicht  als  besondere  Krankheiten  auf  (Sor.  II 
praef.  2).  Den  Fluss  definierte  er  in  seiner  gynaec.  I  als  ,,Erguss 
einer  grösseren  Menge  Blut  durch  den  Uterus  während  längerer  Zeit" 
(II  11,  43).  Rezepte  giebt  Galenos  an  (XII  557;  580;  XIV  510). 
Seine  Schüler  machten  auf  den  verschiedenen  Wert  der  Ergebnisse  sinn- 
licher Wahrnehmung  und  des  Schluss Verfahrens  aufmerksam  (Anon. 
Lond.  35,  21  ff.).  —  Kleophantos,  Vorbild,  nicht  Lehrer  des  Askle- 
piades (Cels.  3,  14),  schrieb  über  den  Wein  (rationem  vini,  Plin.  bist, 
nat.  26,  14;  dieser  nennt  ihn  als  Quelle  zu  Buch  XX — XXVII).  Dass 
seine  Nachfolger  kalten  Wein  bei  der  cardiaca  passio  reichten,  missfiel 
Asklepiades  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  39  p.  176).  Bei  Tertiana  und  Quartana 
übergoss  er  vor  dem  Anfalle  den  Kopf  reichlich  mit  warmem  Wasser 
und  gab  darauf  Wein  (Cels.  3, 14).  üeber  Dystocie  sprach  er  gynaec.  XI 
in  verständiger  Weise  (Sor.  II  17,  53).  Die  Lehre,  dass  das  Fieber 
eine  übermässige  Pulssteigerung  sei  (Eose  anecd.  II  226,  208),  hat  er 


')  Münzen  mit  Aerztenamen  bei  Marx  S.  61. 
*)  Diels,  Hermes  XXVIII  1893  S.  412. 


294  Eobert  Fuchs. 

von  Chrysippos  von  Knidos  entlehnt.  Da  er  Sohn  des  Kleombrötos 
war,  in  Alexandreia  eine  Schule  gründete,  zur  Zeit  des  Ptolemaios  IL 
und  III.  lebte,  sich  an  Chrysippos  anschloss  und  die  Diätetik  besonders 
ausbaute,  erklärte  ihn  Wellmann,  Hermes  XXXV  1900  S.  381  f.  mit 
glücklichem  Griffe  für  einen  Bruder  des  Erasistratos.  Einen  anderen, 
später  lebenden  Kleophantos  nennen  Galen.  XIII  262;  310;  985;  XIV 
108;  Cic.  pro  Cluent.  6,  47;  Ruf.  32  Dar.-Ruelle.  —  Apollonios 
Mys^)  (=  Maus)  war  Mitschüler  des  Herakleides  von  Erythrai  und 
daher  wohl  Schüler  des  Chrysermos.  Er  wurde  bis  Rosenbaum  '^)  mit  dem 
Kitienser  zusammengeworfen.  In  seiner  fleissigen  Studie  über  die 
Apollonioi  bei  Pauly-Wissowa  erwähnt  Wellmann  ausserdem  folgende 
Aerzte  dieses  Namens:  den  Hippokrateer  (s.  oben),  den  Erasistrateer 
(s.  unten),  den  Antiocheier  (s.  oben)  mit  seinem  Sohne  A.  Biblas,  den 
Pergamener  (s.  unten),  Claudius  (zur  Zeit  des  Kaisers  Claudius,  41 — 54 
n.  Chr. ;  Rezepte  bei  Galenos),  A.  Ophis  (den  Verkürzer  des  Bakcheios- 
Kommentars  zu  Hippokrates),  A.  Glaukos,  A.  aus  Pitäne,  A.  aus  Tarsos, 
A.  aus  Prusa,  =')  A.  Ther,  *)  A.  Organikos  und  noch  zwei  nur  inschrift- 
lich bezeugte.  Obwohl  ihn  Caelius,  der  ihn  wie  den  Demetrios  bald 
„Herophilius",  bald  „Mys"  nennt,  anscheinend  nach  Asklepiades  an- 
setzt (ac.  m.  II  27  p.  139),  so  können  wir  doch  mit  Rücksicht  auf 
Herakleides  die  Zeit  um  20  v.  Chr.  annehmen.  Als  Herophileer  (Cels.  V 
praef)  verfasste  er  in  wenigstens  28  Büchern  (Cael.  Aur.  II 13  p.  110) 
eine  Schrift  über  die  „Schule  des  Herophilos",  Ttegl  rfjg  "HQocpiXov  atgsaewg 
(Gal.  VIII  744 ;  Sor.  II  praef).  Auch  in  der  Definition  des  Pulses 
folgte  er  den  Herophileern  (Gal.  VIII  744).  Sein  Hauptgebiet  aber 
war  die  Arzneimittellehre  mit  den  Schriften:  mcegl  (.ivQtov  (Salben; 
Athen,  p.  688  E  ff.);  Tttql  tCov  euTtogioxiov  cpaQ/^idmov  =  ,.Hausmittel" 
in  mindestens  2  Büchern  (Gal.  XI  795;  XII  995;  XIV  143  ff ;  Cels. 
a.  a.  0. ;  Palladios  bei  Dietz,  Apollon.  Citiens.  etc.  schol.  II  98 ;  Cramer, 
Anecd.  I  305).  Galenos  trat  ihm  bei  aller  Hochschätzung  seiner 
Rezepte  mehrfach  entgegen  (vgl.  XII  475 f.;  509 f.;  614;  646;  686; 
1000  u.  s.  w.).  Auch  Wundermittel  wandte  er  bei  Bedarf  an  (Gal. 
XII  475;  Menschengalle  bei  Plin.  h.  n.  28,  7).  Unter  den  Chirurgen 
„Apollonii"  meint  Celsus  (VII  praef.)  zweifellos  auch  diesen  Apollonios 
mit.  —  DemosthenesPhilalethes  aus  Massilia  (Marseille)  lebte 
um  40  n.  Chr.  und  ist  jedenfalls  mit  dem  bekannten  Augenarzte 
identisch.  Er  war  Schüler  des  Alexandros  Philalethes.  In  3  Büchern 
handelte  er  vom  Pulse  (Gal.  I  104;  V  503;  VIII  727),  vom  Karbunkel, 
und  zwar  wohl  nur  gelegentlich  (XIII  856) ;  das  (xpd^aXf^uxbg  betitelte, 
von  Simon  lanuensis  erwähnte  und  viele  Autoritäten  verwertende 
.Werk  in  3  Büchern  betraf  die  Augenheilkunde.  Oreibasios  (s.  index) 
und  Aetios  (VII  p.  134)  haben  Abschnitte  über  die  xi^(.uooig,  cpXvy^zaLvai, 
VTCöxvaig  (=  yXavy.woig  der  Hippokratiker)  und  ein  Augencollyrium 
„Nileum  Demosthenis"  =  „von  Demosthenes  verbessertes  Mittel  des 
Neileus"   erhalten  (Cels.  V  9).    Aetios  113,  12;  16;  44;  48;  51 ;  73 f.; 


^}  Well  mau  11,  Hermes  XXIII  1888  S.  565  f.  Litteratur  s.  Well  manu  bei 
Susemihl,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit,  Leipzig  1891,  I  816  A.  220. 

")  Bei  Sprengel,  Versuch  einer  pragmat.  Gesch.  d.  Arzneikunde,  4.  Aufl. 
S.  547  A.  15. 

■■')  Sor.  I  22,  71.  Er  entfernte  die  Nachgeburt  durch  Ziehen  an  dem  heryor- 
ragenden  Teile. 

*)  Seinen  Verband  fiövww  =;  Monoculus  beschreibt  Oreibasios  (coli.  med.  48,  41 
=  IV  306). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  295 

74;  79  bringt  weiterhin  Bruchstücke  über  Augenschwellung,  Fremd- 
körper, Sehschwäche,  Verdunkelung,  den  grauen  Star,  Hasenauge, 
Sklerophthalmie  und  Lidabscess ;  vgl.  YII  32  das  Rosenmittel.  Einen 
Apparat  zum  Einrenken,  aoTQccßr^  =  Saurasattel,  erwähnt  Oreibasios 
(coli.  med.  49,  4  =  IV  344).  Statt  des  überlieferten  „Damastes"  hat 
Ermerins  bei  Sor.  I  31,  87  zuerst  „Demosthenes"  wiederhergestellt;  es 
handelt  sich  da  um  ein  Werk  über  Kinderkrankheiten.  Die  Citate 
aus  Demosthenes  in  den  Pandekten  des  Sylvaticus  (etwa  1300  n.  Chr.) 
hat  Kühn,  Additamenta  ad  elenchum  medicor.  vet.  a  I.  A.  Fabricio 
in  biblioth.  Graec.  vol.  XIII  exhibitum,  spec.  VIflf.  gesammelt.  —  Ari- 
stoxenos,  ebenfalls  Schüler  des  Alexandros  Philalethes  (Gal.  VIII 
746 ;  734),  gehört  derselben  Zeit  an.  Bei  Wasserscheu  reichte  er  Tränke 
und  brauchte  er  Klystiere  (Cael.  Aur.  ac.  m.  III  16  p.  233).  Er  sammelte 
u.  a.  die  Pulsdefinitionen  der  Herophileer  (das  Citat  schliesst  nach 
Wellmann,  Die  pneumat.  Schule  bis  auf  Archigenes,  Berl.  1895,  S.  12 
bei  Gal.  VIII  748,  8)  in  seinem  Werke  von  wenigstens  13  Büchern 
über  diese  Schule.  ^)  —  G  a  i  u  s ,  Augenarzt  aus  Neapolis,  schrieb  über 
Wasserscheu  (Cael.  Aur.  ac.  m.  III  14  p.  225).  -^  Dioskurides 
P  h  a  k  a  s ,  nach  linsenartigen  Flecken  im  Gesichte  so  benannt,  stammte 
aus  Alexandreia  und  war  Leibarzt  der  Kleopatra.  Er  schrieb  /«pi 
ovouaaiwv  tCov  (paQjiidxiov  (Gal.  XIX  105)  und  über  die  Libysche  Pest, 
deren  Bubonen  er  treffend  beschrieb  (Orib.  XLIV  17  =  III  607  f.). 
Im  ganzen  verfasste  er  nach  Suidas  (s.  v.),  der  falschlich  „aus  Anazarba" 
hinzusetzt,  24  bedeutende  Werke.  Schon  Eudokia  (violet.  p.  129)  ver- 
w^echselt  ihn  mit  Dioskurides  von  Anazarba.  —  S.  unten  Philinos. 


28.  Erasistratos.    Die  Erasistrateer. 

Vgl.  die  Litteratur  zu  Kap.  27.  —  1.  Itobertus  Fitchs,  Erasistratea,  quae 
in  librorum  memoria  latent  congesta  enarrantur,  Diss.,  Berol.  1892;  Die  Plethora  hei 
Erasistratos,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1892  S.  679  ff. ;  De  Erasistrato 
capita  selecta,  Hei-mes  XXIX,  1894  S.  171  ff.;  Ein  Brief  des  Erasistratos.  S.-A. 
aus  d.  Aerztl.  Rundschau  1897  Nr.  1;  Lebte  Erasistratos  in  Alexandreia?,  Rhein. 
Mus.  X.  F.  LH  1897  S.  377  ff. ;  Eine  neue  Receptforniel  des  Erasistratos,  Hermes 
XXXIII  1898,  S.  342  ff:  —  2.  Giirlt,  Gesch.  d.  Chirurgie  u.  ihrer  Ausübe,  u.  s.  w., 
Berl.  1898, 1470  f.  [lieber Setzung).  —  3.  Car.  Gottl.  Kühn,  Additamenta  ad  elenchum 
medicorum  veterum  a  .  .  .  Fabricio  in  biblioth.  .  .  .  exhibitum  XXV,  Lips.  sine  anno; 
opuse.  II  303  ff.  —  4.  Lichte^nstädt,  Erasistratus  als  Vorgänger  von  Broussais. 
Litter.  Annalen  d.  gesammt.  Heilk.  hrsg.  v.  Dr.  J.  Fr.  C.  Hecker  XVII,  Berl.  1830 

5.  153  ff.  —  5.  PorciuSf   Erasistratus  s.  de  sanguinis  missione,   Romae  1682.  — 

6.  von  Sallala,  Galen,  Vom  Aderlassen  gegen  den  Erasistratus,  übers,  u.  m.  An- 
merk.  vers.,  Wien  1791.  —  7.  Suseniihl  in  Bursiatis  Jahresber.  XXII.  Jhrg.  Bd. 
79,  1894  S.  286  ff'. ;  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1896;  Analecta  Alexandrina, 
Greifswald  1885  I  p.  VII f;  Phüologus  LVII  1898  S.  318  ff.  —  8.  VulpinuSj 
Haemophobiae  triumphus  s.  Erasistratus  vindicatus  etc.,  Lugd.  1697. 

Bezüglich  der  Identität  liegt  es  zunächst  auf  der  Hand,  dass 
der  bei  Antiphon,  iiQog  'EQuaiargaTov  TtsQi  ttüv  Tawv  (gegen  E.  über 
die  Pfauen,  Athen.  IX  p.  397)  genannte  und  der  Sikyonier  (Gal. 
XIII  356)  ein  anderer  sein  muss.  Dass  auch  bei  Palladios  Sophistes 
Erasistratos  nicht  gemeint  sein  kann,  habe  ich  früher  gezeigt  (Diss.  13 
A.  34).  Von  der  Bedeutung,  die  der  Arzt  Erasistratos  für  die 
Weiterentwicklung  der  Heilkunde  gehabt  hat,  zeugen  fast  alle  späteren 


^)  Schöne,    De  Aristoxeni  Tte^l  -rrje  'HQOfiXov  al^iaecos  libro  XÜI*  a  Galeno 
adhibito,  Diss.,  Bonnae  1893. 


296  Robert  Fuchs. 

Aerzte  und  auch  andere  Schriftsteller.  Plutarchos^)  verwendet  die 
Steigerung:  „Herophilos  oder  Erasistratos  oder  selbst  Asklepios". 
Lukianos  nennt  ihn  „den  Arzt"  schlechthin.  Appianos  rühmt  seine 
ausserordentliche  „Tüchtigkeit  und  Weisheit".  ApoUonios  von  Kition 
bezeichnet  ihn  als  „den  besten  Arzt".  Soranos  gesteht  ihm  neben 
seiner  Vortrefflichkeit  in  der  Kunst  die  höchsten  moralischen  Eigen- 
schaften zu.  Georgios  Kedrenos  giebt  ihm  in  irrtümlicher  Auffassung 
der  Vorlage  den  Beinamen  des  „Berühmten".  Dass  ihn  seine  An- 
hänger als  „unfehlbar"  und  als  einen  „Gott"  ansahen,  würde  ohne 
Gewicht  sein,  wenn  nicht  auch  der  sonst  zu  Tadel  geneigte  Galenos 
schwankte,  ob  er  Hippokrates  oder  Erasistratos  die  Palme  zuerkennen 
solle  (I  184;  vgl.  II  648;  XI  147;  II  88).  So  hatte  denn  der  Porträt- 
sammler der  Vorlage  des  Bononiensis  graec.  3632  saec.  XV  Recht, 
wenn  er  das  freilich  nicht  getreue  Bild  des  Erasistratos  in  seine 
Galerie  berühmter  Aerzte  aufnahm,-)  Ingrassia  (*  1510)  ihn  den 
„sicilianischen"  (?)  Hippokrates  nannte,  der  Erbauer  der  „Academie  de 
medecine"  in  Strassburg  seinen  Namen  in  die  Ehrentafel  neben  anderen 
Leuchten  der  Heilkunde  eingrub. 

lieber  die  Lebenszeit  des  Erasistratos  bestehen  Meinungs- 
verschiedenheiten. Ohne  auf  die  schätzenswerten  Berechnungen  Helms  ^) 
und  Wellmanns*)  näher  eingehen  zu  können,  beziehe  ich  mich  aut 
das  über  Eudoxos  und  Chrysippos  (s.  oben  Seite  271  f.)  Gesagte  und 
stelle  als  wahrscheinlich  folgende  Chronologie  auf:  Erasistratos  ge- 
boren etwa  330  v.  Chr.,  Schüler  des  Metrodöros  ■^)  um  312/310,  des 
Chrysippos  um  310  308,  erwarb  sich  den  höchsten  Ruhm  durch  die 
Entdeckung  von  dem  Zwecke  und  Wesen  der  Nerven  im  hohen  Alter 
(Gal.  V  602  ff.)  etwa  258/7,  gestorben  ungefähr  250/240.  Dieser  An- 
satz wird  durch  die  Zeugnisse  der  Alten  gestützt.  Plinius  (h.  n.  14, 
9,  1)  berichtet,  dass  P^rasistratos  um  das  Jahr  450  der  Stadt  =  304 
V.  Chr.  den  besten  Weinen  den  lesbischen  zugesellt  habe.  Nach 
iEusebios  (armenische  Version)  wurde  oder  war  er  im  Jahre  1758  nach 
Abraham  =  Olymp.  130,  3  =  257/6  berühmt,  nach  der  lateinischen 
Ueberarbeitung  des  Hieronymus  1760  =  Ol.  130,  4  =  256/5  unter 
der  Herrschaft  des  Antiöchos  II.  Theos  von  Syrien  (262—247).  Dieses 
wichtigste  Zeugnis,  das  offenbar  auf  die  epochemachende  Entdeckung  des 
Arztes  geht,  ist  bei  den  bisherigen  Berechnungen  nicht  genügend  ge- 
würdigt worden  (vgl.  Syncell.  520,  16).  In  diesen  Rahmen  passen  die 
übrigen  Daten  ausnahmslos  hinein,  zunächst  der  Liebesroman  des  Prinzen 
Antiöchos  und  der  Nebenfrau  seines  Vaters,  Stratonike,  an  deren  Wahr- 
heit bisher  noch  niemals  Aerzte,  wohl  aber  Philologen  gezweifelt  haben. 
Dass  ein  zarter  Jüngling,  der  in  eine  in  den  besten  Jahren  stehende, 
ihm  unerreichbare  Frau  verliebt  ist,  aus  Verzweiflung  über  die  Hoff- 
nungslosigkeit seiner  Liebe  erst  seelisch  und  dann  körperlich  erkrankt 
und   sich  durch   die   bekannten  Zeichen   der  Aufregung  beim  unver- 


^)  Fuchs,  Diss.  S.  6  if .  ist  hierzu  und  zu  den  folgenden  Citaten  zu  vergleichen. 

2)  Olivieri,  Studi  italiani  di  filologia  classica  III  1895  S.  454. 

ä)  Hermes  XXIX  1894  S.  161  ff.;  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  67.  Jhrg. 
Bd.  CLV  1897  S.  396. 

*)  Hermes  XXXV  1900  S.  349  If.  Er  bezeichnet  die  Reihenfolge  „Diokles,  Era- 
sistratos, Praxagoras,  Herophilos"  bei  Cael.  Aurel.  ac.  m.  II  27  p.  139  als  „an- 
scheinend chronologisch".  S.  dagegen  die  Reihenfolge  „Herophilos,  Erasistratos"  bei 
Kühn,  opusc.  II  303  ff. 

^)  Unter  seinem  Namen  gehen  Rezepte  mit  dem  Titel  Tte^l  rmv  yvvaixeicov 
^ad-öjv.  die  noch  nicht  veröffentlicht  sind  ^Orib.  ed.  Buss.  et  Dar.  I  p.  XXV  f.). 


Geschichte  der  Heilknnde  bei  den  Griechen.  297 

hofften  Eintritte  des  Weibes  dem  scharf  beobachtenden  Arzte  wider 
seinen  Willen  verrät,  ist  so  ungemein  natürlich  und  wahrscheinlich, 
dass  es  der  Parallelen  gar  nicht  bedürfen  sollte,  die  uns  Hippokrates- 
Perdikkas,  Galenos  -  lustus  und  zahlreiche  Aerzte  neuerer  Zeit 
liefern  (Diss.  S.  12 f.). ^)  Im  Gegensatze  zu  Helm  (Fleck.  S.  396; 
Herm.  S.  165),  dessen  „Hyperkritik"  (Sus.  S.  324)  auf  das  sach- 
kundigere Urteil  der  Aerzte  nichts  giebt  und  dazu  führen  könnte, 
jedes  beliebige  Zeugnis  der  Alten  zu  beseitigen,  und  im  Gegensatze 
zu  Suse  mihi,  der  wenigstens  das  Milieu  als  glaubhaft  anerkennt, 
gebe  ich  den  Thatbestand  auch  heute  nicht  preis.  Aber  in  so  weit 
trage  ich  Susemihls  und  Wellmanns  Beweisführung  Rechnung, 
dass  ich  wegen  Plin.  7,  123,  wo  von  dem  unbekannten  Keier  Kleom- 
brötos  vielmehr  diese  That  berichtet  wird,  diesen  als  den  Retter  des 
Antiochos  ansehe  (natürlich  nicht  den  Mathematiker  Leptines,  Val. 
Max.  V  7,  1).  Dieser  Kleombrotos  aber,  der  etwa  293  v.  Chr.  dem 
Könige  Seleukos  I.  Nikätor  (312  —  280)  für  den  Antiochos  die  Strato- 
nike abrang,  ist  kein  anderer  als  der  Vater  des  Erasistratos  (Suid. ; 
vgl.  Diss.  S.  10  A.  2).  Wie  so  häufig  ist  die  Ruhmesthat  des  unbe- 
kannten Vaters  auf  den  Sohn  übertragen  worden.  Kehren  wir  nun 
zu  Erasistratus  selbst  zurück,  so  ist  zu  berichten,  dass  er  in  lulis  auf 
Keos  geboren  ward  als  Sohn  des  Kleombrotos  und  der  Kretoxene,  der 
Schwester  des  Anatomen  Medios  *)  (Gal.  XV  135  f ),  und  nicht  auf 
Chios,  Kos  oder  Samos  als  Sohn  der  Pythias,  der  Tochter  des  Aristoteles 
(Diss.  S.  10  f.).  Zum  Samier  wurde  er  lediglich  deshalb  gemacht,  weil 
er  am  Mykäleberge  Samos  gegenüber  bestattet  sein  soll  (Suid.).  Es 
bleibt  zweifelhaft,  ob  sich,  wie  um  das  Grabmal  des  Hippokrates,  so 
auch  um  das  des  berühmten  Landsmannes  des  Prodikos  die  Sage  ge- 
woben hat  oder  ob  Erasistratos  wirklich  erst  auf  Keos,  dann  wohl  in 
Kos  studiert,  im  Seleukidenreiche  und  in  Aegypten  '^}  praktiziert  und 
sich  von  da  gegen  Ende  seines  Lebens  nach  Samos  zurückgezogen  hat. 
Medizinischen  Unterricht  genoss  er  bei  Metrodöros,  dem  dritten  Manne 
der  Pythias,  der  als  Jüngling  den  Knidier  Chrysippos  gehört  hatte. 
Zu  letzterem  begab  sich  Erasistratos  später  ebenfalls,  gleich  seinem 
Bruder  Kleophantos,  *)  und  zwar  wahrscheinlich  direkt  nach  Alexan- 
dreia.  Dass  er  zuvor  in  Athen  peripatetische  Philosophie  gehört  habe, 
lässt  sich  nicht  erweisen.  Möglich  ist  es,  dass  seine  peripatetischen 
Anschauungen  (Gal.  11  88  u.  ö.)  dort  gewonnen  wurden,  aber  ebenso 


^)  Zu  der  namentlich  von  den  Franzosen  romanhaft  ansffestalteten  Historie 
vgl.  ausserdem:  Apuleius,  metam.  X  2 f.  §680;  Wertner,  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f. 
Gesch.  d.  Medic.  und  med.  Geogr.  VIII,  Leipz.  1885  S.  173  ff.;  Pester  medic.-chir. 
Presse  1884  Nr.  17;  Vierer  dt.  Medizinisches  aus  der  Geschichte,  Tühingen  1896 
S.  85;  Falk,  Allg.  Zeitschr.  f.  Psychiatrie  u.  psych.-gerichtl.  Medic.  XXIII,  Berl. 
1866  S.  496  mit  Anm.  (auf  Grund  von  Aretaios).  Die  Scene  hat  die  französischen 
Maler  Lairesse  und  Boixieres  so  begeistert,  dass  sie  sie  zwei-  hezw.  einmal  in  herr- 
lichen Bildern  dargestellt  haben  (Winkelmanns  Werke  hrsg.  v.  Femow  I,  Dresden 
1808  S.  99  ff.). 

*)  Diesen  Medios  —  denn  so  ist  bei  Galenos  M^Setos  zu  verbessern  —  zog 
Plinios  (XX— XXVII  Index)  heran.  XX  27  berichtet  er,  dass  Medios  bei  Blut- 
speien und  zur  Anregung  der  Milchabsonderung  gekochten  Rettig  verabreichte.  Ein 
zerteilendes  Malagmarezept  überliefert  Celsus  (V  18,  11). 

')  Dass  er  in  Smyma  eine  Schule  gegründet  habe,  hat  auch  Matter,  Essai 
historique  sur  l'ecole  d'AIexandrie,  A  Paris  1820,  I  117;  11  79  nicht  zu  erweisen 
vermocht.  An  seine  Wirksamkeit  in  Samos  glauben  Susemihl,  Philol.  S.  322 ff.; 
Christ,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  3.  Aufl.,  S.  855. 

*)  S.  oben  S.  294.    Kksöfavros  o  KXeo^ß^örov  bei  Rhuphos  (Dar.-Ruelle  32). 


298  Bobert  Fuchs. 

■gut  konnten  sie  ihm  auf  andere,  heute  nicht  mehr  ergründbare  Weise 
vermittelt  werden.  Ein  bestimmtes  Zeugnis  fehlt  auch  hinsichtlich  der 
AVirksamkeit  des  Erasistratos  als  Hofarzt  des  Ptolemaios  IL  Phila- 
delphos  (285—247)  und  des  Ptolemaios  III.  Euergetes  (247—221). 
Indessen  sprechen  Wahrscheinlichkeitsgründe  dafür:  die  reiche  Be- 
schenkung  des  Erasistratos  durch  Ptolemaios  IL  (Diss.  S.  8  f.),  das 
Mittel  gegen  Arthritis,  das  er  dem  Könige  versprach,  die  Beziehungen 
des  Rhodiers  Chrysippos  zum  ägyptischen  Hofe  (s.  oben),  die  Wirk- 
samkeit der  Schüler  des  Chrysippos,  Kleophantos  und  Xenophon,  in 
Alexandreia  (Wellmann  S.  381  A.  1),  endlich  der  Umstand,  dass  nur 
für  Aegypten  die  Freiheit  anatomischen  Präparierens  nachweisbar  ist 
(Plin.  h.  n.  19,  86).  Sonst  sind  uns  nur  noch  Anekdoten  über  Era- 
sistratos überliefert,  dass  er  die  hippokratischen  Bücher  auf  weiten 
Reisen  gesammelt  habe,  dass  er  wegen  eines  unheilbaren  Geschwürs  am 
Fusse  Gift  genommen  habe  und  mit  den  Worten  gestorben  sei :  „Wohl 
mir,  dass  ich  des  Vaterlandes  eingedenk  bin!",  dass  von  ihm  in  Delphoi 
eine  bleierne  Zahnzange  geweiht  worden  sei,  um  anzudeuten,  dass  nur 
wackelige  Zähne  entfernt  werden  dürfen,  ^)  schliesslich  dass  er,  als  er 
einen  Patienten  vor  dem  Hause  schon  schnarchen  gehört  habe,  gesagt 
habe:  „Da  drinnen  höre  ich  einen  besseren  Arzt"  (Diss.  S.  11  ff.). 

Von  Schriften'-)  werden  genannt:  1.  ol  ■Ka^oXov  Xöyoi  =  All- 
gemeine Grundsätze,  eine  Ttgayi^iarela  =  ars  =  Handbuch  in  wenigstens 
2  Büchern  (Gal.  II  105;  Athen.  XV  p.  655  E  F);  2.  2  Bücher  ävaro^ai 
(Cael.  Aur.  ac.  III  4  p.  192;  Gal.  IV  718);  3.  2  Bücher  öiaiQeoewv  d.  i. 
„Sektionen"  („Einschnitte"  bei  Susemihl  könnte  nur  auf  Aderlass 
gedeutet  werden),  im  hohen  Alter  verfasst  (Gal.  XI  192 f.;  199;  XVIII, 

1  86 ;  Gell.  noct.  Attic.  XVI,  3,  3) ;  4.  Ttegl  ahiCbv  =  Aetiologie  (Diosc. 
de  venen.  praef.  =  II  49  Sprengel);  5.  2  Bücher  v/ietvö)'  (Gal.  VII 
554;  XI 179;  235 f.);  6.  wenigstens  3  Bücher  TteQl  tivq&iCjv  =  Fieber 
(XI  155;  XVI  39),  deren  letztes  die  Therapie  umfasst  zu  haben 
scheint  (XI  220;  XIX  37);  7.  r]  tCov  mata  triv  y.oiUav  nad^Cbv  Ttqcty- 
\iaxBia.  =  de  ventre  (XI  192),  deren  3.  Buch  citiert  wird  (Cael. 
Aur.  ehr.  m.  IV  3  p.  522);  8.  ta  TteQt  Ttagalvaeiog  =  Lähmung 
(Gal.  XI  245;  XVI  673),  die  ich  mit  fj  iCbv  Ttageaecov  (Susemihl  „Ohn- 
mächten") identifiziere  (XI  192);  9.  ttsqI  Ttoödyqag  (a.a.O.);  10.  de 
hydrope  (Cael.  Aur.  ehr.  m.  III  8  p.  473;  487);  11.  o  Tteql  dvvcc(.iewv 
■Kai  ^avaaifAiüv  =  Mittel  und  tödliche  Mittel,  bei  dessen  Citierung 
teils  die  erste,  teils  die  zweite  Hälfte  ausgelassen  wird  (Diosc.  de 
venen.  18  =  II  74  Sprengel;  87;  Nie.  alex.  65  schol.);  12.  mindestens 

2  Bücher  ttsqI  rijg  ävaycjyfjg  tov  ai/.iatog,  eher  über  „Blutauswerfen" 
handelnd  als  über  „Blutentziehung"  (Susemihl),  was  ja  wohl  in  das 
therapeutische  Fach  einschlüge;  13.  einen  dipaQtvriKÖg  =  üeber  die 
Kost  (Athen.  VII  p.  324  A;  XII  p.  516  C).  Aus  dem  leider  noch 
immer  indexlosen  Rhazes  führt  Haller '^)  noch  ein  Buch  „de  summa" 
an.  Wenn  Galenos  (II  60;  III  316)  noch  tvsqI  xataTtöaeiog  =  Hin- 
unterschlucken; 7t.  ävaööaecog  ==  (Blut)verteilung ;  7t.  Tteipecog  =  Ver- 
dauung zitiert,  so  hat  er  damit  schwerlich  eigene  Werke,  sondern 
wohl  Abschnitte  gemeint,  etwa  aus  den  xa^'   olov  löyoi.    Aus  der 


')  Diesen  Sinn  hatte  die  Gabe  natürlich  nicht,  sondern  bleierne  Weihgeschenke 
waren  überhaupt  üblich. 

2)  Vgl.  meine  Diss.  S.  15  ff. 

*)  Biblioth.  medica  practica  I  117  f.  Was  er  sonst  noch  anführt,  beruht  auf 
Irrtum. 


Geschichte  der  Heilknnde  hei  den  Griechen.  299 

Erklärung  des  bei  Hippokrates  (de  artic.  repon.  7)  zuerst  vorkommenden 
Wortes  äf.ißrj  und  der  doxograpliischen  Zusammenstellung  bei  Erotianos 
(52,  10)  kann  ich  nur  entnehmen,  dass  Erasistratos  den  Vorgänger,  den 
er  fleissig  studiert  hat  (Diss.  S.  14),  auch  kommentiert  hat.  ^)  Wenn 
Suidas  9  Werke  des  Elrasistratos  zählt,  so  ist  ein  Ueberlieferungs- 
fehler  anzunehmen.  Dass  er  sie  selbst  gezählt  habe,  ist  deshalb  aus- 
geschlossen, weil  sie  schon  Galenos  nicht  vollzählig  vor  sich  hatte 
(XI  221).  Und  doch  ist  die  Hoffnung  nicht  unberechtigt,  dass  aus 
semitischen  Quellen  noch  mancherlei  wiedergewonnen  werden  mag; 
denn  seine  Lehre  wurde  frühzeitig  auf  jüdischen  Boden  verpflanzt  '^) 
und  ist  von  den  Arabern  vielfach  verwertet  worden,  auch  ohne  dass 
der  Name  erkennbar  ist.^) 

Die  Grundlage  der  Lehre  des  Erasistratos  ist  philosophisch-peri- 
patetisch  und  medizinisch-dogmatisch.  Dabei  sind  aber  starke  Ein- 
schränkungen nötig.  Denn  dass  er,  wie  die  späteren  Anhänger  be- 
haupteten, Theophrastos  gehört  habe  (Gal.  IV  729;  vgl.  Diog.  Laert. 
V  2, 15  =  57),  ist  offenbar  nur  aus  den  bestehenden  Uebereinstimmungen 
erschlossen  worden,  und  Galenos  selbst  trägt  Widersprechendes  in  ge- 
nügender Menge  zusammen  (Diss.  S.  11).  Pythagoreisches  ist  ihm  durch 
den  Schüler  des  Eudoxos.  Chrysippos  von  Knidos,  übermittelt  worden. 
Ferner  ist  er  durch  die  knidische  Richtung  seines  Lehrers  Chrysippos 
wesentlich  beeinflusst  und  zum  Widerspruche  gegen  Hippokrates  geneigt 
gemacht  worden,  wenngleich  Galenos,  wie  üblich,  stark  übertreibt 
(Diss.  S.  4).  Weiter  sind  Spuren  des  Diokles  unverkennbar  (Gal.  II 
282;  716).  Pi'axagoras'  Pneumalehre  war  der  Untergrund  seiner 
Pathologie,  in  dem  Masse,  dass  er  „Pneumatiker"  genannt  worden 
ist.  *)  Die  Beeinflussungen  durch  Petrönas  aber  (Gal.  XV  435  f.)  und 
die  ägyptische  Weisheit*)  sind  bedeutungslos. 

Erasistratos  war  ein  vorzüglicher  Anatom*)  ( Vindic.  gynaec.  = 
Theod.  Prise,  ed.  Kose  464).  Er  öffnete  Kadaver  von  Ziegenböcken 
und  anderen  Tieren,  um  das  Gehirn,  die  Sinnesorgane,  die  Gefässe, 
die  Eingeweide,  die  Herzklappen  {tQiyXwxiveg  vj-uveg  =  dreizackige 
Häute)  zu  erforschen.  Bei  eben  geborenen  Ziegen  untersuchte  er  das 
Gekröse.  Bei  Menschenleichen  ergründete  er  die  Natur  des  Gehirns 
und  als  Greis  den  Ausgangspunkt  der  Sinnesnerven.  Bei  solchen,  die 
einem  Schlangenbisse  erlagen,  fand  er  Leber,  Dickdarm  und  Blase 
zersetzt  und  bei  Wassersüchtigen  eine  steinharte  Leber.  Dass  er 
Verbrecher  viviseziert  habe,  wie  Celsus  (prooem.)  dreist  behauptet,  ist 
schon  bei  Herophilos  zurückgewiesen  worden. 

In  der  Physiologie  ist  Erasistratos  von  allen  alten  Aerzten 
der  erste,  der  auf  dem  Standpunkte  der  neueren  Physiologie  steht. 
Er  erklärte  die  Natur  für  eine  Künstlerin,  für  fürsorglich  und  für  in 
jeder  Beziehung  zweckmässig,  wenngleich  er  in  Einzelheiten  gegen 

')  Er  kannte  aph.,  prognost.,  epid.  11  (Gal.  XIX  570  arovuäpyov),  de  diaeta  in 
ac,  de  morb.  IV.  Vgl.  Hippocrate  par  L i  1 1 r  e  V  74  f . ;  328 ;  130 ;  363 ;  376 ;  D  a  r  e  m - 
berg,  Archives  des  missions  scientifiques,  Paris  1852  S.  433. 

-)  Kobert,  Hist.  Stud.  aus  d.  Pharmak.  Instit.  d.  Kais.  Univ.  Dorpat  V  172. 

")  Vgl.  Rhazes,  z.  B.  Continens;  Hobeisch  ben  el-Hassan.  Bei  der  schweren 
Zugänglichkeit  und  bei  der  Schwierigkeit  des  Verständnisses  der  Arabisten  habe  ich 
Zuverlässiges  leider  bis  heute  nicht  ermitteln  können. 

*)  Bouchut,  Histoire  de  la  medecine  etc.,  Paris  1873,  I  156. 

**)  Ebers,  Wie  Altägyptisches  in  die  europäische  Volksmedicin  gelangte, 
Virchows  Jahresber.  ü.  d.  Leistg.   u.  Fortschr.  in  d.  ges.  Medic.  XXX,  1895,  I  283. 

•)  Die  Stellen  s.  Hermes  XXIX  1894  S.  173  ff. 


300  Robert  Fuchs. 

diesen  Satz  handelte,  indem  er  z.  B.  die  Milz  für  ein  zweckloses  Organ 
erklärte.  Auch  lehnte  er  es  vielfach  ab,  den  Wundern  der  Natur 
nachzugehen,  und  so  hielt  er  es  für  gleichgültig-,  ob  man  wisse,  wo 
und  warum  sich  die  Säfte  bildeten,  ob  die  gelbe  Galle  im  Magen  ge- 
bildet oder  zugleich  mit  den  Speisen  eingeführt  werde,  denn  das  ge- 
höre in  die  Naturwissenschaft.  Auch  der  menschliche  Körper  besteht 
nach  ihm  aus  unveränderlichen  Atomen.  Diese  starren,  gefühllosen, 
winzigen  Atome  werden  durch  die  von  aussen  herbeigezogene  Wärme 
(E7ti/.TrjTov  S^eQi-iöv)  zu  lebenden  Wesen  gestaltet,  denn  eingeborene 
Wärme  giebt  es  bei  ihm  nicht.  Von  den  vier  Qualitäten  des  Empe- 
dokles  hielt  er  nichts,  sondern  er  Hess  eine  andere  Kraft  an  die  Stelle 
ihres  Widerstreites  treten.  Es  ist  der  sog.  „horror  vacui",  wonach 
nirgends  ein  leerer  Eaum  möglich  ist,  vielmehr  bei  dem  Abgange 
einer  Masse  augenblicklich  anderes  etwa  entstehende  Lücken  ausfüllt. 
Hieraus  erklärte  er  Hunger  und  Durst,  Verdauung,  Ausscheidungen, 
Atmung,  Ausströmen  des  Blutes  bei  Gefässverletzung.  Galenos  ist 
unlogisch,  wenn  er  ihm  aus  der  Nichtbeachtung  der  Anziehungskraft 
einen  Vorwurf  macht,  denn  diese  war  nunmehr  überflüssig  für  Samen, 
Fleisch,  Magen,  Nieren,  Gallengänge,  Gallenblase,  Milz,  Nerven  und 
Uterus.  Ein  anderer  wichtiger  Satz  ist  der  von  der  Dreigeflochtenheit 
aller  Körperteile,  TginloiiLa,  die  eine  stete  Vereinigung  von  Nerven, 
Venen  und  Arterien  voraussetzt.  Bloss  das  Gehirn  nahm  er  als  eine 
„Anschwemmung  des  Blutes",  ^ageyxv^ia,  bis  in  sein  hohes  Alter 
davon  aus.  Die  Nerven  dienen  zur  Bewegung  und  Wahrnehmung,  die 
Venen  zur  Fortleitung  des  nährenden  Blutes,  die  Arterien  als  Kanäle 
einzig  und  allein  für  das  Lebenspneuma.  Das  Seelencentrum,  fjyef-iomöv^ 
verlegte  er  in  die  Meninx  und  in  das  kleine,  für  sich  umhäutete  Hirn, 
s7tiy.Qavig,  weil  dahin  geschlagene  Tiere  sofort  lautlos  umsinken,  und 
deshalb  beschäftigte  ihn  bis  zur  Erkenntnis  des  Ursprungs  der  Nerven 
deren  Thätigkeit  nicht  weiter.  Da  erst  erkannte  er  auch  den  Zweck 
der  grösseren  Zahl  von  Gehirnwindungen  beim  Menschen  gegenüber 
den  Hirschen  und  Hasen.  Für  die  Ernährung  der  Nerven  gab  die  er- 
sonnene  Triplokie  die  Erklärung  ab.  Die  Bewegung,  z.  B.  beim  Thorax, 
erfolgt  dadurch,  dass  die  Seele  durch  den  hohlen  Nerv  das  psychische 
Pneuma  dem  betreffenden  Muskel  zuschickt  und  dieses  dann  dessen 
Hohlräume  gewaltsam  ausfüllt,  so  dass  Streckung  bezw.  Beugung  ein- 
tritt; je  mehr  Pneuma,  desto  rascher  die  Bewegung.  Die  meisten 
Nerven  sitzen  in  dem  Pleurasäcke.  Die  Erneuerung  des  Pneuma  ge- 
schieht so,  dass  die  Luft  zunächst  die  „rauhe  Arterie"  =  Luftröhre 
durchläuft,  die  Lungenarterien  füllt  und  dann  zum  Herzen  und  Gehirn 
gelangt.  Die  Luft  muss  eine  gewisse  Dichtigkeit  haben,  sonst  ist  sie 
schädlich.  Die  willkürliche  Ausdehnung  des  Thorax  bewirkt  durch 
die  TTQos  To  nevovf-ievov  ay.olov^La  das  Nachströmen  der  Luft.  Zur 
linken  Herzhöhle  gelangt  das  Pneuma  durch  die  vena  pulmonalis  („die 
venenähnliche  Arterie").  Der  Herzstoss  presst  mit  einem  Male  das 
Pneuma  überallhin,  das  Lebenspneuma,  Cwr^xoV,  in  die  Arterien,  das 
seelische  Pneuma,  ipvxi'Mv,  durch  die  Arterien  bis  in  die  dura  meninx.^) 


^)  Dass  Erasistratos  Stratons  Pneumalehre  theoretisch  so  geistvoll,  praktisch 
„bis  zur  Absurdität"  ausgebildet  habe,  sucht  Di  eis  darzuleeen:  Preuss.  Jahrbb. 
LXXIV  1893  S.  428;  Sitz.-Ber.  d.  Berl.  Ak.  d.  Wiss.  1893  S^  101  ff.  Er  berück- 
sichtigt aber  nicht,  dass  schon  Philistion  und  durch  ihn  Diokles,  Praxagoras  und 
Piaton,   natürlich   auch   der  Knidier  Chrysippos  die  Elemente  der  von  Erasistratos 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  301 

Was  allerdings  die  Nierenarterien  dabei  zu  schaffen  hätten,  bezeichnete 
er  als  unerfindlich.  In  die  feinsten  Ausläufer,  Capillargefässe  =  aw- 
avaoTOfid)aeig,  der  Arterien  münden  die  Verästelungen  der  (fXeßeg  = 
Venen  ein.  Er  beschreibt  an  den  uns  zugänglichen  Stellen  die  Lungen- 
arterie ==  die  „arterienähnliche  Vene",  die  aus  der  rechten  Herzhöhle 
das  Blut  den  Lungen  sendet,  und  den  Lauf  der  vena  cava.  Das  Blut 
ist  der  Saft  der  verdauten  Speisen ;  woher  er  kommt,  geht  den  Arzt 
nichts  an.  Die  Stätte,  wo  das  Blut  zuerst  auftritt,  ist  die  Leber;  sein 
Zweck  die  Bildung  der  Glieder,  deren  Ernährung  und  die  Zeugung. 
An  verschiedenen  Stellen  schwemmt  das  Blut  fleischähnliche  Massen 
an,  und  zu  diesen  Parenchymen  gehören  Lunge,  Leber,  Milz,  Nieren, 
Gehirn,  Rückenmark  und  Fett,  nicht  aber  der  Magen,  die  sonstigen 
Eingeweide  und  der  Uterus.  Die  Verteilung  ^=  ävdöoaig  des  Blutes 
denkt  sich  Erasistratos  also:  der  mit  Speisen  gefüllte  Magen  presst 
den  Saft  nach  der  Leber,  von  da  kommt  der  in  Blut  verwandelte 
Saft  offenbar  zum  Magen  zurück  und  wird  durch  dessen  Pressung  in 
die  Hohlvenen  zum  Herzen  gesandt,  von  da  gelangt  das  Blut  in  die 
Lunge,  indem  es  durch  die  tricuspidales  am  Zurückfliessen  gehindert 
wird.  Bei  der  Systole  schliessen  die  unteren  Klappen  die  Hohlvene, 
öffnen  sich  hingegen  die  Klappen  der  arteria  pulmonalis.  Als  Aus- 
gangspunkt dieses  Laufes  gilt  das  Herz  mit  seinem  rechten  Ventrikel, 
obwohl  von  ihm  aus  nur  das  Lungenparenchym  ernährt  wird.  Die 
Ausläufer  der  Hohlvene  stossen  in  der  Leber  mit  den  galleführenden 
kleinen  Gefässen  zusammen.  Das  im  Leibe  schon  bei  seiner  Ent- 
stehung durch  die  Galle  verunreinigte  Blut  scheidet  sich  am  Treff- 
punkte der  beiderseitigen  Aeste  so,  dass  das  klebrige  Blut  in  die 
weiteren,  die  dünnere  Galle  in  die  engeren  Gallengefässe  einströmt. 
Man  erkennt  hieraus,  dass  nur  die  Theorie  von  der  Lufthaltigkeit 
der  Arterien  verhindert  hat,  dass  Erasistratos  Harvey  den  Ruhm  der 
Entdeckung  des  Blutkreislaufes  vorweggenommen  hat  und  sich  damit 
begnügte,  den  Pneumalauf  vom  Herzen,  den  Blutlauf  von  der  Leber 
beginnen  zu  lassen.  Die  Verdauung  besteht  darin,  dass  die  durch  die 
Speiseröhre  in  den  Magen  gelangten  Speisen  und  Getränke  im  Magen 
von  den  seitlich  abwechselnd  drückenden  Muskeln  dank  des  einge- 
zogenen Pneuma  verarbeitet  werden  und,  durch  Galle  beschmutzt, 
nach  den  Därmen  hinabgleiten ;  die  Flüssigkeiten  gelangen  infolge  des 
horror  vacui  nach  der  Blase,  gleichviel  wie. 

Die  pathologischen  Erscheinungen  bestehen  in  der  Störung 
irgend  einer  Körperfunktion, ')  z.  B.  der  Atmung.  Doch  hierüber  er- 
fahren wir  aus  den  Bruchstücken  nichts  Nähetes.  Am  wichtigsten 
erschien  nämlich  dem  Erasistratos,  wie  seinem  Lehrer  Chrysippos,  die 
abnorme  Füllung  der  Gefässe  mit  Nahrungsstoff,  die  Ttlrjd^wQa. 
Die  Venenmäntel  werden  dann  gewaltsam  ausgeweitet,  besonders 
an  der  Lunge,  später  auch  an  den  Extremitäten,  als  wenn  eifrig 
geturnt  worden  wäre.  Hieraus  folgt  zunächst  der  xörtog  =  Er- 
mattung, Geschwüre,  Entzündungen,  Bluterguss  in  die  Synanastomosen 
der  Venen  und  Arterien  mit  Störung  des  Pneumalaufes  =  Ent- 
zündung und  Fieber,  Venenzerreissung,  Blutspeien,  Voniicae,  Bräune, 
Arthritis,  organische  Leiden,  Lähmungen,  Epilepsie,    Pleuritis.     Die 


nur  bis  zu  Ende  gedachten  Theorie  vorgetragen  haben,  so  Ton  dem  Nichtbestehen 
des  leeren  Raumes  und  der  Störung  des  Pneumaumlaufes  als  Krankheitsursache. 
^)  Von  jetzt  ab  folge  ich  meinem  Aufsatze  über  die  Plethora. 


302  Robert  Fuchs. 

7taQe}.i7ctioGig  =  Eindringen  des  Blutes  in  die  Pneumawege  erfolgt 
aber  nicht  nur  durch  die  rohe  Gewalt  der  Plethora,  sondern  auch 
durch  Anschneiden  einer  Arterie;  denn  im  Nu  stürzt  das  Pneuma 
heraus,  und  wegen  der  Unmöglichkeit  des  Vacuum  schiesst  das  Blut 
nach,  so  dass  wir  fast  im  Momente  der  Verletzung  das  Blut  austreten 
sehen.  Jede  solche  Störung  des  Pneuma  bedingt  eine  cpleyi-iovi]  = 
Entzündung,  und  diese  erkennen  wir  am  „Schlagen"  der  Arterien, 
oq)vyf.i6g  (also  nicht  „Puls").  Ein  Symptom,  eTriyevvrjina  =  accidens, 
der  Entzündung  ist  das  Fieber,  Dieselbe  Ansicht  herrscht  noch 
bei  Broussais  vor,  wenngleich  dort  schlechter  gestützt  als  bei  seinem 
Vorgänger;  denn  auch  der  Franzose  gründet  seine  Lehre  von 
der  Nichtessentialität  der  Fieber  auf  den  Satz  „Keine  Entzündung, 
kein  Fieber".^)  Das  Hauptmerkmal  ist  die  ausserge wohnliche  Fre- 
quenz des  ocpvyf.i6g  (Rose,  Anecd.  II  208;  226),  die  beim  Messen  mit 
der  Hand  fühlbar  werdende  Hitze  und  das  Eitersediment  im  Urin, 
häufig  auch  Verdauungsstörungen,  quälendes  Durstgefühl  in  Mund 
und  Schlund  ohne  wirklichen  Durst  {fi  sTtiTtolaLog  öLipa  =  Ober- 
flächendurst). Folgende  Fieber  finden  sich:  das  rasche  und  das  lang- 
same; Fieber  als  Sj^mptom  der  Lähmung,  der  Herz-  oder  Magenmund- 
erkrankung (Kardialgie),  der  Gallenleiden  und  Regel  verhaltung.  Durch 
Plethora  entstehen  ferner  Hämorrhoiden  {■/.ovöulw/naTa  =  Knötchen), 
Hämorrhagie,  Hämoptysis,  Angina  (owdyxTi)  ==  Entzündung  der  Man- 
deln {TtaQiG&fua)  und  der  Kehldeckelumgebung.  Bei  letzterer  tritt 
leicht  eine  tödliche  Metastase  auf  die  Luftwege  (Erstickung),  Kopf, 
Leber  oder  Lunge  ein.  Arthritis  ist  Gelenkplethora.  Die  ä7toTv%Lat, 
ir]g  Ttiipstog  =  Verdauungsstörungen  beruhen  in  der  plethorischen 
Hemmung  der  Fähigkeit  des  Magens,  sein  Volumen  abwechselnd  zu 
vergrössern  und  zu  verringern.  Hydrops  entsteht  entweder  durch 
die  Leber  oder  die  zwecklose  Milz,  Die  Entzündung  dieser  Organe 
hindert  den  Blutumlauf,  das  ungereinigte  Blut  ergiesst  sich  als  kaltes, 
wässeriges  Exsudat  zwischen  Eingeweide  und  Bauchfell.  Ueber 
urogenitale  Plethora  ist  nichts  erhalten.  Paralyse  entsteht  dadurch, 
dass  die  kalten,  zähen  Schleimmengen,  die  die  Nerven  ernähren,  in- 
folge einer  im  Gehirne  eintretenden  Stauung  in  die  Nervenarterien 
einbrechen  und  so  den  Pneumalauf  authalten.  Wie  die  Methodiker 
später  überall,  so  unterschied  Erasistratos  hier  die  auf  Ausdehnung 
und  die  auf  Zusammenziehung  beruhende  Form  und  behandelte  sie 
verschieden.  Ueber  Lungenleiden  fliessen  die  Quellen  äusserst  spärlich. 
Die  Kardialgie  der  Alten  hat  sehr  verschiedene  Erklärungen  gefunden. 
Falk  deutet  sie  als  blosses  Symptom  höchster  körperlicher  Erschöpfung,-) 
Hecker  als  englischen  Seh  weiss,  ^)  mit  Recht,  soweit  die  zweite  Art 
des  Erasistratos  in  Frage  kommt,  die  ihren  Sitz  im  Magenmunde  hat 
und  mit  Fieber  einhergeht.  Die  andere  Art  ist  irgend  ein  Herzleiden. 
Die  Urin  verhaltung  hat  eine  ungewöhnliche  Ausdehnung  der  Blase 
zur  Ursache,  wodurch  dem  Urin  der  Weg  verlegt  wird.  Am  gefähr- 
lichsten ist  die  Ausscheidung  schwarzen  Urins  (vgl.  Hippocr.  progn. 
12  =  22);   ich  glaube  aber  nicht   an  unmittelbare  Entlehnung  wie 


^)  Lichtenstädt,  Platon's  Lehren  auf  d.  Gebiete  d.  Naturforschg.  u.  d.  Heil- 
kunde, Leipz.  1826  S.  154;  auch  Heck  er,  Litter.  Annalen  d.  gesammt.  Heilk. 
XVII  154. 

2)  AUg.  Ztschr.  f.  Psychiatrie  u.  psych.-gerichtl.  Medic.  XXIH,  Berl.  1866 
S.  487  Anm. 

*)  Der  englische  Schweiss  185 ff. ;  vgl.  Landsberg  in  Henschels  Janus  II  53  ff. 


Geschichte  der  Heilknnde  bei  den  Griechen.  303 

Littre  I  136.  Die  Frauenleiden  sind  trotz  der  Verschiedenheit  der 
weiblichen  und  männlichen  Geschlechtswerkzeuge  im  AVesen  den 
Männerkrankheiten  vollkommen  gleich  (Sor,  II  4  p.  301  Rose; 
2  p.  299  f.).  Wir  haben  aber  nur  eine  genauere  Schilderung  der 
Regelverhaltung  bei  dem  „Mädchen  von  Chios"  überkommen.  ^)  Die 
verhaltenen  Menses  erzeugten  Husten,  Auswurf  von  Schleimmassen 
und  Blut,  Erbrechen.  Das  Blutspeien  schien  die  Stelle  der  Regel 
übernommen  zu  haben,  denn,  wenn  es  mit  ihr  zusammenfiel,  währte 
es  3—4  Tage.  Fieber  war  auch  vorhanden.  Die  Sterilität  erklärte 
er  durch  Callositäten,  fleischige  Auswüchse,  schwammige  Beschalfenheit 
oder  Kleinheit  des  Uterus. 

Die  Therapie  stützt  sich  auch  bei  Erasistratos  auf  eine  sorgfaltige 
Prognose:  „Wer  richtig  heilen  will,  muss  sich  in  dem,  was  zur  ärzt- 
lichen Kunst  gehört,  üben  und  darf  keines  der  das  Leiden  begleitenden 
Symptome  ununtersucht  lassen,  sondern  er  muss  sich  danach  um- 
schauen und  erforschen,  bei  welcher  Disposition  (öidd-eaig)  jedes  einzelne 
Leiden  auftritt"  (Gal.  V  138).  Denn  nur  so  ist  es  möglich,  die  Ge- 
sundheit zu  erhalten,  welche  Erasistratos  als  „gute  Ordnung  und 
richtiges  Mass"  erklärt.  Hierbei  muss  der  Arzt  die  allgemeinen  Ur- 
sachen und  die  Symptome  streng  scheiden.  Von  den  Heilverfahren 
ist  zunächst  das  Abführen  zu  nennen,  das  Heilmittel  aller  Plethora- 
folgen.  Heftige  Abführmittel  verwarf  er,  milde  gebrauchte  er.  Das 
Ablühren  wurde  unterstützt  durch  Fasten,  beschränkte  Aufnahme  von 
Speise  und  Trank  oder  leichte  Diät,  sowie  durch  Enthaltsamkeit  zu 
gewissen  Tageszeiten  oder  von  gewissen  Genussmitteln.  Dieses  Ver- 
fahren wurde  angewandt  bei  Epilepsie,  Nieren-,  Milz-,  Leberleiden, 
Hämorrhoiden,  Entzündung,  Ileus,  Regelverhaltung,  Wassersucht  und 
bei  allen  im  Entstehen  begrifi'enen  Krankheiten.  Als  Ersatz  dient 
das  Erbrechen,  unmittelbar  nach  der  Mahlzeit  durch  einen  lauwarmen 
Trank  hervorgerufen,  wenn  die  Speisen  gleichsam  in  der  Schwebe 
zwischen  Mund  und  Magen  sind.  Das  Klystier  ist  bald  schwach,  bald 
stark  und  wird  z.  B.  bei  Lähmung  und  Wassersucht  gebraucht.  Bei 
Darmverschluss  wird  es  aus  Soda  und  Salz  zusanynengesetzt.  Reiner 
oder  verschnittener  Wein,  sowie  ein  nicht  näher  beschriebener  Trank 
werden  als  harntreibendes  Mittel  bei  Hämorrhoiden,  Leber-  und  Gallen- 
leiden, Wassersucht  u.  s.  w.  gebraucht.  Galenos  tadelt  den  Erasistratos 
heftig,  weil  er  den  Aderlass  auf  das  äusserste  beschränkte,  und  nannte 
ihn  einen  alf.iocpößog  =  Blutscheuen.  Und  in  der  That  verwarf  er 
die  Blutentziehung  wegen  der  Schwächung  der  Kranken  fast  ausnahms- 
los da,  wo  sie  der  letzte  Rat  der  anderen  Aerzte  war.  Jedoch  musste 
Galenos  selbst,  der  ein  ganzes  Buch  „Ueber  den  Aderlass  gegen  Era- 
sistratos" verfasst  hat,  auf  der  anderen  Seite  zugestehen,  dass  jener 
in  seinem  Buche  ^tegl  aif.iaTog  ämywyf^g  einmal  den  Aderlass  ange- 
raten habe,  und  die  Erasistrateer  des  galenischen  Zeitalters  wussten 
gar  nicht  anders,  als  dass  ihr  Meister  zur  Ader  gelassen  habe.  Als 
Ersatz  hatte  er  von  Chrysippos  ein  anderes  Verfahren  gelernt,  die 
Umwicklung  der  Schultern,  Unter-  und  Oberschenkel,  Arme,  Weichen 
und  Geschlechtsteile  mit  Wollbinden,  z.  B.  bei  Luugengeschwüren,  Blut- 
speien  und  Hämorrhagien.  Ueber  die  Gymnastik  gab  er  ausgezeichnete 
individualisierende  Vorschriften  (Gal.  V  879;  898),  ebenso  über  lang- 
same  oder  rasche   Spaziergänge  in  der   Ebene,   im   Sande,  bergauf, 

*)  Fuchs,  Hermes  XXIX  201. 


304  Kobert  Fuchs. 

gleich  nach  der  Mahlzeit,  vor  der  Sonnenhitze  oder  gegen  Abend  mit 
genauester  Vorschrift  der  Stadienzahl.  Bäder,  kalte  Waschungen,  Ab- 
reibungen, schweisstreibende  Mittel,  zumal  nach  körperlichen  üebungen, 
Dampfbäder,  Umschläge  scharfer  und  erweichender  Art,  Zäpfchen, 
Tränke,  Schröpfköpfe,  Salbungen,  Brennen,  Absetzungen  wandte  er  in 
derselben  Weise  an  wie  die  Hippokratiker.  Ihnen  hatte  er  auch  die 
„rohe  Lösung"  abgesehen,  die  er  aus  Myrthe,  Wein,  Feigen  und  öl- 
baumblätterigem Seidelbaste  {yaf.i£Xala)  zusammensetzte.  Im  einzelnen 
heilte  er  den  Katarrh  durch  Aufsetzen  eines  mit  heissem  Weine  ge- 
tränkten Hutes  und  durch  Auflegen  von  Wollstücken,  in  die  Wein 
und  heisses  Oel  gezogen  war,  auf  Seite  und  Zwerchfellgegend.  Den 
Sonnenstich  u.  ä.  behandelte  er  mit  nassen  Schwämmen.  War  bei 
Lähmung  der  Urin  verhalten,  so  entfernte  er  ihn  mit  einem  S  förmigen 
Katheter,  oder  er  berührte  die  Harnröhre  des  knieenden  Patienten  an 
der  äussersten  Spitze  mit  Schaumsoda.  Plethora  wird  vertrieben 
durch  Diät,  z.  B.  Verbot  von  Fleisch,  Fisch,  Milch-,  Graupen-  und 
Mehlspeisen  und  von  Getränken,  durch  Gemüse-,  Frucht-  und  Brot- 
kost, durch  Fasten,  Ruhe,  Erbrechen,  Arzneien  (Bibergeil  zum  Ab- 
führen), Schweissmittel,  Leibesübungen,  Harnausscheidung,  verschiedene 
Bäder,  Umbinden,  Umschläge,  Spazierengehen.  Bei  Fieber  ist  der 
Getreideschleim  in  denselben  Spielarten,  wie  sie  die  Hippokratiker 
empfehlen,  anzuwenden.  Reichliche  Nahrung  hindert  auch  hier  den 
Kräfteverfall ;  denn  die  von  Dexippos  und  dem  Hippokrateer  Apollonios 
angewandte  Enthaltung  ist  Mord.  Beim  Nachlassen  reiche  man  Honig- 
wein. Bei  Angina  lege  man  heisse  Schwämme  oder  Umschl^äge  ab- 
wechselnd auf  Brust  und  Bauch  und  führe  mit  Bibergeil  und  Wein 
ab.  Gegen  Podagra  verordnete  Erasistratos  dem  Ptolemaios  Phila- 
delphos  ein  unbekanntes  Malagma,  das  „Erasistratium  emplastrum" 
(Cael.  Aurel.  m.  ehr,  V  2  p,  564),  Ruhe  wird  durch  Adstringentien 
geheilt.  Der  Bauchstich  {n:aQay.€VTr]oig)  bei  Hydrops  ist  zwecklos, 
denn  der  die  Verwässerung  verursachende  Scirrhus  hält  an,  und  die 
oberhalb  der  Anzapfungsstelle  gelegenen  Teile  erkranken.  Die 
wahre  Ursache,  nicht  das  Symptom,  wird  gehoben  durch  mildes 
Abführen,  Auflegen  von  Feigen,  ölbaumblätterigem  Seidelbaste  und 
xa(.ial7tiTvg  oder  von  Raute,  durch  Klystiere,  Urinmittel  (20  Epheubeeren 
in  Wein),  Baden,  Umhergehen,  Salbungen  im  Bette,  eine  genau  be- 
stimmte Zahl  von  Reibungen.  Die  Diät  umfasse  reichliche  Mengen 
von  gesüsstem  Sesamsalzbrote,  von  Fisch,  Huhn,  Wild,  Lamm-  und 
Ziegenfleisch,  Honig-  oder  Milchtränken.  Man  zerreibe  2—3  trockene 
mürbe  Feigen  und  versetze  sie  mit  Oel.  Ferner  nehme  man  in  einem 
Fasse  ein  Dampfbad  (fj  dia  Ttld-ov  Ttvgla).  Räucherungen  wandte 
Erasistratos  bei  Frauenleiden  an.  Bei  Querlage  des  Kindes  zerlegte 
er  das  Kind  im  Mutterleibe  durch  den  eußgvoacpdxTrjg,  das  Ringmesser, 
natürlich  kein  Pessar,  wie  Ploss  vermutet.^)  Tertullianus ^)  hat  für 
dieses  ausgebildete  Verfahren  nur  das  Epitheton  des  Meuchelmordes 
übrig. 

Als  „Götterhände"  =  Arzneien  verwendete  Erasistratos  Frauen- 
milch gegen  den  Biss  giftiger  Tiere,  Kuhmilch  mit  Honig  und  Salz 
gegen  Lähmung  und  Wassersucht,  Vogelhirn  mit  Wein  gegen  Schlangen- 


1)  D.  Weib  in  d.  Natur-  u.  Völkerkunde,  2.  Aufl.,  Leipz.  1887,  I  550.  Vgl. 
Langbein,  Specimen  embryulciae  antiquae  ex  Tertulliani  libro  de  anima  cap.  25, 
Halis  1754. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  305 

biss,  Bibergeil  mit  Wein  gegen  den  Basiliskenbiss  und  Angina.  Wasser : 
gebrauchte  er  in  allen  Formen.  Die  Bestimmung  des  spezifischen 
Gewichtes  mit  der  Wage  verwarf  er  (Athen,  p.  46  C).  Gerste  findet 
sich  in  denselben  Zubereitungen  wie  bei  den  Hippokratikern.  Die 
Abkochung  des  gern  verordneten  Kohls  wird  peinlich  genau  geregelt. 
Endivie  {-/.lywoiov)  soll  bei  Krankheiten  des  Leibes  nützen,  Linsen  bei 
Gallenüberfluss.  Die  vMQv/.r],  eine  lydisclie  Brühe  (p.  516  C;  vgl. 
160  A  f.)  Avar  im  öipaQtvTixbv  beschrieben.  Sonst  begegnen  u.  a.: 
sonchus  albus  =  Ackergänsedistel  (sonchus  arvensis  L.)  gegen  Nieren- 
gries  und  Foetor  oris,  osQig  =  Cichorie  gegen  Krankheiten  des  Leibes, 
Koloquinthe,  Gurke,  Melone  {ninoyv),  Feige,  Brombeere  statt  des 
Andronischen  Pastillus,  Aepfel  in  Wein  als  Umschlag  gegen  Wasser- 
sucht, Pfeifer  als  Augen wasser,  ebenso  Safran  und  Mj'rrhe;  Epheu- 
beeren  in  Rosenöl,  auf  Granatapfelschale  geträufelt  und  ins  Ohr  ge- 
steckt, vertreiben  auf  der  entgegengesetzten  Seite  den  Zahnschmerz; 
Lysimachia  =  lythrum  salicaria  L.  =  Roter  Weiderich  lobte  er  sehr, 
doch  wissen  wir  nicht,  weshalb.  Schlechtes  Wasser  wird  durch  Honig 
verbessert.  Von  Weinen  bevorzugte  er  den  von  Thasos,  Lesbos  und 
Chios,  hauptsächlich  aus  Ariusia.  Wer  von  einer  Schlange  in  den 
Finger  gebissen  worden  ist,  tauche  ihn  in  flüssiges  Pech,  dann  in 
Wein  und  tiinke  diesen.  Endlich  sind  noch  zAvei  Rezepte  zu  er- 
wähnen, deren  Geschichte  ich  zu  ermitteln  gesucht  habe,  ^)  zunächst 
die  ijidyxQriaTog)  {vyqd)  oder  das  vyqo-KoXlovQLov,  dessen  Formel  Celsus, 
Galenos,  Oreibasios,  Aetios,  Paulos,  Theophänes  Nonnos  und  die  spätere 
Zeit  variierte.  Es  wurde  verordnet  gegen  Augenleiden  mannigfacher 
Art,  therapeutisch  und  prophylaktisch,  Nasen-,  Ohren-,  Rachenleiden, 
fressende  Geschwüre  der  Genitalien  [vo/ni]),  schwarze  und  schwer  ver- 
harschende Geschwüre  überhaupt.  Eine  der  Formeln  aus  einem 
Pariser  iatgooöq^iov  (Hausarzneibuch)  lautet: 


Tj  ^EQaOlOTQOXOV  vyQcc. 
yakv.oü  ovyyiag  c 
f-iLovog  dmov 
af.ivQvrjg  Scva  ovyyiag  f 
ygöxov  ovyyiav  S/j. 
eipe  ewg  naxGioai. 

€7tiXQl€. 


Des  Erasistratos  Feuchtmittel.  Rp. 

(Geröstetes)  Kupfer  180  g 

Geröstetes  Misy  90  g 

Myrrhe  •  90  g 

Safran  45  g. 

M.  f.  s.  Honigdicke. 
Zum  Einreiben. 


Das  zweite  Mittel  lautet  in  lateinischer  F'assung  (Bauhini  gynaecia, 
Basil.  1586,  I  59)  ohne  Varianten  wörtlich: 

„Fortius  pessarium  ad  tumorem  et  impetum  vulvae,  quod  Erasistratus 
fecit,  quo  utebatur  regina,  et  laudabatur  magnifice.    Ibid.-) 

Papaver  viride  cum  fructu  suo  sume,  ut  superius  diximus,  tunsum 
in  pila  lignea  et  exprime  sucum  usque  ad  sextarium  I.  deinde  adjicito 
passi  boni  sextarium  I  et  immitte  etiam  vinum,  dein  excoque  ad  tertiam 
et  per  linteum  cola  et  quod  humoris  expresseris  repone:  deinde  tere 
galbani  scrupulos  IL  hoc  diligenter  trito,  adjice  opii  5  L  hoc  iterum 
tere  et  decoctioni  adde  et  iterum  decoque  postque  in  sole  tere,  ubi 
siccando  suci  plurimum  recipiat,  donec  ceroti  fiat  crassitudo.  cum  autem 
uti  volueris,  ex  eo  cum  oleo  rosaceo  distempera  et  pessarium  illine  et 

»)  Hermes  XXIX  171  ff.;  XXXIII  341  ff. 

^)  Ex  Cleopatrae  T  et  II  libro  gynaeciorum.  —  Auf  die  Empfehlung"  „Die  Königia 
(Cleopatra?)  gebrauchte  es"  ist  natürlich  nichts  zu  geben. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  1.  20 


306  Eobert  Fuchs. 

subjice,  quia  omnes  Impetus  tollit  et  cumulat  et  somnium  facit.    Est 
enim  Optimum,  quia  ego  expertus  sum," 

Natürlich  ist  das  ursprüngliche  Pessar  überarbeitet  worden  und 
hat  fremde  Zusätze  aufnehmen  müssen,  namentlich  gegen  den  Schluss 
hin.  0 

Ziehen  wir  die  Summe  aus  dem  über  den  „Nebenbuhler  des  Hippo- 
krates"  Gesagten,  so  zeigt  sich,  dass  das  Hauptverdienst  des  Erasistratos 
weniger  in  der  mustergültigen  individualisierenden  Beobachtung  der 
Krankheit  und  in  der  wuchtigen  und  dabei  einer  gewissen  Eleganz 
nicht  entbehrenden  Darstellungsweise  lag  als  in  der  anatomischen 
Gründlichkeit,  in  der  bis  ins  Kleinste  durchdachten  philosophischen 
Theorie  von  den  Leiden  des  Menschen  und  in  der  trockenen  Klein- 
arbeit der  therapeutischen  Vorschriften.  Die  Bruchstücke  ergeben  nur 
einen  schwachen  ßegrilf  von  seiner  Persönlichkeit,  denn  gerade  das 
Beste,  die  Anatomie,  die  allgemeinen  Schriften  und  die  ^sQaTtevTizd: 
sind  verschollen. 

Als  Schüler  des  Erasistratos  hat  Susemihl-)  mit  lobens- 
werter Zurückhaltung  Nikias  von  Miletos  bezeichnet.  Aber  das 
ovficpoirrjTijg,  das  Dionysios  der  Ephesier  bezeugt  (Theoer.  11  schoL), 
deutet  vielmehr  auf  Unterweisung  durch  denselben  Lehrer,  Metrodöros, 
aber  zu  verschiedener  Zeit.  "^)  Nikias  war  ein  Freund  des  Theokritos 
und  praktizierte,  nachdem  er  auf  Kos  studiert  hatte,  in  Miletos.  Seine 
Bekanntschaft  mit  Theokritos  kann  auf  Sicilien  bei  der  Brautschau 
des  Nikias  oder  auf  Kos  erfolgt  sein,  wo  beide  dem  Dichterbunde  des 
Philetas  295/90  angehörten  (Theoer.  28,  7;  11,  6;  Schol.  zu  11). 
Nikias  hat  nach  Dionysios'  iaxqwv  ävayQacpi]  zu  Ehren  des  Erasistratos 
ein  Epigramm  gedichtet.  *)  Ein  anderer  Nikias  war  Arzt  des  Pyrrhos 
von  Epeiros  (f  272). 

Hingegen  war  in  der  That  ein  Schüler  des  Erasistratos  Straten. 
Dieser  ist  nicht  identisch  mit  dem  peripatetischen  Philosophen  aus 
Lampsäkos,o  cpvoiycög  (Rohde,  Rhein.  Mus.  XXVIII  1873  S.  269). 
Diogenes  erwähnt  8  Gelehrte  dieses  Namens  (V  61);  unter  ihnen  ist 
es  der  dritte,  „ein  Arzt,  Schüler  des  Erasistratos,  wie  aber  einige 
behaupten,  sein  Mündel".  ^)  Er  verallgemeinerte  die  Beschränkung 
des  Aderlasses  bei  Chrysippos  und  Erasistratos  zum  Verbote  (Gal.  XI 
197).  Soranos  enthält  von  ihm  Bemerkungen  über  Uterusprolaps  und 
Verhaltung  der  Nachgeburt.  Er  war  der  einzige  Arzt  vor  Themison, 
der  über  Elephantiasis  {y.ay.oxvfua  bei  ihm)  schrieb  (Orib.  coli,  med, 
XLV  28  =  IV  63).  Erotianos  (52,  10)  hat  eine  Glosse  zu  dem  liippo- 
kratischen  Wort  äf.ißrj  von  ihm  erhalten,  so  dass  er  möglicherweise 
einen  Kommentar  zu  einer  oder  mehreren  Schriften  verfasst  hat.  Der 
Anonymus  jcsql  ioßölcov  xal  örjkr]zr]Quov  cpaQfxdxojv  (Rohde  283)  citiert 


^)  Vgl.  die  weiteren  Belegstellen  Aet.  p.  35;  45;  139;  179;  Theod.  Prise,  ed. 
Rose  S.  365. 

^)  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit  I  323;  329  vgl.  mit  Bursians 
Jahresber.  LXXIX  1894  S.  291  f.  A.  74. 

'•')  Analoga  hierzu  bei  Euseb.  praepar.  evang.  XIV  5,  11  bezüglich  des  Arkesilaos 
und  Zenon;  Cic.  acad.  I  1,  3  vgl.  mit  Krische,  lieber  Ciceros  Academica,  Götting. 
Stud.  1845  S.  172  A.  1.    Diese  Stellen  verdanke  ich  Herrn  Otto  Piasberg. 

*)  Susemihl  a.  a.  0.  782;  800  A.  129;  Analecta  Alexandrina,  Greifsw.  1885 
S.  VIII;  Helm,  Hermes  XXIX  1894  S.  161  ff.;  Legrand,  Etüde  sur  Theocrite, 
Paris  1898  S.  41  if. 

5)  Wellmann,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1892  S.  675. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  307 

noch  eine  andere  Glosse  unbekannten  Ursprungs.  Ueber  den  späteren 
Straton,  der  über  Epilepsie  schrieb  und  vielleicht  dei-selbe  ist  wie  der 
von  Berytos,  findet  man  die  Litteratur  bei  Susemihl  I  816.  Zu 
eliminieren  ist  der  sog.  Erasistrateer  Xenöphon  (s.  oben  S.  277)^ 
Als  Leibarzt  des  Antiöchos  III.,  des  Grossen,  der  von  224 — 187  v.  Chr.* 
regierte,  zeichnete  sich  Apollophänes  von  Seleukeia  aus  (Polyb.  V 
56 ;  58).  Er  wies  darauf  hin,  dass  nach  Erasistratos  alle  an  Kardialgie 
Erkrankten  fieberten,  weil  eine  Herzgeschwulst  die  Ursache  des  Leidens 
sei  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  33  p.  150).  Dass  er  0^r]Qiaxd  =  .,Ueber 
giftige  Tiere"  geschrieben  hat,  folgt  aus  Nikandros  (ther,  491  schol.; 
Plin.  22,  59).  Gegen  Lungenentzündung  verwendete  er  eine  Wachs- 
paste (Cael.  ib.  II  29  p.  142).  Dieses  Malagma,  Ttolvdqxiov  =  „viel- 
herrschend" benannt,  wurde  von  dem  tarentinischen  Herakleides  ge- 
lobt (ib.  II  24  p.  134).  Seine  Bereitung  wird  bei  Cels.  V  18,  6  und 
Gal.  XIII  220;  979  angegeben  (vgl.  Orib.  V  122;  866;  Alex.  Trall.  I  387 
Puschmann).  Gegen  Risse  (gaydöeg)  und  Kondylome  verordnete  er 
Pastillen  (Gal.  Xin  831).  —  Der  Praxagoreer  Xenöphon  von  Kos 
war  mutmasslich  ein  Ahne  des  C.  Stertinius  Xenöphon  aus  Kos, 
des  Hofarztes  und  Mörders  des  Kaisers  Claudius.  Dieser  Xenöphon 
hatte  die  Oberleitung  der  Insel  Kos,  der  er  viel  Gutes  ermes.  Sein 
Kopf  findet  sich  auf  Münzen.^)  Ptolemaios,  um  150  n.  Chr.  in 
Alexandreia  wirkend,  machte  sich  um  die  Optik  verdient.-)  Von 
Chrysippos  wissen  wir  bloss  den  Namen  (Diog.  Laert.  7, 186),  ebenso 
von  Apemantos.  Charidemos  (bei  Cael.  Aur.  III  15  p.  227  Cari- 
demus)  lebte  höchstwahrscheinlich  in  Smyrna  als  Glied  der  dortigen 
erasistrateischen  Schule.  Denn  eine  smyrnäische  Inschrift'^)  lobt  den 
litterarischen  Eifer  eines  „Hermogenes,  Sohnes  des  Charidemos",  und 
andererseits  nennt  Galenos  (XI  432)  einen  Hermogenes  als  eifrigen  An- 
hänger des  Erasistratos.  Weil  Artemidoros  von  Side  leugnete,  dass 
die  Hydrophobie  eine  Krankheit  sei,  Charidemos  aber  im  Gegensatze 
zu  ihm  den  Charakter  als  Krankheit  in  besonderen  Phallen  (..specialiter" 
bei  Cael.)  anerkannte  und  Plutarchos  (quaest.  conviv.  VIII  9,  1)  be- 
richtet, dass  die  Hydrophobie  zur  Zeit  des  Asklepiades  heftig  auf- 
getreten sei,  so  kommt  Wellmann  auf  den  Ausgang  des  1.  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  Ein  Arzt  Hermogenes  schrieb  über  den  Homeros. 
Lukillios  singt  in  der  Anthologie : 

„Träumend  erblickte  den  Arzt  Hermogenes  einst  Diophantus. 
„Nimmer  erwacht  er,  und  doch  trug  er  ein  Scbutzamulet.  *) 

Derselbe  Hermogenes  wird  verspottet,  weil  er  neben  Deukalions 
Flut,  Phaethons  Weltbrand  und  Potämons  Versen  das  vierte  Welt- 
übel sei.  ^)  Nikarchos*)  scherzt,  dass  Hermogenes,  dem  der  Stern- 
deuter Diophantos  nur  noch  9  Monate  Lebenszeit  zugesteht,  diesen 


^)  Dubois,  Bulletin  de  corresp.  hellenique  V  468 ff.;  Brian,  Revue  archeol. 
XLIII 1882,  203  ff. ;  Mommsen,  Rom.  Gesch.  V  333;  Prosopographia  imperii  Romani 
III  273  Nr.  666;  Dittenberger,  Sylloge,  2.  Aufl.  Nr.  368;  Herzog,  Koische 
Forschungen  u.  Funde,, Leipzig  1899  S.  189 ff.  Eine  herrliche  Büste  bei  Visconti,. 
Iconographie  grecque,  Ä  Paris  1808,  I  155  ff. ;  Taf.  33. 

")  Näheres  bei  Hirschberg,  Gesch.  d.  Augenheilk.,  2.  Aufl.,  Leipz.  1899, 
155  ff. 

^)  Bei  Kaibel,  Epigrammata  graeca  ex  lapidibus  cbnlecta,  Berol.  1878  Nr.  305;. 
Wellmann,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  PhUol.  CXLV  1892  S.  676  f. 

*)  Vgl.  Bösel,  Anthol.  lyrischer  u.  epigramm.  Dichtg.  der  alt.  Griech.,  Leipz. 
0.  J.,  S.  189  f. 

20* 


308  Eobert  Fuchs, 

bloss  anrührt  und  Diophantos  nicht  mehr  ist.  Artemidöros*)  von 
Side  (Pamphylien)  lebte  vor  Asklepiades,  denn  in  seiner  Schrift  „de 
hydrophobia"  fand  sich  der  Satz,  dass  diese  Krankheit  vom  Magen 
herrühre,  und  diese  These  übernahm  der  Asklepiadeer  Marcus  Artorius, 
des  Augustus  Freund  und  Arzt  (Cael  Aur.  ac.  m.  III  14  f.  p.  224 ;  227). 
Er  erklärte  die  „Kardialgie  für  eine  neben  dem  Herzen  entstehende 
Geschwulst"  (II  31  p.  146).  Ueber  den  Grammatiker  Artemidoros, 
der  ein  culinarisches  Wörterbuch,  öipaQTvu^ial  ylaaoai,  schrieb,  und 
über  Artemidoros  aus  Perge  in  Pamphylien,  Freund  des  Verres,  stellt 
Well  mann-)  alles  Nähere  zusammen.  Athenion  erklärte  die 
Frauenleiden  für  besondere  Krankheiten  (Sor.  II  praef.).  Celsus  hat 
die  Formel  für  eine  Pille  (catapotium)  gegen  Husten  von  ihm  erhalten 
(V  25,  9).  Wellmann  vermutet,  dass  er  der  Erasistrateerschule  in. 
Smyrna  angehört  und  sonach  in  der  zweiten  Hälfte  des  1.  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  gelebt  habe  (bei  Pauly-Wissowa).  Apollo nios  von 
Memphis,  =^)  Schüler  des  Straton  (Gal.  VIII  759;  XIV  700),  schrieb  ^egl 
aQd^QCJv  =  Ueber  die  Gelenke  (Erot.  52,  17 f.);  ob  das  ein  Kommentar 
zu  der  gleichnamigen  hippokratischen  Schrift  war,  konnte  auch  Klein 
(p.  XXXII)  bloss  als  Vermutung  vorbringen.  Jedenfalls  war  darin 
auch  anatomische  Nomenklatur  enthalten  (Gal.  XIV  699 f.;  XIX  347). 
Vermutlich  schrieb  er  auch  diqQiaxd,  über  giftige  Tiere  (XIV  188; 
Nie.  ther.  52  schol.) ;  noch  Aetios  erwähnt  sein  Antidot  gegen  Schlangen- 
gift (II  3,  20;  4,  84).  Nach  Caelius  (ehr.  m.  III  8  p.  469)  unterschied 
er  Hydrops  mit  Urinverhaltung  von  Diabetes  und  erklärte  er  Darm- 
parasiten, namentlich  wenn  sie  tot  ausgeschieden  werden,  für  schlimme 
Anzeichen  (IV  8  p.  537).  Um  die  Pulslehre  hat  er  sich  ebenfalls  ver- 
dient gemacht  (Gal.  VIII  759;  XIX  347).  Ein  Mittel  gegen  Blut- 
ergüsse im  Auge  und  gegen  Brauschen  überliefert  Aetios  VII  22,  sein 
XLayCov  gegen  Hypopyon  entlehnt  aus  Galenos  Aetios  VII  30,  und 
endlich  erwähnt  er  noch  ein  Eezept  gegen  Augenkarbunkel  (32)  und 
das  rcETtuGf^iivnv  •/.oKKvqlov  (gepresstes  Collyrium)  gegen  Augennarben  (41). 
Zu  grösserer  Bedeutung  gelangte  die  bis  dahin  wenig  beachtete  era- 
sistrateische  Schule  aber  erst  um  100  v.  Chr.  (Strab.  XII  580)  durch 
das  Freundespaar  Hikesios*)  von  Smyrna  und  Menodoros. ^) 
Diogenes  von  Laerte  (V  6)  unterscheidet  versehentlich  zwei  Aerzte 
Hikesios.  Letzterer  schöpfte  vieles  aus  Diphilos  von  Siphnos,  der  ca.  300 
V.  Chr.  u.  a.  nagl  rCov  nQOO(p8QO(xiviov  rolg  vooovöl  Y.al  lotg  vyiaivovat 
(Ernährung  Kranker  und  Gesunder)  geschrieben  hatte,  besonders  über 
Fischkost.  Sehr  beachtet  waren  seine  Werke  Ttsgl  vlr^g  (über  die 
Arznei-  und  Nahrungsmittel)  und  „de  conditura  vini",  worin  er  sogar 
römische  W^einsorten  vom  ärztlichen  Standpunkte  aus  beleuchtete. 
Seine  Eezepte  j-ielaiva  (auch  bloss  t)  "Ixtaiov  genannt)  und  Xiri]  er- 
freuten sich  der  Wertschätzung  des  Galenos  (XIII  780;«)  787;  811  ff.). 
Die /t/e'Aafva  schrieb  der  Tarentiner  Herakleides  um  (811  fif.).    Athenaios 

1)  Kohde,  Rhein.  Mus.  XVIII  270. 

^)  Bei  Pauly-Wissowa,  Eeal-Encyclop.  der  class.  Altertumswissenschaft, 
Stuttg.  1894  ff.  Artemidoros  Pseudaristophaneus  wurde  von  Pamphilos,  dem  Pharma- 
kologen  und  Botaniker  benutzt  (Wellmann,  Hermes  XXIII  1888  S.  179 ff.). 

3)  Vgl.  Diog.  Laert.  7,  7,  10. 

*)  Pu  seh  mann,  Berl.  Stud.  V  1886,  67  A.  3;  Wellmann,  Fleckeisens 
Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1888,  364  ff. ;  1892,  676  f. ;  Hermes  XXV  1900  S.  361  ff. ;  bei 
Susemihl  II  418 f. 

ö)  A.  a.  0.,  S.  370;  Hippocrate  par  Littre  VIII  p.  XXXIII f.;  Athen.  II  p.  59  A. 

ö)  Vgl.  Sor.  ed.  Dietz  p.  145;   245;  Paul.  Aeg.  III  64;  VII  17;  Gal.  XIII  809. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  309 

kennt  ihn  wahrscheinlich  durch  Dorion  (Wellmann,  Hermes  XXIII 
1888  S.  192  A.  2),  Plinius  sicher  durch  Sextius  Niger  (XXIV  1889 
S.  568).  Es  giebt  zahlreiche  Münzen  mit  dem  Bildnis  des  Hikesios. 
Von  Menodoros  kennen  wir  nur  einen  Arzneitrank  aus  Galenos  XIII  64. 
Einer  der  zahlreichen  Schüler  des  Hikesios  hiess  Herakleides  (der 
8.  bei  Diog.  V  64).  Claudius  Philoxenos  (vgl.  Galenos,  Index) 
wirkte  zur  Zeit  des  Augustus  in  Alexandreia.  Er  verfasste  mehrere 
Bücher  über  Chirurgie  (Cels.  VII  praef.),  das  Celsus.  Plinius  und  Leonidas 
ausbeuteten.  Seine  gynäkologische,  nicht  geburtshilfliche  Thätigkeit 
verbürgt  Soranos  (Uterus-  und  Eingeweidecarcinom :  bei  Dietz  p.  136). 
Zahlreiche  Eezepte  erwähnt  Galenos  (XII  683;  XIII  539;  645;  738; 
742;  819;  Paul.  Aeg.  s.  index).  Zwei  Augenmittel  überliefern  Galenos 
(XII  731;  735)  und  Aetios  (VII  79  f.),  das  eine  mit  dem  Namen 
„Trockenmittel  Undank"  *)  gegen  angefressene  Augenwinkel,  krätzige 
Augenleiden  und  Sklerophthalmie,  das  andere  einfach  „Trockenmittel", 
^rjQÖv,  genannt.  Um  die  Anatomie  erwarb  sich  des  Galenos  Zeit- 
genosse Martianos  (XIV  615)  Verdienste.  Mit  ihm  muss  der  ana- 
tomische Schriftsteller  Martialis,  *)  der  bloss  2  Bücher  über  Anatomie 
geschrieben  haben  soll  (XIX  13),  identisch  sein.  Die  Uebereinstimmung 
des  Galenos  mit  ihm  hinsichtlich  der  Bereitung  von  Theriaksalzen, 
sales  theriaci,  versichert  uns  Aetios  (IV  1). 

Die  Erasistrateer,  deren  Schule  noch  im  2.  Jahrhunderte  n.  Chr. 
in  Rom  blühte,  verfielen  nach  Hikesios  in  Missachtung,  weil  sie  die 
Anatomie  vernachlässigten,  die  Physiologie  und  Biologie  den  Natur- 
forschern {fpvaixoi)  überliessen,  die  Lehre  von  der  Plethora,  der 
Tiagif^imiüoig  und  dem  Aderlassverbote  zufolge  ihrer  Streitsucht,  ihres 
Verallgemeinerungsvvahnes  und  ihrer  wunderlichen  Sophisterei  bis  zur 
Absurdität  übertrieben.  Sie  verhöhnten  die  Errungenschaften  aller 
anderen  Sekten,  namentlich  der  hippokratischen  Dogmatiker,  beteten 
den  Gründer  der  Schule  als  unfehlbaren  Meister  und  „Gott"  an  und 
verfielen,  abgesehen  von  der  Plethoralehre,  in  roheste  Empirie  und 
Unwissenheit. 

29.  Die  Empiriker. 

Im  Gegensatze  zu  den  Dogmatikern  bildete  sich  in  Alexandreia 
die  Schule  der  Empiriker  heraus.  Wenn  die  später  zu  einer  streng 
abgeschlossenen  Sekte  gewordene  empirische  Schule  Akron  von 
Akragas^)  als  Gründer  ausgab,  so  hat  das  weiter  nichts  zu  besagen, 
als  dass  auch  Akron,  vor  allem  in  seiner  Diätetik,  der  Erfahrung  die 
ihr  gebührende  Stelle  in  der  Philosophie  und  Heilkunde  eingeräumt 
hat.  Als  wirklicher  Begründer  dieser  neuen  Richtung  ist  vielmehr 
Philinos  von  Kos,  ein  Schüler  des  Herophilos,  anzusehen.  Er  lebte 
um  260  V.  Chr.  und  schrieb  6  Bücher  gegen  den  Herophileer  und 
Hippokrateskommentator  Bakcheios.  ■*)  Dass  er  ausserdem  Hippo- 
krateskommentare  verfasst  habe,  geht  aus  Erotianos  nicht  hervor."^) 
Vielleicht  gehen  auch  die  botanischen  Bemerkungen  über  die  Lilie 


^)  Das  bedeutet:  das  Mittel  wirkt  so  vorzüglich,  dass  dieser  Güte  gegenüber 
jedes  Lob  noch  als  Undank  erscheinen  mnss. 

*)  Im  Texte:  Martialios. 

'j  Gal.  XI  150;  XIV  683;  De  Claudii  Galeni  subfiguratione  empirica  . . .  scrips. 
Bonnet,  Diss.,  Bonnae  1872  S.  35;  Plin.  XXIX  4. 

*)  Erot.  ed.  Klein  p.  31. 

^)  Daremberg,  Archives  des  missions  scientifiques,  Paris  1852,  433. 


310  Kobert  Fuchs. 

und  Schwertlilie  bei  Atlienaios  XV  p.  681  B;  682  A  auf  diese  Streit- 
schrift zurück.  Die  Bemerkung  über  das  Giavf.ißQiov  bei  Plinius  (XX 
247),  der  ihn  in  Buch  XX — XXVII  mit  heranzieht,  kann  hingegen 
seinen  ^7]Qiay.(x  =  „Ueber  giftige  Tiere"  angehört  haben,  gleich  den 
anderen  Rezepten  (Gal.  XIII  113;  842).  Ein  solches  Werk  hat  er 
nämlich  nach  dem  Anonymus  ^cegl  ioßoltov  y.al  drjli^rjQicov  cpaQi^idKiüv 
verfasst  (Rolide,  Rhein.  Mus.  XXVIII  273  ff.).  Da  auch  im  cod.  graec. 
Marc.  295  fol.  474  b  0dlvog  ö  &rjQiay.bg  mit  einem  Rezepte  genannt 
wird,  gewinnt  Knaacks  Korrektur  bei  Servius  ^)  eine  haltbare  Stütze. 
Dagegen  hatte  Knaack  Recht,  die  Identifizierung  des  Philinos  mit 
dem  Lieblinge  des  Aratos  aus  chronologischen  Gründen  zurückzuweisen 
(Hermes  XXIX  1894  S.  474  f.).  Neben  ihm  wird  als  Vater  der  em- 
pirischen Schule  der  ältere  Serapion  von  Alexandreia,  sein  Nach- 
folger (Gal.  XIV  683;  Gels,  praef),  genannt.  Im  cod.  Crameri  der 
Canönes  ist  sein  Name  als  laQaTzlag  verzeichnet,  im  Canon  Lauren- 
tianus  als  Sepion.  Seine  Blüte  wird  um  220  v.  Chr.  anzusetzen  sein. 
Er  stützte  sich  nach  Gal.  XIII  343,  wo  es  sich  um  ein  Malagma 
handelt,  auf  Andreas.  Seine  Schriften  waren :  eine  Verteidigungsschrift 
TtQog  TCft;  aiQeaeig,  ad  sectas,  in  wenigstens  2  Büchern  (Cael.  Aur.  ac.  m. 
II  6  p.  84),  deren  auf  den  Lethargus  bezüglichen  Teil  Caelius  scharf 
tadelt;  wenigstens  3  Bücher  d^eQaTcevTiY.d  =  de  curationibus  (III  17 
p.  246).  Die  Behandlung  der  Angina  durch  Klystier  u.  a.  schildert 
Caelius  (III  4  p.  195).  Die  an  Starrkrampf  Erkrankten  kurierte  er  so 
wie  Phrenitische  (III  8  p.  212).  Auch  die  Heilung  der  Cholera  legte 
er  schriftlich  nieder  (III  21  p.  263).  Zusammen  mit  Erasistratos  wird 
er  abgefertigt  (III  17  p.  246)  wegen  seiner  Behandlung  des  Ileus 
durch  ein  Mittel  aus  Bleischabseln,  Seidelbastbeeren,  Salz,  Eselsgurken- 
saft, Harz,  Bibergeil  und  diagridion  (=  Purgierwindensaft).  Bei 
Epilepsie  (m.  ehr.  I  4  p.  322)  salbte  er  den  Hals  mit  Essig  und  Rosenöl, 
den  übrigen  Körper  mit  Gel  und  verordnete  er  Leibesübungen,  Essighonig, 
Ruhe  mit  Fasten,  Spaziergänge,  wieder  Ruhe,  nochmals  Spaziergänge, 
Bäder  u.  ä.  Auf  seiner  Therapie  fusste  der  Tarentiner  Herakleides 
(Wellmann,  Hermes  XXIII  1888  S.  559).  In  der  Geringschätzung 
des  Hippokrates  war  er  dem  Thessalos  ein  würdiges  Vorbild  (B  o  n  n  e  t 
1.  1.  65  ==  c.  11).  Die  (.irjUvr]  des  Serapion,  die  Soranos  (ed.  Dietz 
p.  145;  289)  erwähnt,  ist  ein  Malagma.  Von  Rezepten  findet  man 
Reste  bei  Galenos  (XIII  509;  885;  XIV  450),  Celsus  (V  28,  17  gegen 
Impetigo:  nitri  p.  II,  sulfuris  p.  IV;  excipiebat  resina  copiosa  eoque 
utebatur)  und  Caelius  (p.  322).  Nach  der  letztgenannten  Stelle  ver- 
schmähte er  auch  Kamelhirn,  Robbenlab,  Hasenherz,  Schildkrötenblut, 
Eberhoden  und  ähnliche  Wundermittel  nicht.  Einige  wenige  ophthal- 
mologische Bruchstücke  sind  von  ihm  erhalten.'^)  Die  Sterilität  des 
Weibes  führte  er  auf  eine  schlechte  Temperierung  des  Uterus  zurück,^) 
Der  Uterus,  dessen  tierischen  Charakter  er  im  Gegensatze  zu  Piaton 
leugnete,  wandert  nach  seiner  Darstellung  im  Körper  herum.") 
Glaukias  von  Taras  suchte  etwa  50  Jahre  später  in  seinem,  einen 
starken  Band  bildenden  alphabetischen  Wörterbuche  und  in  seinen 
Kommentaren   zu    allen    hippokratischen  Schriften  (Erot.  ed.  Klein 


^)  ad  Vergil.  Georg.  II  215:  „Solinus  (Knaack:  Philinus)  et  Nicander  qui  de 
his  rebus  (d.  i.  tzsqI  d-r]Qiax(Jjv)  scripserunt".     S.  Hermes  XVIII  1883  S.  33. 

^)  Pergens,  Annales  d'oculistique  XXIII  1900,  Juni. 

^)  Kleinwächter,  Rolilfs'  Deutsch.  Archiv  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr. 
VI  1883  S.  53:  266. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  !311 

p.  XXIX f.;  ind.;  Gal  XVI  196)  die  empirische  Lehre  mit  der  dogma- 
tischen in  Beziehung  zu  setzen.  Galenos  citiert  von  ihm  einen 
Kommentar  zu  de  humor.  (XVI  1;  196;  324)  und  epid.  II;  VI  (XVII, 
I  793 f.;  XVII,  II  94).  Er  nahm  bei  de  hum.  einen  unbekannten 
Hippokrates  als  Verfasser  an.  Für  Epidesmologie  hat  er  auch  etwas 
geleistet  (XVIII,  I  790;  797).  Nach  Athenaios  (II  p.  69  F  f.)  bevor- 
zugte er  gekochten  Gartensalat  vor  allen  anderen  Gemüsen.  Rezepte 
führen  an  Galenos  XIII  835;  Plin.  s.  Index  und  Quellenverzeichnis 
zu  XX — XXVII.  Schönemann  ^)  setzt  den  Glaukidas  (Athen.  III  p.  81 
AD)  dem  Glaukias  gleich.  Er  hat  gewiss  auch  ein  pharmakologisches 
Werk  geschrieben;  denn  über  die  Karde  schrieben  Chaireas  und  er 
„sehr  genau"  (Plin.  20,  263).  Darauf  führen  auch  die  übrigen  Plinius- 
stellen  hin.  Sein  Andenken  ist  sehr  bald  verblasst.  Von  dem  älteren 
Zeuxis,  der  von  dem  gleichnamigen  Herophileer  verschieden  ist, 
wissen  wir  nur,  dass  er  alle  hippokratischen  Schriften  erklärte  (Erot.; 
Gal.  XVI  1;  196;  XVII,  II  145;  165;  221;  339). 

Herakleides  von  Taras,  dessen  Gestalt  der  berühmte  Vindo- 
bonensis  des  Dioskurides  erhalten  hat,'-)  haben  wir  bereits  als  Kom- 
mentator des  ganzen  hippokratischen  Corpus  kennen  gelernt  (Gal.  XVI 
1;  XVIII,  II  631).  Seine  Lebenszeit  berechnet  Wellmann^)  auf  den 
Anfang  des  1.  Jahrhunderts  v.  Chr.  Varro  verspottete  ihn  in  seiner 
Satire  quinquatrus,  „einer  kynischen  Antwort . . .  auf  den  medicinischen 
Dialog  des  .  .  .  Herakleides",'')  nämlich  auf  das  av(.i7t6aLov  =  Gast- 
mahl. In  dieser  Schrift  waren  Speisen  und  Getränke  auf  ihre  Zu- 
träglichkeit hin  besprochen,  überhaupt  eine  Diätetik  niedergelegt,  aber 
schwerlich  in  Dialogform.  Athenaios  hatte  darin  eine  treffliche  Vorlage 
für  seine  öentvooocpiotaL.  Herakleides  verarbeitete  in  gewissenhaftester 
Weise  (Cael.  Aur.  ac.  m.  I  17  p.  64;  Gal.  XII  989;  XVIII.  I  735) 
seine  Vorgänger,  so  Hippokrates,  Diokles,  Philotimos,  Andron,  De- 
metrios  von  Apameia,  Serapion,  seinen  Lehrer  Mantias  (Gal.  XIII  462 ; 
502  u.  ö.),  den  lologen  Apollodöros  und  natürlich  Herophilos  selbst, 
von  dessen  Lehre  er  später  abfiel.  In  einer  gegen  Bakcheios  ge- 
richteten glossographischen  Erklärungsschrift  des  Hippokrates  in 
3  Büchern  berief  er  sich  auf  den  sonst  unbekannten  kölschen  Gram- 
matiker Xenokritos.  Betitelt  waren  die  3  Bücher  ngog  Baxxelov  nsgl 
%wv  'iTiTtoxQdtovg  li^eiov.  Gegen  dieses  Werk  schrieb  Apollonios  von 
Kition  18  Bücher  (Erot.  ed.  Klein  p.  32,  1).  Die  herophileische  Lehre 
vom  Pulse  bekämpfte  er;  Galenos  VIII  726  giebt  nicht  den  Titel  an, 
der  vermutlich  bloss  TtsQl  acpvyjuwv  lautete,  sondern  umschreibt  ihn. 
Therapeutischen  Inhalts  waren:  töv  avtbg  und  tw»'  Ixzbg  -d-egaTrevriycd, 
die  innere  Medizin  und  die  Chirurgie  umfassend,  je  4  Bücher  wenigstens 
(Cael.  Aur.  ac.  m.  III  17  p.  236;  Gal.  XVIII,  I  735).  In  dem  letzt- 
genannten Werke  behandelte  er  auch  die  berühmte  Streitfrage,  ob 
ein  luxierter  Femur  dauernd  reponiert  werden  könne.    Eine  Schrift 


^)  De  lexicographis  antiquis  qni  rerum  ordinem  secuti  sunt  quaestiones  praecur- 
soriae,  Diss.,  Hannoverae  1886  p.  97. 

*)  Montfaucon,  Palaeographia  antiqua,  Paris.  1708  S.  199;  Visconti,  Icono- 
graphie  grecque,  A  Paris  1808,  I  403  ff. ;  411  f. ;  Taf.  34.  Zu  Herakleides  überhaupt 
vgl.  Well  mann  bei  Susemihl,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  der  Alexandrinerzeit  II 
419  ff.;  Hermes  XXIII  1888,  556  ff.,  berichtigt  durch  Wellmann,  Hermes  XXXV 
1900  S.  349  ff.;  862  ff.;  Gar.  GottL  Kühn,  opusc.  II  150  ff.;  Zell  er,  Phüos.  d. 
Griech.  III 3  2  S.  3  A.  2. 

*)  Hirzel,  Der  Dialog,  Leipz.  1895,  I  362;  449  mit  Anm.  2. 


312  Robert  Fuchs. 

GTQarccjTrjg  =  „Soldat"  hat  die  Kriegschirurgie  und  Kriegsarzneimittel- 
lehre umfasst  (Gal.  XIII  725).  Nr/.6laog  war  der  Titel  einer  thera- 
peutischen Abhandlung  (Cael.ac.m.  I  17  p.65).  Der  „liber  regularis"  bei 
Caelius(ac.m.  11121p.  264)  =  öiaiTr]rLmg,  mindestens  2  Bücher  stark,  ist 
wahrscheinlich  mit  dem  ovfiTtöaiov  identisch.  Die  S^rjQiazä  oder  nsQt 
■dTjQiiov  (Gal.  XIV  7;  186)  :^  „Schädliche  Tiere"  beruhten  auf  dem  lologen 
Apollodöros.  Vielleicht  hat  er  auch  öipagruTixcc  (=  Kochbuch)  ge- 
schrieben ;  Athen.  XII  p.  516  C  erwähnt  wenigstens  zwei  solche  Schriftsteller 
des  Namens  Herakleides.  In  nsQi  OKevaaiag  xal  öozifiaalas  cpaQua^iov 
=  „Ueber  Bereitung  und  Prüfung  der  Arzneimittel"  legte  er  den 
Grund  zu  einer  wissenschaftlichen  Pharmakologie  und  Kosmetik  (Gal. 
XII  445).  Dieses  Werk ,  das  Plinius ')  citiert  und  benutzt,  tadelt 
Dioskurides  ebenso  wie  das  des  lölas  von  Bithynien,  weil  die  Pflanzen 
gar  nicht,  die  Aromata  und  Metalle  nicht  vollständig  berücksichtigt 
waren.  Auf  Apollonios  und  Demetrios  gründeten  sich  auch  die  gleich- 
artigen Werke  Ttghg  'JoTvdd^Kxvra  (Gal.  XIII  717;  722;  XIV  181)  und 
TtQog  'JvTioxLda,  gegen  eine  empirische  Aerztin  gerichtet  (XIII  726; 
811  u.  ö.).  Allgemeinen  Inhalts  war  tteoI  xfig  t/urteigiKf^g  aiQioeojg  = 
Die  empirische  Sekte,  7  Bücher  (Gal.  XIX  38).  Näheres  über  seine 
Lehre  ist  unbekannt.  Wenn  W  e  1 1  m  a  n  n  -)  anatomisch-pathologische 
Untersuchungen  bei  Caelius  (ac.  m.  III  17  p.  236)  anzutreffen  meinte, 
so  hat  er  die  Stelle  missverstanden ;  denn  es  handelt  sich  da  lediglich 
um  einen  pathologischen  Befund  am  lebenden  Ileuskranken ,  bei  dem 
die  Eingeweidewindungen  durch  die  gedehnte,  dünne  Bauchdecke 
durchscheinen.  Bedeutung  kommt,  soweit  die  spärlichen  Bruchstücke 
Aufschluss  geben,  vor  allem  zu:  den  Rezeptformeln  (Gal.  XII f.  und 
sonst),  soweit  sie  nicht  Wundermittel  einschliessen ;  den  Bemerkungen 
über  den  Mohnsaft  (Opium),  der  Behandlung  der  Phrenitis  (1.  ent- 
zündliche, 2.  gastrische,  3.  vom  Gehirne  verursachte),  des  Ileus  und 
der  Synanche,  der  allgemeinen  und  augenärztlichen  Chirurgie  (Anky- 
loblepharon).  Caelius  Aurelianus  (d.  i.  Soranos),  der  alle  Empiriker 
ausser  Herakleides  mit  Verachtung  übergeht,  berichtet  von  ihm,  er 
habe  vor  dem  Zahnziehen  gewarnt,  weil  es  leicht  tötlich  ablaufe  (m. 
ehr.  II  4  p.  375).  Noch  Aetios  (II  2,  84)  schätzt  den  Herakleides,  denn 
er  giebt  an,  wie  dieser  wildwucherndes  Geschwürfleisch  der  Ohren  zu 
heilen  versuchte.  Die  Aufschrift  einer  Thonbüchse  HPAKAEIOI 
ATKON  hat  Osann  ^)  als  „Auxiov  des  Herakleides",  d.  i.  Bocksdornsalbe 
nicht  ohne  Wahrscheinlichkeit  gedeutet.  •^) 

Um  180/160  V.  Chr.  lebten  Apollonios,  Vater  und  Sohn  (letzterer 
Bißlüg  =  „Bücherwurm"  benannt),  aus  Antiocheia,  die  Zenons  2  Bücher 
über  die  %«(>azTjj(>€g  in  den  hippokratischen  „Epidemien"  als  verfehlt 
nachzuweisen  suchten.  Zenons  Erwiderungsschrift  gegen  den  älteren 
Apollonios  wies  der  jüngere  Apollonios  erst  nach  Zenons  Tode  zurück 
(Gal.  XVII,  I  618).  Die  Stellen  hat  Wellmann  bei  Susemihl  (I  824) 
gesammelt;  dort  ist  auch  die  Litteratur  zu  diesen  und  anderen  Aerzten 
sorgfältig  verzeichnet.    Zopyros  war  in  der  Zeit  um  100/80  v.  Chr. 


1)  Index  zu  XII f.;  XX— XXVII;  XX  35;  193;  XXII  18. 

'')  Bei  Susemihl  II  420. 

")  Philologus  IX  1854  S.  762;  Fleckeiseus  Jahrhb.  f.  class.  Philol.  LXXIII  1856 
S.  710  ff.  enthalten  den  probablen  Vorschlag,  bei  Servius  ad  Vergil.  georg.  II  197 
für  „Hercules"  „Heraclides"  zu  lesen:  „Tarentus  civitas  in  Italia  . . .  uude  Her- 
cules fuit." 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  313 

in  Alexandreia  als  Arzt  thätig.  ^)  Er  schloss  sich  in  der  Lehre  der 
Frakturen  und  Luxationen  eng  an  Hippokrates  an  und  war  überhaupt 
ein  vorzüglicher  Chirurg.  Mithradates  dem  Grossen  (f  63  v.  Chr.) 
übermittelte  er  brieflich  sein  berühmtes  Antitoxicum  „Ambrosia^'  (Gal. 
XIV  150),  das  er  nach  Celsus  V  23,  2  dem  Könige  Ptolemaios,  gewiss 
Auletes,  bereitet  hatte.  Die  Güte  des  Mittels  sollte  Mithradates  an 
Verbrechern  erproben  (Gal.  XIV  150;  Scrib.  Larg.  169  und  später). 
Seine  Antidotenrezepte  wurden  von  ApoUonios  Mys,  Heras,  Andro- 
machos  u.  a.  geprüft  und  bearbeitet  und  von  Galenos  zusammengestellt 
(XIV  115;  150;  205).  Oreibasios,  collect,  medic.  XIV  45;  50;  52;  56; 
58;  61;  64  (=  II  553 — 596)  hat  uns  Zusammenstellungen  folgender 
Mittel  aus  Zopyros  überliefert:  der  Mittel,  welche  aus  Mund,  Nase 
und  Augen  die  Feuchtigkeit  herausziehen  und  welche  aus  Milz,  Leber 
und  Niere  durch  den  Urin  die  Feuchtigkeit  entleeren,  der  Expectorantia, 
Schweissmittel,  der  kaustischen,  septischen,  reinigenden  und  narben- 
bildenden Mittel,  der  Adstringentien  und  der  milch-  und  regeltreibenden 
Mttel,  Einen  Zopyros  aus  Gortyn  erwähnt  Scribonius  Largus  als 
Eezeptverfasser;  er  wird  kurz  vor  oder  zur  Zeit  des  Scribonius  gelebt 
haben.  Schüler  des  älteren  Zopyros  waren  ApoUonios  von  Kit(t)ion  ^) 
und  Poseidonios.  Nach  Strabon  XIV  558,  742  war  ApoUonios  dessen 
Zeitgenosse;  seine  Blüte  fällt  um  60  v.  Chr.  Dass  er  gegen  den 
Tarentiner  Herakleides  in  18  Büchern  ankämpfte,  haben  wir  oben 
gesehen.  Ausserdem  richtete  er  3  Bücher  gegen  den  Hippokrates- 
erklärer  Bakcheios  (Erot.  ed.  Klein  p.  32;  Osann  6  A.  16).  Sein 
Hauptwerk  aber,  das  mit  zahlreichen  bunten  Bildern  geschmückt  ist, 
die  aus  alten  Vorlagen  stammen,  jedoch  mit  byzantinischen  Zuthaten 
ausgestattet  sind,  ist  uns  erhalten  geblieben.  Es  hat  den  Titel  Ttegl 
äQ^QCüv  Ttgayi-iaTsia  (Handbuch  über  die  Gelenke)  und  ist  auf  Befehl  eines 
Königs  Ptolemaios,  wie  die  Vorrede  beweist,  verfasst.  Wahi-schein- 
lich  ist  der  Angeredete  der  Bruder  von  Ptolemaios  Auletes  und  König 
von  Kypros.  l)er  ausgewählte  Stellen  der  hippokratischen  Schrift  be- 
handelnde Kommentar  zerfällt  in  3  Bücher;  seine  Abfassungszeit  be- 
grenzt Schöne  (S.  XXIV)  durch  die  Jahre  81/58  v.  Chr.  ApoUonios 
citiert  nicht  immer  wortgetreu,  sondern  es  kommt  ihm  auf  den  Inhalt 
an;  deshalb  ist  bei  Abweichungen  in  der  Regel  der  hippokratische 
Text  zu  bevorzugen.  '^)  Die  knappen  Erklärungen  bewegen  sich  in 
formelhaften  Wendungen  und  fördern  das  Verständnis  der  Vorlage 
nur  selten.  Sehr  wichtig  aber  sind  die  Abbildungen,  u.  a.  auch  der 
berühmten  Streckbank  (ßäd-gov)  des  Hippokrates.  Die  Herophileer,  so 
z.  B.  Hegetor.  werden  mehrfach  verspottet  (Schöne  S.  23).  Die  Samm- 
lung der  Chirurgen  des  Byzantiners  Niketas,  welche  diese  Schrift  mit 
enthält,  findet  sich  in  ältester  Überlieferung  im  cod.  Laurent.  74,  7; 
Schöne  versetzt  ihn,  mit  gutem  Grunde,  nicht,  wie  es  bisher  geschah, 
in  das  11.  und  12.  Jahrhundert,  sondern  in  das  9.,   spätestens  in  die 


')  Apoll.  Oit.  bei  Cocchi,  chirurgi  Graeci  veteres  p.  171.  Vgl.  Osann,  De  loco 
Kufi  Ephesii  niedici  apud  Oribasiura  servato  sive  de  peste  Libyca  disputatio,  Progr., 
Gissae  iaS3  S.  7;  Schöne,  Apollonius  von  Kitium,  Leipz.  1896  p.  XXIV;  Well- 
mann,  Hermes  XXIII  1888,  556  f. 

-)  Apollonii  Citiensis  etc.  scholia  in  Hippocratem  et  Galenum  ed.  Dietz,  Regi- 
montii  Prussorum  1834,  2  Bb.;  Car.  Gottl.  Kühn,  Apollonii  Citiensis  de  articulis 
reponendis  commentatio  etc.,  Lips.  1837  ff.,  13  Programme;  Schöne  s.  oben;  Well- 
mann,  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1892,  677;  Strecker,  Hermes XXVI  280 f. 

*)  Uthoff,  Quaestiones  Hippocraticae,  Diss.,  Marburgi  1884,  These  VI;  p.  11  f. 


314  Robert  Fuchs. 

1.  Hälfte  des  10.^)  Ausserdem  schrieb  Apollonios  wenigstens  2  Bücher 
über  Epilepsie  (Cael.  Aur.  m.  ehr.  I  4  p.  323). 

Einen  Poseidonios-)  nennt  Galenos  wiederholt.  Sein  Wider- 
spruch gegen  einzelne  Stoiker  (IV  819),  seine  Bekämpfung  des  Chry- 
sippos  (V397),  seine  Aifektlehre  (V377;  416;  429;  515;  cf.  IV  820) 
stimmen  durchaus  zum  Apameier  Poseidonios,  dem  berühmten  stoischen 
Philosophen  (f  50/46  v.  Chr.),  der  wegen  der  Leitung  der  rhodischen 
Philosophenschule  „der  Rhodier"  genannt  wird.  Er  hat  wenigstens 
vorübergehend  in  Alexandreia  gelebt  und  den  ganzen  bekannten  Westen 
Europas  auf  Forschungsreisen  besucht.  Wenn  ihn  Pseudogal.  XIX  227 
als  Schüler  des  Antipatros  bezeichnet,  so  muss  eine  Verwechselung 
mit  Panaitios  vorliegen.  Oreibasios  (collect,  medic.  44,  17  =  III  607  f.) 
berichtet  aus  Rhuphos,  dass  Poseidonios  in  seiner  Schrift  über  die  Pest 
auf  das  ausführlichste  die  Symptome  der  damals  grassierenden  libyschen 
Beulenpest  beschrieben  habe.  Dieselbe  Schrift  zieht  offenbar  Strabon 
(XVII  p.  830)  an,  wo  er  die  Gründe  für  das  Entstehen  der  libyschen 
Pest  nach  Poseidonios  mitteilt.  Auf  ihn  beruft  sich  auch  Apollonios 
von  Kition  im  Vorworte  seines  chirurgischen  Kommentars,  um  zu  er- 
härten, dass  des  Poseidonios  Lehrer  Zopyros  die  Luxationen  nach 
hippokratischer  Vorschrift  behandelte.  Auf  ihn  bezieht  sich  endlich 
das  Scholion  Leidense  zu  Hom.  II.  X  325  über  den  Verschluss  der 
Luftröhre  durch  den  Kehldeckel  beim  Essen;  denn  unmittelbar  vorher 
wird  Praxagoras  genannt.  Man  könnte  nämlich  auch  an  den  unter 
Valens  (364 — 378)  lebenden  Arzt  denken  (s.  unten).  Bei  der  Viel- 
seitigkeit des  Philosophen,  der  über  Physik,  Ethik,  Astronomie,  Meteoro- 
logie, Geographie,  Geschichte,  Naturgeschichte,  Taktik,  Mantik  und 
Philosophie  schrieb,  der  Piatons  Timaios  erläuterte  und  tveqI  Trad-wv 
(Gal.  V  469  if.)  verfasste,  kann  es  durchaus  nicht  wundernehmen,  dass 
er  dem  Kehldeckel  und  der  Pest  seine  Aufmerksamkeit  schenkte. 

AiliosPromötos^)  (Aelius  Promotus)  aus  Alexandreia  hinterliess 
mehrere,  zum  Teil  handschriftlich  erhaltene  Werke  über  Pharma- 
kologie. Das  övva^isQov  findet  sich  in  Venediger,  die  von  Einfältig- 
keiten strotzenden  iaTQr/.a,  cpvaiKcc  ytal  dvzi7iad^r]Tizcc  in  Leydener 
Handschriften.  Das  Buch  TteQi  ioßölcov  y.al  dt]lr]Tr]Qia)v  cpaQf^idxiov, 
Gifte  behandelnd,  ist  in  einem  cod.  Vaticanus  enthalten  und  wird  von 
Rohde  wenigstens  inhaltlich  dem  Archigenes  zugesprochen.  -)  Ailios 
gehört  vermutlich  dem  2.  Jahrhunderte  n.  Chr.  an.  Heras  aus 
Kappadokien  ist  älter  als  Andromächos,  Leibarzt  des  Nero  (Gal.  XII 
989),  er  wird  also  unter  Augustus  oder  Tiberius  sein  Werk  vccgd-vi^  = 
„Arzneikasten"  oder  rövog  dwccfietov  =  „Wirkungen  der  Arzneimittel" 
verfasst  haben  (XIII  416;  812;  Geis.  V  22;  Garg.  Mart.  ed.  Rose  135). 
Aetios  hat  eine  Prüfung  der  Tto/ncpölv^  =  Zinkblume  von  ihm  erhalten. 
Eine  Xevy.i]  did  %ov  'kevy.ov  TteneQScog,  wg  '^rraXog  y.al  ÜQag  =^  Weiss- 
pfeffermittel  nennt  Galenos  (XIII  414 ;  446).  Menodötos  aus  Niko- 
medeia  war  Skeptiker,  Lehrer  des  Herodotos  von  Tarsos,  Gegner  des 


^)  Petrequin  hat  eine  fast  vollendete  Aussfabe,  Text,  Varianten,  Anmerkungen, 
üebersetzung,  hinterlassen  (S.  E.  Jullien  in  dem  postumen  2.  Bande  von  Petrequins 
Chirurgie  d'Hippocrate,  Paris  et  Lyon  1878  S.  III).  Eine  deutsche  Uebersetzung  des 
Apollonios  wäre  eine  verdienstliche  Aufgabe. 

2)  Henschels  Janus  II  1847,  298 ff.;  400;  Osann  a.  a.  0.;  Cocchi  a.  a.  0. 

3)  Rhein.  Mus.  XXVIII  1873  S.  264  ff.;  Kühn,  Additamenta  ad  elenchum  me- 
dicorum  veterum  etc.,  Lipsiae  s.  anno,  I  enthält  aus  dem  8vva/u.s^6v  den  Prolog  und 
Stücke  über  Foetor  oris,  Mund-  und  Zahnübel. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  315 

Asklepiades  und  Verteidiger  der  empirischen  Sekte  (Diog.  Laert.  IX 
115 f.;  Ps.-Gal.  isag.  4;  7),  Zur  Verteidigung  des  Asklepiades  richtete 
Galenos  11  Bücher  gegen  Menodotos  an  Seberos  (=  Severus;  Gal. 
scr,  min.  II  115;  de  subfig.  empir.  14).  Unter  dem  korrupten  Titei 
rahrjvov  TtaQarpQaatoD  zoD  Mr^voöÖTOv  7tQOXQB7tTi/.og  köyog  bttI  rag  tiyyag 
ist  eine  Schrift  des  Galenos  gegen  Menodotos  erhalten,  die  zum  Studium 
der  freien  Künste  und  der  Medizin  auffordert.  Gerade  der  auf  die 
Medizin  gerichtete  Teil  ist  verloren  gegangen. ') 

Auch  Theo  das  (Gal.  X  142)  von  Laodikeia  wird  der  Zeit  um 
100  n.  Chr.  angehören. 

Ob  der  Anatom  Marino s,  auf  dessen  t&v  dvaTo/mxwv  Ttgayiiateia 
(Gal.  II  716)  die  anatomische  Hauptschrift  des  Galenos  im  wesentlichen 
beruht  (XV  135;  Orib.  III  488;  491),  und  dessen  Schüler  KoCvTog  = 
Qnintus,  der  kurz  vor  Galenos  anatomische  und  prognostische  Studien 
trieb,  der  empirischen  Schule  angehörten,  lässt  sich  bei  dem  Mangel 
an  Bruchstücken  nicht  ausmachen.  Des  letzteren  Schüler  Lykos 
(=  Lupus),  der  Sohn  des  Pelops  (Gal.  XVIII,  II  100),  aus  Make- 
donien, schrieb  IBrjyrjTua  xwv  ^I/tTtoxgdtovg  äipogioficbv  vTtof.ivr/iaTa  und 
ein  anatomisches  Lehrbuch  tt.  ftvwv  (Ueber  die  Muskeln),  Da  die 
fleissig  benutzten  älteren  Anatomen  (926 ff.;  II  458 f.;  470;  XIX  22) 
mit  Hohn  und  Spott  von  Lj^kos  überschüttet  worden  waren,  schrieb 
Galenos  neben  einem  Auszuge  aus  der  Schrift  des  Lykos  (XIX  25) 
auch  noch  2  polemische  Bücher  gegen  ihn,  „Ueber  das,  was  Lykos 
auf  dem  Gebiete  der  Anatomie  nicht  weiss"  (22)  und  „Gegen  Lykos 
zum  Beweise,  dass  in  den  Aphorismen  nichts  verfehlt  ist"  (XVII, 
II  414).  Von  diesem  ist  der  Neapolitaner  Lykos,  auch  Empiricus 
(Gal.  X  142  f.)  genannt,  zu  unterscheiden.  Durch  geschickte  Betrach- 
tung einer  Glosse  zu  Hippokrates  erschliesst  Wellmann, -)  dass  er  vor 
100  V.  Chr.  gelebt  habe.  Nur  bleibt  diese  Kombination  dadurch  un- 
gewiss, dass  aus  der  übereinstimmenden  Erklärung  von  äogiitov  = 
Bronchien  nicht  mit  Sicherheit  auf  Entlehnung  geschlossen  werden 
kann,  da  sich  diese  Erklärung  jedem  von  selbst  aufdrängt  und  nicht 
so  viel  verschiedene  Deutungen  des  Wortes  ausgesonnen  werdenTcönnen, 
dass  jeder  Exeget  eine  eigene  zugewiesen  bekommen  könnte.  Sein 
Kommentar  bezog  sich  auf  de  loc.  in  hom.  und  hatte  wenigstens 
2  Bücher  (Erot.  85,  8  ff.).  Die  Fragmente  bei  Oreibasios  betreffen 
Klystiere,  Purganzen,  Kataplasmen.  Plinius  hat  ihn  zu  Buch  XX  bis 
XXVII  herangezogen,  aber  nur  einmal  citiert,  XX  220,  wo  Melde 
gegen  cantharis,  verschiedene  Geschwülste,  Erysipel  und  Fussgicht 
empfohlen  wird.  Die  Litteratur  verzeichnet  Wellmann; ^)  von 
Wilamowitz-Möllendorff,  Göttinger  Progr.,  Sommer  1884. 

Von  den  Schülern  des  Quintus  und  Lehrern  des  Galenos  sind  nur 
die  Namen  bekannt:  Satyros  und  Aischrion  aus  Pergamon,  Pelops 
aus  Smyrna  und  Phekianos  (s.  unter  Galenos),  ausserdem  die  sonst 
unbekannten  K  a  1 1  i  k  1  e  s  und  D  i  o  d  ö  r  o  s  (Gal.  X  142),  Aischrion  ver- 
stand sich  vornehmlich  auf  die  Arzneimittellehre  (Gal.  XII 356  f.).  Gegen 
Tollwut  verabreichte  er  Krebsasche  (1. 1. ;  Orib.  syn.  V  147).  Die  späteren 
Empiriker  neigten  zur  skeptischen  Philosophie  hin,  vor  allem  Menodotos 
(s.  oben),  Agrippa  und  Sextus  Empiricus  {le^rog),  dessen  Blüte- 
zeit um  190—200  n.  Chr.  fällt.  Letzterer  lebte  in  Alexandreia  und  Athen 


')  Clandii  Galeni  protreptici  quae  supersnnt  ed.  Georg.  Kaibel,   Berolini  1894, 
2)  Bei  Susemihl  II  447;  Hermes  XXXV  1900  S.  383 f. 


316  Robert  Fuchs. 

und  lehrte  Philosophie  und  Medizin,  Im  Canon  bei  Gramer  erscheint  er  als 
Serxestas.  Seine  erhaltenen,  teilweise  langweilig-en  Schriften,  ,.Pyr- 
rhoniae  hypotyposes"  und  „adversus  mathematicos",  sind  zwar  für  die 
Philosophie  sehr  wichtig,  aber  für  die  Heilkunde  ohne  jeden  Ertrag. 
Litteratur:  Sexti  E.  opera  ex  rec.  Imm.  Bekkeri,  Berol.  1842;  Maggi, 
Memorie  del  reale  istituto  Lombardo  XII  S.  97ff. ;  Pappenheim,  De 
S.  E.  librorum  numero  et  ordine,  Berol.  1874;  Pyrrhoneische  Grund- 
züge. Aus  d.  Griech.  übers.,  Leipz.  1877 ;  Haas,  Ueber  d.  Schriften  des 
S.  E.,  Freising  1883.  Das  „unguentum  Agrippa"  hat  noch  im  Mittel- 
alter Otho  Creraonensis  zu  Versen  begeistert  (de  electione  et  virib. 
medicamentor.  simplic.  et  compositor.  372  f.).  Es  hilft  angeblich  bei 
Nervenschmerzen,  Tumoren  und  allerhand  Weh  unverzüglich. 

Die  Empiriker  betrachteten  als  einzige  Aufgabe  der  Heilkunde 
den  praktischen  Zweck.  Deshalb  waren  sie  den  theoretischen 
Arbeiten  der  Dogmatiker  abhold,  zumal  sie  obendrein,  den  Skeptikern 
nahe  kommend,  leugneten,  dass  der  Mensch  überhaupt  die  letzten  Ur- 
sachen der  Erscheinungen  zu  erkennen  vermöge.  Daher  verwarfen 
sie  auch  die  Anatomie,  die  für  das  praktische  Bedürfnis  der  Therapie 
ja  nichts  lehre,  und  wollten  sie  den  Naturforschern  zuweisen.  An  die 
Stelle  der  vielen  wichtigen  Hilfsmittel,  deren  sie  sich  "auf  diese  Weise 
willkürlich  beraubten,  setzten  sie  eine  in  ihren  3  Teilen  sorgfältig 
ausgebaute  Methode,  den  sogenannten  empirischen  Dreifuss  des  Glaukias. 
Der  erste  Bestandteil  dieses  Schlüssels  für  alle  medizinischen  Fragen 
ist  die  Ti]Qi]aig,  d.  i.  eigene  Beobachtung  (Gal.  XVI  82),  der  zweite 
die  IqTOQia,  d.  i.  üeberlieferung  anderer  TrjQrjTiKol  oder  /.ivi^^iovivriycoi, 
der  dritte,  von  Serapion  hinzugesetzte,  die  ustdßaaig  ajth  rov  öftoiov^ 
d.  i.  der  Uebergang  von  dem  einen  Aehnlichen  zu  dem  anderen  Aehn- 
lichen,  der  Analogieschluss  (X  782;  Orib.  II  228;  233).  Bei  neuartigen 
pathologischen  Erscheinungen  versagte  ja  die  loiogla,  die  xrjQr^oLQ  setzte 
eben  erst  ein,  und  deshalb  war  die  Vergleichung  ähnlicher  schon  be- 
kannter Vorgänge,  die  sich  auf  1.  den  kranken  Teil,  2.  die  Krank- 
heitserscheinung, 3.  die  Heilmittel  beziehen  musste,  nicht  zu  entbehren. 
Durch  ihre  lediglich  auf  die  Heilung  abzielenden  Bestrebungen  förderten 
die  Empiriker,  deren  erste  Ansätze  in  das  3.  Jahrhundert  v.  Chr.  hin- 
aufreichen und  sich  erst  in  der  unfruchtbaren  Scholastikerzeit  völlig 
verlieren,  die  Semiotik,  die  Symptomatologie,  die  Pharmakologie,  die 
Therapie  allgemein  und  besonders  die  Chirurgie;  hingegen  verdankt 
ihnen  die  Anatomie  gar  keine,  die  Aetiologie  sehr  geringe  Förderung. 
Am  besten  charakterisieren  die  Empiriker  in  ihren  Kernworten  (Cels. 
praef.)  das  Ziel  ihrer  Methode :  „Die  Krankheiten  werden  nicht  durch 
Beredsamkeit,  sondern  durch  Arzneien  geheilt",  „Auch  der  Landwirt 
und  der  Steuermann  bilden  sich  nicht  durch  Disputationen,  sondern 
durch  die  Praxis  aus",  „Es  kommt  nicht  auf  das  an,  was  die  Krank- 
heiten verursacht,  sondern  auf  das,  was  sie  vertreibt"  u.  ä. 

30.   Nikandros.    Sostratos.    Aratos.    Aristogenes.    Lysimachos. 

Antiochos.    Attalos.    Nikomedes.    Mithradates.    Kleopatra.    Krateuas. 

Die  alexandrinischen  Chirurgen. 

1.  Christ,  Gesch.  der  griech.  Litt.  u.  s.  w.,  3.  Aufl.,  München  1898  S.  536  f.  — 
j2.  Eitretn,  De  Ovidio  Nicandri  imitatore.  Philol.  LIX 1900  S.  58  ff".  —  3.  Scholia 
in  Nicandri  Theriaca  ex  rec.  Henrici  Keilii  1856;  Scholia  vetera  in  Nicandri 
Alexipharmaca    e    cod.    Gottingensi   rec.   Abel,    Budapest   1891.    —    4.   Knaackf 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  317 

Arat  und  Nikander,  Hermes  XXIII  1888,  313  f.  —  5.  lAngenherg,  Qiuiestiones 
Nicandreae,  Halis  1865.  —  6.  Plaehn,  De  Nicandro  alüsque  poetis  graecis  ab 
Ovidio  in  Metamorphosibus  conscribendis  adhibitis,  Halis  1882.  —  7.  O.  Schneider, 
Kicandrea,  Lipsiae  1856.  —  8.  Utiffer,  De  Aemilio  Macro  Xicandri  imitatore, 
Friedland  1845,  Progr.  —  9.  1'ari,  Scholia  vetera  in  Nicandri  Alexiphannaca  etc., 
Budapestini  1891.  —  10.  I^olktnann,  De  Nicandri  Colophonii  vita  et  scriptis, 
Halis  1852;  Piniol.  XV  1860,  304  ff.  —  11.  WeUmnnn,  Fleckeisens  Jahrbb.  f. 
class.  Philol.  CXXXVII 1888,  154 ff:  -  12.  Wentzel,  Die  Göttinger  Scholien  zu 
Nikanders  Alexipharmaca,   Göttingen  1892  {Abh.  d.  Gott.  Ges.  d.  Wiss.  XXXVII). 

lieber  das  Leben  des  Nikandros  von  Kolöplion/)  Sohn  des 
Damaios,  berichten  zwei  Abrisse:  1.  Ttegl  yivovg  Nixdvögov  aus  un- 
bekannter älterer  Zeit,  den  Scholien  vorgeschoben;-)  2.  Suidas  s.  v., 
durch  1  dahin  zu  berichtigen,  dass  Nikandros  „unter  dem  jungen 
Attalos,  dem  Letzten,  (nicht)  unter  dem  Galaterbesieger"  lebte. 
Die  Chronisten  machen  ihn  nämlich  zu  einem  Zeitgenossen  des  Theo- 
kritos  und  des  Arätos  oder  des  Ptolemaios  V.  Es  ist  also  Attälos  IIL 
Philometor  (138 — 133  v.  Chr.)  gemeint.  Die  Behauptung,  dass  der 
„Grammatiker,  Dichter  und  Arzt"  (Suid.)  einen  Stoif  meisterhaft  be- 
handelt habe,  von  dem  er  nichts  verstanden  habe,  findet  sich  auch 
bei  Cicero,  der  ihn  dem  Aratos  gleich  stellt  (de  orat.  I  69).  Er  be- 
kleidete das  in  seiner  Familie  erbliche  Priesteramt  des  Apollon  von 
Klaios.  •')  Dass  er  auch  Aitöler  genannt  wird ,  deutet  auf  einen 
längeren  Aufenthalt  in  Aitolien  hin.  Von  Prosawerken  werden  ge- 
nannt: 1.  eine  Glossensammlung  zu  den  Hippokrateern,  2.  die  idoewv 
avvaywyr^  =  Sammlung  von  Heilungen ;  3.  die  TTQoyvioatiKcc,  die  Cicero 
übersetzte  und  auch  sonst  in  seinen  Werken  mehrfach  anzog;  von 
poetischen:  4.  die  geographisch-mythologischen  Werke  KoXotpwviaxd, 
u4hwXi/.d,  Oiißaü/M]  5.  3  Bücher  mgl  xQ^iOTr^gitov  navTouov^)  =  Ueber 
allerlei  Brauchbares  (?).  Ausser  Betracht  können  hier  bleiben:  6.  die 
h€Qoioiutva  oder  Metamorphosen ;  7.  die  untergegangenen  yeiogyixd  == 
„Ueber  den  Landbau''  mit  den  (.isXiooovQyiy.d  =  „Bienenzucht'';  8.  die 
'Ocfur/.d  (Ueber  Schlangen)  und  9.  die  Epigramme.  10.  Die  ^rjQiaxd 
behandeln  in  958  Hexametern  Mittel  gegen  den  Biss  giftiger  Tiere, 
meist  Pflanzenstoflfe,  und  wurden  von  Aemilius  Macer  in  den  Theriaca 
frei  nachgeahmt;  freilich  reichen  die  spärlichen  Trümmer  des  Macer 
nicht  aus,  um  den  Grad  der  Uebereinstimmung  im  einzelnen  zu  er- 
mitteln. Lucanus,  der  auf  ^Nlacer  mit  beruht,  zeigt  einige  Anklänge 
an  Nikandros.*^)  11.  in  seinen  dXe^Kpdgfiay.a  (Mittel  gegen  Gifte)  folgt 
Nikandros,  ebenso  wie  in  den  Theriaca,  dem  lologen  Apollodöros,  dem 
angeblichen  (Plin.  h.  n.  XXIV  167)  Schüler  des  Pseudodemokritos  (um 
300  v.  Chr.).  Apollodöros  schrieb  vor  Erasistratos  ..über  giftige  Tiere'' 
(Athen.  XV  p.  681  D)  und  „über  tötliche  Mittel"  (Nie.  Alex.  594  schol.; 
Schneider  187).  Dass  Macer  nicht  den  Nikandros  selbst,  sondern  die 
auf  letzterem  beruhende  Schrift  des  Sostratos  nsgl  ßlr^Cjv  fj  öaxetCuv 
überarbeitet  habe,  entbehrt  der  Wahrscheinlichkeit.  Die  Bedeutung 
der  medizinischen  Lehrgedichte  erhellt  daraus,  dass  sie,  obwohl  sie 
ausser    von    Caelius    Aurelianus   in   ärztlichen    Werken   nicht  citiert 


*)  So  nennt  er  sich  selbst  ther.  958. 

'■')  Biograph!  Graeci  ed.  West  ermann  p.  60  ff. 

3)  Buresch,  Klaros,  Leipz.  1889  S.  34  ff. 

*)  Suid.  hat  Traprcov  =  aUes;  Unger  (s.  0.  Schneider  p.  20)  will  gar 
ßorayüjv  =  Pflanzen  einsetzen. 

^)  Knaack,  Analecta  Alexandrina,  Eomae  1880,  11;  Fritzsche,  Quaestiones 
Lucaneae,  Gothae  1892,  9  ff. 


318  Kobert  Fuchs. 

werden,  doch  fleissig  gelesen,  nachgeahmt  (Vergilius,  Ovidius),  interpretiert 
und  paraphrasiert  wurden.  Kommentare  schrieben  Diphilos,  Pamphilos, 
Theon,  Plutarchos,  der  Phalereer  Demetrios  (Steph.  Byz.  s.  KoqÖTtrj), 
eine  Paraphrase  Euteknios,  über  den  weiter  nichts  feststeht.  Die 
Kommentatoren  ihrerseits  verarbeiten  Diokles,  Anakreon,  Apollas, 
Mikkion,  Krateuas  u.  a.  (Wellmann  154  if.).  Die  Uebereinstimmungen 
zwischen  dem  Nikandrosscholiasten  und  Dioskurides  von  Anazarba 
beruhen  auf  der  gemeinsamen  Benutzung  des  Sextius  Niger.  Von 
Handschriften  kommen  in  Betracht  ein  Vindob.  saec.  V  und  2 
Paris,  (einer  mit  Illustrationen,  saec.  X;  einer  aus  der  Sammlung 
des  Mynas).  Nikandros  ist  der  Erste,  der  von  der  therapeutischen 
Verwendung  des  Blutegels  spricht.  Der  eben  erwähnte  lologe  Sos- 
trätos  ist  von  dem  Dichter  und  dem  Mythographen  gleichen  Namens 
zu  trennen.  ^)  Da  in  seiner  genannten  Schrift  über  schädliche  Tiere 
der  Tod  der  Kleopätra  erwähnt  wird,  so  war  er  etwa  ein  Zeitgenosse 
von  Macer-)  (f  16  v.  Chr.).  Sonst  begegnet  noch  die  Schrift  Ttegl 
toKov  =  ,.Tiere",  2  oder  4  Bücher  (ApoUon.  Ehod.  I  1265  schol.  vgl. 
m.  Athen.  VII  p.  303  B;  312  E).  Celsus  VII  praef.  rechnet  ihn  unter 
die  tüchtigsten  Chirurgen.  Epidesmologisches  führt  Galenos  an  (XVIII, 
I  823  f.).  Bauchfisteln  erklärte  er  für  unheilbar  (Geis.  VII  4,  3).  Das 
Vorstehen  des  Nabels  führte  er  auf  3  Ursachen  zurück:  auf  Bruch, 
auf  Flüssigkeitsansammlung  und  auf  unschädliche  oder  carcinomatöse 
Fleischwucherung  (14,  1).  Die  Steinoperation  übte  er  aus  (Sor.  ed. 
Dietz  118).  Die  gynäkologischen  Citate  bei  Soranos  betreifen  die 
Dystocie,  die  Verhaltung  der  Nachgeburt  und  den  Nabelbruch  (I  22, 
71;  II  19,  64). 

Arätos,  '^)  Sohn  des  Athenodöros,  aus  Soloi  lebte  etwa  zwischen  315 
und  240  V.  Chr.  in  Ephesos,  Kos,  Athen,  bei  Antigönos  Gonätas  von 
Makedonien,  Antiochos  I.  Soter  von  Syrien  und  dann  wieder  in  Make- 
donien. Dass  Aratos  Arzt  war,  geht  aus  einigen  Andeutungen  in  den 
Vitae  Arati  (Biographi  Graeci  ed.  Westermann  54,  66 f.;  56,  12ff.,- 
60,  23  f.)  hervor.  Diese  Angaben  erhalten  eine  Stütze  durch  sein 
Studium  auf  Kos,  seine  Beziehungen  zu  dem  Arzte  Nikias  und  die 
Bruchstücke  seiner  Werke  selbst.  Aber  wie  in  der  Astronomie,  war 
er  auch  in  der  Heilkunde  mehr  Dilettant  denn  Meister  (59,  34  ff.).  Er 
schrieb  nach  Suidas  (Gal.  XIV  144):  1.  eine  ovvd-eoig  cpaQf.idKwv  = 
Pharmakologie;  2.  S-rjQiay.d  =  „üeber  schädliche  Tiere",  nach  den 
Viten  55,  85;  56,  8;*)  3.  largiKai  öwdiiisis  =•  „Heilkräfte"  in  Versen 
nach  Pollux  II  37  f. ;  4.  iaTQixd  ==  „Aerztliches"  und  nach  Suidas  5.  eine 
avd-QcoTtoyovia  =  Embryologie.  Von  Nr.  4  sind  3  Hexameter  übrig 
geblieben;  sie  betreffen  eigene  Studien  über  abweichende  Schädel- 
bildung. Die  ersten  4  Werke  nach  Knaack  verringern  sich  dadurch,  dass 
allem  Anscheine  nach  Nr,  4  mit  3  gleich  ist.  Ob  man  aber  mit 
Bernhardy  und  Susemihl  auch  noch  Nr.  1=3  und  4  setzen  soll, 
bleibt  deshalb  im  Zweifel,  weil  sich  die  Annahme  mindestens  ebenso 
empfiehlt,  er  habe  in  Nr.  1  über  die  zusammengesetzten  Mittel  (avvd-sTa) 
und  in  Nr.  3  bezw.  4  über  die  Heilkräfte  im  allgemeinen  und  über  die 


^)  Well  mann,  Hermes  XXVII  649. 

^)  Susemihl,  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit  II  445.  Vgl.  Gal. 
XIV  184;  XVIII,  I  823;  Gels.  VII  14;  AeUan.  de  nat.  anim.  6,  51;  9,  26. 

")  Knaack,  Zu  Arats  medic.  Schriften.  Hermes  XXIII  1888  S.  313;  XXIX 
1894  S.  472  ff. 

*)  Vgl.  Maass,  Aratea,  Berol.  1892,  223  ff.;  385  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  319 

einfachen  Mittel  (a/rAö)  gehandelt,  wie  ja  auch  sonst  zwischen  diesen 
Klassen  streng  unterschieden  wird. 

Antigönos  Gonatas,  der  sich  im  Jahre  278  v.  Chr.  die  make- 
donische Königskrone  erstritt,  hatte  Aristogenes  von  Knidos  zum 
Leibarzte,  den  Schüler  des  knidischen  Chrysippos  (Geis.  III  21;  Gal. 
XI 197 ;  252).  Er  kann  schon  aus  chronologischen  Gründen  nicht  der 
Sklave  des  stoischen  Philosophen  Chrysippos  von  Soloi  (*  ca.  280 
V.  Chr.)  gewesen  sein,  wie  Suidas  behauptet.  Er  war  als  Anatom,  z.  B. 
in  der  Schädellehre,  berühmt  (Gal.  1.  1. ;  XV  136,  wo  Wellmann  mit 
Recht  „Antigenes*'  in  „Aristogenes"  verbessert  hat).  Ausserdem  zählt 
Suidas,  der  ihn  für  einen  Thasier  erklärt,  14  Werke  von  ihm  auf:  1  über 
Diät,  1  über  Arzneimittel  (ich  lese  övvduswv),  1  über  den  Biss  giftiger 
Tiere,  1  über  den  Samen,  ferner  über  Hygiene  und  schliesslich  Briefe 
und  ein  „Compendium  natürlicher  Heilmittel  an  (König)  Antigönos" 
(vgl.  Plin.  index  zu  lY,  VII,  XII f.;  IV  67;  VII  193).  In  der  Therapie, 
vor  allem  hinsichtlich  des  Aderlasses,  schloss  er  sich  seinem  Lehrer 
an.    Ein  erweichendes  Mittel  für  Knochen  kennt  Celsus  noch  (V  18,  27). 

Die  Unterstützung,  welche  die  Ptolemaier  den  alexandrinischen 
Aerzten  zu  teil  werden  Hessen,  war  auch  anderwärts  nicht  ohne  Bei- 
spiel. Lysimächos,  einst  Heerführer  des  grossen  Alexandros,  nach 
306  König  von  Thrakien,  erkannte  die  Heilwirkung  der  nach  ihm 
benannten  und  von  Erasistratos  empfohlenen  Pflanze  Lysimachia  (s. 
oben  S.  305;  Plin.  25,  72;  Orib.  II  659).  Der  Arzt  Lysimächos  ist 
natürlich  ein  anderer.  Er  stammte  von  Kos  und  erhielt  wegen  seiner 
Erklärungsschriften  zu  Hippokrates  den  Beinamen  ö  '^iTiTtoy.Qcauog  (Nie. 
alex.  376  schol.).  Er  erklärte  in  einem  Bande  schwerverständliche 
Worte  des  Hippokratescorpus ,  bekämpfte  in  3  Büchern  das  Hippo- 
kratesbuch  des  Herophileers  Kydias  von  Myläsa  und  in  ebenfalls 
3  Büchern  das  des  Epikureers  Demetrios  (Erot.  p.  32,  4 ff.;  79,  15; 
58,  8;  125,  2;  81,  3).  Als  Gewährsmann  für  animalische  Wunder- 
mittel (nicht  pflanzliche,  Wellmann  bei  Susemihl  II  442  A.  154)  steht 
er  im  Verzeichnis  von  Plin.  XXVIII.  Bei  Erot.  p.  79,  15  darf  man 
nicht  „Ischomachos"  mit  Fabricius  durch  „Lysimächos"  ersetzen^  und 
ebensowenig  darf  man  bei  Varro,  de  re  rust.  I  1,  9  unter  den  Geor- 
gikaverfassern  den  Landwirt  Lysimächos  für  den  Arzt  erklären.  Die 
Lebenszeit  des  Arztes  wird  in  das  Ende  des  2.  oder  in  den  Beginn 
des  1.  vorchristlichen  Jahrhunderts  verlegt  werden  dürfen. 

Vom  Könige  von  Syrien  Antiochos  III.,  dem  Grossen  (224—187 
V.  Chr.),  will  Plinius  20,  264  einen  gegen  alle  Gifte  dienenden  Theriak 
überkommen  haben.  Es  ist  aber  vielmehr  Antiochos  VIII.  Epiphänes 
Philometor  (f  96  v.  Chr.)  gemeint.  Eudemos,  jedenfalls  der  Giftmischer 
des  Tiberius,  Arzt  und  Geliebter  der  Livia  (Tac.  ann.  IV  3 ;  Plin.  29,  20), 
Mörder  des  Drusus  im  Jahre  23  n.  Chr.  (a.  a.  0.),  hat  ihn  in  Versen 
aufgezeichnet,  also  jedenfalls  auch  selbst  umgedichtet.  ^)  Des  Plinius 
Formel,  als  Rezept  dargestellt,  würde  lauten: 


^)  Die  &r]Qiaxf]  'AvTtoxov  Toü  0i?MurjTo^os.  Uap'  UvSrjitov  iftfierpcos  di^ayeypa/u/uevr] 
druckte  Bussemaker  ab  (Poetarum  de  re  physica  et  medica  reliquias  colleg.  — , 
Paris  1851).  Die  8  Distichen,  deren  prosaische  Umschreibung  Plinius  wohl  dem 
Varro  entlehnt  hat,  waren  am  Eingange  des  kölschen  Asklepiosterapels  als  steinernes 
Weihgeschenk  angebracht.  Sie  finden  sich  natürlich  auch  bei  Galenos  (XIV  185  f. ; 
201  f.).    Thrämer  bei  Pauly-Wissowa,  Real-Encycl.  der  class.  Altertumswiss.  II  1688. 


320 


Ro 

bert  Fuchs. 

serpylli  denarios  2 

Ep.  Feldthymian 

7,8  g 

opopanacis  d.  2 

Heihvurzsaft  (?) 

7,8  g 

mei  d.  2 

Bärwurz 

7,8  g 

trifolii  d. 

Klee 

3,9  g 

anesi  d.  6. 

Anis 

23,4  g 

foeniculi  seminis  d.  6 

Fenchelsamen 

23,4  g 

ammii  d.  6 

Ammi 

23,4  g 

apii  d.  6 

Eppich  (Sellerie) 

23,4  g 

ervi  farina  d.  12. 

Ervenmehl 

46,8  g 

Haec  tusa  cribrataque  vino  quam  1  Dieses  stosse  man,  siebe  es  durch 
possit  excellenti  digeruntur  in  pa-  j  und  forme  es  mit  Hilfe  möglichst 
stillos,  victoriati  pondere.  Ex  his  j  feinen  Weines  in  Pastillen  von 
singuli  dantur  ex  vini  mixti  cyathis  1  dem  Gewichte  eines  Victoriageld- 
ternis.  I  Stückes.    Hiervon  werden  einzelne 

Stücke  in  3  Kyathen  (0,132  1)  ver- 
schnittenem Weine  gegeben. 

Attalos  III.  Philometor  von  Pergamon  (138 — 133  v.  Chr.),  der 
sein  Reich  den  Römern  vermachte,  grub  und  säete  in  der  letzten  Zeit 
selbst  in  seinen  Gärten  (lustin.  36,  4,  3 f.;  Plut.  Demetr.  20).  Die 
selbsterbauten  giftigen  Kräuter  mischte  er  mit  unschädlichen.  Diese 
Mischung  schickte  er  seinen  Freunden  als  Geschenk.  Ob  er  auch 
über  seine  anderen  Liebhabereien,  Schmieden  und  Wachsbildnerei, 
schrieb,  wie  es  bezüglich  des  Gartenbaues  wahrscheinlich  ist,  wissen 
wir  nicht.  Wohl  aber  sind  uns  folgende  Arzneimittel  von  seiner 
Schriftstellerei  über  Gifte  erhalten  geblieben :  das  Attalum  emplastrum 
ad  vulnera  (Geis.  V  19,  11);  die  Actxfy  fj  öia  tov  IsvxoD  TreTtegecog  nach 
Attalos  und  Heras  (Weisspifeffermittel ;  Gal.  XIII  414).  Gegen  Mund- 
geschwüre riet  er  den  Gebrauch  von  frischem  Thunfischfette  an  (Plin. 
32,  87).  Beim  P>blicken  eines  Skorpions  muss  man,  um  seinen  Stich  zu 
bannen,  das  Wort  „duo"  aussprechen  (28,  24).  „Attalus"  oder  „Attalus 
medicus"  erscheint  im  Index  des  Plinius  zu  Buch  XXVIII;  XXXI; 
XXXIII.    Viele  Werke  hat  er  aber  nicht  hinterlassen  (Gal.  XII  251). 

Nikomedes  IL  (149—91)  oder  IIL  (91—75  v.  Chr.)  von  Bi- 
thynien  fürchtete  sich  gleichfalls  vor  giftmischenden  Höflingen  und 
braute  deshalb  verschiedene  Antidote  als  Schutzmittel  (Gal.  XII  556; 
579;  XIII  929^  XIV  147). 

Mithradätes  VI.  ^)  oder  Mithridates  Eupätor,  König  von  Pontos 
(120 — 63  V.  Chr.),  nahm  täglich  erst  das  von  ihm  entdeckte  Antidot, 
dann  Gift,  um  sich  zu  immunisieren  (Plin.  25,  5if.).  Die  Mittel  hatte 
er  zuvor  an  seinen  Verwandten  und  Unterthanen  mit  Erfolg  erprobt. 
Sogar  chirurgisch  soll  er  seine  Beamten  behandelt  haben  (Plut,  de 
adul.  14).  Asklepiades  (s.  unten)  sandte  ihm,  statt  seinem  Rufe  per- 
sönlich zu  folgen,  seine  Werke.  Nach  der  Niederlage  und  dem  Selbst- 
morde des  Königs,  den.  das  Gift  verweigerte,  aber  das  treue  Schwert 
gewährte,  fand  der  Sieger  Cn.  Pompeius  die  Schränke  mit  Aufzeich- 
nungen über  die  Gifte  und  Proben  vollgepfropft.  Er  Hess  sie  durch 
seinen  Freigelassenen  Pompeius  Lenaeus  ins  Lateinische  übersetzen 
(Plin.;  Gell.  17,  16;  Plut.,  Pomp.  37).  Die  Gegengifte  waren  mit  dem 
Blute  einheimischer  Enten  vermengt,  da  diese  sich  angeblich  von  Gift 


^)  Theod.  Reinach,  Mithridate  Eupator  Roi  de  Pont,  Paris  1890  (übers,  von 
Goetz). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  321 

nähren  und  das  mit  diesem  Blute  gemischte  Medikament  giftzerteilende 
Wirkung  besitzt.  Sogar  vor  schnellwirkenden  Giften  soll  er  so  Schutz 
gefunden  haben.  Sein  berühmtestes  Antidot,  Mithridatium  (Gell.:  Mi- 
thridatios),  das  54  Bestandteile  hatte  und  das  noch  Otho  von  Cremona 
162  ff.  als  ,.Metridatum"  begeistert  besang,  wird  bei  Gal.  XIY  106  tf.; 
164;  Geis.  V  23,  3;  Plin.  29,  24;  Scrib.  Larg.  p.  69  Helmr.;  Marx, 
Herophilus  S.  76  u.  ö.  mitgeteilt.  Es  hatte  sich  im  geheimsten  Fache, 
für  sich  gelegt,  vorgefunden  (Plin.  23,  149).  Die  Nachwelt  hat  die 
Formel  bis  auf  37  Bestandteile  herab  vereinfacht  und  variiert.  Sonst 
kennen  wir  noch  folgende  Arzneimittel:  &r^Qiaxr]  Gal.  XIV  155 ff.; 
fj  «.^avaata  =  „Unsterblichkeit"  l^S,  fj  öia  ay.iyycov  ksyo/^evr]  =  Eidechsen- 
mittel 152;  fj  äQtrjQiaxi]  XIII  23;  f]  ägiouariy.^  52;  f^  Ttavcr/.ua.  54;  das 
Steinmittel  329.  Den  Bernstein  erklärte  er  für  Cedernharz ,  das  an  der 
Küste  der  persischen  Landschaft  Karmania  am  persischen  Golfe  gefunden 
werde  (Plin.  37,  39).  Weil  Mithradates  auch  die  Botanik  durch  seine 
selbstsüchtigen  Studien  indirekt  förderte,  benannte  Krateuas  die  Pflanze 
]\Iithridatia  nach  ihm.  Die  von  dem  Könige  eigenhändig  beschriebene 
Pflanze  scordotis  =  scordion  eignete  ihm  sein  Uebersetzer  Lenaeus 
zu.  Die  eupatoria  aber  kündete  noch  zur  Zeit  des  Verfalls  des 
Kömertums  des  ahnenstolzen  Herrschers  Ruhm  (Plin.  25,  62;  63;  65). 
Die  sog.  „Mithridatis  epistula  ad  Graecorum  regem",  die  ein  fruchtbar 
machendes  Pessar  für  dessen  Schwester  begleitet,  ist  eine  plumpe 
Fälschung  (Electoralis  Bibliothecae  Monacensis  Codd.  gi^aeci  Msc. 
recensiti  .  .  .  ab  Ign.  Hardt,  Monachii  1804 ff.,  IV  207 f.). 

Kleopatra,^)  Königin  von  Aegj'pten  und  Geliebte  des  Marcus 
Antonius  (f  30  v.  Chr.),  wird  unter  den  ärztlichen  Schriftstellerinnen 
ebenfalls  mit  genannt.  Schon  der  Pap.  Ebers  (Taf.  66,  15)  erwähnt 
ein  Toilettemittel  der  Königinmutter  Schesch,  aber  schon  dort  ist  der 
königliche  Name  nur  zur  Anpreisung  des  Mittels  herangezogen,  und 
weder  die  Rezepte,  noch  die  Schriften  können  als  echt  angesehen 
werden.  Das  eine  dieser  Bücher  heisst  yioa/nijtiyiöv  (Schönheitsmittel)  -) 
und  ist  mit  einer  Mass-  und  Gewichtstafel  versehen  (Ps.-Gal.  XIX 
767).  •^)  Die  Rezepte  finden  sich  zerstreut  ^)  bei  Galenos,  Aetios,  Paulos 
von  Aigina,  bei  letzterem  allein  18  Mittel  zum  Locken  und  Färben 
der  Haare  (III  2  p.  55  ed.  Basil.).  Obwohl  die  Rezepte  einen  sorg- 
fältigen Verfasser  erkennen  lassen,  ist  doch  nicht  anzunehmen,  dass 
ein  bekannter  Arzt,  geschweige  der  treffliche  Soranos  "*)  zu  dieser 
widerlichen  Reklame-  und  Putzsucht  herabgestiegen  wäre.  Eine 
plumpe  Fälschung  ist  auch  der  ganze  Briefwechsel  zwischen  Antonius 
bezw.  Kleopatra  und  Soranos.  *)  Das  untergeschobene  gynäkologische 
Werk  yevioia ')  wird  bei  Moschion  verwertet,  stammt  also  sicher  nicht 
aus  der  Zeit  der  Trotula,  wie  Kleinw^ächter  ^)  annimmt. 

')  Porträt  bei  Svoronos,  Journal  d'archeologie  numismatique  1899,  183  ff. 

^)  ycofifia}Tiy.rj  isyvr]  bei  Gramer,  Anecd.  Oxon.  III  164,  14. 

3)  Hui t seh,  3retrol.  I  233. 

*)  Lüring,  Die  ü.  d.  medic.  Kenntnisse  d.  alt.  Aegypter  berichtenden  Papyri 
verglichen  mit  d.  medic.  Schrift,  grieoh.  u.  röm.  Autor.,  Leipz.  1888,  123  ff. 

^)  Tzetzes  Alleg.  ad  Iliad.  prooem.  7  Boissonade  =  Anecd.  Graeca  ed.  Ma- 
tranga  I  1. 

«)  Pabricius,  Biblioth.  Lat.  IT  1  =  5.  Aufl.  I  691.  Vgl.  Usener.  Rhein. 
Mus.  XXVIII  1873,  412  f. 

')  Abgedruckt  in  den  Sammlungen  Gynaecia,  z.  B.  von  Wolphius  1586; 
Spachius  1597. 

^)  Rohlfs'  Deutsch.  Archiv  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  medic.  Geogr.  VI,  Leipz. 
1883  S.  46. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  21 


322  Robert  Fuchs. 

Als  erster  und  bedeutendster  Rhizotom  erwarb  sich  Verdienste 
Krateuas  (Grate vas).^)  Sein  von  Nikandros  sicherlich  im  Original 
herangezogenes  QL^oTO/m-abv  war  ein  illustriertes  Kräuterbuch  und 
umfasste  mindestens  5  Bücher  (Pseudogal.,  de  virtute  centaureae). 
Er  lebte  am  Hofe  des  Mithradätes  VI.  Eupätor  (Plin.  25,  6,  26; 
Haller,  Bibl.  bot.  I  57).  Dioskurides  (de  mat.  med.  praef.)  rühmt 
ihn  und  Andreas,  weil  sie,  wenn  sie  auch  sehr  viele  Wurzeln  und 
Pflanzen  übergingen,  doch  die  Arzneimittel  genauer  beschrieben  als 
die  übrigen  (Plin.  22,  75).  Auch  dem  zweiten  Werke,  einer  allgemeinen 
Arzneimittellehre,  ähnlich  der  dioskurideischen  Materia  medica,  spendet 
Galenos  hohes  Lob,  zeige  es  doch  eine  staunenswerte  Kenntnis  von 
den  Einwirkungen  der  Metalle  auf  den  Körper  (XV  134;  XI  795; 
797;  XIV  7).  Die  von  dem  Botaniker  Luigi  Anguillara  für  Bruch- 
stücke des  Krateuas  erklärten  Pflanzenbeschreibungen  stammen  aus 
dem  überarbeiteten  Dioskurides,  und  auch  die  von  Rosenbaum  ange- 
nommene Wiener  Handschrift  ^laxqoööcpov  Kqaxevov  tov  qlCox6(.iov  Ttegl 
vXrjg  laTQixfjg  existiert  nicht.  Wohl  aber  finden  sich  Fragmente  des 
Krateuas  in  dem  kostbaren  illustrierten  cod.  Vindobonensis  Constanti- 
nopolitanus  des  Dioskurides,  saec.  V.  Sie  beziehen  sich  auf  die 
Arzneiwirkung  der  Pflanzen.  Die  Abbildungen  dieses  Codex  wie  des 
Vindobonensis  Neapolitanus  saec.  VII.  sind  dem  Öriginalwerke  des 
Krateuas  entlehnt.  Krateuas  hängt  ab  von  Diokles  von  Karystos,  und 
von  Krateuas'  reichem  Tische  haben  viele  Nachfolger  Brosamen  ge- 
nossen, so  Dionysios,  Metrodöros,  Sextios  Nigros  und  die  lange  Reihe 
der  Kompilatoren. 

.  Hervorragende  Chirurgen  fehlten  der  alexandrinischen  Epoche 
nicht.  Zu  den  genialsten,  Herophilos  und  Erasistratos  und  Claudius 
Philoxenos,  gesellte  sich  vor  oder  unter  Augustus  (Geis.  VII  praef.) 
Ammonios  von  Alexandreia,  genannt  o  Jid^ordf-ioc,  =  Steinschneider 
(Cels.  VII  26,  3).  Er  fixierte  mit  einem  Haken  den  Stein,  um  sein 
Zurückweichen  zu  verhindern,  führte  dann  einen  vorn  dünnen  und  ge- 
bogenen Eisenstab  ein  und  zertrümmerte  den  Stein  durch  Dagegen- 
schlagen.  Dabei  gab  er  Acht,  dass  weder  das  Eisen  die  Blase  ver- 
letzte, noch  ein  Steinstückchen  zurückfiel.  Von  seiner  reichen  Er- 
fahrung ist  uns  als  armseliger  Ueberrest  nur  ein  Haemostaticum 
erhalten  geblieben  (Paul.  Aegin.  7,  16).  Dass  auch  der  ältere  Try- 
phon,  der  Lehrer  des  Scribonius  Largus  (compos.  175,  71  Helmr.), 
seine  Bildung  Alexandreia  verdanke,  lässt  sich  nicht  beweisen.  Athenaios 
benutzte  (Gal.  XIII  847),  Celsus  pries  den  „Tryphon  pater"  (VII 
praef.).  Er  zeichnete  sich  in  der  Chirurgie  und  Pharmacie  be- 
sonders aus.  Vielleicht  ist  Tryphon  von  Gortyn  sein  Sohn  (Gal. 
XIII  246 ;  253). 

Von  Euelpistos,  dem  Sohne  des  Phleges,  der  von  Scribonius  Largus 
benutzt  wurde,  und  von  Meges=^)  von  Sidon  ist  zu  berichten,  dass  sie 
wahrscheinlich  in  Alexandreia  Chirurgie  studierten  und  kurz  vor  Celsus 


^)  Costomiris,  Revue  des  etudes  grecques  II 1889,  343 if.;  Stadler,  Blatt,  f. 
das  (bayer.)  Gymnasialschulweseu  XXXIY,  München  1898  S.  609 ff.;  Wellmann, 
Festgabe  f.  Franz  Susemihl,  Leipz.  1898;  Krateuas,  Abb.  d.  Kgl.  Ges.  d.  Wiss.  zu 
Göttingen,  Philol.-bist.  Kl.,  N.  F.  Bd.  II  Nr.  1,  Berl.  1897. 

'•')  de  Bockelmann,  De  Megetis  fragmentis,  Diss.,  Gryphiae  1844;  Des- 
cbamps,  Traite  historique  et  dogmatique  de  l'operation  de  la  taille,  2  Bb., 
Paris  1796;  Deshayes,  Contribution  ä  Thistoire  de  la  Taille  et  de  la  Castration, 
Orleans  1882;  Ang.  Mai,  Classici  scriptores  e  Vaticanis  codicibus  V. 


Geschiebte  der  Heilkunde  bei  den  Griecben.  323 

(VII  praef.)  in  Rom  praktizierten.  Celsus  nennt  den  Meges  „erudi- 
tissimus".  Zu  dem  Bruchstücke  bei  Orib.  coli.  med.  44,  24  =  III  635 
bemerkt  der  Scholiast  (III  688, 17 ff.):  „Galenos  behauptet  im  6.  Buche 
der  ^eQOTtevTixri  (d.  i.  Kühn  X  454),  dass  M.  aus  Sidon  stamme. 
Andere  aber  berichten,  er  sei  Schüler  des  Themison  gewesen".  Wir 
können  letzteres  aus  eigenem  Wissen  leider  nicht  versichern.  Seine 
behutsame,  langsame,  durch  einen  einzigen  Schnitt  mit  dem  halbmond- 
förmigen Messer  bewirkte  Steinoperation  (halbmondförmiger  Perineal- 
schnitt)  rühmt  Celsus  (VII  26,  2)  mit  Fug  und  Recht  (vgl.  Buschmann, 
Alexander  von  Tralles  I  270).  Der  Nabelvorfall  erfolgt  1.  durch  den 
Durchbruch  der  Eingeweide,  2.  durch  den  des  Netzes,  3.  durch  Flüssig- 
keit (Gels.  VII  14).  Oreibasios  (a.  a.  0.)  hat  uns  ein  Fragment  von 
6  Seiten  über  die  Fisteloperation  mit  einem  Fistelcollyrium  erhalten. 
Mit  dem  Ankyloblepharon  gab  er  sich  viel  Mühe,  doch  konnte  er 
niemals  erreichen,  dass  das  Lid  nicht  wieder  adhärierte  (VII  7,  6). 
Auch  an  den  Brüsten  der  Frauen  stellte  er  struma  ■-=  „Kropf  fest 
(V  28,  7).  In  alten  Uebersetzungen  des  Oreibasios  hat  Daremberg 
ein  „emplastrum  dia  iteas,  quem  Megas  (ego,  egus  Hss.)  adinvenit 
(inveni,  invenit  Hss.)"  =  „Weidenmittel"  entdeckt  (Orib.  V  854  f ).  Sehr 
starke  Trockenmittel  gebrauchte  er  zur  Beförderung  der  Heilung  bei 
Trepanationswunden. 

31.  Verpflanzung  der  griechischen  Heiiltunde  nach  Rom. 
Asklepiades. 

1.  AJbet't,   Les   Grecs   ä  Eome.    Les   malecins  grecs  ä  Roine,   Paris   1894, 

5.  dOff.  {Büste  von  Rom  s.  S.  51);  Revue  scientifique  LI,  Paris  1893,  Nr.  12.  — 
2.  Asclepiadis  Bithyni  über  /n  quo  conservatio  sanitatis  cxplicatur,  Vindobonac  1748. 

—  3.  ßianchinf,  La  medicina  d'Asclejnade  per  hen  curare  le  malattie  acute, 
Venezia  1769.  —  4.  Bruns,  Quaestiones  Asclepiadeae  de  viiionim  diversis  generihus, 
Parchimü  1884.    —    •>.  liurdach,  Asclepiades  und  John  Brown,  Leipz.  1800.  — 

6.  Choulant,  Der  Rath  des  Asklepiades.  Allg.  medic.  Annalen  1824,  577  ff.  — 
7.'  Ant.  Cocchif  Discorso  primo  sopra  Asclepiade,  Firenze  1758;  London  1762: 
Diso,  secondo.    Antoloyia  Fiorentina  1824  und  bei  Puccinotti,  Storia  di  medicina  II. 

—  8.  Asclepiadis  Bithyni  fragmenta  ed.  Gumpert,  Vimariae  1794.  —  9.  Harless, 
Mediconim  veterum  Asclepiadis  dictorum  lustratio  historica,  Bonnae  1828,  ^rogr.  — 

10.  Raynaud,   De  Asclepiade  Bithyvx)    medico   ac  philosopho,   Parisiis  1862.  — 

11.  Vhconti,  Iconographie  grecque,  A  Paris  1808,  I  153  ff. ;  Tafel  32  {herrliche 
Büste   des  jugendlichen  A.  mit  von   dürftigem   Vollbarte  umrahmtem   Gesichte).  — 

12.  AoxlrjTTiddovg  vyisivn  TraoayyeXfima  ed.    Welz,    Würzbtirg  1841. 

Es  ist  bekannt,  dass  das  durch  Rom  politisch  besiegte  Hellas 
seinerseits  den  Sieger  auf  wissenschaftlichem  Gebiete  überwand,  und 
mit  der  griechischen  Kunst  und  Wissenschaft  hielt  auch  die  ^Eedizin 
ihren  Einzug  in  dem  griechenfeindlichen  Italien.  219  v.  Chr.  kam  als 
erster  griechischer  Arzt  Archagüthos.  der  Sohn  des  Lysanias,  aus  der 
Peloponnesos  nach  Rom.  Da  aber  vielfach  ungebildete  Griechen  um 
des  Geldes  willen  die  Heilkunde  ausübten  und  den  Römern  durch  über- 
triebenes Schneiden  und  Brennen  zur  Last  fielen,  auch  die  markt- 
schreierische Reklame  unangenehm  auffiel,  so  wurden  die  griechischen 
Aerzte,  die  ja  einem  unfreien  Gewerbe  oblagen,  lange  Zeit  mit  Verachtung 
behandelt,  und  erst  dann  gelangte  die  Medizin  zu  einiger  Anerkennung, 
als  die  übrigen  Zweige  griechischen  Wissens  in  Rom  volles  Bürger- 
recht erlangt  hatten. 

Unter  denen,  die  diese  Einbürgerung  der  griechischen  Heilkunde 
in  hervorragender  Weise  förderten,  nimmt   die  erste  Stelle  Askle- 

21* 


324  Robert  Fuchs. 

piades  von  Prusa^)  in  Bithynien,  in  allem  Anhänger,  aber  natürlich 
nicht  Schüler  des  Kleophantos  (s.  oben ;  Geis.  III 14),  ein.  Seine  Geburt 
fällt  vor  die  Ciceros  (*  107  v.  Chr.)  und  wird  gewöhnlich  um  124  an- 
gesetzt, seine  Blüte  mag  in  die  70  er  Jahre  und  in  die  Zeit  des  Cn. 
Pompeius  (Plin.  26,  12)  fallen.  Cicero  hörte  nämlich,  28  Jahre  alt,  in 
Athen  den  Schüler  des  Philon,  Antiöchos  von  Askalon,  den  Alters- 
genossen des  Asklepiades  (Sext.  Empir.  adv.  math.  VI  412).  Den 
Asklepiades,  den  der  greise  L.  Licinius  Luci  filius  Crassus  (f  91  v.  Chr.- 
als  beredtesten  Arzt  und  Freund  rühmt,  natürlich  in  der  Vergangen) 
heit,  da  er  vom  Greisenalter  zurückschaut  (Cic.  de  orat.  I  14,  62),  hält 
Susemihl  für  einen  anderen  Arzt,  der  91  bereits  gestorben  sein 
müsste  („quo  —  usi  sumus").  Indessen  bemerkt  Bruns  (S.  41  ff.) 
treifend,  dass  die  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  dem  hochbetagten 
Crassus  nicht  bedingen,  dass  ^asklepiades  zur  Zeit  des  Cicero  und  Pom- 
peius bereits  tot  gewesen  sei.  Cicero  mischt  ja  in  die  Charakter- 
zeichnung des  Crassus  ohnehin  manches  aus  seinem  eigenen  Gemüts- 
leben und  so  auch,  aus  Artigkeit,  die  Freundschaft  des  Asklepiades, 
dessen  glänzende  Eednergabe  selbst  der  tadelsüchtige  Galenos  schätzt 
(I  94).  -)  Suidas  (von  STtalöevoe  de.  mit  der  anschliessenden  Lücke, 
bis  zum  Schlüsse  des  Artikels)  berichtet,  dass  er  in  Alexandreia  unter 
einem  Ptolemaios  studierte  und  zur  Zeit  des  Pompeiu-s  nach  Eom  kam. 
Aus  niedrigem  Stande  entsprossen  und  blutarm  lehrte  er  zunächst 
Ehetorik  (Plin.  26,  12  ff.) ,  dann  aber  aus  Euhmsucht  und  Habgier 
Medizin.  Da  er  weder  die  Heilkunst,  noch  die  Arzneimittellehre 
kannte,  aber  „viele  Bücher"  (Suid.)  darüber  später  schrieb,  vermutet 
Bruns,  dass  er  vor  dem  Berufswechsel  Studienreisen  unternahm,  u.a. 
nach  Athen,  Parion  und  dem  Hellespont  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  22  p.  131). 
Durch  Schmeichelreden,  Verwerfung  der  herkömmlichen  Quälereien  und 
des  einfältigen  Aberglaubens,  durch  Beschränkung  der  Therapie  auf 
die  fünf  einfachsten  Mittel:  Fasten,  Meiden  von  Wein,  Massage, 
Spaziergänge  und  Schaukeln,  durch  Versprechen  blosser  Weinkuren 
und  blossen  Wassertrinkens  (so  schon  Kleophantos),  durch  Befriedigung 
der  Vorliebe  für  Bäder,  durch  Verleugnung  des  übertriebenen  Pur- 
gierens, Erbrechens,  Schweisstreibens  und  Eöstens  an  der  Sonne,  durch 
Anpreisung  seiner  Behandlung  als  „tuto,  celeriter,  iucunde"  (Cels.  III  4), 
endlich  durch  Wunderthaten,  wie  die  angebliche  Lebendigmachung 
eines  Jünglings,  der  bereits  auf  dem  Scheiterhaufen  (Apul. ;  Plin.  a.  a.  0. ; 
VII  124;  Cels.  II  6)  lag,  wusste  Asklepiades  das  „ganze  Menschen- 
geschlecht" in  Aufregung  zu  versetzen  und  sich  die  Ehren  eines  „vom 
Himmel  Gekommenen"  beizulegen.  Spätere  kundige  Aerzte,  wie  Ga- 
lenos, durchschauten  freilich  seine  erst  später  durch  Klugheit,  offenen 
Blick.  Geschicklichkeit  und  Erfolge  belohnte  marktschreierische  Art 
und  Unverschämtheit  (XI  324).  Sein  den  Umständen  nach  bewiesener 
gesellschaftlicher  Takt  verschaffte  ihm  Zutritt  zu  den  angesehensten 
Männern,  zu  M.  Antonius  und  Q.  Mucius.  Die  Berufung  zu  Mithra- 
dates  lehnte  er  ab ;  dafür  sandte  er  ihm  seine  Werke  (Plin.  VII  124). 
Die  Eichtigkeit   seiner   neuerfundenen  Theorie,   dass   der  Wein   alle 


^)  ,,iiiter  praecipuos  medicorum,  si  iimim  Hippocratem  excipias,  ceteris  priüceps" 
nennt  ihn  Apnleius,  Florida  IV  19.  Pseudogalen.  XIV  683  hat:  'Aay2r]7TidS?]s  [Bi&woi;] 
Kiavos  {=  von  Kios  =  Prusa),  Ss  y.al  U^ovaias  (d.  i.  JJ^ovacsve)  ey.aXslro;  vgl. 
Strab.  XII  p.  566. 

^)  Celsüs  (IV  4,  3)  nennt  Asklepiades  „auctor  bonus",  dem  er  in  vielen  Dingen 
folge.    Plinius  bezeichnet  ihn  als  ,  medendi  arte  darum"  (25,  6). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  325 

Krankheiten  heile,  soll  er  dadurch  glänzend  bestätigt  haben,  dass  er 
niemals  erkrankte  und  durch  Sturz  von  einer  Leiter  ums  Leben  kam 
(Plin.  a.  a.  0.)- 

Er  hinterliess  mindestens  20  Schriften.  Allgemeinen  Inhalts  waren 
die  libri  definitionum  =  de  finibus,  neQi  otoixsUov  =^  „Die  Elemente" ; 
physiologischen  Inhalts  das  ^sqI  uvaTivofig  -aoX  tüv  acpvyuCuv  ßißUov 
(„Atmung  und  Puls"),  das  auch  Herophilos  berücksichtigt  haben  muss, 
und  de  anima,  wenn  er  ein  solches  Buch  verfasst  hat;  pathologischen 
Inhalts  de  celeribus  sive  acutis  passionibus  III, ')  de  periodicis  febri- 
bus,  de  lue,  de  hydrope,  de  raorbo  cardiaco,  de  phrenitide  III,  nsgl 
&lco7iey,iag  und  negl  dixibgiov,  möglicherweise  Teile  der  umfassenderen 
Schrift  TteQL  slxCov  ( Cass.  latros.  probl.  40) ;  therapeutischen  Inhalts  die 
libri  salutarium  ad  Geminium,  de  tuenda  sanitate,  de  clysteribus,  de 
communibus  adiutoriis  =  volumen  communium  auxiliorum  (Geis.  II 14), 
Ttegl  oivov  ööaecog  =  de  vini  datione  in  morbis,  wenigstens  2  Bücher 
(Cael.  Aur.  ac.  m.  II  29  p.  144);  der  Polemik  gegen  die  Ernährungs- 
und Zeugungslehre  des  Erasistratos  dienten  die  libri  parasceuastici  seu 
contradictorii  =  Tragaoy.eval  (Scrib.  Larg.  p.  3  Helmr.),  der  Erklärung 
der  Hippocratea  der  Kommentar  (mindestens  2  Bücher)  zu  den  Aphoris- 
men und  der  Kommentar  zu  de  oif.  med.,  möglicherweise  noch  weitere. 
Untergeschoben  wurden  ihm  die  lyuiva  TragayyeXiiaTa  aus  byzantini- 
scher Zeit  und  die  pseudogalenische  Schrift  «i  ^^ov  to  xaia  yaotgog 
(XIX  158  ff.).  Keines  dieser  Werke  haben  wir  überkommen.  Das  ist 
schon  desw^egen  zu  beklagen,  weil  Asklepiades  vieles  historische 
Material  enthalten  hat,  so  über  Euryphon,  Herodikos,  Hippokrates, 
den  er  sogar  S-avdtov  /^akhr^g  (auf  Mord  ausgehend,  Gal.  XI  163) 
schmähte,  Diokles,  Praxagoras,  Herophilos,  Erasistratos  und  Kleophan- 
tos,  die  Apollonioi,  Apollodoros,  Mnesitheos,  Apollonios  Mys,  Zenon, 
Andreas,  Herakleides  von  Pontes,  Artemidoros  von  Side,  Hikesios,  wie 
für  einen  Teil  dieser  Männer  Bruns  (S.  45 ff.)  nachweist.  Anderer- 
seits berichtigte  Moschion  der  Aeltere  die  asklepiadeischen  Werke 
(daher  ötogO-wx^g,  Gal.  VIII  758).  Ferner  benutzten  ihn  (Bruns)^'arro, 
Celsus,  Plinius,  Caelius,  Plutarchos,  Dioskurides.  Galenos  und,  über  ein 
auf  Pamphilos  beruhendes  Glossenwerk  hinweg,  Ailianos,  Pollux  und 
Athen  aios. 

Sein  philosophisches  System  entsprach  den  Anforderungen  der 
neuen  Zeit  auf  das  beste.  Die  Atomenlehre  entlehnte  er  dem  ponti- 
schen  Herakleides  (um  340  v.  Chr.),  die  Erkenntnistheorie  unter  Ueber- 
treibung  bis  zum  Seelennihilismus  dem  Epiküros  (um  300),  die  prakti- 
schen Schlussfolgerungen  mit  dem  Hauptgrundsatze  „naturae  con- 
venienter  vivere"  der  Stoa.  Statt  von  Atomen  wie  Leukippos  geht 
er  mit  Ekphantos  und  Herakleides  aus  von  avaguoi  oy/.oi,  ungeordneten 
Urkörperchen,  die  durch  Stoss  zersplitterten  und  sich  nun  in  den 
noQoi  =  Kanälen  des  menschlichen  Körpers  hin-  und  herbewegen. 
Die  oy-Mi  der  hauchähnlichen  Seele  sind  glatt,  kugelig  und  fein.  Sym- 
metrie, d.  i.  Gesundheit,  ist  vorhanden,  wenn  die  Urkörperchen  in 
richtiger  Anzahl,  Grösse  und  Ordnung  vorhanden  sind  und  sich  richtig 

^)  Es  war  durchaus  Brauch  auch  bei  den  unmittelbaren  Nachfolg^ern  des  Askle- 
piades, bei  Themison  und  später  bei  Soranos,  zunächst  die  Ansichten  der  Vorgänger 
zu  beurteilen.  Das  that  Asklepiades  im  1.  Buche,  im  2.  war  die  Prophylaxis  und 
im  3.  die  Heilung  der  ausgebrocheneu  Krankheiten  gegeben.  Vermutlich  hat  er 
diesem  Werke  das  Gegenstück,  über  chronische  Leiden,  folgen  lassen.  —  Die  Beleg- 
stellen bei  Cael.  Aurel.;  Gal.;  Erot. 


326  Eobert  Fuchs. 

bewegen  und  wenn  die  Poren  die  richtige  Weite  haben.  Das  Miss- 
verhältnis von  Urkörperchen  und  Poren  bedingt  Stockung  oder  Ver- 
stopfung, EVGxaGig,  ardaig  oder  e/ncpQa^ig,  d.  i.  Krankheit.  Dieses  Gegen- 
stück der  hippokratischen  Humoralpathologie  wird  als  Solidarpathologie 
bezeichnet.  Die  Atmung  hat  die  Erneuerung  der  Seele  zum  Zwecke 
(Gal.  IV  471).  Die  Speisen  werden  so,  wie  sie  sind,  in  den  ganzen 
Körper  verteilt  und  nicht  verarbeitet  (Geis,  praef.).  Der  Urin  geht, 
ohne  die  Nieren  zu  berühren,  in  Dampfform  in  die  Blase  und  schlägt 
sich  dort  nieder.  Die  Quotidiana  entsteht  durch  Stockung  der  grössten 
Grundbestandteile,  die  Quartana  durch  die  der  kleinsten.  Die  Wechsel- 
fieber, die  Hydropsarten,  die  Geistesvorgänge  bestimmte  er  und  teilte 
sie  in  Klassen  ein.  So  sonderte  er  die  „Phrenitis"  von  den  bei  Pneu- 
monie und  Pleuritis  auftretenden  Delirienformen,  schied  er  die  An- 
zeichen der  Cardiaca  von  der  Stomachica,  doch  gelangte  er  nicht  bis 
zu  einer  selbständigen  Psychiatrie.  Für  ihn  scheint  überhaupt  das 
Wesen  der  ipvx^]  etwas  Unfassbares  gewesen  zu  sein ;  denn  er  definierte 
sie  einmal  als  die  Zusammenfassung  aller  einzelnen  Sinne  und  er- 
kannte andererseits  doch  keinen  bestimmten  Sitz  der  Seele  oder 
Seelen  teile  an  (Cael.  Aurel.  ac.  m.  I  14  p.  41  fi".).  Dem  Pulse  widmete 
er  eingehende  Studien  (Gal.  VIII  757  Definition),  da  er  für  die  Therapie 
von  Wichtigkeit  ist. 

Die  Therapie  entsprach  der  Urkörpertheorie.  Sie  ist  auf  Be- 
seitigung der  Stockung  in  den  Poren  gerichtet  (Gels,  praef.).  Das 
TTQöjTov  ipeuöog,  dass  die  Natur  nicht  nur  unvernünftig  und  kunstlos, 
sondern  gar  schädlich  sei  (Gal.  III  572;  Gels.  IV  19),  milderte  er  da- 
durch, dass  er  von  gewaltsamen  Eingriffen,  wie  Brech-  und  Abführ- 
mitteln, stark  wirkenden  Arzneien,  mit  Rücksicht  auf  den  Magen  oft 
absah,  unter  Umständen  auch  vom  Aderlasse.  Gelsus  (II  12,  2)  erkennt 
die  weise  Mässigung  an,  die  nur  das  Austreiben  verdorbener  Stoffe 
zulässt.  Gleichwohl  Hess  er  fast  bei  jeder  Krankheit  einmal  sanft  ab- 
führen (III  4).  Ersatz  für  die  rohen  Mittel  boten  ihm:  Fasten,  Ent- 
haltung vom  Weingenusse,  Reibungen,  Spazierengehen  und  passive  Be- 
wegungen, wie  Fahren  im  Wagen  (ev  CevKzolg),  im  Handw^agen  (^v 
X€iQa/:id^rj)  und  im  Schiffe  (öia  7tkoiiov\  Tragen  in  einer  Sänfte  {kv 
cpogeicp  aicbga)  oder  auf  einem  Stuhle  {ev  xad-edga  aicbga),  Schaukeln 
im  Schwebebette  (ÖLa  xQ€f.iaazov  ylividiov)  und  das  Reiten  (Gels.  II  14  f. 
auf  Grund  der  Schrift:  „communia  auxilia").  Hierzu  kam  die  reichliche 
Verwendung  kalten  Wassers,  die  Regen-  und  Schaukelbäder  (balinea 
pensilia),  die  leider  immer  noch  nicht  eindeutig  erklärt  sind,  und  die 
Schwitzbäder.  Ohne  Individualisierung,  wie  sie  früher  die  Hippo- 
kratiker,  später  die  Methodiker  übten,  verwarf  er  das  Umbinden  der 
Glieder,  die  reichliche  Nahrungszufuhr  bei  Beginn  des  Fiebers  und 
die  Lehre  von  den  kritischen  Tagen  (Gels.  4,  4 ;  3,  4),  Er  entkräftete 
die  Fiebernden  durch  helles  Licht,  Wachen  und  Verbot  des  Trinkens, 
ja  des  Benetzens  der  Mundhöhle,  die  rechte  Bethätigung  seines  ,,iu- 
cunde"!  Am  4.  Tage  hingegen  gestattete  er  üppige  Mahlzeiten. 
Phrenitischen  verschaffte  er  durch  unausgesetztes  Massieren  den  Er- 
schöpfungsschlaf (3,  18).  Bei  Angina  verwarf  er  das  qualvolle  Ein- 
führen von  Kanülen  (organon;  Plin.,  26,  17).  Gegen  Rachenentzündung 
flösste  er  den  schärfsten  Essig  ein  (Gels.  4,  4).  Bei  Diarrhöe  gab  er 
eiskaltes  Wasser  (4,  19).  Bei  Starrkrampf  liess  er  zur  Ader  (4,  3). 
Bei  Manie  soll  Gesang  (cantilena;  Gael.  Aur.  m.  ehr.  I  5  p.  338  f.) 
helfen  (vgl.  Isid.  IV  13,  3).    Besonders  lehrreich  muss  die  Schrift  über 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  327 

den  Wein  gewesen  sein  (Plin.,  liist.  nat.  23,  31  f.;  Diosc.  Y  7 f.),  die 
Sextius  Nigros,  Celsus  und  Columella  ausbeuteten.  Asklepiades  be- 
trachtete den  Wein  als  Panacee,  der  nicht  einmal  die  Macht  der 
Götter  gleich  komme  (PJin.  23,  38).  Die  griechischen  und  römischen 
Weinsorten  wurden  im  Anschlüsse  an  Hikesios  auf  ihren  therapeuti- 
schen Wert  geprüft,  und  so  wurde  den  Pneumatikern  und  Methodikern 
vorgebaut.  Aber  auch  vor  gefährlicheren  und  grausameren  Proben 
scheute  er  nicht  zurück.  Er  experimentierte  nicht  nur  an  Ziegen, 
denen  er  das  Herz  herausnahm,  und  an  Fliegen,  denen  er  die  Köpfe 
abriss  (Tertull.,  de  anima  15),  sondern  auch  an  den  Kranken,  freilich 
nicht  ohne  Erfolg;  denn  er  fand,  dass  der  Aderlass  von  Pleuritischen 
am  Hellespontos  gut,  in  Athen  und  Rom  jedoch  nicht  vertragen  wurde 
(Cael.  Aurel.  ac.  m.  II  22  p.  131  f.).  Auch  in  der  Chirurgie  that  er 
sich  hervor.  Er  führte  die  spontane  Luxation  des  Oberschenkels  auf 
schmerzhafte  chronische  Entzündung  zurück ;  auch  die  „laryngotomia" 
hat  er  von  den  Vorgängern  übernommen  und  bei  Angina  angewandt, 
wenn  die  Zäpfchenspaltung  nichts  nützte  (III  4  p.  193;  195).  Obwohl 
er  die  Mechanotherapie  und  die  natürlichen  Heilmethoden  bevorzugte 
und  sogar  das  Fieber  als  das  beste  Heilmittel  pries  (Gels.  III  4),  gab 
er  sich  doch  auch  mit  der  Arzneibereitung  ab.  Wir  kennen  von  ihm : 
ein  Ohrenmittel  (VI  7,  3);  {^wQ)dK07ta  (Gal.  XIII  1009);  ein  Meer- 
zwiebelpflaster (Aet.  IV  3,  45);  Kataplasmen  (III  2,  29);  narbenbildende 
Pflaster  (IV  4,  93) ;  einen  Mutterzapfen  (IV  4,  32) ;  die  Tnxgd  =  Bitter- 
mittel (III  1,  10) ;  endlich  Augenmittel  (VII  87  gegen  Aegilops ;  Orib. 
V  140;  880).  In  der  Anatomie  leistete  er  nichts  (Gal.  III  467);  für 
die  Gynäkologie  ergiebt  sich  aus  den  von  Wellmann^)  gesammelten 
Stellen  nichts  von  Belang.  Der  Angriffe  des  Menödotos  auf  Asklepiades 
wurde  bereits  bei  den  Empirikern  gedacht.  Auch  Caelius  nimmt  oft 
gegen  Asklepiades  Stellung. 

Anhangsweise  seien  noch  die  anderen  Aerzte  des  Namens  Asklepiades 
erwähnt;  es  giebt  deren  über  ein  Dutzend.  So  erscheint  im  Canon 
medicorum  Laurentianus  -)  ein  Asklepiades,  Andreae  filius.  Ein  Askle- 
piades „Titiensis"  wird  von  Caelius  (ac.  m.  III  5  p.  201)  erwälmt.  Er 
steht  unter  den  „veteres"  zwischen  Praxagoras  und  Demetrios  und  soll 
Paralyse  und  Apoplexie  für  dieselbe  Krankheit  gehalten  haben.  Aelius 
Asklepiades  schrieb  mehrere  Bücher  über  „Salben  und  Kränze"  (Athen. 
XV  p.  676  F ;  vgl.  679  B)  und  berief  sich  u.  a.  auf  den  Komödiendichter 
Eubülos.  Vielleicht  ist  er  der  Freigelassene  des  Augustus,  T.  Ael. 
Asklepiades  ludi  matutini  chirurgus  (Inscr.  Graecae  Siciliae  et  Ital.  ed. 
Kaibel,  Berolini  1890  n.  1330).  C.  Calpurnius  Asklepiades  Avar  Leib- 
arzt des  Traianus  und  erhielt  von  ihm  für  sich,  die  Eltern  und  4  Ge- 
schwister das  Bürgerrecht.  ^)  L.  Arruntius  Sempronianus  Asklepiades 
war  unter  Domitianus  (f  96  n.  Chr.)  der  berühmteste  und  reichste 
Arzt.  ^)  Asklepiades  Pharmakion,  unter  Nero  und  Domitianus  lebend, 
wandte  menschliche  und  tierische  Exkremente  mit  Vorliebe  als  Heil- 
mittel an.  ^) 

Wennschon    Asklepiades    zahlreiche    Schüler   hatte   und  als  der 


1)  Bei  Susemihl  I  438 f.  A.  121:  121b. 
-)  Wellmann,  Hermes  XXXV  1900  S.  370. 

*)  Herzog,  Koische  Forschungen  und  Funde,  Leipz.  1899  S.  192  und  A.  5. 
*)  Wertner  in  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr.  VIII 
1885  S.  203. 

°)  Grasset,  Le  renouveau  medical.    Janus  Y  1900  S.  328 f. 


328  Robert  Fuchs. 

eigentliche  Stammvater  der  methodischen  Lehre  anzusehen  ist,  so  ver- 
blasste  doch  sein  Euhm  bald  nach  seinem  Tode.  Nur  Themison,  der 
ihm  jedoch  häufig  widerspricht,  ragte  unter  ihnen  hervor.  Titus 
Aufidius  (Steph.  Byz.  s.  Y.JvQQaxiov)  aus  Sicilien  schrieb  wenigstens 
2  Bücher  de  anima  (Cael.  Aur.  m.  ehr.  I  5  p.  339)  und  de  tardis  pas- 
sionibus  (ac.  m.  II  29  p.  144)  in  griechischer  Sprache.  In  dem  zuerst 
genannten  Werke  verordnete  er  Rasenden  Geisseihiebe,  Abreibungen, 
Fesseln,  Hunger  und  Durst,  Wein  und  Geschlechtsgenuss.  Bei  Gelb- 
sucht empfahl  er  den  Coitus  (m.  ehr.  III  5  p.  460).  Bei  Lungen- 
entzündung liess  er  den  Kranken  täglich  zweimal  abreiben  (ac.  m.  II 

29  p.  144).    Nikon,  wie  Philonides  Schüler  des  Asklepiades  und  um 

30  V.  Chr.  lebend,  schrieb  ^tegl  övvdf,ieiov  =  über  Heilmittel  ^)  und  hat 
2  Malagmata  hinterlassen. 2)  Chrysippos,  ohne  Zunamen  citiert, 
schrieb  wenigstens  3  Bücher  über  Würmer  (de  lumbricis;  Cael.  Aurel. 
m.  ehr.  IV  8  p.  537)  und  behauptete,  dass  nur  bei  akuten  oder  gefähr- 
lichen Krankheiten  der  Abgang  toter  Würmer  den  Tod  des  Patienten 
ankündige.  Den  Lethargus  unterschied  er  von  der  Katalepse  (ac.  m. 
II  10;  12  p.  99;  107).  Miltiädes  von  Elaiussa  verfasste  mindestens 
13  Bücher  über  chronische  Krankheiten  (Soran.  II  2).  Philonides  •^) 
von  Dyrrhachion  (Steph.  Byz.  s.  v.  Jvqqccxiov),  Philonides  von  Catäna, 
der  Lehrer  des  kurz  vor  oder  unter  Tiberius  gestorbenen  Paccius  An- 
tiöchus  (Scrib.  Larg.  97  p.  41  Helmr.),  Philonides  o  itTislög  (Gal.  VIII 
748;  Erot.  67,  11;  124,  1)  und  Philonides  6  dTtb'Ewrjg  (Diosc,  de  m.  m. 

IV  148)  sind  ein  und  dieselbe  Person.*)  Wahrscheinlich  hat  der 
Dyrrhachier  längere  Zeit  auf  Sicilien  gelebt.  ICr  schrieb  nicht  unter 
18  Büchern  negl  z?jg  iaTQiy.fjg  (übei-  Heilkunde,  Gal.  VIII  748),  Ttegl 
/iivQiüv  xal  GTEcpdi'iov  (Salben  und  Kränze;  Athen.  XV  p.  675  A;  676  C; 
691  F),   Kommentare  zu  Hippokrates  und  eine  Arzneimittellehre  (Cels. 

V  praef.;  Gal.  XIII  978;  Scrib.  97),  alles  in  allem  45  Bücher  (Philon 
bei  Steph.  a.  a.  0.).  Seine  Definition  des  Pulses  hat  Galenos  (VIII  748) 
aufbewahrt. 

32.  Die  Methodiker. 

1.  Prospei' Alpinus,  De  medicina  methodica  libri  XIII,  Pataviae  1611,  fol.; 
Lugd.  Batav.  1719.  —  2.  Baas,  Grundriss  d.  Gesch.  d.  Medicin,  Stuttgart  1876 
{treffliche  Charakteristik).  —  3.  Claras,  Momenta  quaedam  historica  de  methodicae 
sectae  principibus,  Lips.  1799.  —  4.  Möller,  De  metasyncrisi  methodicorum  in  usum 
revocanda,  1795. 

Der  Grund  zu  der  methodischen  Schule,  die  nächst  der  hippokratisch- 
dogmatischen  zweifellos  die  bedeutendste  des  Altertums  gewesen  ist, 
ist  von  Asklepiades  gelegt  worden.  Die  Formel  dafür  stellte  aber 
dessen  Schüler  Themison  von  Laodikeia  auf.  ^)     Der  Grundgedanke 

^)  Nicand.  ther.  577  schol.,  wo  Niy.cav  st&tt  Niy.öcop  einzusetzen  ist;  vgl.  Well- 
mann, Hermes  XXin  1888,  563  f.  und  A.  3. 

^)  Cels.  V  18,  12  ist  vor  dem  letzten  Malagma  mit  cod.  7028  zu  lesen  statt 
,,quod  uTtvQov  Graeci  vocant" :  ,,Hoc  autem,  quod  Niconis  est",  dann  geht  es  mit 
„faecis  aridae"  weiter  (ed.  Daremberg  p.  XXX) ;  Cels.  V  18,  26 :  Isiconis  quoque  est, 
quod  resolvit,  aperit,  purgat. 

'*)  Im  Canon  medicorum  Laurentianus  steht  „Filonis  cateusis''  (Well mann 
a.  a.  0.). 

*)  Wellmanu  a.  a.  0.  562  ff. 

^)  Bouchut,  Histoire  de  la  medeciue  et  des  doctrines  medicales,  Paris  1873, 
II  117  ff. 


Geschichte  der  HeilkTinde  bei  den  Griechen.  329 

ist  der  Widerspruch  gegen  die  liippokratische  Humoralpathologie. 
Zwar  kann  die  als  Tcv£v(.ia  gedeutete,  auch  aus  Atomen  bestehende 
Seele  ebenfalls  Krankheiten  erzeugen  gleich  den  Säften,  doch  geht 
aus  den  mangelhaften  Quellen  hierüber  nichts  Klares  hervor.  Einzig 
massgebend  ist  in  praktischer  Hinsicht  das  Verhalten  der  festen  Teile 
(Solidarpathologie).  Asklepiades  legte  bei  der  Erklärung  der  Krank- 
heit der  Beschaffenheit  der  Atome  Bedeutung  bei,  Themison  beachtete 
nur  die  Qualität  der  Poren,  in  denen  sich  die  Atome  und  Säfte  bewegen. 
Deren  Zusammenziehung,  Straifheit  oder  Hypersthenie  bezeichnete  er 
als  OTeyvtoaig,  t6  oityvov,  avaaig,  eucpga^ig  u.  s.  w.,  lateinisch  (ad-) 
strictum,  constrictio,  deren  Eischlaffung,  Lockerung  oder  Asthenie  als 
Qvaig,  t6  Qoibdsg,  lateinisch  fluens,  laxum  (Geis,  praef.).  Bei  Asklepiades 
finden  sich  diese  beiden  Begriife  noch  nicht  entschieden  formuliert, 
noch  nicht  zu  Schlagworten  ausgebildet,  ebensowenig  in  dem  Ano- 
nymus Parisinus  (s.  Themison),  der  einzigen  zusammenhängenden 
griechischen  Methodikerschrift  neben  dem  Gynäkologen  Soranos.  Auch 
Themison  erhob  erst  in  seinen  späteren  Lebensjahren  diese  beiden 
Qualitäten  zum  Dogma  und  fügte  die  Mischung  beider,  tb  jusfuy^uvov 
=  mixtum  (Gels.  1.  1.),  als  Drittes  hinzu,  ohne  ihm  jedoch  die  gleiche 
Wichtigkeit  wie  den  einfachen  Qualitäten  beizulegen.  Dass  diese  3 
„gemeinsamen  Grundformen",  -Koivörrjeg  =  communitates,  communia, 
bei  allen  Krankheiten  in  Frage  kommen  müssen,  ergiebt  sich  daraus, 
dass  entweder  zu  viel  oder  zu  wenig  oder  von  dem  einen  Stoffe  zu 
viel,  von  dem  anderen  zu  wenig  durch  die  Kranken  ausgeschieden 
wird.  ^)  Nicht  in  Betracht  gezogen  wurde  daher  der  Sitz  und  die 
Ursache  der  Krankheit,  da  ja  stets  der  ganze  Körper  leide  und  daher 
nur  eine  auf  den  ganzen  Körper  einwirkende  Therapie  Linderung 
bringen  könne  (Gael.  Aurel.  ac.  m.  II  34  p.  155 f.;  m.  ehr.  III  4  p.  453). 
Die  Anatomie  und  vor  allem  die  pathologische  hat  demgemäss  nur 
insoweit  für  den  Arzt  Bedeutung,  als  sie  Namen  für  die  Körperteile 
festlegt;  also  wieder  der  Standpunkt  der  Empiriker.  Erst  in  zweiter 
Linie  ist  zu  berücksichtigen,  ob  die  Krankheit  zu  den  akuten^joder  zu 
den  chronischen  (celeres)  gehört  und  ob  sie  sich  im  Stadium  der 
Steigerung,  des  Stillstandes  oder  der  Abnahme  befindet.  Die  Therapie 
hat  folgende  Ziele:  allgemein  „contraria  contrariis",  im  besonderen 
Erweiterung  des  Straffen,  Zusammenziehung  des  Erschlafften  und  bei 
dem  Status  mixtus  zuerst  Bekämpfung  der  überwiegenden  Qualität  ex 
contrario,  sodann  der  geringeren  Qualität.  Erweiternde  Mittel  sind: 
Aderlass  bis  zur  vollständigen  Erschöpfung  des  Kranken  (viata  dvvafuiv 
im  Anon.  Paris.),  Blutegel,  Schröpfung  und  Scarifikation ,  Massage, 
AVaschungen  und  Baden  in  allen  erdenklichen  Formen,  Kataplasmen. 
Verengerung  bewirken:  kaltes  Wasser,  Eis.  innerlich  und  äusserlich 
verabreicht,  Wein,  Essig,  adstringierende  Mittel.  Narcotica,  besonders 
t6  öicc  ycojöiwv-)  =  Mohnmittel,  diacodion  (Saftabkochung  mit  Honig), 
die  cb/ili]  kvaig,  =*)  die  Diät,  das  Unterbringen  in  hellen,  luftigen  Räumen 
oder  unterirdischen  Grotten,  weiches  oder  hartes  Lager,  dicke  oder 


^)  Daremberg,  Journal  general  de  Tinstrnction  publique,  Paris  1847;  vgl. 
namentlich  Geis,  praef. 

-)  Der  Anon.  Paris,  schreibt  so,  nicht  xioSeuöv  oder  ytaSvcHv. 

")  S.  oben  S.  247.  Diese  Lösung  wird  fast  bloss  bei  akuten  Krankheiten  ver- 
schrieben imd  aixf  den  Oberbauch  appliziert.  Diese  Behandlung  wird  //  tmi>  uiowv 
TtQÖvoia  =  „Vorsorge  für  die  mittleren  Körperteile'*  genannt.  Vgl.  Ruf.  Ephes.  ed. 
Dar.-Euelle  p.  41  f.  A.  25;  Orib.  II  339;  792;  IV  687. 


330  Robert  Fuchs. 

dünne  Kleidung ,  Land-  und  Seefahrten ,  Spaziergänge  und  Läufe, 
Körperübungen  aller  Art;  alles  dieses  Hess  bei  der  erweiternden  oder 
verengernden  Behandlung  den  weitesten  Spielraum.  Hierzu  trat  eine 
aussergewöhnliche  äusserliche  Polypharmacie,  Senfpflaster  (aivaTtiGf^iöi;), 
Thapsiaverabreichung,  Eezepte  für  Hautleiden.  Drastische  Mittel,  wie 
Nies-,  Brech-,  Abführ-,  Schweiss-,  Urinmittel  {oKÜla  =  Meerzwiebel), 
Arteriotomie,  Klystiere,  Brennen,  sowie  reizende  Topica  werden  nur 
in  bestimmten  Fällen  zugelassen  unter  Einhaltung  der  exspektativen 
Methode  und  unter  weitgehender  Berücksichtigung  der  subjektiven 
Krankheitsmomente.  Stimmübungen,  ävacpwvrjoLg  =  clara  lectio  (Geis.), 
werden  im  einzelnen  Falle  nach  verschiedenen  Methoden  vorgeschrieben. 
Bei  den  meistenteils  dem  strictum  zur  Last  gelegten  akuten  Krank- 
heiten geht  in  der  Regel  dreitägiges  Fasten  voraus.  Thessälos  baute, 
in  Anlehnung  an  das  ähnliche  Verfahren  der  Hippokratiker  (de  victu 
in  ac),  die  kj'klischen  Kuren  für  die  Heilung  akuter  Krankheiten 
weiter  aus;  es  ist  das  die  f.ieTaovyy.QiTi/.i]  S-eqaiieia,  metasyncrisis. 
Meist  in  Dreitagsfristen,  dia  tqLtov  =  diatriton,  zuweilen  auch  auf 
längere  Zeiträume  hinaus  (z.  B.  11  Tage),  wird  durch  Diätetik  auf 
das  Verhältnis  der  Atome  zu  den  Poren  metasynkritisch  eingewirkt. 
Der  1.  Abschnitt  dieser  kyklischen  Behandlung  ist  der  cyclus  meta- 
syncriticus  oder  recorporativus ,  die  Entziehungskur  (Fasten  in  ver- 
schiedenen Graden,  Genuss  scharfer  Speisen  =  ÖQif.ivq)ayia ,  Pfeifer, 
Senf,  Meerzwiebel,  adstringierende  Weine,  Bäder,  aktive  und  passive 
Bewegung,  Kneten  und  Reiben,  scharfe  Salben  und  Aufschläge,  so 
Senfpflaster,  lokale  reizende  Pflaster  (Pechpflaster  =  ÖQOTtaKia/nög); 
der  2.  Abschnitt  ist  der  cyclus  resumptivus,  der  die  Steigerung  der 
geschwächten  Körperkräfte  anstrebt.  Je  nach  Umständen  wurde  mit 
dem  1.  oder  2.  Abschnitte  begonnen  und  das  Verfahren  wiederholt, 
und  zwar  dann  in  der  Regel  dreimal. 

Themison  von  Laodikeia  schloss  sich  zunächst  seinem  Lehrer 
Asklepiades  an,  aber  als  reifer  Mann  (in  senectute,  Gels,  prooem.) 
folgte  er  seinem  eigenen  Urteile  (Plin.  29,  6;  Gael.  Aur.  ac.  m.  I  16 
p.  59  sq.;  m.  ehr.  I  1  p.  287;  4  p.  323 ;  II  1  p.  365;  V  2  p.  566).i)  pünius, 
der  ihm  sehr  viel  verdankt,  nennt  ihn  darum  mit  Recht  „summus 
auctor"  (XIV  114).  Celsus  (I  praef.;  III  4)  bezeichnet  den  Themison 
durch  „nuper"  als  seinen  unmittelbaren  Vorgänger.  Dioskurides  {ftsgi 
loßöXwv  c.  1  Schluss  =  II  p.  59  Sprengel;  Gael.  ac.  m.  III  16  p.  232) 
berichtet,  dass  Themison  von  einem  tollwütigen  Menschen  gebissen 
worden,  aber  nach  schwerem  Leiden  doch  noch  davongekommen  sei. 
luvenalis  (sat.  X  221)  spottet,  er  könne  eher  als  die  Namen  der 
Krankheiten  aufzählen, 

quot  Themison  aegros  autumno  occiderit  uno, 

wieviel  Patienten  Themison  in  einem  einzigen  Herbste  umgebracht 
habe;  der  Scholiast  aber  bemerkt  kurz  dazu:  ,.archiater  illius  tem- 
poris,    cui   detrahit".    Daher   konnte   ihn  auch   Damokrates    eitleren 


^)  In  einem  wunderlichen  Dialog  wird  die  Verschiedenheit  der  Lehre  des 
Themison  von  der  des  Asklepiades  auseinandergesetzt  von  Albert,  Les  medecins 
grecs  ä  Rome,  Paris  1894,  84  ff.  Auf  den  Unterschied  der  beiden  Schulen  weist 
Seneca  hin  (epist.  95,  9).  Ueber  einen  jüngeren  „Themison  servus  noster,  medicinae 
non  ignarus"  (Apuleius,  apol.  33)  und  über  die  sonst  genannten  Männer  gleichen  Namens 
spricht  sich  Fabricius  aus  (Bibliotheca  Graeca,  Hamburgi  1726,  XIII  432;  vgl. 
430:  Temeson). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  331 

(Gal.  XIII  40).  Plinius  nennt  ihn  im  Autorenverzeichnis  zu  XIV 
(Palimps.)  und  XV.  Von  Schriften  werden  erwähnt:  1.  die  Jugend- 
schrift „libri  periodici"  (Cael.  Anr.  ac.  ra.  II  12  p.  108);  2.  wenigstens 

10  Bücher  trciotolai;  in  einem  Briefe  des  2.  Buches  wandte  er  sich 
an  Asilius  (III  18  p.  252),  in  einem  anderen  Briefe  desselben  Buches 
an  DeimaS;  das  10.  Buch  zieht  Paul.  Aegin.  III  15  heran,  das  1., 
2.,  4.  und   9.  Caelius;^)  3.  einen  „salutaris  liber"  =  vyieivd  (m.  ehr. 

11  7  p.  385 f.);  4.  mehrere  Bücher  „celerum  passionum"  (==  akute 
Krankheiten) ;  ■^  5.  3  Bücher  „tardarum  passionum";*)  6.  ein  Buch 
über  den  Wegerich  (Plin.  25,  8,  80;  s.  unten).  Von  diesen  Werken 
sind  nur  armselige  Bruchstücke  durch  Caelius  bekannt  geworden,  und 
wir  müssten  uns  auf  wenige  Sätze  beschränken,  wenn  uns  nicht  der 
Anonymus  Parisinus  zu  Hilfe  käme,  aus  dem  ich  Bruchstücke  ver- 
öffentlicht habe  und  der  sehr  bald  vollständig  abgedruckt  werden 
wird.  *) 

Weder  die  Vermutung  von  Diels,  noch  die  ausgesponnenen 
Schlüsse  Wellmanns ^)  vermögen  das  bei  oberflächlichem  Zusehen 
Naheliegende  zu  erweisen,  dass  Soranos'  doxographische  Schrift 
aiTioXoyovf.ieva  in  dem  ätiologischen  Teile  vorliege;  denn  dass  die 
Semasiologie  und  Therapie  der  einheitlichen  Schrift  von  der  des 
Soranos  sehr  abweiche,  ist  in  meinem  Beitrage  für  Vahlen  gezeigt 
worden.  Die  frühere  Stufe  der  Theorie  aber  ist  ebenfalls  von  mir 
hervorgehoben  worden.  Unter  Bezugnahme  auf  die  später  erscheinende 
Beweisführung  stelle  ich  Wellmanns  Ausführungen  kurz  folgende 
Widerlegungsmomente  gegenüber:  1.  der  Anonymus  ist  aus  einem 
AVurfe  und  nicht  für  Aetiologie,  Semiologie  und  Therapie  aus  ver- 
schiedenen Quellen  zusammengestückt;  2.  es  ist  lihbegreiflich,  dass 
derselbe  Soranos  eine  zweite  Schrift  mit  dem  gleichen  Titel,  grundverschie- 
denem Inhalte  und  wesentlichen  Widersprüchen  auch  in  der  Doxo- 
graphie  verfasst  haben  sollte,  ohne  irgendwo  auf  dieses  Unicum  auch 
nur  anzuspielen;  3.  die  gesamte  Kommunitätenlehre  ist  im  An.  Par. 
bloss  im  Keime  vorhanden,  im  Caelius  hingegen  ins  Kleinste  ausge- 
reift; 4.  dass  der  Anon.  bloss  den  Erasistratos,  Praxagoras,  Diokles 
und  Hippokrates  bei  der  Aetiologie  anführt,  Soranos  ausser  diesen 
aber  noch  eine  grosse  Zahl  (s.  Cael.),  beweist  keineswegs,  abgesehen 
von  Verschiedenheiten  der  Darstellung,  die  Identität  des  Verfassers; 
denn  da  wir  von  vielen  methodischen  Schriften  nur  die  des  Soranos 
haben,  lässt  sich  aus  dem  Vorkommen  doxographischen  Materials  bei 
irgend  einem  anonymen  Methodiker  auf  Grund  der  Wahrscheinlich- 
keitsrechnung nicht  aussagen,  dass  dieses  nun  gerade  Soranos  sein 
müsse;  im  Gegenteil,  auch  andere  sind  doxographisch  vorgegangen, 
und  ich  glaube  sogar,  dass  diese  doxographische  Betrachtung  bei  den 
Methodikern  Tradition  war;  wenigstens  hat  Athenaios   das,  was  er 


')  ac.  m.  III  18  p.  252;  m.  ehr.  I  3  p.  288;  II  7  p.  387;  III  6  p.  461;  lY  1 
p.  493:  8  p.  534. 

2j  ac.  m.  I  16  p.  59;  II  9  p.  90. 

^)  Die  Dreizahl  folgt  aus  chron.  praef.  p.  268.  Caelius  citiert  öfter  aus  dem 
1.  Buche.    Es  war  das  erste  systematische  Werk  über  chronische  Krankheiten  (a.  a.  O.). 

*)  Rhein.  Mus.  49,  1894  S.  532  ff.  (vgl.  50,  1895) ;  Deutsch,  medic.  Wochschr. 
1899  Nr.  7 ;  Festschrift  Johannes  Vahlen  zum  siebenzigsteu  Geburtstag  gew.  v.  sein. 
Schülern,  Berl.  1900  S.  141  ff. 

^)  Anon.  Lond.  ed.  Diels  S.  6  krit.  Anm. ;  Diels,  Ueb.  d.  physikal.  System  d. 
Straten,  Sitz.-Ber.  d.  Berl.  Ak.  d.  Wiss.  S.  102  A.  2;  Well  mann,  Zu  den  ahio- 
Xoyovfisva  des  Soran.    Hermes  XXXVI  1901  S.  140  ff. 


332  ßobert  Fuchs. 

von  Diokles  und  Praxagoras  anführt,  dem  Asklepiades  entnommen,^) 
und  auch  Thessalos  nannte  sein  2.  Buch  „de  regulis"  =  „Diät" :  „com- 
parationem"  und  widersprach  darin  dem  Erasistratos ;  ^)  4.  dass  sich 
die  vier  Gewährsmänner  beiderseits  vorfinden,  beweist  genau  so  wenig 
wie  die  Uebereinstimmung  der  citierten  Hippokratesschriften  ^)  und 
der  Dogmen;  denn  die  vier  bedeutendsten  dogmatischen  Aerzte 
mussten  füglich  herangezogen  werden,  die  für  echt  gehaltenen  Hippo- 
kratesschriften  sind  für  das  Thema  die  signifikantesten  und  waren 
allen  zugänglich,  und  die  Dogmen  müssten  in  jeder  anderen  Doxo- 
graphie  genau  ebenso  lauten.  Dagegen  wird  die  mittelbare  oder  un- 
mittelbare Urheberschaft  des  Themison  durch  Folgendes  erhärtet: 
1.  die  methodische  Kommunitäten theorie  ist  noch  rudimentär,  denn 
von  strictum  und  laxum  ist  so  gut  wie  nicht  die  Rede,  und  die  Therapie 
ist  in  beiden  Fällen  noch  nicht  geschieden;*)  2.  andere  Methodiker, 
deren  es  ja  vor  Themison  überhaupt  keine  gab,  werden  nicht  er- 
wähnt, selbst  da  nicht,  wo  es  unumgänglich  gewesen  wäre  (s.  unter 
Elephantiasis);  3.  ganze  Partien  des  An.  stimmen,  zum  Teil  geradezu 
wörtlich,  zu  den  Caeliusexcerpten  aus  Themison  und  stehen  im  Wider- 
spruche zu  Soranos  selbst;  4.  nach  Cael.  m.chr.  praef.  p.  268  hat  niemand 
vor  Themison  eine  systematische  Therapie  der  chroüischen  Krank- 
heiten geschrieben,  und  nach  III  6  p.  461  hat  niemand  vor  Themi- 
son die  Therapie  der  Kachexie  angegeben,  sie  findet  sich  aber  im 
An.  Par.  an  der  „tard.  morb.  II"  entsprechenden  Stelle;  das  Gleiche 
gilt  von  der  yovÖQQoia  =  satyriasis  (ac.  m.  III  18  p.  252)  und  der 
Elephantiasis  (m.  ehr.  I  1  p.  493);  5.  Caelius  enthält  nichts  über 
bulimus,  entheastica,  cynicus  spasmus,  haemoptysis,  atrophia  und 
lienteria,  wohl  aber  der  An.  Par.,  auch  stimmen  die  Krankheits- 
gattungen bezw.  Namen  nicht  durchweg  überein;  6.  die  häufige  Ver- 
wendung der  angeblich  zuerst  von  Themison  und  Nikandros  ge- 
brauchten Blutegel-^)  (Orib.  II  72  vgl.  m.  417 f.)  tritt  unterstützend 
hinzu,  ebenso  wie  7.  die  stete  Verordnung  des  von  ihm  erfundenen 
Mohnmittels,  diacodion^)  (Gal.  XIII  40  ff.);  8.  des  Wegerichs 
{aQvöyhoaoov  =  plantago) ; ')  9.  das  fortwährende  oivodozeov  = 
Weinreichen,  das  an  den  Lehrer  Asklepiades  erinnert.  Da  aber 
Caelius  gelegentlich  ausführlicher  ist  als  der  An.  Par.,  kann  dieser 
nicht  die  Quelle  des  Soranos  gewesen  sein,  sondern  er  muss  entweder 
eine  andere  Auflage  oder  ein  verkürzter  Text  sein.  Verkürzungen 
und  Verderbnisse  aber  werden  um  so  wahrscheinlicher,  als  die  Parallel- 
version des  Paris.  2324  durch  solche  Schäden  offenkundig  entstellt 
ist  und  der  Satzbau,  namentlich  gegen  Ende,  und  der  geringe  Umfang 


^)  Bruns,  Quaestioues  Asclepiadeae  de  vinorum  diversis  generibus,  Parchimii 
1884  S.  46.  Vgl.  einen  ähnlichen  Beleg  bei  Cael.  Aur.  ac.  m.  I  15  p.  45,  wonach 
Asklepiades  in  ,,celeriim  passiomim  I"  die  Ansichten  seiner  Vorgänger  widerlegt  hat. 

•-')  Cael.  Aur.  ac.  m.  III  17  p.  247. 

■'')  Well  mann,  Hermes  1901  S.  154  f.:  de  victu  in  ac.  app.;  de  morbo  s. ; 
epid.  II;  de  loc.  in  hom. ;  de  morb.  III. 

*)  fol.  51  r**  16 f.  wird  einmal  der  Kommunitäten  gedacht:  „Bei  Lähmungen 
findet  teils  eine  Zusammenziehung,  teils  eine  Lockerung  statt;  beide  Arten  der 
Krankheit  werden  mit  erwärmenden  Mitteln  behandelt." 

^)  Vgl.  Hub  er,  Die  Blutegel  im  Alterthum.  Hist.-therap.  Studien  =  Deutsch. 
Arch.  f.  klin.  Medic.  XL VII  1891  S.  522  ff. 

")  Nach  Damokrates  bei  Galenos  XIII  40  ff.  hat  Themison  zuerst  die  Diacodion 
bereitet. 

■)  Plin.  25,  8,  80;  PseudapuL,  de  herbar.  virtut.  2;  Macer  Florid.  265  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  333 

der  Schrift,  die  eine  Einteilung-  in  Bücher  gar  nicht  notwendig  macht, 
zu  einer  solchen  Annahme  geradezu  hinführen.  Unsere  Kenntnis  von 
der  methodischen  Therapie  hat  durch  die  anonyme  Themisonüber- 
arbeitung  eine  ungeahnte  Bereicherung  erfahren.  Was  bisher  bekannt 
war,  war  im  wesentlichen  etwa  Folgendes.  Bei  Fieber  gab  Themison 
drei  Tage  nach  dem  Abfalle  (uera  öiargirov)  Nahrung,  falls  das  Fieber 
nicht  erst  hinzugetreten  war;  war  es  dagegen  ein  accedens,  so  gab 
er  sofort  beim  Aufhören  oder,  bei  Continuen,  bei  der  Defervescenz 
Nahrung  (Geis.  III  4).  Bei  Phrenitis  Hess  er  bis  zum  Aeussersten  zur 
Ader  (Cels.  III  18:  ac  si  trucidentur;  rtQÖg  dvva(.uv  häufig  beim  An. 
Par.).  Bei  Ileus  verabfolgte  er  ein  möglichst  scharfes  Salzlaken- 
klystier  (Cels.  IV  15).  Bei  Dysenterie  spülte  er  den  Darm  mit  Wasser- 
und  Wegerichkly stieren,  ferner  Hess  er  an  Nase,  Ohr  und  Augen  zur 
Ader,  salbte  nach  dem  Essen  und  reichte  herben  Wein  (Cael.  Aur.  m. 
ehr.  IV  6  p.  527).  Nieswurz  wandte  er  häufig  zum  Abführen  und 
Erbrechen  an,  und  zwar  die  weisse  in  Dosen  von  höchstens  zwei 
Drachmen  (2  X  3,9  g  ^=^  7,8  g),  während  Herophilos  das  Doppelte  gab 
(Plin.  25,  58);  die  schwarze  wurde  allgemein  nur  in  den  Grenzen  von 
4  Obolen  (4  X  0,57  g  =  2,28  g)  bis  1  Drachme  gegeben  (Plin.  25, 
54;  Mac.  Flor.  1825  f.).  Dass  er  bei  der  bloss  noch  von  dem  Erasi- 
strateer  Straton  gekannten  Elephantiasis  jede  Salbe  verwerfe  (Orib. 
IV  73  =  coH.  med.  45,  29),  wird  durch  den  An.  Par.  widerlegt;  aber 
dort  werden  wenigstens  nur  massige  Salbungen  und  nur  solche  mit  Ad- 
stringentien  (Myrtenöl,  Purgierpflaumen  mit  Alaun,  Schwefel  u.  ä.) 
empfohlen  (vgl.  Cael.  m.  ehr.  IV  1  p.  493  if.).  Als  Grund  der  Hämor- 
rhagie  erkannte  er  bloss  die  vulneratio  =  Kontinuitätstrennung  an 
(II  10  p.  390);  er  behauptete,  dass  sich  die  Narbe  binnen  3  Dia- 
tritoi  =  binnen  7  Tagen  festige  (II  13  p.  404)\  und  verordnete 
mehrere  Arzneien  gegen  Blutungen:  Granatäpfel,  Aloe  und  kaltes 
Wasser;  das  Weidenmittel  dia  heCbv;  das  Obstmittel  6ia  o/rw^wv u.  s.  w. 
Bei  Katarrh  verwandte  er  Schwefel  u.  a.  als  Streumittel  auf  den 
Thorax,  dann  auch  Riechmittel  aus  IlljTischer  Schwertlilie  und  deren 
Oel,  aus  Gileadbalsam,  Schwarzkümmel,  Anis,  Kreuzkümmel,  Eaute, 
Majoranöl,  Storax,  Myrrhe,  Weihrauch,  Schwefel  und  Silphionwurzeln 
u.  s.  w.,  auch  reinen  Wein  als  Getränk  (II  7  p.  385  if.).  Bei  der 
Würmerkrankheit  fand  er  den  Puls  ungleichmässig  und  häufig  sogar 
aussetzend  (9.  Buch  der  Briefe;  IV  8  p.  534).  Den  Alpdruck  nannte 
er  nviyaUiov  =  Ersticken  (I  3  p.  288  f.).  Gegen  Ikterus  riet  er  mit 
dem  Asklepiadeer  Titus  den  Coitus  an  (III  5  p.  460  f.).  Nach  des 
Thessalos  Zeugnis  gab  er  bei  Uterushämorrhagien  scharfen  Essig  (II 
13  p.  417).  Bei  Paralysen  setzte  er,  wie  Thessalos  auch  that,  am 
4.  Tage  Schröpfköpfe  auf  (II  1  p.  366).  Bei  maniakalischen  Zuständen 
Hess  er  zur  Ader,  dann  gebrauchte  er  adstringierende  Bähungen, 
Bäder,  Wein  in  grossen  Mengen,  Geschlechtsgenuss  und  reichliche 
Ernährung  (I  5  p.  339).  Der  artigen  Geschichte,  dass  er  keine  Hei- 
lung der  Tollwut  habe  niederschreiben  können,  weil  er,  jedesmal  wenn 
er  den  Griffel  ansetzte,  einen  Rückfall  seiner  eigenen  Wutkrankheit 
erfahren  habe  (ac.  m.  III  16  p.  232),  widerspricht  die  im  An.  Par.  er- 
haltene kurze  Therapie.  Nausea  =  Uebelkeit  heilte  er  mit  seinem 
berühmten  Bittermittel,  Tti/.Qd  (Aloe,  Mastix.  Safran,  Indischer  Bal- 
drian, Haselwurz,  Zimmet  und  Balsam  nach  Aet.  III  1,  10  =  ed.  Lugd. 
1549  p.  541).  Gegen  Abspannung  und  nervöse  Zustände  verordnete 
er  von  Asklepiades  entlehnte  ä-KOTia  (Gal.  XIII  1009);  gegen  Ohren- 


334  Robert  Fuchs. 

leiden  ein  Rezept  aus  Bibergeil,  Opopanax,  Mohnsaft,  Essig,  Schaum- 
soda, Tresterwein  in  Pulverform  (Geis.  VI  7,  1).  Den  Samenfluss 
{yovÖQQOia  An.  Par.,  satyriasis  Cael.  ac.  III  18  p.  252)  erkannte  er 
zuerst  von  allen  Aerzten  als  eigene  Krankheit.  Er  berichtete,  dass 
auf  Kreta  viele  daran  starben,  weil  sie,  wie  man  meinte,  zu  viel 
satyrion  (Orchis  L.  ?  Knabenkraut  ?)  aus  Unverstand  assen.  Auch  in 
Mediolanum  (Mailand)  soll  nach  Themison  eine  mit  einem  vornehmen 
Manne  verheiratete  junge  Frau  dem  Leiden  erlegen  sein.  Epist.  II  an 
Asilius  hatte  er  Aderlass,  Bähungen,  kalte  Umschläge  und  kalte 
Tränke  anempfohlen.  Der  Parisinus  erweitert  diese  Vorschriften.  Bei 
Elephantiasis  (epist.  II  an  Deimas  nach  Cael.  ehr.  m.  II  1  p,  493  ff.) 
nahm  er  seine  Zuflucht  zu  Aderlass,  Brechmitteln,  Abführmitteln,  ad- 
stringierenden  Salben  aus  Purgierpflaumen,  Essig  und  Rosen-  oder 
Myrtenöl  und  aus  Ammoniakgummi  und  Alaun  u.  s.  w.  Statt  der  bei 
Caelius  erhaltenen  therapeutischen  Vorschriften  für  fast  alle  Krankheiten 
kann  hier  um  der  Kürze  willen  nur  eine  Probe  über  eine  einzige  Krank- 
Jieit,  die  Phrenitis,  aus  dem  An.  Par.  geboten  werden.  Nach  Angabe 
der  Ursache,  wie  sie  Erasistratos,  Praxagoras,  Diokles  und  Hippokrates 
auffassen,  und  nach  einer  peinlich  genauen,  unübertrefflichen  Sym- 
ptomatologie, die  auch  die  subjektiven  Symptome  einschliesst,  wird 
folgende  Heilweise  angeraten:  Lagerung  an  einem  hellen  Orte,  bei 
solchen,  die  das  Licht  scheuen,  im  Dunkeln;  falls  am  1.  oder  2.  Tage 
Delirien  auftreten  und  der  richtige  Zeitpunkt  da  ist,  Aderlass  am  2. 
oder  3.,  selten  am  4.  Tage;  Klystier;  nach  der  Diatritos  Nahrungs- 
aufnahme unter  Gebet;  viel  Trank,  selbst  bei  Abneigung  dagegen; 
vom  1. — 3.  Tage  Umschläge  von  Rosenöl  auf  den  Kopf,  von  da  ab 
von  Rosenessig  (5  Teile  Rose,  1  Teil  Essig);  halten  die  Delirien  an, 
Auszüge  aus  Minze,  Raute,  Epheu  oder  Feldthymian;  nach  der  2. 
Diatritos  bei  Entzündung  der  mittleren  Teile  des  Rumpfes  Schröpfen, 
eventuell  mit  Scarifikation ;  Aufsetzen  von  Schröpfköpfen  auf  Hinter- 
haupt und  Arm  je  nach  den  Kräften  des  Patienten;  bei  Delirien  Zuspruch 
unter  Hinweis  darauf,  dass  die  Umstehenden  Freunde  seien,  bei  Ge- 
legenheit auch  Erschrecken;  Hereinführen  von  Weib  und  Kindern; 
einschläfernde  Einlaufe  von  Mohn-  oder  Bilsenkrautabkochung;  Stirn- 
umschläge von  Feldthymian  in  Rosinenwein,  zumal  bei  Paroxysmen^ 
Umschläge  von  zerriebenen  gekochten  Mohnköpfen,  Brot  und  Rosen- 
cerat;  Salben  aus  Mohnsaft  oder  Schlafpastillen  aus  Alraun;  Stuhl- 
zäpfchen aus  Wolle,  Mohn-  oder  Alraunsaft,  Fixieren  durch  Flachs- 
fäden; Salben  aus  altem  oder  Sikyonischem  Oele  mit  Bibergeil  und 
Bibergeiltränke;  Schröpf  köpfe  auf  Wirbel,  Kreuz,  Brust  und  Ober- 
bauch, bei  Frauen  auch  auf  den  Unterleib  und  die  Leisten ;  Stuhlzapfen 
aus  Stiergalle  und  Soda  oder  Alaun  und  Honig;  nach  der  3.  oder  4. 
Diatritos,  falls  der  Paroxysmus  eintritt,  Bäder  von  warmem  Oele;  bei 
Schlafsucht  Senfpflaster  und  Dampfbäder,  Niesmittel,  Naseneinlauf 
von  Essig  oder  Essig  mit  Senf  und  Bibergeil;  ebensolche  Scheiden- 
räucherungen;  schleim  treibende  Mittel,  Nasenspülmittel  (Qtveyxvra)  aus 
Senf,  Honig,  Thymian,  Dosten,  Polei,  Smyrnäischem  Dosten  (vootorcog) 
und  Essighonig.  Tragen  in  der  Sänfte  in  guter  Luft,  fern  von  Stick- 
luft, Lärm  und  üblen  Gerüchen,  denn  das  würde  die  Epilepsie  be- 
günstigen. Enthaltung  von  Bädern  und  Wein.  Nachfolgende  Läh- 
mungen werden  durch  Bibergeil-  und  Wollumschläge  geheilt;  hieran 
schliessen  sich  bis  zum  Aeussersten  getriebene  Aderlässe,  Salbungen 
u.  ä.    Mit  gleicher  Genauigkeit  gab  Themison  auch  für  alle  anderen 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  335 

Krankheiten  seine  jetzt  wiedergewonnenen  Vorschi-iften,  die  sich  im 
allgemeinen  in  den  oben  skizzierten  methodischen  Bahnen  bewegen 
und  darum  vielfach  mit  der  soranischen  Therapie  übereinstimmen 
müssen,  aber  doch  soviel  Besonderheiten  aufzeigen,  dass  Themison 
in  der  Entwicklungsreihe  Asklepiades  bis  Soranos  seinen  besonderen 
Platz  beansprucht.  Leider  können  wir  ihm  diesen  bei  der  Seltenheit 
der  Bruchstücke  auf  gynäkologischem  Gebiete  nicht  mehr  anweisen. 
Dem  Uterus,  den  er  zum  Gegenstande  seiner  Untersuchungen  machte 
(Orib.  III  377),  mass  er  wenig  Bedeutung  bei,  denn  er  falle  vor  oder 
werde  herausgeschnitten,  ohne  den  Tod  herbeizuführen  (Sor.  I  3,  15). 
Die  Menstruation  dient  nach  ihm  ausschliesslich  zur  Kindererzeugung 
(I  6,  27).  Er  leugnete,  dass  es  besondere  Frauenleiden  gebe  (II  praef. 
2  f.).  Dass  er  bei  Uterushämorrhagien  zur  Ader  Hess,  tadelt  Soranos 
(II  10,  42)  wegen  der  grossen  Gefahr.  Themison  hatte  durch  seine 
geistreich  durchdachte  und  praktisch  zweifellos  erfolgreiche  Durch- 
bildung der  asklepiadeischen  Lehre,  von  der  schliesslich  nur  noch  all- 
gemeine Grundzüge  erkennbar  blieben,  zahlreiche  Schüler  gewonnen. 

Von  ihnen  wurde  Meges  aus  Sidon  bereits  oben  (S.  322 f.)  be- 
sprochen, da  sein  Unterricht  bei  Themison  nur  von  Einigen,  äD.oi, 
bestätigt  wird  (Orib.  III  688  =  635  schol.).  Die  Identität  des 
P  r  0  k  1 0  s  mit  Proculus  wird  von  Grotefend  ^)  ohne  Grund  bezweifelt.  Er 
setzte  die  Hydropsarten  mit  den  „meisten"  Aerzten  in  Beziehung  zum 
Krankheitsstadium;  Xev/.ocpley^taTia  sei  das  Anfangs-  und  Steigerungs- 
stadium, Tv^inavkr^c.  der  Stillstand,  äanirr^g  der  Abfall;  auch  könne 
/.ata  occQTia,  Trommelsucht  und  Ascites  bis  über  den  Stillstand  und 
bis  zum  Abfalle  (declinatio)  hin  anhalten  fCael.  Aur.  m.  ehr.  III  8 
p.  469).  Ein  Rezept  gegen  Podagra  u.  ä.  hat  Oreibasios  (V  130 f.; 
871)  erhalten.  \ 

Thessälos  aus  Tralleis  in  Lydien,  der  Sohn  eines  Webers,  wird 
in  dem  Canon  des  Lambecius,  nicht  aber  in  dem  Cramers  genannt.  In 
dem  Laurentianischen  Canon  erscheint  er  mit  dem  rätselhaften  Zusätze 
„ex  Nechepso".^)  Er  widmete  Nero  seine  Schriften,  doch  hat  er  auch 
noch  unter  Traianus  gelebt.  Seine  Anmassung  und  Dummheit  war 
sprichwörtlich.  Den  Schustern,  Färbern  und  Schmieden,  die  seine 
Gefolgschaft  bildeten  und  die  Galenos  die  „Esel  des  Thessälos"  nannte, 
hielt  er  sechsmonatliche  Schnellkurse  am  Krankenbette.  Er  zerstörte 
das  stolze  Gebäude,  das  seine  Vorgänger  aufgerichtet  hatten,  und  ging 
gegen  sie  wie  gegen  seine  ihm  überlegenen  Zeitgenossen  wie  ein  „toller 
Hund"  vor.  Auf  seinem  Grabmale  in  der  via  Appia  bezeichnete  er 
sich  bescheiden  als  iaxQovi/.r^g  =  Aerztebesieger  (Plin.,  bist.  nat.  29,  9). 
Wie  er  Hippokrates  siegesbewusst  einen  Lügner  nannte  und  jedem 
seiner  Vorgänger  auch  das  geringste  Verdienst  absprach  (Gal.  X  5), 
so  nannte  ihn  Galenos  ironisch  den  „Allerweltsweisen"  {aocf(üTaTog). 
Von  seinen  Schriften  citiert  Caelius  oft  den  öiatzr^Tixog  =  liber  de 
regulis  in  2  Büchern  (z.  B.  m.  ac.  III  17  p.  247).  Das  2.  Buch,  das 
er  ,,comparatio"  nannte,  enthielt  eine  Polemik  gegen  Erasistratos  und 
berücksichtigte,  vermutlich  in  doxographischer  Art,  auch  andere  Vor- 
gänger. Daneben  standen  seine  xEiQovqyovßeva  (m.  ehr.  II  12  p.  399). 
Die  Lehre  des  Themison  ergänzte  Thessälos  durch  die  Erfindung  der 


^)  Die  Stempel  d.  röm.  Augenärzte,  Hannover  1867,  Xr.  83 f.;  vgl.  Gal.  X  52: 
XIV  684. 

»)  Wellmanu,  Hermes  XXXV  1900  S.  370. 


336  Eobert  Fuchs. 

Metasynkrisis  =  recorporatio  (s.  oben).  Er  leugnete,  dass  man  einzelne 
erkrankte  Teile  durch  lokale  Mittel  heilen  könne,  und  verwarf  daher 
alle  Leber-,  Nieren-  und  Brustmittel.  Die  galle-  und  schleimtreibenden 
Mittel  wandte  er  nicht  an,  da  sie  die  schlimmen  Entleerungen  erst 
hervoiTufen  sollten.  Nahrung  verabfolgte  er  gern  dia  TqLxov,  einen 
Tag  um,  den  anderen.  Die  Stimm  Übungen  sollen  Wunderkuren  ermög- 
lichen und  sogar  bösartige  Geschwülste  heilen.  Die  chronischen  Krank- 
heiten behandelte  Thessalos  im  2.  Buche  des  dianrjTixög  (Cael.  Aur. 
ehr.  m.  praef.  p.  268);  Soranos  wirft  ihm  einmal  vor,  dass  er  im 
1.  Buche  in  dem  Kapitel  über  den  Ileus  in  manchen  Beziehungen  mit 
sich  und  der  methodischen  Sekte  in  Widerspruch  stehe  (ac.  m.  III 17 
p.  247).  Bezüglich  der  Phrenitis  leugnete  er,  dass  es  sichere  Vor- 
zeichen dieser  Krankheit  gebe  (I  1  p.  9);  diejenigen,  die  an  starker 
Striktur  dabei  leiden  sollten,  meinte  er,  hätten  Fieber  und  bis  zur 
Defervescenz  einen  aussetzenden  (submersus)  Puls,  oft  auch  Schmerzen 
beim  Urinieren;  man  solle  ihnen  zur  Ader  lassen  (I  1  p.  11).  Die 
Therapie  der  Paralysis,  bei  deren  Besprechung  er  „in  frecher  Eilfertig- 
keit einiges  Hinfällige"  vorgebracht  haben  soll,  ist  also:  Aderlass, 
Fasten  bis  zum  3.  Tage,  bloss  bei  Sonnenaufgang  ein  Trunk,  am 
4.  Tage  Essen,  dann  Aufsetzen  von  Schröpfköpfen,  wie  bei  Themison ; 
Nahrungsaufnahme  für  eine  unbestimmte  Frist  bloss  einen  Tag  um 
den  anderen,  gewisse  Acopa  und  Malagmata  (m.  ehr.  II  1  p.  366 f.). 
Auch  bei  Arthritis  war  sein  Verfahren  mangelhaft  und  abweichend 
(V  2  p.  567).  Die  Kachexie  berücksichtigte  er  wie  sein  Lehrer  (III 
6  p.  461).  Bei  Hydrops  folgte  er  grossenteils  dem  Themison.  Ausser- 
dem aber  reichte  er  vor  dem  Essen  3 — 5  Becher  mit  Wasser  ver- 
schnittenen Weines;  die  Paracentese  verwarf  er  mit  Erasistratos ; 
dann  wandte  er  die  Kataplasmen  „Apollophanion"  und  „dieuphorbiu" 
an  (III  8  p.  478;  491).  Leber-  und  Milzleidende  unterwarf  er  der 
gleichen  Behandlung  (III  4  p.  456).  Bei  Kardialgie  trennte  er  den 
mit  Durchfall  verbundenen  Fall  von  dem  mit  Blähungen  einhergehen- 
den (III  2  p.  434).  Bei  Hämorrhagien  Hess  er  zur  Ader,  wenn  der 
Blutverlust  am  3.  Tage  sehr  bedeutend  war  (II  12  p.  399;  13  p.  410; 
415).  Auf  g3'näkologischem  Gebiete  stellte  er  das  Vorhandensein  be- 
sonderer Krankheiten  der  Frauen  in  Abrede  (Sor.  II  praef).  Der 
Methodiker  Dionj'sios^)  war  älter  als  Mnaseas  (Sor.  I  6,  27)  und 
ward  von  Galenos  (XIV  684;  X  52)  zwischen  Themison,  Thessalos, 
Mnaseas  und  Proklos,  Antipatros  aufgezählt.  Soranos  (I  6,  29)  tadelt 
ihn,  dass  er  auch  eine  na turgem äs se  Straffheit  und  Lockerheit  an- 
nahm und  Mnaseas  dadurch  in  die  Irre  führte.  Alte  Hämorrhoiden 
bestreute  er  mit  Realgar,  dann  legte  er  eine  Masse  auf,  bestehend  in 
Kupferschuppen,  Operment  und  Kalkstein;  am  nächsten  Tage  umstach 
er  den  Knoten  mit  einer  Nadel  (Geis.  6,  18,  9).  Bei  Hämorrhagie 
schnürte  er,  wie  Xenophon,  Binden  um  die  Gliedmassen  (Cael.  Aur.  m. 
ehr.  II  13  p.  416).  Scribonius  beruft  sich  auf  ihn.  Mnaseas'  Name 
erscheint  in  den  Handschriften  des  Galenos,  Caelius,  Aetios,  Paulos, 
Alexandros  von  Tralleis  in  allen  möglichen  Schreibweisen,  sogar  als 
Manaseus    und  bei  den    Arabisten  als    Manasse    (Pseudogalenos    be- 


^)  ZxT  den  vielen  Aerzten  dieses  Namens  vgl.  von  Töply,  Studien  z.  Gesch. 
d.  Anat.  im  Mittelalter,  Leipz.  u.  Wien  1898,  S.  3;  Oder  bei  Susemihl,  Gesch.  d. 
griech.  Litt,  in  d.  Alexandrinerzeit  I  877  A.  194;  878  f.  Dionysios  o  y.v^rös  (der 
Bucklige)  kommt  noch  hinzu.  Er  schrieb  über  Bubonen  (Orib.  III  607).  Sein  Name 
lautet  im  Canon  medic.  Laurent.  „Dionj-sius  custos". 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  337 

zeichnet  ihn  als  Methodiker  (XIV  684).    Er  ist  von  dem  Kochschrift- 
steller und  Landwirte  zu  unterscheiden  (Oder  bei  Susemihl  I  842 
A.  45;  844).    Seine  Lebenszeit  fällt  in  die  zweite  Hälfte  des  1.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.    Er  führte  manche  Leiden  auf  beide  Kommunitäten, 
die  strictura  und  die  solutio,  zurück;  Caelius  nennt  solche  Krank- 
heiten „complexus".    Dazu   gehört  der  Lethargus,  denn  bei  einigen 
werden  die  natürlichen  Verrichtungen  (officia  =  excrementa)  unter- 
drückt, bei  anderen  kann  sogar  unfreiwilliger  Abgang  stattfinden  (ac. 
m.  II  5  p.  81).     Bei  Lungenentzündung  löste  man  die  Wachspasten 
durch  das  emplastrum  Mnasei  ab,  andere  verwandten  das  des  Neileus 
oder  Apollophanes,  die  minder  kräftig  wirken  (II  29  p.  142).    Durch 
conductio  (=  Zusammenziehung)  entstandene  Paralj^se  nannte  Muaseas 
Tiagdlenpig,  und  auch  bei  der  Parah^se  erkannte  er  somit  die  solutio 
als  andere  Ursache  an  (m.  ehr.  II  1  p.  348).    Der  als  „hilaritas"  auf- 
tretende „furor"  galt  seinen  Schülern  als  durch  Lockerung  entstanden 
(I  5  p.  329).    Auch  der  Katarrh  hat  beide  Grundursachen,  berichtet 
Caelius  unter  der  Versicherung,  dass  er  das  Urteil  des  Mnaseas  und 
des  Soranos  liebe  (JI  7  p.  380).     Sein  Nachruhm  aber  beruht  aus- 
schliesslich auf  seinem  wirksamen  Malagma  (z.  B.  Orib.  eup.  IV  127 
=  V  787  Buss.  et  Dar.;  V  119;  863;  925:   „Emplastrum  naseum") 
und  Pastillus  (V  122 f.;  865).    Die  Zusammensetzung  des  Pastills  ist 
nach  Philumenos'  Angabe  verzeichnet.  Die  Menses  sind  nach  Mnaseas 
(und  Herophilos)  manchen  zuträglich  und  manchen  nicht;   denen  von 
straffer  Konstitution  sind  sie  gesund,  denen  von  schlaffer  schädlich 
(Sor,  I  6,   27;   29).     Antipatros^)    schrieb   wenigstens   3   Bücher 
Briefe.    Im  3.  Buche,  das  ganz  oder  teilweise  dem  (sfallus  gewidmet 
war,  sagte  er  aus,   dass   nicht   nur   bei  der  Hämorrhagie vernarbung, 
sondern  überall  die  Dreizahl  (=  Diatritos)  das  von  der  Natur  Ge- 
gebene sei  (Cael.  m.  ehr.  II  13  p.  404).     Die  Ligatur  verwarf  er  in 
diesem  Falle,  weil  nach  der  Abnahme  der  Binden  nur  um  so  stärkerer 
Fluss  eintrete  (p.  416).    Menemächos'-)  von  Aphrodisias,  in  dem 
Canon   medicorum  von  Cramer  Movöiiaxog  genannt,  war,  da  bereits 
Celsus  sein  Mittel  gegen  Zahnschmerz  infolge  von  hohlen  Zähnen  er- 
wähnt (6,  9)  und  da  er  Themisons  Regeln  über  das  Ansetzen  der  Blut- 
egel vervollständigte  (Orib.  coli.  med.  VII  22  =  II  72 f.;  417 f.),  gewiss 
Themisons    Schüler.     Den    Lethargus    definierte    er   als    ,.pressuram 
celerrimam  vel  acutam  cum  acutis  febribus  et  non  semper  iugibus" 
==  akutes  Leiden  mit  akuten,  nicht  immer  anhaltenden  Fieberanfällen 
(Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1  p.   75).     Ein   Enthaarungsmittel,   ipü.coO^Qov, 
hielt  Oreibasios  (coli.  med.  X  14  =  II  417)  der  Mitteilung  für  wert. 
Macer  Floridus  (486 f.)  singt: 

Omnibus  antidotis  Menemächüs  eäm  sociari  (sc.  betonicam) 
Praecipit  ut  stomacho  magis  herbis  omnibus  aptam, 

und  Vers  1165  ff.  beschreibt  er  die  Bereitung  des  „cataplasma  sinapis" 
durch  Menemächos.  Der  „Schwätzer"  (Gal.  X  53  f.)  Oljmpikos  aus 
Miletos  (Gal.  XIV  684)  ist  ohne  Bedeutung.  Eudemos,  der  Themi- 
sonianer,  war  Arzt  und  „Hausfreund"  der  Livia,  der  Frau  des  Drusus. 
Dieser  wurde  23  n.  Chr.  auf  Anstiften  der  Livia  durch  Eudemos  ver- 
giftet (Tac.  ann.  4,  3;   Plin.  29,  20).     Wahrscheinlich  ist  er  mit  dem 


1)  Well  manu,  Fleckeiseus  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1892  S.  678. 

2)  Vgl.  Gal.  X  52;  XIY  684. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  22 


338  Kobert  Fuchs. 

Eudemos  identisch,  der  den  koischen  Pinax,  das  Weihgedicht  über 
den  Theriak  des  Königs  Antiochos  VIIL,  für  uns  durch  Galenos  (XIV 
183  f. ;  201  f.)  erhalten  hat.^)  Kardialgie  wollte  er  durch  kalte  Klystiere 
heilen  (Cael.  Aur.  ac.  m.  II  38  p.  171).  Er  erzählte  von  einem  Arzte, 
der  in  Voraussicht  des  Ausbruchs  der  Tollwut  die  Eintretenden  be- 
schwor, ihm  zu  helfen,  und  durch  das  Hervorbrechen  der  Thränen 
einen  solchen  Anfall  bekam,  dass  er  hinausstürzte  und  seine  Kleidung 
zerriss  (III 11  p.  221).  Eudemos  nahm  bei  Hydrophobie  den  Aderlass 
vor,  reichte  am  2.  oder  3.  Tage  Nieswurz  und  setzte  „usque  ad  partium 
pustulationem"  Schröpfköpfe  (III 16  p.  233).  Die  Melancholie  erklärte 
er  für  eine  Art  Wasserscheu  (III  12  p.  222).  Bei  Phrenitis  soll  der 
Widerwille  vor  Getränken  durch  visa,  „quae  Graeci  phantasiam  appel- 
lant",  also  durch  Visionen  verursacht  werden  (III  15  p.  229).  Wohl 
auch  Schüler  des  Themison  war  Apollonides  von  Kypros  (Gal.  X  53). 
I  Uli  an  OS  wurde  von  Galenos  in  Alexandreia  gehört  (X  53).  Galenos 
bezeichnet  seine  Lehrvortäge  als  „Possen"  und  sagt,  lulianos  habe 
nicht  einmal  gewusst,  was  Ttd^og  und  voorj^ia  sei.  Seine  zahlreichen 
eiaaytoyai  (=  medizinische  Propädeutik)  entstanden  durch  geringe  Um- 
stellungen und  Veränderungen  ein  und  desselben  Werkes.  Er  war  Schüler 
des  Apollonios  von  Kypros  (X  54)  und  soll  48  Bände  gegen  die  hippo- 
kratischen  Aphorismen  verfasst  haben  (XVIII,  1 248).  Sein  „emplastrum 
barbarum"  wird  XIII  557  verzeichnet.  Er  schrieb  endlich  noch  über 
die  heilsame  Wirkung  von  Gemälden.  Ein  Rezept  eines  "lovUog  le- 
novvöog  findet  sich  XIII  1029.  Leonidas  aus  Alexandreia^)  (Jeio- 
viörjg  canones),  bei  Galenos  6  eTriavv^€ti-/.bg  genannt,  weil  er  Metho- 
disches, Empirisches  und  Dogmatisches  zu  vereinigen  suchte,  lebte 
gegen  Ende  des  1.  Jahrhunderts  n.  Chr.  Wegen  seines  Beinamens 
(Gal.  XIV  684;  Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1  p.  75)  wird  er  Schüler  des 
Gründers  der  episynthetischen  Sekte,  des  Agathinos,  gewesen  sein 
(Gal.  XIX  353).  Well  mann-'*)  bezeichnet  ihn  als  den  „pneumatischen 
Chirurgen"  und  weist  nach,  dass  er  zum  Teil  auf  Philoxenos  fusse. 
Wir  können  folgende  Schriften  erschliessen :  1.  x^igovQyov^ieva,  Titel 
nicht  überliefert,  von  Heliodöros,  Archigenes  und  Antyllos  ausgebeutet 
(Wellmann  S.  17);  2.  eine  Gynäkologie;  3.  eine  Schrift  mit  noch 
nicht  enträtseltem  Titel,  denn  das  Scholion  bei  Oreibasios  III 688  lautet: 
fx  Tov  y'  N"'  Tcbv  Jaoviöov  '/.scpalaicov.  Die  spärlichen  Ueberreste,  die 
von  dem  Ruhme  und  der  Gelehrsamkeit  des  kühnen  Chirurgen  zeugen, 
hat  Well  mann  (S.  16  A.  15)  aus  Oreibasios,  Aetios  und  Paulos  ver- 
einigt. Den  Lethargus  erklärte  er  als  „lethargia  (lies :  obtrusio)  secun- 
dum  vias  membranarum  cum  furore  mentis  atque  febre  et  maestitudine 
ac  pressura  (Druck)  et  pulsu  magno",  was  Soranos  (Cael.  a.  a.  0.)  für 
ungenügend  erklärt.  Er  unterschied  8  Arten  Schädelbrüche  (Well- 
mann  S.  75  ff.)  und  behandelte  den  Hydrocephalus  (Aet.  112,  1),  Brust- 
fisteln, Brustkrebs  und  Brustscirrhus  (Aet.  IV  4,  41;  43;  45;  50  = 
Zervös  S.  58;  60;  61;  68).  Die  Hämorrhoidalknoten  komprimierte  er 
längere  Zeit  mit  einer  Zange  (oracpvldyQa)  und  trug  sie  dann  ab. 
Verborgene  Mastdarmfisteln  suchte  er  mit  dem  Mastdarmspiegel  auf 
(tÖQoöiaaToXevg).     Der    Lappenschnitt    war    ihm    wohlbekannt.      Die 


^)  Herzog,  Eoische  Forschuugen  ii.  Funde,  Leipzig  1899  S.  203  A.  1.  Vgl. 
oben  S.  319. 

^)  Gal.  XIV  684.  Bei  Gramer,  Anecdota  Graeca  e  codd.  manuscriptis  Biblio- 
thecae  regiae  Parisiensis  IV  196  ist  er  zu  JioviSr,s  verschrieben. 

^)  Die  pneumat.  Schule  bis  auf  Archigenes,  Berl.  1895,  123;  vgl.  16;  78  if. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  339 

Hermaphroditen  teilte  er  in  3  männliche  und  2  weibliche  Gruppen  ein 
(Paul.  Aeg.).  Von  Philon  hat  Galenos  (XIII  267 ff.)  13  Distichen 
über  seine  ävtlöorog  erhalten.  ^)  Hierauf  folgt  deren  Erläuterung. 
Ein  schmerzstillendes  Mittel  giebt  Galenos  X  818  an.  Asiaticus 
ist  uns  nur  durch  eine  herrliche  Büste  aus  Smyrna  bekannt,  die  die 
Aufschrift  trägt:  M.  Jloöiog  ^aiarr/.og  iaiQog  {.led^odr/.og.  In  dem  Ab- 
schiedsverse an  den  jung  gestorbenen  Arzt,  der  sich  auf  der  Statuette 
findet,  kommt  die  Bezeichnung  7tQ0GxdTi]g  =  Patron  (?)  vor.-) 

Philumenos'^)  war  mehr  Eklektiker  und  Kompilator  als  Metho- 
diker. Bisher  versetzte  man  ihn  in  das  1.  Jahrhundert  n.  Chr.  (Häser 
um  80);  aber  da  er  von  Soranos  -  Caelius  und  Galenos  nicht  genannt 
wird,  nach  der  Ueberlieferung  jünger  als  Archigenes,  aber  älter  als 
Oreibasios  ist,  weist  ihn  Wellmann  (a.  a.  0.  129 f.)  der  Zeit  um 
250  n.  Chr.  zu.  Seine  Quellen  sind  (a.  a.  0.,  Index)  Archigenes,  Soranos, 
Herodotos,  seine  Benutzer  Oreibasios,  Aetios,  Paulos,  besonders  in 
pathologischen,  therapeutischen  und  gynäkologischen  Fragen.  Er  ver- 
fasste  ycvar/.sla  in  wenigstens  2  Büchern  (Orib.  III  681  schol.)  und 
mindestens  ein  therapeutisches  Werk,  dessen  Abschnitte  über  Unter- 
leibsleiden in  lateinischer  Sprache  in  den  ßsQajrevnxa  des  Alexandros 
von  Tralleis  vorkommen,  von  Günther  von  Andernach  ins  Griechische 
übersetzt  und  in  die  griechische  Ausgabe  eingeschmuggelt  wurden  und 
von  Puschmann^)  veröffentlicht  sind.  Als  Brechmittel  benutzte 
Philumenos  Eettigsaft  oder  Nieswurz  (Orib.  V  822 f.,  aus  der  syn., 
bloss  lateinisch  erhalten).  Seine  uns  bekannt  gewordene  Therapie  be- 
zieht sich  auf  den  Bausch,  crapula  (Aet.  I  4,  51;  III 1,  25);  „Begleit- 
erscheinungen" des  Fiebers,  als  Ohrenschmerz  (II  1,  120),  Augenver- 
dunkelung (123),  Urinbeschwerden  (125),  Verschwärungen  am  os  sacrum 
(127),  Scrotum  und  Anus  (128),  Durst  (119);  die  Ohnmacht  (III  1,  7), 
das  Brennfieber  (II  1,  78),  Mandelentzündung  (II  4,  45)  und,  sehr  aus- 
fiihrlich,  Elephantiasis  (Orib..  coli.  med.  45,  29  ==  IV  65  ff.).  Auch 
über  angenehm  zu  nehmende  Heiltränke  bei  Fieber  sann  er  nach  (Aet. 
II  1,  132).  Bei  chronischen  Augenflüssen  verordnete  er  Abführmittel 
(Orib.,  coli.  med.  VIII  45  =  II  268 f.).  Den  Frauen^)  widmete  er 
seine  besondere  Fürsorge.  Die  erhaltenen  Fragmente  berühren  allerlei 
Geschwülste  des  Uterus  (Aet.  IV  4,  105),  die  Metritis  (IV  4,  83), 
Brustdrüsenentzündung  (IV  4,  37  f.),  die  Nymphotomie  (IV  4,  103)  und 
die  Lösung  der  Nachgeburt  (IV  4,  24).  Sehr  lehrreich  ist  auch  die 
Auseinandersetzung  über  Embryulcie  und  Embryotomie,  deren  Aus- 
legung, so  sehr  es  auch  die  dort  vorgeschriebene  Wendung  recht- 
fertigen könnte,  doch  hier  zu  weit  führen  würde  (IV  4,  23). 

Den  Höhepunkt  der  methodischen  Schule  aber  stellte  zweifellos 
Soranos^)  aus  Ephesos  dar,  der  Sohn  des  Menandros  und  der  Phoibe, 


^)  Poetanim  de  re  phvsica  et  medica  reliquias  coli.  U.  Cats  Bnssemaker,  Paris 
1851,  II  297;  cf.  Orib.  V  792;  Macer  Flor., 1812  f.:  Otho  Cremonensis  154  ff. 

-)  Visconti,  Iconographie  grecque,  A   Paris  1808,  I  Taf .  33 ;  157  ff. 

*)  Puschmann,  Nachträge  zu  Alexander  Trallianns,  Fragmente  ans  Philu- 
menns  nnd  Philagrius  etc.  Berliner  Studien  V  2,  1886;  L.  Unger,  Wiener  med. 
Wochschr.  1888.    Ueber  Philumenos  handelt  Pinoff  (s.  unter  Soranos). 

-•)  Zervös  S.  30;  34;  54;  56;  126;  152;  154. 

■')  Albert,  Les  Grecs  ä  Eome.  Les  medecins  grecs  ä  Rome,  Paris  1894 
S.  197  ff. ;  Haeser,  De  Sorano  Ephesio  ejusque  tcs^I  ywaiy-eicov  Tta&cöv  libro  nuper 
reperto  etc.,  Progr.,  lenae  1840;  Huber,  Nachträge,  Münch.  med.  Wochschr.  1897 
Nr.  14;  Pin  off,  Artis  obstetriciae  Sorani  Ephesii  doctrina  etc.,  Diss.,  Vratislaviae 
1841:  Henschels  Janus,  Breslau  18461,  I;  II;  Scheele,  De  Sorano  Ephesio  medico 

22* 


340  Robert  Fuchs. 

nach  Caelius  Aurelianus  „metliodicorum  priuceps"  (m.  ehr.  I  1  p.  287). 
Wenn  Suidas  neben  diesem  Arzte,  der  in  Alexandreia  studierte,  in  Rom 
(Cael.  Aur.  ac.  m.  II  22  p.  132)  unter  Traianus  und  Hadrianus  (um 
110  n.  Chr.)  praktizierte  und  „viele  herrliche  Werke"  verfasste,  noch 
einen  jüngeren  Ephesier  Soranos  nennt,  bei  dem  die  Lebensverhält- 
nisse ebenso  unberücksichtigt  gelassen  sind,  wie  bei  jenem  die  Schriften, 
so  handelt  es  sich  offenbar  um  ein  und  dieselbe  Person.  Ein  Soranos 
von  Kos  wird  in  dem  ßlo^  'l7t7to'/.Q(hovg  unseres  Soranos  citiert.  12 
dieses  Namens  hat  Fabricius^)  zusammengebracht;  Galenos  nennt 
nur  einen.  Unsinnig  ist  es,  wenn  Soranos  zum  Zeitgenossen  des 
Sokrates,  Piaton,  Aristoteles  und  Seneca  oder  des  Augustus  oder  gar 
der  Kleopatra  und  des  Antonius  (so  Tzetzes,  Alleg.  ad  Iliad.  proleg. 
7 f.)  gemacht  worden  ist  (Usener,  Vergessenes,  Rhein.  Mus.  XXVIII 
1873,  412  ff.).  Von  Schriften  (30  =  triacontas  nach  Muscio  praef.) 
werden  folgende  genannt:  1.  negl  ipvx^g  IV  =  lieber  die  Seele,  auf 
dem  Skeptiker  Ainesidemos  fussend  und  von  Tertullianus ,  de  anima, 
und  Sextos  Empeirikos,  adv.  math.  VII  ]29ff.,  benutzt  (Di eis,  Doxo- 
graphi  Graeci  206 ff.);  2.  10  Bücher  ßloi  iaxQwv  xal  algioeiq  xat 
avvräy(.iara  =  Lebensbeschreibungen  der  Aerzte,  Sekten  und  Zu- 
sammenstellungen (Suid.);  3.  ai  tcöv  iargtöv  öiaöoxccl  ■=  Nachfolge  der 
Aerzte,  vermutlich  identisch  mit  Nr.  2;  hieraus  scheint  die  „vita 
Hippocratis"  entnommen  zu  sein  (Orib.  III  687,  schoL);  4.  (.lovößißlov 
jibqI  ovo(.i(xoi(J3v  (oder  lTV(.ioXoyi(Jjv)  rov  aojf^azos  tov  olv&qwtcov  ■Koi 
6vo(.iaaiaL  nävTLov  tüv  (.uhov  v.al  tiöv  aror/jidiv  =  71€qI  y.ara(Ticevrjg 
rov  aoj/.iaTog  rov  dvOQwnov,  eine  anatomisch  -  physiologische  Nomen- 
klatur (D  i  e  1  s  a.  a.  0.),  durch  das  Etymologicum  des  Orion  und  durch 
Meletios  (w.  s.)  rekonstruierbar;  5.  die  vielleicht  doxographischen 
ahioloyov(.iEvoi^)  =  tisqi  na&cöv  ahicüv  =  libri  causarum  (Cael.  Aur. 
m.  ehr.  I  3  p.  289;  m.  ac.  I  8  p.  53f.;  Wellmann,  Hermes  XXXVI 
1901  S.  140  ff. ;  vgl.  oben  S.  331  ff.) ;  6.  de  coenotetis  =  Kommunitäten- 
lehre  (Cael.  m.  ehr.  IV  1  p.  493 f.),  mindestens  2  Bücher;  7.  die  libri 
de  febribus  (ac.  m.  II  33  p.  153);  8.  die  libri  de  adiutoriis  =  Heil- 
weisen (II  29  p.  143);  9.  n.  riöv  ö^etov   y.ai   xqovuov   nad-tüv  ==  Caelius 


etymologo,  Diss.,  Argentorati  1884;  Paulus  Voigt,  Liber  de  etymologiis  corporis 
humani  quatenus  restitui  possit,  Diss.,  Gryphiswaldiae  1882.  —  Ausgaben  u.  s.  w. : 
Sorani  Ephesii  de  Arte  obstetricia  morbisque  mulierum  quae  supersunt.  Ex  apo- 
grapho  Friderici  Reinholdi  Dietz  .  .  .  nuper  fato  perfuncti  primum  edita  (L  o  b  e  c  k) , 
Eegimontii  Prussorum  1838  (am  vollständigsten):  Hippocratis  de  victus  ratione  in 
morbis  acutis  ed.  Ermerins,  Lugd.  Bat.  1841,  Anhang  (Textkritik);  Soranus  ed. 
Ermerin  s,  Trajecti  ad  Rhenum  1869  (griech.  u.  lat.);  ed.  Rose,  Lips.  1882;  Physici 
et  medici  Graeci  minores  ed.  Ideler,  Berol.  1841,  I  255  if.  {nEol  fi/jr^as  u.  s.  w.); 
Lüneburg-Huber,  Die  Gj'näkol.  d.  Soranus  v.  Epliesus  u.  s.  av.,  München  1894 
(Uebersetzg.).  Vgl.  Ermerins,  Epistola  critica  ad  Soranum  etc.  (Virchow-Hirschs 
Jahresber.  1872,  I  266');  Görlitz,  Ueb.  d.  Bedeutg.  des  S.  als  Geburtshelfer,  Diss., 
Berl.  1873;  Gomperz,  Hermes  V  216  ff.  (Textkritik);  Guardia,  Gazette  medicale 
de  Paris  1869 — 1871;  Herrgott,  Traite  des  maladies  des  femmes  .  .  .  par  Soranus 
d'Ephese  et  Moschion,  son  abbreviateur  et  traducteur,  Nancy  1882;  Troitzky,  Arch. 
f.  Kinderheilk.  XVII,  1882. 

^)  Bibliotheca  Graeca  XII  684  f. 

^)  Die  gegen  Beendigung  des  Druckes  dieser  Geschichte  erschienene  hoch- 
bedeutsame „Fragmentsammlg.  d.  griech.  Aerzte  I.  Die  Fragm.  der  sikelischen 
Aerzte  Akren,  Philistion  u.  d.  Diokles  von  Karj'stos"  von  Well  mann,  Berlin  1901, 
Aveist  S.  6  ff.  nach,  dass  Vindicianus  (s.  oben  8.273  A.  1),  den  Wellmann  S.  208 ff. 
mustergiltig  herausgegeben  hat,  im  ersten  Teile  auf  Soranos'  ti.  oTieQ^mToi,  im 
gynäkologischen  auf  (pvoiyA  n.  ^cooyovias  und  im  ätiologischen  auf  tc.  ahicöv  Ttad'tüv 

oder  ßioi  iaxqiöv  y..   aiQ.  '/..  avvr.   beruht. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  341 

Aurelianus,  de  morbis  acutis  et  chronicis  (s.  unten)  mit  doxographisch 
angeordneter  Polemik  gegen  die  Vorgänger.  3  bezw.  5  Bücher,  ausser 
Themison  die  erste  uns  bekannte  Schrift  über  chronische  Leiden,  da 
Thessalos'  Über  regularis  II.  untergegangen  ist  (Cael.  m.  ehr.  praef. 
p.  268);  10.  Tc.  orcfQfiaTog  =  Ueber  den  Samen  (Pin off  S.  734 f.); 
11.  cfvaixd  71.  lotoyoviag  =  Naturwissenschaftliches  über  das  Gebären 
lebendiger  Junger  (a.  a.  0.);  12.  n.  xwv  nagd  rpvaiv  =  Widernatür- 
liches (Fehlgehen?)  (a.  a.  0.);  13.  tt.  or^/^ieiioy  /.atayiiaTiov  =  de  signis 
fracturarum  cranii  =  Anzeichen  von  Knochenbrüchen  (Ideler  I  248 ff.), 
durch  die  chirurgische  Sammlung  des  Niketas  und  in  Berliner  Hand- 
schriften erhalten ;  14.  die  vielfach  edierte  Schrift  tt.  yvmiKtuov  {nai^töv). 
nach  Suidas  4,  nach  der  Ueberlieferung  2  Bücher;  15.  das  daraus  ent- 
lehnte Bruchstück  n.  iiir]TQag  xal  yvvai/Mov  aiöolov  =  Gebärmutter  und 
weibliche  Scham  (Rufus,  Paris  1554;  Orib.  ed.  Rasarius  p.  693,  lat; 
Paulini  universa  antiquorum  anatome,  Venet.  1604):  16.  die  gefälschte  In 
artem  medendi  isagoge  (Medici  veteres  ed.  Albanus  Torinus,  Basil.  1528; 
ed.  Aldus,  Venet.  1547),  Vorrede  1 — 4  gehört  einem  Gegner  der  Methodiker 
(G  u  a  r  d  i  a  S.  34),  der  Rest  enthält  Fragen  und  Antworten  auf  Grund 
von  Ps.-Galenos^  definitiones  medicae;')  17.  Kommentai-e  zu  Hippo- 
krates  (Ps.-Orib.,  comment.  in  Hippocr.  aph.  praef.;  s.  Fabricius 
a.  a.  0.  XII  645);  18.  de  oculo,  echt,  bei  Kassios  latrosophistes  citiert 
(Aristot.  ed.  Didot.  Paris  1848,  IV  382  ff.) ;  19.  jceot  a(fvy!.iwv  =  de 
pulsibus,  ^)  unecht  (Rose,  Anecd.  II  275  ff.) ;  20.  die  gefäischte  Metro- 
logie 7t.  (.isTQiov  Aai  atad-uöjv  öiöaaxaUa  (Gal.  XIX  748 ff. ;  vgl.  Usener 
S.  412);  21.  die  Verbandlehre,  7t.  Imötauwv  (Hipp.  et.  Gal.  ed.  Charterius 
XII  505  ff.).  Es  ist  aber  ferner  so  gut  wie  sicher,  dass  auch  die 
Schriften,  die  Caelius  (w.  s.)  als  eigene  anführt,  nichts  anderes  als 
Uebersetzungen  von  gleichnamigen  Werken  des  Soranos  sind.  Denn 
einerseits  waren  die  Schriftsteller  des  5.  Jahrhunderts  zu  selbständiger 
Produktion  unfähig,  andererseits  schliesst  sich  Caelius  in  allen  er- 
reichbaren Stücken  dem  Soranos  fast  wörtlich  an.  -)  Ferner  entdeckte 
Daremberg  in  einem  cod.  Bambergensis  22.  de  medicamentis ;  Rose 
(Anecd.  II  241  ff.)  veröffentlichte  23.  die  gefälschten  quaestiones  medi- 
cinales  und  24.  die  echte  Schrift  de  digestionibus  =  de  salutaribus 
praeceptis  (tö  vyieivöv)  (169  ff.).  In  der  später  hinzugekommenen  Vor- 
rede der  letzterwähnten  Schrift  begegnet  dei*selbe  Lucretius,  welchem 
Caelius  die  libri  interr.  ac.  resp.  gewidmet  hat  (ac.  m.  praef  p.  1).  In 
seinen  zahlreichen  Werken  benutzte  der  „methodicae  medicinae  in- 
structissimus"  (Tertull.,  de  an.  6)  seine  Vorgänger  fleissig,  doch  nie  ohne 
selbständige  Prüfung.  Seine  Werke,  vor  allem  die  Gynäkologie,  wurden 
jederzeit  herangezogen,  u.  a.  von  Philumenos  (Wellmann  127),  Oreibasios, 
Aetios,  Paulos,  aucli  von  den  Kirchenvätern  Tertullianus  und  Augustinus. 
Sie  wurden  auch  zur  Zeit  der  Gotenherrschaft  in  Italien  (493 — 555)  in  das 
Vulgärlateinische  ^)  übersetzt  (s.  Caelius ;  Moschion),  und  die  anatomische 
Nomenklatur  erbte  sich  auf  PoUux  (Onomastikon)  und  andere  Lexiko- 
graphen fort.  Obwohl  Galenos  der  schärfste  Gegner  der  Methodiker 
ist,  tadelt  er  doch  den  Soranos  nirgends  in  der  ihm  sonst  geläufigen 
derben  Art,  er  empfiehlt  sogar  einige  seiner  Rezepte.    Der  Hauptruhm 


^)  Rose,  Anecdota  graeca  et  graecolatina  II  169  f. 

2)  Vgl.  ac.  m.  II  1  p.  75:  28  p.  139;  31  p.  146;  33  p.  153;  37  p.  167;  m.  ehr. 
II  7  p.  380;  Rose.  Anecd.  II  167;  Teuffei- Schwabe,  Gesch.  d.  röm.  Lit.,  5.  Aufl., 
Leipz.  1890,  II  1182  A.  1. 

3)  Rose,  Anecd.  II  115;  Stadler,  Janus  IV  1899,  548. 


342  Robert  Fuchs. 

aber  liegt  für  ihn  darin,  dass  er  „normarum  regulis  methodum  re- 
stituit",  die  Methode  in  feste  Bahnen  wies  (Cael.  ac.  m.  II  9  p.  91). 
Hier  können  aus  der  Fülle  des  lehrreichen  Stoffes  nur  wenige  Punkte 
angeführt  werden,  wobei  auf  die  Haupteigentümlichkeiten  der  Sekte 
zurückverwiesen  sein  mag.  Die  Definition  der  Krankheitsbezeichnungen 
lehnte  Soranos  als  unnötig  und  irreführend  ab  fac.  m.  II  26  p.  137; 
31  p.  146).  Dagegen  legte  er  grosses  Gewicht  auf  die  Diagnose  und 
vor  allem  auf  die  bei  ihm  zuerst  hervortretende  Differentialdiagnose, 
in  der  er  wirklich  Grosses  leistete  (III  19  p.  254  u.  ö.).  „Komplex" 
nannte  er  die  Krankheiten,  die  laxum  und  strictum  neben  einander 
zur  Voraussetzung  haben,  z.  B.  den  Katarrh  (m.  ehr.  II  7  p.  380  f.). 
Er  schätzte  den  Aderlass  (de  adiut.)  und  tadelte  die.  die  ihn  nur  bei 
schmerzhaften  Zuständen  vornahmen  (m.  ac.  II  29  p.  143).  Seine 
Kunstfertigkeit  in  der  Verbandlehre  wird  durch  die  Abbildungen  zu 
TT.  tTtiöeouiov  im  cod.  Laurent.  LXXIV  7  (Hipp,  et  Gal.  ed.  Charterius 
XII  505  ff.)  veranschaulicht.  Bei  Pleuritis  half  er  stets  durch  Ader- 
lass ohne  Rücksicht  auf  den  Ort  der  Behandlung,  wie  Asklepiades 
empfahl  (m.  ac.  II  22  p.  132).  Bei  Lungenentzündung  sollte,  wie  bei 
jeder  Krankheit,  der  ganze  Körper  leiden,  vorzugsweise  aber  natürlich 
die  Lunge  (II  28  p.  139).  Bei  Kardialgie  soll  eine  akute  Lockerung 
der  Urkörper  und  eine  Verteilung  in  jeder  Eichtung  stattfinden;  von 
einer  Herzschwellung  sei  nichts  zu  bemerken  (II  31  p.  146).  Die 
Cholera  nostras  betrachtete  er  als  Lockerung  des  Magens,  des  Bauches 
und  der  Eingeweide  mit  plötzlicher  Todesgefahr  (III  19  p.  254).  Die 
Lehre  von  den  Schädelbrüchen,  die  seit  Hippokrates  kaum  gefördert 
worden  war,  baute  er  aus  (Rose,  Anecd.  II  269).  Den  Incubo  erklärte 
er  für  etwas  Natürliches,  nämlich  eine  Art  Epilepsie;  dass  ein  Gott, 
ein  Halbgott  oder  Cupido  der  Erreger  des  Alpdruckes  sei,  wies  er 
zurück  (m.  ehr.  I  3  p.  289).  Seine  Gynäcie  ist  für  Hebammen  be- 
stimmt, die  auch  in  jener  späten  Zeit  in  allen  normalen,  aber  auch  in 
den  meisten  schwierigen  Fällen  geburtshilflichen  Beistand  leisteten. 
Indem  auch  er  die  Darstellung  des  normalen  Zustandes,  cfvaiKÖv,  den 
Naturforschern  zuweist,  beschränkt  er  sich  auf  die  pathologischen  Zu- 
stände. In  sorgfältigster  Weise  giebt  er  zunächst  Vorschriften  über 
die  notwendigen  körperlichen  und  geistigen  Eigenschaften  der  Hebamme. 
Sie  soll  die  Handgriffe,  die  Diätetik  und  Pharmakologie  kennen,  von 
dem  Baue  der  Teile  braucht  sie  nichts  zu  wissen,  sie  soll,  wo  möglich, 
nicht  geboren  haben  und  alle  möglichen  seelischen  Vorzüge  besitzen, 
namentlich  mitleidig  sein.  Lediglich,  um  sich  zur  Abfassung  eines 
solchen  Werkes  als  geeignet  zu  erweisen,  geht  er  nun  doch  auf  den 
Bau.  der  weiblichen  Genitalien  ein;  freilich  geht  aus  der  Schilderung 
hervor,  dass  eigene  gründliche  Untersuchungen  nicht  vorliegen  können. 
Die  Verlagerungen  des  Uterus  entstehen  durch  krankhafte  Zusammen- 
ziehung der  ihn  mit  der  Umgebung  verbindenden  Bänder,  vf.i€veg.  Der 
Uterus  hat  die  Konsistenz  der  Lunge  oder  Zunge  und  öffnet  sich  beim 
Coitus  und  bei  der  Periode.  Von  den  Ovarien  gehen  ^rtÖQoi  GTtsQ/^iazixol 
=  vasa  spermatica  zu  der  Blase,  weshalb  der  weibliche  Samen  nicht 
zur  Befruchtung  beitragen  könne.  Die  Ovarien  sind  an  avaY.Qef.iaoTfiQEg 
befestigt,  wie  er  bei  der  Operation  einer  an  Enterocele  Erkrankten 
erkannt  hat.  Kotyledonen  hat  er  nicht  gesehen,  ebensowenig  das 
Hymen.  Die  Exstirpation  des  Uterus  sei  ohne  Gefahr  für  das  Leben 
möglich.  Atresie  der  Vagina  und  des  Uterus  sind  ihm  bekannt.  Das 
Chorion  wird  oberflächlich  beschrieben;  vom  Nabelstrange  aus  gehen 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  343 

zwei  Venen  nach  der  Hohlvene  und  zwei  Arterien  nach  der  Aorta. 
Von  der  Verbindung  des  Urachus  mit  der  Blase  hat  er  bloss  gehört. 
Dann  wird  auseinandergesetzt,  dass  die  Periode  in  verschiedene  Zeiten 
falle  und  dass  dauernde  Jungfrauschaft  förderlich  sei,  wie  in  dem 
Werke  vyisivbv  bewiesen  werde.  Alsdann  werden  die  Merkmale  der 
Konzeptionsfähigkeit,  die  der  Konzeption  günstigste  Zeit  und  der 
Nutzen  der  Schwangerschaft  besprochen,  letzterer  aber  geleugnet. 
Die  Vorherbestimmung  des  Geschlechts  nach  Hippokrates  wird  als  un- 
zuverlässig bezeichnet.  Hierauf  kommen  Anweisungen  über  Schwanger- 
schaftsdiätetik, Pica,  Erbrechen,  Vorbereitung  der  Geburtswege  (Ein- 
fetten, Digitalerweiterung),  unfruchtbar  machende  Mittel  {dtöxia,  z.  B. 
Verschluss  durch  Tampons,  Salben,  altes  Oel),  Abtreibungsmittel  =  cfd^ögia, 
die  nur  kräftige  Frauen  und  auch  nur  im  dritten  Monate  anwenden 
sollen.  Die  fpMgia  bestehen  z.  B.  in  Fasten,  Baden,  Aderlass,  Injek- 
tionen, Fahren,  Schüttelung,  Zäpfchen  aus  Iris,  Mutterharz,  Seidelbast- 
beeren, Terpentin,  Elaterium  u.  s.  w. ;  das  Einstechen  ist  zu  verwerfen. 
Die  normale  Geburt  erfolgt  auf  dem  Gebärstuhle  mit  halbmondförmigem 
Ausschnitte  und  Rücken-  und  Armlehne,  die  anormale  auf  dem  Ge- 
bärlager. Vorzeichen,  Gerätschaften  und  Hantierungen  der  vier  Heb- 
ammen, zwei  vorn  und  hinten,  zwei  zur  Seite,  werden  angegeben. 
Manche  brachten  unten  am  Gebärstuhle  eine  Winde  an,  andere  ver- 
anlassten die  Hebamme,  in  eine  zu  Füssen  der  KreissendeVi  angelegte 
Grube  zu  steigen.  Der  Dammschutz  erfolgt  durch  ein  linnenes  Tuch, 
die  Austreibung  wird  durch  Zug  und  Druck  beschleunigt.  Die  Placenta 
soll  nicht,  wie  bis  zu  jener  Zeit  üblich,  durch  rohe  Methoden  gelöst 
werden,  sondern  durch  Einführung  der  Hand  in  den  Uterus,  andern- 
falls muss  man  den  Eintritt  der  Fäulnis  abwarten.  Da  die  Kapitel 
von  der  Wöchuerinnenpflege  ausgefallen  sind,  handeln  die  nächsten, 
und  zwar  sehr  genau,  von  der  Kinderpflege  und  den  Kinderkrank- 
heiten. Hervorzuheben  ist  hieraus  Folgendes.  Die  Trennung  der 
Nabelschnur  erfolgt  durch  ein  Messer  und  ohne  Kauterisierung ;  ist  die 
Placenta  zurückgehalten,  so  wird  unterbunden ;  die  Vernix  wird  durch 
Bestreuen  mit  Salz  oder  Soda  und  Waschung  beseitigt ;  das  Kind  wird 
wie  eine  Mumie  mit  Wollbinden  umwickelt;  die  erste  Stillung  erfolgt 
am  dritten  Tage  durch  eine  Amme;  am  besten  ist  es  für  die  Mutter, 
überhaupt  nicht  zu  stillen,  sondern  eine  griechische  Amme  zu  nehmen, 
zwischen  20  und  40  Jahren  und  Mutter  mehrerer  Kinder.  Alle  Vor- 
schriften für  die  geeignete  Wahl  sind  trefflich  zusammengestellt,  ebenso 
die  nun  folgenden  über  ihre  Lebensweise,  massige  Bewegung,  Arbeiten 
in  vorgebeugter  Stellung,  wie  Mahlen,  Backen,  Bettmachen.  Ausge- 
zeichnet sind  auch  die  Beobachtungen  über  das  Schreien,  die  Be- 
wegung und  Abhärtung  der  Kinder  durch  Einölen,  Begiessungen, 
Kneten  und  Frottieren,  Gliederstrecken  und  -bewegen.  Die  meist 
krummbeinigen  Kinder  lernen  das  Laufen  in  Körben  mit  Rädern. 
Die  Entwöhnung  soll  nicht  vor  dem  sechsten  Monate  beginnen  und 
nicht  vor  l\o — 2  Jahren  beendet  sein.  Auffällig  ist  die  frühe  Ge- 
wöhnung an  Honigwein  oder  reinen  Wein.  Das  Zahnen  wird  durch 
Bestreichen  des  Zahnfleisches  mit  Fett,  durch  Kauen  grosser  Speck- 
stücke, durch  Einhüllen  von  Kopf  und  Hals  in  ölgetränkte  Wolle  und 
durch  warme  Breiumschläge  unterstützt;  während  dieser  Zeit  soll  ö^e 
Amme  dem  Kinde  die  Milch  in  den  Mund  streichen.  Eine  grosse 
Reihe  von  Mitteln  gegen  Mandelentzündung,  Soor,  Geschwüre,  Haut- 
ausschläge, Katarrh,   „Siriasis"  und  Durchfall  schliessen  sich  an.    Im 


344  Robert  Fuchs. 

zweiten  Buche  wendet  sich  Soranos  den  Frauenkrankheiten  zu.  Er  be- 
spricht die  Amenorrhoe  und  die  Metrorrhagie,  die  durch  Ruhe,  Höher- 
lagerung des  Beckens,  Injektionen  mit  dem  f^r]tQ€yxvTrjg  =  Mutterrohr 
und  Schröpfungen  gehoben  wird.  Amulette  und  Magnete  sind  nur 
wegen  ihrer  suggestiven  Wirkung  zuzulassen.  Die  vaTeQLxrj  Ttvt'^ 
=  Hysterie  ist  von  Epilepsie,  Apoplexie  und  Katalepsie  zu  unter- 
scheiden. Rauschende  Musik,  blendendes  Licht  u.  dgl.  sind  trügerische 
Mittel.  Samenfluss  bei  Männern  und  Frauen  (d.  i.  weisser  Fluss)  wird 
durch  hartes  Lager,  Befestigung  von  Bleiplatten  im  Kreuze  und 
keusches  Leben  wohlthätig  beeinflusst.  Er  bespricht  Schwäche, 
„Paralysis",  Verlagerungen,  Pneumatose  und  Oedem  des  Uterus  und 
Molen.  Letztere  sind  durch  Succussion  und  Percussion  von  Tympanitis 
und  Ascites  zu  unterscheiden.  Bei  der  die  Nymphomanie  mit  um- 
fassenden Satyriasis  bezieht  sich  Soranos  auf  die  Schrift  de  morb.  ac. 
Metritis,  Scirrhus  und  Sklerom  des  Uterus  (wohl  Fibroide)  folgen. 
Bei  den  Dystocien  beruft  er  sich  auf  Herophilos  und  Demetrios,  ohne 
wesentlich  Neues  zu  bringen.  Die  Untersuchung  erfolgt  mit  dem 
Speculum,  öloicrga.^}  Die  normale  Kindeslage  ist  die  Kopflage,  dann 
kommt  die  Fusslage.  Bedenklich  ist  die  komplizierte  Lage:  Kopf  und 
Bein  oder  Beine;  Schenkel-  und  Bauchlage.  Hier  hat  die  Wendung 
auf  den  Kopf  oder  die  Füsse  zu  erfolgen.  Nötigenfalls  wird  der  vor- 
liegende Arm  exartikuliert  oder  der  Wasserkopf  angebohrt.  Der  zu- 
rückgebliebene Kopf  wird  durch  den  Haken  entfernt.  Die  Zer- 
stückelung ist  der  pseudhippokratischen  Methode  sehr  ähnlich.  Ter- 
tuUianus  (de  anima  25)  beschreibt  den  hierbei  benutzten  ef-ißQvoacpdKTrjs  ^) 
=  „Kindschlachter",  der  aus  Dilatatorium,  einem  scharfen  Ringe  und 
einem  stumpfen  Haken  bestand.  Alle  gewaltsamen  Eingriffe,  die  Suc- 
cussion mit  der  Leiter  (Knidier),  das  Treppensteigen,  Tanzen,  Springen, 
sind  zu  vermeiden.  Fette  und  Buckelige  werden  in  der  Knieellen- 
bogenlage entbunden,  eventuell  nach  Katheterisierung  der  Blase  und 
Einstechen  der  Eihäute.  Dieses  sind  die  Errungenschaften  des  Gynäko- 
logen Soranos,  soweit  wir  solche  seinem  meisterhaft  geschriebenen 
Werke  entnehmen  können. 

Der  Uebersetzer  des  Soranos,  C  a  e  1  i  u  s  A  u  r  e  1  i  a  n  u  s  •^)  Metho- 
dicus  Siccensis  (==  aus  Sicca  Veneria  in  Numidien ;  F  r  i  e  d  e  1  S.  7  ff.), 
lebte  vermutlich  in  Rom.  Der  Vorname  „Lucius"  ist  auf  ihn  willkürlich 
übertragen  worden ;  den  wirklichen  kennen  wir  nicht.  Seine  sprachlichen 
Irrtümer  im  Griechischen  und  sein  Ringen  mit  dem  „color  Latinus" 
machen  es  wahrscheinlich,  dass  beide  Sprachen  nicht  seine  Mutter- 
sprachen waren.  Da  für  ihn  die  methodische  Sekte  und  ihr  princeps, 
Soranos,  den  Höhepunkt  aller  Medizin  bedeutet,  kann  aus  der  Nicht- 
erwähnung  des  Galenos  nicht  auf  die  frühere  Lebenszeit  des  Caelius 


^)  Vulpes,  Illustrazione  di  tutti  gli  strumenti  chirurgici  scavati  in  Ercolano  e 
Pompei  11.  s.  w..  Napoli  1847;  Guhl  und  Koner,  Das  Leben  d.  Griech.  u.  Rom., 
Berl.  1861,  II  296;  0 verbeck,  Pompeji,  Leipz.  1866,  II  88. 

^)  Langbein,  Specimen  embryulciae  antiquae  ex  TertuUiani  libro  de  anima 
cap.  25,  Halis  1754. 

^)  Albert  a.  a.  0.  197ff.;  Daremberg,  Janus  II  1847;  Fiessinger, 
Janus  I  1896  S.  535 f.;  Friede! ,  De  scriptis  Caelii  Aureliani  Methodici  Siccensis, 
Diss.,  Bonn.,  Episcopi  Villae  1892;  Car.  Gottl.  Kühn,  Opuscula  II  Iff.;  170 if.; 
183  ff. ;  Lane,  Things  old  and  ucav  with  a  chapter  from  C.  A.  Pacific  medical  and 
surgical  Journal  XXIX,  San  Francisco  1886;  Rose,  Hermes  IV  1870;  Anecd.a.  a.  0.; 
Schramm,  Die  Seelenstörungen  nach  C.  A.,  Corresp.-Bl.  f.  Psychiatrie  1864; 
Wölfflin,  Hermes  XVII  1882  S.  175. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  345 

geschlossen  werden.  Nur  die  Sprache  giebt  einen  Anhalt.  Sie  gleicht 
weniger  der  des  anderen  Siccensers,  des  Arnobius  ^)  (schrieb  etwa  295 
„adversus  gentes",  j  etwa  325  n.  Chr.),  als  der  des  Afrikaners  Cassius 
Felix,-)  der  447  sein  Werk  ,.de  medicina"  schrieb.  Dazu  passt  auch 
das  schwülstige  Latein,  das  Friedel  allerdings  lediglich  dem  Ausländer 
zur  Last  legen  will.  Dass  aber  der  Christ  Cassius  den  heidnischen 
Mitbürger  Caelius  in  seinem  etwa  gleichzeitigen  medizinischen  Werke 
bekämpfe,  trägt  auch  Friedel  nur  als  Vermutung  vor  (S.  11  f.),  ebenso, 
dass  der  Adressat  der  Epistolae  (s.  oben),  wohl  der  frühesten  Schrift 
wegen  der  Anwendung  der  griechischen  Sprache,  Vettius  Agorius 
Praetextatus  sei.  Die  ausschliesslich  auf  Soranos  aufgebauten,  im 
Wesentlichen  nahezu  wörtlich  mit  ihm  übereinstimmenden  und  fast 
nie  durch  eigenes  Urteil  ausgezeichneten  Werke  des  Caelius  sind  nach 
Friedeis  Uebersicht  (40 ff.)  folgende:  1.  die  medicinalium  iuterrogationum 
ac  responsionum  libri,  deren  Titel  meist  verkürzt  citiert  wird,  „omnem 
medicinam  breviter"  enthaltend  (ac.  m.  praef.  p.  1),  aus  den  Werken 
des  Soranos  von  Caelius  nach  sachlichen  Gesichtspunkten  ausgewählt 
und  übersetzt,  aber  nicht  die  Uebertragung  einer  gleichnamigen  Schrift 
des  Soranos,  da  dieser  unseres  Wissens  „Fragen  und  Antworten" 
bloss  über  gynäkologische  Gegenstände  verfasst  hat  (41  f.).  Das  Werk 
hatte  augenscheinlich  folgende  Anlage:  a)  prooemium : \ „Cum  nobis 
saepius";  b)  salutaria  praecepta  (ac.  m.  II  11  p.  107  u.  ö.)  =  vyieivov 
des  Soranos,  mehrere  Bücher;  '^)  c)  mehrere  Bücher  de  passionum  causis 
=  ahioloyovi-avoi  des  Soranos  (ac.  m.  I  8  p.  22);  d)  de  diaeticis  pas- 
sionibus  libri  II  (Rose,  anecd.  II  174 ff.;  206 ff.),  deren  erstes  Buch  die 
allgemeine  Pathologie  und  Therapie  eines  Teiles  dieser  Leiden,  deren 
zweites  die  spezielle  Therapie  brachte  und  somit  Buch  I  vervoll- 
ständigte; Buch  I  floss  aus  dem  ganzen  Soranos,  II  aus  tt.  ö^iiov  ymI 
XQoviwv  voor^fidiiuv  und  aus  ttsqI  TtvQstwv  (de  febribus);  e)  de  medica- 
minibus  =  (paQfiay.£vtixa  des  Soranos  (ac.  m.  II  29  p.  142  u.  ö.),  min- 
destens 2  sehr  ausführliche  Bücher;  f)  chirurgumena  (m.  ehr.  II  1  p. 
352  u.  ö.)  =  /eiQovQyoviiuva  des  Soranos,  mehrere  umfangreiche  Bücher 
(„plenissime"'  m.  ehr.  V  4  p.  571):  g)  de  adiutoriis  libri  (m.  ehr.  III 8 
p.  476),  zwischen  de  morbis  acutis  und  de  m.  chronicis  abgefasst 
(Friedel  45)  nach  Soranos'  vrcoinvijiiiaTa  Tcegl  ßorid-ri/ndrwv,  h)  de  muli- 
ebribus  vitiis  (m.  ehr.  V  10  p.  582)  =  muliebrium  passionum  libri 
(ehr.  m.  II  1  p.  353)  =  des  Soranos  ywai-Ksla  (m.  ehr.  I  4  p.  298), 
vorzugsweise  gynäkologisch  und  die  Geburtshilfe  flüchtig  berührend. 
2.  schrieb  Caelius  nach  derselben  Vorlage  und  zur  selben  Zeit  wie  de 
adiutoriis  die  de  specialibus  adiutoriis  libri  (ac.  m.  I  10  p.  28  u.  ö). 
Nach  den  ywaiy.eia  des  Soranos  waren  3.  die  libri  de  mulieribus  (III 
18  p.  252)  oder  muliebres  libri  quos  Graeci  ywaiycdcov  vocant  (m.  ehr. 

I  4  p.  298)  gearbeitet.  Vor  de  m.  ac.  et  ehr.  sind  geschrieben :  4.  der 
griechische  liber  epistolarum  ad  Praetextatum  (m.  eh.  II  1  p.  366;  s. 
oben);   5.  die  libri  de  febribus  (m.  ac.  II  37  p.  165;  170  u.  ö;  Muscio 

II  2  p.  57);  nach  de  m.  ac.  et  ehr.:  6.  die  libri  de  coenotetis  (s.  So- 
ranos; m.  ehr.  III  4  p.  455 f.;  vgl.  IV  1  p.  493 f.);  7.  libri  contra  (intra  im 
Text  ac.  m.  1 1  p.  4)  sectas  nach  dem  Vorbilde  von  Soranos'  ßloi  tazQwv ; 


')  ed.  Reifferscheid,  Vindobonae  1875  (Index). 
-)  Sitz.-Ber.  d.  kgl.  bayer.  Akad.  d.  Wiss.  1880,  381  ff. 

^)  Die  von  Friedel  der  Fakultät  überreichte  Ausgabe  ist  bis  heute  nicht  er- 
schienen.   Vgl.  das  zu  Soranos  Gesagte. 


346  Robert  Fuchs. 

8.  libri  problemat(ic)i  nach  ra.  ehr.  III  3  p.  447;  Friedel  S.  50  be- 
zweifelt den  Titel  und  glaubt  eher  an  eine  Verderbnis,  ohne  Grund, 
wie  mir  scheint;  9.  das  Hauptwerk  celerum  vel  acutarum  passionuni 
libri  III  und  10.  morborum  chronicorum  libri  Y.  Nr.  9  war  an  den  des 
Griechischen  wenig  kundigen  Bellicus  gerichtet  (praef.  p.  1)  und  erscheint 
im  Mittelalter  unter  dem  Titel  „Oxea  Patici''  ^)  oder  „Oxipate".  Die 
Heilung  der  Ueberlieferungsschäden  gelingt  häufig  durch  Vergleichung 
von  Isidorus  IV,  Garipontus  (Salernitaner),  Escolapius,  Medicina  Pliniana, 
Petroncellus  und  Aurelius,  de  acutis  passionibus;  denn  die  beiden 
einzigen,  von  Sichardus  (Basileae  1529)  und  Parisiis  1533  (durch 
Guintherus  Andernacus)  verarbeiteten  Handschriften  sind  verschwunden. 
Aurelius  (w.  s.)  ist  vielleicht  bloss  eine  Verstümmelung  von  Aurelianus. 
Er  bietet  auch  sonst  noch  verlorene  Stücke  des  Caelius,  aber  nicht 
aus  de  febribus,  wie  Daremberg  meinte  (Friedel  S.  48),  sondern  zu 
Palladios  stimmende  aus  unbekannten  Werken.  Nr.  10  ist  ohne  Wid- 
mung ;  die  libri  responsionum  sind  an  den  des  Griechischen  mächtigen 
Lucretius  gerichtet  (ac.  m.  praef.  p.  1).  Was  die  Ausgaben  anlangt, 
so  findet  sich  Nr.  9  und  10  auch  bei:  Delattre,  Bibliotheque  classique 
medicale  II,  Paris  1826;  ed.  Amman,  Amstelaedami  1709  (beste,  aber 
nicht  gute  Ausgabe);  ebda.  1722;  Venet.  1757;  Principes  artis  medicae 
cur.  de  Hall  er,  Lausannae  1774.  Für  den  verschwundenen  Lorscher 
Codex  der  responsionum  libri  (Wilmanns,  Rhein.  Mus.  XXIII  1868, 
389;  vgl.  189)  hat  Rose  einigen  Ersatz  geschaffen  mit  Hilfe  eines 
Londinensis  und  eines  Karlsruher  Codex.  Daraus  stammen  die  Ab- 
schnitte „de  significatione  diaeticarum  passionum"  und  „de  salutaribus 
praeceptis"  =  „Liber  Sorani  de  digestionibus"  (Anecd.  graeca  et 
graecol.  II  161  ff.).  Ein  Eingehen  auf  die  Lehren  des  Caelius  würde 
die  Wiederholung  der  soranischen  Weisheit  bedeuten,  da  ersterer 
nichts  Selbständiges  geleistet,  höchstens  gelegentlich  lateinische  Citate 
eingestreut  hat  (B  ü  c  h  e  1  e  r ,  Index  scholarum,  Bonnae  1877,  5). -)  Sogar 
die  Anordnung,  vom  Kopf  zum  Fusse,  ist  soranisch  (m.  ehr.  praef.  p.  268). 
Die  akuten  Krankheiten  werden  in  fieberhafte  und  fieberlose  eingeteilt 
(m.  ac.  praef.  p.  If.);  zu  ersteren,  der  Mehrzahl,  gehören  z.  B.  Phre- 
nitis,  Pleuritis  und  Peripneumonie,  zu  letzteren  Angina  (synanche), 
Cholera  u.  s.  w.  Bei  Paralysis  verwarf  er  die  Hiera,  weil  sie  den 
Magen  schwäche  (m.  ehr.  II  1  p.  366).  Ueber  die  Hernien  hat 
Gyergyai  einige  Aufklärungen  gegeben.'^)  Von  den  Tumoren  sprach 
Caelius  in  dem  Werke  de  febribus  (m.  ehr.  III  4  p.  448).  Die  von 
Asklepiades  nicht  erfundene,  sondern  aufgenommene^)  Laryngotomie 
(Luftröhrenschnitt)  bei  Angina  tadelt  er  als  ein  „so  grosses  Ver- 
brechen"; in  der  Schrift  de  adiutoriis  will  er  diese  vermeintliche 
Schändlichkeit  weiter  brandmarken.  Ein  grosser  Mut  gehörte  dazu, 
die  „ligamenta"  =  Amulette  und  die  „incantationes"  der  „magi"  = 
Beschwörungen  bei  der  Epilepsie  zurückzuweisen  (m.  ehr.  I  4  p.  315). 
Ueber  die  Sitzbäder,  z.  B.  bei  Epilepsie,  sinßaoig,  gab  er  in  de  adiut. 
libris  Anweisungen  (p.  303).  Er  erläuterte  den  Aderlass,  dessen  An- 
wendung bis  zur  Ohnmacht,  usque  ad  lujtod-vf.dav,  frevelhaft  sei  (de 


^)  Götz,  Der  Liber  Glossarum,  Abb.  d.  kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.,  pbilol.-hist. 
Cl.  XIII  1891  S.  265. 

-)  Vgl.  Kühn,  Opuscula  II 1;  Trilleri  notae  in  Caelium  Aurelianum,  Lips.  1817 ff. 

•i  Deutsches  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medio,  u.  med.  Geogr.  III,  Leipz.  1880,  321  ff. 

*)  ac.  m.  III  4  p.  195  (a  nuUo  .  .  .  antiquorum  tradita)  wird  aufgehoben  durch 
p.  193:  a  veteribus  probatam.    Also  ist  Asklepiades  nicht  der  Erfinder. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  347 

spec.  adiut. ;  ac.  m.  I  10  p.  28;  III  3  p.  184).  Von  den  ekelhaften 
Wundermitteln  zum  Erbrechen  hielt  er  nichts;  m.  ehr.  III  2  p.  440: 
Cavendae  .  .  .  horrentium  materiarum  fabulae.  Bei  Zahnschmerz  Hess 
er  Wachs  kauen,  um  das  Zahnfleisch  zu  kräftigen  (m.  ehr.  II  4  p.  373). 
Cariöse  Zähne  sollen  nur  im  äussersten  Notfalle  gezogen  werden 
(p.  376).  Seine  Ratschläge  über  Schwangerschaft  und  Kinderheilkunde, 
z.  B.  über  Verbesserung  der  Milch  und  Wahl  der  Amme,  sind  aus 
Soranos  abgeschrieben  (m.  ehr.  I  4  p.  298). 

Die  Gynäcie  des  Soranos  ist  aber  noch  in  anderer  Gestalt  auf 
uns  gekommen,  nämlich  in  dem  Hebammenbuch  des  Moschion  ^)  = 
Muscio  aus  dem  5. — 6.  Jahrhundert  n.  Chr.,  nach  Rose  p.  V  sogar  aus 
noch  späterer  Zeit,  Es  gab  verschiedene  Männer  dieses  Namens;  so 
hiess  z.  B.  der  Koch  des  Demetrios  von  Phaleron.  Nach  Plinius  XIX 
87  schrieb  ein  Moschion,  gewiss  in  nachalexandrinischer  Zeit,  ein  Buch 
über  den  Rettig  (de  raphano).  Ein  Moschion.  genannt  o  öioQd^ionlg, 
weil  er  den  Asklepiades  berichtigte,  hat  eine  Pulsdefinition  hinter- 
lassen (Gal.  VIII  758).  Von  eben  diesem  aller  Voraussicht  nach  ver- 
zeichnet Galenos  zahlreiche  Rezepte  aller  Art  (XIII  30;  537;  646 f.; 
528;  853;  XII  745),  desgleichen  beruft  er  sich  auf  dessen  Buch  „de 
ornatu",  in  welchem  Mittel  gegen  Kahlköpfigkeit  angegeben  waren 
(XII  416).  Es  steht  nichts  im  AVege,  wenn  man  diese  beiden  mit  dem 
bei  Soranos  (I  35,  98)  erwähnten  gleichsetzen  will,  nach  dessen  Vor- 
schrift zu  dicke  Frauenmilch  durch  Verabreichung  von  Kappern,  Ret- 
tigen und  Pökelfleisch  verdünnt  werden  soll.  Pinoff  (Henschels 
Janus  I  727)  geht  aber  zu  weit,  wenn  er  den  Landsmann  und  Zeit- 
genossen des  Caelius  und  Cassius  Felix  (Rose  praef.  p.  IV ff.),  den 
Afrikaner  Muscio,  auch  noch  mit  jenem  frülieren  3Ioschion  identifizieren 
will,  so  dass  Soranos  und  der  Gynäkolog  Moschion  etwa  Zeitgenossen 
wären.  Der  spätere  Moschion  excerpiert  in  schlechter  lateinischer 
Sprache  des  Soranos  yvvai/.ela  und  die  gynäkologischen  Teile  der  libri 
responsionum.  Er  schreibt  populär,  weil  er  den  Frauen  damit  einen 
Dienst  erweisen  will  (praef.).  Darum  liebt  er  auch  die  Zerlegung  der 
Vorlage  in  152  kleine,  übersichtliche  Kapitel  und  die  Form  des  Dialogs. 
Aerztliches,  wie  Lösung  der  Placenta  und  Embryulcie,  überschlägt  er 
fast  ganz.  Im  15.  Jahrhundert  wurde  das  Buch  ins  Griechische  über- 
setzt (ed.  Wolphius,  Basileae  1556;  ed.  Dewez,  Viennae  1793).  Die 
Abbildungen  der  weiblichen  Genitalien  wurden  wahrscheinlich  von  dem 
Uebersetzer  hinzugefügt.  Die  Handschriften  werden  in  Brüssel. 
Florenz  und  Kopenhagen  aufbewahrt  und  stammen  aus  dem  9.-12. 
Jahrhunderte.  Auch  die  Münchener  Bibliothek  besitzt  einen  ]\Ioschion- 
text.  Ausserdem  übersetzte  er  das  „Dreissigbücherwerk"  (triacontas) 
des  Soranos  grösstenteils,  und  zwar  wörtlich ;  darunter  befand  sich  der 
op(h)thalmicus,  chirurgumenos  filiatros  =  Chirurgie  des  Heilkunden- 
freundes und  der  boethematicus  =  Heilmittel.  Diese  Uebersetzung  ist 
verloren,  aber  einiges  Wenige  (quaedam)  ist,  ohne  dass  wir  es  heraus- 
finden können,  in  der  Gynäkologie  des  Muscio  (s.  praef.)  erhalten. 

Anmerkungsweise  sei  noch  der  „Anatomischen  Tafeln  aus 
dem  griechischen  Alterthum,  nach  einer  Pariser  Handschrift  zum  ersten 
Male  herausgegeben"  -)  gedacht.    Ich  möchte  sie  auch  heute  noch  der 

^)  Im  Soranos  von  Rose  abgedruckt.  Vgl.  Paucker,  Rhein.  Mus.  XXXVIII 
312  ff.;  Thielmaun,  Arch.  f.  lat.  Lex.  II  198if.;  Sittl,  Jahresber.  ü.  d.  Fortschritte 
d.  klass.  Altertumswiss.  1889  n  12  ff.;  Herrgott  (a.  a.  0.). 

'•*)  Fuchs.  Deutsche  medic.  Wchschr.  1898  Nr.  1. 


348  Robert  Fuchs. 

frülien  byzantinisch en  Zeit  zuweisen,  aber  Bestimmtes  lässt  sich  leider 
nicht  sagen,  von  Oefeles  freundlicher  Mitteilung  entnehme  ich,  dass 
nicht  anatomische  Schemata,  sondern  solche  für  den  Aderlass  vorliegen, 
worauf  bei  Figur  1  die  Armbinden  deuten ;  aber  Tafel  3  kann  nach  der 
beigeschriebenen  Bezeichnung  der  Körpergegenden  durchaus  nicht  als 
Aderlassmodell  angesehen  werden,  während  das  bei  1  mehr,  bei  2 
weniger  wahrscheinlich  ist. 

33.  Plinius,  Dioskurides  und  andere  Pharmakologen. 

Plinitis.  Untersuchungen  über  die  Quellen:  Albert,  Die  Quellen 
des  P.  im  46.  Buche  der  n.  h.,  Progr.  d.  Kgl.  human.  Gymn.  Burghausen  1895J96 ; 
Brunn,  De  auctorum  indicibus  Pliniajiis  disputatio  isagogica,  Bonnae  1856 ;  Det- 
lefsen,  Philologus  XXVIII  701ff.;  Hermes  XXXVI  1  ff.;  Mayhoff,  Novae 
lucubraiiones  Plinianae,  Lips.  1874;  Münz  er ,  Beiträge  z.  Qiiellenkritik  d.  Natur- 
gesch.  des  P.,  Berl.  1897.  Ausgäbest  und  Uebersetzungen:  rec.  Sillig, 
Gothae  1853ff.,  8  Bb.;  rec.  von  Jan,  Lips.  18o4ff.,  6  Bb.;  I^  1870;  11^  (May- 
hoff) 1875;  Detlef sen  rec,  Berolini  1866ff.,  6  Bb.,  sämtlich  mit  Indices; 
französisch  von  Ajasson  de  Grandsagne,  Paris  1829 ff.;  deutsch  von  Grosse, 
Frankf.  1781  ff.;  Külb ,  Stuttg.  1840;  Strack,  Bremen  1854 f.;  Wittstein, 
Lpzg.  1880  ff.  Erläuterungsschriften:  Bros  ig,  D.  Botanik  d.  alt.  P., 
Graudenz  1883;  Fee,  Commentaires  sur  la  botanique  et  la  matiere  medicale  de 
Pline,  Paris  18SS,  3  Bb.;  Nies,  Z.  Mineral,  d.  P.,  Mainz  1884.  Weiteres  s. 
bei  Teuffel-Schwab,  Gesch.  d.  röm.  Lit.  IIj,,  Leipz.  1890  S.  756ff.  — 
Dioskurides.  Ausgabe:  ed.  Sprengel,  Lipsiae  1829f.,  2  Bb.  Deutsche 
Uebersetzung  der  materia  medica  mit  Kommentar  bereitet  Berendes  vor.  Er- 
läuterungsschriften II.  ä.:  Albert,  Les  medecins  grecs  ä  Rome ,  Paris 
1894,  224  ff. ;  Carolus,  Sur  un  manuscrit  du  5me  siede  de  Dioscoride,  Annales  de 
l'academie  d'' archeologie  de  Belgique  XIII;  Denig,  Beiträge  z.  Kritik  des  Plato, 
Marc  Aurel,  Pseudo-Proclus,  lo.  Glycys,  Themist ius,  Pseudo-Dioscor.,  Hephaestion, 
Darmstädter  Schulprogr.  1900;  Kästner ,  Pseudo-Dioscor.,  de  herbis  femininis, 
Hermes  XXXI  57 8 ff. ;  Kritisches  u.  Exegetisches  zu  Pseudo-Dioscor.  de  h.  f., 
Progr.,  Regensburg  1896;  Low,  Aramäische  Pflanzennamen,  Leipz.  1881,  S.28ff.; 
Stadler ,  Theophrast  u.  Dioscor.,  Abhandl.  W.  v.  Christ  dargebr.,  München  1891; 
Dioscor.  als  Quelle  Isidors,  Wölfflins  Ar  eh.  f.  lat.  Lexikogr.  X  399  ff. ;  Der  lai. 
Dioscor.  d.  Münchener  Hof-  u.  Staatsbibl.  u.s.iv.,  Janus  IV  1899  S.  548 ff.;  Allg. 
medic.  Central-Ztg.  LXVIII  1900  Nr.  14 f.;  Dioscor.  Longobardus  {Cod.  Lat.  Mo- 
nacensis  337).  Aus  T.  M.  Aurachers  Nachlass  hrsg.  u.  ergänzt  =  Vollmöllers 
Roman.  Forsch.  X  1896,  S.  181  ff. ;  Stark,  Ueb.  d.  Pergamentcodex  d.  Dioskor.  in 
Wien,  Beil.  z.  Allg.  Ztg.  1872  Nr.  191;  Stern,  Ueb.  d.  Augenheilk.  d.  Pedanios 
Dioskorides,  Diss.,  Berl.  1890;  Wellmann,  Analecta  medica,  Jahrbb.  f.  ciass. 
Philol.  CXXXVII  1888;  Die  Pflanzennamen  d.  Dioskur.,  Hermes  XXXIII 1898 
S.  360  ff. 

C.  Plinius  Secundus,  der  Aeltere,  ward  23  n.  Chr.  inComum 
(Como)  geboren  und  kam  durch  den  Ausbruch  des  Vesuv  79  ums 
Leben.  Von  seinen  umfassenden  Arbeiten  über  geschichtliche,  philo- 
logische, taktische  und  naturwissenschaftliche  Fragen  kommen  hier  nur 
die  letzteren  in  Betracht.  Sie  sind  in  dem  im  Jahre  77  Kaiser  Titus 
überreichten  encyklopädischen  Sammelwerke  „naturalis  historia"  in 
37  Büchern  niedergelegt.  Buch  I  enthält  das  Inhalts-  und  Quellen- 
verzeichnis zu  dem  Werke,  II— VI  Mathematisches,  Physikalisches, 
Geographisches,  VII  Anthropologie  und  Physiologie,  VIII— XI  Zoologie, 
XII— XIX  Botanik,  XX— XXVII  vegetabilische  Heilmittel,  XXVIII— 
XXXII  animalische  Heilmittel,  XXXIII— XXXVII  Mineralogisches 
unter  Berücksichtigung  der  medizinischen  Wirkungen.  20000  wissens- 
werte Dinge  sind  beschrieben  (praef.  17)  auf  Grund  der  Lektüre  von 
etwa  2000  Bänden  der  rund  100  exquisiti  auctores.  Das  Register 
(Buch  I)  enthält  am  Schlüsse  der  Inhaltsangabe  zu  den  einzelnen 
Büchern  die  vollständige  Quellenangabe   nach   den  Abteilungen:   ex 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  349 

auctoribus  und  externis,  im  ganzen  146  römische  und  327  fremde 
Autoren,  allerdings  unter  Einschluss  der  nur  selten  einmal  nach- 
geschlagenen. Viele  Schriftsteller  las  er  nicht  im  Original,  sondern 
in  Sammelschriften  und  Ueberarbeitungen  oder  Citaten.  Plinius  be- 
vorzugt die  römischen  Quellen,  so  für  Medizin  den  Pompeius  Lenaeus, 
aber  der  Zahl  nach  sind  natürlich  die  Griechen  bedeutend  im  Ueber- 
gewichte.  Bei  der  materia  medica  geht  sehr  viel  auf  Sextios  Nigros 
(d.  i.  Krateuas)  zurück,  und  daher  rührt  die  Uebereinstimmung  mit 
Dioskurides.  Das  Werk  ist  zwar  im  wesentlichen  als  abgeschlossen 
anzusehen,  aber  es  fehlt  doch  an  Kritik.  Widersprüche,  Flüchtig- 
keiten, Ammenmärchen  sind  mit  glaubwürdigen,  wertvollen  Nach- 
weisungen untermischt.  Die  Sprache  ist  sehr  verschieden,  manchmal 
lebhaft  und  in  grösseren  Gedanken  sich  bewegend,  manchmal  trocken 
und  statistisch  verzeichnend  trotz  der  eingestreuten  lebhaften  Wen- 
dungen. Medizinisch  interessant  ist  Buch  XXVI,  handelnd  von  neu- 
auftretenden Krankheiten,  wie  Mentagra,  Karbunkel,  Elephantiasis, 
von  der  „neuen  Medizin"  des  Asklepiades,  von  dem  Charlatanismus 
und  Aberglauben,  von  den  Mitteln  gegen  einzelne  Leiden,  z.  B.  Liehen, 
Angina,  Kropf,  Husten  u.  s.  w. ;  Buch  XXVIII  mit  seinen  VQm  Menschen 
entlehnten  Mitteln,  der  Dreckapotheke,  den  Wundermitteln;  Buch 
XXIX  mit  seiner  Geschichte  der  Heilkunde:  göttlicher  Ursprung, 
Hippokrates,  Klinik  und  latraleiptika,  Chrysippos,  Erasistratos,  Em- 
piriker, Herophilos  und  sonstige  berühmte  Aerzte,  Wandlung  der 
Medizin,  die  ersten  römischen  Aerzte,  herbes  Urteil  der  Römer  über 
sie,  ihre  Entartung.  Als  Quellen  kommen  wohl  fast  alle  uns  be- 
kannten Aerzte  vor,  bei  dem  29.  Buche  z.  B.  von  Griechen:  Botrys, 
Apollodöros,  Archidemos,  Aristogenes,  Xenokrätes,  Diodöros,  Chrysippos 
Philosophus,  Horos,  Nikandros,  Apollonios  von  Pitäne.  Wie  wertvoll, 
namentlich  als  Nachschlagebuch,  der  Plinius  ist,  wird  aus  den  vielen 
Citaten  in  unserer  Geschichte  hervorgehen;  zum  Belege  dessen  kann 
auch  angeführt  werden,  dass  Plinius  z.  B.  gegen  40  Augenkrankheiten 
bespricht.  Plinius  war  stets  ein  beliebter  Schriftsteller  und  wurde 
daher  vielfach  excerpiert.  Für  uns  ist  die  mittelbare  Ueberarbeitung 
durch  SolTnus  im  3.-4.  Jahrhunderte  genau  so  bedeutungslos  wie 
die  unmittelbare  Ueberarbeitung  durch  den  namenlosen  Verfasser  der 
Medicina  Pliniana  =  Breviarium  Plinii  der  ersten  Hälfte  des  4.  Jahr- 
hunderts ;  ^)  dieses  Buch  ist  für  Reisezwecke  bestimmt.  Der  Beiname 
Plinius  Vaierianus  beruht  auf  einer  Erfindung  von  lovius  (De  piscibus 
Romanis,  Romae  1524,  c.  35). 

Wegen  der  Benutzung  gleicher  Quellen  wurde  eben  Pedanios 
Dioskurides  aus  Anazarbos  oder  Anazarba  in  Kilikien  erwähnt. 
Die  Form  Dioskurides  ist  besser  als  Dioskorides.  Es  sind  3  Dioskurides 
zu  unterscheiden,  der  schon  besprochene  D.  Phakas  von  Alexandreia 
(s.  oben  S.  295),  D.  o  ylcüTTogyQdcpog,  zu  Beginn  des  2.  Jahrhunderts 
n.  Chr.  lebend,  Herausgeber  und  Erklärer  des  Hippokrates.  und  der 
von  Anazarba  (Gal.  XIX  105  f.).  Sein  Bild  findet  sich  in  den  codd. 
Constantinopolitanus  und  Neapolitanus  zu  Wien  unter  den  7  Aerzten, 
deren  farbige  Bilder  vorn  abgemalt  sind  (Visconti,  Iconographie 
grecque,  A  Paris  1808,  I  170 f.;  Taf.  36).  Er  lebte  vor  Erotianos  (ed. 
Klein  85,  7  f.),  also  etwa  zur  Zeit  des  Nero ;  denn  auch  aus  de  mat.  med. 


^)  Plinii  secnndi  quae  fertur  una  cum  Gargilii  Martialis  medicina.  nunc  primuni 
edita  a  Val.  Rose,  Lips.  1875.    Litteratur  bei  Teuffel-Schwab  lls  1038 f. 


350  Robert  Fuchs. 

praef.  geht  hervor,  dass  Dioskurides  ein  Zeitgenosse  des  Laecanius 
Bassus  war  (Tac,  annal.  XV  33).  Plinius  erwähnt  ihn  nicht,  aber 
daraus  folgt  nicht,  dass  er  vor  ihm  gelebt  haben  müsste.  Pedanios 
(Phot.  cod.  124  a  12),  wofür  einige  Handschriften  fälschlich  „Pedacius" 
setzen,  deutet  an,  dass  er  das  römische  Bürgerrecht  erlangte,  und  mit 
Recht,  denn  er  leistete  zuerst,  trotz  seiner  von  Jugend  auf  vorhandenen 
Vorliebe  für  die  pharmakologische  Wissenschaft,  militärische  Dienste, 
vielleicht  als  Militärarzt.  Hierdurch  erhielt  er  Gelegenheit  zum  Be- 
suche vieler  Länder  und  zur  Erweiterung  seiner  pharmakologischen 
Kenntnisse.  Doch  darf  man  nicht  annehmen,  dass  nun  die  in  seinen 
Werken  niedergelegten  Pflanzenbeschreibungen  vollkommen  wären; 
dazu  war  er  der  älteren  Ueberlieferung  gegenüber  nicht  selbständig 
genug.  Die  Quellen  sind  dieselben  wie  bei  Plinius,  besonders  der 
lologe  Apollodoros,  Sextios  Nigros  und  somit  zugleich  Krateuas  und 
der  Herophileer  Andreas.  Das  erhaltene  Hauptwerk,  nsgl  iJAi^c  iatQL-aijg 
=  de  materia  medica,  umfasst  5  Bücher  und  behandelt  etwa  600 
Pflanzen.  Buch  I  enthält  die  Aromata,  Oele,  Salben  und  Bäume,  II 
die  animalischen  Stofi'e,  Getreide-  und  Gemüsearten,  III  und  IV  Wurzeln, 
Auszüge  und  Kräuter,  V  Wein  und  Mineralien.  Eine  strafi"e  Disposition 
fehlt,  wennschon  einzelne  Familien,  wie  Gräser,  Dolden-  und  Kreuz- 
blütler, ziemlich  zusammenstehen.  Galenos  wagt  angesichts  der,  von 
modernen  Botanikern  (Tournefort,  Koch,  Heldreich)  praktisch  be- 
stätigten, Vortreff"lichkeit  der  Pflanzenbeschreibungen  nicht  mit  eigenen 
Leistungen  hervorzutreten.  Die  Handschriften  bieten  entweder  die  5 
Bücher  in  ursprünglicher  Anordnung  (Paris,  saec.  IX;  Marc.  saec.  XII; 
Laur.  saec.  XIV)  oder  in  alphabetischer  Reihenfolge,  ungeachtet  der 
Verwerfung  dieses  Prinzips  durch  Dioskurides  (praef).  Zu  der  letzten 
Klasse  gehören  der  Const.  saec.  V  und  der  Neap.  saec.  VII.  Beide 
sind  Abschriften  eines  Archetypus,  der  zwischen  Galenos  und  Oreibasios 
geschrieben  worden  ist.  Cod.  Const.,  für  lulia  Anicia,  Tochter  des 
Kaisers  Olybrios  (f  472  n.  Chr.),  geschrieben,  wurde  von  dem  Gesandten 
Busbecq  nach  Wien  gebracht.  Die  Pflanzenabbildungen,  höchstens  400, 
sind  dem  illustrierten  Krateuas  (w.  s.)  entnommen.^)  Der  Text  des 
Dioskurides  ist  stark  verkürzt,  andererseits  wieder  durch  Pflanzen- 
synonyma erweitert.  Von  dem  Werke  besitzen  wir  folgende  lateinische 
ITebersetzungen :  a)  den  Dioscorides  de  herbis  femininis  (Stadler),  eher 
eine  Bearbeitung  der  gleichen  Quellen  als  eine  Uebersetzung,  stets 
illustriert  und  nur  72  Kapitel  stark;  b)  die  gleichfalls  illustrierte, 
aber  wörtliche  Uebersetzung  aus  der  Gotenzeit  (493 — 555  n.  Chr.; 
Rose,  Anecd.  II  115 ff.,  in  der  Münchner  Handschritt  mit  500  Bildern 
mehr  versehen  als  in  den  Wienern,  also  in  dieser  Beziehung  im  Mittel- 
alter erweitert,  in  sog.  langobardischer  Schrift;  c)  die  aus  der  saler- 
nitanischen  Schule  hervorgewachsene,  im  Mittelalter  überwiegende 
Uebersetzung  „Dyascorides",  auf  b  beruhend,  aber  aus  Oreibasios, 
Gargilius  Martialis,  Pseudapuleius,  Galenus  ad  Paternum,  Isidorus  etc. 
bereichert,  alphabetisch  angeordnet  und  stilistisch  geglättet.  Die  letzt- 
genannte Kompilation  (Well  mann  S.  373)  besteht  aus:  1.  den  Bildern 
des  Krateuas,  2.  den  Synonymenverzeichnissen  eines  den  Pamphilos 
ausbeutenden  Interpolators,  3.  dem  Dioskuridestext,  gelegentlich  mit 
Parallelen  aus  Krateuas  und  Galenos.  Alles  dieses  ist  vor  Oreibasios, 
aber  nach  Galenos  zusammengeflossen  (S.  375).     Als  interpoliert  sind 


^)  Choulant,  Naumanns  Arch.  f.  d.  zeichnenden  Künste  I  56 ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  351 

anzusehen  fast  alle  lateinischen  Synonyma,  ferner  die  gallischen, 
tuskischen,  sicilischen.  dakischen,  dardanischen,  ägyptischen,  spanischen, 
afrikanischen,  armenischen,  syrischen,  marsischen  und  die  auf  die 
Propheten  Zoroaster  und  Osthanes  zurückgeführten.  Aehnliche,  etwas 
vollständigere  Reihen  hat  der  von  demselben  Sammler  ausgearbeitete 
Pseudapuleius.  Die  Codices  befinden  sich  in  Paris,  Bologna,  Rom,  Leyden 
und  Erfurt.  Das  2.  Werk,  die  evnÖQiOTa  (=  leicht  erhältliche  Arznei- 
mittel), ist  unecht  (anders  E.  Meyer,  Hirschberg)  und  will  dem 
Oreibasios  nicht  gefallen  (eupor.  praef  =  V  559  f ).  3.  neql  örjXrjTrjQiwv 
(paQixaAtov  =  Gifte  und  4.  /t.  loßöltov,  iv  tj»  yiai  rt.  Ivooibviog  -/.wog 
(=  Verderbliche  Tiere;  darin  wird  auch  von  tollwütigen  Hunden  ge- 
handelt) gelten  dem  Photios  (cod.  178)  als  6.  und  7.  Buch  der  vlri\  wenn 
sie  Sprengel  dem  Dioskurides  aus  Alexandreia  zuschreibt,  so  ist  das 
eine  unbeweisbare  Vermutung.  Unecht  ist  auch :  tt.  (pciQuä-Acov  efirteiglag 
(Tri arte,  Bibliotheca  Matritensis  435).^)  Wertvolle  Beiträge  zu  Dios- 
kurides würden  sicherlich  die  bisher  unbenutzten  hebräischen,  syrischen 
und  türkischen  Paraphrasen  liefern.  Es  kommen  hierfür  z.  B.  cod. 
Monac.  hebr.  231  und  Leydener  Codices  -)  in  Frage.  Bei  "den  Türken 
hat  Dioskurides  noch  heute  dieselbe  vorherrschende  Stelle  inne  wie  in 
Mittelalter  und  Neuzeit  im  Abendlande.  Galenos  rühmt  die  pharma- 
kologischen Kenntnisse  des  Dioskurides,  wirft  ihm  aber  Unkenntnis 
der  griechischen  Sprache  vor  (XII  330),  gewiss  mit  Unrecht.  Die 
Neueren  haben  sich  fast  ausschliesslicli  mit  der  dioskurideischen 
Ophthalmologie  befasst.=^)  Er  berücksichtigt:  TtiQuodwiai  =  Ciliar- 
neuralgie,  dövrai  =  Schmerzen ;  ocp^alftia  =  Augen-  bezw.  Bindehaut- 
entzündung, (pktyf.iovai,  QtvuariO(.i6g  =  Fluss,  oi'dij/m  =  Chemosis, 
TttsQvyiov  =  Flügelfell ;  LiioxoToCna  =  Verdunkelung,  fX/.rj  =  Horn- 
hautgeschwüre, agyma  =  Weissling  =  Phlj^ktänen,  •/.oiXw/.ia  u.  ä.  = 
Hohlgeschwür,  fp'Av/.Taiva  u.  a.  =  Hornhautpustel,  ov/mI  =  Horn- 
hautnarben, }.evyM(.ia  =^  weisse  Hornhautnarbe,  agye^ta  y.ai  äx^ves  (feine 
Narben)  der  Hornhaut,  vscpeliov  =  Hornhautfleck;  oräcpvlw(.ia  =  Iris- 
vorfall ;  ^riQO(pd-aKi.iict,  oy.lriQO(p&aluia,  uvdr^asig  =  Triefen,  ifJiogofp^aXfiia 
u.  ä.,  -/.vr^aiiiög  =  Jucken,  y.av^ol  ß^ßgcüjnavoi  u.  ä.  =  Blepharitis  angu- 
laris, TQdxco/iia  u.  ä. ;  sonst  verdienen  noch  Erwähnung  /mlcpal  = 
Wimpermangel,  vml>7na  =  Lidbrauschen,  gfi^ig  =  Augapfelzerreissung, 
alyilioxp  u.  ä.  =  Thränensackabscess,  rrgÖTitwoig  =  Vorfall,  dfißXvtoTria, 
vvAxalojxp  =  Nachtblindheit  (?),  änoylctv'/xooig  =  Amaurose  mit  Pu- 
pillentrübung, vTiöyvoig  =  Star.  Als  Mittel  empfiehlt  er  u.  a.:  Eigelb 
und  Eiweiss,  Sesam,  Basilienkraut,  Raute,  Wermut,  Wegerich, 
Granatapfelbiüte,  Mohn,  Bilsenkraut,  Königskerze,  Ricinus,  Eisenstein, 
Betel,  Weihrauchruss,  Bohnenmehl,  frischen  Käse,  Mehl,  Linsen,  Gurke, 
Enzian,  Sellerie,  Harze,  Hirschhorn,  Butter  und  Fette,  Kupferhammer- 
schlag u.  ä.,  Blei,  Milchstein,  Samische  Erde,  Gummi,  Knurrhahngalle, 
gebrannte  Muscheln,  Knabenurin,  Salzblüte,  Grünspan,  Hefe,  Zwiebel- 
saft, und  zwar  als  Salbe  auf  Auge  und  Stirn,  Uebergiessung,  Um- 
schlag, Einträuflung,  Räucherung  und  Klebmittel.  Innerlich  reicht  er 
zur  Unterstützung  Kümmel  in   Wein  oder  Wasser,  Mohnköpfe  u.  a. 

^)  Choiilant,  Graphische  Incunabelu  f.  Natnrgesch.  u.  Medic,  Lpzg.  1858 
o.  XII. 

2)  Israel,  Henschels  Janus  II,  Breslau  1847  S.  814:  Ali  ben  Redhwan,  Columua 
radicura  s.  Fundamentum  medicinae  aus  dem  Jahre  1307. 

^)  Hirse hberg,  Gesch.  d.  Augenheilk.  =  Gräfe-Sämisch,  Handb.  d.  gesamt. 
Augenheilk.,  2.  Aufl.,  II.  Teil  XII.  Bd.  XXIII.  Kap.,  Leipz.  1899  S.  212  ff. 


352  Robert  Fuchs, 

Aetios  (II  3,  96)  ziert  seine  Schrift  mit  dioskurideischen  Augenkata- 
plasmen  und  führt  Mittel  gegen  die  Epilepsie  (II  2,  16)  und  gegen 
Fieber  an  (II  1,  88). 

Nachdem  durch  die  Betrachtung  der  beiden  wichtigsten  Pharma- 
kologen  der  Griechen  und  Eömer  eine  feste  Grundlage  für  die  Be- 
handlung der  antiken  Pharmokognosie  geschaffen  worden  ist,  lenken 
wir  unseren  Blick  rückwärts  auf  die  Pharmakologen  aus  früherer  Zeit, 
denen  jene  ihre  Bedeutung  verdanken,  von  denen  uns  aber  nur  spär- 
liche Bruchstücke  geblieben  sind. 

Kurz  vor  Erasistratos  schrieb  Ophion  unter  Benutzung  von 
Diokles  über  Pharmakologie  (Plin.  20,  34;  22,  80  =  Diosc.  m.  m.  II 167; 
W  e  1 1  m  a  n  n ,  Hermes  XXIV  1889,  565  ff.).  D  i  a  g  o  r  a  s  i)  von  Kypros, 
Quelle  für  Plin.  XII f.;  XX— XXVII;  XXXIII— XXXV,  wurde  eben- 
falls von  Erasistratos  citiert  (20,  198;  200;  Diosc.  m/m.  IV  165).  Nach 
Erotianos  (ed.  Klein  p.  108)  erklärte  er  den  hippokratischen  Ausdruck 
ifSQÖvri  =  Apophyse.  Ein  Collyrium  dia  rhodon  =  Eosenmittel  kennt 
Oreibasios  (V  880,  nur  lateinisch).  Andron,  unbekannter  Herkunft, 
wurde  von  Herakleides,  TtQog  'AvTioxLda  (Gal.  XII  983  if.)  citiert. 
Schönemann  -)  möchte  ihn  mit  Andreas  (S.  292 f.)  identifizieren.  Er 
schrieb  sicher  über  Arzneimittel  und  wahrscheinlich  7C.  arscpavcov  = 
lieber  Kränze  (Athen.  XV  p.  680  E).  Sein  rgoxioycog  '=  pastillus  von 
adstringierender  Wirkung  wird  in  der  späteren  Zeit  noch  verschrieben 
(Orib.  II  440;  V  791;  910),  wenngleich  in  verschiedenen  Spielarten: 
Geis.  V  20,  4  gegen  Zäpfchenentzündung,  fötide  Geschwüre  der  Geni- 
talien und  Krebs;  VI  18,  2  gegen  Erkrankung  der  Eute;  VI  14  gegen 
Zäpfchenerkrankung;  Gal.  XIII  834;  Cael.,  de  m.  ac.  III  3  p.  186:  An- 
dronis  et  Polyidae  ofpqayLg  =  gestempelter  Pastill  gegen  nachlassende 
Synanche.  Galenos,  der  den  Zusatz  von  Eindsgalle  billigt  (XII  276), 
verschreibt  ihn  auch  bei  Ohreiterung  (VI  440).  Sonst  erwähnt  Ga- 
lenos (Index)  Mittel  gegen  Herpes,  Fici  des  Kinns,  Gangrän  und 
Hämorrhagie.  Dass  er  Empiriker  gewesen  sei  (Wellmann  bei  Suse- 
niihl  I  828  A.  320),  folgt  um  so  weniger  aus  den  Eezepten,  als  von 
Hippokrates  an  Angehörige  aller  Schulen  dieselben  Bestandteile  sehr 
häufig  anwandten.  Auch  das  Eezept  gegen  Karbunkel,  Erysipelas 
und  Efflorescenzen  bei  Scribonius  (63)  giebt  leider  nicht  den  mindesten 
Fingerzeig.  Lediglich  durch  einen  ähnlichen  Pastillus  und  als  fast 
steter  Begleiter  des  Andron  ist  Poiyeides  bekannt  (z.  B.  Orib.  II 440). 
Sein  TQoxtaKog  =  acpQayig,  ein  Wundmittel,  „celeberrimus  est"  (Gels. 
V  20,  2).  Er  wird  in  wunderlicher  Orthographie  noch  von  Oreibasios 
(V  789;  910,  nur  lat.)  und  dem  Anonymus  yr.  toßöhov  xal  drjlr]TrjQicov 
(p(XQuccy.cov ")  empfohlen.  Er  kann,  aber  muss  nicht  in  augusteischer  Zeit 
gelebt  haben ;  letzteres  nimmt  W  e  1 1  m  a  n  n  (a.  a.  0.)  an.  N  e  i  1  e  u  s ,  auch 
Nileus  genannt,  lebte  vor  Herakleides  von  Taras  (W  e  1 1  m  a  n  n ,  Hermes 
XXIII  1888,  560),  der  seine  Behauptung  von  der  dauernden  Eeponier- 
barkeit  des  Femur  wiederholte.  Dass  er  unter  die  ,.sehr  Berühmten" 
gerechnet  wird  (Gels.  8, 20),  beruht  im  wesentlichen  auf  seiner  Eezeptier- 
kunst.    Sein  vorzügliches  Malagma  bestand  u.  a.  aus  Safranrückstand 


^)  Houdart,  Histoire  de  la  medecine  grecque  depuis  Esculape,  Paris  1856, 
261  ff. 

^)  De  lexicographis  antiquis  qui  reruin  ordinem  secuti  sunt  quaestiones  praecur- 
soriae,  Diss.,  Hannoverae  1886  S.  97  Anm.  3. 

■n  Rohde,  Ehein.  Mus.  XXVIIl  1873,  270:  Kühn,  Additamenta  u.  s.  w.  XXIV 
1836  S.  3. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  353 

{/.Qo-/.(')(.iayf.ia),  Animoniakguinmi,  Wachs,  Essig  und  Rosen  (Cels.  V  18,  9; 
Gal.  XIII  181 ;   Paul.  Aeg.  VII  18).    Caelius  (ac.  m.  II  29  p.  142)  be- 
richtet, dass  es  einzelne  Aerzte  bei  Lungenentzündung  auf  Brust  und 
Rücken  auflegten.    Im  Wettstreite  mit  dem  Malagma  steht  das  milde 
Augencollyrium   (Cels.  VI  6,  11;  VI  6,  8 f.;   Gal.  XII  765;  806;    Paul. 
III  22  u.  ö.),  das  beste  nach  allgemeinem  Urteile  (Cels.  VI  6,  10),  wenn- 
schon es  Demosthenes  (darum  oft:  Nileum  Demosthenis)  verbessert  zu 
haben  scheint.    Das  komplizierte  Mittel  besteht  u.  a.  aus  Baldrian, 
Mohnsaft,   Gummi,   Safran  und  Rosenblättern  und  wird   darum   auch 
unter  dem  Namen  to  öia  qööcov  (Aet.  7,  32)  gegen  Lidkarbunkel  ver- 
ordnet.  Verschiedene  tTti^f/KaTa  =  Mittel  zum  Auflegen  hat  Oreibasios 
aufgenommen   (V  905).    Wie  Nymphodöros  (=  Nymphodötos   nach 
Schneider,  Nic{\ndrea  184A.)  und  Protarchos  erfand  Neileus  eine 
Streckbank  (Trlivd-iov),  auch  für  den   Femur   (Cels.  8,   20;  Orib.  coli, 
med.  49,  4  =  IV  342;  49,  7  =  IV  357 ff.;  Abbildung  IV  693).    Helio- 
döros   ist   für  Oieibasios  die  Quelle.     Den  Apparat  verbesserte  der 
Mechaniker  Herodotos  (IV  358).   Nymphodöros  stellte  ein  Mittel  gegen 
den  Kropf  nach  Andromachos'  Angabe  zusammen  (Gal.  XIII  926);  eine 
ähnliche   Foimel  hat  Paulos  7,   12.     Plinius,  der  ihn  als  Quelle  für 
Buch  XXXIII- XXXV  citiert,  berichtet,  dass  er  den  Galmei  (cadmia; 
34,  lOOif.)  gleich  lölas  gebrannt,  in  Chierwein  gelöscht,  zerstossen,  ge- 
seiht,  pulverisiert,  in   Regenwasser  verteilt    und   therapeutisch    ver- 
wendet habe.     Ausser  dem  Streckapparat  für  den  Femur  (s.  oben)  er- 
fand  er   ein   yXcoaoöy.ofiov  zur  dauernden  Extension   (Orib.   coli.  med. 
49,  4  =  IV  342;   20  =399 ff.;  Abbildung  IV  694),  das  der  Vater  des 
Pasikrätes,  der  Mechaniker  Aristion,  verbesserte.     Der  auch  chirur- 
gisch thätige  (s.  oben)  Protarchos  erfand  ein  Malagma  für  Parotitiden, 
Melikeris  =  Favus,  andere  Geschwülste  und  schlimme  Geschwüre  (Cels. 
V  18.  18),  das  beste  Krätzemittel  (V  28,  16 f.)  und  ein  Rezept  gegen 
Papeln  (18).    A n  ton i u  s  M  u s a  (s)  wird  unter  den  Römern  besprochen 
werden.     Maenius  Rufus  wird  zur  Zeit  des  Celsus  über  Pharmako- 
logie geschrieben  haben  (Gal.  XIII  1010).   Philo n  gab  dem  rpih'oveiov 
=  Philonium  bis  in  spätarabische  ^)  Zeiten  seinen  Namen.    Nach  Celsus 
(VI  6,  3)  enthält  es  Bleiweiss,  Ofenbruch,  Gummi,  Mohnsaft  mit  Wasser 
oder  anderer  Flüssigkeit  (Gal.  XIII  267 ff.).  Dieses  Antidot  ist  schmerz- 
stillend (VIII  84;  vgl.  X  818;  XVII,  II  331).     Ein  ähnliches  Mittel 
steht  XIV  6,  ein  simplicissimum  bei  Orib.  eupor.  IV  141  =  V   792. 
lulius  Bassus   schrieb  griechisch  über  Pharmakologie  und  wurde 
daher  von  Plinius  (Index  XX  -  XXVII)  als  Quelle  angegeben.     Er 
war  der  Freund  des  jüngeren  Nigros  (Cael.  Aur.  ac.  m.  III  16  p.  233) 
und  hat  den  charakteristischen  Namen  6  itioUvg  (Gal.  XIII 1033).   Dios- 
kurides   (de  m.  m.  praef.)    zählt   ihn    neben     „Nikeratos,    Petronios, 
Nigros  und  Diodotos"  zu  den  Jüngeren,  denen  er  wegen  des  populären 
Stoffes,  des  Mangels  an  Experimenten,  der  vergeblichen  Begründung 
der  Arzneiwirkungen  und  wegen  der  Verwechslung  und  Weitschweifig- 
keit nicht  viel  Wert  beimisst.    Sein  axo7iov  =  Mittel  gegen  Schwäche 
findet  sich  bei  Galenos  (XIII  1017  f. ;   1033),  ebendort  ein  Kollyr  (XII 
780)  und   ein  Katapotion  (XIII  60).    Auch  Scribonius  Largus  beruft 


')  Zum  Philonium  Romanum  s.  Janus  IV  1899  S.  449;  zum  Ph.  Persicum  hei 
Mesue  1.  1  ;  zum  Ph  des  Avicenua:  Dozy,  Supplement  aux  dictionnaires  arabes 
IT  282.  Die  26  Distichen  finden  sich  als  ^  <Pilu)vo?,  dvriSoios  hei  Bussemaker, 
Poetarum  de  re  physica  et  medica  reliquiae,  Paris  1851. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  23 


354  '  Robert  Fuchs. 

sicli  auf  ihn.  Oreibasios  V  133;  873  f.  überliefert  den  Cygnus  Bassi 
(„Schwan").  Galenos  (XIII  278;  280)  legt  ihm  Colica  bei,  nennt  ihn 
aber  TuUiusJ)  Bei  Hydrophobie  verordnete  Tullius  Bassus  u.  a. 
Niesmittel  und  Klystiere  (Cael.  a.  a.  0.).  Scribonius  Largus,-) 
nach  Largius  Designatianus  fälschlich  Designatianus  zubenannt,  schrieb 
seine  Compositiones  in  jetzt  noch  271  Rezepten  um  das  Jahr  47  n.  Chr. 
Seine  Lehrer  waren  Tryphon  und  Apuleius  Celsus  von  CenturTpae 
(Buche  1er,  Rhein.  Mus.  XXXVII  321 ;  Scrib.  175;  94;  171).  Letzterer 
behielt  bei  seinen  Lebzeiten  die  Komposition  seines  Hauptmittels  für 
sich.  Bücheier  deutet  an,  dass  auch  Scribonius  aus  Sicilien  stammen 
möchte.  Er  begleitete  43  n.  Chr.  den  Kaiser  Claudius  nach  Britannia 
(163)  und  fertigte  für  Messalina  (f  48)  ein  Rezept  an  (60).  Sein 
Porträt  beruht  auf  Erfindung  (Janus  II  1897,  611).  Die  Compositiones 
sind  an  den  zu  Macht  gelangten  Freigelassenen  des  Caligula,  G. 
lulius  Callistus  (151;  271)  gerichtet,  der  um  Aufzeichnung  der  von 
Scribonius  erprobten  Mittel  gebeten  hatte,  und  wurden  mit  der  Wid- 
mung an  Kaiser  Claudius  veröifentlicht  (22  ff.).  Die  Sprache  ist,  da  es 
sich  um  ein  ärztliches  Taschenbuch  handelt,  schlicht  und  vielfach  mit 
Vulgarismen,  ja  ßarbarismen  durchsetzt  (Helmreich  p.  IV f.).  Die 
Reihenfolge  ist  die  typische,  vom  Kopfe  zu  den  Füssen  herab.  Unter 
den  Quellen  •^)  sind  ausser  den  Römern  zu  nennen :  Hippokrates,  Hero- 
philos,  Asklepiades,  Andron,  Euelpistos,  Meges,  Zopyros,  Philonides, 
Bassos;  doch  hütete  sich  Scribonius  auch  vor  abergläubischen  Mitteln 
nicht.  Er  beschreibt  zuerst  die  Gewinnung  des  echten  Opiums. 
Bei  Kopfschmerz  applizierte  er  Zitterrochen.  Galenos  hat  eine  grosse 
Anzahl  Rezepte  berücksichtigt  (s.  Index).  Als  Ersatz  für  die  ver- 
lorene Handschrift  des  Ruellius^)  dient  des  Marcellus  Empiricus 
Sammlung,  die  wegen  der  Wundermittel  und  der  sog.  Dreckapotheke 
auf  niedriger  Stufe  steht.  Alle  Vorgenannten  überragt  weit  Sextius 
Nigros,  des  Bassos  Freund  (s.  oben).  Den  Pharmakologen  hält 
Teuffei  (a.  a.  0.  I5  628  ff.)  für  den  Philosophen  Q.  Sextius,  den  Vater, 
obwohl  dieser  nie  den  Beinamen  Niger  erhält  und  die  Annahme,  es 
sei  der  Sohn  gewesen,  in  der  Chronologie  (etwa  50  n.  Chr.)  mehr 
Unterstützung  fände.  Im  Canon  medicorum  Laurentianus  heisst  er 
Sextius,  bei  Galenos  (seine  pharmakologische  Schriftstellerei  wird  XI 
797  als  dem  Krateuas  und  Herakleides  von  Taras  überlegen  bezeichnet) 
einfach  Nigros,  bei  Gargilius  Martialis  (Rose,  Anecd.  II  129)  Sextilius 
(Ps.-Plin. :  Sextius)  Niger,  sonst  bloss  Sextius.  Plinius  hat  zu  Buch  XII 
die  Quellenangabe:  „Ex  .  .  .  Sextio  Nigro,  qui  Graece  de  medicina 
scripsit"  und  benutzt  ihn  auch  für  Buch  XIII — XVI;  XX— XXX; 
XXXII— XXXIV;  32,  26  mit  der  lobenden  Bezeichnung  „diligentissi- 


^)  Die  Gründe  für  lulms  und  Tullius  wägen  ohne  Ergebnis  ab:  Car.  Gottl. 
Kühn,  Opuscula  II  157;  E.  Meyer,  Gesch.  d.  Bot.  II  44  ff. 

^)  ed.  Ruellius,  Basileae  1529  ist  die  editio  princeps;  in  Medici  artis  principes 
ed.  S  t  e  p  h  a  n  u  s ;  ed.  Rhodius,  Patavii  1655  (mit  Wörterbuch) ;  ed.  B  e  r  n  h  o  1  d ,  Argen- 
torati  1786;  ed.  Helm  reich,  Lipsiae  1887.  Vgl.  Proben  aus  einem  Kommentar 
Sperlings  bei  Kühn  ,Progr.,  Lipsiae  1825—27;  E.  Meyer,  Gesch.  der  Bot.  II  21  ff.; 
Helmreich,  Blätter  f.  d.  (bayer.)  Gymnasialschuhvesen  XVIII  385 ff. ;  Bücheier 
a.  a.  0. ;  Rinne,  Das  Receptbuch  des  S.  L.,  zum  ersten  Male  theilweise  ins  Deutsche 
übers.  =  Kobert,  Hist.  Stud.  aus  dem  Pharmakol.  Institute  d.  Kais.  Univ.  Dorpat 
V  1  ff.,  Halle  a.  S.  1896. 

•"')  Aufzählung  bei  Teuff el-Schwab,  Gesch.  d.  röm.  Lit.  II 5,  Leipz.  1890 
S.  717. 

*)  Köhler,  Hermes  XVIII  1883  S.  382,  A.  1. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  355 

mus".  Erotianos  (ed.  Klein  94)  nennt  sein  Werk  negl  vXrjg  =  de  ma- 
teria  sc.  medica.  Dieses  war  besonders  auf  Krateuas  (=I)iokles)  auf- 
gebaut und  wurde  von  Plinius  und  Dioskurides,  welch  letzterer  die 
Quelle  verschweigt,  aber  auch  von  Macer  Floridus  (1963:  Sextus 
Niger)  gebührend  gewürdigt.  ^)  Dass  eine  florentinische  Büste  zu 
Unrecht  nach  ihm  benannt  werde,  erwies  Eobert  (Hermes  XVII 
1882  S.  135  if.).  Ebenfalls  im  Index  Plini  XX— XXVII  erscheint  unter 
den  „medici"  Petronios  Diodötos,  bei  Dioskurides  (de  ra.  m. 
praef.)  aber  steht  zwischen  Petronios  und  Diodötos:  Nigros,  es  sind 
also  2  Aerzte,  genau  wie  bei  Erotianos  (ed.  Klein  98):  iTeTQwvwg  kv 
vXmalg  xal  Jiodorog  h  ß'  /^ivdokoyiKwv.  Plinius  20,  77  citiert  die 
avd^oloyov(.ieva  (=  Kräuterbuch)  des  Petronios  Diodötos  (vgl.  25,  110; 
Nicand.  ther.  94  schol.).  Zu  E.  Meyers  Vermutung  (a.  a.  0.  II  44 ff.), 
der  unter  Diodötos  den  Petronios  Diodötos  und  unter  Petronios  den 
Petronios  Musa(s)  verstehen  will,  ist  angesichts  der  Verwirr^ng  schwer 
Stellung  zu  nehmen;  Plinius  wdrd  doch  seine  Quelle  richtig  haben 
abschreiben  können.  -)  Einen  Pastillus  des  Petronios  des  Namens 
„Tugend"  (d.  i.  von  tüchtiger  Wirkung)  verzeichnet  Galenos  (XIII 
831).  Nikerätos,  der  ein  Buch  naQi  -/.aTakrjifjsog  schrieb  (Cael.  ac. 
m.  II  5  p.  376),  wurde  von  Plinius  bei  der  Beschreibung  der  „medi- 
cinae  ex  aquatilibus"  (Buch  XXXI)  ausgezogen.  Galenos  überliefert 
von  ihm  Mittel  gegen  Wasserscheu,  Ohrenschmerz,  Atemnot,  Gelbsucht 
(Nasenmittel),  ein  Kezept  zur  Uriuanregung,  eine  Latwerge,  ein  Ma- 
lagraa,  ein  „invar/jQiov"  genanntes  Mittel  und  einen  Korallenpastillus 
(Index).  Was  Dioskurides  über  Bassos  sagt,  gilt  auch  von  Nikerätos. 
Zu  den  „vetustiores",  die  Epileptische  mit  Riechmitteln  und  Kly- 
stieren  heilen  wollten  (Cael.  m.  ehr.  I  4  p.  323),  gehört  auch 
Menekrätes  von  Zeophleta,  vor  dem  Leibarzte  des  Nero,  Andro- 
machos,  lebend  (Gal.  XII  989).  Auf  einer  Inschrift  (Inscr.  Graec. 
Sicil.  ed.  Kaibel  1759)  steht  der  volle  Name  des  Freigelassenen:  Ti- 
berius  Claudius  Quirina  MaveY.QdTi]g\  Kuireina  bezeichnet  die  tribus 
der  Kaiser  Claudius  und  Nero;  mit  C.  Stertinius  Xenophon  hat  dieser 
Arzt  trotz  Kaibel  nichts  zu  thun.  Der  Titel  aözongdtioQ  öloyqdfAf.iaTog 
ä^LoUycüv  fpaQi-idxiüv  (Gal.  XIII  995;  XIV  32;  XIII  502  f.)  ==  „Kaiser, 
von  Abkürzungen  freies  (Buch)  beachtenswerter  Heilmittel"  bedeutet, 
dass  das  Buch  dem  Claudius  gewidmet  war  und  Massbestimmungen 
in  vollen  Lettern  darin  standen,  um  unheilvollen  Verwechslungen  vor- 
zubeugen. Galenos  kennt  von  ihm  eine  Wachspaste  (XIII  937),  ein 
exkoriazierendes  Mittel  (XII  846),  ein  Stomaticum  (XII  946)  und  das 
berühmte  öia  y^ilcbv  =  e  sucis,  ein  Bleiglättenpflaster  mit  Kräuter- 
auszügen (Gal.  XIII  995  ff.;  Cael.  ac.  m.  II  18  p.  123  u.  ö.),  in  späterer 
Zeit  diaquilon,  diaculon  u.  s.  w.  genannt.  In  der  Inschrift  werden  ihm 
im  Ganzen  156  Werke  beigelegt,  und  er  wird  als  „Stifter  einer  eigenen 
wirklich  logischen  (=  dogmatischen)  Aerztesekte"  bezeichnet  (vgl. 
Briau,  Revue  archeologique  XLIII  1882,  203  ff. ;  Ray  et,  Annuaire 
de  l'association  pour  l'encouragement  des  etudes  giecques  IX  273). 
Um  70  n.  Chr.  schliesst  sich  Xenokrates^)  von  Aphrodisia(s)  an, 

^)  Well  mann,  Sextius  Niger,  eine  Qnellenuntersuchung'  zu  Dioskorides. 
Hermes  XXIV  1889  S.  530  ff. 

2)  Well  manu,  Fleckeisens  Jalirbb.  f.  class.  Pliilol.  CXXXVII  1888  S.  154  ff.; 
May  hoff,  Novae  lucubratioues  Pliuianae,  Lips.  1874  S.  7ff. ;  auch  schon  Jahn, 
Sitz.-Ber.  d.  Kgl.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Leipzig,  phUos.-hist.  Cl..  1850  S.  277  ff. 

*)  ed.  Franzius,  Francof.  et  Lips.  1779;  Parisiis  1814  (ed.  Coray);  Physici 
et  medici  Graeci  minores  ed.  Ideler,  Lipsiae  1841,  I  121  if. 

23* 


356  Robert  Fuchs. 

den  Plinius  für  Buch  XX — XXIII;  XXXITI  f.  und,  wenn  „Xenocrates 
Zenonis"  etwa  ebenderselbe  sein  sollte,  auch  für  XXXV  und  XXXVII 
ausgebeutet  hat.  Sein  erdichtetes  Porträt  findet  sich  in  den  Wiener 
Dioskurideshandschriften  (Montfaucon,  Palaeographia  antiqua  199). 
Auf  Antrag  des  Piaximenes  wurde  er  von  den  Koern  durch  einen 
Ehrenbeschluss  gefeiert.')  Er  schrieb:  1.  ntQ)  TT]g  äno  tGjv  Cqnov 
TQorpfig  =  „Animalische  Nahrung",  woraus  das  Stück  über  die  Nahrungs- 
mittel von  Meertieren  [rt.  x.  a  evvÖQwv  t.)  u.  a.  bei  Oieibasios  (coli, 
med.  II  58  =  I  124 ff.;  XV  3  ==  II  739 f.)  erhalten  und  bei  Ideler-) 
abgedruckt  ist;  2.  über  die  materia  medica  {Tag  oiojnaoiag  nlbv  fpaQi.tdyf.wv, 
Gal.  XIX  105;  XI  793).  Er  gab  sich  mit  Piatons  Lelirmeinungen 
ausführlich  ab  (XIX  226).  In  seinem  Arzneischatze  finden  sich  viele 
Geheim-  und  Wundermittel,  z.  B.  Trompeten-  und  Purpurschnecken 
als  Kataplasma  ( t{.i7t'kaoxQtiv ;  Orib.  II 739  f. ) ;  Gehirn,  Fleisch,  Leber,  Kopf-, 
Unterschenkel-  und  Fingerknochen  des  Menschen,  teils  roh,  teils  gebrannt, 
Gal.  XII  248;  Blut,  Urin,  Kot,  Samen^)  u.  s.  w.  des  Menschen  und  Körper- 
teile des  Nilpferdes  und  des  Elefanten  (250);  Fledermausblut,  dessen 
haarzerstörende  Wirkung  bei  den  Achselhaaren  Galenos  als  lügenhafte 
Erfindung  zurückweist  (XII  258);  Schweiss,  Urin.  Menstrualblut,  Ein- 
reibung von  Mund  und  Kehle  mit  Menschenkot,  Genuss  dieser  Mittel 
und  des  Ohrenschmalzes  (249).  Besser  sind  die  wirklichen  Rezepte, 
die  Galenos  anführt,  z.  B.  das  Anodynum  XIII  90;  das  Mithridation 
XIV  164;  das  Trockenmittel  aus  Erven,  cephalicum,  XTII  846;  das 
Ohrenmittel  XII  627;  ein  zerteilendes  Emplastrum  XIII  439;  931;  der 
modifizierte  Theriak  des  Andromachos  XIV  260;  sein  Trochiskos  gegen 
Katarrh,  Orib.  V  911;  das  smigma  ^  of.iij'yf.ia,  Schmiermittel,  V  916. 
Noch  Macer  Floridus  (984  f)  weiss  von  des  Xenokrates  Behauptung, 
dass  die  Regel  soviel  Tage  aussetze,  als  die  Betreffende  Koriander- 
körner eingenommen  habe.  Der  ältere  Andromachos '^)  stammte  aus 
Kreta  und  war  äQyjaTQOi^  des  Nero  (Gal.  XIV  2;  211);  sein  Sohn,  der 
jüngere  Andromachos,  lebte  unter  den  Flavii.  Häufig  fehlt  eine  nähere 
Angabe,  welcher  von  beiden  gemeint  ist.  Der  Vater  ist  berühmt  wegen 
seiner  O-rjQtu/.ij  öi'  lyjövwv  i)  -/Mlovi-thrj  yaXiji'rj  =  „Windstille"  (Ruhe) 
genannter  Viperntheriak,  in  174  elegischen  Distichen  beschrieben  (Gal. 
XIV  2ff;  24 ff.;  32 ff.;  270)  und  bei  Galenos,  Aetios  (IV  1)  aufge- 
nommen; Text  bei  Bussemaker,  Poetarum  de  re  physica  et  medica 
reliquiae,  Parisiis  1851,  und  bei  Ideler  I  138 ff.  Das  aus  etwa  60 
Stoffen  zusammengesetzte  Mittel  machte  dem  Mithridatiou  Konkurrenz 
und  wurde  von  Antoninus  Plus  täglich  genossen;  er  gab  den  Aerzten, 
Droguisten  und  vornehmen  Laien  das  Privilegium,  den  Theriak  zu 
bereiten  (Gal.  a.  a.  0.).  Der  Sohn  schrieb  7t.  cpaQ^iäyttov  oxevaolag  (über 
Arzneibereitung)  in  3  Büchern;  im  1.  beschrieb  er  die  Mittel  gegen 
äussere  Leiden,  im  2.  die  gegen  innere,  im  3.  die  Augenmittel  (Gal. 
XIII  463;  427;  441).    Galenos  zog  ihn  in  seiner  Pharmakologie  mit 


*)  Herzog,  Koische  Forschungen  u.  Funde.  Leipz.  1899  S.  20. 

*)  Vgl.  das  Stück  über  den  Ziegenbock  aus  Buch  I  bei  Gal.  XII  261. 

^)  Er  unterschied  sogar  die  angeblichen  Wirkungen  des  männlichen  Sperma  an 
sich,  als  auch  die  solchen  Spermas,  das  durch  £y.()vai~  beim  Weibe  wieder  abgegangen 
war  (Gal.  XII  250). 

*)  Schediasma  ad  theriacae  Andromachi  singularia,  Leszniae  1642;  Kühn, 
Additamenta  ad  elenchum  medicorum  veterum  etc.,  Lipsiae  s.  anno,  II;  0.  Schnei- 
der, De  Andromachi  Archiatri  elegia,  Philologus  1858;  Sprengel  bei  Ersch  und 
Gruber,  Allgem.  Encyclop.  IV  36. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  357 

Vorliebe  heran  (XII  378  ff. ;  XIV  Iff.)  und  schöpfte  aus  ihm  sein 
2.  Buch  7t.  divxi66xi.ov  (XIV  106 ff).  Galenos  (XIII  441  f.)  wirft  ihm 
vor,  dass  er  die  Bereitung,  Anwendungsweisen  und  Wirkungen  der 
Mittel  vernachlässigt  habe ;  offenbar  geht  er,  wie  so  oft,  darin  viel  zu 
weit.  Natürlich  hatte  auch  Andromachos  seine  Vorgänger  gehörig 
benutzt,  u.  a.  den  Hikesios  (XIII  809  ff.),  Archigenes  und  Athenaios.^) 
Die  von  Galenos  (XII;  XIII;  XIV,  s.  Index)  erhaltenen  Rezepte  be- 
treffen u.  a. :  Kahlköpfigkeit,  Zerschlagenheit ,  böse  Geschwüre, 
blutende  Wunden,  Anusleiden,  Soor,  Kolik,  Ohrenschmerzen,  Ischias, 
Nieren-  und  Magenleiden.  Husten,  Zahnweh,  Atemnot,  Ruhr,  Nerven- 
schmerzen, Blutspeieii,  Leberleiden,  Rose  und  gehören  zu  den:  acopa, 
melina,  emplastra  (epulotica,  polychresta  u.  a.),  anodyna,  antidota, 
arteriaca,  hedychroa,  stomatica,  malagmata,  panacea,  pastilli.  Den 
Antidoten  setzte  er  Cassienrinde  bei  (XIV  73).  Erotianos  widmete 
dem  Andromachos  sein  Glossar  (ed.  Klein  p.  29).  Ein  wertloses  Por- 
trät findet  sich  Janus  II  611.  Ein  unmittelbarer  Vorgänger  des 
älteren  Plinius  (25,  87 )  war  S  e  r  v  i  1  i  u  s  D  a  m  o  k  r  ä  t  e  s.'-^)    Er  schrieb : 

1.  einen  llvd-iMc,  =  Pythisches  Buch,-*)  woraus  18  bezw.  26  lamben, 
je  ein  Zahnpulver  behandelnd,  uns  geblieben  sind  (Gal.  XII  889 ff.); 

2.  einen  (piliatgog  =  Heilkundenfreund  (medicinae  Studiosus;  Gal. 
XIII  40),  woraus  38  lamben  über  das  öia  -moöiwv  =  Mohnmittel  übrig 
geblieben  sind  ;  3.  einen  /.hviy.ög,  der  in  einem  Buche  in  iambischen 
Versen  3  Hüftwehmittel  behandelte  (Gal.  XIII  349)  und  aus  dem  47 
iambische  Verse  über  die  ißr^gig  ==  Lepidium  Iberis  (?)  auf  uns  ge- 
kommen sind  (Plin.  1.  1.;  Gal.  XIII  349 f.);  4.  ein  Buch  über  Anti- 
dotenbereitung  in  Versen  (XIV  260);  vermutlich  hat  er  aber  noch 
andere  Werke  verfasst.  Plinius  führt  ihn  zu  Buch  XXIX  als  Quelle 
an  und  giebt  wieder,  wie  er  Considia,  die  Tochter  des  M.  Servilius, 
dessen  Freigelassener  er  war,  behandelt  hat.  Zwei  Arten  Umschläge 
bei  Nierenleiden  giebt  Galenos  an  (XIII  223 f.;  Studemund  26ff.). 
Eigentümlich  ist  für  Damokrates  die  Polypharmacie ,  die  sich  in 
komplizierten  Rezepten  ausspricht  (XIII  915).  Sein  Theriak  wich 
von  dem  des  Andromachos  ab  (XIV^  90 f.;  260)  und  wurde  noch  von 
Aetios  gelobt  (IV  1,  111;  Democratis  steht  im  lateinischen  Texte). 
Er  mischte  nämlich  Vipern  bei  (vgl.  XIV  2  m.  232 f.;  XIII  909;  XIV 
259 ff).  Das  Diachylon  des  Menekrates  behandelte  er  in  Trimetern 
(Gal.  XIII  996).  Aglaias^)  (bei  Phot.  Bibl.  cod.  128,40:  'J-ylaidag) 
aus  B3^zantion  lebte  wohl  auch  um  die  Mitte  des  1,  Jahrhunderts 
n,  Chr,  Unter  seinem  Namen  ist  in  elegischen  Versen  ein  „Mittel 
gegen  beginnenden  grauen  Star  (vTtoyvoeig)  des  sehr  vornehmen  Byzan- 
tiners A.,  der  sein  Geschlecht  auf  Herakles  zurückführt,  Schülers  des 
Alexandros,  Mitschülers  und  Freundes  des  Demosthenes"  erhalten,  das 
eine  späte  Fälschung  zu  sein  scheint.^)    Aetios  (7,  50)  lobt  diese  vyQd. 

')  Wellmann,  Die  pneumat.  Schule  bis  auf  Archigenes,  Berl.  1895  S.  8 f. 

^)  Damocratis  Servilii  quae  supersunt  carmina  raedicinalia  ed.  Harlesius, 
Bonnae  1833;  Ilberg,  Verh.  d.  vierzigst.  Versararal.  deutsch.  Philol.  u.  Schul- 
männer in  Görlitz  1889,  Leipz.  1890  S.  395  (Litteratur) ;  Studemund,  Index 
lectionum  Vratislaviensium  1888^89,  eine  Busse maker  (a.  a.  0.)  weit  überlegene 
kritische  Ausgabe. 

'')  Weil  ihm  der  pythische  Gott  diese  Rezepte  verriet  (Studemund  17). 

*)  Text  bei  Kühn,  Addit.  II;  Sichel,  Revue  de  philologie  II  1846;  Busse - 
maker  a.  a.  0.;  Textkritik  bei  Haupt,  Coniecturen  über  A.  =  Hermes  VIII 
1873  S.  7  if. 

5)  Henschels  Janus  I,  1846,  862  if. 


358  Kobert  Fuchs. 

Den  Eeigen  scliliesst  der  Arzt  und  Botaniker  Pamphilos^) 
g-eg-en  Ende  des  1.  Jahrhunderts  n.  Chr.  Er  ist  sowohl  von  dem 
Salbenhändler  (Gal.  XIII  68),  als  auch  von  dem  berühmten  Ari- 
starcheer,  dem  alexandrinischen  Grammatiker,  zu  trennen.  Galenos 
nennt  ihn  unter  den  letzten  der  vscotsqoi  (XI  796)  zusammen  mit 
Archigenes  (unter  Traianus).  Dioskurides  von  Anazarba  erwähnt  ihn 
nicht,  wohl  aber  der  gleichnamig-e  Glossograph  des  Hippokrates,  Dios- 
kurides (w.  s.;  Gal.  XIX  63 f.;  Wellmann,  Hermes  XXXIII  1898 
S.  369 ff.).  Seine  Schrift  hiess  nach  Suidas  sUöveg  {twv  ßoravCov}  xara 
oTOL^üGv  ==  Geheimnamen  der  Pflanzen  in  alphabetischer  Eeihenfolge. 
Galenos  (XI  792  ff.)  nennt  das  Werk  ^sqI  ßoxavwv  in  6  Büchern  und 
tadelt,  dass  der  Verfasser  als  Grammatiker  nie  gesehene  Pflanzen  bloss 
auf  Grund  der  Litteratur  beschreibe,  alles  kritiklos  hinnehme,  was 
andere  sagten,  und  zweckloserweise  eine  „Masse"  (TcXfjd-og)  Namen 
beigefügt  habe;  er  ist  also  die  Vorlage  der  Synon5'menliste  des  alpha- 
betischen Dioskurides,  Pseudapuleius  de  herbis,  Hesychios  (Well mann 
a.  a.  0.).  Galenos  tadelt  auch  im  einzelnen  mancherlei,  z.  B.  XII  31 
das  über  die  Klematis  Gesagte  und  dass  er  die  märchenhafte  Pflanze 
„Adler"  (d^rdg)  einem  der  ägyptischen  hermetischen  Bücher  über  die 
36  heiligen  Kräuter  entnommen  haben  wollte  (XI  -797 f.);  das  sei 
alles  „leeres  Gerede"  (h'jQog).-)  Mehr  erfahren  wir  von  der  Arznei- 
mittellehre des  Pamphilos,  tt.  cpag^idmov  (Gal.  XI  796).  Ihr  ent- 
stammen folgende  Mittel:  das  Emplastrum  „Weisspfeffermittel",  rj  öia 
lev-AoC  7Ten€Q€wg,  dessen  Bereitung  Asklepiades  statt  unter  dem  Namen 
des  Erfinders  Attalos  unter  dem  des  Benutzers  Pamphilos  verzeichnete 
(Gal.  XIII  446 f.;  527),  und  das  berühmte  tyiöögiov  leLxr^vcov  =  Flechten- 
abschilferungsmittel  (XI  839;  842).  Es  wurde  bei  an  Mentagra 
Erkrankten  nach  dem  Aufbrechen  der  Blasen  aufgelegt,  muss  seiner 
Zusammensetzung  nach  bei  einer  weit  verbreiteten  Epidemie  vorzüg- 
lich gewirkt  haben  und  brachte  dem  Erfinder  grosse  Eeichtümer. 

34.  Pneumatiker  und  Eklektiker.    Rhuphos. 

1.  Wellninnn,  Die  pneuinatische  Schule  bis  auf  Archigenes  in  ihrer  Ent- 
wickelung  dargestellt.  Philolog.  Unters,  hrsg.  v.  Kiessling  und  v.  Wilamoivitz- 
Moellendorff.  Vierzehntes  Heft.  Berlin  1895.  —  Aretaios.  2.  Editio  princejis 
nach  zum  Teil  verlorenen  Handschriften,  nur  lateinisch,  von  Orassus,  Venetiis  1552 ; 
Parisiis  1554;  Argentorati  1768  {auch  in  Medicae  artis  principes  ed.  Stephanus).  — 
3.  Griechisch  zuerst  von  Gonpyl,  Paris.  1554.  —  4.  Aetiologica,  Simeiotica  et 
Therapeutica  Aretaei  HeniscJiio  autore,  Augustae  Vindelicorum  1603  {schlecht).  — 
5.  ed.  Wigan,  Oxonii  1723  {Goupylscher  Text,  gute  lieber  Setzung).  —  6.  ed. 
Boerhaave,  Lugduni  Batavorum  1731;  1735.  —  7.  Ad  editionem  J.  Wiggani  cur. 
A.  de  Hnller,  Lausannae  1772.  —  8.  Aretaei  opera  omnia  ed.  (1  G.  Kühn, 
Lipsiae  1828  {schlecht).  —  9.  ed.  Ermerins,  Trajecti  ad  Rhenum  1847  {cf.  Con- 
tinuatio  epimetri  ad  editorem  Hippocratis,  accedunt  nonnulla  od  Aretaeuni,  ih.  1867). 
—  10.  Griech.-engl.  von  Francis  Adams,  London  1856  {gut).  —  11.  Deutsch  von 
Deivez,  Wien  1790;  1802.  —  12.  Deutsch  von  A.  Mann,  Halle  1858.  —  13. 
Italienisch  von  F.  Puceinotti,  Volgarizzamento  degli  otto  libri  di  Areteo  Delle 
cause,  dei  segni,  e  della  cura  delle  malattie  acute  e  croniche  {nach  Puccinottis  Tode 
besorgt  von  de  Renzi),  Napoli  1858  ff.  {gut];  auch  Firenze  1838.  —  14.  Borden, 
Oeuvres,  edit.  de  Bicherand,  2  Bb.,  Paris  1818.  —  15.  Kaehler,  De  causo  Hippo- 
cratis et  Aretaei  commentatio,  Regiomonti  Prussorum  1834.  —  16.  Klose,  Ueber 
d.  Leben  d.  Aretäus  u.  seine  auf  uns  gekommenen  Schriften.    Janus  N.  F.  I  {1851) 


1)  Sein  Bild  findet  sich  in  den  Wiener  Dioskurideshandschriften. 

2)  Es  war  ein  verhängnisvolles  Missverständnis,   dass  viele  dieses  herbe  Urteil 
auf  die  ganze  ägj-ptische  Heilkunde  bezogen  haben. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  359 

lOöff.;  II  {1852)  234  ff.  —  17.  Car.  Gottl.  Kühn,  Opuscula  I  13  ff.  (Chronologie). 
—  18.  Letviiif  Aretaeus  Cappadox.  Wratsch  VIIl,  St.  Petersburg  1887.  —  19. 
Locher,  Aretäus  von  Kappadocien,  Zürich  1847.  —  20.  Pet.  Petitus,  Commentarii 
et  animadversiones  in  VIII  Aretaei  Capjxidocis  libros,  o.  0.  u.  J.,  jetzt  bei  Kühn, 
Medicorum  Graecoriim  opera  XXIV  2;  In  tres  priores  A.  C.  libros  comm.,  Londini 
1726.  —  21.  Suringar,  Dissertatio  de  Aretaeo,  diagnostico  summo,  Lugd.  Bat. 
1837.  —  R huphos.  22.  cur.  Goupyl,  Parisiis  1554  {de  appell.,  de  ren.  et  ves. 
niorb.,  de  purgat,  griech.).  —  23.  cur.  Clinch,  Londini  1726  {griech.-lat.).  — 
24.  Medicae  artis  principes  ed.  Stephanus  1567,  I  (Jat).  —  25.  cur.  de  Matthaei, 
Mosquae  1806  {sehr  selten ;  auch  synops.  de  puls.,  griech).  —  26.  Car.  Gottl.  Kühn, 
Ruft  Ephesii  de  medicamentis purgantibus  fragmentum  e  codice  Parisiensi  descripfum, 
Lipsiae  1831.  —  27.  Dareniberg,  Traite  snr  le  pouls,  attribue  ä  Rufus  d'Ephese, 
Paris  1846  {lateinisch  in  der  Charteriana  VIII  830  ff.).  —  28.  IJttr^,  Revue  de 
Philologie  1229  ff.  {de  podagra).  —  29.  Dareinberg-Üuelle,  Oeuvres  de  Rufus 
d'Ephese  etc..  Paris  1879  {griech.  u.  franz.:  beste  Ausgabe).  —  30.  Ackermann 
in  Fabricius.  Bibliotheca  Graeca  IV  714  ff'.  —  31.  ßotto,  -vroifis  rce^l  afvyuwv. 
Specimen  medicum  inaugurale,  Luqduni  Batarorum  1879.  —  32.  Haupt,  Hermes 
III  224  ff  =  Opuscula  III  429  ff.  —  33.  Osann,  De  loco  Ruß  EiHiesii  medici 
apud  Oribasiiim  servato  sive  de  peste  Libyca  disputatio,  Grat.-Progr.,  Gissae  1833.  — 
34.  E.  Hohde,  De  lulii  Pollucis  in  apparatu  scaenico  enarrando  fontibus,  Lipsiae 
1870.  —  35.  Ed.  Zfirncke,  Symbolae  ad  lulii  Pollucis  tractatum  de  partibus 
corporis  humani,  Lipsiae  1885. 

Wie  die  philosophischen  Richtungen  trotz  ihrer  bedeutenden  Ab- 
weichungen in  der  stoischen  Lehre  zu  einem  durch  Eklektizismus  ge- 
wonnenen Ganzen  zusammengefasst  wurden,  indem  das  ihnen  Gemein- 
same hervorgehoben  und  die  durch  den  erbitterten  Kampf  abgenutzten 
trennenden  Schlagwörter  und  nebensächlicheren  Ideen  zurückgeschoben 
wurden,  so  führte  auch  auf  medizinischem  Gebiete  die  Erschöpfung  der 
epigonenhaften  Geister  durch  den  alltäglichen  harten  Kampf  und  die 
Erkenntnis  der  einseitig  entwickelten  und  daher  nicht  mehr  be- 
friedigenden Lehren  zu  dem  Bedürfnis  einer  Zusammenfassung  des 
allen  Richtungen  Gemeinsamen  und  Wesentlichen.  Der  herrschend 
gewordene  stoische  Synkretismus  oder  Eklektizismus  oder  die  Epi- 
synthesis  erlangte  auch  bei  den  Aerzten  das  Uebergewicht.  Die  allzu 
entartete  Lehre  der  Humoralpathologie  bei  den  Dogmatikern  und  der 
Solidarpathologie  bei  den  Methodikern  hatte  sich  allmählich  als  den 
Fortschritt  hemmende  Verirrung  überlebt,  und  die  auf  das  Tastbare 
(Trockenes,  Flüssiges)  gegründeten  Gegensätze  wurden  vei-söhnt  durch 
die  höhere,  geistige  Lehre  vom  Pneuma,  von  dem  Lebenshauche. 

Der  erste  Pneumatiker  ist  Athenaios  von  Attaleia  in  Pamphy- 
lien.  Wellmann  (1  S.  8 f.)  versetzt  auf  Grund  des  Suidas  (s.  v. 
^iQXiyevriQ)  den  Archigenes  in  die  Zeit  des  Traianus,  dessen  Lehrer 
Agathmos  in  die  der  Fla  vier  oder  des  Nero,  folglich  dessen  Lehrer 
Athenaios  in  die  des  Claudius  (41 — 54  n.  Chr.).  Celsus  kennt  die 
pneumatischen  Aerzte  noch  nicht,  und  das  bestätigt  diesen  Ansatz. 
Ob  bei  Cael.  Aur.  ac.  m.  II  1  p.  74  der  „Tarsensis"  auf  Verderbnis 
beruht  oder  Athenaios  wirklich  zeitweilig  in  Tarsos  in  Kilikien  prak- 
tiziert hat,  lässt  sich  nicht  feststellen.  Hingegen  ist  bei  Sor.  II  praef. 
für  Athenaios  Athenion  einzusetzen  (Well mann).  Der  von  Galenos 
gepriesene  Arzt  (I  457)  gi"ündete  in  Rom  die  Schule  der  7tvevfxaTiy.oi 
(Gal.  VIII  749  u.  ö.).  Die  gesamte  Heilkunde  legte  er  in  einem  durch 
Klarheit  und  Schlichtheit  ausgezeichneten  Werke  Ttegl  ßorid-r^uccxiov  in 
wenigstens  30  Büchern  nieder  (Gal.  I  457;  Orib.  II  302if.;  Well  mann 
10  f.).  Buch  I  umfasste  die  Diätetik  (Orib.  I  10;  24;  26).  III  die 
Physiologie  (Gal.  XIX  356),  VII  die  Embryologie  (IV  604).  XXIV  die 
Pathologie  (VII  165);  XXIX  f.  die  Hygiene,  nämlich  XXIX  u.  a.  die 


360  Robert  Fuchs. 

Luft  (Orib.  II  291),  XXX  u.  a.  die  Wolmstätte  (302).  Ferner  schrieb 
er  oQoi  =  „definitiones"  (Pseudogal.  XIX  347).  Die  Schrift  über  den 
Vogelflug  und  seine  Vorbedeutungen  rührt  schwerlich  von  ihm  her 
(Gal.  XV  444).  Athenaios  war  in  der  Litteratur  seiner  Vorgänger 
gut  bewandert  und  suchte  die  dort  vertretenen  Meinungen,  soweit  sie 
zum  Stoicismus  passten,  zu  popularisieren,  da  die  Kenntnis  der  Heil- 
kunde für  keinen  Menschen  entbehrlich  sei  (Orib.  III  164).  Mit 
Chrysippos  erklärte  er  nur  das  Körperliche  für  Wirkliches.  Die  Ur- 
bestandteile  des  Körpers  sind  die  Eigenschaften  der  4  Elemente,  das 
Warme  und  Kalte  als  die  aktiven  Kräfte,  das  Feuchte  und  Trockene 
als  die  passiven  {vlixd).  Als  fünftes  tritt  zu  den  4  Qualitäten  das  alles 
durchdringende,  zusammenhaltende  und  verwaltende  Pneuma  hinzu, 
das  avucpuTov  =  eingeboren  ist.  Die  eingeatmete  Lebensluft  muss  sich 
dem  schon  vorhandenen  ^eginbv  assimilieren  {dlloioüoO^ai).  Die  Lunge 
tauscht  das  Pneuma  beim  Herzen  gegen  das  Warme  aus  (Pseudogal. 
XIX  459 ;  Aret.  de  caus.  ac.  II  3),  welches  in  den  Herzkammern  sitzt 
(Pseudogal.  XIX  360).  Daneben  besteht  eine  öianvori  =  perspiratio 
insensibilis.  Die  Quelle  des  Blutes  ist  die  Leber  (459 f.;  Aret.  II  7), 
Reinigungsorgan  die  Milz.  Die  Arterien  enthalten  mehr  Pneuma  als 
Blut,  die  Venen  mehr  Blut  als  Pneuma  (Pseudogal.  365  ff.).  Die  Ar- 
terien entspringen  daher  im  Herzen,  die  Venen  in  der  Leber  (Aret. 
II  7).  Die  Wirkungen  des  Pneuma  sind  1.  das  Zusammenhalten  = 
£|fg,  2.  das  Bilden  =  cpvoLg,  3.  das  Fühlen  und  Denken,  die  ipvyji. 
Sitz  des  Seelencentrums  {fjy€f.ioviyJv)  ist  das  Herz  (Gal.  X  929).  Das 
Ueberwiegen  einer  der  4  Qualitäten  verursacht  Dyskrasie  und  somit 
eine  Schädigung  des  Pneuma,  d.  i.  Krankheit.  Je  nachdem  1  oder  2 
Qualitäten  überwiegen,  entstehen  4  einfache  oder  4  zusammengesetzte 
Dyskrasien.  Die  Qualitäten  der  Geschlechter,  Altersstufen  und  Jahres- 
zeiten stimmen  zu  der  hippokratischen  Lehre.  Die  auf  der  aristoteli- 
schen Anschauung  aufgebaute  Zeugungslehre  setzt  ein  7ioir]Tiy.öv,  d.  i. 
den  männlichen  Samen,  und  ein  vlixör,  d.  i.  den  weiblichen  sog.  Samen, 
voraus,  also  Form  und  Stoff  (Gal.  IV  603;  621).  Dass  die  Ovarien, 
ebenso  wie  die  männlichen  Brustwarzen,  lediglich  der  „Analogie"  wegen 
vorhanden  seien  (599),  ist  nur  eine  andere  Ausdrucksweise  für  die 
NichtWirklichkeit  des  weiblichen  Sperma.  Der  männliche  Samen  ist 
ein  Kochungsprodukt  des  Blutes  (626).  Hinsichtlich  der  Lage  der 
Knaben  in  der  rechten  Uterushälfte  und  der  Entwicklungsperiode 
folgte  er  Empedokles  (Well mann  152 f.).  Ueber  Beginn  und  Ende  der 
Zeugungsfähigkeit  gab  er  interessante  Aufschlüsse  (Orib.  coli.  med. 
XXII  4  ==  III  62  f.).  Die  Krankheitsursachen  sind  teils  cpaLv6f.i8va  = 
offensichtlich,  teils  adiqla  =  unsichtbar.  Die  2  aktiven  Qualitäten, 
AVärme  und  Kälte,  sind  die  Grundursachen  =  7tQ0'/.aTaQycTty.d  (Pseudo- 
gal. XIX  392).  Zugleich  sind  aber  7tQoy.aTaQ/.rr/.ä  auch  die  äusseren 
Ursachen,  aus  deren  Wirksamkeit  die  TtQor^yovf.isva  akia  hervorgehen, 
die  nächsten  Krankheitsursachen.  itqoY.maqAxiv.h  sind  z.  B.  Ueber- 
füllung  mit  Nahrung,  zur  Unzeit  angewandte  Bäder  und  Leibesübungen 
(Gal.  XV  112);  die  Plethora  ist  dann  das  itQotiyov^i^vov.  Näheres  über 
die  höchst  komplizierte,  auch  stoische  Lehre  findet  man  bei  Well- 
mann  S.  153 ff.  Eine  Art  Husten  entsteht  durch  Dyskrasie  der 
Atmungsorgane  (VII  174).  Den  Starrfrost  (rigor  =  Qlyog)  schied  er 
nicht  von  dem  Zittern  (tremor;  609).  Den  Lethargus  erklärte  er  als: 
furor  mentis  cum  maestitudine  (Cael.  ac.  m.  II  1  p.  74).  Fieber  ent- 
steht durch  Fäulnis  der  4  Kardinalsäfte  infolge  des  Ueberwiegens  der 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  361 

Wärme  und  Trockenheit  (Gal.  I  522).  Von  der  Fieberlehre  des 
Athenaios  wissen  wir  sonst  nichts  Bemerkenswertes.  Der  Puls  = 
Gcpvyfiög  ist  1.  die  gewöhnliche  Herz-  und  Arterienbewegung-,  2.  die 
abnorme,  wie  bei  Erasistratos  (Well mann  171  If.).  Die  Definitionen 
überliefert  Galenos  (VIII  750;  756 f.;  Pseudogal.  XIX  376).  Die 
Therapie  besteht  in  der  Zurückdämmung  der  überwiegenden  Qualität 
durch  die  Diätetik.  Darum  behandelte  Athenaios  ausführlich  die 
Eigenschaften  der  Genussmittel,  so  der  Getreidearten  und  der  Brot- 
sorten (s.  oben).  Wasser  soll  durch  Erde  filtriert  werden  (Orib.  I  357). 
Ebenso  regelte  er  die  Hygiene  der  Luft  (II  291;  Gal.  XVI  360)  im 
Anschlüsse  an  Hippokrates,  der  Gymnastik  (Orib.  III  161;  Aet.  IV 
29),  der  Erziehung  (a.  a.  0.),  der  Lebensführung  des  weiblichen  Ge- 
schlechts (Orib.  III  97  ff".),  z.  B.  nach  den  Jahreszeiten  \lll  182  ff.). 
Dabei  kamen  die  meisterhaft  ausgebildeten  hygienischen  Weisungen 
der  Methodiker  zur  Anwendung,  so  bezüglich  des  Aderlasses  (Gal. 
XI  163).  Von  der  Pharmakologie  des  Athenaios  wissen  wir  fast  nichts. 
Ein  Infusum  gegen  Ruhr  erwähnt  Galenos  (XIII  296),  einen  Trochiskos 
ebenderselbe  (847)  und  Theodorus  Priscianus  (gyn.  30).  Wenn  die 
Methodiker  den  Athenaios  als  einen  der  Ihrigen  betrachten  wollten, 
so  hatten  sie  dazu  nur  ein  bedingtes  Recht  (Gal.  VIII  640),  denn  in 
anderen  Punkten  wich  er  von  Asklepiades  ab.  Galenos'  Schrift  Ttegl 
OTteouaTog  hingegen  entnimmt  trotz  der  Polemik  gegen  die  Zeugungs- 
theorie des  Athenaios  diesem  eine  Reihe  wichtiger  Gedanken  (Well- 
mann  100 ff.).  Schüler  des  Athenaios  waren  Theodoros,  Magnos  und 
Agathlnos.  Theodoros  Wessen  nach  Diog.  Laert.  II  103 f.  nicht 
weniger  als  20  Aerzte,  deren  17.  der  hier  in  Betracht  kommende  ist. 
Schon  Fabricius  (Bibl.  Graeca  XIII  433)  und  Kühn  (Addit.  XXVIII 
1837  p.  4)  identifizieren  ihn  mit  ßeöÖLOQog  6  Ma/.edwv,  den  der  Anony- 
mus negl  toßöXiov  y.al  ör^/Lr^TrjQUov  fpaQf.iccy.tov  ^)  citiert  und  Aetios  (IV 
1,  36;  VI  91;  VIII  46;  XII  5;  XIV  24;  48;  XVI  49)  und  Alexandros 
von  Tralleis  (Puschmann  I  559  ff.)  anziehen,  und  zwar  dank  des 
Archigenes.  Unklar  ist  Alex.  I  563:  ix  %ov  vTjov  ^soöcöqov  fioayUovog 
Ttgog  t7tdri<iiiiy7CTixovg  =lat.:  „in  LVIII.  titulo  (?)  Theodorus  muscienus" 
u.  ä.;  für  „58"  setzt  der  cod.  Berol.  „2"  (Sor.  ed.  Rose  p.  XVII  f.). 
Während  Rose  in  dem  Theodoros  Moschion  den  oben  besprochenen 
Moschion  sehen  will,  möchte  Wellmann  (S.  13  A.  3)  May.edövog  für 
MooyUovog  lesen.  Da  sowohl  T'heodoros,  als  auch  Moschion  als  Ge- 
währsmänner für  Epilepsie  von  Alexandros  angerufen  werden,  lässt 
sich  nicht  sagen,  wem  eigentlich  das  Mittel  gehört,  das  vorschreibt, 
mit  Blut  aus  den  grossen  Zehen  des  Hinstürzenden  Lippen  und  Stirn 
zu  bestreichen.  Ein  Theodoros  heilte  Lepra  mit  Fenchel,  Brunnen- 
kresse und  scharfem  Essig  (Plin.  24,  186),  Flechten  (liehen)  mit  in 
Essig  gelegten  Zwiebelknollen,  Kopfgeschwüre  mit  Zwiebeln,  die  in 
herben  Wein  oder  rohe  Eier  gelegt  waren,  Hautausschläge  (epiphorae) 
und  Triefaugen  ebenfalls  mit  Zwiebeln  (20,  103;  Gal.  XII  844);  doch 
wird  dieses  aus  zeitlichen  Gründen  ein  älterer  Arzt  sein.  Magnos 
(Gal.  VIII  646)  aus  Ephesos  schrieb  wenigstens  2  Bücher  epistulae 
(Cael.  ac.  m.  III  14  p.  225)  und  wenigstens  3  an  Demetrios  ^regl  iwv 
lcpevQYi(.ihn)v  fiBTcc  Tovg  dsf-docovog  xgövovg  (Entdeckungen  nach  des 
Themison  Zeit;  Gal.  VIII  640),  worin  viel  vom  Pulse  geredet  war  und 
Archigenes  Angriffspunkte  gegeben  waren   (638 ff.;  647;   756;  IX  8; 


1)  Eohde,  Rhein.  Mus.  XXVIII  1873  S.  270. 


362  Robert  Fuchs. 

Well  mann  179  ff.;  187).  Er  behauptete,  dass  bei  der  Wasserscheu 
Herz,  Magen,  Zwerchfell,  Kopf  und  Dünndarm  leide  (Cael.),  sonst  könnte 
ja  der  Puls  nicht  bösartig  gehen.  Die  Katalepsis  hat  er  zuerst  als 
eigene  Krankheitsform  erkannt  (Cael.  ac.  m.  II  10  p.  96).  Mit  Eecht 
stellt  Well  mann  S.  14  A.  4  diesem  Eklektiker  folgende  Namens- 
vettern gegenüber:  den  Archiater  Magnos  unter  Antoninus  Pius  und 
Marcus  Aurelius,  der  zu  Eom  über  Pharmakologie  schrieb  und  u.  a. 
den  Theriak  des  Audromachos  variierte  (Gal.  XIV  261);  seinen  Zeit- 
genossen Magnos  Philadel p hos  (oder  Philadelpheus  =  von  Phila- 
delpheia?),  der  z.  B.  Pastille  hinterliess  (XIII  296;  829 ff.);  Magnos 
von  Tarsos,  der  ein  Heilmittel  gegen  Hämorrhoiden  erfand  (XIII 
313);  Magnos,  genannt  o  -//kLviAoq,  der  ein  Mittel  gegen  Kinn- 
sykosis  verbreitete  (XII  829);  Magnos  den  Periode uten,  der 
Flechten  heilte  (XII  844);  den  Schüler  des  Zenon  von  Kypros  und 
Zeitgenossen  des  Oreibasios,  ^)  Magnos  von  Antiocheia,  den  Neu- 
platoniker,  der  nach  der  Biographie  des  Eunapios  (ed.  Boissonade 
106  f.)  zwar  die  Kollegen  totdisputieren,  nicht  aber  die  Kranken  heilen 
konnte.^)  Das  coUyrium  dia  asteros  (=  Samische  Erde)  Magnu  sofistu 
bei  Oreibasios  V  913  wird  auf  ihn  zurückgehen.  Die  späteren  Magnoi 
werden  weiter  unten  behandelt. 

Claudius-)  Agathinos  aus  Lakedaimon  gründete  unter  der 
Herrschaft  der  Flavier  (s.  oben)  die  Schule  der  Eklektiker  =  Hektiker 
=  IniovvO-ETLAoi  (Gal.  VIII  787 ;  Pseudogal.  XIX  353).  Er  ist  allem 
Anscheine  nach  derselbe  wie  der  Freund  des  Dichters  Persius  und  des 
Stoikers  L.  Annaeus  Cornutus,  „Claudius  Agatur(r)inus  medicus  Lace- 
daemonius"  (vita  Persii;  Well  mann  9  ff.).  Andere  wollen  in  Aga- 
turinus  den  Agathemeros  erkennen.  Durch  zu  viel  Studium  und  zu 
wenig  Schlaf  bekam  er  maniakalische  Anfälle.  Sein  Schüler  Archi- 
genes  heilte  ihn  durch  Kopfgüsse  von  warmem  Oele  (Aet.  I  3,  172). 
Seine  Genauigkeit,  Gelehrsamkeit,  moralische  Tüchtigkeit  und  das 
Experimentieren  (Nieswurz  wurde  an  Hunden  ausprobiert,  Orib.  II 158  f.) 
anerkennen  der  Biograph  des  Persius,  d.  i.  Valerius  Probus,  Archigenes 
(bei  Orib.  II  158  ff.)  und  Galenos  (VIII  937).  Er  schrieb  Tteql  orpvyuCov, 
eine  Pulslehre,  seinem  Schüler  Herodotos  zugeeignet,  in  mehreren 
Büchern  (Gal.  VIII  749  ff. ;  936  f.).  Buch  I  mit  den  doxographisch  ge- 
ordneten Pulsdefinitionen  liegt  Galenos  de  differ.  puls.  Buch  IV  zu 
Grunde  von  VIII  748,  8  an  (Well mann  12 f.  A.  8).  Daraus  werden 
die  pyretologischen  Angaben  bei  Galenos  (VII  367ff.;  XVII,  I  118 ff.; 
228;  942  ff.)  geschöpft  sein.  Ob  er  Einzelwerke  über  Hygiene  und 
Diätetik  und  über  Pharmakologie  schrieb,  steht  dahin.  Kalte  Bäder 
schätzte  er  sehr,  warme  ersetzte  er  meist  durch  Salbungen  (Orib.  coli, 
med.  X  7  =  II  394 ff.).  Bei  Wasserscheu  reichte  er  gleich  zu  An- 
fang Nieswurz,  wie  in  seinem  Buche  de  helleboro  stand  (Cael.  ac.  m., 
III  16  p.  233).  Ein  Emplastrum  gegen  Rhagaden  kennt  Galenos 
(XIII  830).  Auch  Herodotos  wirkte  in  Rom,  gegen  Ende  des 
1.  Jahrhunderts  n.  Chr.  (Gal.  VIII  750 f.;  Wellmann  S.  14 ff.)  und  muss 
daher  ein  anderer  gewesen  sein  als  der  Skeptiker  Herodotos,  der  Lehrer 
des  ein  Jahrhundert  später  lebenden  Sextos  Empeirikos.  Er  vereinigte 
die  pneumatische  Qualitätenlehre  und  die  methodische  Kommunitäten-, 


*)  Vgl.  Bussem aker,  Revue  de  philologie  I  1845  415 ff. ;  550  A.  6. 
^)  Inscriptiones   Graecae  Siciliae   et  Italiae   ed.  Kaibel  2064:  KlavSios  1>]tt/() 
'J  yad-sivos.  —  Vgl.  Kühn,  Additamenta  IL 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  363 

Diatritos-  und  Metasynkrisislehre  und  die  Terminoloj^ie,  wie  Well- 
mann  erweist,  in  seinen  verloren  gegangenen  eklektischen  Schriften: 
iargög  =  Arzt  (Gal.  XVII,  I  999)  und  Tteql  ßorjdr^ficcTiov  =  Mittel 
(Gal.  XVI  315;  Stob,  floril.  III  263  Meineke).  Die  einzelnen  Bücher 
dieser   Schrift   handelten   nach    Oreibasios   (s.  Index)   u.  a.   7r€Qi  töjv 

€^lü&€V    TTQOOTtlTtlÖVTlOV    ß.      (z.     B.     BädCr).     TT.     T.     nOlOVf.l€VÜ)V     ß.     (z.     B. 

Massage),  7t.  t.  y.evovf.ievtov  ß.  (z.  B.  Aderlass).  Bei  der  Krankheit 
unterschied  er  4  Stadien:  ocq/j],  ETtiöocig,  ä/.^n'^,  TtaQay.inq  (Orib.  I  417). 
Aetios  überliefert  seine  Therapie  der  Erkältung  (I  4,  45),  des  Fiebers 
(Pusteln  II,  1,  129;  Zittern  130;  Hitze  I  4,  47;  Koma  II  1,  117; 
Sänftetragen  Orib.  coli.  med.  VI  25  =^  I  519 ff.);  Oreibasios  die  des 
Anthrax  (IV  647  ff.),  Aetios  die  der  Würmerkrankheiten  X HI  1,  39). 
Seine  Bädervorschriften  umfassten  künstliche  und  natürliche  Wasser- 
bäder. Sand-,  Sonnen-,  Oel-  und  Schwitzbäder  u.  dergl.  Er  regelte 
Schröpfen  (Orib.  c.  m.  VII  17  ==  II  62  f.),  Aderlass  (VII  8  =  II  42  ff), 
Eeifentreiben,  Schwimmen,  Scheinkampf,  Fingerkampf.  Sprung,  Ball- 
und  Sackspiel,  Hantelübungen  (VI  26  ff  =  I  521  ff).  Massage  (VI  20 
=  I  496 ff.),  Kauterisation  (X  11  =  II  409),  Kämmen  (X  17  =  II  419f.), 
Umbinden  (18  =  420  ff.),  Weingenuss  (V  27  =  I  406  ff.),  Nieswurz- 
kuren (VIII  3f.  =  II  163  ff;  7  =  181  f.).  Rezepte  teilt  Galenos  mit, 
so  Adstringentien  XI  442  f. ;  das  von  Kriton  übernommene  Emplastrum 
des  Hikesios  XIII  789;  Frauenmilch,  z.B.  bei  Schwindsucht,  mit  dem 
Munde  unmittelbar  auszusaugen  (VI  775 ;  X  474)  u.  s.  w.  P  h  i  1  i  p  p  o  s  ^) 
war  der  Vater  des  Archigenes.  Er  wird  derselbe  sein  wie  der  phar- 
makologische Schriftsteller  und  Arzt  (Gal.  XIII  14  u.  ö.)  und  wie 
Philippos  der  Makedonier,  der  eine  Ambrosia  (=  Antidot)  erfand 
(XIV  149).  Letzterer  verfasste  ein  Buch  über  die  Katalepsis  (XVI 
684;  XVII,  I  640;  Cael.  ac.  m.  II  10  p.  96),  die  er  yf-atoyi]  nannte. 
Ein  Pneumatiker  Philippos  schrieb  negl  ^lagaai-wD  und  veranlasste  da- 
durch Galenos  zur  Nachprüfung  und  zur  Ergänzung  der  vernach- 
lässigten Therapie  (VII  667 ;  689).  Archigenes'-)  von  Apameia  in 
Syrien,  unter  Traianus  in  Eom  lebend,  auch  als  Militärarzt  ange- 
stellt,*^) wurde  nach  Suidas  63  Jahre  alt  und  verfasste  viele  ärztliche 
und  naturwissenschaftliche  Werke.  Der  Scholiast  bemerkt  zu  -luven. 
VI  236,  dass  er  ein  bedeutender  Arzt  gewesen  sei ;  der  Dichter  selbst 
gebraucht  den  Namen  in  der  Bedeutung  „Arzt"  (XIII  98;  XIV  252). 
Alexandros  von  Tralleis  (II  265  Puschmann)  heisst  ihn  den  „gött- 
lichsten". Galenos  lobt  ebenfalls  den  Archigenes,  aber  legt  seinen 
Quellen  ein  gut  Teil  dieses  Lobes  bei  (XII  534  f.),  z.  B.  dem  ApoUo- 
niosMys  (XII  475),  Herophilos  (Wellmann  172;  188 f.;  193).  Auch 
Aretaios  schätzte  ihn  als  Vorlage^)  und  ebenso  Soranos,  Philumenos, 
Antyllos,  der  Anonymus  Ttegl  ioßöXwv  aoI  örjlrivriQuov  (paquä/Mv '")   und 

*)  Philippos  von  Akarnanien  war  Arzt  Alexandros'  des  Grossen  nnd  begleitete 
ihn  bei  seinen  Heereszügen.  Von  Philippos  von  Kos  (Canon  medicorum  Lauren- 
tiauus)  kennen  wir  nur  den  Namen.  Weiteres  über  die  verschiedenen  Philippoi  s. 
bei  Well  mann  19  A.  2. 

^)  Harless,  Analecta  historica - critica  de  Archigene  medico  et  de  ApoUoniis 
medicis  eorumque  scriptis  et  fragmentis,  Berolini  1816;  Carl  Ferd.  v.  Graefe, 
Normen  f.  d.  Ablösg.  grösserer  Gliedmassen,  nach  Erfahrungsgruudsätzen  entworfen, 
Berl.  1812:  Wellmann  a.  a.  0. 

^)  Anecdota  Parisina  ed.  Cr  am  er  IV  404:  6  oT^arörtsSov  &eon7tevcov  =  Arzt 
des  Prätorianerlagers. 

*)  Nicht  Archigenes,  sondern  Aretaios  macht  die  Anleihen.  Klose  (Janus  N.  F. 
I,  Gotha  1851,  126  ff.)  kehrt  das  Verhältnis  um. 

<*)  Rohde,  Rhein.  Mus.  28  (1873)  264. 


364  Robert  Fuchs. 

selbst  Galeiios  (a.  a.  0.).  Seine  populäre  Ausdrucksweise  missfällt  dem 
rhetorisch  geschulten  Galenos  (VIII  578;  932),  ebenso  die  allzu  pein- 
liche Definierung-ssucht  (698),  dei*  freilich  ungenüg-ende  Indikationen 
in  der  Arzneimittellehre  gegenüberstanden  (XII  514 ;  969 ;  1002).  Dass 
er  Eklektiker  war,  folgt  daraus,  dass  er  bald  Methodiker  (XIV  684; 
Cael.  ac.  m.  II  10  p.  96),  bald  Empiriker  genannt  wird  (Gal.  XII 
469).  Seine  Schriften  waren  (Well mann  20 ff.):  1.  11  Bücher  Briefe 
mit  ärztlichen  Eatschlägen  an  Marsus  (I:  de  oblaesae  memoriae  resti- 
tutione;  VIII  148 ff.;  ein  anderer  über  Melancholie),  Ariston,  Atticus; 
2.  negl  ocpuyfAöjv  (Puls;  VIII  754  u.  ö.),  ein  starkes  Buch;  3.  tt.  nvQerwv 
orjixmbottog  in  10  Büchern,  auch  im  Auszuge  erhältlich  gewesen  (IX 
668  f.)  =  Pyretologie;  4.  ti.  ivtclov  (IX  672),  die  Galenos  nachahmte  = 
Fiebertypen;  5.  7t.  T67tcüv  TteTtovO-ÖTiDv  (Leidende  Stellen;  IX  670), 
3  Bücher;  6.  twv  ö^kov  xal  yiQovuov  nad^oyvtoi.iovL/.ä^  wohl  4  Bücher 
(VIII  203),  eine  Diagnostik  akuter  und  chronischer  Leiden;  7.  7t.  tCov 
h  ralg  vöooig  -AaiQwv,  2  Bücher  (VII  461)  über  den  rechten  Augen- 
blick, nämlich  für  therapeutische  Eingriffe,  für  Galenos  vorbildlich 
(VII  406 ff.);  8.  ■d^SQaTrevTiy.a  töjv  üBscov  ^al  xqovilüv  7ra^Cüv  (Orib.  II 
146);  9.  ovvoipig  tü)v  xeiQovQyovuenov  (III  646;  689,  9  schol.  u.  ö.), 
mehrere  Bücher ;  10.  7t.  twv  xara  yevog  cpaQi.idyi.iov,  2  Bücher  (XII  533  f. ; 
XIII  217),  von  Galenos  in  der  Pharmakologie  grossenteils  auf- 
genommen; 11.  7t.  xaoTOQiov  xQrioeiog  (XII  337);  12.  7t.  ßorjd-rjf.idTwv, 
vermutlich  ähnlich  angelegt  wie  bei  Herodotos  (Wellmann  22  A.  1; 
Titel  nur  erschlossen).  Ob  Rohdes  Anonymus  7t.  ioßölojv  -/.al  dr]lrjTr]Qicüv 
cpagf-idmov  auf  einer  gleichnamigen  Schrift  des  Archigenes  beruhe,  kann 
nicht  mit  Sicherheit  behauptet  werden  (s.  S.  314).  Im  allgemeinen 
deckt  sich  des  Archigenes  Auffassung  mit  den  bisher  erörterten  pneu- 
matischen Lehren,  und  es  sollen  nur  einige  Besonderheiten  noch  er- 
wähnt werden.  Als  Krankheitsstadien  unterschied  Archigenes:  dgx^, 
ä/.iLH],  7taQay.(.iri,  üveoig  (Gal.  VII  424).  Bei  der  Systole  sollen  Herz  und 
Arterien  die  Luft  in  sich  aufnehmen,  bei  der  Diastole  den  unreinen 
Rückstand  (ta  y.a7tvcödrj  y.al  liyvvwörj  =  Rauchiges  und  Russiges)  aus- 
.stossen  (V  162;  VIII  713;  Pseudogal.  XIX  366).  Fieber  beruhen  auf 
Fäulnis  der  4  Säfte  durch  eine  Dyskrasie,  die  durch  Ueberwiegen  des 
Warmen  und  Feuchten  verschuldet  ist  (Orib.  II  270).  Sie  zerfallen  in 
xarö^eig  von  1 — 7  Tagen  Dauer,  ö^elg  von  1 — 14,  xqövioi  von  1 — 40, 
ßQccyvxQÖvioi  länger  anhaltende  (a.  a.  0.).  Die  höchst  komplizierte 
Pulslehre  lässt  sich  nicht  kurz  wiedergeben;  Well  mann  (170  ff.)  hat 
sie  ausgezeichnet  entwickelt.  Die  10  Pulsgattungen  übernimmt  Galenos 
mit  geringer  Abweichung  (vgl.  Ruf.  ed.  Dar.-Ruelle  231).  Wichtig 
sind:  der  öUgozog  acpvy/.iög  =  Doppelschlag,  der  j-WQ^irj-Altov  =  der 
ameisenartige  Puls,  der  öoQxaölCcov  =  der  gazellenartige,  der  ay.iolrjy.iCcüv 
=  der  wurmartige,  der  y.v/iiaTdjövg  =  der  wellige.  Das  Fieber  vertrieb 
er  durch  Abführmittel  (Orib.  coli.  med.  VIII  46  =  II  270  ff.).  Auch  die 
Symptome,  wie  Schwindel  (Aet.  II  2,  7),  Lethargus  (II  2,  3),  Manie 
(II  2,  8),  bekämpfte  er,  z.  B.  durch  Erbrechen  nach  dem  Essen  (Orib. 
c.  m.  VIII  23  =  II  202  ff.).  Bei  Melancholie  gab  er  seine  Hiera  (Aet. 
I  3,  114;  Pseudogal.  XIX  710  f.).  Migräne  und  Kopfschmerz  be- 
handelte er  gleich  (II  2,  50).  Ausserdem  hören  wir  Ratschläge  für 
Lähmung  (II  2,  28),  Starrkrampf  (II  2,  39),  Blutansammlung  unter 
der  Schädeldecke  (Orib.  c.  m.  46,  23  =  IV  193  f.).  Anzeichen  und 
Aussichten  bei  Schädelverletzungen  (46,  26  =  IV  197  ff.)  werden 
richtig  erkannt.    Bei  Nierenleiden  soll  ein  Umschlag  von  Rosencerat 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  365 

mit  Storax  helfen  (Gal.  XIII  831).  Anerkennenswertes  leistete  er  für 
die  Therapie  des  Pruritus  (Aet.  IV  1,  123;  126),  der  Lepra  (glänzende 
Beschreibung  IV  1,  120  flf.;  134;  allerdings  kann  mit  Vipernfleisch 
oder  Kastration,  Orib.  IV  530,  schol.,  wenig  ausgerichtet  werden),  der 
Gangrän  (c.  m.  44,  26  =  III  646  ff.),  der  Pest  (51,  42  =  IV  517  ff.) 
mit  dem  loLf-iCjöeq  elycog.  Obwohl  Archigenes  den  urteilslosen  Alexan- 
dros  von  Tralleis  zur  Nachahmung  der  Amulettbehandlung  verleitete, 
sind  andererseits  seine  Erfolge  auf  allgemein  therapeutischem  Gebiete 
aussergewöhnlich.  Er  operierte  Brust-  und  Uteruskrebs  und  heilte 
Fluss  und  Abscesse  und  Entzündungen  der  Gebärmuttei-  (s^et.  XVI  = 
Zervös  60;  89;  133 f.;  138;  143).  Bei  Brand,  Fäulnis,  Phagedäna, 
Krebs,  Hypertrophie,  Callus,  Polydaktylie  u.  a.  nährte  er  den  Patienten 
gut,  unterband  {ScTroßQoyJ^eiv)  oder  umstach  {diaggdTtTsiv)  die  zu  dem 
Gliede  führenden  Gefässe,  legte  eine  Ligatur  an,  machte  kalte  Ueber- 
giessungen,  eventuell  mit  Aderlass,  fixierte  die  hochgezogene  Haut 
durch  Binden,  jedoch  nie  im  Gelenke,  und  setzte  dann  das  Glied  ab. 
Die  Knochen  werden  erst  geschabt,  dann  gesägt;  Blutungen  werden 
unter  Nichtberührung  der  Nerven  durch  weissglühende  Brenneisen  ge- 
stillt (Orib.  47, 13  =  IV  244  ff.).  Die  Einwirkung  der  natürlichen  Bäder 
(Aet.  I  3.  167)  steigerte  er  durch  ausgiebige  Benutzung  des  Schwammes 
(170).  Pechmütze  (d(»tD7ra^)  zur  Entfernung  der  Haare,  Pechpflaster 
und  Senfpflaster  verschmähte  er  ebenfalls  nicht  (180  f.).  Augenmittel 
fanden  sich  in  seiner  Arzneimittellehre  jedenfalls  in  grosser  Zahl.  Wir 
kennen  u.  a.  ein  Collyrium  gegen  Leukom  (VII  41),  sowie  Rezepte 
gegen  das  Flügelfell  (61).  allerhand  Augenübel  (79)  und  gegen  das 
Wiederwachsen  ausgezupfter  Haare  (vgl.  noch  Gal.  XII  790;  XIV 
343  u.  ö.).  Denn  auch  den  zuletzt  erwähnten  Dienst  verlangte  die 
neuzeitliche  Eleganz  von  dem  ersten  Arzte  der  Gesellschaft.  Leonidas 
wurde  bei  den  Chirurgen  S.  338f.  eingereiht ;  er  war  ebenfalls  ein  Epi- 
synthetiker  (Gal.  XIV  684;  Cael.  ac.  m.  II  1  p.  75).  Ihm  steht  am 
nächsten  in  seiner  ganzen  Eigenart  Heliodöros,^)  Zeitgenosse  des 
Archigenes  und  fleissiger  Benutzer  des  Leonidas  und  Menodoros  (Orib. 

III  615;  IV  161  u.  ö.;  Well  mann  78).  Juvenalis  (VI  366  ff)  er- 
wähnt ihn  als  Kastrator  eben  erwachsener  Sklaven.  Seine  Werke 
bestanden  in  wenigstens  11  (Wellmann  „5";  s.  aber  Orib.  schol.  III 
686)  Büchern  xEiQovQyov(.ieva^  deren  Rekonstruktion  Well  mann  18  A.  3 
versucht,  und  dem  uovoßißlov  tvsqI  Imdeautov  (IV  281;  schol.  hierzu 
537).  Wie  Heliodoros  den  Diokles,  Amyntas,  Apollonios  o  0?j(>,  Glaukias, 
Menekritos  u.  a.  (IV  671)  ausgezogen  hat,  so  ziehen  den  Heliodoros 
heran  Antyllos  (Wellmann  115  A.  1;  121)  und  Oreibasios  (coli,  med, 
48,  20—70  =  IV  281—332,  Epidesmologie).  Die  Auszüge  des  Letzt- 
genannten beziehen  sich  ferner  auf  die  Operation  sichtbarer  und 
verborgener  Abscesse  (c.  m.  44,  8  f.  =  III  570  ff.),  die  Amputation 
(47,  14  =  IV  247),  auf  Fisteln  (44,  23  =  III  615  ff),  Varicen  (45,  19 
=  IV  44),  Geschwülste  (45,  5  =  IV  10 f.;  9  =  15 f.;  14  =  21),  Luxa- 
tionen (49,  1  =  IV  333 f.;  Einrichtungsarten,  Anwendung  des  yrÄtv^/ov 
des  Neileus  49,  7  =  IV  357  ff.)  und  Schädelverletzungen  (Caries  46, 
22  =  IV   187  ff;   Trauma  46,  7  =  IV  147  ff),  Exostose    (46,  28  = 

IV  204 ff.).  Von  Verbänden  sind  besonders  kunstvoll:  der  insraycoyevg 
=  deplaceur,  um  die  Nase  gerade  zu  richten;  das  y.QdTYiJxa  =  attache 
für   Nasenbruch;   der   xsdocpvXa^  =   Lippenhalter   (48,  33 ff.  =   IV 

^)  Im  Canon  medicorum  Lanrentianus  „Eliodorus". 


366  Robert  Fuchs. 

297  ff.)-  Operativ  heilte  er  von  Genitalleiden  die  Hypospadie  (50,  3 
=  IV  463  ff.),  die  Blaseiifistel  (4  =  466)  und  den  Verschluss  der 
Harnröhre  durch  wildes  Fleisch  (Tregl  ovooaoxwd^dom  ovorid-oag:  9  = 
472  ff.).  ^) 

Apollonios  von  Pergamon,  nicht  der  Landwirt,  wird  im  Canon 
medicorum  Laurentianus  erwähnt  und  lebte  vor  dem  Zeitgenossen  des 
Galenos  Antyllos,  der  ihn  benutzt  (1  S.  17;  226;  228).  Wie  später 
Galenos,  so  erkrankte  er  in  Asien  an  der  Pest  (Orib.  II  68)  und  rettete 
sich  durch  blutige  Schröpfung.  Den  Aderlass  beschränkte  er  auf  ver- 
zweifelte Fälle,  in  denen  plötzlich  eine  starke  Blutentziehung  nötig 
war  (65).  Der  Grund  war  die  Besorgnis  des  Entweichens  von  nveüf.ia 
t,(DTLY.ov  einerseits  und  die  Furcht,  dass  die  Plethora  dem  tz.  cpvacxbv 
den  Weg  verlege  (66).  Die  Scarifikation  verdient  daher  den  Vorzug. 
Wassei^cheu,  deren  Folgeerscheinungen  er  ausführlich  behandelte  (VI 
222),  erklärt  er  für  unheilbar  (V  418  f.).  Oreibasios  kennt  von  ihm 
etwa  ein  Dutzend  Eezepte  gegen  Furunkeln  {do^ü]v;  III  674  f.)  und 
setzt  an  seiner  Schrift  über  evjiÖQLOxa  (Hausarzneimittel)  aus,  dass  sie 
zu  unbestimmt  {aöioQioTa)  seien  und  nicht  viel  taugten  (eup.  praef. 
=  V  559  f.). 

Gewissenhaft  und  scharfblickend  in  der  Erfassung"  der  Symptome 
und  deren  Gruppierung  zu  untrüglicher  Diagnose,  ein  Meister  in  der 
gründlichen,  schlichten,  klaren  Darstellung  des  Wahrgenommenen 
(Anatomie,  Pathologie)  in  allerdings  rhetorisch  verkünsteltem  ionischen 
Dialekt,  der  grösste  Hypurg  und  Therapeut  des  Altertums  dank  der 
Vorarbeiten  der  Methodiker,  ebenso  fleissig  in  der  Verwertung  der 
Vorgänger  wie  durch  praktische  Erfahrung  zu  eigenem  treffenden 
Urteile  befähigt,  errang  sich  erst  in  neuerer  Zeit  der  Kappadokier 
Aretaios  die  Anerkennung,  die  ihm  das  Altertum  versagte  (1  S.  23 ff'.). 
Nur  Pseudodioskurides  (II  34  Sprengel),  Philagrios  (Aet.  VIII 47 ;  XI  1 ; 
Paul.  Aeg.  IV  1)  und  der  sog.  Alexandros  von  Aphrodisias  {naQl 
nvQtTwv)  benutzen  ihn.  Als  Grund  sieht  Well  mann  den  Umstand 
an,  dass  Aretaios  dem  Archigenes  alles  Pathologisch-Therapeutisclie 
entlehne  und  bloss  „Stilist"  sein  wolle.  Der  erste  Grund  ist  aber 
dahin  einzuschränken,  dass  Aretaios  auf  Grund  eigener  Erfahrung 
(z.  B.  hei  der  Lepra)  -)  die  von  Archigenes  mehr  gesammelten  als  ge- 
schaffenen allgemeinen  Theorien  überprüfte  und  im  Wesentlichen 
billigte.  Seine  Lebenszeit  fällt  nach  Archigenes  und  vor  Philagrios 
(1  Seite  63  f.),  d.  i.  zwischen  Ende  des  1.  und  Anfang  des  4.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.  Der  ionische  Dialekt  führt  in  die  Zeit  des  Lukia- 
nos  und  Arrianos  (2.  Jahrhundert)  hinab,  die  Uebereinstimmung 
mit  Amyntianos  (unter  Marcus  Aurelius,  160—180)  in  der  ausführ- 
lichen Beschreibung  des  Elefanten  in  das  3.  Jahrhundert.  Seine 
Schriften  waren  betitelt:  1.  Ttegl  ahiCbv  -Kai  orn-idwv  ö^ewv  zal  xQoviiov 
Tta^iov  in  4  Büchern;  2.  yt.  d^eganeiag  ö.  x.  %.  tt.,  desgl.,  beide  in 
lückenhafter  Gestalt  gerettet;  3.  tt.  TtvQeiwv  (Fieber;  p.  185);  4.  yuQovq- 


')  Ein  unbekannter  Tragiker  Heliodoros  von  Athen  schrieb  ein  Lehrgedicht 
über  Selbstmord  durch  Gift:  dTioXvny.d  tt^oh  Niy.6fia%ov  (7  Hexameter  bei  Galenos 
XIV  145);  Poetarum  de  re  physica  et  medica  reliquias  colleg.  Bussemake r,  Paris 
1851.  Der  Augenarzt  L.  Varius  Heliodorus,  von  dem  2  Stempel  mit  der  Aufschrift 
„Palladium'"  bekannt  sind,  lebte  nach  Gelsus  (Osann,  Philologus  IX  1854  S.  760; 
Grotefend,  Die  Stempel  d.  röm.  Augenärzte,  Hann.  1867  S.  162).  Der  Mystiker 
Heliodoros  lebte  unter  Theodosius  dem  Grossen. 

-j  Bloch,  Monatshefte  i.  prakt.  Dermatologie  XXVII  1898  S.  611  A.  38. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  367 

yiau  (295);  5.  7t.  (pila/.tL/.Cüv  =  Prophylaxis  (Alex.  Aphrod.  bei  I de  1er, 
Physici  et  medici  graeci  minores  I  97);  6.  7t.  ywaixsiiov  (Aret.  209); 
7.  7t.  cpaQuccxiov  (213;  254).  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  er  diese 
Werke  in  Rom  verfasste,  nachdem  er  in  Alexandreia  studiert  hatte.^) 
W  e  1 1  m  a  n  n  (S.  65  ff.)  zeigt ,  dass  die  pseudoe^alenischen  definitiones 
medicae  vorwiegend  pneumatisches  Gut  und  auch  viel  von  Aretaios 
enthalten ;  sie  werden  daher  gleichfalls  dem  3.  Jahrhundei'te  angehören. 
Die  Ueberlieferung  des  Aretaiostextes,  deren  Handschriften  fast  in 
allen  grösseren  Bibliotheken  zu  finden  sind,  ist  eine  sehr  schlechte. 
Gleich  der  Anfang  fehlt,  und  sonst  sind  allerwärts  Lücken  und  Ver- 
derbnisse wahrzunehmen.  Indem  ich  auf  den  stets  als  Vorlage  be- 
nutzten Archigenes  zurückverweise,  hebe  ich  nur  einiges  Wenige  her- 
vor, zunächst  aus  der  Physiologie  und  Anatomie.  Der  Darm  besteht 
nach  ihm  aus  zwei  kreuzweise  übereinanderliegenden  Häuten;  die 
innere  bildet  leicht  Schabsei.  Die  Verdauung  erfolgt  durch  das  Warme 
des  Magens,  auch  des  Colons;  der  Chylus  wird  der  Leber  zugeführt. 
Das  Atmen  besteht  in  willkürlichen  Bewegungen  der  betreffenden 
Organe;  den  Antrieb  giebt  das  Herz.  Dieses  zieht  auch  Gifte  aus 
dem  Verdauungstrakt  und  aus  Geschwüren  der  Atmungswege.  Die 
Bellinischen  Röhren  werden  als  ,,kleine  landeugen(schlun(i-)artige 
Höhlen  für  die  Durchseihung  des  Urins"  beschrieben  (de  caus.  et  sign, 
m.  ehr.  II  3).  Der  Uterus  wird  dem  Darme  verglichen;  die  Innen- 
wand stösst  sich  ab.  Die  Fabeln  von  seiner  Tierähnlichkeit  und 
Wanderlust  sind  noch  nicht  vergessen.  Nerven,  Sehnen  und  Bänder 
werden  noch  immer  verwechselt.  Krankheitsursachen  sind  Fehler  teils 
der  Säfte,  teils  der  Wärme,  teils  der  Spannkraft  (tövog).  Die  akuten  und 
chronischen  Krankheiten  decken  sicli  in  der  Hauptsache  mit  denen  bei 
anderen  Aerzten,  z.  ß.  bei  den  Methodikern.  Der  epileptische  Anfall  ge- 
hört zu  den  ersteren,  die  Epilepsie  zu  den  letzteren.  Die  Schilderung 
der  ,,syrischen  Geschwüre"  giebt  ein  treues  Bild  unserer  Diphtherie. 
■Aerpakaia  und  hegoxQavia  (Migräne)  sind  chronisch,  Ätcpakcdyla  akut. 
Das  7tvtv(.iä)d£g  7td^oQ,  dem  a^ua  verwandt,  ist  mehrdeutig,  u.  a.  gleich 
Lungenemphysem.  Wichtig  ist  die  Berücksichtigung  der  Disposition 
der  Geschlechter  und  des  Alters  (Kinderkrankheiten,  Aphthen  u.  s.  w.) 
und  der  Differentialdiagnose  (Pleuritis  und  Lungenaffektionen  u.  ä.). 
ä7to7i'kri^ia  ist  die  Lähmung  des  Denkens,  Empfindens  und  Bewegens, 
TtaQUTtlriyia  des  Empfindens  und  Bewegens,  Ttagdhoig  des  Bewegens, 
uvaiod-rioia  des  Empfindens.  Er  kennt  die  gekreuzten  Lähmungen  und 
die  meningitis  cerebrospinalis  (de  caus.  et  s.  ac.  m.  16).  Bei  -/.vvdyxri 
strecken  die  Kranken  wie  der  Hund  iy.viov)  die  Zunge  infolge  der 
Rachenentzündung  hervor;  bei  awdyxrj  ist  das  Pneuma  durch  Hitze 
und  Trockenheit  alteriert.  Die  Dünste  der  charoneischen  Höhlen  — 
man  denke  an  die  Hundsgrotte  bei  Posilippo  — ,  auch  verschluckte 
Gräten  verursachen  SjTianche.  Die  ägyptische  loxäQCi,  durch  schlechte 
Nahrung,  Nilwasser,  Gerstentrank  begünstigt,  gleicht  wiederum  der 
Diphtheritis.  Das  Weitergreifen  der  Podagra  auf  Niere  und  Blase  ist 
packend  geschildert.  Der  Diabetes  wird  genau  beschrieben,  ebenso 
sein  Ursprung  und  seine  Behandlung.  Der  Durst  ist  ein  Magensymptom ; 
die  Getränke  durchlaufen  den  Körper,  lösen  die  Teile  in  Urin  auf,  es 
entsteht  Abzehrung  und.  CoUaps.    Ursache   kann   ein   akutes  Leiden 


')  Kleinwächter,  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr. 
VI  1883  S.  43. 


368  Robert  Fuchs. 

oder  Gift  sein.  Den  Durst  stillen  Arzneitränke,  gekochtes  Obst,  Pur- 
ganzen, aromatische  Umschläge,  Milchkuren,  reiner  Wein.  Pestartige 
Bubonen  {ßovßCoveg  Koi(.uodeeg)  sollen  bei  Syncope  (=  Kardialgia)  vor- 
kommen. Die  Ohnmacht  beruht  auf  einer  Herzalfektion,  denn  der 
Puls  ist  klein  und  schwach,  und  das  Herz  bringt  Geräusche  {ji&iayog) 
und  heftige  Palpitationen  hervor  (II  3)  Die  y.eöf.ima  =  Erweite- 
rungen der  Hohlvene,  die  Lungen-  und  Darmblutung  erzeugen  sollen, 
sind  ebenso  rätselhaft  wie  die  hippokratischen  (Nr.  15);  ersonnen  sind 
auch  die  dem  Kausos  untergeordneten  Hohlvenenentzündungen.  Ob 
hier  die  pathologische  Sektion  zu  irrigen  ßückschllissen  verführt  hat, 
geht  leider  aus  dem  Texte  nicht  hervor.')  Die  Charakteristik  der 
Lungenphthisis  ist  so,  wie  wenn  sie  heute  geschrieben  worden  wäre. 
Die  Elephantiasis  =  Lepra,  die  er  selbst  gesehen  haben  muss,  nennt 
er  im  Einklänge  mit  seinen  Vorlagen,  besonders  mit  Archigenes, 
lebensgefährlich,  weil,  wie  beim  Tode,  das  Warme  erstarre  (1  S.  27ff.) 
und  erst  nach  Zerstörung  innerer  Teile  das  Leiden  sichtbar  werde. 
Die  Namen  tletpavTiaoig,  aaTvgiaoig,  Xeoniaoig  werden  aus  den  unüber- 
trefflich wiedergegebenen  Symptomen  erläutert.  Die  Behandlung  be- 
steht in  Aderlass  in  der  Ellenbeuge,  Abführen.  Hiera,  Milchkuren,  Er- 
brechen (Nieswurz),  Schmiermitteln,  Vipein tränken  u.  ä.'  Die  allgemeine 
Therapie  ist  sehr  vielseitig,  namentlich  die  Diätetik,'-)  der  Aderlass 
(auch  am  Handrücken),  andere  Blutentziehungen;  die  Pharmakohgie 
bevorzugt  wenige  milde  Stoffe.  Bei  unheilbaren  Leiden  hat  der  Arzt 
bloss  Mitgefühl  (^waxO-ta^ai).  Schlaf  verschafft  man  durch  die  Her- 
stellung gewohnter  Verhältnisse:  den  Fisclier  legt  man  in  den  Kahn, 
dem  Musiker  bläst  man  die  Flöte,  dem  Lehrer  bringt  man  die  Kinder. 
Fleischansatz  wird  erzielt  durch  Schaukeln,  Reiben.  Spaziergänge.  Be- 
lustigungen, wechselnde  Gewohnheitskost.  Bei  Blutungen  fördert  man 
die  Ausdünstung  durch  Scheren  und  Rasieren  des  Kopfes;  ausser 
Adstringentien  gebraucht  man  auch  Gij)s  (de  cur.  ac.  m.  II  2),  Die 
Hysterie  beschreibt  er  am  besten;  er  behandelt  sie  wie  Hippokrates, 
Celsus  und  Galenos ;  die  Männerhysterie-)  kann  durchaus  nicht  Epi- 
lepsie sein,  denn  diese  ist  schon  zweimal  behandelt.  Den  Scheiden- 
spiegel gebrauchte  er  zur  Feststellung  von  Uterusulcerationen  und  zu 
therapeutischen  Eingriffen. 

Ein  berühmter  Eklektiker  war  auch  R  huphos  von  Ephesos 
(Rufus  Ephesius  gewöhnlich  genannt).  Die  Aiabisten  haben  seinen 
Namen  mannigfach  entstellt;  Otho  Cremoiiensis  (241)  nennt  ihn  Ruflnus. 
Den  „Grossen"  heisst  ihn  Oreibasios  (eup.  praef.  ^  V  560),  als  konser- 
vativen Textkritiker  lobt  ihn  Galenos  (Hippocrate  par  Littre  V  104), 
als  klaren  und  anziehenden  Schriftsteller  müssen  wir  ihn  aneikennen. 
Die  Dioskuridescodices  in  Wien  enthalten  ein  farbiges  Porträt  von 
ihm,  natürlich  wenig  zuverlässig  Suidas  weiss  nur,  dass  er  als  Arzt 
unter  Traianus  zusammen  mit  Kriton  praktizierte.  Galenos  rechnet 
ihn  zu  den  vedntQOi  =  Jüngeren.  Tzetzes  macht  ihn  zum  Arzte  der 
Kleopatra  (s.  oben  S.  321).  Er  studierte  in  Alexandreia.  Eine  Anek- 
dote berichtete  von  ihm  oder  Philotimos,  dass  er  einen  Mann,  der  die 
fixe  Idee  hatte,  keinen  Kopf  zu   besitzen,  durch   einen   bleiernen  Hut 


^)  Weber,  Grenzboten  1862  S.  408 if.  ist  zu  zuver.'^ichtlicli. 

^)  Z.  B.  für  Pleuritis.  S.  Bloch,  Zur  Gesch.  d.  wissenschaftl.  Krankenpflege 
(Hypurgie).  Special-Katalog  d.  CoUectiv-Ausstellg.  d.  Litt,  über  Krankenpfl.,  Berl. 
1899  S.  29  f. 

^)  Klein,  a.  a.  0.  S.  50  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  369 

heilte.^)  Seine  Werke  waren  ausserordentlich  zahlreich  (Suid.).  Bekannt 
sind  die  Titel  folgender  Werke:  1.  1  Buch  negl  T^g  ägyaiag  iarQixfig 
(Geschichte  der  Medizin;  Suid.)*;  2.  7t.  ovo/xaoiag  twv  tov  ävS-gcortov 
(.lOQiiov  =  Benennung  der  Körperteile  des  Menschen,  eine  Propädeutik 
für  seine  Schüler,  fast  vollständig  erhalten,  im  2.  Buche  des  Onomasti- 
kon  von  Pollux  vielfach  benutzt  (Nr.  30 ;  32 ;  34),  auch  von  Oreibasios 
(coli.  med.  XXV  =  III  383 ff.)  ausgezogen;^)  3.  ein  avETtiygacpov  7t. 
ävarofxfßt.  %.  di.  f.i.  (Dar.-Ruelle  168  ff.),  den  Text  von  Nr.  2  ergänzend; 

4.  noch  ein  anonymer  Auszug  aus  Nr.  1  ohne  Wert  (233  ff.) ;  vö.  tc.  doxCbv 
=  Knochen  (186 ff);  6.  iaxQLy.a  €QcoTr]f.iaTa  =  Aerztliche  Fragen,  eine  gute 
Diagnostik,  deren  Uebersetzung  Bloch  beabsichtigt  ^)  (195  ff.) ;  7.  avvoipig 
7t.  acpvyuwv  =  Kurzes  Handbuch  über  den  Puls  (219  ff.),  vielleicht  von 
einem  Methodiker  verfasst  und  auf  Herophilos  und  Erasistratos  ge- 
gründet (Landsberg,  Henschels  Janus  I  799 ff.);  8. 7t.  twv  d^^wv  xal 
XQoviwv  7tad-wv*  =  Akute  und  chronische  Krankheiten  (Orib.  IV  63); 
9.  7t.  T.  htbg  7t.*  =  Aeussere  Krankheiten,  wohl  eine  selbständige 
Schrift  (Orib.  III  686 f.;  689);  10.  rb  tG)v  xqovuov  Ttad-oyviouovixöv*  = 
Diagnostik  chronischer  Leiden  (IV  529);  11.  1  Buch /r.  i^agd-Qrjuduov* 
=  €7tl  yrjQct  ävd-QiüTtog  {?),  eine  Luxationslehre  (IV  540);*)  12.  o  Xoyog 
TOV  7t.  r(bv  xöTtt  aQ&qa  voor]uca>iov  *  =  Buch  oder  Abschnitt  über 
Gelenkkrankheiten  (coli.  med.  VIII  47  =  II  273  ff.),  schwerlich  mit 
Nr.  11  identisch;  13.  7t.  7toddyQag  =  Fussgicht,  nur  lateinisch  er- 
halten,   von   Littre   herausgegeben     (Revue   de    philologie    I   1845 

5.  229  ff,),  durch  sein  Vulgärlatein  des  7.  oder  8.  Jahrhunderts  sehr 
wichtig  (z.  B,  salemoria  =  saumure;  muccinare  =  purgare),  teilweise 
zu  Aetios  stimmend  und  durch  Khazes  zu  emendieren;  14.  7t.  xCbv  kv 
vscpQolg  xal  xvaTst  7tad-(t)v  =  Nieren-  und  Blasenleiden  (Dar.-Ruelle 
lif.);  15.  7t.  aarvQiaaiiioD  xal  yovoQQoiag  (64 ff.);  16.  t6  diaxQißai  xat' 
IrjTQslov^)  /.lovößißkov*  ==  1  Buch  über  die  Thätigkeit  in  der  ärztlichen 
Werkstätte;  17.  tä  7tSQl  öiahrjg  e'*  =  b  Bücher  Diätetik  (Suid.;  Orib, 
coli,  med.  II  61  =  I  165  ff;  63  =  172;  IV  2  =  269  ff),  worin  auch 
von  der  Zubereitung  der  Speisen  gehandelt  wurde ;  18,  7t.  diaiTr]g 
7tXa6vTii}v.*  1  Buch  über  Diätetik  bei  Meerfahrten  (Suid.);  19.  7t.  avy.wv* 
=  1  Buch  über  Feigen  (Suid.);  20,  7t.  ydlaxtog  ßißliov*  =  1  Buch 
über  Milch  (Suid,);  21.  7t.  oYvov  ßißliov*  =  1  Buch  über  den 
Wein  (Suid.);  22.  7t.  ^tehrog*  =  über  den  Honig  (Suid.);  23.  rä  Ttqog 
lTota/.uoviav6v*  ==  Briefe  an  Potamonianos  (Orib.  c.  m,  VIII  21  =  II 
197  ff. ;  da  die  Stelle  über  Erbrechen  handelt,  ist  das  Werk  hier  ein- 
gereiht, es  könnte  aber  auch  allgemein  die  Therapie  oder  gar  Medizin 
darin  behandelt  gewesen  sein;  24.  7t.  (paQuämov  xa^agtixCov  =  Pur- 
giermittel, ohne  Einleitung  und  Schluss;  25.  7t.  tgavaatixibv  cpaqfx.* 
■=  Wundmittel,  1  Buch  (Suid.);  26.  vielleicht  ein  Werk  über  Augen- 
heilkunde* (Orib.  V  452;  Paul,  Aeg,  III  S.  77  bringen  Bruchstücke 
über  Glaukom  und  grauen  Star);  27.  7t.  ei^togiatiov*  =  Hausarznei- 
mittel; der  Titel  ist  aus  Orib.  eup.  praef.  =  V  560  erschlossen,  denn 
da  wird  er  umschrieben  mit  „ein  Handbuch  für  Laien" ;  das  Buch  soll 


I 


^)  Vgl.  de  Renzi,  Collectio  Salemitaua  II  125  mit  Aet.  IV  2,  8 f. 
*  bedeutet  verloren  gegangen. 

^)  Zu   dem  Anatomischen  vgl.  Gurlt,    Gesch.   d.  Chirurgie   u.  ihrer  Ausübg., 
Berl.  1898,  I  424  ff. 

»)  AUg.  medic.  Central-Ztg.  LXVIII  1899  Nr.  60  (S.-A.  Seite  2). 

*)  7t.  T^avftmtafiov  ä^&^cov*,   1  Buch  (Suid.),   wird  nur  ein  anderer  Titel  sein. 

'')  So  der  Scholiast  Orib.  III  686  für  iaroeiov. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  24 


370  Robert  Fuchs. 

nur  für  Laien  und  daher  unvollständig  gewesen  sein;  28.  7t.  ßoravwv* 
=  de  herbis  libri  IV  (Gal.  XI  796) ;  aus  Gründen  der  Metrik  rückt  G. 
Hermann^)  das  Werk  in  die  Zeit  der  Severi  hinab  (nach  193  n.Chr.); 
8  Hexameter  erklärt  Gal.  XII  425  f.,  das  Xi]öavov  =  Bartschmutz  der 
Ziegen  betreifend ;  ■■^)  29.  to  ^«;  -Avioyiouevcov  ^sgaTceiag  (.lovößißlov*  = 
1  Buch  über  Behandlung  der  Sterilität  der  Frauen  (Orib.  III  681); 
30.  7t.  t7tmvi]OEiog'^  (a.  a.  0.),  vielleicht  mit  dem  vorigen  zu  einer 
Gj^näkologie  gehörig;  31.  Hippokrateskommentare  *  vermutlich, 
wenigstens  erklärte  er  das  hippokratische  egqupig  (Gal.  XVI  196); 
32.  7t.  hxtQov  ==  üeber  Gelbsucht,  von  Oseibia  als  zweifelhaft  be- 
trachtet.'*) In  seinen  Werken  erweist  sich  Ehuphos  als  gut  beschlagen 
in  der  Litteratur.  Diesen  Studien  verdankt  er  wesentlich  seinen 
Ruhm  in  der  Anatomie,  Therapie  und  Botanik.  Seine  Anatomie  beruht 
auf  Alfen Sektionen.  Er  klagt  darüber,  dass  man  hur  noch  am  leben- 
den Sklaven  die  Körperoberfläche  demonstrieren  dürfe  und  im  übrigen 
auf  Tiersektionen  beschränkt  sei.  Er  schrieb  den  Nerven  alle  Körper- 
thätigkeit  zu,  nicht  nur  Bewegung  und  Empfindung.  Die  Kreuzung 
der  Sehnerven  (Chiasma),  die -7  Augapfelhäute  (darunter  die  Linsen- 
kapsel), die  Caruncula  waren  ihm  geläufig.  Das  Fieber  hält  er  für 
ein  natürliches  Heilmittel,  das  die  Afrikaner,  wie  einst  Euenor,  durch 
Bocksharn  zu  erzeugen  suchten  (Orib.  IV  85);  ihr  Streben  sei  löblich, 
aber  nicht  sicher  gewesen.  Die  Diagnose  der  Quartana  erschien 
Aetios  als  mustergültig  (II  1,  83).  Galenos  rühmt  des  Rhuphos  Be- 
handlung der  Melancholie  (V  105;  XIX  710;  Aet.  II  2,  9).  Aetios 
giebt  seine  Beobachtungen  über  Wasserscheu  wieder  (II  2,  24)  und 
Oreibasios  die  langen  Ausführungen  über  Depots  {ä7tooxi]i.if,iaTa;  coli, 
med.  45, 30  =  IV  83  ff.).  Weitere  Untersuchungen  betrafen  die  Sehnen- 
geschwulst (ydyyXiov-  45,  8  =  IV  15),  den  Bubo  (44,  17  =  III  607  f.), 
die  Pestbeulen  (Aet.  II  1,  95),*)  die  Nachtblattern  {i7tivv/.Tiöeg;  Orib. 
44,  20  =  III  610),  Akrochordon  und  Krebs  (45,  11  =  IV  17  ff.),  das 
spitze  Kondylom  {-S-v^iog  IV  19),  die  Rose  (44,  28  =  III  655),  die  Ele- 
phantiasis =  Lepra  (45,  28  =  IV  63  f.).  Bei  Nierenentzündung,  deren 
Eiterung  gut  geschildert  wird,  vermied  er  im  Anfangsstadium  urin- 
treibende Mittel  und  führte  nur  durch  warme  Klystiere  ab.  Das 
vevQov  =  ocpig  =  Guineawurm  führte  er  auf  das  schlechte  Wasser  der 
Araber  zurück.^)  Seine  hygienischen  Vorschriften  erstreckten  sich  daher 
auf  das  Wasser  (Aet.  I  3, 165)  und  andere  Getränke  (Orib.  c.  m.  V  3  =  I 
324  ff.),  Koch-  und  Tresterwein  (V  9  =  1357;  12  =  359  f.),  Essig  (11  = 
358 f.),  Honig  (II  63  =  I  172),  Milch  (61  =  165 ff.;  Aet.  I  2,  86)  und 
die  Kinderernährung  (Orib.  III  154  ff.),  lieber  den  Geschlechtsgenuss 
gab  er  genaue  Vorschriften  (VI  38  =  I  540 ff.;  Aet.  I  3,  8).  Das  Er- 
brechen soll  auf  möglichst  angenehme  Weise  erfolgen  (Aet.  I  3,  119; 
Orib.  c.  m.  VIII  21  =  II  197  ff.).  Er  erfand  einen  schmerzstillenden 
Trank   (Gal.  XIII  92);    die  nach  ihm   benannte   Salbe   (Orib.  V  127; 


^)  Orphica  717. 

^)  Poetarum  de  re  physica  et  medica  reliquias  colleg.  Bussemake r,  Paris  1851, 

^)  Steinschneider,  Eohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med. 
Geogr.  I  1878  S.  131  ff.  erwähnt  19  arabische  Uebersetzungen  angeblicher  Werke 
oder  Abschnitte  des  Ehuphos  und  11  arabische  Titel.  Bruchstücke  findet  man  noch 
in  Rhazes'  Continens,  in  den  „simplicia"des  Abu-Djafar  (10.  Jahrb.)  und  deren  Aus- 
zügen von  Ibn-el-Beithär  und  Djami  el-Muffridat. 

*)  Osann  S.  2. 

'")  Bloch,  Ein  neues  Document  z.  Gesch.  \i.  Verbreitg.  des  Guineawurms 
(Filaria  medinensis)  im  Altertum.    Allg.  medic.  Centr.-Ztg.  1899  Nr.  60. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  371 

869);  eine  Seife  gegen  Runzeln  (V  143;  882);  eine  legä  mit  Kolo- 
quinthe  zum  Abführen,  z.  B.  bei  Melancholie  (c.  m.  VIII  47  =  II 
273 ff.;  Pseudogal.  XIX  710 f.;  Aet.  I  3,  115;  Otho  Cremon.  241  ff., 
s.  oben).  Sein  Kyphimittel  erfreute  sich  grosser  Beliebtheit  (Gal.  XIV 
119).  Die  hippokratische  Streckbank,  ßdd-Qov,  die  der  Mechaniker 
Pasikrätes  verbessert  hatte,  besprach  er  eingehend  (Orib.  c.  m.  49,  26 
=  IV  432  f.).  In  der  Gynäkologie  endlich  widmete  der  encyklopä- 
dische  Arzt  seine  Aufmerksamkeit  u.  a.  der  Regel  verhaltung  (Aet.  IV 
4,  51;  Zervos  S.  69),  die  er  auch  auf  allzu  grosse  Hitze  zurückführte 
(Zerv.  72),  der  Lebensweise  der  Jungfrauen  (III  82  ff.),  dem  Coitus 
(Orib.  III  112 f.;  s.  oben)  und  den  Schwangerschaftszeichen  und  der 
Schwangerschaftshygiene  (III  98  ff.). 

Nicht  etwa  wegen  der  Wichtigkeit,  sondern  nur  wegen  des  gleich- 
falls eklektischen  Charakters  wird  Kassios^)  der  latrosophist  hier 
angereiht,  der  mit  dem  dreimal  von  Celsus  genannten  Cassius  und  mit 
den  Cassii  des  Plinius  (h.  n.  29,  7)  ebenso  wenig  zu  thun  hat  wie  mit 
dem  lateinisch  schreibenden  Afrikaner  Cassius  Felix  (w.  s.).  Er  wird 
im  Canon  medicorum  Laurentianus  mit  aufgeführt.  Seine  larQixal 
&7toQiaL  -Kai  TtQoßlr^iiaxa  (pvoiy.d  =  Zweifel  (Verlegenheiten)  auf  medi- 
zinischem und  Fragen  auf  naturwissenschaftlichem  Gebiete,  in  Form 
und  Inhalt  den  untergeschobenen  Problemen  des  Aristoteles  und  des 
Alexandros  von  Aphrodisias,  sowie  den  echten  des  Sophisten  Adamantios 
durchaus  ähnlich  und  den  pseudogalenischen  „definitiones  medicae" 
nahe  stehend  (Rose,  Anecd.  I  18tf. ;  Aristot.  pseudepigr.  216;  221), 
führen  in  die  spätere  Periode  der  Pneumatiker,  in  das  2.  oder  3.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  In  dem  von  den  Byzantinern  hergestellten  Corpus 
problematum  füllt  er  Buch  V;  auch  eine  lateinische  Uebersetzung 
einiger  Kapitel  aus  dem  10.  Jahrhunderte  ist  vorhanden  (cod.  Bam- 
berg.). Das  Ophthalmologische  der  84  Probleme  liegt  anscheinend  nach 
Rhuphos;  in  den  von  Bussemaker  veröffentlichten  weiteren  Frag- 
menten (Aristot.  ed.  Didot,  Paris  1848  ff.,  IV  332  ff.)  wird  Soranos,  de 
oculo,  citiert.  Dazu  passt  die  Diktion  {/.sTtTvoinög,  oxByvoTtad^elv ,  ovgiy- 
{.larwörjo).  Gegen  die  Methodiker  richtet  sich  probl.  8.  Herophilos, 
Asklepiades,  Andreas  von  Karystos  werden  angerufen,  auch  manches 
Hippokratische  wird  erwähnt;  aber  das  Meisteist  rein  pneumatisch.  Die 
Fragen  betreffen  u.  a.  Geschwüre,  Durst  der  Hydropiker,  Kälte  der  Ex- 
tremitäten, Erkrankungen  der  Sinnesorgane,  Einfluss  des  Mondscheins, 
Schwindel,  kreuzweise  erfolgende  Lähmungen.  Unfruchtbarkeit  weisser 
Erde,  die  gleichgültige  Frage,  weshalb  Betrunkene  schlechten  Wein 
gern  trinken  u.  a.  m.,  die  Farbe  der  Pupille  und  Hornhaut  (Didot). 
In  heroischen  Versen  schrieb  der  Arzt  Markellos  aus  Side  (es  wird 
das  pamphylische  sein)  unter  Marcus  Antoninus  (d.  i.  M.  Aurelius, 
161 — 180  n.  Chr.)  42  Bücher  iaxQiv.(x  =  „Aerztliches",  darin  auch  über 
Lykanthropie  (Suid.).  ^)  Dieses  Stück  und  101  Vers  über  Fische 
{TteQi  ix^-tov),  letztere  der  Anfang  des  Abschnittes: 

Ev  öe  'Aal  eivaXliov  lödrp>  (pvoiv  hqtsiQav 

(Aber  auch  der  Seetiere  heilsame  Beschaffenheit  erfuhr  ich), 


^)  Editio  princeps:  ed.  de  Sylva,  Parisiis  1541.  —  Lugduni  Batavorum  1595; 
cur.  Gesner,  Tiguri  162  (auch  lat.);  Lipsiae  1653;  Paris.  1541  (lat.). 

*)  Marcellus  Sideta,  'lar^iyA  Tte^l  iyßvcov  ed.  Morelli,  Parisiis  1591  (auch 
lat);  Fabricius,  Bibliotheca  Graeca  I  14;  XIII  315;  Car.  Gottl.  Kühn,  De 
Marcello  S.  programmata  V,  Lipsiae  1834  ff.  (Commentar) ;  Ideler  I  134  ff.;    Poetae 

24* 


372  Kobert  Fuchs. 

sind  uns  zugänglich.  Markellos  hat  die  Schriftsteller,  die  über  Fische 
geschrieben  hatten,  so  Dorion,  Archestratos,  Xenokrates,  Plinius  (s.  In- 
dex zu  Buch  XXXI  f.),  gewiss  benutzt,  wenn  uns  auch  der  Nachweis 
wegen  des  Untergangs  der  Schriften  nicht  gelingen  mag.  Knoll  er- 
klärt die  Kynanthropie  als  Kvviy.bg  onao[.i6g  =  Gesichtskrampf; 
Eoscher  aber  beweist  unwiderleglich,  dass  nur  die  bekannten  Wahn- 
vorstellungen in  Frage  kommen  können.  Aetios  II  2,  11  beruht  auf 
Markellos.  Ein  Gedicht  auf  Tiberius  Claudius  Herodes  Atticus  (f  etwa 
180)  fand  sich  auf  dem  Gedenksteine  für  die  Gattin  des  Herodes  in 
der  Via  Appia  (Epigrammata  Graeca  ed.  Kaibel  1046). 

Die  Eeihe  der  Eklektiker  schliesst  mit  Poseidonios^)  und 
Philagrios^)  ab.  Beide  waren  Söhne  des  Arztes  Philostorgios,  der 
zur  Zeit  des  Valens  (364— B78)  und  Valentinianus  (IL,  375—392)  lebte 
(Philostorg.,  bist,  eccles.  VIII 10).  Poseidonios  soll  sich  als  Arzt  hervor- 
gethan,  aber  unglaubhafter  Weise  behauptet  haben,  dass  die  Besessen- 
heit (Ußa-Kx^vea^-ai)  nicht  durch  Dämonen,  sondern  durch  Kakochymie 
hervorgeruien  werde;  denn  die  Dämonen  besässen  keine  Macht  über 
den  Menschen  (a.  a.  0,).  Suidas  (s.  v.  ^ildygLog)  lässt  Philagrios  auf 
der  lykischen  Insel  Makra  nach  Eugenator  geboren  werden,  fügt  aber 
hinzu,  nach  eigener  Angabe  in  dem  „Briefe  an  Philemon  über  die 
Leberverhärtung"  stamme  er  vielmehr  aus  Epeiros.  Er  sei  Schüler 
des  Naumachios  gewesen,  habe  nach  Galenos'  Lebzeiten  meistenteils 
in  Thessalonlke  praktiziert  und  70  Monographien  {{,iov6ßLßla\  zahl- 
reiche Handbücher  {owTccy^^iaxa)  und  einen  Kommentar  zu  Hippokrates 
verfasst.  Wellmann  (spätestens  Anfang  des  4.  Jahrhunderts,  S.  63) 
setzt  ihn  daher  zu  früh  an.  Alexandros  von  Tralleis  hat  in  die 
GeQaTtevtixcc  2  Stücke  aus  Philagrios  aufgenommen,  die  unter  dem 
Titel:  „1.  Ad  splenem  Philagrius"  und  „2.  De  ventositate  splenis"  von 
Pu  seh  mann  (Berl.  Stud.  V  74  ff.)  in  einer  alten  lateinischen  Ueber- 
setzung  veröifentlicht  worden  sind.  Ferner  schrieb  er  über  angenehme 
Getränke  (Orib.  I  365  ff.)  ein  besonderes  Werk  (Orib.  c.  m.  V  17  = 
I  365  ff.) ;  der  Brief  wurde  bereits  erwähnt.  Wie  er  den  Aretaios  be- 
nutzte, so  benutzte  ihn  wieder  Aetios  (W  e  1 1  m  a  n  n  63 ;  112).  Lands- 
berg  (759)  nennt  ihn  mit  Recht  den  „rationellsten  Arzt  seiner  Zeit". 
Als  einer  der  ersten  beschrieb  er  und  behandelte  er  operativ  die 
Aneurysmen  (Aet.  IV  3,  10;  Landsberg  759).  Gross  war  er  in 
Diagnose  und  Therapie  der  Milz-  und  Leberleiden  (Aet.  III  2,  7), 
deren  Komplikation  durch  sympathischen  Husten  und  Kontiguitäts- 
husten  er  beobachtete;  der  Nierenleiden,  bei  denen  er  durch  Diätetik 
half,  -)  der  kolliquativen  Durchfälle  bei  Fiebern  (II  1,  90).  Er  sorgte 
sich  um  Verstopfung  (infraxin  =  €i.icpQa^iv),  die  nach  Einnahme  des 
„catarticum"  einzutreten  pflegt  (Orib.  V  820  f.).  Bei  Taubheit  nahm 
er,  wenn  er  einen  anderen  Grund  nicht  fand,  Nervenverletzung  an 
(Rhazes).    Seine  Diätetik,  Honigwein,  Mohntrank,  Quitten-  und  Cornel- 


■bucolici  et  didactici  cur.  Lehrs,  Parisiis  1846;  Bussemaker  a.  a.  0.;  Röscher, 
Das  von  d.  „Kynanthropie"  handelnde  Fragment  des  Marcellus  von  Side,  Abh.  d. 
philos.-hist.  Cl.  d.  kgl.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  XVII  3,  Leipz.  1896;  Ders. ,  Ehein. 
Mus.  LIII  1898  S.  169 if.;  Schneider,  Marcelli  Sidetae  medici  fragmenta.  Com- 
mentationes  philol.,  Grat.-Schr.  f.  0.  Kibbeck,  Leipz.  1888. 

^)  H  s  g  r.  (=  Heusinger),  Henschels  Janus  II  1847  S.  400 ;  L  e  w  y  und  Lands- 
berg,  Ueber  die  Bedeutg.  d.  Antyllus,  Philagrius  und  Posidonius  in  d.  Heilkunde, 
ebda.  298 ff.;  Puschmann  und  Unger  s.  unter  Philumenos  (S.  339).  Vgl.  oben 
S.  314. 

3)  Rohlfs'  Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr.  VI  1883  S.  166. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  den  Griechen.  373 

kirschbowle,  Herling-  und  Eosenhonig  und  Selleriewein  einschliessend, 
entnimmt  Oreibasios  dem  Werke  über  Getränke  (coli.  med.  V  17  ff.  = 
I  365  ff.).  An  Eezepten  begegnen :  ein  Auf  legemittel  (epitliima ;  Orib. 
V  904),  ein  Malagma  (907),  Mittel  gegen  Magensäure  (V  143;  882), 
Scirrhus  und  Podagra  (554:  VI  393),  ein  Antidot  mit  Schwefel  (Aet. 
IV  1,  110).  ein  Abführmittel  für  schwarze  Galle  mit  Aloe  (13,  103  ff.); 
Hysteriemittel  (IV  4,  70 f.;  Zervos  103  aus  Buch  XVI).  Sein  Bruder 
Poseidonios  dient  dem  Aetios  als  Quelle  für  die  Lehren  des  Ehuphos, 
Galenos  u.  a.  (Aet.  VI  9;  Phot,  bibl.,  cod.  221  p.  177  a  7).  _Die  Aus- 
züge bei  Aetios  (I  3,  121;  II  2,  2 ff.)  betreffen:  Nieswurz,  Phrenitis, 
Lethargus,  y.ccQog  =  Totenschlaf,  Koma,  Schwindel,  Wahnsinn,  Alp- 
drücken (Incubo),  Epilepsie,  auch  bei  Neugeborenen,  und  Wasserscheu ; 
im  letztgenannten  Falle  scarifizierte  und  brannte  er  die  Wunde  und 
sorgte  für  anhaltende  Vereiterung.  Matthaeus  Sylvaticus  entnahm  im 
14.  Jahrhunderte  den  damals  noch  vorhandenen  Werken  Vorschriften 
über  natürliche  oder  künstliche  Alaunbäder  bei  Hydrops,  Gicht  und 
Hautausschlägen.  Bei  Pseudogalenos  (XIX  710)  wird  berichtet,  dass 
er  Melancholie  durch  Aderlass  in  der  Ellenbeuge.  Abführen  mit  der 
Hiera  des  Ehuphos,  Archigenes  oder  lustus  u.  s.  w.  heilte,  und  ebenda 
(717)  findet  sich  die  Formel  für  ein  ö^vtiöqlov  =  verdauungsanregendes 
Mittel. 

Wir  haben  jetzt  die  Bestrebungen  bis  zu  Ende  verfolgt,  die  von 
einer  grossen  Zahl  minder  oder  mehr  begabter  Männer,  zum  Teil  von 
Aerzten  mit  universeller  Bildung,  seltenem  Fleisse.  ausgezeichneter 
Litteraturkenntnis  und  ausgiebiger  Erfahrung,  bethätigt  wurden,  um 
die  auseinanderfallenden  und  verfallenden  Parteien  der  einen,  gemein- 
samen Disziplin  zu  einem  befriedigenden  Bunde  zusammenzufassen. 
Jedermann  wird  zugeben,  dass  die  Eücksicht  auf  alle,  die  Gleicli- 
wertung  Entarteter  mit  denen,  die  in  sich  die  Heilkunde  verkörperten 

—  ich  nenne  bloss  Hippokrates  und  Erasistratos  — ,  trotz  des  guten 
Willens  der  Eklektiker  nicht  zu  einer  befriedigenden  „Synthesis" 
führen  konnte.  Der  Mann,  der  durch  Vereinigung  aller  erforderlichen 
Geistesgaben,  mögen  sie  auch  mit  menschlichen  Schwächen  gepaart 
gewesen  sein,  die  widerstrebenden  Eichtungen  siegreich  zusammen- 
führte und  auf  anderthalb  Jahrtausend  in  eherne  Fesseln  schlug, 
so  dass  niemals  die  Spuren  dieser  unbeugsamen  Geistesherrschaft  ge- 
tilgt werden  können,  der  Mann  sollte  dem  Hellenentume  erst  noch  er- 
stehen :  Galenos,  der  Sohn  der  gelehrten,  gewaltigen  und  reichen  Stadt 
Pergamon. 

35.  Galenos.    Leben  und  Bedeutung. 

Die  ältere  oder  minder  wichtige  Litteratur  findet  sich  bei  Ackermann  {tc.  s.) 
tmd  in  den  allgemeinen  Bibliographien.  Die  Angaben  des  Galenos  über  seine  Lebens- 
schicksale hat  ebenfalls  Ackermann  zusammengestellt.  —  1.  Albert,  Les  Grecs  ä 
Eome.  Les  medecins  grecs  ä  Borne,  Baris  1894,  266 if.  —  2.  Amari,  Sul  supposio 
sepiilcro  di  Galeno  alla  Cannita,  Balermo  1887.  —  3.  Berthelot,  Sur  les  voyages 
de  Galien  et  de  Zosime  dans  V Archipel  et  en  Asie,  et  sur  la  mutiere  medicale  dans 
Vantiquite.  Journal  des  savants,  juin  1895  S.  382  ff.  —  4.  Biichner,  Galenus 
und  Lyells,  Bede  im  Verein  homöop.  Aer^te,  München  1858.  —  5.  Baremberg, 
Litroduction  aux  oeuvres  de  Galien,  ou  Etüde  biographique  litteraire  et  scientifique 
sur  Galien  {nur  handschriftlich;  vgl.  Oeuvres  de  Galien  I  p.  HI);  Oeuvres  ana- 
tomiques  etc.  [Einleitung  dazu)  s.  unten  Kap.  37  Nr.  8.  —  6.  Bubois,  Beponse  ä 
la  lettre  de  M.  Double  sur  Aristote,    Galien  et  Hippocrate.     Gazette  medicale  1842, 

—  7.  Finlayson,  British  medical  Journal,  London  1892 ;  Galen :  Ttco  bibliographical 
demonstrations  etc.,  Glasgotv  1895.  —  8.  Fisher,   Claudius  Galenus,  historical  and 


374  Robert  Fuchs. 

bibliographical  notes.  Annais,  Anatomical  and  surgical  Society,  New  York,  III 
1881.  —  9.  r^rjyopdy.T],  'O  raXrjvoi  vtto  laroQiy.riv  enoxpiv.  raXrjvös,  ev  ^Äd'rjvan 
1881  Nr.  20  ff.  —  10.  Labheus,  Vita  Claudii  Galeni,  Parisiis  1660;  Cl.  Gal. 
chronologicum  elogium,  ib.  1660.  —  11.  Luboiilbene,  Histoire  de  Gallen,  sn  vie, 
ses  Oeuvres,  son  dernier  traducteur  Charles  Dareniberg.  Gazette  des  hopitaux  1882 ; 
Union  medicale  1882.  —  12.  JViss,  Galeni  vita  eiusque  de  medicina  merita  et  scripta, 
Berolini  1854.  —  13.  Pi'osopographia  Imperii  Romani  saec.  I.  TL  III, 
Berolini  1897,  I  374  ff.  —  14.  V.  Mevillout,  Etüde  sur  Galten  lue  ä  Vacademie 
de  medecine.  Gazette  des  hopitaux  1879.  —  15.  Schöne,  Galeniana.  Schedae  j)hilo- 
logae  Hermanne  TJsener  .  .  .  oblatae,  Bonnae  1891. 

Der  Name  Galenos  findet  sich  in  den  zalilreiclien  Handschriften, 
und  hei  den  Schriftstellern  (Eufinus,  hist.  eccles.  5.  28 ;  Isidorus,  chron; 
275),  aber  auch  in  den  eigenen  Schriften  (XIV  614;  619;  625;  637. 
656;  XIX  9;  8  erwähnt  er  ein  gefälschtes  Werk  rahqvog  iazQog) 
Der  Gentilname  Claudius  ^  wird  ihm  seit  dem  Beginne  des  15.  Jahr- 
hunderts beigelegt,  ohne  dass  dafür  in  der  Ueberlieferung  eine  Be- 
rechtigung vorliegt ;  vielmehr  scheint  er  willkürlich  erfunden  oder  aus 
einer  missverstandenen  Abkürzung  zur  Zeit  der  Renaissance  entstanden 
zu  sein.  Galenos  stammte  aus  Pergämon  (VI  278;  XII  272  u.  ö.). 
Seine  Geburt  fiel  in  den  Sommer  1 30  v.  Chr.,  -)  nicht,  wie  bisher  an- 
genommen wurde,  131  oder  gar  128/129.  ^)  Sein  Vater  Nikon  •^)  war 
Architekt  und  in  der  Mathematik,  Astronomie  und  Logik  wohl- 
bewandert (V  41  f. ;  VI  755 ;  XIX  43  u.  ö.).  Seiner  mürrischen  Mutter 
Namen  nennt  er  nicht  (V  40).  Sein  Vater  unterwies  ihn  selbst  (V  41 ; 
VIII  587)  und  schickte  ihn  mit  14  Jahren  in  Pergämos  in  die 
Philosophen  schulen  (X  609;  XIX  59).  Dort  hörte  er  stoische  Lehren 
bei  einem  Schüler  des  Philopätor,  platonische  bei  einem  Schüler  des 
Gaius,  peripatetische  bei  einem  Schüler  des  Aspasios,  endlich  auch 
epikureische  (a.  a.  0.).  Durch  die  Träume  seines  Vaters  wurde  er 
mit  dem  17.  Jahre  auf  die  Heilkunde  geführt  (X  609;  XIV  608; 
XIX  59;  XVI  223),  und  zwar  hörte  er:  in  Pergämon  Satyros^)  (II  217; 
224;  XIV  69;  XVII,  I  575),  Stratonikos  5)  und  Aischrion  (V  119; 
XII  356).    Nach  dem  Tode  seines  Vaters  (151  n.  Chr. ;  VI  756)  studierte 


^)  K 1  e  b  s ,  Prosopographia  imperii  Eomani  saec.  I.  II.  III,  Berol.  1897, 1  374  if. 

^)  IwanvonMüller,  Ueber  Galens  Werk  vom  wissenschaftl.  Beweis,  München 
1895  S.  9  ff.  entnimmt  Galenos'  eigenen  Schriften  folgende  Daten :  1.  Besuch  in  Rom 
im  Sommer  des  Konsulatsjahres  des  Cneius  Claudius  Severus  im  34.  Lebensjahre 
(XIV  613;  scr.  min.  II  96),  also  nach  Klein,  Fasti  consulares,  163  n.  Chr.;  in  den 
3  folgenden  Jahren  schriftstellerte  er  in  Rom  auf  Veranlassung  des  Konsularen 
Flavius  Boethos  (a.  a.  0.),  also  163 — 166;  Rückkehr  nach  Pergämon  im  38.  Lebens- 
jahre, im  Sommer  (XIX  16),  also  167;  Gladiatorenarzt  in  Pergämon  wurde  er  mit 
Beginn  des  29.  Lebensjahres  (XIII  599),  im  Sommer,  also  158;  vorher  hatte  er 
7  Jahre  auswärts  studiert,  also  von  151 — 158;  aus  der  ersten  Angabe  folgt,  dass  er 
im  Sommer  130  geboren  sein  muss.  Suidas  lässt  ihn  noch  unter  Marcus  Aurelius 
(161—180),  Commodus  (180 — 192)  und  Pertinax  (193)  leben  und  giebt  an,  dass  ihm 
70  Lebensjahre  beschieden  waren,  er  starb  also  360/801.  Klebs  (s.  Anni.  1)  verlegt 
hingegen  die  Geburt  des  Galenos  um  128/9  und  deni  entsprechend  alle  Ereignisse 
1 — 2  Jahre  früher. 

^)  I(ulios)  Nikodemos  auf  2  Inschriften,  wovon  Nikon  auf  einer  anderen  die 
Abkürzung  zu  sein  scheint.  Die  Tafel  eines  möglicherweise  dem  Galenos  verwandten 
Ail(ios)  N(e)ikon  bespricht  mit  jenen  Schoene  (s.  vorn  Nr.  15). 

*)  Satyros  erklärte  in  seinen  Schriften  den  Hippokrates  (XVI  524:  Schlaflosig- 
keit bei  Phrenitis;  XIX  57)  und  verfasste  anatomische  Werke  (XV  136).  Vgl.  zu 
diesem  und  den  folgenden  oben  S.  315. 

'")  Er  beschäftigte  sich  mit  der  Therapie  veralteter  Geschwüre  (V  119)  und  be- 
hauptete, dass  das  Geschlecht  des  Kindes  von  dem  Ueberwiegen  des  männlichen  oder 
weiblichen  Samens  abhänge  (IV  629). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  375 

er  in  Smyrna  bei  Pelops,  ^)  dem  Schüler  des  Kointos  =  Quintus,  -)  Medizin 
und  bei  Albinus  platonische  Philosophie  (II  217;  V  112;  VIII  194; 
XVI  524;  XIX  16).  Der  Name  des  Lehrers  Phekianos  (s.  oben 
S.  315)  lautet  teils  so  (XVI  484),  teils  Phikianos,  d.  i.  Ficianus  (XVII, 
I  575);  Müller  vermutet  Aeflcianus  (scr.  min.  II  p.  LXIV).  In 
Korinthos  hörte  er  den  Anatomen  und  Hippokrateskommentator  No- 
misianos  -=  Numisianus  (Gal.  II  217  ff.;  XV  136;  XVI  197;  XIX  57), 
auch  einen  Schüler  des  Quintus.  Die  Anatomie  zog  ihn  nach  Alexan- 
dreia,  und  dort  lernte  er  den  Anatomen  Herakleianos  kennen  (X  53  f. ; 
XII  177;  905;  XV  136).  Mit  lulianos'  anatomischen  Vorlesungen  war 
er  nicht  sonderlich  zufrieden  (s.  oben  S.  338).  In  seiner  Jugend 
machte  er  viele  schwere,  aber  auch  einige  leichte  Krankheiten  und 
Unfälle  durch  (VI  309 f.):  eine  in  der  Eingschule  erlittene  Luxation 
des  Akromions  (XVIII,  I  401  f.).  einen  Abscess.  für  dessen  Heilung  er 
Asklepios  opferte  (XIX  19),  einmal  ein  Brennfieber  (VII  638),  einmal 
eine  Quotidiana,  nach  der  er  viele  Jahre  hindurch  gesund  war  (VI 
308  f.),  viermal  eine  Tertiana  (VII  638),  ein  Fieber  mit  Delirien,  die 
er  eingehend  schildert  (VIII  226),  mehrfache  akute  Krankheiten  in- 
folge von  Obstgenuss  (VI  756  f.).  Schlaflosigkeit  brachte  ihn  dazu, 
sich  an  der  rechten  Hand  zwischen  Daumen  und  Zeigefinger  zur  Ader 
zu  lassen  (XVI  222).  Nach  krankheitsreicher  Jugend  erfreute  er  sich 
von  seinem  28.  Lebensjahre  an  einer  guten  Gesundheit  (VI  309 ;  756  f. ; 
VII  638;  VIII  226).  Nur  befiel  ihn  später  in  Aquileia  die  Pest  (XIX 
18),  die  er  durch  Aderlass  vertrieben  zu  haben  vermeint  (524).  Er 
gesteht  aber  ein,  dass  er,  wenn  er  die  hygienischen  Vorschriften  be- 
folgte, nicht  ein  einziges  Mal  erkrankt  ist  (VI  309).  Und  wie  den 
Körper,  so  pflegte  er  die  Psyche,  deren  Zustand  er  schildert  (V  43  f.), 
durch  Unterdrückung  des  Jähzorns  (16).  ^\ie  er  sich  anatomische 
Kenntnisse  verschaffte,  erzählt  er  selbst  II  221  ;  XVII,  II  235.  Da- 
neben bildete  er  sich  auch  in  den  Sprachen  weiter,  im  Attischen, 
Aeolischen,  Dorischen  und  Ionischen,  sowie  im  Lateinischen  (V  869; 
VII  758).  Zu  Beginn  des  29.  Lebensjahres  (Sommer  158)  übertrug 
dem  Heimgekehrten  das  Kollegium  der  Erzpriester,  ScQxuQng,  seiner 
Vaterstadt  das  Amt  eines  Gladiatorenarztes  und,  weil  er  sich  aus- 
gezeichnet bewährt  hatte  (XIII  574).  noch  viermal  bei  dem  jährlichen 
Amtswechsel  (XIII  599  f.;  XVIIL  11  567);  er  war  also  von  158—163 
in  Pergamon  thätig.  Unter  M.  Aurelius  kam  er  im  Sommer  163  nach 
Rom  (II  215;  XVII,  I  347,  wo  nach  dem  „30.  Jahre"  der  Einer 
ausgefallen  ist)  und  blieb  dort  über  3  Jahre  (XIV  15  u.  ö.)  bis  zur 

1)  Gal.  V  112;  VIII  194.  Er  war  Lehrer  des  Nomisianos  (XV  136),  behauptete, 
dass  die  Medizin  mit  der  Erfahrung'  allein  nicht  auskomme  (XIX  16),  erläuterte  den 
Hippokrates  (XIX  57),  z.  B.  im  3.  Buche  seiner  „Einführung  in  das  Studium  des 
Hippokrates"  in  Bezug  auf  die  Muskelanatomie  (XVIII,  II  926),  beschäftigte  sich 
mit  der  Nervenphysiologie  (V  530),  zählte  an  der  Zunge  des  Rindes  16  Muskeln 
(XVIII,  II  959),  erklärte  das  Gehirn  für  den  Ausgangspunkt  aller  Gefässe  (V  527; 
544)  und  gebrauchte  des  Menippos  Rezept  und  die  Asche  von  Krebsen  gegen  die 
ToUwut  (XIV  172;  XII  358). 

-)  S.  oben  S.  315,  wo  er  statt  als  Schüler  des  Marinos  vielmehr  als  dessen  I 
Lehrer  hätte  bezeichnet  werden  müssen.  Quintus  war  auch  der  Lehrer  des  Satyros 
(II  225)  und  Antigenes  (XIV  613  ff.).  Er  verfasste  keine  Werke  (XV  68),  seine  Er- 
klärung des  Hippokrates  fand  nicht  allenthalben  des  Galenos  Beifall  (XIX  57),  er  sprach 
sich  über  Salbungen  (VI  228)  und  Arzneimittel  aus  und  ersetzte  den  Zimmet  durch 
ein  anderes,  y.a^Ttyjawv  genanntes  asiatisches  Gewürzholz  (XII  15:  XIV  71).  Dem 
böswilligen  Gerüchte,  dass  er  die  Patienten  töte,  musste  er  sich  durch  die  Flucht 
entziehen  (XIV  602). 


376  Kobert  Fiichs. 

Beendigung  des  Partherkrieges  (XIV  648),  163—166/7.  Er  hielt  von 
der  vornehmen  Welt  (Boethos,  Eudemos,  Alexander  Damascenus:  II  218; 
XIV  627)  besuchte  öffentliche  Vorlesungen  über  Physiologie,  verfocht 
seine  Theorien  gegen  die  ihm  feindlichen  Methodiker,  schriftstellerte 
und  hatte  eine  grosse  Praxis.  Allein  die  gegnerischen  Sekten  ver- 
leideten ihm  trotz  seiner  Erfolge  den  Aufenthalt  in  der  ewigen  Stadt, 
und  als  166  Hungersnot  und  Pest  über  Italien  hereinbrach,  kehrte  er 
über  SjTien,  Palästina  und  Phoinikien,  wohl  auch  über  Kypros  heim. 
Auf  dieser  Insel  war  ein  mächtiger  Gönner  von  ihm  mit  dem  kaiser- 
lichen Bergwerkskommissar  befreundet,  und  so  brachte  er  von  einem 
Besuche  der  dortigen  Minen  grosse  Mengen  heilkräftiger  Erze,  Galmei 
und  Kupferverbindungen  aller  Art,  mit  (XIV  7  ff.).  Aus  Palästina  nahm 
er  Gileadbalsam,  ÖTtoßdlaainov,  mit,  vom  Toten  Meere  Asphalt,  von 
Lykien  und  Phoinikien  einheimische  und  indische  Droguen  und  von 
der  Insel  Lemnos  die  berühmte  Siegelerde.  Im  Sommer  167  nahm  er, 
37  Jahre  alt,  in  der  Heimat  die  Praxis  als  Gladiatorenarzt  wieder 
auf  (XIX  17).  Die  Freundschaft  des  Konsularen  Boethus,  dem  er 
sein  grosses  anatomisches  Werk  zueignete  (II  215  f.;  XIV  612 ff.; 
627  ff.),  des  Sergius  Paulus,  des  Ceionius  Civica  Barbarus,  der  schon 
164  den  Orient  aufgesucht  hatte,  und  des  Cn.  Claudius  Severus  (a.  a.  0.) 
blieb  ihm  erhalten.  Bald  darauf  berief  ihn  ein  schriftlicher  Befehl  der 
Kaiser  M.  Aurelius  und  L.  Verus  aus  Aquileia  der  Pest  wegen  nach 
Italien.  Kurz  vor  dem  Tode  des  vermutlich  auch  von  der  Pest  ergriffenen 
Verus  langte  er  in  Aquileia  im  Winter  169  an.  Mit  dem  decimierten 
Heere  erreichte  Verus  Rom,  wo  er  erlag  (Capit.,  Anton.  14;  Verus  9; 
Agath.,  bist.  V  10).  ^)  Bald  darauf  kam  Galenos  zum  zweiten  Male  nach 
Bora.  M.  Aurelius  wünschte,  dass  ihn  Galenos  in  den  Markomannenkrieg 
begleite,  aber  auf  sein  Bitten  d-urfte  er  in  Rom  als  Leibarzt  des 
Prinzen  Commodus  zurückbleiben  (XIV  650).  Er  frischte  die  alten 
Beziehungen  zu  den  Vornehmsten  der  Stadt  wieder  auf  und  erhielt 
sich  die  Gunst  des  zum  Triumphe  heimkehrenden  Kaisers  (660;  VIII 
144).  Seine  reiche  litterarische  Thätigkeit  setzte  er  im  vorgerückten 
Alter  in  Pergamon  fort.  Dass  er  unter  Septimius  Severus  noch  lebte, 
folgt,  abgesehen  von  Suidas,  daraus,  dass  er  XIV  64  f.  berichtet,  er 
habe  Severus  auf  Befehl  den  Theriak  bereitet.  Die  „grossen  Kaiser", 
die  XIV  217  genannt  werden,  sind  Severus  und  sein  Sohn  Antoninus 
Bassianus  Caracalla.  Den  Namen  Antoninus  legte  sich  bereits  Severus 
bei  (VII  478).  Gegen  Suidas'  Angabe,  wonach  Galenos  im  Sommer 
200  gestorben  sein  muss,  lässt  sich  demnach  nichts  einwenden. 
Labbeus  (Nr.  10)  entnimmt  dem  Michael  Glykas-)  die  Widerlegung 
der  Anekdote,  Galenos  habe  aus  dem  Munde  der  in  Palästina  ange- 
troffenen Magdalene  die  Heilung  eines  Blindgeborenen  durch  Christus 
vernommen  und  erwidert,  dann  müsse  Christus  unbedingt  die  Steine 
gut  gekannt  haben,  denn  anders  sei  eine  solche  Heilung  nicht  aus- 
zuführen. Dass  Galenos  aber  140  Jahre  alt  geworden  sei  und 
Palästina  aus  dem  Grunde  besucht  habe,  weil  er  Christi  Wirkungs- 
stätte habe  sehen  wollen,  haben  bigotte  Christen  dem  Erzheiden  an- 
gesonnen (Labbeus).    Der  Fihrist  (S.  23  Aug.  Müller)  berichtet, 


^)  Buresch,  Klaros,  Leipz.  1889,  67 ff.  verzeichnet  die  ganze  einschlägige 
Litteratnr. 

^)  Anuales  a  mundi  exordio  usque  ad  obitum  Alexii  Comneni  etc.,  Parisiis  1660, 
III  p.  231. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  377 

dass  Alexandros  von  Aphrodisias  den  Galenos  in  persönlicher  Fehde 
„Mauleselkopf"  genannt  habe.  lieber  dieses  ii.  ä.  verbreiten  sich 
I  w.  V.  Mülle  r  ^)  und  H  a  a  s  ^)  ausführlicher. 

Es  ist  auf  einer  halben  Seite  nicht  möglich,  die  unendlichen  Ver- 
dienste des  Galenos  auch  nur  von  weitem  zu  würdigen.  Magnos  der 
Arzt  besang  ihn,  weil  durch  seine  Thätigkeit  die  Menschen  unsterb- 
lich waren  und  die  Dächer  des  thränenreichen  Acheron  Witwentrauer 
anlegen  mussten  (Brunck,  Analecta  vet.  poet.  Graecor.,  Argentorati 
s.  anno  II),  Maler  malten  ihn,-)  die  Philosophen  und  -Aerzte  aller 
Zeiten  und  Völker  priesen  ihn  als  vornehmsten  Vertreter  beider 
AVissenschaften.  Athenaios  macht  ihn  in  den  öuTtvooofpiojoi  zum  Teil- 
nehmer an  dem  gelehrten  Gespräche  (I  p.  26C;  III  p.  115  C  ff.).  Das 
Sprichwort : 

ov  Ttavzbg  ärdgbg  eig  ralr^vbv  ead^*  6  Tt'kovg 

=  „Nicht  jedermanns  Kurs  geht  auf  Galenos  zu"  soll  zu  fleissigem 
Studium  dieses  Arztes  anhalten.'^)  Das  Ergebnis  solchen  Studiums 
rechtfertigt  dann  den  Standpunkt  eines  Gegners  Harveys:  „jMallem 
cum  Galeno  errare  quam  cum  Harveio  circulare";  d.  i.  wer  sich  auf 
Galenos  berufen  kann,  braucht  sich  im  Falle  des  Irrtums  nicht  zu 
schämen.  Griechen  und  Römern  galt  er  jederzeit  als  der  grosse 
i(xTQOöo(piaTi]g,  „der  göttlichste"  (Alex.  Trall.  in  vielen  seiner  27 
Citate),  den  Arabern  als  der  „Aerztefürst",  den  Hebräern  als  „nobilis 
chirurgus",  *)  Labbeus  (10  S.  3)  als  „yv^aiog  laxQog  -Aal/iiövog  fpdöaorpog^^ 
(echter  Arzt  und  alleiniger  Philosoph).  Mit  Recht  bezeichnet  Hirsch- 
bergs  massgebendes  Urteil  die  galenische  Zeit  als  den  Gipfelpunkt 
der  gesamten  griechischen  ]\redizin  ^)  wegen  der  Vereinigung  des  über- 
triebensten Dogmatismus  mit  der  fortgeschrittensten,  auch  experimen- 
tellen Forschung,  wegen  der  Zuverlässigkeit  und  Unanfechtbarkeit 
seiner  Folgerungen,  der  ganz  genauen  Anatomie,  der  scharfsinnigen 
Diagnose,  der  geradezu  bewunderungswürdigen  Therapie,  der  hohen 
Gesichtspunkte  trotz  Beimischung  der  Regungen  der  Eitelkeit,  wegen 
der  Vereinigung  der  Vergangenheit  und  Zukunft  in  seiner  Hand  — 
„ein  hervorragender  Mensch,  aber  kein  Genie".  Hierzu  fügt  Darem- 
berg  (Orib.  I  p.  XXVI)  die  beispiellose  schriftstellerische  Frucht- 
barkeit und  die  Verehrung,  die  ihn,  wie  den  Aristoteles  zum  „maitre  en 
Philosophie",  so  zum  ..maitre  en  medecine"  erhob.  Wenn  er  aber  „un 
genie  si  universel"  hinzufügt  und  Altmeister  Gurlt**)  bestätigen 
will,  dass  Galenos  „einzig  in  der  Weltgeschichte  als  ein  Universal- 

^)  von  Müller,  Galens  Werk  vom  wissensch.  Beweis.  Abh.  d.  k.  bayer.  Ak, 
d.  Wiss.  I.  Cl.  XX.  Bd.  II.  Abth.,  München  1895  S.  23;  Haas,  Ztschr.  d.  Deutsch. 
Morgenland.  Ges.  XXXI  1877  S.  657.  ,  ,'  . 

^)  IlaTTaSÖTiovlos-Ks^ajuevs,  'IsQOOoXvfUTiy.f] ßißkio&rjxrj etc.,  iv TTerQOVTiöXei 

1899,  II  139,  Nr.  85,  16  neben  Homeros,  Aristoteles,  Sybille,  Piaton,  Plutarchos, 
Sokrates  und  Pythagoras.  Die  Schrift  ist  anonym ;  Titel :  ^sqI  tov  ttcös  y^äffo-tnai  al 
sixövEs  'OfiriQov  etc.  Sein  Bild  findet  sich  in  den  Wiener  Dioskurideshandschriften, 
ist  aber  nicht  echt.     Vgl.  noch  Janus  II  611. 

■'')  Cassiodor.,  instit.  divin.  lect.  I  31. 

*)  Steinschneider,  D.  liebr.  Handschriften  d.  k.  Hof-  u.  Staatsbibl.  in 
München,  München  1875  S.  122. 

^)  Gesch.  d.  Augenheilk.  Graefe-Saemisch,  Handb.  d.  gesamt.  Augenheilk., 
2.  Aufl.,  Leipz.  1899,  II.  Teil  XII.  Bd.  XXIII.  Kap.  S.  315.  unterstützend  tritt 
Roberts  nicht  minder  wertvolles  Urteil  hinzu:  Hist.  Stud.  aus  d.  pharmak.  Instit. 
d.  Kaiserl.  Univ.  Dorpat,  Halle  a.  S.  1889  ff.,  V  227  f. 

«)  Gesch.  d.  Chir.  u.  s.  w.,  Berl.  1898,  HI  468. 


378  Robert  Fuchs. 

genie"  dastehe,  so  findet  die  behauptete  Genialität  in  Hirschberg 
die  nötige  Korrektur,  ohne  dass  die  Universalität  darunter  zu  leiden 
braucht.  Galenos  wurde  im  Altertum  überschätzt,  modern  ist  es,  ihn 
zu  unterschätzen.  Indessen  seine  Fehler  sind  im  wesentlichen  Fehler 
seiner  Zeit,  Schatten,  die  durch  das  Licht  der  fortgeschrittenen  Neu- 
zeit geworfen  werden.  Von  mancher  Schwäche,  die  sie  ihm  vorhält, 
ist  die  moderne  Medizin  und  Philologie  selbst  nicht  frei,  und  viel- 
leicht könnten  diesen  in  einzelnen  Fällen  Mängel  nachgewiesen  werden, 
die  jenem  fremd  sind.  Solche  Urteile  sind  daher  nur  mit  äusserster 
Vorsicht  zu  verwenden  und  auf  den  Kern,  den  sie  umhüllen,  zu  be- 
schränken. Selbstgefälligkeit  und  Geschwätzigkeit  (letztere  gesteht 
er  selbst  zu,  z.  B.  XVII,  I  610)  hält  ihm  von  Wilamowitz- 
Möllendorff  ^)  in  den  stark  übertreibenden  Worten  vor:  „der  un- 
erträgliche Seichbeutel  Galen",  und  doch  wären  uns  ohne  diese  Schwäche 
ganze  Schriften  des  Hippokratescorpus  vollständig  dunkel.  Seine 
Tadel-,  ja  Schmähsucht  wurde  bereits  hervorgehoben  (S.  296),  aber 
auch  deren  Ausgleichung  durch  freudige  Zustimmung  und  Lobes- 
erhebungen bei  richtiger  Stellung  zu  den  strittigen  Fragen. ')  Unge- 
nauigkeit  im  Citieren,  '^)  Unglaub Würdigkeit  im  Etymologisieren  (XIX 
348  tf.)  und  Kommentieren,  ^)  mehr  Schimmern  als  ■  Ueberzeugen, 
mehr  Deklamieren  als  Beweisen  ^)  sind  nicht  seine  Erfindungen, 
sondern  stehen  durchaus  im  Einklänge  mit  allgemeinen  Gepflogen- 
heiten teils  des  ganzen  Altertums,  teils  seiner  rhetorisierenden,  re- 
nommistischen Zeit.  Welchen  Wert  hatte  für  ihn,  wenn  der  Patient 
inzwischen  gestorben  war,  der  leere  Streit  {Ttolvloyla,  /^ii-KQoloyia, 
leTttoXoyla,  (flvaQia,  XfjQog)  '^)  der  Grammatiker  um  die  Vortrefflichkeit 
dieser  oder  jener  Lesart  (XVII,  I  593)?  Ihm  kam  es  auf  die  Sache 
{Ttgayfia)  an,  nicht  auf  die  Wortstreiterei  und  Haarspalterei  {xa  övöf.iaTa, 
XVIII,  II  267;  XVII,  I  604 f.;  608;  616;  649;  766;  800;  975;  XVI 
487;  736).  Trotzdem  prüft  er  die  Lesarten  auch  und  verteidigt  als 
Arzt  die  altbeglaubigten  gegen  die  bestehenden  neuen  der  Grammatiker 
(XVII,  I  1005;  794).  Wohl  erhielt  seine  Allgewalt  durch  Para- 
celsus  den  ersten  heftigen  Stoss  (i.  J.  1527),  wohl  vervollständigte 
Harveys  Entdeckung  des  Blutkreislaufs  den  Sturz,  wohl  verdammten 
ihn  in  späteren  Jahrhunderten,  stolz  auf  ihre  Däumlingsgrösse  und 
ihr  gelehriges  Nachsprechen,  oberflächliche  Geister  ganz  und  gar,  aber 
heute  noch  stehen  viele  seiner  gegen  den  Kritikersturm  verteidigten 
Lesarten  und  Erklärungen  siegreich  für  immer  da.  So  ist  es  auch 
mit  den  meisten  Grundlagen  seiner  Lehre,  die  wir,  unter  Uebergehung 
der  sprachlichen  Eigentümlichkeiten  und  anderer  Nebendinge,  aus 
seinen  Schriften  entwickeln  wollen. 


1)  Isyllos  von  Epidauros.    Philol.  Unters.  IX,  Berl.  1886,  122  A.  12. 

-)  Ungerecht  ist  z.  B.  der  Tadel  des  Andreas:  XI  795  vgl.  ni.  Diosc,  de  m.  m. 
praef. 

^)  Hippocrates  ed.  Ilberg-Kuehlewein  I  p.  LVIIIff.;  LX  Anm.:  ed.  Littre 
II  257;  IIb  er  g,  Rhein.  Mus.  LI  1896  S.  177;  Kühle  wein,  D.  chirurg.  Schrift,  d. 
Hippokr.,  Jahresb.  üb.  d.  Königl.  Klosterschule  zu  Ilfeld,  Ostern  1897  bis  1898,  Nord- 
hausen 1898  S.  3. 

*)  Hippocr.  ed.  Ermerins  II  763  vgl.  mit  Fuchs  II  444  A.  68. 

•"*)  S.  oben  S.  206  einige  weitere  Belege. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  379 


36-   Die  galenischen  Schriften. 

S.  die  Littevatur  S.  206  Anm.  5  und  in  dem  vorangehenden  Kapitel.  — 
1.  Ackermann^  Historia  literaria  Ckiudii  Galeni  consc.  a  — ,  ex  Fabricii  biblioth. 
graeca  d.  et  avcta  et  emendata  =  Kühn  I p.  XVII ff.  —  2.  llherg.  Die  Schrift- 
stellerei  d.  Klaudios  Galenos,  Rhein.  Mus.  44  {1889)  207 ff.:  47  [1892)  4S9/f.;  51 
{1896)  165  ff.;  52  {1897)  591  ff.  —  3.  Iu\  von  JlüUer,  Q^mestiones  criticae  de 
Galeni  lihris,  Progr.,  Erlangae  1871  {hespr.  i?i  Virchoics  Jahresb.  von  1872,  I  266 
und  von  Nauck,  Bulletin  de  Vacad.  imperiale  des  sciences  de  St.  Petersbourg  XXXI): 
Galenus  Piatonis  imitator.  Acta  seminarii  philolog.  Erlangensis  IV  1886.  — 
4.  Steinschneider,  Die  hebr.  Ueber Setzungen  d.  Mittelalters,  Berl.  1893;  Die  griech. 
Aerzte  in  arab.  Uebersetzungen.  Virchotvs  Arch.  CXXIV  1891.  —  5.  WeniHch, 
De  auctorum  graecorum  versionibus  et  comtnentanis  syriacis,  arabicis,  armeniacis 
persicisque,  Lipsiae  1842. 

Galenos  schriftstellerte  von  frühester  Jugend  bis  in  das  höchste 
Alter.  Bei  jeder  Beschäftigung,  beim  Studium  als  Jüngling,  beim 
Experimentieren  und  Praktizieren,  sowie  bei  der  Lektüre  hatte  er  un- 
ausgesetzt den  Griffel  zur  Hand.  Daher  übertraf  er  durch  die  Zahl 
seiner  ärztlichen  und  philosophischen  Werke  alle  Vorgänger  (und  Nach- 
folger) und  blieb  in  der  Erklärung  der  Schriften  hinter  keinem  zurück 
(Athen,  p.  1  E).  Suidas  (s.  ralrivo^i)  hält  die  Aufzählung  der  „vielen  . , . 
allen  bekannten"  medizinischen,  philosophischen,  grammatikalischen  und 
rhetorischen  Werke  für  überflüssig.  Die  Zahl  kann  nicht  genau  an-, 
gegeben  werden,  da  vieles  unecht,  anderes  in  mehrfacher  Redaktion 
wieder  anderes  bloss  in  noch  nicht  veröffentlichten  semitischen  Ueber- 
tragungen  zu  finden  ist.  Einige  berechnen  im  ganzen  500  Schriften, 
andere  über  640,  d.  i.  400  medizinische  und  über  240  andere,  ^)  andere 
rund  300  medizinische  und  115  philosophische,  Hirschberg-)  250 
dem  Titel  nach  bekannte  und  83  erhaltene  echte,  19  zweifelhafte  und 
45  unechte,  zusammen  147  erhaltene  AVerke  unter  seinem  Namen, 
dazu  19  Fragmente  und  15  Kommentare  zu  Hippokrates  (die  letzte 
Angabe  ist  nicht  kontrolierbar) ;  Christ '^)  mehr  als  250  Schriften, 
darunter  100  echte  und  18"  zweifelhafte  erhaltene  Werke,  mehrere  bloss 
lateinisch  oder  arabisch  (auch  hebräisch  und  persisch).  Um  einen 
Studienplan  zu  geben  und  sich  vor  Unterschiebungen  und  litterarischem 
Diebstahle  zu  bewahren,  hat  Galenos  zwei  Führer  durch  seine  Werke 
verfasst:  1.  tieq!  r^g  TaE,etog  rütv  iöuov  ßißUwv  Ttgög  Euyeviavov  (XIX 
49 ff.;  scr.  min.  II  80 ff.)  =  Ordnung  der  eigenen  Werke, ^)  2.  /r.  zßjv 
iökov  ßißUcov  (8  ff. ;  scr.  min.  II  91  if )  =  Ueber  meine  eigenen  Werke. 
In  Nr.  1  handelt  Galenos  von  der  Entstehung  und  der  Art  des 
Studiums  seiner  Werke,  die  er  teils  auf  Wunsch  seiner  Freunde  und 
bloss  für  sie  geschrieben,  teils  Tironen  diktiert  habe,  sie  seien  wider 
seinen  Willen  verbreitet,  darum  müsse  er  einen  Wegweiser  geben, 
und  zwar  lese  man  in  dieser  Reihenfolge:  1.  Propädeutik  =  de  opt. 
secta,   7t.  aTcodei^BLog,  de  sect.  ad  eos  q.  introduc. ;  2.  de  puls,  ad  tir., 


^)  Claudii  Galeni  Pergameni  opuscula  varia  a  ...  Theod.  Goulstouo  ... 
Graeca  recensita,  Londini  1640,  praef. 

^)  Gesch.  d.  Augenheilk.  Graefe-Saeniisch,  Handb.  d.  gesamt.  Augenheilk., 
2.  Aufl.,  Leipz.  1899,  II.  Teil  XII.  Bd.  XXIII.  Kap.  S.  313. 

^)  Gesch.  d.  griech.  Litt,  bis  auf  d.  Zeit  Justinians,  3.  Aufl.,  München  1898 
S.  858  f. 

*)  Galeni  libellum  qui  inscribitur  /7.  t.  t«|.  r.  18.  ßißk  rec.  Iwauus  Mu eller, 
Progr.,  Erlangae  1874.  Ich  folge  in  diesem  Kapitel  der  ausgezeichneten  Darstellung 
Ilbergs  (Nr.  2). 


380  Robert  Fuchs. 

de  ossib.  ad  t.,  admin.  aiiat. ;  3.  Physiologie  =  de  plac.  Hipp,  et  Plat., 
de  usu  pari;  4.  de  simpl.  medic.  temp.  et  fac,  de  comp,  medic;  5.  de 
san.  tuenda;  6.  Kommentare  und  Polemisches,  Philosophisches.  Nr.  2, 
an  Bassus  gerichtet,  belehrt  über  Echtheit,  Gattung  (Skizze,  fertiges 
Werk),  Zweck  (Polemik,  Systematik),  Zeit  und  Umstände  der  x?b- 
fassung.  Als  Student  schrieb  er  vTcoiLivi]f.iata,  die  bei  seinen  Kameraden 
viel  Anklang  fanden  und  bei  dem  dritten  Aufenthalte  in  Pergamon 
(167—169)  vervollkommnet  wurden,  als  erfahrener  Praktiker  in  Rom 
und  Pergamon  belehrende  Schriften,  als  Lehrer  und  Verfechter  seiner 
Theorien  während  des  zweiten  Aufenthalts  in  Eom  polemische  Werke, 
Ein  grosser  Teil  der  Werke  ging  zu  Grunde,  als  kurz  vor  dem  Tode 
des  Commodus  (192)  der  Paxtempel  mit  den  dort  niedergelegten  ägyp- 
tischen und  arabischen  Beutestücken  und  deponierten  Wertsachen  der 
Reichen  (Cass.  Dio  72,  24;  IIb  er  g  211  ff.)  und  den  benachbarten 
&7ioiHfAaL  in  der  Via  sacra,  wo  Galenos  seine  Handschriften  verwahrte, 
niederbrannte  (XTX  19;  XIII  362;  XIV  66).  Schon  bei  einem  früheren 
Brande,  unter  M.  Aurelius  (II  215  f.),  hatte  er  die  erste  Niederschrift 
der  admin.  anat.  u.  a.  m.  eingebüsst,  Die  geretteten  Werke  teilt 
Galenos  in  15  Kapiteln  also  ein:  1.  Anatomie,  2.  Pathologie,  3.  Therapie, 
4.  Diagnostik  und  Prognostik,  5.  Kommentare  und  Polemik:  zu  Hippo- 
krates.  27  Bücher  für  sich  und  Freunde  (aph.,  de  fract.,  de  artic.  rep., 
progn.,  de  victu  in  ac,  de  vuln.  et  ulc,  de  cap.  vuln.)  und  35  für  die 
Oeffentlichkeit  (epid.  IL  IIL  VI,  de  hum.,  alim.,  prorrh.,  de  nat.  hom., 
de  off.  med.,  de  aere  aq.  loc);  zu  Erasistratos  (Kap.  7);  zu  Asklepiades 
(Kap.  8) ;  zu  Serapion,  Herakleides  von  Taras,  Menodotos,  Theodas  und 
anderen  Empirikern  (Kap.  9)  und  zu  den  Methodikern,  z.  B.  lulianos 
(Kap.  10);  6.  Philosophie,  darunter  über  Logik  49  Bücher,  Ethik  30, 
Piatonismus  34,  Aristotelismus  34,  Stoicismus  18,  Epikureismus  10; 
7.  Grammatik,  76  Bücher,  darunter  das  grosse  atticistische  Lexikon  in 
48  Büchern.  In  dem  Verzeichnis  fehlen  manche  wichtigen  Werke 
(Kalbfleisch,  Ueb.  Galens  Einleitg.  in  d.  Logik,  Hab.-Schr.,  Frei- 
burg i.  Br.  1897  S.  16  A.  1).  Gelegentlich  eingestreute  kürzere  Ver- 
zeichnisse findet  man  I  407  ff;  II  215  ff;  XVIII,  I  576  ff  Ferner 
schrieb  Oreibasios  eine  ovvoipig  rCov  ra'Arjvov  ßißXuov  (Phot.  p.  180  a  3), 
deren  Verlust  wir  beklagen.  Besondere  Schwierigkeiten  bereiten  bei 
der  chronologischen  Aufstellung  der  Werke:  der  ungenaue  Titel, ^)  das 
wechselnde  Tempus  der  Citate,  weil  die  kleinen  Schriften,  die  als  be- 
vorstehend angekündigt  sind,  im  weiteren  Verlaufe  einer  in  Jahren 
vollendeten  Hauptschrift  als  erschienen  bezeichnet  werden  mussten, 
die  mehrfache  Umarbeitung  oder  die  völlig  neue  Abfassung  des  näm- 
lichen Werkes. 

Die  von  IIb  er  g  (a.  a.  0.)  geschickt  erschlossene  zeitliche  Reihen- 
folge der  galenischen  Schriften  ist  folgende. 


^)  Galenos  gab  seine  vTrofivij/uara  grossenteils  ebne  Titel  an  seine  Freunde 
(XIX  il),  somit  umschrieb  er  bei  Bedarf  ihren  Inhalt.  Er  legte  aber  auch,  wie 
das  Altertum,  kein  Gewicht  auf  genaue  Titelangaben  (von  Müller,  Ueb.  Galens 
Werk  V.  wissensch.  Beweis.  Abh.  d.  k.  bayer.  Ak.  d.  Wiss.  I.  Gl.  XX.  Bd.  II.  Abth., 
München  1895  S.  1;  Galeni  de  victu  attenuante  etc.  ed.  Kalbfleisch,  Lips.  1898 
p.  XXIII). 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  381 


I.   Hauptwerke. 

1.  Tte^t  TLüV  '^iTTnoxQatovg  -/mI  nkdrcovog  doy^icaLov  I — IX  =  Lehr- 
meinungen  des  Hippokrates  und  Piaton  (Kühn  V  181  ff.). 
1 — 6  war  für  Boethos  bestimmt,  7 — 9  wurde  nach  169  hinzugesetzt. 
Galenos  hält  die  Schrift  mit  Recht  für  eine  der  bedeutendsten.  Er 
beweist  die  Uebereinstimmung  der  hippokratischen  und  platonischen 
Lehren  und  verteidigt  sie,  besonders  gegen  die  Stoa,  Aristoteles, 
Erasistratos.  Chauvet,  Memoire  sur  le  traite  de  Galien,  intitule: 
Des  dogmes  d'H.  et  de  R,  Paris  1857;  Cornario  interprete,  Lugd. 
1550;  Kalbfleisch,  In  Galeni  de  placitis  Hipp,  et  Plat.  libros  ob- 
servationes  criticae,  Diss.,  Berol.  1892;  Claudii  Galeni  de  pl.  H.  et  PI. 
libri  novem  rec.  Iwanus  Müller  I,  Lips.  1874;  Quaest.  er.  de  G. 
libris  7t.  T.  xad-^  'iTtyroxQairiV  •/..  TlXariova  ö.,  Progr.,  Erlangae  1871; 
specimen  alterum,  ib.  1872 ;  P  e  t  e  r  s  e  n ,  In  G.  de  p.  H.  et  P.  1.  quaestiones 
er.,  Diss.,  Gotting.  1888. 

2.  7t.  xQdag  (.ioquov  XVII  =  Gebrauch  der  Körperteile 
(III  Iff.;  IV  1  ff.),  eine  Physiologie  mit  Untersuchung  der  Nerven- 
funktionen. Buch  I  nahm  Boethos  mit  sich,  der  Rest  entstand  zwischen 
169  und  180.  Deutsch  von  Nöldeke,  1805;  Galeni  de  utilitate  par- 
tium liber  quartus.  Ad  Codices  primum  conlatos  rec.  Helmreich, 
Jahresb.  d.  Kgl.  bayer.  Studienanst.  ...  bei  St.  Anna  in  Augsburg, 
Augsb.  ^1886. 

3.  f}  7t.  tCüv  acpvy^iiüv  TtQayi-iaTBia  XVI  =Handbuch  über  den 
Puls:  di)  7t.  diacpoQüg  acpvyiuov  IV  =  de  differentia  pulsuum  (VIII 
493 ff.;  Schoene  s.  Kap.  27  Nr.  13);  b)  7t.  öiayvcoaecog  a.  IV  =  de 
dignoscendis  pulsibus  (VIII  166  ff.);  c)  7t.  rwv  kv  %olg  ocpvy^iotg  ahiiov 
IV  =  de  causis  pulsuum  (IX  1  ff.) ;  d)  7t.  TtQoyvwaswg  acpvyfiwv  IV  = 
de  praesagitione  ex  pulsu,  während  der  Markomannenkriege  in  Rom 
verfasst,  169 — 180.  Vallesius,  Commentaria  in  Cl.  Galeni  libros  et 
tractatus  medicinales  IV  (de  urinis,  pulsibus,  febrib.,  methodus  medendi), 
Coloniae  1592,  fol. 

4.  7t.  T.  acpvyf-icjv  xoig  doayo(.t€voig  I  =  Ueber  den  Puls,  den 
Anfängern  (VIII  453 ff),  dem  pergamenischen  Arzte  Teuthras  ge- 
widmet, nach  Vollendung  von  Nr.  3a  b  und  vor  167  verfasster  Auszug 
aus  Nr.  3,  nach  169  mit  Zusätzen  versehen. 

5.  ovvoipig  7t.  acpvyf.iü)v  iöiag  Ttgay^iaxeiag  1  =  Auszug  aus  dem 
eigenen  Handbuche  über  den  Puls  (IX  431  ff.,  1.  griechische 
Ausgabe),  später  verfasst,  auch  nach  der  z^xvrj  tatQi/.ri  (I  410),  an  Um- 
fang zwischen  3  und  4  stehendes,  autorisiertes  Repetitorium  gegenüber 
den  Auszügen  anderer. 

6.  7t.  xqdag  ocpoyfuüv  I  =  Der  Nutzen  des  Pulses  (V  149 ff.), 
gegen  Erasistratos  vor  Nr.  3 — 5  und  nach  169  geschrieben. 

7.  7t.  -KQüoetog  xai  öuvdfiecog  rCbv  artlibv  fpag/uayicov  XI  =  Mischungs- 
verhältnis und  Wirkung  der  einfachen  Arzneimittel  (XI 
379 ff.;  XII  Iff.),  nach  Nr.  3  zu  verschiedenen  Zeiten  entstanden,  Buch 
9—11  20  Jahre  nach  1—8  (XII  227).  Inhalt:  I-II  Polemik,  III— V 
eigene  Meinung,  VI  (auch  geschichtlich)  — VIII  Arzneipflanzen  (alpha- 
betisch), IX — XI  mineralische  Arzneimittel.  Israelson  s.  Kap.  37 
Nr.  19. 

8.  S^eqaTtEVTiydi  /.led^odog  XIV  =^  Heil  weise  (X  Iff.)  nach  Buch 
I— VIII  von  Nr.  7,  also  nach  169  verfasst;  Buch  I— VI  dem  Hieron 


382  Robert  Fuchs. 

zugeeignet,  VII  ff.  nach  193  verfasst  und  Eugenianos  gewidmet.  Der 
Oreibasiossclioliast  (IV  528)  citiert  das  14.  Buch  der  &.  avvoipig  =  Aus- 
zug, was  nicht  richtig  sein  kann  (s.  533).  Dieses  auch  von  dem  Ver- 
fasser für  einzigartig  erklärte  Werk  (X  632)  wurde  im  Mittelalter  in 
unzuverlässigen  lateinischen  Uebersetzungen  als  Mega(lo)tegni  oder 
-techni  fleissig  studiert.  V  a  1 1  e  s  i  u  s  s.  Nr.  3.  Unter  P  a  g  e  1  s  Aegide 
erschienen  seit  1898  Berliner  medizinische  Dissertationen  mit  deutscher 
Uebersetzung  und  Erklärung  von  K  ühn  X  1—104;  157—186;  232—249; 
530—598;  945  ff. 

9.  &vaTO(.uy!.cxl  lyx£iQi]a€ig  XV  =  Anatomisches  Präpariren 
(wörtlich:  Hantierungen  II  215 ff.).  Die  ursprünglichen  2  Bücher,  die 
schon  erwähnten  Demonstrationen  vor  Boethos  wiedergebend  und  163 
bis  167  entstanden,  verbrannten  und  wurden  in  den  70  er  Jahren  durch 
15  Bücher  ersetzt.  Bei  Kühn  steht  nur  I — IX  (von  XI  der  kleinere 
Teil) ;  X— XV  sind  bloss  arabisch  erhalten.  *)  Nach  Marinos  ver- 
teilte er  den  Stoff  so:  Iff.  Extremitäten,  IV f.  Kopf,  Hals,  Stamm, 
VI  Verdauungsorgane,  VII  f.  Respirationsapparat,  IX  ff.  Gehirn,  Rücken- 
mark, Augen,  Zunge,  Oesophagus,  Larynx,  os  hyoides,  XII  ff.  Gefässe 
und  Nerven  dieser  Teile.  XV  Genitalien  (XIX  24  f.;  Orib.  index; 
Oseibia).  Obwohl  nur  Sektionen  von  grösseren  Säugetieren  vorliegen, 
hatte  Galenos  grossen  Erfolg,  aber  auch  Neid  und  Widerspruch  zum 
Lohne.  Sektionsprotokolle  {v7toi^iv7]/.iaTa)  erkannte  als  Grundlagen  für 
die  Ausarbeitung  wiederum  Ilberg  (S.  225:  II  397).  Erst  Vesalius 
gelang  es  1543,  wesentlich  darüber  hinauszukommen. 

10.  vyiEivd  VI  =  de  sanitate  tuenda  =  Hygiene  (VI  1  ff.),  Ende 
der  70  er  Jahre  abgeschlossen,  ist  für  cpiUargoi  =-  medizinkundige 
Privatleute  bestimmt.  I — V  Diätetik  von  der  Jugend  bis  ins  Alter 
für  normal  Lebende,  VI  für  Kränkelnde,  Schlusskapitel  (VI  450  ff.) 
über  Quittentränke  später  angeschweisst. 

11.  TT.  TCüv  jc€7tov^ÖTiov  töttwv  VI  =  Die  kraukeu  Körper- 
stellen (VIII  Iff.),  unter  Septimius  Severus,  193 ff.,  im  Greisenalter 
verfasst  unter,  teilweise  polemischer,  Benutzung  der  3  gleichbenannten 
Bücher  des  Archigenes  (IX  670;  Well  mann,  D.  pneum.  Schule  bis 
auf  Arch.  u.  s.  w.,  Berl.  1895  S.  84  ff.).  Wichtige  Varianten  bei 
Daremberg,  Archives  des  missions  scientifiques  et  litteraires,  Paris 
1851,  II  484  ff 

12.  7t.  Gvvd-eoEiog  cpag^iä-Kiov  XVII  =  Zusammensetzung  der 
Arzneimittel.  Die  2  Bücher  der  ursprünglichen  Redaktion  ver- 
brannten 192.  Von  dem  Ersätze  gehören:  a)  7  Bücher  zu  7t.  a.  cp. 
%G)v  YMxa  yevrj  =  nach  Arten  (XIII  362  ff.),  meist  äussere  Mittel), 
b)  10  zu  7t.  G.  cp.  Twv  xara  roTtovg  =  nach  Körperteilen,  meist 
zusammengesetzte  Arzneien  (XII  378 ff.;  XIII  Iff.).  Claudii  Galeni 
Pergameni,  medicorum  principis  de  compositionibus  medicamentorum 
xaTß  yevrj  lib.  VII.  Per  loannem  Guinterium  Andernacum  jam 
primum  latinitate  donati.  Ejusdem  de  ponderibus  et  mensuris  liber, 
D.  Andrea  Alciato  interprete.  Basileae.  Anno  M.D.XXX;  vgl.  Rohlfs' 
Deutsch.  Arch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  und  med.  Geogr.  VI  1883  S.  295 f.; 
M.  Gregoire,  Les  quatre  premiers  livres  de  la  composition  des 
medicaments  par  genres,  Paris  1549  (Uebersetzg.) ;  lat.  von  Cornarius, 
Paris.  1539;  Rovillius,  Lugd.  1549,  12".    Sehr  befriedigend  ist  die 


1)  H(eusinger),  Henschels  JanusII1847S.  396f.;  Wenrich.  Greenhill  hat 
sein  Versprechen  der  Herausgabe  dieser  Schrift  nicht  gehalten. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  383 

Geschichte  der  im  Mittelalter  „Miramir"  genannten  Schrift  bei  Stude- 
mund,  Index  lectionura,  Vratislaviae  18889. 

13.  «<g  TO  '^iTiTto-KQÖcTovg  7t.  uy^töjv  v7t0f.ivrif.iaTa  III  =  Kommentare 
zu  des  Hippokrates  Schrift  „Die  Knochenbrüche"  (XVIII, 
II  318  flf.),  nach  Nr.  9,  zweite  Redaktion,  entstanden ;  gleich  darauf 
die  Kommentare  zu: 

14.  de  artic.  repos.  IV  (XVIII,  I  300  ff.). 

15.  (de  vuln,  et  ulc).  ^) 

16.  (de  cap.  vuln.). 

17.  aphor.  VII  (XVII,  II  345;  XVIII,  1 1  ff.),  1.  Auflage  aus  früher 
Zeit  verschollen,  2.  nach  dem  Kommentar  zu  de  off.  med.  fallend, 
erhalten. 

18.  progn.  III  (XVIII.  II  1  ff.).  =) 

19.  20.  7t.  '/CQiasiov  III  =  Krisen  (IX  550 ff.);  rt.  ycQioiftcov  fjfi6Q(7)v 
III 3)  =  Kritische  Tage  (IX  769  ff.),  zwischen  Nr.  17  und  18,  in  der 
letzten  Zeit  des  M.  Aurelius,  entstanden. 

21.  de  victu  in  ac.  IV  (XV  418  ff.),  später  mit  Zusätzen  versehen. 
Galeni  in  Hippocratis  de  victus  ratione  in  morbis  acutis  comm. 
I.  Vassaeo  interprete,  Lugduni  1549. 

22.  de  hum.  III  (XVI  1  ff.),  später  ebenfalls  bereichert,  auf  An- 
tyllos  gegründet  ( W  e  1 1  m  a  n  n  a.  a.  0.  104  ff. ).  Lat.  ed.  R  a  s  a  r  i  u  s , 
Venetiis  1562;  Chart.  VIII  508  ff.;  griech.  zuerst  bei  Kühn  nach  einem 
Paris,  anni  1560,  mangelhaft. 

23.  de  off.  med.  (XVIH,  II  629  ff.);  vielleicht  noch  unter  M.  Aurelius. 
bis  180: 

24.  epid.  I,  3  Bücher  (XVH,  I  1  ff.). 

25.  epid.  II,  6  Bücher  (XVII,  I  303  ff.),  von  denen  nur  das  2.  und 
3.  und  selbst  diese  sehr  lückenhaft  erhalten  sind. 

26.  pron-h.  I,  3  Bücher  (XVI  489  ff). 

27.  TT.  y.wftarog  =  K  o  m  a  (VII  643),  ein  Exkurs  zu  prorrh.  I  1. 

28.  epid.  m,  3  Bücher  (XVH,  I  480  ff.). 

29.  epid.  VI,  8  Bücher  (XVU,  I  793  ff;  XVH,  II  1  ff ).  Der 
grössere  Teil  von  Buch  VI,  Buch  VII  f.  sind  nur  lateinisch  erhalten: 
ed.  Rasarius,  Venet.  1562,  nicht  bei  Kühn  (vgl.  Ilberg  S.  236 f.). 

30.  de  aere  aq.  loc.  III,  nur  in  fragwürdigen  lateinischen  Bruch- 
stücken (Ilberg  a.a.O.;  Commentationes Ribbeckianae,  Lips.1888,  343). 

31.  de  nat.  hom.  m  (XV  1  ff.). 

32.  de  alim.  IV  (XV  224 ff.).'') 

IL   Kleinere  medizinische  Schriften. 
A.  Anatomie  und  Physiologie.  ^) 

33.  7t.  fn]TQag  ävazoftfjg  =  Uterusanatomie  (II  887  ff.),  für 
eine  Hebamme   in  Pergamon   während   des  Unterrichtes  bei  Satyros 


^)  Orib.  IV  540  f.  schol.;  IV  505;  514  f.  Die  Klammem  bedenten,  dass  die 
Schrift  nicht  mehr  vorhanden  ist. 

-)  Ermerins,  Emendationen  zum  Galenischen  Text  d.  Hippokr.  u.  Galens 
Commentar  zum  Prognostiken.    Henschels  Janus  II  1847. 

^)  Haupt,  Hermes  VIII  7  (Konjektur). 

*)  Nach  einer  von  Daremberg  aufgefundenen  Glosse  hat  Galenos  auch  die 
praecepta  commentiert  (Petrequin,  Chirurgie  d'Hippocrate  I  110 f.). 

^)  Ilberg,  Rhein.  Mus.  47  (1892)  489 ff.;  A.  de  Haller,  Bibliotheca  ana- 
tomica  etc.  I,  Tiguri  1774. 


384  Eoibe^rt  Fuchs. 

verfasst,  168/9   überarbeitet   und  in  dieser  Form  erhalten;  die  Fort- 
setzung- ist  nicht  erhalten,  vielleicht  gar  nicht  geschrieben  worden. 

34.  TT.  f.ieXaivr]g  yßlffi  =  Die  schwarze  Galle  (Y  104 ff.),  viel- 
leicht nicht  echt. 

35.  (5T.  xf^q  taTQLyifjg  e^iTtsigiag)  =  Aerztliche  Erfahrung, 
Protokoll  einer  zweitägigen  Disputation  zwischen  Pelops  und  dem 
Empiriker  Philippos,  auch  vor  151  verfasst. 

36.  {n:  Tfjg  lov  hi-ißqvov  &vaTO(.if]g)  =  Anatomie  des  Embryo, 
Jugendschrift. 

37.  (tt.  ^wgayiog  xat  7tvevf.iovog  xivrjaecog  III)  =  Bewegung  des 
Brustkorbes  und  der  Lunge,  in  SmjTua  nach  151  in  den  Vor- 
lesungen des  Pelops  für  einen  Kameraden  nachgeschrieben,  168/9 
überarbeitet. 

Ferner  sind  folgende  Werke  zwischen  163  und  167  verfasst  und 
Flavius  Boethos  gewidmet: 

38.  (jr.  ävanvo^g  ahiiov  II)  =  Ursachen  der  Atmung. 

39.  7t.  rpwvfjg  IV  =  Die  Stimme.^)  Die  lateinische  Schrift  „de 
voce  et  anhelitu"  (bei  Chart,  in  der  Juntina  u.  s.  w.)  hält  von  Töply 
(13  f.)  für  die  im  12.  oder  13.  Jahrhundert  angefertigte  Uebertragung 
einer  arabischen  Uebersetzung  der  echten  Schrift.' 

40.  {rr.  rfjg  'In:7ioy.QdTovg  ävaTo^if]g  VI)  =  Hippokratisclie  Ana- 
tomie, 164  verfasst. 

41.  (7r.  Tfjg  ^EQaOLOTQccTOv  dcvaTOjiifjg  III). 

42.  (7t.  rfjg  r&v  Lwvttov  ävarofAf^g  II)-)  =  SektionenLebendiger. 

43.  (tt.  Tfjg  BTtl  Twv  ted'VEMTiov  Scpatofif^g) -)  =  Sektionen  Toter. 
Nicht  an  Boethos  gerichtet,  aber  derselben  Zeit  angehörig  sind: 

44.  (7t.  dvaTo^iKfjg  diacpiovlag  U)-)=AnatomischeMeinungs- 
verschiedenheiten. 

45.  7t.  Tä)v  öaröjv  zolg  eloayofxivoig  =:Ueber  Knochen,  für 
Anfänger  (II  732  ff.). 

46.  7t.  cpXeßwv  v.ai  dgri^gicov  dvaTOfxfjg  =  Anatomie  der  Blut- 
und  Schlagadern  (II  779  ff.),  Antisthenes,  dem  Platoniker,  ge- 
widmet. 

47.  7t.  vevQcov  avatoi-ifjg  =  N  e  r  V  e  n  a  n  a  1 0  m  i  e  (II  831  ff'.),  desgl. 
Nach  169  und  vor  180  entstanden: 

48.  71.  f.ivG)v  -uvriosiogll  =  Muskelbewegung  (IV 367  ff.)  höchst- 
wahrscheinlich.    Sicher : 

49.  7t.  TCüv  y.ad-'  '^IrtTto'KQdTrjv  azDixekov  II  =  Ueber  die  Ele- 
mente nach  Hippokrates  (I  413  ff.).  Der  zweite  Teil  ist  nicht 
ausgearbeitet.  Der  letzte  Teil  des  1.  Buches  polemisiert  gegen  die 
Elementenlehre  des  Athenaios  (vgl.  I  457  ff.  mit  Wellmann  a.  a.  0., 
S.  133  f.  A.  6).  Galeni  de  elementis  ex  Hippocratis  sententia  libri 
duo  rec.  Helm  reich,  Erlangae  1878. 

50.  7t.  KQdoecjv  III  =  de  temperamentis  =  Die  Mischungs- 
verhältnisse (I  509  ff.).  Buch  If.  behandelt  das  Verhältnis  der 
4  Qualitäten  in  den  Lebewesen,  III  in  den  Arzneimitteln.  Matern, 
Die  3  Bücher  des  Galen  über  die  Temperamente,  Diss.,  Berl.  1894; 
Galeni  de  temperamentis  liber  I  rec.  Helm  reich;  vgl.  Nr.  72. 


^)  von  Töply,  Studien  z.  Gesch.  d.  Anatomie  im  Mittelalter,  Leipz.  u.  Wien 
1898,  ist  zu  den  anatomischen  Werken  zu  vergleichen. 

^)  Nadim,  Fihrist  erwähnt  eine  arabische  Uebersetzung  des  Hoheisch  ben 
el-Hasan. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  385 

51.  7t.  rpvaiyccjv  dvvccf.ietov  III  =  Natürliche  Kräfte  (11  Iff.; 
scr.  min.  III  101  ff.),  namentlich  die  Physiologie  der  Ernährung  be- 
handelnd, nicht  etwa,  wie  Galenos  übertreibend  behauptet  (XIX  38), 
die  gesamte  Physiologie  der  xa^'  olov  löyoi  des  Erasistratos.  Die 
Behauptung  heisst:  ^  (pvoig  TtQovorj^it-Kri,  d.  i.  die  Natur  macht  nichts 
zwecklos. 

52.  It.  G7T€QfiaTog  II  =  Der  Samen  (IV  512  ff.).  Wellmann 
a.  a.  0.,  S.  84  ff. ;  100  ff.  analysiert  die  Schrift,  die  gegenüber  Athenaios 
die  Existenz  weiblichen  Samens  erweisen  will.  Galenos  benutzt  die 
Anatomie  des  Herophilos,  polemisiert  gegen  die  Theorien  des  Aristoteles 
und  beruft  sich  mit  Archigenes  auf  die  Hysterische,  die  reichlich  Sperma 
secerniert  haben  soll.  Als  Gewährsmann  für  die  Geschlechtsbestimmung 
durch  das  überwiegende  Sperma  dient  Empedokles- Aristoteles- Athenaios, 
wenn  auch  mit  Abweichungen  im  einzelnen. 

53.  TT.  ScQiarrjg  xataaxevijg  tov  aw/.iaTog  rjfiwv  =  Die  beste  Kon- 
stitution unseres  Körpers  (IV  737  ff.). 

54.  n.  de^Lag  =  Wohlbefinden  (IV  750 ff'.). 

55.  7t.  oorpQT^OEiog  oqydvov  =  Das  Geruchsorgan  (II  857  ff.), 
in  71.  tä)v  löiojv  ßißUcov  weggelassen. 

56.  7t.  f^ivwv  dvaro/iifjg  =  Muskelanatomie  (XVIII,  11  926 ff.), 
gegen  Lykos  gerichtet;  ed.  Dietz,  Lipsiae  1832. 

57.  71.  xqdag  ävaTtvof^g  =  Zweck  der  Atmung  (IV  470  ff.), 
gegen  Erasistratos  gerichtet. 

58.  ei  Tiara  rpvoiv  ev  ägTrjQiaig  alf.ia  7teQi€X€T^ai  =  Ob  im  natür- 
lichen Zustande  Blut  in  den  Schlagadern  enthalten  sei 
(IV  703  ff),  desgl. 

59.  7t.  xQÜag  a(pvyi.iü)v  =  Z  w e ck  des  Pulses  (V  149  ff'.),  desgl., 
Vorstudie  zu  dem  grossen  Werke  Nr.  8. 

60.  {7t.  twv  äyvorjd^ivTtov  Tf7>  Av%ii)  y.axa  rag  avatouäg)  =  Was 
Lykos  in  der  Anatomie  nicht  wusste. 

Nach  193  entstanden:  ' 

61.  TT.  ycvov(X€viov  öiaTtldoetog  =  Ausbildung  der  Frucht 
(IV  652  ff).  ^ 

62.  71.  k7traf.ii]viov  ßgeffwv  =  Das  Siebenmonatskind  (Chart. 
V  347  ff.),  Kommentar  der  hippokratischen  Schrift  gleichen  Namens, 
Satz  1—3. 

63.  {7t.  ttKvoyoviag)  (so  von  Ilberg  511  korrigiert  für  reyivoXoyiag) 
=  Entstehung  des  Kindes. 

64.  An  omnes  partes  animalis  quodprocreaturfiant 
simul  (Chart.  V  326  ff.),  in  griechischer  Sprache  noch  nicht  veröffent- 
licht (Ilberg  511  Anm.  4;  Kalbfleisch.  llQog  ravgov  (s.  unten) 
11  A.  1). 

B.  Pathologie. 

65.  {tG)v  €v  dcfd-aX^iolg  Ttad-wv  öidyvcoaig)^)  =  Diagnose  der 
Augenleiden,  eine  einem  augenkranken  Jünglinge  gewidmete, 
168/9  überarbeitete  Jugendschrift. 

Zwischen  163  und  169  entstanden: 

66.  7t.  tvTtcov  =  Typen  (der  Fieber;  VII  463  ff.),  eine  gegen  den 
nicht  genannten  Archigenes  gerichtete  kurze  Schrift  für  Anfänger, 
vielleicht  auch  unter  Commodus  (nach  180)  verfasst. 

1)  Ilberg,  Rhein.  Mus.  51  (1896)  165 if. 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  25 


386  Robert  Fuchs. 

67.  TT.  ribv  TtQo^araQy.Ti-Kwv  aitiwv,  für  Gorgias  bestimmt;  s.  oben 
S.  360;  nur  lateinisch  nach  Nicolaus  Eheginus  bei  Chart.  VII  347  ff. 

68.  7t.  r.  awe-ÄTi-KCüv  ai.,  vielleicht  auch  aus  dieser  Zeit.  Zum 
Titel  vgl.  Nr.  67.  Kalbfleisch  beabsichtigt  die  Herausgabe  nach 
Dresdensis  Db  92. 

C.  Therapie. 

69.  7t.  cpXeßoTOfiiag  Ttgbg  "EqaoioxQaTov  =  Ueber  den  Aderlass 
gegen  E.  (XI  147  ff.),  Teuthras  gewidmet,  164  nach  einem  Disput 
mit  Martialis  ausgearbeitet.  M  e  n  a ,  Commentaria  in  libros  Galeni  de 
sanguinis  missione  et  purgatione  ed.  IL,  Augustae  Taur.  1589;  v.  Sal- 
lala,  Galen  V.  Aderlassen  gegen  den  Erasistrat.  Uebers.  u.  mit  Anm. 
verseh.,  Wien  1791.    Vgl.  Nr.  97. 

70.  7t.  T^g  %Cbv  Aad^aiQÖvtiov  cpag^axiov  dvvd^siog  =  Die  Wirkung 
der  Abführmittel  (XI  323  ff.;  vgl.  Sallala,  Nr.  69). 

D.  Polemik. 

71.  (Ttqog  Ttjv  Aaivrjv  öö^av  TteQl  Tfjg  tG)v  ovqlov  öiaxQioecog)  =  Gegen 
die  neue  Ansicht  über  die  Absonderung  des  Urins,  nach 
IIb  er  g  183  vielleicht  physiologischen  Inhalts  und  wohl  gegen  Lykos 
von  Makedonien  gerichtet. 

E.  Ausserdem  fallen  zwischen  169  und  180: 

72.  7t.  dvcof.i(ilov  ö vo/.gaoiag  =  DsiS  regelwidrige  schlechte 
Mischungsverhältnis,  nämlich  der  4  Qualitäten  (VII  733ff.:  de 
inaequali  intemperie),  Ergänzung  zu  Nr.  50  und  in  Anlehnung  an 
Archigenes  geschrieben  (Wellmann  a.  a.  0.,  S.  145 ff.). 

73.  7t.  TQÖf-iov  xal  7taX(.iov  xal  qlyovg  v.al  OTtaö(iov  =  Ueber 
Zittern,  Herzklopfen,  Starrfrost  und  Zuckungen  (Ilberg 
178:  Krampf;  VII 584  ff.),  Weiterführung  der  praxagoreischen  For- 
schungen (s.  oben  S.  276)  und  Vergleichung  der  hippokratischen  und 
platonischen  Ideen,  etwa  gleichzeitig  mit  Nr.  1. 

74.  7t.  XertTvvovar^g  dianr]g  =  Mager  machende  Diät,  voll- 
ständig und  nicht  etwa  die  Mastkur  (xori  Ttaxwovorjg)  mit  umfassend, 
bald  nach  169  erschienen,  lat.  bei  Chart.  VI  411  ff.,  nicht  vollständig, 
griech.  nach  dem  von  Mynas  aufgefundenen  Codex  bei  Kalbfleisch, 
Galeni  de  victu  attenuante  liber  primum  Graece  ed.  — ,  Lipsiae  1898. 
Zu  der  arabischen  Uebersetzung  des  Honein  ben  Ishäq  und  dem  ara- 
bischen Auszuge,  den  Oseibia  erwähnt,  vgl.  Kalbfleisch  p.  VI; 
Kalbfleisch,  Ueber  Galens  Schrift  77.  L  d.,  Ehein.  Mus.  51  (1896) 
466  ff 

75.  7t.  öiacpoQäg  voarjiucctwv  =  Unterschiede  der  Krank- 
heiten (VI  836  ff),  Definition  und  Disposition  der  Pathologie. 

76.  7t.  Tü)v  h  Tolg  voorif-iaoiv  ahicov  =  Die  bei  den  Krank- 
heiten wirkenden  Ursachen  (VII  1  ff.). 

77.  7t.  tG)v  (TüiUTrTwtmTwv  ^ta(jpo(>ag  =  Unterschiede  der  Sym- 
ptome (VII  42  ff.),  Definition  von  v6arjf.ia,  didd-saig,  rtddog  u.  ä.,  Ein- 
teilung der  Symptome. 

78.  7t.  akliov  avf.i7trwf.idTtüv  III  =  Die  Ursachen  der  Sym- 
ptome (VII  85  ff.),  eine  flüchtige  Skizze. 

79.  TtQog  rlavY-iova  S-sQaTtevrizGjv  II  =  An  Glaukon  über  die 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  387 

Therapie  (XI  Iff.),  ein  Handbuch  für  die  Reisepraxis  des  Rom  ver- 
lassenden befreundeten  Arztes  und  (nach  Ilberg  179)  Assistenten; 
Buch  I  Fieberdiagnose  und  -therapie;  II  lokale  Entzündungen  und 
Tumoren  aller  Art. 

80.  71.  övoTcvoiag  111  =  Atembeschwerden  (VII  753 ff.) ;  Buch  I 
Feststellung  der  Arten  der  Dyspnoe,  II  f.  Beweis  der  Richtigkeit  dieser 
Lehre  aus  den  für  echt  gehaltenen  hippokratischen  Schriften. 

81.  eqaovßovlog  (V  806 ff.;  scr.  min.  HI  33 ff.);  der  Zusatz  zum 
Titel:  TiöreQOv  laTQixf^g  ^  yvf^tvaazixfjg  eoji  rb  vyieivöv  =  „Utrum  medi- 
cinae  sit  an  gymnastices  hygieine*'  ist  dem  Texte  entnommen  und  nicht 
ursprünglich  (Helm reich,  scr.  m.  pag.  IV f.);  Aufzeichnung  eines 
Dialogs  zwischen  Galenos,  Thrasybulos  und  einem  Philosophen;  die 
Antwort  lautet  natürlich:  die  Gymnastik  gehört  zur  Hygiene,  diese 
zur  Medizin. 

82.  7t.  TQoq>wv  öwaf-ieiog  III  =  Wirkungen  der  Nahrungs- 
mittel (VI  453 ff.);  Buch  I  Cerealien  und  Hülsenfrüchte,  II  sonstige 
Vegetabilien ,  III  animalische  Nahrung  und  Nachträge;  bald  nach 
167/9  entstanden  und  an  Diokles,  Mnesitheos,  Philotimos  u.  a.  an- 
knüpfend. 

83.  7C.  tvxv[.iiag  y.al  •Aaxoxv/.iiag  tQocfwv  =  de  probis  pravisque 
alimentorum  sucis  (VI  749  ff.),  Auszug  aus  Nr.  82,  für  Aerzte  bestimmt, 
mit  persönlichen  Lebenserinnerungen  (Nikon)  und  Beschreibung  von 
Epidemien. 

84.  TT.  (.laqaai^wv  =  de  marcore  (VlI  666  ff.)  wider  die  Unsterb- 
lichkeitskur des  Philippos  handelnd  (s.  oben  S.  363). 

85.  7t.  Tov  öia  Tjjg  af.iixQtcg  acpaigag  yv^ivaaiov  =  Leibesübung 
m  i  t  d  e  m  kleinen  Balle  (V  899  ff. ;  scr.  min.  I  93  ff.)  =  de  parvae 
pilae  exercitio,  Epigenes  zugeeignet.    Galeni  libellus  qui  est  de  p.  p.  e. 

rec.  Helmreich,  Jahresb.   ü.  d.  Studienanst bei  St.  Anna   in 

Augsburg  1877/78,  Augsburg  1878;  ralr^voö  7t.  t.  d.  x.  f.uxQäg  g.  y. 
eniend.  Marquardt.  Accedit  de  sphaeromachiis  veterum  disputatio, 
Progr.  d.  Güstrower  Domschule  1879. 

86.  7t.  cpXeßoTOf-iiag  7[Qbg  ^EQaaioiQateiovg  tovg  iv  ^Pdßfij]  =  J]  eher 
den  Aderlass  gegen  die  Erasistrateer  in  Rom  (XI  187ff'.). 
Der  Schluss  ist  jünger  (Ilberg  181  f.).    Vgl.  97. 

87.  7t. Tüjv  7iaqa  cpvoiv  oyxwi'=Widernatürliche  Geschwülste 
(VII  705  ff.),  auch  bei  Orib.  III  686  schol.  als  ^lovößißlog  erwähnt. 

88.  n.  7tlr^d-ovg  ==  Plethora  (VII  513:  de  plenitudine),  nament- 
lich Erasistratos  bekämpfend. 

89.  n.  öiacpogag  iivQttibv  II  =  Unterschiede  der  Fieber 
(VII  273  ff.),  gegen  180  in  Anlehnung  an  des  Archigenes  Schrift  7t. 
Tfjg  Twv  7tvQ6Twv  or^f^ieuöoeiog  verfasst  (Well mann  84 ff.)  und  später 
von  Garipontus  ausgebeutet.    Vgl.  Nr.  3:  Vallesius. 

90.  71.  TOV  jiQoyiyvd)o-/.eiv  TiQog  'ETiiysvriV  =  Die  Vorhersage 
(XIV  599 ff.:  de  praenotione  ad  Postumum),  um  180  (Ilberg  S.  176) 
oder  unter  Commodus  verfasst  (Labbeus  S.  9:  im  52.  Lebensjahre 
=  182). 

91.  92.  7t.  tGjv  ev  ralg  voooig  y.aiQütv  und  7t.  tcjv  okov  tov  vo(Jj]fiazog  x. 
=  Stadien  bei  den  Krankheiten  und  Stadien  im  Gesamt- 
verlaufe der  Krankheit  (Ilberg  176;  Kühn  VII  406ff;  440ff.), 
als  Ganzes  gedacht  und  unter  dem  1.  Titel  citiert,  gegen  Archigenes 
gerichtet. 

25* 


388  Eobert  Fuchs. 

Nach  193  entstanden: 

93.  7iQbg  zovg  n,  xvntov  ygaipavtag  fj  negl  nsgiödcov  ==  Gegen 
die  Schriftsteller  über  Typen  oder  Perioden  (VII  475 ff.), 
eine  an  einem  Tage  entstandene  Disputation. 

94.  Tt.  kS-G)v  =  Gewohnheiten  (griech.:  ed.  Dietz,  1832; 
Galeni  libellum  7t.  L  rec.  Iwanus  Müller,  Erlangae  1879,  Progr. ;  scr. 
min.  II  9  ff.),  in  der  Einteilung  des  Antyllos  Anordnung  in  7t.  ßorj- 
•d^f-iccTcov  (w.  s.)  folgend  und  auf  Hippokrates  (de  victu  in  ac.)  und  Erasi- 
stratos  (de  paralysi)  aufgebaut,  vermutlich  die  letzte  therapeutisch- 
hygienische Schrift  (Ilberg  189). 

95.  texvT]  iaTQiy.1]  =  Aerztliche  Kunst  (1305 ff.),  ein  systema- 
tischer Abriss,  im  Mittelalter  als  (Mikro)tegni  unantastbare  Grundlage 
für  das  ärztliche  Studium;  Hauptteile:  Körper  (Kap.  2),  Anzeichen 
(Kap.  3 ff.),  Ursachen  (Kap.  23 ff.).  Müller-Kypke,  Aus  d.  Revoca- 
tivum  memoriae  des  Johannes  de  Sancto  Amando,  Berol.  1894. 

96.  (jT.  evnoQiOTcov)  =  Hausmittel,  schon  für  Oreibasios  uner- 
reichbar (V  559)  und  daher  durch  dessen  eup.  ersetzt,  de  remediis 
parabilibus  III  =  XIV  311  ff.  ist  untergeschoben,  enthält  aber  Gut 
des  Galenos  (Ilberg  191  mit  Litteratur).  Aehnlichkeit  hiermit  hat 
das  fragmentum  medicum  bei  Bursian,  Index  lectionum,  lenae  1873. 

97.  (pltßoTO(xiag  d-^Qa/tevTLnöv  (XI  250  ff.),  nach  Nr.  8  verfasst,  also 
wohl  unter  Septimius  Severus,  d,  i.  nach  193.  Hierauf  zog  er  Nr.  69, 
86  und  97  nach  oberflächlicher  Redaktion  zu  einem  Aderlassbuche 
zusammen  (XIX  30  f.).  Galeni  de  curatione  per  sanguinis  missionem 
libellus  Leonh.    Fuchsio  authore,  Lugduni  1550. 

98.  Tq)  e7tiX7]{f.i)7tT({}  Ttaiöl  v7tod-i]xrj  =  Ratschlag  für  den 
epileptischen  Knaben  (XI  357 ff".),  ein  Brief  an  den  Rom  ver- 
lassenden Vater  des  Epileptikers  Caecilianus  von  Athen  mit  Weisungen 
an  den  unbekannten  Arzt  Dionysios. 

99.  7t.  T^g  Tcc^etog  rCbv  iölcov  ßißXkov  (s.  Nr.  1). 

100.  7t.  züv  iöuov  ßißUiov  (s.  Nr.  2). 

101.  7t.  ävTidoTwv  II  =  Gegengifte  (XIV  Iff.),  etwa  198—200 
verfasst,  daher  in  keiner  anderen  Schrift  citiert.  Buch  I  handelt  vom 
Theriak.  Vgl.  Studemund  im  Index  lectionum  Vratislaviensium 
1888/9  (Textgeschichte). 

102.  TtQog  IJlacüva  7t.  tf^g  d-r]QiaKfjg  (XIV  210  ff.)  aus  derselben  Zeit, 
wahrscheinlich  untergeschoben. 

103.  7t.  ßdeXlwv,  avTiOTtaaeiog,  Oixvag  Y.al  lyxaQa^siog  xal  ytara- 
axaa/wv  =  de  hirudinibus  =  Blutegel,  Revulsion,  Schröpf- 
köpfe, Einschneiden  und  Scarifi zieren  (XI  317 ff.),  vielfach 
übereinstimmend  mit  Athenaios,  Herodotos,  Archigenes,  Rhuphos  (bei 
Oreibasios)  und  nach  Wellmann  (104 ff.)  daher  auf  des  Antyllos 
Kompilation  beruhend;  das  Buch  wird  eher  in  den  mittleren  Jahren 
des  Pergameners  als  in  den  späteren  verfasst  sein. 

104.  Ttcög  öel  k^EleyxBLv  Tovg  7tQ007toLovf.ievovg  voaelv  =  W  i  e  man 
Simulanten  entlarven  muss  (XIX  Iff.),  unbestimmter  Zeit,  über- 
setzt von  Fr  öl  ich,  Friedreichs  Blatt,  f.  gerichtl.  Medic.  u.  Sanitäts- 
polizei XL  1889  S.  21ff.;  Pagel,  Deutsche  medic.  Wchschrft.  1888; 
Pyls  Repertorium  I  39  ff. 

Damit  sind  die  wichtigeren  medizinischen  Schriften  erschöpft, 
und  wir  gehen  über  zu 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  ,  389 

III.  den  philosophischen  und  philologischen  u.  a. 
Schriften.*) 

Ohne  darauf  eingehen  zu  können,  bezeichnen  wir  von  solchen 
pliilosophischen  Schriften,  die  wenig  mit  der  Heilkunde  zu  thun  haben, 
bloss  den  Inhalt  mit  einem  Worte:  Handnotizen  über  des  Chrysippos  Syllo- 
gistik,  zu  Aristoteles'  Hermeneutik,  Syllogistik,  Apodeiktik,  Kategorien, 
zu  Theophrastos  und  Eudemos,  zu  Piatons  Philosophie,  sämtlich  ver- 
loren gegangen ;  erhalten  sind  die  Placita  (Nr.  1)  und  Kommentarstücke 
zu  Piatons  Timaios  phj^siologischen  Inhalts,-)  die  vorzügliche  Schrift 
bti  talg  rov  acoftarog  AQaoeaiv  al  r^g  ^vxfjs  öuvdfisig  ertovrai  =  Die 
seelischen  Kräfte  richten  sich  nach  den  Körpertempera- 
men t  e  n  (IV  767  ff.).  •^)  Untergegangen  ist  auch :  n.  rwv  ri]g  ipvxijg 
(.leqibv  -/.al  dvvduecov  III  (blosse  Anklänge  erwähnt  Ilberg  596  f.)  und 
die  Schrift,  dass  die  „geometrische  Analyse  der  stoischen  überlegen 
sei"  (XIX  47).  Eine  ausgezeichnete  Charakteristik  der  wichtigen 
Schrift  TTeQi  änodd^etog  XVI,  die  während  der  ersten  Praxis  in  Perga- 
mon  entstand,  giebt  auf  Grund  unbedeutender  Bruchstücke  Iw.  von 
Müller  (s.  oben  S.  374  Anm.  2).  Zum  Glück  verfügen  wir  noch 
über  7C.  xijg  aQiotr^g  didaa'/iaXiag  Trgbg  <PaßioQlvov  =  Ueber  die  beste 
(Erkenntnis)lehre  gegenP  h.*)  (I  40  ff. ;  scr.  min.  I  82  ff. ;  auch  in 
Flav.  Philostrat.  ed.  Kays  er,  Heidelb.  1838,  131  ff.;  vgl.  Marquardt, 
Zu  Galenos  n.  a.  ö.,  Fleckeisens  Jalirbb.  f.  class.  Philol.  CVII 389  ff.) ;  über 
7t.  tf^g  dQiarrjg  alqiaeiog  ==Die  beste  Sekte  (I  106 ff.) ^)  an  Thrasy- 
bulos ;  von  tt.  xr^g  twv  texvCHtv  avardoewg  III  =  Wesen  der  Künste 
nur  über  Buch  III :  rtQog  IJargörpilov  tt.  avar.  iaTQr/.ijg  =  Wesen  der 
ärztlichen  Kunst  (I  224 ff.),  zwischen  der  „Hygiene"  und  der 
„Mikrotechne"  entstanden;*)  de  partibus  artis  medicae,  nur  lateinisch 
(Chart.  II  282 ff.),  an  lustus  gerichtet;  jt,  aigiaetov  tolg  daayo/.thoig  = 
lieber  die  Sekten,  an  Anfänger  (I  64 ff.;  rec.  Helmreich, 
Erlangae  1881;  scr.  min.  III  Iff.),  163 — 167  entstanden  und  gegen 
Empiriker  und  Methodiker  gerichtet;  die  daayioyi]  öiaXexrixi]  = 
Einführung  in  die  Logik,')  eine  nie  citierte  und  darum  die 
späteste  logische  Arbeit;  bn  al  jioi&irfieg  aatü/natoL  =  Die  Quali- 
täten sind  unkörperlich  (XIX  463 ff),  an  Pindaros  und 
gegen  die  Stoa  gerichtet.  Untergegangen  sind  die  sonstigen  meta- 
physischen (Ilberg  608)  Arbeiten,  ebenso    die   über  den  Epikureis- 


*)  Ilberg,  Rhein.  Mns.  52  (1897)  591  ff. 

^)  Ilberg  a.  a.  0.  47,  511  f. ;  51,  177;  Daremberg,  Fragments  du  commeu- 
taire  de  Galien  sur  le  Timee  de  Piaton  pnblies  ponr  la  premiere  fois  etc.,  Paris  et 
Leipz.  1848. 

^)  C 1 0  d  i  u  s ,  Excursus  in  Galeni  libellum :  quod  mores  animi  corporis  tempera- 
menta  sequantur,  Lips.  1820,  Progr. ;  Iw.  von  Müller,  Specimen  primum,  alterum, 
tertium  novae  editionis  libri  Galeniani  qui  inscribitur  o.  t.  t.  a.  y.^.  al.  t.  y.  8.  t., 
Erlangae  1880,  1885,  1887;  scr.  min.  II  32  ff. 

^)  So  Ilberg  602. 

*)  Die  Echtheit  beweist  Ilberg  603 ff.  gegen  von  Müller,  Ueb.  die  dem 
Galen  zugeschrieb.  Abhandl.  IT.  r.  d.  at.,  München  1898  (Sitz.-Ber.  d.  philos.-philol. 
n.  d.  bist.  Cl.  d.  k.  bayer.  Ak.  d.  Wiss.  1898  I);  vgl.  Kalbfleisch,  Ueb.  Galens 
Einleitg.  in  d.  Logik,  Hab.-Schrift,  Leipz.  1897,  S.  13  A.  1. 

«)  Zu  I  289—304,  also  dem  Schlüsse,  bietet  Kühn  XIX  497—511  (=  ti.  tiqo- 
yvwaecog)  eine  andere  Redaktion  (s.  Kalbfleisch,  Berl.  philol.  Wchschrft.  1896. 
Sp.  59  f.). 

')  Galeni institutio  logica  ed.  Kalbfleisch,  Lipsiae  1896;  Ders. ,  Ueb.  Galens 
Einleitg.  in  d.  Logik,  Hab.-Schrift,  Leipz.  1897. 


390  .  Robert  Fuchs. 

mus  (608  f.)  und  alle  ethischen  bis  auf  jt.  tCjv  Idiatv  ky.doTuj  /ca&wv  xai 
af.iaQTrjf.idTOJv  Tfjg  öiayv^aetog  II  =  Erkennung"  der  jedem  Ein- 
zelnen eigentümlichen  Leidenschaften  und  Fehler  (VI  ff.; 
scr.  min.  I  Iff.),  bald  nach  169  als  Protokoll  einer  Disputation  für 
einen  Unbekannten  niedergeschrieben;  Marquardt,  Observationes 
criticae  in  Cl.  Galeni  librum  II.  ipvxfjg  Ttad-cbv  x.  a^<.,  Lipsiae  1870, 
Diss.;  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  CXXIII  1881  S.  565ff. 
(Textkritik).  Polemik  gegen  ärztliche  Sekten  bildet  den  Gegenstand 
von  7t.  TTjg  iatQiy.fjg  k(.i7i€iQiag  (Nr.  35);  rc~)V  ZeqaTtUovog  Ttqog  rag  aiQ^- 
OBig  VTCOfxvrincxTa  II,  avvoipig  rü)v  "^ HgaT^keLdov  7t.  rfjg  mTteigiyifjg  algeostog 
VII,  7t.  Twv  Mrjvoöörov  Ießt]Qq)  XI  =  Gegen  „Menodotos  an  Seberos" 
(s.  oben  S.  315),  rfjg  deodä  eioaywyfig  vrtO(.ivri(xaTa  V,  fC.  xfjg  rwv  kfXTteiQi- 
xwv  diacpcoviag  III,  Ttgbg  xa  ävT6iQi]f.i€va  rolg  rt.  Tfjg  öiacpwviag  xCov 
efi7t€iQr/iG)V  III,')  Tü)V  deoöä  „Y.E(palauov"  V7t0(.ivrif.iara  III,')  sämtlich 
untergegangen.  Gerettet  aber  sind:  die  v/totv/tcbaeig  ^iTtsiQixal  = 
de  subfiguratione  empirica,-)  bloss  in  der  lateinischen  Uebersetzung  des 
Nicolaus  Rheginus  von  1341  und  in  deren  3  Redaktionen  erhalten, 
dem  Oreibasiosscholiasten  im  Original  noch  zugänglich  (IV  529),  echt, 
aber  mit  4  interpolierten  griechischen  Krankengeschichten  über  Ele- 
phantiasis =  Lepra,  in  „gusseiserner  Diction"  (Eberhard);  der 
7tQ0TQ67irixög  (s.  oben  S.  315 ;  Kühn  I  1  if. ;  scr.  min.  I  103  ff.).  ^)  Die 
sehr  wichtige  Polemik  in  fie&oöixrjg  alqiaeiog  VI  ==  Methodische 
Sekte  ist  verschollen  und  dafür  der  minderwertige  Ersatz  geblieben  : 
TtQog  TOf  vTio  ^lovkiavoD  ävT€iQ7]in6va  TOlg  'I/tTtoy.Qatovg  ärpoQio/iiolg  = 
Gegen  die  Widersprüche  des  lulianos  wider  des  Hippo- 
krates  Aphorismen  (XVIII,  I  246 ff.;  vgl.  oben  S.  338),  die  nach 
193  angefertigte  Niederschrift  der  öffentlichen  Vorträge  über  aph.  I  2. 
Von  zahlreichen  philologischen,  grammatikalischen  und  lexikographi- 
schen Arbeiten  gehören  hierher:  "IititoY.qdTovg  ylcoaaCüv  i^ijyi^OLg^)  = 
Erläuterung  von  Wörtern  des  Hippokrates  (Glossar;  XIX 
62 ff.);  die  Lemmata  stimmen  häufig  nicht  zu  den  Kommentaren,  weil 
Galenos  seine  Vorgänger  stark  benutzt;  von  verloren  gegangenen: 
die  Terminologie  7t.  xCbv  htQixwv  dvoindxcov,  wenigstens  5  Bücher,  deren 
1.  die  GToixela  =  Elemente  umfasste  (V  663);  die  Hippokrateskritik 
7t.  xG)v  yvTjGuov  'iTtTioxQdxovg  avyyQaf^j^idxojv]  seine  Geschichte  7t.  xi]g 
Tcad-^  "OfirjQov  iaxQixfjg  in  mehreren  Büchern  (Bruchstücke  erwähnt 
IIb  er  g  622);  die  historische  Skizze  7t.  xov  7taQd  xq)  dovxvöidr]  loi^ov 
==  Thukydideische  Pest;  auch  andere  loxogL^ä  trjx^^iaxa  (XVII, 
II  99)  haben  die  Brände  nicht  überdauert.  Vollständig  besitzen  wir 
bxi  6  aQiaxog  iaxqhg  y.al  (pi'Aöaoipog  =  Der  beste  Arzt  ist  zu- 
gleich Philosoph^)   (I  53ff.),   in   Trümmern   das   wichtige   Werk 


^)  So  die  annehmbare  Konjektur  Ilbergs  S.  614  f.  A.  6. 

^)  De  Claudii  Galeni  s.  e.  .  .  .  scrips.  Bonnet,  Diss.,  Bonnae  1872:  Kritik  von 
Eberhard  bei  Bursian,  Jahresb.  I.  Jahrg.  (1873)  2.  Bd.  S.  1312 f.,  Berl.  1876; 
Wachsmuth,  Götting.  gel.  Anzeigen  1871,  704  ff . 

*)  Vgl.  noch  Beaudouin,  Le  „Protrepticus"  de  Galien  et  l'edition  de  Jamot 
(1583).  Eevue  de  philologie  III  1898,  233 ff.;  Vahlen,  Varia.  Hermes  XXX  1895, 
361  ff.  (Textkritik). 

*)  IIb  er  g,  Commentationes  philologae  quibus  Ottoni  Ribbeckio  .  .  .  cougratu- 
lantur  discipuli  Lipsienses,  Lips.  1888,  329  ff. ;  342  ff. 

'^)  Galeni  libellum  qiü  inscribitur  S.  «.  l.  v..  f.  rec.  ...  Iwanus  Mueller, 
Erlangae  1873,  Progr. ;  Gal.  libellus  quo  demonstratur  optimum  medicum  eundem 
esse  philosophum.  Recogn.  ...  I.  Müller,  ed.  altera,  ib.  1875  (Zusätze  zur  Kritik 
und  zum  Kommentar,  lat.  Uebersetzung) ;  s.  auch  scr.  min.  II  1  ff. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  391 

71.  Tü)v  eavTip  doy,ovvtiüv  =  Eigene  Lehrmeinungen;  den  falsch 
überlieferten  Titel  tt.  twv  idkov  öo^dvrcov  (scr.  min.  II  122)  korrigierte 
H  e  1  m  r  e  i  c  h.^)  Im  späten  Mittelalter  war  die  Schrift  noch  vorhanden ; 
cod.  Dresdensis  Db  92  enthält  eine  „de  sententiis"  betitelte  Ueber- 
setzung,  deren  Herausgabe  Kalbfleisch  plant. 

Zwar  muss  ich  mir  versagen,  alle  bekannt  gewordeneu  Werke  des 
Galenos  auch  nur  zu  nennen,  geschweige  sie  zu  analysieren,  aber  das 
Bild  von  der  schriftstellerischen  Fruchtbarkeit  des  Pergameners  würde 
nicht  befriedigen,  wenn  nicht  wenigstens  noch  eine  kurze  Auswahl 
verlorener  Schriften  den  zum  Teile  schon  genannten  beigegeben 
würde.  Den  subjektiven  Symptomen  war  die  anscheinend  hochbedeut- 
same, wahrscheinlich  gegen  Archigenes  gerichtete  Schrift  n.  äXyrjindcKov 
=  Die  Schmerzen  gewidmet;  sie  ist  wahrscheinlich  vor  Nr.  11 
verfasst  worden  (Ilberg  S.  168 f.).  Ferner  schrieb  er  n.  XeievTsgiag 
(VIII  394 f.;  389;  Ilberg  169);  Jt.  Qev^aziy.cbv  Öia&iaewv  (VII  402; 
XI  100;  Ilberg  169),  deren  Trümmer  Oreibasios  aufbewahrt  hat 
(coli.  med.  44,  2,  1;  7;  10;  vgl.  IV  p.  XIX;  538 ff.);  x^iQovgyov^eva 
(X  986),  aus  der  möglicherweise  Paulos  Aiginetes  (VI  11)  geschöpft 
hat.  Der  Polemik  dienten  TtQog  tohg  änh  %Cjv  alQiaeiov  n.  twv  InX 
negrivaxog  dri(.ioaL(f  Qr]&€VTO)v  =  ^V SiS  ich  bei  meinen  unterPer- 
tinax  (i.  J.  193)  gehaltenen  öffentlichen  Vorträgen  gegen 
die  Sektenleute  sagte;  rb  Ttgbg  Avy.ov  n.  xov  &(poQiafxov  = 
Gegen  Lykos  über  den  (hippokratischen)  Aphorismus  (XVIII, 
I  196 ff.;  Galeni  de  temperamentis  liber  ed.  Helmreich  56).  Aus 
einer  unbekannten  Schrift  hat  der  Scholiast  des  Oreibasios  (IV  532) 
Weniges  entnommen.  Schwer  auch  ist  der  Verlust  der  Schrift  über 
den  Dialekt  des  Hippokrates  (Lob eck  —  s.  oben  S.  202  A.  2)  und 
die  Kritik  der  Echtheit  des  Hippokratescorpus,  wenn  er  eine  solche 
geliefert  hat  (XVI  3).  Untergeschoben  aber  sind  u.  a.  folgende 
Werke:  d  Cqtov  rb  v.a%a  yaaxqög  =  Ob  die  Leibesfrucht  ein 
Lebewesen  sei  (XIX  158 ff.);  ngbg  Faügov  7t.  tov  7i(bg  ifxipvxovTai 
%a  efißQva  =  An  G.,  wie  die  Leibesfrucht  beseelt  werde,-) 
von  einem  Neuplatoniker,  und  zwar  vermutlich  von  Porphyrios  ver- 
fasst und  überhaupt  nicht  medizinisch;  die  oqoi  iargiy.ol  =  Medi- 
zinische Definitionen  (XIX  346 ff.,  s.  oben  S.  341),  deren  Echt- 
heit schon  der  Oreibasiosscholiast  bezweifelt  (IV  535 f.);  er  bereichert 
den  Text  zugleich  um  ein  Weniges  (536  A.  4;  539  A.  3 f.);  die  Schrift 
ist  vorwiegend  pneumatischen  Inhalts  (Aretaios)  und  wird  ins  3.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  zu  verlegen  sein  (Wellmann  60 ff.);  Uebersetzung 
bei  Gurlt,  Gesch.  d.  Chir.  u.  ihr.  Ausübg.  u.  s.  w.,  Berl.  1898, 1  443 ff.; 
die  cpdöaocpog  lorogia  =  Geschichte  der  Philosophie,  im  3.  bis 
5.  Jahrhunderte  aus  Plutarchos,  Sextos  dem  Empiriker  u.  a.  zusammen- 
gesetzt; die  vielfachen  Verstümmelungen  des  Textes  ergeben  sich  aus 
dem  band-  oder  schulbuchartigen  Charakter  der  Schrift;  alles  Nähere 
bei  Di  eis.  De  Galeni  historia  philosopha,  Diss.,  Bonnae  1870;  7c. 
XVI.IWV  =  Die  Säfte  (XIX  485ff;  I  p.  CLXIII)  von  einem  Unbe- 
kannten. Die  siaayioyT]  ^  iargog  ==  Einleitung  oder  Der  Arzt 
(XIV  674  ff.)  ist  vielleicht  identisch  mit  der  von  Galenos  in  der  Schuster- 


1)  Philologus  Ln  1893,  431  ff.;  vgl.  Kalbfleisch,  ib.  LV  1896,  689  ff. 

'^)  Diese  auch  dem  Asklepiades  beigelegte  Schrift  ist  eine  „elende  Sophisten- 
rede" (Kalbfleisch,  Die  neuplaton.  fälschlich  dem  Galen  zugeschrieb.  Schrift  n<^ds 
FavQov  n.  r.  7t.  e.  rt  «.,  aus  den  Pariser  Handschr.  z.  ersten  Male  hrsg.,  ßerl.  1895 
S.  11  A.  1  (=  Anhang  z.  d.  Abh.  d.  Königl.  Preuss.  Ak.  d.  Wiss.  zu  Berl.). 


392  '  ßobert  Fuchs. 

gasse  (to  lavdaluQiov  XIX  8)  beim  Buchhändler  aufgefundenen 
Fälschung  Fakr^vbg  iazQÖg  (Schöne'):  ralr]vov  L),  die  wegen  XVII, 
I  999  mit  dem  imgog  des  Herodotos  nichts  zu  thun  haben  kann.  Das 
unvollständige  Alfabetum  Galieni  ad  Patern(ian)um  =  de  simplicibus 
medicamentis  ad  P.  =  Pseudorib.  de  simplicibus  V  ist  aus  Plinius  und 
Dioskurides  ausgezogen  und  liegt  dem  Dyascorides  zu  Grunde;  nach 
Stadlers  Mitteilung,  der  es  veröffentlichen  will,  bestehen  keinerlei 
Beziehungen  mit  den  Arabern  oder  Garipontus,  die  Schrift  ist  sicher 
lange  vor  dem  8.  Jahrhunderte  entstanden,  da  Stadler  eine  Hand- 
schrift aus  diesem  Jahrhundert  gefunden  hat.  ^)  7t.  ^ictqwv  xat  azad^/nwv 
ÖLÖaGy-aUa  ==-  Mass-  und  Gewichtstabelle  (XIX  748if.)  sind 
aus  später  Zeit  herrührende  Parallelregister,  auch  zu  der  Kosmetik 
der  angeblichen  Kleopatra  (w.  s.).^)  Galeni  qui  fertur  de  partibus 
philosophiae  libellus  gab  Well  mann  heraus  (Berol.  1882,  Progr.  d. 
Königstädt.  Gymn.).  n.  acpvy/.uüv  nQog  'Avtihviov  q)ilo(.i(xd^fi  v.al  rpilö- 
aoffov  =  Pulslehre  an  den  der  Wissenschaft  Beflissenen 
und  Philosophen  A.  (XIX  629  ff.)  ist  ein  der  pneumatischen  Schule 
zugehöriges  Kompendium,  rivag  ötl  -/Md^aiQsiv  =  Wen  muss  man 
purgieren?  ist  ein  Auszug  des  Oreibasios  aus  Galenos.*)  Unecht 
sind  ferner  noch:  de  virtute  centaureae  =  AVirkung  der  Flocken- 
blume (Chart.  XIII  1010  If.);  de  morte  subitanea^)  und  de  morbo 
icterico ;  ^)  de  oculis  liber  (a  Demetrio  translatus)  (Chart.  IV  223 ;  Junt. 
VII  57),  Auszug  aus  Galenos,  aber  weder  von  ihm,  noch  von  Rhuphos, 
noch  von  einem  Araber;  ob  die  von  Honein  dem  Rhuphos  beigelegte 
pseudogalenische  Augenanatomie  mit  dieser  zusammenhängt,  ist  noch 
nicht  geprüft;")  tc.  i)-r]QLaY.fß  nqhg  ITaficpdiavöv  (XIV  295 ff.);  Galeno 
adscriptus  liber  de  urinis  (XIX  574  ff.),  de  urinis  compendium  (602  ff.), 
de  urinis  ex  Hippocrate,  Galeno  et  aliis  quibusdam  (609  ff.),  vgl. 
Vallesius  unter  Nr.  3;  jt.  acpqoöioUov  =  Geschlechtsgenuss 
(V  911  ff.),  ein  Auszug  des  Oreibasios  aus  Galenos  (Ilberg  189);  de 
natura  et  ordine  cuiuslibet  corporis  ad  nepotem  (Chart.  V  327),  sicher 
viel  später  als  50  v.  Chr.  —  150  n.  Chr.  (so  von  Töply  9 ff.)  anzu- 
setzen; de  compagine  membrorum  seu  de  natura  humana  (Chart.  V 
330 ff.),  wohl  auch  aus  dem  4, — 6.  Jahrhunderte;  vocalium  instrumen- 
torum  dissectio  (Chart.  IV  219 ff.;  von  Töply  12 f.);  de  anatomia 
vivorum,  etwa  aus  dem  13.  Jahrhunderte.') 

Schliesslich  giebt  es  auch  frei  erfundene  Titel  sog.  galenischer 
Schriften,  z.  B.:  n.  xQMf.iäTtov  ==  de  coloribus  (Hirschberg  316  A.  2); 
■rt.  %figr(bv  ahiGjv  öiarpoQäg  (Kühn  I  p.  CXCIII  berichtigt  von  Ilberg 
166  A.  2). 

Wichtigere    Handschriften    des    Galenos   besitzt    fast    jede 


1)  S.  Kap.  35  Nr.  15. 

2)  Rose,  Auecdota  II  UOif. 

')  Metrologicorum  scriptorum  reliquiae;  coli.  .  .  .  Hui t seh,  Lips.  1866,  I  86; 
Usener,  Vergessenes.    Rhein.  Mus.  XXVIII 1873,  4121;  vgl.  Nr.  12  Guinterius. 

*)  Diversae  lectiones  ad  Galeni  libellum  t.  S.  v..  ed.  de  Matthaei,  Mosquae 
1806  (selten). 

'•')  Steinschneider,  Rohlfs' Deutsch,  airch.  f.  Gesch.  d.  Medic.  u.  med.  Geogr. 
I  1878  S.  126 ff.;  131  (nach  Oseibia). 

*)  von  Töply  a.  a.  0.  8ff.;  Hirschberg,  Gesch.  d.  Augenheilk.  u.  s.  w., 
Leipz.  1899,  355  ff.  (Litteratur,  Quellenuntersuchung). 

')  Ein  Anekdoten  von  Pseudogalenos  findet  sich  in  lateinischer  Fassung: 
W  öl  ff  lins  Arch.  f.  lat.  Lexikogr.  IX  622;  vgl.  Landgraf,  Ein  lat.-medic. 
Fragment  Pseudo-Galens,  Progr.,  Ludwigshafen  1895. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  393 

grössere  Bibliothek;  ich  kann  sie  nicht  aufführen.^)  Wegen  meister- 
hafter farbiger  Miniaturen  berühmt  ist  der  lateinische  Dresdensis  Db 
92  saec.  XV  in  2  Bänden.  Eine  Normalzeile  von  16  Silben  hat  Schöne 
herausgerechnet;  -)  er  hätte  in  dem  Oreibasiosscholiasten  manche  noch 
nicht  verwertete  Stütze  finden  können.  Die  wichtigsten  Ausgaben 
sind:  1.  die  editio  princeps  =  Aldina,  Venetiis  1525,  5  voll,  fol.,  auf 
dem  Oxoniensis  oder  Vaticanus  oder  deren  guten  Abschriften  beruhend, 
einem  Codex  gleichstehend  und  allen  Ausgaben.  K  ü  h  n  eingeschlossen, 
überlegen ;  2.  ed.  Basileensis,  Basileae  1538,  5  voll.  fol.  (auch  Frobeniana, 
nach  dem  Verleger),  Abdruck  von  1  und  daher  besser  als  3.  ed.  Char- 
teriana,  ed.  Eenatus  Charterius  (Chartier),  Parisiis  1638 — 1679,  13  tom., 
9  voll,  fol,  mit  lateinischer  Uebersetzung,  ohne  Codexvergleichung 
gemacht,  daher  manches  besser,  vieles  schlechter ;  4.  ed.  Juntina,  Venet. 
1550.  7  voll.;  5.  ed.  Car.  Gottl.  Kühn,  Lipsiae  1821  ff.,  teilweise  voll- 
ständigerer Nachdruck  von  3;  die  Druckfehler  sind  übernommen,  Iw. 
von  Müller  zählte  in  2  Bänden  1800  Fehler  {Jeiiov  Xoyog  öcoöey.arog 
Ttqwtov  VW  exöo&eig  vno  r.u-l.KiooTo^ioiQO v,  Paris  1892  p. /-«'),  obwohl 
Dindorf  und  Schäfer  beteiligt  waren.  Bussemaker  und  Darem- 
berg  verhinderte  der  Tod  an  der  Neuherausgabe.  Unvollständige 
Sammelschriften  von  grossem  Werte  sind:  Cl.  Galeni  Pergameni 
opuscula  varia,  a  . .  .  Theod.  Gou  Istono....  Graeca  recens.,  Londini 
1640;  Cl.  G.  P.  scripta  minora  rec.  Marquardt,  Müller,  Helm- 
reich, I  Lips.  1884,  II  1891,  III  1893.  Einen  brauchbaren  Auszug 
schufen  Lacuna,  Epitome  operum  Galeni,  Basil.  1551  (fol.)  u.  ö.; 
loannes  de  Sancto  Amando,  Concordantiae  (w.  s. ;  s.  oben  Nr.  50). 
Uebersetzungen:  arabische  s.  u.  a.  A u m e r ,  Die  a.  Handschriften 
d.  k.  Hof-  u.  Staatsbibl.  in  Muenchen,  Münch.  1875,  351  ff.;  Abraham 
Sacchuth  =  Zacutus  Lusitanus  (w.  s.);  hebräische  s.  Henschels  Janus 
II  1847,  815 ff.;  lateinische  s.  Eose,  Anecd.  II  115  (das  S.  204 f.  über 
Hippokrates  Gesagte  gilt  auch  für  Galenos);  Stadler,  Janus  IV  1899 
S.  548;  Kalbfleisch,  Ehein.  Mus.  51  (1896)  468;  Nicolaus  Eheginus 
(de  Eegio,  etwa  1330)  im  Dresdensis,  nicht  alle  Schriften  umfassend; 
der  Therapeutik  an  Glaukon  wurde  eine  lateinische  spezielle  Patho- 
logie als  3.  Buch  angefügt;  französische  s.  Daremberg,  Oeuvres  ana- 
tomiques,  physiolog.  et  medicales  de  Galien  u.  s.  w.,  2  Bb.,  A  Paris 
1854 ;  1856  (unvollständig).  Index:  Brasavoli,  Index  refertissiraus 
in  omnes  Galeni  libros,  Venet.  1551  (Juntina),  544  S.  Kommentar: 
des  Stephanos  zur  Therapeutik  an  Glaukon  I.  ^)  Die  Glossen  und 
Glossare  sind  noch  nicht  verwertet. 

37.   Das  galenische  System  der  Heilkunde. 

S.  auch  die  oben  erwähnte  Litteratur.  —  1.  Anderson,  Medico-chirurgical 
notes  on  the  ivorks  of  Hippocrates  and  Galen.  Meäical  News  1895.  —  2.  Argen- 
terii  In  artem  medicinalem  Galeni  commentarii  III,  2  partt.,  Farisiis  1538.  — 
3.  BasHeTf  Die  blutreinigende  Diät  bei  Galen.    Zeitschr.  f.  Diätetik  u.  physikal. 


^)  Vgl.  z.  B.  Cobet,  Mnemosvne  Vlllf. ;  Ilberg,  Galeniana.  Philologus  48 
(1889)  57  if.  —  Philol.  42  (1882  ff.)  169  (Codex  des  Snltan) :  Eevue  des  etudes 
grecques  II  (1889)  343  ff.;  St  u  dem  und,  Index  lectionum  Vratislaviensium  1888;  die 
Einleitungen  zu  den  Ausgaben. 

-)  Rhein.  Mus.  52  (1897)  135  ff. 

*)  Apollonii  Citiensis  etc.  schol.  in  Hippocratem  et  Galenum  .  .  .  ed.  Dietz, 
Regimontii  Prussorum  1834,  1  233  ff. ;  hierzu  Erläuterungen  des  Gadaldinus :  I  345  ff. ; 
praef.  p.  XX. 


394  Robert  Fuchs. 

Therapie  III  1899  f.  ^—  4.  Beck,  Zur  diätefisch-physik.  Therapie  des  Galen,  bes. 
heim  Fieber,  Diss.,  Berl.  1899.  —  5.  Bourgoin,  Traite  de  pharmacie  galenique, 
Paris  1880;    Gazette  hebdomadaire  de  medecine  et  de  Chirurgie  XXVII  1880.  — 

6.  Charas,  Pharmacopoea  regia,    Galenica  et  chymica,  2  partt.,   Genevae  1683.  — 

7.  Chrestidis  [XQrjariorjs),  Opmions  d^Aristote,  de  Galien  et  d'Hippocrate.  Hvlkoyos 
XXIV  1895.  —  8.  Bareinberg,  Oeuvres  anatomiques,  physiologiques  et  medicales 
de  Galien,  precedees  d'une  introduction ;  ou  etiide  biographique,  litteraire  et  scienti- 
fiqiie  sur  Galien,  2  Bb  j  Paris  1854;  1857 ;  Exposition  des  connaissances  de  Galien 
sur  Vanatomie,  la  physiologie  et  la  pathologie  du  Systeme  nerveux,  These,  Paris  1841 ; 
Galien  considere  comme  philosophe  =  Fragmens  du  commentaire  de  Galien  sur  le 
Timee  de  Piaton,  Paris  1848.  —  9.  Falbe,  D.  Kinderheilk.  d.  Klaudios  Galenos, 
Diss.,  Würzburg  189?.  —  10.  Falk,  Galen  s  Lehre  v.  gesund,  n.  krank.  Nerven- 
system, Leipz.  1871.  —  11.  Frank,  D.  Lehren  d.  gross.  Arztes  Galen  iL  d.  Leibes- 
übungen. Neue  Jahrbb.  f.  d.  Turnkunsf  XIV,  Dresden  1868;  Galen' s  Lehre  v.  d. 
Leibes-Uebungen,  nach  d.  Quell,  dargest.,  Dresd.  1868.  —  12.  Frölich,  Ueb.  Krank- 
heitsvortäuschungen. Friedreich's  Blätter  1889.  —  13.  L.  Fuchs,  Methodus  seu  ratio 
ad  veram  medicinam  perveniendi,  ad  Galeni  libros  intelligendos  utilis.  Eitisd.  de 
componendorum  medicam.  ratione,  Venetiis  1542.  —  14.  Bob.  Fuchs,  Wundermittel 
a.  a.  Zeit  d.  Galenos.  Fleckeisens  Jahrbb.  f.  class.  Philol.  1894.  —  15.  Gasquet, 
The  practical  medicine  of  Galenus  and  his  time.  British  and  foreign  medical  Review 
1868,  472  ff.  —  16.  Goldbach,  D.  Laryngologie  d.  Galen,  Diss.,  Berl.  1898.  — 
17.  Hecker,  Sphygmologiae  Galenicae  specimen,  Berolini  1817.  —  18.  Henschel, 
Galenos  Anatomie.  Janus  II  1847.  —  19.  Jsraelson,  Die  „materia  medica^'-  des 
Klaudios  Galenos,  Diss.,  Jurjeic  1894.  —  20.  Katz,  D.  Augenheilk.  d.  Galenus 
u.  s.  w.,  Berl.  1890.  —  21.  Küchenvieister,  Die  Höhen-Sanatorien- Frage  bei 
Galen  u.  seit  G.  bis  Archibald  Smith.  Tageblatt  d.  Innsbrucker  Versamml.  d. 
Naturforscher  1870  Nr.  79  f.  —  22.  Mangetus,  Bibliotheca  pharmacologica  medica 
etc.,  2  Bb.,  Coloniae  Allobrogum  1703.  —  23.  Martinus,  Commentatiuncula  in  libri 
qui  inscribitur  de  chymicorum  cum  Aristotelicis  et  Galenicis  consensu  ae  dissensu 
Caput  XI  quod  est  äe  principiis  chymicorum,  Francofurti  1621.  —  24.  Friedr. 
Meyer,  Beitrag  z.  Therapie  d.  Galen,  Diss.,  Berl.  1899.  —  25.  Pagel,  Z.  Kapitel 
„Simulation",  ein  hist.  Beitr.  Deutsche  med.  Wchschrft.  1888.  —  26.  Payne, 
Harvey  and  Galen  etc.,  Oxford  1897.  —  27.  Pernice,  Galeni  de  pondcribus  et 
mensuris  testimonia,  Bonnae  1888.  —  28.  Bavel,  Exposition  des  principes  thera- 
peutiques  de  Galien,  Paris  1849.  —  29.  Mitter,  Walthe^-'s  u.  Ammon's  Journal  f. 
Chir.  u.  Augenheilk.  N  F.  I  3,  Berl.  1843.  —  30.  Sauppe,  Philologus  XXIII 
1865.  —  31.  Schadewald,  Sphygmologiae  historia  inde  ab  antiquissimis  temporibus 
usque  ad  aetatem  Paracelsi,  Diss.,  Berl.  1866.  —  32.  Schröder,  D.  allg.  Wund- 
behandlg.  d.  Galen,  Berl.  1901.  —  33.  Sprengel,  Briefe  ü.  Galenos  philos.  System 
=  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Medic,  Halle  1794,  I  117  ff. ;  Galen's  Fieberlehre,  Brest,  u. 
Leipz.  1788.  —  34.  TjUmann,  D.  Rhinologie  d.  Galen.  I.  Teil:  Anat.  u.  Physiol., 
Diss.,  Berl.  1900.  —  35.  Usener,  Vergessenes.  Rhein.  Mus.  XXVIII 1873,  409  ff. 
—  56'.  Vallesius,  Controversiae  medicae  et  philos.,  accedit  libellus  de  locis  manifeste 
pugnantihis  apud  Galenum,  Lugduni  1591. 

Die  noch  längst  nicht  vollständige  Liste  der  Werke  des  Galenos 
thut  dar,  dass  er  sich  mit  allen  Gebieten  der  Heilkunde  und  mit  vielen 
ihr  näher  oder  ferner  verwandten  auf  das  eingehendste  beschäftigt 
hat.  All  seine  Verdienste  in  einem  einzigen  Kapitel  darzustellen,  ist 
darum  eine  unlösbare  Aufgabe.  Aber  auch  die  grösste  Kürze  der 
Schilderung  findet   eine  Milderung   in    den  beiden  Thatsachen,  dass 

1.  Galenos    den   hippokratischen  Dogmatismus    neu    begründete   und 

2.  allen  Nachfolgern  bis  zum  Anbruche  des  neuen  Zeitalters  in  dem 
Masse  seinen  Stempel  aufdrückte,  dass  die  sich  anschliessenden  Kapitel, 
auch  die  arabische  Heilkunde  nicht  ausgenommen,  teils  von  Grund  aus, 
teils  a  potiori  die  Ueberschrift  „Galenos"  tragen  könnten.  Zu  der  vor- 
liegenden Skizze  werden  also  bis  zu  Harveys  Zeiten  hin  viele  be- 
deutungsvolle Striche  von  den  Mitarbeitern  an  diesem  Werke  hinzu- 
gefügt werden.  Dem  galenischen  System  dienen  eine  Reihe  unter- 
stützender Momente  zur  Voraussetzung  und  Grundlage,  die  ich  in 
einigen  Stichw^örtern  wiederzugeben  versuche:  Abkunft  aus  guter, 
wohlhabender,    gebildeter   Familie,    dementsprechende    tüchtige    Er- 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  395 

Ziehung  und  Allgemeinbildung,  philosophische  und  medizinische  Ver- 
anlagung und  deren  Förderung  durch  die  zweitgrösste,  später  die 
grösste  Bildungsstätte  der  alten  Welt,  Neigung  zum  Studium  der  Vor- 
gänger, Aufbau  auf  den  Forschungsergebnissen  der  4  Aerzte,  in  denen 
sich  die  gesamte  vorgalenische  Heilkunde  zusammenfassen  lässt:  Hippo- 
krates,  Diokles,  ^)  Herophilos,  Erasistratos,  Verschmelzung  des  Plato- 
nismus  mit  dem  Hippokratismus  und  der  aristotelischen  Teleologie, 
ausgezeichnete  Dialektik  und  Schlagfertigkeit,  Klarheit,  Schärfe, 
Fleiss,  Arbeitsliebe,  stets  offenes  Auge  und  warmes  Herz  für  die 
Patienten,  Gestaltungsgabe  und  hohes  Talent  im  Unterrichte  u.  a.  m. 
Freilich  verführte  die  Dialektik  zur  Missachtung  weniger  gebildeter  oder 
weniger  glücklicher  Gegner  und  deren  doch  auch  bisweilen  anerkennens- 
werter Leistungen,  zur  Weitschweifigkeit,  Hohlheit,  Selbstgefälligkeit 
und  zum  AlleswissenwoUen ;  aber  diese  üeberspannung  in  der  vermeint- 
lichen Erkenntnis  aller  und  jeder  Endzwecke  des  Lebens  und  der 
Natur  ist  nicht  das  Vorherrschende,  all  die  genannten  verzeihlichen 
Schwächen  sind  Episoden,  kaum  sichtbare,  leise  Farbentöne  an  dem 
Gesamtbilde  „Galenos".  Dem  Atomismus  und  Methodismus  in  der  an- 
griffslustigen, übertrieben  verallgemeinerten  Ausartung  war  Galenos 
durch  seine  ganze  philosophische  Erziehung  wie  durch  praktische 
Anatomie,  Physiologie  und  Therapie,  kurz,  durch  das  Experiment  der 
erbittertste  Widerpart.  Das  Experiment  hatte  ihm  unwiderleglich  be- 
wiesen, dass  nicht  ein  rein  zufälliges  Durcheinanderwirbeln  unbestimm- 
barer Atome  in  irgendwie  verlaufenden  Kanälen,  sondern  eine  weise, 
voraussehende,  ordnende,  milde,  gütige,  aller  Lobeshj-mnen  werte, 
geradezu  monotheistisch  aufzufassende  Natur  alles  Leben  regelt  und 
dass  die  auf  vollkommene  A'ernachlässigung  der  Ursachen  hinaus- 
laufende Kommunitätenlehre  mit  der  selbstverständlichen  hippokra- 
tischen  Erkenntnis  der  4  Elemente,  der  4  Säfte  und  der  4  Qualitäten 
als  allgemeiner  Krankheitsursachen  einen  verlorenen  Kampf  führe. 
Zu  den  4  einfachen  Dyskrasien  gesellt  er  4  gemischte:  feucht-warm, 
trocken-warm,  feucht-kalt,  trocken-kalt  (VI  409 ;  Orib.  coli.  med.  XXI 
1  =  III  1  ff.).  Die  Seele,  die  im  7ivev(.ia  wirkt,  belebt  den  Körper. 
Im  Gehirn  wohnt  die  loyianxi]  ipvyj],  die  Intelligenz  oder  das  nvtvf.ia 
ipvxL-Kov  =r  Seelenpneuma ;  ihr  Sitz  ist  der  vordere  Lappen  des  knochen- 
markartigen Gehirns,  ihre  Organe  die  Nerven.  Das  Ccoriychu  tiv.  = 
Lebenspneuma  hat  das  Herz  zur  Stätte  und  die  Arterien  zu  Werkzeugen, 
das  cpvaiTibv  rtv.  =  Naturpneuma  hat  die  Leber  zur  Stätte  und  die  Venen 
zu  Werkzeugen.  Somit  sind  wirksam :  1.  die  loyiorm]  iptyi]  =  ipvxi^rj 
dvva!.iig,  2.  die  t^wrixi]  ip.  =  o(pvy(.uyai  d.  (pulsierende  Kraft).  3.  die  Ini- 
d-vfojTixi]  ip.  (begehrliche  Seele)  =  cpvaixi]  ö.  Das  Atmen  ersetzt  Stoff' 
und  Kräfte  der  Seele.  Die  wichtigsten  Kräfte  sind :  die  ekxrixT]  =  an- 
ziehende (z.  B.  Ernährung),  dkkouotiy.rj  =  umbildende  (z.  B.  Wachstum), 
TteTtTixrj  ==  verdauende,  dnoxQinyci]  =  aussondernde  (z.  B.  Urin),  oiata- 
araziy.^  =  anhaltende,  7Tqo}oxi7(.r^  =  vorwärtstreibende,  allgemeine 
spezifische,  mit  der  die  Zauberer  später  ihren  Hokuspokus  rechtfertigen 
wollten.  Ob  diese  Kräfte  primär  sind  oder  den  4  Grundstoffen 
sekundär  als  Eigenschaften  beizulegen  sind,  getraut  er  sich  nicht  zu 
entscheiden. 


')  Trotz  der  minimalen  Anzahl  zufällig  geretteter  Bruchstücke  konnte  Well- 
mann  die  Bedeutung  des  Diokles,  die  bisher  nur  in  umschwommenen  Umrissen  zu 
sehen  war,  unserem  Auge  nahe  bringen,  auf  Grund  des  Anonymus  Parisinus  (Fragraeiit- 
sammlung  d.  griech.  Aerzte  I,  Berl.  1901). 


396  Robert  Fiichs. 

Was  die  Anatomie  und  Physiologie^)  anlangt,  so  trägt  Galenos 
Selbstgeschautes  auch  dann  vor,  wenn  er  sich  in  der  Niederschrift 
seinem  Vorgänger  Marinos  anschliesst.  Es  steht  fest,  dass  er  fast 
ausschliesslich  Tiere  seziert  hat,  namentlich  Alfen  und  unter  diesen 
wieder  den  afrikanischen  Magot  (Macäcus  ecaudatus  Geoffr.)  wegen 
der  Erwähnung  des  os  incisivum,  der  Schilderung  des  „menschlichen" 
Fusses  und  der  „menschlichen"  Hand,  ferner,  wie  er  teils  selbst  an- 
giebt,  teils  aus  der  Beschreibung  folgt.  Bären,  Schweine,  Einhufer  und 
Wiederkäuer,  aber  gewiss  auch  kleinere  Tiere.  Den  schwangeren 
Uterus  (II  290)  beschrieb  er  nach  dem  Präparat,  ebenso  die  „Funda- 
mente" und  „Zeltstangen"  des  Körpers,  d.  i.  die  Knochen,  besonders 
im  Hinblick  auf  die  Chirurgie,  weiter  Wirbelsäule  (Atlasartikulation), 
Periost,  Knorpel,  Markhaut,  Bänder,  Sehnen,  Kopf-  und  Halsmuskeln 
(so  Platysma  myoides),  die  verschiedenen  musculi  interossei,  den  ra. 
popliteus  (XVII,  II  235),  die  Insertion  der  Achillessehne,  die  Oeso- 
phagus- und  Darmhäute  bei  Fleisch-  und  Pflanzenfressern,  zwischen 
welchen  der  Mensch  in  der  Mitte  steht  (Kazenelson  231  if.),  die 
weichen  Empfindungs-  und  die  harten  Bewegungsnerven  (Uli mann 
29 f.),-)  deren  Austritt  aus  dem  Gehirn  (XIV  710 ff.).  Weiche  Nerven 
sind  die  des  Gehirns,  harte  die  des  Rückenmarkes,  mittelharte  die  des 
verlängerten  Markes.  Die  7  Paare  Gehirnnerven  sind:  opticus,  oculo- 
motorius  mit  patheticus,  ramus  ophthalmicus  trigemini,  ramus  maxillaris 
superior  et  inferior,  acusticus  mit  facialis,  vagus,  glossopharyngeus. 
Der  olfactorius  ist  blosse  Fortsetzung  der  vorderen  Lappen,  der  ab- 
ducens  nicht  bekannt.  Der  palatinus  gilt  als  eine  besondere  Nerven- 
wurzel {qiCa).  Die  von  der  Theorie  geforderte  Aushöhlung  des  Seh- 
nervs fand  in  der  arteria  ophthalmica  des  sonst  ausgefüllten  Nerven 
den  notwendigen  Ersatz;  über  die  Zahl  der  Kanäle  spricht  er  sich 
möglichst  unklar  aus.  Der  recurrens  ist  gleichfalls  deutlich  be- 
schrieben. Das  Rückenmark,  das  die  ganze  Wirbelhöhle  durchläuft, 
dient  zur  Aufhängung  der  Stammnerven  unter  Entlastung  des  Gehirns. 
Die  Rückenmarksknoten  sind  ihm  entgangen.  Der  sympathicus  als 
Vereinigungsstelle  von  harten  und  weichen  Nerven  ist  besonders 
empfindlich  und  wird  durch  Ganglien  verstärkt.  Am  Gehirn  be- 
schreibt er  13  Teile :  den  schwielenartigen  Balken  {tvXd)dr]g),  2  Vorder- 
kammern, den  3.  und  4.  Ventrikel  mit  dem  aquaeductus  Sylvii  (nÖQog\ 
Fornix,  Vierhügel,  Zirbeldrüse,  Processus  cerebelli  ad  corpora  quadri- 
gemina,  pr.  vermiformis,  calamus  scriptorius  Herophili,  hypophysis,  in- 
fundibuhim.  =^)  Das  Auge^)  hat  5  Häute:  Bindehaut  mit  Tenonscher 
Kapsel  (sTriTitcpvy.iüg  xnwv),  Leder-  und  Hornhaut  (oyi'kr^qhg  und  yisgato- 
£idr]g  x.\  Ader-  und  Regenbogenhaut  (xoQioeiörjg  und  Qayo€idr]g  %.),  Netz- 
haut {af.i(piß).riGTQoeidi]g  x-),  vordere  Linsenkapsel  (o  Höiog  x-  bei  GaL, 
aörfkog  des  JPseudogal.)  und  4  Flüssigkeiten :  Kammerwasser  {vdatoeiöeg, 
loosiöeg),  Sehsubstanz,  Linse,  Glaskörper.  Die  hintere  Augenkammer 
wird  sehr  unklar  beschrieben,  da  einmal  Härtungsniittel  für  das  Präparat 


^)  Kazeuelson  bei  Kobert,  Hist.  Stud.  aus  d.  Pharraak.  Instit.  d.  Kais. 
Univ.  Dorpat,  Halle  a.  S.  1889 ff.,  V  190 ff.;  198;  Puschmann,  Gesch.  d.  medic. 
Unterrichts  von  d.  ältest.  Zeiten  bis  z.  Gegenw.,  Leipz.  1889,  85  ff. 

^)  Beide  Nervenarten  haben  z.  B.  Auge  und  Zunge,  nur  Aveiche  Nerven  Nase 
und  Ohr  (III  633;  641).    Andere  Nerven  stehen  mitten  zwischen  beiden  Arten. 

»)  Nach  Pagel,  Einführg.  in  d.  Gesch.  d.  Medic,  Berl.  1898,  I  122 f. 

*)  Magnus,  Die  Anat.  d.  Auges  in  ihr.  geschieht!.  Entwickelg..  Breslau  1900, 
15  ff.;  Kühn  VII  86;  XIX  358. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  397 

fehlten  und  sodann  teleologische  Theorie  und  Sektion  einander  -«ider- 
stritten.  Die  Muskulatur  entspricht  unserer  Auffassung  fast  ganz; 
beim  Thränenapparat  sind  noch  merkliche  Lücken,  die  indessen  auch 
Vesalius  noch  nicht  ausfüllte.  Das  Pneuma  zwischen  Iris  und  Linse 
leitet  die  aufgefangene  Lichtempfindung  durch  den  Sehnerv  nach  den 
Sehhügeln  und  dem  Centrum.  Der  Gehörnerv,  der  sich  nicht,  wie 
der  Opticus,  ausbreitet  (III  644;  V  446),  leitet  die  Schallwellen 
(■avi^iara)  zum  Gehirne.  Die  den  Geruch  vermittelnden  Gehirnfortsätze, 
der  „siebartig  durchlöcherte"  Knochen  von  ..schwammiger"  Beschaffen- 
heit (III  651  f.),  der  die  Gehirnexkreijfcente  auffängt  (II  858  f ),  die 
Fältelung  der  dura  mater  und  das  Naseninnere  (nicht  die  ^luschelj, 
die  trotz  der  Ueberlegenheit  des  Geruchs-  über  den  Geschmackssinn 
schwächeren  olfactorii  werden  genau  beschrieben  (Nr.  34);  dass  bei 
Kindern  die  Stumpfnase  vorherrscht,  ist  bekannt  (I  636).  Die  Geni- 
talien beider  Geschlechter  entsprechen  sich  genau;  bei  der  kälteren 
Frau  müssen  sie  im  Innern  geschützt  liegen.  Der  Uterus  ist  das 
Scrotum,  die  Ovarien  sind  die  Hoden,  den  Nebenlioden  wird  ein 
theoretisch  gewonnenes  weibliches  Organ  gegenübergestellt.  Da  bei 
den  Tieren  die  Zahl  der  Uterushörner  der  der  Zitzen  entspricht,  muss 
auch  der  weibliche  Uterus  mit  seiner  kleinen  Höhle  zweihörnig  sein. 
Die  Milchabsonderung  wird  durch  den  Druck  des  geschwollenen  Uterus 
mechanisch  erklärt.  Das  männliche  Sperma  ist  der  Lebenskeim,  das 
kältere  w^eibliche  der  Keim  der  Eihäute  und  Nahrungs vermittler.  Die 
Allantois  enthält  den  Urin  der  Frucht;  das  Schafswasser  ist  eine 
Hautsekretion  des  Fötus.  Diese  Untersuchungen  sind  am  toten  Tiere 
oder  an  Teilen  von  Tierkadavern  oder  Menschenleichen  gemacht 
worden  (II  221);  doch  muss  Galenos  auch  bei  seltenen  Gelegenheiten 
ganze  Menschenleichen  seziert  haben,  da  er  deren  Präparierung  wieder- 
holt empfiehlt  (II  224;  385),  wenngleich  er  die  Genitalien  am  Schweine 
u.  s.  w.,  das  Gehirn  am  Rinde  untersuchte.  Aber  auch  viviseziert  hat 
er,  denn  er  beobachtet  die  Lähmung  nach  Durchtrennung  von  Rücken- 
mark und  Nerven,  die  Austreibung  der  Speisen  aus  dem  Magen  * )  und 
die  Urinabsonderung  durch  die  Nieren,^)  die  Bluthaltigkeit  der  linken 
Herzkammer,  den  mechanischen  Atmungsvorgang  bei  Durchtrennung 
von  Rückenmark,  Intercostalmuskeln.  Nerven,  Rippenresektion  (auch 
bei  penetrierenden  Brustwunden,  Orib.  III  219 ff.;  236),  die  Herz- 
kontraktionen, auch  bei  einem  an  Brustbeincaries  erkrankten  Knaben 
(Kühn  II  631),  zum  Teil  nach  Unterbindung  der  Gefösse,  die  den 
Arterien  vom  Herzen  vermittelte  ocpiyfnxi]  dvvai.ug  beim  Biossiegen 
und  Unterbinden  der  Schenkelarterie  der  Ziege  u.  ä.  Im  Unterrichte 
dienten  auch  Zeichnungen  und  künstliche  Skelette  von  Marmor  oder 
Metall  neben  dem  Tierversuche  als  Anschauungsmittel.  -)  Die  Speisen 
werden  im  Magen  durch  die  von  der  Wärme  unterhaltene  neTirr/ij 
dvva^iig  zerrieben,  im  Dünndarme  zu  Chj'lus  umgewandelt,  durch  die 
Pfortadern  der  Leber  zugeführt,  dort  durch  das  7tvf.v(.ia  (pvoi-Mv  zu 
Blut  assimiliert  und  teils  durch  die  Hohlvene  zur  rechten  Herzkammer, 
teils  durch  die  übrigen  Venen  in  den  Körper  geleitet.  Durch  die 
Anastomosen  der  Scheidewand  findet  die  Sättigung  des  Blutes  mit 
dem  Pneuma  der  linken  Herzkammer  statt.  Dieses  Pneuma  ist  aus 
der  Lunge,  der  die  arteria  pulmonalis  Blut  zuführt,   durch  die  vena 


»)  Basler,  Janus  IV  1899,  598 f.;  595 f.  (lobenswerte  Darstellung). 
*}  Puschmann  a.  a.  0.,  S.  85 ff. 


398  Robert  Fuchs. 

pulmonalis  in  den  linken  Ventrikel  gelangt.  Die  Aorta  teilt  durch 
ihre  Synanastomosen  den  Venen  des  ganzen  Körpers  Pneuma  mit.  Es 
führen  also  Venen  wie  Arterien  Blut  und  Pneuma,  erstere  mehr  Blut, 
letztere  mehr  Pneuma  oder  erstere  dickeres,  letztere  dünneres  Blut, 
Die  Milz  frisst  die  dicken,  erdigen  Nahrungsteile  auf,  reinigt  also  das 
Blut;  die  aus  ihnen  bereitete  schwarze  Galle  teilt  sie  dem  Magen  mit, 
um  sie  mit  dem  Kote  durch  die  Därme  fortzustossen  {ngocoS-elv) ;  dass 
die  Milz  nicht  unmittelbar  der  Leber  aufsitzt,  erklärt  er  mit  Platz- 
mangel. Die  4  Leberlappen  (Tieranatomie)  machen  als  Hüllen  durch 
Abgabe  von  Wärme  den  Magen  zum  Verdauen  geschickt.  Die  qualmigen 
Rückstände  {tcc  hyvvwdrj)  werden  bei  der  Ausatmung  aus  dem  rechten 
Ventrikel  durch  die  Halbmondklappen  der  Lungenarterie  hindurch 
nach  aussen  befördert.  ^)  Galenos  erholft  vergeblich  von  der  Zukunft 
die  Entdeckung  des  atmosphärischen  Pneuma  und  somit  die  Recht- 
fertigung seiner  künstlichen  Theorie.  Das  Blut  wird  auf  seinen  mannig- 
faltigen Gängen  schliesslich  verbraucht.  Bei  Greisen  sind  dieselben 
Vorgänge  infolge  der  Blutarmut  abgeschwächt  (I  582).  Galenos  wurde 
durch  seine  zwar  auf  die  Anatomie  gestützten,  aber  nicht  von  ihr  be- 
herrschten Spekulationen  von  der  Entdeckung  des  grossen  und  kleinen 
Kreislaufes  weitab  in  die  Irre  getührt  und  steht  der  Harveyschen 
Entdeckung  ferner  als  Erasistratos  (Häser  I3  360 ff.).  Den  Venen 
giebt  Galenos  einen  Mantel,  den  Arterien  zwei  bezw.  drei.  Den 
Arterienpuls  erklärt  er  als  Ausfluss  der  afpvyf.uxrj  övvaf.ug.  In  der 
Pulstheorie  schloss  er  sich  vielfach  Agathinos  und  Archigenes  (tv. 
o(pvy(.uov)  an  (Well mann  169  ff.).  Er  unterscheidet  (VIII  455 ff. ;  vgl. 
XIX  629  ff.,  unecht) :  1 .  noaov  rfjg  ötaaTolfjg  =  Grösse  (gross,  klein, 
mittelmässig),  2.  n:oibv  zfig  -Aiv^oeiog  =  Art  der  Bewegung  (rasch,  lang- 
sam, m.),  3.  Ttoibv  Tfjg  Ttlrjyfß  =  Art  des  Schlages  (stark,  schwach,  m.), 
4.  ovaraoig  =  Konsistenz  (hart,  weich,  m.),  5.  XQo^og  r^g  fjavxiag  = 
Ruhepause  (häufig,  selten,  m.),  6.  öj-ialön^g  %a\  avtof^ialLa,  7.  Tcc^ig  7J 
äta^la  =  (Un)ordnung,  8.  TtXfjd^og  =  Fülle  (voll,  leer,  m.),  9.  gv-d^fiög 
(,  10.  d^Eq(.iaoia  =  Wärme  der  Arterie,  bloss  XIX  629  ff.) ;  zu  6  und  7 
Abarten,  ■*)  wie  (.ivovqiCiov  oder  (.ivovQog  =  decurtatus,  -/.vf-iaTihörig  = 
undosus,  oyxolriMtiov  ==  vermiculans,  f-ivg^rpiü^iov  =  formicans,  y.lovcbdr]g 
=  vibratus,  a7iao/.iwÖT^g  =  convulsivus,  öo^yiaölCcov  =  caprizans 
(gazellenartig). "') 

Die  angeführten  Proben  pathologischer  Anatomie  weisen  darauf 
hin,  dass  Galenos  ein  besonnener  Patholog  und  scharfsinniger 
Diagnostiker  war.  Unter  Aufnahme  der  Humoralpathologie  mit  ihren 
Dyskrasien  (s.  oben)  stellt  Galenos  an  die  Spitze,  dass  Krankheit  und 
Gesundheit  in  einander  übergehe  und  jeder  Mensch  den  Krankheitskeim 
in  seinem  Temperament,  in  seiner  Konstitution  oder  Disposition  trage. 
Ausgehend  von  der  Unbestreitbarkeit  des  Kausalitätsgesetzes  (X  50  ff.), 
unterscheidet  er  4  Ursachen  in  engerem  und  weiterem  Sinne  (VI  837  ff. ; 
IX  2  ff;  X  50  ff.;  XV  111  ff;  XIX  386  ff.):  1.  die  unmittelbare  Ur- 
sache der  naturwidrigen  Bewegungen  (-Aivi^aeig)  im  Körper,  wie  z.  B. 
Plethora   und  Säftemangel  (zävwoig);  2.   die  naturwidrige  Bewegung 


^)  Abbildung,  Litteratur  und  ausgezeichnete  Darlegung  des  selbst  dem  Galenos 
nicht  völlig  klaren  Sachverhalts  bei  Pagel  S.  124  f. 

-)  Vollständig  bei  Pagel  125  f.;  gut  auch  bei  Wellmann  a.  a.  0. 

*)  Vgl.  zu  den  Pulskurven  Nr.  31;  17.  von  Top ly  in  Wieft  hat  als  An- 
schauungsmittel 27  Pulsgattungen  des  Galenos  in  Kartonmodellen  auf  Holzuntersatz 
mit  Messingrahmen  herstellen  lassen.    Näheres  ist  mir  leider  nicht  bekannt. 


Geschichte  der  Heilkunde  hei  deu  Griechen,  399 

selbst  oder  die  Störung  der  vitalen  Vorgänge  {nad-og);  3.  die  hiervon 
ausgehenden  Wirkungen  in  den  kranken  Teilen  =  Krankheitsprozesse, 
v6or)(.ia\  4.  die  Symptome.  Die  Terminologie  deckt  sich  mit  der 
pneumatischen.  Die  wesentlichen  Symptome  heissen  %a  Tra&oyvcof^oviyid 
=  leidenverratende  und  sind  die  unmittelbaren  Folgen  des  Zustandes. 
Die  nebensächlichen  Syptome  werden  nach  Heftigkeit  und  Art  (gut- 
oder  bösartig  u.  dgl.)  unterschieden.  Die  Symptome  überhaupt  sind : 
1.  unmittelbare  Funktionsstörungen.  2.  Folgezustände,  avi^ißeßrjxÖTa, 
z.  B.  Fieber,  3.  Abweichungen  in  Sekretion  oder  Exkretion.  Die 
Krankheiten  teilte  er  in  folgende  Hauptgruppen:  1.  Krankheiten  der 
4  Säfte,  2.  der  of-ioio^iegi^  =  gleichartigen  Teile  (Gewebe),  a)  laxum 
und  strictum  (s.  Methodiker),  b)  Vorwiegen  einer  ihrer  4  Qualitäten, 
c)  Organerkrankung  (yivog  dQyaviy.öv)  =  Lokal  pathologie,  und  zwar 
«)  nach  Bau,  ß)  Zahl,  y)  Grösse,  ö)  Lage,  s)  Kontinuitätstrennung. 
Unter  Aufgabe  der  hippokratischen  Kochungslehre  nahm  er  die  Stadien- 
einteilung des  HerodotOS  auf:  äg^rp  iniöooig,  a/.^ir^,  TTaQü-Af^nq  (I  193  ff.). 
Die  Krisenlehre  behält  er  bei,  jedoch  ohne  ihr  unbedingte  Geltung  bei- 
zulegen. Die  akuten,  vorwiegend  durch  Blut  und  gelbe  Galle  ver- 
schuldet, entscheiden  sich  mit  Vorliebe  am  7.  Tage.*)  Die  Ent- 
zündungen sind  oyy.oL  jiaQcc  fpvoiv  =  tumores  praeter  naturam,  durch 
die  überschüssige  Wärme  verursacht.  Bleibt  es  bei  der  Wärme- 
aufspeicherung, so  entsteht  trockene  Entzündung;  tritt  ein  Säftezufluss 
(gev^ia)  ein,  so  entsteht  bei  Eukrasie  des  Blutes  „einfache  Entzündung", 
bei  Zufluss  von  Wasser  ödematöse,  von  Schleim  erysipelatöse,  von 
gelber  Galle  phagedänische.  von  schwarzer  scirrhöse,  von  Pneuma 
pneumatöse  (VII  707  ff.;  IX  693  ff.;  XI  72  ff.).  Die  Lösung  besteht 
in  Zerteilung,  Exsudation,  Eiterung,  Sepsis.  Durch  Arterienverstopfung, 
Entzündung  oder  Sepsis  oder  durch  deren  Kombination  entstehen  die 
Fiebertypeu.  Das  Gemeinsame  ist  die  Steigerung  der  gesamten  Körper- 
wärme. Beim  Starrfrost  ist  das  Nervensystem  in  Mitleidenschaft  ge- 
zogen. Bei  Phthisis  erkennt  er  eine  endzündliche,  verschwärende  und 
schleichende  Art  an.  Tritt  Diarrhöe  ein,  so  ist  es  lebensgefährlich. 
Durch  die  genaue  Regelung  der  Urinuntersuchung  zu  diagnostischen 
Zwecken  ist  Galenos  das  Vorbild  der  zahlreichen  entarteten  Urin- 
kompendien des  Mittelalters  geworden,  das  auf  die  Urindiagnose  die 
ganze  Therapie  gründen  wollte. 

Den  grössten  Ruhm  aber  verdankt  Galenos  nicht  seinen  patho- 
logischen Konstruktionen,  sondern  seinen  bewundernswerten  Heilungen. 
Die  vielen  eigenen  Krankheiten  regten  ihn  zu  ihrer  Beobachtung  an. 
Als  Gladiatorenarzt  sammelte  er  weitere  wertvolle  Kenntnisse  (Orib. 
IV  137),  Er  behandelte  eine  durch  Erschöpfung  entstandene  Quoti- 
diana  an  sich  selbst  (VI  308  f.).  ebenso  ein  mit  Delirien  verbundenes 
Fieber  (VIII  226),  verschiedene  durch  Obstgenuss  veranlasste  akute 
Krankheiten  (VI  756  f.),  viermalige  Tertianafälle  in  seiner  Jugend 
(VII  638),  die  Pest  (durch  Aderlass;  XIX  524).  So  konnte  er  bei 
einem  an  Quartana  erkrankten  Jüngling  die  Lysis  voraussagen  (XIV 
624),  am  Pulse  eine  Angina  (XIV  661)  und  schmachtende  Liebe  -)  er- 
kennen (XIV  631  ff.;  XVIII,  II  40),  heimliche  Diätfehler  des  ungehor- 

1)  Traube.    Deutsche  Klinik  1852  Nr.  15. 

^)  Eine  vornehme  Dame  war  durch  heimliche  Liebe  zu  dem  Tänzer  Pylades  in 
ihrem  seelischen  Gleichgewichte  erschüttert  worden  Einen  verliebten  Sklaven,  der 
sich  selbst  beschädigt  hatte,  um,  von  dem  verreisenden  Herrn  zurückgelassen,  seiner 
heimlichen  Liebe  nachgehen  zu  können,  entlarvte  Galenos  (XIX  4  f.). 


400  Robert  Fuchs. 

Samen  Sohnes  des  Boethos  abstellen  (XIY  635  ff.),  Nerven  wunden  mit 
28  Jahren  sicher  heilen  (XIII  563;  599  f.),  achtmonatliche  Regel- 
verhaltung  kurieren  (XVII,  II  81),  die  durch  Uterusblutungen  und 
Hydrops  schwer  gefährdete  Frau  des  Boethos  u.  a.  durch  Sandbäder 
wiederherstellen  (XIV  641  ff.)  und  die  allen  Heilversuchen  anderer 
Aerzte  spottende  Krankheit  des  berühmten  Philosophen  Eudemos  heben. 
Weil  er  hiermit  sein  Glück  begründete,  griffen  ihn  die  Gegner  heftig 
an.  Antigenes,  ein  Schüler  des  Quintus,  bat  ihn  zwar  hinterher  um 
Verzeihung  für  den  früheren  Hohn,  aber  Martianos  (s.  oben  S.  309) 
verhöhnte  ihn  nach  dem  Erfolge  noch  viel  mehr  als  Mantiker,  Vogel- 
flugdeuter, Opferschauer,  Symbolisten  und  Mathematiker,  d.  h.  als 
Schwindler  und  Zauberer  (XIV  605  ff.;  613  ff.).  Die  (pvoig  =  Natur 
zur  Wiedererlangung  der  Herrschaft  über  den  kranken  Körper  zu 
bringen,  ist  Heilung.  Dabei  gilt  es  vornehmlich,  die  Kraft  zu  unter- 
stützen, welche  die  eingedrungenen  Krankheitsstoffe  austreibt,  ohne 
die  anziehende,  zurückhaltende  und  verändernde  Kraft  zu  stören  (XVII, 
I  148).  Die  Wege  der  Heilung  sind  in  Art  und  Wert  mit  den  von 
Traianus  durch  ganz  Italien  gebauten  Verkehrsstrassen  zu  vergleichen 
(X  632).  Die  Bedingungen,  unter  denen  bei  heilbaren  Leiden  Kunst- 
hilfe eintreten  soll,  sind  die  hdd^eig  =  Indikationen.  Die  Indikationen 
aus  der  Krankheit  betreffen  deren  Charakter,  Schwere,  Typus,  Stadium, 
Ausgang,  Komplikation,  Genesung.  Drastische  Mittel  sind  nur  in 
Stadium  I  und  IV  erlaubt.  Hierzu  kommt  die  prophylaktische  und 
die  symptomatische  Indikation.  Aus  der  Verfassung  des  Kranken 
fliessen  die  Indikationen  des  Geschlechts,  Alters,  Temperaments,  Wohn- 
orts, des  betreffenden  Organs.  Dazu  kommen  schliesslich  die  aus  der 
Atmosphäre  und  den  Träumen  gewonnenen  Indikationen  (I  70  ff'.;  264  ff.; 
X  127  ff.  u.  ö.).  Wie  Hippokrates  stellte  er  die  mit  der  Gymnastik 
verbundene  Diätetik  an  die  Spitze  (Nr.  11;  vgl.  oben  S.  246  A.  2), 
Alle  verfeinerten  therapeutischen  Eingriffe  der  Vorgänger  nahm  Galenos 
auf,  so  Wasser-,  Dampf-,  Luft-,  Sonnen-,  Sand-,  Mineral-,  Kräuterbäder 
und  partielle  Bäder,  Der  Aderlass  ist  in  jeder  Form,  doch  stets  mit  Mass 
und  Vorsicht  (nicht  bei  Kindern)  und  mit  Vorliebe  im  Frühling  und 
Herbste  anzuwenden.  Blutegel  und  Schröpf  köpfe  befördern  die  Deri- 
vation, Binden  der  Extremitäten  die  Revulsion.  Die  Pharmakologie 
der  ersten  Kaiserzeit  wird  von  Galenos  ergänzt,  durch  einfache,  wie 
höchst  komplizierte  Mittel,  doch  selten  unappetitliche  oder  wunder- 
liche. Er  bezog  aus  allen  Ländern  durch  hohe  Beamte  und  Freunde 
die  Droguen  und  Steine  und  prüfte  die  Mittel  selbst,  wenn  auch  viel- 
leicht nicht  alle  praktisch  (XIV  7  ff.),  oder  er  berief  sich  auf  Heras, 
Andromachos,  Dioskurides  u.  a.  Seine  Hiera  Hess  die  anderen  Hierae 
zurücktreten,  i)  ebenso  seine  Pikra,  ^)  sein  Aloemittel  -)  und  sein 
Diakodion  (Orib.  V  920).  Die  Wirkungen  stellte  er  nach  Klassen 
und  Graden  genau  fest,  selbst  in  dem  Schema  das  Muster  der  Folge- 
zeit (s.  z.  B.  Symeon  Seth).  Die  Dosiologie  gestaltete  er  dabei  bis  ins 
Einzelne  aus.  Geschlossene  Krankheitsbilder  pflegt  er  nicht  zu  geben, 
sondern  wir  müssen  selbst  aus  den  zerstreuten  Stellen  die  Symptom- 
schilderungen zusammentragen.  Von  Fiebern  führte  er  die  Quotidiana 
auf  Ueberanstrengung,  Ueberladung,   Trunkenheit,   Jähzorn   und  gut- 


^)  Fuchs,   Rhein.  Mus.  L  (1895):    „Gera  Galenum"   bei  Orib.  V  923:   Otho 
Cremon.  245  f. 

2)  Orib.  eup.  IV  142  f.  =  V  7921;  Otho  Cremon.  225  f. 


Geschichte  der  Heilkunde  bei  den  Griechen.  401 

artige  Bubonen  zurück  und  heilte  sie  mit  Bädern,  leichter  Diät  und 
Wein;  die  Tertianfieber  rühren  von  der  Leber,  die  Quartanfieber  von 
der  Milz  her.  Bei  Frost  empfehlen  sich  Reibungen  von  den  Füssen 
aufwärts  (X  821  ff.).  Gewöhnliche  Tertiana  beschwichtigen  Purganzen 
und  Brechmittel,  Sellerie  und  Dill,  Wermut  und  warme  Bäder,  un- 
regelmässige warme  Magenaufschläge,  Brechmittel,  Aderlass,  sieben- 
tägiger Pfeffergenuss,  Wermut.  Bei  Fäulnisflebern  trinke  man  Gersten- 
schleimsaft,  Sellerie  und  Kamillenthee,  verabreiche  Klystiere  und  gebe 
leichten  Wein  (X  806 ff.;  XI  35 ff.).  Dyspepsie,  die  gewöhnlichste 
Krankheit  der  Kaiserzeit,  vertrieb  er  mit  Brechmitteln,  heissen  trockenen 
Umschlägen  auf  Kopf  und  Magen,  eintägigem  Fasten,  kalten  Tränken 
und  kalten  Umschlägen.  Bei  starkem  Erbrechen  halfen  Adstringentien, 
Aromata  und  Opium  (XIII 126  ff.).  Ruhr  entsteht  durch  Galle,  Genuss 
von  Wasser  aus  Bionzeröhren,  plötzliches  Aufgeben  eines  harten  Lebens 
und  wird  gehoben  durch  Enthaltsamkeit,  Austern  schalen,  Hirschhorn, 
Opium,  Galläpfel  und  andere  Adstringentien  und  Einlaufe.  Milzleiden 
sind  durch  Meerzwiebel,  Kappern  (X  920;  XI  746),  Abführen  und 
Scarifizieren  zu  beseitigen.  Bei  akuten  Katarrhen  reiche  man  Honig- 
latwergen, Opium  und  eingedickten  Most;  bei  chronischen  Wein,  Nar- 
cotica,  Mutterharz,  Pfeffer  u.  a.  Bei  Empyem  nützt  Punktion  oder 
Kauterisation  nur  wenig  (XVIII,  I  38  ff.).  Schleichende  Phthisis  kommt 
durch  Sepsis  und  theoretische  Lungentuberkeln,  fpv^iara,  und  wird 
durch  Seereisen,  Aufenthalt  in  Afrika,  Tabiae  bei  Neapel  und  Sorrento 
=  Surrentum  und  Milchkuren  bekämpft  (XVII,  I  856 ff.;  Orib.  II 
856 ff.;  Waidenburg,  Tuberkulose,  Berl.  1870,  19;  Nr.  21).  Auch 
Frauenmilch  mit  Honig  oder  Salz  wurde  dargeboten.  Die  Harnkrank- 
heiten werden  in  hippokratischer  Art  behandelt.  Den  Diabetes  sah  er 
für  eine  Nierenauflockerung  an.  Die  bei  Erwachsenen  schwer  heil- 
bare Fallsucht,  die  eine  Kinderkrankheit,  Ttaiöeiov  {naidiov  cod.),  ist 
(Orib.  III  683),  bekämpft  er  mit  Aderlass  am  Fusse,  Theriak  und 
Wundermitteln.  Bei  Pleuritis  goss  er  Honigwasser  in  die  Anzapfungs- 
steJle  und  Hess  es  durch  Husten  wieder  entleeren.  Ihre  Diagnose 
deckt  sich  etwa  mit  der  heute  noch  üblichen.  Dass  die  Elephantiasis 
=  Lepra  in  Alexandreia  endemisch  war,  weiss  er  durch  eigene  Be- 
obachtung (XI  142).  Die  Auslassungen  über  Marasmus  in  einer  be- 
sonderen Schrift  (VII  666  ff.)  verdienen  auch  heute  noch  Berück- 
sichtigung. Die  häutige  Bräune  und  ihre  Behandlung  ist  ihm  vertraut. 
Bei  Trepanationswunden  legte  der  greise  pergamenische  Arzt  Eudemos 
auf  die  blossgelegte  Meninx  das  Mittel  „Isis*'  als  Umschlag  auf,  und 
oben  darüber  brachte  er  Essighonig.  Dieses  energische  Verfahren 
war  dem  damals  in  Rom  gebräuchlichen  milden  weit  überlegen,  aber 
die  Mode  erlaubte  Galenos  nicht,  sich  ihm  zuzuw^enden  (X  454).  In 
der  Lehre  von  den  Frakturen  und  Luxationen  war  der  Gladiatoren- 
arzt Meister.  Ihm  verdankt  die  Folgezeit  neben  der  Nomenklatur 
die  vielen  von  Hippokrates  übernommenen  und  weiter  ausgestalteten 
Einrichtungsarten.  ^)  Seine  Augenheilkunde  schildert  uns  Ritter 
(Nr.  29)  in  trefflicher  Uebersetzung.  Die  Optik  ist  bei  Kühn  III 
759  ff.  auf  das  ausführlichste  dargelegt,  die  Therapie  VII  85  ff.;  VIII 
1  ff. ;  X  935  ff ;  986  ff. ;  1017  ff.  Den  Star  heilt  er  durch  Niederdrücken. 
Gegen  die  Körnerkrankheit  empfiehlt  er  eine  grosse  Anzahl  Rezepte 
(VII  35;  Xn  195;  242;  735;  775;  XIV  18).    Die  sehr  sorgfältig  aus- 

0  Gurlt,  Gesch.  d.  Chir.  u.  s.  w.,  Berl.  1898,  III  604. 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  26 


402  Robert  Fuchs. 

gearbeitete  Verbandlehre  bietet  auch  kunstvolle  Binden  für  die  Augen 
und  den  ganzen  Kopf.  Bei  Zahnleiden  beschränkt  er  die  Extraktion 
auf  verzweifelte  Fälle  und  hilft  sich  sonst  mit  Pulvern  und  schmerz- 
stillenden Arzneien  und  Mundmitteln  aller  Art.  In  der  Gynäkologie 
scheint  er  besser  bewandert  gewesen  zu  sein  als  in  der  Geburtshilfe. 
Die  Kindeslagen  hat  er  augenscheinlich  durch  Soranos'  Werk  kennen 
gelernt;  sonst  könnte  er  nicht  sagen,  dass  Nichtschädellagen  ausser- 
ordentlich selten  seien  (IV  248). 

Wie  die  griechische  Medizin  für  uns  mit  einem  der  bedeutendsten 
Aerzte  anhebt,  so  schliesst  auch  ihre  Blütezeit  mit  der  vornehmsten 
einem.  „Alles,  was  seit  Galen  von  griechischen  Aerzten  für  die  Heil- 
kunde geschah,  ist  entweder  encyklopädisch  sammelnder  Art,  oder 
Vermehrung  des  empirischen  Materials,  oder  Ausbeutung  und  Aus- 
artung der  von  jenem  gegründeten  Lehren"  (Häser).  Und  der 
Schlüssel  für  die  Unvergänglichkeit  seines  Ruhmes?  iajQos  ydg  eanv 
vTti^Qerrjg  Tfjg  q)va€wg:  „Der  Arzt  ist  derNatur  Diener"  (XVI  35). 


Altrömische  Medizin. 

Von 
Iwan  Bloch  (Berlin). 


Litteratur 

(in  chronologischer  Reihenfolge). 

M.  Finckenstein,  ,.Zur  medicinischen  Sittengeschichte  des  alten  Rom"  in: 
Deutsche  Klinik  1860  Nr.  33  {S.  313— 316),  Nr.  35  (S.  333— 336),  Nr.  37  {8.353-357). 
—  „Ein  Kajntel  anthropologischer  Archäologie^  in :  Augsb.  AUgem.  Zeit.  1874  Nr.  45 
u.  46.  —  Caix  de  Saint- Ayinour,  „Note  sur  un  temple  romain  decouvert  dans 
le  foret  de  Halatte  {Dep.  de  l'Oise)" ,  Paris  1875,  12^,  35  S.  —  G.  Bitter  v. 
Jiittershain,  „Die  Heilkünstler  des  alten  Rom  und  ihre  bürgerliche  Stellung", 
Berlin  1875.  —  Giuseppe  Pinto,  „Storia  della  Mediana  in  Roma  al  tempo  dei 
re  e  della  republica",  Rom  1879,  8^,  434  S.  —  G,  Mo,  „Sullo  stato  dei  medici  e 
della  medicina  in  Roma  antica  paragonato  con  quello  dei  medici  e  della  medicina 
dei  tempi  moderni"  in:  Osservatore  Torino  1881,  Bd.  XVII  S.  209,  225,  241.  — 
jB.  ßriau,  „Sur  l'introduction  de  la  medecine  dans  le  Latium  et  ä  Rome"  in: 
Academie  des  inscriptions  1884,  24.  mars;  Revue  archeologique  1885  ser.  III.  T.  5 
p.  388,  T.  6  p.  192.  —  I>upouy,  „Medecine  et  moeurs  de  Vancienne  Rome  d'apres 
les  poetes  latins^',  Paris  1885,  8'-',  432  S.  —  Cr.  A.  E.  Sanifeld,  ,,Wie  kamen  die 
ersten  Vertreter  der  Medicin  nach  Rom?  Livguistisch-culturhistorisch-medicinische 
Skizze"  in:  Virchow's  Archiv  1889,  Bd.  CXVI  S.  191  ff'.  —  Pellegrini,  „Lapide 
votiva  ad  Esculapio,  esistente  sulla  facciata  della  casa  Protti  a  Longarone",  Belluno 
1890,  8",  17  S.  —  B.  Schiavuzzi,  „Le  istitutioni  sanitarie  istriane  nei  tempi 
passati"  in:  Atti  e  memorie  della  societä  istriana  d^archeologia  e  storia.  Vol.  VIIl 
fasc.  3 — 4,  Parenzo  1892.  —  Maurice  Albert,  „Les  medecins  Grecs  ä  Rome", 
Paris  1894,  8 ",  323  S.  —  „Donaria  of  medical  interest  in  the  Oppenheimer  col- 
lection  of  Etruscan  and  Roman  antiquities"  in:  British  medical  Journal  1895, 
July  20  and  27.  —  W.  H.  Boschev,  „Ausführliches  Lexikon  der  griechischen  und 
römischen  Mythologie" ,  Leipzig  1894  f[.  (unter  den  betreffenden  Artikeln).  — 
JB.  Stumpf,  „Die  Geschichte  des  Ehelebens,  der  Geburtshülfe,  der  körperlichen  und 
geistigen  Erziehung  der  alten  Römer",  Berlin  1895.  —  F.  Buret,  „La  medecine 
chez  les  Romains  avant  l'ere  chretienne"  in:  Janus  I,  1897  S.  517 — 526.  — 
Pauly  -  Wissoiva ,  „Real  -  Encyklopädie  der  classischen  Alterthumstvissenschaß", 
Stuttgart  1899  Bd.  III  {Artikel  „Carna",  „Carmenta").  —  M.  Schanz,  „Geschichte 
der  römischen  Litteratur",  2.  Auflage,  München  1898—1899  Bd.  I  und  IL  — 
L.  Stieda,  „Anatomisch-archäologische  Studien.  1.  lieber  die  ältesten  bildlichen 
Darstellungen  der  Leber.  IL  Anatomisches  über  alt-italische  Weihgeschenke  {Do- 
naria)". Mit  28  Abbildungen  {auf  5  Tafeln).  S.-A.  aus  Bonnet- Merkels  Ana- 
tomischen Heften  Bd.  15116.     Wiesbaden  1901.     Gr.  8°.    IV,  131  S.     [Diese  ivert- 

26* 


404  Iwan  Bloch. 

volle  Studie  bringt  eine  heinahe  vollständige  TJebersicht  über  die  Litteratur  der 
medizinischen  Archäologie  der  Römer  und  altitalischen  Völker,  so  dass  für  spezielle 
Studien  diese  Schrift  unentbehrlich  %st.'\ 


Theurgischer  Charakter  der  altitalisch-römischen  Heilkunde. 

Es  muss  als  eine  der  merkwürdigsten  Thatsachen  in  der  Geschichte 
der  Medizin  betrachtet  werden,  dass  die  nichtgriechischen  Bewohner 
der  apenninischen  Halbinsel  und  vor  allem  das  so  hochentwickelte 
Kulturvolk  der  Eömer  eine  medizinische  Wissenschaft  nicht  hervor- 
gebracht haben  und  daher  in  dieser  Beziehung  nicht  nur  hinter  den 
Griechen,  sondern  auch  hinter  den  Aegyptern,  ja  den  Indern,  Chinesen 
und  anderen  Völkern  der  alten  Welt  weit  zurückstehen.  Das  Vor- 
herrschen des  politischen  Elementes  in  Leben  und  Kultur  der 
Eömer  war  der  Entwicklung  einer  selbständigen  Wissenschaft  der 
Heilkunde  wenig  günstig.  Von  den  staatlichen  Gewalten  wurden 
Krankheiten  und  Epidemien  als  Schickungen  der  Götter  für  politische 
Zwecke  und  zur  Stärkung  der  Autorität  ausgenützt.  Dies  war  nur 
möglich,  weil  Eeligion  und  Menschenleben  vielleicht  tiirgends  so  innig 
verknüpft  waren,  wie  bei  den  italischen  Stämmen.  Der  Eömer  ver- 
ehrte „in  der  ganzen  Natur  das  Geistige  und  Allgemeine ;  jedem  Wesen, 
dem  Menschen  wie  dem  Baum,  dem  Staat  wie  der  Vorratskammer  ist 
der  mit  ihm  entstandene  und  mit  ihm  vergehende  Geist  zugegeben, 
das  Nachbild  des  Physischen  im  geistigen  Gebiete",  und  daher  wird 
„Ehe,  Geburt  und  jedes  andere  physische  Ereignis  mit  heiligem  Leben 
ausgestattet"  (Mommsen).  Dies  musste  zu  einer  fast  ausschliess- 
lichen Prävalenz  des  medizinischen  Aberglaubens  führen,  welchem 
gegenüber  eine  wissenschaftliche  Medizin  in  keiner  Weise  aufkommen 
konnte.  Es  ist  vielleicht  keine  Eeligion  der  Welt  so  von  medizinischen 
Dingen  durchwoben  wie  die  altrömische,  und  treffend  bemerkt  Fincken- 
stein,  dass  die  ganze  religiöse  Kultur  der  Eömer  zuletzt  voll- 
ständig einem  pathologischen  Systeme  geglichen  habe.  Nur  aus  der 
Mythologie  erfahren  wir,  welche  einzelnen  Krankheiten  den  Eömern 
bekannt  waren,  da  jede  Krankheit  als  Gott  oder  Göttin  auftritt.  Das 
Gleiche  gilt  von  den  Krankheitsursachen,  die  ebenfalls  personifiziert 
wurden,  und  von  den  einzelnen  Symptomen  und  Phasen  pathologischer 
oder  physiologischer  Vorgänge.  So  hatten  „wenigstens  zwanzig  Götter 
und  Göttinnen  bei  einem  Wochenbette  alle  Hände  voll  zu  thun,  und  wer 
die  oft  säuische  Denkungsart  auch  der  heutigen  Eömer  kennt,  wird 
sich  nicht  wundern,  dass  ihre  Ahnen  auch  das  erste  Debüt  eines  jungen 
Ehemannes  unter  die  Protection  einer  Pertunda  stellten"  (Fincken- 
stein).  —  Die  therapeutische  Beeinflussung  der  Krankheiten  be- 
schränkt sich  im  wesentlichen  auf  die  Vornahme  religiöser  bezw. 
magischer  Ceremonien,  auf  Sühneopfer,  Sühnefeste,  Gebete,  Wahr- 
sagungen aus  den  Eingeweiden  der  Tiere ,  dem  Fluge  der  Vögel,  Be- 
sprechen und  andere  abergläubische  Prozeduren,  wie  z.  B.  das  Ein- 
schlagen von  Nägeln  in  den  Tempel  des  Jupiter  (bei  Epidemien).^) 
AVie  diese  Massregeln  wahrscheinlich  zu  einem  grossen  Teile  von  den 


■^)  In  römischen  Gräbern  hat  man  Bronzenägel  gefunden,  die  wohl  ebenfalls 
als  solche  Zaubermittel  zu  betrachten  sind.  Vgl.  Augsburger  AUg.  Zeitung  1874 
Nr.  45  u.  46. 


Altrömische  Medizin.  405 

Etruskern  in  Eom  eingeführt  worden  sind,  so  gilt  das  auch  von  den 
zahlreichen  Votivgaben  oder  Weihgeschenken,  auf  die  man  in  neuerer 
Zeit  aufmerksam  geworden  ist.  Diese  „Donaria",  welche  aus  Bronze 
oder  Alabaster  gefertigt  wurden,  repräsentieren  die  ältesten  bildlichen 
Darstellungen  menschlicher  Eingeweide  und  liefern  uns  zugleich  einen 
Massstab  für  die  Beurteilung  der  anatomischen  Kenntnisse  der  italischen 
Völker. 


Medizinische  Gottheiten  der  Römer. 

Unter  den  zahlreichen  Heilgöttern  und  Heilgöttinnen  der  Römer, 
von  denen  an  dieser  Stelle  nur  die  wichtigsten  angeführt  seien,  sind 
zunächst  einige  von  mehr  allgemeiner  Bedeutung  zu  erwähnen.  — 
Eine  uralte  römische  Medizinalgöttin  war  Carna,  die  Beschützerin 
der  wichtigsten  Lebensfunktionen  (Gebet  an  die  Carna:  „ut  iecinora 
et  corda  quaeque  sunt  intrinsecus  viscera  salva  conservet".  Macro- 
bius,  Saturn,  üb.  I  c.  12,  31  if.;  Ovid,  fast.  VI,  182).  welche  auch 
die  blutsaugenden  „strigae"  abwehrte.  Ihr  Festtag  war  der  1.  Juni, 
die  „kalendae  fabariae",  weil  ihi*  Bohnenbrei  und  Speck,  die  alten 
italischen  Nahrungsmittel,  an  diesem  Tage  geopfert  wurden  (Ovid, 
fast.  VI,  101,  163 if.).  Nach  Wissowa^)  gehören  diese  „Carnaria" 
bereits  zu  dem  ältesten  römischen  Festcyklus.  Die  Carna  besass  ein 
altes,  angeblich  von  M.  Junius  Brutus  gegründetes  Heiligtum  auf 
dem  Caelius.  —  Der  D  e  a  Salus,  der  Göttin  der  Gesundheit,  war  auf 
dem  Quirinal  ein  Heiligtum  errichtet,  wo  eine  Anhöhe  „collis  Salu- 
taris"  und  das  Stadtthor  „porta  Salutaris"  hiess.  Hier  wurde  auch 
alljährlich  das  „Augurium  Salutis"  vorgenommen.  -)  —  Ebenfalls  als 
Hüter  der  Gesundheit  wurde  Mars  verehrt,  den  man  kurz  vor  der 
Ernte  um  Erntesegen  und  Gesundheit  anflehte  (Cato,  de  re  rust.  141). 
Wie  Apollo,  der  übrigens  auch  in  sehr  früher  Zeit  als  „Apollo  salu- 
taris" verehrt  wurde.  ^)  galt  auch  Mars  als  „Wehrer  aller  sommer- 
lichen Plagen  und  Krankheiten"  (W.  H.  Eoscher).  In  dem  be- 
rühmten Liede  der  Arvalbrüder  heisst  es :  „Lass  keine  Seuche  kommen 
über  mehrere!  Satt  sei,  grausamer  Mars!"  —  Gegen  die  häufigen 
Malariafieber*)  wurden  die  Dea  Febris  und  Mefitis  angerufen. 
Der  ersteren  waren  auf  dem  Esquilin,  Quirinal  und  Palatin  drei 
Tempel  errichtet  (Valerius  Maximus  II,  5,  6;  Plinius  II  c.  5; 
Aelian.  var.  histor.  XII,  11).  In  diesen  Tempeln  pflegten  die  Kranken 
die  Heilmittel,  welche  sie  an  ihrem  Leibe  getragen  hatten,  nach  er- 
langter Heilung  als  Weihgeschenke  niederzulegen  (Valer.  Maxim. 
II,  6).  Eine  von  Tomasini  mitgeteilte  Inschrift^)  zu  Ehren  der 
Febris  lautet:   Febri  Divae,  Febri  Sanctae,   Febri  Magnae  Camilla 


^)  Wissowa,  „De  feriis  anni  Romani  vetustissimi".  Index  lect.  Marpurg. 
1891,  S.  13. 

■■')  Näheres  über  diese  Göttin  bei  Will.  Musgrave,  „Dissertatio  de  dea  Salute 
in  qua  illius  symbola,  templa,  statuae,  nummi,  inscriptiones  exhibentur  iUustrantur", 
Oxford  1716. 

3)  Vgl.  Theod.  Mommsen  in:  Archäolog.  Zeitung  1869  S.  90. 

*)  Augustinus,  de  civitat.  Dei  IV,  15  nennt  sehr  bezeichnend  das  Fieber 
„römische  Bürgerin".   Vgl.  auch  Cicero,  De  natura  deor.  Ill,  25 :  L  a  c  t  a  n  t  i  u  s  I,  20. 

*)  Bei  J.  G.  Graevius,  „Thesaurus  autiquitatum  Romanarum",  Bd.  XII, 
Utrecht  1699,  S.  867. 


406  Iwan  Bloch. 

pro  filio  amato  male  aifecto. ^)  —  Die  Mefitis,  die  Göttin  der  Mias- 
men und  schädlichen  Ausdünstungen,  hatte  in  der  Gegend  des  Esquilin 
ihr  Heiligtum  (lucus  Mefitis  Varro  5,  49)  in  einem  heiligen  Haine. 
Sie  war  nach  Servius  (zu  Aen.  7,  84),  die  Personifikation  der  ge- 
fährlichen Schwefeldämpfe,  die  dem  Erdboden  an  gewissen  Stellen 
entsteigen.  Dieses  Phänomen  hatte  sich  wahrscheinlich  auch  auf  dem 
Esquilin  gezeigt,  ebenso  am  See  Ampsanctus,  wo  deshalb  ebenfalls  ein 
Tempel  dieser  Göttin  stand  (PI in,,  nat.  hist.  II,  208;  Cicero,  de  div. 
1,  36,  79).  In  einer  Inschrift  (Corp.  Inscr.  Latin.  9,  1421)  wird  die 
Mefitis  von  Ariano  erwähnt,  ist  also  dort  ebenfalls  verehrt  worden. 
Nach  Tacitus  (Hist.  3,  33)  stand  ein  „templum  Mefitis"  vor  den 
Thoren  von  Cremona.  Andere  Kultstätten  waren  in  Laus  Pompeia 
(Lodi  vecchio),  Potenza  u.  s.  w.  Nach  R.  Peter  (Roschers  My- 
tholog.  Lexikon  II  Spalte  2521)  war  die  Mefitis  nicht  nur  eine 
römische,  sondern  überhaupt  altitalische  Göttin,  deren  Kult  aus  dem 
Reichtum  des  Landes  an  schwefeligen  Ausdünstungen  hervorgegangen 
war.  —  Ein  Heiligtum  der  „Minerva  medica"  lag  ebenfalls  in  der 
Nähe  des  Esquilin.  Die  von  Pinto  veröffentlichte  Inschrift  eines 
Steines:  „Minervae  Memori  Coelia  luliane  Indulgentia  Medicinarum 
eins  infirmitate  gravi  liberata"  weist  auf  diese  Heilgöttin  hin.-) 

Sehr  zahlreich  waren  die  Gottheiten,  die  mit  dem  menschlichen 
Geschlechtsleben  in  Verbindung  gebracht  wurden.  Unter  ihnen  ragt 
besonders  hervor  Carmenta,  die  Göttin  der  Geburt  und  Geburts- 
hilfe (Ovid,  fast.  I,  618).  Ihr  zu  Ehren  wurden  von  den  Frauen 
die  „Carmentalia"  gefeiert,  die  am  11.  und  15.  Januar  stattfanden, 
und  bei  denen  der  „flamen  Carmentalis"  die  Opfer  anzündete  (Cicero, 
Brut.  56;  Corp.  Inscr.  Latin.  VI,  3720)  und  die  „Carmentarii"  die 
Orakelsprüche  der  Göttin  aufzeichneten  (Servius  z.  Aen.  VIII,  336). 
Bei  diesem  Feste  riefen  die  Priester  die  Carmenta  als  „Porrima" 
(Prorsa,  Antevorta)  und  „Postverta"  an,  je  nachdem  sie  um 
Schutz  bei  der  nach  vorn  oder  rückwärts  gewandten  Lage  des  Kindes 
angefleht  wurde.  (Ovid,  fast.  I,  631—633;  Gellius  XVI,  16,  4; 
Tertull.,  ad  nat.  II,  11).  Altäre  der  Carmenta  lagen  zwischen 
Capitol  und  Tiberfluss  an  der  „Porta  Carmentalis"  (Livius  V,  47, 
2 ;  Gellius  XVIII,  7,  2).  —  Eine  andere  Geburtsgöttin  der  Römer 
war  Lucina  (Juno),  *^)  die  Mondgöttin,  da  man  dem  Monde  einen 
Einfluss  auf  Menstruation  und  Entbindung  zuschrieb  (Juno  Fluonia, 
Fluvionia,  Lucina,  Sospita,  Conservatrix  [seil,  liberorum],  Dea  Natio 
[seil,  a  nascendo,  Cicero,  de  nat.  Deor.  III,  18],  Opigena,  Kupra 
[tuskisch]).  Ihre  Tempel  lagen  in  der  Nähe  des  Esquilin  und  auf 
dem  Forum  Olitorium,  auch  war  ihr  ein  heiliger  Hain  bei  Lanuvium 
geweiht  (Livius   VIII,   14;   XXIV,   10;   XXXII,  30;   XXXIV,   57; 


^)  Vgl.  Gl  US.  de  Mattheis,  .,Dissertazione  sul  culto  reso  dagli  antichi  Romani 
alla  dea  Febbre",  Rom  1814.  Französ.  üebers.  von  Haro  im  „Bulletin  de  la 
Societe  archeol.  de  la  Moselle'"  1862. 

^)  Vgl.  M.  B.  Thorlacius,  „Minerva  Romanorum  medica"  in:  Prolusiones  et 
Opuscula  academica.    Hauniae  1806,  Bd.  I  S.  137—150. 

^)  H.  P.  Schlosser,  „De  divis  obstetricantibus  et  circa  partum  recens  editum 
occupatis  ex  antiquitate  Romana  nonnihil".  Frankf.  a.  M.  1767;  W.  H.  Röscher, 
„Studien  zur  vergleichenden  Mythologie  der  Griechen  und  Römer",  Bd.  II:  Juno  und 
Hera,  Leipzig  1875.  —  Das  Gebet  der  Kreissenden  an  die  Lucina  lautete:  Juno 
Lucina  fer  opem,  serva  me  obsecro!  Vgl.  Terentius,  Andria  Act  III  sc.  1; 
Terentius,  Adelphi  Act  III  sc.  5. 


Altrömische  Medizin.  407 

Cicero,  de  natur.  deor.  II,  27;  I,  29;  de  divinat  I,  2,  44;  Propertius 
IV,  1;  Ovid,  Amor.  II,  23.  21;  Macrob.,  Saturn.  VII,  16). —  Eine  An- 
zahl von  Göttern  und  Göttinnen  behütete  und  beförderte  die  speziellsten 
geschlechtlichen  Vorgänge  wie  Dens  Subigus  („ut  virosubigaturvirgo"), 
Dea  Prema  („ut  subacta  ne  se  commoveat  prematur"),  Dea  Per- 
tun da  („quae  praesto  est  virginalem  scrobem  effodientibus  maritis"), 
Dea  P  erfica  (Arnobius  IV,  7).  Nach  Preller  war  die  Preraa 
zugleich  die  Göttin  der  Viehzucht  und  der  tierischen  Begattung,  wo- 
rauf ein  seltsames  bei  Rimini  gefundenes  Bildwerk  hindeutet.  Inter- 
c  i  d  0  n  a  hatte  die  Hut  über  den  Nabel,  0  s  s  i  p  a  g  a  sorgte  für  das 
Wachstum  der  Knochen.  Ferner  waren  Pilumnus,  Rumina  (Ru- 
milia),  Deverra,  Cunina,  Mena,  Uterina,  Fascinus  u.  a. 
bei  den  geschlechtlichen  Vorgängen  des  Weibes  thätig.  ^)  —  Besondere 
Erwähnung  bedarf  Mutunus  Tutunus,-)  der  Gott  der  weiblichen 
Empfängnis  und  männlichen  Befruchtung,  bei  dessen  Anrufung  sich 
die  junge  Frau  auf  ein  „Fascinum"  setzte,  als  welches  sehr  oft  das- 
jenige der  Priapus- Statuen  benutzt  wurde  (Arnob.  IV,  7 ;  Aug. 
VI,  9:  Priapus  nimis  masculus,  super  cuius  immanissimum  et  tur- 
pissimum  fascinum  sedere  nova  nupta  iubebatui'  more  honestissimo  et 
religiosissimo  matronarum).  Er  hatte  eine  Kapelle  in  Rom,  in  welcher 
die  Frauen  verhüllt  zu  opfern  pflegten.  — 

Nicht  zufrieden  mit  der  grossen  Zahl  ihrer  eigenen  Heilgottheiten 
führten  die  Römer  auch  fremde  ein.  wie  z.  B.  den  Asklepios  als  Aes- 
culapius,**)  dessen  Kult  im  Jahre  291  v.  Chr.  nach  einer  schweren 
Pest  auf  den  Rat  der  sibyllinischen  Bücher  von  Epidauros  nach  Rom 
verpflanzt  wurde  (Ovid,  Metamorph.  XV,  626 — 744 ;  P 1  i  n  i  u  s ,  Nat.  bist. 
XXIX,  4,  22;  Livius  XXIX,  11 ;  X,  47),  und  der  hier  einen  Tempel  auf 
der  Tiberinsel  erhielt,  mit  welchem  eine  sich  der  Inkubation  bedienende 
Heilanstalt  verbunden  war.  Hier  hat  man  auch  zahlreiche  Votivtafeln 
zu  Ehren  des  Aeskulap  gefunden;  ferner  Münzen  mit  dem  Bilde 
und  der  Schlange  des  Aeskulap*)  (Pinto  S.  67 fi*.).  A  n tonin us 
Pius  liess  auf  der  Insel  eine  Art  von  Hospital  errichten,  in  welchem 
Kranke  Aufnahme  fanden.  Das  „Collegium  Aesculapii  et  Hygieae", 
an  der  Via  Appia,  gegründet  154  n.  Chr.,  war  keine  Kranken-  son- 
dern eine  Altersversorgungsanstalt.*)  In  der  Kaiserzeit  wurden  die 
kranken  Sklaven  auf  die  Tiberinsel  geschickt,  ohne  dass  man  sich 
weiter  um  sie  kümmerte.  Daher  erliess  Kaiser  Claudius  ein  Gesetz, 
welches  allen  dort  anwesenden  Sklaven  die  Freiheit  schenkte. ")  —  Be- 
sondere Bedeutung  unter  den  fremden  Heilgottheiten  gewann  in  spä- 


')  Näheres  siehe  bei  E.  K.  J.  v.  Siebold.  „Versuch  einer  Geschichte  der  Ge- 
burtshülfe^  Berlin  1839,  Bd.  I  S.  114—122. 

*)  Mütünus  ^  juvTvoi  s.  /uvrreov  =  t6  ywaixeZov;  Tütünus  =  rcöa&r^^  Tioa&cor, 
äol.  nö&d'füv,  latein.  Puttunus  u.  Tuthunus. 

^)  Vgl.  A.  Schlüter,  „De  Aesculapii  cultu  a  Romanis  adscito  dissertatio", 
Münster  1833,  4  »  32  S. 

*)  Einen  römisch-etruskischen  Becher  mit  der  Inschrift:  ,,Asclapi  pocolom"  er- 
wähnt Haeser,  „Gesch.  der  christl.  Krankenpflege",  Berl.  1857,  S.  95. 

^)  Die  merkwürdige  Inschri.t,  welche  die  Schenkungs-  und  Stiftungsurkunde 
für  das  Collegium  Aesculapii  enthält,  ist  zuerst  von  Spon,  .,Recherches  curieuses 
d'antiquite",  Lyon  1683,  S.  326—340  mitgeteilt  worden,  auch  neuerdings  im  Corpus 
Inscript.  Latinar.,  Bd.  VI  Nr.  10234  abgedruckt. 

")  Sueton,  Claud.  c.  25:  Cum  quidam  aegra  et  afl'ecta  mancipia  in  insulam 
Aesculapii  taedio  medendi  exponerent,  omnes  qui  exponerentur,  liberos  esse  sanxit, 
nee  redire  in  ditionem  domini,   si  convaluissent ;   quod  si  quis  necare   quem  mallet. 


408  Iwan  Bloch. 

terer  Zeit  die  ägyptische  Isis,  deren  Kult  seit  August iis  eine  grosse 
Ausdehnung  annahm  (D  i  o  C  a  s  s  i  u  s  47,  15)  und  besonders  in  sitt- 
licher Beziehung  zu  argen  Ausschreitungen  Veranlassung  gab  (Ovid, 
ars  amand.  I,  27;  Sueton,  Domit.  1,  Otho  12;  Lampridius,  Com- 
modus  9,  Sever.  26;  Spartianus,  Caracalla  9),  wovon  auch  die 
„Isiacae    sacraria  lenae"  bei  Juvenal  VI,  488  Zeugnis  ablegen. 


Die  medizinischen  Weihgeschenke. 

Den  interessantesten  Bestandteil  des  von  den  Römern  über- 
nommenen altitalisch-etruskischen  Kultus  bilden  die  sogen.  Donaria 
in  Form  von  bildlichen  Darstellungen  menschlicher  Eingeweide  und 
pathologischer  Zustände,  ^)  welche  wohl  als  die  ältesten  Objekte  dieser 
Art  zu  betrachten  sind.  Hierher  gehören  zunächst  Darstellungen  der 
Leber  von  Tieren  (Schaf).  Da  aus  dem  Befunde  der  Leber  der  Opfer- 
tiere geweissagt  wurde,  so  mussten  die  Opferpriester  die  äusseren 
anatomisch-morphologischen  Verhältnisse  der  Leber  genau  kennen. 
Die  etruskischen  Haruspices  beobachteten  an  der  Leber  das  Ausfliessen 
des  Blutes,  das  allgemeine  Aussehen  der  Leber  und  der  Gallenblase, 
das  Aussehen  des  Processus  pyramidalis  der  Schafs-  und  Eindsleber 
und  noch  andere  Teile  der  Leber  z.  B.  das  Blutgefässsystem  und  die 
Gallenwege.  Die  Beschaifenheit  dieser  Partien  bildete  die  Grundlage 
für  die  Prophezeiung.  Solche  Tierlebern  wurden  nun  auch  in  Bronze 
oder  Alabaster  nachgebildet.  So  fand  man  Ende  September  1877  bei 
Settina  in  der  Nähe  von  Piacenza  eine  Bronzeleber  (Schafsleber),  -)  und 
im  Museum  der  Stadt  Volterra  ist  auf  einer  Alabasterurne  ebenfalls 
eine  solche  Schafsleber  abgebildet.  —  Beim  Ablassen  des  kleinen  Alpen- 
sees des  Monte  Falterone  wurden  1836  etwa  6 — 700  bronzene  Figuren, 
sämtlich  Weihgaben,  entdeckt,  darunter  „deutliche  Darstellungen  von 
Wesen,  die  an  Krankheiten  litten"  (Brustwunde,  Schwindsucht  u. 
dgl.  m.). ^)  Mit  Recht  erklärt  C.  Friederichs  ein  Paar  Augen  aus 
Bronze  für  das  Weihgeschenk  eines  Augenkranken,  da  sich  zahlreiche 
Marmorplatten  mit  zwei  Augen  und  Weihinschriften  darauf  erhalten 
haben.*)  Homolle  erwähnt  Augen,  Ohren,  Brüste,  Unterleib,  Ge- 
schlechtsteile, Arme  und  Hände,  Beine  und  Füsse,  die  man  entweder 
in  körperlicher  Nachbildung  oder  als  Reliefbild  den  Heilgöttern  als 
Dankesgabe  für  die  Genesung  von  der  den  betreffenden  Teil  heim- 
suchenden Krankheit  darbrachte.  Ja,  sogar  das  Haupthaar  von  Frauen 
wurde  im  Reliefbild  als  Votivgeschenk  in  dem  Heiligtum  der  Gottheit 
niedergelegt.  ^)     . 


quam  exponere,  caedis  crimine  teneri.  Nach  späterem  römischen  Recht  war  sogar 
„Servus  aegrotus,  nisi  ejus  curam  gerat  dominus,  sit  liher".  Cod.  Just.  VI  tit.  4. 
Digest.  I  tit.  5  1.  52. 

^)  Siehe  darüber  Servius  z.  Aen.  XII,  683. 
.  ®)  „Etruskische  Forschungen  und  Studien"  von  Deecke  und  Pauli,  Stuttgart 
1882,  Heft  2  S.  65—87. 

^)  Vgl.  G.  Dennis,  „Die  Städte  und  Begrähnisplätze  Etruriens",  Leipzig 
1853. 

*)  K.  Friederichs,  „Kleine  Kunst  und  Industrie  im  Altertum,  oder  Berlins 
antike  Bildwerke",  Düsseldorf  1871,  Bd.  II  S.  279—285. 

*)  Homolle,  Artikel  „Donarium"  in:  Dictionnaire  des  antiquites  Grecques  et 
Romaines  par  Daremherg  et  Saglio,  Paris  1892,  Bd.  II  S.  375.  —  Füsse 
wurden  auch  nach  glücklich  üherstandener  Reise  dargebracht. 


Altrömische  Medizin.  409 

Stieda  teilt  die  Darstellungen  der  Eingeweide  in  drei  Gruppen 
ein:  1.  Bildliche  Darstellungen  von  Eingeweiden  am  bekleideten  oder 
unbekleideten  Menschen  mit  geöffneter  Leibeshöhle.  —  2.  Bild- 
liche Darstellungen  einer  Gruppe  von  Eingeweiden  auf  einer  Tafel 
oder  Scheibe  (Museo  Nazionale  in  Rom,  Veji).  —  3.  Einzelne  Ein- 
geweide. Man  findet  Herz,  Trachea,  Lunge,  Zwerchfell,  Nieren,  Milz, 
Magen,  Darmkanal,  Harnblase  abgebildet,  auch  männliche  und  weib- 
liche Geschlechtsorgane,  die  man  wahrscheinlich  bei  Krankheiten  der- 
selben darbrachte.  Wenn  auch  diese  Darstellungen  sich  am  mensch- 
lichen Körper  finden,  so  beruhte  dies  nicht  auf  einer  Kenntnis  der 
menschlichen  Anatomie,  sondern  einfach  auf  einer  Uebertragung  der 
Formen  tierischer  Eingeweide  auf  den  Menschen J) 


Medizinalwesen  der  älteren  Zeit. 

Die  bisher  mitgeteilten  Thatsachen  lassen  die  Behauptung  des 
Theophrast  (Hist. plant. IX,  15),  dass  Tyrrhenien  und  Latium  durch 
die  Heilkunst  seiner  Bewohner  berühmt  seien,  sehr  wenig  begründet 
erscheinen,  und  es  ist  diese  Angabe  schon  von  P 1  i  n  i  u  s  (N.  h.  XXV,  5) 
widerlegt  worden.  Auch  Pinto s  Einteilung  der  altrömischen 
Medizin  in  drei  Perioden,  die  rein  botanische  (von  den  Marsern  er- 
fundene), die  mineralisch -balneologische  (der  Etrusker)  und  die 
Periode  der  gemischten  botanisch-mineralischen  Heilkunst  bis  zur  An- 
kunft der  griechischen  Aerzte  Archagathos  und  Asklepiades 
erscheint  sehr  wenig  glaubwürdig.  Einstweilen  besitzen  wir  nur  sehr 
dürftige  Kenntnisse  über  das  ältere  Medizinalwesen  der  Römer.  Wir 
wissen,  dass  die  ersten  Könige  verschiedene  Sanitätsgesetze  erliessen,  ^ 
dass  die  Decemvirn  die  Dauer  der  Schwangerschaft  auf  10  Monate 
festsetzten  (In  decem  mensibus  homines  gigni),  die  Toten  ausserhalb 
der  Stadt  zu  beerdigen  befohlen  und  das  Behexen  verboten  (Qui  ma- 
lum  Carmen  incantassit  coerceto).  Es  scheint  auch  einen  eigenen 
Aerztestand  gegebein  zu  haben.  Dionysius  von  Halikarnass 
erwähnt  Aerzte  bei  der  Epidemie  des  Jahres  451  v.  Chr.  (X,  53).  Das 
Aquilische  Gesetz  aus  dem  4.  Jahrhundert  v.  Chr.,  welches  den  Arzt, 
der  einen  von  ihm  operierten  Sklaven  vernachlässigte,  für  dessen  Tod 
verantwortlich  machte  (Si  medicus,  qui  servum  tuum  secuit,  dereliquerit 
curationem  ejus  et  ob  id  mortuus  fuit  servus,  culpae  reus  erit.  In- 
stitut. IV  tit.  3  §  6,  7),  setzt  die  Existenz  eines  freien  Aerztestandes 
voraus.  Auch  konnten  die  Römer  bei  den  zahlreichen  Kriegen  der 
republikanischen  Zeit  schwerlich  der  Hilfe  von  Aerzten  entbehren. 
So  erwähnt  Silius  Italiens  (Punicor.  VI,  90 — 100)  einen  Militärarzt 
Mar  US  aus  Perusia,  der  nach  der  Schlacht  am  Thrasymenischen  See 
den  verwundeten  Serranus  behandelte.  Von  Plinius  wird  ein 
Arzt  M.  Caecilius  erwähnt,  der  die  per  vaginam  erfolgte  Vergiftung 
der  Frauen  des  Calpurnius  Bestia  (120  v.  Chr.)  behauptet  haben 
soll  (Plinius,  N.  h.  XXVII,  4;  XXIX,  85). 

Offenbar  aber  kann  sich  der  altrömische  Aerztestand  nicht  durch 


^)  V^l.  noch  die  (übrigens  von  Stieda  wiederangeführte)  Litteratur  und 
die  Bemerkungen  darüber  bei  H.  Haeser,  „Lehrbuch  der  Geschichte  der  Medizin" 
I  S.  392—394.  Ferner  Abbildungen  von  Weihgeschenken  auf  Taf.  34  des  Atlas  zu 
„Magistri  Salernitani  nondum  editi"  ed.  P.  Giacosa,  Turin  1901. 

2)  Vgl.  Pinto  a.  a.  0.  S.  85 ff. 


410  Iwan  Bloch. 

bedeutendes  Wissen  und  Können  ausgezeichnet  haben,  da  er  seit  dem 
Ende  des  dritten  Jahrhunderts  v.  Chr.  durch  die  nach  Eom  ein- 
wandernden griechischen  Aerzte  ganz  in  den  Hintergrund  gedrängt 
wurde,  wobei  freilich  der  Begriff  „Arzt"  sehr  weit  gefasst  wurde  und 
auch  unsere  heutigen  Heilgehilfen  umfasste.  Denn  viele  kamen  aus 
den  griechischen  Gymnasien  und  Ringschulen  (Gellius,  Noct.  Att. 
XII,  5),  wo  sie  nur  untergeordnete  ärztliche  Funktionen  ausgeübt 
hatten.  Manche  waren  auch  Sklaven  und  wurden  bei  besonderen  Ver- 
diensten Freigelassene,  wie  z.  B.  der  Arzt  des  Augustus  Antonius 
Musa  (Sueton,  August.  59).  Unter  der  grossen  Menge  dieser  ein- 
gewanderten griechischen  Heilbeflissenen  ragte  besonders  ein  Mann 
hervor,  den  Plinius  wohl  irrtümlich  als  den  ersten  in  Rom  an- 
sässigen hellenischen  Arzt  bezeichnet  hat.  Es  war  dies  Archa- 
gathus,  der  Sohn  des  Lysanias,  der  im  Jahre  219  v.  Chr.  aus 
dem  Peloponnes  einwanderte  und  sich  alsbald  einen  grossen  Ruf  in 
der  Behandlung  von  Wunden  und  Geschwüren  erwarb,  daher  er  den 
Beinamen  „Vulnerarius"  erhielt,  sowie  das  römische  Bürgerrecht  und 
eine  Bude  (Taberna)  ^)  am  acilischen  Kreuzwege  nahe  dem  Forum  Mar- 
celli.  Seine  spätere  Operationswut  und  Rücksichtslosigkeit  im  Schneiden 
und  Brennen  verwandelten  die  Gunst  in  Hass  und  den  Beinamen 
„Vulnerarius"  in  „Carnifex"  (Plinius,  H.  N.  XXIX,  1,  6).-)  — 
Cicero  erwähnt  einen  griechischen  Arzt  Lyso*')  und  wirft  dabei 
den  Griechen  überhaupt  Nachlässigkeit  vor  (Cicero,  Epist.  ad  Tiron. 
4;  9:  „Lyso  enim  noster  vereor,  ne  negligentior  sit;  primum  quia 
omnes  graeci;  deinde,  quod  cum  a  me  litteras  accepisset,  mihi  nul- 
las  remisit.  Sed  tu  eum  laudas."),  wie  denn  auch  die  übrigen  Römer 
vom  alten  Schlage  (s.  unten  Cato)  die  griechischen  Aerzte  mit  Miss- 
trauen betrachteten,  wozu  gewiss  Veranlassung  vorlag.*)  Erst  As- 
klepiades  (s.  oben)  vermochte  die  griechische  Heilkunst  vollkommen 
in  Rom  einzubürgern  und  auch  die  römischen  Aerzte  zur  Beschäftigung 
mit  derselben  heranzuziehen. 

Mit  den  griechischen  Aerzten  scheinen  auch  die  griechischen 
Hebammen  nach  Rom  gekommen  zu  sein,  die  Plinius  als  „ob- 
ste tricum  nobilitas"  (XXVIII,  18)  bezeichnet,  womit  ausgedrückt  wird, 
dass  sie  Freie  waren.  Berühmt  war  z.  B.  die  Salpe,  von  der  Pli- 
nius eine  Reihe  abergläubischer  Mittel  und  Prozeduren  aufbewahrt 
hat  (PI in.,  N.  H.  XXVIII,  38,  66,  82,  262;  XXXII,  135,  140).  Auf 
einer  Inschrift   kommt  eine  „latromaea,  regionis  suae  prima"  vor.  ^) 


')  Die  Buden  (tabernae,  medicinae)  der  griechischen  Aerzte  werden  von 
PI  au  tu  s  öfter  erwähnt  (Epidic.  act.  II  scen.  2  v.  14;  Menaechm.  act.  V  sc.  4,  5, 
7;  Amphitr.  act.  IV  sc.  1  v.  5). 

^)  Geis  US  hat  uns  die  Vorschrift  des  Archagathus  zu  einem  „Emplastrum 
lene"  erhalten  (Gels.  V  cap.  19  §  27). 

")  Vgl.  über  diesen  J.  Goulin,  „Dissertation  dans  laquelle  on  explique  un 
passage  de  Giceron  relatif  ä  la  medecine,  et  dans  lequel  ou  demonstre  que  Lyso  .  .  . 
ne  fut  point  medecin  etc."    Paris  1779.  4  **. 

*)  Dafür  spricht  Sullas  Gesetz  gegen  Giftmischerei  (Digestor.  48  Tit.  8  L.  3 
§  1).  Vgl.  über  die  Aerzte  als  Giftmischer  Cicero  pro  A.  Glement.  16,  Epist.  ad 
Brut.  16. 

^)  Sprengel-Rosenbaum,  „Geschichte  der  Arzneikunde",  Leipz.  1846, 
Bd.  I  S.  223. 


Ältrömische  Medizin.  411 


Altrömische  medizinische  Litteratur. 

Eine  eigentliche  wissenschaftliche  medizinische  Litteratur  der 
alten  Römer  existiert  nicht,  da  es  eben  keine  medizinische  Wissen- 
schaft gab.  Die  ärztlichen  Schriftsteller  wurden  daher  in  ßom  durch 
jene  Verfasser  von  encyklopädischen  Handbüchern  vertreten,  in  denen 
neben  anderen  Wissenszweigen  auch  die  Medizin  abgehandelt  wurde, 
aber  nur  insofern  als  sie  eben  für  den  Hausgebrauch  des  praktischen 
Römers  bestimmt  war,  der  als  Pater  familias  auch  die  ärztliche  Be- 
handlung seiner  Familie  und  seiner  Sklaven  mitübernahm.  Der 
älteste  dieser  Autoren  istMarcusPorciusCato  (234—149  v.  Chr.).  ^) 
Er  war  einer  der  letzten  Pfleger  altrömischer  Zucht  und  Sitte,  ein 
Mann  von  echtem  Schrot  und  Korn  („ferrei  prope  corporis  et  animi", 
Cicero,  De  senect.  7,  14),  dem  die  feine  Bildung  der  Griechen  ver- 
hasst  war,  und  der  daher  in  Reden  und  Schriften  ihrer  verweichlichen- 
den üppigen  Kultur  altrömische  Einfachheit  und  Mannhaftigkeit  ent- 
gegenstellte. Bekannt  ist  sein  heftiger  Ausfall  gegen  die  griechischen 
Aerzte,  den  uns  Plinius  erhalten  hat.  Er  beschuldigt  sie  der  Ver- 
schwörung gegen  das  Leben  aller  Ausländer  und  eines  unerträglichen 
Geisteshochmutes  (PI in.,  N.  H.  XXIX,  1,  7).  Cato  hat  die  Medizin 
in  den  „Unterweisungen"  (Praecepta  ad  filium),  in  denen  auch 
die  eben  erwähnte  Stelle  über  die  griechischen  Aerzte  enthalten  war, 
und  in  der  Schrift  über  den  Ackerbau  (De  a g r i c u  1 1 u r a)  -)  be- 
handelt. Plinius  berichtet,  dass  Cato  auch  einen  „Kommentar"  be- 
sessen habe,  welcher  ihn  bei  der  Heilung  seiner  kranken  Kinder, 
Knechte  und  sonstigen  Hausgenossen  unterstützt  habe,  welches  Rezept- 
buch noch  von  Plinius  benutzt  wurde  (N.  H.  XXIX,  8;  Plutarch., 
Cat.  maj.  23.)  Catos  Heilmethode  war  eine  wesentlich  diä- 
tetische, in  welcher  der  schon  von  den  Pj'thagoräern  gepriesene 
Kohl.  (De  agric.  c.  156;  Plin.,  N.  h.  XX,  33;  Plinius  Valerian, 
De  re  med.  IV,  29)  und  Wein  die  Hauptrolle  spielten.  Grossen  Wert 
legte  er  noch  auf  Besprechungen  und  magische  Prozeduren. 
So  giebt  er  z.  B.  gegen  Quetschungen  und  Verrenkungen  folgende 
Sprüche  an:  „Luxum  si  quod  est,  hac  cautione  sanum  fiet.  Harun- 
dinem  prende  —  incipe  cantare  in  malo,  S.  F.  (Sanitas  Fracto)  motas 
vaeta  daries  dardaries  astata  taries,  die  una  paries,  usque  dum  coeant. — 
Vel  hoc  modo:  huat  hanat  huat  ista  pista  sista,  domina  damnaustra 
et  luxato.  Vel  hoc  modo,  huat  haut  haut  ista  sis  tar  sis  ardannabon 
dunnaustra"  (De  agric.  160);  andere  Sprüche  c.  70,  73,  83,  103,  122, 
123,  125,  127,  156 — 159).  Doch  besass  Cato  achtbare  chirurgische 
Kenntnisse  (Luxationen  und  Frakturen,  Geschwüre,  Polypen,  Strangurie, 
Mastdarmfisteln). 

Der  grösste  „Polyhistor"  der  Römer,  Marcus  Terentius  Varro 
(117—26  V.  Chr!)  hat  ebenfalls  in  seinen  Werken  die  Medizin  be- 
handelt. In  seiner  grossen  Encyklopädie  „Disciplinarum  libri  IX" 
stand  die  Medizin  an  achter  Stelle,  und  er  verfasste  diesen  medizi- 
nischen Teil  w^ahrscheinlich  im  Jahre  33  v.  Chr.  (Schanz).    Ferner 


^)  Cortese,  „De  M.  Porcii  Catonis  vita,  operibus  et  lingua",  Turin  1883. 

^)  Beste  und  neueste  Ausgabe:  M.  Catonis  de  agricultura  Über  M.  Terentii 
Varronis  rerum  rusticarum  libri  tres  ed.  H.  Keil,  Leipzig  1884;  Kommentar  dazu 
als  Bd.  II,  Leipzig  1891.    Kleine  Textausgabe  Leipzig  189Ö. 


412  Iwan  Bloch. 

waren  die  Aerzte  wohl  im  siebenten  Fache  der  „Imagines"  (Bio- 
graphien und  Porträts)  vertreten,  seine  Schrift  „Catus,  sive  de  liberis 
educandis"  enthielt  gewiss  auch  Medizinisches,  und  in  seinem  noch 
erhaltenen  Werke  über  den  Landbau  ^)  finden  wir  treft'ende  Bemer- 
kungen, die  von  Varros  hervorragender  ärztlicher  und  hygienischer 
Bildung  ein  bemerkenswertes  Zeugnis  ablegen.  So  hat  man  erst  in 
unserer  Zeit  die  berühmte  Stelle  (Rer.  rusticar.  1.  I,  12,  2):  „Animad- 
vertendum  etiam,  si  qua  erunt  loca  palustria  .  .  .  quod  crescunt  ani- 
malia  quaedam  minuta;  quae  non  possunt  oculi  consequi,  et  per  aera 
intus  in  corpus  per  os  ac  nares  perveniunt  atque  elficiunt  difficiles 
morbos"  als  eine  geniale  Vorahnung  der  parasitären  bezw.  bacillären 
Ursache  der  Infektionskrankheiten  (hier  Malaria)  erkannt.  Seine 
hygienischen  Vorschriften  für  den  lÖau  von  Landhäusern  (ibidem)  sind 
sehr  beachtenswert.  Bei  einer  Pest  auf  Corfu,  wo  Pomp  ejus  mit 
seinem  Heere  und  seiner  Flotte  weilte,  und  alle  Häuser  voll  von 
Kranken  und  Leichen  waren,  gelang  es  Varro  durch  ausgezeich-nete 
hygienische  Massregeln  (kräftige  Ventilation,  Isolierung  der  Kranken, 
Erneuerung  der  Wohnungen  u.  a.  m.)  der  Seuche  Einhalt  zu  thun 
(Rer.  rusticar.  lib.  I,  4,  5). 

Auch  der  grosse  Pompejus  brachte  der  Medizin  ein  lebhaftes 
Interesse  entgegen.  Er  liess  die  in  seinen  Besitz  übergegangenen 
„Gedenkblätter"  ('/iTO;i/v}j,t(aTa)  des  Königs  M  i  t  h  r  i  d  a  t  e  s ,  eine  Samm- 
lung toxikologischer  Versuche  und  pharmakologischer  Notizen  durch 
seinen  Freigelassenen  Pompejus  Lenaeus  bearbeiten  (PI in.,  N. H. 
XXV,  5-7;  63;  XXIII,  149;  XXIV,  67). 

Wie  Pompejus  nahm  auch  Cicero  grosses  Interesse  an  der 
Medizin,  wie  aus  zahlreichen  Stellen  seiner  Schriften  hervorgeht,  -) 
besonders  aus  Kapitel  54  bis  57  von  „De  natura  deorum"  (Aufzählung 
der  Organe  des  Körpers  und  ihrer  Funktionen)  sowie  aus  dem  Werke 
über  das  Greisenalter. ^)  Ebenso  finden  wir  beiGellius,  Seneca 
und  Vitruvius  gelegentliche  Notizen  und  Urteile  über  medizinische 
Dinge.  Gellius,  der  eine  gewisse  Kenntnis  der  Medizin  auch  für 
den  Laien  für  erspriesslich  hält,  berichtet,  dass  er  selbst  medizinische 
Bücher  gelesen  habe  (Noct.  att.  XVIII,  10)  und  teilt  als  Lesefrüchte 
einige  Curiosa  mit  wie  z.  B.  die  Geburt  von  Fünflingen  (X,  2),  die 
ominöse  Bedeutung  des  63.  Lebensjahres  (XV,  7),  spricht  über  Fehl- 
geburten, wobei  er  den  Namen  „Agrippa"  von  „aegritudo"  und  „pedes" 
ableitet  (XVI,  16),  über  die  Siebenmonatskinder  und  deren  Lebens- 
fähigkeit (III,  16),  die  Pflicht  des  Selbstnährens  (XII,  1)  u.  a.  m.  — 
L.  Annaeus  Seneca*)  wurde  schon  durch  seine  lebenslange  Kränk- 


^)  Ausgabe  von  Keil  s.  oben. 

'^)  Vgl.  B.  F.  R.  Lauhn,  „Dissert.  epistolica  de  Cicerone  artis  medendi  ac 
medicorum  patrono",  Jena  1750,  4°;  A.  M.  Birkholz,  „Cicero  medicus  etc." 
Leipzig  1806,  8",  2.  Aufl.  1812;  P.  Meniere,  ,.Ciceron  medecin.  Etüde  medico- 
litteraire",  Paris  1862,  12 »,  VI,  276  S.  (Gründlich.)  Vgl.  dazu:  C.  Saucerotte, 
„Ciceron  medecin"  in:  Gazette  medicale  de  Paris,  1863  Bd.  XVIII  S.  597  ff. 

*)  Alexandre,  „Appreciations  medicales  sur  le  traite  de  la  vieillesse  de 
Ciceron",  Amiens  1869,  8  »,  31  S. 

*)  Vgl.  A.  J.  Kirsten  und  G.  G.  Zeltner,  „De  Seneca  medico  etc.",  Altorf 
1738,  4°,  20  S.;  P.  Sue,  „Commentaires  litteraires  sur  quelques  passages  des  Lettres 
de  Seneque  .  .  .  relatifs  ä  la  medecine"  s.  1.  8°,  30  S.;  A.  Alexander,  „Die  in  den 
Philosoph.  Schritten  des  S.  enthaltenen  ärztlichen  Bemerkungen"  in:  Pfaffs  Mit- 
theilungen 1839;  K.  F.  H.  Marx,  „Uebersichtliche  Anordnung  der  die  Medicin  be- 
treffenden Aussprüche  des  Philosophen  Lucius  Annaeus  Seneca"  in:  Abh.  der  kön. 
Gesellsch.  der  Wissenschaft  in  Göttingen  1877,  Bd.  XXII  S.  66  ff. 


Altrömische  Mediiin.  413 

lichkeit^)  auf  die  Beschäftigung-  mit  der  Medizin  geführt,  die  er 
wesentlich  als  Diätetik  auffasste.  Er  tadelt  deshalb  die  Polypharmacie, 
geisselt  aber  auch  das  übertriebene  Baden  und  Schwitzen  und  scheint 
den  ihm  von  seinem  Lehrer  Sotion  empfohlenen  Vegetarismus  (Epist. 
108,  22)  bald  satt  bekommen  zu  haben,  da  er  nur  ein  Jahr  dies 
Regime  befolgte.  Massigkeit  ist  nach  Seneca  die  Hauptursache  des 
langen  Lebens,  welches  ferner  durch  den  Genuss  der  Landluft  be- 
günstigt wird.  Auch  preist  er  das  milde  winterliche  Klima  des  Golfs 
von  Tarent  und  Siciliens  (Epist.  95,  58).  Mehrere  Bemerkungen  über 
Hautleiden  und  Geschwüre,  und  embryologische  Notizen  (deira  lib.  2  c.  1) 
sind  von  Interesse.  Ferner  schrieb  Seneca  eine  verloren  gegangene 
Schrift  über  den  vorzeitigen  Tod  (De  immatura  morte).  —  Vitruvius 
berücksichtigt  in  seiner  Schrift  über  Baukunst  vielfach  die  Erfordernisse 
der  Hygiene,  wofür  besonders  das  vierte  Kapitel  des  ersten  Buches 
charakteristisch  ist,  in  welchem  er  über  die  Bedingungen  der  gesunden 
Lage  einer  Stadt  spricht.  Der  Ort  muss  hoch  liegen,  weder  dem 
Nebel,  noch  zu  grosser  Kälte  bezw.  Hitze  ausgesetzt  sein..  In  der  Nähe 
dürfen  keine  Sümpfe  sich  befinden,  da  von  diesen  „giftige  Dünste"  auf- 
steigen, die  den  Menschen  verderblich  sind.  Speisen,  Obst,  Getränke 
werden  am  besten  an  Orten  aufbewahrt,  die  von  der  Sonne  abge- 
wandt liegen.  Als  Kriterium  für  die  Salubrität  einer  Oertlichkeit  gilt 
die  Beschaffenheit  der  Leber  von  Haustieren,  deren  gi-üngelbe  Farbe 
die  Krankheit  des  Tieres  anzeigte.  Wiederholte  sich  das  bei  mehreren 
Tieren,  so  ist  der  Ort  als  auch  für  Menschen  ungesund  anzusehen. 
Winde  sind  nach  Vitruv  (De  architect.  I,  6)  der  Gesundheit  nicht 
zuträglich,  am  besten  ist  ein  Ort,  von  dem  der  Wind  ganz  ausge- 
schlossen ist.  Südwind  macht  krank,  Nordwest-Nordwind  ruft  Husten 
hervor,  Nordwind  erzeugt  heftige  Kälte.  Als  Beispiel  für  eine  solche 
den  W^inden  allzu  sehr  ausgesetzte  Stadt  wird  Mytilene  auf  Lesbos 
angeführt.  Ein  windfreier  Ort  ist  besonders  geeignet  für  die  Heilung 
von  Krankheiten.  Der  Zutritt  des  Tageslichtes  zu  den  einzelnen 
Zimmern  des  Hauses  wird  je  nach  dem  Zwecke  derselben  in  ver- 
schiedener Weise  geregelt  (I,  2).  Im  8.  Buche,  das  vom  Wasser,  Bädern 
und  Wasserleitungen  handelt,  gedenkt  Vitruv  der  Gefahren  der 
bleiernen  Wasserleitungsröhreu  und  der  Krankheiten  der  Bleiarbeiter. 
Aus  den  letzten  Zeiten  der  Republik  und  der  Zeit  des  A  u  g  u  s  t  u  s 
stammen  einige  kleinere  naturwissenschaftlich-medizinische  Schriften. 
PubliusNigidiusFigulus  (t45v.  Chr.)  -)  schrieb  „de  animalibus" 
(Macrob.,  Sat.  3,  16,  7),  „de  hominum  naturalibus"  (Serv.  zu  Verg. 
Aen.  1,  177).  Nach  Schanz  lag  den  naturwissenschaftlichen  Schriften 
des  Nigidius  Figulus  vielleicht  eine  Gliederung  in  drei  Teile: 
Mensch,  Zeit,  Natur  zu  Grunde.  —  Aemilius  Macer.  der  Aeltere 
(t  15  V.  Chr.),  verfasste  nach  Ovid  (Tristia  4,  10,  43:  Oft  las  über 
die  Vögel  mir  vor  der  ältere  Macer,  Ueber  den  giftigen  Biss,  über  das 
heilende  Kraut)  Schriften  über  die  Ornithologie,  die  Gifte  und  die 
Heilkräuter.  Die  Existenz  dieses  dritten  Gedichtes  wird  neuerdings 
von  K.  P.  Schulze  („Ovid.  Trist.  IV,  10,  43  s."   in:  Rhein.  Mus.  f. 

^)  Er  machte  den  Eindruck  eines  Schwindsuchtskandidaten  (Dio  Cass.  59,  19). 
Vgl.  Hochart,  „Etüde  sur  la  vie  de  Seneque",  Paris  1885;  Diepenbrock,  „L. 
A.  Senecae  philosophi  vita",  Amsterdam  1888. 

2)  M.  Hertz,  „De  P.  Nigidii  Figuli  studiis  antique  operibus".  Berlin  1845; 
Roehrig,  „De  P.  Nig.  Figuli  capita  11",  Dissert.  Leipzig  1887;  Swoboda, 
j.Publii  iNigidii  Figuli  operum  reliquiae"  und  Prolegomena,  Wien  1889. 


414  Iwan  Bloch. 

Philologie  1898  Bd.  53  S.  541—546)  bestritten,  und  es  ist  also  anzu- 
nehmen, dass  die  Heilmittel  schon  in  den  „Theriaka"  des  Aemilius 
Macer,  jenem  Gedicht  über  die  Gifte,  einer  Nachahmung  der  gleich- 
namigen Schrift  desNikander,  mitenthalten  waren.  Ausserdem  ver- 
fasste  er  ein  Gedicht  „Ornithogonia".  —  C.  Valgius  Rufus,  ein 
Freund  des  Horaz,  schrieb  ausser  rhetorischen  und  grammatischen 
Werken  eine  „Heilmittellehre",  die  aber  nicht  vollendet  wurde.  Sie 
war  dem  Augustus  gewidmet,  dessen  Schutz  gegen  alle  Leiden  der 
Menschen  in  der  Vorrede  erfleht  wird.  Das  Werk  gelangte  unvoll- 
endet zur  öffentlichen  Verbreitung  (Plinius,  N.  h.  XXV,  4). i) 


^)  Plinius  der  Aeltere,  der  eigentlich  hierher  gehörte,  ist  bereits  oben 
(S.  348—349)  bearbeitet  worden.  Da  die  gesamte  griechische  Medizin  bis  auf 
Galen  (inklusive)  von  einem  einzigen  Autor  zusammenhängend  bearbeitet  wurde, 
der  eigentlich  dazu  gehörige  C  e  1  s  u  s  aber  mir  zufiel,  so  habe  ich  den  aus  griechischen 
Quellen  schöpfenden,  aber  doch  römischen  Arzt  Celsus  hier  angeschlossen. 


C  e  1  s  u  s. 

Von 
Iwan  Bloch  (Berlin). 


Litteratur 

(in  chronologischer  Anordnung), 

Die  ältere  Litteratur  (16.,  17.,  18.  Jahrhundert)  zu  Celsus  verzeichnet  L. 
Cfioulantf  „Handbuch  der  Bücherkunde  für  die  ältere  Medicin",  2.  Aufl.,  Leipzig 
1841,  S.  175—179. 

Jßianconi,  „Lettere  sopra  Celso",  Rom  1779,  8°,  deutsch  von  L.***  mit  einer 
Zuschrift  von  C.  C.  Krause,  Leipzig  1781,  8'*.  —  Hermann  Friedländer, 
„De  medidna  oculorum  apud  Celsum  commentaritis",  Halle  1817,  8  ",  30  S.  —  C.  G. 
Kühn,  „Commentatio  in  Celsi  librum  VII  c.  26  de  calculi  sectione",  Progr.  I—IV, 
Leipzig  1822 — 1823,  4°.  —  G.  E.  Uohlhojf',  „  lieber  die  Augenheilkunde  des  Celsus", 
in  Graefes  u.  v.  Walters  Journal  der  Chirurgie  etc.  1823  Bd.  V  S.  408 — 426.  — 
«7.  A.  H.  Nicolai,  „Quaedam  de  cholera,  quam  Celsus  descripsit  eixcsque  similitudine 
cum  cholera  asiatica".  Dissertation,  Berlin  1832,  4^,  14  S.  —  C.  J.  van  Cooth, 
„Diatribe  in  diaeteticam  veterum,  maxime  in  A.  C.  Celsi  praecepta  diaetetica,  Hippo- 
cratis  et  Galeni  placitis  illustrata".  Trag,  ad  Rhen.  1835,  8^.  —  H.  J.  Clir.  Fr. 
Brandenburg-Schaeffer,  „De  arte  obstetricia  Aul.  Cornel.  Celsi  commentatio 
historico-obstetricia\  Göttingen  1837,  4°,  66  S.  —  K.  F,  Flemniinff,  „Einiae 
Betrachtungen  über  des  C.  Celsus  Kapitel  von  den  Geistesverivirrungen"  in:  Jacobi 
und  Nasses  Zeitschrift  für  Seelenheilkunde  1837  Heft  3.  —  J.  E.  Mi/ba,  „Weitere 
Erläuterung  der  Lehre  des  Celsus  über  die  chirurgische  Behandlung  verstümmelter 
Lippen,  Ohren  und  Nasen"  in:  v.  Walt  her  und  v.  Amnions  Journal  für  Chirurgie 
1840  Bd.  I  S.  313—345.  —  Derselbe,  „Bemerkungen  über  des  Herrn  Prof. 
Schümanns  Erklärung  der  Steinschnittmethode  des  Celsus'',  ibidem  1841  Bd.  II 
S.  43—52  (Schömanns  Erwiderung,  ibid.  1842  Bd.  III  H.  4).  —  J.  F.  X.  Schö- 
mann,  „Commentatio  de  Uthotomia  Celsiana  critico - chirurgica" ,  Jena  1841,  4^, 
32  S.  (2  Tafeln).  —  H.  Paldamits,  „De  Comelio  Celso^'  in:  Programm  des 
Gymnasiums  zu  Greifswald  1842,  S.  5 — 14  (S.  13 — 14  Sammlung  der  nichtmedi- 
zinischen Fragmente  des  C).  —  L,  Zeis,  „Drei  chirurgische  Abhandlungen  über  die 
plastische  Chirurgie  des  Celsus",  Dresden  u.  Leipzig  1843,  8  °  VIII,  76  S.  — 
C.  Kissel,  „A%üus  Cornelius  Celsus.  Eine  historische  Monographie.  I.  Abteilung. 
Leben  und  Wirken  des  Celsus  im  Allgemeinen''' .  Giessen  1844,  8°,  IV,  179  S.  — 
H.  H.  F.  Zinifneinnann,  „De  aquae  usu  Celsiano particulari  dissertatio  inauguralis 
historico-medica",  Halle  1844,  8^,  44  S.  —  J,  J.  G.  Herdtniann,  „De  arte  ob- 
stetricia apud  Celsum  dissertatio",  Halle  1844,  8",  35  S.  —  A.  E.  Lacauchie, 
„Esquisse  d'une  histoire  des  amputations  et  particulierement  de  la  methode  de  Celse", 
Paris  1850,  8^,  64  S.  und  12  Blustr.  Auch  in  Gazette  medicale  de  Paris  1850 
Nr.  19.  —  O.  Jahn,  „lieber  römische  Encyklopädien"  in:  Berichte  der  sächs.  Ge- 
sellsch.  der  Wissensch.  Bd.  II,  1850,  S.  263—282.  —  Abschnitt  „Celsus"  bei  E.  H. 
Meyer,  „Geschichte  der  Botanik",  Königsberg  1855,  Bd.  II  S.  4 — 21.  —  H.  Haeser, 


416  Iwan  Bloch. 

„GescJiichte  der  christlichen  Krankenpflege  und  Pflegerschaften'^  Berlin  1857,  8^, 
S.  97 ff.  —  Erasnius  Wilson,  „Dermatology  ofCelsus"  in:  British  medical  Journal 
1863  vom  2i.  und  31.  Oktober.  —  JP.  Broca,  ,,Conference  sur  Celse",  Paris  1865. 
—  C  A.  Brol^n,  „De  elocutione  CWsi",  Upsala  1872,  46  S.  —  Moriz  Kohn 
(Kaj)osi)  im  Kapitel  .,Alopecia  areata"  in:  Lehrbuch  der  Hautkrankheiten  von 
F.  Hebra  und  M.  Kaposi,  Stuttgart  1876,  Bd.  II  S.  147—148  (über  Lib.  VI  c.  4 
des  Celsus).  —  2*.  Michelson,  „lieber  Herpes  tonsurans  und  AreaCelsi",  Leip- 
zig 1877,  S.  4 — 5.  —  JT,  Alispitz,  „lieber  das  sogenannte  Kerion  Celsi^^  in:  Wiener 
medicin.  Presse  1879  Nr.  27 — 28.  —  M.  Schnnz,  „lieber  die  Schriften  des  Cornelius 
Celsus''  in:  Rhein.  Museum  f.  Philol.  1881  Bd.  36  S.  362—379.  —  G.  J.  Fisher, 
„Aul.  Cornelius  Celsus.  Historical  and  biographical  notes"  in;  Annais  of  anatomy 
and  surgery,  Brooklyn,  Neto  York  1882,  Bd.  Y  S.  126—132;  S.  177— 185, S.  224-227; 
S.  280 — 291.  —  A.  JPi'ticJcniayr,  „Denksprüehe  aus  A.  Cornel.  Celsus"  in:  Medi- 
cinisch-chirurgisches  Centralblatt,  Wien  1883,  S.  345 — 357.  —  i.  Schwabe,  „Die 
Opiniones  philosophorum  des  Celsus"  in :  Hermes,  Z.  f.  class.  Philologie  1884  Bd.  19 
S.  385—92.  —  LabotilbSne,  „Celse  et  la  Medecine  ä  Borne"  in:  L' Union  Medicale 
1885.  —  StanisUnis  Smolenski,  „Fizyczne  sposoby  leczenia  Korneliusza  Celsa 
(Physikalische  Heilprozeduren  des  Com.  Celsus)"  in:  Pzeglqd  lekarski  1885  Nr.  27, 
29,  30,  31.  —  Jtf.  3Ianitius,  „Philologisches  aus  alten  Bibliothekskatalogen 
in:  Ergänzungsheft  des  Rhein.  Mus.  f.  Philologie  Bd.  47,  Frankf.  a.  M.  1892, 
S.  152.  —  J.  Finlayson,  „Celsus"  in:  Glasgoio  medical  Journal  1892  Bd.  37 
S.  321 — 348.  —  Simon  Sepp,  „Pyrrhoneische  Studien.  I.  Die  philosophische 
Richtung  des  Cornelius  Celsus.  II.  Untersuch,  auf  dem  Gebiete  der  Skepsis."  Inaug.- 
Dissert.  (Erlangen),  Freising  1893,  8  °,  149  S.  —  J.  Bloch,  „Historisches  zur 
Therapie  der  Verbrennungen"  (Cels.  V,  27,  17)  in:  Dermatolog.  Zeitschr.  1898 
S.  35 — 36.  —  Abschnitt  „Celsus"  in:  E.  Giirlt,  „Geschichte  der  Chirurgie",  Berlin 
1898,  Bd.  I  S.  334—394.  —  Franz  Franke,  „Die  Augenheilkunde  des  Celsus", 
Diss.,  Berlin  1898.  —  J.  Hirschberg,  „Die  Augenheilkunde  des  Celsus"  in:  Ge- 
schichte der  Augenheilkunde,  Leipzig  1899,  Bd.  I  S-  241 — 290.  —  Artikel  „Celsus" 
von  M.  Well  mann  in:  Paidy-Wissowa,  „Realencyclopädie  der  classischen 
Alterthumswissenschaft",  Stuttaart  1900,  Halbband  VII  Spalte  1273—1276.  —  H. 
Maf/nus,  „Die  Augenheilkunde  der  Alten",  Breslau  1901,  S.  313  ff.  —  31.  Schanz, 
„Geschichte  der  römischen  Litteratur",  2.  Auflage,  München  1901,  Bd.  II  Tl.  2 
S.  326—331. 


Zeitalter  und  Schriftstellerei  des  Celsus. 

Während  Bianconi,  Paldamus  und  Erasmus  Wilson  das 
Leben  des  Celsus  und  die  Abfassung  seiner  encyklopädischen  Schriften 
in  die  Zeit  des  Augustus  verlegten,  ist  neuerdings  die  schon  von 
Eitter  und  Kissel  verfochtene  Meinung,  dass  das  Werk  des  Celsus 
unter  der  Regierung  des  Tiberius  verfasst  worden  sei,  als  die 
richtige  erkannt  worden.  Wie  aus  einer  Stelle  des  Plinius  (Nat. 
Hist.  XIV,  33)  hervorgeht,  hatte  der  unter  Caligula  (im  Jahre 
38  n.  Chr.)  hingerichtete  Julius  Graecinus  bereits  die  landwirt- 
schaftliche Schrift  des  Celsus  benutzt.  Celsus  selbst  gedenkt  in 
seiner  Schrift  über  die  Medizin  des  Menemachos  von  Aphrodisias 
(VI,  9),  eines  Schülers  des  Themison,  welch  letzterer  unter 
Augustus  lebte,  sowie  des  jüngeren  Tryphon  (VI,  5;  die  Be- 
merkung „compositio,  quae  ad  Trj^phonem  patrem  auctorem  refertur" 
setzt  voraus,  dass  Celsus  auch  den  Sohn  gekannt  habe),  eines  Lehrers 
des  Scribonius  Largus,  welcher  47 — 48  n.  Chr.  sein  Rezeptbuch 
verfasste.  Andererseits  wird  Celsus  zuerst  von  Columella,  einem 
Zeitgenossen  des  Seneca  (um  50  n.  Chr.)  als  einer  der  „nostrorum 
temporum  viri"  erwähnt  (De  re  rust.  I,  1,  14;  ferner  III,  17,  4  [aetatis 
nostrae  .  .  .  auctores];  IV,  8,  1).  Genauer  hat  Schanz  das  Abfassungs- 
jahr der  Medizin  des  Celsus  bestimmt.  Es  muss  dieselbe  früher  ge- 
schrieben sein  als  die  „Compositiones"  des  Scribonius  Largus,  da 
Celsus  (IV,  7)  ein  Rezept  mitteilt,  das  sich  nach  seiner  Versicherung 


Celsus.  417 

in  keinem  medizinischen  Werke  finde,  das  aber  auch  bei  Scribonius 
Largus  (c.  70)  vorkommt.^)  Es  hat  daher  wahrscheinlich  Celsus 
sein  Werk  vor  Scribonius,  d.  h.  vor  47 — 48  n.  Chr.  geschrieben. 
Der  landwirtschaftliche  Teil  der  Encyklopädie,  welcher  den  Anfang 
des  Ganzen  bildet,  muss  vor  38  n.  Chr.,  dem  Todesjahr  des  Graeci- 
nus,  der  diesen  Abschnitt  für  seine  Schrift  „de  vineis"  benutzt  hatte, 
verfasst  worden  sein.  Schanz  hat  endlich  dargethan,  dass  die  medi- 
zinische Schrift  des  Celsus  nach  23  v.  Chr.  fällt. ^)  Die  ganze 
Encyklopädie  wird  also  zwischen  25  und  35  n.  Chr.  d.  h.  während 
der  Regierung  des  Tiber ius  entstanden  sein. 

Die  Frage,  ob  Celsus  die  Medizin  berufsmässig  ausgeübt  habe, 
ist  seit  Bianconi  ein  Gegenstand  besonders  lebhafter  Erörterung 
gewesen,^)  kann  aber  nur  im  Zusammenhang  mit  der  Betrachtung 
seiner  Schriftstellerei  endgültig  beantwortet  werden.  Denn  es  besteht 
kein  Zweifel  darüber,  dass  Celsus  zu  jener  Klasse  der  römischen 
Schriftsteller  gehörte,  welche  ohne  eigentliche  Fachmänner  in 
irgend  einem  bestimmten  Gebiete  zu  sein,  das  gesamte 
Wissen  ihrer  Zeit  in  grossen  encyklopädischen  Werken  ver- 
arbeiteten, wie  dies  ausser  Celsus  z.  B.  Varro  und  Cato  thaten. 
Schon  diese  Analogie  würde  verbieten,  den  Celsus  als  einen  Arzt 
von  Beruf  zu  betrachten.  Hinzu  kommt,  dass  von  jener  Encyklopädie 
des  Celsus,  die  den  Titel  „Artes"  führte,  eben  nur  der  die  Medizin 
behandelnde  Teil  auf  uns  gekommen  ist,  und  wir  daher  nicht  wissen, 
ob  Celsus  nicht  die  übrigen  Wissenschaften  in  der  gleichen  kon- 
genialen Weise  behandelt  hat.  Denn  es  muss  anerkannt  werden,  dass 
niemals  ein  Laienschriftsteller  so  sehr  in  den  Geist  der  Medizin  ein- 
gedrungen ist  wie  Celsus,  weshalb  die  Frage:  Arzt  oder  Nichtarzt? 
einigermassen  begreiflich  ist 

Die  Encyklopädie  des  Celsus  enthielt  sechs  Teile.  An  erster 
Stelle  stand  die  Landwirtschaft  in  5  Büchern  (Columella  1,  1,  14), 
ihr  folgte  die  Medizin  in  8  Büchern,  das  Kriegswesen  (Qu int.  12, 
11,  24;  Yegetius  1,  8),  Rhetorik  (Quintil.  3,  1,  21;  Fortuna- 
ti an  us  3,  2),  Philosophie  (im  Sinne  des  Skeptizismus  der  Sextier, 
Quintil.  10,  1,  124)  und  Jurisprudenz  (Quintil.  12,  11,  24).*) 

Die  medizinische  Schrift  des  Celsus. 

1.  Quellen.  —  Die  Medizin  des  Celsus  beruht  wesentlich  auf 
den  Schriften  griechischer  Aerzte,  besonders  der  Alexandrinerzeit,  für 
deren  Kenntnis  uns  die  Schrift  des  Celsus  von  unschätzbarem  Werte 
ist,   da  jene  Werke   fast  alle  verloren   gegangen   sind.    Daher  wird 


^)  Es  handelt  sich  aber  um  ein  römisches  Volksmittel  gegen  Angina,  welches 
daher  beide  Autoren  unabhängig  von  einander  ihrem  Werke  einverleibt  haben  können, 
woraus  dann  für  die  Zeit  der  Abfassung  kein  Schluss  zu  ziehen  wäre. 

2)  Schanz  (Rhein.  Mus.  f.  Philol.  XXXVI  S.  364)  macht  auf  eine  Stelle  auf- 
merksam, wo  Celsus  sich  auf  die  Heilung  des  Augustus  durch  den  Arzt  An- 
tonius Musa  bezieht  (lib.  III  cap.  9).  Da  diese  23  v.  Chr.  erfolgte,  so  kann  des 
Celsus  Schrift  nicht  vor  diesem  Jahre  geschrieben  sein. 

")  Vgl.  die  Spezialschrift  von  Chr.  Just.  Eschenbach,  „De  Celso  non  medico 
practico",  Leipzig  1772,  40,  16  S. 

*)  lieber  die  Frage,  ob  Celsus  ein  berufsmässiger  Arzt  war,  handeln  (in  ver- 
neinendem Sinne)   Haeser,   „Geschichte  der  Medizin"  I,  278 — 280;  Hirschberg, 
„Gesch.  der  Augenheilkunde"  I,  242 — 243  (Er  war  ein  filiarQos,  dem  man  Studium 
und  Kenntnisse  nicht  absprechen  kann);  Schanz  lässt  die  Frage  offen. 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  27 


418  Iwan  Bloch 

wohl  die  Ansicht,  dass  Celsus  nur  eine  freie  Uebersetziing-  aus  dem 
Griechischen  lieferte,  im  allgemeinen  zutreffen.  Genauere  Unter- 
suchungen über  die  Quellenbenutzung  des  Celsus  hat  M.  Well  mann 
angestellt.  ^)  Danach  beruht  Buch  VII  (Chirurgie)  auf  den  Schriften 
des  alexandrinischen  Arztes  ClaudiusPhiloxenos  (Ende  des  1 .  Jahr- 
hunderts V.  Chr.),  in  der  Therapie  verbindet  er  hippokratische  und 
empirische  (Herakleides  von  Tarent)  Ansichten  mit  den  Doktrinen 
des  Asklepiades  und  T h e m i s o n.  Die  Materiamedica  schöpft 
aus  einer  Rezeptsammlung  (Conpositiones). 

2.  Handschriften.  —  Die  Handschriften  der  Medizin  des 
Celsus  gehen  alle  auf  denselben  Archetypus  zurück,^)  da  sie  alle 
dieselbe  grosse  Lücke  in  Buch  IV  Kap.  27  aufweisen.  Hauptcodices: 
Cod.  Vatican.  5951  (saec.  X);  Laurent.  73,  1  (saec.  XI);  Parisin.  7028 
(saec.  XI).  Sabbadini  verdanken  wir  eine  genauere  Kenntnis  von 
14  C  e  1  s  u  s  handschriften  der  Laurentiana  und  Vaticana  und  eine 
Zusammenstellung  der  in  den  übrigen  Bibliotheken  vorhandenen 
Codices.  •') 

3.  Ausgaben.^)  —  Man  kann  sagen,  dass  Celsus  eigentlich 
erst  durch  den  Druck  entdeckt  worden  ist.  Seit  der  ersten  ge- 
druckten Ausgabe  (1478)  ist  die  Medizin  des  Celsus  so  oft  ediert 
worden  wie  wohl  kaum  eine  andere  ärztliche  Schrift  des  Altertums. 
Im  späteren  Altertum  und  im  ganzen  Mittelalter  war  Celsus  dagegen 
so  gut  wie  unbekannt.  Plinius  erwähnt  ihn  dreimal  (N.  h.  XX,  29; 
XXI,  176;  XXVII,  132),  auch  Marcellus  Empiricus  gedenkt 
seiner  in  der  Vorrede.  Erst  im  8.  Jahrhundert  n.  Chr.  finden  wir  den 
Namen  des  Celsus  wieder  bei  Isidor  von  Sevilla  als  den  des  Ver- 
fassers der  Schrift  über  die  Landwirtschaft  (Isidor.  H  i  s  p  a  1. ,  Origin. 
XVII,  1).  Im  10.  Jahrhundert  erwähnt  der  gelehrte  Gerbert  (später 
Papst  Sylvester)  den  Celsus  (Epist.  15:  „quem  morbum  tu  cor- 
rupte  postuma,  nostri  apostema,  Celsus  Cornelius  a  Graecis  fjitaTt- 
■/oV  dicit  appellari).  Da  Gerbert  nur  alte  und  echte  Quellen  zu  be- 
nutzen pflegte,  so  vermutet  Manitius  mit  Recht,  dass  diese  Stelle 
auf  eine  unmittelbare  Benutzung  des  Celsus  zurückgeht.^)  1170 
nennt  Johann  von  Salisbury  den  Celsus,*')  und  im  „Clavis 
sanationis"  des  Simon  Januensis  (14.  Jahrhundert)  heisst  es:  „Item 
ex  libro  Cornelii  Celsi  de  medicina  in  XIII  (VIII)  particulas  diviso; 
hie  Cornelius  a  Plinio  commendatur.  Deinde  ex  Cassio  Feiice,  qui  et 
ipse  a  Cornelio  multum  extoUitur."     In  Monte  Cassino  befinden  sich 


1)  a.  a.  0.  und  „Die  pueuraatische  Schule",  Berlin  1895,  S.  116 ff.;  S.  25;  S.  55. 

-)  Diese  verschollene  Handschrift  soll  von  Thomas  Perentoncelli  de  Sar- 
zana  (späterem  Papste  Nicolaus  V.)  entdeckt  worden  sein.  Sabbadini  (s.  unten) 
machte  auf  einen  früher  in  Siena  befindlichen,  jetzt  verlorenen  Codex  aufmerksam, 
dessen  treues  Abbild  die  Laurentiana  73,  7  (saec.  XV)  ist. 

')  Vgl.  Remigio  Sabbadini,  „Guarino  Veronese  e  gli  archetipi  di  Celso  e 
Plauto",  Livorno  1886;  idem,  Suoi  codici  della  Medicina  di  Cornelio  Celso  [Estratto 
dagli  Studi  Italiani  di  Pilologia  classica  Vol.  VIII],  Florenz  1900,  gr.  8",  32  S. 

*)  J.  B.  Morgagni  in  Aul.  Cornel.  Celsum  .  .  .  epistolae,  in  quibus  de  .  .  . 
variis  editionibus,  libris  quoque  raanuscriptis  et  commentatoribus  disseritur'',  Patav. 
1721,  8  °,  u.  ö. 

")  M.  Manitius,  „Philologisches  aus  alten  Bibliothekskatalogen  (bis  1300)", 
Frankf.  a.  M.  1892,  S.  152  (Rhein.  Mus.  f.  Philologie,  47.  Ergänzungsheft). 

•*)  Haeser,  „Geschichte  der  Medizin"  I,  294  nach  Petit-Radel,  „Recherches 
sur  les  bibliotheques  anciennes  et  modernes"  1819,  u.  Malgaigne,  ., Oeuvres  de 
Pare",  Bd.  I  S.  CIX. 


Celsus.  419 

handschriftliche  „Flosculi  medicinales  extracti  ex  libris  Cornelii  Celsi 
medicorum  omnium  oriiatissimi".  ^) 

In  der  Renaissance  war  Celsus  der  erste  medizinische  Schrift- 
steller des  Altertums,  der  gedruckt  wurde,  noch  vor  der  „Ars  parva" 
des  Galen  und  den  Aphorismen  des  Hippokrates.-)  Er  fand  als- 
bald zahlreiche  Bewunderer.  Casaubonus  nannte  ihn  „medicorum 
Dens",  Fabricius  ab  Aquapendente  sagt:  „Admirabilis  Celsus 
in  Omnibus,  quem  nocturna  versare  manu,  versare  diurna  consulo."  ^) 

Die  wichtigsten  der  zahlreichen  Ausgaben  des  Celsus  sind  die 
folgenden : 

a.  Editio  princeps,  Florenz  1478,  fol.  (mit  Benutzung  französ. 
Handschriften).  Sehr  selten.  [Univers.  -  Bibliothek  Leipzig;  Gotha, 
Montpellier.] 

b.  Mediolani  1481,  fol.    Selten.    [German.  Museum  in  Nürnberg.] 

c.  Venet.  1524,  fol.    Sehr  selten.    [Juntine.] 

d.  Venet.  1528,  4  *•  (recens,  J.  Bapt.  Egnatius).  [Sehr  ge- 
"schätzte  Aldine.] 

e.  Lugduni  1542,  8^,  476  S.  (Text  des  J,  Caesarius). 

f.  Lugd.  1566,  8*^,  ed.  K.  Constantinus  (mit  Anmerkungen  und 
neuen  Emendationen) . 

g.  Lugd.  Batav.  1592,  4^,  ed.  Balduinus  Rbnsseus  (mit  aus- 
führlichem interessanten  Kommentar  von  T  h  r  i  v  e  r  i  u  s  und  R  o  n  s  s  e  u  s). 

h.  Lugd.  Batav.  1657,  12  ^,  ed.  J.  A.  van  der  Linden  [Elzevir]. 
Selten,  mit  zahlreichen  kühnen  Konjekturen. 

i.  Lipsiae  1766,  8^  ed.  C.  Chr.  Krause.  (Wertvolle  Ausgabe, 
mit  Anmerkungen  und  Parallelstellen  von  Krause  und  Triller.) 

k.  Patavii  1769,  4*^,  ed.  Leonardus  Targa.  (Neue  Rezension 
nach  Codices  der  Vaticana  und  Laurentiana  und  von  München  mit 
Anmerkungen  und  11  Briefen  über  Celsus  von  Targa,  Cognolati, 
Torelli,  Facciolati  und  Morgagni.) 

1.  Biponti  1786,  8**  (nicht  so  schlecht,  wie  Choulant  [Handb. 
der  Bücherkunde  für  die  ältere  Medizin,  Leipz.  1841  S.  172]  annimmt). 

m.  Veronae,  1810,  4^,  ex  recens.  L.  Targae  (höchst  wertvolle 
Ausgabe  mit  Benutzung  eines  neuen  Codex,  neuen  Anmerkungen  und 
Lexicon  Celsianum),  wiederholt  Patav.  1815  (mit  nachgelassenen  Noten 
von  Targa). 

n.  Colon,  ad.  Rhen.,  1835,  12»,  ed.  F.  Ritter  und  H.  Alb  er  s 
(mit  Anmerkungen  und  gutem  Index). 

0.  Neapel  1851 — 1852,  gr.  8",  ed.  Salvatore  de  Renzi  (nach 
der  Targa  sehen  Ausgabe,  mit  Lexicon  Celsianum,  Abbildungen  von 
Instrumenten,  Thermen  u.  s.  w.,  Verzeichnis  der  Parallelstellen  des 
Celsus  und  Paulus  Aegineta  Bd.  I  S.  464 — 470,  und  mit  Ab- 
handlungen über  Celsus  von  Morgagni,  Kühn,  Milligan  u.a.). 

p.  Lipsiae  1859,  8  ",  A.  Com.  Celsi  de  medicina  libri  VIII,  ad 
fidem  optimorum  librorum  denuo  recensuit  C.  Daremberg.  (Letzte 
kritische  Ausgabe). 

Von  den  üebersetzungen  des  Celsus  seien  erwähnt  die  älteste 
deutsche  von  J.  Khüffner,  Mainz  1531  fol.  und  Worms  1539  fol; 


1)  S.  de  Renzi,  „CoUectio  Salernitana".  Neapel  1853,  Bd.  I  S.  39. 

2)  Nur  zwei  arabische  medizinische  Schriften  des  Mittelalters,  des  Abul- 
casim  Fragment  über  Arzneipräparate  (1471)  und  der  Kanon  des  Avicenna  (1476) 
wurden  vorher  gedruckt. 

^)  Vgl.  Vedrenes  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  S.  4. 

27* 


420  Iwan  Bloch. 

A.  C.  Celsus  acht  Bücher  von  der  Arzneikunst.  Aus  dem  Lateinischen 
ins  Deutsche  übertragen,  mit  Beigabe  von  Celsus'  Biographie  und 
erläuternden  Bemerkungen  von  Bernhard  Ritter,  Stuttgart  1840, 
8  0,  XXXII,  606  S.  (enthält  zahlreiche  Unrichtigkeiten) ;  A.  C.  Celsus, 
über  die  Arzneiwissen  Schaft,  übersetzt  und  erklärt  von  Ed.  Scheller, 
Braunschweig  1846,  8  ",  2  Bände  (gute  Uebersetzung  mit  vortrefflichen 
Anmerkungen  und  Parallelstellen).  —  Die  beste  französische  Ueber- 
setzung ist  die  von  Vedrenes:  Tratte  de  Medecine  de  A.  C.  Celse. 
Traduction  Nouvelle,  avec  texte  latin  (nach  Daremberg),  notes,  com- 
mentaires,  tables  explicatives ,  figures  dans  le  texte,  et  quatorze 
planches  contenant  110  figures  d'instruments  de  Chirurgie  antique, 
ctrouves  dans  le  fouilles  de  villes  gallo-romaines,  de  Pompei  et  d'Her- 
ulanum,  par  les  Dr.  A.  Vedrenes  .  .  .  precedee  d'une  preface  par 
Paul  Broca,  Paris  1876,  gr.  8  <>,  XII,  797  S.  -  Englische  Ueber- 
setzungen  gaben  heraus  J.  Grieve,  London  1756,  8*^;  G.  F.  Collier, 
London  1830,  16»;  J.  St  eggall,  London  1837,  8»;  Lee(lat.  u.  engl.), 
London  1837,  8».  —  Sogar  ins  Italienische  ist  Celsus  übersetzt 
worden  (von  F.  R.  Chiari.  Venedig  1747,  8  "^  und  G.  A.  del  Chiappa, 
Mailand  1828,  16 «). 

4.  Sprache.  —  Die  Sprache  des  Celsus  ist  von  jeher  mit  Recht 
wegen  ihrer  Klarheit,  Reinheit  und  Eleganz  bewundert  worden.  Sie 
trägt  durchweg  den  Stempel  der  Klassizität  und  unterscheidet  sich 
auch  in  stilistischer  Beziehung  sehr  vorteilhaft  durch  die  lebhafte 
Diktion  von  den  übrigen  ärztlichen  Schriften  der  Römer.  Wenn  auch 
der  .  grösste  Teil  wahrscheinlich  weiter  nichts  als  eine  Uebersetzung 
aus  dem  Griechischen  ist,  so  ist  doch  dem  Ganzen  eine  subjektive 
Färbung  gegeben,  ganz  besonders  tritt  das  in  der  glänzenden  Einleitung 
zu  Tage. 

5.  Disposition. —  Die  Einleitung,  ein  Musterstück  medizin- 
geschichtlicher Betrachtung  (s.  unten  das  Kapitel  „Celsus  als  Medizin- 
historiker") durchaus  selbständiger  Natur,  beschäftigt  sich.piiit  dem 
Ursprünge  der  Heilkunde  und  ihrer  Geschichte  bis  auf  Askle^iades, 
Themison  und  Cassius,  den  Zeitgenossen  des  Celsus.  Buch  I 
enthält  eine  Diätetik  für  Gesunde  und  Kranke,  Buch  II  allgemeine 
Aetiologie  der  Krankheiten,  allgemeine  spezielle  Symptomatologie,  all- 
gemeine Prognostik,  allgemeine  Therapie,  Lehre  von  den  Nahrungs- 
mitteln und  ihrer  Arzneiwirkung,  Buch  III:  Allgemeine  Pathologie 
und  Therapie,  Betrachtung  der  verschiedenen  Fieberarten,  Wahnsinns- 
formen, Schlaf-  und  Wassersucht,  Phthisis,  Epilepsie,  Icterus,  Elephan- 
tiasis, Betäubung  und  Lähmung,  Buch  IV:  Kurze  Uebersicht  über 
die  Lage  der  Körperteile,  spezielle  Pathologie  und  Therapie  a  capite 
ad  calcem,  Bemerkungen  über  Rekonvalescenz,  Buch  V:  Materia 
medica  und  Pharmaceutik,  Semiotik  der  Wunden  und  Verletzungen, 
Toxikologie,  innere  und  äussere  Geschwüre,  Hautexantheme,  B  u  c  h  VI : 
Hautkrankheiten,  Krankheiten  des  Kopfes  (Augen,  Ohren,  Nase,  Zähne, 
Mund),  Affektionen  der  männlichen  Genitalien,  des  Afters,  Finger- 
geschwüre, Buch  VII  enthält  die  Chirurgie,  Buch  VIII:  Er- 
krankungen der  Knochen,  Frakturen  und  Luxationen. 

Anatomie. 

Der  ausschliesslich  praktische  Inhalt  der  Schrift  des  Celsus  er- 
klärt den  fast  gänzlichen  Mangel  grösserer  anatomischer  und  physio- 


Celsiis.  421 

logischer  Abschnitte.  Nur  gelegentliche  Bemerkungen  streifen  diese 
Gebiete.  Am  Ende  der  Einleitung  erklärt  C  e  1  s  u  s  die  Untersuchung 
der  Leichen  für  notwendig,  um  die  Lage  und  Anordnung  der  mensch- 
lichen Körperteile  kennen  zu  lernen.  Auch  könne  man  bei  Gelegen- 
heit von  Verletzungen  mancherlei  anatomische  Beobachtungen  machen. 
Im  ersten  Kapitel  des  vierten  Buches  giebt  er  dann  eine  höchst  ober- 
flächliche Uebersicht  über  die  Lage  der  Eingeweide,  beschreibt  ge- 
nauer Luftröhre  und  Lunge,  welch  letztere  wie  eine  „Ochsenklaue" 
aus  zwei  Teilen  besteht,  erwähnt  Herz  und  Zwerchfell,  Leber,  Milz, 
Nieren,  Avelche  Adern  und  „Höhlen"  enthalten,  Speiseröhre  und  Magen, 
die  einzelnen  Darmabschnitte,  Peritoneum,  die  Ureteren  (welche  als 
„Gefässe"  venae  bezeichnet  werden).  Blase,  über  deren  bei  Weibern 
und  Männern  verschiedene  Lage  Mitteilungen  gemacht  werden,  Uterus. 
Verhältnismässig  ausführlich  wird  die  Osteologie  im  ersten  Kapitel 
des  achten  Buches  dargestellt.  Sehr  sorgfältig  scheint  er  den  Schädel 
untersucht  zu  haben,  von  dem  er  eine  interessante  Beschreibung  liefert, 
wobei  die  Nähte  besonders  berücksichtigt  werden.  Die  Anatomie  der 
Nase  (Erwähnung  der  Löcher  der  Siebplatte,  durch  welche  man  riecht) 
ist  genauer  als  diejenige  des  Ohres.  Die  Knochen  des  Hirn-  und  Ge- 
sichtsschädels werden  nach  ihrer  topographischen  Lage  ziemlich  richtig 
beschrieben.  Die  Zahl  der  Zähne  beträgt  36.  Die  Backenzähne  sind 
mit  2,  3  oder  4  Wuizeln  befestigt.  Es  giebt  24  Wirbel,  12  „Rippen-" 
und  5  „Lendenwirbel".  Die  Wirbel fortsätze  und  die  Verbindung  des 
Atlas  mit  dem  Hinterhaupte  werden  ziemlich  richtig  beschrieben  (Be- 
merkungen über  die  Mechanik  der  Kopfbewegung),  ßippen,  Brust- 
und  Schlüsselbein,'  obere  und  untere  Extremitäten  werden  sodann  er- 
wähnt, ebenso  das  Becken.  Der  Unterschied  zwischen  Arterien  und 
Venen  scheint  Celsus  bekannt  gewesen  zu  sein  (Lib.  II  cap.  10). 
Die  Anatomie  des  Auges,  welche  von  Celsus  sehr  viel  ausführ- 
licher behandelt  wird  (lib.  VII  cap.  7  §  13)  als  die  der  übrigen 
Sinnesorgane,  ist  nach  Hirschberg  trotzdem  „ausserordentlich  dürftig, 
unbestimmt  und  fehlerhaft", '^  Celsus  beschreibt  nicht  den  Sehnerven 
selbst,  sondern  nur  dessen  Scheiden,  betrachtet  die  Netzhaut  als 
Kapsel  des  Glaskörpers;  das  KammerAvasser  ist  ihm  unbekannt.  Auch 
giebt  er  der  Linse  eine  falsche  Konsistenz  und  nimmt  zwischen  Linse 
und  Regenbogenhaut  einen  leeren  Raum  au. 

Celsus  tritt  in  der  berühmten  Einleitung  warm  für  eine  wissen- 
schaftliche d.  h.  naturwissenschaftliche  Grundlage  der  Heilkunde  ein. 
Die  Aerzte,  welche  wie  Hippokrates  und  Erasistratos  sich  auch 
mit  den  Naturwissenschaften  beschäftigt  hätten,  seien  zwar  deswegen 
allein  keine  Aerzte  gewesen,  aber  doch  grössere  Aerzte.  Die  physio- 
logische Erklärung  der  Lebenserscheinungen  begründet  erst  die  Medizin 
als  eine  Wissenschaft.  Trotzdem  vermissen  wir  gerade  diesen  theo- 
retischen Teil  gänzlich  bei  Celsus,  der  eben  nur  die  praktischen 
Resultate  geben  will. 

Allgemeine  Aetiologie,  Symptomatologie  und  Prognostik. 

In  der  allgemeinen  Aetiologie  der  Krankheiten  lehnt  sich  Celsus 
am  meisten  an  Hippokrates  an  (vgl.  Einleitung  zu  Buch  II:  non 
dubitabo  auctoritate  antiquorum  virorum  uti,  maximeque  Hippocratis). 
Er  widmet  dem  Einflüsse  der  Jahreszeiten,  der  Witterung,  des  Alters, 
der  Konstitution  auf  Gesundheit  und  Krankheit  eine  ausführliche  Be- 


422  Iwan  Bloch. 

trachtung  (lib.  II  c.  1).  Als  Zeichen  einer  bevorstehenden  ernsteren 
Allgemeinerkrankung'  nennt  Celsus  das  plötzliche  übermässige  Fett- 
und  Magerwerden,  das  häufige  Auftreten  von  Geschwüren,  wobei  viel- 
leicht an  Diabetes  gedacht  wird,  ungewöhnliche  Erhöhung  der  Tempe- 
ratur, Schlafsucht,  Schwitzen  an  einzelnen  Körperteilen,  Speichelfluss, 
Abgeschlagensein  und  allgemeine  Uebelkeit  (lib.  II  c.  2).  Sodann 
erörtert  er  die  prognostischen  Zeichen  im  guten  und  ungünstigen 
Sinne,  wesentlich  nach  Hippokrates  (lib.  II  cap.  3—6),  um  dann 
näher  auf  die  Symptomatologie  einzelner  Krankheiten  einzugehen.  Ein 
„starker  Schnupfen"  bei  einem  schwachen  und  hageren  Menschen  deutet 
auf  Schwindsucht.  Schwellung  der  Füsse,  Diarrhöen  verbunden  mit 
Schmerz  im  Unterleibe  und  den  Hüften  kündigen  Anasarca  an.  Schmerz 
in  den  Schläfen  und  nächtliches  Schwitzen  dabei  sind  Zeichen  einer 
bevorstehenden  Augenkrankheit. 

Heftige  Schmerzen,  die  das  Weib  nach  überstandener  Geburt 
empfindet,  sind  die  Anzeichen  eines  Abscesses  im  Unterleibe.  Blut 
im  Eachen  ohne  Schmerzen  im  Kopf  und  den  Präkordien,  ohne  Er- 
brechen und  Fieber,  deutet  auf  ein  Geschwür  der  Nase  oder  des 
Schlundes.  Dicker  Urin  mit  weissem  Niederschlag  kündigt  Schmerzen 
in  den  Gelenken  an.  Blut  oder  Eiter  im  Urin  sind  Symptome  eines 
Geschwürs  in  der  Harnblase  oder  den  Nieren.  Nierenleiden  äussern 
sich  in  schaumigem,  übelriechendem,  blutigem  oder  auch  „sandigem" 
Urin,  in  Schmerzen  oberhalb  der  Hüften,  Erbrechen,  Polyurie,  wobei 
oft  der  Urin  wässerig  und  blass  ist.  Tropfen  weiser  Abgang  des 
mit  Blut  vermischten  Urins  unter  Schmerzen  in  den  unteren  Teilen 
der  Schamgegend  spricht  für  eine  Affektion  der  Harnblase.  Durchaus 
richtig  schildert  Celsus  die  Symptome  der  Blasensteine.  —  Auswurf 
schaumigen  Blutes  deutet  auf  eine  Krankheit  der  Lungen.  Häufiger 
Singultus  ist  Zeichen  einer  Leberentzündung.  Bei  langer  Dauer  der 
Lungenentzündung  ist  Empyem  zu  fürchten.  Celsus  hält  die  Prognose 
der  Leberabscesse  im  allgemeinen  für  eine  günstige.  Eine  günstige 
Prognose  bei  Phthisis  pulmonum  giebt  es,  wenn  der  Auswurf  weiss 
und  von  gleichförmiger  Beschaffenheit,  ähnlich  dem  Nasenschleime  ist, 
auch  kein  Fieber  vorhanden  ist.  Eitriger  Auswurf,  anhaltendes  Fieber, 
Appetitlosigkeit  und  Durst  zeigen  einen  gefährlichen  Verlauf  der 
Lungenschwindsucht  an;  Haarausfall,  Eintreten  von  Durchfällen,  übler 
Geruch  des  Auswurfs  verkündigen  das  nahe  Ende.  Oft  auch  hört 
der  eitrige  Auswurf  der  Phthisiker  einige  Zeit  vor  dem  Tode  plötz- 
lich auf,  Durchfälle  sind  bei  Kindern  und  Schwangeren  am  meisten 
gefährlich.  Durchfall  verbunden  mit  Oligurie  ist  bedenklich.  Läh- 
mungen gehen  im  Frühling  und  Sommer  leichter  zurück  als  im  Herbst 
und  Winter  (lib.  II  cap.  8). 

Allgemeine  Therapeutik,  Diätetik  und  Hygiene. 

Celsus  unterscheidet  allgemeine  und  besonderb  Heil- 
methoden der  Krankheiten.  Die  ersteren  finden  bei  den  meisten 
Krankheiten  Anwendung.  Diese  Hilfsmittel  der  allgemeinen  Therapie 
sind  Blutentziehungen,  Abtühr-  und  Brechmittel,  Friktion,  passive  Be- 
wegung des  Körpers,  Fasten,  Schwitzen  u.  s.  w. 

Der  Aderlass  (lib.  II  cap.  10)  spielte  zu  des  Celsus  Zeit  eine 
ähnliche  Rolle  ir  d er  Therapie  wie  zu  Broussais'  und  B o u i  1 1  a u d ',s 


Celsus.  423 

Epoche.^)  Fast  keine  Krankheit  gäbe  es,  erklärt  Celsus,  in  welcher 
er  nicht  vorgenommen  werde.  Celsus  hält  Alter,  Schwangerschaft, 
zu  grosse  Jugend  nicht  für  Kontraindikationen  der  Venaesektion, 
sondern  lediglich  einen  Mangel  an  Kräften  und  Körperschwäche. 
Magere  Personen  sind  blutreicher  als  dicke,  ertragen  daher  Blut- 
entziehungen besser  als  diese.  Bei  unverdorbenem  Blute  ist  der  Ader- 
lass  überflüssig,  üble,  verdorbene  Beschaffenheit  des  Blutes  indiziert 
denselben,  der  in  diesem  Falle  Wunderbares  leistet.  Heftiges  Fieber 
mit  starker  Körperrötung  und  strotzenden  Adern,  Krankheiten  der 
Eingeweide,  Lähmungen  und  Spasmen,  Zusammenschnürung  des 
Schlundes  (Glottisödem  ?),  Aphasie,  übermässige  Schmerzen,  innere  Ver- 
letzungen oder  Zerreissungen,  schlechte  Konstitution  (malus  corporis 
habitus)  und  alle  mit  Plethora  einhergehenden  akuten  Krankheiten 
sind  Anzeigen  des  Aderlasses.  Bei  Lähmungen,  plötzlicher  Sprachlosig- 
keit (Apoplexie),  Erstickungsgefahr  durch  Croup  ist  die  Venaesektion 
ganz  besonders  angezeigt.  Bei  allgemeinen  Krankheiten  lässt  man  am 
Arm  zur  Ader,  bei  Lokalleiden  am  leidenden  Teile.  Celsus  warnt 
bei  der  Venaesektion  vor  Verletzungen  der  Arterien  und  Nerven.  Man 
muss  genau  die  Beschaffenheit  des  Blutes  beachten.  Dickes  und 
schwarzes  Blut  ist  fehlerhaft,  rotes  und  durchscheinendes  Anzeichen 
der  Gesundheit.  Man  verbindet  nach  der  Venaesektion  mit  einem  in 
kaltes  Wasser  getauchten  Bäuschchen.  Oefter  wiederholt  man  am 
folgenden  Tage  den  Aderlass,  bis  das  Blut  seine  normale  Beschaffen- 
heit erreicht.  Dann  beschreibt  Celsus  die  Blutentziehung  mit 
(kupfernen  oder  hornenen)  Schröpf  köpfen  (auf  blutige  oder  trockene 
Weise),  die  in  jenen  Fällen  indiziert  ist,  wo  ein  Aderlass  zu  eingreifend 
wäre  (lib.  II  cap.  11).  In  Beziehung  auf  die  Abführmittel,  unter 
denen  Celsus  (lib.  II  cap.  12)  Klj^stiere,  Helleborus  niger,  Aloe  u.  a. 
nennt,  bemerkt  er,  dass  man  in  Fiebern  die  laxierenden  Arzneimittel 
durch  ebensolche  Speisen  und  Getränke  ersetzen  solle.  Bei  Darmleiden 
(Ileus)  sind  Kly stiere  sehr  nützlich,  entweder  aus  reinem  Wasser 
oder  aus  Wasser  mit  Honig,  oder  ein  Schleimklystier  (Ptisane,  Malven- 
abkochung). Stark  reizend  sind  Meerwasser  oder  Salzklystiere.  Auch 
Oelklj^stiere  kennt  Celsus.  —  Erbrechen  (lib.  II  cap.  13)  ist  bei 
allen  durch  die  Galle  hervorgerufenen  Krankheiten  angebracht  (Brech- 
durchfall, Manie,  Epilepsie).  Veratrum  album  ist  das  beste  Vomitivum. 
Zu  den  „Communia  Auxilia",  die  von  Asklepiades  empfohlen  wurden, 
gehört  vor  allem  die  Reibung  (Frictio;  lib.  II  cap.  14),  die  zur 
Erschlaffung  straffer  und  zur  Stärkung  weichlicher  Körper  dient,  je 
nach  der  Intensität,  mit  der  sie  vorgenommen  wird.  Sogar  bei 
akuten,  fieberhaften  Krankheiten  empfiehlt  Celsus  die  Massage,  die 
z.  B.  bei  der  Hirnentzündung  Schlaf  herbeiführt.  Besonders  in  der 
Rekonvalescenz  ist  sie  wertvoll.  Reiben  beseitigt  und  lindert  hart- 
näckige Kopfschmerzen  und  stärkt  gelähmte  Glieder.  In  chronischen 
Krankheiten  ist  die  „gestatio",  die  passive  Bewegung  des  Körpers 
(lib.  II  cap.  15)  von  grossem  Nutzen,  auch  zur  Beseitigung  von 
Residuen  nach  fieberhaften  Krankheiten.  Fahren  auf  dem  Schiffe, 
Tragen  in  einer  Sänfte,  Fahren  auf  einem  Wagen,  Schaukeln  in  dem 
aufgehängten  Bette  stellen  die  einzelnen  Wirkungsstufen  der  passiven 
Bewegung  dar.    Die  Anfangsstadien   der  Schwindsucht,  von  Magen- 


')  Wie   denn   ganz  ä  la  Broussais   nach   der  Lehre  der  Erasistrateer  kein 
Fieber  ohne  Entzündung  denkbar  war  (III,  10). 


424  Iwan  Bloch, 

krankheiten,  Wassersucht.  Gelbsucht,  Epilepsie  bilden  Indikationen  für 
diese  therapeutische  Methode.  Das  Fasten  (lib.  II  cap.  16)  ist  be- 
sonders beim  Beginne  der  Krankheiten  zuträglich,  wie  es  überhaupt 
auch  dem  Gesunden  ab  und  zu  zuträglich  ist  (Neque  ulla  res  magis 
adjuvat  laborantem,  quam  tempestiva  abstinentia).  Seh  weiss  (lib.  II 
cap.  17)  wird  durch  trockene  Wärme  oder  durch  Bäder  hervorgerufen. 
Erstere  wird  durch  heissen  Sand,  Dampfbad,  Backofen  und  aus  der 
Erde  strömende  natürliche  heisse  Dünste  wie  z.  B.  in  Bajae  geliefert, 
ferner  durch  Sonnenbäder  und  Bewegung.  Trockene  Wärme  ist  vor- 
züglich bei  Nervenleiden  von  Nutzen,  aber  in  schweren,  fieberhaften 
Krankheiten  zu  meiden.  Das  Wasserbad  vermindert  und  beseitigt 
dagegen  oft  das  Fieber  selbst,  bewirkt  Ausleerung  verdorbener  Säfte 
und  eine  Alteration  des  Organismus.  Bei  periodischen  Fiebern  lässt 
man  vor  dem  Anfalle  oder  nach  Beendigung  desselben  baden.  Ebenso 
ist  in  der  Rekonvalescenz  das  Bad  von  Nutzen.  Nach  dem  warmen 
Bade  muss  der  Kranke  eingehüllt  werden  und,  vor  kalter  Luft  ge- 
schützt, ohne  etwas  zu  gemessen,  den  Schweissausbruch  erwarten. 
Warme  Umschläge  (aus  in  ein  Tuch  gebundenem  heissem  Sand,  Salz, 
Hirse  oder  einfacher  Leinwand)  und  Schläuche  mit  .warmem  Oel,  Ge- 
fässe  mit  heissem  Wasser  dienen  zur  lokalen  Wärmeanwendung.  Bei 
Kontrakturen  ist  das  Herabträufeln  von  warmem  Salzwasser  höchst 
wohlthätig. 

Vortrefflich  sind  die  Bemerkungen  des  C  e  1  s  u  s  über  die  allge- 
meine Diaetetik  und  Hygiene  im  gesunden  und  kranken  Zu- 
stande, welche  den  Inhalt  des  ersten  Buches  bilden.  Bewegung  und 
Abwechselung  sind  nach  Celsus  das  Geheimnis  der  Gesund- 
erhaltung. Man  soll  bald  in  der  Stadt,  bald  auf  dem  Lande  leben, 
auch  Seereisen  unternehmen,  bisweilen  kalt,  bisweilen  warm  baden, 
weder  Hausmannskost  noch  grosse  Gastmähler  meiden.  Der  Beischlaf 
darf  weder  zu  häufig  noch  zu  selten  ausgeübt  werden.  Genaueres 
lässt  sich  nicht  angeben,  da  der  Coitus  auf  die  verschiedenen  Individuen 
verschieden  wirkt.  Er  darf  aber  weder  Schwäche  noch  Schmerz  hinter- 
lassen, ist  schädlicher  am  Tage  als  in  der  Nacht.  Weder  Mahlzeit, 
noch  Wachen,  noch  Arbeit  dürfen  ihm  folgen.  Mit  Recht  ist  ferner 
Celsus  ein  Gegner  des  sportsmässigen  Athletentums  (lib.  I  cap.  1). 
Alle  Extreme  und  plötzlichen  Uebergänge  in  Klima,  Er- 
nährung, Thätigkeit  sind  äusserst  schädlich.  Wer  etwas  abändern 
will  in  seinen  Lebensverhältnissen,  muss  sich  allmählich  daran  ge- 
wöhnen. Bei  Ermüdung  sind  Einwirkungen  der  Wärme  in  Gestalt 
der  Sonne,  des  Feuers,  des  Schwitzbades  und  nachherige  Oeleinreibungen 
dienlich.  Der  Mund  muss  mit  warmem,  darauf  mit  kaltem  Wasser 
ausgespült  werden.  Ein  kalter  Trunk  bringt  dem  von  der  Arbeit  Er- 
hitzten Gefahr.  Abwechselung  der  Arbeit  schützt  vor  Ermüdung. 
Gegen  Kongestionen  im  Bade  bewährt  sich  in  den  Mund  genommener 
Essig  oder  kaltes  Wasser.  Jeder  Mensch  muss  seinen  locus  minoris 
resistentiae  genau  kennen  und  auf  ihn  achten.  Hiernach  giebt  Celsus 
subtile  Vorschriften  für  die  Ernährung  des  Körpers,  die  durch 
häufige  Ruhe,  süsse  fette  Speisen  und  Getränke  am  meisten  gefördert 
wird.  Wer  mager  werden  will,  muss  nüchtern  in  warmem  Salz- 
wasser baden,  sich  der  brennenden  Sonnenhitze  aussetzen,  entweder 
sehr  lange  oder  sehr  kurze  Zeit  schlafen,  sich  häufiger  Bewegung  und 
anstrengenden  Leibesübungen  hingeben,  täglich  nur  eine  Mahlzeit  ein- 
nehmen, auch  sich  öfters  der  Brech-  und  Abführmittel  bedienen  (lib.  I 


Celsus.  425 

cap.  3).  —  Von  grossem  Interesse  sind  auch  die  Bemerkungen  des 
Celsus  über  das  hygienische  und  diätetische  Verhalten  in  einzelnen 
Krankheitszuständen.  Die  mit  einem  „schwachen  Kopf"  (caput  in- 
firmum)  Behafteten  sollen  denselben  früh  Morgens  mit  den  Händen 
gelinde  reiben,  ihn  unbedeckt  lassen  oder  kahl  scheren  lassen  und  nicht 
der  Sonnenglut  aussetzen.  Sehr  heilsam  für  den  Kopf  ist  kaltes 
Wasser  (I,  4).  Das  letztere  bewährt  sich  ferner  bei  Neigung  zu 
häufigen  Erkältungen  und  Entzündungen  (Konjunktivitis,  Schnupfen, 
Katarrhe,  Angina),  bei  denen  prophylaktische  Uebergiessungen  des 
Kopfes  mit  kaltem  Wasser,  Ausspülen  des  Mundes  mit  demselben  an- 
gezeigt sind  (I,  5).  Bei  Neigung  zu  Diarrhöen  meide  man  allzu  ver- 
schiedene Speisen,  besonders  Hülsenfrüchte,  Wildpret,  gewisse  Fisch- 
arten und  Spazierengehen  nach  dem  Essen  (I,  6).  Aehnliche  Vor- 
schriften werden  für  die  Darmkolik  gegeben,  für  die  besonders  warme 
Bäder,  warme  Speisen  und  Getränke  in  Betracht  kommen  (T,  7).  Be- 
sonders ausführlich  (in  zwei  Kapiteln :  I,  2  und  1.  8)  behandelt  Celsus 
die  bei  der  Schlemmerei  der  Kaiserzeit  ^)  gewiss  nicht  seltene  Magen- 
sch wache  bezw.  die  Hygiene  bei  derselben.  Die  gute  Verdauung 
lässt  sich  aus  dem  Urin  erkennen,  der  während  derselben  hell,  nach 
Vollendung  derselben  dunkler  und  rötlich  ist.  Die  Urina  chyli  war. 
also  dem  Celsus  bekannt.  Magenschwache  sollen  öfter  einen  Trunk 
kalten  Wassers  thun,  den  Mund  mit  kaltem  Wasser  ausspülen,  nach 
dem  Essen  ruhen,  vorher  sich  Bewegung  machen  (lautes  Lesen, 
Fechten,  Ballspiel,  Laufen,  Spazierengehen,  Bergsteigen).  Unmässiges 
Essen  ist  schädlich,  man  fange  die  Mahlzeit  mit  Eingesalzenem,  Ge- 
müsen u.  a.  an  und  gehe  erst  dann  zu  gebratenem  Fleische  über. 
Compots  sind  wiegen  der  Erzeugung  von  ]\ragensäure  zu  verwerfen. 
Höchstens  sind  Datteln,  Aepfel  u.  dgl.  gestattet.  Genuss  von  Wasser 
unterstützt  die  Verdauung.  Als  Symptome  eines  schwachen  Magens 
bezeichnet  Celsus:  blasses  Aussehen,  Magerkeit,  Aufgetriebensein 
und  Schmerz  in  der  Magengegend,  Ekel  und  unwillkürliches  Erbrechen, 
Kopfschmerzen.  —  Bei  Anlage  zur  Gicht  und  zum  Kheumatismus 
ist  Bewegung  von  Nutzen,  geschlechtliche  Bethätigung  stets  schädlich 
(Venus  semper  inimica  est),  gute  Verdauung  sehr  anzustreben,  da 
Verdauungsstörungen  die  Schmerzen  steigern  (I,  9).  Kälte  und 
Wärme  sind  ebenfalls  in  hygienischer  Beziehung  zu  berücksichtigen. 
Die  Kälte  ist  den  Greisen,  mageren  Personen,  Verwundeten,  dem 
Magen,  Darm,  der  Blase,  den  Ohren,  Hüften  und  Schulterblättern,  den 
Genitalien,  Knochen,  Zähnen,  Nerven,  dem  Uterus  und  Gehirn  nicht 
zuträglich,  nützlich  dagegen  den  Jünglingen  und  vollblütigen  Personen, 
bei  denen  sie  den  Geist  weckt  und  die  Verdauung  befördert.  Be- 
giessungen  mit  kaltem  Wasser  empfiehlt  Celsus  bei  Gelenkschmerzen 
und  anderen  nichttraumatischen  Schmerzen.  Wärme  ist  bei  Kon- 
junktivitis, Krämpfen,  Geschwüren  angebracht,  sie  wirkt  diuretisch 
und  narkotisch  (L  9).  —  Im  letzten  Kapitel  des  ersten  Buches  (I,  10) 
erteilt  Celsus  Vorschriften  über  das  Verhalten  bei  einer  Seuche 
(Regimen  contra  pestem).  Er  empfiehlt  Fuss-  und  Seereisen,  oder  doch 
wenigstens  stetigen  Genuss  der  frischen  Luft,  Bew^egung.  Man  meide 
Ermüdung,  Verdauungsstörungen,  extreme  Temperatureinflüsse,  Ge- 
schlechtsgenuss,  Brech-  und  Abführmittel,  Baden,  Schlaf  am  Tage  u,  a.  m. 


')  Zu  den  Magenschwachen  gehören  nach  Celsus  der  grösste  Teil  der  Städter 
und  alle  Gelehrten. 


426  Iwan  Bloch. 

Die  Vorliebe  des  Celsus  für  die  diätetische  Behandlung  der 
Krankheiten  bekundet  sich  auch  darin,  dass  er,  wo  es  angeht,  Arznei- 
mittel durch  Nahrungsmittel  ersetzt.  Daher  widmet  er  den 
Wirkungen  der  letzteren  auf  den  Körper  einen  umfangreichen  Ab- 
schnitt, die  ganze  zweite  Hälfte  des  zweiten  Buches  (lib.  II  cap.  18  —33). 
Die  hohe  Wertschätzurg  der  „Ernährungstherapie",  welcher  man 
neuerdings  auf  Anregung  v.  L  e  y  d  e  n  s  eine  grössere  Beachtung  zu 
teil  werden  lässt,  drückt  sich  bei  Celsus  in  den  klassischen  Worten 
aus:  Haec  autem  (d.h.  Speise  und  Trank)  non  omnium  tantum 
morborum,  sed  etiam  secundae  valetudinis  communia 
praesidia  sunt.  —  Sehr  nährend  sind  Backwerk,  Hülsenfrüchte, 
Fleisch  von  Haustieren,  Wildpret  und  grösseren  Vögeln,  Honig  und 
Käse.  Weniger  nahrhaft  Wurzeln  und  Knollen  der  Küchenpflanzen, 
Hasenfleisch,  Fische,  am  wenigsten  nahrhaft  alle  krautartigen  Ge- 
müse, auch  Kürbisse  und  Gurken,  Obst  und  Muscheln.  Sodann  giebt 
Celsus  eine  genaue  Uebersicht  über  den  Nährwert  einzelner  Bestand- 
teile der  essbaren  Pflanzen  und  Tiere  (II,  18).  Er  zählt  die  StoiFe 
mit  „gutem"  und  „schlechtem  Nahrungssaft"  auf  (II,  19—21),  unter- 
scheidet milde  und  scharfe  Nahrungsmittel  (II,  22).  Zu  ersteren 
gehören  Brühe,  dünne  Breisuppeu.  in  Oel  gebackene  Brote,  Gersten- 
graupen, Milch,  Eosinenwein,  zu  den  scharfen  Stoifen  alles  zu  Herbe 
und  Saure,  alles  Gesalzene,  Honig,  Knoblauch,  Zwiebeln,  Gurken, 
Kohl,  Spargel,  Senf,  Salat  und  andere  grüne  Gemüse.  Diese  scharfen 
Stofi'e  sind  zugleich  die  „schleimverdünnenden",  während  die  milden 
dickeren  Schleim  erzeugen  (II,  23).  Sehr  subtil  ist  die  Aufzählung 
der  dem  Magen  zuträglichen  und  unzuträglichen  Nahrungsmittel  (II, 
24—25),  deren  Schluss  allerdings  noch  heute  beherzigenswert  ist.  (Ex 
his  autem  intelligi  potest,  non  quidquid  boni  succi  est,  protinus 
stomacho  convenire;  neque  quidquid  stomacho  convenit,  protinus  boni 
succi  esse.)  In  lib.  II  cap.  26  behandelt  Celsus  die  blähenden 
(Hülsenfrüchte,  fette  und  süsse  Speisen,  junger  Wein,  Zwiebeln, 
Kohl,  Wurzeln,  Nüsse,  Milch,  halbrohe  Speisen)  und  bläh ungs widrigen 
Nahrungsmittel  (Wildpret,  Vogelfleisch,  Fische,  Obst,  weiche  Eier,  alter 
Wein).  Erwärmend  wirken  Pfeffer,  Salz,  saftiges  Fleisch,  Zwiebeln, 
gesalzene  Speisen,  Wein;  kühlend  Salat,  (jrurken,  saure  Aepfel,  Birnen, 
gebratenes  Fleisch,  Essig,  saure  Speisen  und  Getränke  (II,  27).  Unter 
den  im  Magen  leicht  verderbenden  d.  h.  Gärung  erregenden  Nahrungs- 
mitteln nennt  Celsus  gesäuertes  Brot,  Weizenbrot,  Honig,  Milch, 
Milchspeisen,  Backwerk,  Austern,  Käse  (II,  28).  Auch  nach  ihrer 
Wirkung  auf  den  Darm  werden  die  Nahrungsmittel  unterschieden 
(II,  29 — 30).  Laxierend  wirken  gesäuertes  Brot,  halbroher  Kohl, 
Salate,  Zwiebeln,  Spargel,  Kirschen,  Trauben,  alle  milden  Stoffe, 
gesalzene  Speisen,  alle  Konchylien,  besonders  die  Brühe  davon,  Fische, 
roher  Honig,  Milchspeisen,  reines  Wasser,  verstopfend:  Weizenbrot, 
Breisuppen,  harte  Eier,  Käse  u.  s.  w.  Diuretische  Pflanzen  sind  Peter- 
silie, Raute,  Dill,  Anis,  Kresse,  Fenchel,  Spargel,  Thymian,  Senf, 
Zwiebeln,  Pfeffer  u.  s.  w.  (II,  31),  narkotische:  Mohn,  Salat,  Maul- 
beere, belebende :  Thymian,  Pfefferminze,  Raute  und  Zwiebeln  (II,  32). 
Im  letzten  Kapitel  werden  noch  einmal  alle  Nahrungsmittel  nach 
ihren  „ableitenden"  oder  „zurücktreibenden",  abkühlenden  oder  er- 
wärmenden, erhärtenden  oder  erweichenden  Eigenschaft  zusammen- 
gefasst  (II,  33). 


Celsus.  427 


Materia  medica,  Pharmacie  und  Toxikologie. 

Obwohl  Celsus  mehr  ein  Freund  der  rein  diätetischen  Behand- 
lungsweise  der  Krankheiten  ist,  besitzt  er  doch  Einsicht  genug-,  um 
die  Notwendigkeit  einer  arzneilichen  Therapie  anzuerkennen.  Denn 
„omnes  medicinae  partes  ita  innexae  sunt,  ut  ex  toto  separari  non 
possint",  weshalb  Einseitigkeit  in  der  Therapie  und  Bevorzugung 
einer  besonderen  Heilmethode  zu  verwerfen  ist  (Prooemium  von 
lib.  V).  Zu  den  blutstillenden  Mitteln  gehören  Eisenvitriol,  Akazien- 
saft, Aloe,  Bleiasche,  kaltes  Wasser,  Weinessig,  Alaunerde,  Eisen-  und 
Kupferschlag  (V,  1),  die  Vereinigung  der  Wunden  (Adstringentia) 
befördern  Myrrhe,  Eiweiss,  Leim,  in  kaltes  Wasser  oder  Essig  ge- 
tauchte Schwämme,  Alaun,  Auripigment  u.  s.  w.  (V,  2).  Maturierende 
und  eitern ngsbe fördernde  Mittel  sind:  Narde,  Myrrhe,  Erdharz, 
Schwefel,  Oel  u.  dgl.  (V,  3).  Kapitel  4  des  5.  Buches  behandelt  die 
Mittel,  welche  die  Körperporen  eröffnen.  Den  Körper  „reinigende" 
(quae  purgent)  Mittel  sind :  Kupfer,  Arsenik,  Weihrauch  und  Weihrauch- 
rinde, Terpentin,  Traubensaft,  Schwefel  u.  s.  w.  (V,  5).  Zu  den  A  e  t  z  - 
mittein  gehören:  Alaun,  Grünspan,  Kupferschlag,  Arsenik,  Myrrhe, 
Weihrauchrinde,  flüssiges  Terpentinharz,  Pfeffer,  Soda  u.  s.  w.  (V,  6). 
Kapitel  7  zählt  die  Mittel  auf,  welche  eine  zehrende  Wirkung  auf  den 
Körper  haben  (quae  exedant  corpus),  Kapitel  8  enthält  die  C  a  u  s  t  i  c  a 
(Auripigment,  Kupferschlag,  Myrrhe,  Kalk,  Alaun),  die  gleichzeitig 
schorfbildend  sind  (V,  9),  Kapitel  10 — 16  besprechen  speziellere  Indi- 
kationen einzelner  Arzneimittel  (Erweichung,  Beseitigung  von  Rauhig- 
keiten, Granulationsbeförderung,  Hautreinigung.)  Mit  Kapitel  17  be- 
ginnt die  eigentliche  Pharmacie  d.  h.  die  Lehre  von  der  Darstellung 
zusammengesetzter  Arzneien  und  spezieller  Arzneiformen.  Celsus 
gedenkt  der  römischen  Medizinalgewichte  und  erwähnt  dann  als  die 
hauptsächlichen  Formen  der  Arzneien  die  Umschläge,  Pflaster  und 
Pastillen  (Trochisci).  Die  erweichenden  Umschläge  bestehen  meist  aus 
Blumen  und  Pflanzenteilen,  die  Pflaster  und  Pastillen  aus  metallischen 
Stoffen.  Erstere  werden  auf  die  unverletzte  Haut  aufgelegt,  Pflaster 
und  Pastillen  meist  bei  Wunden  und  Geschwüren  zur  Anwendung  ge- 
bracht. In  dem  Pflaster  ist  stets  ein  flüssiger  Bestandteil,  bei  den 
Pastillen  werden  trockene  Substanzen  vermittelst  etwas  Feuchtigkeit 
miteinander  verbunden.  Beim  Pflaster  werden  zunächst  die  trockenen 
Bestandteile  miteinander  verrieben,  danach  etwas  Essig  oder  eine 
andere  Flüssigkeit  zugesetzt,  worauf  eine  neue  Verreibung  erfolgt ;  was 
verflüssigt  werden  kann,  wird  über  dem  Feuer  geschmolzen  und  dann 
etwas  Oel  hinzugegossen.  Bisweilen  werden  die  trockenen  Stoffe  auch 
vorher  mit  Oel  gekocht.  Nach  allen  diesen  Prozeduren  wird  alles  in 
eine  Masse  zusammengemischt.  Bei  der  Herstellung  der  Pastillen 
werden  die  trockenen  Medikamente  mit  einer  nicht  fetten  Flüssigkeit 
zerrieben  (Wein,  Essig),  darauf  getrocknet.  Bei  der  Anwendung  werden 
sie  in  derselben  Flüssigkeit  wieder  gelöst.  Pflaster  werden  einfach 
aufgelegt,  Pastillen  eingerieben  (V,  17).  In  Kapitel  18  des  5.  Buches 
werden  dann  die  verschiedenen  Umschläge  (erweichende,  ableitende, 
schmerzstillende,  zerteilende,  blutstillende  u.  s.  w.)  angeführt.  Unter 
den  verschiedenen  Pflastern  (V,  19)  werden  besonders  die  auf  frische 
Wunden  zu  legenden,  adstringierenden,  hervorgehoben,  wie  das  „Bar- 
barum"  (Bestandteile:  Alaun,  Fichtenharz,  Oel  und  Essig),  das  „Coacon" 


428  Iwan  Bloch. 

und  „Basilikon"  u.  s.  w.,  ferner  die  Eiterung-  befördernden  Pflaster  und 
Zugpflaster  wie  z.  B.  das  Emplastrum  diadaphnidon,  welches  dta  dacpvidtüv, 
d.  h.  durch  den  Hauptbestandteil  Lorbeeren  wirkt,  ätzende  Pflaster, 
Pflaster  gegen  den  Biss  von  Thieren  und  frischen  Wunden,  sogenannte 
„Emplastra  leuca",  gelinde  Pflaster  bei  unbedeutenden  Wunden,  be- 
sonders der  Greise.  Die  Pastillen  (V,  20)  dienen  zur  Vereinigung  und 
Heilung  frischer  Wunden,  zur  Heilung  von  Geschwüren,  auch  zu  inner- 
lichem Gebrauche  z.  B.  zur  Abtreibung  der  Blasensteine,  Die  Pessarien 
(Medikamente  auf  weiche  Wolle  aufgestrichen  und  in  die  Vagina  ein- 
geführt) werden  bei  verschiedenen  Frauenleiden  angewendet  z.  B.  als 
Emmenagoga,  bei  Metritis  (V,  21).  Dann  gedenkt  Celsus  der  Arznei- 
mittel in  trockener  Form  (Streupulver),  der  Niesmittel  und  Gargarismen 
(V,  22),  der  Nervina,  der  flüssigen  Einreibungsmittel  (V,  24),  der  Pillen 
(Catapotia),  unter  denen  die  Mohnsaft  enthaltenden  schlafbefördernden 
und  schmerzlindernden  oder  gegen  Kolik  und  Dysurie  wirksamen  Pillen 
besondere  Erwähnung  verdienen  (V,  25). 

Die  Toxikologie  wird  in  den  Kapiteln  23  und  27  des  fünften 
Buches  abgehandelt.  Giftig  ist  nach  Celsus  jede  Art  von  Bisswunde 
eines  wilden  Tieres  (Beschreibung  der  Hydrophobie).  Man  muss  das 
Gift  sobald  wie  möglich  entfernen,  durch  Schröpfköpfe,  durch  Auf- 
streuen von  Salz,  welches  eine  Eiterung  erregt,  durch  Aderlässe,  durch 
Ausbrennen,  durch  starkes  Schwitzen.  Bei  Schlangenbissen  schnüre 
man  das  Glied  oberhalb  der  Wunde  zusammen  und  sauge  das  Gift 
durch  einen  Schröpfkopf  aus,  nachdem  man  vorher  die  Wunde  ausge- 
schnitten hat.  Auch  Menschen  dürfen  das  Aussaugen  besorgen,  da  das 
Gift  bei  unverletztem  Körper  unschädlich  ist.  Man  muss  sich  vorher 
nur  vergewissern,  dass  weder  am  Zahnfleisch,  noch  am  Gaumen,  den 
Lippen  u.  s.  w.  eine  wunde  Stelle  sei.  Celsus  empfiehlt  bei  Ver- 
giftungen ferner  harntreibende  Mittel,  welche  die  Säftemasse  verdünnen, 
und  Genuss  von  Essig.  Bei  einer  Vergiftung  durch  Speisen  oder  Ge- 
tränke soll  man  vieles  Gel  trinken  lassen  und  ein  Vomitiv  geben. 
Bei  Kanthariden Vergiftung  ist  hauptsächlich  Milch  von  Nutzen,  ebenso 
bei  Bilsenkrautvergiftung;  das  Schierlingsgift  wird  durch  reichlichen 
Weingenuss  beseitigt.  Auch  der  berühmten  allgemeinen  Gegengifte 
wie  der  „Ambrosia",  des  Antidoton  des  Mithridates  u.  s.  w.  gedenkt 
Celsus. 

Die  Verbrennungen  hat  Celsus,  ähnlich  wie  wir  heute,  vor- 
zugsweise trocken  mit  Pulver-  und  Pastenverbänden  behandelt 
(V,  27,  17). 

Aligemeine  Pattiologie  und  Tlierapie. 

Celsus  unterscheidet  acute  und  chronische  Krankheiten 
und  solche,  die  beide  Typen  vereinigen,  ferner  allgemeine  Krank- 
heiten, die  den  ganzen  Körper  in  Mitleidenschaft  ziehen,  und  ört- 
liche, die  an  einem  einzelnen  Teile  ihren  Sitz  haben.  Der  Kunst  des 
Arztes  sind  bei  den  chronischen  Krankheiten  grössere  Aufgaben  ge- 
stellt als  bei  den  akuten  (III  cap.  1).  Bei  akuten  Krankheiten  muss 
man  erst  spät  an  die  gute  Ernährung  des  Kranken  denken,  da  hier 
zunächst  Stofl'entziehung  die  Heftigkeit  der  Krankheit  vermindert,  bei 
chronischen  Krankheiten  dagegen  muss  die  Ernährungsfrage  von  vorn- 
herein ins  Auge  gefasst  werden.  Im  Beginne  einer  allgemeinen  Krank- 
heit sind  Euhe,  Enthaltsamkeit,  Wassergenuss  zunächst  angezeigt,  erst 


Celsns.  429 

nach  einigen  Tagen  darf  man  einige  milde  Speisen  und  etwas  Wein 
geniessen.  Bäder,  Brechmittel,  starke  Bewegung,  Schwitzen,  Wein- 
trinken sind  im  Anfange  der  Krankheit  durchaus  kontraindiziert  (lib. 
III  cap.  2).  —  Hierauf  geht  C  e  1  s  u  s  zur  Schilderung  der  verschiedenen 
Fieberarten  über.  Er  unterscheidet  eintägige,  dreitägige  und  vier- 
tägige Fieber.  Es  wird  dann  eine  genaue  Beschreibung  des  gewöhn- 
lichen Fieberanfalles  in  hitzigen  Krankheiten  gegeben,  auf  die  ver- 
schiedenen Varietäten  desselben  hingewiesen  (III,  3)  und  dann  die  vor- 
zugsweise diätetische  Behandlung  der  einzelnen  Fieberarten  sorgfältig 
erläutert  (III,  5 — 17).  Nahrung  soll  man  für  gewöhnlich  beim  Nach- 
lasse des  Fieberanfalles  geben  (III,  5),  mit  Getränken  freigebiger  sein 
als  mit  fester  Nahrung  und  auch  diese  in  beinahe  flüssigem  Zustande 
reichen.  Man  muss  bei  Fieber  für  Stuhlgang  und  Diaphorese  sorgen, 
bisweilen  zur  Ader  lassen,  den  Kranken  ins  Bad  bringen  (III,  6).  Bäder 
sind  ganz  besonders  bei  den  pestartigen  Fiebern  (pestilentes  febres) 
von  Nutzen,  ebenso  Wein.  Bei  Kindern  sind  Aderlass,  Abführmittel, 
Wachen,  Hunger  und  Durst  und  Weingenuss  nicht  zuträglich.  Beim 
Brennfieber  (ardens  febris)  muss  der  Kranke  in  einem  gut  ventilierten 
Zimmer  ruhen,  nur  leicht  bedeckt  werden,  wobei  feuchte  Kompressen 
auf  die  Magengegend  gelegt  werden  (III,  7).  Bei  schleichenden  Fiebern 
muss  der  Arzt  auf  eine  Umstimmung  des  Organismus  hinarbeiten,  dies 
wird  durch  häufige  kalte  Waschungen,  durch  Reiben  mit  Oel  und  Salz 
erreicht.  Als  Beispiele  solcher  heroischen,  eingreifenden  Alterations- 
kuren führt  Celsus  diejenigen  des  Petron  an  (III,  9).  Einzelne 
Symptome,  welche  den  fieberhaften  Zustand  begleiten,  bedürfen 
einer  besonderen  Behandlung  wie  der  Kopfschmerz  (kühlende  Um- 
schläge, Auflegen  von  mohnhaltigem  Brot,  Riechen  an  Quendel  oder 
Dill)  und  die  Entzündung,  deren  vier  Kardinalsymptome  (rubor  et 
tumor  cum  calore  et  dolore)  angegeben  werden  (III,  10). 

Nächst  den  Fiebern  spielen  eine  grosse  Rolle  unter  den  allge- 
meinen Krankheiten  die  Formen  des  Wahnsinns  (insania),  dessen 
wichtigste  Abart  die  Phrenitis  ist,  eine  fieberhafte,  mit  Delirien 
einhergehende,  akute  Form  der  Geistesstörung.  Bei  der  Melancholie 
ist  Aderlass,  Fasten  und  sonstige  Entziehung  von  Nutzen,  Aufheiterung 
durch  Märchen  und  Schauspiele  anzustreben.  Die  dritte  Form  der 
Insania  ist  die  Paranoia,  welche  bald  in  der  Verstandes-  bald  in 
der  Gemütssphäre  ihren  Sitz  haben  kann.  Dieser  Abschnitt  giebt 
Celsus  Gelegenheit,  seine  Grundsätze  der  psychiatrischen 
Therapie  zu  entwickeln,  welche  Zwangsmittel  nur  im  äussersten  Not- 
falle verwendet,  sehr  individualisierend  verfährt,  und  von  Aderlass, 
Abführmitteln,  lokaler  Einwirkung  auf  den  Kopf  (durch  kühlende  oder 
bähende  Umschläge),  Massage,  psychischer  Einwirkung,  Musik,  Narko- 
ticis  u.  a.  ausgiebigen  Gebrauch  macht  (III,  18).  Als  „cardiacus 
morbus"  bezeichnet  Celsus  eine  akute  Krankheit,  welche  mit  grosser 
Körperschwäche,  Magenbeschwerden,  unmässigem  Schweissausbruche 
einhergeht  (III,  19).  Der  „Lethargus",  die  unüberwindliche  Schlaf- 
sucht (coma^etc.)  ist  ebenfalls  eine  akute  Krankheit,  die  schnell  tötet, 
wenn  man  nicht  gegen  sie  einschreitet,  was  man  durch  Niesmittel, 
stark  riechende  Substanzen,  plötzliches  Aufgiessen  von  kaltem  Wasser 
u.  s.  w.  thut  (III,  20),  Betäubung  (III,  26)  erfolgt  durch  den  Blitz 
und  durch  die  Apoplexie  (Aderlass,  Abführmittel,  Massage).  Infolge 
der  Apoplexie  tritt  auch  oft  Lähmung  ein  (Resolutio  nervorum).  Bei 
allen  Lähmungen  ist  der  Aderlass  das  souveräne  Mittel,   danach  Pur- 


430  Iwan  Bloch. 

gantien,  aktive  und  passive  Bewegung  und  Massage  und  Hautreizung 
des  gelälimten  Teiles.  Bei  N  e  u  r  al  g  i  e  n  nützen  Klimaveränderung,  Eulie, 
Einwirkung  starker  Hitze  (Auflegen  von  Schläuchen  mit  heissem  Wasser), 
Blutentziehung.  Bei  Tremor  sind  Brechmittel  und  Diurese,  Bäder 
und  Schwitzen  zu  vermeiden,  dagegen  viel  Bewegung  und  Massage 
von  Nutzen  (III,  27).  Kapitel  21  des  5.  Buches  handelt  von  der 
Wassersucht  (Hydrops)  bezw.  inneren  Luftansammlung,  die  als  A n a - 
sarca,  Ascites  und  Tympanites  beschrieben  werden.  Diese 
Krankheit  ist  teils  genuin,  teils  nur  Symptom  eines  anderen  Leidens, 
Geschwüre  eines  Wassersüchtigen  sind  sehr  schwer  heilbar.  Hunger 
und  Durst,  Abstinenz  in  jeder  Beziehung  fördert  die  Heilung  der 
Wassersucht,  ferner  sind  Spaziergänge,  Laufen,  Reiben  der  oberen 
Teile,  warmer  Sand,  Schwitzen  in  der  Schwitzstube,  im  Backofen 
u.  s.  w.  von  Nutzen.  Celsus  empfiehlt  für  diesen  Zweck  besonders 
die  warmen  Luftbäder  von  Bajae.  Abführmittel,  Diuretica  sind  in  An- 
wendung zu  ziehen,  wobei  die  Menge  der  eingenommenen  und  ent- 
leerten Flüssigkeit  gemessen  und  verglichen  werden  muss.  Auch 
Schröpfköpfe,  häufige  Klystiere  von  vielem  warmem  Wasser,  Hervor- 
rufen künstlicher  Geschwüre  am  Bauche,  deren  Eiterung  unterhalten 
wird,  Sonnenbäder,  Punktion  des  Anasarca  und  Ascites  sind  bei  Hydrops 
in  Anwendung  zu  ziehen. 

Ebenso  ausführlich  wird  die  Auszehrung  (tabes)  mit  ihren  ver- 
schiedenen Formen  behandelt.  Eine  Art  der  Auszehrung  ist  die 
Atrophie,  wo  der  Körper  nicht  mehr  ernährt  wird  und  in  den 
äussersten  Grad  der  Abmagerung  verfällt.  Bei  der  Kachexie  ist  der 
Körper  selbst  von  schlechter  Beschaffenheit  (malus  habitus),  wodurch 
die  Nahrung  in  Verderbnis  übergeht;  dies  ist  meist  Folge  einer  lang- 
wierigen Krankheit  oder  der  Einwirkung  schädlicher  Arzneimittel. 
Häufig  zeigen  sich  auf  der  Haut  Kachektischer  Pusteln  und  Geschwüre. 
Die  dritte  Art  der  Auszehrung  ist  die  Phthisis,  deren  Hauptursache 
eine  eitrige  Affektion  der  Lungen  ist,  wodurch  Fieber,  häufiger  Husten, 
eitriger  und  blutiger  Auswurf  hervorgerufen  werden.  Atrophische  Zu- 
stände erfordern  frische  Luft,  Massage,  Bäder,  leicht  verdauliche 
Speisen,  W^ein,  Diurese.  Bei  Kachexie  ist  häufiges  Baden  sehr  nütz- 
lich, Aderlass,  gute,  kräftige  Ernährung  u.  s.  w.  Die  Lungenschwind- 
sucht muss  gleich  im  Beginne  behandelt  werden,  später  ist  die 
Therapie  fast  immer  machtlos.  Seereisen,  Klimaveränderung  (ägyptisches 
Klima  als  Heilmittel),  Körperbewegung,  Entfernung  von  den  täglichen 
Geschäften  und  Sorgen,  guter  Schlaf,  Verhütung  von  Katarrhen,  Ver- 
meiden von  schwer  verdaulichen  Speisen,  extremen  Temperaturen, 
Milchgenuss,  gelinde  Massage,  in  schweren  Fällen  Anwendung  des 
Glüheisens  (Kinn,  Hals,  Brust,  Schultern),  warme  Bäder,  Saft  des 
Wegerich,  Terpentin  mit  Honig,  sorgfältige  Therapie  der  gefährlichen 
Durchlälle  und  der  Hämoptoe  sind  die  von  Celsus  als  besonders  wirk- 
sam empfohlenen  Heilmittel  der  Phthisis  pulmonum  (III,  22).  Auch 
die  Epilepsie  (morbus  comitialis  sive  major)  gehört  unter  die  allge- 
meinen Krankheiten.  Sie  befällt  häufiger  Männer  als  Frauen,  dauert 
meist  das  ganze  Leben  hindurch.  Nicht  immer  begleiten  den  Anfall 
Krämpfe  und  Zuckungen.  Epileptiker  müssen  sich  einer  in  diätetischer 
Hinsicht  vorsichtigen  Lebensweise  befleissigen,  müssen  den  Alkohol  und 
den  Coitus  soviel  wie  möglich  meiden.  Von  Interesse  sind  die  Be- 
merkungen über  lokale  Beeinflussung  des  Kopfes  durch  Schröpfköpfe 
am  Hinterhaupt,  Kauterisation,  Einreiben  scharfer  Substanzen  u.  s.  w. 


Celsus  431 

Auch  der  Genuss  von  Mensclienblut  wird  empfohlen  (III,  23).  —  Die 
Gelbsucht  (morbus  regius,  arquatus)  wird  besonders  an  der  gelben 
Farbe  der  Konjunktiven  erkannt,  ferner  sind  Durst,  Kopfschmerz, 
Singultus,  Härte  im  rechten  Präcordium,  Dyspnoe,  Farbenveränderung 
des  Körpers  Symptome  dieses  Leidens.  Als  Mittel  gegen  dasselbe 
werden  Laxantien,  scharfe  Speisen,  herber  Wein,  Bewegung,  Massage, 
Schwimmbäder,  Aufheiterung  durch  Vergnügungen  erwähnt.  Bei  der 
Gelbsucht  sind  meist  Leber  oder  Milz  affiziert  (III,  24).  —  Die  Lepra 
(elephantiasis),  ebenfalls  eine  Erkrankung  des  ganzen  Körpers,  war  zu 
des  Celsus  Zeit  in  Italien  noch  wenig  verbreitet.  Celsus  erwähnt 
die  Flecken  und  Knoten  und  die  lepröse  Infiltration  der  Haut,  die  Ab- 
magerung des  Körpers,  Verdickung  der  Lippen  und  Füsse,  deutet  das 
Abfallen  der  Finger  und  Zehen  an,  ja  kennt  sogar  lepröse  Knochen- 
affektionen. Die  Therapie  der  Elephantiasis  besteht  in  Anwendung 
des  Aderlasses,  Verabreichung  von  Veratrum  nigrum,  Sorge  für  Leibes- 
öffnung, tüchtige  Körperbewegung,  Schwitzen,  Massage,  leicht  ver- 
dauliche Nahrung  (III,  25). 

Spezieile  Patlioiogie  und  Tiierapie. 

Im  vierten  Buche  giebt  Celsus  einen  kurzen  Abriss  der  speziellen 
Pathologie  und  Therapie  a  capite  ad  calcem,  der  durch  einen  dürftigen 
topographisch-anatomischen  Abschnitt  (IV  cap.  1)  eingeleitet  wird.  Zu- 
nächst werden  die  diesem  Gebiete  angehörigen  Krankheiten  des  Kopfes 
d.  h.  des  „mit  Haaren  bedeckten  Teiles"  desselben  besprochen.  Der 
Begriif  ,.Kopfschmerz''  ist  bereits  bei  Celsus  so  weitschichtig  wie 
heute.  Er  versteht  darunter  Schmerzen  im  ganzen  Kopfe,  Migräne, 
(beide  infolge  von  Weingenuss  und  unverdaulichen  Speisen  oder  von 
Hitze  und  bei  fieberhaften  Krankheiten)  Neuralgien,  hydrocephalische 
Kopfschmerzen.  Therapie :  Aderlass,  Enthaltung  von  Speise  und  Trank, 
kalte  oder  warme  Umschläge,  Senfpflaster,  Massage.  Beim  Schnupfen 
empfiehlt  Celsus  warme  Bähungen  des  Kopfes.  Nach  sehr  undeut- 
lichen Bemerkungen  über  die  Krankheiten  des  Nackens  (IV,  3),  wendet 
sich  Celsus  zu  den  Eachenalfektionen  (IV,  4),  von  denen  er  die  „An- 
gina" besonders  erwähnt  (Angina,  Croup,  Oedema  glottidis),  die  durch 
Aderlass,  Schröptköpfe  unter  dem  Kinn,  feuchte  Umschläge  mit  warmem 
Salzwasser,  Gurgelungen  mit  Thymianwasser  u.  a.,  Auspinselungen  des 
Rachens  und  sogar  durch  Incisionen  am  Gaumen  und  Zäpfchen  günstig 
beeinfliisst  Avird.  Bei  Dyspnoe  und  Asthma  ist  ebenfalls  der  Aderlass 
nützlich,  auch  Milchgenuss,  Purgantien,  Hochlagerung  des  Kopfes,  warme 
und  feuchte  Umschläge  aut  die  Brust,  Brechmittel,  Diurese,  langsames 
Spazierengehen.  Undeutlich  wird  der  Retropharyngealabscess  geschildert 
(milde  Speisen  und  Gurgelwässer).  Gegen  Husten,  der  bald  trocken, 
bald  mit  Schleimauswurf  verbunden  ist,  wird  Genuss  von  Thee,  Spazieren- 
gehen, Seefahrt  und  Meeresklima  empfohlen.  Bei  Hämoptoe  und 
inneren  Blutungen  sind  Ruhe,  Sorglosigkeit  und  Stille  notwendig.  Die 
Pneumonie  wird  ziemlich  genau  beschrieben  und  mit  Aderlass,  milder 
Diät  (Gerstengraupenschleim  u.  s.  w.)  und  Umschlägen  behandelt,  wobei 
die  Zufuhr  frischer  Luft  wichtig  ist  (IV,  7).  Von  Leberleiden 
schildert  Celsus  eine  akute  Entzündung  der  Leber  mit  heftigen 
Schmerzen,  Erbrechen  von  Galle,  Singultus,  den  Leberabscess  und  die 
Lebercirrhose  mit  konsekutivem  Ascites  und  Hydrops.  Therapie: 
Aderlass,  Laxantien,  Diurese,  Incision  eines  Abscesses  (IV,  8).   Milz- 


432  Iwan  Bloch. 

leiden  (Milztumor)  erfordern  den  Genuss  saurer  und  scharfer  Speisen, 
Diuretika  (Petersilie,  Thymian)  und  als  eine  Art  von  Organtherapie 
den  Genuss  von  Rindermilz  (IV,  9).  Bei  Nierenleiden  muss  der 
Kranke  auf  einer  weichen  Unterlage  liegen,  der  Stuhl  muss  stets 
flüssig  sein  (Klystiere),  ferner  sind  häufige  warme  Bäder,  warme 
Speisen  und  Getränke,  Diuretika  von  Nutzen.  Alle  gesalzenen  und 
scharfen  Speisen  sind  zu  meiden.  Auch  der  Ulcerationsprozesse 
in  den  Nieren  gedenkt  C  e  1  s  u  s  (IV,  10).  —  Ziemlich  ausführlich  werden 
die  Magen-  und  Darm  leiden  abgehandelt  (IV,  5;  IV,  11 — 19). 
C  eis  US  kennt  die  akute  Gastritis,  das  Magengeschwür,  den  „schwachen 
Magen"  und  die  „Aufblähung"  des  Magens  (Meteorismus,  Gastrectasie). 
Bei  Gastritis  kommen  therapeutisch  Breiumschläge,  warme  Bähungen. 
Fasten  und  Abführmittel  in  Betracht.  Bei  Magengeschwür  werde  alles 
Scharfe  und  Saure  gemieden.  Gegen  Magenschwäche  empfiehlt  C  e  1  s  u  s 
kalte  Uebergiessungen,  Schwimmen,  kalte  Heilquellen,  Genuss  von 
kaltem  Wein,  Massage.  Sehr  gut  ist  die  Schilderung  des  Magendarm- 
katarrhs und  der  Cholera  nostras  (u.  a.  Erwähnung  des  krampfhaften 
Zusammenziehens  der  Hände  und  Füsse).  Therapie :  Hebung  der  Kräfte 
durch  Wein,  warme  Umschläge,  Einreiben  des  Körpers  mit  warmem 
Oel.  Bei  Ileus  werden  Oelklystiere  besonders  gei'ühmt,  auch  die  Peri- 
typhlitis (Ileocöcalschmerz)  wird  angedeutet  und  mit  trockenen,  warmen 
Bähungen  und  Schröpfköpfen  behandelt.  Deutlicher  ist  wieder  die 
Schilderung  der  Ruhr  (Darmgeschwür,  Abgang  von  flüssigem,  schleim- 
und  bluthaltigem  Kot  mit  „Fleischteilchen",  Tenesmus  und  Schmerz  im 
After).  Therapie:  Ruhe,  Breiumschläge,  warme  Sitzbäder,  Waschen 
des  Afters  mit  warmem  Wasser,  Milch-  oder  Gerstenschleimklystiere, 
stopfende  Diät,  leichte  Diurese,  Einführen  von  Alaun-Suppositorien 
in  den  Mastdarm.  Bei  Diarrhoen  ist  zunächst  Fasten  angebracht,  darauf 
Genuss  zusammenziehender  Speisen,  Bäder,  Heidelbeerendekokt.  Gegen 
Bandwürmer  empfiehlt  Celsus  besonders  die  Granatwurzelrinde,  nach 
einer  Vorkur  mit  Knoblauch.  Gegen  Ascariden  und  Oxyuren  dasselbe 
oder  Oelklystiere  und  Pfefferminzwasser.  Die  Ischias  wird  anfangs 
mit  warmen  Bähungen  und  Umschlägen  behandelt,  dann  mit  kräftigen 
Pflastern,  blutigen  Schröpfköpfen,  Diurese,  Kauterisation,  Massage 
(IV,  22).  Rheumatische  Gelenkschmerzen  (IV,  23)  werden  durch 
Umschläge,  Blutentziehung,  Kauterisation  günstig  beeinflusst.  Bei  der 
Gicht  (Podagra,  Chiragra)  ist  im  Beginne  der  Aderlass  ein  vortreff"- 
liches  Mittel.  Auch  die  Trinkkur  mit  Eselsmilch  hat  viele  für  immer 
von  der  Gicht  befreit,  ebenso  die  Enthaltung  von  Alkohol  und  den 
Freuden  der  Liebe.  Beim  Gichtanfall  empfiehlt  Celsus  Schwitzen, 
Uebergiessung  mit  lauem  Wasser,  Diurese,  Brechmittel,  warme  Fuss- 
bäder  in  Seewasser,  warme  Umschläge,  bei  heftigen  Schmerzen  Salben 
mit  Mohnsaft.  Nach  dem  Anfall  soll  der  Kranke  sich  massig  bewegen, 
sorgfältige  Diät  beobachten,  für  gute  Leibesöffnung  sorgen  (IV,  24). 
Für  die  Rekonvalescenz  nach  schweren  Krankheiten  ist  vor  allem 
eine  ganz  allmähliche  Rückkehr  zur  früheren  Lebensweise  anzu- 
streben (IV,  25). 

Chirurgie. 

Mit  Recht  ist  die  Darstellung  der  Chirurgie  als  der  Glanzpunkt 
des  Werkes  des  Celsus  bezeichnet  worden.  In  gleicher  Ausführlich- 
keit wird   kein    anderer  Abschnitt   der  Medizin  von  ihm   behandelt. 


Celsus.  433 

Blich  7  und  8  sind  ausschliesslich  der  Chirurgie  gewidmet,  ausserdem 
finden  sich  in  den  übrigen  Büchern  zahlreiche  chirurgische  Be- 
merkungen zerstreut  Kapitel  26  und  28  des  fünften  Buches  enthalten 
die  Grundzüge  der  allgemeinen  Chirurgie  (Wunden,  Geschwüre, 
Geschwülste).  Als  tödliche  Verletzungen  gelten  diejenigen  der  Gehirn- 
basis, des  Herzens,  Magens,  der  Leberpforte,  des  Kückenmarks  u.  s.  w. 
Verletzungen  innerer  Organe,  grosser  Blutgefässe,  der  Gelenke,  Nerven 
und  Knochen  sind  gefährlicher  als  Fleischwunden.  Gequetschte  Wunden 
sind  schlimmer  als  Schnittwunden,  Wunden  von  runder  Form  schlimmer 
als  geradlinige  Kontinuitätstrennungen.  Es  werden  dann  die  Symptome 
der  einzelnen  Verletzungen  erörtert.  Bei  Lungenwunden  tritt  Dyspnoe, 
schaumiger  Blutauswurf,  geräuschvolles  Atmen  ein.  der  Kranke  liegt 
auf  der  verletzten  Stelle,  bei  Nierenwunden  sti-ahlt  der  Schmerz  in 
die  Leistengegend  und  Hoden  aus,  es  ist  Dysurie  vorhanden  und  der 
Urin  ist  mit  Blut  vermischt,  bei  Verletzungen  des  Gehirns  oder  der 
Gehirnhäute  fliesst  Blut  durch  die  Nase  oder  die  Ohren  ab,  es  tritt 
Erbrechen  ein,  Nystagmus,  Delirien,  Zuckungen;  Rückenmarksver- 
letzungen haben  Lähmungen  oder  Krämpfe,  Aufhebung  der  Sensibilität, 
unwillkürlichen  Abgang  von  Samen,  Urin  und  Kot  zur  Folge.  Danach 
gedenkt  Celsus  der  Flüssigkeiten,  welche  von  den  Wunden  abge- 
sondert werden  (Blut,  Eiter,  Jauche).  Die  Blutstillung  geschieht  durch 
Tamponierung  und  Kompression  der  Wunde  bei  parenchymatöser 
Blutung,  durch  doppelte  Unterbindung  bei  Verletzung  grösserer  Ge- 
fässe.  Ferner  wird  die  Vereinigung  der  Wunde  durch  die  Naht  be- 
schrieben. Auch  die  Massenligatur  kannte  Celsus.  Als  Wund- 
verband dient  ein  in  Essig,  Wein  oder  Wasser  ausgedrückter  Schwamm, 
der  aulgelegt  und  stets  feucht  erhalten  wird,  über  denselben  kommt 
eine  Leinwandbinde.  Man  muss  in  den  nächsten  Tagen  sorgfältig  das 
Aussehen  der  Wunde  beachten  und  bei  etwaigen  ungünstigen  Ver- 
änderungen sofort  einschreiten.  Bei  kailösen  Geschwüren  werden  die 
Ränder  abgetragen  und  das  Ulcus  selbst  wird  skarifiziert.  Gute 
Narben  erzielt  man  durch  Auflegen  von  Zinnplatten.  Putride  Ge- 
schwüre werden  mit  dem  Glüheisen  kauterisiert.  Aderlass,  Kauteri- 
sation, Excision  bezw.  Amputation  kommen  bei  Erysipel  und  Gangrän 
zur  Anwendung,  auch  der  Kontusionen  und  des  Eindringens  von 
Fremdkörpern,  besonders  der  Pfeilgeschosse  (VII,  5)  wird  gedacht. 
Was  die  Fisteln  (V,  28,  12)  betrifft,  so  unterscheidet  Celsus  Eiter-, 
Sekret-  und  Exkretflsteln,  kennt  die  Fistelmembran  uud  beseitigt  die 
Fisteln  durch  Spaltung,  Abtragung  der  kailösen  Ränder.  Bei  Thorax- 
fisteln  infolge  von  Caries  der  Rippen  wird  die  Rippenresektion  ange- 
wendet, Mastdarmfisteln  werden  mit  dem  Messer  bezw.  durch  Injektion 
reizender  Flüssigkeiten  behandelt  (lib.  VII  cap.  4).  Das  Carcinom, 
welches  nach  Celsus  besonders  an  den  oberen  Teilen  des  Körpers 
(Gesicht,  Nase,  Ohren,  Lippen,  Mamma),  aber  auch  in  Leber  und  Milz 
vorkommt,  zeigt  harte  oder  weiche  Konsistenz,  später  geschwürigen 
Zerfall,  in  seinem  Umkreise  sind  die  Venen  erweitert.  Mit  dem  Krebs 
bringt  Celsus  die  ,.Kondylome"  (Sarkome)  und  Papillome  (thymium) 
in  Verbindung.  Therapie:  Kauterien,  Messer.  Durch  beides  werden 
aber  die  häufigen  Rezidive  nicht  verhindert.  Die  Varices  werden 
durch  das  Glüheisen  oder  Exstirpation  beseitigt  (VII,  31).  Skrophulöse 
Lymphdrüsen  (struma)  werden  mit  dem  Messer  oder  zerteilenden 
Medikamenten  behandelt  (daneben  fleissige  Bewegung  und  gute  Er- 
nährung; V,  28,  7). 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  L  28 


434  Iwan  Bloch. 

In  der  speziellen  Chirurgie  des  Celsus  nimmt  die  Lehre 
von  den  Frakturen  und  Luxationen  der  Knochen  einen  breiten  Raum 
ein  und  füllt  das  ganze  achte  Buch  aus.  Im  ganzen  finden  wir  hier 
eine  starke  Anlehnung  an  die  hippokratischen  Lehren.  —  Bei  Knochen- 
caries  und  Nekrose  muss  man  den  Knochen  freilegen  und  die  erkrankte 
Stelle  kauterisieren,  damit  der  Sequester  sich  löst,  oder  auch  die  be- 
treffende Stelle  ausschaben,  bis  man  auf  gesunden  Knochen  stösst. 
Durch  Sondierung  stellt  man  den  Umfang  der  Caries  fest.  Ist  dieselbe 
sehr  tief,  so  muss  das  Erkrankte  mit  einem  Bohrer  mehrfach  per- 
foriert, und  die  Bohrlöcher  müssen  mit  dem  Glüheisen  ausgebrannt 
werden.  Bei  Caries  der  Kopf-,  Brust-  und  Rippenknochen  ist  die 
Resektion  vorzuziehen  (VIII,  2).  Dieselbe  wird  mit  dem  Kronentrepan 
(modiolus)  und  Bohrer  (terebra)  vorgenommen.  Celsus  beschreibt 
dann  die  Trepanation  des  Schädels  (VIII,  3),  geht  danach  zu  den 
Schädelbrüchen  über  (VIII,  4),  wobei  auch  der  innere  Bluterguss  ohne 
Fraktur  erwähnt  wird.  Lib.  VIII  cap.  5 — 9  behandeln  die  Frakturen 
der  Nase,  der  Ohrmuschel,  des  Unterkiefers,  der  Clavicula,  der  Rippen 
und  der  Wirbelsäule  im  Anschlüsse  an  Hippokrates.  In  Kap.  10 
werden  die  Brüche  der  Extremitätenknochen  besprochen  (Refraktion 
des  weichen  Callus  bei  den  mit  Deformität  geheilten  Frakturen), 
Kap.  11 — 25  enthalten  die  Luxationen  (nach  Hippokrates).  —  Von 
den  chirurgischen  Krankheiten  im  Bereiche  des  Kopfes  gedenkt  Celsus 
vor  allem  der  Atherome,  deren  Inhalt  bald  honigartig  (ineliyirjQig), 
bald  grützbreiähnlich,  bald  knorpelartig  ist,  auch  bisweilen  mit  Kalk- 
konkrementen und  Haaren  vermischt  ist,  ferner  der  Lipome  (stea- 
tomata).  Diese  Balgschwülste  werden  in  der  noch  heute  üblichen 
Weise  exstirpiert  (VII,  6).  Was  die  Nasenleiden  betrifft,  so  kennt 
Celsus  geschwürige  Prozesse  im  Innern  der  Nase  (nares  exulceratae), 
gegen  welche  er  Einatmen  warmer  Wasserdämpfe  durch  die  Nase 
empfiehlt,  und  von  welchen  er  als  eine  bestimmte  Form  die  Ozaena 
hervorhebt,  deren  schwere  Heilbarkeit  er  bereits  erkannte  (Kauteri- 
sation oder  lokale  Applikation  von  Terpentinsalben  nach  Entfernung 
der  Krusten).  Ferner  werden  die  Nasenpolypen  (carunculae,  polypus) 
und  andere  Tumoren  der  Nasenhöhle  beschrieben,  die  mit  arsenik- 
haltigen  Salben  oder  operativ  (durch  Ablösen  und  Hervorziehen  mit 
einem  Haken)  behandelt  werden  (lib.  VI  cap.  8;  lib.  VII  cap.  10 — 11). 
Entzündungen  des  Ohres,  deren  Gefahren  (üebergreifen  aufs  Gehirn) 
betont  werden,  werden  durch  Aderlass,  warme  Umschläge,  Einträufeln 
warmer  Flüssigkeit  ins  Ohr,  narkotisch  wirkende  Umschläge  (Mohn- 
saft), Einspritzen  medikamentöser  Flüssigkeiten  bekämpft.  Schwer- 
hörigkeit erfordert  Entfernung  des  Ohrenschmalzes  und  sonstiger  Un- 
reinigkeiten  im  äusseren  Gehörgang,  warme  Bähungen,  Diät  u.  s.  w. 
Aehnlich  ist  die  Therapie  des  Ohrensausens.  Fremdkörper  werden 
mit  dem  Ohrlöffel,  stumpfem  Haken  oder  durch  Einspritzungen  und 
Erschütterungen  entfernt  (VI,  7).  In  einem  besonderen  Kapitel  wird 
die  operative  Behandlung  der  Verschliessung  des  äusseren  Gehör- 
ganges und  der  Defekte  des  Ohrläppchens  (Anfrischung  und  Naht)  be- 
handelt (VII,  8).  Die  Parotitis  ist  bald  genuin,  bald  Begleiterscheinung 
einer  fieberhaften  Krankheit.  Therapie:  zerteilende  Mittel  oder  In- 
cision  (VI,  16).  Von  hervorragendem  Interesse  sind  die  von  Celsus 
beschriebenen  plastischen  Operationen  am  Kopfe.  Lib.  VII  cap.  9 
stellt  die  „älteste  im  Abendlande  verfasste  Abhandlung  über  plastische 


Celsus.  435 

Chirurgie,  die  chirurgia  curtorum,  dar"  (E,  Gurlt).  ^)  „Curtum"  be- 
deutet „Verstümmelung"  oder  „Lücken,  Defekte,  Spalten".  Die 
plastischen  Operationen  an  Ohren,  Nasen  und  Lippen,  die  in  diesem 
Kapitel  behandelt  werden,  geschehen  nicht  nach  der  seit  alter  Zeit  in 
Indien  gebräuchlichen  Methode,  grössere  Teile  durch  einen  fast  völlig 
abgelösten  und  auf  den  vorhandenen  Defekt  gebrachten  Hautlappen 
zu  ersetzen,  sondern  es  handelt  sich  bei  Celsus  nur  um  den  Ersatz 
kleinerer  Defekte  durch  blosse  Yerziehung  benachbarter  Hautteile, 
wobei  die  von  Dieffenbach  wieder  eingeführten  halbmondförmigen 
Entspannungsschnitte  angewendet  werden.  —  Auch  die  Mund-  und 
Zahnleiden  werden  in  dem  Werke  des  Celsus  ziemlich  ausführlich  be- 
rücksichtigt (lib.  VI  cap.  9 — 15  und  lib.  VII  cap.  12).  -)  Gegen  Zahn- 
schmerzen empfiehlt  er  weiche  Speisen,  Inhalationen  von  Wasserdampf, 
Warmhalten  des  Kopfes,  Abführmittel,  Ausspülen  des  Mundes  mit 
heissem  Kräuterthee,  Bestreichen  des  Zahnfleisches  mit  Oel,  Zug- 
pflaster auf  die  Schulter  der  schmerzenden  Seite,  Spalten  des  cariösen 
Zahnes  durch  Pfefferkörner  oder  geschälte  Epheukörner.  Zur  Er- 
haltung des  Zahnes  stopft  er  ein  in  Wolle  gewickeltes  Stück  Schiefer 
in  die  Höhle,  der  „erste  schüchterne  Versuch,  eine  konservative  Zahn- 
heilkunde heranzubilden"  (Geist-Jacobi).  Zur  Erleichterung  der 
Extraktion  löse  man  das  Zahnfleisch  um  den  ganzen  Zahn,  bis  er 
wackelt  und  extrahiere  ihn  dann  mit  den  Fingern,  nur  im  Notfalle 
mit  der  Zange.  Bei  sehr  hohlem  Zahn  fülle  man  zur  Verhütung  des 
Abbrechens  die  Cavität  vorher  mit  gezupfter  Leinwand  und  Blei.  Die 
Zange  muss  gerade  angesetzt  werden.  Hat  man  ein  Stück  des 
Kiefers  mit  abgebrochen  (starke  Blutung),  so  nehme  man  es  mit  heraus. 
Wackelige  Zähne  werden  mit  Golddraht  an  die  Nachbarn  gebunden. 
Eine  bei  der  Extraktion  zurückbleibende  Wurzel  wird  mit  einer 
Wurzelzange  entfernt.  Auch  die  Korrektur  abnormer  Zahnstellungen 
erwähnt  Celsus. 

Bei  Entzündung  der  Tonsillen  sind  Bähungen  mit  warmem  Dampfe 
nützlich,  ferner  Hochlagerung  des  Kopfes,  Gurgelungen,  Bestreichen 
der  Mandeln  mit  Granatapfelsaft,  unreifem  Traubensaft,  eventuell 
Incision,  leichte  Speisen.  Granatapfelsaft  spielt  auch  neben  Alaun  in 
der  örtlichen  Therapie  der  Mundgeschwüre  die  Hauptrolle;  man  muss 
oft  dabei  eine  milde  Flüssigkeit  oder  gutes  Wasser  in  den  Mund 
nehmen.  Celsus  beschreibt  dann  sehr  gut  die  aphthösen  Geschwüre 
und  croupartigen  Veränderungen  der  Mund-  und  Eachenhöhle.  Bei 
Erkrankung  der  Säuglinge  muss  die  Amme  auch  behandelt  werden. 
Kurz  gedenkt  Celsus  der  Zungengeschwüre,  besonders  der  am  Zungen- 
rande sitzenden,  durch  einem  scharfen  Zahn  verursachten,  ferner  der 
Parulis,  Zahnfleischgeschwüre,  Fisteln,  Entzündungen  der  Uvula  und 
des  Lippenkrebses  (Aetzmittel,  Kauterisation,  Exstirpation).  Die  hyper- 
trophischen Mandeln  werden  entweder  mit  dem  Finger  ausgelöst  oder 
mit  einem  Haken  gefasst  und  mit  dem  Messer  exstirpiert.  Ebenso 
Avird  das  verlängerte,  nichtentzündete  Zäpfchen  abgetragen.  Bisweilen 
muss  die  mit  den  unteren  Teilen  verwachsene  Zunge  gelöst  werden; 
bei  der  „Ranula"  kommt  In-  und  Excision  in  Betracht.    Tiefe  Rhagaden 


^)  Vgl.  E.  Zeis,  „Die  Literatur  und  Geschichte  der  plastischen  Chirurgie", 
Leipzig  1863,  S.  185. 

-)  Vgl.  dazu  auch  G.  P.  Geist-Jacohi,  „Geschichte  der  Zahnheilkunde" 
Tübingen  1896,  S.  27-37. 

28* 


436  Iwan  Blocn. 

der  Lippen  werden  mit  dem  Glüheisen  oberflächlich  kauterisiert.  In 
Kap.  13  des  7.  Buches  handelt  Celsus  von  den  Halsgeschwülsten, 
namentlich  den  verschiedenen  Arten  des  Kropfes  (parenchymatöser  und 
Cystenkropf,  Dermoidcysten),  der  als  eine  Neubildung-  angesehen  und 
durch  Injektionen  von  Aetzmitteln,  Incision  und  Exstirpation  beseitigt 
wird.  Von  den  Alfektionen  der  Finger  nennt  Celsus  Fingergeschwüre, 
Nagelekzem  und  Affektionen  des  Nagelrandes  mit  Einschluss  des  ein- 
gewachsenen Nagels;  gegen  die  Granulationswucherungen  kommen 
Aetzmittel  zur  Anwendung  (VI,  19).  Auch  die  Frostbeulen  und  Frost- 
geschwüre an  Fingern  und  Zehen  werden  erwähnt.  Therapie:  warme 
Bähungen,  Auflegen  von  warmem  Kupfer,  Alaun  (V,  28,  6).  Die  Syn- 
daktylie  und  die  durch  Narbenkontraktur  entstandenen  Verkrümmungen 
der  Finger  werden  in  lib.  VII  cap.  32  behandelt  (Exstirpation  der 
Narben).  —  Die  Krankheiten  des  Nabels  zerfallen  in  Nabelbrüche  (mit 
Darm-  und  Netzinhalt),  Nabelgeschwülste  und  Ausdehnung  des  Nabels 
durch  Wasser  oder  Luft.  Nabelbrüche  werden  entweder  mit  Bleisalben 
behandelt  oder  besser  durch  Radikal  Operation  beseitigt,  wobei  der  des 
Inhaltes  entleerte  Sack  zwischen  zwei  Stäbchen  gelegt  und  durch  festes 
Zusammenbinden  ihrer  Enden  zum  Absterben  gebracht  wird,  oder  auch 
die  Basis  des  Sackes  mit  einer  Nadel  mit  doppeltem  Faden  durchstochen 
und  abgeschnürt  wird  (VI,  17  und  VII,  14).  Bei  Ascites  wird  erst 
ein  Einschnitt  gemacht  und  dann  durch  die  Oeifnung  eine  bleierne 
oder  kupferne  Röhre  eingeführt,  durch  welche  das  Wasser  abgelassen 
wird,  was  öfter  wiederholt  wird  (VII,  15).  Bei  den  penetrierenden 
Bauchwunden  und  Darmverletzungen  empfiehlt  Celsus  die  Darmnaht 
und  fasst  bei  der  als  fortlaufender  Naht  mit  zwei  Nadeln  ausgeführten 
Bauchnaht  das  Peritoneum  mit.  Es  ist  wohl  eine  Doppelnaht,  erst  der 
tieferen  Teile,  dann  der  Haut  (VII,  16).  Die  „Zerreissung  des  Peri- 
toneums" ist  wohl  eine  Art  von  Hernie  (Vereinigung  durch  die  Naht) ; 
in  demselben  Kapitel  werden  die  am  Bauche  vorkommenden 
Varices  erwähnt  (VII,  17).  Sodann  geht  Celsus  zur  Lehre  von  den 
Leistenbrüchen  (VII,  18  und  20—24)  über,  die  mit  derjenigen  von  den 
Hodenkrankeiten  verquickt  ist  (Oedema  scroti ;  Hydrocele,  deren  Haupt- 
symptom das  Durchscheinen  des  Lichtes  ist ;  Varicocele ;  Sarcocele, 
worunter  Tumoren  und  Orchitis  verstanden  werden;  Hydrocele  funi- 
culi  spermatici;  Netzbruch).  Die  Radikaloperation  der  Brüche  wird 
sehr  undeutlich  beschrieben.  Gegen  Varicocele  und  Varicen  des 
Scrotum  kommen  Glüheisen,  doppelte  Unterbindung  und  Durchschneidung 
der  freigelegten  Venen,  sowie  unter  Umständen  die  Kastration  zur 
Anwendung.  Tumoren  des  Hodens  werden  exstirpiert.  —  Die  Varices 
der  unteren  Extremitäten  werden  mit  dem  Glüheisen  behandelt  oder 
exstirpiert  (VII,  31),  und  bei  Gangrän  eines  Gliedes  soll  die  Absetzung 
in  der  Demarkationslinie  erfolgen,  die  Knochen  müssen  dabei  möglichst 
hoch  abgesägt  und  mit  den  erhaltenen  Weichteilen  ganz  bedeckt  werden 
(VII,  33). 

Augenkrankheiten. 

Die  Augenheilkunde  des  Celsus  ist  in  zwei  Kapiteln  enthalten. 
Lib.  VI  cap.  6  enthält  die  Lehre  von  den  einzelnen  Augenkrankheiten 
und  ihrer  nichtoperativen  Therapie,  lib.  VII  cap.  7  die  chirurgische 
Behandlung  der  Augenleiden.  —  Die  Symptomatologie  der  Augenent- 
zündung (lippitudo)  giebt  C e  1  s u s  im  wesentlichen  nach  Hippokrates 


Celsus.  437 

(Prorrhet.  II,  18).  Als  Heilmittel  bei  Augenentzündungen  empfiehlt  er 
Blutentziehungen  (bei  heftigen  Schmerzen),  Arzneimittel,  Bäder,  Wein- 
genuss,  karge  Diät,  Laxantien,  Euhe,  Aufenthalt  in  dunklen  Zimmern. 
Als  Salbe  dient  eine  solche,  die  Safran,  Myrrhen  und  Mohnsaft  ent- 
hält, die  man  bei  Tage  mit  einem  Spatel  über  das  Auge  streicht. 
Nachts  soll  man  Weissbrotkrume,  die  in  Wein  aufgeweicht  ist,  auf  die 
Augen  legen,  wodurch  die  Eiterabsonderung  verringert  wird,  oder  auch 
ein  mit  frischem  Eiinhalt  und  Meth  bestrichenes  Charpiebäuschchen 
oder  einen  in  Wasser  oder  Essig  getauchten,  gut  ausgedrückten 
Schwamm,  der  immer  wieder  angefeuchtet  wird,  applizieren.  Bei 
heftigen  Schmerzen  muss  Mohnsaft  oder  Mandragora  gegeben  werden. 
Vom  zweiten  Krankheitstage  ab  kann  man  auch  i  n  das  Auge  Arznei- 
mittel bringen,  wozu  die  Collyrien  passend  sind,  von  denen  Celsus 
zahlreiche  zu  seiner  Zeit  berühmte  anführt.  Auch  Einträufeln  von 
Eiweiss  oder  Frauenmilch  mildert  die  Entzündung.  Bei  eintretender 
Besserung  ist  ein  Bad  nützlich.  Bisweilen  ist  die  Entzündung  so  gross, 
dass  sie  die  Augen  nach  vorn  treibt  {Ttgomtoaig  der  Griechen;  nach 
Hirschberg  a)  Abscessus  orbitae;  b)  Abscessus  s,  Phlegmone  bulbi 
cum  chemosi ;  c)  Blennorrhoea  cum  chemosi).  Dann  muss  man  zur  Ader 
lassen  oder  abführen  und  fasten  lassen,  warme  Bähungen  des  Auges 
vornehmen,  blutige  Schröpfköpfe  ans  Hinterhaupt  setzen,  Einschnitte 
in  das  Auge  im  Schläfenwinkel  machen  (Incisio  bulbi).  Das  Staphylom 
des  Bulbus  wird  excidiert.  Celsus  erwähnt  dann  den  „Karbunkel" 
des  Bulbus  und  der  Lider  (Abführmittel,  Milch,  Diät,  entzündungswidrige 
Kataplasmen,  Leinsamenumschläge).  Phlyktänen  werden  mit  Collyrien, 
Blutentziehung  u.  s.  w.  behandelt,  Phthisis  bulbi  mit  milden  Um- 
schlägen (Milch  u.  a.).  Gegen  Läuse  in  Wimpern  und  Brauen  kommen 
Schwefelarsen  und  kaustische  Mittel  zur  Verwendung;  die  chronische 
Blennorrhoe  (wohl  besonders  nach  Trachom)  erfordert  Abführung, 
karge  Diät,  Einreibung  der  Stirn  mit  einer  Bleisalbe,  Blutentziehung 
am  Scheitel  und  den  Schläfen,  Einreiben  einer  Salbe  mit  Hirschhorn, 
Opium,  Kupfer  und  Blei.  Hornhautgeschwüre  werden  mit  Salben  aus 
Kupfer  und  Opium  u.  a.  behandelt,  ebenso  die  Hornhautnarben.  Das 
Trachom  (aspritudo)  wird  genau  beschrieben.  Therapie  desselben :  Blut- 
entziehung an  der  Stirn,  warme  Bähungen  des  Kopfes  und  die  Augen, 
Skarifikation  der  Innenfläche  der  Lider  und  Ausschaben  der  Körner 
mit  Feigenblättern  und  rauhen  Körpern,  Bäder,  scharfe  und  verdünnende 
Speisen  und  Kupfersalben  z.  B.  das  Kaisercollyr.  Der  trockene  Katarrh 
der  Augen  ist  ein  solcher  ohne  Fluss,  nur  mit  Rötung,  Gefühl  von 
Schwere,  nächtlicher  Verklebung  durch  Krusten  (fleissiges  Spazieren- 
gehen, häufiges  Baden  und  Schwitzen,  Massage).  Ferner  gedenkt  Celsus 
der  Krätze  der  Lider,  der  Amaurose  durch  Entzündung,  Alter  und 
Schwäche,  des  Stars  (suflfusio),  gegen  welchen  Blutentziehung,  scharfe 
Salben,  den  Schleim  verdünnende  Lebensweise  zur  Anwendung  kommen, 
des  Augenzitterns  (resolutio  oculorum)  nach  spontanen  und  traumatischen 
Hirnleiden,  der  Mydriasis  d.  h.  Blindheit  und  Pupillenerweiterung  (Ab- 
führmittel), der  Nachtblindheit,  der  Blutunterlaufung  des  Auges.  Celsus 
erklärt,  dass  alle  diese  Krankheiten  durch  einfache  und  Hausmittel 
beseitigt  werden  können!  Diesen  17  Krankheiten  fügt  er  in  dem 
chirurgischen  Teile  noch  13  hinzu.  Unter  „Vesica  pinguis  palpebrarum" 
versteht  Celsus  wahrscheinlich  angeborene  Dermoidgeschwülste  der 
Lider  besonders  bei  Kindern  (Ausschälung  der  Blase),  beschreibt  dann 
das    Gerstenkorn  (Bähung,  Incision),  Chalazion  (Incision),   Pterygium 


438  Iwan  Bloch. 

(unguis),  das  excidiert  wird  (nach  Abhebung-  des  Felles  durch  einen 
Haken  und  eingefädelte  Nadel  und  ohne  Verletzung  des  Augenwinkels 
und  der  Karunkel;  Auseinanderziehen  der  Lider  zur  Verhütung  der 
narbigen  Verwachsung),  die  Karunkelgeschwülste  (encanthis),  das  Ankylo- 
blepharon,  die  Thränensackvereiterung  (aegilops),  Trichiasis,  Lagoph- 
thalmus,  Ectropium,  Staphyloma.  Wir  finden  bei  Celsus  die  Be- 
schreibung von  21  Augenoperationen,  die  zum  Teil  schon  genannt 
wurden.  Vor  allem  ist  hier  die  Operation  des  Stares  zu  er- 
wähnen, die  zum  ersten  Male  uns  bei  Celsus  entgegentritt.  Der 
Star  entsteht  durch  Ausschwitzung  in  die  Pupille  und  spätere  Ge- 
rinnung, welche  die  Sehstörung  veranlasst.  Man  führt  bei  der  Operation 
eine  Nadel  ein  und  drückt  die  geronnene  Masse  nach  unten.  Diese 
Methode  wurde  bis  zum  18.  Jahrundert  geübt.  Auch  den  Begriff  der 
„Starreife"  (maturitas)  kennt  Celsus.  Bei  der  Staroperation  soll  man 
das  linke  Auge  mit  der  rechten  Hand,  das  rechte  mit  der  linken  operieren. 
' —  Gegen  Trichiasis  empfiehlt  Celsus  einen  Schnitt  durch  die  Innen- 
fläche des  Lides  nahe  dem  Rande,  gegen  Ectropium  das  Glüheisen, 
gegen  das  Staphylom  Unterbindung  und  Ausschneidung. 

Gynäkologie  und  Geburtshilfe. 

Gynäkologie  und  Geburtshilfe  sind  in  dem  Werke  des  Celsus 
nur  durch  die  beiden  Kapitel  28  und  29  des  siebenten  Buches  ver- 
treten. ^)  Das  erstere,  gynäkologischen  Inhalts,  handelt  von  der  Atresia 
vaginae  et  vulvae,  die  entweder  angeboren  oder  eine  Folge  von  Ge- 
schwüren ist.  Im  ersteren  Falle  wird  die  Scheide  durch  den  stark 
entwickelten  Hymen  imperforatus  verschlossen,  im  zweiten  Fall  durch 
eine  narbige  Verwachsung.  Jene  Membran  wird  durch  einen  x  förmigen 
Schnitt  incidiert,  danach  abgetragen,  wobei  eine  Verletzung  der  Harn- 
röhre zu  vermeiden  ist.  Ebenso  wird  die  narbige  Verwachsung  in- 
cidiert, von  beiden  Schamlippen  ein  Stück  excidiert,  und  in  die  so  ent- 
standene Oeffnung  werden  lange  in  Essig  getauchte  Charpiestreifen 
geschoben,  später  eine  bleierne  Röhre  eingeführt,  die  man  liegen  lässt, 
bis  die  Wunde  vernarbt  ist. 

Das  andere  Kapitel  beschäftigt  sich  mit  der  Extraktion  der  im 
Uterus  abgestorbenen  Früchte,  was  nach  Celsus  „summam  prudentiam 
moderationemque"  erfordert,  aber  auch  durch  die  „vulvae  mirabilis 
natura"  unterstützt  wird.  Man  muss  die  Kreissende  in  die  Querlage 
bringen,  so  dass  der  Unterleib  mit  ihren  eigenen  Schenkeln  zusammen- 
gedrückt und  die  Frucht  gegen  den  Muttermund  getrieben  wird.  Wenn 
der  letztere  sich  öffnet,  bringt  der  Arzt  erst  einen  Finger,  dann  all- 
mählich die  ganze  Hand  in  die  Uterushöhle,  bisweilen  sogar  beide 
Hände.  Bei  starker  Entzündung  der  Gebärmutter  ist  das  Einführen 
der  Hand  sehr  mühselig  und  gefährlich  und  hat  oft  eklamptische  An- 
fälle zur  Folge.  Die  abgestorbene  Frucht  liegt  mit  dem  Kopf  oder 
den  Füssen  vor  oder  quer,  jedoch  so,  dass  entweder  eine  Hand  oder 
ein  Fuss  in  der  Nähe  des  Muttermundes  liegt.  Die  Extraktion  wird 
in  den  ersteren  Fällen  ohne  weiteres  vorgenommen,  bei  Querlage 
wird  erst  die  Wendung  auf  den  Kopf  oder  die  Füsse  ausgeführt.    Bei 


^)  Ich  sehe  hier  ab  von  den  kurzen  Bemerkungen  über  Applikation  von 
Arzneien  zu  gynäkologischen  und  geburtshilflichen  Zwecken,  wovon  lib.  V  cap.  21 
handelt. 


Celsus.  439 

Kopflage  setzt  man  einen  überall  glatten  Haken  mit  kurzer  Spitze 
ins  Auge,  Ohr,  oder  in  den  Mund  ein,  bisweilen  auch  in  die  Stirn,  und 
zieht  mit  ihm  das  Kind  während  der  Wehen  heraus.  Während  der 
Arzt  mit  der  rechten  Hand  am  Haken  zieht,  wird  die  linke  in  die 
Gebärmutter  eingeführt,  um  der  Frucht  zur  Leitung  zu  dienen.  Bei 
fauliger,  wässrig  imbibierter  Frucht  muss  man  den  Körper  mit  dem 
Zeigefinger  durchbohren  und  die  zusammengefallene  Frucht  mit  den 
Händen  extrahieren.  Bei  Fusslage  ist  die  Extraktion  mit  den  Händen 
ebenfalls  leicht  ausführbar,  Misslingt  bei  Querlage  die  Wendung,  so 
setzt  man  den  Haken  in  die  Achselhöhle  ein  und  zieht  an,  wodurch 
der  Kopf  sich  dem  Beckenausgang  nähert.  Dann  kann  man  den  Kopf 
vom  Rumpfe  mit  einem  an  der  inneren  Seite  scharfen  Haken  trennen 
und  beide  Teile  hintereinander  herausziehen.  Stets  muss  aber  der 
Kopf  vor  dem  Rumpfe  extrahiert  werden,  ein  in  dem  Uterus  zurück- 
gebliebener Kopf  kann  nur  schwer  durch  Ausübung  eines  starken 
Druckes  (durch  Binde  und  Hand)  herausbefördert  werden.  Die  Steiss- 
lage  wird  in  die  Fusslage  umgewandelt.  Nach  der  Geburt  des  Körpers 
wird  die  Nabelschnur  und  die  Nachgeburt  mit  der  Hand  abgelöst  und 
entfernt.  Dann  wird  die  Wöchnerin  mit  aneinander  gehaltenen 
Schenkeln  in  ein  warmes,  vor  Zug  geschütztes  Zimmer  gebracht  und 
in  Essig  und  Rosenöl  getauchte  Wolle  auf  den  Unterleib  getaucht. 
Bemerkenswert  ist  die  am  Schlüsse  ausgesprochene  Ansicht  des  Celsus, 
dass  eine  Wöchnerin  derselben  Behandlung  bedürfe  wie  ein  Ver- 
wundeter. 

Dermatologie,  Krankheiten  der  Geschlechts-  und  Harnorgane.  ^) 

Eine  verhältnismässig  ausführliche  Besprechung  widmet  Celsus 
den  Haut-  und  Genitalleiden.  Nirgends  tritt  aber  die  Unklarheit  seiner 
Beschreibungen  mehr  hervor  als  auf  diesem  Gebiete,  so  dass  viele  der 
von  ihm  geschilderten  Dermatosen  heute  kaum  oder  gar  nicht  zu 
deuten  sind.  Uebrigens  findet  sich  dieselbe  Undeutlichkeit  in  der 
Schilderung  derselben  Krankheiten  auch  bei  den  übrigen  Autoren  des 
Altertums. 

Die  Beschreibungen  des  Karbunkels  (V,  28,  1)  und  Furunkels 
(V,  28,  8)  entsprechen  im  ganzen  unseren  heutigen.  Entsprechend  der 
Gefahr  des  Karbunkels,  die  ganz  besonders  betont  wird,  ist  die 
Therapie  eine  sehr  energische  (Glüheisen,  Aetzmittel).  Der  Hinweis 
auf  die  Schmerzlosigkeit  des  Karbunkels  scheint  doch  darauf 
hinzudeuten,  dass  Celsus  an  dieser  und  einer  späteren  Stelle  (VI,  18) 
den  durch  dieses  Symptom  sich  auszeichnenden  Milz  brau  dkarbunkel 
im  Auge  hat.  Das  dem  Furunkel  ähnliche  „Phjma"  (V,  28,  9)  ist 
wohl  eine  circumscripte  Phlegmone,  auch  vielleicht  eine  zur  Vereiterung 
kommende  skrophulöse  Lymphdrüse,  da  diese  Affektion  hauptsächlich 
bei  Kindern,  viel  seltener  im  späteren  Alter  vorkommt.  Deutlich  wird 
das  „Phygethlon"  (V,  28,  10)  als  ein  Lymphdrüsenabscess  der  Hals-, 
Axillar-  und  Inguinalgegend  gekennzeichnet.  Die  lateinische  Bezeich- 
nung ist   „panus".    Celsus  erwähnt   das  Auftreten  dieser  Abscesse 


I 


')  Hierzu  vgl.  auch  Moritz  Cohn,  „Historische  Streifzüge.  Celsus,"  in: 
Monatshefte  für  praktische  Dermatologfie  (von  Unna)  Bd.  XXIII,  1896,  Nr.  12 
S.  627—631;  Bd.  XXV,  1897,  Nr.  1  S.  24—27;  Nr.  4  S.  161—163;  Nr.  8  S.  380— 384: 
Nr.  11  S.  545—549;  Bd.  XXVI,  1898,  Nr.  2  S.  96—100;  Nr.  8  S.  392—394. 


440  Iwan  Bloch. 

bei  fieberhaften  Krankheiten.  Therapie:  zerteilende  Mittel,  Incision. 
Lib.  V  cap.  28,  13  handelt  von  den  verschiedenen  Hautwarzen.  Celsus 
erwähnt  die  „Acrochordones",  gestielte  Warzen;  „Thymion"  (wegen 
seiner  Aehnlichkeit  mit  einer  Thymianblüte)  kommt  hauptsächlich  an 
den  Geschlechtsteilen  vor  und  ist  ohne  Zweifel  unsere  venerische 
Vegetation  (spitzes  Kondylom).  „Myrmekia"  und  „Clavus"  stellen  die 
eigentlichen  Verrucae  vulgares  und  Hühneraugen  dar  (Aetzmittel,  Ab- 
schabung, Abschneiden).  Die  „Pusteln"  (V,  28,  14)  umfassen  das,  was 
die  Griechen  „Exanthem"  nennen,  ferner  alle  blasenbildenden  Haut- 
leiden z.  B.  die  Miliaria,  vesikulöse,  nässende  Ekzeme,  vesikulo- 
ulcerative  Prozesse  nach  Einwirkung  scharfer  Medikamente  auf  die 
Haut-,  Brand-  und  Erfrierungsblasen.  Als  „Phlyzakion"  beschreibt 
Celsus  m.  E.  sehr  deutlich  die  Aknepusteln,  die,  wie  er  ganz  richtig 
bemerkt,  besonders  im  Knaben-  und  Jünglingsalter  und  hauptsächlich 
im  Gesichte  und  den  Extremitäten,  seltener  am  Rumpfe  vorkommt. 
Rätselhaft  ist  die  „Nachtblatter"  (Epinyktis),  die  ebenfalls  besonders 
bei  Nacht  an  den  Extremitäten  vorkommt  und  sich  durch  einen 
schleimig-serösen  Inhalt  und  heftige  Schmerzen  auszeichnet.  Sie  ist 
von  schwarzer  oder  livider  Farbe.  Wenn  C  o  h  n  der  Schmerzen  wegen 
hier  zu  der  ganz  unhaltbaren  Annahme  eines  Gichtknotens  greift, 
so  liegt  eine  andere  ganz  plausible  Erklärung  viel  näher.  Es  handelt 
sich  um  das  thatsächlich  fast  stets  nur  an  den  Extremitäten  lokali- 
sierte Erythema  multiforme,  das  sehr  oft  mit  heftigen  Gelenk- 
schmerzen einhergeht,  speziell  um  die  blasenbildende  Form  desselben, 
das  Erythema  bullosum.  Bei  der  Therapie  der  „pustulae"  ist 
besonders  auf  die  Diät  Rücksicht  zu  nehmen  (Vermeidung  scharfer 
Speisen),  Bewegung,  Schwitzbäder,  Bleisalben  u.  s.  w.  zu  verordnen. 
Die  „Scabies"  (V,  28,  15)  umfasst  verschiedene  Formen  des  Ekzems, 
dessen  schnelle  Ausbreitung  und  Neigung  zu  Rezidiven  betont  werden, 
ebenso  wie  das  heftige  Jucken  des  Eczema  papulosum.  Gegen  das 
Ekzem  verwendet  Celsus  Zinksalben  und  Schwefelpasten.  Auch  die 
„Impetigines"  und  „Papulae"  (V,  28,  17—18)  schliessen  sicher  gewisse 
Formen  des  Ekzems  mit  ein,  daneben  Psoriasis  (weisse  Schuppen, 
nach  deren  Wegnahme  die  Stelle  blutet),  Ichthyosis  (die  ganze  Haut 
überziehende  schwarze  Schuppen),  Herpes  tonsurans  (kreisförmige  Aus- 
breitung sehr  kleiner  Bläschen),  Scabies  (heftig  juckende  Bläschen). 
V,  28,  19  enthält  die  Schilderung  der  verschiedenen  Farbenverände- 
rungen der  Haut.  „Alphos"  stellt  weisse,  rauhe  Hautflecken  dar,  die 
aussehen,  als  wenn  einige  weisse  Tropfen  auf  die  Haut  gefallen  seien. 
Manchmal  werden  diese  grösser  und  kriechen  weiter.  Das  „fere 
subasper"  und  die  Tropfen  deuten  höchstwahrscheinlich  auf  Psoriasis 
guttata,  auf  welche  die  Beschreibung  ganz  vorzüglich  passt.  Mög- 
lich, dass  unsere  Vitiligo  ebenfalls  hier  untergebracht  werden  muss. 
Die  „Melas"  kann  eine  Form  der  Ichthyosis,  auch  ein  Naevus  pigmen- 
tosus sein.  „Leuke"  frisst  tiefer  in  die  Haut  als  „Alphos",  trägt  oft 
weisse  Haare  (Morphaea  alba  bei  Lepra  maculosa).  —  Die  Haar- 
leiden werden  in  lib.  VI  cap.  1 — 4  besprochen.  Verhütet  wird  das 
Ausfallen  der  Haare  durch  häufiges  Scheren  derselben,  ferner  durch 
Auftragen  einer  Mischung  von  Oel  und  Opium.  Es  giebt  eine  Alopecie 
nach  Krankheiten  und  im  Alter,  abgesehen  von  den  eigentlichen  ge- 
nuinen Haarleiden.  Unter  „Porrigo"  versteht  Celsus  schuppende 
und  ekzematöse  Affektionen  der  Kopf-  und  Barthaare,  auch  der  Augen- 
brauen, also  wohl  Pityriasis  capitis,  Eczema  crustosum  und  seborrhoicura 


Celsus.  441 

capitis.  Das  Leiden  ist  oft  Zeichen  einer  anderen  Krankheit,  die  da- 
durch j^ewissermassen  eine  Ableitung  findet.  Therapie :  Häufiges  Haar- 
schneiden, Soda  mit  Essig,  Myrobalane  mit  Wein  u.  s.  w.  Die  „Sykosis" 
umfasst  ofienbar  unsere  heute  so  genannte  Afi'ektion  (Herpes  tonsurans) 
und  eine  nässende  Ekzemform  des  Kopfes  (essigsaure  Thonerde  und 
sonstige  feuchte  antiseptische  Umschläge).  Celsus  beschreibt  sodann 
zweierlei  Arten  von  Kahlheit  (area).  Die  Seborrhoe  (cutis  subpinguis) 
wird  dabei  erwähnt.  Die  „Alopecie"  umfasst  wohl  unsere  ,.Alopecia 
areata"  und  „A.  pityroides",  entsteht  bald  im  Haupthaare,  bald  im 
Barte,  in  den  verschiedensten  Formen  (sub  qualibet  figui-a).  Die 
„Ophiasis"  beginnt  am  Hinterhaupte  und  breitet  sich  in  zwei  Linien 
zu  den  Ohren,  bisweilen  auch  zur  Stirne  aus,  wo  sich  beide  Linien 
vereinigen.  Diese  Form  der  .,Area"  tritt  meist  bei  Kindern  auf,  ^) 
heilt  oft  von  selbst,  während  die  ,.Alopecie''  der  ärztlichen  Hilfe  be- 
darf (Skarifikation,  Applikation  von  Aetzmitteln,  tägliches  Rasieren). 
—  Kurz  bespricht  Celsus  dann  noch  (VI,  5)  die  Muttermäler,  Linsen- 
mäler  und  Sommersprossen  (Ephelides,  lenticulae,  vari). 

In  der  Vorrede  zu  dem  Kapitel  über  die  Krankheiten  der  männ- 
lichen Genitalien  (VI,  18)  bemerkt  Celsus,  dass  die  Griechen  mehr 
Benennungen  für  dieselben  haben  als  die  Römer,  welchen  dieses  Gebiet 
für  unanständig  gelte,  obgleich  man  in  Gesprächen  oft  dasselbe  be- 
rühre. Hier  tritt  der  skeptische  Standpunkt  gegenüber  den  Fragen 
des  Sexuallebens  deutlich  hervor,  da  die  Skeptiker  gerade  das  Betreten 
dieses  Gebietes  durchaus  scheuten.  Celsus  beschreibt  dann  die 
Phimose  und  Paraphimose,  die  oft  durch  Geschwüre  an  Vorhaut  und 
Eichel  hervorgerufen  werden,  wahrscheinlich  Ulcera  mollia.  Weiterhin 
spricht  Celsus  von  den  phagedänischen  Schankern  und  der  Zerstörung 
der  Eichel  durch  dieselben.  Gegen  Phimose  und  Paraphimose  kommen 
warme  Bähungen,  Reposition  und  Incision  zur  Anwendung.  Nach  einer 
Schilderung  des  Carcinoma  penis  beschreibt  Celsus  als  „carbunculus 
colis"  deutlich  den  Anthrax  des  Gliedes.  Die  Operationen  an 
der  Vorhaut  werden  in  lib.  VII  cap.  25  mitgeteilt,  nämlich  die  plas- 
tische Bildung  des  fehlenden  Präputiums  (Posthioplastik)  durch  Ver- 
ziehung der  Haut  nach  vorn,  die  Phimosenoperation  und  die  Vornahme 
der  Infibulation  zur  Erhaltung  der  Stimme  und  der  Gesundheit  bei 
Knaben,  die  nur  bei  Celsus  vorkommt  und  später  nicht  wieder  er- 
wähnt wird.  Der  Eiterung  der  Harnröhre  (Gonorrhoe)  wird  II,  8 
gedacht,  die  Spermatorrhoe  wird  IV,  21  geschildert  und  Massage,  kalte 
Begiessungen  und  Schwimmbäder,  kalte  Getränke  und  nicht  reizende 
Speisen,  niedrige  Kopflage  während  des  Schlafes  dagegen  empfohlen. 
Ebenso  findet  die  Hodenentzündung  Erwähnung  (VI,  18,  5;  VII,  18), 
die  Dysurie  und  Retentio  urinae  (V,  25;  VII,  26,  1).  Sehr  ausführlich 
ist  das  berühmte  Kapitel  (VII,  26)  über  die  Steinleiden.  Celsus  ge- 
denkt des  Katheterismus  und  der  Urethrotomie  bei  Einklemmung  des 
Steines  in  der  Urethra,  vor  allem  aber  des  S  t  e  i  n  s  c  h  n  i  1 1  e  s  bei 
Knaben  zwischen  9  und  14  Jahren.  Der  in  ganz  ähnlicher  Richtung 
wie  noch  heute  beim  Seitensteinschnitt  halbmondförmig  ausgeführte, 
nach  oben  konvexe  Schnitt  ist  mit  seinen  beiden  nach  unten  stehenden 
Hörnern    nach  beiden   Tubera   ischii   hin   gerichtet,    am   direktesten 


^)  Neuerdings  hat  Sabouraud  („Ueber  eine  neue  Form  von  Alopecia  areata 
beim  Kinde  (Ophiasis  Celsi)",  Referat  in  „Monatsh.  f.  prakt.  Dermatologe  Bd.  XXVII, 
1898,  Nr.  3,  S.  439)  die  Ophiasis  des  Celsus  bei  Kindern  wieder  beobachtet. 


442  Iwan  Bloch. 

freilich  mit  seinem  linken  Hörne  gegen  das  linke  Tuber  ischii  (v.  R  y  b  a 
liest  statt  ad  coxä  s  [ad  coxas] :  ad  coxam  sinistram).  Ein  zu  dem 
ersten  Schnitte,  der  nur  die  Dammmuskulatur  trennt,  querer,  hinter 
dem  Bulbus  urethrae,  unter  der  Haut  des  rechten  Wundrandes,  durch 
die  Pars  membranacea  und  prostatica  urethrae  geführter  Schnitt  er- 
öffnet diese  in  schräger  oder  fast  longitudinaler  Richtung.  Der  Stein 
wird  dann  mit  dem  Finger  oder  Steinlöffel  ausgezogen.  Ein  zu  grosser 
Stein  wird  nach  der  Angabe  des  Ammonios  mit  dem  Haken  in  der 
Blase  fixiert  und  dann  durch  ein  „ferramentum",  auf  das  Schläge  ge- 
führt werden,  zertrümmert.  Bei  Weibern  wird  der  Vestibularschnitt 
ausgeführt.  Ausführlich  wird  dann  die  sehr  sorgfältige  Nachbehandlung 
besprochen  (adstringierender  Verband,  warme  Bäder,  Einspritzungen 
in  die  Blase  zur  Zerteüung  der  Blutgerinnsel  u.  s.  w.).  —  Unter  den 
Krankheiten  des  Afters  nennt  C  e  1  s  u  s  spitze  Kondylome,  Hämorrhoiden, 
schwammartiges  Geschwür  (Papilloma  ani),  Rhagaden,  gegen  welche 
Affektionen  teils  Aetzmittel,  teils  operative  Eingriffe  und  Bäder  nützen 
(VI,  18,  8—11;  VII,  30). 

Deontologie. 

Nicht  die  blosse  Erfahrung  macht  den  Arzt,  sondern  die  Verbindung 
derselben  mit  der  Theorie.  Deshalb  begnügten  sich  Hippokrates 
und  Erasistratos  nicht  damit,  Fieber  und  Geschwüre  zu  heilen, 
sondern  erwarben  sich  eine  naturwissenschaftliche  Bildung. 
Erst  diese  ist  Vorbedingung  einer  erfolgreichen  Ausübung  der  Arznei- 
kunst (Prooemium).  Man  darf  nicht  der  Heilkunst  zum  Vorwurf 
machen,  was  Schuld  des  sie  Ausübenden  ist.  Die  Medizin  ist  eine  „ars 
conjecturalis",  wobei  die  Vermutungen  zwar  öfter  eintreffen,  aber  bis- 
weilen fehlschlagen  (II,  6).  Daher  ist  eine  zweifelhafte  Hoffnung  der 
grundsätzlichen  Verzweiflung  in  der  Therapie  vorzuziehen  (VII,  16), 
aber  stets  im  Auge  zu  behalten,  dass  der  Erfolg  der  Behandlung  nicht 
immer  den  Erwartungen  entspricht  (VII,  12).  Die  Beharrlichkeit  (und 
Konsequenz)  des  Arztes  triumphiert  oft  über  die  Krankheit  (III,  12). 
Die  Kühnheit  hat  oft  da  Erfolg,  wo  die  allzu  grosse  Vorsicht  scheiterte 
(III,  9).  Der  Misserfolg  des  Arztes  bei  akuten  Krankheiten  ist  eher 
zu  entschuldigen  als  der  bei  chronischen  Leiden  (III,  1).  Der  Charlatan 
macht  aus  einem  kleinen  Uebel  ein  grosses,  damit  seine  Leistungen  in 
desto  hellerem  Lichte  erscheinen  (V,  26,  1).  Der  erfahrene  Arzt  soll 
nicht  gleich  bei  seinem  Eintritt  den  Puls  fühlen,  sondern  sich  zuerst 
mit  heiterer  Miene  niedersetzen,  sich  nach  dem  Befinden  des  Kranken 
erkundigen,  den  furchtsamen  Kranken  beruhigen,  und  erst  dann  seine 
Hand  auf  den  Körper  legen  (III,  6).  Eine  schon  dem  Ende  nahe  Krank- 
heit kann  doch  durch  passende  Heilmittel  noch  schneller  beseitigt  werden 
(II,  14).  Der  wahrhaft  grosse  Arzt  gesteht  gern  einen  Irrtum  ein, 
denn  „levia  ingenia,  quia  nihil  habent,  nihil  sibi  detrahunt;  magno 
ingenio,  multoque  nihilominus  habituro,  convenit  etiam  simplex  veri 
erroris  confessio,  praecipueque  in  eo  minist erio,  quod  utilitatis  causa 
posteris  traditur;  ne  qui  decipiantur  eadem  ratione,  qua  quis  ante 
deceptus  est"  (VIII,  4). 


Oelsus.  443 


Celsus  als  Medizinhistoriker. 

Mit  grosser  Pietät  pflegt  Celsus  das  Andenken  der  grossen  Aerzte 
der  Vergangenheit.  Er  ist  der  Meinung,  dass  man  zwar  die  Erfindungen 
der  Neueren  erwähnen,  aber  auch  dasjenige,  was  sich  bereits  bei  den 
Alten  findet,  dem  wirklichen  Entdecker  lassen  müsse  (II,  14). 
Hieraus  erklärt  sich  der  unbefangene  und  selbständige  Standpunkt, 
den  Celsus  gegenüber  einem  Hippokrates  und  Asklepiades 
u.  A.  einnimmt,  und  seine  Vorliebe  für  die  geschichtlich-medizinische 
Betrachtungsweise.  In  der  Vorrede  giebt  er  eine  kurze  Uebersicht 
über  die  Entwicklung  der  Heilkunde.  Der  Gründer  der  Medizin  ist 
Aeskulap.  Podalirios  und  Machaon  teilten  die  Medizin  in 
Chirurgie  und  Pharmacie.  Dann  wurde  sie  ein  Teil  der  Philosophie 
(Pythagoras,  Empedokles,  Demokrit).  Erst  Hippokrates 
hat  die  Medizin  wieder  von  der  Philosophie  getrennt.  Seine  Nachfolger 
von  Diokles  bis  auf  Herophilos  bildeten  die  Kunst  weiter  aus, 
durch  verschiedene  Wege  der  Therapie.  Die  Medizin  wurde  in  drei 
Teile  geschieden:  Diätetik,  Pharmacie  und  Chirurgie.  Von 
diesen  teilte  sich  die  Diätetik  zuerst  in  rationale  und  empirische 
Medizin;  die  Behandlungsweise  blieb  aber  bei  beiden  dieselbe,  bis 
Asklepiades  die  Heilmethode  wesentlich  umgestaltete.  Es  wird 
dann  ausführlich  die  Ansicht  der  rationellen  und  empirischen  Aerzte 
über  die  wissenschaftliche  Bearbeitung  der  Medizin  erörtert,  wobei  die 
ersteren  die  Notwendigkeit  von  Sektionen  und  pathologisch-anatomischen 
Studien  betonen,  während  die  Empiriker  allein  der  Erfahrung  beim 
Heilen  vertrauen.  Alsdann  giebt  Celsus  eine  Darstellung  der  Lehren 
der  Methodiker  und  präzisiert  schliesslich  seinen  eigenen  Standpunkt 
dahin,  dass  man  auf  kluge  Weise  Theorie  und  Erfahrung  in  der  Arznei- 
kunst verbinden  müsse,  wenn  man  ein  grosser  Arzt  werden  wolle. 

Die  Einleitung  zum  fünften  Buch  enthält  eine  kurze  Geschichte 
der  Pharmakologie,  als  deren  Förderer  er  Erasistratos,  die 
Empiriker,  Herophilos  und  seine  Anhänger,  Zeno,  Andreas  und 
Apollonios  Mys  nennt,  während  Asklepiades  an  die  Stelle  der 
Arzneimittel  die  „victus  ratio"  setzte. 

Im  Prooemium  des  siebenten  Buches  skizziert  Celsus  die  Ent- 
wicklung der  Chirurgie,  deren  eigentlicher  Begründer  Hippo- 
krates sei,  die  aber  besonders  durch  Philoxenos  und  andere 
alexandrinische  Aerzte  (Gorgias,  Sostratos,  Hieron,  die  beiden 
Apollonios,  Ammonios),  in  Kom  durch  den  älteren  Tryphon, 
Euelpides  und  Meges  ausgebildet  wurde. ^) 

^)  Da  Celsus  als  gebildeter  Laie  und  Sammelschriftsteller  eine  besondere  Stellung 
in  der  römischen  Medizin  einnimmt,  ist  die  getrennte  Darstellung  des  Inhalts  seines 
Werks  an  dieser  Stelle  gerechtfertigt.  Im  übrigen  verweisen  wir  auf  die  zusammen- 
hängende Schilderung  der  römischen  Medizin  auf  p.  323  ff.,  die  mit  der  griechischen 
aus  naheliegenden  Gründen  verflochten  werden  musste. 


Mittelalter. 


Einleitung. 

Von 
Julias  Pagel  (Berlin). 


Wegen  der  grossen  und  fast  unübersehbaren  Litteratur  zu  diesem  Abschnitt 
miiss  ich  mich  darauf  beschränken,  ganz  allgemein  auf  die  umfassenden  Werke  über 
allgemeine  Weltgeschichte,  sowie  auf  die  Werke  von  Haeser,  Puctdtiotti  u.  Daretn- 
berg,  endlich  für  die  Litteratur  der  letzten  Jahre  auf  meine  historisch-med.  Biblio- 
graphie [Berlin  1898)  zu  verweisen. 

Die  Heilkunde  des  „Mittelalters",  wie  man  das  zwischen  dem 
Untergang  des  weströmischen  Reichs  (476)  und  der  Entdeckung  der 
neuen  Welt  liegende  Millennium  zu  bezeichnen  pflegt,  beginnt  genau 
genommen  schon  bei  dem  Ableben  Galens  (um  20Ö — 210  p.  Chr.). 
Galen  selbst,  der  medizinische  Abgott  des  Mittelalters,  wurzelt  zwar 
noch  fast  ganz  auf  antikem  Boden,  dem  er  seine  beste  Kraft  verdankt. 
Aber  die  Bedeutung,  welche  die  Epigonen  seinen  Leistungen  beigelegt 
haben,  führte  durch  eine  Verkettung  trüber  Verhältnisse  in  einer  auch 
sonst  der  Entwicklung  der  Wissenschaften  im  •  allgemeinen  wenig 
günstigen  Zeit  dahin,  dass  während  eines  vollen  Jahrtausends  und 
noch  darüber  hinaus  Natur-  und  Heilkunde  einen  so  gut  wie  gänz- 
lichen Stillstand,  eine  Stagnation  im  schlimmsten  Wortsinne  erfuhren. 
Die  unfruchtbarste  Periode  für  medizinische  Kunst  und  Wissenschaft 
beginnt  mit  der  blinden  Adoption  des  Galenschen  Lehrgebäudes  und 
hört  erst  mit  dem  Zeitpunkt  auf,  wo  man  begann,  sich  von  seiner 
Autorität  loszusagen.  AVenn  die  Universalhistoriker  in  fast  ein- 
stimmiger Verurteilung  von  einem  gänzlichen  Verfall,  von  moralischer 
und  physischer  Entartung,  von  einem  äussersten  Tiefstand  der  Kultur 
berichten,  so  liegt  darin  leider  keine  Uebertreibung,  vielmehr  die  volle 
bittere  Wahrheit.  x\ber  die  Gerechtigkeit  erheischt  gleichzeitig  die 
Betonung  des  entschuldigenden  Moments  von  der  inneren  Notwendig- 
keit der  mannigfachen  Katastrophen,  welche  das  Mittelalter  besonders 
kennzeichnen.  Alles  findet  hier  auf  Erden  einmal  sein  Ende;  die 
heidnische  bezw.  griechisch-römische  Kultur  fiel  dem  Untergange  an- 
heim,  weil  sie  fallen  musste,  und  sie  musste  fallen,  weil  sie  gealtert 
war,  weil  sie  dem  Stürmen  und  Drängen  neuer  Gedanken-  und  Völker- 
bewegungen, fremder  mit  elementarer  W^ucht  einherbrausender  Mächte 


448  Julius  Pagel.  • 

keine  innere  und  äussere  Kraft  mehr  gegenüber  zu  stellen  hatte.  Auf 
die  Ueberkultur  des  dem  Marasmus  verfallenen  Altertums  folgte  die 
Unkultur  des  Mittelalters  gleichsam  als  Embryonal-  und  Vorbereitungs- 
zustand für  eine  neue,  bessere  Zeit.  So  erscheint  dessen  Unfrucht- 
barkeit in  einem  milderen  Licht.  Eine  vollständige  Aufräumung  mit 
alten  und  veralteten  Zuständen,  eine  Zertrümmerung  der  morschen 
Formen  und  Gestalten  musste  voraufgehen,  ehe  Neues  aus  den  Ruinen 
geboren  werden  konnte.  Was  die  graue  Vorzeit,  die  sogenannte 
prähistorische  Epoche,  für  die  Kulturentwicklung  des  Altertums  war, 
das  stellt  das  Mittelalter  für  die  Neuzeit  dar,  den  lange,  vielleicht  gar 
zu  lange  währenden  Schlummer,  den  Zustand  der  Quiescenz,  ein  latentes, 
fötales  Leben,  aus  dem  nach  abermaligen  schweren  Geburtswehen  die 
neue  Zeit  hervorgehen  sollte.  Das  Jahrtausend  zwischen  der  grossen 
Völkerverschiebung  auf  dem  alten  europäisch-asiatischen  Boden  bis 
zur  Völkerwanderung  nach  dem  neu  entdeckten  Erdteil,  in  der  Zeiten 
Unendlichkeit  nur  eine  winzige  Spanne,  hat  der  den  Geist  der  Zeiten 
zu  durchdringen  bestrebte  Historiker,  nicht  bloss  vom  chronologischen, 
sondern  auch  vom  pragmatischen  Standpunkt,  lediglich  als  Durch- 
gangsstadium für  die  späteren  Jahrhunderte,  für  die  in  unaufhalt- 
samem Vorwärtsschreiten  begriffene  und  hoffentlich  noch  lange  nicht  an 
einen  Euhepunkt  gelangende  moderne  Zeit  sich  vorzustellen.  Freilich 
mutatis  mutandis  —  mit  der  Einschränkung,  dass  die  mittelalterliche 
„Barbarei"  immerhin  bereits  eine  höhere  Organisationsstufe  darstellt 
gegenüber  derjenigen,  welche  in  den  Uranfängen  des  Menschen- 
geschlechts waltete.  War  doch  jetzt  bereits  eine  grossartige,  Jahr- 
tausende alte  Kulturepoche  voraufgegangen,  die  selbst  in  ihren 
Trümmern  noch  grandios  und  imponierend  blieb  und  unmöglich  ohne 
weiteres  spurlos  zu  beseitigen  war.  — 

Bei  der  Betrachtung  des  Ganges  der  geschichtlichen  Ereignisse 
drängen  sich  naturgemäss  die  eigentlich  politischen  Begebenheiten  und 
Völkerschicksale  jener  Zeitläufte  in  den  Vordergrund,  weil  sie  gerade 
es  sind,  die  dem  Zeitalter  das  charakteristische  Gepräge  der  Labilität 
verleihen.  Die  allmähliche  Auflösung  der  römischen  Weltherrschaft, 
der  Eintritt  junger,  urwüchsiger,  bis  dahin  wenig  bekannter,  von 
allen  Seiten  Europas  vorrückender  Völkerstämme  der  germanischen 
und  fränkischen  Scharen,  denen  nicht  bloss  der  völlige  Sturz  der 
römischen  Uebermacht,  sondern  zugleich  in  öfterem  Ringen  die  end- 
gültige Zurückweisung  asiatisch-semitischer  Nationalität  gelingt,  das 
unaufhörliche  Drängen  und  Stossen  der  mannigfach  auf  dem  Welt- 
schauplatz wechselnden  Rassen  und  Stämme,  die  kaleidoskopartige 
Metamorphose  des  europäischen  Landkartenbildes  —  alles  dies  verrät 
deutlich  genug  die  Werdevorgänge  jener  Epoche.  Die  alte  Welt  ist 
zu  einem  Tummelplatz  des  wilden  Ringens  von  wechselnden  Strömungen 
geworden,  unter  denen  von  einer  höheren  Kultur  in  gegenwärtigem 
Sinne  ebensowenig  als  von  einer  sozialen  Ordnung  die  Rede  sein 
konnte.  Nicht  soziale  Ordnung,  sondern  Unordnung  bildet  das  typische 
und  charakteristische  Element  des  Mittelalters,  ein  fortwährendes 
Kreissen  und  Gebären,  Untergehen  und  Wiederaufleben,  kurz  Mangel 
an  Stetigkeit,  die  eine  Hauptbedingung  zur  Blüte  eines  eigentlichen 
Kulturlebens  bildet.  —  Es  erscheint  nicht  wunderbar,  dass  bei  einer 
derartigen  Zerfahrenheit  der  politischen  und  sozialen  Verhältnisse  den 
staatlich- weltlichen  Machtfaktoren  ein  schweres  Gegengewicht  in  einer 
Strömung  entstand,  die  ursprünglich  zu  bescheidenerem  Walten  und 


Mittelalter.    Einleitung.  449 

lediglich  zur  anspruchslosen  Herrschaft  über  die  Gemüter  der  Menschen 
bestimmt  allmählich  sich  ein  weit  grösseres  Gebiet  eroberte  und 
schliesslich  den  Sieg  über  alle  Verhältnisse  des  menschlichen  Lebens 
davontrug,  ich  meine  die  Kirche.  In  dieser  Sphäre,  die  von  manchen 
Seiten  der  Religion  gleichgestellt  wird,  stürmte  und  drängte  es  am 
gewaltigsten.  Die  entartete,  durch  Sektenwesen,  Pharisäismus  etc. 
zerklüftete,  unter  einem  Wust  von  Ceremonien  und  Bräuchen  erstickt« 
Mutterreligion  des  Judentums  gebar  im  Laufe  des  Mittelalters  drei 
Töchter.  Vergebens  waren  aus  dem  Mosaismus  die  hehren  Grund- 
w^ahrheiten,  der  reine  ursprüngliche  Kern  durch  die  edle  Person  und 
Lehre  eines  Jesus  von  Nazareth  zu  retten  versucht  und  durch  einen 
ihrer  feurigsten  Jünger  und  Agitatoren  aller  Welt  verkündet  worden. 
Der  AVeg  zu  einer,  die  gesamte  Menschheit  einigenden  und  beglücken- 
den, erlösenden  und  befreienden,  weltumfassenden  Religion  in  höherem 
Sinne  des  Worts  war  damit  noch  nicht  geebnet.  Denn  bald  hatte  die 
alte,  wie  es  scheint,  aus  dem  menschlichen  Geschlecht  unausrottbare 
Neigung  zur  Dogmen-  und  Legendenbildung,  die  von  jeher  ein  Verderb 
für  jede  echte  Religiosität  gewesen  ist,  die  Oberhand  gewonnen,  und 
während  eine  verachtete  Minderheit  ihr  Heil  im  treuen  Festhalten  an 
alten  Satzungen  sah  und  den  Schatz  der  Ueberlieferungen  durch 
strenge  rabbinische  Ummauerung  ängstlich  zu  hüten  beflissen  war, 
wich  das  junge  Christentum  durch  Verquickung  der  Lehre  seines 
Stifters  mit  heidnisch-griechischen  Elementen  und  philosophischen  Ab- 
strusitäten,  durch  Adoption  eines  auf  Sinnenfesselung  berechneten 
Kultus  von  Ceremonienflitter  und  mystischem  Kram  gar  bald  weit  ab 
von  den  ursprünglich  vorgezeichneten  Bahnen  ,,im  Geist  und  in  der 
^A'ahrheit".  Es  suchte  nicht  bloss  die  Gemüter  zu  bekehren,  sondern 
durch  Nachahmung  einer  äusseren,  dem  weltlichen  Regiment  entlehnten 
Organisation  nach  monarchisch-despotischem  Muster  auch  die  Herr- 
schaft über  alle  geistigen  Interessen  der  Menschheit  zu  gewinnen. 
Die  christliche  Hierarchie  war  auch  so  ein  analoges  Recidiv  in  den 
Urzustand,  wo  bekanntlich  das  Priestertum  den  ausschliesslichen 
Träger  der  höheren  Kultur  bildete.  —  AVährend  sich  das  Christentum 
allmählich  Europa  eroberte,  gew^ann  unter  einem  grossen  Teil  der 
orientalischen  Stämme  ein  Bastard  aus  Juden-  und  Judenchristentum, 
der  ganz  nach  den  Bedürfnissen  des  Orientalen  zugestuzte  Islam,  die 
Oberhand,  dessen  propagandistische  Gelüste  eine  Zeitlang  sogar  dem 
Christentum  sehr  gefährlich  wurden.  Des  letzteren  Hass  gegen 
islamitische  Invasion  loderte  in  späterer  Zeit  noch  einmal  gelegentlich 
der  unter  dem  Namen  der  Kreuzzüge  bekannten  Offensivstösse  zu 
hellen  Flammen  auf.  —  Die  Bedeutung,  welche  man  religiösen  Fragen 
beilegte,  die  Heftigkeit,  mit  der  dieselben  diskutiert  wurden,  die  Art, 
wie  diese  besonders  während  der  früheren  Abschnitte  des  Mittelalters 
im  Vordergrund  alles  Interesses  standen,  bildet  den  besten  Schlüssel 
zum  Verständnis  für  die  Methoden  und  Resultate  in  den  sogen,  pro- 
fanen Wissensgebieten.  Nicht  etwa  in  dem  Sinne,  dass  wissenschaft- 
liche Interessen  in  gleichem  Masse  wie  kirchlich-religiöse  Disputationen 
die  Geister  in  Bewegung  setzten.  Ganz  im  Gegenteil!  Gerade  die  er- 
schreckende und  betrübende  Gleichgültigkeit  gegen  die  ^^'issenschaft 
(ausser  der  theologischen)  ist  das  Charakteristische  für  den  mittelalter- 
lichen Geist,  besonders  im  Abendlande  zur  Zeit,  als  die  christliche 
Hierarchie  auf  der  Höhe  ihrer  Macht  stand.  Nicht  Forschen  nach 
Neuem,    sondern    Grübeln    über    dem    Alten,    nicht   Beobachten   und 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  29 


45Ö  Julius  Pag el. 

Experimentieren,  sondern  Spekulieren  und  Meditieren,  nicht  selbständige 
Untersuchung,  sondern  gläubige  Tradition  galt  als  Aufgabe  der  Wissen- 
schaft. Interpretieren  und  Kommentieren  der  Autoritäten  war  statt- 
haft —  ganz  nach  kirchlich  theologischem  Muster  —  aber  an  den 
Fundamenten  zu  rütteln,  wäre  ein  gewagtes  Unternehmen  in  jenen 
Zeiten  gewesen.  Die  Herrschaft  der  Kirche  in  allen  Dingen 
hatte  zur  Folge,  dass  auch  in  der  Heilkunde  das  Ueber- 
lieferte  als  aprioristisches  Dogma  hingestellt,  stabi- 
liert  und  im  Wesen  unverändert  beibehalten  wurde, 
nicht  ohne  dass  man  durch  philosophische  Spekulation,  durch  einen 
Wust  künstlicher  Deuteleien  die  eigentlichen  Thatsachen,  den  brauch- 
baren Kern  der  älteren  Medizin  ganz  nach  dem  verkehrten  Geschmack 
jener  Zeit  zurechtgestutzt  d.  h.  entstellt  hätte.  Schon  früh  beginnt 
die  Kunst  der  Dialektik  zu  blühen,  die  in  den  Talmudschulen  so  gut 
wie  von  den  Arabern  gepflegt,  auch  auf  die  christliche  Kirche  über- 
ging und  begreifen  lehren  sollte,  was  man  zu  glauben  verlangte.  Nicht 
zu  verkennen  ist,  dass  Galens  Wirken  durch  schlaue  Eklektik,  ge- 
schickte Systematisierung,  gesunde  wissenschaftliche  Basis  und  philo- 
sophische Verknüpfung  von  Theorie  und  Praxis  im  höchsten  Grade  zu 
der  Quiescenz  zu  verführen  geeignet  war,  welche  sehr  bald  nach  ihm 
Platz  griff.  Es  erscheint  nicht  auffallend,  wenn  in  der  Folgezeit  die 
Repräsentanten  der  medizinischen  Wissenschaft  diese  mit  Galens  Lehr- 
gebäude für  abgeschlossen  erachteten  und  von  dem  Wahne  befangen, 
es  könne  Neues  in  der  Medizin  nicht  mehr  gefunden  werden,  lediglich 
das  Bestreben  zeigten,  das  Alte  zu  sammeln,  natürlich,  um  den  Schein 
der  Selbständigkeit  zu  wahren,  entweder  in  encyklopädischer  oder 
kompilatorischer  Form  oder  auch  mit  Hilfe  der  oben  angedeuteten 
Auslegungskünste  verarbeitet.  Dass  bei  dieser  Gelegenheit  allerlei 
mystisches  und  legendarisches  Element  in  die  Medizin  hineingeriet 
und  besonders  die  Therapie  den  Sammelplatz  für  unglaublich  abge- 
schmackte und  alberne  Lehren  abgab,  war  wesentlich  die  Folge  des 
Aberglaubens,  der  in  einer  Zeit  vorherrschen  musste,  wo  einerseits 
supranaturalistische  Lehren  die  Gemüter  occupierten,  andererseits  bei  der 
Schwierigkeit  der  Verkehrsverhältnisse,  bei  dem  Mangel  zuverlässiger 
Nachprüfung  selbst  das  Wunderbarste  und  Kätselhafteste  geglaubt 
wurde,  was  von  irgendwoher,  sei  es  von  phantastischen,  erfinderischen 
Reisenden  oder  von  unglaubwürdigen  thörichten  Schriftstellern,  vor- 
gebracht wurde.  Man  darf  übrigens  diese  Neigung  zur  Märchen-  und 
Legendenbildung  nicht  lediglich  dem  Mittelalter  aufbürden.  Schon 
bei  den  Schriftstellern  der  römischen  Kaiserzeit,  bei  Curtius,  Plinius  u.  a. 
finden  wir  viel  Sagenhaftes  mit  grosser,  behaglicher  Breite  als  Wahr- 
heit aufgetischt.  Am  unheilvollsten  gestaltete  sich  für  die  Entwick- 
lung von  Naturwissenschaften  und  Heilkunde  der  Einfluss  gewisser 
philosophischer  Richtungen,  deren  Ausbildung  für  die  Uebergangs- 
zeiten  an  der  Schwelle  von  Altertum  und  Mittelalter  recht  charakte- 
ristisch ist.  Wir  werden  ihnen  im  Folgenden  noch  einige  Worte  zu 
widmen  haben.  Auch  sie  bewirkten,  dass  Vernunft  und  wahre  Wissen- 
schaftlichkeit vollständig  aus  der  Heilkunde  für  längere  Zeiten  ver- 
schwanden, dass  Gemüts-  und  Glaubensleben  in  ihr  überwucherten 
und  dass  in  Demut  und  Gläubigkeit  alles  blind  acceptiert  wurde,  was 
von  autoritativer  Seite,  also  von  dem  durch  Avicenna  arabisierten  und 
mit  diesem  von  der  Kirche  kanonisierten  Galen  gelehrt  worden  war. 
Pragmatisch  betrachtet  ist  demgemäss  die  ganze  Heilkunde  des  Mittel- 


Mittelalter.    Einleitung.  451 

alters  von  nur  geringem  Wert.  In  litterarhistorischer  Beziehung  be- 
sitzt sie  allerdings  auch  heute  noch  eine  gewisse  Wichtigkeit,  einer- 
seits weil  sie  in  wahrhaft  typischer  Weise  die  Unkultur  und  den 
Geisterschlummer  ..mittelalterlicher  Finsternis"  belegt,  andererseits 
weil  vielfach  erst  auf  dem  Umwege  durch  die  mittelalterlichen  Litteratur- 
produkte  genaue  Kenntnis  von  der  alten  Medizin  hat  gewonnen  werden 
können.  An  der  Konservierung  der  alten  Urkunden  haben,  wie  be- 
kannt, ein  wesentliches  Verdienst  neben  den  arabischen  Aerzten  vor 
allem  die  Klosterinsassen,  die  frommen  Patres,  mit  ihrer  emsigen 
Abschreiberthätigkeit.  Hierin  liegt  unverkennbar  ein  förderndes 
Hauptmoment,  welches  indirekt  dem  Einfluss  der  christlichen  Kirche 
zu  verdanken  ist.  Ihre  oberen  Würdenträger  veranlassten  zugleich 
in  dem  Bestreben,  die  ganze  höhere  Ausbildung  unter  ihre  Autorität 
zu  stellen  und  in  ihrem  Sinne  zu  leiten,  in  einer  späteren  Zeit  die 
Abfassung  encyklopädischer  Werke,  in  denen  auch  Medizin  und  Natur- 
wissenschaften ganz  in  Uebereinstimmung  mit  den  Lehren  der  Kirche 
behandelt  wurden.  So  entstanden  denn,  besonders  von  dem  übrigens 
auch  um  alle  Wissenschaften  sehr  verdienten  Benediktinerorden  und 
dessen  Stifter  Benedikt  von  Nursia  (480—543)  gefördert,  die 
seltsamen  Produkte  der  sogenannten  Mönchsmediziii,  meist  abenteuer-- 
liehe  Gemische  von  Theologie,  Mystik,  Dreckapotheke  und  allen  mög- 
lichen, mitunter  sogar  recht  frivolen  und  auf  den  Kitzel  der  Sinne 
berechneten,  geschlechtliche  Verhältnisse  mit  einer  gewissen  Vorliebe 
berührenden  Mitteilungen,  die  ein  deutliches  Licht  auf  die  Unwissen- 
heit ihrer  Verfasser  werfen.  —  Neben  dieser  litterarischen  Thätigkeit 
ist  der  Einführung  des  Christentums  noch  in  anderen  Beziehungen 
direkte  und  indirekte  Förderung  der  Heilkunde  zu  danken,  nämlich 
durch  die  Schöpfungen  von  praktischen  Einrichtungen  zur  Armen-  und 
Krankenpflege,  zur  Unterstützung  durch  Alter  und  Elend  geschwächter 
und  hilfloser  Individuen.  Die  Ausübung  von  Werken  der  Barmherzig- 
keit bildete  einen  der  vom  Judentum  her  traditionellen  Hauptgrund- 
sätze der  ersten  Christen;  sie  galt  für  besonders  gottgefällig  und 
wurde  verständigerweise  als  wichtiges  Hilfsmittel  der  äusseren  Pro- 
paganda verweitet.  Auf  diesem  Boden  entstanden  als  fast  vollständiges 
Novum  die  humanitären  Institute,  die  zahlreichen  Xenodochien,  Gero- 
komien,  Nosokomien,  die  Hospitäler  und  Siechenhäuser,  wie  sie  notorisch 
bereits  in  den  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderten,  besonders  zahl- 
reich im  oströmischen  Reich  und  im  Orient  überall  in  der  Gefolg- 
schaft christlicher  Wirksamkeit  unter  dem  Patronat  Irommer  Bischöfe, 
des  Cosmas  und  Damianus,  des  heiligen  Basilius  (um  370  in  Cäsarea 
in  Cappadocien ',  des  heiligen  Hieronymus  (in  Jerusalem  um  450),  aber 
auch  byzantinischer  Fürsten  und  ihrer  Gemahlinnen,  so  der  bekannten 
Eudoxia  (f  440)  gegründet  wurden.  Anstalten  für  Säuglinge,  Findel- 
kinder (brebotrophea,  orphanotrophea),  für  arme,  kranke  Pilger  und 
Almosenempfänger  (lobotrophea,  ptochotrophea),  für  Wohlthätigkeits- 
zwecke  aller  Art  existierten  nachweislich  in  ansehnlicher  Zahl  in  den 
ältesten  Christengemeinden.  Ja  man  traf  in  unwirtlichen  Gegenden 
Einrichtungen  eigens  zu  dem  Zweck,  um  verrirrte  Wanderer,  Ver- 
unglückte u.  a.  durch  besondere  Sendboten,  die  sogenannten  Parapem- 
pontes  und  Parabolani,  aufzusuchen  und  in  geeigneten  Hospizen  unter- 
zubringen. 


29* 


452  Julius  Pagel. 

Ejnfluss  der  Philosophie  auf  Natur-  und  Heilkunde.    Die  sogenannte 

zweite  Alexandrinische  oder  Neuplatonische  Philosophie. 

Die  Scholastik. 

Zur  Litteratiir  vgl.  die  grösseren  Quellenwerke  der  Philosophie- Geschichte,  be- 
sonders dasjenige  von  Ueherweg-Heinze. 

Die  krankhafte  Abspannung  des  Geisteslebens,  die  allg'emeine  Er- 
schlaffung, welche  in  wissenschaftlicher  Beziehung  während  des  Mittel- 
alters hervortrat,  zeigte  sich  ganz  besonders  darin,  dass  ähnliche  Bahnen, 
wie  in  der  religiösen  Bewegung,  auch  in  der  Philosophie  eingeschlagen 
wurden.  Auch  hier  zog  ein  tiefes  Sehnen  nach  Neuem  durch  die 
Herzen  und  Köpfe.  Der  aristotelische  Realismus  wurde  als  zu  nüchtern 
verlassen ;  man  verwarf  auch  die  übrigen  Systeme  als  für  die  seelischen 
Bedürfnisse  unbefriedigend  und  griff  wieder  zum  alten  „Idealismus", 
indem  man  auf  Plato  zurückging,  allerdings  in  Kombination  mit  einer 
Lehre,  die  bereits  im  letzten  vorchristlichen  Jahrhundert  im  Schosse 
des  Judentums  Boden  gewonnen  hatte  und  zunächst  hauptsächlich 
dlirch  die  Sekte  der  Essäer  vertreten  war.  Schon  im  babylonischen 
Exil  waren  die  Juden  mit  der  ganzen  unseligen  Kette  des  persisch- 
orientalischen Occultismus  bekannt  geworden,  mit  der  sogenannten 
Emanationslehre,  mit  einzelnen  indischen  Vorstellungen,  mit  Magie, 
Astrologie,  Dämonenkult  u.  s.  w.  Gierig  nach  Ersatz  für  verlorene 
Güter  hatten  sie  nicht  bloss  diese  religiös-philosophischen  Aftergebilde 
adoptiert,  sondern  ihrerseits  im  Laufe  der  Zeiten  noch  weiter  aus- 
gebildet, mit  Elementen  der  pythagoräischen  Philosophie  verquickt  und 
schliesslich  auf  dieser  Grundlage  mit  überraschender  Kongenialität  die 
berüchtigte  „Kabbalah"  ^)  aufgebaut,  die  Ausgeburt  der  verrücktesten 
Phantasie,  eine  Geheimlehre,  die  am  besten  und  jedenfalls  ohne  Schaden 
für  die  menschliche  Kulturent Wicklung  geheim  geblieben  wäre.  Ihren 
eigentlichen  Kern  stellt  eine  ganz  seltsame,  mystisch-allegorische  Deutung 
von  Bibelstellen  nebst  einer  der  persischen  Emanationslehre  nach- 
gebildeten Kosmologie  und  Theosophie  dar.  Die  hauptsächlichsten 
Verbreiter  und  praktischen  Vertreter  dieser  Anschauungen  waren,  wie 
gesagt,  die  Essäer  (auch  Therapeuten  genannt),  eine  Sekte,  deren  Mit- 
glieder in  konsequenter  Durchführung  ihrer  Lehre  das  ganze  Leben 
auf  das  Ueberirdische  einrichteten,  es  von  leiblichen  Bedürfnissen  so- 
viel als  möglich  unabhängig  zu  machen  und  so  eine  thunlichst  gott- 
ähnliche Heiligkeit  zu  erreichen  suchten.  Wirklich  gelangten  sie  all- 
mählich beim  Volke  in  den  Geruch  von  AVunderthätern,  von  Heil- 
künstlern, die  im  stände  wären,  durch  Handauflegen,  Berührungen  der 
Kranken,  verbale  Suggestion  und  ähnliche  Massnahmen  zu  kurieren. 
In  der  Folgezeit,  wo  die  Gemüter  durch  das  junge  Christentum  vor- 
nehmlich auf  religiöse  Fragen  umgestimmt  und  für  alle  Arten  von 
transcendentaler  Schwärmerei  empfänglich  gemacht  waren,  konnte  es 


^)  Es  ist  bekannt,  dass  dieser  Ausdruck  wie  die  Litteraturprodukte  der  Kab- 
balah (Sohar,  Sefer  Jezirah  etc.)  erst  dem  12.— 13.  Jahrhundert  angehören.  Trotzdem 
mag  der  Terminus  hier  schon  Verwendung  finden,  weil  im  Wesen  die  Anschauungen 
den  ersten  Jahrhunderten  p.  Chr.  angehören.  Vgl.  S.  Karppe,  Etüde  sur  les 
origines  et  la  nature  du  Zohar.  Precedee  d'une  etude  sur  l'histoire  de  la  Kabbale. 
Paris  1901.  F.  Alcan.  —  Selbstverständlich  hat  das  bei  Galen  oft  vorkommende 
Wort  ,,y.aßßaliaTixri^-  (seil,  teyvrj)  nichts  mit  der  hebr.  Kabbalah  zu  thun. 


Mittelalter.    Einleitung.  453 

nicht  ausbleiben,  dass  auch  bei  den  Anhängern  der  neuen  Eeligion 
die  erwähnten  Lehren  Wurzel  schlugen.  So  entstand  denn  jener 
monströse  Dreibund,  die  durch  und  durch  ungesunde  Verbindung 
zwischen  Judenchristentum,  platonisch-pythagoräischer  Philosophie  und 
orientalischer  Mystik,  die  sonderbare  Eichtungsverschmelzung,  die  man 
als  „Neuplatonismus"'  oder,  wegen  der  hauptsächlichen  Vertretung 
durch  alexandrinische  Gelehrte,  auch  als  zweite  alexandrinische  Schule 
unseligen  Angedenkens  kennt.  Ihre  vornehmsten  Repräsentanten  sind 
Männer,  die  obwohl  auf  einem  sittlich  und  wissenschaftlich  höheren 
Niveau  stehend  als  der  berüchtigte  Zauberer  Simon  und  der  etwas 
ältere  „Wunderthäter"  Apollonius  von  Tyana  in  den  Endzielen 
dennoch  sich  nicht  allzuweit  von  diesen  entfernen.  P 1  o  t  i  n  u  s  (205—270) 
und  dessen  bekanntester  Schüler  Porphyr  ins  waren  es  besonders,  die 
das  ganze  System  mit  einem  pseudowissenschaftlichen  Mäntelchen  um- 
kleidet haben  und  das  in  so  geschickter  und  bestechender  Form,  dass 
spätere  Kirchenväter,  wie  Gregor  von  Nazianz  (328—390),  der 
einflussreiche  Augustinus  (353—430)  und  Andere  begeisterte  An- 
hänger dieser  Lehre  wurden  und  in  ihr  erst  den  passendsten  Schlüssel 
zum  Verständnis  des  Christentums  zu  besitzen  glaubten.  Durch  die 
genannten  Autoritäten  hielt  der  Neuplatonismus  nicht  bloss  in  dieses 
siegreichen  Einzug,  sondern  begann  auch  die  übrigen  Wissenschaften, 
besonders  die  Natur-  und  Heilkunde  zu  durchsetzen.  An  ihren 
Früchten  sollt  ihr  sie  erkennen !  Schon  einmal  waren  Philosophie  und 
Naturbetrachtung  innig  verknüpft  gewesen,  im  Zeitalter  der  grie- 
chischen Naturphilosophen,  die,  wie  wir  wissen,  auf  die  Entwicklung 
der  Medizin  als  Wissenschaft  den  segensreichsten  Einfluss  ausgeübt 
haben.  Geniale  Ideen  wirken  wie  Sturz-  und  Springfluten.  Sie  sind 
extrem,  sie  eilen  der  trägen  Masse  weit  voraus ;  da  diese  nicht  folgen 
kann,  muss  im  Kampf  mit  ihr  Schritt  für  Schritt  zurückgewichen, 
eine  Forderung  nach  der  anderen  als  den  realen  Verhältnissen  wider- 
streitend aufgegeben  werden.  Hat  sich  aber  die  Flut  verlaufen,  so 
überzeugt  man  sich,  dass  trotz  alledem  eine  Befruchtung  mit  neuen, 
brauchbaren  Keimen  erfolgt  ist  und  die  Sache  des  Fortschritts  ge- 
wonnen hat.  So  bei  der  griechischen  Naturphilosophie.  Wie  anders 
dagegen  bei  der  herrschenden  Philosophie  im  Mittelalter!  Welch  eine 
Philosophie  und  was  für  eine  Naturforschung!  Ihre  Früchte  liegen 
uns  leider  in  der  Heilkunde  als  traurige  und  abschreckende  Specimina 
zur  Genüge  vor.  Denn  der  Neuplatonismus  hat  es  verschuldet,  dass 
in  die  Therapie  das  ganze  Heer  der  magischen  Heilformen  und  -Formeln 
von  dem  berüchtigten  Abracadabra,  Kalakau  u.  dergl.  bis  zu  dem  selt- 
samsten Spruch-  und  Wortmischmasch  aus  allen  möglichen  griechisch- 
orientalischen Idiomen  seinen  Einzug  gehalten  hat.  Die  zweite 
alexandrinische  Schule  ist  die  eigentliche  Nährmutter  geworden  des 
gesamten  mystischen  Unfugs,  wie  er  später  in  allen  möglichen  Formen 
im  Schoss  der  Heilkunde  (als  Hexen-  und  Dämonenglaube,  als 
Cagliostro's,  Swedenborgs  u.  a.  Betrügereien,  Mesmerismus,  Spiritis- 
mus etc.  und  wie  alle  diese  Milchschwestern  heissen)  getrieben  worden 
ist.  Dies  (und  die  Förderung  des  Sektiererwesens  in  den  ersten 
christlichen  Gemeinden)  sind  allerdings  die  unheilvollen  Ergebnisse 
des  Neuplatonismus  gewesen,  der  hervorgegangen  aus  dem  unausrott- 
baren Hang  der  Menge  zum  Wunderglauben  diesen  zugleich  impulsiv 
genährt  hat.  Die  Verschwisterung  zwischen  durch  theologisches  Ge- 
zanke   verunreinigter   Philosophie   und   einer   durch   den   gemeinsten 


454  Julius  Pagel. 

afterphilosopliischen  Schwindel  entstellten  Theologie  konnte  am  aller- 
wenigsten der  Medizin  zum  Heil  gereichen.  —  Versöhnend  wirkt  nur 
ein  Moment  hierbei,  nämlich  die  Thatsache,  dass  post  tot  et  tanta 
aus  diesen  Lehren,  allerdings  erst  nach  einer  gründlichen  Wandlung 
und  einem  Läuterungsprozess,  wie  er  zunächst  noch  nicht  einmal  ge- 
ahnt werden  konnte,  die  Grundlagen  der  modernen  Naturwissenschaft 
hervorgegangen  sind.  Einen  nicht  unwesentlichen  Vorstoss  nach  dieser 
Richtung  lieferten,  wie  bekannt,  die  Arbeiten  der  Araber.  —  In  einer 
späteren  Zeit,  als  die  christliche  Kirche  den  Gipfelpunkt  ihrer  Macht 
erklommen  hatte,  ging  der  Neuplatonismus  in  einer  anderen  Art  von 
Philosophie  auf,  die  z.  T.  schon  neben  ihm  bestanden  hatte  und  mit 
ihm  unzweifelhaft  eine  gewisse  innere  Verwandtschaft  besass,  zum 
mindesten  jedenfalls  in  den  Folgen,  nämlich  in  der  nicht  minder  ver- 
derblichen Einwirkung  auf  den  Entwicklungsgang  der  Heilkunde. 
Das  ist  die  berüchtigte  Scholastik,  ein  Kind  des  9.  Jahrhunderts 
(vielleicht  noch  etwas  älteren  Datums),  das  unter  der  Pflege  des  ein- 
flussreichen Dominikaner-Ordens,  der  „Hauptstütze  des  Papsttums, 
Begründers  der  Inquisition,  fanatischen  Gegners  jeder  freien  Regung" 
(Haeser)  prächtig  gedieh  und  sich  fast  ein  halbes  Jahrtausend  als 
lebensfähig  erwies.  Aus  dem  Knäuel  zwischen  Neuplatonismus,  dem 
durch  Averroes  und  Maimonides  arabisierten  Aristotelismus  und  jüdisch- 
mohammedanischer Theosophie  hatte  sich  schliesslich  eine  Methode 
entwickelt,  die  ebenso  einfach  als  entschieden  allen  Konflikten  zwischen 
Religion  und  freier  Forschung  ein  Ende  zu  machen  berufen  schien, 
leider  aber  auf  Kosten  der  letzteren.  Wieder  einmal  sollte  der  freie 
Geist,  der  sich  mitterweile  besonders  auf  den  hauptsächlich  aus  den 
Laienschulen  hervorgegangenen  Universitäten  zu  regen  begonnen  hatte, 
unterdrückt,  den  „profanen"  Wissenschaften  neben  der  Gottesgelahrt- 
heit  die  zweite  Stelle  angewiesen,  die  Philosophie  zur  Magd  der  Theo- 
logie erniedrigt,  Vernunft  dem  Glauben,  Philosophie  der  Kirche  nicht 
versöhnend  angepasst,  sondern  geradezu  unterworfen  werden.  Auf 
der  Stufenleiter  der  Scholastik,  deren  untere  und  mittlere  Sprossen 
der  Ire  Johannes  Scotus  Erigena  (f  um  880)  mit  dem  Grund- 
satz von  der  Identität  der  wahren  Religion  mit  der  wahren  Philo- 
sophie (übrigens  ganz  im  Anschluss  an  den  heiligen  Augustin)  und 
der  etwa  zwei  Säcula  später  wirkende  Anselm  von  Canterbury 
(1033  - 1109)  besetzt  hielten,  der  eigentliche  Vater  der  „Satisfaktions- 
theorie" und  der  Sentenz:  „fides  praecedit  intellectum,  credo  ut  in- 
telligam",  sehen  wir  schliesslich  den  Pariser  Professor  Wilhelm 
von  Champeaux  (1070 — 1121),  das  Haupt  der  „Realisten",  den 
siegreichen  Gegner  der  „Nominalisten",  die  mit  ihrem  Grundsatz: 
„universalia  post  res",  d.  h.  die  Ideen  sind  Abstraktionen  der  Dinge, 
unterlegen  waren.  Ueber  ihnen  allen  thronte  an  höchster  Spitze 
gleichsam  wie  ein  die  Fittige  ausbreitender  Adler  die  anfangs  wider- 
strebende Ecclesia  triumphans,  in  den  Klauen  als  ausgezeichnetes 
Deck-  und  Aushängeschild  den  Aristoteles  haltend,  dessen  Dialektik 
in  gänzlich  missbräuchlicher  Weise  als  Unterlage  einer  verkehrten 
Methode  pseudowissenschaftlicher  Bearbeitung  dienen  musste,  wobei 
Schlüsse  aus  absolut  unbewiesenen,  weil  unbeweisbaren,  aprioristisch 
konstruierten  Prämissen  das  Gerüst  und  die  Stütze  für  einen  soge- 
nannten logischen  Bau  abgaben.  Von  den  naturwissenschaftlichen 
Schriften  des  Aristoteles  wollte  auch  die  Kirche  nichts  wissen.  Galen 
und  Avicenna,   die  medizinischen  Heroen  des  Mittelalters,  galten  als 


Mittelalter.    Einleitung.  455 

kanonisch,  nur  ihre  Autorität  war  nach  den  Satzungen  der  Kirche 
in  der  Medizin  massgebend;  alle  weitere  Forschung  durfte  lediglich 
die  Aufgabe  verfolgen,  ihre  Ergebnisse  damit  in  Einklang  zu  bringen; 
schon  ein  blosser  Versuch  eines  fundamentalen  Widerspruchs,  hätte 
gleich  einem  Sacrileg,  zu  gefährlichen  Konflikten  mit  den  Machthabern 
der  Kirche  geführt.  Aber  wie  der  Neuplatonismus  die  Keime  der 
Naturkunde  einer  späteren  Zeit  in  sich  barg,  so  hat  sich  auch  aus 
dem  Schosse  der  Scholastik  gerade  als  sie  sich  auf  dem  Höhepunkt 
befand  und  ihre  Fesseln  mehr  wie  je  drückten,  schliesslich  jene  Anti- 
kritik entwickelt,  deren  Vertreter  freisinnige  Würdenträger  der  Kirche 
selbst  mit  ihrer  encjklopädischen  Bearbeitung  der  Naturwissenschaften 
die  Vorläufer  einer  Prärenaissance  geworden  sind  und  den  Boden 
bereitet  haben,  auf  dem  sich  in  späterer  Zeit  die  Wiedergeburt  der 
Wissenschaften  vollziehen  sollte. 


Altgermanische  Heilkunde. 

Von 
M.  Höf  ler  (Tölz). 


„Deutsches  Krankheitsnamenbuch"  {München  1899,  Pilofy  u.  Löhle).  —  „Krank- 
heitsdämonen'^  in:  Archiv  für  Religionswissenschaft  1899,  IL  Band.  —  „lieber  ger- 
manische Heilkunde''^  in:  Janus  1897,  S.  9 ff.  —  „lieber  die  Quellen  der  populären 
deutschen  Krankheits-Namen"  in  den:  Verhandlungen  der  Naturforscher-Versamm- 
lung 1894,  502  {Wien).  —  „Zur  Opferanatomie'-',  Correspondenz-Bl.  f.  Anthropo- 
logie 1896,  2—12.  —  Edda,  Uebersetzung  von  W.  Jordan,  1889.  —  W.  Schwartz, 
Indogerm.  Volksglaube,  1885.  —  E.  L.  Mochholz,  Beutscher  Glaube  und  Brauch 
im  Spiegel  der  heidnischen  Vorzeit,  1867.  —  TV.  Golther,  Handbuch  der  germani- 
schen Mythologie,  1895.  —  F.  Dahn,  Deutsche  Geschichte  I.  —  W.  Mannhard, 
Germanische  Mythen  {Berlin  1858).  —  M.  Dunker,  Geschichte  der  Arier  in  der 
alten  Zeit,  1867.  —  K.  Maurer,  Die  Bekehrung  des  norweg.  Stammes,  1855 — 1856. 
—  Weinhold,  Altnordisches  Leben,  1856.  —  Die  Verehrung  der  Quellen,  1898.  — 
Deutsche  Frauen  im  Mittelalter,  1851.  —  Mannheimer,  „Etwas  über  die  Aerzte 
im  alten  Frankreich"  in:  Romanische  Forschungen  von  K.  Vollmoeller ,  1891, 
597.  —  O.  Cockayne,  Leechdoms,  Wortcunning  and  Starcraft  of  Early  England, 
1864 — 1866.  —  Henrik  Harpestrengs,  Danske  Laegebog  fra  det  trettende  Aar- 
hundrede, 1826.  —  M.  Jiartels,  Medizin  der  Naturvölker,  1893.  —  F.  Heinrich, 
Ein  mittelenglisches  Medizi?ibuch,  1896.  —  Pfeiffer,  Zwei  deutsche  Arzeneybücher 
aus  dem  12.  u.  13.  Jahrh.  —  W,  L.  JDe  Vrees,  Middelnederlandsche  Genees- 
kundige  Recepten  etc.,  1894.  —  Soph.  Müller,  Nordische  Altertumskunde,  1898.  — 
Crurlt,  Geschichte  der  Chirurgie,  1898.  —  Archiv  für  klinische  Chirurgie  1896, 
912 ff. ;  1883,  796 — 799.  —  Klemm,  Handbuch  der  german.  Altertumskunde,  1838. 
Koenen,  Const.,  in  der  Festschrift  der  70.  Versammlung  der  deutschen  Natur- 
forscher u.  Aerzte  in  Düsseldorf  1898  {Düsseldorf,  G.  Müller).  —  Mob.  Leh- 
mann-Nitsche,  Beiträge  zur  prähistor.  Chirurgie  nach  Funden  aus  deutscher  Vor- 
zeit. Inaug.-Diss.  München  1898.  Buenos- Ayres.  —  Schiller -Lübben,  Mittel- 
niederdeutsches Wörterbuch  {Bremen).  —  tToh.  Hoop,  Pflanzenaberglaube  bei  den 
Angelsachsen  {Globus  1893,  S.  303). 

Die  Germanen  bildeten  einen  Zweig  der  grossen  indogermanischen 
Völkerfamilie. 

Wie  bei  anderen  Völkern,  so  entwickelte  sich-  auch  bei  den  Tndo- 
germanen  die  Heilkunde  aus  dem  Kulte  und  aus  der  Erfahrung 
vieler.  Die  Wörtergruppe  „heil"  in  den  verschiedenen  Seiten  des 
indogermanischen  Sprachstammes ,  sowie  die  reiche  Begriflfsreihe  von 
„Opfer",  „Reinigung",  „Sühne",  „Busse",  „Segen",  „Zauber"  und 
„Heilung"  bezeugen  dies. 


Altgermanische  Medizin.  457 

Das  Bestreben  zu  heilen,  d.  h.  Störungen  im  normalen  Lebens- 
laufe zu  verbessern,  entspringt  dem  Selbsterhaltungstriebe,  der  sowohl 
in  dem  Individuum  wie  in  der  Sippe  (Art,  Geschlecht)  gegeben  ist; 
dieses  Heilbestreben  wird  durch  die  ganze  Volksmedizin,  von  dem 
arischen  Urvolke  an  bis  zu  den  Deutschen  des  Mittelalters  bethätigt 
durch  eine  Trias  von  therapeutischen  Methoden: 

Krüt,  stein  unde  wort 

hant  an  kraeften  grozen  hört 

(Vridank). 

Die  Kraut  er  kunst  oder  der  Krautzauber  stand  einerseits  dem 
St  ein  Zauber,  der  venetischen  Kunst,  sowie  andererseits  dem  Wort- 
zauber.  der  Gallerkunst  (altnord.  göldr  kynstr)  oder  schwarzen  Kunst 
gegenüber.  So  hatte  auch  der  indische  Arier  eine  nützliche  Besserung 
oder  Busse  (got.  bota;  altnord.  boeta;  ahd.  buoza;  mnd.  böte  = 
Heilung  durch  Segensformeln;  westf  boeten)  der  Krankheiten  durch 
aufwachsende  Kräuter  (urvarO-baeshaza) ,  durch  den  schärfenden 
Stein  (-Messer)  (karetö-baeshaza)  (kar  =  Felsen,  Stein;  skar  = 
spalten,  schneiden)  (conf  saxum  =  Stein,  sahs  =  Messer,  sak :  secare) 
und  durch  das  Wort  (mäthra-baeshaza)  (jtd&og  ==  Lehre ;  fiar-,  ment-, 
man-,  meinen;  indog.  mantra  =  Rede,  Spruch,  madha  =  Heilkunde). 
Der  mit  dem  blossen  Zauber-  oder  Bannworte  tröstend  heilende  Arzt 
stand  bei  den  indischen  Ariern  in  höherem  Ansehen  als  der  gewalt- 
samere Schnittarzt.  Besonders  lange  erhielt  sich  nun  hef  den  Ger- 
manen die  Behandlung  der  Krankheiten  mit  Heilkräutern,  der  Kraut- 
zauber; auch  dann  noch,  als  die  Germanen  in  den  Besitz  der 
griechisch-lateinischen  Medizinbücher  gelangt  waren  und  sie  diese  in 
ihre  Volkssprache  übersetzten,  blieben  sie  mit  Vorliebe  an  den  pflanz- 
lichen Mitteln  haften;  an  die  Stelle  der  chirurgischen  Instrumente 
der  Römer  und  indischen  Drogen  substituierten  sie  die  vaterländischen 
Kräuter,  die  „durch  sich  selbst"  d.  h.  ohne  chirurgische  Nachhilfe 
heilen  sollten.  Der  Steinzauber,  der  das  altehrwürdige  Steinmesser 
und  den  Steinhammer  mit  einschloss.  entwickelte  das  Steinamulett 
(Lebensstein),  das  durch  eingeritzte  Worte  (Runenzeichen)  erhöhten 
Wert  erhielt  und  als  elbisches  Mittel,  d.  li.  gegen  elbische  Böse- 
wichter galt;  solche  Steinamulette  gegen  allerlei  Not  und  Gefahr 
finden  sich  bereits  in  den  prähistorischen  Gräbern  der  Nordgermanen. 

Das  magische,  suggestiv  wirkende  Wort,  das  von  besonders  Be- 
gabten rhythmisch  gebunden  und  zum  „Spell"  feierlich  gefasst  wurde, 
dem  eine  zauberisch  verborgene  Kraft  innewohnte,  die  zum  tröstlichen 
Segen  und  zum  erlösenden  Fluche  verwendet  wurde,  dieser  „raunend" 
ausgesprochene  Gedanke  (indog.  man  =  denken;  Meinung,  vermeint) 
entwickelte  sich  zur  „Rune",  der  Wortzauber  zum  Runenzauber. 

Aus  dieser  therapeutischen  Trias,  die  sich  seit  indogermanischen 
Zeiten  bis  auf  unsere  heutige  Volksmedizin  fortsetzte,  pflegte  das 
germanische  Weib  besonders  die  Pflanzenkunde. 

Das  Weib,  das  schon  von  der  Natur  als  leidender  Teil  und  Prototyp 
des  Selbsterhaltungstriebes  in  die  Welt  der  Geschöpfe  gesetzt  ist,  war 
die  ursprünglichste  Hüterin  heilkundlichen  Wissens  und  die  Spenderin 
ärztlicher  Hilfe  seit  Urzeiten;  es  kann  uns  darum  nicht  Wunder 
nehmen,  wenn  wir  bei  den  Germanen  das  Weib  auch  im  Kultopfer- 
dienste vertreten  finden.  Gerade  diese  Stellung  des  germanischen 
Weibes  als  ärztliche  Hilfespenderin  und  pflanzenkuudige  Frau  mag 


458  M.  Höfler. 

es  erklärlich  machen,  dass  (nach  Tacitus)  die  Germanen  in  demselben 
„sanctum  aliquid  et  providum"  sahen  und  es  wie  eine  hochzu verehrende 
Persönlichkeit  betrachteten;  griif  es  auch  niemals  in  den  öifentlichen 
Kult  ein,  so  war  es  doch  eine  aus  dem  Opferblute  (Guss)  weissagende, 
die  Prognose  stellende  Kultdienerin,  deren  Eat  (wiborada)  gar  wohl 
beachtet  wurde  und  der,  quoad  medicinam,  hauptsächlich  auf  ilirer  er- 
probteren und  bei  den  Germanen  besonders  lange  geübten  Pflanzen- 
kunde begründet  gewesen  sein  mag;  dabei  war  es  fast  ausschliesslich 
die  vom  Germanenweibe  erreichbare  Pflanzenwelt  in  der  nächsten 
Umgebung  des  Wohnhauses,  welche  ihm  zu  Heilzwecken  zur  Verfügung 
stand,  wenn  auch  die  Bekanntschaft  mit  einigen  fremden  Drogen  und 
Heilkräutern,  namentlich  mit  solchen ,  die  schmerzstillend  wirkten, 
vorausgesetzt  werden  darf.  Seit  Urzeiten  stand  das  Weib  als  treueste 
Hüterin  einer  Art  von  Urmedizin  in  der  Familie  da ;  durch  sich  selbst 
aber  würde  das  germanische  Weib  niemals,  wie  die  Geschichte  lehrt, 
diese  ärztliche  Stellung  zur  Höhe  einer  wissenschaftlichen  Medizin 
emporgehoben  haben;  auf  dem  Boden  der  Nachahmung  und  auf  dem 
Wege  der  äusserst  langsam  fortschreitenden  P>fahrung  fussend  blieb 
es  noch  viel  mehr  als  der  männliche  germanische  Arzt  von  dem  Banne 
des  Kultes  abhängig,  weil  die  Verwendung  der  von  ihm  bevorzugten 
Heilmittel,  der  Heilkräuter,  selbst  wieder  wesentlich  vom  jahreszeit- 
lichen Sonnenstande  und  damit  von  den  Kultzeiten  abhängig  war; 
durch  diese  Verbindung  der  Pflanzenkunde  mit  dem  Kulte  kam  das 
Weib  aber  auch  zu  der  Stellung  des  sehr  gefürchteten  wilden  Weibes 
aus  dem  Hage,  der  zauberkundigen  Hexe  (=  Hagweib),  wie  ja  auch 
die  Alpbezauberin,  die  Alpruna  (nach  Tacitus  8)  nahezu  göttlich  ver- 
ehrt und  gefürchtet  wurde. 

Die  neuere  Forschung  hat  mit  Sicherheit  ergeben,  dass  die  Ger- 
manen einen  ganz  grauenhaften  Opferkult  hatten;  während  aber  nun 
bei  den  klassischen  Völkern  des  Altertums  mit  zunehmender  Kultur 
die  Opferpriester  sich  zu  einer  Priesterkaste,  die  zum  Ausgangspunkte 
der  Priesterärzte  wurde,  vereinigten,  blieb  bei  den  Germanen  diese 
Kastenbildung  vollständig  aus  mangels  an  Kulturcentren,  während  ihre 
westlichen  Nachbarn  im  dichter  besiedelten  Gallien,  die  Kelten,  eine 
solche  in  den  Druiden  besassen.  Bei  dem  neben  dem  Ackerbaue  haupt- 
sächlich von  Krieg  und  Jagd  lebenden  germanischen  Hirtenvolke,  das, 
in  zahllose  Sippen  gesondert,  ein  kulturförderliches  Leben  in  Städten 
verschmähte,  konnte  sich  auch  kein  eigentlicher  Aerztestand  mangels 
einer  germanischen  Priesterkaste  ausbilden,  ein  wesentlicher  Nachteil 
für  die  gedeihliche  Entwicklung  der  germanischen  Heilkunde.  Das 
Bedürfnis  nach  Teilung  der  Arbeit  und  das  universelle  Verlangen  nach 
Hilfe  veranlasste  aber  auch  bei  den  Germanen  die  Entwickelung 
solcher  Persönlichkeiten  aus  der  Masse  des  Volkes,  welche  nicht  bloss 
Lust  und  Liebe  zum  Heilberufe,  sondern  auch  durch  eigene  und  über- 
lieferte fremde  Erfahrung  zu  diesem  Dienste  befähigende  Kenntnisse 
und  Geschicklichkeit  hatten.  Jeder  einzelne,  der  eines  Heilmittels  be- 
durfte, musste  wieder  bei  dessen  Verwendung  beim  Irrtume  seines 
Vorfahren  anfangen ;  nur  ganz  allmählich  befestigte  sich  im  Laufe  der 
Generationen  eine  mehr  oder  weniger  berechtigte  Wertschätzung  der 
Wirksamkeit  eines  Heilmittels;  so  oft  aber  diese  Empirie  des  Heil- 
verfahrens in  der  Lage  gewesen  wäre,  das  Volk  aus  den  Sphären  des 
Dämonismus,  mit  dem  der  Kult  stets  verbunden  ist,  zu  befreien,  immer 
wieder  blieb  der  germanische  Heilkünstler  an  den  mitübernommenen 


Altgermanische  Heilkunde.   •  459 

Irrtümern  des  Kultverfahrens  haften.  —  AVährend  nun  bei  den  Nord- 
germanen, bei  welchen  die  Fürsten  auch  Opferleiter,  d.  h.  Priester- 
könige waren,  die  angelsächsischen  und  normanischen  Könige  durch 
den  Volksglauben  zu  Heilkünstlern  wurden,  findet  sich  bei  den  Süd- 
germanen, welche  schon  früher  mit  den  höher  kultivierten  Nachbar- 
völkern in  Berührung  gekommen  waren,  davon  keine  Spur.  In  der 
germanischen  Zeit  war  die  Schlachtung  jedes  Haustieres  eine  Opfer- 
handlung, welcher  der  „gute"  Hausvater,  der  Gode,  vorstand.  Opfer- 
leiter, Hirten  und  Tierzüchter  (Schäfer  und  Abdecker),  welchen  das 
Tieropfer  die  meiste  Gelgenheit  gab.  die  Ursache  einer  Seuche  oder 
einer  Krankheit  in  dem  Leibe  des  Schlachttieres  zu  erkennen,  mussten, 
wenn  anders  sie  genügenden  Eifer  in  der  Beobachtung  dieses  Materials 
hatten,  darum  mit  der  Zeit  eine  gewisse  Stellung  als  Heilkünstler  sich 
erringen,  u.  a.  auch  die  Schmiede,  die  beim  Hufbeschlage  mancherlei 
Pferdekrankheiten  beobachten  konnten  und  als  Künstler  galten  (alt- 
nord.  liodasmidir  =  Liederschmiede,  galldrasmidir  =  Zauberkünstler; 
confer. :  Kurschmied,  Erbschmied ;  engl,  pintlesmith).  Aber  die  Anzahl 
solcher  Individuen  war  bei  den  Germanen  stets  nur  eine  beschränkte, 
weil  diese  Persönlichkeiten  nur  im  kleinen  Räume,  in  der  isolierten 
Sippensiedelung  ohne  Konkurrenz  thätig  waren.  Einem  äusserst  lang- 
samen Wege  der  rohesten  Erfahrung  stand  eben  bei  den  Germanen 
nicht  die  Gunst  des  Verkehrs,  der  gegenseitigen  Belehrung  zur  Seite, 
welche  Kulturcentren,  wie  Städte,  d.  h.  Wohnungsdichtigkeit,  sie  bieten. 
Der  menschliche  Verstand  hat  auch  in  den  primitiven  Zeiten  stets 
das  Bedürfnis  gehabt,  einen  Zusammenhang  zwischen  Erkrankung  und 
Krankheitsursache  herauszubringen.  Je  nach  dem  verschiedenen 
Schlussvermögen  des  einzelnen  Kranken,  das  sich  mit  der  jeweiligen 
Kulturhölle  verändern  musste,  änderten  sich  nicht  bloss  die  Personi- 
fizierungen der  die  Krankheiten  veranlassenden  Ursachen,  sondern 
auch  die  Gestalten  jener  Persönlichkeiten,  welchen  das  Volk  in  medi- 
zinischen Dingen  Erfahrung  und  Kenntnisse  zuschrieb.  Mit  der 
Nennung  des  Krankheitsnamens  war  der  Begriff  der  Krankheit  gegeben 
sowie  deren  Ursache  und  Behandlung.  Je  nach  dem  Bedürfnisse  und 
je  nach  den  vermeintlichen  Ursachen  wandte  sich  darum  der  Ger- 
mane  an  den  Opferleiter  oder  Gode,  wenn  es  sich  darum  handelte, 
die  Gunst  der  Gottheit  für  Haus,  Sippe  oder  Land  durch  blutiges  oder 
unblutiges  Opfer  zu  gewinnen:  an  den  Galsterer,  Lachener  oder 
Zauberer  (altnord.  spä-menn  [Mann];  spä-konur  [Weib];  galdramenn), 
wenn  es  sich  darum  handelte,  die  unholden  Dämonen  in  den  ver- 
schiedensten Gestalten  in  dem  Leibe  eines  bestimmten  Kranken  (Indi- 
viduum) auszuspähen  und  durch  Zaubermittel  oder  gellend  gesprochene 
Bannwoi'te  zu  verscheuchen,  oder  an  den  Einrenker  oder  Streicher, 
an  das  pflanzenkundige  Weib  im  Walde.  Der  Namen  derKrank- 
heit  beherrschte  die  Therapie.  Eine  einmal  benannte  Krank- 
heit galt  schon  als  halb  behandelt;  so  wurde  z.  B.  jede  Art  von  Bräune 
oder  Brand,  jede  Art  von  Wurm  gleich  behandelt,  nachdem  einmal  durch 
den  Heilkünstler  oder  den  Kranken  selbst  festgestellt  worden  war, 
dass  die  Krankheit  eben  eine  Bräune  oder  ein  Wurm  war.  Parotitis 
(Ohrwurm)  und  Panaritium  (Finger wurm)  wurden  als  Folge  eines 
Dämonen  Werkes  in  Wurmgestalt  ganz  gleich  behandelt;  Typhus,  Rot- 
lauf, Blattern,  Milzbrand,  Lungenentzündung,  Pest,  Diphtherie,  alles 
fiel  unter  den  Begriff  des  Brandes  oder  der  Sucht  und  wurde  dem- 
gemäss  in  gleicher  Weise  behandelt. 


460  M.  Höfler. 

Während  die  vorgermanischen  Krankheitsnamen  grösstenteils  auf 
subjektive  Schmerzqualitäten,  sinnfällige  Hautveränderungen,  ganz 
augenscheinliche  Gebrechen  und  Funktionsanomalien  sich  beschränkten, 
brachte  erst  in  der  voralthochdeutschen  Periode  der  Zusammenstoss 
mit  den  Römern  eine  ganz  wesentliche  Bereicherung  von  objektiven 
Kenntnissen  des  germanischen  Volkes  in  Bezug  auf  Krankheiten;  bis 
dahin  und  z.  T.  noch  später  war  die  dämonistische  Auffassung  der  letz- 
teren auch  in  der  Namengebung  noch  vorherrschend;  denn  zur  Zeit, 
als  Hippokrates  die  griechische  Medizin  bereits  aus  den  Banden  des 
Dämonismus  befreit  hatte,  lag  die  germanische  Heilkunde  noch  ganz 
und  gar  in  dessen  Banne;  auch  dann  noch,  als  durch  den  Verkehr 
mit  den  Römern  lateinische  Krankheitsnamen  bereits  an  die  Stelle 
der  uralt  einheimischen  getreten  waren  (z.  B.  Fieber,  Pein,  Pips), 
wurden  letztere  Krankheiten  in  gleicher  Weise,  wie  unter  ihrem  ger- 
manischen Namen  fortbehandelt. 

Die  Krankheit  ohne  natürliche  Ursache  galt  dem  Germanen  als 
unnatürlich,  als  eine  übernatürliche  Strafe  der  Gottheit,  die  mit 
Opfergaben  (Busse)  zu  versöhnen,  seine  erste  Aufgabe  war;  denn  dies 
war  die  erste  Bedingung  zur  Erreichung  irgend  eines  Heilerfolges; 
die  Gunst  der  Gottheit  konnte  man  nur  durch  das  blutige  Opfer  (oder 
dessen  Stellvertretung)  erkaufen;  durch  das  ganze  Gebiet  der  ger- 
manischen Volksmedizin  lässt  sich  dieser  Gedankengang  bis  auf  unsere 
Tage  nachweisen.  Der  Heilgott  Allvater  Wotan-Odin,  dessen  eines 
Auge  die  lichtspendende  Sonne  am  Himmel  vorstellte,  war  der  Sonnen-, 
Wind-  und  Fruchtbarkeitgott,  der  auch  die  elbischen  Dämonen  be- 
herrschte und  so  die  Krankheiten  abwehrte;  er  war  als  Zaubervater 
(altnord.  galdrs-father)  im  Besitze  des  Kraut-  und  kräftigsten  Runen- 
zaubers, der  mächtigsten  Bannsprüche;  mit  seinem  einen  Auge,  der 
Sonne,  dem  leuchtenden  Himmelsgestirne,  vertrieb  er  mit  Tagesanbruch 
beim  Hahnschrei  die  lichtscheuen  Eiben,  die  Krankheitsdämonen  und 
nächtlichen  Fiebergeister,  die  den  Nachtschaden  (Alpdruck,  Delirium) 
bringen,  er  wurde  so  zum  Alpverdruss  (=  graetialfa).  Eine  Haupt- 
aufgabe des  germanischen  Medizinmannes  war  es  nun,  gegen  diese 
dämonischen  Lebewesen  vorzugehen,  d.  h.  gegen  diejenigen  Krank- 
heiten, welche  man  heute  vorzugsweise  als  „infektiös"  und  „nervös" 
(sit  venia  verbo!)  bezeichnen  würde;  dazu  bedurfte  er  übernatürlicher 
Zauberkraft;  er  musste  nach  dem  damaligen  Gedankengange  die 
elbischen  Geister  aus  dem  Körper  des  Kranken  heraus  irgendwo  anders 
hin  vertreiben,  in  den  wilden  Wald,  woher  sie  gekommen,  zurück- 
bannen, in  den  Baum  verpflocken,  auf  Pflanzen  versetzen  (Trans- 
plantation), in  sein  Zaubergerät,  in  seine  Fetischtiere  (Kröte)  oder 
sonst  in  ein  anderes  Tier  verjagen,  wie  er  selbst  als  ein  solcher  Zau- 
berer aber  wiederum  im  Verdachte  stand,  aus  diesen  Stätten  und 
Tieren  die  unholden  Dämonen  in  den  Menschen  hineinzaubern  zu 
können.  Wie  der  Opferpriester  oder  Gode  durch  das  blutige  Opfer 
und  durch  die  Versöhnung  der  Gottheit  die  Seuchendämonen  ron 
Land,  Sippe  und  Haus  ferne  hielt,  so  musste  der  germanische  Zau- 
berer von  dem  einzelnen  Individuum  die  einzelnen  unguten  Elben- 
gestalten  oder  Dämonen  abwehren. 

Unter  Verweisung  auf  die  in  obiger  Litteraturangabe  erwähnte 
Abhandlung  „über  die  Krankheitsdämonen"  und  auf  Janus  1900  10. 
S.  512  wäre  hier  nur  anzuführen,  dass  der  indogermanische  Alpdämon, 
der  sich  aus  dem  physiologischen  Alptraume  entwickelt  hatte,  zu  den 


Altgermanische  Heilkunde.  461 

verschiedensten  elbischen  Gestalten  sich  ausbildete,  die  in  ihren  all- 
gemeinen Grundtypen  noch  gemeingermanisch  sind,  während  in  dem 
Götterglauben  die  verschiedenen  germanischen  Stämme  ihre  eigenen 
Wege  gegangen  waren. 

Man  darf  nun  nicht  glauben,  dass  jede  Krankheit  von  dem  Ger- 
manen dämonistisch  aufgefasst  worden  wäre.  Nur  da,  wo  sein  Kausalitäts- 
bedürfnis ihn  dazu  veranlasste,  wo  andere  sog.  natürliche  Ursachen 
für  ihn  und  seine  Mitwelt  nicht  gegeben  waren,  galt  ihm  die  Krank- 
heit als  das  Werk  eines  ihm  feindlich  gesinnten  Unholden  (Alp,  Mar, 
Troll  etc.).  Wie  es  stets  natürliche  Ursachen  der  Erkrankung  auch 
für  den  rohesten  Wilden  giebt,  so  gab  es  auch  von  jeher  schon  eine 
natürliche  Hilfe  gegen  dieselbe.  Die  Eegel  ist  in  der  Natur  die  gi'au- 
samste  Eücksichtslosigkeit  gegen  die  Mitwelt  und  diese  wird  auch  in 
der  Urmenschheit  an  der  Tagesordnung  gewesen  sein.  Die  Krank- 
heit, die  als  eine  Art  Vorläufer  des  Todes  angesehen  wurde,  veranlasste, 
dass  der  davon  Befallene  geflohen  und  aufgegeben  oder  abgesondert 
wurde,  wie  es  die  wilden  Völkerschaften  noch  thun;  damit  war  der 
Kranke  auf  seine  Selbsthilfe  angewiesen.  Für  den  Germanen  war  der 
Tod  durch  Krankheiten  oder  Alter,  der  sogenannte  Strohtod,  kein 
ehrenvoller;  das  Alter  kam  ihm  furchtbar  vor;  ja  nicht  selten  tötete 
man  die  Kranken,  Gebrechlichen  und  alten  Leute  (norweg.  mand-slaet, 
Mannsschlag  =  Altersschwäche ;  altnord.  grafgangsmenn  =  Grabgang- 
männer, die  im  Grabe  ausgesetzt  wurden) ;  viele  mögen  auch  im  Qualm 
des  Stubenrauches  (altnord.  stofioreyk)  auf  dem  Strohlager  erstickt  sein 
(altnord.  strä-daudhr).  — 

Um  bei  seinen  Göttern  nach  dem  Tode  ruhmvoll  aufgenommen 
zu  sein,  musste  der  Germane  seine  Wundenmarke  aufweisen  können; 
er  ritzte  sich  selbst  solche  vor  seinem  Tode  ein;  mit  einem  Hautmal 
(Marke)  versehen,  konnte  er  in  Walhalla  eintreten.  Schmerz  war 
dem  Germanen  noch  keine  Krankheit,  der  Schweiss  ihm  nur  ein 
Zeichen  der  Schwäche;  heil  war  er,  wenn  er  unverletzt  aus  der 
Schlacht  zurückkehrte;  Gesundheit,  eine  Lebenserfahrung  des  gereif- 
teren  Alters  und  der  friedlichen  Kultur,  ist  auch  dem  primitiven, 
rohen  Menschen  eine  selbstverständliche  Beigabe  zum  Leben.  Die 
meisten  germanischen  Heilkräuter  sind  Wundkräuter.  Das  kriegerische 
Volk  der  Germanen,  dessen  intellektuellen  oder  moralischen  Begriffe 
fast  sämtlich  in  Beziehung  zu  Krieg  und  Kampf  traten  (Kluge),  nahm 
mit  Vorliebe  seine  Vergleiche  der  Krankheitserscheinungen  aus  dem 
Bilde  des  Schlachtkampfes;  es  bezeichnete  dieselben  als  einen  Kampf 
mit  feindlichen  Gegnern,  und  seine  Krankheitsdämonen  führen  die- 
selben Waff"en  gegen  die  Menschheit  wie  es  selbst  (Keulen-  und  Beil-) 
Schlag,  Axt,  Pfeil,  Schleuder,  Ger  und  Speer.  Ueber  die  normalen 
physiologischen  Vorgänge  im  menschlichen  Körper  aber  holte  es 
sich  seine  Vergleichsbilder  aus  seiner  dürftigen  Küche  (Mühle.  Back- 
ofen) und  vom  Webstuhle.  Schon  damals  war  das  feste  Fett  (Schmalz) 
der  Hauptbestandteil  zur  Bereitung  der  Speisen;  während  die  süd- 
lichen Völker  mit  flüssigem  Oele  kochten,  schmolz  der  Germane  das 
feste  Fett,  machte  es  wie  Schnee  auftauen;  darum  Avar  dem  Gräko- 
romauen  die  Magenfunktion  eine  Kochung,  dem  Germanen  eine 
Schmelzung  oder  Ver,,dau"ung.  Der  Herzschlag  war  ihm  bekannt, 
die  Pulsbeobachtung  aber  fehlte  dem  germanischen  Heilkünstler  gänz- 
lich ;  dagegen  ist  die  Grösse  der  kindlichen  Fontanelle  (=  Blatt)  aller 


462  M.  Höfler. 

Wahrscheinlichkeit  nach  schon  zu  germanischen  Zeiten  untersucht 
worden. 

Die  anatomischen  Verhältnisse  kannte  man  fast  nur  aus  Ver- 
wundungen und  aus  der  Anatomia  culinaris,  die  sich  aus  der  Anatomia  sa- 
cralis  der  Opfertiere  ableitet.  Alles,  was  in  der  Küche  Verwertung  fand, 
wurde  eingehender  berücksichtigt;  besonders  aber  waren  die  Knochen 
(Beine)  reichlich  benannt  und  bekannt;  ebenso  die  einzelnen  Abschnitte 
der  Eingeweide  (inn-ofli,  inn-ulf)  und  Fettteile  beim  Schlachttiere ;  das  Ge- 
hirn wie  auch  die  Leber  wurden  als  dreilappig  bezeichnet ;  das  Fleisch  um 
gewisse  Organe  herum  übernahm  den  Namen  tür  diese  letzteren  und  um- 
gekehrt. Niere  z.  B.  ist  Nierenbrät  und  Lendengegend  incl.  Hoden; 
Mittelgarn  (Mittger)  ist  Zwerchfell,  Niere,  Eückfleisch  und  Darm; 
Schinken  ist  Schenkelfleisch,  Lende  und  Nierenfett.  Der  Herzbeutel 
(Vorherz)  galt  als  ein  Teil  des  Zwerchfells  (=  Mittelreff,  Färch),  da 
er  bei  der  Eröffnung  des  Opfertieres  und  bei  der  Herausnahme  des 
Herzens  an  der  Herzwurzei  (altdän.  hiartce  r0toer  =  praecordia)  durch 
den  Gode  (=  Blutmann  oder  Sudmann)  von  jenem  abgelöst  wurde. 
„Ader"  war  alles  hohle  Eingeweide,  selbst  die  Sehnenscheide,  Die 
bittere  Galle  galt  als  un „zehbar",  d.  h.  nicht  opferbar,  wie  auch  das 
mit  ün„geziefer"  (Parasiten)  durchsetzte,  unreine  Fleisch,  Lungen- 
oder Lebergewebe  etc.  Diese  fast  nur  auf  das  ün„ziefer"  beim 
Grossvieh  (zebar,  tifer,  toi  vre)  beschränkte  pathologische  Ana- 
tomie konnte  nur  wenig  andere  Beobachtungsresultate  aufweisen, 
z.  B.  die  schalenförmigen  Osteophytenablagerungen  am  Pferdefusse, 
die  wie  ein  brüchiger  Gesteinsspat  gespachtet  (Spat),  abgespaltet 
werden  konnten,  dürften  eine  Beobachtung  beim  germanischen  Pferde- 
opfer von  Seite  des  Gode  gewesen  sein;  ferner  das  durch  Endarteriitis 
verkalkte  Steinherz  mit  den  steinharten,  atheromatösen  Konkretionen. 

Während  der  Gode  aber  seine  Kulthandlungen  öffentlich  im  Allah 
vollzog,  lag  über  der  Thätigkeit  des  Zauberers  etwas  Unheimliches; 
alle  die  Mittel,  die  ihm  seine  Zauberlist  eingab,  magische  Zeichen, 
Eunenstäbe,  gereimte  und  ungereimte  Bannworte,  Opferteile  und  Gesang, 
Pflanzensäfte,  Gift  etc.  traten  damit  begrifflich  in  die  Vorstellung  des 
Zaubers  über;  wie  innig  Opferkult,  Heilkunde  und  Zauber  nach  dem 
germanischen  Volksbegriffe  zusammenhingen,  geht  aus  dem  deutschen 
Volksglauben  hervor,  wonach  gewerbsmässige  Zauberer  es  nicht  unter- 
lassen dürfen,  zwischen  je  3  Zauberkuren  die  Schlachtung  eines  Tieres, 
d.  h.  ein  blutiges  Opfer  einzulegen. 

Der  zauberkundige  Medizinmann  hatte  bei  den  Nordgermanen 
eine  grimmig  aussehende  Holzlarve  (ahd.  grimma;  Grimasse),  ein 
Zaubergewand  (altnord.  trollsham)  und  einen  Gallererhut  (ahd.  galera 
hut);  am  Korkgürtel  hing  ihm  ein  Lederbeutel;  ein  mit  Steinen  be- 
setzter Messingknopf  sass  auf  dem  Zauberstabe;  das  Zaubergerät  in 
der  blasenartigen  Ledertasche  bestand  aus  Pferdezähnen,  Luxkrallen, 
Vogelluftröhre,  Schlangenwirbelknochen,  Totenknochen,  Eichhörnchen- 
Unterkiefer,  Falkenklauen,  Mittelmeermuschelu,  Bernstein,  Feuerstein, 
Krystallen  etc.,  lauter  Gegenständen,  die  in  der  heutigen  Volksmedizin 
noch  ihre  Rolle  fortfristen. 

Der  eigentliche  Name  für  den  germanischen  Medizinmann  wäre 
„Lachner"  gewesen,  (got.)  leikeis,  (angels.)  laeca,  (engl.)  leech.  (nord- 
germ.)  laecknari,  (ahd.)  lähhi.  Er  war  in  erster  Linie  eine  Persön- 
lichkeit, die  des  Zaubers  kundig  galt,  worunter  man  das  mit  roter 
(Menig-)Farbe   aufgetragene   Mal   oder   Lach  (lat.   Signum  =  Segen) 


Altgermanische  Heilkunde.  463 

verstand,  welches  der  Lachner  mit  dem  Heil-,  Lachner-  oder  Arzt- 
flnger  (ahd,  lähhi ;  angels.  haletend  =  digitus  salutaris  =  angls.  lace- 
finger)  auf  die  kranke,  leidende  Stelle  machte;  unter  Besegnungs-  oder 
Beschwörungsformeln  bezeichnete  er  durch  die  blutrote  Farbe  die 
Stelle,  wo  der  die  Krankheit  verursachende  Dämon  im  Körper  sitzen 
sollte.  Eigentlich  sollte  schon  das  blosse  „Berühren"  dieses  Dämonen- 
sitzes mit  dem  sogenannten  Kedfinger,  der  in  das  dämonenvertreibende 
Opferblut  eingetaucht  worden  war,  den  Krankheitsgeist  zum  Ent- 
weichen bringen.  Einen  solchen  Zauberfinger  musste  vor  allem  der 
Opferleiter  selbst  haben;  daher  erklärt  es  sich,  dass  die  angelsäch- 
sischen und  normannischen  Könige,  welche  Priesterkönige  waren,  mit 
ihrer  Königshand,  d.  h.  durch  Auflegen  ihrer  Heilhände  nach  dem 
Volksglauben  das  sogenannte  Königsübel,  d.  h.  skrophulöse  Halsdrüsen- 
knollen zur  Heilung  brachten.  Diese  Vorstellung,  dass  schon  die 
blosse  „Berührung"  mit  solchen  Heilhänden  (Lachnershänden)  Heil- 
kraft besitze,  hatten  wohl  schon  auch  die  Indogermanen ;  die  Ger- 
manen nannten  den  starken  Zauberfinger  auch  Wotansfinger  nach  dem 
Stammvater  aller  Heilkünstler  und  der  angelsächsischen  Könige,  dem 
Heilgotte  Wotan.    (Bei  den  Deutschen  heisst  er  auch  Metzgerfinger.) 

Auch  das  geburtshelfende  Mitweib  zog  in  der  Höhlung  der  Hand 
die  abringelnden  Zauberzeichen,  mit  der  Spitze  des  Fingers,  die  Faust 
umspannend,  und  beschwor  so  der  gütigen  Dämonen  Beistand,  damit 
die  Kreissende  werde  ledig  der  Geburt.  Der  Zauberer  musste  im 
Stande  sein,  solche  Zauberzeichen  abzulesen,  und  hiess  darum  auch 
„Ableser".  Namentlich  musste  er  die  Runenschrift,  welche  mit  roter 
Menigfarbe  eingeritzt  war,  zu  lesen  verstehen,  eine  Kenntnis,  welche 
zuerst  das  geheimnisvolle  Eigentum  gewisser  Leute  war,  die  selbst 
wieder  im  Besitze  heilkräftig  geltender  Mittel  aas  der  Sphäre  des 
blutigen  Opferkultes,  zauberhafter  Banntiere,  Heilkräuter  und  sonstigen 
Zaubergerätes  waren.  Alle  diese  Beigaben  des  germanischen  Medizin- 
mannes übernahmen  so  von  der  roten  Menigfarbe,  (angels.)  teafor  = 
Zauberfarbe;  (germ.)  taufra,  den  Begriff'  des  „Zaubers".  Durch  seine 
Zauberkunst  galt  er  als  ein  Wesen,  welches  übernatürliches  Wissen 
besass  und  dem  Opferpriester  zur  Seite  stand.  Das  vom  germanischen 
Zauberer  bereitete  verwirrende  Zaubergift  hiess  Luppe,  das  er  aus 
den  uralten  Zauberkräutern,  auch  Lüppkräuter  genannt,  z.  B.  Akonit 
und  Veratrum,  bereitete  durch  Zerquetschung  der  Pflanzen  zwischen 
zwei  Steinen  oder  bei  der  Verwesung  (visus,  virus,  Hog)  gewisser 
Tierleichen  [angels.  thung  =  Gift]  gewann.  Zwischen  der  indoger- 
manischen Zeit,  in  der  das  Gift  (vis)  mehr  ein  Ptomain  (Aasgift) 
gewesen  zu  sein  scheint,  und  der  germanischen  Periode,  in  der  das 
„Gift"  mehr  ein  mit  anderen  Stoifen  (Meth)  „gegebener"  Pflanzenstoff" 
(lüppe)  war,  trat  wohl  die  Volkserfahrung  ein,  dass  Feuer,  bezw. 
Kochen  und  Reinlichkeit  (Wasser)  die  Verwesungsgifte  oft  unschäd- 
lich zu  machen  im  stände  ist.  Die  meisten  germanischen  Gifte  haben 
eine  zuerst  wütendtoll  machende,  dann  betäubende,  bezw.  rasch  läh- 
mende Wirkung.  Zwei  weitere  germanische  Gift  arten  waren  das 
brennend  heisse  (germ.  ait)  Schwellung  machende,  meist  durch  einen 
Biss  vermittelte,  tierische  Gift  (Eiter),  sowie  das  flüssige,  wie  im 
Gusse  (gud,  gund)  rinnende,  ansteckende  Körpersekret  (Gund)  (ahd. 
gunt;  angls.  gund;  got.  gunds  ==  tabidus  humor,  sanies,  pus;  adän. 
gund  =  epiphora,  livor,  lippitudo). 

Kräuter,  Stein  und   Wort  [mnd.  boter  wort  =  heilendes  Wort] 


464  M.  Höfler. 

waren  die  zur  Besserung  (Busse)  der  Krankheit  nötigen  Mittel  des 
Lachners,  seine  Zauberlist,  um  die  Dämonen  zu  verscheuchen  und 
ferne  zu  halten.  „Astrunen  sollst  du  kennen,  eh'  du  willst  Lachner 
werden",  lehrte  Sigtraut  den  Sifried.  Die  Nordgerraanen  kannten 
Alpdruck  beseitigende  Alprunen  (Alraunen,  Albruna  des  Tacitus, 
altnord.  alfruna),  Berge-  oder  Schutzrunnen  (bjargrunar),  Liedrunen 
(leodrunar). 

Die  Eune  setzte  das  magische,  suggestiv  wirkende  und  tröstende, 
geraunte  Wort,  den  Zauberspruch,  gegen  die  Dämonen  voraus.  Dieser 
wurde  sowohl  von  der  weisen  Frau,  dem  mit  Wundkräutern  heilenden 
Weibe,  von  dem  Einrenker,  dem  geburtshelfenden  Mitweibe,  als  von 
dem  giftkundigen  Lüppner  und  dem  dämonverscheuchenden,  tanzenden 
Gaukler  verwendet.  Solche  Zaubersprüche  haben  sicher  die  Angel- 
sachsen, bei  denen  sie  um  670  bezeugt  sind,  vom  Festlande  mit  nach 
England  hinübergenommen;  die  Uebereinstimmung  derselben  mit  den 
deutschen  ist  geradezu  auffällig. 

Eine  Art  von  Gegensatz  zum  würdevoll  und  feierlich  gesprochenen 
Krankheitssegen  und  altehrwürdigen  Zauberspruche  bildete  das  Ge- 
schrei, der  „gelle"  Laut  des  germanischen  Medizinmannes,  womit 
dieser  als  „Galler"  oder  „Galsterer"  die  Dämonen  verscheuchen  wollte. 
Vergalsterung  war  so  viel  wie  Verzauberung.  „Beschreien"  und 
„berufen"  waren  auch  späterhin  die  Bezeichnungen  für  „bezaubern" 
(=  Incantatio);  vielleicht  war  es  auch  oft  ein  laut  geschrieener 
Zaubergesang,  „Galster",  welcher  während  der  Beräucherung  des 
Kranken  mit  den  sogenannten  „Berufs"-Kräutern  als  Haupthandlung 
des  „Galler"  galt.  Allemanische  Gefangene  rühmten  sich,  durch  ihren 
Zaubergesang  (altnord.  golugaldrar)  den  römischen  Kaiser  Caracalla 
wahnsinnig  gemacht,  d.  h.  „beschrieen,  berufen"  zu  haben.  Die  christ- 
lichen Angelsachsen  verfügten  sogar  über  Fieber  vertreibenden  Ge- 
sang (fefer-cynnes  gealdor)  und  ägyptische  Magierlieder  (egyptisce 
galdru). 

Laute  Lieder  vor  der  Gebärenden  sitzend  zu  singen  zu  deren 
Nothilfe,  war  auch  Aufgabe  des  zauberkundigen  Liedersassen  (ahd. 
hleodarsazzo),  und  in  der  Edda  setzt  sich  eine  Hebamme,  welche  zur 
Geburtshilfe  herbeigeritten  kam,  milden  Gemüts  zwischen  des  Mädchens 
Kniee  und  singt   „gewaltige  Weisen"   der  Gebärenden  zum  Beistand. 

Dass  vom  lauten  Zaubergesang  und  vom  gellen  Schrei  kein  weiter 
Schritt  ist  zum  lärmenden  Drohworte,  ist  wohl  erklärlich.  Auch  in 
den  Bannformeln  findet  sich  dieses  Mittel,  durch  Drohworte,  andern- 
falls durch  Schmeichelworte  oder  versöhnende  Opfergaben  die  Dämonen 
zu  veranlassen,  von  ihrem  Opfer  zu  weichen.  Halfen  die  Drohworte 
nicht,  so  musste  der  Kranke  als  der  Sitz  des  krankmachenden  Dämons 
mit  Gewalt,  d.  h.  durch  Prügel  behandelt  werden.  Vielleicht  hat  sich 
dadurch  auch  eine  Art  von  Mechanotherapie  und  Massage,  die 
Knetung,  Streichung  und  Klopfung  der  vom  schelmischen  Dämon  zum 
Sitze  erkorenen  Drüsen  entwickelt.  Jedenfalls  ist  es  erklärlich  und 
den  bei  wilden  Völkern  beobachtbaren  Gebräuchen  vollkommen  analog, 
wenn  solche  Galsterer,  die  durch  Lärm  und  Gewaltmittel  die  Krank- 
heitsdämonen vertreiben  wollten,  dabei  eine  möglichst  fratzenhafte 
Grimasse  annahmen  und  so  similia  similibus,  Furcht  mit  Furcht,  Eisse 
mit  Grimme  überbieten  'wollten. 

Die  germanische  Massage  des  Abdomen  in  der  Form  einer  um- 
fangenden Begreifung  der  beiden  Bauchseiten  mittels  der  streichenden 


Altgermanische  Heilkunde.  465 

oder  sich  gleitend  fortbewegenden  schleifenden  Hände  unter  gleich- 
zeitiger Mitwalgerung  eines  die  jeweilige  Krankheit  aufnehmenden 
Gegenstandes  (z.  B.  eines  Käfers  als  Ursache  des  wiebelnden  Bauch- 
schmerzes) lässt  vermuten,  dass  man  die  Krankheit  dabei  zurück- 
versetzen wollte  in  das  Fetischtier.  Aus  dieser  massierenden  Streich- 
methode, der  sich  auch  die  wunderthätigen  Heilkünstler  der  Karolinger- 
zeit bedienten  (F.  Dahn),  mag  sich  auch  die  äussere  Wendung  des 
Kindes  im  Mutterleibe  entwickelt  haben  (conf.  Engelmann,  Die  Ge- 
burt bei  den  Urvölkern;  deutsch  von  Hennig.    Wien  1884.    S.  180). 

Das  nächste  Heilmittel  aus  der  Hand  des  germanischen  Kult- 
priesters waren  Salz  und  Wasser,  welche  auch  noch  in  christlichen 
Zeiten  dämonenvertreibende  Mittel  blieben.  Die  germanischen  Priester 
leiteten  an  den  Salzquellen  oder  Hallorten,  z.  B.  Antern,  Halle,  Suiza, 
Schwäbisch-Hall,  die  Salzbereitung,  indem  sie  über  einen  Stoss  brennen- 
der Bäume  das  Salzwasser  laufen  und  so  verdunsten  Hessen.  Asche 
und  (schwarzes)  Salz  bildeten  im  Wasser  die  Lauge,  welche  ebenfalls 
einen  dämonenvertreibendes  Kultmittel  beim  Laugenbade  war.  An 
den  Seeküsten  wurde  das  Salz  dadurch  gewonnen,  dass  man  Seewasser 
auf  verbrennenden  Moorboden  übergoss. 

Die  Thermen,  deren  viele  die  Römer  einer  einheimischen  Sonnen- 
gottheit (Balder,  Thonar  oder  Wodan-Odin)  gewidmet  fanden  (heilawäg, 
heiliwoog  ==  Heilwoge;  altnord.  hverir,  laugar],  benutzte  man,  um 
kranke  oder  gelähmte  Glieder  in  sie  einzutauchen  und  damit  zu 
waschen.  Unterleibskranke,  blutarme  Frauen  namentlich  waren  es, 
welche  diese  heissen  Quellen  zu  Bädern  versuchten;  auch  machten  die 
Nordgermanen  schon  die  Erfahrung,  dass  man  bei  ihrer  Benutzung 
sehr  vorsichtig  sein  müsse,  da  sie  Schwindel  und  Ohnmacht  erregen 
können.  Die  Germanen  benutzten  als  Heilbäder  u.  A.  Spaa  (=  Tungri 
=  Tongern),  Wiesbaden  (Aquae  mattiacae),  Godes-(Wodes-)Berg  und 
Baden-Baden  (Aquae  s.  Civitas  Aurelia  aquensis).  Schweigend,  mit 
entblösstem  Haupte,  barfuss  oder  nackt  nahte  sich  der  Germane  vor 
Sonnenaufgang  meist  an  Donnerstagen  dem  Heilbrunnen  und  versenkte 
als  Spende  für  die  Hilfe  der  Wassergeister  eine  Opfergabe. 

Eines  der  primitivsten,  aber  auch  am  längsten  bewahrten  Mittel 
war  das  sog.  Steinbad  in  der  Badstube,  welche  an  einer  Seite  eine 
Lücke  hatte,  durch  die  man  heisses  Wasser  auf  die  vorher  erhitzten 
Steine  goss;  mittels  des  sich  dadurch  entwickelnden  Dampfes  und 
unter  Einwicklung  in  Hanfwerg  versetzte  man  dadurch  den  Körper 
in  Seh  weiss;  zum  Abwaschen  benutzte  man  warme  Lauge  oder 
Thermal wasser ;  eine  grössere  solche  Badestube  hiess  Badhaus  (angels. 
baet-hus,  von:  bähen).  Diese  bähende  Dunstwärme  ergab  sich  aus 
der  älteren  Räucherung,  wobei  Hanf  benutzt  worden  zu  sein 
scheint;  diesen  hatten  die  Ahnen  der  Germanen  auf  ihrer  Wanderung 
aus  dem  südlichen  Asien  durch  die  Berührung  mit  nichtindogermani- 
schen Völkern  im  südlichen  Russland,  wo  der  Hanf  wild  wächst,  oder 
durch  den  Handel  von  dorther  bereits  kennen  gelernt.  Der  narkotische 
Qualm  sollte  die  Schmerzen  bereitenden  Dämonen  aus  dem  Leibe  des 
Kranken  vertreiben,  wie  das  Anhauchen  oder  Anblasen  durch 
den  Kultpriester  oder  Zauberer  auch  die  Kröpfe  (Halsdrüsen)  heileU; 
bezw.  den  Dämon  aus  dem  Drüsenkerne  in  das  Zaubergerät  versetzen 
sollte. 

Man  darf  nun  nicht  annehmen,  dass  alles  und  jedes  therapeutische 
Handeln  beim  geraianischen  Volke  ein  rein  dämonisches  gewesen  wäre; 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  1.  30 


466  M.  Höfler. 

WO  eine  ganz  erklärbare  und  sichtbare  Ursache  vorlag,  wie  z.  B.  eine 
Verwundung,  da  blieb  dieses  sicher  bei  seiner  primitiven,  empirischen, 
nicht  däraonistischen  Behandlungsmethode.  Es  ist  ganz  und  gar  wahr- 
scheinlich, dass,  wie  bei  den  schwarzen  Naturvölkern  in  Afrika,  selbst 
nach  ganz  verzweifelten  Verletzungen  die  Wundheilung  überraschend 
leicht  und  schnell  verläuft,  auch  bei  der  germanischen  Rasse  eine 
grössere  Widerstandsfähigkeit  gegenüber  den  spezifischen  Wund- 
eiterungserregern  bestanden  haben  wird,  die  durch  eine  traditionell 
fortbestandene  primitive  Behandlungsmethode,  welche  Wundheilung 
unterm  Schorf  anstrebte,  eine  gewisse  Unterstützung  erfahren  haben 
mag.  Erst  wenn  diese  empirische,  vorzugsweise  in  Bestreichung  und 
Bähung  der  Wunden  mit  schorfbildenden  Heilwurzeln  bestehende  Be- 
handlung nicht  zum  Ziele  führte  und  dadurch  abnorm  verlief,  dass 
zur  Wunde  etwas  Unerklärliches,  z.  B.  die  Wundsucht,  das  Rotlauf 
oder  der  Brand,  sich  hinzugesellte,  dann  traten  wieder  die  dämonen- 
vertreibenden,  mikrobenfeindlichen  Zauber-  und  Hexenkräuter  und 
sonstige,  aus  dem  Kulte  entsprungene  Behandlungsmethoden  in  deu 
Vordergrund.  Damit  gelangen  wir  in  das  Gebiet  der  rein  empirisch 
erprobten,  thatsäc blichen  Heilmittel.  Als  .solche  wären  auf- 
zuführen: a)  die  schlafmachenden  Mittel,  welche  zumeist  als  Räuche- 
rungen (Hexenrauch)  zur  Verwendung  gelangten,  und  zwar  das  Bilsen- 
kraut oder  Schlafkraut  (Hyoscyamus)  (meist  gegen  Zahnweh),  und  der 
schon  erwähnte  Hanf;  ferner  der  berauschende  Methtrank,  sowie  die 
Schlafwurz  (Lactuca)  als  Wurztrank  (angels.  wyrt  drenc),  der  Mohn 
oder  Magschaden,  sowie  das  gegen  den  elbischen  Nachtschaden  helfende 
Solanum  (angels.  aelfthone  =  Alt-Dohne,  Alpranke).  So  gut  der  als 
Heilmittel  geltende  Bernstein  und  der  Meergi'ies  (margarit  =-  die 
Perle,  mere  greot,  angels.)  auf  den  Handelswegen  nach  dem  Süden 
schon  im  2.  Jahrtausend  v.  Chr.  gelangt  waren,  ebenso  gut  konnte 
auch  der  Mohn  und  die  Mandragora  (Alraun,  Zauberwurzel)  schon 
längst  zu  den  Germanen  von  dort  heraufgedrungen  sein.  Grösstenteils 
traten  diese  narkotisch  wirkenden  Kräuter  gegen  den  Alpstich  oder 
die  Pleuro-Pneumonie  in  Verwendung.  Sie  gehörten  wie  der  Schierling 
zu  den  Zauberkräutern,  welche  der  Lachner  als  „Lachenkraut"  (oder 
Arztwurz)  in  Verwendung  brachte.  Das  Bestreben,  solche  importierte 
Pflanzen  auch  in  der  einheimischen  Flora  ausfindig  zu  machen,  ver- 
anlasste eine  Reihe  von  Kultvorschriften,  w^elche  der  Wurzelgräber  zu 
beobachten  hatte,  und  die  vielleicht  durch  den  Verkehr  mit  den  süd- 
lichen Völkern  übernommen  worden  waren.  Eine  Reihe  von  ein- 
heimischen Pflanzen  übernahmen  im  Volksgebrauche  die  Bedeutung 
und  den  Namen  solcher  fremder,  narkotischer  Kräuter,  aber  nicht 
deren  Wirksamkeit.  So  kommt  es,  dass  die  verschiedensten  fremden 
und  einheimischen  Pflanzen  unter  einem  germanischen  Namen  sich 
vereinigen  lassen ;  denn  in  erster  Linie  ist  das  Bedürfnis  des  Menschen, 
der  in  der  Pflanze  eine  für  ihn  notwendige  Eigenschaft  suchte,  die 
veranlassende  Ursache  zur  Namengebung.  So  vereinigen  die  Wund- 
kräuter, Alpkräuter,  Labkräuter,  Schosskräuter,  Brandkräuter,  Schuss- 
kräuter, Giftkräuter,  Unholdenkräuter  etc.  die  allerverschiedensten 
Pflanzenarten  unter  ihrem  Namen.  Solche  Pflanzen,  welche  wir  in 
die  Zeit  der  germanischen  Heilkunde  zurückverlegen  können,  sind 
z.  B.  die  in  ihrer  Verwendungsart  als  Amulett  oder  Anhängsel  be- 
sonders auftälligen  Kräuter  und  weiterhin  solche  volksmedizinische 
Pflanzen,   deren  Ausgrabungsart  oder  -zeit  (z.  B.  in  der  Donnerstag- 


Altgermanische  Heilkunde.  467 

Frühsonne)  schon  den  Stempel  des  germanischen  Alters  an  sich  trägt, 
sowie  die  vom  Alahmunt  oder  Gode  beim  heidnischen  Opfer  ver- 
wendeten Zauberkräuter  und  Garben,  die  mit  dem  Opfertiere  als  Alah- 
kräuter  oder  Alah-Samen  (=  Elsem,  Elsen;  Artemisia,  Wermut)  mit- 
verbrannt wurden,  die  Godeskräuter  oder  Weihkräuter. 

Gegen  Hautkrankheiten  (Flecken)  wurden  benützt  die  sogen. 
Zitterach-  oder  (An-)Sprüngkräuter  (auch  das  von  den  Angelsachsen 
neben  Aloe,  Quecksilber,  Zimmt  etc.  aus  Spanien  oder  Montpellier  im- 
portierte Scammonium),  die  schleimige  Säfte  absondernden  Schmer- 
kräuter (Sedum,  Pinguicula),  sowie  die  Butter  (ahd.  anko,  ancho  [unguo] 
indog.  6g  =  Salbe,  Unguentum). 

Ungemein  zahlreich  sind  die  zu  „Ruhrtränken"  verwendeten 
„Blutsucht"-  (--  ahd.  uz-suht,  altdän.  ut-sot)  oder  Ruhrkräuter 
(darunter  die  altberühmte  Alantwurz,  Inula  dysenterica,  helenium, 
[angels.  eolone,  elene],  conyza,  britannica)  W^as  man  zu  „Speiträuken" 
(altdän.  spydrickae,  angels.  spiw-drence)  benützte,  ist  nicht  bekannt, 
vielleicht  die  Brechwurz  (Asarum)  oder  Aschenlaugenwasser, 

Gegen  den  Alp  st  ich  (Pneumonia)  wurden  gebraucht  die  ver- 
schiedenen Stich-  oder  Speerwurzen  (-kräuter),  auch  Wielandswurzen 
(Valeriana,  Thalictrum;  altnord.  Velands-urt;  isl.  Velindisurt  =  brjosta-, 
kverka-gras,  also  für  Hals-  und  Brustkrankheiten  benützt).  Wielant 
ist  der  Sohn  Watos  (=  Thors),  von  dem  es  in  der  Kütrün  heisst: 
daz  Wate  arzät  waere  von  einem  wilden  wibe. 

Besonders  lebhaft  musste  die  Forschung  nach  Schmerz  betäuben- 
den Qualmkräutern  gewesen  sein,  die,  wie  ihr  Name  sagt,  als 
Räucherung  benutzt  und  gar  bald  zu  den  zauberhaft  wirkenden  Beruf- 
kräutern des  Galsterers  gerechnet  wurden;  sie  kamen  aber  auch  als 
Qualm-  oder  Tolltränke  (altdän.  Kwaldryk,  angels.  dolh-drenc,  dwele- 
drenc;  potio,  quae  dicitur  dwalej  zur  Verwendung.  Solche  Qualm- 
kräuter, welche  vor  allem  die  elbischen,  stechenden  und  schmerz- 
bereitenden Dämonen  vertreiben  sollten,  waren  Strammonium  (Rauch- 
äpfel) Cannabis  (Hanf,  s.o.),  Bilsenkraut  (Hyoscyamus),  Chaerophyllum, 
AUbungel,  Taumel-  oder  Tollkerbel,  Atropa  Belladonna  (angels.  dwale) 
und  das  uralte  Nachtschaden-  (und  Schaden-)kraut  (Solanum)  (Alfranke 
=  angels.  aelfthone).  Als  Ervveckungsmittel  aus  der  gefährlichen  Nar- 
kose, die  diese  Planzenstotfe  erzeugten,  mag  wohl  die  Nieswurz  oder 
irgend  ein  Spei  trank  (s.  o.)  gedient  haben. 

Wutkräuter  und  Toll  kräuter  waren  Conium  Cicuta  (altdän. 
othyrt  =  Eiter-  oder  Giftvvurz;  angels.  wöde-hwistle  ==  Wutpfeife, 
Wutstengel).  Belladonna,  Hyoscyamus,  Solanum  etc.;  es  waren  lauter 
Mittel  gegen  Erregungszustände  (Wut,  Tollheit,  Schmerz). 

Der  Opferrauch,  der  auch  bei  höher  kultivierten  Völkern  ein 
dämonenvertrejbendes  Kultmittel  ist  (wie  auch  das  Kultfeuer),  musste 
zur  Erprobung  der  narkotisch  wirkenden  Qualmkräuter  führen 
und  weiterhin  zur  Kenntnis  auch  anderer  Wirkungen  der  zu  Räuehe- 
rungen  benutzten  Kräuter,  z.  B.  Krampfstillung  bei  schmerzhaften 
Uteruskoliken  und  Wehen,  Konservierung  (Antimykose)  beim  Schlacht- 
fleische, Stimulation  der  Schleimhäute  beim  chronischen  Bindehaut- 
katarrh (Wacholderrauch)  und  Schwächezuständen  etc.;  von  dieser 
Methode  war  der  nächste  Schritt  zu  Bähungen  und  Bädern  mit 
wohlriechenden   Heilkräutern. 

Die  erprobte  Wertschätzung  dieser  Heilmittel  führte  auch  hier 
zur  Verwendung  der  Pflanzen  als  vermeintliches  Schutz-  und  Stärke- 

30* 


468  M.  Höfler. 

mittel  in  der  Form  von  Pflanzenanhängseln,  die  am  Bug  (Bugler)  beim 
Fuss  (Beifuss),  am  linken  Arme  am  Goller  (Gollerraute),  um  die  Lende 
(Lendenwurz,  Gürtler,  Beigürtler),  am  Schoss  (Schossmalte)  getragen 
wurden  und  ebenfalls  zum  „Krautzauber"  gehörten,  während  der 
„Steinzauber"  Feuersteine,  Lebenssteine  (altnord.  lifsstein)  etc.,  weiter- 
hin runenbeschriebene  Metallgegenstände  (Hammer,  Einge,  eiserne 
Pfeile  z.  B.)  als  Amulette  oder  Talismane  lieferte;  Anhängsel  von 
anderen  Schutz  gewährenden  Mitteln  waren:  Zähne  von  Ebern  und 
Wölfen,  Tierkrallen,  trepanierte  Knochenteile,  Kröten,  Opferblut,  Alp- 
steine (Belemniten,  Echiniten)  und  auch  kleine  Figuren  der  Haus- 
kobolde (Hauswichtel,  Schutzengel).  Auch  das  Zahnangebinde  (alt- 
nord. tan-fe,  isl.  tannfe  =  Zahngeld,  Zahngeschenk,  fe  =  pecunia) 
blieb  bis  auf  unsere  Tage  erhalten. 

Das  Amulett  und  der  Talisman  konnten  sich  nur  aus  der  wirk- 
lichen Erprobung  wertvoller  älterer  Mittel  ableiten,  die  man  beständig 
bei  sich  tragen  wollte.  Auch  die  Germanen  waren  beim  Amulette 
am  Traditionellen  haften  geblieben,  wie  die  modernen  ^Präger  des 
Hosenbandordens;  das  eigentlich  Wertvolle  solcher  Mittel  aus  längst 
verflossenen  Zeiten  war  ja- längst  verkannt  und  zur  Nebensache  oder 
zum  nicht  mehr  verstandenen  Rudimente  geworden;  nur  das  Wort 
des  denkenden,  tröstenden,  mitleidenden  Menschen,  der  „Wortzauber", 
in  der  Rune  (Galsterrune,  Gebärrune)  sinnbildlich  einst  angedeutet, 
blieb  immer  die  Hauptsache  und  erhielt  sich  als  Krankheitssegen  bis 
auf  unsere  Tage. 

Zu  jenen  rein  empirisch  als  wirksam,  „wirklich"  erprobten,  immer- 
hin aber  mit  dem  Kulte  indirekt  zusammenhängenden  Mitteln  aus  der 
germanischen  Zeit  gehört  sicher  auch  die  Methode,  durch  den  Maitau 
auf  den  Wiesen  in  den  Morgenstunden  zu  streichen  und  so  das  ge- 
lähmte Bein  durch  den  fruchtbaren,  gesundheitbringenden  Maitau 
lebensfrisch  zu  machen  (Leg.  Bajuw.  et  Alam.)  —  eine  Methode,  die 
erst  nach  mehr  als  tausend  Jahren  wieder  popularisiert  wurde.  Ueber- 
haupt  war  die  Zeit  des  Sonnenstillstandes  (St.  Johannis-  und  St.  Veits- 
tag) eine  im  heidnischen  Sonnenkulte  der  Germanen  vielfach  der 
Dämonenvertreibung  gewidmete  Zeitperiode.  Vor  und  nach  schweren 
Volksseuchen  wurden  Reigentänze  aufgeführt,  wobei  die  Teil- 
nehmer wie  Unsinnige  oder  Geisteskranke,  vermutlich  auch  in  der 
Gestalt  von  Dämonenfratzen  (eges  grimme)  ihre  tollen  Gaukelsprünge 
zur  Dämonenvertreibung  in  gewissen  Kultzeiten  und  auf  gewissen 
Kultboden  machten.  Dieses  Vorbild  der  bis  zur  ekstatischen  Ver- 
zückung gesteigerten  germanisch  -  heidnischen  Kulttänze  finden  wir 
später  z.  T.  wieder  in  der  Chorea  magna  Germanorum  (Tanzsucht), 
sowie  im  St.  Johannis-,  St.  Veits-  und  St.  Willibrordustanze,  im  Geister- 
tanze, der  nach  dem  Volksglauben  vor  und  nach  grossen  Pestseuchen 
sichtbar  ist,  in  der  St.  Corneliusseuche  und  in  den  Wallfahrten  der 
sogen.  Unsinnigen.  Der  Tanz  (germ.  laich:  laikaz)  war  und  ist  bei 
Naturvölkern  ein  durch  die  Sinnesnerven  suggestiv  begeisternd  und 
vielleicht  auch  durch  die  Stoffwechselerhöhung  wirkendes  Volksmittel, 
so  auch  bei  den  Germanen  (analog  den  skythischen  Orpheotelesten), 
wobei  diese  sicherlich  die  den  Menschen  besessenmachenden  Dämonen 
aus  dem  Körper  der  von  ihnen  umtanzten  Epileptischen  und  Geistes- 
kranken, welche  der  aufgehenden  Sonne,  dem  Allheilmittel,  entgegen- 
und  mittanzen  mussten,  vertreiben  wollten. 

Reigen  und  Gesang,  Gaukelei  und  Galsterei  gehörten  zur  ger- 


Altgermanische  Heilkunde.  469 

manischen  Opferfeier,  die  wir  uns  mehr  orgienartig  roh  vorstellen 
müssen,  d.  h.  als  ein  graulich  wüstes  Treiben  mit  allen  Konsequenzen 
desselben.  Es  ist  aber  sicher,  dass  die  Germanen  bereits  auch  das 
an  festlichen  Tagen  übliche  Fasten  als  einen  religiösen  Begriff 
kannten,  womit  sie  zur  Sicherung  vor  fieberhaften  Seuchen  sich  in 
Bezug  auf  Essen  und  Trinken  „fesf'liche  „Fesseln"  anlegen,  d.  h. 
sich  an  eine  „Fasten "Vorschrift  „fesf'binden  wollten,  namentlich 
gegen  Kuhrseuchen  sollte  dieses  Tagfasten  (angels.  daegfaesten)  ein 
Mittel  sein. 

Was  nun  die  chirurgischen  Verrichtungen  aus  den  ger- 
manischen Zeiten  betrifft,  so  müssen  wir  uns  dessen  erinnern,  dass 
die  Germanen  als  ein  äusserst  kulturfähiges  Hirtenvolk  aus  dem  süd- 
lichen Asien  (Kaukasus  oder  die  Länder  zwischen  dem  kaspischen  und 
schwarzen  Meere)  nach  den  europäischen  Ländern  auswanderten  und 
als  solches  durch  den  beständigen  Verkehr  mit  dem  von  ihm  gehüteten 
Nutz-  oder  Weidevieh  sicher  eine  Reihe  von  durch  Not  und  Gewinn- 
sucht gelehrten  Nutzkräutern,  aber  auch  Handgriffen  chirurgischer 
Art  kannten;  dahin  gehört  z.  B.  die  Kastration  des  Widders  mittels 
des  Stein-,,Hammers",  der  den  Widder  zum  „Hammel"  machte;  diese 
schon  in  indogermanischen  Zeiten  ausgeführte  Zertrümmerung  des  Hodens 
durch  Schlag  war  eine  noch  zur  Zeit  Karls  des  Grossen  geübte  ger- 
manische Verstümmelungsart.  Die  Kastrationsmethode  durch  Schnitt 
bei  Pferden  und  beim  Rinde  ist  in  ihrem  Ursprünge  weder  eine  ger- 
manische noch  deutsche  Uebung,  da  die  Germanen  sie  erst  von  den 
Nachbarvölkern  erlernten,  und  zwar  hat  es  alle  Berechtigung,  anzu- 
nehmen, dass  es  der  mit  Giftkräutern  (Luppe)  vorzugsweise  thätige 
germanische  Zauberer  oder  „Lüppner"  war,  welcher  diese  erlernte 
Schnittmethode  bei  der  Kastration  als  eine  Nebenbeschäftigung  von 
seinen  östlichen  Nachbarn  in  der  Wallachei  (Wallach)  zuerst  über- 
nommen hat  und  auf  die  Schnittwunde  seine  zauberhafte,  altgebrauchte 
Lüppenwurz  (Sanicula)  auflegte,  was  das  germanische  Volk  immer 
noch  als  Hauptsache  ansah,  da  es  von  jeher  an  die  pflanzlichen  Mittel 
nahezu  ausschliesslich  gewohnt  war.  Uer  Begriff  des  „Lüppens",  d.  h. 
der  Zauberthätigkeit  durch  Lüppkräuter  übertrug  sich  so  auch  auf 
die  importierte  Schnittkastration,  die  aber  sicherlich  ebenso  unter 
Vergalsterung  und  Runensprüchen  ausgeführt  wurde,  wie  die  ältere 
Bandkastration  (altnord.  abbindi ;  angls.  ahd.  ebind  mnd.  abende).  Auch 
das  ahd.  ar-furjan  =  castrare  und  ahd.  urfur  =  spado,  castratus  sind 
nur  übertragene  Bedeutungen,  die  aus  dem  culinarischen  Reinigungs- 
akte bei  dem  Kultopfer  sich  ableiten;  ahd.  für  =  pur-us,  rein,  von 
innerlichen  unzehbaren  [ünziefer-jTeilen  befreit. 

Jedenfalls  ist  daraus  zu  entnehmen,  dass  die  Germanen  in  der 
Tierheilkunde  chirurgische  Eingriffe  machten,  was  sich  auch  noch 
weiterhin  bestätigt  durch  die  bei  Schäfern  lange  Zeit  geübte,  tradi- 
tionell fortgelehrte  Methode,  den  Blasenwurm  aus  dem  Gehirne  des 
tölpelhirnigen,  beziehungsweise  drehkranken  Schafes  an  der  Stelle  des 
Schädels  anzubohren  oder  mit  scharfen  Feuersteinen  abzuschaben,  wo 
derselbe  durch  den  Druck  der  Wurmblase  am  weichsten  geworden 
war.  Vielleicht  sind  die  in  Mittel-  und  Süddeutschland,  Belgien, 
Böhmen,  Dänemark  etc.  gemachten  prähistorischen  neolithischen  Funde 
von  trepanierten  Menschenschädeln  auf  diese  uralte  Vorstellung 
eines  Wurmes  im  Gehirne  geisteskranker,  elbisch  verwirrter  Menschen 
(Tölpel)   zurückzuführen,    den   man    auch    durch    äusserlich    erzeugte 


47Ö  M.  Höfler. 

Brandblasen,  Brandwunden  herausbefördern,  herausziehen  wollte  (conf. 
Hubertusschlüssel).  Der  Umstand,  dass  man  dabei  ein  fremdes  Knochen- 
stück in  der  künstlichen  Oeflfnung  des  Schädels  fand,  spricht  für  eine 
chirurgische  Operation,  wobei  das  zu  Verlust  gegangene  Knochenstück 
zum  Eingange  in  die  Walhalla  ersetzt  wurde. 

Es  ist  ganz  erklärlich,  dass  die  durch  Jagd  und  Krieg  mit  Wunden 
und  Verstümmelung  —  die  ungemein  zahlreichen  althochdeutschen 
Worte  auf  -los  begründen  das  genügend  —  sehr  vertraut  gewordenen 
Germanen  mit  heilen  Gliedern  ins  Walhalla  hinübergehen  wollten, 
bedeckt  allerdings  mit  zahlreichen  Wundmarken  auf  der  Haut,  aber 
mit  heilen  Gliedmassen;  man  gab  ihnen  darum  solche  Ersatzknochen 
(conf.  Koenen  12*}  mit  ins  Grab,  dem  Trepanierten  also  einen  solchen 
in  das  elliptische  Schädelloch  mit  abgeschrägten  Rändern.  Die 
Wundenmessung  geschah  nach  Gliedlänge  eines  darauf  gesetzten 
Fingers;  unter  diesem  Masse  galt  die  Verwundung  nicht  als  Blut- 
schlag. 

Üie  Knochenwunden  wurden  in  ihrer  Schwere  bestimmt  durch 
den  mehr  weniger  lauten  Schall  des  Sequesterknochens,  den  dieser 
auf  einem  Metallgegenstande  auf  9  Schritte  Entfernung  machte  oder 
den  man  „aus  den  9  Fächern  des  Hauses"  vernahm. 

Eine  Eeihe  von  anderen  strafrechtlichen  Bestimmungen  in  den 
Gesetzbüchern  germanischer  Völker  lässt  uns  keinen  Zweifel  darüber, 
dass  verschiedene  Gliederverstümmelungen  mittels  bestimmter  grösserer 
chirurgischer  Instrumente:  Schrotteisen,  Bluteisen  (ahd.  plut- 
isarn).  Kerb-  und  Schröpfeisen,  Blutsax  (ahd.  blodsaex),  Schärsax 
(ahd.  scarsahs),  Adersax  (angels.  oederseax),  Bohrer,  Zange,  Schere, 
Schar-Sach,  bronzene  und  knöchere  Nähnadeln,  Brenn-  oder  Brateisen, 
Schabeisen  etc.  ausgeführt  wurden.  Tätowiernadeln,  Ohrlöffel,  Nagel- 
reinigungsstifte, Schere  und  Rasiermesser  sind  Instrumente  aus  der 
älteren  Bronzezeit;  Steinmesser  und  Holzmesser  bestanden  sicher  noch 
neben  den  bronzenen  und  eisernen  Werkzeugen.  „Was  vereinzelt  (in 
merowingisch  -  fränkischen  Gräbern  am  Niederrheine)  an  wirklichen 
medizinischen  Instrumenten  gefunden  wurde,  ist  römischen  Ursprungs 
und  vielfach  gar  nicht  in  der  dem  ursprünglichen  Gebrauche  ent- 
sprechenden Art  benutzt  worden"  (Koenen  22*),  gewiss  ein  Beweis, 
dass  die  germanische  Chirurgie  gegenüber  der  bei  den  Römern  und 
Romanen  auf  einer  sehr  niedrigen  Stufe  gestanden  sein  muss. 

Mit  dem  Rosteisen,  Brenneisen  (ahd.  brennisan  =  cauterium)  „blen- 
dete" man  die  Augen,  aber  auch  den  Krebsschaden  und  Geschwülste. 
679  wird  erwähnt,  dass  der  angelsächsische  Lachner  (leech)  Cynifried 
oder  Cyneferth  bei  der.  Aebtissin  und  Königin  Aetheldryth  einen 
Tumor  operiert  und  dadurch  das  Leben  derselben  erhalten  habe.  Ab- 
scesse  eröffnete  man  durch  Aufkerben  (angels.  ofcearban,  cyrf);  [germ. 
skrap  ==  schröpfen,  ritzen,  einschneiden ;  angels.  scearpe,  f.  =  incisura 
cutanea;  dazu:  scharf,  schürfen,  schrappen  etc.];  [indog.  skar  = 
schneiden;  germ.  sker  (Schere);  altgerm.  skarda  =  zerschnitten, 
Scharte]. 

In  den  germanischen  Zeiten,  in  denen  Mann  gegen  Mann  sich 
schlug,  erhielten  die  verschiedenen  Wund  arten  in  den  be- 
treffenden Volksgesetzen  auch  ihre  durch  das  Bedürfnis  der  Differen- 
zierung, d.  h.  durch  einen  gewissen  Grad  von  wundärztlicher  Erfahrung 
veranlassten  Benennungen  je  nach  der  Dignität  der  Wunde.  Man 
unterschied  damals  schon  a)  die  Reff-,  Weid-   oder  Garwunden  oder 


Altgermanische  Heilkunde.  471 

Garscliaden  (ahd.  hrewawunt.  g:orawunt.  gar- wund;  mittelengl.  gor- 
woundede),  penetrierende  Bauchwunden,  bei  welchen  das  Garn  (Darm) 
verletzt  war  und  der  Darminhalt  (gora)  ausfloss;  zur  Sicherung  der 
Diagnose  und  Prognose  gab  man  den  auf  solche  Weise  Verletzten 
Lauch-  oder  Zwiebel wasser  zum  Trinken  oder  Lauch  zum  Essen ;  kam 
aus  der  Bauchwunde  der  Knoblau chgeruch  hervor  —  jam  ölet!  — ,  so 
erkannte  man  sie  als  gar-wund.  Man  verkostete  auch  das  aus  solchen 
Wunden  tliessende  Blut  mit  Schnee  vermischt;  hatte  es  Kotgeschmack, 
so  war  es  Höhlenblut  (altnord.  holblodh),  und  die  Verletzung  galt  als 
tödlich.  Der  Abfluss  von  Synovia  (Gliedwoge  der  Friesen,  Gliedöl  der 
Angelsachsen,  Gliedsaft  der  Angelsachsen.  Gliedwasser  der  Deutschen, 
wofür  die  Lateiner  übrigens  keinen  eigentlichen  Terminus  hatten) 
wurde  als  prognostisch  sehr  wichtig  wohl  berücksichtigt  von  den  Ger- 
manen; b)  die  Knochenwunden  (Beinschrott)  mit  Knochensplitterung, 
solche  mit  Blosslegung  der  Schädelknochen  (Gibelschein,  ahd.  gibal- 
sceini) ;  c)  die  mit  eisernen  (glatten,  reinen)  Waffen  zugefügten  Schnitt- 
wunden, (got.)  beniwunda;  (angels.)  isene  gewundod;  d)  die  frischen, 
neuen  Wunden  (altdän.  friskae  saar,  ny-hughet  saar,  ny-skoraet  saar), 
die  leichter  heilbar,  genisig  waren ;  e)  die  schon  verunreinigten  W^unden 
mit  geschwollenen,  hitzigen  Wundrändern  (Wundenhitze)  und  wärchen- 
dem  Eiterfluss;  f)  die  mit  vergifteten  (gelüppten)  Pfeilen  (angels. 
goluppeten  pfil;  altdän.  etgergutaet  wapn  =  vergifteten  Waffen)  ge- 
setzten, gefährlichen  Wunden  (Skorpiongift?,  Echium  vulgare?,  Aconi- 
tum? =  ahd.  luppewurz);  g)  die  tiefen  Wunden  mit  arterieller  und 
lebensgetährlicher  Blutung  (Bogenwunden  und  Färch wunden);  li)  sep- 
tisch infizierte,  üble,  brandige,  faule  Wunden  (angels.  forrotade  wunda, 
engl,  rüttedwounds;  altdän.  ilh^  saar,  swartge  saar,  fulae  saar),  die  mit 
Schüttelfrost  gefolgt  waren  (angels.  forcillede  wunda);  i)  Wunden,  in 
welchen  sich  der  Eiterwurm,  Wundenwurm  d.  h.  die  Fliegenmade  auf- 
hielt (altdän.  saar  thaer  ormae  g0rthe)  und  die  durch  Besprechung  — 
ein  typisches  Zeichen  hohen  Alters  —  noch  im  Mittelalter  behandelt 
wurden. 

Eine  gewisse  Ahnung  von  Aseptik  hatten  allerdings  auch  die 
Germanen,  da  sie  glatte,  reine,  d.  h.  mit  dem  Lebenssteine  geriebene, 
schmutzfreiere  Schwerter  für  nicht  giftig  hielten.  Die  vom  men- 
struierenden Weibe  berührten  Waffen  betrachteten  sie  als  giftig;  ihre 
offenen  Wunden  aber  übergaben  sie  den  Frauen  zur  Pflege.  Zu  den 
Müttern  wie  zu  den  Gattinnen,  schreibt  Tacitus,  brachten  die  Ger- 
manen ihre  Wunden,  und  diese  scheuten  sich  nicht,  ihre  Zahl  und  die 
Art  der  Verwundung  genau  zu  untersuchen,  sie  brachten  den  Käm- 
pfenden Speise  und  Erquickung. 

Diese  weibliche  Seite  der  Heilkunde  (»sanctum  aliquid  et  pro- 
vidum«  des  Tacitus)  erfuhr  sogar  bei  den  Nordgermanen  eine  Personi- 
fikation in  der  aus  dem  Asengeschlechte  stammenden  Eira  (=  Pflegerin). 

Die  Wund h eilung,  das  ^  und  ß  der  ganzen  Chirurgie  (nach 
Billroth),  die  Wunden-Lachnung  (angels.  wundalacnunge)  suchte  man 
durch  Bestreichung  mit  Schorf  bildenden  Wurzeln,  mit  Kräutersäften 
(und  Beizsteinen)  zu  erreichen.  Dass  zur  Wundpflege  (die  ,.bequeme 
Ruh  der  Wunden  und  sanfte  Hut"  im  Nibelungenliede)  auch  indivi- 
duelle Geschicklichkeit  gehöre,  wussten  auch  schon  die  Nordgermanen. 
Solche  Persönlichkeiten  mussten  Heilhände  oder  Lachnershände  (alt- 
nord. laeknirshendr)  haben ;  besonders  das  FrauenvolK  mit  den  schmieg- 
samen linden  Händen  (altnord.  miuktaegu  kvenafolki)  galt  zur  Pflege 


472  M.  Höfler. 

der  Verwundeten  besonders  geeignet.  Die  Wundenpflege  bei  den  Gallo- 
franken,  bei  welchen  die  fränkischen  Krieger  gewiss  zahlreiche  germa- 
nische Heeresgepflogenheiten  übertrugen,  wie  aus  vielen  Kriegsterminis 
hervorgeht,  gibt  im  Zusammenhalte  mit  althochdeutschen,  angelsächsi- 
schen und  altnordischen  Quellen  doch  einen  erlaubten  Schluss  auf  die 
Wundpflege  beim  kriegerischen  Germanenvolke.  Den  ersten  Verband 
auf  der  Walstatt  besorgten  die  Frauen  und  die  Angehörigen  der 
Verwundeten;  ausserdem  gab  es  wirkliche  Feldscherer  (lacknir),  die 
Kenntnisse  und  Geschicklichkeit  zu  diesem  Berufe  hatten.  Diese 
suchten  die  Verletzungen  am  entkleideten  Körper  auf,  „besahen"  die 
Wunden,  nahmen  die  „Heil-Schauet"  vor,  fegten  die  Blutgerinnsel  mit 
dem  Hemde  ab,  untersuchten  mit  der  eingesenkten  Drahtsonde  (alt- 
nord.  spick;  mtl.  spicus  =  Senkel,  acus  discriminalis)  auf  Beinschrot, 
zogen  mit  der  Löff"el-  oder  Spannzange  (altnord.  spenni  toeng)  die 
Knochensplitter,  Pfeile  und  Fremdkörper  aus  der  Wunde  und  ent- 
fernten Blutgerinnsel,  schnitten  Hautfetzen  mit  der  Schere  ab,  sogen 
die  vergifteten  Wunden  aus,  reinigten  mit  lauem  Wasser  oder  Wein 
sorgfältig  und  zart  die  ganze  Umgebung  der  Wunde.  Bei  aufge- 
schlitztem Abdomen  stopfte  man,  was  an  Eingeweiden  heraushing,  in 
die  Bauchhöhle  zurück  und  heftete  man  mit  tief  versenkten  Nesteln 
(Senkeln,  Borsten,  Fäden  aus  gedrehten  Haaren  =  Draht,  seta)  und 
Heftnadeln  (altnord.  spjore;  altschwed.  spiaer  =  an  der  Spitze  speer-, 
lanzettenartig  verbreiterte  Nadeln)  die  Wundränder  zusammen.  —  Die 
bei  den  Nordgermanen  erwähnte  gedrehte  Seide  (altnord.  silki,  silki- 
thraedi)  als  Nähmaterial  bei  Wunden  dürfte  nur  hyperbolisch  als  kost- 
bare, königliche,  d.  h.  eines  Königs  würdige  Wundnaht  aufzufassen 
sein,  da  die  Seide  erst  spät  (im  8. — 9.  Jahrhundert)  in  den  Norden 
gelangte,  ferner  weil  die  betreifende  Litteraturstelle  sagenhaft  roman- 
tisch gefärbt  ist  und  als  ein  späteres,  d.  h.  jüngeres  Einschiebsel  gilt. 
Es  scheint  auch,  dass  man  im  Notfalle  die  grösstenteils  schon  abge- 
lösten Glieder  ganz  abtrennte;  jedenfalls  ersetzte  man  solche  mangelnde 
Beine  später  durch  Holzfüsse.  Ueber  die  Wunde  legte  man  einen 
Verband  (ahd.  lahinot  =  fomentat)  mit  Schorf krautabsud  oder  ausge- 
presstem  Pflanzensaft  oder  man  rieb  (zur  Abwehrung  der  elbischen, 
Wundfieber  bringenden  Dämonen)  mit  Lebenssteinen  (Galaun,  Alaun 
=  ahd.  Peizstein)  und  gab  einen  Wundtrank.  —  Die  romano-gallischen 
Aerzte  (gall.  mir  =  [s]mir)  als  Schmierärzte  legten  eine  Wundsalbe 
(altnord.  smyrsel;  conf.  die  Salbenstempel  der  gallischen  Aerzte  bei 
Koenen  12*)  auf;  dann  ringelte  oder  raidete  (angels.  wreathed)  der 
Lachner  oder  die  Lachnerin  die  Wunde  mit  dem  beschwörenden,  im 
Kreise  um  die  Wunde  gezogenen  Lachnerfinger  ab  und  besang  die- 
selbe nun  mit  ihrem  Zaubersegen,  die  Dämonen  ferne  zu  halten.  Aus 
solchen  geradezu  überraschend  gleichen  Wund-Besegnungsformeln  der 
deutschen,  angelsächsischen  und  mittelenglischen  Volksmedizin,  die  aut 
eine  gemeinsame  germanische  Urquelle  weisen,  ist  zu  entnehmen,  dass 
man  den  abnormen  Verlauf  der  Wundheilung  damit  ferne  halten  wollte. 
Die  Wunde  sollte  nicht  zu  lange  schmerzend  brennen  oder  quälen, 
nicht  anfangen  zu  schwellen  oder  zu  gären,  sie  sollte  nicht  übel- 
riechend werden  oder  zu  stark  eitern,  nicht  nachbluten,  keinen  Schmerz 
in  der  Tiefe  machen,  nicht  weitere  Wundgänge  (Fisteln)  bilden,  keine 
Lähme  (Funktionsschwäche  im  betreifenden  Gliede)  nach  sich  ziehen, 
mit  keiner  zu  stark  entstellenden  oder  höfrichten  Narbe,  durch  sich 
selbst  (spontan  =:  per  primam),  gach  heilen  vom  Grunde  bis  oben  aus. 


Altgermanische  Heilkunde.  473 

Solche  "Wundsegen  sprechen  für  eine  längst  geübte,  relativ  treue 
Beobachtung  des  Wundverlaufes  durch  den  Lachner  oder  germanischen 
Heilkünstler. 

Die  Wundblutung  (Blutrunst)  aus  grösseren  Blutgefässen 
suchte  man  mit  siedheissem  Peche  (Pechpflastern)  zu  beherrschen, 
sowie  mit  Tamponade  und  Kompression  (Moos,  Nesseln,  Erdrasen,  Steinen 
und  Gespinstfasern)  wohl  immer  unter  gleichzeitiger  Anfügung  der 
althergebrachten  und  hochgeschätzten  und  lange  erhaltenen  Blutsegens- 
formeln; kleinere  Blutungen  stillte  man  mit  Spinnengewebe  (schwed. 
dwergs-naet),  womit  die  Adern  durch  die  Thätigkeit  der  spinnenden 
Eiben  (Zwerge)  vernäht  werden  sollten. 

Eine  Art  von  Aderlass  übten  die  Germanen  aus  durch  Eitzung 
(angels.  written)  einer  Haut-  oder  Schleimhaut-Blutader  mittels  eines 
Domes  (angels.  fothorn ;  ahd.  adargrati  =  Aderkratze),  der  früher  das 
feinere  Messerchen  (Adersax)  ersetzte;  vermutlich  kannten  sie  auch 
das  Ausziehen  des  Blutes  aus  der  geritzten  Schröpfwunde  mittels  einer 
Bockhornspitze.  Die  Verrenkungen  wurden  mit  Streichung, 
Dehnung  und  Reibung,  wobei  „Ader  zu  Ader,  Blut  zu  Blut,  Knochen 
zu  Knochen"  (Merseburger  Zaubersegen),  d.  h.  alles  an  seine  Stelle 
gerückt  werden  sollte,  behandelt  unter  Absprechung  der  Zauberformel 
und  Benutzung  irgend  eines  Tierfettes.  Alte  nordgermanische  Sagen 
berichten  sogar  von  einem  Gotte,  der  auch  die  einander  fremdesten 
Glieder  und  Organe  zusammenheilen  konnte.  Auch  den  Fersen- 
Sehnenschnitt,  übernommen  aus  der  Tierzucht,  w^elche  das  Tier 
durch  Verstümmelung  am  „Harn"  (=  Schenkel)  „hemmen"  sollte, 
führten  die  Germanen  aus.  Die  Knochenbrüche  wurden  zur  „Ver- 
leimung" (d.  h.  Callusbildung)  gezelgnet,  d.  h.  mit  der  Zeigel-  oder 
Zelgenrute  (Cornus  sanguin ;  angels.  telgra  =  ramus ;  got.  baina  bayms 
=  Beinbaum)  mit  biegsamen,  aber  doch  festen  Zweigen  geschindelt 
unter  Benutzung  von  Baummoos  und  Ulmenbast  als  Polsterung  und 
der  Gliedwal-  oder  Beinwal-(well-)Wurzen  und  -Kräuter  (angels.  weal- 
wyrt  =  Sambucus  ebulus).  Der  Zwerg  Moendul  verbindet  in  der  Sage 
komplizierte  Knochenfrakturen  mittels  Radstäbchen  (spelkur),  d.  h.  mit 
kleinen,  runden,  biegsamen  Buchenholzstücken  oder  Weidenruten,  legt 
eine  Salbe  auf  die  Wunde  und  bettet  den  Verletzten  mit  den  Füssen 
(höher)  ans  Herdfeuer.  Die  Nordgermanen  benutzten  zum  Knochen- 
verbande das  Lebensgras  (lifsgraes),  vermutlich  die  Zelgenrute  oder 
das  Beinwällkraut.  Die  Verbandmethoden  bei  Kopfwunden  und  Unter- 
schenkelfrakturen scheinen,  nach  den  prähistorischen  Funden  aus  dem 
5. — 7.  Jahrhundert  zu  schliessen,  ganz  richtig  gewesen  zu  sein.  Schlecht 
geheilte  Beinbrüche  wurden  mit  Beinstelzen  gestiefelt,  (altnord.)  tre- 
fotr  =  Holzfuss ;  (ahd.)  -tra ;  (mhd.)  -ter ;  (germ.)  trewa ;  (indog.)  derw 
(dru,  ÖQvg)  =  Holz.  Langwierige  Gelenkkrankheiten  durch  ent- 
sprechende Ruhestellung  des  Gelenkes  zu  behandeln,  hatte  auch  der 
Germane  bereits  gelernt. 

Was  die  Geburtshilfe  betrifft,  so  hat  sich  diese  bei  den  Ger- 
manen sicher  auf  nur  wenige  wirkliche  Hilfeleistungen  beschränkt, 
welche  eben  die  Mitweiber  —  denn  nur  dem  Weibe  fiel  diese  Auf- 
gabe zu  —  ohne  besondere  Kenntnisse  vom  Baue  und  von  den  physio- 
logischen Verrichtungen  den  Gebärenden  angedeihen  lassen  konnten, 
und  die  hauptsächlich  in  einer  Zeichenschau  und  in  äusserlicher  Pflege 
und  Mithilfe  bestanden.  Den  Beckengürtel  dachte  man  sich  als  ein  Bein- 
schloss  (Schlossbein,  Notbein),  welches  sich  in  der  Gebärnot  verschliessen 


474  M.  Höfler. 

könne  und  durch  Zaubermittel  aufsperren  lasse,  namentlich  unter  dem 
Beistande  der  notlösenden,  geburtshelfenden  Dämonen  (Perchta  mit  der 
Kuhhaut,  mit  der  blutigen  Hand,  Nornen,  Saligen,  Idisen),  deren  Hilfe 
das  meist  weit  herbeigerittene  zauber-  oder  runenkundige  Mitweib 
mittels  kräftigen  Zaubergesanges  erflehte.  Die  Bereitung  des  Ge- 
burtslagers in  der  etwas  abseits  befindlichen  Kreissstatt,  bei  Reicheren 
im  „Frauenzimmer"  (=  altnord.  kvennahus ;  später  -=  kemenate  [mhd.]), 
bei  Aermeren  im  unterirdischen,  im  Winter  mit  Dünger  bedeckten 
Gemache  (tung,  tunck  =  gynaeceum,  Frauenzimmer),  geschah  durch 
Anhäufung  von  Stroh  und  besonderer  wohlriechender  Kräuter  unter 
einer  Kuhhaut  oder  einem  Ochsenfelle,  um  der  Frau  die  Kindsarbeit 
zu  erleichtern  und  um  die  Nachwehen  der  „kindenden"  Frau  zu  heilen. 
Die  bei  der  Geburt  in  die  Schenkelnerven  ausstrahlenden  Nerven- 
schmerzen suchte  man  durch  Bärrunen  und  Beifussamulette  zu  be- 
kämpfen. Zu  heftige  Gebärwehen  (Krampfwehen)  und  sonstige  eklamp- 
tische  Krämpfe  scheint  man  durch  Wacholderräucherungen  (Qualm) 
bekämpft  zu  haben;  das  Mutterschloss  suchte  man  durch  Mutter-  und 
Schlosskräuter  (Chamomilla,  Alchemilla  [angels.  maegthe  =  Magd- 
kraut], Arnica,  Meum,  Mettram  oder  Matraun,  Melissa,-  Artemisia  etc., 
vermutlich  als  Bähungen  oder  als  Trank  verwendet)  oder  durch  Hanf- 
räucherungen  (Eupatorium  cannabinum  ==  Schlosskraut)  zu  eröffnen. 
Konnte  so  die  Mutter  nicht  von  ihrem  Kinde  entbunden,  gelöst  werden, 
stellte  dieses  sich  nicht  zum  „Griffe",  so  war  es  mit  seinen  Kindes- 
banden im  Mutterleibe  „angewachsen".  Die  Gebräuche  der  Volksmedizin 
bei  fast  allen  deutschen  Stämmen  machen  es  wahrscheinlich,  dass  man 
in  solchen  Fällen  die  Gebärende  durch  natürliche  Baumspalten  mit 
Gewalt  durchzog  oder  mit  verschiedenen  anderen  Kompressionsmethoden, 
wie  dies  auch  die  Naturvölker  thun,  den  Leib  der  Gebärenden  zu  ent- 
ledigen suchte  (altnord.  verdha  lettari  at  barni).  Eine  weitere  ger- 
manische geburtshilfliche  Methode  scheint  u.  a.  das  massierende  Streichen 
des  Leibes,  die  diesen  mit  beiden  Händen  umfangende  äussere  „Wen- 
dung", und  der  Druck  von  oben  mit  dem  Fusse  auf  den  Unterleib, 
sowie  das  Stürzen  der  Kreissenden  gewesen  zu  sein,  sowie  das  Ge- 
bären auf  des  Mannes  Knieen,  die  einen  anticipierten  Gebärstuhl  dar- 
stellen (altnord.  kne-setti;  die  mythologische  Schenkelgeburt  der  Griechen 
und  Römer).  Hatte  die  Geburt  eines  Kindes  der  Mutter  das  Leben 
gekostet,  so  tötete  man  auch  das  Kind.  War  das  Kind  im  Mutter- 
leibe abgestorben  —  was  bei  dem  damaligen  Zustande  der  Geburts- 
hilfe oft  genug  der  Fall  war  —  dann  wendete  man  wieder  diejenigen 
Pflanzenmittel  an,  welche  den  Ruf  hatten,  „das  tote  Kind"  auszutreiben. 

Der  Kaiserschnitt  dürfte  indogermanischen  Alters  sein ;  die  durch 
ihn  oder  durch  die  äussere  Wendung  lebend  entbundenen  Kinder 
galten  als  elbische  Glückskinder. 

Die  volksübliche  Geburtsstellung  bei  den  Germanen  und 
Indogermanen  wird  die  mit  kauernden  Knieen  gewesen  sein,  wie  sich 
ergiebt  1.  aus  der  Thatsache,  dass  diese  Stellung  an  sozusagen  un- 
berührt gebliebenen  Orten  Deutschlands  bislang  volksüblich  war,  und 
2.  aus  der  Etymologie  von  Knie  (gnu,  genu,  yöw,  genus,  gignere). 

Im  übrigen  bestand  die  Geburtshilfe  der  Germanen  wohl  zumeist 
in  einer  Prophylaxis  vor  den  Schrecken  (Eclampsia)  erregenden  Dä- 
monen, die  man  durch  glänzende  Amulette  (ahd.  plechir,  weil  auch  aus 
Blech  gemacht)  und  Talismane,  sowie  durch  Poltern  und  Rummel  von 
Mutter  und  Kind  fernehalten  wollte:,   dann,  wie   oben  schon  erwähnt. 


Altgermanische  Heilkunde.  475 

in  dem  Absingen  von  Zaubersprüchen  (Schoss-Segen),  im  gellen  Schreien 
von  „gewaltigen  Weisen",  oder  im  Lauschen  auf  die  Zeichen  und 
Merkmale  eibischer  Beeinflussung  der  Geburt,  wobei  die  Luschfrau 
(Lusterfrau)  zwischen  der  Gebärenden  Knieen  sass. —  Das  Wochen- 
bett im  Strohlager  galt  auch  den  Germanen  als  Reinigungsperiode, 
bei  der  der  ächt-germanische  Rauch  des  auf  der  Glutpfanne  langsam 
verbrennenden,  röstenden  Wacholders,  der  Tannen-  oder  Zirbelzäpfchen 
(Terpentinwirkung)  die  Dämonen  ferne  halten  und  die  „verborgene 
Bürde"  (placenta  retenta)  zur  Ausstossung  bringen  sollte.  Dem  ger- 
manischen Weibe,  das  eines  Kindes  genas,  war  dieses  Genesen  ein 
Errettetwerden  und  am  Leben  bleiben;  denn  der  germanische  Begriff 
„genesen"  deckte  sich  nach  der  allgemeinen  Volkserfahrung,  die  die 
Gefahren  der  Geburt  kannte,  mit  dem  Begriffe  der  Entbindung  von 
einem  Kinde.  Ein  besonderes  Vertrauen  seitens  des  „mit  einem  Kinde 
gehenden"  (altnord.  gäuga  medh  barni)  germanischen  Weibes  scheinen 
die  3  Nornen,  den  Parzen  ähnliche  Schicksalsfrauen,  die  den  Lebens- 
faden verknüpften  und  ihn  verschlingend  flochten,  genossen  zu  haben, 
da  sie  als  „weise  Frauen"  den  gebundenen  Schoss  lösten  (altdän. 
bundaen  qwith)  und  so  „notlösend"  bei  der  Geburt  (Kreischen,  Kreisten 
im  Kristbette)  beistanden,  indem  sie  Bergerunen  und  Wehenkräuter 
(Mergendistel,  Mergenblumen)  zur  Entbindung  spendeten. 

Die  erste  Mahlzeit,  welche  die  Wöchnerin  der  Nordgermanen  er- 
hielt, hiess  Nornengrütze  (altnord.  nörna-greytur),  weil  man  bei  dem 
stets  in  Kultceremonien  gehaltenen  „Vorkommen",  „Vorgehen"  aus 
dem  dunklen  Frauenzimmer  oder  der  „Kreiss"statt  den  das  Schicksal 
bestimmenden  Nornen  eine  Kultspeise  zum  Danke  opferte,  jedesmal 
bewusst,  wie  gefährlich  es  damals  stets  war,  eines  Kindes  zu  „genesen". 
Abortus  mittel,  deren  die  salischen,  bajuvarischen  und  westgotischen 
Volksgesetze  u.  a.  Erwähnung  machen,  waren  starkes  Umgürten  und 
Schnüren  des  Leibes .  Stossen  und  Schlagen  auf  den  Leib  und  der 
Genuss  verschiedener  Getränke  aus  Pflanzensäften  sowie  das  Mutterkorn. 

Die  Germanen  kannten  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  bloss  den 
tierischen  Tragsack,  Wampe;  beim  menschlichen  Weibe  war  alles 
normale  Genitale  (Uterus,  Vagina,  Vulva  und  Perineum)  einfach 
„Mutter",  „Kutte"  (quithi),  „Inn-Reff,  Gereff",  oder  „Inn-Äder",  die 
schwangere  Mutter  die  Bär-  (=  tragende)  Mutter;  abnorme  Geburts- 
teile (Mole  und  Missgeburt)  dagegen  waren  Mar-  oder  Alpgestalten 
(Alpkalb,  Krötenalp.  Büttling);  abnorme  Gebärmutterempfindungen 
aber  Mar-  oder  Alpwirkung  durch  Aufstossen  derselben  etc.  War  die 
Abortusmole  vergraben  worden,  so  wurde  diese  Stätte  zur  „Unstätte", 
zum  Unholdenort,  dessen  Betretung  wieder  Abortus  und  Krankheiten 
hervorrufen  konnte,  weil  die  Ursache,  der  Alp.  hier  übertragbar  und 
sozusagen  zu  Hause  war  (Abortus  habitualis). 

Die  normale  menschliche  Nachgeburt  und  die  Kindshaut  dagegen 
galten  als  Fruchtbarkeitsmittel  (Heilmittel);  die  das  Kind  einhüllende 
Eihaut  war  der  „Folgegeist''  des  Menschen,  die  andere  schützende 
Hülle  (ahd.  hala  =  secundinae,  id  est  Uterus,  qui  sequitur  partum, 
Island,  barns-fjigja)  des  Menschen,  die  darum  auch  als  glückbringendes 
Amulett  („Glückshaube";  Island,  sigurkufl  =^  Sieg  bringendes  Häubl) 
verwendet  und  später  als  „Gnadenbalg"  geopfert  wurde;  die  tierische 
Placenta  wurde  an  fruchttragenden  Bäumen  aufgehangen.  „Geweiht, 
gefriedet  war  der  Leib  des  schwangeren  Weibes,  durch  Losung  und  andere 
Gottesbefragung  ward    das  Geschlecht  des   Embryon    erkundet;   auf 


476  •  M.  Höfler.    ' 

einem  Schilde  ward  das  Neugeborene  vor  die  Füsse  des  Vaters  gelegt, 
auf  dass  er  es  aufnehme"  (F.  Dahn). 

Bei  der  Asphyxie  der  Neugeborenen  „hob"  die  „Heb"amme  (ahd. 
hebh-anna  =  hebende  Ahnfrau,  Grossmutter),  d.  h.  das  mithelfende, 
ältere  Weib  das  Kind  auf,  übergab  es  dem  Vater,  der  es  dann  schüttelte 
und  würgte,  bis  es  helles  Blut  von  sich  gab ;  dann  galt  es  als  lebend- 
geboren und  von  väterlicher  Seite  her  als  zur  Sippe,  zum  brüderlichen 
Blute  gehörig.  Das  neugeborene  Kind  wurde  (nach  Cäsar  und 
Galenos)  im  kalten  Flusswasser  gewaschen. 

Dem  künstlich  aufgezogenen  Neugeborenen  gab  man  Kuhmilch 
aus  dem  spitzen  Ende  eines  Bockshorns  zu  trinken. 

Alle  auf  abnorme  Weise  (Kaiserschnitt,  äussere  Wendung  zu  früh, 
zu  spät,  mit  Zähnen)  geborene  Kinder  galten  als  eine  durch  Elben- 
einfluss  veränderte  Frucht,  und  nicht  selten  wurden  solche  lebens- 
fähige Abnormitäten  zu  Heldengestalten  in  der  Volkssage.  Von  Miss- 
bildungen kannten  die  Germanen  den  Klumpfuss  (Arztfuss),  den 
Janiceps,  den  Thoracopagus,  die  Doppelköpfe,  den  Krötenkopf,  die 
Hasenscharte,  die  Ehachitis  foetalis  (Alpkalb,  Wechselbalg,  Alp),  den 
Cyklops,  den  Zwergen-  und  Riesenwuchs,  Bilfinger,  die  Phimosis  con- 
genita (Nestelknopf).  Alle  Missgeburten,  Missbildungen  und  ange- 
borenen Abnormitäten  galten  als  Produkt  der  Eibminne  im  Alptraume, 
das  von  seinen  elbischen  Eltern  her  elbische  Zeichen  an  sich  trug. 
Missbildungen  (Ausgeburten),  die  keinen  menschenähnlichen  Kopf  hatten, 
wurden  getötet  und  an  Unstätten  vergraben,  wo  sie  als  Nachzehrer, 
die  das  Leben  der  Sippe  geiährden  (Abortus  habitualis),  ihr  elbisches 
Seelenleben  fortfristen  sollten. 

Es  entspricht  vollkommen  der  germanischen  Kulturperiode,  dass 
missgestaltete  oder  sonst  kranke  Kinder  (altnord.  ütburdhir)  ausgesetzt 
wurden.  Die  Germanen  kannten  die  Lungensucht,  die  Gicht  oder 
Fusssucht  (Podagi'a),  die  Lähmungsatrophie,  die  Gliederkrümpe,  die 
Kehlsucht  (Croup),  die  Scheichsucht  oder  Bebergicht  (Arthritis  de- 
formans  mit  Tremor,  Paralysis  agitans),  die  Wassersucht,  die  Mass- 
leidigkeit  (=  nausea,  fastidium),  die  Auswachsungen  im  Magen  (Magen- 
krebs), die  Hernie  (xij'A?;,  y.dlrj;  anord.  haull;  ahd.  hola). 

Die  Angelsachsen  nannten  die  rhachiti sehe  Hühnerbrust  „das 
scharfe  Bein"  (scearpan  banum);  auch  die  Engbrüstigkeit  (angbreost) 
wird  in  der  Heimat  der  englischen  Krankheit  zuerst  benannt,  während 
die  prähistorischen  und  z.  T.  historischen  Gräber  in  Deutschland  bis 
zum  12.  Jahrhundert  keine  rhachitischen  Veränderungen  an  den  Knochen 
entdecken  lassen  (Eanke).  Die  schon  früh  im  Schiffsverkehr  mit  dem 
Süden  (Spanien)  und  der  Heimat  der  „Franzosen"  stehenden  Angel- 
sachsen kannten  auch  das  condylomatöse  Stadium  der  Syphilis  als 
Fickadl  (morbus  ficus,  adän.  sar-0cky  =  Feuchtwarze),  das  Lähmungs- 
stadium derselben  als  Darr-Adl,  die  Pocken  als  Pock-Adl,  die  Diph- 
therie als  Hals-Gund  (=  ansteckendes,  flüssiges,  d.  h,  secerniertes 
Halsgift),  die  Frühjahrspneumonie  als  Lenzen- Adl  oder  Stich-Adl,  den 
Croup  als  Würg- Adl.  Das  Krebsgeschwür  galt  als  Biss  eines  Dämons 
aus  dem  Toten-  oder  Marenreiche. 

Auch  die  Kinderseuchen  galten  als  eine  Strafe  der  Gottheit 
für  das  versäumte  volle  Opfer,  welches  die  kinderraubenden  Dämonen, 
von  der  Gottheit  ausgesandt,  durch  solche  Krankheiten  holten.  Damit 
war  die  Behandlung  derselben  ein  reiner  Kultakt,  der  die  Dämonen 
verscheuchen  sollte.    Die  E c  1  a m p s i e  und  die  Konvulsionen  der 


Altgermanische  Heilkunde.  477 

Kinder  (Vergicht  oder  Fraisen)  galten  als  die  Folge  eines  Eiss  (d.  h. 
Schrecken)  erzeugenden,  bösen  Schaden  nächtlicherweile  zufügenden, 
elbischen  Nachtgeistes,  der  das  Kind  zum  Vereissen  (Fraisen)  und 
damit  zum  Vergicht  (Zuckung)  brachte.  Anhängsel  aller  Art,  Hals- 
bänder (GoUenkräuter),  je  nach  der  vermeintlichen  Ursache,  sollten 
prophylaktisch  dagegen  helfen;  gegen  die  von  diesem  Nachtschaden- 
dämon veranlasste  Krankheit  selbst  aber  gebrauchte  man  den  narkotisch 
wirkenden  Nachtschaden  (Solanum)  oder  den  mohnhaltigen  Magen- 
(==  Mohn-)  Schaden  (Papaver)  sowie  die  verschiedenen  Fraisam-  und 
Gichtkräuter,  Beschrei-  und  Berufkräuter,  die  neben  der  oben  schon 
erwähnten  Vergalsterung  (=  bezaubern  durch  gelles  Geschrei)  und 
den  Schlaf  herbeiführenden  Zauberrunen,  die  später  zum  Schlummer- 
liede  oder  zum  Nachtsegen  sich  entwickelten,  gebraucht  wurden. 

Dem  Allheilmittel,  der  Wärme  spendenden  und  die  dunklen  Nacht- 
elben verscheuchenden  Sonne,  dem  Einauge  Odin -Wodans,  des  Heil- 
gottes, übergab  man  die  kranken  Kinder  zur  Heilung,  indem  man  sie 
auf  die  Hausdächer  legte.  Angesichts  des  Sonnenscheins  empfahlen 
sich  die  sterbenden  Nordgermanen  in  die  Hände  des  Gottes,  der  die 
Sonne  geschaffen  hat. 

Die  Sonnenwärme  auf  Höhen  scheint  überhaupt  ein  germanisches 
Volksmittel  gegen  Fieber  (Ritten)  gewesen  zu  sein;  der  Sonnenkult 
der  Germanen  schuf  auch  eine  Art  von  Klimatot herapie,  die  man 
durch  die  ganze  deutsche  Volksmedizin  verfolgen  kann;  die  Edda 
spricht  bereits  von  Hilf  bergen  (hlyfiaberg),  „der  Heilberg  heisst  er, 
dieweil  da  Hilfe  die  Lahmen  und  Siechen  seit  lange  suchen.  Verjährter 
Leiden  ledig  wird  jede  Frau  und  gestärkt,  die  den  Gipfel  er- 
steigt." 

Die  Thatsache,  dass  Malariakranke  in  gewissen  Höhenlagen  vom 
Fieber  (Ritten)  gesunden,  ist  den  Germanen  sicher  schon  bekannt 
gewesen. 

Bei  den  Nordgermanen  hiessen  solche  Genesungsstätten  Odinsacker 
(odäins-ackr) ;  dort  wuchsen  die  ersten  Frühlingskräuter  wie  am  Mons 
pe(n)sillanus  (=  Montpellier,  wo  eine  der  ältesten  Medizinschulen 
entstand).  Diese  der  Sonne  des  Lenzes  ausgesetzten  früh  grünenden 
Plätze  (Feuerplätze)  waren  auch  liäufig  Stätten,  wo  die  ersten  christ- 
lichen Wunderthäter  lebten.  Dort  am  Sonnenfelde  wohnten  auch  die 
9  heilkundigen  Gesellinnen  der  weisen  Mengloedh  (=  Frigg);  dorthin 
wallfahrteten  auch  die  kranken  Weiber  zu  ihrer  Genesung;  dort  „ge- 
währten die  weisen  Frauen  den  Menschen  Wohlthat  für  an  heiliger 
Stätte  gestiftete  Opfer*';  solche  Heilstätten,  wo  elbische  Hilfgeister 
wohnten,  bestrichen  die  Nordgermanen  mit  Stierblut,  dort  opferten  sie 
den  Eiben  Schlachttierfleisch  und  Honigkuchen  als  Kultspeise  bei 
langsamer  Wundheilung;  an  solchen  Kultorten  wurde  bislang  das 
eiserne  Immerrind,  Ewigrind  (Votivtier  aus  Eisen)  oder  die  Kröte 
geopfert.  Wenn  Hungersnöte  Seuchen  brachten,  dann  wurde  dem 
Gotte  Thor  ein  Opfer  dargebracht  („si  pestis  et  famis  imminet  Thor 
idolo  lybatur''  Mannh.  Myth.  134  conf.  Zeitschr.  f.  deutsche  Mythol.  II 
318.  320).  Blutige  Opfer  und  das  Anzünden  von  Notfeuer  waren  die 
Hauptmittel  gegen  Volksseuchen. 

Gegen  die  Ruh  r  (Blut-  oder  Aus-[Uz-]sucht)  verwendete  man  die 
Eichenrinde,  vermutlich  in  Meth  gekocht ;  überhaupt  scheint  Meth  und 
Honig  das   Vehikel  des  germanischen  Heilschatzes  gewesen  zu  sein. 


478  M.  Höfler. 

mittelst  dessen  die  verschiedenen  Giftkräuter  „gegeben"  (dazu:  Gift) 
wurden,  wofür  auch  noch  viele  Volksg*ebräuche  sprechen. 

Geisteskranke  ( von  den  Eiben  o.  Maren  Besessene  oder  Ver- 
galsterte,  Witzlose  o.  Abwitzige)  suchte  man  durch  Tänze  im  Allah 
zur  Zeit  der  Sonnenwende  zu  behandeln  oder  den  parasitären  Dämon 
aus  dem  Gehirne  durch  ableitende  Brandwunden  hervorzulocken.  Ihr 
Schicksal  muss  sich  nach  und  nach  verbessert  haben,  da  sie  aus  dem 
schutzlosen  „wilden  Mann"  oder  „Werwolf"  zum  bemitleideten  „Narren" 
wurden. 

Zur  Fesselung  der  Wütenden  benutzte  man  Kultpflanzen  (Wut- 
binden). 

Die  in  der  ahd.  Zeit  bereits  benannten  Augenkrankheiten 
waren  die  Blindheit,  an  die  sich  kein  Galsterer  oder  Besprecher  mehr 
heranwagte,  der  Staar  (weisser  Augenschimmel),  das  Schielen,  die 
Uebersichtigkeit  des  Alters,  die  Augenpusteln  (blein),  der  Pannus  und 
das  Pterygium  als  Augenfell  oder  Augenfleisch,  das  warzenähnlich  im 
Auge  keimt  (angels.  gevif;  mhd.  gewib  --  pannus;  adän.  k0d  thaer 
wax  aer  i  0ghn8e  naestaens  warthaer;  gallokelt.  =  flesc  con  äil)  und  die 
Hornhaut -Flecken  (ahd.  augvlecco;  angls.  fleän  on  eägan),  das  Mond- 
auge beim  Pferde  und  der  unter  verschiedenen  Namen  auftretende 
chronische  Bindehautkatarrh  (Gund  =  Ansteckungsstoif  beim  Binde- 
hautkatarrh). Pflanzenmittel,  kaltes  Heilwasser,  Wachholderräuche- 
rungen  gehen  als  Augenmittel  durch  die  ganze  germanische  Volks- 
medizin. 

Diese  letzteren  und  die  in  der  althochdeutschen  Sprachperiode  so 
häufigen  Ausdrücke  für  den  chronischen  Bindehautkatarrh 
der  Augen  bestätigen  die  Angabe  des  Tacitus,  welcher  von  den 
Germanen  sagt,  dass  sie  ganze  Tage  neben  dem  Aschenherde  zu- 
brächten: „In  engen  Höhlen,  Pfahlbauten  und  wahrscheinlich  halb- 
unterirdischen  Wohnungen,  dicht  um  das  Herdfeuer  gepresst,  am  Tage 
halbgeräuchert  und  die  Nacht  in  ungesunden  Schlafräumen  verbringend, 
hatten  sie  den  Winter  zu  überstehen;  krank  und  durch  Seuchen  dezimiert 
erlöste  sie  das  Frühjahr  aus  der  ungesunden  Haft,  und  sie  begrüssten 
sicherlich  mit  Recht  die  wiedersteigende  Sonne,  als  den  Heilgott,  der 
sie  wieder  gesund  machte."  Auf  dem  Heuboden  des  Kobels,  auf  Tier- 
häuten von  Bär  und  Dachs  oder  auf  der  Schider-  oder  Loderbank 
lagen  abgeschieden  um  den  Ofen  (Kohlenherd)  die  vom  Ritten  oder 
Fieber  geschüttelten  Kranken,  „am  Feuer  Siechtums  Heilung  suchend" 
(Edda  und  Burchard  von  Worms).  An  der  mit  Opferblut  bestrichenen 
Thürsch welle  und  am  Rauchabzugsloche  des  Dachsparrens  war  nach 
dem  germanischen  Volksglauben  der  Ein-  und  Ausgang  für  die  aus 
dem  Walde  mit  der  Luft  herein-  und  ausdringenden,  krankmachenden 
dämonischen,  kleinen  Lebewesen,  während  über  der  w^armen  Herdstelle 
und  an  dem  Aehren  (ara)  die  gutgesinnten  Hausgeister,  Kobelholden 
(Kobolde),  Heimchen  (inheimon),  auch  bildlich  in  Puppen-,  Tockenform, 
aus  Wachs  oder  Holz  dargestellt,  ihren  Sitz  hatten  als  Stättegötter 
(stetigot;  nord.  skurdgodh)  oder  schirmende  Hausgötter. 

Chronische  Krankheiten  mit  Abzehrung  (Schwinden,  Darre) 
oder  mit  Hautausschlägen  galten  als  das  elbische  Werk  mitessender, 
mitzehrender  Würmer,  z.  B.  des  Adl  (zu  ad  =  essen?),  welche  der 
Heilgott  Thunar-Thor  vertreiben  konnte  (Mannh.  Myth.  135). 

Als  Hühner-  und  Pferdezüchter  musste  der  Germane  auch  die  bei 


Altgermanische  Heilkunde.  479 

diesen  Tieren  auftretenden  Krankheiten,  Schafpocken  z.  B., 
kennen  lernen;  er  übertrug  sie  als  öfters  gebrauchte  Begriffe  auch 
auf  die  Menschen  (z.  B.  Bürzel,  Zips,  Pfifiz,  Räude,  Finnen  etc.),  eine 
tfebertragung,  die  sich  bei  der  Werthaltung  dieser  mit  dem  Germanen 
unter  einem  Dache  lebenden  Haustiere  leicht  ergeben  musste;  starb 
der  Hausherr,  so  wurde  auch  den  Haustieren  der  Tod  gemeldet. 

Die  Lehre  vom  „locus  minoris  resistentiae"  mag  schon  in  dem 
indogermanischen  Glauben  ein  Motiv  gehabt  haben,  wonach  irgend  ein 
Held,  Dämon  oder  Gott  nur  an  einer  bestimmten  Stelle  verletzlich  war 
oder  nur  durch  ein  Ding,  eine  Waffe  verwundet  werden  konnte. 

Die  Krankheitsdiagnose  des  germanischen  Heilkünstlers,  die 
sich  nur  aus  dem  uns  zur  Verfügung  stehenden  germanischen  Wort- 
schatze erschliessen  lässt,  bezog  sich  grösstenteils  —  abgesehen  von 
den  schon  erwähnten  Wunden  und  Schlagbeulen  (Bung)  —  auf  all- 
gemeine krankhafte  Zustände  (Siech,  Sucht,  Leid,  Not,  Mangel,  Qual 
und  Weh),  Uebles  und  Fehlerhaftes,  auf  die  subjektive  Schmerzart. 
Von  diesen  haben  die  Formen  auf  — do,  wie  stechedo  (stechen), 
[fülida  =  faul],  nagado  (Nager),  gihido  (Gicht),  schavedo  (schaben) 
juckido  (jucken)  ein  besonderes  Anrecht  auf  hohes  Alter. 

Zahlreich  sind  die  Beobachtungen  der  bei  den  Krankheiten  der 
Atmungsorgane  und  Knochen-  bezw.  Gelenkkrankheiten  bemerkbaren 
Geräusche,  der  Formveränderungen,  welche  Muskel-  und  Gliederkrank- 
heiten veranlassen,  und  der  Hautkrankheiten.  Schleimhautfarbe, 
Wundenblutfarbe,  Blutgeruch  und  Blutgeschmack  wurden  beobachtet 
(eine  aus  der  Opferanatomie  übernommene  Methode). 

Auf  Krankheiten  der  Haut  (Flecken,  Blein,  Leichdorn,  Zitterach, 
Warze),  die  man  z.  T.  dem  Genüsse  von  Maden-  (Eiben-)  erfüllten 
Hülsenfrüchten  zuschrieb,  auf  Schwellungszustände  der  Haut,  Farbe 
derselben  (Masern),  auf  den  Ausdruck  der  Augen  (Totenblick)  scheint 
man  schon  in  germanischen  Zeiten  einen  gewissen  diagnostischen  Wert 
gelegt  zu  haben,  ebenso  auf  Farbe,  Glanz  und  Stellung  der  Haare, 
auf  die  Lage  des  Daumens,  Hungerlücken,  Leibesknöpfe  und  Richtung 
des  Halses;  daneben  werden  wohl  auch  greifende  und  fühlende  Unter- 
suchungen der  Körperoberfläche  und  des  Unterhautfettgewebes  vorge- 
nommen worden  sein. 

Das  Besehen,  die  Heilschauet,  Marken-  und  Zeichenschau  der 
heilenden  Spähmänner  (altnord.  spä-madhr)  bezog  sich  namentlich 
auch  auf  elbische  oder  schelmische  Anzeichen  und  auf  die  Farbe  der 
entleerten  Würmer  (elbischen  Dämonen)  und  der  ausgestossenen  wurm- 
ähnlichen Gebilde;  aus  der  Farbe  dieser  erschloss  man  Symptome  und 
Stadium  der  Grundkrankheit. 

Den  Hauptanhaltspunkt  zur  Diagnose  hatte  der  germanische 
Heilkünstler  nur  in  der  Aeusserung  des  Kranken  über  das  Wo?  und 
Wie?  des  Schmerzes  und  in  der  sogenannten  Zeichenschau;  Malzeichen 
oder  Lintzeichen  galten  als  sichere  Beweise  der  Wirkung  eines  elbischen 
Dämons,  und  letztere  wurde  dann  als  Alpstich,  Trudendruck,  Eiben-, 
Maren-  oder  Hexenschuss  etc.  erklärt,  womit  dann  der  germanische 
Zauberarzt  seine  therapeutische  Thätigkeit  beginnen  konnte. 

Aus  diesen  dunklen  Perioden  erhob  sich  die  germanische  Heil- 
kunde unter  dem  Einflüsse  der  christlichen  Klöster,  mit  welchen  sehr 
häufig  Hospitäler  verbunden  waren  und  in  welchen  die  klassischen 
Lehrbücher  der  Griechen  und  Römer  übersetzt  wurden,  ganz  allmählich 


480  M.  Höfler. 

ZU  einer  neben  der  Volksmedizin  sich  entwickelnden  Mönchs-  oder 
Nonnenmedizin  des  frühen  Mittelalters,  aus  der  noch  manche  Spuren 
der  germanischen  Heilkunde  sich  erhalten  haben,  da,  wie  Hoop  (1.  c.) 
richtig  bemerkt,  die  Mönche  es  gut  verstanden,  den  heidnischen  Aber- 
glauben, einerlei  ob  germanischen  oder  römischen  Ursprungs,  in  eine 
christliche  Form  zu  kleiden.  Auf  diese  Zeitperiode  passen  vortrefflich 
die  Worte  Puschmanns  (Geschichte  d.  med.  Unterr.):  „Die  wissen- 
schaftliche Bearbeitung  der  Medizin  lag  ganz  darnieder.  Der  Schatz 
des  Wissens,  den  man  aus  dem  Altertume  übernommen  hatte,  wurde 
nicht  vermehrt,  ja  nicht  einmal  unversehrt  erhalten." 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nach- 
christlichen) Jalirhunderts. 


Von 
Iwan  Bloch  (Berlin). 


Der  politische  Verfall  der  letzten  Jahrhunderte  des  Römerreiches 
übte  seine  Wirkung  auch  auf  den  Betrieb  der  Wissenschaften.  Nach- 
dem durch  Galen  noch  einmal  die  Summe  alles  ärztlichen  Wissens 
der  Griechen  bis  zum  Ausgange  des  2.  Jahrhunderts  zusammengefasst 
und  so  ein  Kanon,  eine  durch  ihren  gewaltigen  Umfang  imponierende, 
durch  ihre  theoretische  Grundlegung  bestechende  Encyklopädie  der 
Medizin  geschaffen  worden  war,  macht  sich  von  nun  ab  auch  auf  dem 
Gebiete  der  Heilkunde  eine  unverkennbare  Stagnation  geltend,  die  in 
einer  wesentlich  kompilatorischen  Thätigkeit  der  nachgalenischen 
Aerzte  ihren  bezeichnendsten  Ausdruck  findet.  Das  Dogma  tritt 
seine  unbeschränkte  Herrschaft  an  und  trübt  den  freien  ärztlichen 
Blick,  schreckt  ab  von  eigenen  Beobachtungen  und  Experimenten, 
kurz,  hemmt  in  jeder  Weise  den  Fortschritt  der  medizinischen  Wissen- 
schaft, der  von  jetzt  ab  nur  in  ganz  vereinzelten  neuen  Be- 
obachtungen und  Entdeckungen  sich  bekundet,  während  die  Wissen- 
schaft als  Ganzes,  in  dogmatischer  Erstarrung  befangen,  nur  noch  von 
der  Vergangenheit  zehrte.  Die  medizinischen  Schriftsteller  beschränkten 
sich  auf  das  Sammeln  von  Auszügen  und  Rezepten  aus  den  Werken 
der  grossen  griechischen  Aerzte  früherer  Zeit  oder  auf  spitzfindige 
theoretische  Erörterungen  im  Geiste  des  Galen. 

Nur  wenige  Namen  hervorragender  griechischer  Aerzte  haben 
sich  aus  den  letzten  Jahrhunderten  des  römischen  Kaiserreiches  er- 
halten. Viele  von  ihren  Werken  sind  verloren  gegangen,  so  dass 
unsere  Kenntnis  derselben  nur  aus  spärlichen  Fragmenten  geschöpft 
werden  kann. 

Als  erster  der  hier  in  Betracht  kommenden  ärztlichen  Schrift- 
steller gilt 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  .  31  ; 


482  Iwan  Bloch. 

I.   Alexandros  von  Aphrodisias. 

a)  Litter atur. 

Nourisso^i,  „Essai  sur  Alexandre  d' Aphrodisias,  suivi  du  Traife  du  Destin 
et  du  Libre  pouvoir,  aux  empereurs.  Trad.  en  fran^ais.  Paris  1870,  8".  — 
GercJce,  Artikel  „A.  v.  A."  in  Pauly-Wissowa,  „Real-Encyclopädie  der  classischen 
Alterthumswissenschaft",  Stuttgart  1894,  Zweiter  Halbband  Sp.  1453 — 1455.  —  Otto 
Apelt,  „Die  kleinen  Schriften  des  Alexander  von  Aphrodisias"  in:  Rhein.  Mus.  f. 
Philologie,  1894,  Bd.  49  S.  59 — 71.  —  G.  Vitelli,  „Frammenti  di  Alessandro  di 
Afrodisia  codice  Ricard.  63  in :  Studj  ital.  di  filol.  class.  1896,  Bd.  III  S.  379 — 381. 

b)  Ausgaben. 

Alexandri  Aphrodisiensis  scripta  minora  ed.  Ivo  Brtins,  Berlin  1893,  — 
Ton  den  unter  dem  Namen  des  A.  v.  A,  gehenden  medicinischen  Schriften  ivurde 
diejenige  über  die  Fieber  Tie^l  TtvQSTcJv  zuerst  von  D.  G.  Schinas  nach  einer 
florentiner  Handschrift  her  ausgegeben  ^  (in:  Museo  critico  Cantabrig.  1821  Heft  VII 
S.  362  ff.),  ferner  von  Fr.  Passoiv  (Alexandri  Aphrodisiensis  de  febribus  libellus 
graece  et  latine  etc.,  Breslau  1822,  4^)  mit  dem  Abdruck  der  wichtigen  auf  Hand- 
schriften beruhenden  lateinischen  Uebersetzung  des  Georf/ius  Valla  (zuerst  Venedig 
1498  fol.)  und  in:  J.  L.  Ideler,  „Physici  et  medici  Graeci  minores",  Berlin  1841, 
Bd.  I  S.  81  ff.  —  Die  ,,'Iar^ixd  ixTtoorj/uara  yat  (pvai.>cd  Tt^oßkrjuara",  die  auch  dem 
Alexander  von  Tralles  zugeschrieben  iverden,  sind  ebenfalls  von  Ideler  a.  a.  0. 
Bd.  I  S.  3 — 81  herausgegeben  worden.  Vgl.  ferner  Tt^oßlrj/uaza  dvtuSoza  ed.  ßusse- 
niaker,  Paris  1857  und  Lsener,  „Alexandri  Aphrodisiensis  quae  feruntur  proble- 
matum  lib.  III  et  IV",  Berlin  1859. 

.  Bis  vor  kurzem  hielt  man  für  den  Verfasser  der  medizinischen 
Schriften  über  die  Fieber  den  berühmten  Aristoteleskommentator 
Alexandros  von  Aphrodisias  (in  Karien),  der  im  Jahre  198 
n.  Chr.  als  peripatetischer  Lehrer  und  Erklärer  der  aristotelischen 
Schriften  nach  Athen  berufen  wurde,  seine  Schrift  negl  tif^iaQfisvrjg 
den  Kaisern  Septimius  Severus  und  Caracalla  widmete  und 
wegen  seiner  Thätigkeit  den  Beinamen  „Exeget"  bekam.  Mit  diesem 
hat  der  Verfasser  der  Schrift  rregl  jivqtTCov  nichts  zu  thun,  der  viel- 
mehr ausdrücklich  als  iatQog  von  dem  t^rjyrjTt^g  unterschieden  wird. 
Wie  Well  mann  nachgewiesen  hat,')  gehörte  der  Arzt  Alexandros 
von  Aphrodisias  der  pneumatischen  Schule  an,  da  er  feste, 
flüssige  und  luftförmige  Bestandteile  des  Körpers  unterscheidet,  die  auch 
als  Ursachen  der  verschiedenen  Fieber,  der  Elintagsfieber,  septischen 
und  hektischen  Fieber  in  Betracht  kommen.  Da  Alexandros  viel- 
fach den  Aretaios  benutzt  hat  (Kap.  16,  24  u.  30),  so  hat  er  nach 
diesem  gelebt  d.  h.  nach  dem  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  Die  eingepflanzte 
Wärme,  welche  auf  der  normalen  Mischung  der  Qualitäten  beruht 
(während  die  widernatürliche  Wärme  eine  Folge  der  Dyskrasie  ist), 
hat  ihren  Sitz  im  Herzen  und  wird  von  hier  aus  durch  Pneuma  und 
Blut  dem  Körper  mitgeteilt.  Sie  bedingt  alle  physiologischen  Funk- 
tionen (Bewegung,  Ernährung,  Sinneswahrnehmung,  Zeugung  und 
Entwicklung).  Wie  Galen  teilt  auch  Alexandros  die  Fieber  in 
(.leydloi  und  f-uxQoi  ein,  ferner  in  intermittierende  und  kontinuierliche, 
langsame  und  schnelle  Fieber,  Eintagsfieber,  septische  und  hektische 
Fieber. 


^)  M.  Wellmann,    „Die   pneumatische   Schule    bis   auf   Archigenes".    Berlin 
1895,  S.  86-91. 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts.     483 

Die  andere  Schrift  „Aerztliche  Fragen  und  naturwissenschaftliche 
Probleme"  enthält  eine  grosse  Zahl  von  Fragen  (228),  die  im  An- 
schlüsse an  Aristoteles  und  Galen  ärztliche  und  naturwissen- 
schaftliche Dinge  in  humoralpathologischem  Sinne  behandeln. 

2.  Antyllos. 

a)  Litteratur  und  Ausgaben. 

ühazeSf  „Continens"  ed.  Faventinus,  Venedig  1506  fol.  40h  u.  41  h  (üb.  II c.  3; 
Staroperation).  —  .,AntyUi  veteris  chirurgi  rd  keixpava,  praeside  Viirtio  Sprengel, 
ventilanda  exhibet  Pnnagiota  ^icolaides,  Halle  1799,  4^.  —  Ch.  F.  Matthäi, 
Medicor.  graecor.  varia  opnscula'\  Moskau  1808.  —  J,  F.  K.  Hecker ,  „Ge- 
schichte der  Seilkunde'-.  Bd.  II,  Berlin  1829,  S.  60 — 66.  —  U.  C.  Jiusse- 
niaker,  „Dissertatio  exhib.  lilrrum  XLIV  colleetaneorum  medicinalium  Oribasii", 
Groningen  1835,  8°.  —  F.  C.  F.  Wolz,  „Antylli,  veteris  chirurgi,  qua«  apud  Ori- 
basium  libro  XLIV,  XLV  et  L  leguntur  fragmenta.  Dissertatio  inaug.  chirurgico- 
historica^\  Jena  1842,  8 ",  52  S.  (Lat.  Uebersetzung).  —  A.  Lewy  und  Lands- 
berg, „lieber  die  Bedeutung  des  Anfyllus,  Philagrius  und  Posidonius  in  der  Ge- 
schichte der  Heilkunde^',  in :  Janus,  Zeitschr.  f.  Geschichte  und  Literatur  der  Medicin 
von  A.  W.  F.  Th.  Henschel,  Breslau  1847,  Bd.  II  S.  298—329;  S.  744—758. 
—  Fragmente  des  Antyllos  bei  Oreibasios  ed.  Dareniberg.  Vgl.  das  Verzeich- 
nis der  betreffenden  Stellen  in  Bd.  VI  (Paris  1876)  S.  637—638.  —  A.  Corlieu, 
„Les  medecins  grecs  depuis  la  mort  de  Galien  jusqu'ä  la  chute  de  V'empire  d'orient^\ 
Paris  1885,  S.  107 — 111.  —  E.  Albert,  „Geschichte  der  Behandlung  der  Aneurysmen", 
Wiener  Min.  Wochenschr.  1893  Nr.  47.  —  M.  Wellmann,  „Die  pneumatische 
Schule",  1895,  S.  109—115  (vgl.  auch  dessen  Artikel  „Antyllus''  in  Fauly-\f  Is- 
sowa's  Realencyclopädie  1894,  Bd.  II  Sp.  2644—2645).  —  E.  Gurlt,  ,.Geschichte 
der  Chirurgie",  Berlin  1898,  I  S.  474 — 486.  —  .7.  Hirschberg,  ,.Geschichte  der 
Augenheilkunde",  Leipz.  1899,  Bd.  I  S.  331  u.  S.  354  (Staroperation),  S.  239-240 
(Collyrien).  —  «7.  Bloch,  „Die  geschichtliche  Entwickelung  der  tmssenschaftlichen 
Krankenpflege",  Berlin  1899,  S.  8—10;  S.  12—13;  S.  16  (Hypurgie). 

b)  Lebenszeit. 

Antyllos,  unstreitig  einer  der  hervorragendsten  Aerzte  des 
Altertums,  wurde  bisher  in  die  Zeit  nach  Galen  und  O.reibasios 
gesetzt,  gewöhnlich  in  das  dritte  Jahrhundert  n.  Chr.  Dass  er  nach 
Archigenes  (ca.  55—118  n.  Chr.)  lebte,  ergiebt  sich  aus  der  Er- 
wähnung desselben  in  einer  Stelle  des  ersten  Buches  seiner  Schrift 
TTtgi  ßorjOif^f.icctwv.^)  Da  nun  Valentin  Rose^^)  und  Wellmann ^) 
den  Nachweis  erbracht  haben,  dass  bereits  Galen  den  Antyll  be- 
nutzt hat,  so  muss  dessen  Lebenszeit  etwa  um  140  n.  Chr.  angesetzt 
werden.  Antyllos  war  ein  Anhänger  der  pneumatischen  Schule  und 
bekundet  in  seinen  Schriften  öfter  seine  Abhängigkeit  von  den  Lehren 
des  Archigenes  und  Athenaios,  erwarb  sich  aber  eigene  grosse 
Verdienste  auf  dem  Gebiete  der  Hygiene  und  Diätetik,  der  allgemeinen 
Therapeutik  und  vor  allem  der  Chirurgie.  Daher  galt  er  schon 
im  Altertum  als  einer  der  berühmtesten  Aerzte*)  und  neben  Leoni- 
des,  Archigenes  und  Heliodoros  als  der  Hauptvertreter  der 
pneumatischen  Chirurgie. 


^)  'A^'/r/evT^g  Se  ahoi  xal  tu  arigvov    hei  Oreibasios  IX,  23    (ed.  Daremi- 
berg  II,  337) 

•■')  V.  Rose.  „Aneedota  graeca",  Berlin  1870,  Bd.  I  S.  22. 

■■')  a.  a  0.  S.  104 — 109  (Zusammenstellung  der  bei  Galen  sich  findenden  Stellen 
aus  Antyllos). 

*)  Vgl.  J.  A.  Gramer,  „Aneedota  Graeca",  Oxford  1837,  Bd.  IV  S.  196. 

31* 


484  Iwan  Bloch. 

c)  Schriften. 

Das  Hauptwerk  des  Antyllos  war  die  Schrift  TtsQi  ßorjd-r^^iaTtov 
d.  i.  über  die  Heilmittel,  welche  aus  vier  Büchern  bestand.  Das  erste 
handelte  von  den  äusseren  Heilfaktoren  (Ttegl  tCov  e^to-d-ev  rtgooTtiTiTÖv- 
rojv  ßorjdriiLiätiov  Oribas.  ed.  Daremberg  II,  287),  das  zweite 
umfasste  die  ausleerenden  Mittel  (tt.  jCjv  ^evovjuevwv  ßor]d-r]^id%tov 
Oribas.  II,  38),  das  dritte  beschäftigte  sich  mit  der  Diät  und  Lebens- 
weise der  Kranken  {it.  tGjv  7tQoocpeQO(.ievtov  ß.  Oribas.  I,  300)  und  das 
vierte  enthielt  Gymnastik  und  Hypurgie  (tt.  tCov  Ttoiovf-iivcov  ßor^d-rj/ndtcov 
Oribas.  I,  436).  Quellen  dieser  Schrift  sind  die  Werke  des  Athe- 
naios,  Apollonios  von  Perganion,Diokles,Herodot,Rufus 
und  Archigenes.  Galen  (im  Kommentar  zu  Hippokrates  TteQi 
%v^(bv)  und  Oreibasios  haben  wiederum  die  Kompilation  des  An- 
tyllos benutzt. 

Das  zweite  grössere  Werk  des  Antyllos  war  seine  Chirurgie, 
XeiQovQyov/iieva  (Schol.  zu  Oribas.  IV,  540,  14;  III,  685,  688),  die  sich 
an  die  gleichnamige  Schrift  des  Heliodoros  anlehnte  sowie  an 
Leonides,  und  aus  mindestens  zwei  Büchern  bestand.  Buch  I  ent- 
hielt u.  a.  folgende  Kapitel:  rcegl  tzwqov  (Oribas.  IV,  11,  3),  neoi 
änoorrjfxaTwv  (III,  570,  11),  Ttegl  avgiyycüv  (III,  611,  9),  tieqI  OTsaTtoudviov 
(IV,  3,  11),  TT.  f^eXiyirjQidiiJV  /.al  &ihiQio(.iccTtov  (IV,  7,  7),  ueq!  äyytvliov 
(IV,^  22,  1),  n.  dyyivloyXwaaov  (IV,  25,  6),  tt.  xoiQciöcov  (IV,  27,  9), 
7t.  äv€VQvof.iaTog  (IV,  52,  9),  tt.  y.oXoßiof.idTiov  (IV,  56,  3),  ?r.  twv  ev 
Qval  xal  iool  ytoXoßcofidriov  (IV,  58).  Buch  II:  negl  XiTtoöeQfiwv  (IV, 
460,  10),  7t£Qi  hcoGTradiakov  (IV,  463,  13),  rc.  fpii.icüO€Cüg  (IV,  466,  5), 
n.  TtQoacpvoDg  nöadrjg  (IV,  469),  tt.  tw)'  Ttegl  refxvo^evcov,  ct.  ■d-ufj.iov  tCov 
EV  aiöoioig  (IV,  469). 

In  der  chirurgischen  Sammlung  des  Niketas  (ed.  Cocchi, 
Florenz  1754,  S.  121)  wird  eine  Schrift  des  Antyllos  über  den 
Wasserkopf  „Ttsgl  vÖQoxecpdhov^^  erwähnt. 

Die  von  Paulus  Aegineta  VII,  24  erwähnte  Schrift  Ttegl 
iiprjaEwg  %wv  efißakkoj-ievcov  eig  rag  e^TtldOTQOvg  (paQ(.id'Awv  ist  nur  ein 
Teil  des  Werkes  7t.  ßorjdTjftdzcov.  ^) 

d)  Klimatologie,  Hygiene,  Hypurgie  und 
Balneotherapie. 

Die  meteorologischen  Verhältnisse  und  ihre  Einflüsse  auf  den 
Menschen  behandelt  Antyllos  in  äusserst  spitzfindiger  Weise,  indem 
er  die  Veränderungen  der  Luft  im  Laufe  des  Monats  und  des  Tages 
mit  denen  im  ganzen  Jahre  vergleicht.  So  ist  ihre  Beschaffenheit  in 
der  ersten  Monatswoche  analog  derjenigen  im  Frühling  (feucht* und' 
warm),  in  der  zweiten  Woche  wie  im  Sommer,  in  der  dritten  wie  im 
Herbst  (trocken),  in  der  vierten  wie  im  Winter.  Die  Morgenluft  ist 
der  Frühlingsluft  ähnlich,  die  Mittagsluft  der  sommerlichen,  die  Nach- 
mittags- und  Abendluft  der  herbstlichen  bezw.  winterlichen  Luft.  Da 
die  Morgenluft  feucht  und  warm  ist  wie  im  Frühling,  so  begünstigt 
sie  den  Ausbruch  der  Krisen  in  Krankheiten  u.  s.  w.  (Oribas.  EX,  3 


^)  Paulos  Aegineta  bezieht  sich  an  folgenden  Stellen  auf  Antyll:  VI,  33, 
40,  53,  62,-  67 ;  VII,  10,  17,  18,  24. 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts.    485 

und  4  ed.  Daremb.  II,  287—290).  Antyllos  teilt  die  Winde  in 
allgemeine  und  örtliche  ein.  Letztere  sind  den  betreffenden  Orten,  an 
denen  sie  wehen,  eigentümlich.  Die  Winde  gesunder  Gegenden  sind 
gesund,  die  ungesunder  ungesund.  Die  Winde,  die  vom  Lande  kommen, 
sind  trocken,  die  von  der  See  und  von  Gewässern  wehenden  feucht.  Die 
Seewinde  sind  gesunder  als  die  von  Binnengewässern  herkommenden 
Winde,  besonders  wenn  letztere  stagnieren.  Die  Nordwinde  sind  die 
gesundesten,  weniger  zuträglich  sind  die  Westwinde  und  am  schäd- 
lichsten die  Ostwinde  (Oribas.  IX,  9  ed.  Dar.  H,  298— 300).  Hoch- 
gelegene Gegenden  sind  wegen  der  fortwährenden  freien  Bewegung 
der  Luft  in  denselben  die  gesundesten.  Die  verdünnte  Luft  daselbst 
ist  Brustleidenden  sehr  zuträglich,  ebenso  bei  Krankheiten  des  Kopfes 
und  der  Sinnesorgane  von  günstigem  Einflüsse.  Niedrig  gelegene  Orte 
passen  mehr  für  Entkräftete  und  Greise,  Küstengegenden  für  Wassersüch- 
tige, Rheumatiker,  Gichtiker,  Nervenleidende,  Dyspeptische.  Im  Innern 
des  Landes  gelegene  Orte  sind  kälter  als  die  Seegegenden  und  eignen 
sich,  wenn  sie  weder  sumpfig  noch  tiefgelegen  sind,  besser  für  akute 
Krankheiten,  während  chronisch  Kranke  an  die  See  gehören.  Sumpfige 
Orte  rufen  Seuchen  hervor,  ebenso  ungesund  sind  die  bei  Bergwerken 
gelegenen  Orte  wegen  ihrer  trockenen  und  stickigen  Luft.  Auch  auf 
die  Beschaffenheit  des  Bodens  kommt  es  an.  Eine  dicke  Sandschicht 
bedingt  gute  Säfte  und  ist  Kranken  mit  trockener  Konstitution  zu-, 
fraglich,  Thonboden  löst  die  Spannung  (öiaXviiMg  roö  tövov)  durch 
eine  schwache  Exhalation,  roterdige  Gegenden  trocknen  mehr  aus,  die 
gesündesten  sind  schwarzerdige  Gegenden  (Oribas.  IX,  11  ed.  Dar. 
II,  301—302).  In  Bezug  auf  die  Wohnung  bemerkt  Antyllos,  dass 
hohe  Zimmer  eine  gute  Atmung  bewirken  und  dass  gegen  Süden 
gelegene  Zimmer  die  gesundesten  seien,  während  Kranke,  welche 
der  Kühlung  bedüifen,  am  besten  in  nördlich  gelegenen,  am  schlech- 
testen in  westlichen  Zimmern  aufgehoben  seien.  Auch  die  kühlen 
Kellerwohnungen  entsprechen  diesem  Zwecke  z.  B.  in  akuten  fieber- 
haften Krankheiten,  bei  Hämoptoe  und  Kopfleiden.  Die  oberen 
Stockwerke  dagegen  sind  von  vollsaftigen,  an  Katarrhen  leiden- 
den Personen  zu  bevorzugen.  Glänzender  Kalkanstrich  der  Zimmer 
oder  Stein  wände  üben  eine  beunruhigende  Wirkung  aus;  bemalte 
Wände  sind  für  Fieberkranke  quälend  und  erregen  ihre  Phantasie 
(Oribas.  IX,  13  ed.  Dar.  II,  307—308).  In  der  Lebensweise 
legt  Antyllos  auf  gymnastische  Uebungen  der  verschiedensten 
Art,  auf  Bäder,  Diät  u.  a.  den  grössten  Wert.  Sehr  ausführlich 
wird  von  ihm  der  Nutzen  des  Spazierengehens  behandelt,  welches 
er  sowohl  in  therapeutischer  als  auch  in  rein  hygienischer  Be- 
ziehung sehr  hoch  stellt.  Bei  Kopf-,  Augen-,  Rachen-  und  Brust- 
leiden (ausgenommen  Hämoptoe),  bei  Magenleiden,  Amenorrhoe,  Retentio 
urinae  werden  Spaziergänge  als  therapeutisches  Mittel  empfohlen,  die 
einzelnen  Arten  derselben  in  der  Ebene  und  auf  Höhen,  sogar  mit 
Beachtung  des  Aufsetzens  der  Füsse,  werden  genau  beschrieben. 
Bergsteigen  ist  Kurzatmigen  zuträglich.  Waldspaziergänge  sind  be- 
sonders gesund  (Orib.  VI,  21  ed.  Dar.  I,  503-511).  Laufen  (d(>o>os) 
erwärmt  den  Körper  und  befördert  die  Verdauung  sowie  die  natür- 
lichen Verrichtungen  des  Körpers,  wirkt  antirheumatisch,  muss  aber 
bei  Nieren-  und  Harnleiden,  Verdauungsstörungen  und  Vergiftungen, 
vermieden  werden  (I,  511—513).  Das  Reiten  ist  für  Kranke  wenig  an- 
gebracht, für  die  Brust  ungesund,  stärkt  aber  den  Magen  und  erheitert 


486  Iwan  Bloch. 

die  Sinne  (I,  519).  Schwimmen  ist  nur  in  wenigen  chronischen  Leiden 
zuträglich,  auch  dann  nur  im  Sommer.  Es  macht  mager  und  befördert 
den  Stoffwechsel.  Daher  sind  Seebäder  beiHydrops,  hartnäckigen  Derma- 
tosen, Elephantiasis,  Phthisis,  rheumatischen  Leiden  und  zur  Beseitigung 
von  Infiltrationen  angezeigt.  Nerven-  und  Kopfleiden  werden  durch 
Schwimmen  ungünstig  beeinflusst.  Vor  dem  Eintauchen  ins  Wasser  ist 
EinÖlung  und  Einreibung  des  Körpers  zweckmässig  (I,  523 — 524).  A  n  - 
t  y  1 1 0  s  empfiehlt  ferner  verschiedene  gymnastische  Uebungen  wie  das 
Schleuderspiel  (I,  524),  die  „Schattenfechterei"  (I,  525—526),  den  Faust- 
kampf (I,  526),  Sprungübungen  (I,  526  -  528),  Ballspiele  (I,  528—531), 
das  „Kory kosspiel"  (I,  531—532),  den  Kugel wurf  (I,  532—533),  das 
Reifschlagen  (I,  521  —  522)  und  als  passive  Bewegung  besonders  das 
Schaukeln  {aiwQa  I,  513  —  518)  zur  Kräftigung  der  Gesundheit. 
Subtile  Vorschriften  werden  über  das  Lager  des  Kranken  gegeben. 
Alle  an  akuten  Krankheiten  Leidenden  gehören  ins  Bett,  welches  bei 
Kopfleiden  (ausser  Hirnleiden)  eine  zurückgeneigte,  bei  Brustkranken 
eine  hohe,  bei  Unterleibskranken  eine  zurückgebogene  Lage  haben 
muss.  Seitenlage  ist  bei  Gonorrhoe  und  Nierenleiden  zweckmässig. 
Die  Lage  auf  der  rechten  Seite  ist  bei  Leberkranken,  die  mittlere 
Lage  bei  Darmleiden  angemessen  (II,  309-310).  Als  Nahrung  in 
chronischen  Leiden  empfiehlt  Antyllos  besonders  mit  Wasser  ge- 
backenes  Weizenbrot,  in  fieberhaften  Krankheiten  ist  in  Regenwasser 
ausgebackener  dünner  Weizenkuchen,  ferner  Gerstengraupen  u.  a.  von 
Nutzen  (I,  300 — 305).  Als  Getränk  ist  warmes  Wasser  allen  Kranken 
gut,  kaltes  bei  Fieberhitze  zu  geben,  und  dann  reichlich  und  viel. 
Essigwasser  wird  gegen  Hämoptoe  verordnet,  Honigwasser  gegen 
Nervenleiden.  Wein  auf  nüchternen  Magen  ist  schädlich  (I,  414  —  417). 
Antyllos  unterscheidet  Süsswasser-  oder  indifferente  und  kräftig 
wirksame  künstliche  und  natürliche  Bäder,  die  als  diaphoretische, 
adstringierende,  temperaturbeeinflussende,  tonische,  antispastische  und 
antineuralgische  Mittel  zur  Verwendung  kommen,  oft  unter  Zusatz 
von  heilsamen  Kräutern  und  Oelen.  Die  natürlichen  Bäder  sind  salz-, 
eisen-,  Schwefel-,  salpeterhaltig  u.  s.  w.  und  nur  in  chronischen  Krank- 
heiten von  Nutzen.  Soolbäder  werden  gegen  Wassersucht-,  Kopf-, 
Brust-  und  Magenleiden  empfohlen,  Schwefelbäder  gegen  Nervenleiden, 
Eisenbäder  gegen  Milz-  und  Magenleiden  (II,  380 — 385). 

e)   Chirurgie. 

Von  den  aus  der  Chirurgie  des  Antyllos  erhaltenen  Abschnitten 
sind  zunächst  diejenigen  über  die  Blutentziehungenzu  nennen, 
unter  welchen  der  Aderlass  die  erste  Stelle  einnimmt  (Oribas.  VII, 
7;  9;  10;  11  ed.  Daremberg  Bd.  II  S.  38—41;  S.  44—51;  Aetios 
Tetrabibl.  I  Serm.  III  cap.  13—15).  Als  Stellen  für  den  Aderlass 
nennt  Antyllos  die  Stirn  in  der  Nähe  des  Scheitelbeins,  die  Stelle 
oberhalb  des  inneren  Augenwinkels,  hinter  den  Ohren,  unter  der 
Zunge  an  der  stärksten  Vene,  am  Handrücken  zwischen  Mittel-  und 
kleinem  Finger,  die  mittlere  Vene  in  der  Kniekehle,  die  vordere  Vene 
am  inneren  Knöchel,  die  obere,  mittlere  und  untere  Vene  der  Ellen- 
bogenbeuge. Bei  Ohnmacht,  Magenleiden,  allgemeiner  Körperschwäche 
muss  die  obere  Ellenbogenvene  gewählt  werden,  bei  Epilepsie,  Nerven- 
und  Geisteskrankheiten  die  untere  Vene.  Der  Aderlass  geschehe  an 
der    mittleren   Vene,    wenn    eine  reichliche,   rasche    Entleerung    be- 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts.    487 

absichtigt  wird.  Die  Schnürbinde  darf  nicht  zu  fest  gebunden,  die 
Haut  durch  dieselbe  nicht  verschoben  werden.  Bei  reichlicher  Ent- 
leerung muss  die  Oeffnung  grösser  gemacht  werden,  bei  Irrsinnigen 
darf  man  nur  einen  kleinen  Eröffnungsschnitt  machen  wegen  der  Ge- 
fahr der  heimlichen  Lösung  des  Verbandes.  Auch  der  Arteriotomie 
(Oribas.  VII,  14  ed.  Dar.  II,  55)  gedenkt  Antyllos  (meist  an  den 
Nackenarterien).  Schröpfköpfe  (gläserne,  bronzene  und  hörnerne) 
werden  ohne  und  mit  Skarifikation  angewendet  (VII,  16  Dar.  II, 
58 — 61).  Letztere  wird  noch  in  einem  ibesonderen  Kapitel  (VIII,  18 
Dar.  II,  63—64)  abgehandelt.  Bemerkenswerte  Angaben  macht 
Antyllos  dann  über  die  topische  Anwendung  der  Blutegel  (VII,  22 
Dar.  II,  69—72),^)  wobei  auch  die  „Bdellotomie"  beschrieben  wird. 
Aus  der  chirurgischen  Pharmakotherapie  des  Antyllos  (Oribas.  X, 
19—37  ed.  Dar.  II,  424—466)  sei  nur  die  Einteilung  der  Blut- 
stillungsmittel hervorgehoben  in  diejenigen,  welche  durch  Kälte,  Zu- 
sammenziehung, Verstopfung,  Austrocknung  und  Aetzung  wirken. 
Solche  Hämostatica  sind  kaltes  Wasser,  Essig,  Galläpfel,  Akaziensaft, 
Kupferhammerschlag,  Grünspan,  Gips,  Galmei,  Bleiweiss,  Kupfer- 
blumen, Glüheisen.  —  Sehr  eingehend  wird  auch  die  Chirurgie  der 
Abscesse  behandelt  (Oribas.  XLIV,  8  ed.  Dar.  III,  570—577)  und 
besonderer  Wert  auf  die  Berücksichtigung  der  Kosmetik  bei  Aus- 
führung der  Incisionen  gelegt  (im  Gesichte  nach  den  natürlichen  Ge- 
sichtslinien, an  den  Extremitäten  in  der  Längsachse  derselben  u.  s.  w.). 
Die  Fisteln  (Oribas.  XLIV,  22-23,  Dar.  III  611— 634)  werden  mit 
Sonden,  bei  besonderer  Enge  mit  Ohrlöffeln  untersucht,  dann  auf  dem 
eingeführten  Finger  oder  der  Sonde  gespalten  und  angefrischt.  Kallosi- 
täten  werden  exstirpiert,  kranke  Knochenpartien  werden  ausgesägt. 
Antyllos  beschreibt  die  Flächenresektion,  die  Resektion  in  der 
Kontinuität,  an  den  Gelenkenden  und  die  Totalexstirpation  von 
Knochen  und  macht  detaillierte  Angaben  über  die  Resektion  der 
Knochen  der  verschiedenen  Extremitäten.  Bei  Tracheal-  und  Brust- 
fisteln wird  eine  myrtenblattförmige  Umschneidung  und  Abtragung 
ausgeführt,  ebenso  bei  Unterleibsfisteln.  Die  Mastdarmfisteln  werden 
nach  der  heute  noch  üblichen  Methode  operiert.  Als  „Hydrocephalus" 
(XLVI,  27  ed.  Dar.  IV,  200—204)  beschreibt  Antyllos  die  En- 
cephalocele  und  die  Hydrencephalocele.  Die  Phimose  (Oribas.  L,  5 
ed.  Dar.  IV,  466 — 468)-)  wird  durch  Incisionen  in  die  innere  Platte 
des  Präputium  und  Skarifikationen  beseitigt,  letztere  auch  gegen  Para- 
phimose  zur  Anwendung  gebracht.  Die  folgenden  Kapitel  (L,  6 — 8 
ed.  Dar.  IV,  469 — 471)  handeln  von  der  Verwachsung  der  Vorhaut, 
von  der  Beschneidung  und  den  Excrescenzen  an  den  Genitalien,  die 
in  bösartige  (Epitheliome)  und  gutartige  (spitze  Kondylome)  geschieden 
werden.  Merkwürdig  ist  die  Beschreibung  des  Luftröhrenschnittes, 
welche  uns  Aetios  (X,  30)  und  Paulos  von  Aegina  (VI,  33)  er- 
halten haben.  Es  handelt  sich  um  einen  queren  Schnitt  zwischen 
den  Ringen  der  Trachea.  Antyllos  verwirft  die  Operation,  wenn 
bereits  alle  Luftröhrenverzweigungen  und  die  Lunge  von  der  Krank- 
heit ergriffen  sind. 


')  Vgl.  darüber  J.  Ch.  Hu  her,  „Die  Blutegel  im  Altertume"  in:  Deutsches 
Archiv  f.  klin.  Medizin  Bd.  47  S.  525—526. 

'^)  H  a  e  s  e  r  hat  dies  Kapitel  mit  Text  und  deutscher  Uebertetzung  in :  P  a  b  s  t ' , 
Allgemeine  med.  Zeitung  1837,  S.  109  ff.  veröffentlicht. 


488  Iwan  Bloch. 

Den  grössten  Ruhm  erwarb  sich  Antyllos  durch  seine  Lehre 
und  Therapie  der  Aneurysmen  (Oribas.  XLV,  24  ed.  Dar.  IV, 
52 — 56).  ^)  Er  unterscheidet  zwei  Arten  von  Aneurysmen,  eine  durch 
örtliche  Erweiterung  der  Arterie,  die  andete  durch  Verletzung- 
derselben  entstanden.  Die  erstere  ist  länglich,  die  zweite  rundlich. 
Uebermässig  grosse  Aneurysmen  (Achselhöhle,  Hals,  Schenkel  beuge) 
soll  man  nicht  operieren,  dagegen  stets  diejenigen  an  den  Enden  der 
Extremitäten  und  am  Kopfe.  Beim  Erweiterungsaneurysma  wird  ein 
gerader  Schnitt  durch  die  Haut  in  der  Längsrichtung  der  Arterie  ge- 
führt, die  aneurysmatische  Stelle  von  allen  Seiten  freigelegt,  mit  einer 
darunter  durchgeführten  Sonde  emporgehoben,  worauf  vermittelst  einer 
Nadel  mit  doppeltem  Faden  eine  doppelte  Unterbindung  des  Aneurysma 
erfolgt.  Dann  wird  das  Aneurysma  in  der  Mitte  durch  kleinen  Schnitt 
gespalten  und  der  Inhalt  entleert.  Antyllos  spricht  sich  gegen 
die  Methode  der  Exstirpation  des  Aneurysma  aus.  Aehnlich  ist  auch 
die  Operation  des  traumatischen  Aneurysma. 

Bemerkenswert  ist  die  plastische  Operation  der  „Kolobome" 
d.  h.  der  Defekte  der  Haut  oder  der  unterliegenden  Teile  (Oribas. 
XLV,  25—26  ed.  Dar.  IV,  56—59),  besonders  der  Augenlider,  der 
Stirn,  Nase,  Wangen  und  Ohren.  Der  Defekt  wird  viereckig  um- 
schnitten und  der  obere  und  untere  Schnitt  nach  beiden  Seiten  ver- 
längert. Hierauf  wird  die  zwischen  den  Schnitten  gelegene  Haut 
(nebst  Weichteilen)  bis  zu  deren  Enden  losgelöst,  nach  der  Mitte  des 
Vierecks  zusammengezogen  und  dort  vereinigt. 

f)  Augenheilkunde. 

Von  ophthalmologischen  Abhandlungen  des  Antyllos  ist  nur 
diejenige  über  KoUyrien  erhalten  geblieben  (Oribas.  X,  23  ed. 
Dar.  II,  432—438).  Die.  mit  Regen wasser  und  Gummi  zerriebenen 
Medikamente  werden  geformt  und  in  Metallbüchsen  aufbewahrt.  Die 
aus  Pflanzensaft  bereiteten  Kollyrien  müssen  sogleich  angewendet 
werden,  die  metallischen  werden  mit  der  Zeit  kräftiger.  Für  be- 
ginnende Ophthalmie  empfiehlt  Antyllos  Kollyrien  aus  Schöllkraut, 
Safran  und  Sarcocolla,  gegen  Chemosis  solche  aus  Zinkoxyd,  Bleiweiss 
und  Narde,  gegen  Geschwüre  die  aus  Weihrauch.  Bei  Chemosis  und 
heftigen  Entzündungen  werden  sie  eingeträufelt,  bei  anderen  Zuständen 
in  das  Unterlid  mit  der  Sonde  eingesalbt.  Flüssige  Kollyrien  (aus 
attischem  Honig,  Balsamsaft  und  Galle),  Fenchelsaft,  Oel,  Asa  foetida, 
Zimmt,  Saft  der  wilden  Raute  dienen  gegen  Sehstörungen  und  be- 
ginnenden Star. 

Bei  R  h  a  z  e  s  findet  sich  die  folgende  Stelle,  welche  dem  L  a  t  y  r  i  o  n 
(S  a  t  y  r  i  0  n  ?)  und  dem  A  n  t  y  1 1  o  s  die  Kenntnis  der  bereits  von  anderen 
geübten  Starausziehung  beilegt:  „Latyrion  dixit,  cum  cirurgicus 
vult  extrahere  cataractam  ferro  debemus  teuere  instrumentum  super 
cataractam  per  magnam  horam  in  loco  ubi  ponitur  illud.  .  .  .  Dixit 
Antilus:  et  aliqui  aperuerunt  sub  pupilla  et  extraxerunt  cataractam. 
Et  potest  esse,  cum  Cataracta  est  subtilis;  et  cum  est  grossa  non 
poterit  extrahi,  quia  humor  egrederetur  cum  ea." 


^)  Vgl.  dazu  „Ueber  einige  im  Altertume  gepflegte  Operationen  an  den  Blut- 
gefässen" in:  Wiener  med.  Blätter  1882  Nr.  1;  3;  4;  5;  E.  Albert,  „Geschichte 
der  Behandlung  der  Aneurysmen"  in:  Wiener  klin.  Wochenschrift  1893  Nr.  47; 
Paul  Broca,  „Des  anevrysmes  et  de  leur  traitement",  Paris  1856,  S.  202. 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts.    489 

3.  Philagrios  und  Poseidonios. 
Litteratur. 

A.  Leivy  u.  Landsberff,  „Ueber  die  Bedeutung  des  Antyllus,  Philagrius 
und  Posidonius  m  der  Geschichte  der  Heilkunde"  in:  HenscheVs  Janus  Bd.  II, 
1847,  S.  758—771;  Bd.  III,  1848,  S.  166-184.  —  C.  F.  Ileitsinger,  „Phila- 
grius  und  Posidonius",  ibidem  1847,  S.  400.  —  Th.  Puschmann,  Einleitung 
zu  seiner  Ausgabe  des  Alexander  von  Tralles,  Bd.  I  S.  218 — 222;  S.  247  -  251, 
Wien  1888.  —  A.  Carlien,  ..Les  medecins  grecs'\  Paris  1885,  S.  105—107.  — 
Th.  Puschnmnn,  „Beiträge  zu  Alexander  Traüianus^^  i7i:  „Berliner  Studien 
für  classische  Philologie  und  Archaeologie",  Berlin  1886,  Bd.  V  Heft  2  S.  74 — 129 
(Abdruck  von  Fragmenten  aus  PMlfiffrios  aus  den  handschriftlich  überlieferten 
lateinischen  Uebersetzungen  der  Werke  des  Alexander  von  Tralles).  —  E.  Gurlt, 
„Geschichte  der  Chirurgie",  Berlin  1898,  Bd.  I  S.  492—493. 

Das  Brüderpaar  Philagrios  und  Poseidonios,  Söhne  des 
Arztes  Philostorgios  (unter  Valens  und  Valentinian;  Philo- 
st org.  hist.  ecdes  VIII,  10),  gehört  dem  Ende  des  4.  Jahrhunderts 
an')  und  stammte  aus  Epirus.  Philagrios  übte  die  Praxis  in 
Thessalonich  aus  und  verfasste  zahlreiche  Schriften.  Er  war  wohl 
der  beste  Kenner  der  Milzkrankheiten  unter  den  alten  Aerzten. 
Aetios  und  Alexander  von  Tralles  haben  ihre  Darstellung  der 
Milzleiden  den  betreifenden  Schriften  des  Philagrios  entnommen. 
Andere  Excerpte  aus  Philagrios  finden  sich  bei  Oreibasios  und 
Rhazes.  Philagrios  stellte  genaue  Untersuchungen  an  über  den 
Einfluss  der  verschiedenen  Dyskrasien  auf  das  Verhalten  der  Milz,  über 
Meteorisums  mit  gleichzeitiger  Milzschwellung,  über  die  verschiedenen 
Formen  der  Splenitis,  bei  welcher  die  Kenntnis  des  durch  Malaria  her- 
vorgerufenen Milztumors,  sowie  der  Vergrösserung  der  Milz  bei  akuten 
Infektionskrankheiten  deutlich  hervortritt.  Die  Therapie  des  Phila- 
grios bei  Milzentzündungen  bestand  in  Aderlass,  Laxantien,  Brech- 
mitteln, feuchten  Umschlägen,  Diurese  u.  s.  w.  (T  heodorPuschmann, 
„Beiträge  u.  s.  w.  S.  74—129;  Aet.  Tetrab.  III  Serm.  II  cap.  7—16). 
Auch  hat  Philagrios  zuerst  unsere  heutige  Fettdiarrhoe  unter  dem 
Namen  avPTi]^ig  beschrieben  (Oreibasios,  Synopsis  VI,  30  ed.  Dar.  V, 
311 — 312;  Aetios  Tetrab.  II  Serm.  I  cap.  90),  gegen  welche  hauptsäch- 
lich ein  hydrotherapeutisches  Verfahren  zur  Anwendung  kommt.  Höchst 
bemerkenswert  ist  das  Kapitel  über  nächtlichen  Samen fluss 
(Aet.  Tetrab.  III  Serm.  III  cap.  33),  in  welchem  bereits  von  den 
gastrischen  Beschwerden  bei  Spermatorrhoe  die  Rede  ist.  Der  Kranke 
muss  auf  der  Seite  auf  nicht  zu  weichem  Lager  liegen.  Es  werden 
Massage,  Spaziergänge,  Fernhaltung  schlüpfriger  Schauspiele  und 
Lektüre,  Gymnastik  als  Heilmittel  empfohlen;  auch  soll  man  eine 
Bleiplatte  unter  die  Lenden  schieben.  Philagrios  erzählt  von  einem 
Kranken,  dem  er  einen  in  der  Harnröhre  eingeklemmten  Stein  durch 
Urethrotoniie  oberhalb  der  Eichel  entfernte  und  nachher  Eselinnen- 
milch und  angemessene  Diät  verordnete,  damit  kein  neuer  Stein  in 
den  Nieren  sich  bilde  (Aet.  Tetrabibl.  III  Serm.  III  cap.  5).  Wir 
verdanken  dem  Philagrios  neben  Ar chi genes  eine  genauere  Be- 
schreibung der  Nieren-  und  Blasensteine  (Aet.  Tetrabibl.  III 
Serm.  III  cap.  4).    Erstere  kommen  mehr  bei  alten,  letztere  mehr  bei 


^)  Dass  Philagrios  nach  Galen  lebte,  ergiebt  sich  auch  aus  einer  Erwähnung 
des  letzteren  in  dem  Excerpt  He^l  fjSioiv  Titofiürcov  bei  Oribas.  V,  19  ed.  Dar.  I,  376. 


490.  Iwan  Bloch, 

jungen  Leuten  vor.  Die  Nierensteine  liegen  im  Nierenbecken,  sind 
von  verschiedener  Grösse,  B'orm,  Farbe  und  Oberfläclie.  Die  runden 
und  glatten  werden  am  leichtesten  ausgeschieden.  Die  Nierengegend 
ist  schmerzhaft;  ist  die  Niere  entzündet,  so  zeigt  sich  aussen  eine 
Geschwulst,  das  Bücken  verursacht  Schmerz,  oft  tritt  Oligurie  oder 
Anurie  ein,  ebenso  Hämaturie.  Meist  besteht  Obstipation.  Gelangt 
der  Stein  in  die  Blase,  so  geht  viel  Gries  ab,  ebenso  reichlicher  Stuhl. 
—  Endlich  sei  noch  der  Schilderung  des  „Ganglions"  an  Hand-  und 
Fussgelenk,  Ellbogen  und  Kopf  gedacht,  worunter  teils  unsere 
Schleimbeutelhvgrome,  teils  Atherome  zu  verstehen  sind 
(Aetios  Tetrab.  IV  Sermo  III  cap.  9).') 

Wie  Philagrios  auf  dem  Gebiete  der  Milzleiden  eine  Autorität 
war,  so  war  es  sein  Bruder  Poseidonios  auf  demjenigen  der  Ge- 
hirnphysiologie und  Gehirnpathologie,  in  dem  Kapitel 
über  die  „Phrenitis",  die  er  als  eine  Entzündung  der  Hirnhäute 
auffasst  (Aet.  Tetrab.  II  Serm.  II  cap.  2),  führt  er  aus,  dass  die 
Einbildungskraft  im  vorderen  Teile,  die  Vernunft  in  den  mittleren 
Höhlen,  das  Gedächtnis  in  den  hinteren  Teilen  des  Gehirns  lokalisiert 
seien.  Von  Interesse  ist  die  Empfehlung  von  Schlafmitteln  im  phreni- 
tischen  Delirium,  entweder  in  Form  von  Einreibungen  im  Gesicht, 
oder  von  Riechmitteln,  oder  von  internen  Medikamenten.  Deutlich  trennt 
Poseidonios  die  comatösen  (ibid.  cap.  5  und  6),  kataleptischen  (cap.  4) 
und  schlafsüchtigen  (cap.  3)  Zustände  von  einander.  Das  Alpdrücken 
(cap.  .12)  ist  ein  Vorbote  der  Epilepsie,  Apoplexie  und  Manie  und  ent- 
steht durch  Anfüllung  der  Hirnhöhlen  mit  Dünsten.  Auch  die  Epilepsie 
bei  Greisen  und  Kindern  (cap.  19—21)  wird  besprochen.  Therapie: 
vieles  Wassertrinken,  Purgantien,  Aderlass,  Schröpfköpfe  auf  Unter- 
leib und  Hinterhaupt.  Ausführlich  wird  die  Hundswut  und  Hydro- 
phobie geschildert.  Ist  jemand  von  einem  tollen  Hunde  gebissen 
worden,  so  muss  die  Wunde  erweitert,  die  ganze  Umgebung  derselben 
skarifiziert,  die  Wunde  sodann  mit  dem  Glüheisen  ausgebrannt  werden, 
worauf  man  das  Geschwür  lange  in  Eiterung  erhält.  -) 

Die  Abhandlung  über  die  Pest  in  Libyen,  die  nach  Rufus  von 
Ephesus  ein  Poseidonios  verfasst  haben  soll,  •^)  stammt  nicht  von 
unserem  P. 

4.   Magnos,  Theon,  Jonikos,  Zenon. 

.  Von  den  verschiedenen  Aerzten  des  Namens  Magn  os*)  gehört  dem 
vierten  naclichristlichen  Jahrhundert  an  Magnos  von  Antiochia, 
der  in  Alexandria  lehrte  (Philo storgios  bist,  eccles.  8,  10)  und 
mit  Oreibasios  zusammen  Schüler  des  später  zu  erwähnenden  Zenon 
von  Cypern  war.    Eunapios   („De  vitis  philosophorum   et  sophi- 


^)  Die  Stellen  des  Philagrios  im  „Continens"  des  Ehazes  über  Ohren-, 
Mund-,  Kachen-,  Magen-,  Darm-,  Leber-  und  (iebärmutterleiden,  Diabetes  sind  bei 
Corlieu  a.  a.  0.  S.  106 — 107  verzeichnet. 

'^)  Matthaeus  Sylvaticus  hat  in  seinen  „Pandectae  medicinae"  (1474) 
mehrere  Bemerkungen  des  Poseidonios  übernatürliche  und  künstliche  Alaunbäder 
bei  Wassersucht,  Gicht  und  Hautkrankheiten  aufbewahrt 

")  Oreibasios  XLIV,  17  ed.  Daremberg  III,  608. 

*)  Die  von  Galen  erwähnten  verschiedenen  Magnos  hat  Well  mann,  „Die. 
pneumatische  Schule",  S.  14  Anm.  4  zusammengestellt.  Ueber  Magnos  von 
Emesus  vgl.  Bussemaker  im  Janus  1847,  II  273—297;  über  einen  Magnos 
von  Alexandria  siehe  Steinschneider  inVirchow's  Archiv  Bd.  XXXV  S.  355. 


Griechische  Aerzte  des  dritten  und  vierten  (nachchristlichen)  Jahrhunderts.     491 

starum",  Colon.  Allobrog,  1616,  S.  138)  berichtet  von  ihm,  dass  er 
den  Beinamen  „Jatrosophist"  führte,  gross  war  in  der  peripatetischen 
Dialektik,  die  oft  vor  einem  zahlreichen  Aerzteauditorium  in  Gestalt 
einer  aufdringlichen  und  mit  Skepsis  durchtränkten  Streitsucht  zu  Tage 
trat.  Dieser  Nihilismus  beeinträchtigte  sein  ärztliches  Handeln  ausser- 
ordentlich. Die  ihm  zugeschriebene  Schrift  über  den  Urin  gehört 
wahrscheinlich  dem  Magnos  von  Emesus  an.  ^)  In  der  lateinischen 
Uebersetzung  der  Synopsis  des  0  r  e  i  b  a  s  i  o  s  findet  sich  die  Vorschrift 
eines  „Colluriu  diaasteros  Magnu  sofistu"  (Oribas.  ed.  Daremb. 
V,  913). 

Theon  von  Alexandria  (nicht  zu  verwechseln  mit  einem 
älteren  von  Galen  ed.  Kühn  VI,  96;  182  erwähnten  Theon  von 
A.,  dem  Verfasser  eines  Werkes  über  die  Leibesübungen)  praktizierte 
um  350  n.  Chr.  in  Gallien  (Eunapios  a.  a.  0.  S.  143)  und  verfasste 
ein  dem  Theöktistos  gewidmetes,  noch  im  9.  Jahrhundert  vor- 
handenes Werk  mit  dem  Titel  "Jvi^Qiono^,  dessen  Inhalt  von  Photius 
(Bibliotheca  ed.  J.  Bekker,  Berlin  1824  Bd.  I  S.  166)  angegeben 
wird.  Danach  stellte  es  eine  blosse  therapeutische  Kompilation  a  capite 
ad  calcem  dar,  aus  welcher  nur  ein  Abschnitt  über  Podagra  und 
gichtische  Leiden  Erwähnung  verdient.  Aus  dieser  Schrift  stammt 
wahrscheinlich  das  von  Aetios  (Tetrab.  I  Sermo  III  cap.  58)  auf- 
bewahrte Rezept  für  eine  „Vini  purgantis  bilem  praeparatio". 

J  0  n  i  k  0  s  von  S  a  r  d  e  s  war  der  Sohn  eines  hervorragenden  Arztes 
und  war  selbst  einer  der  berühmtesten  alexandrinischen  Gelehrten  und 
Aerzte,  der  Chirurgie,  Anatomie  und  Pharmakologie  in  gleichem  Masse 
beherrschte,  zugleich  aber  auch  einer  umfassenden  philosophischen, 
rhetorischen  und  poetischen  Bildung  sich  erfreute.  Er  starb  einige 
Jahre  vor  Oreibasios  (Eunapios  a.  a.  0.  S.  142). 

Der  Lehrer  des  Jonikos.  Magnos  und  des  Oreibasios  war 
Zenon  von  Kypros,  der  in  der  ersten  Hälfte  des  4.  Jahrhunderts  in 
Alexandria  lehrte,  durch  die  gregorianischen  Unruhen  aus  dem  Museum 
vertrieben,  aber  durch  Kaiser  Julianos  wiedereingesetzt  wurde 
(Julian.  Epistol.  45  ed.  Spanhemius,  Leipz.  1696,  S.  426). 
Caelius  Aurelianus  erwähnt  in  dem  Kapitel  „De  colicis  passioni- 
bus"  (Chron.  morbor.  IV,  7)  unter  den  „bibenda  composita  vel  simplicia" 
auch  ein  „Zenonis  diasticon". 


*)  Wie  Bussemaker  a.  a.  0.  nachgewiesen  hat,  ist  die  psendogalenische 
Schrift  Tis^l  ovQcov  identisch  mit  der  Schrift  des  Magnos  von  Eraesus. 


Byzantinische  Medizin.  ^^ 

Von 
Iwan  Bloch  (Berlin). 


Kulturgeschichtliche  Einflüsse  auf  die  Gestaltung  der  Medizin 
in  der    byzantinischen  Epoche. 

Die  Kultur  des  byzantinischen  Reiches  war  nicht  bloss,  wie  man 
bisher  anzunehmen  geneigt  war,  eine  Kultur  des  Verfalls,  nicht  bloss 
eine  in  das  Mittelalter  hineinragende  Ruine  des  Altertums,  die  nur 
noch  in  dürftigen  Resten  Kunde  gab  von  der  Herrlichkeit  des  antiken 
Baues,  sondern  sie  bietet  der  objektiven,  nicht  einseitigen  Geschichts- 
betrachtung auch  originelle  Züge  dar  in  den  Eigentümlichkeiten  einer 
Entwicklung,  die  in  der  Verschmelzung  antiker  römisch- 
hellenischer Kulturelemente  mit  den  Einflüssen  christlich - 
orientalischer  Kultur  ihren  bezeichnendsten  Ausdruck  fand.  Die 
Periode  dieser  Ausbildung  der  spezifisch  byzantinischen  Kultur 
fällt  nach  Krumbacher  ^)  in  das  vierte  bis  siebente  christliche  Jahr- 
hundert. Das  vierte  Jahrhundert  bildet  die  Grenze  zwischen  der 
hellenisch-römischen  Bildung  des  Altertums  und  der  christlich- byzan- 
tinischen des  Mittelalters. 

Die  politische  Geschichte  des  Byzantinerreiches  ist  im  grossen 
und  ganzen  die  „eintönige  Geschichte  der  Intriguen  von  Priestern, 
Verschnittenen  und  Frauen,  der  Giftmischereien,  der  Verschwörungen, 
der  gleichmässigen  Undankbarkeit,  der  beständigen  Vatermorde" 
(W.  E.  H.  Lecky).  Trotz  jener  oben  betonten  Eigenart,  deren 
Stempel  allen  Schöpfungen  der  Kunst  und  der  Wissenschaft  aufgeprägt 
ist,  macht  sich  in  beiden  ein  entartetes  Epigonentum  geltend.  Jene 
erwähnten  Beziehungen  zu  den  orientalischen  (Syrer,  Araber, 
Perser,  Inder,  Armenier,  Türken)  und  slavischen  (Südrussland  u.  a) 
Völkern  vermochten  nicht  der  Stagnation  des  geistigen  Lebens  ent- 
gegenzutreten, noch  den  allmählich  eintretenden  Verfall  der  gesamten 
oströmischen  Kultur  aufzuhalten.     Nur   eine   eigentümliche   Färbung 


^)  K.  Krumb  ach  er,    „Geschichte   der   byzantinischen   Litteratur",   München 
1897,  2.  Auflage,  S.  14. 


Byzantinische  Medizin.  493 

empfing  die  letztere  durch  jene  christlich-orientalischen  Einflüsse.  ^) 
Im  übrigen  aber  überwucherte  in  der  Wissenschaft  das  sophistische 
Element,  welches  durch  die  theologischen  Zänkereien  reichliche 
Nahrung  fand.  Was  noch  übrig  geblieben  war  an  Kraft  und  sozialer 
Energie,  wurde  durch  die  beständigen  Kriege  mit  den  orientalischen 
Völkern  (Einnahme  Alexandrias  durch  die  Araber  640  n.  Chr.),  später 
mit  den  Kreuzfahrern  erschöpft,  und  endlich  erlag  das  oströmische 
Kaisertum  dem  Anstürme  der  Türken,  welche  ihm  durch  die  Er- 
oberung Konstantinopels  (1453)  für  immer  ein  Ende  machten.  Die 
Folge  dieser  Eroberung  aber  war  die  Verbreitung  und  Erneuerung 
griechischer  Bildung  im  abendländischen  Westen. 

Der  Niedergang  der  Wissenschaften  in  der  byzantinischen  Periode 
kann  hauptsächlich  auf  drei  Ursachen  zurückgeführt  werden,  auf  den 
Einfluss  der  christlichen  Lehre,  der  philosophischen  Mystik, 
wie  sie  im  Neuplatonismus  zum  Ausdrucke  kam  und  des  Aber- 
glaubens, wie  er  in  der  Pflege  der  Magie,  Astrologie  und  Alchemie 
zu  Tage  trat. 

Das  Christentum  mit  seiner  dem  Irdischen  abgewandten  Lehre 
musste,  je  mehr  es  sich  in  der  Kirche  organisierte,  den  Fortschritt 
der  Wissenschaft  in  ungünstigem  Sinne  beeinflussen.  Da  das  irdische 
Leben  nur  als  Vorbereitung  für  das  Jenseits  galt,  wurde  auch  das 
Wissen  unter  diesem  Gesichtspunkte  betrachtet,  die  Autorität  der 
Kirche  über  diejenige  der  gelehrten  Forschung  gestellt,  die  Bibel  als 
höchste  Offenbarung  nicht  nur  des  Glaubens,  sondern  auch  des  Wissens 
proklamiert.  '^)  Nur  in  diesem  Sinne  wurde  die  antike  Bildung  von 
den  Kirchenvätern  gepflegt,  welche  zum  Teil  über  sehr  bemerkens- 
werte naturwissenschaftliche  Kenntnisse  verfügten.  A.  Harnack  hat  in 
seiner  interessanten  Schrift  „Medizinisches  aus  der  ältesten  Kirchen- 
geschichte" (Leipzig  1892,  8«,  VIII,  116  8.=^)  16  alt  Christ  liehe 
Aerzte  zusammengestellt,  darunter  den  Priester  der  Gemeinde  zu 
Sidon,  Zenobios,  den  Bischof  Theodotos  von  Laodicea.  den 
ägyptischen  OrSensstifter  Hierakas,  den  römischen  Bischof  Euse- 
bios,  den  Bischof  Basilios  von  Ancyra,  den  Arianer  Aetios,  von 
dem  Philostorgios  (Histor.  eccles.  IV,  15)  berichtet,  dass  er  von 
dem  berühmten  Arzte  Sopolis  in  der  Heilkunst  ausgebildet  wurde, 
selbst  ein  vortreif lieber  Arzt  gewesen  sei,  aber  niemals  Honorar  ge- 
nommen habe.  Die  ersten  christlichen  Aerzte  stammten  meist  aus 
Syrien,  wie  denn  auch  die  beiden  berühmtesten,  die  Brüder  Cosmas 
und  Dam i an,  die  aus  Arabien  stammten,  in  Syrien  Medizin  studiert 
hatten,  und  später  in  Aegeä  in  Cilicien  die  ärztliche  Kunst  ebenfalls 
unentgeltlich  ausübten.  In  ihrer  Wirksamkeit  trat  schon  das  religiöse 
Moment  ganz  besonders  hervor,  da  sie  ohne  Medizin,  nur  durch  Gebet, 
die  Kranken  heilten.  Sie  wurden  beide  während  der  grossen  Christen- 
verfolgung unter  Diocletian  enthauptet,  gelten  jetzt  als  Patrone 
der  Aerzte  und  Apotheker  in  der  katholischen  Kirche  und  werden 
als  Märtyrer  am  27.  September  in  Rom  verehrt.     An  ihrem  Grabe 


^)  Der  Höhepunkt,  die  „Renaissance"  der  byzantinischen  Kultur,  wird  durch 
das  12.  Jahrhundert  bezeichnet  (Krumb  ach  er  a.  a.  0.  S.  16). 

*)  Und  zwar  auch  des  medizinischen  Wissens,  wie  denn  die  christliche  Lehre 
so  sehr  mit  medizinischen  Dingen  verquickt  wurde,  dass  sie  mit  Recht  von  Har- 
nack (a.  a.  0.  S.  46)  als  „medizinische  Religion"  bezeichnet  wird.    Näheres  s.  unten. 

^)  Vgl.  auch  A.  Marignac,  „La  medecine  dans  Teglise  au  sixieme  siecle" 
Paris  1887. 


494  Iwan  Bloch. 

geschahen  viele  Wimderheilungen;  ihre  Reliquien  mit  den  Köpfen 
Averden  in  der  Münchener  Jesuitenkirche  aufbewahrt.  Cosmas  und 
Damian,  die  „dvdgyvQOL^^,  waren  den  Christen  das,  was  Asklepios 
den  Heiden  war.  Ob  sie  aber  wirklich  existiert  haben,  lässt  sich 
nach  Harnack  nicht  mehr  feststellen.  Justinian  erbaute  dem 
Brüderpaare  eine  Kirche,  zu  der  viele  Kranke  wallfahrteten  (Pro- 
copius,  „De  aedificis  Justiniani"  I,  6).  Das  Pariser  „College  de 
St.  Come,  welches  seit  dem  13.  Jahrhundert  besteht,  verehrte  diese 
heiligen  Aerzte  als  Patrone  und  empfing  seinen  Namen  von  dem 
einen  derselben.  ^) 

Von  den  christlichen  Grabinschriften  der  byzantinischen  Zeit 
beziehen  sich  mehrere  auf  Aerzte,  z.  B.  eine  solche  auf  der  Insel 
Gozzo  bei  Malta,  in  Verona  (anno  511  n.  Chr.),  sogar  der  Name  einer 
christlichen  Aerztin  (Eestiuta)  hat  sich  erhalten  (Kaibel,  Epigr. 
graec.  Nr.  1751).  Auch  in  der  byzantinischen  Epoche  waren  Priester 
oft  zugleich  Aerzte.  In  dem  115.  Briefe  des  Theodor  et,  der  an 
den  Bürgermeister  Apelles  von  Cyrus  gerichtet  ist,  heisst  es  z.  B.: 
„Als  ich  das  Bistum  zu  Cyrus  übernommen  hatte,  bestrebte  ich  mich 
von  allen  Seiten  die  nötigen  Künste  dorthin  zu  bringen.  Ich  beredete 
auch  geschickte  Aerzte,  dass  sie  sich  in  die  Stadt  begeben  möchten. 
Unter  diesen  ist  der  sehr  fromme  Priester  Petrus,  der  die  Arznei- 
kunst mit  vieler  Klugheit  ausübt  und  durch  seine  Sitten  glänzt.  Jetzt 
aber,  da  ich  fortgehe,  verlassen  diese  auch  die  Stadt;  auch  Petrus 
ist  dazu  entschlossen.  Deswegen  bitte  ich  Deine  Hoheit,  Sorge  für 
ihn  zu  tragen;  denn  er  behandelt  die  Kranken  sehr  geschickt  und 
heilt  recht  gut."  Selbst  der  Kaiser  Justinian  Hess  sich  von  einem 
Arzte,  der  zugleich  Priester  war,  behandeln. 

Diese  eifrige  praktische  Bethätigung  der  Angehörigen  der  christ- 
lichen Kirche  auf  dem  Gebiete  der  Arzneikunst  lag  ganz  im  Sinne 
der  christlichen  Lehre  selbst,  wie  dies  Harnack  in  dem  Kapitel 
„Das  Evangelium  vom  Heiland  und  von  der  Heilung"  (a.  a.  0.  S.  89 — 
111)  ausgeführt  hat.  Das  Evangelium,  als  die  Botschaft  vom  Heiland 
und  der  Heilung,  wendet  sich  an  die  kranke  Menschheit  und  ver- 
spricht ihr  Gesundheit  (Marc.  2,  17;  Luc.  5,  31).  Jesus  sucht  die  Ge- 
sellschaft seelisch  und  leiblich  Kranker  und  ist  von  einem  Kreise  von 
Geheilten  umgeben.  Schon  die  weltschmerzliche  Stimmung  der 
heidnischen  Zeit  am  Ausgange  des  Altertums  hatte  „Reinheit,  Trost, 
Entsühnung,  Heilung"  in  der  Religion  gesucht  und  dem  Heil- 
gotte,  dem  Aeskulap,  eine  besondere  Verehrung  dargebracht. 
Harnack  bemerkt  über  den  Aeskulapkult  und  seine  Beziehungen 
zur  christlichen  Religion:  „Von  Rom  aus  hat  er  (der  Kult)  sich  über 
den  ganzen  Westen  verbreitet,  hie  und  da  verschmolzen  mit  dem 
Kultus  des  Serapis  und  anderer  Gottheiten,  ihm  zur  Seite  und  unter- 
geordnet der  Kultus  der  Hygiea  und  Salus,  des  Telesphorus 
und  Somnus.  Dabei  erweiterte  sich  die  Sphäre  dieses  heilenden 
Gottes  immer  mehr:  er  wurde  zum  „Soter"  schlechthin,  zu  dem  Gott, 
der  in  allen  Nöten  hilft,  zu  dem  „Menschenfreunde"  {(pdav^gcoTrözaTog). 


^)  Vgl.  F.  Boerner,  „De  Cosma  et  Damiano,  artis  medicae  Diis  olim  et  adhuc 
tutelaribus",  Helmstädt  1751,  4".  —  ,,Legenda  di  San  Cosma  e  Damiano,  scritta  nel 
buon  secolo  della  lingua  e  non  mai  fin  qui  stampata",  Neapel  1857,  8  ",  VIII,  55  S. 
—  Viele  christliche  Aerzte  nannten  sich  im  Altertum  und  in  byzantinischer  Zeit 
nach  Cosmas,  wie  aus  Inschriften  hervorgeht.  Vgl.  über  Aerzte-Heiligen  C.  B. 
Carpzow,  „De  medicis  ab  ecclesia  pro  sanctis  habitis",  Leipzig  1709,  4". 


Byzantinische  Medizin.  495 

Je  mehr  man  in  der  Eeligion  nach  Rettung  und  Heilung-  ausschaute, 
desto  mehr  wuchs  das  Ansehen  des  Gottes.  Er  gehört  zu  den  alten 
Göttern,  welche  dem  Christentum  am  längsten  Widerstand  geleistet 
haben.  Darum  begegnet  er  auch  in  der  alten  christlichen  Litteratur 
nicht  selten.  In  der  zweiten  Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  und  im 
dritten  war  der  Aeskulapkultus  einer  der  verbreitetsten.  Man  reiste 
zu  den  berühmten  Heilanstalten  des  Gottes,  wie  man  heute  in  die 
Bäder  reist ;  man  rief  ihn  an  bei  den  Krankheiten  des  Leibes  und  der 
Seele:  man  brachte  ihm,  dem  6E0C  CVTHP,  die  reichsten  Geschenke; 
man  weihte  ihm  das  Leben.  Ungezählte  Inschriften  und  Bildwerke 
bezeugen  das.  Aber  auch  bei  anderen  Göttern  stellte  man  die  heil- 
bringende Thätigkeit  nun  in  den  Mittelpunkt.  Zeus  selbst  und  Apollo 
traten  in  ein  neues  Licht.  Auch  sie  wurden  „Heilande".  Niemand 
konnte  mehr  ein  Gott  sein,  der  nicht  auch  ein  Heiland  war.  Durch- 
mustert man  die  grosse  Streitschrift  des  Origenes  gegen  Celsus, 
so  gewahrt  man  leicht,  dass  ein  Hauptstreitpunkt  zwischen  den  beiden 
bedeutenden  Männern  der  war,  ob  Jesus  der  rechte  Heiland  sei  oder 
Aeskulap.  Celsus  tritt  ebenso  lebhaft  und  wundergläubig  für 
diesen  ein,  wie  Origenes  für  jenen." ^)  So  gestaltete  sich  auch  die 
christliche  Religion  als  die  „Religion  der  Heilung",  als  „Medizin  der 
Seele  und  des  Leibes".  Das  neue  Testament  ist  stark  von  medizinischen 
Ausdrücken  durchsetzt,  ebenso  die  Schriften  der  Kirchenväter  (Taufe 
=  Bad  der  Seele;  Abendmahl  =  „Pharmakon  der  Unsterblichkeit"; 
Busse  =  Vera  de  satisfactione  medicina).  Die  Kirche  gab  sich  als  die 
grosse  Heilanstalt,  als  das  Lazareth  der  Menschheit,  in  dem  die  Bischöfe 
und  Seelsorger  die  Aerzte,  die  Heiden,  Sünder  und  Häretiker  die 
Kranken,  die  kirchlichen  Lehren  und  Handlungen  die  Arzneien  sind. 
So  musste  im  weiteren  Verfolg  die  Kirche  in  der  thatkräftigen  Sorge 
für  die  seelisch  und  leiblich  Kranken  eine  ihrer  wichtigsten  Pflichten 
erblicken,  woraus  sich  die  weiter  unten  zu  behandelnde  Krankenpflege 
entwickelte. 

In  den  Schriften  der  Kirchenväter  finden  sich  demnach  zahlreiche 
medizinische  Betrachtungen  und  Bemerkungen,  die  aber  fast  immer 
im  kirchlich-dogmatischen  Sinne  gemacht  werden.  So  knüpft  die 
Physiologie  und  Psychologie  der  Kirchenväter  hauptsächlich  an 
das  Dogma  von  der  Auferstehung  des  Leibes,  der  Schöpfung  der  Welt 
und  der  Existenz  der  Seele  an.  In  dem  grossen  Dialog  des  Metho- 
dius  über  die  Auferstehung  (300  n.  Chr.)  ist  der  Arzt  Aglaophon 
ein  Hauptdisputant,  und  zwar  fand  die  Disputation  in  der  Klinik  dieses 
Arztes  statt.  Aglaophon  greift  die  Lehre  von  der  Auferstehung 
des  Fleisches  heftig  an.  Der  menschliche  Körper  ist  in  einem  stetigen 
Umwandlungsprozess  begriifen,  der  besonders  (nach  Aristoteles  und 
Pseudo-Hippokrates  TteQi  xv(.uov)  durch  die  Nahrung  befördert 
wird.  Daher  ist  der  Leib  „stets  sich  verändernd,  niemals  seiend,  noch 
das  Seine  in  sich  habend,  wenn  er  auch  als  derselbe  erscheint". 
Methodius  verfasste  auch  eine  allegorische  Erklärung  der  alt- 
testamentlichen  Stellen  über  den  Aussatz.  —  Der  medizinisch  am 
höchsten  gebildete  Kirchenvater  ist  Tertullian,  der  von  sich  selbst 
sagt,  dass  er  „auch  in  die  Medizin  einen  Blick  gethan  habe,  die 
Schwester,  wie  man  sagt,  der  Philosophie"  (De  anima  cap.  2).    Seine 


*)  Harnack  a.  a.  0.   S.  94 — 95.    Die  Ableitung   des    Christentypus   aus   dem 
Urbilde  des  Aeskulap  ist  nach  Harnack  (S.  106)  eine  „beachtenswerte  Hypothese". 


496  Iwan  Bloch. 

Psychologie  ist  materialistisch,  da  er  die  stoische  Lehre  von  der 
Körperlichkeit  der  Seele  billigt.  Das  „Oberste"  {fiyef.wviy.öv)  der  Seele 
ist  nicht,  wie  Moschion  sagt,  im  ganzen  Körper  verbreitet,  oder 
nach  P 1  a 1 0  im  Kopfe,  nach  Xenokrates  im  Scheitel,  nach  H i p p o - 
krates  im  Gehirn,  nach  Herophilos  in  der  Hirnbasis,  nach  Strato 
und  Erasistratos  in  den  Hirnhäuten,  nach  dem  Physiker  Strato 
in  der  Mitte  zwischen  den  Augenbrauen,  nach  E  p  i  k  u  r  im  Brustkasten, 
sondern  nach  Orpheus  und  Empedokles  im  Herzen,  da  das 
„das  Herz  umströmende  Blut  beim  Menschen  das  Geistige  ist",  wie 
auch  Protagoras,  Apollodor  und  Chrysippos  lehren.  Hier 
bekundet  sich  Tertullian  als  einen  Anhänger  der  neuerdings  von 
Well  mann  monographisch  gewürdigten  sicilischen  Aerzteschule,  die 
nach  dem  Vorgange  des  Empedokles  das  Herz  als  das  Centralorgan 
der  Seele  proklamiert  hatte,  und  wir  sehen,  dass  diese  Lehre  sich  bis 
in  jene  späten  Zeiten  erhielt  und  ebenso  festen  Fuss  gefasst  hatte 
wie  die  hippokratische  von  dem  Gehirn  als  Centralorgan  des  seelischen 
Lebens.  Nach  Tertullian  ist  die  Seele  sowohl  der  Sitz  der  Sinnes- 
wahrnehmungen als  auch  der  höheren  Erkenntnis.  Auch  die  Pflanzen 
haben  einen  „unbewussten  Intellekt"  und  eine  eingeborene  Wachstums- 
richtung (de  anima  cap.  19).  Die  Seele  wird  zusammen  mit  dem 
Körper  erzeugt  (cap.  23).  Die  Anlage  des  Geschlechtsunterschiedes 
ist  vom  ersten  Moment  an  gegeben  (cap.  36).  In  echt  kirchlichem 
Sinne  erklärt  Tertullian  den  Nahrungstrieb  für  die  einzig  natür- 
liche Begierde,  den  Geschlechtstrieb  aber  für  verschlechterte  Natur 
(cap.  38). 

Aus  vorkonstantinischer  Zeit  handelt  die  lateinische  Schrift  des 
Lactantius  „De  opificio  dei"  fast  ausschliesslich  vom /menschlichen 
Körper  nach  teleologischen  Anschauungen,  bespricht  den  Bau  der 
Knochen,  der  Gelenke,  der  „Nerven",  Adern,  Haut,  dann  die  einzelnen 
Körperteile.  Der  Verfasser  drückt  sein  Erstaunen  über  die  grosse 
Mannigfaltigkeit  des  Aussehens  der  Menschen  aus,  da  doch  der  Bau 
derselbe  sei  (cap.  7).  Nach  der  Besprechung  der  inneren  Organe  wird 
auch  die  Fortpflanzung  austührlich  behandelt  (cap.  12 — 13).  Aus  der 
rechten  Seite  des  Uterus  gehen  die  männlichen,  aus  der  linken  die 
weiblichen  Embryonen  nach  der  Befruchtung  hervor.  Der  Same  geht 
entweder  aus  dem  Mark  oder  aus  dem  ganzen  Körper  hervor.  Die 
Theorie  der  Zeugung  wird  nach  V a r r o  und  Aristoteles  ent- 
wickelt. ') 

Auch  Clemens  Alexandrinus  beschäftigt  sich  mit  der  Ent- 
stehung des  Embryo  (Pädagog.  I  cap.  6)  und  erklärt  die  Muttermilch 
für  verwandeltes  Blut,  was  in  einer  ausführlichen  physiologischen 
Darlegung  begründet  wird  (Pädagog.  ibid.). 

Dionysius  Alexandrinus  stellt  teleologische  Betrachtungen 
über  die  verschiedene  Lebensdauer  der  Organismen  und  über  den 
Bau  des  menschlichen  Körpers  an  {rceql  (pvaecog  S.  339  und  417  ed. 
Eouth). 

Auch  diätetische  und  therapeutische  Bemerkungen  finden 
wir  in  den  Schriften  der  Kirchenväter.  So  handelt  Clemens  Ale- 
xandrinus vom  Weintrinken  (Pädagog.  II,  2,  19—34).  Der  Wein 
ist   für  ihn  nur  ein  „Pharmakon":   „Wer  den  Wein,    eine  Arznei, 


^)  Ausführliche   Inhaltsangabe   der   Schrift   des   Lactantius   bei   Harnack 
a.  a.  0.  S.  52—56;  vgl.  auch  Brandt,  „Wiener  Studien"  1891,  Bd.  XIII  S.  255—292. 


Byzantinische  Medizin.  497 

unmässig  braucht,  bedarf  einer  neuen  Arznei  wider  den  Wein."  — 
„Es  ist  nicht  passend,  der  ohnehin  glühenden  Jugend  die  hitzigste 
aller  Flüssigkeiten  zuzuführen,  den  Wein,  als  wolle  man  Feuer  dem 
Feuer  zugiessen."  —  „Ich  erinnere  mich,  dass  ein  gewisser  Artorius 
in  seiner  Makrobiotik  die  Meinung  aufstellt,  man  solle  nur  so  viel 
trinken,  als  zur  Befeuchtung  der  Speisen  nötig  ist,  um  sich  eines 
längeren  Lebens  zu  erfreuen."  Novatian  warnt  vor  dem  Früh- 
schoppen (De  cibis  iudaicis  6).  Extreme  Temperenzler  verwarfen 
auch  den  arzneilichen  Weingebrauch,  daneben  jede  Körperpflege  und 
alle  Arzneien.  Nur  das  Gebet  heile  (Tatian,  Orat.  ad  Gr.  20;  Ter- 
tullian,  Apolog.  23).  Andere  Kirchenväter  dagegen  erlaubten  Bäder 
(Tertullian,  Apolog.  42;  Clemens,  Pädagog.  III,  9),  Arzneien  und 
diätetische  Pflege  des  Körpers  (Clemens,  Pädagog.  III,  10  u.  A.). 
Im  ganzen  aber  galt  die  Medizin  als  eine  von  Heiden  erfundene  Kunst 
(Pseudojustinus,  Quaest.  et  Respons.  ad  Orthod.  55  p.  80  ed. 
Otto)  und  wurde  daher  mit  tiefem  Misstrauen  betrachtet.  Die  spe- 
zifisch christlichen  Heilmittel  waren  Gebet,  Handauflegung  und  Exor- 
cismus,  neben  welchen  „weltliche"  Arzneien  als  überflüssig  galten. 

Zahlreiche  Krankheiten  werden  in  den  Evangelien  erwähnt, 
wie  Lepra,  Wassei'sucht,  Ruhr,  Blindheit,  Taubheit,  Besessenheit  u.  s.  w. 
Paulus  litt  wahrscheinlich  an  Epilepsie.  Bekannt  ist  die  von  Euse- 
bius  und  dem  Verfasser  der  Schrift  „De  mortibus  persecutorum"  ent- 
worfene Schilderung  der  Krankheit  des  Kaisers  Galer ius  (wahr- 
scheinlich phagedänischer  Schanker  der  Genitalien);  Euseb.,  Hist 
eccles.  VIII,  16,  31f.;  De  vita  Constantini  I,  57,  2;  Anonymus,  „De 
mortibus  persecutorum"  cap.  33).  Die  Pest,  welche  wie  den  Juden 
im  Mittelalter,  so  damals  den  Christen  in  die  Schuhe  geschoben  wurde, 
wird  von  Dionysius  von  Alexandrien  (bei  Euseb.,  Hist.  eccles.  VII, 
21),  Cyprian  im  Traktat  „Von  der  Sterblichkeit"  und  in  der  Schrift 
„An  Demetrian"  (cap.  10 ff)  geschildert.  Eusebius  gedenkt  einer 
Karbunkelepidemie  (Hisl  ecel.  IX,  8). 

Nach  einer  Richtung  hin  hat  der  Einfluss  des  Christentums  auf 
die  Heilkunde  einen  bedeutenden  Fortschritt  bewirkt.  Das  betrifft  die 
Ausbildung  und  den  Aufschwung  der  Krankenpflege.') 

Freilich  lässt  sich  Haesers  Anschauung,  dass  die  eigentlichen 
Krankenhäuser  und  Krankenhauspflege  im  modernen  Sinne  erst  christ- 
liche Schöpfungen  sind,  angesichts  der  neueren  Forschungen  nicht 
mehr  aufrncht  erhalten.-)  Zwar  lassen  sich  die  griechischen  Askle- 
pieien  und  Jatreien  kaum  mit  den  späteren  Krankenhäusern  ver- 
gleichen (s.  oben  S.  180 — 182)  und  auch  die  römischen  Valetudinarien 
für  und  Sklaven  Soldaten  dienten  eher  dem  egoistischen  Interesse  der 
Herren  (Cato,  De  re  rust.  II,  2;  Columella,  De  re  rust.  XI,  1;  18; 


^)  Litterat ur  bis  1875  bei  H.  Haeser,  „Geschichte  der  Medizin"  Bd.  I 
S.  438 — 439  (Hauptwerk:  H.  Haeser,  „Geschiclite  christlicher  Krankenpflege  und 
Pflegerschaften",  Berlin  1857,  8").  —  Bufalini,  „Dell'istoria  degli  spedali  etc.", 
Siena  1872,  8"  (gründlich).  —  E.  Küster,  „Die  Krankenpflege  in  Vergangen- 
heit und  Gegenwart",  Marburg  1885.  —  C.  Tollet,  „Les  edifices  hospitaliers  depuis 
leur  origiues  jusqu'ä  nos  jours",  Paris  2.  ed.  1893.  —  A.  Harnack  a.  a  0.  S.  107 — 
111.—  E.  Dietrich,  „Geschichtliche  Entwicklung  der  Krankenpflege",  Berlin  1898, 
8",  182  S.  —  R.  Virchow,  „Ueber  Hospitäler  und  Lazarette"  in:  Gesammelte  Ab- 
handlungen; Berlin  1879,  Bd.  II  S.  8fl. 

^)  Schon  C.  F.  Heusinger  bemerkt:  „Uebrigens  ist  die  allgemeine  mit  so 
grosser  Emphase  vorgetragene  Behauptung,  dass  die  Hospitäler  zuerst  von  Christen, 
gegründet  wurden,  keineswegs  bewiesen",  Jauus  Bd.  I,  1846,  S.  771. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  32 


498  Iwan  Bloch. 

XII,  3;  7;  Tacitus,  De  oratoribus  21)^)  als  der  darin  behandelten 
Patienten.  Aber  schon  im  dritten  Jahrhundert  vor  Christo  richtete 
der  buddhistische  König  Asoka  Hospitäler  für  Menschen  und  Tiere 
ein,  ^)  und,  wenn  man  hierfür  die  Aehnlichkeit  buddhistischer  mit 
christlichen  Lehren  etwa  verantwortlich  machen  wollte,  so  lässt  sich 
dieses  ganz  und  gar  nicht  von  der  grausamen  und  finsteren  Religion 
der  präcolumbischen  Mexikaner  sagen.  Und  doch  hatten  auch  diese 
wohleingerichtete  Hospitäler  für  Kranke  und  Arme,  die  von  Aerzten 
geleitet  wurden  und  durch  die  uneigennützige  und  selbstlose  Privat- 
wohlthätigkeit  der  Bevölkerung  erhalten  wurden.  Ihnen  strömten  die 
Kranken  aus  allen  Teilen  des  Landes  zu.'')  Es  handelt  sich  also 
durchaus  nicht,  wie  Dietrich  ohne  nähere  Kenntnis  der  zuerst  von 
mir  a.  a.  0.  angeführten  Stellen  behauptet,  *)  um  blosse  „Armenhäuser" 
oder  ,,Herbergen"  und  um  ein  vollkommenes  Fehlen  der  „Gemeinde- 
pflege" oder  der  „Kranken fürsorge",  sondern  dieselbe  ethische  Be- 
wegung, welche  beim  Auftreten  des  Christentums  auch  unter  den 
Heiden  weit  verbreitet  war  und  zum  Teil  für  die  Schöpfung  des  letzteren 
mitverantwortlich  gemacht  werden  muss,  wird  auch  bei  den  alten 
Mexikanern  zur  Einrichtung  jener  Werke  der  Nächstenliebe  geführt 
haben.  Dass  sie  sich  im  Christentum  weit  kräftiger  geltend  gemacht 
hat  als  in  der  heidnischen  Welt,  soll  nicht  bestritten  werden.  Prin- 
zipiell war  sie  auch  in  dieser  vorhanden,  wie  auch  aus  Harnacks 
Darstellung  (a.  a.  0.  S.  93)  hervoi-geht,  der  die  ähnliche  Eichtung  der 
heidnischen  Philosophie  auf  die  Linderung  des  Menschenleides  nach- 
wißist. 

Die  christliche  Lehre  stellte,  dem  Beispiele  ihres  Stifters  folgend, 
die  Krankenpflege  als  ethische  Hauptaufgabe,  ihrer  Anhänger  hin 
(Lactantius,  Div.  inst.  VI,  12:  aegros  quoque  quibus  defuerit  qui 
adsistat,  curandos  fovendosque  suscipere  summae  humanitatis  et  magnae 
operationis  est;  I  Clem.  59:  Tobg  dod-eveli;  laoai  .  .  .  e^avdazrioov 
rovg  äa^avadviag,  7tagay.dleaov  xovg  öliyoipvxovvTag).  Die  Hilfe  in 
Krankheitsfällen  wurde  früher  als  eine  Gemeindesache  angesehen.  Im 
Jakobusbrief  (cap.  5,  14)  heisst  es:  „Ist  jemand  krank,  der  rufe  zu 
sich  die  Aeltesten  der  Gemeinde",  und  auch  in  dem  Polykarpbrief 
(cap.  6,  1)  wird  die  Krankenfürsorge  als  eine  Obliegenheit  der  Aeltesten 
bezeichnet.  Beim  sonntäglichen  Gottesdienst  wurden  freiwillige  Gaben 
für  die  Armen  und  Kranken  gesammelt  (Justin,  Apologie  cap.  67; 
T  e  r  t  u  1 1  i  a  n ,  Apologeticus  cap.  39).  Oberleiter  der  Krankenpflege 
war  der  Bischof,  oft  zugleich  auch  ein  Arzt  (Ap.  Const.  III,  4).  Unter 
ihm  standen  die  Diakonen  und  die  „Witwen"  (Presbytiden)  [1.  Tim. 
5,  9  ff.].  In  einer  Anweisung  aus  dem  2.  Jahrhundert  (Harnack 
a.  a.  0.  S.  108  nach  „Texte  und  Untersuchungen  zur  Geschichte  der 
altchristlichen  Litteratur"  Bd.  li  H.  5  S.  23)  heisst  es:  „In  jeder  Ge- 
meinde soll  (mindestens)  eine  Witwe  angestellt  werden,  um  den  von 
Krankheiten  heimgesuchten  Frauen  beizustehen,  die  dienstfertig  sei, 
nüchtern,  das  Nötige  den  Presbytern  meldend,  nicht  gewinnsüchtig, 
nicht  vielem  Weingenuss  ergeben,  damit  sie  nüchtern  zu  sein  vermag 


')  Eine  Ausnahme  machten  vielleicht  die  Institute  zur  Behandlung  erkrankter 
Vestaliiinen  (Plin.  jun.,  Epist.  VII,  19). 

-)  S.  ob.  S.  152.  Die  ärztliche  Ethik  der  Inder  verlangte  auch  bereits  unent- 
geltliche Behandlung  der  Armen. 

')  Iwan  Bloch,  „Der  Ursprung  der  Syphilis",  Jena  1901,  Teil  I  S.  225. 

*)  Dietrich  a.  a.  0.  S.  4. 


Byzantinische  Medizin.  499 

für  die  nächtlichen  Hilfeleistungen."^)  Aus  dieser  Witwenpflege  ent- 
stand das  Institut  (viduitas)  der  Diakonissen,  die  zuerst  im  Plinius- 
brief  (104  n.  Chr.)  erwähnt  werden.  -)  Der  Bischof  Johannes  Chry- 
sostomos  in  Konstantinopel  (400  n.  Chr.)  hatte  40  Gemeindediako- 
nissen zu  seiner  Verfügung,  unter  denen  die  aus  vornehmer  Familie 
stammende  junge  Witwe  Olympias  die  berühmteste  war.  Ausser 
den  Kranken  wurden  von  ihnen  über  3000  Arme  verpflegt  (Chry- 
sostom.,  Homil,  in  Matth.  67).  Das  Konzil  von  Chalcedon  bestimmte 
für  die  Diakonissen  das  Alter  von  40  Jahren.  Um  600  n.  Chr.  er- 
baute der  Patriarch  von  Konstantinopel  Cyriacus  eine  „Kirche  der 
Diakonissen",  die  heute  noch  als  türkische  Moschee  erhalten  ist. 
Schon  in  der  byzantinischen  Zeit  verschwand  das  Institut  der  Diako- 
nissen, die  seit  dem  8.  Jahrhundert  nicht  mehr  erwähnt  werden. 

Die  weiblichen  Pfleger  traten  aber  in  der  ältesten  Kirche  gegen- 
über den  männlichen  in  den  Hintergrund.  Armen-  und  Krankenpflege 
war  eine  Hauptaufgabe  der  Diakonen  (Ep.  P  s  e  u  d  o  c  1  e  m.  ad  Jacob.  12). 
Die  umfassende  Thätigkeit  derselben  wird  uns  durch  die  Briefsamm- 
lung des  Cyprian  bezeugt  und  tritt  uns  ganz  besonders  in  der  Zeit 
der  Pest  entgegen  (Ter tu  11.,  Apolog.  39).  Häufig  waren  die  Diakonen 
Vorsteher  der  mit  den  Kirchen  verbundenen  Herbergen  für  Arme, 
Fremde  und  Kranke,  der  „Diakonien"  oder  ,.Matriculae".  Im  9.  Jahr- 
hundert gab  es  in  Rom  24  Diakonien,  deren  Vorsteher  „Kardinal- 
diakone'*  hiessen. 

Die  öffentlichen  Krankenhäuser  sind  byzantinischen 
Ursprungs,  wo  sie  den  Namen  „Xenodochium",  „Nosocomium",  „Orphano- 
trophium",  „Ptochotrophium",  „Gerontocomium",  „Brephotrophium" 
führten.  ■^)  Das  älteste  Xenodochium  war  das  vom  heiligen  B  a  s  i  1  i  u  s  *) 
370  n.  Chr.  in  Caesarea  gegründet.  Diese  „Basilias"  umfasste  Armen-, 
Fremden-  und  Magdalenenhäuser  sowie  ausserhalb  dei-selben  befind- 
liche voaoy.of.aia.  Von  einzelnen  berühmten  Ki*ankenhäusern  sind  zu 
erwähnen  das  von  der  Fabiola  um  400  n.  Chr.  in  Rom  begründete, 
das  von  dem  heiligen  S  a  m  s  o  n  zu  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  in  der 
Nähe  der  Sophienkirche  in  Konstantinopel  errichtete  (Procopius, 
De  aedif.  Justiniani  I  cap.  2),  die  Hospitäler  der  Kaiserin  Eudoxia 
(t  420)  in  Jerusalem,  die  grossartige  Krankenhausstiftung  des  Bischofs 
Masona  in  Merida  in  Spanien  (um  580  n.  Chr.),  welche  Paulus 
Diaconus  als  Augenzeuge  beschreibt,*)  das  von  Childebert  I.  in 
Lyon  542  n.  Chr.  gestiftete  Hotel- Dieu, ")  das  Hospital  zu  Mailand 
(777  n.  Chr.). ')  Sehr  berühmt  war  das  von  Alexius  I.  (1081—1118) 
erbaute  „Orphanotropheum"  in  Konstantinopel,  das,  an  Grösse   einer 


^)  Paulus  rühmt  die  Phoebe,  die  Diakonin  der  Gemeinde  Kenchrea  (Römer 
16,  1-2). 

*)  Vgl.  E.  Chastel,  „Etudes  historiques  sur  l'influence  de  la  charite  durant 
les  Premiers  siecles  chretiens  etc.",  Genf  1853,  8"  (deutsch  von  Wichern,  Ham- 
burg 1854,  8°;  C.  Ziegler,  „De  diaconis  et  diaconissis  veteris  ecclesiae",  Witten- 
berg 1878,  4",  XXX,  266  S.;  Artikel  „Diakon"  und  „Diakonisse"  in  Herzogs  „ßeal- 
encyklopädie  der  protestantischen  Theologie",  Stuttg.  1855,  Bd.  III,  8". 

')  C.  F.  Heusinger,  „Ein  Beitrag  zur  ältesten  Geschichte  der  Krankenhäuser 
im  Occidente"  in:  Janus  1846,  Bd.  I  S.  773—774. 

■*)  Vgl.  über  diesen  E.  Meyer,  „Geschichte  der  Botanik",  Königsb.  1855,  Bd.  n 
S.  280-284. 

ö)  Abgedruckt  bei  Heusinger  a.  a.  0.  S.  772-773. 

*)  Pointe,  „Histoire  du  grand  Hötel-Dieu  de  Lvon",  Lyon  1842,  S.  6. 

'')  Muratori,  „Antichitä  del  Medio  Evo"  11  S.  1029. 

32* 


500  Iwan  Bloch. 

kleinen  Stadt  gleichend,  um  die  Paulskirche  sich  ausdehnte  und,  wie 
das  Hospital  von  Merida,  Kranken  und  Armen  jeder  Konfession  Auf- 
nahme gewährte,  auch  sich  der  thatkräftigen  Hilfe  der  kaiserlichen 
Familie  erfreute,  endlich  das  von  Isaak  IL  (1185—1195)  erbaute 
Hospital  der  vierzig  Märtyrer  (Nicetas  Choniates,  „De  Isaaco 
Angelo"  III  p.  585). 

Früh  schlössen  sich  an  diese  Stiftungen  die  Hospize  für  Wanderer 
und  auf  der  Eeise  Erkrankte,  welche  in  Gebirgen  und  einsamen 
Gegenden  erbaut  wurden,  so  auf  dem  Gipfel  des  Apennin,  an  der 
Grenze  von  Modena  und  Toskana  das  „Spedale  di  S.  Pellegrino",  das 
von  der  Gräfin  Mathilde  gegründete  „Ospedale  di  Frassinoro".  Papst 
Hadrian  I.  (772 — 795)  gedenkt  bereits  der  Hospize  in  den  Alpen, 
von  denen  das  des  heiligen  Bernhard  das  berühmteste  war.  ^)  Hier- 
her gehören  auch  die  Leproserien,  die  Spezialkrankenhäuser  für 
Aussätzige  (seit  dem  5.  und  6.  Jahrhundert).  Das  „Lobotrophium"  des 
hl.  Zoticus  in  .Konstantinopel  war  höchstwahrscheinlich  ein  solches 
Aussatzspital.  ^)  Besondere  Beamte  der  Krankenhäuser  und  Hospitäler, 
die  sogenannten  „Parapemponten"  oder  „Parabalanen",  Kranken - 
aufs u eher,  mussten  die  hilflosen  Kranken,  namentlich  Fremde,  auf- 
suchen und  in  das  Hospital  begleiten.  Sie  werden  zuerst  vom  hl. 
Basilius  bei  dem  Krankenhause  von  Caesarea  erwähnt  (Basil., 
Epist.  94).  In  Alexandria  gab  die  grosse  Zahl  dieser  Parabalanen, 
welche  den  Klerikern  als  Leibwache  und  Werkzeug  dienten,  zu  Miss- 
bräuchen Veranlassung,  welche  den  Kaiser  Theo  dos  ins  I.  in  den 
Jahren  415  und  418  n.  Chr.  zu  gesetzlichen  Massnahmen  veranlassten 
(Cod.  Theodor,  lib.  XVI  tit.  II  de  episcopis  et  clericis  1.  42  und  43), 
indem  er  die  Zahl  der  Parabalanen  einschränkte.") 

Neben  diesen  Einrichtungen  bestanden  in  der  byzantinischen  Zeit 
Findelhäuser  für  ausgesetzte  Kinder^)  sowie  Magdalenenhäuser  (juct«- 
voLa  =  Haus  der  Busse),  deren  erstes  von  Justinian  und  seiner 
Gemahlin  Theodora  gegründet  wurde  (Procopius,  De  aedificiis 
Justiniani  1.  I  cap.  9). 

Noch  einer  kulturgeschichtlichen  Bedeutung  des  Christentums  in 
der  Geschichte  der  Medizin  der  byzantinischen  Epoche  ist  hier  kurz 
zu  gedenken.  Das  ist  die  besonders  durch  Vermittelung  der  syrischen 
Nestorianer  erfolgte  Verpflanzung  griechischer  Medizin  in  den 
Orient    (Persien    und  Arabien).'"^)     Vor  Alexander  dem  Grossen 


1)  Fr.  Puccinotti,  „Storia  della  medicina",  Florenz  1870,  Bd.  II  S.  231. 

2)  Ibidem  S.  229. 

*)  Vgl.  C.  F.  Heusinger,  ,,Die  Parabalanen  oder  Parapemponten  der  alten 
Xenodochien^'  in:  Janus  1847,  Bd.  11  S.  500-525. 

*)  Sie  hiessen  „Krippen''  (creches)  nach  der  in  Frankreich  seit  dem  5.  Jahr- 
hundert bestehenden  Sitte,  die  ausgesetzten  Kinder  in  eine  marmorne  Wanne  oder 
Krippe  am  Ein  gange  der  Kirchen  zulegen.  De  Gerando,  „Bienfaisance  publique", 
Paris  1846,  Bd.  II  S.  55. 

^)  Litteratur:  Gregorii  Abul  Pharagii  historia  compendiosa  dynastiarum  ed. 
latin.  ab  E.  Pocockio,  Oxford  1663,  4**.  —  Jos.  Simon  Assemani,  „Bibliotheca 
Orientalis  Clementino-Vaticana",  Eom  1719—1728,  4  Bde.  fol.  (bes.  Bd.  III  pars  2 
S.  924  ff.).  —  J.  H.  Schulz,  ,,I)e  Gandisapora  Persarum  quondam  academia  medica" 
in:  ,,Commentarii  Academ.  scient.  imperial.  Petropolitanae''  Bd.  XIII,  Petersburg 
1744,  S.  437  ff.  —  J.  G.  Wenrich,  „De  auctorum  graecorum  versionibus  et  com- 
mentariis  Syriacis  Arabicis  Armeniacis  Persicisque  commentatio",  Leipzig  1842.  8  **.  — 
Paul  de  Lagarde,  „Analecta  syriaca",  Leipz.  1858.  —  E.  Sachau,  „Ueber  die 
Reste  der  syrischen  Uebersetzungen  classisch-griechischer  nacharistotelischer  Litteratur 
unter  den  nitrischen  Handschriften  des  Brit.  Museums"  in:  Hermes  1870,  IV  S.  70  — 


Byzantinische  Medizin.  501 

waren  es  besonders  die  Juden  gewesen,  welche  in  Syrien,  Persien  und 
Mesopotamien  geistige  Bildung  verbreitet  und  Schulen  gegründet 
hatten,  nach  Alexanders  Zuge  fasste  die  griechische  Bildung 
Wurzel  in  diesen  Ländern. 

Später  waren  es  die  syrischen  Christen,  vornehmlich  der  Sekte 
der  von  den  byzantinischen  Kaisern  seit  der  Mitte  des  5.  Jahrhunderts 
vertriebenen  Nestorianer  angehörend,  welche  in  Mesopotamien  und 
Persien  die  Wissenschaften  verbreiteten,  natürlich  mit  besonderer  Be- 
vorzugung der  Theologie,  wie  denn  die  grosse,  einer  Universität  ähn- 
liche Schule  zu  N  i  s  i  b  i  s  nur  dem  Studium  der  letzteren  Wissenschaft 
diente. 

Die  ältesten  syrischen  Uebersetzer  profaner  griechischer  Schriften 
(Aristoteles)  zwischen  430  und  460  n.  Chr.  hatten  sich  nach  Edessa 
in  Mesopotamien  begeben,  wo  bereits  eine  christliche  Schule  bestand  und 
460  n.  Chr.  vom  Bischof  Nonus  auch  ein  Hospital  begründet  wurde. 
Die  Namen  der  berühmtesten  Nestorianer  von  Edessa  aus  dieser 
Periode  sind:  Ihlba,  Prübä,  Kürai  und  Ma'nä.  Unser  Interesse 
beanspruchen  am  meisten  jene  Nestorianer  der  nordmesopotamischen 
Schule  des  6.  und  7.  christlichen  Jahrhunderts,  welche  sich  besonders 
mit  dem  Studium  der  griechischen  Philosophen  und  Aerzte  und  ihrer 
Uebersetzung  ins  Syrische  beschäftigten.  Zu  ihnen  gehören  vor  allen 
Sergius  von  Ra'sain,  Athanasius  von  Balad,  Jakob  von 
Edessa  und  Georg,  Bischof  der  Araber. 

Der  berühmteste  war  ohne  Zweifel  der  Presbyter  und  Archiater 
Sergius  von  Ra'sain  (Sergios  von  Resaina),^)  der  in  der  ersten 
Hälfte  des  6.  Jahrhunderts  lebte  (f  536).  Er  wurde  von  Efrem, 
dem  Patriarchen  von  Antiochia,  zum  Papst  Agapitus  nach  Rom  ge- 
schickt und  begleitete  diesen  nach  Konstantinopel.  -)  Er  hat  den 
Galen  und  Hippokrates  ins  SjTische  übersetzt.  =^) 

Die  spätere  Thätigkeit  der  Nestorianer  in  der  Medizinschule  von 
Gondisapur  in  Persien,  sowie  ihre  Vei-schmelzung  mit  der  arabischen 
Medizin  fällt  ausserhalb  des  Rahmens  dieser  Einleitung  und  gehört 
der  Darstellung  der  arabischen  Medizin  an.*) 


Neben  dem   Einflüsse  der   christlichen   Lehre  ist   derjenige   der 
philosophischen  Mystik  und  des  Aberglaubens*)  bezeichnend 


79.  —  Der 8.,  „Syriaca  inedita",  Halle  1870.  —  W.  Wright,  „Syriac  Literature"  in: 
Encyclop.  Britannica,  Lond.  1887,  Bd.  22  S.  824—856  (S.-A.  London  1894).  — 
Ryssel,  Artikel  „Syrien'  in  Herzogs  Realencyclop.  der  prot.  Theol.,  Lpz.  1885, 
Bd.  XV  S.  185-190. 

')  Vgl.  über  ihn  E.  Sachau  in:  Hermes  1870,  Bd.  IV  S.  77;  K.  Krum- 
b acher  a.  a.  0.  1897,  S.  243;  E.  Meyer,  „Geschichte  der  Botanik",  Königsberg 
1856,  Bd.  III  S.  33—37. 

^)  Vgl.  Assemani  a.  a.  0. II,  315.  Was  Barhebraeus  (AbulPharagius) 
dort  (II,  323)  von  Sergius  erzählt,  stammt  aus  einer  Schrift  des  Zacharias  von 
Melitene.  Die  Stelle  auch  in  einem  syrischen  Codex  (Add.  17202  Bl.  166 ff.)  des 
Britischen  Museums. 

^)  Näheres  über  die  Beschäftigung  des  Sergius  von  Ra'sain  mit  Galen  im 
Kapitel  „Geschichte  des  Galenismus"  meines  in  Vorbereitung  befindlichen  Werkes 
„Einführung  in  das  Studium  der  galenischen  Medizin". 

*)  Vgl.  darüber  H.  Haeser,  „Geschichte  der  Medizin",  Jena  1875,  I  S.  450 — 
452;  E.  Meyer  a.  a.  0.  III  S.  23—31. 

")  Litteratur:  Bis  1875  bei  Haeser  I,  432.  —  G.  Ritter  v.  Ritters- 
hain, „Der  medicinische  Wunderglaube  und  die  Incubation  im  Alterthum",  Berlin 


502  Iwan  Bloch. 

für  den  Charakter  der  byzantinischen  Epoche.  Er  erklärt  sich  aus 
der  oben  gekennzeichneten  innigen  Berührung  antiker  Kultur  mit 
orientalischem  Wesen.  Denn  der  Orient  war  von  jeher  die  Heimat  des 
Wunderglaubens  und  der  Mystik  gewesen.  Das  menschliche  Leben 
wird  früh  mit  tellurischen  und  kosmischen  Erscheinungen  in  Ver- 
bindung gebracht,  woraus  die  medizinische  Magie,  Astrologie  und  der 
Dämonenglaube  ihren  Ursprung  nehmen,  v.  Oefele  liat  geistvoll 
diese  Beziehungen  zwischen  Makrokosmos  und  Mikrokosmos  in  Meso- 
potamien und  Aegypten  geschildert  (s.  oben  S.  55 — 57;  S.  71 — 72; 
S.  73;  S.  95—96).  Bezeichnend  ist  z.  B.,  dass  eine  Wiederaufnahme 
babylonischer  Amulette  in  byzantinischer  Zeit  nachweisbar  ist  (s.  oben 
S.  69),  was  auf  eine  Belebung  uralter  babylonischer  Anschauungen  in 
byzantinischer  Zeit  hindeutet.  Auch  von  den  höchst  wundergläubigen 
Römern  erbten  die  Byzantiner  einen  grossen  Teil  des  aus  dem  Orient 
entsprungenen  medizinischen  Aberglaubens.  Schon  zu  Galen  s  Zeit 
hatte  die  medizinische  Astrologie  von  Aegypten  her  in  Rom 
Wurzel  gefasst  und  galt  Aerzten  und  Nichtärzten  als  unentbehrlich 
in  der  Therapie  ( J  u  v  e  n.  IV,  553  if.).  Selbst  ein  so  aufgeklärter  Arzt 
wie  Galen  bestätigte  aus  eigener  „Erfahrung"  die  Angabe  der  ägyp- 
tischen Astrologen,  dass  die  Konstellation  des  Mondes  zu  den  guten 
und  bösen  Planeten  die  guten  und  bösen  Tage  für  die  Kranken  be- 
stimme. Wenn  bei  der  Geburt  eines  Menschen  die  guten  Gestirne  im 
Widder,  die  bösen  im  Stier  stehen,  so  sind  für  ihn  Krankheiten  am 
gefährlichsten,  wenn  der  Mond  im  Stier,  Löwen,  Skorpion  oder  Wasser- 
mann steht,  dagegen  ist  keine  Gefahr,  wenn  er  durch  den  Widder, 
Krebs,  die  Wage  und  den  Steinbock  geht.  Galen  schilt  die  dies 
nicht  glaubenden  Leute  „Sophisten".  Denn  es  handelte  sich  um  oifen- 
bare  Thatsachen  (Galen.  IX,  910—913).  Um  die  Mitte  des  4.  Jahr- 
hunderts schrieb  Firmicus  Maternus  sein  berühmtes  Werk  über 
Astrologie  (Astronomicorum  libri  VIII  oder  „De  Mathesi"),  den  Kanon 
des  astrologischen  Aberglaubens,  der  keineswegs  durch  das  Christen- 
tum verdrängt  werden  konnte,  sondern  sogar  die  Lehren  einiger 
christlicher  Sekten  wie  der  Gnostiker  und  Priscillianisten  durchsetzte, 
in  der  Medizin  (vgl.  z.  B.  Aetios,  Tetrab.  I  Sermo  III  cap.  164; 
Alex.  Trall.  ed.  Puschm.  II,  579)  bekanntlich  bis  zum  18.  Jahr- 
hundert Anhänger  fand.  Bei  Niederkünften  mussten  Astrologen  zu- 
gegen sein,  um  sofort  dem  Kinde  die  Nativität  zu  stellen  (Sext. 
Empir.  739,  29;  Augustinus,  Confess.  VII,  6,  8). 

Neben  den  Astrologen  spielten  die  Z a u b e r i n n e n  und  Zauberer 
schon  seit  der  römischen  Kaiserzeit  eine  bedeutende  Rolle.  Erstere 
waren  meist  Weiber  von  -schlechtem  Rufe,  ehemalige  Prostituierte  und 
Kupplerinnen,  die  Schönheitsmittel,  Liebestränke,  oft  auch  Gift  be- 
reiteten (Martial.  IX,  29;  Ovid.,  Amores  I,  8;  Propert.  IV,  5; 
Lucian.,  Dialog,  meretr.  4;  Horat,  Epod.  5)  und  selbst  von  vor- 


1878,  8°,  111  S.  —  Häbler,  „Astrologie  im  Alterthum",  Progr.  Zwickauer  Gym- 
nasium, Berlin  1879.  —  deRochas,  „La  science  des  phüosophes  et  l'art  des 
thaumaturges  dans  l'antiquite",  Paris  1882.  —  V.  Loret,  „L'Egypte  au  temps  des 
Pharaons",  Paris  1889,  8 »  (darin  Kap.  „Medecine  et  sorcellerie",  S.  205—256).  — 
A.  Dietrich,  „Abraxas",  Leipzig  1891.  — •  R.  Heim,  „Incantamenta  magica  graeco- 
latina",  Leipzig  1892.  —  K.  Kiesewetter,  „Der  Occultismus  des  Alterthums", 
Leipzig  1896.  —  Alfr.  Lehmann,  ,, Aberglaube  u.  Zauberei  von  d.  ältesten  Zeiten 
bis  auf  d.  Gegenwart",  deutsch  v.  Peterson,  Stuttg.  1898,  8°,  XII,  556  S.  — 
Artikel  „Aberglaube"  von  Riess  bei  Pauly-Wissowa  1893,  I.  Sp.  29—93.  — 
W.  Kroll,  „Antiker  Aberglaube",  Hamb.  1899,  8  o. 


Byzantinische  Medizin.  503 

nehmen  Frauen  aufgesucht  wurden  (Plutarch.,  Conjug.  praec.  5  u. 
48.^)  Auch  die  männlichen  Magier  und  Zauberer  traten  bald  in 
grosser  Zahl  auf.  Der  ferne  Orient  sandte  die  antiken  Cagliostros 
und  St.  Germains.  Lucian  lässt  in  seinem  „Philopseudes'"  ver- 
schiedene Spezialitäten  dieser  Charlatane  auftreten,  einen  Libyer,  der 
sympathetische  Kuren  macht,  einen  Babylonier  tCuv  XaXdaiwv  als  ärzt- 
lichen Zauberer  und  Schlangenbeschwörer,  einen  Hyperboräer  als 
Zauberer,  einen  Syrer  aus  Palästina  als  Excorcisten  und  einen  Araber 
als  Zauberer.  -)  Die  berühmtesten  Wunderthäter  waren  der  von  den 
Weibern  wegen  seiner  Schönheit  sehr  verehrte  Alexandros  von 
Abonuteichos  und  Apollonios  von  Tyana'^)  und  der  persische 
Magier  Ostanes  (Dioskor.  IV,  33;  Plinius  XXX,  2).  Vielfach  rekru- 
tierten sich  diese  „Grosskophtas  des  Altertums"  (Friedländer)  aus 
der  Sekte  der  neuplatonisclien  Philosophen  (Apulej.,  Apol.  cap.  27), 
von  der  weiter  unten  die  Rede  ist. 

Aus  dieser  Zeit  stammt  auch  der  Glaube  an  die  Heilkraft  der 
Berührung  durch  Königshand.  Im  Tempel  des  Serapis  zu  Memphis 
heilte  Kaiser  Vespasian  einen  Blinden  und  einen  Lahmen  durch 
seine  Berührung  und  erfuhr  selbst  das  Wunder  des  Fernsehens  an  der 
eignen  Person  (Sueton.,  Vespan.  cap.  7;  Dio  Cass.  56,  8;  Tacit., 
Histor.  IV,  81).*)  Auch  die  Wunder  des  neuen  Testamentes  (Heilungen 
von  Blinden,  Lahmen  u.  s.  w.)  gehören  hierher,  und  Friedländer 
führt  treffend  aus,  wie  gerade  durch  den  Kampf  der  Religionen  der 
Wunderglauben  gesteigert  wurde,  indem  dieselben  in  Wundern  mit- 
einander wetteiferten  und  sich  zu  überbieten  suchten  (III,  553). 

Die  Verknüpfung  der  Medizin  mit  dem  religiösen  Glauben  offen- 
.  harte  sich  ferner  in  der  kräftigen  Wiederbelebung  des  Glaubens  an  die 
Heilung  von  Krankheiten  durch  Träume,  die  Oneiromantik 
der  alten  Asklepieien,  in  den  Tempeln  des  Aeskulap,  der  Isis,  des 
Serapis  u.  a.,  wo  diese  Gottheiten  den  Kranken  bisweilen  leibhaftig 
erschienen  (Or  igen  es  contra  Gels.  III,  24;  Aristides,  Orat.  VII 
ed.  Dindorf  I  S.  78),  meist  aber  durch  Träume  den  Heilplan  über- 
mittelten. Artemidoros  sagt :  „In  Bezug  auf  die  Verordnungen,  dass 
nämlich  die  Götter  den  Menschen  (im  Traume)  Behandlungen  von 
Krankheiten  verordnen,  ist  es  unnütz  Fragen  aufzuwerfen.  Denn 
viele  sind  in  Pergamus,  Alexandria  und  an  anderen  Orten  durch  Ver- 
ordnungen geheilt  worden,  und  manche  glauben,  dass  die  Wissenschaft 
der  Heilkunde  aus  ihnen  hervorgegangen  sei"  (A  r  t  e  m  i  d  o  r. ,  Oneirocr. 
IV,  22).  Die  Götter  verordneten  in  den  Träumen  Salben  und  Ein- 
reibungen, diätetische  Massregeln  u.  dgl.,  und  diese  oft  drastischen 
Vorschriften  wurden  von  den  Kranken  besser  befolgt  als  diejenigen 
der  Aerzte  (Galen.  XVII  B,  135—143).  Selbst  Galen  wurde  durch 
Asklepios  von  einem  gefährlichen  Geschwür  befreit  (Galen.  XIX, 
19).  In  Rom  leistete  besonders  die  Minerva  Memor,  die  „ge- 
denkende" oder  „Aerztin  Minerva"  Hilfe  auf  dem  Wege  der  Oneiro- 


^)  Vgl.  0.  Hirschfeld,  „De  incantamentis  et  devinctionibus  amatoriis  apud 
Graecos  Romanosque",  Königsberg  1863. 

*)  Friedländer,  „Sittengeschichte  Roms",  6.  Aufl.  1888,  I,  510. 

»J  ibidem  S.  511. 

*)  Die  Könige  der  Germanen,  von  Frankreich  und  England  hatten  später 
dieselbe  Wundergabe.  Vgl.  meine  Schrift  „Der  Ursprung  der  Syphilis",  Jena  1901, 
Teil  I  S.  146  und  H.  Vierordt,  „Medizinisches  aus  der  Weltgeschichte",  Tübingen 
1893,  S.  74—77. 


504  Iwan  Bloch, 

mantik.  ^)  Ausser  den  spezifischen  „Heilgöttern"  konnten  auch  alle 
übrigen  Götter  unter  Umständen  durch  Traumsendungen  Kranke  heilen, 
wie  in  Ephesus  die  Diana,  in  Alexandria  Serapis,  in  Rom  die 
Bona  Dea,  in  Panias  Pan,  in  Lycien  Leto,  in  Nordafrika  die 
„himmlische  Göttin"  von  Karthago,  in  jeder  Gegend  die  hauptsäch- 
liche Lokalgottheit.  Auch  grosse  Aerzte  wurden  nach  ihrem  Tode 
als  heilbringende  „Arztheroen"  (fjgtog  iargog)  verehrt,  wie  in  Athen 
der  Arzt  Aristomachos  und  der  Skythe  Toxaris,  der  Athen 
von  einer  grossen  Epidemie  befreit  hatte  (Lucian,  Scytha  2)  und 
dessen  Grabstein  Fieberkranke  heilte.  Nicht  minder  besassen  nichtärzt- 
liche Heroen  nach  ihrem  Tode  wunderbare  Heilkräfte  (Alexander 
der  Grosse,  der  Olympiasieger  Theagenes  u.  a.),  die  meist  in 
ihren  Standbildern  lokalisiert  wurden. '-) 

Freilich  wurden  mit  der  Oneiromantik  noch  andere  wirksamere 
therapeutische  Massregeln  verbunden,  wie  z.  B.  der  Genuss  und  das 
Baden  in  Mineralwässern.  Solch  ein  „heiliger  Brunnen"  befand  sich 
im  Asklepi OS- Tempel  zu  Pergamon,  dessen  Wasser  äusserlich  und 
innerlich  gebraucht,  viele  Leiden  beseitigte  (Aristid.,  Grat.  XVIII 
ed.  Dind.  I  p.  413). 

Der  oben  erwähnte  Alexandros  von  Abonuteichos  (105 — 
175  n.  Chr.)  hatte  in  seiner  Vaterstadt  (später  auf  sein  Betreiben 
„Jonopolis"  genannt)  ein  mit  allem  möglichen  schwindelhaften  Hokus- 
pokus ausgestattes  Orakel  eingerichtet,  das  über  20  Jahre  lang  sich 
eines  riesigen  Zulaufes  wundergläubiger  Personen,  auch  aus  den 
höchsten  Ständen,  erfreute  und  den  ärztlichen  Schwindel  im  grossen 
betrieb.  ^) 

Eine  noch  bestimmtere  Ausgestaltung  erfuhren  Magie  und  Zauber- 
glauben durch  ihre  Verknüpfung  mit  der  Philosophie.  ^)  Auch  diese 
Hess  sich  im  Neupiatonis mus  und  Neupythagoreismus  stark 
von  orientalischen  (indischen,  persischen,  chaldäischen,  ägyptischen, 
jüdischen)  Elementen  durchdringen  und  empfing  so  schon  an  sich  den 
Charakter  des  Mystischen  und  Religiösen.  Die  neuplatonische 
Philosophie  entwickelte  ganz  besonders  die  Lehre  von  den  Mittel- 
gliedern zwischen  menschlichen  und  göttlichen  Wesen,  den  sogenannten 
Dämonen,  die  vermittelst  der  Emanationen  (der  „Ideen"  des 
alten  Piatonismus)  aus  dem  göttlichen  Urgründe  hervorgehen.  Dieser 
göttliche  Ursprung  der  Dämonen  Hess  sie  an  Stelle  der  Volksgötter 
treten,  die  auf  die  Schicksale  der  Menschen  in  gutem  und  bösem  Sinne 
Einfluss  haben.  Dem  „guten  Engel"  steht  der  „böse  Dämon"  gegenüber, 
der  von  dem  Menschen  ganz  Besitz  ergreifen  kann  („dämonische  Be- 
sessenheit"), Unzweifelhaft  hing  dieser  Dämonenglaube  mit  den  alt- 
griechischen Vorstellungen  von  den  „Werwölfen"  und  den  Dämonen 
des  „Alpdrucks"  zusammen,  aus  welchen  sich  die  Krankheiten  der 
„Lykanthropie",  „Kynanthropie"  und   des  „Ephialtes"  ent- 


1)  Friedländer  a.  a.  0.  III,  575. 

2)  Ibidem  S.  575—577. 

^)  Ibidem  III,  563 — 567;  Ed.  Zeller,  „Alexander  und  Peregrinus,  ein  Be- 
trüger und  ein  Schwärmer"  in:  Deutsche  Rundschau  1877,  S.  62ff. ;  Fr.  Cumont, 
„Alexandre  d'Ahonotichos"  in:  Memoires  de  l'Acad.  royale  de  Belgique  1887,  Bd.  40. 

*)  Vgl.  Kuno  Fischer,  „Einleitung  zur  Geschichte  der  neueren  Philosophie", 
Heidelberg  1897,  S.  28-84;  Friedländer  a.  a.  0.  III,  516—520;  W.  Windel- 
band,  „Geschichte  der  Philosophie",  Freiburg  1892,  S.  164—171;  Harnack  a.a.O. 
S.  71—72. 


Byzantinische  Medizin.  505 

wickelten,  deren  ursprüngliche  Beziehungen  zu  religiösen  Vor- 
stellungen AV.  H.  Röscher  in  zwei  klassischen  Abhandlungen  nach- 
gewiesen hat, ')  die  sich  auch  eingehend  mit  den  Dämonen  dieser  Zu- 
stände beschäftigen.  Jene  altgriechischen  Volksgötter  wandelten  sich 
jetzt  in  die  dämonischen  Geisterwesen  des  religiösen  Piatonismus  um, 
als  welche  sie  auch  in  die  christlichen  und  jüdischen  Lehren  über- 
gingen. Seit  dem  2.  christlichen  Jahrhundert  verbreitete  sich  der 
Dämonenglaube  von  den  unteren  Volksschichten  in  die  oberen,  und 
bald  spielen  die  Dämonen  —  es  sind  jetzt  nur  noch  böse  —  in  der 
Litteratur  eine  grosse  Rolle.  Wie  auch  heute  noch  der  religiöse 
Wahnsinn  aus  den  zeitgenössischen  Religionen  seinen  Vorstellungs- 
inhalt entnimmt,  so  hing  auch  der  antike  Wahnsinn  mit  den  jeweiligen 
Formen  der  religiösen  Vorstellungen  zusammen '-)  und  nahm  so  zur 
Zeit  des  alles  überwuchernden  Dämonenglaubens  fast  immer  die  Form 
der  dämonischen  Besessenheit  an,  in  einer  solchen  Häufigkeit,  dass 
wir  uns  heute  kaum  noch  eine  Vorstellung  davon  machen  können  und 
nui'  durch  ab  und  zu  vorkommende  lokale  religiöse  Epidemien  von 
„Besessenheit''  daran  erinnert  werden.  Gegen  diese  in  den  Menschen 
fahrenden  Dämonen  wurde  dann  eine  bestimmte  Gattung  von  Zauberern 
zu  Hilfe  gerufen,  die  Exo reisten,  anfangs  orientalische  Magier, 
besonders  äg^'^ptische  Priester,  später  christliche  und  jüdische  Heil- 
kundige. Nach  Harnack  gab  es  schon  im  zweiten  Jahrhundert 
einen  Stand  von  Exorcisten,  wie  es  heute  neben  den  gelehrten  Aerzten 
„Naturärzte"  giebt,  obgleich  Skeptiker  wie  der  Jurist  Ulpian  (Digest. 
LXIII  cap.  1,  §  3j  gegen  ihre  Einreihung  in  den  Stand  der  Aerzte 
Einspruch  erhoben.  Das  Christentum  vor  allem  bediente  sich  der 
Exorcismen.  „Als  Dämonenbeschwörer  sind  die  Christen  in  die  grosse 
Welt  eingetreten.  . . .  Seit  der  Zeit  Justins  ist  die  christliche  Litteratur 
angefüllt  von  den  Hinweisen  auf  die  Dämonenbeschwörungen,  und 
mindestens  jede  grössere  Gemeinde  besass  Exorcisten.  die  ursprüng- 
lich als  besonders  begnadigte  Menschen  angesehen  wurden,  später 
aber  einen  eigenen  Stand  in  der  niederen  Hierarchie  neben  den 
Lektoren  und  Subdiakonen  bildeten.  .  .  .  Die  Kirche  zog  eine  feste 
Grenze  zwischen  ihren  Exorcisten,  die  im  Namen  Christi  handelten, 
und  den  heidnischen  Magiern,  Zauberern  u.  dgl.  Dennoch  vermochte 
sie  sich  gegen  gewinnsüchtige  Schwindler  nicht  genügend  zu  schützen, 
und  manche  ihrer  Exorcisten  waren  ebenso  zweideutige  Leute,  wie 
ihre  „Propheten".  Die  hohe  Schule  religiöser  Schwindeleien  war  in 
Aegypten,  worüber  sowohl  Lucians  „Peregrinus  Proteus"  als  der 
Brief  des  Hadrian  an  den  Servian  belehrt  (Vopiscus,  Saturn.  8). 
Sehr  frühe  schon  haben  heidnische  Beschwörer  die  Namen  der  Patri- 
archen (Orig.  contra  Cels.  I,  22),  Salomos,  ja  sogar  Jesu  Christi 
in  ihre  Zauberformeln  aufgenommen;  auch  jüdische  Exorcisten  fingen 
bald  an,  den  Namen  Jesu  in  ihre  Sprüche  einzuflechten  (Apostel- 
gesch.  19,  13).  Umgekehrt  musste  die  Kirche  ihre  eigenen  Exorcisten 
ermahnen  es  nicht  den  Heiden  nachzumachen."  =') 

Die  neu  pythagoreische  Lehre  bildet  die  altpythagoreische 


')  W.  H.  Röscher,  „Das  von  der  Kynanthropie  handelnde  Fragment  des 
Marcellns  von  Side",  Leipzig  1896,  hoch  4°,  92  S.;  Ders. ,  „Ephialtes.  Eine  patho- 
logisch-mythologische Abhandlung  über  Alpträume  und  Alpdämonen  des  klassischen 
Alterthums-',  Leipzig  1900,  hoch '4«,  133  S. 

-'}  W.  H.  Röscher,  „Kynanthropie"  S.  24. 

»)  A.  Harnack  a.  a.  0.  S.  74;  75—76. 


506  Iwan  Bloch. 

Philosophie  ebenfalls  in  einem  religiösen  Sinne  um,  indem  die  Zahlen 
das  Sinnbild  der  Weltordnungen  nach  der  Anschauung  des  Pytha- 
goras,  als  göttliche  Ideen  gefasst  wurden  und  so  im  Bereiche 
der  philosophischen  Mystik  eine  ausserordentliche  Bedeutung  erlangten. 
Die  Namen  und  Zahlen  spielen  auch  in  der  jüdischen  Kabbala^) 
eine  grosse  Eolle,  einer  schon  in  der  persisch  -  macedonischen  Zeit 
sich  entwickelnden,  auf  Grundlage  der  Emanationslehre  weiter  aus- 
gestalteten Geheimlehre,  welche  die  magischen  und  mystischen  Seiten 
des  irdischen  und  kosmischen  Lebens  zum  Gegenstande  hat.  Das  erste 
grundlegende  Werk  der  Kabbala  ist  das  aus  dem  7.  oder.  8.  christ- 
lichen Jahrhundert  stammende,  fälschlich  dem  Ben  Akiba  (1.  Jahrh, 
n.  Chr.)  zugeschriebene  Sepher  Jezira  (Buch  der  Schöpfung),'^) 
welches  die  Schöpfung  in  ihrer  Erscheinung  von  Zalilen  und  Buch- 
staben untersucht.  Der  göttliche  Wille,  der  sich  als  Wort  und  Zahl 
offenbart,  brachte  auf  den  32  Wegen  (22  Buchstaben  des  hebräischen 
Alphabets  und  10  Zahlen)  den  Kosmos  hervor.  Das  Buch  Sohar 
(„Glanz"),  ^)  in  aramäischer  Sprache  wurde  früher  dem  im  2.  christ- 
lichen Jahrhundert  lebenden  Mischnalehrer  Simon  ben  Jochai 
zugeschrieben,  ist  aber  höchstwahrscheinlich  eine  viel  spätere  Kom- 
pilation des  spanischen  Juden  Moses  de  Leon  (13.  Jahrhundert). 
Es  ist  eine  den  Pentateuch  in  mystischem  Sinne  erläuternde,  mit 
neuplatonischen  und  gnostischen  Elementen  durchsetzte  allegorische 
Schrift. 

Dem  Piatonismus,  Pythagoreismus  und  der  Kabbala  entnahm  die 
medizinische  Magie  ihre  wirksamsten  Mittel.  Unter  dem  Namen 
des  fabelhaften  Hermes  Trismegistos  entstanden  in  Aegypten 
zahlreiche  apokryphe  Schriften,  in  denen  sich  ägyptische,  griechische, 
jüdische  und  christliche  Ideen  in  Anknüpfung  an  den  Piatonismus  in 
der  wunderlichsten  Weise  vermischen.  Diese  ,. hermetischen"  Bücher 
sind  teils  in  griechischer,  teils  in  lateinischer  Sprache  geschrieben  und 
zum  grössten  Teil  bereits  im  zweiten  christlichen  Jahrhundert  ver- 
fasst.  Es  sind  Dialoge  zwischen  Hermes  Trismegistos  und 
seinem  Sohne  Tat  oder  seinem  Schüler  A  s  k  1  e  p  i  o  s.  Ein  Traktat 
führt  den  Titel  „noif-iavögog".  Andere  Schriften  sind  an  den  König 
Ammon  gerichtet.  Die  sogenannten  „Definitionen  des  Asklepios" 
stammen  aus  der  Zeit  Konstantins.  Die  Araber  und  Jamblichos 
schreiben  dem  Trismegistos  unzählige  Schriften  (20000)  zu,  von 
denen,  besonders  aus  arabischer  Zeit,  einige  über  Astrologie,  Alchemie, 
medizinische  Magie,  Amulette,  Talismane,  Steine,  Graphologie  u.  a.  m. 
erhalten  sind.  Mittelalterliche  Magie  und  Occultismus  operieren  be- 
sonders gern  mit  dem  Namen  und  den  Werken  des  Hermes  Tris- 
megistos.'^) 


^)  Vgl.  A.  Frank,  „Die  Kabbala"  deutsch  von  Jellinek,  Leipzig  1844,  8^. 
—  Eubin,  „Heidenthum  und  Kabbala",  Wien  1893. 

^)  Deutsch  von  Meyer,  Leipzig  1830. 

^)  Joel,  „Die  Religionspbilosophie  des  Sohar",  Leipzig  1849;  S.  Karppe, 
,, Etüde  sur  les  origines  et  la  nature  du  Zohar",  Paris  1901. 

^)  G.  Parthey,  „Hermetis  Trismegisti  Poemander",  Berlin  1854,  8°.  — 
Louis  Menard,  „Hermes  Trismegiste.  Traduction  complete  precedee  d'une  etude 
Rur  l'origine  des  livres  hermetiques-',  Paris  1866,  8^,  CLI,  302  S. ;  2.  Aufl.  Paris 
1868.  —  Vgl.  auch  Herman  Co n ring,  ,,De  hermetica  medicina  Aegyptiorum 
vetere  et  Liber  unus  <  uo  simul  in  Hermetis  Trismegisti  omnia,  ac  universam  cum 
Aegyptiorum  tum  Chemicorum  doctrina  animadvertitur",  Helmstädt  1698,  4°,  VIII, 
404  S.  u.  Index.  —  Pietschmann,  „Hermes  Trismegistos",  Leipzig  1875. 


Byzantinische  Medizin.  507 

An  den  Namen  dieses  letzteren  und  an  das  ägjrptische  Land 
knüpfen  sich  auch  die  ersten  Anfänge  der  Alchemie.*)  der  Be- 
mühungen, unedle  Metalle  in  edle  zu  verwandeln.  Sagenhafte  Nach- 
richten der  ersten  christlichen  Jahrhunderte  melden  von  einem  ge- 
heimnisvollen Buche  '//iU€v  oder  xr^uda,  in  welchem  diese  Kunst  ge- 
lehrt wurde.  Als  erster  Verfasser  mehrerer  Schriften  über  Alchemie 
wird  Hermes  Trismegistos  genannt,  nach  dem  die  Alchemie 
auch  „Hermetik",  „hermetische  Kunst"  hiess.  In  der  ägyptischen 
Priesterkaste  pflanzten  sich  die  alchemistischen  Kenntnisse  fort,  aber 
sie  scheinen  früh  zu  den  Babyloniern  gelangt  zu  sein,  welche  eine 
Verschmelzung  der  Alchemie  mit  der  Astrologie  und  Magie  vornahmen 
(Altbabylonische  Lehre  von  den  Wechselbeziehungen  zwischen  der 
Sonne  bezw.  den  Planeten  und  den  Metallen;  Gold  =  Sonne,  Silber 
=  Mond,  Kupfer  =  Venus,  Eisen  =  Mars.  Zinn  =  Merkur,  Blei  = 
Saturn  nach  Olympiodor,  5.  Jahrh.  n.  Chr.).  In  der  römischen 
Kaiserzeit  wurde  die  Umwandlung  von  Kupfer  und  Erzen  in  Gold  und 
Silber  als  Thatsache  angesehen.  Der  Ausdruck  „Chemie'*  findet  sich 
zuerst  in  der  „Mathesis"  des  Julius  Firmicus  Maternus  (4.  christl. 
Jahrhundert).  Die  ältesten  Nachrichten  über  alchemistische  Pro- 
zeduren finden  sich  in  ägyptischen  Papyri  des  2.  bis  4.  christlichen 
Jahrhunderts,'-)  besonders  in  einem  Leydener  Papyrus,  in  welchem 
die  „Verdoppelung  der  Metalle"  auf  ihre  Verwandlung  hinzuweisen 
scheint.  '^)  Mehrere  Werke  über  Alchemie  wurden  mit  Vorliebe  unter 
dem  Namen  berühmter  Philosophen  und  Naturforscher  der  alten  Zeit, 
eines  Thaies,  Heraklit,  Piaton  und  besonders  des  Demokrit 
veröfi*entlicht.  Zosimos  von  Panopolis,  der  28  Werke  über 
Alchemie  verfasst  haben  soll,  nimmt  in  den  erhaltenen  spärlichen 
Resten  häufig  auf  eine  Schrift  cpvaixa  Tial  i.ivotiy.a  des  Pseudo- 
Demokrit  Bezug.  Der  Bischof  Synesios  von  Ptolemais  (1415 
n.  Chr.)  kommentiert  verschiedene  Bücher  des  Pseudo-Demokrit, 
von  denen  eins  „De  arte  magna"  oder  „De  rebus  naturalibus"  lateinisch 
gedruckt  ist.  *)  Ein  anderer  alchemistischer  Schriftsteller  war  Olym- 
piodor mit  dem  Beinamen  noiiqirig  =  Operator.  Als  „Goldmache- 
kunst" findet  sich  die  Bezeichnung  xrif-äa,  yr^^sia  am  Ende  des  7.  Jahr- 
hunderts bei  Johannes  von  Antiochia,  im  zehnten  Jahrhundert  bei 
Suidas,  während  es  bei  den  früheren  griechischen  Alchemisten  nur 
selten  vorkommt  (dafür  d^ela  oder  hqa  tijiyr^,  xqvaonosia,  Tixvi]  q)iXo- 
aorpiag).  ^) 

^)  H,  Kopp,  Die  Alchemie  in  älterer  und  neuerer  Zeit",  Heidelberg  1886, 
2  Bde.  (grundlegend).  —  M.  Berthelot,  „Les  origines  de  l'alchimie'',  Paris  1885. 
—  Schäfer,  „Die  Alchemie.  Ihr  ägyptisch-griechischer  Ursprung",  Berlin  1887. — 
E.  V.  Meyer,  „Geschichte  der  Chemie",  Leipzig  1889,  8»,  S.  18—54. 

^)  Vgl.  M.  P.  E.  Berthelot,  „Les  manuscrits  alchymiques  grecs"  in:  Revue 
scientifique  1885  Bd.  XXXV  Nr.  6  und  „Les  papyrus  alchymiques  de  l'Egypte", 
ibidem  1885,  Bd.  XXXV. 

')  Berthelot,  „La  chimie  des  Egyptiens  d'apres  le  papyrus  de  Leide"  in: 
Annales  de  chimie  et  physique,  Paris  1886,  Bd.  IX. 

*)  Bei  H.  Kopp,  „Beiträge  zur  Geschichte  der  Chemie",  Braunschweig  1869, 
S.  137 — 142.  Vgl.  auch  über  die  alchemistischen  Schriften  des  Demokrit  oben 
S.  176  Anmerk.  9. 

^)  Eine  Sammlung  der  Schriften  der  griechisehen  Alchemisten  veranstalteten 
Berthelot  und  ßuelle:  „CoUection  des  anciens  alchymistes  grecs",  Paris  1889. 
Nach  Z.  Gildemeister,  ..Alchymie"  in:  Zeitschr.  der  deutschen  morgenländ.  Ge- 
sellschaft 1876,  Bd.  XXX  S.  534  ff.  bedeutet  „Kymia"  die  Substanz,  die  unedle  Metalle 
in  edle  verwandelt.  Nach  A.  F.  Pott  ibid.  S.  6 ff.  kommt  „Chemie"  von  „chemi" 
=  das  Schwarze  (seil.  Land  Aegypten). 


508  Iwan  Bloch. 

Die  alexandrinischen  Gelehrten  vermittelten  den  Byzantinern  die 
Kenntnis  alchemistischer  Operationen,  die  vom  6.  Jahrhundert  an  auch 
in  Byzanz  eine  Pflegestätte  fanden,  ^j  während  im  7.  Jahrhundert  die 
Araber  nach  der  Eroberung  Alexandrias  mit  der  Alchemie  bekannt 
wurden  und  daraus  die  Wissenschaft  der  Chemie  entwickelten 
(Geber  800  n.  Chr.). 

Aus  diesen  eben  skizzierten  vielfältigen  Verzweigungen  des 
menschlichen  Aberglaubens  entwickelte  sich  der  Glaube  an  die  wunder- 
thätige  Kraft  von  Zahlen,  Namen  und  Naturprodukten,  sobald  diese 
in  bestimmter  geheimnisvoller  Weise  angeordnet  und  zubereitet 
wurden.  Besprechung,  Amulett  und  magischeProzeduren 
bilden  die  drei  Hauptelemente  des  medizinischen  Aberglaubens,  der 
in  der  byzantinischen  Zeit  seine  grösste  Blüte  erreichte.  Ja,  wenn 
man  von  gelegentlichen  Aeusserungen  des  Galen  und  einiger  anderer 
früherer  Autoren  absieht,  -)  darf  man  behaupten,  dass  erst  in  der 
byzantinischen  Epoche  Magie  und  Mystik  Bürgerrecht  in  der  wissen- 
schaftlichen rein  medizinischen  Litteratur  erwarben,  so  dass  der 
allgemeine  Charakter  der  byzantinischen  Medizin  nicht  zum  wenigsten 
hierdurch  bestimmt  wird. 

Das  Besprechen  {eyraoiöi],  etkoöi]),^)  das  „allgemeinste  Mittel 
zauberischer  Art  zur  Heilung  von  Wunden  und  Krankheiten''  bei  den 
alten  und  den  primitiven  Völkern  sowie  bei  den  ungebildeten  Klassen 
der  modernen  Kulturvölker,  zeigt  deutlicher  als  jede  andere  Prozedur 
die  „ärztliche  Wirksamkeit  des  Glaubens  und  Vertrauens"  und  ent- 
sprang nach  Welcker  aus  dem  dunklen  Gefühl,  dass  „Wort  und 
Stimme  zwischen  der  Natur  und  dem  Geisterreich,  erforschlichen  und 
unerforschlichen,  unendlichen  Kräften,  selbst  geheimnisvoll  und  wunder- 
bar geteilt  und  wie  auf  der  Grenze  stehen".  Zu  Pindars  Zeit 
scheint  das  Besprechen  zuerst  in  die  griechische  Heilkunst  aufge- 
nommen worden  zu  sein.  Euripides  (Alkestis  982)  nennt  neben 
den  Arzneien  der  Asklepiaden  auch  heilkräftige  Worte,  welche 
Orpheus  auf  thrakischen  Täfelchen  niederschrieb  (Orphische  Eunen- 
täfelchen).  Auch  in  Pia  tos  Staat  werden  die  Epoden  neben  den 
natürlichen  Heilmitteln  genannt.^)  Berühmt  waren  im  Altertum  die 
sogenannten  ^Ecpeoia  yQdi.i(.iaTa,  welche  später  die  Magier  gegen  die 
Dämonen  vor  sich  hersagten  (P 1  u  t. ,  Sympos.  7,  5  p.  706  d).  Im  Zu- 
sammenhange mit  der  neuplatonisch-pythagoreischen  Philosophie,  der 
Kabbala  und  der  orientalischen  Magie  entwickelte  sich  das  Besprechen 
zu  einer  eigenen  „Namenwissenschaft",  ^)  deren  Kenner  mit  besonderen 
Kräften  begabt  werden.  Jetzt  tauchen  dunkle  orientalische  Namen, 
die    „magica    nomina    Aegyptio    vel    Babylonico    ritu    percensenda" 


^)  Michael  Psellos  hat  nach  E.  v.  Meyer  später  besonders  zur  Verbreitung 
alchemistischer  Ideen  beigetragen. 

'■^)  Bezeichnender  Weise  ist  es  in  der  römischen  Kaiserzeit  nur  der  Laie 
Plinius,  der  dem  Aberglauben  einen  unverhältnismässig  grossen  Eaum  in  der 
„Naturalis  historia"  einräumt. 

")  Vgl.  die  klassische  Abhandlung  von  F.  G.  Welcker,  „Epoden  oder  das 
Besprechen"  in:  Kleine  Schriften  zu  den  Alterthümern  der  Heilkunde  bei  den 
Griechen  u.  s.  w.,  Bonn  1850,  S.  64—88. 

*)  Auch  bei  den  Römern  zur  Zeit  der  Republik  war  das  Besprechen  ein  ge- 
vröhnliches  Volksmittel.  S.  oben  (S.  411)  die  Zaubersprüche  des  Cato.  Varro 
dagegen  vparnt  in  einer  seiner  Satiren  vor  dem  Besprechen  und  empfiehlt  ärztlichen 
Eat.    Vgl.  Th.  Mommsen,  „Römische  Geschichte"  III,  594. 

*)  FIeqI  6vo/A.dTO)v  rC  ev  drcooQrjTois  (piloaofeiv  (Or  igen  es  c.  Celsum  I,  24). 


Byzantinische  Medizin.  509 

(Apulejus.  De  mag.  p.  43)  in  den  Epoden  auf.  Lucian  erwähnt 
die  Verbindung  von  sieben  hieratischen  Namen  (Philopseudes  12). 
Diese  Namen  mussten  stets  in  der  richtigen  Sprache  hergesagt  werden. 
Origenes  bemerkt :  „Die  einen  (Namen)  sind  besonders  kräftig,  wenn 
sie  ägyptisch  gesprochen  werden,  bei  gewissen  Geistern,  deren  Macht 
nur  auf  diese  Dinge  und  Gebiete  sich  erstreckt;  die  anderen  aber, 
wenn  sie  in  der  Sprache  der  Perser  ausgesprochen  werden,  bei  anderen 
Geistern  und  so  weiter.  ...  Zu  dieser  Namenwissenschaft  gehört  auch 
der  Jesusname,  welcher  bereits  unzählige  Geister  aus  den  Seelen  und 
Leibern  ausgetrieben  hat  und  kräftig  gewesen  ist  in  Bezug  auf  die, 
aus  denen  sie  ausgetrieben  wurden."  ^) 

Viele  dieser  geheimnisvollen  Beschwörungsformeln  wurden  auf- 
geschrieben und  als  Amulette  getragen.  Dahin  gehört  das  von 
Quintus  Serenus  Samonicus  erwähnte  „Abracadabra": 

Inscribis  chartae,   quod  dicitur  abracadabra 
Saepius :   et  subter  repetis,  sed  detrahe  summae, 
Et  magis  atque  magis  desint  elementa  figuris 
Singula,  quae  semper  rapies,  et  caetera  figes, 
Donec  in  angustum  redigatur  litera  conum. 
His  lino  nexis  Collum  redimire  menaento.  -) 

Dies  berühmte  Wort  (nach  Revillout  hebräischen  Ursprungs) 
wurde  keilförmig  in  11  Zeilen,  die  um  je  einen  Buchstaben  abnahmen, 
geschrieben,  so  dass  immer  dasselbe  Wort  von  jeder  Zeile  aus  gelesen 
werden  konnte  (Schema  in  der  Ausgabe  von  Ackermann  S.  150). 
Auch  Marcellus  Empiricus  (cap.  15)  empfiehlt  ärztliche  Epoden 
als  Amulette  z.  B.  gegen  Halsschmerzen  am  Halse  zu  tragen,  auf 
Papier  geschrieben  und  in  phönicische  Leinwand  eingewickelt,  mit 
folgender  Formel: 

Eidov  TQifisQfj  ygvoeov  Todvaöov 
Tial  raQTaQOvyov  Tovadvaöov 
aCoaöv  f.ie  oe/Avk  veqriQtov  vTteQxatE. 

Auch  Zinnplättchen  mit  der  Formel  „in  nomine  Zebaoth"  wurden 
am  Halse  getragen  (Marceil.  Empir.  cap.  21).  Alexander  von 
Tr alles  empfiehlt  folgendes  Prophylaktikum  gegen  Podagra:  .,Man 
nehme  ein  goldenes  Blatt  und  schreibe  bei  abnehmendem  Monde  die 
untenstehenden  Worte  darauf;  dann  binde  man  die  Sehnen  eines 
Kranichs  (Grus  cinerea)  darum  und  schliesse  es  in  eine  dem  Blatte 
entsprechende  Kapsel  ein,  welche  der  Kranke  an  den  Fersen  tragen 
muss:  „Mei,  thren,  mor,  for,  teux,  za,  zon,  the,  lu,  chri.  ge,  ze,  on. 
Wie  die  Sonne  in  diesen  Namen  fest  wird  und  sich  täglich  erneuert, 
so  macht  auch  dieses  Gebilde  fest,  wie  es  früher  war,  schnell,  schnell, 
rasch,  rasch.  Denn  siehe !  Ich  nenne  den  grossen  Namen,  in  welchem 
Das  wieder  fest  wird,  was  dem  Tode  geweiht  war:  Jaz,  azyf,  zyon, 
threnx,  bain,  chook.  Macht  dieses  Gebilde  fest,  wie  es  dereinst  war, 
schnell,  schnell,  rasch,  rasch."  **) 


1)  Ibidem;  Harnack  a.  a.  0.  S.  87. 

^)  Quinti  Sereni  Saraonici  de  medicina  praecepta  saluberrima  cap.  52  (ed. 
J.  Chr.  G.  Ackermann,  Leipzig  1786,  S.  150—151). 

■'')  Alexander  von  Tralles,  Lib.  XII  S.  582  der  Ausgabe  von  Tb.  Pusch- 
mann  (Wien  1879,  Bd.  II). 


510  Iwan  Bloch. 

Das  Amulett  {anotgÖTtaiov,  ßaoxdviov,  Ttegiantov,  7teQiaf.if.ia, 
7tQoßaoyi.dviov,  reXeofia,  cfvÄaxTiJQiov.  Latein,  amiiletum,  aniolimentum, 
alligatura,  fascinum,  ligatura,  praebia),  ^)  ein  aus  Metall,  Stein,  Perga- 
ment, tierischen  ^)  oder  pflanzlichen  Bestandteilen  angefertigter  Schutz- 
gegenstand, der  am  Körper  (meist  am  Halse)  befestigt  wurde  und 
böse  Geister,  Krankheitsdämonen  und  den  bösen  Blick  abwehren 
sollte,  aber  auch  wohl  therapeutische  Verwendung  fand,  ist  ebenfalls 
eine  Erfindung  der  Aegypter  (in  Form  der  „Skarabäen"  oder  „Käfer- 
steine", die  mit  hieroglyphischen  Namen  und  mystischen  Inschriften 
versehen  wurden).  Alexander  von  Tralles  giebt  die  Vorschrift, 
in  einen  „Medischen  Stein"  das  Bild  des  in  aufrechter  Stellung  den 
Löwen  erdrosselnden  Herakles  zu  schneiden  und  dies  als  Amulett  in 
Form  eines  Einges  zu  tragen  (Lib.  VIII  cap.  2  ed.  Pu seh  mann  II, 
377).  Nach  v.  Oefele  (s.  oben  S.  69)  deutet  dies  auf  eine  alt- 
babylonische Vorlage. 

Bei  den  Griechen  wurden  Amulette  in  langwierigen  Krankheiten 
als  letztes  Mittel  angewendet,  wie  dies  z.  B.  Perikles  that 
(Plutarch.,  Pericles  38),  Bion  verspottet  die  nsQiama  der  alten 
Weiber  (Plut,,  De  superst.  p,  168  d).  Auch  Ringe  (ßaxivliog,  cpaQfia- 
•Kkrjg)  finden  sich  als  Amulette  gegen  Vergiftung  (Aristophan., 
Plutos  885  c.  Schol).  In  der  römischen  Kaiserzeil  verbreitete  sich 
der  Gebrauch  der  Amulette  immer  mehr.  So  lührte  z.  B.  der  in  der 
zweiten  Hälfte  des  ersten  christlichen  Jahrhunderts  lebende  pneu- 
matische Arzt  Archigenes  in  seinen  Werken  auch  die  gegen  ver- 
schiedene Krankheiten  gebräuchlichen  Amulette  an.  Das  Kapitel  des 
Archigenes  über  die  Amulette  gegen  Epilepsie  ist  bei  Alexander 
von  Tralles  erhalten  (Lib.  I  cap.  15  ed.  Buschmann  I,  567).  Da 
werden  Nägel  von  einem  Kreuze,  Korallen  (Isis  nobilis),  Päonien 
(Paeonia  L.)  und  Nachtschatten  (Solanum  L.)  -Wurzeln  als  solche 
Talismane  empfohlen,  besonders  die  verschiedenen  Arten  des  Jaspis 
als  Umhängsei  oder  Ring  (vgl.  dazu  DioskuridesV,  159;  Plinius, 
Nat.  hist.  37,  37).  Zirkusleute  trugen  wegen  der  Gefährlichkeit  ihres 
Gewerbes  besonders  häufig  Amulette,  wozu  auch  die  im  4.  und 
5.  christlichen  Jahrhundert  Schaumünzen  mit  hohem  Rande  und  dem 
Kopfe  des  grossen  Alexander,  dem  eine  besondere  Schutzkraft  zu- 
geschrieben wurde  (Lob  eck,  „Aglaophamus",  Königsb.  1829  II,  1171), 
gehörten.  •')  Krieger  nahmen  Amulette  und  Kapseln  in  den  Krieg 
mit,  deren  man  z.  B.  am  Niederrhein  zahlreiche  gefunden  hat,  meist 
an  kleinen  Ringen  befestigte  bronzene  Phallusbilder  mit  Darstellung 
der  Geschlechtsteile  (gegen  Unfruchtbarkeit)  oder  auch  Nachbildungen 


^)  Riess,  Artikel  „Amulett"  in  Pauly-Wissowa's  „Encyclop.  der  class. 
Alterthumswissenschaft",  Stuttg.  1894,  Halbband  II  Sp.  l'dSi  -  1989;  H.  Schnitz, 
,, Amulette  und  Zaubermittel"  in:  Archiiv  f.  Anthropologie  1893  Bd.  XXII;  Fried- 
iänder  a.  a.  0.  II,  349;  Th.  Reinesius,  „Variae  lectiones",  Altenburg  1640, 
S.  392;  A.  Sorlin-Dorigny,  „Phylactere  Alexandrin  contre  les  epistaxis"  in: 
„Revue  des  etudes  grecques"  1891  Bd.  IV  S.  287-296;  G.  Schlumberger, 
„Amulettes  byzantines  anciennes  destinees  ä  combattre  les  malefices  et  les  maladies", 
ibidem  1892,  Bd.  V  S.  73-93. 

'^)  Nach  Max  Neu  burgers  geistvoller  Auffassung  hatten  manche  Amulette 
einen  antitoxischen  Endzweck,  wie  die  Wahl  des  Materials  verrät.  Gewisse  Tier- 
bestandreile  deuten  auf  die  „dunkle  Ahnung  des  isotherapeutischen  Princips".  M. 
Neuburger,  ,.Die  Vorgeschichte  der  antitoxischen  Therapie  der  acuten  Infections- 
krankheiten",  Stuttg.  1901,  S.  12—13. 

••')  De  Rossi,  „Bulletino  Archeol.  crit."  1869,  Bd.  VII  S.  60 ff. 


Byzantinische  Medizin.  511 

weiblicher  Genitalien.  ^)  Trotz  des  Kampfes  der  Kirchenväter  gegen 
die  Amulette  sind  letztere  in  der  byzantinischen  Zeit  nicht  nur  unter 
dem  Volke  mehr  als  je  verbreitet,  sondern  auch  von  der  offiziellen 
Medizin  als  gleichwertige  Heilmittel  in  den  therapeutischen  Apparat 
aufgenommen  worden.  Von  grossem  Interesse  ist  die  Art,  wie 
Alexander  von  Tralles  den  ärztlichen  Gebrauch  der  Amulette  zu 
rechtfertigen  sucht.  Indem  er  von  der  Heilkraft  des  Chrysoliths  und 
des  Jaspis  bei  Epilepsie  spricht,  welche  wissenschaftlich  begründet 
worden  sei,  meint  er:  „Der  verständige  Arzt  darf  kein  Mittel  unbe- 
achtet lassen  und  muss  ebenso  mit  der  Naturheilkraft  als  mit  wissen- 
schaftlichen Gründen  und  der  kunstgerechten  Methode  Bescheid 
wissen.  Er  muss,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  alles  in  Bewegung  setzen, 
was  den  Kranken  von  dem  langwierigen  und  widerwärtigen  Leiden 
vollständig  zu  befreien  im  stände  ist.  Ich  pflege  alle  Mittel  anzu- 
wenden; da  jedoch  die  jetzt  herrschende  Zeitrichtung  aus  Unwissen- 
heit der  natürlichen  Heilkraft  entgegentritt,  so  habe  ich  es  vermieden, 
fortwährend  solche  Heilmittel  zu  verordnen,  die  durch  ihre  Natur- 
kraft wirken,  und  mich  bemüht,  durch  eine  rationelle  ärztliche  Be- 
handlung die  Krankheiten  zu  beseitigen"  (A 1  e x.  Trall.  ed.  Pusch- 
mann  I,  570;  572.  —  Aehnlich  II,  578).  2) 

Mit  Besprechen  und  Beschreiben  der  Amulette  verband  man  oft 
noch  andere  magische  Prozeduren,  über  die  schon  Galen 
spottet,  bei  seiner  Schilderung  der  von  dem  Grammatiker  Pamphilos 
vorgenommenen  abergläubischen  Ceremonien  beim  Ausgraben  der 
Heilkräuter  (Hersagen  seltsamer  Benennungen  der  Pflanzen,  Epoden, 
Libationen,  Räucherungen,  Wund  ererzähl  ungeo,  Anrufung  der  Dämonen, 
denen  die  Kräuter  heilig  sind  u.  s.  w.  Galen.  XI,  792 — 795),  Die  Skepsis 
des  Galen  in  Bezug  auf  Zaubersprüche  bezeugt  auch  Alexander  von 
Tralles  (ed.  Puschm.  II,  475),  schreibt  ihm  aber  fälschlich  eine 
die  medizinische  Magie  verherrlichende  Abhandlung  71£qI  rfjg  xad-" 
"^'Ojur^Qov  larQixfjg  zu  und  entnimmt  daraus  die  Berechtigung  der  eigenen 
Verwendung  magischer  Mittel  {(pvoixd)  zu  therapeutischen  Zwecken. 
So  empfiehlt  er  bei  Podagra,  das  Bilsenkraut  vor  Sonnenuntergang 
umzugraben,  wenn  der  Mond  im  Zeichen  des  Wassennannes  oder 
Fisches  steht.  Man  darf  aber  nur  mit  zwei  Fingern  der  linken  Hand 
graben,  ohne  die  Wurzel  zu  berühren,  wobei  eine  Beschwörungsformel 
im  Namen  von  Jaoth,  Sabaoth  gesprochen  wird.  Am  folgenden  Tage 
gräbt  man  mit  den  Knochen  eines  toten  Tieres  das  Kraut  aus  und 
spricht:  „Ich  beschwöre  dich  bei  den  heiligen  Namen  Jaoth,  Sabaoth, 
Adonai,  Eloi."    Dann   wird   die  Wurzel  mit  Salz   bestreut  und  dem 


^)  C.  Konen,  „Zur  römischen  Heilkunde  am  Niederrhein'"  in:  Festschrift  der 
Düsseldorfer  70.  Naturforschervers.  1898  Tl.  II  S.  11. 

^)  Vgl.  noch  die  von  Alexander  v.  Tralles  empfohlenen  Amulette  gegen 
Kolik  (II,  374 — 376),  darunter  einen  eisernen  Ring  mit  achteckigem  Reif,  auf  dem' 
geschriehen  steht:   „Fliehe,  fliehe  o  Galle!  die  Lerche  hat  dich  gesucht."    Auf  dem 

Kopf  des  Ringes  steht  das  Zeichen :    •f^  ,  das  Diagramm  der  Gnostiker.  —  In  der 

byzantinischen  Zeit  trugen  die  Amulette  ausser  den  Inschriften  sehr  häufig  Dar- 
stellungen des  Königs  Salomo  als  des  Beschützers  gegen  Krankheiten  und  Behexung. 
—  Ueber  die  sogen.  „Katzenpfötchenamulette"  vgl  M.  Sokolo  v,  „Apokryphes  Material 
zur  Erklärung  der  Amulette,  welche  Katzenpfötchen  (Engelsblümchen)  genannt 
werden"  in:  Journ.  Miner.  1889  Bd.  263  S.  339-368.  —  V.  Vasiljevsky,  „Ueber 
die  Gillo",  ibidem  S.  369—371. 


512  Iwan  Bloch. 

Kranken  umgehängt  (ed.  Puschm.  II,  585).  Bei  Singultus  soll  man 
in  der  linken  Hand  vierzig  Steinclien  halten  und  sie  sich  auf  den 
Kopf  legen  oder  die  Nummer  3193  in  den  Händen  halten  und  an  die 
Nase  bringen  u.  s.  w.  Ilolla  öh  fii]  KaTacpQovelv,  ä'Aka  nävTa  TCQoodyeiv 
l^era  y.al  rfjg  äD.rjg  ^egansiag,  ist  das  Endurteil  eines  der  aufgeklärtesten 
byzantinischen  Aerzte  (ed.  Puschm.  II,  319),  woraus  der  Schluss  auf 
die  übrigen  sich  von  selbst  ergiebt. 

In  dei*  That  zeitigte  der  medizinische  Wunderglaube  ein  der 
byzantinischen  Epoche  eigentümliches  Litteraturprodukt,  die  soge- 
nannten Jatrosophien  {iarqooöcpia),^)  populäre  Heil-  und  Arznei- 
bücher; ein  „verdünnter  und  getrübter  Aufguss  alter  Lehren  mit 
allerlei  abergläubischen  Ingredienzien,  Sympathiemitteln,  Beschwörungs- 
formeln u.  s.  w.  untermischt."  Die  meisten  dieser  Eezeptsammlungen 
sind  noch  nicht  veröffentlicht  und  bieten  ein  grosses  kultur-  und 
sprachgeschichtliches  Interesse  dar,  da  sie  meist  in  vulgärgriechischer 
Sprache  abgefasst  sind.  Die  Pariser  und  Wiener  Bibliotheken  be- 
sitzen eine  grosse  Zahl  von  Handschriften  dieser  populärmedizinischen 
Schriften,  ^)  Kurpfuscherhandbücher,  •')  Abhandlungen  über  medizinische 
Magie*)  u.  a.  Merkwürdig  ist  auch  die  Eolle  der  Allegorie  in 
einigen  medizinischen  Schriften.  Bei  der  Entwicklung  des  Embryo 
und  bei  der  Verwesung  werden  gewisse  Tage  (3,  9,  40)  für  besonders 
bedeutungsvoll  gehalten  und  zur  Totenfeier  benutzt.  ^) 


p  K.  Krumbacher  a.  a.  0.  S.  615-616;  619—620. 

-)  Ein  'JaiQooüfiov  y.oivöv  enthält  z.  B.  der  Codex  Vindobon.  med.  gr.  43  (Nessel) 
fol.  1 — 82;  ein  vnl gärgriechischer  Ausziig  aus  Meletios  steht  im  Cod.  Vindob. 
med.  gr.  53  (Nessel)  fol.  129— 189,  ein  '/«T^soaoy/*' (sie!)  aus  Hippokrates,  Galen 
u.  a.  im  Cod.  Panorm.  XIII  C.  ;-5,  ein  vulgäres  Arzneibuch  im  Cod.  Bonon.  Univ. 
7634  u.  s.  w. 

*)  Sie  fingieren  oft  die  Namen  berühmter  Verfasser  z.  B.  die  mit  dem  Namen 
des  Blemmydes  versehene  Eezeptsammlung  im  Cod.  Vindob.  med.  gr.  45  (Nessel) 
fol.  35—74,  die  im  Cod.  Panorm.  XIII  C.  3  fol.  290 ff.  dem  Johannes  von  Da- 
maskos  zugeschriebene  Schrift  über  Arzneimittel,  die  unter  dem  Namen  desselben 
Autors  gehende  Abhandlung  über  Abführmittel  in  den  Cod.  Bodl.  Laud.  59  und 
Paris.  2239.    Besonders  dem  Psellos  werden  viele  Jatrosophien  zugeschrieben. 

*)  Eine  „Mustersammlung  geheimwissenschaftlicher  Schriften"  aus  den  Gebieten 
der  Medizin  iiud  Astrologie  enthalten  die  Cod.  Paris,  gr.  2316  (s.  15),  Bonon.  Univ. 
3632.  Kabbalistische  und  andere  Beschwörungsformeln  findet  man  im  Cod.  Vindob. 
theol.  gr.  244  (Nessel)  fol.  210.  Medizinische  Beschwörungsformeln,  Gebete  gegen 
bestimmte  Krankheiten,  Exorcismen  gegen  den  bösen  Blick,  Dämonen  und  Besessen- 
heit findet  man  im  Cod.  Bodl.  Barocc.  8  (s.  16)  fol.  155—212  unter  den  Namen  von 
Kirchenvätern  wie  des  hl.  .Kyprianos,  Basilios,  Epiphanios,  Gregor 
Thaumaturgos,  Christophoros,  Gregor  vonNazianz,  Johannes  Chry- 
sostomos.  Eine  Schlangenbeschwörung  und  eine  Eechentafel  zur  Bestimmung  der 
Todesstunde  im  Cod.  Vindob.  theol.  203  fol.  76  ff.  Abergläubische  medizinische 
Regeln  in  vulgärgriechischer  Sprache  hat  C.  Bursian  (Fragment,  med.  Graecum 
im  Index  Scholar,  ünivers.  Jen.  1873 — 1874)  veröffentlicht  (dazu  A.  Eberhard  in: 
B  u  r  s  i  a  n  s  Jahresbericht  über  die  Fortschritte  der  classischen  Althertumswissensch. 
1873  Bd.  II  S.  1311  ff.). 

'')  Vgl.  den  auf  Johannes  Lydos,  De  mensibus  IV.  21  zurückgehenden,  in 
zahllosen  Hss.  und  mehreren  Rezensionen,  oft  unter  dem  Namen  des  Philosophen 
Splenios  überlieferten  „Traktat  über  die  Totenfeiertage".  JJeQi  yeptasmg 

dvd'^iÖTCov  xal  o&ev  T/Jira  y.aX  ewa-ra  y.al  rsaaa^a  y.oora  oder  ähnlich  betitelt.  Aus- 
gabe eines  dieser  Texte  von  E.  Eohde  in:  Acta  societ.  philol.  Lips.  1872,  Bd.  I 
S.  28 ff.  —  M.  Treu,  „Excerpta  anonymi  Byzautini'-,  Progr.,  Ohlau  1880,  S.  41.  — 
K.  Krumbacher  (drei  Bearbeitimgen),  „Studien  zu  den  Legenden  des  hl.  Theo- 
dosios"  in:  Sitzungsber.  d.  bayer.  Akad.  1892  S.  347—355.  —  Zur  Ueberlieferung : 
G.  Vitelli,  ,,De  geueratione  hominis"  in:  Studj  italiani  di  filologia  classica  1893 
Bd.  II  S.  138  ff'.  Splenios  —  Plinius  s.  Papadopulos-Kerameus  in:  Byzan- 
tin.  Zeitschrift  1901  Bd.  X  S.  453-454. 


Byzantinische  Medizin.  513 

Zum  Schlüsse  ist  noch  eines  Momentes  zu  gedenken,  welches  eben- 
falls den  eig-entümlichen  Charakter  der  bj^zantinischen  Medizin  mit- 
bestimmt hat.  Durch  die  Reisen  eines  Kosmas  Indikopleustesu.A., 
durch  die  Verpflanzung  griechischer  Medizin  in  den  Orient  wurden 
zuerst  die  Beziehungen  zwischen  dieser  und  der  Heilkunde  des  fernen 
Indien  fester  geknüpft  (s.  oben  S.  126),  und  später  vermittelten  die 
Araber  eine  innigere  Berührung  abendländischer  und  morgenländischer 
persisch-indischer  Heilkunst.  Die  byzantinischen  Aerzte  selbst  pflegten, 
dem  Beispiele  des  grossen  Galen  folgend,  wissenschaftliche  Reisen 
zu  unternehmen,  wie  wir  dies  z.  B.  von  Alexander  von  Tralles, 
Paulos  V.  Aigina  und  Eustathios,  dem  Sohne  des  Oreibasios 
(Orib. ,  Synops.  I,  1)  wissen.  Ein  byzantinischer  Arzt,  der  der  Zeit 
und  Person  nach  unbekannte  GeorgiosChoniates  übersetzte  sogar 
ein  persisches  Werk  über  Gegengifte  ins  Griechische.^) 


Die  medizinische  Litteratur. ") 
I.  Die  Schriftsteller  des  4.  und  5.  Jahrhunderts: 

Oreibasios. 

lAtteratiir  (chronologisch) :  Suidas  v.  'Opsißdaws.  —  Eunajnus,  „Blot  ftlo- 
aofcov  xal  aofianöp^'  ed.  Hoissotuide,  Amsterdam  1822,  S.  711.  —  J.  Jt\  C, 
Heclier,  „Oribasius  der  Leibarzt  Julian' s"  in:  Hecker' s  litterarische  Annalen  der 
gesammten  Heilkunde  1825  Bd.  I  Heft  1  S.  1 — 28.  —  Derselbe,  „Geschichte  der 
Heilkunde'',  Berlin  1829,  Bd.  II  S.  52-60;  S.  66-75.  —  F.  B.  Dietz,  „Galeni  de 
disseetione  muscul.  et  de  consuetudine  lihri'\  Leipzig  1832,  S.  IX.  —  L.  Choidant, 
„Handbuch  der  Bücherkund^  für  die  ältere  Medicin'',  Leipzig  1841,  2.  Aufl., 
S.  121—125.  —  E.  Littre  in  Revue  de  philologie  1846  Bd.  II  Nr.  2  und  S.  — 
Ch.  rxiremberg  in  „Oeuvres  d'Oribase'',  Paris  1851,  S.  XXXIII -XXXVII.  — 
JJerselbe,  „Notices  et  extraits  des  manuscrits  mcdicaux  etc."',  Baris  1853,  S.  22, 
116,  145,  149,  153,  157, 158,  166.  —  E.  Meyer,  „Geschichte  der  Botanik'',  Königsh. 
1855,  Bd.  II  S.  261—273.  —  Valentin  Hose,  „Anecdota  Graeca  et  Graecolatina", 
Berlin  1870,  Bd.  II  S.  110 — 118.  —  H.  Sudhaus,  „Dissertatio  de  ratione  quae 
inf er  cedit  inter  Zosimi  et  Ammiani  de  bello  a  Juliano  imperatore  cum  Persis  gesto 
reiationes",  Bonn  1870,  S.  93.  —  JH.  Haupt  in:  Hermes,  Zeitschrift  für  class. 
Philologie  1870  Bd.  IV  S.  341  (Emendation).  —  A.  MoUnier,  „Preface"  zu 
„Oeuvres  d'Oribase'-,  Paris  1876,  Bd.  VI  S.  I—XXVIL  —  H.  Hagen,  „De 
Oribasii  versione  latina",  Bern  1875,  und  Berichtigung  dazu  in:  Neue  Jahrbücher 
f.  Philologie  1876,  beides  abgedruckt  in:  ,.Zur  Geschichte  der  Philologie  und  zur 
römischen  Literatur",  Berlin  1879,  S.  243-311.  —  A.  Corlieu  a.  a.  0.  1885 
S.  111 — 115.  —  Kostoniiris  a.  a.  0.  1890  S.  148—150.  —  M.  Steinschneider, 
„Die  griechischen  Aerzte  in  arabischen  Uebersetzungen"  in:  Virchow's  Archiv  1891 
Bd.  124  S.  476—477.  —  31.  Wellmann,  „Die  pneumatische  Schule",  Berlin  1895, 
S.  104  und  109.  —  E.  Chirlt  a.  a.  0.  1898  S.  527—544.  —  M.  v.  Töply  a.  a.  0. 
1898  S.  29—32.  —  J.  Hirschberg  a.  a.  0.  1899  S.  361—363.  -  G.  Helm- 
reich,  „Zu  Oreibasios"  in:  Philologus  1900  Bd.  59  S.  621—622  (Emendation). 


^)  AiniSoToi  ix  Ue(>aiag  y.o/niad'elaai  xal  l^eXXrjviad'sTaai,  Tta^a  rov  XcoviaTov 
rov  rsoipyiov.    Im  Cod.  Escur.  T.  II.  14.  (s.  16). 

")  K.  Krumbacher,  „Geschichte  der  byzantinischen  Litteratur",  2.  Aufl., 
München  1897,  S.  613—620  [dieses  klassische  Werk  des  Begründers  der  byzanti- 
nischen Wissenschaft  in  Deutschland  erschöpft  nach  der  litterarischen  Seite  den  Ge- 
samtinhalt der  byzantinischen  Kultur,  deren  Studium  durch  dasselbe  die  solideste 
Grundlage  empfangen  hat];  R.  Friedländer,  „Die  wichtigsten  Leistungen  der 
Chirurgie  in  der  byzantinischen  Periode",  Dissert.,  Breslau  1883,  8«,  33  S. ;  A. 
Corlieu,  .,Les  medecins  grecs  depuis  la  mort  de  Galien  jusqu'ä  la  chute  de  l'empire 
d'orient  (210— 1453),  Paris  1885,  S.  111— 176;  E.  v.  Töply,  „Studien  zur  Geschichte 
der  Anatomie  im  Mittelalter",  Leipzig  u.  Wien  1898,  gr.  8°,  S.  20—60;  E.  Gurlt, 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  33 


514  Iwan  Bloch. 

Oreibasios,  der  Veranstalter  der  ersten  grossen  medizinischen 
Kompilation  der  byzantinischen  Periode,  wurde  als  Sprössling  einer 
Patrizierfamilie  ums  Jahr  325  n.  Chr.  zu  Pergamon  geboren  [nach 
Eunapios;  Suidas  und  Philostorgios,  Histor.  eccles.  VII,  15 
geben  unrichtig  Sardes  als  den  Geburtsort  an],  was  allein  schon  seinen 
Ruhm  als  Arzt  erhöht,  wie  Eunapios  bemerkt,  da  schon  vor  und 
ganz  besonders  nach  dem  grossen  Galenos  die  pergamenischen  Aerzte 
für  die  hervorragendsten  gehalten  wurden.  Nach  einer  vortrefflichen 
Erziehung  begab  sich  der  Jüngling  nach  Alexandria,  wo  er  Schüler 
des  'Zenon  von  Cj^pern  wurde  (Julian.,  Epist.  45  ed.  Spanhe- 
m  i  u  s ,  Leipz.  1696  S.  426).  Wahrscheinlich  auf  Empfehlung  des  mit 
Kaiser  Julian  befreundeten  Zenon  wurde  der  vielseitig  gebildete 
Oreibasios  im  Jahre  355  zum  Leibarzte  des  damals  in  Athen  leben- 
den Julian  ernannt  und  begleitete  diesen  im  November  355  nach 
den  westlichen  Provinzen  (Gallien  und  Germanien).  Er  erwarb  sich 
durch  seine  umfassenden  Kenntnisse,  seine  weisen  Eatschläge,  die 
Julian  oft  als  eine  prophetische  Gabe  auffasste  (1.  c.  S.  384),  durch 
seine  Liebe  zur  heidnischen  Philosophie  und  Wissenschaft  (ibid.  S.  277), 
die  innige  Zuneigung  dieses  den  Wissenschaften  ebenso  leidenschaft- 
lich ergebenen  wie  der  christlichen  Lehre  feindlich  gesinnten  Fürsten, 
Auf  J u  1  i a n  s  Anregung  unternahm  Oreibasios  seine  erste  litterarische 
Arbeit,  einen  Auszug  aus  den  Schriften  des  G a  1  e n o s ,  der  zwischen 
356  und  361  verfasst  sein  muss  ^)  und  nicht  mehr  erhalten  ist.  Es 
ist .  sehr  wahrscheinlich,  dass  Oreibasios  ebenfalls  noch  während 
des  Aufenthaltes  in  Gallien  die  Vorbereitungen  für  die  zweite  Schrift, 
sein  Hauptwerk,  die  „ärztlichen  Sammlungen"  (owaywyal  largi^ai)  be- 
gann, wozu  er  ebenfalls  von  Julianos  beauftragt  wurde,  der  die 
Epitome  aus  Galen  mit  grossem  Beifall  aufgenommen  hatte.  Nach 
des  Oreibasios  eigenen  Worten  in  der  Einleitung  zum  ersten 
Buche  befahl  ihm  damals  schon  der  Fürst,  den  wichtigsten  Inhalt 
der  besten  medizinischen  Schriften  zu  excerpieren  und  zu  einem 
grossen  Lehrbuche  zusammenzustellen.  -)  Während  er  mit  dieser 
Arbeit  beschäftigt  war,  erfolgte  die  Ausrufung  Julians  zum  Allein- 
herrscher, seine  Abreise  aus  Gallien  (Mai  361)  und  Thronbesteigung 
nach  dem  am  3.  November  361  erfolgten  Tode  des  Constantius. 
Oreibasios  wurde  von  Julian  zum  Quästor  von  Konstantinopel 
ernannt  und  scheint  die  Bemühungen  des  Kaisers  um  die  Wieder- 
herstellung der  heidnischen  Lehren  und  Tempel  unterstützt  zu  haben, 


„Geschichte  der  Chirurgie",  Berlin  1898,  Bd.  I  S.  524—593;  J.  Hirschberg,  „Ge- 
schichte der  Augenheilkunde",  Leipzig  1899,  Bd.  I  S.  361 — 419;  H.  Magnus,,  „Die 
Augenheilkunde  der  Alten",  Breslau  1901,  S.  425— 650;  A.  G.  Costomiris,  „Etudes 
sur  les  ecrits  inedits  des  anciens  medecins  grecs  et  ceux  dont  le  texte  original  est 
perdu,  mais  qui  existent  en  latin  ou  arabe"  in:  Revue  des  etudes  grecques,  Paris 
1890,  Bd.  III  S.  144—179;  1891,  Bd.  IV  S.  97—110;  1897,  Bd.  X  S.  405—445. 

^)  Aus  den  "Worten  (Oribas.  V,  1  ed.  Dar.  I,  1):  Tag  n^ooTaxd-siaas  eTtiro/uds 
naQci  trjs  ofjs  d'eiörrjTos,  avroxQaroQ  'lovXiavhj  tiqoxeqov^  rjvixa  dtEzpißofisv  ev  laXariq 
TT]  Tz^os  saneoav,  sls  reXog  rjyayov,  xad'cog  ■^ßovXijd'rjg,  äaxcvas  ix  /.lovmv  tcöv  vrco 
FaXrjvov  yQacpevrayv  eTioiriadfirjv  geht  nur  hervor,  dass  dieses  Werk  während  des 
Aufenthaltes  in  Gallien  begonnen  und  vollendet  wurde,  also  zwischen  356  und  361, 
und  nicht  wie  E.  Mej^er  (a.  a.  0.  S.  264 — 265)  annimmt,  erst  360  vollendet  sein 
konnte,  weil  die  Anrede  ., göttlicher  Alleinherrscher"  darin  vorkommt.  Diese  bezieht 
sich  aber  nur  auf  die  Zeit  der  Abfassung  und  Widmung  des  zweiten  grösseren 
Werkes. 

-)  Auch  Heck  er  teilt  diese  Anschauung  von  der  Vorbereitung  der  avvaycoyat 
in  Gallien.    Geschichte  der  Heilk.  II,  54  Anm.  6. 


Byzantinische  Medizin.  515 

indem  er  zur  Neueinrichtung  des  Orakels  nach  Delphi  reiste.  Später 
begleitete  er  seinen  kaiserlichen  Herrn  in  den  Perserkrieg  und  leistete 
ihm  bei  seiner  tötlichen  Verwundung  ärztlichen  Beistand  (Philo- 
storgios  a.  a.  0.).  Ob  er  noch  während  der  kurzen  Regierungszeit 
des  Julian  sein  grosses  Hauptwerk  vollendet  hat,  möchte  dahin- 
gestellt sein.  In  dem  in  der  Einleitung  an  den  Kaiser  Julian  ge- 
richteten Plane  des  Werkes  redet  Oreibasios  im  Futui'um,  woraus 
eher  zu  schliessen  ist,  dass  das  ganze  Werk  noch  nicht  vollendet  war. 
Die  Nachfolger  Julians,  die  Kaiser  Valens  und  Valentinianus 
verbannten  den  Oreibasios  zu  dem  „rohesten  der  barbarischen 
Naturvölker"  (E  u  n  a  p  i  0  s),  vielleicht  den  Goten,  die  ihn  höchst  ehren- 
voll aufnahmen.  Sein  Kuf  als  Arzt  war  jedoch  in  der  Heimat  so 
gross,  dass  die  Kaiser  sich  gezwungen  sahen,  ihn  zurückzurufen  und 
das  konfiszierte  Vermögen  ihm  wieder  einzuhändigen.  Eunapios, 
der  dies  berichtet,  erzählt,  dass  Oreibasios  bei  Abfassung  dieser 
Biographie  noch  am  Leben  und  mit  einer  vornehmen  und  reichen 
Frau  vermählt  sei,  die  ihm  vier  Kinder  geboren  habe.  Beinahe 
40  Jahre  nach  seiner  Zurückberufung  übte  dieser  durch  Geist, 
Charakter  und  feine  Umgangsformen  ausgezeichnete  Mann  eine  um- 
fangreiche Praxis  aus,  erfreute  sich  des  Verkehrs  mit  Gelehrten  wie 
z.  B.  mit  seinem  Biographen  Eunapios  und  am  Ende  seines  Lebens 
auch  der  ärztlichen  Studien  seines  Sohnes  Eustathios  und  starb  im 
Anfange  des  5.  Jahrhunderts  in  hohem  Alter. 

Unter  den  Schriften  des  Oreibasios  nehmen  die  avvaywyal 
targiTiai,  collecta  medicinalia,  Sammlungen  ärztlichen 
Inhalts  die  erste  Stelle  ein. 

Ausgaben:  a)  Rom.  1543,  4",  ed.  Angustin.  ßiccius  (ent- 
hält Buch  1  und  5  nebst  Buch  1  der  Euporista  griech.  und  lat,  mit 
Auszügen  aus  Galen,  Rufus,  Diokles  und  Athenaios  über 
Wasser). 

b)  Oribasii  Sardiani  collectorum  medicinalium  libri  XVII,  qui  ex 
magno  septuaginta  librorum  volumine  ad  nostram  aetatem  soll  per- 
venerunt,  Venet.,  s.a.,  8*^,  ed.  J.  Bapt.  Rasarius,  ap.  P.  Manutium, 
Aldi  F.  (Buch  1  bis  15  lateinisch  nach  einer  später  in  Moskau  be- 
findlichen Handschrift,  Buch  24  u.  25  [anatomische  Auszüge  aus 
Galen,  Rufus,  Soranos  und  Lykos]  nach  einer  anderen  Hs.). 
Vor  1555.  Erste  latein.  Ausgabe.  Wiederholt  Paris.  1555,  8  **,  ex  olfic. 
Aldina,  ap.  Bn.  T^urrisanum. 

c)  Collectaneorum  artis  medicae  über,  quo  totius  corporis  humani 
Sectio  explicatur  ex  Galeni  commentariis.  Paris.  1556,  8  ",  ap.  Gu. 
Morelium  (Buch  24  und  25,  der  anatomische  Auszug  aus  Galen). 
Griechisch. 

d)  Oribasii  anatomica  ex  libris  Galeni  cum  versione  latina  J.  Bapt. 
Rasarii.  Lugd.  Batav.  1735,  4  **,  ed.  Gu.  Dun  dass,  ap.  J.  Arn.  Lange- 
rak  (Buch  24  und  25).  Griechischer  Text  nach  c  durch  Vergleichung 
mit  Galen  emendiert.  Uebersetzung  nach  der  latein.  Ausgabe  des 
Rasarius.  Es  fehlen  Soranos  und  Lykos  über  weibliche  Ge- 
schlechtsteile und  der  Auszug  aus  des  Rufus  anatomischen  Be- 
nennungen. Vgl.  Ch.  Daremberg,  „Notices  et  extraits"  S.  145 — 146 
und  S.  147. 

e)  XXI  veterum  et  clarorum  medicorum  Graecorum  varia  opus- 
cula.  Primo  nunc  impensis  Anastasii  etc.  ex  Oribasii  codice  Mos- 
quensi    graece    edidit,   Interpretationen!   Latinam  J.  B.  Rasarii,  item 

33* 


516  Iwan  Bloch. 

suas  animadversiones  et  indicem  vocabulorum  adjecit  Ch.  F.  de 
Mathaei,  Moskau  1808,  4^  (Buch  1 — 15  griechisch  nach  einer  Mos- 
kauer Hs.,  die  beim  Brande  unterging  und  mit  lateinischen  Ueber- 
setzungen  des  Rasarius.  Alle  Stellen  aus  Galen,  Rufus,  Dios- 
kurides  fehlen).  Mit  Emendationen,  Scholien,  Index  graecor.  voca- 
bulorum.    [Sehr  selten.] 

Buch  1  und  2  des  Moskauer  Codex  bei:  Chr.  Godofr.  Grüner 
progr.  inest:  Oribasii  medicinalium  collectorum  liber  I  et  II  et  frag- 
mentum  aliud  e  codice  Mosquensi  nunc  primum  gr.  et  lat.   Jena  1782,  4 ". 

f)  A.  Cocchi's  Sammlung:  Veterum  medicorum  chirurgica  quaedam 
antehac  desiderata  gr.  et  lat.  Florenz  1754  fol.  enthält  Buch  46  und 
47  der  ovvaywycov  und  kleinere  Stücke  von  Buch  48  und  49  gr. 
und  lat. 

g)  Buch  44,  45,  48,  49,  der  Anfang  von  50  und  kleine  Bruch- 
stücke in:  „Angeli  Maji  Classicorum  auctorum  e  Vaticanis  codicibus 
editorum",  Bd.  IV,  Rom  1831,  8  ",  S.  1—198;  276—279.  Vgl.  Darem- 
berg,  „Notices  et  extraits"  S.  149. 

h)  Ülco  Cats  Bussemake r  dissertatio  philologico-medica  in- 
auguralis  exhibens  librum  XLIV  collectaneorum  medicinalium  Oribasii 
nuper  ab  Angelo  Majo  Romae  graece  editum,  cum  adjuncta  versione 
latina  adnotationibusque.    Groningen  1835,  8  ". 

i)  Oeuvresd'Oribase,  Texte  Grec,  en  grande  partie  inedit, 
collationne  sur  les  manuscrits,  traduit  pour  la  premiere  fois 
en  fran^ais,  avec  une  introduction,  des  notes,  des  tables  et  des 
planches,  par  les  docteurs  Busse maker  et  Daremberg,  Paris,  8*^, 
Bd.  I.  1851  (LX,  692  S.),  Bd.  II,  1854  (XH,  924  S.),  Bd.  III,  1858 
(XXVII,  723  S.),  Bd.  IV,  1862  (IX,  720  S.),  [Bd.  V,  1873  (VII,  956  S.), 
Bd.  VI  1876  (XXVII,  813  S.)  enthalten  die  „Synopsis"  und  „Euporista" 
in  griechischem  Original  und  lateinischer  Uebersetzung;  s.  unten]" 

Ueber  die  zu  dieser  Ausgabe  benutzten  Hss.  vgl.  Daremberg 
in  Bd.  I  S.  LVII  und  Bd.  II  S.  V— VI;  III  S.  X;  IV  S.  III— IV. 
Ueber  einen  angeblichen  im  Nationalmuseum  zu  Budapest  befindlichen 
von  Bussemaker  und  Daremberg  nicht  benutzten  vollständigen 
Codex  der  awaycoyal  vgl.  Hirschberg  a.  a.  0.  S.  361. 

Ueber  den  Plan  und  Inhalt  seiner  grossen  Kompilation  macht 
Oreibasi OS  selbst  in  der  an  Julian  gerichteten  Einleitung  einige 
Bemerkungen.  Sie  sollte  so  angelegt  sein,  dass  die  Leser  sofort  in 
jedem  einzelnen  Falle  das  dem  Kranken  Nützliche  finden  könnten. 
Wiederholungen  sollen"  möglichst  vermieden,  nur  das  litterarisch  und 
praktisch  Beste  ausgewählt  werden.  Oreibasios  weist  besonders 
auf  Galen  als  eine  seiner  Hauptquellen  hin  und  sagt  zum  Schlüsse: 
„Ich  werde  zuerst  das  auf  die  allgemeine  Diätetik  und  Materia  medica 
Bezügliche  sammeln,  dann  die  Lehren  über  Natur  und  Bau  des 
Menschen,  darauf  das  auf  Hygiene  und  Krankenpflege  Bezügliche.  Es 
folgen  Diagnostik  und  Prognostik.  Endlich  werde  ich  von  der 
Heilung  der  Krankheiten  und  der  Symptome  handeln  und  über  die 
Kur  der  widernatürlichen  Leiden.  Ich  werde  mit  den  Eigenschaften 
der  Nahrungsmittel ' beginnen"  (Oribas.  I,  1  ed.  Dar.  I,  2 — 3).  Die 
Reihenfolge  des  aus  70  Büchern  bestehenden  Werkes  (7rQod-vf.uog  avvi]- 
yayov  ev  eßdofiiJKovra  ßißloig  Orib.,  Synopsis  Praef  ed.  Dar.  V,  1) 
war  demnach  folgende:  Allgemeine  Diätetik,  allgemeine  Therapie  und 
Materia  medica,  Physiologie  und  Anatomie,  Hygiene,  Krankenpflege, 
Diagnostik,  Prognostik,  spezielle  Pathologie  und  Therapie,  Chirurgie. 


Byzantinische  Medizin.  517 

Nach*  den  neueren  Untersuchungen  von  M.  Wellmann  (Pneumat. 
Schule  104 — 109)  müssen  wir  annehmen,  dass  Oreibasios  bei  seiner 
Zusammenstellung  bereits  ältere  umfangreiche  Kompilations- 
werke benutzt  und  daher  keineswegs  immer  aus  den  Original- 
autoren geschöpft  hat.  Solche  medizinische  Kompilationen  im  Stil  des 
Oreibasios  gab  es  bereits  vor  Galen,  der  solche  schon  benutzt 
hat.  Well  mann  weist  scharfsinnig  nach,  dass  Oreibasios  u.  a. 
auch  aus  einer  wesentlich  die  Schriften  der  pneumatischen  Schule 
umfassenden  Kompilation  geschöpft  hat,  in  der  Excerpte  aus  den 
Schriften  des  Athenaios,  Herodot,  Apollonios  von  Perga- 
mon,Archigenes,  ßufus  und  Antj'llos  enthalten  waren  und  die 
wahrscheinlich  von  Antj'llos  verfasst  war.  Nach  Moliniers  Zu- 
sammenstellung (VI  S.  XII— XIV)  hat  Oreibasios  die  folgenden 
Autoren  benutzt:  Adamantios,  Agathinos,  Antyllos,  Apollo- 
nios von  Pergamon,  Archigenes,  Aristoteles,  Askle- 
piades,  Athenaios,  Kriton,  Demosthenes  von  Marseille, 
Dieuches,  Diokles,  Dioskurides,  Erasistratos,  Galen, 
Heliodoros,  Herodotos,  Lykos,  Meges,  Menemachos, 
Mnesitheus  von  Athen,  Mnesitheus  von  Kyzikos,  Philagrios, 
Philumenos,  Philotimos,  Rufus,  Sabinos,  Soranos, 
Theophrast,  Xenokrates,  Zopyros.  Meist  werden  die  An- 
sichten der  verschiedenen  Aerzte  über  denselben  Gegenstand  neben 
einander  gestellt,  wie  z.  ß.  die  Elephantiasis  (Lepra)  dreimal  nach 
Galen,  Rufus  und  Philumenos  abgehandelt  wird  (XLV, 
26 — 29  ed.  D.  IV,  59 — 82),  wobei  Wiederholungen  sich  nicht  ver- 
meiden lassen.  Es  lässt  sich  nicht  daran  zweifeln,  dass  Oreibasios 
im  grossen  und  ganzen  mit  Geschick  die  am  meisten  charakteristischen 
und  bedeutungsvollen  Stellen  aus  den  älteren  medizinischen  Schriften 
ausgezogen  hat.  Leider  ist  von  seinem  für  die  Kenntnis  der  antiken 
Medizin  höchst  wertvollen  Werke  nur  etwa  ein  Drittel  erhalten, 
dessen  Inhalt  nach  der  Ausgabe  von  Bussemaker  und  Darem- 
berg  kurz  der  folgende  ist:  Bd.  I  (Lib.  I — VI):  Lehre  von  den  Nah- 
rungsmitteln (I — III),  Getränke  (IV — V),  Gymnastik  und  Diätetik 
(VI);  Bd.  II  (Lib.  VII— X;  XIV-XV;  Fragment  von  NIV): 
Lehre  von  der  Blutenziehung  (VII,  cap.  1 — 22);  Evacuantien  (VII, 
23-26;  VIII);  Klimatologie  und  Hygiene  (IX,  1—20);  Kataplasmen 
(IX,  21-55);  Bäder  (X,  1-9);  Derivantien  und  Alterantien  (X,  10-42); 
Materia  medica  (XIV,  XV,  XVI);  Bd.  III  (Fragmente  aus  Lib. 
XXI,  XXII;  auslibrisincertis;  XXIV,  XXV,  XLIV) :  Allgemeine 
Physiologie  und  Pathologie  (XXI);  Embryologie  (XII);  Hygiene,  all- 
gemeine Pathologie  und  Symptomatologie,  Phj'siologie  (libri  incerti); 
Splanchnologie  (XXIV),  Benennungen  der  Körperteile,  Osteologie, 
Myologie,  Neurologie,  Angiologie  (XXV);  Entzündung,  Geschwülste, 
allgemeine  Chirurgie  (XLIV) ;  Bd.  IV  (Lib.  XLV— LI  und  Auswahl): 
Geschwülste  (XLV);  Frakturen  (XL VI);  Luxationen  (XL VII);  Ver- 
bandlehre (XLVIII);  Lehre  von  den  bei  Luxationen  gebrauchten 
x^pparaten  und  Maschinen  (XLIX) ;  Harn-  und  Geschlechtsleiden,  Her- 
nien (L);  Geschwüre  (LI);  Verschiedenes  (Bd.  VI  S.  542—637). 

Die  Selbständigkeit  des  Oreibasios  zeigt  sich  nur  in  der  prak- 
tischen Auswahl  und  Bearbeitung  des  umfangreichen  Materiales. 
Er  stellte  übrigens  selbst  anatomische  Untersuchungen  an  Affen  an 
und  machte  dabei  sehr  rationelle  physiologische  Beobachtungen,  wie 
über  die  beim  Aderlasse  nach  Nervenverletzungen  auftretenden  Arm- 


518  Iwan  Bloch. 

lähmungen  (VII,  5  ed.  Dar.  II,  34—35).  Ratio  et  experimentum  sind 
seine  medizinischen  Grundsätze.  Von  allen  byzantinischen  Aerzten  hat 
er  allein  daher  so  gut  wie  nichts  von  Mystik  und  Wunderglauben  in 
seinen  Schriften  niedergelegt. 

Zwanzig  Jahre  (nicht  vor  390  n.  Chr.)  nach  der  Vollendung  der 
avvayioyal  verfasste  Oreibasios  auf  den  Wunsch  seines  gleichfalls 
ärztlichen  Studien  obliegenden  Sohnes  Eustathios  einen  Auszug 
aus  diesem  Werke  unter  dem  Titel  Ivvoiptg,  nicht  eine  populäre  Schrift, 
sondern  ein  für  wissenschaftliche  Zwecke  bestimmtes  Lehrbuch  {rolg 
äkXoig  Tolg  ui]  TtaQigyoig  xrjv  iaTQiy(.i]v  imaSovoiv),  welches  die  not- 
wendigsten Thatsachen  der  Heilkunst,  mit  Ausschluss  der  Chirurgie, 
enthalten  sollte  und  den  grössten  Wert  auf  medikamentöse  und 
diätetische  Therapie  legt  (Vorrede  ed.  Dar.  IV,  1 — 3). 

Ausgaben:  a)  Oribasii  synopseos  ad  Eustathium  filium  libri 
IX,  quibus  tota  medicina  in  compendium  redacta  continetur.  Venet. 
1554,  8*^,  ed.  J.  Bapt.  Rasarius,  ap.  P.  Manutium.  Latein. 
Selten. 

Wiederholt  Paris,  1554,  12  "  apud  Audoenum  Parvum. 

b)  ÖQEißaoiov  TtQog  Evatd^iov  zbv  vibv  avzov  Ivvoipig  ed.  Busse- 
maker  et  Daremberg  in:  Oeuvres  d'Oribase,  Paris  1873,  Bd.  V 
S.  1—556. 

Inhalt  der  Synopsis:  Gymnastik,  Coitus,  Blutentziehungen,  Pur- 
gantien,  Emetica,  Klysmen,  Diaphoretica,  Bäder,  Rubefacientia  (Lib.  I); 
Materia  medica  (Lib.  II — III) ;  Nahrungsmittel  und  Getränke  (Lib.  IV) ; 
Ammenwesen,  Hygiene  der  Kindheit  und  des  späteren  Lebens  (Lib.  V); 
Krisenlehre,  Uroskopie,  Auswurf,  Fieberlehre  (Lib.  VI);  Wunden,  Ge- 
schwüre, Geschwülste,  Hautleiden  (Lib.  VII);  Nervenkrankheiten, 
Geisteskrankheiten,  Haarleiden,  Nasen-  und  Lippenleiden,  Augen- 
krankheiten, Wiederbelebung  Erhängter  (Lib.  VIII);  Brustleiden, 
Magenleiden,  Darmaffektionen,  Leberkrankheiten,  Nieren-  und  Blasen- 
leiden, Gynäkologie,  Gicht  und  Ischias  (Lib.  IX). 

Hervorzuheben  sind  die  von  hervorragendem  ärztlichen  Urteil 
zeugenden  Kapitel  über  Diätetik  der  Schwangerschaft  (V,  1),  Ammen- 
wahl (V,  2;  die  jüngste  Amme  muss  25  Jahre  sein,  die  älteste  35, 
weder  zu  fett  noch  zu  mager,  nicht  krank  sein,  erst  kurz  vorher  ge- 
boren haben,  am  besten  einen  Knaben,  muss  sich  des  Coitus  enthalten), 
Milch  (V,  3—4),  Kinderkrankheiten  (Hautleiden,  Husten,  Koryza, 
Dentition,  Aphthen  u.  s.  w.  V,  5 — 13),  Kindererziehung  (V,  10,  Beginn 
des  Unterrichts  mit  6  oder  7  Jahren;  mit  12  Jahren  Unterricht  in 
Grammatik,  Geometrie  und  Gymnastik;  mit  14  Jahren  Philosophie  und 
Fachwissenschaften;  Abstinenz  von  sexuellem  Verkehr  und  Wein). 

Im  Gegensatze  zu  der  Synopsis  stellen  die  EvTtÖQiota  eine 
populäre  Abhandlung  über  Medizin  für  das  gebildete  Publikum  dar. 
Dies  Werk  ist  später  als  die  Synopsis,  etwa  zwischen  392  bis  395 
n.  Chr.,  verfasst,  und  ist  wiederum  ein  Auszug  aus  der  Synopsis,  in 
4  Büchern.  Ueber  Entstehungsgeschichte  und  Zweck  der  Schrift  giebt 
Oreibasios  selbst  wiederum  in  der  Vorrede  Auskunft.  In  einem 
Gespräche  mit  ihm  hatte  der  gelehrte  E  u  n  a  p  i  o  s  (höchstwahrscheinlich 
mit  dem  Biographen  E.  identisch)  den  Wunsch  einer  näheren  Kenntnis 
der  Heilkunde  geäussert,  soweit  dieselbe  dem  Laien  zugänglich  und 
auf  Reisen  oder  auf  dem  Lande  in  Anwendung  gezogen  werden  könne, 
wenn  kein  Arzt  in  der  Nähe  sei.  Kulturgeschichtlich  sehr  interessante 
Klagen  über  die  grosse  Zahl  der  Kurpfuscher  und  ihr  betrügerisches 


Byzantinisclie  Medizin.  519 

und  gemeingefährliches  Gebahren  erläutern  weiterhin  den  Zweck  des 
Buches,  die  Gebildeten  auf  den  Nutzen  und  die  Notwendigkeit  einer 
wissenschaftlichen  Medizin  aufmerksam  zu  machen  und  genau  die 
Bedingungen  festzustellen,  unter  welchen  das  Eingreifen  eines  wirk- 
lichen Arztes  angezeigt,  im  übrigen  aber  eine  Uebei-sicht  über  die  den 
wahren  „Freunden  der  Heilkunde"  (q)iUaTQoi)  in  leichteren  Krankheiten 
oder  bei  plötzlichen  Unglücksfällen  sofort  zu  Gebote  stehenden 
{ev7T6QiaTa)  Mittel  zu  geben.  Oreibasios  erwähnt  als  Vorgänger, 
welche  Schriften  mit  demselben  Titel  und  Zweck  verfassten:  Galen, 
Dioskurides,  Rufus,  Apollonios,  deren  Werke  aber  mit  Aus- 
nahme des  ihm  unzugänglichen  von  Galen  dem  Zwecke  nicht  ge- 
nügten. Den  Inhalt  der  4  Bücher  seiner  Euporista  präzisiert  Orei- 
basios zum  Schlüsse  so:  Beschreibung  der  allgemeinen  Eigenschaften 
und  der  besonderen  Heilwirkungen  der  einfachen  Arzneien  ohne 
Rücksicht  auf  den  Krankheitssitz  (Lib.  II);  Beschreibung  der  Arzneien 
für  die  einzelnen  Krankheiten  (Lib.  LEI);  Beschreibung  der  Körper- 
teile, ihrer  Krankheiten  und  der  Therapie  (Lib.  IV);  Diätetik  und 
Hygiene  (Lib.  I). 

Ausgaben:  a)  Basil.  1529,  fol.  ed.  J.  Sichard,  excudebat  H. 
Petrus.  (In  der  Ausgabe  des  Caelius  Aurelianus,  nur  3  Bücher, 
mit  Stücken  aus  den  owaycoyai  und  der  awöipig  vermengt.)  La- 
teinisch. 

b)  Oribasii  ad  Eunapium  libri  IV,  quibus  facile  parabilia  medi- 
camenta,  facultates  simplicium,  morborum  et  locorum  aifectorum  cura- 
tiones  continentur,  Venet.  1558,  8",  ed.  J.  Bapt.  Rasarius,  ex 
officina  Erasmiana  Vincentii  Valyrisii.  (Vorrede  ist  „Idibus  Januarii 
1557''  unterzeichnet,  daher  vielleicht  Abdruck  der  Baseler  latein. 
Ausgabe  der  Opera  omnia,  s.  unten;  enthält  auch  Emendationen  zur 
Synopsis.) 

c)  ^ÖQeißaalov  rtqog  EvvaTtiov  Ttegl  Evti oqLotwv  ed. 
Bussemaker  et  Daremberg  in:  Oeuvres  d'Oribase,  Paris  1873, 
Bd.  V  S.  557—797.  Griech.  Text  und  franz.  Uebersetzung.  [Ver- 
zeichnisse der  für  die  griechische  Ausgabe  der  Synopsis  und  der 
Euporista  benutzten  Hss.,  besonders  von  Wien,  Rom,  Florenz,  Mailand, 
Paris,  München,  Venedig,  Oxford,  Bd.  I  S.  XXXV;  Notices  et  ex- 
traits  116.] 

Eine  lateinische  Ausgabe  der  sämtlichen  damals  bekannten 
Werke  des  Oreibasios  veranstalte  Rasarius: 

Oribasii  quae  restant  omnia  tribus  tomis  digesta,  Bapt.  J.  Ra- 
sario  interprete,  Basil.  1557,  8  **,  ap.  M.  Isingrinum.  (Bd.  I:  Synopseos 
libri  IX,  de  machinamentis  et  laqueis  libelli  II,  mit  Holzschnitten; 
Bd.  II:  Collectorum  libri  XVII  [1—15  und  24—25];  Bd.  HI:  Euporista 
und  Emendationen  von  Rasarius.) 

Ein  grosses  Interesse  bieten  die  frühen  lateinischen 
Uebersetzungen  der  Synopsis  und  der  Euporista  dar,^)  von 
denen  die  ältesten  zur  Gruppe  jener  „altlateinischen"  Uebersetzungen 
zwischen  dem  6.  und  8.  christlichen  Jahrhundert  gehören,  die  nach 
Valentin  Rose  „den  Zusammenhang  der  Studien  aufrecht  erhielten, 
halb  noch  der  alten  Litteratur  zugehörig,  halb  die  neuen  Studien  der 


^)  Litteratur:  Oeuvres  d'Oribase,  Preface  von  Bd.  V  S.  III — VII;  A. 
Molinier  in  Bd.  VI  S.  XV— XXVII;  V.  Rose  a.  a.  0.  S.  110 ff.;  E.  Meyer  a.  a.  0. 
II,  270—271;  Hagen  a.  a.  0. 


520  Iwan  Bloch. 

Barbaren  eröffnend,  und  zum  Teil  ausdrücklich  mit  Rücksicht  auf  die 
germanischen  Stämme  von  römischen  und  griechischen  Aerzten  für 
die  Barbaren  geschrieben  wurden,  die  bei  ihnen  in  die  Schule  gingen, 
schon  im  5.  und  6.  Jahrhundert"  (Rose  a.  a.  0.  S.  115).  Unter  den 
griechischen  Aerzten,  die  solche  altlateinische  üebersetzungen  zum 
Gebrauche  der  Goten  und  anderer  germanischen  Völker  erfahren  haben, 
sind  hauptsächlich  Hippokrates,  Dioskurides,  Galen,  Orei- 
basios  und  Alexander  von  Tralles  zu  nennen. 

Unter  den  Schriften  des  Oreibasios  blieben  die  awaycoyai 
wegen  ihres  grossen  Umfanges  für  eine  Uebersetzung  ausser  Betracht. 
Sie  scheinen  überhaupt  seit  dem  7.  Jahrhundert  fast  verschollen  zu 
sein.^)  Dagegen  wurden,  wie  erwähnt,  die  Synopsis  und  die  Eu- 
porista  wegen  ihrer  Kürze  und  übersichtlichen  Inhalts  schon  in 
sehr  früher  Zeit  übersetzt.  Diese  altlateinischen  Üebersetzungen  sind 
uns  in  5  Handschriften  enthalten  (zwei  Pariser  Codices,  eine  Berner, 
St.  Gallener  und  eine  im  Besitze  des  Lord  Ashburnham  befindliche 
Hss.).  Die  wichtigste  ist  das  erste  Pariser  Ms.  lat.  10233  (ancien- 
suppl.  lat,  621),  das  vollständigste  und  älteste  (6.  christliches  Jahr- 
hundert). Von  ihnen  hängen  der  zweite  Pariser  Codex  lat.  9332 
(7.  Jahrh.),  der  Berner  Codex,  derjenige  des  Lord  Ashburnham 
(7.  Jahrh.)  ab.  In  allen  sind  die  Synopsis  und  die  Euporista  durchein- 
ander gemischt,  nach  Molini  er  schon  in  den  griechischen  Vorlagen. 
Ferner  enthalten  die  Üebersetzungen  zahlreiche  Ungenauigkeiten, 
Zusätze  aus  anderen  Schriftstellern,  therapeutische  Exkurse,  magische 
Formeln,  z.B.  eine  solche,  um  die  Geburt  zu  erleichtern,  wobei  einige 
Worte  aus  der  Christusgenealogie  des  Matthäus  auf  ein  Stück 
Papier  geschrieben  werden  (VI  S.  622).  Selbst  Interpolationen  aus 
den  avvaytoyai  fehlen  nicht.  Die  späteren,  durch  Manuskripte  von 
Laon,  Leipzig  und  Rom  (Biblioth.  Barberino)  repräsentierten  latei- 
nischen Üebersetzungen  aus  dem  10.  Jahrhundert  sind  genauer  nach 
dem  heute  vorliegenden  griechischen  Text  gefertigt  und  enthalten  nur 
wenige  Zusätze  wie  z.  B.  Auszüge  aus  Werken  des  K  r  i  t  o  n  (VI,  397). 
Die  Sprache  der  älteren  lateinischen  Üebersetzungen  ist  ein  durch 
eine  eigenartige  Syntax  und  Beimischung  barbarischer,  besonders 
gotischer  Namen  ^)  ausgezeichnetes  Volkslatein,  wie  es  auch  in  den 
Diplomen  der  merowingischen  Könige  und  den  Gesetzsammlungen 
jener  Epoche  uns  entgegentritt.  Da  die  Goten  zwischen  480  und  550 
n.  Chr.  in  Italien  weilten,  so  ist  nach  Mo  linier  der  Archetypus  der 
drei  ältesten  Manuskripte  um  das  Ende  des  5.  oder  in  den  ersten 
Jahren  des  6.  Jahrhunderts  entstanden. 

Ausgaben:  a)  Oribasii  medici  de  simplicibus  libri 
quin  qua,  gedruckt  durch  Johannes  Schott  hinter  „Tacuini 
sanitatis  etc.",  Strassburg  1531  und  „Physica  S.  Hildegardis  etc.", 
Strassburg  1533,  fol.  (Aber  nur  lib.  IV  enthält  das  2.  Buch 
der  Euporista;  lib.  I — III  enthalten  Auszüge  aus  Apulejus  de 
herbis  und  die  sog.  „Dynamidia  Hippocratis" ;  lib.  V  ein  alphabetisch 


^)  Der  Name  des  Oreibasios  wird  besonders  von  Paulos  von  Aegina  er- 
wähnt (VII,  11,  12,  17,  19)  und  sehr  häufig  von  Aetios  (z.  B.  Tetr.  I  Serm.  II 
cap.  197  u.  ö.).  Der  Araber  Rhazes  bringt  in  seinem  ,,Continens"  zahlreiche  Citate 
und  Excerpte  aus  den  owaycoyai. 

'^)  Z.  B.  VI,  131  ist  von  einer  Pflanze  „Isatis'*  die  Rede  „quam  tinctores 
herba  vitrum  vocant  et  Goti  visdile". 


Byzantinische  Medizin.  521 

angeordnetes    Excerpt    aus    Dioskurides)   [Meyer     270;    Rose 
110—114]. 

Wiederholtim  „Experimentarius medicinae"  Strassburg,  J.  Schott, 
1554,  fol. 

b)  Teile  der  alten  lateinischen  Uebersetzungen  der  Synopsis  und 
der  Euporista  befinden  sich  hinter  der  ersten  Ausgabe  von  Caelii 
Aureliani  tardarum  passionum  libri  V,  Basel  1529,  fol.  [Choulant 
208;  V.  Rose  116]. 

c)  Aeltere  und  jüngere  lateinische  Uebersetzung  der  Synopsis  in: 
Oeuvres  d'Oribase  Bd.  V  S.  799—927;  Bd.  VI  S.  1—402;  der 
Euporista  ibidem  VI  S.  403-626.  (Beste,  vollständige  Ausgabe.) 

Verloren  sind  die  folgenden  von  Suidas  erwähnten  Schriften 
des  Oreibasios:  1.  ITgog  tohg  ärcogoüviag  twv  iaxqGjv  gegen  die 
skeptischen  Aerzte;  2.  tisqI  ßaaiXeiag,  von  der  Regierung;  3.  TteQi 
Tca^Cüv,  von  den  Leidenschaften. 

Nach  dem  Fihrist  und  Oseibia  verfasste  Oreibasios  auch 
^eine :  4.  Anatomie  der  Eingeweide.^) 

Unecht  sind  die  „Commentaria  in  aphorismos  Hippocratis",  die 
unter  dem  Namen  des  Oreibasios  gehen  (Ausgaben:  Paris  1533,  8", 
ed.  Guinth.  Andernacus;  Vened.  1533,  8^;  Basil.  1535,  8";  Patav. 
1658,  12«}. 

Der  Anonymus  des  Lauremberg. -) 

Im  Jahre  1616  veröffentlichte  der  Professor  der  Medizin  und  Physik 
in  Hamburg  Peter  Lauremberg  (1585—1639)  nach  einem  angeb- 
lich aus  Frankreich  mitgebrachten '  Manuskripte  eine  in  60  Kapitel 
eingeteilte  griechische  Einleitung  in  die  Anatomie  und  fügte  eine 
(mangelhafte)  lateinische  Uebersetzung  hinzu: 

a)  'Aviovvnov  €iaayioyr]  ävaTOfxiy.ij,  Anonymi  philosophi  antiquissimi 
isagoge  anatomica.  Nunc  priihum  e  sua  Bibliotheca  edidit,  et  vertit 
Petrus  Lauremberg,  Hamburg  1616,  4*^.    [Sehr  selten.] 

Wiederholt  Lugd.  Bat.  1618,  4",  ed.  Joach.  Mors  ins. 

b)  Anonymi  Introductio  anatomica  graece  et  latine,  item  Hypatus 
de  partibus  corporis  graece  et  latine,  cumnotisDn.  Wilh.  Trilleri 
et  Jo.  Steph.  Bernardi.  Accedunt  Figurae  Anatomicae  cum  expli- 
catione  graeca,  nunc  primum  ex  cod.  mss.  bibliothecae  Leidensis  editae. 
Lugd.  Bat.  1744,  8*^.  (Enthält  auch  noch  Noten  von  J.  J.  Reiske. 
„Hypatus"  ist  Georg.  Sanguinaticius,  dessen  um  1450  n.  Chr. 
verfassten  "Egi-ir^veia  rwv  xov  oiü/.iaTog  (.isqCov  der  Ausg.  beigegeben  ist.) 

Diese  Schrift  wurde  früher  meist  dem  Oreibasios  zugeschrieben,*^) 
gehört  jedenfalls  in  die  Zeit  desselben,  nach  v.  Töply*)  sogar  ins 
3.  Jahrhundert,  in  die  Nähe  des  Philosophen  und  Aristoteles-Er- 
klärers Porphyrios,  was  aber  Fuchs  für  zu  früh  angesetzt  erklärt. 


')  Steinschneider  a.  a.  0.  S.  476 — 477.  Für  Leser  arabistischen  Lateins  sei 
hier  vermerkt,  dass  der  Name  des  Oreibasios  in  solchen  Schriften  als  „Acrabasius, 
Aermesus,  Anyasius,  Arabasius,  Arinasius,  Auramasixis,  Aurifiasius,  Auxiatius,  Avy- 
nasius,  Urbiasius,  vielleicht  auch  Agarisius"  erscheint. 

*)  Litteratur:  Choulant  128—129;  v.  Töply  S.  27—29;  R.  Fuchs  in: 
Byzantin.  Zeitschrift  1899  Bd.  VIII  S.  200. 

*)  Da  des  Oreibasios  Anatomie  auf  Galen  beruht,  der  Anonymus  des 
Lauremb.  dagegen  keinerlei  Beeinflussung  durch  letzteren  erkennen  lässt,  so  ist 
des  ersteren  Autorschaft  sehr  unwahrscheinlich. 

*)  Töply  a.  a.  0.  S.  32-36. 


522  Iwan  Bloch. 

Nach  Aristoteles  werden  anatomische  Angaben  in  dieser  Schrift 
zusammengestellt,  in  einer  sehr  trockenen  Weise.  Nur  ab  und  zu  lässt 
der  Verf.  zwischen  den  Auszügen  aus  Aristoteles  eine  eigene  Meinung 
durchblicken.     Den  Inhalt  der  60  Kapitel  verzeichnet  T  ö  p  1  y  a.  a.  0. 

S.  28-29. 

Adamantios. 

Der  „Jatrosophist"  (Aet,  Tetrab.  II  Serm.  IV  cap.  27;  Sokrates, 
Hist.  eccles.  VII,  13)  Adamantios  war  ein  Zeitgenosse  des  Orei- 
basios,  der  ihn  aber  erst  in  den  späteren  Schriften  (der  Synopsis) 
erwähnt  und  benutzt.^)  Von  seinen  Schriften  oder  seiner  Schrift,  in 
welchen  erDioskurides  und  K r i t  o n  benutzte,  haben  sich  nur  Frag- 
mente bei  Oreibasios  (über  medizinische  Masse  und  Gewichte 
Svnops.  II,  59  D.  V,  85;  Rezepte  gegen  Alopecie  Sjmops.  III,  24  D.  V, 
109,  855;  gegen  Hernien  Synops.  III,  28—29  D.  V,  111—112;  gegen 
Atherome  III,  29  D.  V,  112,  857;  gegen  phagedänische  Geschwüre 
Synops.  III,  36  D.  V,  114,  858—60;  gegen  Verbrennungen  VII,  6  D.  V, 
335 ;  gegen  gichtische  Atjfektionen  IX,  57  D.  V,  552)  und  bei  A  e  t  i  o  s 
(Kur  der  schmerzhaften  Entzündungen  des  Zahnfleisches  und  der 
Zähne,  wobei  u.  a.  der  Saft  von  Hyoscyamus  in  den  Mund  genommen 
werden  soll,  Tetrab.  II  Serm.  IV  cap.  27;  Rezepte  gegen  Zahn- 
schmerzen, z.  B.  Gurgeln  mit  warmen  Flüssigkeiten,  Malvendekokten 
ib.  cap.  31).  Auch  verfasste  Adamantios  eine  kleine  i^bhandlung 
über  die  Winde  (nach  Aristoteles  und  Theophrast),  von  der 
ein  Auszug  bei  Aetios  (Tetrab.  I  Serm.  III  cap.  163)  und  bei  Joannes 
Diaconos  Galenos  steht,  das  Ganze  von  Valentin  Rose  („Anec- 
dota  graeca  et  graeco-latina"  I  S.  29  if.)  herausgegeben  worden  ist.  Eine 
andere  noch  erhaltene  Schrift  des  Adamantios,  die  cpvaLoyno/LUKcc  in 
2  Büchern  (abgedruckt  in  J.  G.  Fr.  Franz,  „Scriptores  physiognomiae 
veteres",  Altenburg  1780,  8^),  ist  nach  Heck  er  und  Rose  nur  ein 
Auszug  aus  dem  gleichnamigen  verlorenen  Werke  des  unter  Hadrian 
lebenden  Rhetors  Polemon.-) 

N  e  m  e  s  i  0  s.  ^ ) 

Wie  sich  aus  den  Briefen  des  Gregorios  von  N a z i a n z  (330 — 390 
n.  Chr.)  und  denjenigen  des  Isidor  von  Pelusium  (370—440)  an 
Nemesios  ergiebt  (vgl.  die  ausführlichere  kritische  Auseinander- 
setzung bei  Töply  36—39),  ist  wirklich  Nemesios,  der  Bischof  von 
Emesa,  der  Verfasser  der  Schrift  n:€Ql  cpvoetug  äv^gw/iov,  deren  Ab- 
fassungszeit in  die  letzten  Lebensjahre  des  GregoriosNazianzenos 


1)  Nach  Hecker  a.  a.  0.  II  S.  218,  E.  Meyer  a.  a.  0.  II,  375  und  M.  Well- 
mann, Artikel  „Adamantios"  bei  Pauly-Wissowa  I,  343  ist  der  Jatrosophist 
Adamantios  identisch  mit  dem  jüdischen  Arzt  gleichen  Namens,  der  sich  bei  der 
Vertreibung  der  Juden  aus  Alexandria  unter  Honorius  und  Theodosius  II. 
durch  den  Bischof  Atticus  von  Konstantinopel  sich  taufen  Hess  (Socrates,  hist. 
eccles.  VII,  13).  Möglich  wäre  das  trotz  der  zeitlich  viel  früheren  Erwähnung  des 
Adamantios  durch  Oreibasios. 

^)  Vgl.  auch  R.  Foerster,  ,,De  A.  physiognomicis  recensendis"  in:  Philologus 
1888  Bd.  46  S.  250—275;  Ders.,  „Zur  Physiognomik  des  Polemon"  in:  Hermes  1876 
Bd.  X  S.  465—468. 

3)  Litteratur:  Hecker  77—82;  ChT)ulaut  126—128;  Corlieu  115—117; 
Töply  36—44;  Margarites  Evangelides,  „Zwei  Kapitel  aus  einer  Mono- 
graphie über  Nemesius  und  seine  Quellen",  Berlin,  Dissert.  1882. 


Byzantinische  Medizin.  523 

fällt.  Die  Möglichkeit,  dass  der  von  Gregorios  hochgeschätzte  Prätor 
Nemesios  mit  dem  späteren  syrischen  Bischof  von  Emesa,  dem  Ver- 
fasser jener  Schrift,  identisch  sei,  ist  durchaus  nicht  ausgeschlossen. 
Nemesios  wurde  um  340  n.  Chr.  geboren  und  veifasste  seine  Schrift 
wohl  nicht  vor  381. 

Ausgaben:^)  a)  Nef-ieaiov  Itho-mtiov  xai  rpiXoaötpov  tcbqI  cpvaswg 
av&QOJTTov  ßiß'Uov  £>,  Nemesii  episcopi  et  philosophi  de  natura  hominis 
liber  unus,  nunc  primum  et  in  lucem  editus,  et  latine  conversus  a 
Nicasio  Ell ebodio,  Antwerpen  1565,  8".  —  Editio  princeps  mit 
latein.  Uebersetzung.   [Sehr  selten.] 

b)  Nemesii  de  natura  hominis  liber  unus.  Oxford  1671,  S**.  Griech. 
und  latein.  Ausgabe  von  J.  Fell,  Bischof  von  Oxford. 

c)  Nemesius  Emesenus  de  natura  hominis  graece  et  latine,  Post 
edit.  Antverp.  et  Oxon.  adhibitis  tribus  codd.  Augustanis,  duobus 
Dresden.  totidemqueMonach.  ed.  etanimadv.  adiecit  Chr.  Fr.  Matthaei, 
Halae  Magdeb.  1802,  8»,  128  S.     [Beste  Ausgabe.] 

Die  Schrift  des  Nemesios  erlangte  im  Mittelalter  eine  grosse 
Verbreitung  und  wurde  früh  ins  Lateinische  übersetzt.  Die  älteste 
bekannte  Uebersetzung  ist  die  des  Alfanus  I.,  Erzbischof  von  Salerno 
(t  1086),  unter  dem  Titel  „Premnon  fisicon  (7tQif.ivov  (pvoiTcwv)  id  est  stipes 
naturaliura"  bekannt,  entdeckt  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  in 
der  Bibliothek  zu  Avrenches  in  der  Normandie.  -)  Eine  weitere  latei- 
nische Uebersetzung  wurde  von  dem  pisaner  Gelehrten  Burgundio 
(f  1194)  im  Jahre  1159  verfasst. -^j  Die  dritte  Uebersetzung  stammt 
aus  dem  13.  Jahrhundert  und  wurde  von  Karl  Holzinger  nach  den 
Handschriften  in  der  folgenden  Ausgabe  veröffentlicht: 

Nemesii  Emeseni  libri  negi  cpvaewg  ävd-gwnov  versio  latina.  E  libr. 
ms.  nunc  primum  ed.  Carolus  Holzinger,  Leipz.  u.  Prag  1887, 
8**,  175-1-37  S.  (Nach  einer  Bamberger  Hs.  des  13.  Jahrhunderts 
und  einer  etwas  jüngeren  aus  Prag.    Mit  kritischen  Noten.) 

Eine  vierte  lateinische  Uebersetzung  veröffentlichte  J.  Conen, 
der  die  Schrift  dem  Gregorios  von  Nyssa  zuschrieb,  im  Jahre  1512 
(in:  Gregorii  Nysseni  libri  octo  de  homine,  Strassb.  1512,  fol). 

Ferner  giebt  es  alte  italienische  und  armenische  Ueber- 
setzungen,*)  erstere  z.  B.  in  „Operetta  d'un  autor  incerto  raccolta  dal 
sapientissimo  Salomono  e  dal  gran  Basilio.  della  natura  degli  animali, 
e  tradotta  da  greco  in  volgare  da  Domenico  Pizzimenti"  (s.  1.  e.  a. 
8").  Eine  englische  Uebersetzung  lieferte  G.  Wither  (f  1667) 
unter  dem  Titel  „The  natureofmen"  (London  1636,  12"),  eine  deut- 
sche 0  st  er  h  am  m  er  („Von  der  Natur  des  Menschen",  Salzburg  1819, 
8";  vgl.  auch  Seybold,  „Notae  in  Nemesium"  in:  Allgem.  Liter. 
Anzeiger  1811  S.  54). 


^)  Vgl.  K.Burkhard,  „Die  handschriftliche  Ueherliefening  von  Nemesius 
Ttsol  cpvaacos  avd-Qconov^'  in:  Wiener  Studien,  Zeitschr.  f.  klass.  Philologie  1888 
Bd.  X  S.  93-135,  1889  XI  S.  143-152;  243—267  und  Beüage:  Facsimile  aus  Cod. 
Dresd.    Da.  57  fol.  286. 


»)  Choulant  a.  a.  0.  S.  128. 

*)  Vgl.  E.  Tera,  „La  natura  dell' uomo  di  Nemesio  e  le  vecchie  traduzioni  in 
italiano  e  in  armeno"  in:  Atti  del  R.  Istituto  Veneto  III,  7,  12,  39ff. ;  „Nemesiana. 
Sopra  alcuni  luoghi  della  „Natura  dell'  uomo"  in  armeno".  Riendic.  della  R.  Acadeuiia 
dei  Lincei  II  I,  3  ff. 


524  Iwan  Bloch. 

Die  Schrift  rtsgl  (ptaeiog  avS^QWfcov  (44  Kapitel)  ist  wesentlich 
psychologischer  Natur  und  enthält  nur  spärliche  phj^siologische 
Bemerkungen.  Das  Wesen  der  menschlichen  Seele  wird  nach  clirist- 
lich-neuplatonischen  Gesichtspunkten  mit  besonderer  Benutzung  des 
Aristoteles  und  P 1  a t o n  erörtert.  Als  Quellen  dienten  die  tr]Tri,uaTa 
oif-i/uixTcc  des  Porphyrios  (vgl.  H,  v.  Arnim  im:  Rhein.  Mus.  f. 
Philol.  Bd.  42  S.  278 ff.),  Aetios  (Diels,  Doxographi  graeci,  Berlin 
1879,  S.  49),  die  Schrift  des  Stoikers  Philopator  tisqI  6iiiiaQf.i€prig 
(vgl.  Gercke,  „Chrysippea"  in:  N.  Jahrb.  f.  Philol.  Suppl.  XIV 
S.  689  ff.). 

Für  die  naturwissenschaftlichen,  zoologischen  und  physiologischen 
Kenntnisse  des  Nemesios  kommen  hauptsächlich  G a  1  e n  (Ueber  die 
Temperamente,  über  den  Nutzen  der  Körperteile,  „Symphonia"  d.i.  über 
die  Dogmen  des  Hippokrates  und  Piaton,  das  Werk  vom  wissen- 
schaftlichen Beweis)  und  Aristoteles  (Ethik,  Physik,  Tierkunde) 
als  Quellen  in  Betracht.  Gegenüber  der  Ueberschätzung  des  Neme- 
sios durch  Fell,  Fabricius,  Portal,  Sprengel,  Haeser  hat 
V.  Töply  nachgewiesen,  dass  des  Nemesios  vielgerühmte  Angaben 
über  die  Bedeutung  der  Gallenthätigkeit  (cap.  28)  vollkommen  auf 
Galen  (de  usu  part.  V,  4)  beruhen,  ebenso  wie  seine  angebliche 
Entdeckung  des  Blutkreislaufes  (cap.  24)  nur  eine  „ziemlich 
dunkle  Wiedergabe  der  durch  Galen  vertretenen  Anschauungen"  dar- 
stellt. Die  in  Kapitel  13  aufgestellte  Behauptung,  dass  in  der  vorderen 
Hirnhöhle  die  Einbildungskraft,  in  der  mittleren  der  Verstand,  in  der 
hinteren  das  Erinnerungsvermögen  lokalisiert  seien,  geht  auf  Po- 
seidon ios  (s.  oben  S.  490)  zurück.  In  Kapitel  27  unterscheidet 
Nemesios  Nerven  und  Sehnen  dadurch  von  einander,  dass  erstere 
Empfindung  besitzen,  letztere  nicht.  Trotz  des  gänzlichen  Mangels  an 
Originalität  zeichnet  sich  die  Schrift  des  Nemesios  durch  eine 
nüchterne  naturwissenschaftliche  Auffassung  und  Ablehnung  des  medi- 
zinischen Aberglaubens  (Astrologie)  aus. 

Hesychios  vonDamaskus  und  sein  Sohn  Jakobos 
Psychrestos.^) 

Suidas  berichtet  in  der  Lebensbeschreibung  des  Jakobos 
Psych restos,  dass  dessen  Vater  ebenfalls  ein  sehr  berühmter  Arzt 
gewesen  sei,  Hesychios,  aus  Damaskus  (ca.  370  n.  Chr.)  gebürtig, 
der  sich  im  Jahre  430  in  Konstantinopel  niederliess,  nachdem  er 
bereits  40  Jahre  lang  in  seiner  Vaterstadt,  in  Rhodus,  Hellas,  Aegypten 
(hier  besonders  in  Alexandria)  und  in  Italien  die  ärztliche  Praxis  aus- 
geübt, und  der  Ruf  seiner  seltenen  Geschicklichkeit  überall  sich  ver- 
breitet hatte. 

Noch  berühmter  wurde  sein  Sohn  Jakobos,  einer  der  edelsten 
Aerzte  aller  Zeiten.  Er  wurde  in  Griechenland  (vielleicht  zu  Dre- 
panum  in  Argos)  geboren  und  folgte  seinem  Vater,  von  dem  er  19 
Jahre  lang  getrennt  gewesen  war,  nach  Konstantinopel,  wo  er  unter 
dem  Kaiser  Leo  dem  Thracier  (457 — 474)  „Comes  archiatrorum" 
wurde. ^)     Er  lebte  noch  im  Jahre  467,    wo   er  sich   beim  Kaiser  für 

1)  Hecker  82— 84;  Corlieu  149— 150;  Meyer  11,375;  Reinesius,  „Variae 
lect.'S  350. 

^)  Joann.  Antiochen.  cogn.  Malal.  Histor.  chronic".  Oxford  1691,  8°,  P.  II.   Leo 

lus  S.  77. 


Byzantinische  Medizin.  525 

einen  Freund  verwandte.^)  Er  war  ein  ausgezeichneter  Diagnostiker 
und  Therapeut,  erfüllt  von  edelster  Menschenliebe  und  Uneigennützig- 
keit,  der  sich  die  Liebe  aller  Stände  erwarb  und  als  ,. Erretter" 
^ioTi]Q,  als  „Zeuxis  und  Phidias  der  Heilkunst '*  gepriesen  und 
durch  die  Errichtung  einer  Statue  in  den  Bädern  des  Zeuxippos 
zu  Konstantinopel  geehrt  wurde.  ^)  Wie  hoch  er  in  der  Schätzung 
anderer  Aerzte  stand,  beweist  das  schöne  Wort  des  Alexandros 
von  Tr alles:  „Er  war  ein  bedeutender  und  in  der  Wissenschaft 
gottbegnadeter  Mann"  (f-t^ycig  ^^^tQ  '^-^^  S^eocpikeazcnog  neQi  rrjv  Teyvrp' 
yevöf-ievog,  ed.  Puschmann  II,  163).  Wegen  des  Umstaudes,  dass  er 
mit  Vorliebe  eine  kühlende  und  wässrige  Diät  verordnete,  bekam  er 
auch  den  Beinamen  Psj^chrestos  (ipvxrjQOzög).  ■^)  Nach  Alexander 
von  Tralles  scheint  er  jenes  Regime  deshalb  bevorzugt  zu  haben, 
weil  „er  sah,  dass  die  meisten  Menschen  sehr  geschäftig  und  geld- 
gierig sind  und  ein  Leben  voll  Kummer  und  Sorgen  führen."  (Alex. 
Trall.  V,  4  ed.  Puschm.  II,  163).  Besonders  berühmt  war  seine 
Behandlung  des  Podagra,  über  welches  er  wahrscheinlich  bei  der 
umfangreichen  Praxis  unter  den  reichen  Schwelgern  von  Konstanti- 
nopel grosse  Erfahrungen  gesammelt  hatte.  Sowohl  Aetios  (Tetr. 
III  S.  IV  cap.  43)  als  auch  Alexandros  (Lib.  XII  ed.  Puschm. 
S.  565  und  571)  haben  uns  Rezepte  von  Jakobos  gegen  dieses 
Leiden  aufbewahrt,  wobei  vorher  die  Diät  des  Kranken  geregelt 
werden  musste.  Gegen  ein  anderes  Modeleiden,  nämlich  Migräne 
und  Neuralgien  empfahl  Jakobos  Einreibungen  mit  warmem 
Kamillenöl  an  der  schmerzhaften  Stelle,  gelinde  Massage,  feuchte 
Diät,  auch  Einreiben  einer  als  Anodynum  wirkenden,  aus  Galbanura, 
Castoreum,  Opoponax,  Terpentin,  Leinsamen,  Oel  und  Fett  bestehenden, 
„Bromin"  genannten  Salbe  (Oribas.,  Synops.  VII,  22  versio  latina 
ed.  Dar.  VI,  160 — 161).  Ein  aus  Süssholz,  Traganthgummi,  Süssholz- 
saft,  Kraftmehl  und  Lattich  bestehendes  Hustenmittel  des  Ja- 
kobos und  dessen  Zubereitung  beschreibt  Alexandros  von  Tralles 
(ed.  Puschm.  II,  161 — 163).  Der  Kranke  musste  davon  nüchtern 
3  Löft'el  nehmen.  Zur  ärztlichen  Deontologie  steuerte  Jakobos 
folgenden  Ausspruch  bei:  „Ein  guter  Arzt  muss  seinen  Kranken  ent- 
weder sogleich  aufgeben  oder  ihn  nicht  eher  verlassen,  als  bis  er  ihn 
um  etwas  gebessert"  (Suidas).^) 

Asklepiodotos  Alexandrinos.^) 

Dieser  nicht  weniger  als  Jakobos  berühmte  Arzt,  der  „Grosse" 
nach  Olympiodoros  (in  Meteor.  II,  222  Ideler)   wurde   um  die 

^)  Chronicon  Paschale  ed.  Ducange.  Paris  1689,  S.  322. 

')  Photios,  MjTiobiblon  ed.  Hoeschel,  Oliva  1611,  S.  1051.  Photios  be- 
richtet, dass  Jakobos  die  Reichen  ermahnt  habe,  armen  Kranken  beizustehen,  und 
dass  er  von  Unbemittelten  niemals  Honorar  genommen  habe.  —  An  der  Statue  pries 
nach  Photios  noch  Damaskios  (6.  Jahrh.)  den  Ausdruck  von  hohem  Geiste, 
Ernst  und  Würde. 

^)  Bei  Aetios  a.  a.  0.  ipvx^iaTijg.  Vgl.  über  diesen  Beinamen  ßeinesius 
a.  a.  0.  S.  350. 

*)  Vgl.  noch  „Chronicon  Marcellini  comitis"',  Paris  1546,  S.  32;  Fabricius, 
Bibl.  graeca  XIII  S.  251;  C.  G.  Kühn,  „Additamenta  ad  elenchum  medicorum 
veterum"  XVII  S.  8.  —  Excerpte  aus  Jakobos  finden  sich  im  Cod.  2210  F.  der 
Pariser  Nationalbibliothek,  vgl.  Brian,  ., Chirurgie  de  Paul  d'Egine",  Paris  1855,  S.  73. 

^)  Meyer  a.  a.  0.  II,  370—373;  Becker  II,  84-85;  Freudenthal,  Art. 
„A."  bei  Pauly-Wissowa  1896,  IV  Sp.  1641-1642. 


526  Iwan  Bloch. 

Mitte  des  5.  Jahrhunderts  in  Alexandria  geboren  und  lebte  später  in 
Aphroditopolis ,  wahrscheinlich  der  nahe  bei  Alexandria  gelegenen 
Stadt  dieses  Namens  (Suidas  v.  Asklepiodotos).  Er  war  erst  Musiker, 
dann  Arzt  (Schüler  des  Jakobos)  und  Philosoph,  Schüler  des  Neu- 
platonikers  Proklos  Lykios  (411 — 485),  der  ihm  seine  Erklärung 
des  „Parmenides"  widmete.^)  Damaskios  Damaskenos,  der 
letzte  Lehrer  der  neuplatonischen  Philosophie  zu  Athen  (unter 
Justini  an)  bezeichnet  den  Asklepiodotos  als  seinen  Lehrer, 
dem  er  vieles  verdanke  (S u i d a s  v.  Asklepiodotos).  Olympiodoros, 
ein  späterer  A  r  i  s  t  o  t  e  1  e  s -Kommentator,  erwähnt  Erläuterungen  des 
Asklepiodotos  zum  platonischen  Timaios.  Damaskios  sagt  über 
Asklepiodotos  u.  a.:  „Von  Jugend  auf  galt  er  für  den  scharf- 
sinnigsten und  kenntnisreichsten  seiner  Altersgenossen,  indem  er  un- 
ablässig nach  allem  forschte,  was  die  Natur  oder  irgend  eine  Kunst  be- 
wundernswürdiges hervorbringt"  (Suidas).  Er  untersuchte  Farbstoffe, 
verschiedene  Holzarten,  Steine,  Pflanzen  auf  jede  Weise,  hielt  sich  viel 
bei  Handwerkern  auf,  trieb  Botanik  und  Zoologie  nach  eigener  An- 
schauung und  ausgedehnten  litterarischen  Studien,  war  der  Erste 
seines  Jahrhunderts  in  der  Physik  und  Mathematik,  tief  eingedrungen 
in  das  Verständnis  der  platonischen  Philosophie,  in  der  Ethik  einer 
realistischen  Auffassung  der  Dinge  zugeneigt,  indem  er  mystische 
Spekulationen  verwarf.  In  der  Medizin  war  Asklepiodotos  An- 
hänger des  Hippokrates  und  Soranos  und  führte  den  Gebrauch 
des  Veratrum  album  wieder  ein,  er  huldigte  einer  energischen  Therapie 
und  konnte  sich  grosser  Erfolge  in  seiner  Praxis  rühmen  (Photios, 
Suidas).  Ein  anmutiges  Betragen,  grosse  Freundlichkeit  im  Umgange, 
stetiges  Streben  nach  der  Veredlung  seiner  Mitmenschen  erhöhten 
seine  Beliebtheit  und  seinen  Einfluss,  der  sich  bis  tief  in  den  Orient 
erstreckte  (Suidas).  „Seine  Werke  gingen  unter,"  sagt  Ernst 
Meyer,  „kaum  dass  ein  dankbarer  Schüler  sein  Gedächtnis  erhielt. 
Der  Geschichte  aber  ziemt  es,  solchen  Männern  ihre  Kränze  zu 
wahren."  Und  bald  wob  die  Legende  einen  märchenhaften  Schimmer 
um  den  grossen  Vergessenen,  Hess  ihn  durch  ein  Wunder  aus  des 
Mäandros  Fluten  errettet  werden  und  im  Dunkeln  Schriftzüge  und 
Personen  erkennen  und  andere  Wunder  verrichten. 

Palladios  Sophistes-)   und  Severos. 

Palladios,ein  alexandrinischer  (De  febribus  ed.  B e r n a r d  cap.  6 
S.  22,  cap.  7  S.  24)  Jatrosophist,  der  wohl  den  grössten  Teil  seines 
Lebens  dort  oder  wenigstens  in  Aegypten  verbrachte  (nach  einer 
Aeusserung  im  Kommentar  zu  Epid.  VI  des  Hippokrates,  Ausgabe 
von  C  r  a  s  s  u  s  S.  236)  ist  in  das  5.  christliche  Jahrhundert  zu  setzen. 
Er  verfasste  3  Schriften ;  nämlich  einen  Kommentarzumsechsten 
Buche  der  Epidemien  des  Hippokrates,  eig  süzov  tGjv  Imöri- 
f^iiwv V7töf.ivrii.ia,^)  ferner  Schollen  zu  Hippokrates  über  Knochen- 

^)  Simplicius  ad  Aristot.  physic.  auscultat.  IV,  comment.  141;  Damaskios 
in  vita  Isidori  apud  Photium  cod.  242  p.  1052 — 1053;  1056  ed.  Hoeschel.  Vgl. 
auch  E.  Zell  er.  ..Philosophie  der  Griechen",  3    Aufl.,  Bd.  III  Tl.  2  S.  832. 

^)  Hecker  11,  165—168;  Corlieu  117-118;  Choulant  131-133;  H.  Con- 
ring  a.  a.  0.  S.  86. 

')  R.  Fuchs,  „Hippokrates  sämmtliche  Werke",  München  1897,  Bd.  II  S.  277 
Anmerkung  96.  Die  geringen  Beiträge  des  Palladios  zur  Erklärung  des  6.  Buches 
der  Epidemien  hat  Fuchs  a.  a.  0.  S.  277 — 291  in  den  Anmerkungen  verwertet. 


Byzantinische  Medizin.  527 

bräche,   axblia.   eig  lo  tzbqI  äyi-iCbv  'IitTtoxQarovg ,  und  eine  kurze 
Uebersicht  der  Fieber,  neQi  TtvQETwv  avwo^tog  avvoipig. 

Die  erstere  Schrift,  die  nach  dem  Urteil  von  K.  Fuchs  ^)  „fast 
unbrauchbar"  ist,  liegt  in  folgenden  Ausgaben  vor: 

a)  Breves  Interpretation  es  sexti  libri  de  niorbis  popularibus  Hippo- 
cratis,  e  voce  Palladii  Sophistae  collectae,  in :  Medici  antiqui  graeci  ed. 
Juni  US  Paulus  Crassus,  Patavin.  Basil.  1581,  4",  S.  151  ff. 

b)  Apollonii  Citiensis  etc.  scholia  in  HippocratemetGalenum, 
Königsb.  1834,  Bd.  II  S.  1—204. 

Die  Schollen  zu  der  hippokratischen  Schrift  über  Knochenbrüche 
liegen  vor  in: 

a)  Palladii  scholia  in  librum  Hippocratis  de  fracturis,  graece  et 
latine  ed.  Jac.  Santalbinus  in:  Hippocrates  ed.  Anutius 
Foesius,  Frankf.  1595,  sect.  VI  S.  196 ff. 

b)  Hippocratis  Coi  et  Galeni  Pergameni  opera  ed.  Charterius, 
Paris  1697,  XII  S.  270  ff. 

Beide  Kommentare  geben  wohl  einen  ziemlich  richtigen,  aber 
keineswegs  erbaulichen  Begriff  von  den  Lehr  vortragen  der  alexandri- 
nischen  Jatrosophisten  der  byzantinischen  Periode. 

Die  Schrift  über  die  Fieber  scheint  auch  dem  Palladios  zu  ge- 
hören, obgleich  man  sie  neuerdings  dem  Theophilos  Protospa- 
tharios  und  Stephan  von  Athen  zugeschrieben  hat.  Sie  ist  aber 
doch  wohl  von  Palladios  verfasst,  da  dieser  selbst  in  dem  Kommentar 
zu  den  Epidemien  (ed.  Crassus  S.  272)  einer  von  ihm  geschriebenen 
Abhandlung  über  Fieber  gedenkt.^) 

Ausgaben:  a)  Paris  1646,  4",  ed.  J.  Chartier  (griech.  Text 
mit  latein.  Uebersetzung  von  Chartier). 

b)  IIsqI  TtvQeiGjv  ovvToi-iog  avvoipig  ed.  J.  St.  Bernard,  Lugd.  Bat. 
et  Traject.  ad.  Khen.  1745,  8^*.  (Nach  Galen  verbesserter  Text,  mit 
kritischen  Noten  und  latein.  Uebersetzung;  S.  103 — 164  ein  „Lexicon 
alphabeticum  chemicum"  ohne  Zusammenhang  mit  Palladios.) 

c)  In:  „Physici  et  Medici  Graeci  Minores  ed.  J.  L.  Ideler, 
Berlin  1840,  Bd.  I  S.  107—121. 

d)  Theophili  et  Stephani  Atheniensis  de  febrium  differentia  ex 
Hippocrate  et  Galeno  edid.  Demetrius  Sicurus,  Florenz  1862,  8*, 
46  S.  (Nach  einem  Codex  der  Laurentiana.) 

Aus  dieser  Schrift  ist  folgendes  hervorzuheben.  Beim  Wechsel- 
fieber ist  die  Ursache,  der  Fieberstoff,  während  der  Intervalle  in  den 
Muskeln  und  kehrt  beim  Anfalle  wieder  ins  Blut  zurück  (cap.  28).  Das 
Fieber  selbst  ist  eine  widernatürliche  Erhitzung  {if-eQ/^aaia),  die  vom 
Herzen  durch  die  Arterien  im  Körper  verbreitet  wird  und  die  Körper- 
funktionen ziemlich  wahrnehmbar  beeinträchtigt  (cap.  1),  die  schäd- 
lichen Stoffe  im  Blute  müssen  also  erst  zum  Herzen  gelangen,  um 
Fieber  hervorzurufen  (cap.  9).  Aus  der  Zersetzung  des  Blutes  in  den 
Gefässen  gehen  die  gefährlichen  septischen  Fieber  hervor  (cap.  15). 
Das  Ganze  ist  im  humoralpathologischen  Geiste  abgefasst. 

Der  Jatrosophist  Severos,  der  im  5.  Jahrhundert  lebte,  ver- 
fasste  eine  kleine  Schrift  über  Klystiere  {rceQi  everiJQwv  ijtol xlva- 
TTjQiüv),  die  Dietz  entdeckte  und  herausgab: 

^)  Vgl.  auch  Töply  a.  a.  0.  S.  50,  der  die  Frage  unentschieden  lässt. 


Krto  Iwan  Bloch. 

528 


Severi  iatrosophistae  de  clysteribus  liber   /y*fXtfmeU 
scripti  unici  Florentini  primum  graece  edidit  F.  Reinhold  Dietz, 

^""If  ;nthm'AnwJsu;gt'zur  Behandlung  verschiedener  Ki^nk- 

der  Klystiere  durch  den  Ibis. 

Die  Schrift  „Kyranides".i) 
TTr^ter  dem  Namen  Kyraniden".  „Koiraniden"  (Kiraniden,  Kuraniden) 
h.t  P^f  siite^tens  aus  dem  4.  oder  5.  Jahrhundert  stammendes  Mach- 
hat em  spatesienb  «^^^J^^i"  ,      .,  •  i^^   p-elehrten   Auseinander- 

Andreas  Bachmann  (Rivinus,Ehyakinos): 

a)  Moderante  auxilio  redemptoris  «»P'!»;' ^S"  Lte \S^ 

meusve  etc."  (Leipz.)1638,  8«.  ..    ,    t    T   Frvthronhvlus 

b)  Mysteria  physico-medica  etc.    Frankfurt,  J.  J.  Erythropnyms, 

feststellen. 

iTTTTf  »ratur-  H  Conriiig  a.  a.  0.  S.  68;  Th  Reinesius  a.  a.  0.  S.  7-8; 
E.  Me'y»  VlmLbTO  i^'f X"*^?*4eÄ"trl.  WeAe,  hat  Meyer 
st*;if'^iÄ  un'dleriÄ  l?iecMs?he^n  uWung  ur.er.e,gend   dar- 

vertues  of  stones,  herbs,  fishes,  beasts  and  birds  ,  8  . 


Byzantinische  Medizin.  529 

Die  erste  Kyranis  ist  ein  mystisches  Zauberbuch,  das  in  24 
nach  der  Zahl  der  Buchstaben  angeordneten  Artikeln  unter  jedem 
Buchstaben  je  eine  Pflanze,  einen  Vogel,  einen  Fisch  und  einen  Stein 
vereinigt.  Die  drei  folgenden  Kyraniden  sind  eine  alphabetisch  ge- 
ordnete magische  Arzneimittellehre  aus  dem  Tierreich.  Buch  II 
behandelt  die  Land-,  Buch  III  die  Luft-,  Buch  lY  die  Wassertiere.  ^) 


Die  Schriftsteller  des  sechsten  Jahrhunderts: 

Aetios  von  Amida. 

lAtteratur  (chronologisch  angeordnet):  Photios,  Myriohihlon  Cod.  221 
p.  177  a  7.  —  Kristobal  Orozco,  „Annotationes  in  interpretes  Aetii  etc.  Una 
cum  latinarum  et  graecarum  dictionum  ac  rerum  quae  in  iis  annotationibus  con- 
tinentur  locupletissimo  indice",  Basel  1538,  4*>.  (Nach  einem  von  seinem  Lehrer 
Pinciano  erhaltenen  griechischen  Ms.  des  Aetios  verbesserte  0.  i}i  dieser  Schrift 
die  Irrtümer  der  Aetios- Uebersetzung  des  Cornarius  und  Montanus.)  —  John 
Freind,  „Historia  Medicinae  a  Galeni  tempore  usque  ad  initium  saeculi  decimi 
sexti''  in:  Opera  omnia  medica.  Ed.  altera,  Paris  1735,  4°,  Tl.  II  S.  144—157.  — 
«7.  E.  Hebenstreit,  „Tentamen  philol.  med.  sistens  Aetii  libri  IX  aliquot  capita^\ 
Leipzig  1757,  4°.  —  Derselbe,  „Aetii  dvsxSorcov  Hb.  IX  cap.  28,  exhibens  tenuioris 
intestini  morbum,  quem  ileon  et  chordapsum  dicunt  una  cum  veterum  super  hac 
aegrotatione  sententiis",  Leipzig  1757,  4  ".  (Mit  griech.  Text  und  latein.  Uebers.  aus 
Buch  IX  nach  dem  Bo er haav eschen  Coaex.)  —  C  Weigel,  „Aetianarum  exerci- 
tationum  specimen-',  Leipzig  1791,  4°.  (Gründliche  Untersuchungen  über  Leben, 
Schriften,  Hss.  und  Ausgg.)  —  J.  Magnus  a  Tengström,  „Commentationum  in 
Aetii  Amideni  medici  dvixöora  specimen  primum  sistens  libri  IX  cap.  41,  ne^i  daxa- 
piScov^',  Aboae  1817,  4".  —  J.  F.  C.  Hecker,  „Geschichte  der  IIeilkiinde^\  Berlin 
1829,  Bd.  II  S.  86—127.  —  E.  C.  J.  v.  Siebold,  „Versuch  einer  Geschichte  der 
Geburtshülfe",  Berlin  1839,  Bd.  I  S.  212—232.  —  Ernst  H.  F.  Meyer,  „Ge- 
schichte der  Botanik'',  Königsb.  1855,  Bd.  II  S.  374—378.  —  Corlieu  a.  a.  0., 
1885,  S.  118 — 122.  —  JL.  JJanelius,  „Die  Augenheilkunde  des  Aetius'',  Inaug.- 
Dissert,  Berlin  1899,  8°.  —  A.  G.  Costoniiris,  „Etudes  sur  les  ecrits  inedits  des 
anciens  medecins  grecs  et  ceux  dont  le  texte  origiiial  est  perdu  etc."  in:  Revue  des 
Etudes  grecques  1890  Bd.  III  S.  150—179.  —  M.  Welhnann,  Artikel  „  Aetios''' 
bei  Pauly-Wissowa,  „Realencyclopädie  der  class.  Alter-thumswissenschaft",  Stutt- 
gart 1893,  Halbbd.  I  Sp.  703 — 704.  —  Herselbe,  „Die  pneumatische  Schule  bis 
auf  Archigenes",  Berlin  1895,  S.  124 — 126.  —  .7.  Pagel  im:  j^Janus",  Archive» 
internationales  pour  Vhistoire  de  la  medecine^  Amsterdam  1897,  Bd.  I  S.  375  ff.  — 
Herselbe,  „Geschichte  der  Mediän",  Berlin  1898,  Bd.  I S.  143.  —  E.  Chirlt, 
„Geschichte  der  Chirurgie",  Berlin  1898,  I  S.  544—555.  —  «7.  Hirschberg,  „Die 
Augenheilkunde  des  Aetius  aus  Amida",  Leipzig  1899,  8  °,  XI,  204  S.  —  R.  Koss- 
tnann,  „Zur  Geschichte  der  Traubenmole"  in:  Archiv  f.  Gynäkologie  1900,  Bd.  52 
JS.  1  S.  153 — 169.  —  Max  Wegscheider,  Einleitung  zu  seiner  „Geburtshilfe  und 
Gynäkologie  bei  Aetios  von  Amida  (Buch  16  der  Sammlung)" ,  Berlin  1901.  S.  IX — XXL 

Aetios  wurde  am  Anfange  des  6.  Jahrhunderts  zu  Amida,  dem 
heutigen  Diarbekir  am  oberen  Tigris  geboren.  Er  machte  seine 
medizinischen  Studien  in  Alexandria  (Erwähnung  seines  Aufenthaltes 
daselbst  (Tetr.  I  Serm.  I  cap.  128  und  cap.  144 ;  Tetrabibl.  I  Serm.  n 
cap.  3).  In  späterer  Zeit  lebte  er  in  Konstantinopel,  wo  er  am  kaiser- 
lichen Hofe  den  Rang  eines  xo^rjg  tov  öipiy.lov  (comes  obsequii)  d.  h. 
Chef  des  kaiserlichen  Gefolges,  hatte.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel, 
dass  er   unter   Justini  an  (527 — 565)   in   Byzanz   lebte   und   diese 


*)  Anhangsweise  sei  hier  noch  Timotheos  Grammaticus  erwähnt,  der  nach 
Costomiris  eine  handschriftlich  erhaltene  Ahhandlung  „De  animalibus"  an  den 
Kaiser  Anastasios  verfasste,  und  entweder  ins  5.  oder  ins  7.  Jahrhundert  gehört. 
Vgl.  A.  G.  Costomiris,  „Etudes  sur  les  ecrits  de  anciens  medecins  grecs  etc."  in: 
„Revue  des  et.  grecques-',  Paris  1891,  Bd.  IV  S.  99. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  34 


530  Iwan  Bloch. 

Stellung  bekleidete,  da  schon  Alexandros  von  Tralles,  der  selbst 
in  den  letzten  Jahren  der  Regierung  dieses  Kaisers  den  Aetios  be- 
nutzt hat  (ed.  Puschmann  I,  437)^)  und  vor  Justinian  der 
Titel  „Comes  obsequii"  nicht  nachweisbar  ist  (Cagnati,  Variar.  ob- 
servat.  lib.  IV  cap.  18).  Ausserdem  citiert  Aetios  zahlreiche  Aerzte, 
die  zwischen  ihm  und  Oreibasios  gelebt  zu  haben  scheinen,  die 
dieser  noch  nicht  anführt,  woraus  auf  einen  grossen  Zeitabstand 
zwischen  beiden  zu  schliessen  ist.-)  Die  Erwähnung  des  Jakobos 
Psj^chrestos  (Tetrab.  III  Serm.  IV  cap.  43),  der  in  der  2.  Hälfte 
des  5.  Jahrhunderts  lebte,  macht  ebenfalls  W  e  i  g  e  1  s  Nachweis  wahr- 
scheinlich, dass  Aetios  im  6.  Jahrhundert  lebte  und  seine  Blütezeit 
zwischen  540  und  550  fällt.  Aetios  scheint  Christ  gewesen  zu  sein, 
wie  aus  der  öfteren  Erwähnung  von  Dingen,  die  der  christliche 
Gottesdienst  erfordert  (Tetrab,  I  Serm.  I  cap.  139 ;  Tetr.  IV  Serm.  IV 
cap.  140),  aus  seinen  Beschwörungsformeln  mit  Namen  des  Heilandes 
und  der  Märtyrer  (Tetrab.  II  Serm.  IV  cap.  50;  Tetrab.  IV  Serm.  III 
cap.  14)  hervorgeht. 

Aetios  ist  der  Verfasser  einer  medizinischen  Kompilation  in 
16  Büchern  (ßißUa  Irngma  tx/a/dexa),  '^)  in  einigen  Handschriften  auch  in 
vier  reTQccßißXoi  zu  je  vier  köyot  geteilt,  daher  auch  kurz  als  „Tetra- 
biblon"  bezeichnet.  Von  seinen  Quellen  lieisst  es  im  Anfang  der 
Schrift:  ^etlov'^i^iörjvoö  ovvoipig  tCov  tqiCov  ßißUiov,  'ÖQSißaaiov  leyco  ör] 
zoD  TtQog  'lovXiavbv  yial  rov  Ttgbg  EvordO^iov  xa*  rov  Ttqog  EvvduLOV  xat 
tG)V  S-SQa7iEVTLy.G)V  ßißUtüv  FaXrjvov  xal  ylqxiyivovg  xal  '^Povcpov  xal 
hdgcov  Twv  dQxcxlov  £7tiat]i.uov.  Photios,  der  eine  kurze  Inhalts- 
angabe der  16  Bücher  des  Aetios  macht  (Biblioth.  cod.  221  p.  177a  7) 
fügt  noch  Dioskurides,  Herodotos,  Soranos,  Philagrios, 
Philumenos,  Poseidon ios,  als  weitere  Quellen  derselben  hinzu. 
Zu  den  weiter  von  Photios  als  Quelle  erwähnten  hegcov  riv&v  tüv 
€711  Tfi  tix^jj  Ttjg  iajQimjg  ovof.ia  Xinövrcov  gehören  Adamantios 
Jatrosophistes  (Zahnheilkunde),  Antyllos,  Asklepiades, 
Aspasia  (die  Hebamme,  deren  geburtshilfliche  und  gynäkologische 
Mitteilungen  im  16.  Buche  wohl  grösstenteils  auf  Soranos  beruhen), 
Demosthenes  (für  die  Augenheilkunde),  Didymos,  Heras, 
Hippokrates,  Justos,  Kriton  (Kosmetik),  Leonides  (Genital- 
leiden und  Afteraffektionen),  Markellos  Sidetes,  Markianos, 
Severos  (Augenheilkunde).  Den  Löwenanteil  an  dem  Werke  hat 
Galen,  nächstdem  Oreibasios,  Archi genes  und  Soranos. 
Für  Buch  16  (die  Gynäkologie)  hat  Wellmann  wahrscheinlich  ge- 
macht, dass  dasselbe  auf  einer  bereits  von  Oreibasios  benutzten 
Kompilation  des  Philumenos  (3.  christl.  Jahrhundert)  mit  dem  Titel 
rwaiKEia  (Schol.  Orib.  ed.  Dar.  III,  681,  10)  beruht,  welche  aus 
2  Büchern  bestand  und  als  das  letzte  und  abschliessende  Werk  auf 
diesem  Gebiete  von  den  späteren  Autoren  viel  benutzt  wurde,  übrigens 


^)  Freilich  wirft  Puschmann  hier  die  Frage  auf,  oh  das  Excerpt  aus  Tetrah.  II 
Serm.  I  cap.  89  des  Aetios  nicht  ein  späterer  Zusatz  sei. 

^)  Bei  Fahricius,  Bibl.  graec.  VIII,  322  werden  als  von  Aetios  angeführt 
verzeichnet:  Castinus,  Cissophon,  Doaros  episcopus,  Dositheos,  Hermo- 
laos,  Isidoros  Memphites,  Julianos,  Logadios,  Magistrianus,  Ma- 
jorianus,  Menas,  Menekles,  Numius,  Pamphilos  episcopus,  Petrus 
archiater,  Severianus,  Theodoretos,  Theopompos,  Theosebios,  Thra- 
syandros. 

^)  Eine  von  ihm  (Tetrab.  IV  Serm.  II  cap.  6)  erwähnte  Abhandlung  über 
Chirurgie  ist  verloren  gegangen. 


Byzantinische  Medizin.  531 

grösstenteils  von  des  Soranos  gleichnamiger  Schrift  abhängig  war. 
Archigenes  ist  Quelle  der  Zusätze  zu  den  Auszügen  aus  Galen 
(avvoipig  tö)v  aTtlCbv  raXr^vov)  in  Buch  I  und  II  (vgl.  V.  Rose  in: 
Hermes  1874  Bd.  IX  S.  474  ff.),  femer  Hauptquelle  der  Lehre  von  den 
giftigen  Tieren  (Buch  XIII;  vgl.  E.  Rohde  in  Rhein.  Mus.  f.  Phüol 
Bd.  28  S.  268 ff.)  und  ist  endlich  für  die  Lehre  von  den  drj'AijirjQia 
neben  Pseudo-Dioskurides  und  einem  dritten  unbekannten  Autor 
benützt  worden  (0.  Schneider,  „Nicandrea"  S.  177 ff.). 

Die  Zahl  der  Handschriften  des  Tetrabiblon  ist  eine  ziemlich 
grosse.  Die  erste  Zusammenstellung  derselben  gab  W  e  i  g  e  1  (Aetianarum 
exercitationum  specimen  S,  27 — 29),  eine  vollständigere  Kostomoiris 
(a.  a.  0.  S.  166—179)  der  Mss.  von  Paris,  Leyden,  Leipzig,  England 
(Daremberg  „Notices  et  extraits"  S.  150 ;  1 15 ;  100),  der  Laurentiana 
in  Florenz,  des  Escurial,  des  Vatikan,  von  Venedig,  Wien,  Palmos  und 
vom  Berge  Athos.  Um  die  Kenntnis  der  Aetios-Hss.  hat  sich  ganz 
besonders  der  sächsische  Arzt  Carl  Christian  Leberecht  Weigel 
(1769  bis  1845)  verdient  gemacht,^)  der  sich  viele  Jahre  lang  mit  dem 
Studium  des  Aetios  beschäftigte  und  eine  leider  nie  erschienene 
vollständige  griechische  Ausgabe  vorbereitete,  die  auch  heute  noch 
aussteht.  Nach  Weigel s  Tode  veröffentlichte  H.  E.  Richter  den 
von  Weigel  selbst  angefertigten  Katalog  seines  litterarischen  Nach- 
lasses,'^) der  1873  von  Weigels  Neffen,  dem  Buchhändler  W.  in 
Leipzig,  an  die  Berliner  Königliche  Bibliothek  verkauft  wurde. ^)  Die 
Hauptstücke  des  A  e  t  i  o  s  nachlasses  Weigels  sind  eine  von  ihm  am 
1.  Juli  1824  gekaufte  „prachtvoll  saubere  und  vollständige"  Papier- 
handschrift mit  dem  Titel  ßißUov  laTQixbv  iv  löyoig  exxalösyia  (Mss, 
90  fol.  37  der  BerUner  K.  Bibliothek,  s.  XVI)  der  16  Bücher  des 
Tetrabiblon,  einst  in  der  Jesuitenbibliothek  zu  Paris  [Codex  Weigelianus 
Wellmanns;  Cod.  A.  von  Zervös;  nach  Wegscheider  hat 
diese  Hs.  die  besten  Lesarten  bei  variablen  Stellen  und  zeigt  grosse 
Uebereinstimmungen  mit  den  Wiener  Codices  XII  und  LI],  ferner  die 
Abschrift  des  griechischen  Textes  der  letzten  8  Bücher  des  Aetios 
nach  dem  ehemals  in  Boerhaaves  Besitz,  jetzt  in  der  Leipziger  Rats- 
bibliothek befindlichen  Codex  mit  Varianten  aus  Cod.  Vindob.  51  und 
aus  italienischen  Mss. 

Ausgaben.  Im  Zusammenhange  sind  bis  jetzt  nur  die  ersten 
acht  Bücher  des  Tetrabiblon  gedruckt  worden  in  der  folgenden  Aus- 
gabe: 

a)  Aetii  Amideni  librorum  medicinalium  tomus  primus,  primi 
scilicet  libri  octo  nunc  primum  in  lucem  editi,  graece,  Venet.  1534, 
fol.  in  aedib.  haered.  Aid.  Mannt,  et  Andr.  Asulani.*) 

Einzelne  Teile  des  übrigen  griechischen  Textes: 

b)  Buch  IX  cap.  25  ed.  J.  C.  Hörn,  Leipzig  1654  (1700)  4». 

c)  In  des  Dionysius  Petavius  „üranologium"  steht  der  Ab- 
schnitt „De  significationibus  stellarum"  aus  Tetrab.  III  gr.  1. 

d)  Bruchstücke  aus  Buch  IX  in  der  IvXXoyr]  eXkTjvixibv  avBy.d6%(av 


^)  Vgl.  dessen  Biographie  in  Callisens  „Medicinischem  Schriftstellerlexikon", 
Kopenh.  1834,  Bd.  20  S.  492  Nr.  1141  u.  Altona  1845  Bd.  33;  auch  Wegscheider 
a.  a.  0.  S   XV. 

^)  Schmidts  Jahrbücher  der  gesamten  Medicin  1847  Bd.  54  S.  271  und  272. 

=»)  V.  Rose  in:  Hermes  IX  S.  475. 

*)  Ein  mit  zahlreichen  wertvollen  Kandnoten  versehenes  Exemplar  D.  W. 
Trillers  befand  sich  im  Besitze  J.  F.  C.  Heckers  (Gesch.  der  Heük.  II,  88). 

34* 


532  Iwan  Bloch. 

Hvöqiov  Movato^vd ov  xal  Jr]fir]T;Qiov  S^ivä,  Venedig,  April 
1816  u.  d.  Titel:  ^AstLov  loyog  evvarog:  TteQi  ttov  xara  zb  oro^a  T'^g 
xoiXlag  7tad-ü)V^  y.al  avzfjg  zfjg  xotkiag,  y.al  svteQov. 

e)  Fragmente  aus  Buch  1—3,  5—6,  8,  10—12  in  „Oeuvres  de 
Rufus"  ed.  Daremberg-Ruelle,  Paris  1879. 

f)  Lib.  VII  cap.  1—29  ed.  D.  L.  Danelius  (a.  a.  0.)  Berlin  1889. 

g)  'AeTiov  Xöyog  öcodexarog,  ttqwtov  vvv  e^öod^elg  vjro  Fetogyiov 
A.  KcoarofioiQov,  Paris  1892,  8^  131  S.  ^) 

h)  J.  Hirsch berg  „Die  Augenheilkunde  des  Aetius  von  Amida, 
Griechisch  und  Deutsch.  Leipzig  1899,  8 "",  XI,  204  S.  (Buch  VII 
nach  der  Aldine  von  1534  ohne  Vergleichung  mit  Hss.,  mit  zahlreichen 
[526]  Verbesserungen.) 

i)  Aetii  Sermo  sextidecimus  et  ultimus.  Erstens  aus  Handschriften 
veröffentlicht.  Mit  Abbildungen,  Bemerkungen  und  Erklärungen  von 
Dr.  SkevosZervös,  Leipzig  1901,  8^  XX,  173  S.  (Griechischer 
Text  von  Buch  XVI  nach  Pariser,  Münchener  Codices  und  dem 
Berliner  Aetiosapparat  Weigels.)^) 

Uebersetzungen:  a)  Lateinische  Uebersetzung  des  J.  B. 
Montanus  und  Janus  Cornarius,  Basel  1533  —  1535  fol.,  3  Bände. 
(In  Bd.  I  u.  III  (1535):  Uebersetzung  des  Montanus  von  Buch  1 — 7 
und  14—16;  in  Bd.  II  (1533)  die  Uebersetzung  des  Cornarius  von 
Buch  8 — 13  u.  d.  Titel:  Aetii  Antiocheni  medici  de  cognoscendis  et 
curandis  morbis  sermones  sex  jam  primum  in  lucem  editi.)  —  Wieder- 
holt Venedig  1534,  4"  (Juntine)  und  s.  1.  (Venedig,  ap.  Octavian. 
Scötum)  1618,  8^  Basel  1535,  1538  fol.  (Froben). 

b)  Aetii  contractae  ex  veteribus  medicinae  tetrabiblos,  hoc  est 
quaternio  sive  libri  universales  quatuor,  singuli  quatuor  sermones 
complectentes,  ut  sint  in  summa  quatuor  sermonum  quaterniones,  id 
est  sermones  sedecim.  Per  Janum  Cornarium  medicum  physicum 
Latine  conscripti.  Basel  1542  fol.  (Vollständige  neue  Uebersetzung 
des  Cornarius  nach  einer  anderen  Hs.  und  mit  Benutzung  des 
Oroscius.)  —  Wiederh.  Basel  1549,  fol. 

c)  Venedig,  1543—1544,  8«,  2  Bde.,  ex  officina  Farrea.  (Sehr 
seltener,  schöner  Abdruck  der  Cornarius  sehen  Uebers.  mit  Ein- 
teilung in  16  Sermonen.) 

d)  Lugduni  1549  fol.  (Uebersetzung  des  Cornarius  und: 
Accesserunt  in  duos  priores  libros  (quos  de  simplicibus  scripsit) 
scholia,  rei  medicae,  studiosis  plurimum  profutura,  per  Hugonem 
Solerium  Sanionensem  medicum,  nunc  primum  in  lucem  edita). 
Wiederholt,  Lugduni  1560,  16**  in  4  Bändchen. 

e)  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  bei  Aetios  von  Amida  (Buch  16 
der  Sammlung).  Ein  Lehrbuch  aus  der  Mitte  des  6.  Jahrhunderts 
n.  Chr.  nach  den  Codices  in  der  Kgl.  Bibliothek  zu  Berlin  (besonders 
den  Sammlungen  C.  Weigels)  zum  ersten  Male  ins  Deutsche  über- 
setzt von  Dr.  med.  Max  Weg  scheider,  Berlin  1901,  8",  XXIV, 
136  S.    (Leider  nicht  ganz  vollständig,  da  Verf  die  die  Rezepte  ent- 


^)  Vgl.  Laboulbene,  „Sur  l'edition  du  XII e  livre  d' Aetius,  confiee  par  le 
Senat  acad.  de  l'universite  d'Athenes  ä  M.  le  Dr.  Costomiris"  in:  Bulletin  de  l'acad. 
de  medecine,  Paris  1891,  3.  ser.  Bd.  26  S.  89—91. 

^)  Vgl.  J.  Pagel  in:  Deutsche  Litteraturzeitung  1901  Nr.  28;  R.  Fuchs  in: 
Wochenschr.  für  klassische  Philologie  1901  Nr.  37  Sp.  998 ff.  —  Zervös  bereitet 
auch  die  Ausgabe  der  übrigen  noch  fehlenden  Bücher  aus  Teil  II  des  Tetrabiblon  vor. 


Byzantinische  Medizin.  533 

haltenden  Kapitel  meist  nur  in  den  Ueberschriften  mitteilt;  mit  An- 
merkungen und  Erläuterungen.)^) 

Die  Wertschätzung  des  Aetios  ist  zu  verschiedenen  Zeiten  eine 
verschiedene  gewesen,  Photios  empfahl  das  Tetrabiblon  sehr,  er 
zog  das  Werk  den  70  Büchern  des  Oreibasios  vor.  Nach  Boer- 
h  a  a  V  e  sollte  das  Werk  des  Aetios  das  für  die  Mediziner  sein,  was 
die  Pandekten  des  Justinian  für  die  Juristen  sind.-)  Schon  Cor- 
narius  hatte  erklärt:  „Crede  mihi  quisquis  es  rerum  medicarum 
studiose,  si  totum  Galenum  contractum,  si  totum  Oribasium  explicatum, 
si  Paulum  ampliatum,  si  omnes  veterum  speciales,  tum  per  pharma- 
catum  per  chirurgiam  aggressiones,  ad  omnes  affectiones  in  summa 
habere  voles,  Aetium  habes,  unde  totum  hoc  petere,  ac  ferre  potes."^) 
Spätere  Autoren  haben  die  Kompilation  des  Aetios  mit  kritischeren 
Augen  betrachtet.  Puschmann  (Artikel  „ Aetius"  im  „Biogi\  Lexikon 
der  hervorragenden  Aerzte".  Wien  1884  Bd.  I  S.  63)  tadelt  seinen 
kritiklosen  Eklekticismus ;  Well  mann,  der  anfangs  dem  Aetios 
noch  „eigenes  Urteil"  zusprach,  muss  nach  näherer  Beschäftigung  mit 
demselben  ihn  noch  eine  Stufe  tiefer  als  Paulos  setzen  „insofern  er 
ganz  stumpfsinnig  nach  Art  des  Oreibasios  einfach  Excerpt  an 
Excerpt  reiht"'.  Die  Wahrheit  liegt  in  der  Mitte  zwischen  der  über- 
triebenen Lobeserhebung  des  Photios  oder  Boerhaave  und  dem 
abfalligen  Urteil  Wellmanns.  Gewiss  ist  im  grossen  und  ganzen 
das  Werk  des  Aetios  eine  blosse  Kompilation  und  zum  grossen  Teile 
nur  eine  Abschrift  oder  Excerpt  aus  früheren  Kompilationen  (Galen, 
Philumenos,  Oreibasios).  Aber  in  der  zweckmässigen  Anordnung 
des  Ganzen,  in  vielen  einzelnen  Bemerkungen  zeigt  sich  doch  eine 
grosse  ärztliche  Erfahrung  und  Selbständigkeit.  Wenn  man  ihm  die 
grosse  Zahl  der  Wundermittel  und  abergläubischen  Rezeptformeln  *) 
zum  Vorwurfe  macht  —  er  ist  der  erste  b3'^zantinische  Arzt,  welcher 
diese  magische  Therapie  ausführlicher  behandelt  —  so  darf  anderer- 
seits daran  erinnert  werden,  dass  die  Zusammensetzung  vieler  der- 
artiger Mittel  nur  zu  dem  Zwecke  von  ihm  angegeben  wurde,  um  den 
Arzneischwindlern,  die  diese  Medikamente  zu  unerhörten  Preisen  ver- 
kauften, das  Handwerk  zu  legen.  ^)  Auch  manche  ihm  eigentümliche 
Anschauungen  hat  Aetios  wie  z.  B.  das  auch  von  Alexander 
V.  Tralles  (ed.  Puschmann  I,  436 — 439)  benutzte  Kapitel  über 
die  Entzündungen  („erysipelatösen  Zustände")  der  Eingeweide  (Aet. 
Lib.  V,  cap.  89)  beweist. 

Was  den  Inhalt  des  Tetrabiblon  betrifft,  so  handelt  Buch  I 
von  den  einfachen  pflanzlichen  Arzneimitteln  in  alphabetischer  An- 
ordnung, fast  ausschliesslich  nach  Galen os.  Buch  II  enthält  die 
erdigen,  metallischen  und  animalischen  Heilstoffe,  die  erwärmenden, 
abkühlenden,  austrocknenden,  befeuchtenden,  adstringierenden  u.  s.  w. 
Medikamente  (nach  Galen,  Dioskurides  und  Oreibasios).  Be- 
merkenswert ist  Kapitel  196  über  die  Merkmale  der  Güte  und  Un- 


^)  Vgl.  R.  Fuchs  in:  Wochenschr.  f.  klassische  Philologie  1901  Nr.  50  Sp. 
1364—1368. 

*)  Costomiris  a.  a.  0.  S.  165. 

')  Cornarius  in  der  „Epistola  nuncupatoria",  Bl.  5  der  Ausgabe  Basel,  1549. 

*)  Die  Vorliebe  für  diese  dürfte  auf  seinen  ägyptischen  Aufenthalt  zurück- 
zuführen sein. 

*)  Vgl.  darüber  John  Freind,  „Historia  medicinae"  in:  „Opera  omnia", 
Paris  1735,  Tl.  II  S.  156. 


^„.  Iwan  Bloch. 

534 


verfälschtheit  der  vegetabilischen  Mittel   teils  S'*  D/°/\uHde^ 

Temperamente,  Buch  ^V  P'^^PT^^l^nfpest  Buch  VI:  Kopfleiden 
gnostik  (Fieberlehre,  Uroskope,  Psychosen)  1"^^*'  «"•^^^i^y^n,''  („^ch 

(Gehirnkrankheiten  H*."''^'<'^'i',,?''',f  °  \  B„ch  VII:  Augenkrank- 
Leonides,  Poseidon.os  ß^l«"  ";  ^•''  ^."i„  eap  35  wird  nach 
heilen  (nach  Severos  und  Demost^^^^ 

äierBuch^HI:  L^m^tik^'ÄeSes  (cap.  l^itowieren),  Mund- 

cTöi-eÄ^^^^ 

^:lrX:^aÄkl^.ÄgSHld.ps(na^.,e 
iÄir:kti:ner(;L:hA\"f!|esEuf«s),^ 

bh^n^^^  CÄfuÄf  £n  :^^^^^^^^^ 

süäter  Condylome  und  Fissuren  der  Geschlechtsteile  (cap.iö  um  i^n^ 
ro'^L'd   slKrankheitenderGesa^^^^^^^^^ 

fc^riÄ  Scf  «aVe"n)    aründ  Blu^^^^^^^^  ^L"^* 

Ruf  US),  allgemeine  C?i™.p%(™P- 1'|-3 -^ariScäÄ  F"aria 
Luxationen,  Nagelkrankheiten  (<=.i^P  J^-SS),  Varices  (cap       A       ^^^ 
medinensis  (cap.  85  "»^h  ^eonides)    Buch  XV    t^enw^^ 
Geschwülste  (cap.  1-5),  Kop'  Mp,  e^,  Athe^me  und  Up^      i^  ^^^^^'^ 

10-12),  Geburtsverlauf  (cap.  13-15X  ^^""Sh^ogie  der  Geburt 
Mittel  (cap.  16-18)'  Abortas  cap  19-2UPatto'^^^^^^^  i  1I^„„ 
(cap.  22),  Operative  Gebu»>^.  2^^^^^^^^  3,     E^- 

und  Frau  (cap.  26-33),  l^»"^''?™"!^^  ■|vr„s,,.v,ationsanomalien  (cap. 

&-Äli^rWl  ^Vo^Ä?  fÄmetischeWra^^ 


1)  In  cap.  128  kommt  zuerst  der  Name  „Ekzem"  vor. 


Byzantinische  Medizin,  535 

Salben,  Oele,  ferner  Küclienrezepte  und  Räuchermittel  (cap.  114  —  145), 
Einbalsamierung  eines  Toten  (cap.  146j.  Quellen  für  die  Darstellung 
in  diesem  Buche  sind  Aspasia  und  Soranos,  dann  Philumenos, 
Galenos,  Leonides,  Archigenes,  Eufus. 

Alexandros  von  Tralles. 

lAtteratur  (chronologisch):  E.  3Iihvards,  „Tralliantis  reviviscens  or  an 
account  of  Trallianus  one  of  the  greek  writers  who  florished  after  Galenus,  sJieioing 
that  these  authors  are  far  from  deserv'mg  the  Imputation  of  nitre  compilators'\ 
London  1734,  8".  —  tTohn  Freind,  „Historia  medicinae",  Paris  1735,  S.  157 — 
170.  —  J.  F.  C.  Hecket',  „Geschichte  der  Heilkunde",  Berlin  1829,  Bd.  II 
S.  154—165;  S.  169 — 182.  —  i.  Choulantf  ,.IIandbuch  der  Bücherkunde  für  d. 
ältere  Medizin",  2.  Aufl.,  Leipzig  1841,  S.  135—138.  —  Ei'nM  H.  F.  Meyer, 
„Geschichte  der  Botanik",  Königsberg  1855,  Bd.  II  S.  379—381.  —  Th.  Puscli- 
inann  in  seiner  Ausgabe  des  Alexander  von  Tralles,  Wien  1878,  Bd.  I  S.  75 — 286. 
—  jP.  A.  Flückigei'f  „Pharmakognostische  Notizen  aus  Alexander  Trallianus"  in: 
Archiv  der  Pharmacie,  Halle  1880,  Bd.  XVI  S.  81—90.  —  C&rlieu  a.  a.  0.,  Paris 
1885,  S.  130—137.  —  Th.  I^itschmann,  „Nachträge  zu  Alexander  Trallianus" 
in:  Berliner  Studien  für  classische  Philologie  und  Archäologie,  Berlin  1886,  Bd.  V 
Heft  2,  8°,  188  S.  —  F.  Trosse,  „Burnt  substances  taken  from  Alexander  Tral- 
lianus" in:  Janus  1896  Bd.  I  S.  143 — 149.  —  IMeselbe,  „Sources  of  the  drugs 
supplied  to  the  Greeks.  according  to  Alexander  Trallianus"  in :  Janus  1897  S.  551 — 
557'.  —  E.  Giirlt,  „Geschichte  der  Chirurgie",  Berlin  1898,  Bd.  I  S.  555—557.  — 
«7.  Hirschherg,  „Geschichte  dei-  Augenheilkunde",  Leipzig  1899,  Bd.  I  S.  357 — 361. 

Alexandros,  einer  der  wenigen  Aerzte  der  byzantinischen  Zeit, 
welche  auf  die  Bezeichnung  eines  selbständigen  Denkers  und  Prak- 
tikers Anspruch  haben,  wurde  ums  Jahr  525  n.  Chr.  in  der  Ij^dischen 
Stadt  Tralles  als  Sohn  des  Arztes  Stephanos,\)  der  dort  eine 
umfangreiche  Praxis  ausübte,  geboren.  Seine  vier  älteren  Brüder  er- 
langten ebenfalls  Ruhm  und  Bedeutung.  Es  waren  Anthemios,  der 
Erbauer  der  Sophienkirche  in  Konstantinopel,  Metrodoros,  ein  be- 
rühmter Grammatiker  und  Lehrer  der  vornehmen  Jugend  von  Byzanz, 
Olymp  ios,  ein  bedeutender  Jurist,  und  Dioskoros,  der  wie  Ale- 
xandros Arzt  war  und  in  seiner  Vaterstadt  Tralles  eine  grosse 
Praxis  hatte  (Agathias  de  imperio  et  rebus  gestis  Justiniani  ed. 
V  u  1  c  a  n  i  u  s ,  Paris  1660,  S.  149 ).  Wahrscheinlich  empfing  Alexan- 
dros den  ersten  medizinischen  Unterricht  von  seinem  Vater.  Aus  der 
Vorrede  seines  Werkes  erfahren  wir,  dass  der  Vater  des  Kosmas, 
welch  letzterem  Alexandros  seine  Schrift  widmet,  ihn  später  haupt- 
sächlich in  der  ärztlichen  Kunst  unterrichtet  und  auch  somit  ihn  ge- 
fördert hat  (o  fj€v  yctQ  e^  ^QX^iS  ^^S  ov  uövov  h  tolg  eqyoig  zfjg  r^x^r^g, 
alka  -Aal  rCbv  Y.axa  ßlov  TiQayf.iaTOiv  anovriov  ös^Log  vnovQyog  lyiveio).  ^) 
Später  unternahm  Alexandros  grosse  Reisen,  die  ihn  nach  Corcyra, 
Italien,  Gallien,  Spanien,  Afrika  führten,  in  welchen  Ländern  er  reiche 
ärztliche  Erfahrungen  sammelte  (ed.  Puschmann  I,  563;  565).  Dann 
folgte  er  einem  ehrenvollen  Rufe  nach  Rom,  wo  er  wahrscheinlich  eine 
amtliche  Stellung  bekleidete  und  bis  ins  höchste  Greisenalter  die 
Praxis  ausübte  (Agathias  a.  a.  O.l    Puschmann  vermutet,  dass 


^)  Alexandros  gedenkt  seines  Vaters  im  Abschnitt  über  die  Angina  (Lib.  IV 
ed.  Puschmann  11,  139),  wo  von  einem  gemeinschaftlich  von  ihnen  angewendeten 
Mittel  gegen  Halsentzündungen  die  Rede  ist. 

^)  Kosmas  ist  wohl  identisch  mit  dem  berühmten  K.  Indikopleustes 
(vgl.  E.  Meyer  a.  a.  O.  II,  384),  Alexandros  erwähnt  in  der  Vorrede  die  Aus- 
landsreisen des  Kosmas,  der  ihm  stets  ein  treuer  Freund  geblieben  sei. 


536  Iwan  Bloch. 

er  in  Rom  auch  als  Lehrer  der  Medizin  gewirkt  habe,  da  seine  Schriften 
zum  Teil  die  Form  akademischer  Vorträge  zeigen.  Aus  seiner  Therapie 
geht  hervor,  dass  er  wesentlich  vornehme  Kranke  behandelte.  Trotz 
vieler  Drangsale  und  Schicksalsschläge  war  Alexandros  bis  ins 
höchste  Greisenalter  thätig,  wo  er  sich  allerdings  genötigt  sah,  die 
Praxis  aufzugeben,  aber  jetzt  seine  Müsse  zur  Abfassung  einer  Schrift 
verwendete,  in  welcher  er  die  in  einer  „langen  ärztlichen  Thätigkeit 
gewonnenen  Erfahrungen  in  der  Heilkunst"  zusammenstellte  (Vorrede). 
Er  starb  ungefähr  80  Jahre  alt  gegen  605  n.  Chr. 

Die  oben  erwähnte  Schrift,  das  Hauptwerk  des  Alexandros, 
stellt  eine  Pathologie  und  Therapie  der  inneren  Krankheiten  in 
11  Büchern  dar.  Das  bisher  dazu  gerechnete  12.  Buch,  eine  Abhand- 
lung über  die  Fieber,  bildet  nach  Puschmanns  Untersuchung 
(I,  102 — 104)  eine  besondere,  später  verfasste  Schrift,  wie  aus  einer 
Erklärung  des  Alexandros  in  Lib.  VII  cap.  8  hervorgeht,  wo  er  auf 
diese  spätere  Schrift  als  eine  noch  zu  schreibende  hinweist.  Für  ihre 
spätere  Abfassung  spricht  auch  die  Benutzung  der  Schriften  des 
Aetios  in  dieser  Abhandlung.  Puschmann  vermutet,  dass  „die 
ersten  elf  Bücher  Notizen  und  Aufzeichnungen  darstellen,  welche 
sich  Alexander  während  der  Praxis  eines  ganzen  Lebens  gemacht 
und  die  er  vielleicht  für  Vorträge  benutzt  hat,  welche  er  seinen 
Schülern  hielt,  dass  derselbe  den  Plan  zu  ihrer  Veröffentlichung  erst 
in  hohem  Alter  fasste,  als  er  sich  bereits  von  der  ärztlichen  Thätig- 
keit zurückgezogen  hatte,  und  dass  er  zur  Lösung  seiner  Aufgabe 
zunächst  die  Widmung  und  die  Abhandlung  über  die  Fieber  schrieb, 
welche  eine  notwendige  Ergänzung  seiner  Pathologie  der  inneren 
Krankheiten  bildet"  (I,  104). 

Eine  weitere  besondere  Abhandlung  des  Alexander  ist  diejenige 
über  die  Eingeweidewürmer  (II,  586—599). 

Am  Anfang  des  2.  Buches  seiner  speziellen  Pathologie  und 
Therapie  (ed.  Puschmann  II,  3)  gedenkt  Alexandros  einer  von 
ihm  verfassten  Schrift  über  Augenkrankheiten  in  drei  Büchern,  in 
welchen  die  Diagnostik,  Aetiologie  und  Therapie  (insbesondere  KoUyrien) 
behandelt  worden  sei.  Der  Verfasser  des  arabischen  Fihrist,  Ibn- 
el-Nedim  behauptet,  dass  er  eine  arabische  Uebersetzung  dieser 
Schrift  des  Alexander  gesehen  habe.  ^)  Puschmann  entdeckte  in 
dem  griechischen  Codex  IX,  Cl.  V  der  St.  Marcus-Bibliothek  die  sämt- 
lichen 12  Bücher  der  Schrift  über  innere  Krankheiten  auch  zwei 
Bücher  über  Augenkrankheiten,  die  zwischen  dem  2.  und  3.  Buche 
der  Pathologie,  in  direktem  Anschlüsse  an  seine  Besprechung  der 
Augenkrankheiten  eingeschoben  sind.  Es  fehlt  also  das  dritte,  die 
Zubereitung  der  erforderlichen  Arzneien  behandelnde.  Puschmann 
hat  nachträglich  diese  Schrift  gesondert  herausgegeben.  Er  hält  sie 
entweder  für  eine  Jugendarbeit  des  Alexandros  oder  für  das 
Werk  eines  christlichen  Gelehrten  der  byzantinischen  Zeit,  der  seine 
Anschauungen  dem  Galen  entnahm,  dessen  Teleologie,  Pathologie 
und  Terminologie  in  der  Abhandlung  wiederkehren.  Hirschberg 
hält  die  Schrift  für  das  Werk  eines  Anfängers  aus  sehr  später 
Zeit. 


^)  Alexander  V.  Tralles  ed.  Puschmann  1,92;  AI.  Sprenger,  „Disser- 
tatio  inang.  de  origine  medicinae  arahicae",  Leyden  1840,  S.  24. 


Byzantinische  Medizin.  537 

Die  Abhandlungen  Über  Kopfwunden  und  Knochenbrüche, 
deren  Alexandros  gedenkt,  sind  verloren  gegangen. 

Fälschlich  wurden  früher  unserem  Alexandros  die  medi- 
zinischen Streitfragen  des  Alexander  von  Aphrodisias  zuge- 
schrieben, was  schon  mit  Rücksicht  auf  den  ganz  verschiedenen  Stil 
auszuschliessen  ist. 

Die  in  einer  Pariser  griechischen  Handschrift  (Nr.  2316)^)  sich 
findenden  diagnostischen  Bemerkungen  eines  „Arztes  Alexander" 
über  den  Puls  und  den  Urin  der  Fiebernden  gehören  eben- 
falls nach  Form  und  Inhalt  nicht  dem  Alexandros  von  Tr alles 
an  ■-)  und  sind  wahrscheinlich  einem  gleichnamigen  Arzte  der  salerni- 
tanischen  Schule  zuzuschreiben. 

Unter  den  griechischen  Handschriften  der  Pathologie  des 
Alexander  Trallianus^^)  verdienen  die  meiste  Beachtung  der 
Codex  Laurentianus  (saec.  XIV),  der  Codex  2201  der  Pariser 
Nationalbibliothek,  die  Cod.  IX  Cl.  V  und  295  der  St.  Marcus-Biblio- 
thek zu  Venedig  und  der  Codex  des  Cajus-College  in  Cam- 
bridge. Griechische  Hss.  der  Abhandlung  über  die  Eingeweidewürmer 
befinden  sich  in  der  Bibliothek  des  Vatikan,  in  der  Bibliotheca  Am- 
brosiana zu  Mailand  (s.  XVI),  in  der  Bodleyanischen  Bibliothek  zu 
Oxford,  sowie  im  Escorial  (letztere  mit  lateinischer  Uebersetzung). 

Auch  bei  Alexandros  von  Tralles  beanspruchen  die  alten 
Uebersetzungen  ein  grosses  Interesse.  Die  lateinischen  sind  wie 
diejenigen  des  Oreibasios  wahrscheinlich  bald  nach  der  Abfassung 
des  griechischen  Originals,  jedenfalls  lange  vor  dem  9.  Jahrhundert 
angefertigt  worden.  Die  noch  vorhandenen  Hss.  derselben  (in  Monte 
Casino  s.  IX  vgl.  Bibliotheca  Casinensis  1873  Bd.  II  Cod.  97 ;  in  Paris, 
Nr.  6881  und  6882  der  Biblioth.  nationale  s.  XIII;  in  der  Stadt- 
bibliothek zu  Chartres,  zu  Angers  s.  X;  in  Brüssel  Nr.  10869  der 
Biblioth.  royale  s.  XIV;  im  Britisch  Museum,  im  Pembroke  College 
zu  Oxford,  Cajus-College  zu  Cambridge  Nr.  400  s.  XIII;  Q.  5,  76  des 
Hunterian  Museum  der  Universität  Glasgow)  scheinen  den  gleichen 
Wortlaut  zu  haben  und  der  Einteilung  in  drei  Bücher  zu  folgen,  von 
denen  Buch  I  die  Krankheiten  der  Kopfhaut,  des  Gehirns,  der  Augen, 
Ohren  und  Ohrendrüsen,  der  Nase,  Zähne,  des  Halses  und  die  Pleuritis, 
Buch  II  den  Husten,  Lungenentzündung,  Magen-,  Unterleibs-,  Leber-, 
Milz-,  Nieren-  und  Blasenleiden  sowie  Podagra,  Buch  III  die  Abhand- 
lung über  die  Fieber  enthält. 

In  dem  anno  987  verfassten  Fihrist  werden  bereits  alte  arabische 
Uebersetzungen  der  Schriften  über  die  Augenkrankheiten,  über 
die  Krankheit  „Birsam"  (vulgo  Birsen)-*)  und  über  die  Eingeweide- 
würmer erwähnt.    Die  zweiterwähnte  Schrift  habe  Ibn  Batrik  für 


^)  Vgl.  über  diese  Handschrift  bereits  J.  G.  Schenk,  „Bibliotheca  medica", 
Frankfurt  1609,  S.  22. 

^)  Sie  stimmen  wörtlich  überein  mit  dem  Abschnitt  „Liber  Alexandri  de  agnos- 
cendis  febribus  et  pulsibus  et  uriuis",  der  auf  Fol.  171—174  des  1837  von  Henschel 
entdeckten  Codex  Salernitanus  (Stadtbibliothek  zu  Breslau)  enthalten  ist.  Vgl. 
auch  Choulant  in:  Janus  1846  Bd.  I  S.  52:  Steinschneider  in:  Virchows 
Archiv  Bd.  40  S.  80. 

^)  Vgl.  über  sie  Puschmann  in  seiner  Ausgabe  Bd.  I  S.  88—91. 

*)  Es  ist  die  „Phrenitis",  die  Alexandros  Lib.  I  cap.  13  beschreibt.  Vgl.  die 
Beschreibung  der  „Birsen"  bei  Rhazes,  Continens  Lib.  I  cap.  9. 


538  Iwan  Bloch. 

Al-Kalitabi  übersetzt^)  —  Ferner  erwähnt  Ihn  abi  Oseibia 
den  Alexandros.  Diese  arabischen  Schriftsteller  setzen  ihn  in  die 
vorgalenische  Zeit,  verwechseln  ihn  also  mit  dem  von  Galen  er- 
wähnten Arzt  Alexander,  Rhazes  nennt  Alexandros  im  Con- 
tinens  als  Verfasser  des  Buches  über  die  Phrenitis  (I,  fol.  17 — 20), 
einer  Abhandlung  über  den  Magen  (V,  fol.  102,  111;  VIT,  fol.  152. 
Vgl.  Virchows  Archiv  Bd.  37  S.  390),  über  die  Fieber  (XVIII,  fol. 
365),  über  die  Paralysis  (I,  fol.  3)  und  eines  Kompendiums  der  Krank- 
heiten (lib.  Congregationis  II,  fol.  36.  Summa  VI,  fol.  121.  XXIII, 
fol.  460  §  651).  Er  wurde  von  den  Arabern  auch  mit  Alexandros 
von  Aphrodisias  verwechselt,  wie  aus  Rhazes  (Contin.  1, 13  fol.  7 
u.  10;  VI,  fol.  118)  hervorgeht.  IbnBaithar  citiert  eine  Bemerkung 
des  Alexandros  über  die  Wirkung  des  Coriander.  Auszüge  und 
Citate  aus  seinen  Schriften  finden  sich  in  den  Pandectae  des  S  e  r  a  p  i  o  n 
(Jahja  ben  Serabi),  in  der  Practica  des  jüngeren  Mesue,  in  dem 
fälschlich  dem  Abraham  Ibn  Esra(12.  Jahrhundert)  zugeschriebenen 
hebräischen  Werke  „Nisjonot"  (Erfahrungen  aus  der  ärztlichen 
Praxis),  im  hebräischen  Codex  Nr.  275  der  k.  Staatsbibliothek  zu 
München,  der  1199  n.  Chr.  aus  dem  Lateinischen  übersetzt  wurde. 

Von  späteren  byzantinischen  Aerzten  haben  Paulos,  Theo- 
phanes  Nonnos  (besonders  in  cap.  4,  33,  36  und  129),  Demetrios 
Pepagomenos  (cap.  19  der  Abhandlung  über  Podagra),  Joannes 
Aktuarios,  Nikolaos  Myrepsos  den  Alexandros  benutzt. 

Constantinus  Africanus  erwähnt  im  „Viaticum"  und  in  der 
Schrift  „de  gradibus"  den  Alexander  (vgl.  Steinschneider, 
Virchows  Archiv  Bd.  37  S.  362);  Buch  V  der  Medicina  Plinii  ist  fast 
gänzlich  aus  seinen  Schriften  entnommen.  Besonders  eifrig  hat  sich 
die  salernitanische  Schule  mit  diesen  beschäftigt,  wofür  die  Schriften 
des  Gariopontus,  Roger,  Gerard  Zeugnis  ablegen  (vgl.  Stein- 
schneider in  Virchows  Archiv  Bd.  40  S.  85 ff.).  E.  Milwards 
(a.  a.  0.  S.  179)  wies  Beziehungen  des  Gilbertus  Anglicus  zu  den 
Schriften  des  Alexandros  nach. 

Nachdem  der  Bischof  von  Macon,  Pierre  du  Chastel  (Petrus 
Castellanus),  zuerst  die  Aufmerksamkeit  der  Gelehrten  auf  die 
Pariser  griechischen  Codices  des  Alexander  gelenkt  hatte,  erschien 
als  erste  der  Ausgaben  des  griechischen  Textes: 

a)  ed.  Jac.  Goupylus,  Paris  1548,  fol.,  ap.  Rob.  Stephanum 
(griechischer  Text  der  12  Bücher  nach  den  Pariser  Codd.  2201  und 
2200  nebst  griechischer  Uebersetzung  der  Schrift  des  Rhazes  „De 
pestilentia".    Enthält  zahlreiche  Druckfehler). 

b)  ed.  Jo.  Guinterius  Andernacus,  Basel  1556,  8**  (grie- 
chischer Text  mit  trefflicher  lateinischer  Uebersetzung  und  Noten). 

c)  Alexander  von  Tralles,  Original-Text  und  Uebersetzung 
nebst  einer  einleitenden  Abhandlung.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte 
der  Medizin  von  Dr.  Theodor  Buschmann,  Wien  1878,  2  Bde.,  8**, 
XII,  617  Seiten  und  VI,  620  Seiten  (vorzügliche  Ausgabe  des  griechischen 
Textes  mit  nebenstehender  deutscher  Uebersetzung,  historischer  Ein- 


^)  Wörtlich  ahgeschrieben  ist  diese  Stelle  des  Fihrist  von  Dschmemal  ud- 
Din  el-Kifti.  Vgl.  W e n r i c h ,  „De  auctoribus  graecorum  versionibus  arabicis  etc.", 
Leipz.  1842,  S.  290. 


Byzantinische  Medizin.  539 

leitung  [1, 1 — 286],  Kommentar,  Register  der  Namen  und  der  zu  thera- 
peutischen Zwecken  verwendeten  Substanzen).  ^) 

d)  negl  elixlvO-tov,  de  lumbricis  ed.  Hier.  Mercurialis,  gr.-lat. 
(nach  einer  Hs.  des  Vatikan),  Venedig  L570,  4 ".  —  Wiederabgedruckt 
in  dessen  „De  morbis  puerorum",  Frankfurt  1584,  8*.  —  Griechisch- 
lateinisch in  Fabricius,  „Bibliotheca  graeca"  XIII,  S.  602 — 613. 
Griechisch  bei  Ideler,  „Pliysici  et  Medici  Graeci  minores",  Berlin 
1841,  Bd.  I  S.  305—312,  Lat.  in  der  Sammlung  von  Hall  er,  Lau- 
sanne 1772,  Vn  S.  314—322. 

e)  Die  Augenheilkunde  des  Alexandros  von  Tralles  ed.  Pusch- 
m  an  n  in  „Nachträge  zu  Alexander  Trallianus",  Berlin  1886,  S.  130 — 188. 

Von  den  lateinischen  Uebersetzungen  erschien  die  erste 
Ausgabe  (nach  den  in  den  Hss.  sich  findenden  Uebersetzungen): 

a)  Alexandri  Jatros  practica  cum  expositione  glose  interlinearis 
Jacobi  de  Partibus  et  (Simon.)  Januensis  in  margine  posite.  Lugd. 
1504,  4  ^  —  Wiederholt  Pavia  1520,  8 »  und  Venedig  1522  fol. 

b)  Paraphrases  in  libros  omnes  Alexandri  Tralliani  ed.  A 1  b  a  n  u  s 
Torinus,  Basel  1533,  fol.  (freie  Bearbeitung  der  vorigen  Ueber- 
setzung);  Basel  1541,  fol.  (Umarbeitung  nach  lateinischen  Hss.). 

c)  ed.  Guinter.  Andernacus,  Strassburg  1549,  8 "  (die  latei- 
nische Uebersetzung  des  Guinter  nach  der  ersten  Pariser  griech. 
Ausgabe).  —  Wiederholt  Venedig  1555.  8  ",  Lyon  1560,  12  ^  und  Strass- 
burg 1570,  8  " ;  Lyon  1575,  12 "  mit  Noten  des  J.  M  o  1  i  n  a  e  u  s.  Ferner 
in  der  Step  hanschen  (1567)  und  Hall  ersehen  Sammlung  (1772  u. 
1787). 

d)  De  Febribus  in  der  Collectio  de  febribus  Veneta  1576  fol.  44  ff. 
und  wiederholt  1594. 

Französische  Uebersetzung  des  Buches  über  Podagra  von 
Leb.  Colin,  Poitiers  1557,  8*>. -) 

Alexandros  zeigt  sich  in  seinen  Schriften  als  einen  erfahrenen, 
selbständig  denkenden,  dabei  bescheidenen  Arzt.  Seine  Darstellung 
ist  einfach  und  klar  {eoTTovdaaa  yccg.  wg  hdixerai,  xoivalg  xal  ftäkkov 
€vd7]koig  xQrioaad-ai  Xe^eoiv^  Yva  xal  lolg  rvxolaiv  ix  rf^g  (pQaaecog  evkvrov 
SIT}  To  avvtayf.ia  ed.  Puschmann  I,  289).  Die  grossen  Aerzte  der 
Vergangenheit, einen  Hippokrates,  Archigenes,  Erasistratos, 
Galenos,  Jakobos  Psychrestos  u.  A. '^)  nennt  er  mit  aufrichtiger 
Anerkennung;  aber  er  ist  kein  sklavischer  Nachbeter  ihrer  Ansichten, 
sondern  hat  sein  eigenes  Urteil  und  wagt  es  sogar,  ihnen  zu  wider- 
sprechen, z.  B.  dem  „göttlichen  Galen"  (I,  333;  I,  379;  407—409; 
421;  II,  155;  203  u.  ö.).  Er  ist  echter  Hippokratiker,  der  sich  in 
seinem  ärztlichen  Thun  von  der  Erfahrung  und  der  Humanität  leiten 
lässt,  unter  Umständen  auch  die  Suggestion  in  Form  von  Zauber- 
mitteln und  Amuletten  zu  Hilfe  nimmt  (s.  oben). 

Buch  I  der  speziellen  Pathologie  und  Therapie  des  Alexandros 
handelt  von  den  Kopf-  und  Gehirnleiden,  den  Krankheiten  der  Haare, 
Kopfschmerz,  Phrenitis,  Epilepsie  und  Melancholie,  Buch  II  enthält 


^)  Vorher  hatten  sich  Mil ward s,  Perizonius,  J.  Gronovius  und  Darem- 
berg  mit  dem  Plane  einer  solchen  Ansgabe  beschäftigt. 

^)  Vgl.  auch  über  arabische  Uebersetzungen  des  Alexandros  die  Abhand- 
lung von  M.  Steinschneider,  „Die  griechischen  Aerzte  in  arabischen  Ueber- 
setzungen" in:  Virchows  Archiv  1891  Bd.  124  S.  484—485. 

*)  Vgl.  das  Verzeichnis  der  von  Alexandros  citierten  Eigennamen  bei  P u s c h - 
mann  II  S.  600. 


540  Iwan  Bloch. 

die  Therapie  der  Augenkrankheiten,  Buch  III  die  Ohrenleiden,  B  u  c  h  IV 
beschäftigt  sich  mit  der  Angina,  Buch  V  enthält  die  Lungenleiden, 
Buch  VI  Pleuritis,  Buch  VII  Magenleiden,  Buch  VIII  Cholera, 
Kolik,  Buch  IX  Leberalfektionen,  Ruhr,  Buch  X  Wassersucht, 
Buch  XI  Nieren-  und  Harnleiden,  Buch  XII  Podagra. 

Nur  spärliche  anatomische  und  physiologische  Bemerkungen 
kommen  in  den  Schriften  des  Alexandros  v.  Tralles  vor,  wobei 
er  sich  im  wesentlichen  an  Galen  anschliesst  und  nichts  Originelles 
darbietet.  In  seinen  Ansichten  über  allgemeine  Pathologie  ist 
er  Anhänger  der  Lehre  von  den  Dj^skrasien.  Daneben  nimmt  er 
äussere  Gelegenheitsmomente  der  Krankheiten  an  wie  Hitze,  Kälte, 
schlechte  Nahrung,  Luft,  geistige  und  körperliche  Anstrengungen  und 
Erregungen  u.  s.  w.  Seine  Diagnostik  ist  eine  sehr  sorglältige 
(Inspektion  des  Körpers,  Betastung,  Untersuchung  des  Urins,  der 
Fäces,  des  Sputums,  des  Pulses,  der  Atmung,  Anamnese,  Konstitution 
u.  s.  w.),  seine  Therapie  ist  vor  allem  eine  kausale  und  berück- 
sichtigt Konstitution,  Alter,  Geschlecht,  Kräftezustand  des  Kranken. 
Arzneien  werden  nach  dem  Grundsatze  „contraria  contrariis"  verab- 
reicht,^) wobei  stets  auf  die  Naturheilkraft,  die  Alexandros  sehr 
hoch  schätzt,  Rücksicht  genommen  werden  muss.  Er  ist  daher  ein 
Gegner  drastischer  Kuren,  reichlicher  und  plötzlicher  Blutentziehungen, 
starker  Abführmittel,  der  Kauterisation  und  der  Arteriotomie.  —  Da- 
gegen wendet  er  mit  Vorliebe  Bäder  in  verschiedenen  Formen,  Mineral- 
quellen, Thermen  und  Seebäder  an,  sowie  diätetische  Mittel.  Die 
Diät  macht  nach  ihm  den  wichtigsten  Teil  der  Therapie 
aus.  Polypharmacie  und  Operationswut  werden  von  ihm  bekämpft. 
Verhütung  der  Krankheiten  ist  nach  A.  eine  wesentliche  Aufgabe  des 
Arztes.  Die  Fieberlehre  lehnt  sich  an  G a  1  e n  an.  Bei  kontinuier- 
lichen Fiebern  sind  die  Krankheitsstoflfe  innerhalb  der  Blutgetässe,  bei 
intermittierenden  ausserhalb  derselben.  Ueber  die  Erscheinungsweise  der 
einzelnen  Fieberarten  und  deren  Genesis  hegt  Alexandros  ungefähr 
dieselben  Anschauungen  wie  die  früheren  Aerzte,  Er  unterscheidet 
aber  zwei  Arten  des  Quartanfiebers,  die  eine  durch  übermässige  Aus- 
dörrung der  gelben  Galle,  die  andere  durch  den  schwarzgalligen  Saft, 
also  durch  eine  hefenähnliche  Beschaffenheit  des  Blutes  entstanden, 
während  Galen  u.  A.  nur  letztere  Entstehungsweise  kennen.  Die 
erstere  Form  hat  in  den  Gefässen,  die  zweite  in  der  Milz  ihren  Sitz 
(Milztumor,  der  wie  A.  beobachtete,  nach  einer  starken  Entleerung 
abschwillt).  In  der  Therapie  der  verschiedenen  Fieberarten  bediente 
sich  A.  besonders  der  kalten  und  lauwarmen  Bäder,  kühlender  Um- 
schläge, kühlender  Diät.  Wein  giebt  er  nur  bei  grosser  Schwäche  des 
Patienten.    Auch  Diaphorese  wird  öfter  eingeleitet. 

Grosse  Aufmerksamkeit  wendet  Alexandros  den  Krankheiten 
des  Nervensystems  zu.  Der  Kopfschmerz  entsteht  bei  Säfte- 
anomalien des  Kopfes,  Magen-,  Leber-  und  Milzleiden,  bei  Fiebern, 
nach  starkem  Weingenuss  und  Anwendung  von  mechanischer  Gewalt 
auf  den  Schädel.  Als  Symptom  der  Hirnentzündung  ist  Kopfschmerz 
oft   Vorläufer    von   Krämpfen    und   Delirien    und    plötzlichem  Tode. 


')  „Die  Aufgabe  des  Arztes  ist  es,  das  Warme  zu  kühlen,  das  Kalte  zu  er- 
wärmen, das  Feuchte  zu  trocknen  und  das  Trockne  zu  befeuchten.  Er  muss  den 
Kranken  als  eine  belagerte  Stadt  betrachten,  und  ihn  mit  allen  Mitteln  der  Kunst 
und  Wissenschaft  zu  retten  suchen.  Der  Arzt  soll  erfinderisch  sein  im  Ausdenken 
neuer  Mittel  und  Wege,  welche  die  Heilung  herbeiführen  können." 


Byzantinische  Medizin.  541 

Chronischer  Kopfschmerz  („Cephalaea")  findet  sich  bei  allgemeiner 
Plethora,  Kopfleiden,  Erhitzung  der  Galle,  bei  Verdauungsstörungen, 
bei  Schlaflosigkeit  und  grossem  Kummer.  Hemikranie  entsteht  primär 
im  Kopf  durch  Anhäufung  unreiner  Stoflfe  und  ihre  Umwandlung  in 
Gase  und  durch  Unterleibsaffektion.  In  der  Therapie  der  Lähmungen 
(Paralysis)  spielt  bei  Alexandros  der  Aderlass  eine  grosse  Rolle. 
Er  sucht  ferner  durch  abführende  Medikamente  eine  metasynkritische 
Wirkung  herbeizuführen,  wendet  Frottierungen  der  Haut,  Bäder  und 
Thermen  an,  behandelt  die  gelähmten  Teile  örtlich  durch  Blutent- 
ziehungen, reizende  und  ableitende  Mittel.  Der  Sitz  der  Epilepsie  ist 
das  Gehirn,  ihre  Ursache  ist  der  Schleim  und  die  schwarze  Galle. 
Alexandros  nennt  sie  „heilige  Krankheit",  weil  ihr  Sitz,  das  Ge- 
hirn, etwas  Heiliges  sei.  Ihre  X'eranlassung  kann  vom  Kopfe,  Magen 
oder  einem  anderen  Körperteil  ausgehen.  Die  erste  Form  ist  bei 
Kindern  häufig.  Bei  Epilepsie  der  Säuglinge  trägt  A.  für  Ernährung 
mit  guter  Milch  Sorge  und  giebt  dabei  ausgezeichnete  Anleitungen 
zur  Auswahl  der  Amme,  deren  Lebensweise  genau  vorgeschrieben  wird. 
Bei  gastrischer  Epilepsie  werden  Abführmittel  und  blande  Diät  ver- 
ordnet. Eine  systematische  Purgierkur  ist  sein  Hauptmittel 
gegen  die  Epilepsie.  Er  verwirft  örtliche  Beeinflussung  des  Kopfes 
durch  Incisionen,  Kauterisation,  Trepanation  u.  s.  w.,  empfiehlt  da- 
gegen häufige  Bewegung,  Bäder,  geschlechtliche  Abstinenz,  schliess- 
lich auch  verschiedene  Wundermittel.  Bei  dem  „Lethargus",  einem 
akuten  fieberhaften  Zustande  mit  hochgradiger  Schwäche  und  Somuolenz 
wendet  A.  hauptsächlich  Bibergeil  äusserlich  und  innerlich  an.  Die 
„Phrenitis",  einen  mit  Delirien  verbundenen  fieberhaften  Zustand,  fasst 
er  mit  Galen  als  Gehirnerkrankung  auf,  welche  er  durch  Aderlass 
und  Narkotica  (Opiate),  Frottierungen,  lauwarme  Bäder,  Wein,  schleimige 
Getränke  behandelte.  Jede  Aufregung,  Besuch  müssen  ferngehalten 
werden.  Das  Zimmer  sei  eher  hell  als  dunkel.  Die  Manie  ist  nach 
Alexandros  eine  zur  Tobsucht  gesteigerte  Melancholie  und  stellt 
einen  höheren  Grad  des  Irreseins  dar.  Unter  Melancholie  versteht  er 
nicht  bloss  unsere  Melancholie,  sondern  auch  Tobsucht,  Wahnsinn,  Ver- 
rücktheit und  manche  Fälle  von  Stumpfsinn.  Den  Herd  der  Melancholie 
bilden  Gehirn,  Magen,  die  Herzgrube  oder  der  ganze  Körper.  Die 
Ursache  liegt  im  Blut  (Plethora  und  schädliche  Beimischungen)  und 
in  dem  schwarzgalligen  Saft.  Therapie:  Aderlass,  Bäder,  Abführ- 
mittel, der  „armenische  Stein",  psychische  Beeinflussung,  Ortsverände- 
rung, Theaterbesuch. 

Unter  den  Haarleiden  nimmt  die  Alopecie  die  erste  Stelle  ein, 
deren  Hauptmerkmal  das  Ausfallen  der  Haare  ist.  Therapie:  Ab- 
rasieren der  Haare  auf  der  erkrankten  Stelle,  Abwaschen  der  Kopf- 
haut, schwefelhaltige  Salben.  Die  Alopecie  ist  eine  Ernährungsstörung, 
bei  der  abnorme  Trockenheit  auftritt  oder  unreine  exkrementitielle 
Stoffe  sich  einen  Ausweg  durch  die  Kopfhaut  suchen.  Als  Haarfärbe- 
mittel werden  Galläpfel,  Akazienextrakt,  Rotwein  u.  s.  w.  erwähnt. 
Unter  „Pityriasis"  versteht  A.  die  übermässige  Bildung  kleiner,  kleien- 
artiger  Schuppen,  die  sich  mit  oder  ohne  Eiterung  von  der  Haut  los- 
lösen. Das  Leiden  kommt  am  Kopfe  und  dem  übrigen  Körper  vor. 
Therapie:  fette  Thonerde,  Einreibung  mit  Wein,  Oel  und  gepulvertem 
Weihrauch,  Waschungen  mit  Salzwasser. 

Der  Abschnitt  über  die  Augenleiden  stellt  nur  eine  Rezept- 
sammlung dar.    Erwähnt  wird  der  Karbunkel   der  Lider  (II,  59). 


542  Iwan  Bloch. 

Aus  der  sogenannten  „Augenheilkunde  des  Alexandros  von  Tralles" 
hebt  Hirschberg  die  Unterscheidung  der  entzündlichen  Chemosis 
von  der  einfachen  ohne  Schmerz  und  Entzündung  verlaufenden  hervor, 
ferner  das  „Emphysem",  eine  lockere,  entzündliche  Lidgeschwulst  nach 
Schnakenstich,  das  „Oedem'',  eine  spontane  Lidgeschwulst.  Der  Schluss 
des  ersten  Buches  handelt  von  der  Prädisposition  zu  Augenleiden 
und  dem  Gegenteil.  Dieses  Kapitel  ist  einzig  in  der  antiken  Litteratur. 
Es  enthält  auch  eine  der  wenigen  Stellen  über  ägyptische  Augen- 
entzündung. 

Wertvoll  ist  der  Abschnitt  über  Ohrenkrankheiten.  Die  Ur- 
sachen des  Ohrenschmerzes  sind  Dyskrasien,  Entzündungen,  Ver- 
stopfungen, Kälte  und  Hitze.  Einlegen  erwärmender  Mittel  ins  Ohr, 
narkotische  Medikamente,  Aderlass,  beruhigende  Einspritzungen  ins 
Ohr  mit  Rosenöl,  Opium,  Essig,  Bibergeil,  warme  Bähungen  über  das 
Ohr,  Aufsteigen  heisser  Dämpfe  ins  Ohr  von  einem  mit  Wermutabsud 
gefüllten  Topfe,  Kataplasmen  sind  seine  Hauptmittel  gegen  Otalgie. 
Bei  Katarrhen  des  Ohres  wendet  er  nicht  gleich  örtliche  Mittel  an, 
sondern  zunächst  Bäder  und  Schröpfköpfe  auf  das  Hinterhaupt.  Bei 
Blutungen  aus  dem  Ohre  werden  styptische  Mittel  (Galläpfelpulver  u.  a.) 
in  dasselbe  eingeführt,  auch  Lauchsaft  und  Essig  eingespritzt.  Fremd- 
körper werden  mit  dem  mit  Wolle  umwickelten  Ohrlölfel  entfernt, 
nachdem  Niesen  erregt  ist  und  Mund  und  Nase  geschlossen  worden 
sind.  Auch  Flüssigkeit  wird  eingespritzt.  Gegen  Ohrensausen  dienen 
Einspritzungen  und  Bähungen  mit  narkotischen  Substanzen.  Bei 
Parotitis  kommen  Aderlass,  Kataplasmen  von  Leinsamen,  erweichende 
Salben  und  Pflaster,  kühle  Umschläge  zur  Anwendung. 

Was  die  Krankheiten  des  Respirationssystems  betrifft,  so 
bespricht  Alexandros  zunächst  die  Angina,  die  er  mit  Gurgel- 
mitteln (schwach  adstringierende  Pflanzensäfte,  später  stärkere  Ad- 
stringentien  und  Alkalien  wie  Alaun,  Natron  u.  s.  w.,  warmes  Wasser), 
zerteilenden  Umschlägen,  Aderlass  (Venae  sublinguales,  Jugular- 
V  e  n  e  n) ,  Abführmitteln  behandelt.  Ausführlich  wird  das  Symptom  des 
Hustens  behandelt,  der  aus  einer  heissen  oder  kalten,  trockenen  oder 
feuchten  Dyskrasie  hervorgeht.  Am  meisten  rühmt  er  Opium präparate, 
vorsichtig  angewendet,  als  Hustenmittel,  auch  Einatmung  von  Dämpfen 
ätherischer  Harze.  Bei  Hämoptoe  infolge  von  Zerreissung  der  Gefässe 
nimmt  Alexandros  bei  vollblütigen  Kranken  einen  Aderlass  an  der 
Ellenbogenvene  und  am  Fussknöchel  vor,  um  das  Blut  von  der  Stelle 
der  Gefässruptur  abzulenken  und  nach  gesunden  Teilen  zu  leiten.  — 
Danach  müssen  die  Kranken  ruhen,  Essigwasser  und  adstringierende 
Pflanzensäfte  trinken,  kalte  Umschläge  auf  die  Brust  machen,  lau- 
warme oder  kalte  schleimige  Suppen  geniessen.  Eine  Milchkur  ist 
später  sehr  nützlich.  Die  Therapie  der  Pneumonie  bei  A.  ist  dürftig. 
Er  kennt  das  Succussionsgeräusch  bei  Empyem,  die  Seite,  wo  der 
Eiter  ist,  ist  heisser  als  die  andere.  Den  Lungenschwindsüchtigen 
empfiehlt  Alexandros  Milchkur,  kräftige,  leicht  verdauliche  Nahrung, 
Gebrauch  von  Heilquellen,  Luftveränderung  und  Seereisen.  Esel-  und 
Stutenmilch  ist  für  sie  viel  besser  als  Kuh-  und  Ziegenmilch.  Glänzend 
ist  die  Abhandlung  über  Pleuritis,  die  er  als  die  Entzündung  der  die 
Rippen  bekleidenden  Haut  definiert.  Ihre  Symptome  sind  heftiges 
Fieber,  stechende  Schmerzen,  Atembeschwerden  und  Husten.  Roter 
Auswurf  deutet  auf  das  Blut,  gelber  auf  die  Galle,  weisser  und 
klebriger  auf  den  Schleim,   schwarzer  auf  den  schwarzgalligen  Saft 


Byzantinische  Medizin.  543 

als  die  Ursache  des  Leidens.  Nach  A.  kann  Pleuritis  leicht  mit  Leber- 
leiden verwechselt  werden,  gegen  welche  aber  stets  die  der  ersteren 
eigentümliche  Härte  des  Pulses  spricht,  sowie  der  Auswurf,  der  bei 
Leberleiden  fehlt.  Freilich  fehlt  er  auch  manchmal  bei  Pleuritis. 
Leberleidende  haben  bleichere  Gesichtsfarbe  als  Pleuritiker.  Therapie : 
Aderlass,  Abführmittel,  örtliche  Incisionen,  warme  Bähungen,  in  laues 
Wasser  getauchte  Schwämme,  innerlicher  Gebrauch  von  Honiglimonaden 
und  schleimigen  Dekokten,  Opiate  nur  bei  Gefahr  drohender  Schlaf- 
losigkeit.   Als  Getränk  dient  laues  Wasser  oder  leichter  Wein. 

Unter  den  Krankheiten  des  Unterleibes  verdient  zunächst  die 
Schilderung  eines  Falles  von  chronischem  Magenkatarrh  hervorgehoben 
zu  werden,  der  durch  einen  Eingeweidewurm  hervorgerufen  mit  hoch- 
gradiger Gefrässigkeit  verlief  und  durch  ein  Abführmittel,  bei  welchem 
der  Wurm  abging,  geheilt  wurde.  Der  „Morbus  cardiacus"  ist  nach 
A.  ein  Magenleiden;  er  ist  der  letzte  Schilderer  dieses  eigenartigen 
Leidens,  das  nach  Landsberg  (Janus  1847  II,  53)  wohl  der  Aus- 
druck anämischer  und  chlorotischer  Zustände  war.  Von  den  Daim- 
leiden  sind  die  Abschnitte  über  „Bauchfluss",  Ruhr,  Tenesmus  und 
„Affectio  coeliaca"  dem  Werke  des  Philumenos  (s.  oben  S.  339)  ent- 
nommen. Gegen  die  beim  „Rheumatismus  ventris"  und  der  „Passio 
coeliaca"  vorkommenden  Diarrhöen  verordnete  letzterer  u.  a.  warme 
Ziegen-  und  Kuhmilch,  Opium präparate,  leichte  stopfende  Nahrung; 
gegen  Tenesmus  örtliche  Behandlung  des  Afters  mit  feuchten  Um- 
schlägen, warmen  Dämpfen,  Oeleinreibung,  Einspritzung  schleimiger 
Dekokte  oder  Einführung  adstringierender  Stuhlzäpfchen.  Gegen 
Kolik  empfiehlt  Alexandros  warme  Klystiere,  Einblasungen  von 
Luft  in  den  After  („Schlauchkur")  mit  nachfolgendem  Klystier,  Ab- 
führmittel, Bleipillen,  Brechmittel.  Die  Hauptsymptome  der  Cholera 
sind  Erbrechen  und  Diarrhöen.  Therapie :  Dekokte  von  Gartenminze, 
Erwärmung  des  Körpers,  stärkende  Nahrung  (Wein),  Schröpf  köpfe  auf 
den  Bauch,  warme  Bäder  und  Frottierungen.  Die  Schilderung  der 
Ruhr  ist  ausgezeichnet.  Bei  Sitz  der  Geschwüre  im  oberen  Dünn- 
darm sind  die  erst  nach  einigen  Stunden  auf  die  heftigen  Leib- 
schmerzen folgenden  Entleerungen  dünn,  hautartig  und  enthalten  Blut; 
Geschwüre  im  Dickdarm  machen  Tenesmus,  fleischartige  Entleerungen, 
solche  im  Rectum  nur  Tenesmus  mit  Auspressen  von  Blut.  Die  Ge- 
schwüre des  oberen  Darms  werden  durch  den  Mund,  die  des  unteren 
durch  den  After  behandelt.  Erschöpfend  werden  die  Eingeweide- 
würmer in  einem  Briefe  geschildert,  den  Alexandros  seinem 
Freunde  Theodoros  schrieb,  dessen  Kind  mit  Helminthen  behaftet 
war.  Er  beschreibt  die  Oxyuris  vermicularis,  den  Ascaris  lumbri- 
coides  und  die  Taenia  (den  „dünnen",  „runden"  und  „platten,  breiten" 
Wurm).  Er  erwähnt  das  durch  Oxyuren  hervorgerufene  Afterjucken, 
die  Wanderung  der  Askariden  in  den  Magen  und  die  grosse  Länge 
der  Bandwürmer  (Beobachtung  eines  solchen  von  16  Fuss  Länge). 
Die  Helminthen  entstehen  durch  Generatio  aequivoca.  Blüten  und 
Samen  der  Frucht  des  Granatbaums,  Farnkrautwurzel,  Wurmkraut, 
Samen  von  Heliotropium  europaeum,  Ricinusöl  u.  a.  sind  die  Wurm- 
mittel des  A.  Gegen  Askariden  empfiehlt  er  besonders  das  Dekokt 
von  Artemisia  maritima  L.,  den  Coriandersamen  und  den  Thymian, 
gegen  Oxyuren  Klystiere  von  ätherischen  Oelen,  Kamillenthee  u.  a. 
Bei  den  Leberleiden  unterscheidet  Alexandros  Entzündung,  Ver- 
stopfung  und   Schwäche   der   Leber.      Die  Milzleiden    werden    nach 


544  Iwan  Bloch. 

Philagrios  (s.  oben  S.  489)  abgehandelt.  Die  Wassersucht  wird 
von  A.  auf  eine  Affektion  der  Leber  zurückgeführt.  Therapie:  Ab- 
führmittel, Diaphorese,  Eisenpräparate,  Aderlass  nur  bei  Anasarka, 
nicht  bei  Ascites. 

Im  Abschnitte  über  ürogenitalkrankheiten  widmet  Ale- 
xander den  Störungen  der  Absonderung  des  Harnes  besondere  Auf- 
merksamkeit. Bei  Blasenleiden  ist  die  Harnentleerung  beschwerlich 
und  schmerzhaft,  Pyurie  weist  auf  Geschwüre  in  der  Blase,  fehlen 
aber  Blasenschmerzen  dabei,  auf  eine  Affektion  der  Ureteren  und  der 
Nieren.  Therapie:  Urintreibende  Arzneien,  keine  Dekokte,  reichlicher 
Genuss  von  lauwarmem  Wasser,  warme  Vollbäder,  Thermen.  Bei 
Nierenabscessen  stellen  sich  Frostschauer  und  Fieberanfälle  ein,  der 
Urin  enthält  Blut,  Eiter  und  ist  übelriechend.  Therapie:  Aderlass, 
Bäder,  Genuss  von  lauem  Wasser.  Die  Schmerzen  bei  Nierenstein 
sind  heftiger  als  bei  Kolik,  mehr  umschrieben  (Lendengegend);  bei 
Kolik  ist  Erbrechen  und  Obstipation  charakteristisclier,  der  Urin  Stein- 
kranker  zeigt  griesähnliche,  sandige  Beimischungen.  Therapie  der 
Lithiasis:  warme  Vollbäder,  erwärmende  Einreibungen,  Kataplasmen 
auf  die  Nierengegend,  Oelklystiere,  Opiate,  Aderlass.  In  prophylak- 
tischer Beziehung  warnt  A.  vor  dem  Genüsse  stark  gepfefferter,  oder 
süsser  Speisen,  vor  Eiern,  Milch,  Käse,  Fleisch,  starken  Weinen,  vor 
Federbetten.  Als  „Blasenkrätze"  wird  wohl  die  Cystitis  chronica  ge- 
schildert, gegen  welche  hauptsächlich  Milchgenuss  und  Abführmittel 
empfohlen  werden. 

Im  letzten  Buche  verbreitet  sich  Alexandros  sehr  ausführlich  über 
das  Podagra,  das  in  seinem  Wesen  mit  der  Arthritis,  der  Ischias, 
dem  Chiragra  und  Gonagra  übereinstimmt  und  als  eine  Entzündung 
der  Fussgelenke  aufgefasst  wird.  Der  Aderlass  spielt  in  der  Therapie 
des  Podagra  eine  grosse  Rolle,  auch  prophylaktisch,  ferner  wendet  A. 
starke  Abführmittel  (Aloe,  Coloquinthen),  Diaphoretica  und  Diuretica 
an.  Die  „cyklische  Kur"  ist  sehr  wichtig,  während  welcher  der  Patient 
ein  Jahr  lang  massig  leben,  Diät  beobachten,  Excesse  vermeiden  und 
an  bestimmten  Tagen  abführen  muss.  Aeusserlich  sind  reizende  Senf- 
pflaster, Canthariden,  ölige  Einreibungen  wohlthuend,  auch  narkotische 
Mittel  und  warme  Bäder.  Oedeme  werden  durch  Salzeinreibungen 
sehr  günstig  beeinflusst.  Wein  ist  streng  zu  verbieten,  reichlicher 
Genuss  von  lauwarmem  Wasser  sehr  nützlich. 

Alexander  war  in  der  Theorie  Anhänger  des  Galen,  in  der 
Praxis  Eklektiker,  als  Therapeut  vor  allem  Hippokratiker. 

Uranios.^) 

Ein  Zeitgenosse  des  Alexandros  von  Tralles,  der  Syrer 
Uranios,  verdient  als  eine  kulturgeschichtlich  interessante  Persön- 
lichkeit erwähnt  zu  werden.  Er  übte  als  Arzt  die  Praxis  in  Kon- 
stantinopel aus,  war  ein  sehr  gelehrter  Mann,  der  aber  wegen  seiner 
Streit-  und  Disputationssucht  ein  wenig  verrufen  war.  Er  hielt  sich 
viel  bei  den  Buchhändlern  und  auf  dem  Markte  auf  und  versammelte 
bei  seinen  Disputationen  viel  Volk  um  sich,  besuchte  aber  auch  die 


^)  J.  Freind,  „Historia  medicinae",  Paris  1735,  S.  170— 172;  J.  Chr.  Huber, 
Artikel  „Uranius"  in:  Biograph.  Lexikon  der  hervorragenden  Aerzte  von  A.  Hirsch 
und  E.  Gurlt,  Wien  1888,  Bd.  VI  S.  1027. 


Byzantinische  Medizin.  545 

Häuser  und  Gastmähler  der  Vornehmen,  wo  er  oft  als  eine  Art  von 
Hausnarr  auftrat.  Er  reiste  später  mit  dem  Legaten  Arebindos 
nach  Persien  zum  König  Chosroes,  vor  dem  er  sich  als  Philosophen 
aufspielte  und  dessen  Gunst  er  in  einem  hohen  Grade  erlangte.  Nach 
seiner  Eückkehr  prahlte  er  überall  mit  der  ihm  vom  persischen  Könige 
erwiesenen  Freundschaft  und  zeigte  allen  Leuten  die  von  ihm  er- 
haltenen gnädigen  Briefe. 


Die  Schriftsteller  des  7.  Jahrhunderts: 

Theophilos  Protospatharios. 

lAtteratur  und  Ausgaben:  Erste  griechische  Ausgabe  der  Schrift  Tts^i  rfjg 
rov  UV&QCÖ710V  7ta^aaxsvT]e  ßißXia  e  ,  Paris  1540,  16°.  —  TheophiU  de  hominis  fabrica 
libri  V  apud  Guil.  Morelium,  Paris  1555,  8°  (griech.  Text  nach  einer  Pariser  Hs. 
Nach  FabtHcius,  Bibl.  graec.  XII,  648  gehört  dazu  die  latein.  Uebersetzung  des 
Crassus).  —  Beides  wieder  abgedruckt  tn  der  Bibl.  graec.  des  JFabricius  XII, 
785 — 911.  —  W.  A.  G-reenhiU,  „TheophiU  Protospatharii  de  corporis  hutnani 
fabrica  libri  F",  Oxford  1842,  gr.  8",  367  u.  54  S.  (beste  Ausgabe  des  griechischen 
Textes  mit  wertvollen  Anmerkungen).  —  Erste  lateinische  Ausgabe  von  J.  P.  Cvas- 
8U8,  Venedig  1536,  8°  und  öfter.  —  Jatrosophistae  de  urinis  Über  singularis  ed. 
F.  Morel,  Paris  1608,  12°  (griechischer  Text  mit  lateinischer  Uebersetzung. 
Wieder  abgedruckt  bei  Chartier,  Opera  Hippocratis  et  Galeni  VIII  S.  359  ff.)  — 
OeofiXov  TieQi  ovqvjv  ßtßXiov,  TheophiU  de  urinis  libellus  ed.  Th.  Guidot,  Leyden 
1703,  8°  (guter  Text  nach  Hs.  der  Bodleyana,  neue  lateinische  Uebersetzung,  wert- 
volle Noten).  —  Bei  J.  L.  Ideler,  „Physici  et  medici  graeci  minores",  Berlin  1840, 
1,  261 — 283  und  ßussetnaker,  Revue  de  philologie,  Paris  1845  Nr.  5.  —  Latei- 
-nische  Uebersetzung  als  „Liber  urinarum  TheophiU^  in  allen  Ausgaben  der  Arti- 
cella  (angeblich  von  Pontius  oder  Ponticus  Virunius  (Vlrniius)).  —  Latein. 
Ausgabe  von  Albanus  Torinus  (Basel  1533,  8";  Strassburg  1535,  8°,  in  der 
Collectio  Stephaniana  1567).  —  Griechisch-lateinische  Ausgabe  der  Schrift  „Oeotpikov 
ßaaüuxov  TTQCoToartad'aQiov  y.a'i  a^;u«aT(>oi'  Ttepi  a^vy/utöv"  von  ErtneHus  in:  Anec- 
dota  medica  graeca,  Leyden  1840,  8°,  S.  1 — 77.  —  Die  lateinische  Ausgabe:  in  der 
Articella  („Phylaretus  de pulsibus'') ;  ed.  Albanus  Torinus,  Basel  1533,  8° ;  Strass- 
burg 1535,  8",  Collectio  Stephaniana  1567  S.  844—850  als  Anhang  zum  Aetios 
u.  d.  Titel:  Philareti  medici  de  pulsuum  scientia  libellus  (vgl.  Rumpf  im  Pro- 
gramm des  Gymnasiums  zu  Frankfurt  a.  M.  1868  S.  13ff.  über  das  Fragment 
eines  Kommentars  zu  dieser  Schrift)  ist  nach  v.  Töply  mit  der  Schrift  ti.  afv/fiöHv 
des  Theophilos  nicht  zu  verwechseln.  —  In  der  Guidotschen  Ausgabe  der  Schrift 
vom  Harne  befindet  sich  auch  der  griechische  Text  einer  unter  dem  Namen  des 
Tlieophilos  gehenden  Abhandlung  Tie^i  Siaxcoorifidrcov,  über  Kotausscheidungen. 
Wiederholt  bei  Ideler  I,  261 — 283.  —  üeber  die  Ausgaben  der  dem  Theophilos 
und  Stephahos  von  Athen  fälschlich  zugeschriebenen  Schrift  über  die  Fieber  s.  oben 
S.  527.  —  Scholien  zu  den  Aphorismen  des  Hippohrates,  Ausgabe  des  griech. 
Textes  bei  F.  M.  Dietz,  „Apollonii  Citiensis,  Stephani,  Palladii,  TheophiU  etc. 
scholia  in  Hippocratem  et  Galenum",  Königsberg  1834,  8°,  S.  236—544.  —  Latein. 
Uebersetzung  von  L.  Coradus,  Venedig  1549,  8°;  Speier  1581,  8°.  —  Hecker 
a.  a.  0.  II  S.  184— 19L  —  Corlieu  a.  a.  0.  S.  137—139.  —  v.  Töply  a.  a.  0. 
S.  48—60. 

v.  Töply  hat  die  Schriften,  welche  unter  dem  Namen  des  Theo- 
philos gehen,  nach  folgendem  Schema  zusammengestellt; 


a){2: 


negi  ovqcov. 


a2  beruft  sich  auf  al  (Ideler  I,  397  Prooem.  §  2).  Die  Wiener 
Hs.  von  a  1  nennt  als  Verfasser  Theophilos  monachos,  ebenso  die 
Hs.  einer  ovvoipig  aus  al  daselbst.  In  der  lateinischen  Uebersetzung 
der  Articella  und  bei   Joannes  Aktuarios  {jreQi   ovqcov  Ideler 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  35 


546  Iwan  Bloch. 

II,  5)  heisst   der  Verfasser  einfach   Theophilos,   ebenso  der  Verf. 
beider  Schriften  nach  den  Hss.  der  Bodleyana  (ed.  Guidot). 

h)  7i£qI  ocpvy(.iCüV. 

c)  Scholien  zu  den  Aphorismen  des  Hippokrates. 

Bei  b,  von  Ermerins  herausgegeben,  wird  im  Titel  Theo- 
philos,  der  Prospat harios  und  Archiater,  als  Verfasser  be- 
zeichnet, c  wird  dem  Th.  Protospatharios  und  dem  Damaskios 
zugeschrieben.  Ersterer  ist  im  Cod.  Vindob.  philos.  LXXIV  (s.  XV)  ge- 
nannt. 

d)  Zwei  handschriftlich  erhaltene  Werke  (Fabric,  Bibl.  graec. 
XII,  654): 

1.  Tiegl  (pXeßoTOf.iiag. 

2.  deocpilov  cpiXoaörpov  TtövoL  neql  v.aTaQXö)V  7toXei.ay.G)V. 

Hiernach  ergiebt  sich  ein  Theophilos  Monachos  als  Ver- 
fasser von  Ttegl  ovQiov  und  7t€Qi  öiaxcoQi]f.idza)v,  ein  Th.  Proto- 
spatharios und  Archiater  als  Verf.  von  negl  ocpvy/Awv,  ein  Theo- 
philos Protospatharios  als  Verf.  der  Scholien  zu  den  Aphorismen 
des  Hippokrates,  ein  Theophilos  schlechthin  als  Verf.  der  Schrift 
über  den  Aderlass  und  endlich  ein  Th.  Philosophos  als  Autor  der 
Schrift  tteqI  naTagxcöv  rtoXef.uy.wv. 

Photios  (857 — 891)  richtete  Briefe  an  einen  Theophilos 
Praipositos,  Protospatharios,  Prospatharios  kai  Sakel- 
1  a  r  i  0  s. 

„Protospatharios"  ist  der  a  anad^dgioc,  der  griechischen  Hss.  iTta- 
d-dcQiog  bedeutet  Schwertträger,  Leibwache,  /tgcoToaTtad-dgiog  ist  also  der 
Oberst  der  kaiserlichen  Leibwache.  Es  war  dies  aber  nur  eine  Rang- 
bezeichnung, mit  welcher  auch  andere  Aemter  vereinbar  waren  (Bei- 
spiele bei  Töply  a.  a.  0.  S.  52),  also  auch  der  ärztliche  Beruf  und 
das  Amt  eines  Archiater.  Ein  Zusammenhang  zwischen  dem  Theo- 
philos oder  den  Theophili  der  medizinischen  Schriften  und  dem 
Träger  oder  den  Trägern  dieses  Namens  in  den  Briefen  des  Photios 
ist  nicht  erweisbar.  Es  ist  aber  nach  v.  Töply  auch  nicht  erwiesen, 
dass  Theophilos  Protospatharios  der  Verfasser  der  Schrift  über 
die  Einrichtung  des  menschlichen  Körpers  ist,  da  die  besseren  Hss. 
den  Verf.  einfach  „Theophilos"  nennen.  Th.  war  Christ  und  ge- 
hörte der  byzantinischen  Periode  an,  wird  aber  ohne  sichere  Gründe 
in  die  Zeit  des  Kaisers  Heraklius  (610 — 641)  gesetzt. 

Die  durch  Jacques  du  Bois,  Douglas,  Portal,  Sprengel 
und  Haeser  aufgekommene  Verherrlichung  des  Theophilos  als 
Anatomen  besteht  nach  Töplys  Untersuchungen  zu  Unrecht.  Die 
Abhandlung  über  den  Bau  des  Menschen  ist  mehr  eine  physiologische 
als  eine  anatomische  Schrift,  die  nach  Galen  Ttegl  xQ^Lag  f.ioQiwv  ge- 
arbeitet ist,  wie  die  Analyse  des  Fabricius  (XII,  907—911)  ergiebt. 
Es  ist  ein  „christlich- theologischer  Auszug  aus  Galen  negl  xgeiag, 
ohne  jegliche  Originalität"  (vgl.  die  Analyse  der  Schrift  bei  Töply 
S.  55—57).  Die  Angabe,  dass  Th.  als  Erster  den  Olfactorius  als  be- 
sonderen Nerven  schildere,  ist  unrichtig.  Diese  Beschreibung  fehlt 
ganz.  Er  hat  den  Nerven  wohl  nie  gesehen  und  verstand  unter  dem 
Namen  wie  Galen  die  corpora  mammillaria.  Die  ganze  Darstellung 
ist  rein  teleologisch.  Eigene  Sektionen  hat  Theophilos  schwerlich 
gemacht. 


Byzantinische  Medizin.  547 

Die  Schrift  ^sqI  ovqiov,  die  für  die  Uroskopie  des  ganzen  Mittel- 
alters von  grundlegender  Bedeutung  ist.  schliesst  sich  an  Galen  an, 
der  aus  der  Beschaffenheit  des  Harnes  den  Zustand  des  in  der  Leber  be- 
reiteten Venenblutes  diagnostizierte.  Theophilos  lässt  die  wässrigen 
Bestandteile  des  Harns  schon  in  der  Pfortader  vorhanden  sein  und 
von  hier  aus  durch  feine,  haarförmige  Kanäle  {rtogoi  otsvoI  xat  tqixo- 
€iÖ£ig)  in  die  Hohlvene  dringen,  von  wo  sie  in  die  Nieren  gelangen 
(cap.  2). 

Die  kleine  Abhandlung  Ttsgl  öiaxco^rj^Khiov  ist  nach  Hippo- 
k  rat  es  und  Galen  gearbeitet,  befasst  sich  mit  der  Lehre  von  den 
Exkrementen  und  deren  diagnostischer  Bedeutung.  Theophilos 
spricht  darin  von  einer  schädlichen  Wirkung  des  Darminhaltes  auf 
das  Gehirn  (cap.  15),  was  an  unsere  moderne  Lehre  von  den  Auto- 
intoxikationen erinnert,  lässt  Durchfalle  aus  Erschlaffung  oder  aus 
Reizung  hervorgehen  (cap.  4),  nennt  die  Häraorrhoidalblutung  wegen 
ihrer  heilsamen  Wirkung  „^axAj^mff/tidg"  (cap.  10)  und  beschreibt  den 
Abgang  von  Fett  im  Stuhl  (cap.  14). 

Die  Schrift  Ttegi  arpvyuwv  ist  ein  blosser  Auszug  aus  Galen s 
Pulslehre.  Verschieden  davon  ist  der  „Liber  Philareti  de  pulsibus", 
der  auf  eine  griechische  vorher  nicht  publizierte  Urschrift  zurückgeht, 
die  sich  vielleicht  in  der  Wiener  Hs.  Nessel  III  p.  38  verbirgt.  Die 
lateinische  Uebersetzung  „Phylaretus  de  pulsibus"  in  der  Articeila 
wird  bereits  vom  Verfasser  der  zweiten  salernitaner  Anatomie  um 
1100  n.  Chr.  citiert.  Vielleicht  war  dieser  der  üebersetzer.  In  der 
Schrift  werden  die  16  Bücher  der  alexandrinischen  Encyklopädie  des 
Galen  citiert,  die  Schrift  selbst  wird  schon  von  K  h  a  z  e  s  (f  923  oder 
932)  im  „Continens"  erwähnt.  Die  Abfassungszeit  fallt  also  zwischen 
600  und  900  n.  Chr.  Die  Aehnlichkeit  mit  der  gleichnamigen  Schrift 
des  Theophilos  erklärt  sich  aus  der  Benutzung  derselben  Quelle. 

Stephanos  von  Athen. ^) 

Stephanos  von  Athen,  auch  St.  von  Alexandria  genannt,  war 
ein  Schüler  des  Theophilos.    Er  schrieb: 

a)  oxöXia  dg  ro  TtgoyviooTixbv  '^IrtrtoAQccTovg  griech.  Ausgabe  bei 
Dietz,  Scholia  in  Hippocratem  et  Galenum  S.  51 — 232. 

b)  i^riyrioig  eig  rrjv  xov  ngbg  rXavxiova  rakrjvov  d-eQUTtsvTixijv  ibidem 
S.  233—361  (frühere  Ausgaben  und  Uebersetzungen  bei  Heck  er 
S.  193  und  Choulant  S.  138). 

Seinen  Aufenthalt  in  Alexandria  erwähnt  Stephanos  in  seinen 
Erläuterungen  zu  Galens  Therapeutik,  über  die  er  wahrscheinlich 
dort  Vorlesungen  hielt.  Er  erwähnt  in  dieser  Schrift  ferner  ein  von 
ihm  verfasstes  Werk  über  den  Puls,  in  welchem  dieser  als  vom  Herzen 
ausgehend  bezeichnet  wird.  Auch  eine  dem  Kaiser  Heraklios  ge- 
widmete alchemistische  Schrift  ,,Actiones  novem  de  arte  chemica", 
Patav.  1573,  8"  geht  unter  dem  Namen  des  Stephanos.  Bei  Ideler 
a.  a.  0.  II,  243  stehen  alchemistische  Gedichte  des  .,Stephanos  von 
Alexandria,  des  Zeitgenossen  des  älteren  Stephanos  von  Athen".  ^) 


1)  Vgl.  Hecker  a.  a.  0.  S.  II,  191—194;  Corlieu  a.  a.  0.  S.  139-140; 
Haeser  I,  463;  Krumbacher  a.  a.  0.  S.  617. 

^)  Das  von  C.  Bursian  im  „Index  lection.  acad.  Jenens."  1873,  4"  veröffent- 
lichte Fragment  Tte^l  Tca^d-tvevovatUr,  von  den  Zeichen  der  Jungfrauschaft,  soll  Ana- 
logien mit  ähnlichen  Bemerkungen  des  Stephanos  von  Alexandria  aufweisen. 

85* 


548  Iwan  Bloch. 


Paulos  Aiginetes. 

lAtteratur:  Christobal  de  Orosco,  „Annotationes  in  interjyretes  Pauli 
Aegineiae" ,  Venedig  1536,  fol.  (gegen  A.  Torinus  und  CruintJiet^us  Andernacus). 

—  Hieronymi  Gemusaei  annotationes  in  libros  Pauli  Aeginetae  omnes,  Basel 
1543,  fol.  —  I£,  Eggeling,  „Disputatio,  qua  quanta  ex  lectione  Pauli  Aeginetae 
ütilitas  speranda  sit,  deelaratur'^ ,  Frankfurt  a.  0.  1541,  8  **.  —  «7.  E.  Hehenst/reit, 
„■jisQi  dvafcov^oEcog,  de  declamatione,  antiquae  gymnasticae  parte  ad  Pauluni  Aeginetae 
1. 1  c.  19",  Leipzig  1753,  4  **.  —  JB.  A.  Vogel,  „De  Pauli  Aeginetae  meritis  in  medi- 
cinam  imprimisque  chirurgiam  prolusio  I  et  IP',  Göttingen  1768  u.  1769,  4^.  — 
C  G.  Kühn,  „De  additamentis  quibusdam,  quae  in  cod.  ms.  Pauli  Aeginetae  a 
Scaligero  reperta  fuerunt,  num  ad  hujus  medici  secundam  editionem.  ab  auctore  ipso 
factam,  concludi  possit?",  Leipzig  1828,  8^.  —  Hecker  a.  a.  0.  II,  196—214; 
220 — 230.  —  Meyer  a.  a.  0.  II,  S.  412 — 421.  —  ß.  ßriau  in,  seiner  Atisgabe 
der  Chirurgie  des  Paulos,  Paris  1855,  S.  9 — 80.  —  Petrequin,  „Etudes  medicales, 
historiques  et  critiques  sur  les  medicins  de  Vantiquite",  Paris  1858,  8^.  —  H. 
Haeser  a.  a.  0.  I,  S.  463 — 473.  —  H.  Frölich,  „Paulus  von  Aegina  als  Kriegs- 
chirurg" in:  Wiener  medicin.  Wochenschrift  1880  Nr.  45  S.  1241  und  Nr.  46 
S.  1265.  —  Corlieti  a.  a.  0.  S.  140—146.  —  Steinschneider  a.  a.  0.  S.  479- 
480:  —  E.  Gurlt  a.  a.  0.  Bd.  I  S.  558—590.  —  J.  Hirschberg  a.  a.  0.  I, 
S.  368—395. 

Die  Lebenszeit  des  Paulos  Aiginetes  tällt  in  die  erste  Hälfte 
des  7.  Jahrhunderts.  Dies  erhellt  aus  einer  Stelle  des  arabischen 
Schriftstellers  Abul-Farag^),  der  an  einer  Stelle,  wo  er  vom  Tod 
des  Kaisers  Heraklius  (610—641),  seinen  beiden  Nachfolgern  Con- 
stantinus  III.  und  Herakliolus  (641 — 642  n.  Chr.)  spricht,  weiter 
bemerkt :  „Unter  den  Aerzten,  die  um  diese  Zeit  blühten,  war  Paulos 
Aiginetes  der  Arzt  zu  seiner  Zeit  berühmt.  Vorzüglich  erfahren 
war  er  in  den  Weiberkrankheiten,  und  widmete  ihnen  grossen  Fleiss. 
Die  Hebammen  pflegten  ihn  selbst  anzugehen  und  ihn  über  Zufälle, 
die  nach  der  Entbindung  eintreten,  um  Eat  zu  fragen.  Willig  erteilte 
er  ihnen  Auskunft,  und  sagte  ihnen,  was  sie  thun  sollten.  Daher  man 
ihn  den  Geburtshelfer  (alkawäbeli)  nannte.  Er  hat  ein  Werk  von  der 
Medizin  in  neun  Büchern  geschrieben,  welches  Honain  Ibn  Ishak 
übersetzt  hat,  und  ein  Buch  über  Weiberkrankheiten."  Eine  weitere 
Zeitbestimmung  erhalten  wir  durch  den  Umstand,  dass  der  jüngste 
Schriftsteller,  den  Paulos  citiert,  Alexandros  von  Tralles  ist 
(III  cap.  28;  cap.  78;  VII  cap.  5;  cap.  11  u.  12).  Ferner  erwähnt 
Abul-Farag,  dass  Paulos  nach  des  Galenos  Zeit  in  Alexan- 
dria gelebt  habe^),  und  in  der  That  gedenkt  Paulos  selbst  wieder- 
holt seines  Aufenthaltes  und  seiner  medizinischen  Thätigkeit  in  Ale- 
xandria (IV,  49;  25;  VI,  88;  VII,  17).  Da  nun  640  n.  Chr.  die 
Medizinschule  von  Alexandria  infolge  der  Eroberung  der  Stadt  durch 
die  Araber  aufgehoben  wurde,  so  ist  anzunehmen,  dass  des  Paulos 
alexandrinischer  Aufenthalt  in  die  Zeit  vor  640  fiel.  Er  war  auf  der 
Insel  Aegina  geboren,  daher  Aiginetes  in  den  Hss.  und  von  den 
arabischen  Schriftstellern  genannt,  machte  seine  medizinischen  Studien 
in  Alexandria,  avo  er  vielleicht  auch  praktizierte,  aber  zur  Zeit  der 
Abfassung  seines  Werkes  nicht  mehr  weilte.  In  den  Hss.  wird  er  auch 
TteQioöevTTjg  genannt,  was  aber  nach  Meyer  einfach  „praktischer  Arzt" 

^)  Gregorii  Abul-Pharajii,  Malatiensis  medici  historia  compendiosa 
dynastiarum  Arabice  edita  et  Latine  versa  ab  E.  Pocockio,  Oxford  1663,  S.  114 
bis  115. 

^)  Theophili  Eoeper,  „Lectiones  Abulpharagianae  etc.",  Gedani  1844,  4°, 
S.  31. 


Byzantinische  Medizin.  549 

im  Gegensatze  zu  den  zu  Hause  spekulierenden  Jatrosophisten  be- 
deutet, womit  freilich  nicht  stimmt,  dass  Paulos  letzteren  Beinamen 
ebenfalls  in  Hss.  führt.  Ein  Distichon  in  einem  Ms.  des  11.  Jahr- 
hunderts lautet: 

ITavXov  Ttövov  fue  yvw&i,  rov  yfjg  tö  itKiov 
JiaÖQa/nüvrog,  cpvvrog  ex  yjjg  AlyLvrig. 

Wahrscheinlich  machte  er  wie  Alexandres  von  Tralles  grosse 
Reisen  und  kam  wohl  auch  nach  Rom,  da  er  lateinische  Namen  citiert 
(in,  2;  ni.  37;  Y,  30;  VIT,  3). 

Nach  dem  Zeugnisse  des  Abul-Farag  verfasste  Paulos  Aigi- 
n  e  t  e  s  zwei  grössere  Schriften,  einWerküberMedizinin9  Büchern  ^) 
und  eine  Abhandlung  über  Frauenkrankheiten.  Im  Fihrist  wird 
richtig  angegeben,  dass  die  erstere  Schrift  nur  7  Bücher  enthielt,  daher 
„Kenäsh  al  Tseriä*',  Sammlung  der  Plejaden  von  den  Arabern 
genannt.  Der  Fihrist  nennt  es  „al  Kunnasch",  Buch  der  Pandekten. 
Kifti  und  Ibn  Abu  Oseibia  erwähnen  als  weitere  Schriften  des 
Paulos  diejenige  über  Frauenkrankheiten,  eine  Abhandlung 
über  das  Regimen  und  die  Therapeutik  der  Kinder  und  ein  Frag- 
ment über  Toxikologie.  Die  zweite  Schrift  hat  sicher  nicht 
existiert.  Vielmehr  citiert  Oseibia  falschlich  den  Anfang  des 
Werkes  über  Medizin,  der  sich  mit  der  Hj'giene  und  Diätetik  der 
Kindheit  befasst,  als  eine  besondere  Schrift. 

Allein  und  vollständig  erhalten  ist  das  erstgenannte  Werk  über 
Medizin  in  sieben  Büchern.  Paulos  selbst  betitelt  es  vTtö^ivrj^a. 
Er  teilte  es  selbst  in  sieben  Bücher  ein  (Vorrede:  Tiveg  ol  okotvoI 
Twv  ema  T^g  oXrjg  ngayfiarelag  ßtßXiwv).  Er  verfasste  es  avvrofxov 
xdQiv  didaaycaUag  als  ein  Repetitorium  und  kurzgefasstes  Handbuch 
fiir  Äerzte,  ähnlich  denjenigen  Kompendien,  deren  sich  die  Juristen 
und  Rhetoren  für  den  Augenblicksbedarf  bedienten.  Besonders  Aerzten 
ohne  die  Hilfsmittel  einer  grossen  Bibliothek,  also  Land-  und  Schiffs- 
ärzten, solle  es  gute  Dienste  leisten.  Paulos  bezeichnet  weiter  in 
der  Vorrede  seiner  Schrift  dieselbe  als  einen  Auszug  aus  älteren  Schrift- 
stellern. Er  habe  darauf  verzichtet  eigene  Theorien  aufzustellen,  da- 
gegen einige  praktische  Erfahrungen,  die  er  selbst  gemacht  habe,  hin- 
zugefügt. Er  bezieht  sich  sodann  auf  Oreibasios  (Vorrede  und  II  cap.  1) 
und  G  a  1  e  n  0  s  (II,  1)  als  seine  Hauptquellen,  hat  sich  aber  auch  mit 
den  übrigen  berühmten  Aerzten  vertraut  gemacht.  Der  Auszug  des 
Oreibasios  aus  Galen  war  zu  seiner  Zeit  noch  vorhanden  und  ist 
von  ihm  benutzt  worden.  Trotz  dieser  kompilatorischen  Thätigkeit 
gehört  Paulos  zu  den  wenigen  selbständigen  ärztlichen  Praktikern 
der  byzantinischen  Periode,  der  uns  eigene  Beobachtungen  mitteilt  (z.  B. 
I,  41;  46;  III,  3;  VI,  78).  Seine  Darstellung  ist  kurz,  klar  und 
vollständig.  Erst  kommt  die  Definiton  des  abgehandelten  Gegen- 
standes, dann  dessen  allgemeine,  darauf  die  spezielle  Betrachtung 
nebst  Aufzählung  der  Ansichten  früherer  Aerzte,  seiner  eigenen,  und 
Mitteilung  der  besten  Therapie. 

Der  Inhalt  des  V7t6/^vr]f.ia  des  Paulos  ist  der  folgende. 

Buch  I:  Hygiene  und  Diätetik  (Diätetik  der  Schwangeren  und 
Kinder,  Krankheiten  der  Kinder,  Friktionen,  Gymnastik,  Coitus,  Impo- 
tenz, Erbrechen,  Laxieren,  Reisen  zu  Lande  und  zu  Wasser,  Ernährung 


^)  Die  Angabe  ist  unrichtig,  da  es  nur  7  Bücher  sind. 


550  Iwan  Bloch. 

und  Ernährungstherapie,  Schlaf);  Buch  II:  Allgemeine  Pathologie, 
Fieberlehre,  Semiotik ;  Buch  III :  Haarleiden  und  Haarpflege,  Gehirn- 
und  Nervenleiden,  Augen-,  Ohren-,  Nasen-,  Gesichts-,  Mund-  und  Zahn- 
krankheiten ;  B  u  c  h  IV :  Aussatz,  Hautleiden,  Verbrennungen,  allgemeine 
Chirurgie,  Blutungen,  Ankylose,  Erschlaifung  der  Gelenke,  Helmin- 
thologie; Buch  V:  Toxikologie;  Buch  VI:  Chirurgie;  Buch  VII: 
Arzneimittellehre. 

Ausgaben  des  griechischen  Textes:  a)  Ilavlov  Aiyivrixov  iargov 
&qLöxov,  ßißlia  kfctct.  Pauli  Aeginetae  medici  optimi,  libri  Septem. 
Venedig  1528,  fol.  (Aldina). 

b)  Derselbe  Titel,  Basel  1538  ed.  Hieron.  Gemusaeus  (mit 
latein.  Vorrede). 

c)  Chirurgie  de  Paul  d'Egine.  Texte  Grec  avec  traduction 
frangaise  en  regard.  Precede  d'une  Introduction  par  Rene  Brian., 
Paris  1855,  8*^,  508  Seiten  (Textausgabe  nach  19  Pariser  Hss.  und 
französische  Uebersetzung.  ^) 

Was  die  Uebersetzungen  betriift,  so  wurde  Paulos  bereits 
zwei  Jahrhunderte  nach  seinem  Tode  ins  Arabische  übersetzt  (zu- 
sammen mit  Hippokrates  und  Galen)  von  Honain  Ibn  Ishak, 
einem  christlichen  Arzt,  Syrer  von  Geburt,  der  ca.  873  n.  Chr.  unter 
Almotawakkel  lebte,  Schüler  des  Jahiah  Ibn  Mazawaih 
(Johannes  Mesue)  war  und  in  Bagdad  praktizirte.  Er  machte  auf 
Wunsch  und  mit  Unterstützung  Almotawakkels  mehrere  Reisen 
nach  Konstantinopel  und  holte  zahlreiche  Manuskripte  von  dort,  über- 
setzte dann  die  obengenannten  Aerzte  ins  Arabische.  Seitdem  wird 
Paulos  von  den  Arabern  citiert  und  kommentiert.  Der  Erste,  der 
ihn  erwähnt,  ist  Jahiah  Ibn  Serapion  (Serapion  senior),  in: 
Practica  dicta  breviarium  (Venedig  1477,  fol.  61  verso;  tract.  VII 
cap.  9):  Paulus  Alagintie  addebat  in  ea  cassie  lignee). 

Nach  der  arabischen  Uebersetzung  des  Honain  wurde  Paulos 
schon  früh  ins  Lateinische  übersetzt  (Georg  Schenck  in  seiner 
„Biblia  iatrica",  Frankf.  1609,  S.  433:  Extat  alicubi  vetus  et  barbara 
translatio  ejusdem).  In  dieser  alten  lateinischen  Uebersetzung  studierte 
wahrscheinlich  Matthaeus  Sylvaticus  den  Paulos  und  citiert 
ihn  oft  in  seinen  „Pandekten"  (Lyon  1478).  Neuere  lateinische  Ueber- 
setzungen: a)  ed.  Albanus  Torinus,  Basel  1532,  fol.  (nach  der 
Aldine,  ohne  Buch  VI,  das  von  J.  B.  Felicianus  besonders  über- 
setzt wurde  und  mit  Anmerkungen  von  Torinus  1533  erschien),^) 
b)  ed.  J.  Guintherus  Ander nacus,  Paris  1532,  fol.  (Vollständig, 
mit  Hilfe  von  Hss.    Sehr  geschätzt.   Oft  wiederholt.) 

c)  ed.  Janus  Cornarius,  Basel  1556  fol. 

Französische  Uebersetzungen  von  Buch  VI  (ausser  derjenigen 
in  der  Ausgabe  von  B r i a u) :  a)  von  Pierre  Tolet,  Lyon  1540  chez 
Etienne  Dolet  (schlecht). 

b)  Chirurgie  fran^aise,  recueillie  par  M.  Jacques  Dalechamps, 
docteur  en  medecine  et  lecteur  ordinaire  ä  Lyon,  avec  figures,  notes, 


^)  Meyers  und  Haesers  dringender  Ruf  nach  einer  neuen  vollständigen 
Ausgabe  des  Paulos  muss  auch  heute  noch  wiederholt  werden.  Ueher  Hss.  des 
Paulos  s.  Brian  S.  69—80. 

^)  Vorher  war  Buch  I  teilweise  von  Guilelmus  Copus  übersetzt  worden 
(Paris  1510,  4";  Nürnberg  1525,  8";  Strassburg  1538,  4«  mit  Kommentar).  —  Von 
Buch  II  erschien  eine  lateinische  Spezialausgabe  Köln  1546,  8*^;  von  Buch  VII  ed. 
Otto  Brunfels,  Strassburg  1531,  8  ». 


Byzantinische  Medizin.  551 

et  les  Commentaires  de  M.  Jean  Girault,  Chirurgien  jure. 
Paris  1610,  4**  (mit  guten  Kommentaren). 

Englische  Uebersetzung :  The  seven  books  of  Paulus 
Aegineta.  Translated  from  the  Greek  with  a  Commentary  em- 
bracing  a  complete  view  of  the  knowledge  possessed  bj  the  Greeks, 
Eomans  and  Arabians  on  all  subjects  connected  with  medicine  and 
surgery.  By  Francis  Adams.  In  tliree  volumes.  London,  Printed 
for  the  Sydenham  Society.  Bd.  I,  1845,  8«,  XXVJII,  683  Seiten;  Bd.  II, 
1846,  XI,  511  Seiten;  Bd.  III,  1847,  VIII,  653  Seiten.  (Bei  jedem 
Kapitel  sehr  ausführlicher  Kommentar,  der  sich  auf  antike,  arabische 
und  neuere  Autoren  bezieht.) 

Der  Glanzpunkt  des  Werkes  von  Paulos  bildet  das  die  Dar- 
stellung der  Chirurgie  enthaltende  sechste  Buch,  da  hier  die  Selb- 
ständigkeit des  Autors  am  meisten  hervortritt.  Aus  dem  Inhalte  der 
übrigen  sei  nur  das  Wichtigste  hervorgehoben.  Im  Buch  I  cap.  10 
werden  die  Aphthen  in  weissliche,  rötliche  und  schwarze  eingeteilt, 
letztere  als  die  gefährlichsten  bezeichnet.  Bei  Epilepsie  (III,  13) 
empfiehlt  Paulos  das  Aetzen  der  Ausgangsstelle  der  Aura  mit  Can- 
thariden.  Die  Angina  (III,  27)  wird  in  vier  Formen  unterschieden  als 
Entzündung  innerhalb  des  Pharynx  =  awayxr^,  ausserhalb  desselben 
=  nagaavvdyxrp  als  Entzündung  innerhalb  des  Larynx  =  yiwdyxr}, 
ausserhalb  desselben  =  Tragayivvdyxf]-  Orthopnoe,  Schmerzen  und  Dyspnoe, 
bisweilen  auch  Fieber,  Röte  des  Gesichtes  und  Halses.  Anschwellung, 
Erstickungsanfälle  sind  Symptome  der  Angina  (Schilderung  der  Angina, 
schwerer  Aifektionen  des  Larynx,  vielleicht  auch  der  Angina  Ludovici). 
Von  grossem  Interesse  sind  die  Bemerkungen  über  das  Aushusten  von 
Lungensteinen  (III,  28),  auf  welches  bisweilen  Sch\^indsucht  folgt 
(III,  31).  Auch  von  vikariierender  Hämoptoe  bei  Amenorrhoe  ist  die 
Rede  (III,  31).  Paulos  kennt  tuberkulöse  Blasengeschwüre  bei 
Phthisis  pulmonum  (III,  32),  ferner  Entzündungen  des  Herzens  (III.  34), 
die  so  tötlich  seien  wie  Herzwunden;  er  erwähnt  sympathische  Herz- 
affektionen bei  Gehirn-  und  Magenleiden  ( III,  34 ).  Einige  schätzbare 
Bemerkungen  w^erden  über  NeiTen-  und  Geisteskrankheiten  gemacht. 
Die  „Phrenitis"  wird  scharf  von  den  blossen  Fieberdelirien  getrennt 
und  als  Entzündung  der  Gehirnhäute  und  des  Gehirns  definiert  (III,  6). 
Anosmie  beruht  auf  Affektion  der  vorderen  Hirnhöhlen  (III,  24),  Bei 
Apoplexie  ist  der  Aderlass  das  souveräne  Mittel  (III,  24).  Als  eine 
besondere  Psychose  beschreibt  Paulos  diejenige,  bei  welcher  die 
Geisteskranken  mit  höheren  Mächten  in  Verbindung  zu  stehen  glaubten 
und  die  Zukunft  vorhersagten  (III,  14;  die  Ivd^eaariycoi  des  Pia  ton). 
Auch  übermässige  Liebe  ist  eine  Geisteskrankheit  (III,  17).  Tetanus 
wird  mit  Opium  behandelt  (HI,  20),  Pleuritis  ableitend  mit  scharfen 
Klystieren  (III,  33).  Interessant  ist  seine  Differentialdiagnose  zwischen 
Pleuritis  und  Rheumatismus  der  Brustmuskeln  (III,  33).  Die  Mastitis 
der  Säugenden  wird  mit  warmen  Kataplasmen  behandelt  (III,  35). 
Von  den  Erkrankungen  des  Magen-  und  Darmkanals  erwähnt  Paulos 
die  Lienterie,  eine  gastrische  und  eine  dysenterische  Form  (III,  40), 
die  Magengeschwüre  (III,  37).  Er  beschreibt  das  Koterbrechen  beim 
Ileus,  der  durch  Indigestion  [dLitexpia],  Obstruktion  (tfxcpQd^soiQ)  und 
durch  Brucheinklemmung  entsteht;  gegen  letztere  wird  eine  Bandage 
(sTtiöso/iws)  zur  Anwendung  gebracht  (III,  44).  Von  grossem  Interesse 
ist  der  Bericht  über  eine  von  Italien  ausgehende  Kolikepidemie, 
die  sich   seuchenartig  über  gi'osse  Teile  des  römischen  Reiches  ver- 


552  Iwan  Bloch. 

breitete,  in  Epilepsie  oder  motorische  Lähmung  der  Glieder  ausging, 
wobei  ersteres  meist  letal  war.  Ein  italienischer  Arzt  erzielte  mit 
einer  kühlenden  Diät  günstige  Erfolge.  Heck  er  und  Haeser 
sprechen  diese  Tiohxi]  didd-eaig  als  ein  dem  Ergotismus  verwandtes, 
durch  Misswachs  der  Nahrungsmittel  entstandenes  Leiden  an.  Letzterer 
macht  auf  die  Aehnlichkeit  mit  dem  in  Indien  endemischen  „Burning 
oft  the  feet''  aufmerksam.^)  Die  Hernien  (III,  53)  entstehen  teils 
durch  Ruptur  (Qrj^is),  teils  durch  Ausdehnung  (ägalwaig)  des  Peritonäum. 
Letztere  können  ohne  Operation  durch  Adstringentien  und  Bandage  von 
dreieckiger  Gestalt,  aus  dickem  Material,  beseitigt  werden.  Die  Gicht 
beruht  auf  einer  Schwäche  der  Gelenke  und  Vorhandensein  eines  Krank- 
heitsstoffes, der  beim  Fehlen  einer  genügenden  Assimilationsfähigkeit 
{d-Qe7iTLya]  övvaiiug)  der  Körperteile  aus  dem  Ueberfluss  von  Nahrung, 
bei  träger  Lebensweise  und  häufigen  Verdauungsstörungen  entsteht 
und  in  die  Gelenke  übergeht,  aber  auch  in  Leber,  Milz,  Hals,  Ohren, 
Zähnen  sich  absetzt  (III,  78).  Die  Erscheinungen  der  Ischias  werden 
vortrefflich  geschildert,  Therapie:  Aderlass  (III,  77).  Die  Augen- 
leiden werden  in  Buch  III  cap.  8—22,  Buch  VI  cap.  20  besprochen,  in 
Buch  VII  sind  Augenheilmittel  erwähnt.  Hirschberg  hat  aus  diesen 
Stellen  ein  vollständiges  „Lehrbuch  der  Augenheilkunde"  zusammen- 
gestellt, auf  welches  verwiesen  sei.  -)  Erwähnenswert  ist  des  Paulos 
Operationsmethode  der  Trichiasis,  wobei  er  statt  abzupräparieren,  die 
überschüssige  Hautfalte  mit  der  Lidbalkenzange  (f-iodico  ßlecpaQoycaTÖxoj) 
fasst  und  abträgt  und  nicht  näht,  oder  auch  einfach  die  Hautfalte 
zwischen  zwei  Plättchen  abschnürt.  Ferner  findet  sich  bei  Paulos 
die  Operation  des  Ektropium,  der  Balggeschwülste,  der  Lidverwachsung, 
des  Flügelfells  und  die  Niederdrückung  des  Stars.  Aus  der  nicht- 
chirurgischen Gynäkologie  sind  besonders  die  Kapitel  über  die 
Menstruation  und  ihre  Anomalien  hervorzuheben.  Die  Menstruation 
beginnt  nach  Paulos  bei  den  meisten  Mädchen  im  14.,  bei  vielen 
später,  bei  wenigen  im  12.  oder  13.  Jahre  und  hört  zwischen  dem  50. 
und  60.  Jahre  auf,  selten  schon  mit  dem  35.  Jahre  (III,  62).  Gegen 
Metrorrhagie  kommt  Binden  der  Glieder  zur  Anwendung  (III,  63). 
Bei  Menstruationsanomalien  muss  gegen  den  krankhaften  Zustand  des 
ganzen  Körpers  eingeschritten  werden  (III,  62—63).  Paulos  unter- 
scheidet die  chronische  Metritis  vom  Carcinoma  uteri  (III,  72)  und 
empfiehlt  gegen  die  Hysterie  Binden  der  Glieder  (III,  71).  Bei  allen 
Untersuchungen  der  Gebärmutter  und  Scheide  bediente  er  sich  eines 
Mutterspiegels  (öi07iTQiaf.iög).  Er  giebt  von  der  Lagerung  der 
Patientin  und  der  Untersuchung  mit  dem  Speculum  im  Kapitel  über 
die  „Abscesse  am  Muttermunde"  (VI,  73)  folgende  Schilderung: 

„Um  zu  operieren  wird  die  Frau  auf  einem  Stuhle  (o  ölcpQog)  hinten- 
über gelagert,  mit  nach  dem  Bauche  zurückgeschlagenen  Beinen,  die  Ober- 
schenkel von  einander  entfernt,  Ihre  Vorderarme  werden  in  die  Kniekehlen 
gebracht  und  aneinander  mit  Schlingen  befestigt,  die  am  Nacken  aufgehängt 
sind.  Der  auf  der  rechten  Seite  sitzende  Operateur  untersuche  mit  einem 
dem  Lebensalter  der  Patientin  entsprechenden  Speculum  (diOTTTQiCercü),  Der 
Untersuchende  muss  mit  einer  Sonde  die  Tiefe  der  Scheide  (o  xdlTtog)  der 
Frau  messen,    damit   nicht,    wenn    der  Körper  (o  liorög)    des  Speculum   zu 


^)  Vgl.    H.   Haeser,    „Lehrbuch    der    Geschichte    der    Medizin",    Jena  1882, 
Bd.  III  S.  386-387. 

2)  J.  Hirschberg  a.  a.  0.  I,  S.  368—395;  S.  403—417. 


Byzantinische  Medizin.  553 

gross  ist,  die  Gebärmutter  gedrückt  werde ;  und  wenn  man  ihn  grösser  findet, 
als  die  Scheide,  sind  Compressen  auf  die  Schamlippen  zu  legen,  damit  sich  das 
Speculum  auf  sie  stützen  kann.  Man  führt  den  Körper  des  Speculum  mit 
nach  oben  gerichteter  Schraube  (o  xoyjjag)  ein,  und  während  das  Speculum 
selbst  von  dem  Operateur  gehalten  wird,  wird  von  dem  Gehilfen  die  Schraube 
umgedreht,  um  durch  Entfernung  der  Blätter  (ra  eK(xOf.iara)  desselben  die 
Scheide  zu  erweitern." 

Das  vierte  Buch  beschäftigt  sich  mit  den  Hautleiden.  Im 
Kapitel  über  den  Aussatz  (IV,  1)  gedenkt  Paulos  der  klassischen  Be- 
schreibung des  A  r  e  t  a  i  0  s  von  Kappadokien  und  betont  die  Kontagiosität 
der  Lepra.  Die  folgenden  Kapitel  bieten  nichts  Neues  und  Originelles. 
Erwähnenswert  ist  das  letzte  (cap.  59)  über  die  Filaria  medinensis 
(to  dQayt.6vxiov\  die  nach  Paulos  hauptsächlich  in  Indien  und  Ober- 
ägypten vorkommt.  Er  erwähnt  die  Ansichten  des  Soranos,  der 
den  Guineawurm  für  eine  Art  nervöser  Substanz,  nicht  für  ein  Tier 
hielt,  und  des  L  e  o  n  i  d  e  s ,  gedenkt  aber  nicht  der  klassischen  Schilde- 
rung des  Ruf  US  in  dessen  „Aerztlichen  Fragen",  wo  sich  auch  die 
richtige  Ursache,  die  Infektion  durch  Trinkwasser,  angegeben  findet. 

Buch  V  enthält  die  Toxikologie,  die  Lehre  von  den  Ver- 
giftungen durch  Biss  und  Stich  von  Tieren  und  durch  den  Genuss  von 
giftigen  Substanzen.  Nach  Angabe  von  prophylaktischen  Massregeln 
gegen  Tierbiss  und  Tierstich  (V,  1),  empfiehlt  Paulos,  die  ßisswunde 
auszusaugen,  zu  skarifizieren,  auszubrennen  oder  eventuell  zu  exstirpieren 
(V,  2).  Der  Ausbruch  der  Hydrophobie  (to  vögorpoßixbv  ndd-og)  der 
von  einem  an  Hundswut  (kvaaa)  leidenden  Hunde  Gebissenen  erfolgt 
um  den  40.  Tag,  bisweilen  erst  nach  einem  halben  Jahre.  Therapie: 
Kauterisation  der  Wunde,  scharfe  Umschläge,  innerliche  Behandlung 
(V,  3).  Es  wird  dann  (V,  6)  der  Biss  einer  giftigen  Spinne  (t6 
q>aXdyyiov)  erwähnt,  auf  welchen  allgemeine  Vergiftungserscheinungen 
folgen,  die  durch  warme  Bäder  und  innerliche  Mittel  bekämpft  werden, 
ebenso  wie  die  ähnlichen  Erscheinungen  nach  Biss  einer  anderen 
Spinnenart  {fj  dgdyvr];  V,  7).^)  Gegen  Skorpionstich  (V,  8)  wirkt 
„Silber  {uQyvQog),  sofort  auf  die  Wunde  (to  nf^y(.ia)  gebracht,  wunder- 
bar." In  den  folgenden  Kapiteln  (V,  9—22)  werden  die  Bisse  der 
Skolopendren,  Eidechsen,  Spitzmäuse,  Nattern,  Vipern  und  anderer 
Schlangen  besprochen  (nach  Dioskurides),  auch  der  Biss  eines 
Krokodils  (V.  24)  und  Menschen  (V,  25)  erwähnt,  dann  folgt  die 
eigentliche  Giftlehre  (V,  26—65). 

Die  in  Buch  VII  erhaltene  Heilmittellehre  ist  hauptsächlich 
nach  Dioskurides,  Galen  (einfache  Mittel)  und  Oreibasios  (zu- 
sammengesetzte Mittel)  abgefasst.  Das  Verzeichnis  einiger  neuer,  von 
Paulos  hinzugefügter  Heilpflanzen  giebt  Meyer.'^) 

\)  E.  Kobert,  der  sich  neuerdings  mit  dem  Studium  der  Giftspiunen  be- 
schäftigt hat  (vgl.  dessen  „Beiträge  zur  Kenntnis  der  Giftspinnen",  Stuttgart  1901) 
hat  in  seiner  Abhandlung  „Welche  dem  Menschen  gefährlichen  Spinnen  kannten  die 
Alten?"  (im  Novemberheit  des  Janus  Bd.  VI,  1901)  diese  beiden  Kapitel  des  Paulos 
nicht  mehr  berührt.  Es  ergiebt  sich  aber  aus  seiner  Schilderung,  dass  Paulos  das 
Kapitel  über  die  Phalangien  (nach  Kobert  eine  Lathrodectesart)  dem  Dioskurides 
(ed.  Sprengel  II,  66)  entnommen  hat,  da  die  dort  geschilderten  Symptome  (Rötung 
ohne  Hitze  und  Schwellung,  Kältegefühl,  Zittern,  Dysurie,  Priapismus,  Thränen  der 
Augen  u.  s.  w.)  bei  Paulos  fast  wörtlich  wiederkehren.  Auch  die  d^äxvrj,  deren 
Biss  Präcordialschmerzen,  Rötung,  Dysurie,  bisweilen  Suffokation  veranlasst,  scheint 
zur  Gattung  Lathrodectes  zu  geEören. 

2)  a.  a.  0.  II,  S.  416—421. 


554  Iwan  Bloch. 

Der  wichtigste  Abschnitt  in  dem  Werke  des  Paulos  ist  seine 
Darstellung  der  Chirurgie,  die  auf  eigenen  Erfahrungen  und  den- 
jenigen der  besten  älteren  Autoren  (Hippokrates,  Galen os, 
Leonides,  Antyllos,  Soranos,  Faustinus,  Justus,  Mar- 
cellus,  Musa)  beruht.')  Der  erste  Teil  der  Chirurgie  umfasst  die 
Krankheiten  der  AVeichteile,  der  zweite  die  der  Knochen,  besonders 
die  Frakturen  und  Luxationen  (VI,  1).  Aus  dem  reichen  Inhalte  kann 
nur  das  Wichtigste  berührt  werden,  indem  für  eingehendere  Studien 
auf  die  erschöpfende  Darstellung  von  Gurlt  (a.  a.  0.  I,  S.  562 — 592) 
verwiesen  sei. 

Bei  teils  angeborener,  teils  durch  Granulationswucherungen  ent- 
standener Atresie  des  äusseren  Gehörganges  wird  die  verschliessende 
Membran  mit  einem  Spitzbistouri  {tb  o-Kolo7io(.iaxaLQLov)  getrennt  und 
exstirpiert  oder  die  Wucherung  mit  dem  meQvyoxöf.iov  oder  dem 
Polypenspatel  (tö  nolvitodL-Kov  örtd&Lov)  fortgenommen  (VI,  23).  ^) 
Fremdkörper  im  äusseren  Gehörgange  werden  mit  Ohrlöifel,  Haken, 
Pincette,  durch  Schütteln  des  Kopfes,  durch  Ansaugen  mit  einer  Röhre, 
durch  Niesepulver  mit  nachfolgender  Verschliessung  der  Nase  und  des 
Mundes,  eventuell  durch  Operation  (Incision  hinter  dem  Ohrläppchen) 
entfernt  (VI,  24).  Nasenpolypen  werden  mit  dem  myrtenblattförmigen 
Polypenspatel  an  der  Ursprungsstelle  umschnitten  und  mit  dem  löffei- 
förmigen Teile  des  Instruments  herausgezogen,  die  Reste  mit  dem 
Polypenschaber  (o  TtolvTio^vorriq)  entfernt,  bösartige  Nasengeschwülste 
mit  dem  sondenknopfartigen  Glüheisen  (to  nvgrjvoeiöhg  y.avirjQiov)  ge- 
brannt. Sarkomatöse  Tumoren  im  obersten  Teil  der  Nase  werden 
mittelst  eines  durch  die  Nase  geführten  Fadens,  der  an  einer  durch 
die  Nase  und  die  Choanen  in  den  Mund  gehenden  Sonde  (to  diTtvQr^vov) 
befestigt  ist,  durchsägt,  und  bei  der  Nachbehandlung  bleierne  Röhrchen 
(fioUßöiva  acolrjvdQia)  in  die  Nase  eingeführt  (VI,  25).  Geschwollene 
Mandeln  (ävTidöeg)  werden,  nach  Herunterdrücken  der  Zunge  mit  einem 
Zungenspatel  (6  yhooaoyiccToxog),  mit  einem  Haken  hervorgezogen  und 
an  der  Basis  mit  dem  ayxvkoTÖfwv  abgetrennt,  welches  tür  beide  Seiten 


^)  Vgl.  das  Verzeichnis  der  Stellen  bei  Brian  S.  80. 

^)  Bei  dieser  Gelegenheit  sei  die  neueste  Litteratur  über  antike  chirur- 
gische Instrumente  mitgeteilt.  Die  übersichtlichste  Zusammenstellung  mit  Ab- 
bildungen giebt  E.  Gurlt  a.  a.  0.  I,  S.  313 — 314  (Hippokratisches  Instrumentarium), 
S.  505—519  (Römische  nach  Celsus,  Heliodor,  Galen,  Antyllos),  S  592—593 
(Instrumente  der  byzantinischen  Chirurgen).  Vgl.  ausserdem  C.  P.  J.  Lambros, 
,,lTs^l  aiy.vcäv  y.al  ar/.vcöaecos  Ttaoa  roTf  d^x'^iois",  Athen  1895,  4",  62  S.  mit  94  Illu- 
strationen (Erschöpfende  Geschichte  der  Schröpfköpfe  bei  den  Alten).  —  A.  De- 
chambre,  ,,Trousse  de  medecin  au  3me  siecle"  in:  Gaz.  hebdom.  1882  Nr.  13.  — 
Mook,  „Description  d'une  trousse  de  l'epoque  de  Gallen''  in:  Un.  med.  1881  Nr.  165. 

—  L.  A.  Neu  geh  au  er,  „Ueber  alte  chirurgische  und  gyniatrische  Instrumente 
u.  s.  w."  in:  Denkschriften  der  Warschauer  ärztl.  Gesellschaft  1882  Bd.  78  Heft 
3—4  S.  441—498;  S.  675—785  (mit  90  Bildern;  Funde  in  Pompeji).  —  A.  Jaco- 
belli,  „Speculi  chirurgici  scavati  dalle  rovine  delle  cittä  dissepolte,  Pompei 
ed  Ercolano"  in:  Morgagni,.  Neapel  1883,  Bd.  25  S.  185—195.  —  J.  Habets, 
„Ueber  einige  zu  Mastricht  gefundene  chirurgische  Instrumente  aus  der  Römerzeit" 
(HoU.),  Amsterdam  1884  in:  Verb.  d.  K.  Akademie  zu  Amsterdam  Bd.  III  Nr.  2 
S.  133—154.  —  B.  Schiachardt,  „Ueber  Darstellungen  von  chirurgischen  Opera- 
tionen und  Verbänden  aus  dem  Alterthum"  in  Berl.  klin.  Wochenschr.  1888  S.  976. 

—  N.  Senn,  ,,Pompeian  surgery  and  surgical  Instruments"  in:  Med.  News  1895 
Bd.  67  Nr.  26.  —  C.  Brunn  er,  ,,Die  Spuren  der  römischen  Aerzte  auf  dem  Boden 
der  Schweiz",  Zürich  1894,  8".  —  C.  Koenen,  „Chirurgische  Instrumente  der 
Römer  am  Niederrhein"  in:  Festschrift  der  Düsseld.  Naturforschervers.  1898  Tl.  II 
S.  12 — 16  —  P.  Hamonic,  „La  Chirurgie  et  la  medecine  d'autrefois"  (mit  487  Dar- 
stellungen antiker  Instrumente),  Paris  1900,  8^,  140  S. 


Byzantinische  Medizin.  555 

eine  entgegengesetzt  schneidende  {dcvrixofxog)  Krümmung  hat.  Nach 
der  Operation  gurgelt  der  Patient  mit  kaltem  Wasser  oder  Essigwasser 
(VI,  30).  Im  Pharynx  festsitzende  Fischgräten  {ay.avd-ai  ix&viov) 
werden  mit  dem  äxavd-oßökog  ausgezogen  oder  in  einem  an  einem 
Faden  befestigten  und  verschluckten  Schwamm  gefangen  oder  auch 
durch  Brechmittel  herausbefördert  (VI.  32).  Bei  der  Operation  der 
Drüsengeschwülste  des  Halses  gedenkt  Paulos  der  Verletzung  der 
Nn.  recurrentes  (VI,  35).  Skarifikationen  werden  von  einigen  mit 
einem  aus  drei  mit  einander  verbundenen  Messern  bestehenden  In- 
strumente gemacht,  so  dass  mit  einem  Male  drei  Schnitte  gemacht 
werden,  Paulos  zieht  ein  einfaches  Messer  vor,  ebenso  die  bronzenen 
den  gläsernen  Schröpf  köpfen ;  er  warnt  vor  Ansetzen  der  Schröpf- 
köpfe in  der  Nähe  der  Mammae  (VI,  41).  Von  Interesse  ist  die  ge- 
naue Beschreibung  der  verschiedenen  Arten  der  überzähligen  (naga- 
(pvrjg)  Finger  (VI,  43).  Bei  Empyemen  kauterisierte  Paulos  ver- 
schiedene Stellen  des  Thorax  und  Halses  und  war  operativen  Ein- 
griffen dabei  abhold  (VI,  44).  Krebs  wird  exstirpiert  wie  die  übrigen 
bösartigen  und  fauligen  Geschwüre  (VI,  45),  Leberabscesse  und  Milz- 
erkrankungen erfordern  die  Kauterisation  der  Bauchdecken  an  den 
betreffenden  Stellen  (cap,  47 — 49).  Ascites  wird  durch  Incision  in  die 
Bauchwand  und  Einstossen  des  Instrumentes  oberhalb  des  Schnittes 
durch  das  Peritonäum.  Einführung  einer  bronzenen  Röhre  (6  xaly.ovg 
■KaXa^ioxog)  entleert  (VI,  50).  Sehr  ausführlich  werden  der  Kathe- 
terismus (o  -Aad-errjQiafiög)  und  Einspritzungen  in  die  Blase  (o  ylva^og 
Y^voreiog)  bei  Cystitis  (VI,  59;  vgl.  auch  Celsus  VII,  26  über  den 
Katheterismus)  beschrieben.  Ebenso  eingehend  wird  der  Steinschnitt 
nach  der  schon  von  Celsus  beschriebenen  Methode  geschildert  (VI,  60). 
Cap.  65  beschreibt  die  Radikaloperation  der  Scrotalhernien,  die  mit  einei- 
Kastration  verbunden  wird.  Zur  Beschleunigung  der  Heilung  muss 
der  Patient  8  Tage  lang  täglich  wiederholt  prolongierte  warme  Bäder 
nehmen.  Höchst  bemerkenswert  ist  das  Kapitel  über  die  Entmannung 
(6  evvovxio^ög)  als  ärztliche  Operation.  Es  heisst  darin:  „Während 
unsere  Kunst  den  Zweck  hat,  die  Körperteile,  welche  sich  in  einem 
widernatürlichen  Zustande  befinden,  zu  dem  natürlichen  zurückzuführen, 
erstrebt  die  Kastration  das  entgegengesetzte  Ziel.  Da  wir  jedoch 
häufig,  auch  gegen  unseren  Willen,  von  hervorragenden  Personen  ge- 
nötigt werden,  Eunuchen  zu  machen  (evvovxiC  eiv),  soll  in  der  Kürze 
die  Art  der  Ausführung  beschrieben  werden."  Die  Operation  wird  entweder 
mittelst  Zerquetschung  (fj  d^ldaig)  oder  mittelst  Exstirpation  (VI,  68) 
ausgeführt.  Der  Hermaphroditismus  wird  nach  Leonides  beschrieben 
und  in  vier  Arten  (3  bei  Männern,  1  bei  Weibern)  geteilt  (VI,  69). 
Im  Kapitel  über  die  Amputation  der  hypertrophischen  Clitoris  [fi  vL\ucpo- 
%o(ÄLa)  und  des  hypertrophischen  Collum  uteri  (^  xiQxioaig)  werden  die 
den  Coitus  suchenden  Tribaden  erwähnt  (VI,  70).  Sehr  charakteristisch 
wird  das  traubenbüschelartige  {y.oQv(.ißri)  Aussehen  der  spitzen  Condy- 
lome {dnj(xog)  beschrieben;  unter  den  eigentlichen  ■/.ovövlcji.iaTa  der 
weiblichen  Genitalien,  die  er  wegen  ihrer  Blutung  und  rauhen  Hervor- 
ragung mit  den  Hämorrhoiden  vergleicht  sind  wohl  Epitheliome  oder 
Varicen  zu  verstehen  (VI,  71).  Cap.  74  behandelt  die  Embryulcie  und 
Embryotomie,  wobei  der  Schädel  mit  dem  Polypenspatel,  dem  Stilet 
{fl  xaridg),  dem  gedeckt  eingeführten  Spitzbistouri  (to  oycoloTCOfxayaiQiov) 
perforiert  und  mit  der  Zahn-  oder  Knochenzange  (^  odovTdyQa,  öoTayQa) 
zusammengedrückt  wird.  Papillome,  Polypen,  Epitheliome  und  Rhagaden 


556  Iwan  Bloch. 

des  Afters  werden  in  cap.  80  erwähnt.  Die  Amputation  (ö  dycQtoTrj- 
Qiaofiög)  findet  eine  sehr  genaue  Darstellung  (VI,  84).  Die  Nagelleiden 
(Granulationswucherung  =  TiTEQvywv,  vTteqav^r^oig  aaQxög  beim  Nagel- 
geschwür; Nagelquetschung)  werden  in  cap.  85 — 86  behandelt,  in 
cap.  87  Hühneraugen  (o  'fjkog),  Warzen  (fj  fivQf.ir^ytia)  und  gestielte  Warzen 
(17  axQoxoQÖujv).  Ueber  die  byzantinische  Kriegschirurgie 
giebt  cap.  88  über  die  Ausziehung  der  Pfeile  {Ttegl  ßeXtov  e^aiQsaecog) 
wertvolle  Aufschlüsse.  ^)  In  der  Lehre  von  den  Knochenbrüchen  folgt 
Paulos  der  von  Soranos  und  Galen  gegebenen  Einteilung,  fügt 
aber  noch  die  dcTtoxoTt^  d.  h.  die  Abreissung  eines  Knochenstückes  von 
der  Oberfläche  hinzu  (VI,  89).  Bei  Schädelbrüchen  betrachtet  er  die 
Depression  nicht  als  Fraktur,  sondern  als  Dislokation  und  leugnet  das 
Vorkommen  der  Frakturen  durch  Contre-coup  {dcTi^xw^'^  ^I>  90).  Die 
übrigen  Kapitel  über  Frakturen  lehnen  sich  grösstenteils  an  H  i  p  p  0  - 
k  rat  es  an.  Luxation  (to  e^ägdriixa)  ist  nach  Paulos  das  „Heraus- 
fallen {f}  eyiTiTOjaig)  eines  Gliedes  aus  seiner  eigenen  Gelenkhöhle  nach 
einer  ungewohnten  Stelle,  wodurch  die  willkürliche  Bewegung  ge- 
hindert wird"  (VI,  111).  Auch  die  einzelnen  Luxationen  werden  fast 
ganz  nach  Hippokrates  abgehandelt.  Paulos  führt  im  Gegen- 
satze zu  Hippokrates  bei  mit  Wunden  komplizierten  Luxationen 
die  Reposition  sofort  aus  (VI,  121j. 


Joannes  Alexandrinus,  Ahrou.-) 

Paulos  Aiginetes  war  einer  der  alexandrinischen  Aerzte,  die 
durch  ihr  Wirken  kurz  vor  der  Eroberung  der  Stadt  durch  die 
Araber  diesen  zunächst  bekannt  wurden.  So  knüpfte  die  Medizin 
der  Araber  zunächst  an  Paulos  und  seine  alexandrinischen  Zeit- 
genossen an.  Zu  diesen  gehörten  auch  Joannes  Alexandrinus 
und  Ahron. 

Die  Araber  erwähnen  häufig  den  Joannes  und  seine  (und  anderer 
Zeitgenossen)  Kommentare  über  die  kanonische  Auswahl  der  „sechzehn 
Schriften  Galens"  (unter  welchen  sich  die  Bücher  über  die  Sekten, 
die  Ars  parva,  über  Anatomie,  über  den  Nutzen  der  Teile,  den  Puls, 
über  die  Elemente,  die  Temperamente,  die  Ursachen  der  Symptome, 
über  Fieber,  Krisen,  Diätetik,  die  therapeutische  Methode  u.  a.  be- 
fanden; vgl.M.  Steinschneider,  „Alfarabi"in:  Memoires  del'academie 
des  Sciences.  VIL  serie  t.  13,  St.  Petersburg  1869,  S.  163—174).  Letztere 
bildeten  die  Grundlage  der  syrisch-arabischen  Studien  zusammen  mit 
einem  ähnlichen  Kanon  von  zwölf  Schriften  des  Hippokrates,  zu 
denen  u.  a.  die  Aphorismen,  die  Prognostik,  de  victu  in  acutis,  die 
Epidemien,  de  aere,  aquis  et  locis,  de  natura  hominis  gehörten. 
Joannes  selbst  verfasste  Erläuterungen  zu  der  hippokratischen  Schrift 
de  natura  pueri  (ein  Fragment  bei  Dietz,  „Apollonii  Citiensis  etc., 
Joannis  scholia  in  Hippocratem",  Königsberg  1834)  und  eine  aui 
Galens  Kommentar  beruhende  Erläuterung  zum  sechsten  Buche  der 
Epidemien,  die  nur  lateinisch  nach  einer  Uebersetzung  des  13.  Jahr- 


^)  Deutsche  Uebersetzung  dieses  Kapitels  von  Frölich  in:  Wiener  med. 
Wochenschrift  1880  S.  1241  und  S.  1265  und  bei  E.  Gurlt  a.  a.  0.  I,   S.  580—584 

^)  Vgl.  V.  Eose,  „Jon's  Eeisebilder  und  Joannes  Alexandrinus  der  Arzt"  in: 
Hermes  1871  Bd.  V  S.  205—215. 


Byzantinische  Medizin.  557 

hunderts  in  der  Articeila  erhalten  ist  (vgl.  Fuchs,  Hippokrates  sämt- 
liche Werke  Bd.  II  S.  277  Anm.  97).  i) 

Recht  eigentlich  auf  der  Brücke  von  der  griechischen  zur  arabischen 
Medizin  steht  der  christliche  Arzt  und  Presbyter  A  h  r  o  n  von  Alexan- 
dria, der  in  die  Zeit  des  Kaisers  Heraklius  gesetzt  wird,  und  in 
griechischer  Sprache  „Medizinische  Pandekten"  in  30  Abteilungen  ver- 
fasste,  die  ins  Syrische  und  Arabische  übersetzt  wurden  und  von 
Rhazes  oft  citiert  werden-),  und  besonders  durch  eine  Beschreibung 
der  Blattern  bemerkenswert  sind.  Zur  Verhütung  der  Blattern- 
narben empfahl  A  h  r  o  n  Liegen  auf  Reismehl,  Bohnenmehl,  Safran  u.  a. 

Hygienische  und  diätetische  Schriften  des  6.  bis  8.  Jahrhunderts. 

Byzantinische  Produkte  sind  auch  jene  populären  hj'gienischen 
Vorschriften,  die  unter  dem  Namen  grosser  Aerzte  der  Vergangen- 
heit gehen,  wie  z.  B.  dem  des  Asklepiades.  Dahin  gehören  die 
dem  letzteren  fälschlich  zugeschriebenen: 

1.  vyieiva  TtaQayyel^ata,  herausgegeben  von  v.  Welz,  „Des  Askle- 
piades von  Bithynien  Gesundheitsvorschriften",  Würzburg  1841,  8" 
(giiech.  Text  in  83  jambischen  Versen,  latein.  und  deutsche  metrische 
Uebersetzung,  Einleitung  und  Kommentar)  —  ed.  Bussemaker  in: 
„Poetae  bucolici  et  didactici",  Paris  1851,  8"  (frühere  Ausgaben  und 
Litteratur  bei  Choulant  a.  a.  0.  S.  66).^) 

2.  ^JayihqrtiadCbv  vyieiva  Ttagayy^Xficaa  bei  Ideler,  „Physici  et 
medici  graeci  minores"  I,  202  (21  Verse). 

3.  In  zahlreichen  Codices  existieren  hygienische  Vorschriften  für 
die  einzelnen  Monate.  Einen  solchen  Text  gab  Fr.  Boissonade 
heraus :  IJsqI  tCjv  dibdeyLaf.nqvG)v  tov  eviavtoü  OTioiaig  öel  xqf^ad^aL  XQorpalg 
hl  exdoTti)  amCbv  xat  anb  nouov  &7t€y€od^ai  in :  Anecdota  graeca,  Paris 
1831,  Bd.  III  S.  409—421  (wahrscheinlich  noch  später  als  8.  Jahr- 
hundert).   Wiederholt  bei  Ideler  I,  423.^) 

4.  negl  jQocpcbv  bei  E  r  m  e  r  i  n  s  ,,Anecdota  medica  graeca",  Leyden 
1840,  S.  222—275.  Ist  Fragment  einer  dem  Kaiser  Konstant inos 
Pogonatos  (668 — 685)  gewidmeten  Schrift. 

5.  Das  „Rezeptbuch  des  Joannes".  Daremberg  beschreibt 
(„Notices  et  extraits"  S.  22—30)  ein  in  mehreren  Pariser  Hss.  er- 
haltenes Rezeptbuch  des  8.  Jahrhunderts,  welches  einem  Archiater 
Joannes   zugeschrieben  wird  und  sprachlich   wegen  der   vulgären 

')  Nicht  zu  verwechseln  mit  Joannes  medicus  Alexandrinus  ist  Joannes 
Philoponus  grammaticus  Alexandrinus,  der  im  6.  Jahrhundert  in  Ale- 
xandria lehte  und  sich  im  theologischen  Sektengezänk  besonders  hervorthat.  Ihm 
werden  Galen -Kommentare  zugeschrieben  (wohl  mit  Unrecht),  die  nach  der  Weise 
der  Aristoteles-Kommentatoren  des  6.  bis  7.  Jahrhunderts  (Olympiodoros, 
Elias,  David,  Stephanos)  in  Tr^d^en  (lectiones)  geteilt  sind,  die  z.  Tl.  mit  der 
vorausgeschickten  dsto^ia  (intentio)  beginnen.  —  Ein  angeblich  von  Joannes 
medicus  erwähnter  J  o  n  i  k  o  s  als  Verfasser  vom  „s:xi8r]/uiai"  existiert  nicht,  sondern 
es  handelt  sich  um  die  „Reisebilder"  des  Dichters  Jon  von  Chios  (V.  Rose).  Ebenso- 
wenig giebt  es  einen  Arzt  Trisendemon,  der  vielmehr  als  r^zg  evSaificor  (der 
dreimal  Selige)  aufzulösen  ist. 

^)  Vgl.  Abulpharag,  „Historia  dynastiarum"  ed.  Pocock,  Oxford  1663, 
S.  99;  Steinschneider  a.  a.  0.  S.  166. 

*)  Daremberg,  „Oeuvres  d'Oribase"  I  S.  XXXV  schreibt  sie  dem  Orei- 
basios  zu.  Vgl.  femer  H.  Sauppe  in  Rhein.  Mus.  f.  Philol.  1843  S.  446  (Aus- 
gabe mit  Emendationen);  A.  G.  M.  Ravnaud,  „De  Asclepiade  etc.",  Paris  1862- 
Guardia,  Gaz.  med.  de  Paris  1868  Nr."  1  u.  Nr.  37;  1869  Nr.  20  u.  Nr.  31. 

■*)  Vgl.  Daremberg,  „Notices  et  extraits"  S.  139—141. 


558  Iwan  Bloch. 

pathologischen  und  anatomischen  Benennungen  von  Interesse  ist.  Diese 
Rezeptsammlungen  waren  wohl  zum  Gebrauch  in  byzantinischen  Hospi- 
tälern bestimmt,  wie  auch  aus  der  Bezeichnung:  ^£qa7tEVTiY.al  y.ai 
iaxQÜai  owre^elaai  Ttaqa  öiacpoQtov  ävÖQcuv  laTQwv  yiaxa  ttjv  e/.Te&€laav 
äxolovS^iav  tov  ^svwvog  hervorgeht.  Joannes  liefert  in  seinem  Rezept- 
buch angeblich  einen  Kommentar  zu  den  therapeutischen  Schriften  des 
Galen  und  giebt  Rezepte  für  alle  Krankheiten  a  capite  ad  calcem. 
In  Wirklichkeit  ist  der  Name  des  Galen  nur  erborgt,  um  dem  Buche 
grösseres  Ansehen  zu  geben. 

6.  Gedicht  über  die  Heilkräfte  der  Pflanzen  in  der  Ausgabe  des 
Dioskurides,  Venedig  1518,  fol.  231—235  (ed.  II  Aldina;  über 
13  Pflanzen  in  190  Hexametern).  Neue  Ausgabe  von  M.  Haupt  im 
„Index  lectionum  Berolinens.  a.  1873/74,  4",  15  8.  (vgl.  Bursian  in: 
Jenaer  Litteraturzeitung  1874  S.  205). 

7.  Aristotelis  Epistola  ad  Alexandrum  Magnum  De  conservatione 
sanitatis  geht  auf  ein  byzantinisches  Original  zurück.  Alte  italienische 
Uebersetzung  bei  F.  P  u  c  c  i  n  o  1 1  i,  „Storia  della  medicina",  Florenz  1870, 
Bd.  II  Appendix  S.  L— LIIL^) 

Meletios.2) 

Ein  phrygischer  Mönch,  Meletios,  wird  als  Verfasser  der  Schrift 
„Ueber  den  Bau  des  Menschen"  genannt;**)  unter  demselben  Namen 
gehen  Schollen  zu  den  Aphorismen  des  Hippokrates  (bei  Dietz 
a.  a.  0.).  Der  letztere  Meletios  heisst  in  der  Hs.  2222  der  Bibl. 
Nat.  von  Paris  „Arzt  und  Philosoph",  was  sich  mit  dem  Mönchstum 
des  Ersten  vereinigen  Hesse.  Nach  Voigt  und  Winter  fällt  die 
Lebenszeit  des  Meletios  zwischen  600  und  800  n.  Chr. 

Ausgaben:  a)  Meletii  commenlarius  de  natura  hominis  e  codice 
Cracoviensi  ed.  Fr.  Ritschi,  Breslau  1837,  4*',  32  S.  (nur  den  Anfang 
enthaltend). 


')  Ueber  andere  diätetische  Schriften  dieser  Zeit  vergl.  Haeser  I,  486;  Darem- 
berg,  „Notices  et  extraits''  passim  und  die  kleinen  Abhandlungen  bei  Ideler. 

2)  V.  Töply  a.  a.  0.  S.  45—48;  Corlieu  a.  a.  O.  S.  151. 

^)  Für  diese  Schrift  war  nach  v.  Töply  (a.  a.  0.  S.  32—36)  des  Gregorios 
von  Nyssa  (geb.  332  in  Caesarea  in  Kappadokien,  seit  372  Bischof  von  Nyssa  und 
dort  395  gestorben)  Abhandlung  von  der  Erschaffung  des  Menschen  (deutsch  von 
Dr.  Franz  Oehler,  Leipzig  1859,  8°,  315  S.)  Vorbild.  Diese  Schrift  ist  wie  der 
„Timaios"  des  Pia  ton  „ein  von  reicher  Phantasie  getragener  Flug  durch  das  Ge- 
biet der  Physiologie"  in  30  Kapiteln.  Kapitel  30  enthält  eine  kurze  ärztliche  Be- 
trachtung des  Körperbaus.  Charakteristisch  für  die  oben  skizzierte  theologische  Auf- 
fassung der  Medizin  ist  der  Anfang  von  Kap.  30:  „Ueber  die  genaue  Einrichtung 
unseres  Körpers  belehrt  sich  ein  jeder  aus  dem,  was  er  sieht,  erlebt  und  empfindet, 
und  hat  dabei  seine  eigene  Natur  zur  Lehrerin  (!1.  Indes  können  wir  auch  die 
von  in  diesem  Fache  tüchtigen  Gelehrten  in  Büchern  ausgearbeitete  Darstellung 
dieser  Dinge  vornehmen  und  in  allem  genaue  Studien  machen.  Von  diesen  Ge- 
lehrten haben  einige  durch  Anatomie  sich  über  die  Lage  aller  einzelnen  Teile  in 
uns  unterrichtet,  andere  haben  erforscht  und  auseinandergesetzt,  wozu  alle  Teile  des 
Körpers  vorhanden  sind,  so  dass  sich  von  hier  eine  Quelle  ausreichender  Kenntnis 
der  menschlichen  Einrichtung  für  die  eröffnet,  welche  dafür  Teilnahme  besitzen. 
Sollte  jedoch  jemand  sich  lieber  die  Kirche  als  Lehrerin  über  alle  diese 
Dinge  wünschen,  um  für  nichts  einer  von  ausserhalb  kommenden 
Belehrung  zu  bedürfen  —  so  wollen  wir  in  kurzen  Worten  auch  darüber  eine 
Auseinandersetzung  geben."  Gregorios  unterscheidet  als  Haaptgruppen  der 
Körperteile  1.  lebenswichtige:  Gehirn,  Herz,  Leber;  2.  als  Zuthat,  um  gut  zu  leben: 
Sinnesorgane;  3.  zur  Sicherung  der  Nachkommenschaft;  4.  als  gemeinsame  Grund- 
lage zur  Erhaltung  der  anderen:  Magen,  Lunge. 


Byzantinische  Medizin  559 

b)  Anecdota  graeca  e  codd.  manuscriptis  bibliothecarum  Oxoniens, 
descripsit  J.  A.  Gramer,  Oxford  1836,  Bd.  UI,  8  »,  S.  1—157  (Mehriov 
TteQL  Tfjg  ToD  avd-Q(l)iTOv  y.aTaö/.6vf^g). 

Lateinische  Uebersetzung :  Meletii  philosophi  de  natura  struc- 
turaque  hominis  Opus.  N.  Petreio  CorcjTaeo  interprete;  Venedig 
1552,  4**,  291  S.  (sehr  selten;  vgl.  dazu  L.  E.  Bachmann,  „Quaestio 
de  Meletio  graece  inedito  ejusque  latino  interprete  Nie.  Petreio" 
Eostock  1833,  4«).^) 

Def  Inhalt  der  Schrift  des  Meletios  ist  (nach  der  Ausgabe  von 
Gramer): 

A.  (S.  1 — 51).    Vorrede  mit  Angabe  der  Kapitel,  Einleitung. 

B.  (S.  51  - 142).  1.  Kopf,  Kopfknochen,  Näthe.  2.  Augen.  3.  Nase, 
Geruch.  4.  Augenwinkel.  5.  Wangen.  6.  Kiefer.  7.  Ohren.  8.  Bart. 
9.  Antlitz.  10.  Mund.  11.  Stimme.  12.  Atmung.  13.  Brustkorb. 
14.  Hals,  Wirbel,  Rückenmark.  15.  Rippen.  16.  Rippenfell,  Zwerchfell. 
17.  Lungen,  Herz  u.  s.  w.,  zuletzt  Haut  und  Haai'e. 

C.  (S.  142—157).   Seele. 

Meletios  fasst  seinen  Gegenstand  von  einem  allgemeinen  Stand- 
punkt auf  und  verzichtet  auf  Selbständigkeit.  In  der  Vorrede  sagt 
er,  dass  weder  Hippokrates  noch  Galen,  noch  Sokrates,  noch 
Basileios,  Gregorios  von  Nyssa,  Ghrysostomos,  Kyrillos 
den  Gegenstand  vollständig  bearbeitet  hätten.  Er  habe  das  in  deren 
Werken  Zerstreute  gesammelt  und  ein  abgeschlossenes  Werk  geliefert. 
Das  dreissigste  Kapitel  des  Werkes  des  Gregorios  von  Nyssa  diente 
ihm  als  Vorlage  (Winter  a.  a.  0.  S.  19).  Auch  Nemesios  ist  be- 
nutzt (W  i  n  t  e  r  S.  23).  Die  Etymologie  stammt  aus  S  o  r  a  n  o  s.  Auch 
die  Tiergeschichte  des  Aristoteles  ist  benutzt,  aber  nicht  im  Urtext, 
ebensowenig  wie  Hippokrates.  Die  meisten  Autoren  werden  wohl 
nach  Nemesios  citiert  (v.  Töply  S.  48).  Die  ganze  von  krassester 
Teleologie  erfüllte  Schrift  bietet  geringe  anatomische  Ausbeute).^) 


Die  Schriftsteller  des  neunten  bis  zwölften  Jahrhunderts: 

Leo.  3) 

Ein  unter  dem  Kaiser  Theophilos  (829 — 842)  lebender  Jatro- 
sophist  Leo  ist  der  Verfasser  von  zwei  Schriften: 

1.  Ivvoipig  iaTQiTO]  in  7  Büchern,  für  einen  jungen  Arzt  Georgios 
verfasst,  herausgegeben  von  Ermerins,  Anecdota  medica  graeca, 
Leyden  1840,  S.  79—221. 

2.  yleovTog  oüvoipig  eig  Tr]v  (pvaiv  tov  ävd^qdjTtov  xi  Ion  ipvx^.     Ein 


^)  Vgl.  ferner  Paul  Voigt,  „Sorani  Ephesii  Über  de  etymologiis  corporis 
hnmani  quatenus  restitui  possit".  Dissert.,  Greifswald  1882,  8**,  52  S.  —  E.  Zarncke, 
„Symbolae  ad  Julii  Pollucis  tractatum  de  partibus  corporis  hnmani".  Leipzig  1884, 
8**,  45  S.  —  L.  Scheele,  „De  Sorano  Ephesio  medico  etymologo",  Strassburg  1884, 
8".  —  A.  Winter,  „Meletios  und  Orion".  S.-A.  aus  Festschr.  zur  250 j.  Jubelfeier 
des  Gymnasiums  zu  St.  Maria  Magdalena  zu  Breslau,  1893,  4**,  34  S. 

'^)  Ueber  einige  noch  unveröffentlichte  Codices,  deren  Inhalt  vielleicht  mit 
Meletios  zusammenhängt,  vergl.  Töply  S.  48  Anmerkung. 

^)  Costomiris  a.  a.  0.  IV  S.  99 ;  E.  Gurlt  a.  a.  0. 1,  S.  590— 591 ;  J.  Hirsch- 
berg a.  a.  0.  I,  365 — 366;  K.  Krumbacher  a.  a.  0.  S.  614. 


560  Iwan  Bloch. 

Auszug  aus  dem  Werke  des  Meletios.    Von  Daremberg  in  der 
Bibliothek  des  Escurial  entdeckt.  ^) 

Die  Synopsis,  ein  Handbuch  der  gesamten  Medizin,  zerfällt  in 
7  Bücher.  Buch  I  enthält  die  Fieberlehre;  Buch  II  die  innerlichen 
Krankheiten  des  Kopfes;  Buch  III  die  Augenleiden,  welche  nach 
Hirschberg  ziemlich  selbständig  bearbeitet  sind  (Empfehlung  von 
Bädern  und  Diät  bei  Phthisis  bulbi  mit  Verwerfung  der  von  Orei- 
basios  und  Paulos  empfohlenen  Kollyrien ;  anXotofila  bei  Trichiasis 
=  B  u  r  0  wsche  Operation;  Erwähnung  des  Blutergusses  der  Konjunktiva 
=  aif.iarig  [Purpurgewand],  der  Pupillenverengerung  =  av/^iTtrwoig,  der 
Anschoppung  oder  Verstopfung  des  Sehnerven  =  TtagefiTtrcootg  [„Diese 
Kranken  sehen  nicht,  obwohl  sie  am  Auge  selber  nichts  haben"]; 
Paracentese  bei  Star,  dessen  Diflferentialdiagnose  vom  Mückensehen); 
Buch  IV  die  Krankheiten  der  Nase,  Ohren,  des  Schlundes,  der 
Atmungs-  und  Cirkulationsorgane ;  Buch  V  die  Affektionen  des  Ver- 
dauungstraktus ;  Buch  VI  die  Harn-  und  Genitalleiden,  Hernien  u.  s.  w.; 
Buch  VII  Haut-  und  äusserliche  Leiden  (in  cap.  5  treffende  Schilderung 
des  Oedems ;  cap.  23  über  Sehnen-  und  Muskelzerreissung),  Geschwülste. 

Photios.'^) 

Eine  kurze  Erwähnung  verdient  Photios,  der  unter  Michael  III. 
lebende  Patriarch  von  Konstantinopel  (ca.  820—891  n.  Chr.),  in  dessen 
aus  279  Büchern  bestehender  „Bibliothek"  oder  „Myriobiblon"  (ed. 
J.  Bekker,  Berlin  1824,  4",  2  Bde.  und  bei  Migne,  „Patrologia 
Graeca",  Paris  1860,  Bd.  101 — 104)  Auszüge  und  Kritiken  des  Dios- 
kurides  (Cod.  178),  Oreibasios  (Cod.  216—219),  Aetios  (Cod.  221), 
Theophrastos  (Cod.  278)  enthalten  sind. 

Theophanes  Nonnos.^) 

Der  Kaiser  Konstantinos  Porphyrogennetos  (912 — 959), 
selbst  ein  grosser  Polyhistor,  liess  durch  Gelehrte  encyklopädische 
Excerptensammlungen  aus  allen  Wissenschaften  anfertigen  und  beauf- 
tragte den  Arzt  Theophanes  Nonnos  mit  der  Aufgabe,  einen  Aus- 
zug der  ganzen  Heilkunde  herzustellen.  Dieses  Werk  in  297  Kapiteln 
beruht  vorzüglich  auf  Oreibasios,  Aetios,  Alexandros  von 
Tralles,  Paulos  Aiginetes. 

Ausgaben:  a)  "EjtiTOfxri  rfjg  latQiycfjg  aTtdarjg  te%vrig,  Strassburg 
1568,  8**  (griech.  und  lateinisch). 

b)  Theophanis  Nonni  epitome  de  curatione  morborum  Graece  et 
Latine.  Ope  codicum  mss.  recensuit  notasque  adjecit  Jo.  Steph. 
Bernard,  Gotha  u.  Amsterdam  1794 — 1795,  2  Bde.,  8®  (gute  Aus- 
gabe). 

Die  Schrift  wird  auch  kurz  "laxQivMv  genannt  und  in  mehreren 
Hss.  fälschlich  dem  P seilos  zugeschrieben.'*)    Theophanes  macht 


^)  Vgl.  Ch.  Daremberg,  „Histoire  des  sciences  medicales",  Paris  1870,  Bd.  I 
S.  242. 

^)  E.  Meyer  a.  a.  0.  III,  338—341;  E.  Gurlt  im  „Biogr.  Lexikon  der  hervorr. 
Aerzte"  Bd.  VI  S.  963;  Hergenröther,  „Photius",  Kegensburg  1867—1873,  8*>, 
3  Bde. 

»)  Hecker  a.  a.  0.  II,  236-241;  Corlieu  a.  a.  0.  S.  151—152;  Costomiris 
a.  a.  0.  IV,  S.  100;  Hirsch berg  a.  a.  0.  I,  366-367. 

*)  Vgl.  Leo  Allatius,  „De  Psellis  eorumque  scriptis",  Eom  1634. 


Byzantinische  Medizin.  561 

in  dem  z.  Tl.  aus  der  Synopsis  des  Oreibasios  abgeschriebenen  Vor- 
wort den  Anspruch,  alles  Wichtige  gesammelt  zu  haben  {^tr]Ö6v  xctra 
dvvctf.iLv  Tü)v  ävayxaiiüv  vtzbqoqwv  Prooem.  S.  6  ed.  Bernard),  ver- 
schweigt aber  die  Namen  der  von  ihm  geplünderten  Schriftsteller,  ver- 
schmäht Krankheitsbeschreibungen,  während  er  dagegen  den  Arznei- 
schatz seiner  Zeit  wohl  vollständig  gesammelt  hat  und  selbst  in  der 
Chirurgie  medikamentöse  Behandlung  vorzieht.  Bemerkenswert  ist, 
dass  Theophanes  die  Existenz  und  Möglichkeit  von  Herzleiden 
leugnet  (cap.  134).  Den  auf  Entzündung  des  Mastdarms  beruhenden 
Stuhlzwang  nennt  er  ßiaaf.t6g  (cap.  169).  Anzuerkennen  ist,  dass 
Theophanes  sich  vom  Aberglauben  seiner  Zeit  möglichst  freihält 
und  die  dämonistische  Aetiologie  der  Epilepsie  bestreitet  (cap.  36). 
In  der  Augenheilkunde  kennt  er  die  traumatische  Reizung  (rdga^ig), 
die  einfache  Augenentzündung  (oqp^aA///a),  die  stärkere  Augenentzündung 
((pleyi.iovrj)  und  die  heftige  Augenentzündung  mit  Erhebung  der  Aug- 
apfelbindehaut {xr]fitoaig).  Er  erwähnt  unter  den  Kollyrien  auch  ein 
„elegantes"  {xQvcpsQov). 

Eine  Diätetik  des  Theophanes  und  ein  Werk  evTtÖQiata 
in  725  Kapiteln  sind  handschriftlich  in  der  Pariser  Nationalbibliothek 
erhalten. 

Michael  Psellos. ^) 

Michael  Psellos  (als  der  jüngere  von  dem  älteren  gleich- 
namigen Zeitgenossen  des  Photios  unterschieden)  wirkte  in  der 
zweiten  Hälfte  des  11.  Jahrhunderts  am  Hofe  von  Byzanz  (geboren 
1020)  und  war  zuletzt  Erzieher  des  jungen  Kaisers  Michael  Dukas 
(1071 — 1078),  ausgezeichnet  durch  eine  umfassende  Gelehrsamkeit  auf 
philosophischem,  naturwissenschaftlichem  und  medizinischem  Gebiete. 
Ob  die  unter  dem  Namen  des  jüngeren  Psellos  gehenden  Schriften 
alle  von  diesem  herrühren,  bedarf  noch  einer  genauen  kritischen 
Untersuchung.    Es  sind  folgende: 

1.  J LÖaG-Kalia  jtavxoöartri,  eine  allgemeine  Encyklo- 
pädie  in  157  (bezw.  197)  Kapiteln,  herausgegeben  von  Fabricius, 
Biblioth.  graeca  V  S.  70  ff.  (cap,  156  handelt  vom  Heisshunger). 

2.  UeqI  diaiTrjg,  de  victus  ratione,  lateinisch,  Venedig 
1498,  fol.,  Herford  1499,  4";.  -  Basel  1529  u.  1557,  8«.  -  Griechische 
Ausgabe  unter  dem  Titel  '^vwvvfdov  nsQt  xv(.iu)v,  ßQiofidrtov  xal  7tio(.id- 
rtov  bei  I de  1er  II,  257 — 281.  Die  Uebersetzung  hat  2  Bücher  in 
66  Kapiteln,  das  Original  ein  Buch  in  92  Kapiteln.  (Bespricht  die 
vegetabilischen  und  animalischen  Nahrungsmittel  und  ihre  Wirkungen ; 
empfiehlt  u.  a.  frischgemolkene  Milch  zum  Frühstück ;  Aloe  und  Wer- 
mut als  kräftige  Magenmittel.)  Wohl  z.  Tl.  identisch  mit  dieser 
Schrift  ist: 

3.  IvvTayßa  xov  (.laY-aquoTdrov  TeXXov  exXeyev  ärtb  la- 
XQIY.G)V  ß i ßXlwv  Tcal  b-kteS-sv  Tcaia  atoixeiov  tibqI  dvvdfXBcog 
TQOcpCüV  v.al  rfjg  b^  avrwv  ut(pBXBiag  xat  ßXdßtjg  bv  Y.Bcp.  qXg' 
ojv  b  Ttiva^  «z«'  o&'xwg  (Codd.  von  Paris;  nach  griechischen,  per- 
sischen, arabischen  und  indischen  Aerzten  gearbeitet,  wie  der  Autor 


1)  Leo  Allatius  a.  a.  0.  S.  14ff.;  Hecker  a.  a.  0.  U,  290—300;  E.  Meyer 
a.  a.  0.  ni,  350 — 356;  A.  Corlieu,  ,, Michael  Psellos  ou  le  begue"  in:  Paris  med. 
1884  S.  325—327:  Ders.,  „Les  medecins  grecs"  etc.  S.  153—155;  Costomiris 
a.  a.  0.  1897  Bd.  X  S.  68-69. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  36 


562  Iwan  Bloch. 

in  der  Vorrede  bemerkt.  Nach  Costomiris  ist  diese  Schrift  voll- 
kommen identisch  mit  der  des  Simeon  Seth  TtEQi  rgocpCöv  dvväf.iuov 
ed.  Langkavel,  Leipzig  1868].  Nur  hat  Seth  noch  einige  Kapitel 
linzugefügt  (S.  18  ed.  L.  Ttegl  aQttov;  S.  22  7t.  augag,  7t,  ä/tivkov; 
S.  30  7t.  ßaXaviojv,  7t.  ßovy'kibooov,  7t.  ßQojiLiov]  S.  33  7t.  ya^sl^iov  [Ä?;/w)/]. 
Es  fehlt  das  Kapitel  des  Psellos  7t.  öog^dötov).  —  Vgl.  unten  Simeon 
Seth. 

4.  TOV      V7t€QTlf.lOV       7tQ  OeÖQOV      TCal       VTtCCTOV      T  ä)  V      CflXo- 

aöcpojv  xvQOv  ML%ariX  tov  TeXXov,  7t€Ql  tov  7t wg  al  avXXij- 
ipeig  yivovtai.  Ueber  die  Konzeptionen.  (In  6  Kapiteln,  von 
denen  I  und  V  bei  Fabricius  V,  S.  128  in  der  JiöaaKaXia  7tavtoda7tri 
veröffentlicht  sind.  Die  übrigen  vier  sind  von  Ruelle  im  „Annuaire 
de  l'Association  pour  l'ens.  des  Etudes  grecques  en  France",  1879 
S.  267—269  publiziert). 

5.  Tov   aocpcüTUTOv    WeXXov   -/.al  v7teQTi^ov    Ttegl   XlS-cov 

övvdfxsiov.  Ueber  die  Kräfte  der  Edelsteine  (ed.  Maussac, 
Toulouse  1615,  gr.-L;  ed.  Bernard,  Leyden  1795,  gr.-l.;  Ideler  I, 
244—247;  handelt  in  26  kurzen  Kapiteln  von  den  Heilkräften  der 
Edelsteine.  Der  Amethj^st  heilt  Trunksucht  und  Kopfschmerz,  der 
Beryll  Krämpfe,  Augenentzündungen  und  Gelbsucht,  der  Jaspis  die 
Epilepsie,  der  Diamant  Fieber  u.  s.  w.;  vielfach  sind  Ideen  des 
Anaxogaras,  Empedokles,  Demokrit,  Alexandros  von 
Aphrodiasis  benutzt).  [Ueber  „Edelsteinmedizin"  vgl.  H.  Fühner 
„Beiträge  zur  Geschichte  der  Edelsteinmedizin  in :  Berichte  der  Deutsch. 
Pharmaceut.  Gesellsch.  1901,  X  S.  435—441]. 

6.  növrjfxa   laTQfKov  ccqiotov  öi'  id(.ißo)v,  Bruchstücke 

einesKompendiums  der  gesamten  Medizin  in  1373  Versen 
(ed.  J.  Fr.  Boissonnade  in  Anecd.  graeca,  Paris  1829,  Bd.  IS.  175  ff. ; 
bei  Ideler  I,  203  ff. ;  enthält  hygienische  und  diätetische  Vorschriften 
und  eine  Prognostik). 

7.  Tleql  XovzQov,   Ueber   das   Bad  (bei  Ideler  II,  193  in 

21  Versen,  wahrscheinlich  ein  Bruchstück  von  Nr.  6). 

8.  UsqI    yiaivä)v    övo[.idTix)v    rCov    ev    voGrjiiao tv,     medi- 
zinisches Lexikon   (ed.  F.  Boissonnade,    „Anecd.  graeca"   I, 

233 ff.;  Verzeichnis  der  in  der  Medizin  gebräuchlichen  Benennungen.) 

9.  Tleql  yecüQyL-nöjv,   Ueber   den  Landbau  (ibidem  S.  242 
bis-  247). 

10.  neQi  evsqyeiag  öaifxövojv,  Ueber   die  Wirkung  der 

Dämonen  (ed.  Boissonnade,  Nürnberg  1838,  8*^). 

11.  'E7tLXvaeig    ovvTOf.ioi   cpvOiyiCüV    ^rjrrjfidrojv   (ed.   See- 

bode,  Gotha,  1840,  4«). 

12.  Tov   aocpwrdrov   '/.al   VTteqrii^ov  MLxarjX  %ov    WeXXov 
avvTO/.iog  y.al  aacpeOTdxri  e^riyrjo tg  eig  trjv  cpvatzrjv  dxQÖaatv 

tov  "JqioxoreXovg  (versio  latina,  Venedig  1544  [Aldinaj ;  griechische 
Hss.  in  München  und  Paris). 

13.  Fragen  und  Antworten  über  medizinische  Gegen- 
stände (Ms.  2155  der  Pariser  Bibliothek). 

14.  Sammlung   medizinischer  Grundsätze   in   205  Ka- 
piteln (Ms.  2230  Paris  p.  71). 

15.  Synopsis  der  gesamten  Heilkunst  (Ms.  2236  von  Paris 

p.  61;  wohl  identisch  mit  14;  beide  dem  Kaiser  Konstantinos 
Porphyrogennetos  gewidmet,  also  nicht  vom  jüngeren  Psellos 
herrührend). 


Byzantinische  Medizin.  563 


Simeon  Seth. ^} 

Simeon  Setli  war  ein  Zeitgenosse  des  Michael  Psellos, 
dessen  Schriften  er  vorzüglich  als  Quellen  benutzt  hat.  Er  führt  in 
einigen  Hss.  den  Titel  nQtoToßeotidqiog  =  Obergarderobenmeister  und 
fiayioTTjQ  'Jvzioxslag  =  Oberaufseher  des  von  Antiochos  erbauten 
Palastes.  Schon  Leo  A  Hat  ins  (a.  a.  0.  S.  33)  erklärt  Simeon 
Seth  für  einen  Nach-  und  Abschreiber  des  Psellos,  welche  Ansicht 
jetzt  nach  den  Forschungen  von  Costomiris  als  berechtigt  angesehen 
werden  muss,  da  seine  Hauptschrift  vollkommen  mit  einer  im  Ms.  er- 
haltenen des  Psellos  über  dasselbe  Thema  übereinstimmt.  Diese 
Schrift  des  Simeon  Seth  führt  den  Titel: 

1.  Ivvtay (.la  -Kctta  OTOi^elov  Tteql  %Qoq)(öv  dvvdfieioVy 
Alphabetische  Sammlung  über  die  Heilkräfte  der  Nah- 
rungsmittel, dem  Kaiser  Michael  Dukas  (1071 — 1078)  ge- 
widmet (Basel  1538,  8*^,  Gr.  et  Lat;  ed.  M.  Bogdan,  Paris  1658, 
8«,  ed.  Langkavel,  Leipzig  1868,  8"). 

In  der  Vorrede  bezeichnet  der  Verfasser  „viele  gelehrte  Aerzte 
in  Griechenland,  Persien,  Arabien  und  Indien"  als  seine  Quellen,  unter 
ihnen  Hippokrates,  Theophrastos,  Galen,  Dioskurides, 
Aetios,  Oreibasios,  Paulos,  Proklos,  Rufus,  Philotimos. 
Es  ist  die  erste  Schrift  über  Arzneimittellehre,  welche  die  arabische 
und  indische  Materia  medica  systematisch  heranzieht  und  ausgiebig  be- 
nutzt, daher  höchst  wichtig  für  das  Studium  der  Beziehungen  zwischen 
morgen-  und  abendländischer  Medizin.  Die  vegetabilischen  und 
tierischen  Nahrungs-  und  Heilmittel  sowie  die  Gewürze  und  Aromata 
werden  nach  dem  Alphabet  erläutert,  ebenso  Brechmittel  nach  den 
Mahlzeiten.  U.  a.  wird  hier  zuerst  des  Kamphers  {Kacpovgä)  nach 
arabischen  Nachrichten  gedacht,  und  seine  depotenzierenden  Wirkungen 
werden  erwähnt,  ferner  Moschus, '■*)  Ambra,  die  berauschende 
Wirkung  des  Haschisch  {KavvaßovQÖOTteqixa),  Gewürznelke,  Muskat- 
nuss  {KccQvov  dcQU}f.iatix6v).  Reichlicher  Genuss  von  Taubenfleisch  be- 
wirkt Aussatz.  Der  Geruch  des  Harns  nach  Spargelgenuss  wird  her- 
vorgehoben. Die  arabischen  Heilmittel  wie  Julep  (tovXdTtiov),  Syrupe 
(z.  B.  Veilchensyrup  ioodxaqov  gegen  Brustleiden)  werden  hier  zuerst 
erwähnt. 

2.  ^iXoaocpiTcä  xal  iarQixd  bei  Ideler  II,  283 — 285  (über 
Geruch,  Geschmack  und  Gefühl). 

3.  Iv(.iscov  Tov  Ir]d-  Xs^  iTibv  xaTcc  &lq)dßrjTOV,  egfxrjvsüov 
ä-AQißwg  zag  (iordvag,  ein  botanisches  Lexikon  (Ms.  in  Wien). 

4.  Ivvoxpig  Tteql  ovqwv,  Abhandlung  über  den  Urin 
(Ms.  in  Wien). 

5.  nlva^  rtsQi  7t  a  LT  hg  t(üov,  „Geschichte  der  Tiere". 

6.  IvfXEwv  fxaylatQov  tov  Irjd-  avvoipig  twv  (pvaLx.iöv, 
Abhandlung  über  Physik  (Ms.  2372  Suppl.  grec  496,  Paris). 

7.  Abhandlung  über  Diätetik  (Daremberg,  „Notices  et 
extraits"). 


^)  Hecker  a.  a.  0.  H,  S.  300—305;  Mever  a.  a.  0.  III,  356—365;  Corlieu 
a.  a.  0.  S   155—158;  Costomiris  a.  a.  0.  1897  Bd.  X  S.  70—71. 

^)  Vgl.  C.  F.  Heusinger,  „Meletemata  quaedam  de  antiquitatibus  Castorei 
et  Moschi",  Marburg  1852,  4°. 

S6* 


564  Iwan  Bloch. 

8.  Schrift  gegen   die  philosophischen  Theorien  des 
Galen  (Daremberg  ibidem;  Puccinotti  a.  a.  0.  II,  200). 


Damnastes. 

In  der  Laurentiana  zu  Florenz  (Pluteus  74  cod.  2  fol.  281  verso 
Ms.  saec.  XI) ')  befindet  sich  eine  sehr  interessante,  nach  Stil  und  In- 
halt aus  dem  11.  Jahrhundert  oder  aus  etwas  früherer  Zeit  stammende 
Schrift  eines  Arztes  Damnastes  (Ja/nvaorqg)  über  die  Behandlung 
der  schwangeren  Frauen  und  der  Embryonen  unter  dem 
Titel :  Jaf-ivaarov  €v.  rov  Ttegl  y.vovo(x)V  xat  ßqscpwv  S^sQUTtelag  in  4  Kapiteln : 

I.  7t.  Tü)v  yovlficüv  y.al  rekeiovi^evcüv.  2.  t6  öxrajirjvialov.  3.  to  svvea- 
ftrjvialov.     4.  rö  öexafir^vialov. 

N  i  k  e  t  a  s.  2) 

Erwähnung  verdient  an  dieser  Stelle  die  von  Niketas  (Ende  des 

II.  Jahrhunderts)  veranstaltete  Sammlung  chirurgischer  Abhandlungen 
aus  HippokrateSjApollonios  von  Kitium,  Soranos,  Rufus, 
Galen,  Oreibasios,  P a u  1  o s  und  P a  1 1  a d i o s  (schöner  Florentiner 
Codex  mit  Abbildungen;  davon  ein  Teil  gedruckt  in  der  griechisch- 
latein.  Ausgabe  von  A.  Cocchi,  Florenz  1754,  fol.,  enthält  des 
Soranos  und  des  Oreibasios  Abhandlungen  über  Frakturen  der 
Knochen). 

Synesios.^) 

Ein  Zeuge  für  die  innige  Verbindung  zwischen  arabischer  und 
byzantinischer  Medizin  ist  der  Arzt  Synesios,  der  einen  Teil  des 
„Reisehandbuch"  („Zad  al  Mosafer")  des  arabischen  Arztes 
Dschafer  Ahmed  ben  Ibrahim  el  Dschezzar  (zwischen  961 
und  1009  n.  Chr.)  ins  Griechische  übersetzte.  Die  griechische  Ueber- 
setzung  führt  den  Titel:  'Ecpööia  rov  änodrjinovvTog.  Eine  voll- 
ständige griechische  Uebersetzung  wird  in  Hss.  dem  Konstantinos 
"PTqylvog  oder  Me^cplTr]g  zugeschrieben,  eine  lateinische  dem 
Constantinus  Africanus.  Auch  eine  hebräische  Uebersetzung 
(Dzedat  el  derachim)  existiert.*) 

Die  Uebersetzung  des  Synesios  enthält  nur  zwei  Bücher,  von 
denen  das  erste,  über  die  Fieber,  herausgegeben  ist  (ed.  St. 
Bernard,  Amsterdam  und  Leyden  1749,  8")  und  durch  die  darin 
vorkommende  Schilderung  der  Pocken  und  Masern  bemerkens- 
wert ist. 


^)  Vgl.  Bandini,  „Catalogus  Bibliothecae  Laurentianae",  Florenz  1770,  Bd. 
III  S.  47. 

^)  Vgl.  H.  Schöne  in  seiner  Ausgabe  des  ApoUonios  von  Kitium.  Leip- 
zig 1896. 

•'')  Vgl.  Ch.  Daremberg,  „Notices  et  extraits  etc.",  Paris  1853,  S.  69—93; 
Puccinotti  a.  a.  0.  Bd.  II  Tl.  1  S.  333;  Corlieu  a.  a.  0.  S.  158—161;  Costo- 
miris  a.  a.  0.  1891  Bd.  IV  S.  101—110. 

*)  Vgl.  Kopp,  ., Beiträge  zur  Geschichte  der  Chemie",  Braunschweig  1869, 
Bd.  I  S.  148. 


Byzantinische  Medizin.  565 


Stephanos  Magnetes.^) 

Unter  den  Namen  des  Dioskurides  und  Stephanos  von 
Athen  geht  ein  alphabetisches  Arzneibuch  des  11.  Jahrhunderts,  das 
wahrscheinlich  von  Stephanos  Magnetes  herrührt: 

1.  Bißkog  J loV'KOVQiöov  xal  Zts  qxxvov  ^d-rjvaiov  tov 
(pikoaöcpov  7tEQL^%ovaa  cpagiuccxtuv  kf-iTreigiag  /.ata  äXqxx- 
ßr^tov  aocpcjg  hre^elaa  (Ms.  der  Wiener  Bibliothek). 

2.  Alphabetum  empiricum  etc.  ed.  Caspar  Wolph,  Zürich  1581, 
8 ".  Die  Krankheiten  und  die  Heilmittel  derselben  werden  alphabetisch 
aufgezählt,  unter  letzteren  „ßha  barbarum",  „Kha  Indicum" ;  „Rheum 
Indicum",  der  Rhabarber. 


Schriftsteller  des  13.  und  14.  Jahrhunderts: 

'  Demetrios  Pepagomenos.^) 

Eine  vortreffliche  Monographie  über  die  Gicht  verdanken  wir 
dem  Demetrios  Pepagomenos,  Leibarzte  des  Kaisers  Michael 
Palaiologos: 

1.  IvvTayf.ia  Ttegl  rfig  tt o tf ci y (> a g ,  Abhandlung  über  die  Gicht 
(ed.  A.  Turnebus,  Paris  1558,  12*^,  gr.  1.;  ed.  Chartier  in  Opera 
Hippocratis  et  Galeni  vol.  X;  ed.  J.  St.  Bernard,  Leyden  1743,  8"). 

Im  Anschlüsse  an  Alexandros  von  Tralles  und  Paulos  er- 
örtert Demetrios  die  Theorie  und  Therapie  der  Gicht,  die  auch 
Herz,  Leber  und  Gehirn  ergreifen  kann,  durch  die  Lebensweise  (krank- 
hafte Erzeugung  von  7tsQi%T(l)f.iaTa  und  deren  Bewegung  =  Qev(.ia- 
riafxog  nach  dem  leidenden  Teile)  erzeugt  wird  und  hereditär  ist.  Ab- 
führungen, Brechmittel,  diätetische  Massregeln,  Gebrauch  der  Senna 
(aife),  sparsame  Anwendung  des  Aderlasses  bei  vollblütigen  Gichtikern, 
Verbot  des  Alkohols  sind  die  Hauptmittel  des  Demetrios. 

2.  rieQi  Tfjg  tCjv  leQa'Köjv  ävar  QO(pfj  g  re  xal  d-egoTtelag 
über  die  Ernährung  und  die  Krankheiten  der  Jagdfalken 
(ed.  Rigaltius  in:  Hierakosophion,  Paris  1612,  4"). 

Ebenfalls  über  die  Gicht  schrieb 

Joannes  Chumnos,^) 

Er  war  ein  Sohn  des  Nikephoros  Ch.  (2.  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts) und  bekleidete  das  Hofamt  eines  Ttagaycoif-twi^tevog  rfjg  f.isyälr]g 
Gcpevdövrjg.  Seine  Schrift  betrifft  die  prophylaktische  Diät  bei 
Gicht: 

JlatTa  TtQOfpvXay.Tixr]  eig  7to6dy Qav {eö..FT.  Boissonnade 
in:  Anecdota  Nova  Paris  1844,  S.  203—222). 


^)  E.  Meyer  a.  a.  0.  ni,  365—379. 

2)  Hecker  a.  a.  0.  III  S.  318-325;  Corlieu  a.  a.  0.  165—167;  E.  Legrand 
in:  Bibliographie  hellenique  1885  Bd.  I  S.  CXIXff.  und  Bd.  II  S.  397 ff. 
=>)  K.  Krumbacher  a.  a.  0.  S.  482. 


566  Iwan  Bloch, 


Nikolaos  Myrepsos.^) 

Nikolaos,  mit  dem  Beinamen  (.ivQEipög,  unguentarius,  war  aus 
Alexandria  gebürtig  und  lebte  später  als  &viTovaQwg  am  Hofe  des 
JoannesDukasVatatzes  (1222—1255)  zu  Nicaea  und  verfasste  eine 
grosse  Eezeptsammlung,  das  Jvvaf.isQÖv  in  4^  Kapiteln  (Titel  der- 
selben bei  Corlieu  68 — 69)  und  mit  2656  Arzneivorschriften,  das  im 
Original  bisher  noch  nicht  gedruckt  ist  und  eine  „wüste  Masse  von 
Rezepten  zur  Anfertigung  zusammengesetzter  Medikamente"  darstellt 
(Verzeichnis  der  citierten  Namen  beiFabricius,  Bibl.  gr. XIII, 9 ff.). 

Die  Schrift  ist  zwischen  1270  und  1290  n.  Chr.  verfasst.  Sie  steht 
in  engen  Beziehungen  zu  den  lateinischen  „Antidotaria"  des  Mittel- 
alters, von  denen  das  erste  ein  zur  Zeit  des  Aetios  lebender  Niko- 
laos, später  ein  solches  der  Salernitaner  Nicolaus  Praepositus 
verfasste,  das  dem  200  Jahre  später  lebenden  Nikolaos  Myrepsos 
sicher  bekannt  war.  Im  14.  Jahrhundert  hat  Nicolaus  von  Eeggio 
(Nicolaus  Rheginus)  das  Werk  des  N.  Myrepsos  ins  Lateinische 
übersetzt,  welche  Uebersetzung  mit  dem  Antidotarium  des  N.  Prae- 
positus von  J.  Agricola  Ammonius  zu  einer  Ausgabe  ver- 
schmolzen wurde  (Ingolstadt  1541,  4").  Spätere  latein.  Ausgabe:  ed. 
L.  Fuchs,  Basel  1549,  fol.^) 

Joannes  Aktuarios.^) 

Den  wahrhaft  glänzenden  Abschluss  der  byzantinischen  Medizin 
verkörpert  Joannes,  der  Sohn  des  Zacharias,  ein  Schüler  des 
Philosophen  Rakendytes,  mit  dem  Titel  äxTovccQwg,  unter  Kaiser 
Andronikos  III.  (1328-1342),  ein  gelehrter  Arzt  und  zugleich  ein 
sehr  geschickter  und  selbständiger  Praktiker,  der  in  letzterer  Beziehung 
ausgezeichnete  Grundsätze  entwickelt  (siehe  die  Stelle  in  tveqI  ovqwv 
bei  I de  1er  II,  190).    Seine  Schriften  sind  folgende: 

1.  6>€(>a7rei;zrtx r||U«^o(5og,  Methodusmedendi  in  6  Büchern, 
dem  Apokauchos  gewidmet  (Inhaltsangabe  Ms.  gr.  de  Paris  2305 
f ol.  399 :  ejiel  de  TteqL  re  öiayvwaewg  xai  alz  lag  voarjfidiwv  siQt]- 
rai  ev  rolg  jVQoreQoig  oval  Xoyoig  [Lib.  I  u.  II],  h>  öe  tolg  fiet'  ex«/- 
voig  övalv  ercQoig  [Lib.  III  u.  IV]  Saa  fjycev  eig  ^EQa7tevtL-Kr]v 
fi^-9-oöov  tG)v  y.a%a  (xiqog  Tta&Cjv  h  voreqoig  de  zovTOtg 
Tolg  oval  ßißXioig  [Lib.  V  u.  VI]  etQrjxai  oaa  öoxel  IvaireXeiv  qxxq- 
fiayia  e^tl  re  töjv  evTog  Ttad^rifidrojv  naga  Xafißavofievrj  y.al  eTtl 
tG)v  Ixt 6g. 

Ausgaben:  Griechischer  Text  der  ersten  beiden  Bücher  Ttegl 
öiayvcbaeiog  Ttad-wv  bei  Ideler  II,  353 — 464;  latein.  Ueber- 
setzung der  beiden  letzten  pharmakologischen  Bücher,  De  medicamen- 
torum  compositione  ed.  Ru  eil  ins,   Paris  1539,  8*^;    Basel  1540,  8*^; 


^)  Hecker  a.  a.  0.  II,  329—334;  Meyer  a.  a.  0.  III,  381-386;  Corlieu 
a.  a.  0.  S.  167—171;  Costomiris  a.  a.  0.  1897,  X.  406—414. 

^)  Das  JvvafiBQÖv  des  Nikolaos  Myrepsos  bUdete  lange  Zeit  besonders  für 
Frankreich  den  „Codex  medicamentarius",  die  offizielle  Pharmakopoe.  Vgl. 
darüber  Corlieu  a.  a.  0.  S.  170  und  J.  A.  Hazon,  „Eloge  historique  de  la  Faculte 
de  medecine  de  Paris",  Paris  1773,  S.  56. 

ä)  Hecker  a.  a.  0.  II,  335—358;  Meyer  a.  a.  0.  HI,  386—390;  Corlieu 
a.  a.  0.  S.  161—163;  Costomiris  a.  a.  0.  X,  414—445. 


Byzantinische  Medizin.  567 

aller  6  Bücher:    Methodi  medendi  libri  VI  ed.  Mathisius,  Venedig 
1554,  4«. 

Die  Therapie  des  Joannes  ist  eine  milde  mit  Benutzung  indiffe- 
renter Mittel,  kühlender  Diät,  belebender  Pflanzenmittel.  Stets  betont 
er  die  Individualisierung  (Lib.  V  cap.  11).  Er  kennt  die  innere 
Wirkung  äusserlich  angewandter  Arzneien  (V  cap.  10),  schildert  treff- 
lich die  Bleivergiftung  (V,  12)  und  erwähnt  zuerst  den  Peitschen- 
wurm, Trichocephalus  dispar  (Lib.  I  cap.  21). 

2.  Sehr  wertvoll  ist  des  J  o  a  n  n  e  s  Monographie  überdenHarn, 
TtsQi  ovQwv  in  7  Büchern  (bei  Ideler  II,  1 — 193;  latein.  Venedig 
1519,  4 ",  Paris  1548,  8  ^).  Der  Harn  ist  die  Colatur  des  Blutes  {TteQiijdrjfxa 
aLiAarog),  weshalb  auch  der  Puls  bei  der  Uroskopie  beachtet  werden 
muss  (Lib.  II  cap.  26).  Das  Hamgefäss  soll  aus  weissem  Glase  sein, 
in  Gestalt  eines  Trinkglases.  Ueber  Bodensatz,  Farbe,  Wolkenbildung 
des  Urins  macht  er  sehr  interessante  Mitteilungen. 

3.  Nicht  minder  bemerkenswert  ist  eine  psychologische  Schrift 
UsqI  iiVegyeiCbv  y.ctl  Ttad^Cov  xov  ipvxt^ov  7ivev(.ia%og  xat  T^g 
v.a%^  avTo  dialTr]g,  lieber  die  normalen  und  abnormen 
Thätigkeiten  des  Seelengeistes  und  die  auf  dieselben 
bezügliche  Diät,  in  2  Büchern  (ed.  J.  F.  Fischer,  Leipzig  1774, 
8»  gr.  —  Ideler  I,  312—387  —  Latein,  ed.  Jul.  A.  de  Neustain, 
Venedig  1547,  8"). 

Das  Pneuma  bildet  die  materielle  Grundlage  der  Seele  und  ist 
Ursache  der  verschiedenen  Seelenthätigkeiten.  Da  das  Pneuma  er- 
kranken kann,  so  wird  durch  körperliche  Krankheiten  auch  die  Seele 
beeinflusst  (Lib.  I  cap.  5).  Als  Geistesthätigkeiten  werden  sinnliche 
Wahrnehmung  (aiadi^aig),  Einbildungskraft  ((pccvraaia),  Urteilsvermögen 
{ftegog  do^aatixöv),  Verstand  (didvoia)  und  Vernunft  (vovs)  unterschieden. 
(Lib.  I  cap.  10).  Die  Vernunft  ist  am  meisten  unabhängig  vom 
materiellen  Pneuma  psychikon  (I  cap.  4).  Vortrefflich  werden  die 
Beziehungen  zwischen  (Gedächtnis  und  Einbildungskraft  erörtert  (I,  9), 
bemerkenswert  ist  die  Lokalisat ion  der  einzelnen  Geistesthätig- 
keiten in  einzelnen  Ilirnpartien  (I,  9;  I,  19).  Die  fehlende  Ver- 
vollkommungsfähigkeit  der  Tiere  ist  ihr  Hauptunterschied  vom 
Menschen  (I  cap.  1 — 2).  Die  Lebensordnung  in  ihren  Beziehungen 
zur  Geistesthätigkeit  wird  in  Buch  II  besprochen  (Nahrung,  Getränke, 
Schlaf,  Gymnastik,  Bäder  u.  s.  w.). 

^.  tibqI  cpXۧoTOf.iiag,  Ueber  den  Aderlass  (Ms.  in  Dresden). 

5.  Ueber  Dysurie  und  Lebensordnung  (Fabricius,  Bibl. 
gr.  XII  p.  638). 

6.  Ueber  Gewichte  (ibidem  p.  639). 

7.  Kommentar  zu  den  Büchern  des  Aristoteles  „Von 
der  Natur"  und  ,.Von  allen  Erdtieren,  vom  Meere  und 
den  Vögeln"  (Costomiris  a.  a.  0.  S.  415—416). 


Nachträge. 

Zu  Oreibasios  (oben  S.  521  Schluss).  Costomiris  (a.  a.  0. 
1890  (Bd.  III  S.  148  ff.)  entdeckte  einen  Auszug  aus  einer  verlorenen 
Schrift  des  0.  über  die  Augenkrankheiten,  'Ocp^aljuixa  de 
remediis  oculorum  (suppl.  grec  de  Paris  446  fol.  35  v.  bis  38  v.  saec  X) 
in  39  Kapiteln. 


568  Iwan  Bloch. 

Ins  10.  Jahrhundert  gehört  der  Mönch  M erkurios,  Verfasser 
einer  kleinen  Pulslehre  mit  einer  äusserst  subtilen  Diagnostik.  Aus- 
gaben: Msq'kovqIov  Mov  dxov  ävayKaiOTcxzr]  öiöa(Ty.ttXla  7t sqI 
acpvyi^cbv.  Mercurii  Monachi  Pernecessaria  de  pulsibus  doctrina  ed. 
Salvator  Cyrillus,  Neapel  1812,  8»,  63  S.;  und  bei  Ideler  I,  254ff. 

Ein  Doppelrezept  eines  x4.rztes  Magistrianos  gegen  den  Aus- 
satz steht  im  Cod.  Vindob.  gr.  45  fol.  74  v. 

Die  Vorliebe  für  die  Uro  skopie  ist  ein  cliarakterischer  Zug  der 
byzantinischen  Medizin.  Ausser  den  erwähnten  Schriften  des  Joannes 
Aktuarios,  Simeon  Seth  und  Theophilos  existieren  noch  in 
Hss.  eine  Schrift  des  Joannes  Tzetzes  Ttegl  ovqwv  (Ms.  Oxford, 
Paris)  und  eines  Isaak  Taxeotes,  eines  syrischen  Arztes,  "laaax. 
SvQOv  %ov  Ta^Eibrov  Tteql  ovqojv  (Cod.  Escur.  I,  II,  14  s.  XVI),  auf 
welche  Schrift  sich  wohl  der  Salernitaner  Maurus  im  Anfang  seiner 
„Regulae  urinarum"  bezieht,  wo  das  Werk  eines  Isaak  über  den  Urin 
erwähnt  wird. 


üebersicht  über  die  ärztlichen  Standesverhältnisse  in  der 
west-  und  oströmischen  Kaiserzeit. 


Von 

Iwan  Bloch  (Berlin). 


Litteratur 

(in  chronologischer  Reihenfolge). 

SpoHf  „Recherches  curieuses  de  l'antiquite",  Lyon  1683,  4°,  S.  326 — 340.  — 
E.  Cr.  Baldingerf  „Introductio  in  notitiarn  scriptorum  medicinae  militaris"  ed.  II, 
Berlin  1764,  S".  —  &.  Chr.  Henrici,  „Quaestio  gnibus  modis  militibus  in  piigna 
vulneratis  succurrerint  Romani  (I—IX)",  Wittenberg  1807 — 1809,  8  °.  —  C.  G. 
Kühn,  „Progrr.  octo  de  medicinae  militaris  apud  veteres  Graecos  Homanosque  con- 
ditione",  Leipzig  1824— 1827,  4°.  —  E.  Th.  Gatipp,  „De professoribus  et  medicis 
eorumque  2»"ivilegii8  in  jure  Romano  dissertatio^",  Breslau  1827,  8  ",  90  S.  —  C. «/". 
Goldhorn,  ,,De  archiatris  romanis  inde  ab  eorum  origine  usque  ad  finem  imperii 
romani  occidentalis^'.  Dissertatio  inaug.  historico-tnedica,  Leipzig  1841,  8.  — 
Th.  MontiHsen,  „De  collegiis  et  sodaliciis  Romanorum'\  Kiel  1843,  8  ".  —  JRosen- 
baum-Sprengelf  „Versuch  einer  pragmatischen  Geschichte  der  Ärzneikunde", 
Leipzig  1846,  I,  208  ff.;  220 ff.  —  O.  tfnhn  in  „Berichte  der  Gesellschaft  der 
WissenscJmften  zu  Leipzig.  Histor.-phil.  Klasse  1856,  S.  293  ff.  —  Kuhn,  „Die 
städtische  und  bürgerliche  Verfassung  des  römischen  Reiches^',  Leipzig  1864,  8**, 
Bd.  IS  84 ff.  —  V.  Revillout,  „De  la  profession  medicale  sous  Vempire  romain^^ 
in :  Gazette  des  hopitaux  1866  Nr.  72.  —  Zander,  „Andeututigen  über  das  römische 
Kriegstoesen  (namentlich  das  Medicinal- Wesen  im  Heere)",  Ratzeburg  1866,  4°.  — 
S.  BHati,  „Du  Service  de  sante  militaire  chez  les  Romains",  Paris  1866,  8  ",  96  S. 

—  C  L.  Cfrotefend,  „Die  Stempel  der  römischen,  Augenärzte,  gesammelt  und  er- 
klärt",  Hannover  1867,  8  °,  134  S.  —  Gaupp,  ,.Das  Sanitätsicesen  in  den  Heeren 
der  Alten",  Blaubeuren  1868,  4  ",  28  S.  —  B.  Brian,  „L'assistance  medicale  chez 
les  Romaitis",  Paris  1870,  4  °,  96  S.  —  tT.  Klein,  „Stempel  römischer  Augen- 
ärzte", Bonn  1874,  lex.  8",  52  S.  —  Un  document.  sur  Vhistoire  des  medecins 
dans  Vantiquite  grecque  in :  Gazette  hebdomadaire  de  medecine  1877  Nr.  25  S.  403  ff. 

—  Jules  tfacquey.  Droit  Romain.  „De  la  condition  juridique  des  medecins 
prives  et  des  medecins  officiels  ou  archiatres",    These  de  Paris  1878,  gr.  8  °,  220  S. 

—  B.  Brian,  „L'archiatrie  romaine  ou  Ui  medecine  officielle  dans  Vempire  Romain, 
suite  de  Vhistoire  de  la  profession  medicale",  Paris  1878,  gr.  8  **,  130  S.  —  31. 
Salmnon,  „Die  römischen  Archiatri"  in:  Deutsches  Archiv  für  Geschichte  der 
Medicin  von  H  u.  G.  Rohlfs,  Leipzig  1879,  Bd.  II  S.  216—235  (nach  Briau).  — 
H.  Frölich,  „Ueber  die  Kriegschirurgie  der  alten  Römer"  in:  Archiv  für  klin. 
Chirurgie  1880  Bd.  XXV  S.  284 — 321.  —  Dubois,  „  Un  mededn  de  Vempereur 
Claude",  Bulletin  de  correspondance  hellenique  1881  Nr.  7  u.  8.  —  B.  Brian,  „Un 
medecin  de  Vempereur  Claude.-',  Revue  archeologique,  Paris  1882,  Avril.  —  J.  M. 
Cyrnos,   „Un  medecin  de  Vempereur  Claud&'-   in:  Journal  d'hygiene,  Paris  1882, 


570  Iwan  Bloch. 

Bd.  VII  S.  565 — 569.  —  H.  Mayr,  „Die  Feldärzte  im  römischen  Heere"  in :  Der 
Militärarzt,  Wien  1882,  Nr.  6.  —  Th.  Löwenfeld,  „Inästimahilität  und  Honorirung 
der  Artes  liberales  nach  römischem  Rechf"'  in:  Festgabe  der  Münchener  Juristen- 
fakultät, München  1887,  8  ",  S.  365 — 467.  —  H.  Frölich,  „  lieber  die  ersten  An- 
fänge eines  Militär- Gesundheitsdienstes  im  Alterthum  und  im  Mittelalter"  in:  Der 
Militärarzt,  Wien  1887,  Nr.  27.  —  L.  Friedländer,  „Darstellungen  aus  der 
SittengeschicMe  Roms  in  der  Zeit  von  Augustus  bis  zum  Ausgang  der  Antonine", 
6.  Aufl.,  Leipz.  1888,  Bd.  IS.  335—362.  —  Tfi.  Puschniann,  „Geschichte  des 
medicinischen  Unterrichts",  Leipzig  1889,  S.  82  ff.  —  C  Brunner,  „Die  Spuren 
der  römischen  Aerzte  auf  dem  Boden  der  Schweiz",  Zürich  1894,  gr.  8*>,  64  S., 
4  Tafeln.  —  L.  Ewer,  „Beamtete  Aerzte  im  alten  Rom",  Deutsche  medicin.  Presse 
1898  Nr.  23.  —  Charles  C.  JBotnbaugh,  „Medical  fees  in  ancient  Greece  and 
Rome"  in:  Bull,  of  the  John  Hopkins  Hospital  1898  Nr.  89  S.  183.  —  E.  Rose, 
„Ein  römisches  Militärspital",  Zürich  1898,  16  S.  mit  10  Tafeln.  (Vgl.  auch 
Deutsche  Zeitschr.  für  Chirurgie  1898  Bd.  48  Heft  2,  3  S.  316.)  —  C.  Koenen, 
„Zur  römischen  Heilkunde  am  Niederrhein"  in:  Festschrift  der  70.  Versammlung 
der  deutschen  Naturforscher  und  Aerzte,  Düsseldorf  1898,  Teil  2  S.  3—5.  —  Aerzte 
und  ihre  Honorare  im  alten  Griechenland  und  Rom.  Nach  dem  Englischen  des 
C.  C.  Bombaugh  in:  Wiener  med.  Presse  1899  Nr.  30  S.  1265.  —  J.  Hirsch- 
her g,  „Geschichte  der  Augenheilkunde",  Leipzig  1899,  Bd.  I  S.  301 — 305  (Stempel 
der  römischen  Augenärzte  mit  Litteratur).  —  Artikel  „Collegia"  in  Pauly-  Wisso- 
wa*8  Real-Encyclopädie  der  classischen  Alter thumswissenschaft,  Halbband  VII, 
Stuttgart  1900,  Sijalte  397.  —  Iwan  Bloch,  „Schiffsärzte  in  byzantinischer  Zeit" 
in:  Janus  1902  Bd.   VII  S.  15—16. 

I.   Medizinischer  Unterricht. 

Erst  seit  der  Einwanderung  griechischer  Aerzte  in  Eom  und  seit 
der  Entstehung  und  Konsolidierung  des  römischen  Weltreiches  ist  ein 
selbständiger  medizinischer  Unterricht  in  Rom  nachzuweisen.  Vorher 
war  die  Medizin  lediglich  ein  Teil  jenes  encyklopädischen  Unterrichts 
gewesen,  dessen  Umfang  wir  nach  den  Schriften  eines  Cato,  Varro 
und  C  e  1  s  u  s  beurteilen  können.  Oeifentliche  selbständige  medizinische 
Unterrichtsanstalten  gab  es  in  Italien  erst  unter  Alexander  Se- 
verus  (s.  unten).  Bis  dahin  (und  auch  noch  später)  existierte  nur 
eine  private  Unterweisung  der  der  Arzneikunst  Beflissenen  durch  ein- 
zelne Aerzte  (z.B.  des  Alexandros  v.  Tralles  durch  seinen  Vater 
und  den  Vater  des  Kosmas),  welche  entweder  gegen  ein  vorher  aus- 
gemachtes Honorar  oder  armen  Schülern  auch  unentgeltlich  (Lucian, 
„Abdicatus"  cap.  24)  Unterricht  erteilten. 

In  Anknüpfung  an  jene  encyklopädischen  Tendenzen  der  republi- 
kanischen Zeit  sollte  auch  später  die  ärztliche  Bildung  auf  einer 
möglichst  breiten  universellen  Grundlage  beruhen.  Noch  Athenaios 
wollte  die  Medizin  nicht  von  den  übrigen  Disziplinen  trennen  und  er- 
klärte sie  für  einen  wertvollen  Bestandteil  des  Jugendunterrichts. 
Jeder  Mensch  müsse  Arzt  sein,  da  in  jedem  Berufe  eine  Kenntnis  der 
Heilkunde  nötig  sei  (Oribasius  ed.  Daremberg  III,  164).  Die 
Erfüllung  einer  derartigen  Forderung  hätte  nur  der  Charlatanerie 
und  dem  Kurpfuschertum  Vorschub  geleistet.  Dagegen  war  Galen 
gewiss  im  Rechte,  wenn  er  in  einer  berühmten  Abhandlung  die  For- 
derung aufstellte,  dass  jeder  Arzt  zugleich  ein  Philosoph, 
d.  h.  ein  Mann  sein  müsse,  der  jene  höhere  Kenntnis  von*  den  Er- 
scheinungen und  Zusammenhängen  des  Lebens  besitzt,  welche  zu  einer 
erfolgreichen,  den  individuellen  und  psychologischen  Faktor  in  gleicher 
Weise  berücksichtigenden  Ausübung  des  ärztlichen  Berufes  befähigt^) 


^)  FaXrjvov  "Oti   6  ä^ioroe  laiQos  y.<u  (fi).öao<fos  in:    Claudü  Galeni  Pergameni 
scripta  minor a  ex  recognitione  Iwani  Müller,  Lipsiae  1891,  Bd.  II  S.  1 — 8. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  in  d.  Avest-  u.  oström.  Kaiserzeit.    571 

Daher  hielt  er  eine  Kenntnis  der  Rhetorik,  Dialektik  und  Philo- 
sophie für  unentbehrlich  für  den  Arzt  (Galen  ed.  Kühn  XL  541; 
IX,  789)  und  bemass  die  Dauer  des  medizinischen  Studiums  auf  min- 
destens 11  Jahre,  während  sein  Gegner  Thessalos  ein  halbes  Jahr 
für  hinreichend  zur  Erwerbung  der  nötigen  medizinischen  Kenntnisse 
hielt!  (Gal.  I,  83;  X,  5,  19;  XIX,  9;  X,  4;  L  54;  XIV,  600). 
Der  medizinische  Unterricht  begann  sehr  früh;  der  Verfasser  der 
unter    dem   Namen   des   Soranos   gehenden    „Isagoge"   schlug    das 

II.  Lebensjahr  für  den  Beginn  des  Studiums  vor,  welches  gleichzeitig 
Grammatik,  Rhetorik,  Astrologie  und  Arithmetik  mitumfassen  sollte. 
Oreibasios  (Synops.  V,  14)  empfiehlt  das  14.  Lebensjahr. 

In  den  Provinzen  wurde  früh  der  Unterricht  in  ärztlichen  Schulen 
erteilt,  die  aber  meist  mit  allgemeinen  Bildungsanstalten  in  Verbindung 
waren.  Alexaudria,  Athen,  Antiochia,  Berj^tus,  Massilia,  Nismes,  Arles, 
Bordeaux',  Lyon,  Saragossa  waren  Sitze  solcher  Medizinschulen.  In 
Massilia  empfing  z.  B.  der  berühmte  Augenarzt  Demosthenes 
(unter  Nero),  ein  Anhänger  der  Herophileer,  seine  Bildung,^)  ferner 
zwei  Zeitgenossen  des  Plinius.  die  Aerzte  Charmis  undKrinas; 
in  Bordeaux  Eutropius,  Siburius  (Marcellus  Empiricus, 
Praefat.)  und  Marcellus  Empiricus.  Aus  Lyon  stammten 
Abaskantos,  von  dem  Galen  drei  Rezepte  gegen  Phthisis,  Kolik 
und  Skorpionstich  mitteilt  (Gal.  XIII,  71;  278;  XIV.  177),  und  El- 
pidius,  der  Leibarzt  des  Ostgotenkönigs  Theoderich.  Auch  der 
Archiater  Julius  Ausonius  (Vater  des  Dichters)  war  Gallier.-) 
Neros  „Gymnasium"  war  wohl  nicht,  wie  Haeser  (I,  392)  annimmt, 
die  älteste  medizinische  Unterrichtsanstalt,  sondern  diente  der  Pflege 
der  Gymnastik,  die  allerdings  einen  Bestandteil  der  Jugenderziehung 
bildete  (Sueton  Nero  cap.  40;  PI  in.  Nat.  bist.  XXXV,  168;  Seneca 
Ep.  15;  Ep.  88,  18).  Auch  Hadrians  „Athenaeum"  war  nur  ein 
für  Vorlesungszwecke   dienendes   Gebäude   (Friedländer   a.  a.  0. 

III,  425).  Erst  unter  Alexander  Severus  (225 — 235  n.  Chr.)  er- 
hielten die  Aerzte  eigene  Vorlesungssäle  (Lampridius,  Alexander 
Severus  cap.  44).  In  der  byzantinischen  Zeit  waren  die  „Jatro- 
sophisten"  die  hauptsächlichen  Lehrer  der  Aerzte  an  den  Hoch- 
schulen. Durch  sie  empfing  der  Unterricht  ein  fast  ausschliesslich 
theoretisches  Gepräge. 

Was  nun  die  Art  des  ärztlichen  Unterrichts  betrifft,  so  begann 
derselbe  mit  dem  Studium  der  Anatomie,  die  seit  dem  zweiten  christ- 
lichen Jahrhundert  fast  ausschliesslich  an  Tieren  studiert  wurde,  wie 
denn  Galen  seine  anatomischen  Studien,  meist  an  Affen,  seltener 
anderen  Tieren  macht  (Gal.  II,  223).  Ebenso  Oreibasios  (Synag. 
VII,  5).  Am  Menschen  wurden  nur  die  bei  äusserer  Betrachtung 
sichtbaren  Teile  demonstriert  (Rufus  ed.  Ruelle  S.  134),  seltene 
Gelegenheiten  der  Sektion  und  inneren  Besichtigung  bei  totge- 
borenen   oder   ausgesetzten   Kindern   (G  a  1.  II,  385),    ans   Land   ge- 


^)  Vgl.  über  ihn  R.  Fuchs  in  diesem  Handbuch  I,  294—295;  Hirschberg 
a.  a.  O.  I  S.  353.  Im  10.  Jahrhundert  war  die  Augenheilkunde  des  D.  noch  in 
Frankreich  vorhanden,  wie  aus  Epist.  130  des  Gerbert  an  den  Mönch  Rainaudus 
hervorgeht. 

*)  Vgl.  über  die  Geschichte  der  gallo-römischen  Aerzte  J.  Astruc.  „Memoires 
pour  servir  ä  l'histoire  de  la  faculte  de  medeciue  de  Montpellier",  Paris  1767,  4 ". 
Ueber  die  griechischen  Aerzte  in  Portugal  vgl.  Soares,  „Memorias  para  a  historia 
da  medicina  lusitana",  Lissabon  1821,  4  ". 


572  Iwan  Bloch. 

triebenen  Leichen  (Gal.  II,  218),  gefallenen  Feinden  (XIII,  604), 
Verletzungen  u.  s.  w.  aber  eifrig  ausgenutzt,  wie  denn  auch 
anatomische  Zeichnungen  aus  späterer  byzantinischer  Zeit  sich 
erhalten  haben  (s.  oben  8.  347 — 348,  R.  Fuchs  und  die  Zeich- 
nungen des  Uterus  und  der  Ovarien  in  den  Handschriften  des 
Muscio  in  der  „Introductio  anatomica  anonymi"  aus  einem  Leydener 
Codex  ed.  Bernard,  Leyden  1744).  Der  anatomische  Unterricht  be- 
gann mit  der  Osteologie  (Gal.  II,  220)  und  schritt  darauf  zur  Be- 
schreibung der  inneren  Organe  fort.  —  Die  Physiologie  wurde  wohl 
wesentlich  theoretisch  vorgetragen,  wobei  besonders  durch  den  Einfluss 
des  Galen  die  teleologische  Erklärung  der  Lebenserscheinungen  in 
den  Vordergrund  trat  (Gal.  III,  74;  384).  Trotzdem  war  gerade 
Galen  der  eigentliche  Begründer  des  physiologischen  Experiments, 
das  er  planmässig,  mit  Zuhilfenahme  von  Vivisektionen,  auf  allen  Ge- 
bieten anwendet  (vgl.  darüber  oben  S.  397).  —  Sehr  eifrig  wurde 
ferner  die  medizinische  Botanik  gepflegt,  bei  welcher  botanische  Ex- 
kursionen (Gal.  XI,  797;  XIV,  30;  E.  Meyer  „Geschichte  der  Bo- 
tanik" II,  191),  kolorierte  Pflanzenatlanten  (PI in.  XXV,  8)  nach  Art 
des  berühmten  Kräuterbuches  des  Krateuas  (s.  oben  S.  322),  von 
den  Aerzten  selbst  angelegte  Gärten  mit  Medizinalpflanzen  (PI in. 
XXV,  1—8,  der  alle  offizinellen  Pflanzen  im  Garten  des  Arztes  An- 
tonius Castor  kennen  lernte)  den  Unterricht  in  ausgiebigster 
Weise  unterstützten.  Im  Anschlüsse  daran  war  die  Pharmakologie 
und  Pharmacie  sehr  ausgebildet,  deren  Kenntnis  wegen  der  häufigen 
Verfälschung  der  Droguen  und  Arzneimittel  für  den  Arzt  unerlässlich 
war.')  Nach  Galen s  Ansicht  müsse  der  junge  Mediziner  sämtliche 
offizinellen  Bestandteile  der  Pflanzen,  Tiere,  Metalle  und  übrigen 
Mineralien  so  genau  kennen,  dass  er  echte  und  unechte  zu  unter- 
scheiden wisse,  und  er  möge  sich  dann  nach  seinem  Buche  „von  der 
Wirkung  der  einfachen  Heilmittel"  in  der  Anwendung  üben  (Gal. 
XIII,  5700".).  Daher  war  die  Beschaffung  guter  Medikamente  oft 
schwierig,  Aerzte  wie  z.  B.  Galen  mussten  grosse  Reisen  zu  diesem 
Zwecke  unternehmen  (Gal.  XIV,  öfi".;  XII,  220—238;  XII,  202),  und 
der  kaiserliche  Hof  liess  eigene  Magazine  zur  Aufbewahrung  guter, 
wirksamer  Arzneien  bauen  (Friedländer  a.  a.  0.  I,  352;  Pausan. 
X,  32,  11).  —  Der  eigentliche  klinische  Unterricht  wurde  meistens  am 
Krankenbette  erteilt.  Bei  den  Besuchen  des  Arztes  beim  Kranken 
(Gels.  III,  6),  über  welche  Galen  ausführliche  Mitteilungen  macht 
(Gal.  XVII  B,  144-152;  XVII  A,  150;  X,  4;  XIII,  597)  liess  sich 
der  erstere  gewöhnlich  von  seinen  Schülern  begleiten  (Martialis 
Epigr.  V,  9;  Philostratos,  Vita  Apollonii  Tyanens,  VIII cap.  7).  Viel- 
leicht dienten  auch  die  Jatreien  (Gal.  XVIII  B,  629—925),  die  Vale- 
tudinarien  und  Militärlazarette  (Hyginus,  De  munit.  castror.  cap.  34) 
den  Zwecken  des  medizinischen  Unterrichtes,  wo  ebenso  wie  in  den 
öffentlichen  Medizinbuden  (tabernae)  chirurgische  Operationen  oft 
coram  publice  vorgenommen  wurden  (Epictet.  III,  23,  30).  Die 
öffentlichen  Vorträge  und  Disputationen  waren  öfter  mit  Demonstrationen 
(Gal.  XIX,  21;  455;  II,  622;  690)  verbunden.  Freilich  lieferten 
gerade  diese  ärztlichen  Konsilien  und  Zänkereien  viel  Stoff  zum  Spotte 
(Plin.  XXIX,   5;    Gal.  VIII,    357;    X,   910;    XIV,  623;   Theodor. 


^)  Näheres  darüber  Iwan  Bloch,    ;,Ein  Brief   an   einen   Pharmakopolen   des 
Alterthums"  in:  Deutsche  medicin.  Presse  1898  Nr.  14  S.  107—108. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverbältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    573 

Priscianus,  Praef.).  Endlich  sorgte  eine  ungemein  reiche,  in  allen 
wissenschaftlichen  und  unwissenschaftlichen  Farben  schillernde  Litte- 
ratur  für  die  medizinische  Ausbildung,  und  einzelne  Aerzte  wie 
Galen  gaben  ihren  Schülern  genaue  Anweisungen  zur  Lektüre  dieser 
die  verschiedensten  Gebiete  der  Heilkunde  behandelnden  Schriften. 


2.   Klassen  der  Aerzte. 

Der  ärztliche  Beruf  war  in  der  römischen  Kaiserzeit  vollständig 
freigegeben.  Es  gab  keine  Prüfungen,  keine  staatliche  Aufsicht, 
kaum  eine  ärztliche  Verantwortlichkeit.  Dies  hatte  einen  gi'ossen 
Andrang  zum  ärztlichen  Berufe  zur  Folge,  den  viele  ausübten,  ohne 
genügend  dafür  vorbereitet  zu  sein.  Arzt  und  Kurpfuscher  waren  im 
allgemeinen  weniger  scharf  von  einander  getrennt  als  heute,  wo  schon 
die  staatliche  Prüfung  eine  genaue  Grenzlinie  zwischen  beiden  zieht. 

Allgemein  unterschied  man  zwischen  freien  Aerzten  und  Aerzten, 
die  Sklaven  oder  Freigelassene  waren. 

Die  ersten  freien  Aerzte  in  Eom  waren  Griechen,  später,  kamen 
auch  Orientalen  ^)  hinzu,  wie  besonders  ägyptische  Aerzte,  die  zur 
Heilung  exotischer  Leiden  (Lepra,  Hautkrankheiten,  Herpes  tonsu- 
rans u.  s.  w.)  nach  Rom  gerufen  wurden  (PI in.  XXVI,  3).  In  der 
römischen  Kaiserzeit  traten  auch  die  ersten  jüdischen  Aerzte  auf 
(Celsus  V,  19;  22),  die  seitdem  in  der  Geschichte  der  Heilkunde  bis 
auf  den  heutigen  Tag  eine  so  hervorragende  Rolle  gespielt  haben. 
Dass  der  Römer  überhaupt  zu  ausländischen  Aerzten  mehr  Vertrauen 
hatte,  bezeugt  der  ältere  Plinius  (XXIX,  17).  Dennoch  vermochten 
auch  römische  Aerzte  ihre  Stellung  zu  behaupten.  Aus  ihnen  rekru- 
tierten sich  sogar  hauptsächlich  die  Hofärzte.  Scribonius  Largus 
begleitete  den  Kaiser  Claudius  als  Leibarzt  nach  Britannien 
(Scribon.  Largus  cap.  42,  163),  auch  ein  anderer  römischer  Leib- 
arzt dieses  Kaisers  wird  erwähnt,  Vettius  Valens.  Nach  Plinius 
(XXIX,  1)  lieferten  die  Familien  der  Quintier,  Cassier,  Calpetaner, 
Rubrier,  Arruntier  Aerzte,  was  bezüglich  der  zweitgenannten  Familie 
durch  die  Erwähnung  eines  Arztes  Cassius  bei  Celsus  (in  der 
Einleitung)  bestätigt  wird.  Galen  nennt  mehrere  Aerzte  mit  römi- 
schen Namen:  Valerius  Paulinus,  Flavius  Clemens,  Pom- 
pejus  Sabinus  (Gal.  XIII,  1027).  Ebenso  weisen  die  Stempel  der 
Augenärzte  zahlreiche  römische  Namen  auf  (G  r  o  t  e  f  e  n  d  a.  a.  0. 
S.  127  If.). 

Wie  schon  im  Kapitel  „Altrömische  Medizin"  erwähnt,  wurden 
die  griechischen  Jatreien  in  Rom  in  Gestalt  der  „tabernae"  oder 
„medicinae''  eingebürgert,  die  aber  oft  nichts  weiter  darstellten  als 
Geschäftsläden,  in  denen  Arzneien  verkauft  und  coram  publico  Ope- 
rationen gemacht  wurden  (Epictet.  III,  23,  30).  Die  grössten 
Charlatane  staffierten  ihre  Lokale  am  herrlichsten  aus,  mit  silbernen 
Schröpf  köpfen,  Messern  mit  vergoldeten  Grilfen,  elfenbeinernen  Büchsen 
(Lucian  adv.  indoct.  cap,  29).  Ja,  einige  waren  so  schamlos,  die 
Vorübergehenden  zum  Eintritt  bei  sich  einzuladen  (Epictet.  III,  23, 
27).  Die  Salben-,  Droguen-  und  Spezereihändler  (unguentarii,  mig- 
matopolae,  aromatarii),  die  Arzneiverkäufer  (pharmacopolae ;  medici  bei 

^)  Lucian,  Tragopod.  265:  Stadtrömische  Inschriften  der  medici  CJL  VI 
9562—9617. 


574  Iwan  Bloch. 

Plautus)   hatten    ebenfalls   ihre   „tabernae",   in  denen  vielfach  ein 
pseudo-ärztlicher  Eat  erteilt  wurde. 

Wie  viele  andere  Berufe  vereinigten  sich  auch  die  freien  Aerzte 
in  sogenannten  „Collegia".  Wir  kennen  solche  „CoUegia  medicorum" 
aus  Benevent  (corp.  inscr.  latinar.  IX,  1618)  und  aus  Rom  (CIL  VI, 
9566).  In  letzterer  Stadt  stand  das  Aerztekolleg  wie  viele  andere 
Innungen  unter  dem  Schutze  der  Minerva,  deren  Fest  es  vom  19.  bis 
27.  März  beging  (Ovid. ,  Fast.  III,  308).  Das  Kollegium  versammelte 
sich  in  den  „scholae"  oder  „curiae",  welchen  ein  „tabularius"  vorstand 
wie  z.  B.  unter  Trajan  der  Arzt  M.  Livius  Celsus,  Sekretär  der 
„schola  medicorum"  auf  dem  Esquilin  war.  Diese  Scholae  waren 
künstlerisch  reich  ausgestattet  (Inschrift  an  der  Basis  der  Mattei- 
schen Amazone  im  "Vatikan:  „Translata  de  schola  medicorum",  E. 
Braun,  „Die  Ruinen  und  Museen  Roms",  Braunschweig  1854  S.  334). 
Viele  Kollegien  anderer  Berufe  hatten  besoldete  Vereinsärzte.  Auch 
ein  „collegium  farmacopolarum  publicorum"  wird  erwähnt  (CIL  V  1, 
4489  aus  Brixia).  Später  wurden  die  Kollegien  aus  politischen 
Gründen  häufig  unterdrückt,  erhielten  sich  aber  bis  ins  Mittelalter, 
wo  aus  ihnen  die  Gilden  und  Innungen  hervorgingen. 

Sehr  gross  war  die  Zahl  der  Aerzte  aus  dem  Stande  der  Sklaven 
und  Freigelassenen  (Servi  und  Liberti  medici),  die  entweder  von  vor- 
nehmen Römern  für  den  ärztlichen  Beruf  bestimmt  wurden,  damit  sie 
als  Hausärzte  bei  denselben  fungieren  konnten  oder  auch  von  Aerzten 
selbst  als  Gehilfen  ausgebildet  wurden  (Julian.,  orat.  7  p.  207  D). 
Die  als  Hausärzte  (Sueton,  Nero  cap.  2;  Calig.  cap.  8;  Seneca,  de 
benef.  III  24;  Varro  de  re  rust.  I,  16,  4)  fungierenden  Sklaven  wurden 
auch  oft  zu  niedrigen  Zwecken  benutzt  (Mord  und  Giftmischerei. 
Tacit.,  Annal.  XV,  63;  Cicero,  pro  Cluentio  14;  ad  Pison.  34).  Be- 
sonders in  den  ländlichen  Familien  waren  meist  solche  Sklavenärzte 
(Varro  I,  16).  In  vornehmen  Häusern  gab  es  mehrere  servi  medici, 
die  oft  unter  der  Aufsicht  eines  „supra  medicos"  oder  „superpositus 
medicorum"  standen.  Auch  in  Valetudinarien  waren  Sklavenärzte 
thätig.  (Vgl.  die  Inschriften  im  Columbarium  der  Livia  Augusta  zu 
Sorrent.)  Von  Justinian  wurde  der  Preis  der  ärztlichen  Sklaven 
und  Sklavinnen  —  auch  solche  gab  es  —  bis  zu  60  Goldstücken  festge- 
setzt (Cod.  lust.  VII  7,  1  §  5;  VI  43,  3;  vgl.  Gaupp  a.  a.  0.  S.  16).  Nach 
vollzogenem  Kaufe  durften  aber  nur  Aerzte  ihre  servi  medici  als  Er- 
werbsmittel benutzen  und  mussten  auch  dann  während  der  Mittagszeit 
ihnen  Ruhe  vergönnen  (Dig.  XXXVIII  tit.  1  1.  26  §  1).  Daher  waren  den 
Aerzten  die  servi  medici  angenehmer  als  die  Freigelassenen.  Geschah 
einmal  die  Freilassung,  so  waren  nach  dem  Gesetze  die  Aerzte  be- 
rechtigt, auch  dann  noch  von  ihnen  Dienste  zu  verlangen,  z.  B.  die  un- 
entgeltliche Behandlung  der  Freunde  des  betreffenden  Arztes;  ferner 
mussten  die  Freigelassen  ihre  ärztlichen  Patrone  bei  deren  Kranken- 
besuchen begleiten  und  wurden  so  in  der  Begründung  einer  eigenen 
Praxis  behindert  (Digg.  XXXVIII  1,  25—27).  Für  den  Loskauf  der 
Freigelassenen  bestanden  gesetzliche  Vorschriften  (ib.  und  Dig.  XL 
tit.  5  1.  41  §  6).  Auch  unter  der  Zahl  der  sogenannten  „öffentlichen 
Freigelassenen"  (publici  oder  municipales  liberti)  befanden  sich  Aerzte, 
die  zuweilen,  wie  die  Inschrift  über  einen  gewissen  Merula,  der  als 
P.  L.  (publicus  libertus)  und  als  medicus,  clinicus,  chirurgicus,  ocularius 
bezeichnet  wird,  mehrere  Spezialitäten  in  sich  vereinigten. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    575 

Ueberhaupt  gelangte  das  Spezialistentum  im  kaiserlichen  Rom 
zu  grosser  Blüte. 

Zunächst  trat  ganz  allgemein  der  Unterschied  zwischen  nicht 
operierenden  und  operierenden  Heilkünstlern,  zwischer  Aerzten  und 
Chirurgen  hervor.  Erstere  enthielten  sich  in  Rom  meist  der  Be- 
handlung chirurgischer  Fälle  (Galen  X,  454 ff.),  wurden  aber  oft  von 
den  Chirurgen  zu  Rate  gezogen  (G  a  le  n  XVIII  A,  346  ff.),  wie  denn 
Plutarch  berichtet,  dass  Chirurgen  im  besten  Einvernehmen  mit  den 
Aerzten  für  innere  Krankheiten  standen  (Plutarch.,  De  frat.  amore 
cap.  15).  Diesen  Vertretern  der  allgemeinen  Praxis  standen  die 
allgemeinen  Theoretiker,  die  ärztlichen  Sophisten  (loyiargol) 
gegenüber,  die  ,,auf  hohem  Stuhle  sitzend  in  vornehmem  Tone  ihre 
Zuhörer  mit  Erörterungen  über  wissenschaftliche  Fragen  überschütteten", 
aber  nicht  einmal  eine  einfache  Krankheit  behandeln  konnten.  Galen 
hat  uns  nfehrfache  ergötzliche  Schilderungen  dieser  ärztlichen  Weis- 
heitsapostel hinterlassen  (z.  ß.  XVIII  B,  258). 

Unter  den  speziellen  Fächern  waren  die  Augenärzte  (medici 
ocularii)  am  zahlreichsten  vertreten,  die,  abgesehen  von  den  Stempeln, 
auch  bei  Schriftstellern  und  auf  Inschriften  am  häufigsten  vorkommen 
(CIL,  II  Nr.  1737  u.  5055;  V  1,  3490;  Galen  X,  941,  1019).  Es  gab 
besondere  Augenoperateure  (chirurgi  ocularii)  und  solche  Aerzte,  die 
sich  auf  den  medikamentösen  Teil  der  Augenheilkunde  beschränkten 
(medici  ocularii).  Galen  heilte  ein  Augenleiden  durch  allgemeine 
Therapie,  welches  die  „sich  so  nennenden  Okulisten"  nur  örtlich  be- 
handelt hatten  (Gal.  VII,  392;  XVIII  A,  47—50).  Auch  unter  den 
servi  medici  gab  es  Augenspezialisten  (Scribon.  Larg.  V  38),  noch 
mehr  unter  den  liberti.  ^)  Ein  sehr  interessantes,  wesentlich  durch 
C.  L.  Grotefend  erschlossenes  Kapitel  der  medizinischen  Archaeologie 
bilden  die  sogen.  Stempel  der  römischen  Augenärzte,  mit 
welchen  den  die  Collyrien  enthaltenden  Gefässen  Inschriften  aufgeprägt 
wurden.  Man  kennt  jetzt  etwa  200  solche  Collyrienstempel.  Es  sind 
meist  viereckige  Täfelchen  aus  Nephrit,  Serpentin  oder  Schiefer,  an 
deren  vier  schmalen  Seiten  eine  ein-  oder  zweizeilige  Inschrift  in 
lateinischer  Sprache,'-)  enthaltend  den  Namen ^)  eines  Augenarztes 
(oder  mehrerer)  und  das  Mittel  und  dessen  Anwendungsweise.  Diese 
Stempel  lassen  sich  bis  zum  ersten  und  zweiten  christlichen  Jahr- 
hundert zurückverfolgen.  Es  sind  meist  Namen  von  Freigelassenen 
auf  ihnen  verzeichnet,  teils  griechischen,  teils  keltischen  Ursprungs. 
Es  scheint,  dass  die  eigentlichen  römischen  Aerzte  den  Gebrauch  der 
Collyrienstempel  nicht  kannten.  In  Italien  ist  kein  einziger  Stempel 
gefunden  worden.  Auch  den  griechischen  Aerzten  ist  der  Gebrauch 
der  Stempel  mit  dem  Namen  des  Arztes  fremd  geblieben.  Galen 
spricht  nur  (XII,  773)  von  „des  Antigonos  Safran-Collyr,  als  kleiner 
Löwe  bezeichnet,  da  es  mit  der  Gravüre  eines  solchen  gestempelt 
wurde"  und  kennt  nur  Aufschriften  der  Collyriengefässe  (XII, 
749,  768).    Die  Fundorte  der  Collyrienstempel  mit  Namen  sind  auf  die 


^)  Unter  den  Augenärzten  gab  es  wieder  Spezialisten,  wie  Trachom therapeuten 
(Martial.  X,  56)  und  Starstecher  (Pseudo-Galeni  de  partibus  artis  medicae  liber 
ed.  Lacuna,  Basel  1571,  S.  31). 

*)  1879  wurde  in  Arles  ein  Stempel  in  griechischer  Sprache  gefunden. 

")  Meist  mit  praenomen,  nomen  und  cognomen,  und  im  Genitiv.  Die  Buch- 
staben sind  in  Spiegelschrift  geschnitten,  so  dass  sie  erst  im  Stempelabdruck  die 
richtige  Lage  bekommen. 


576  Iwan  Bloch. 

nordwestlichen  Provinzen  des  römischen  Eeiches,  auf  Gallien,  Britannien 
und  Germanien  beschränkt.  Deneffe^)  hält  sie  für  eine  Erfindung 
der  gallischen  Augenärzte,  die  um  der  Reklame  willen  ihre  Namen 
auf  die  Collyrien  setzten.  Diese  Mode  dauerte  vom  zweiten  bis  zum 
vierten  Jahrhundert.  Als  Beispiel  einer  solchen  Stempelinschrift  sei 
eine  zu  Karlsburg  in  Siebenbürgen  aufgefundene  angeführt  (nach 
Hirse  hb  er  g): 

T.  ATTL  DIVIXTI.  NAR  |1  DINVM.  AD.  IMP.  LIP. 
T.  ATTI.  DIVIXTI.  DIA  ||  ZMYRNES.  POST.  IMP.  LIP. 
T.  ATTI.  DIVIXTI.  DIAMI  ||  SVS.  AD.  VETERES.  CIC. 
T.  ATTI.  DIVIXTI.  DIA  ||  LIBANV.  AD.  IMP.  EX  oVo. 

d.  h.  Titi  Atti  Divixti  nardinum  ad  impetum  lippitudinis  (des  T.  A.  D. 
Collyr  aus  Narde  gegen  den  Anfall  der  Augenentzündung;  T.  A.D. 
dia  smyrnes  post  impetum  lippitudinis  (Collyr  aus  Myrrhe  nach  dem 
Anfall  der  A.);  T.  A.  D.  dia  misyos  ad  veteres  cicatrices  (Collyr  aus 
Misy  gegen  alte  Narben);  T.  A.  D.  dia  libanu  ad  impetum  ex  ovo 
(Collyr  aus  Weihrauch  gegen  Augenentzündung,  mit  Eiweiss  zu  ver- 
reiben). 

Dass  es  besondere  Frauenärzte  (taT(»o/ /üwtxe/ot)  gab,  bezeugt 
Soranos  (De  muliebr.  aflfect.  cap.  47).  Galen  nennt  an  der  Stelle, 
wo  er  gegen  das  überhandnehmende  Spezialistentum  eifert  (V,  846  ff.), 
Bruchschneider  (xiyAoTOiutxoO,  Steinschneider  ßid^otöf.ioL),  Paracentese- 
Operateure  {7taQay.eviriTiy.ot),  Augenärzte  (dcpd-aX/^iiyol) ,  Ohrenärzte 
(wtiyoi,  auricularii),  Zahnärzte  {ödovriyol,  dentarii),  Diätetiker  (diaiTi^- 
Tfxo/),  Pharmaceuten  {cpaQf.iayBv%iyoi\  Botaniker  (ßoranyol),  Weinärzte 
{oivoöÖTai)  ,^)  Nieswurzspezialisten  {ekleßoQodotaL). 

In  einem  Epigramm  (X,  56)  des  Martialis  heisst  es:  „CasceUius 
zieht  kranke  Zähne  aus  oder  ergänzt  sie,  Hyginus  brennt  die  den 
Augen  schädlichen  Wimperhaare  aus,  Fannius  beseitigt  das  triefende 
Zäpfchen  ohne  zu  schneiden,  Eros  entfernt  die  Brandmarken  der  Sklaven 
aus  der  Haut,  Hermes  gilt  als  der  beste  Arzt  für  Bruchschäden." 

Hier  reihen  sich  auch  die  weiblichen  Aerzte  (medicae, 
iatQivai)  an, ^)  die  gewöhnlich  aus  dem  Stande  der  Hebammen 
(obstetrices)  hervorgingen*)  und  im   wesentlichen  Frauenleiden,  aber 


^)  „Les  oculistes  gallo-romains  au  III  me  siecle",  Antwerpen  1896,  8°,  183  S. 

^)  Auf  einen  solchen  bezieht  sich  die  Inschrift  bei  Mommsen,  Inscriptiones 
regni  Neapolitani  S.  16  Nr.  236  [fvaiotos  olvoSorrje). 

')  Die  wichtigsten  Schriften  über  Geschichte  der  Aerztinnen  sind  Chr.  Fr. 
Harless,  „Die  Verdienste  der  Frauen  um  Naturmssenschaft,  Gesundheits-  und, 
Heilkunde  u.  s.  w.",  Göttingen  1830,  8"  XVI,  293  u.  83  S.  (grundlegende  Arbeit);  Jules 
Eouyer  „Etudes  medicales  sur  l'ancienne  Rome",  Paris  1859  (S.  139 — 235  die  „Histoire 
des  femmes,  qui  ont  exerce  la  medecine").  —  E.  Beaugrand,  Artikel  „Medecins 
(femmes)"  in:  Dictionn.  encyclop.  des  sciences  medicales  par  Dechambre,  Paris 
1874,  II  Serie,  tome  V.  —  Fried r.  von  den  Velden,  „Die  Ausübung  der  Heil- 
kunde durch  die  Frauen  geschichtlich  betrachtet",  Inaug.-Diss.,  Tübingen  1892, 
gr.  8°,  24  S.  —  MUe.  Melanie  Lipinska,  „Les  femmes  medecins  ä  Rome"  in: 
Progres  medical  1899  Nr.  17  S.  276  ff. ;  H.  Schelenz,  „Frauen  im  Reiche  Aescu- 
lap's.  Ein  Versuch  zur  Geschichte  der  Frau  in  der  Medicin  und  Pharmacie  u.  s.  w.", 
Leipzig  1899,  8",  IV,  74  S. :  Melanie  Lipinska,  „Histoire  des  femmes  medecins 
depuis  l'antiquite  jusqu'ä  nos  jours",  These  de  Paris  1900,  gr.  8  ",  584  S.  (mit  er- 
schöpfenden Litteraturangaben). 

*)  Eine  Valeria  Verecunda  heisst  in  ihrer  Grabschrift  , .erste  ärztliche 
Hebamme  ihrer  Region"  (CJL  VI,  9614—9617).  Seneca  spricht  Epist.  66  von 
„obstetrices  id  est  medicae". 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverbältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    577 

auch  andere  Krankheiten  behandelten.  Hysterische  (Gal.  VII,  414), 
unfruchtbare  (Juven.  II,  141)  Frauen  nahmen  öfter  ihre  Zuflucht  zu 
weiblichen  Aerzten.  Auf  einer  Inschrift  wird  eine  ,, Forella  T.  L. 
Melaniona,  Medica  a  mammis",  eine  Spezialistin  für  Krankheiten  der 
Brüste  erwähnt  (Harless  S.  132).  Galen  giebt  das  Rezept  einer 
Aerztin  Antiochis  gegen  Milzleiden,  Wassersucht  und  Gicht  (XIII, 
343 ;  XIII,  250).  Nach  S o r a n o s  schrieb  Elephantis,  vielleicht  die 
berüchtigte  Verfasserin  obscöner  Bücher,  eine  Schrift  über  die  Therapie 
der  Alopecie  (Gal.  XII,  416).  Wohl  dieselbe  befasste  sich  auch  mit 
Abortivmitteln  (PI in.  N.  h.  28  c.  7).  üeber  die  ärztliche  Schriftstellerei 
der  Königin  Kleopatra  hat  R.  Fuchs  (s.  oben  S.  321)  neuerdings 
gehandelt.  Theodorus  Priscianus  widmete  sein  drittes  Buch  ,, de 
passionibus  mulierum"  einer  „mulier  medica",  der  Victoria  oder 
Salvinia,  die  er  in  der  Vorrede  als  .,artis  meae  dulce  ministerium" 
bezeichnet.  ^)  Ihre  ärztliche  Ausbildung  empfingen  die  Frauen  wohl 
von  den  Aerzten  selbst.  Hyginus  berichtet,  Agnodike  habe  als 
junges  Mädchen  sich  entschlossen,  die  Arzueikunst  zu  erlernen  und  habe 
sich  dem  Herophilos  in  die  Lehre  gegeben  (Hygin.,  Fabulae,  ed. 
J.  Scheffer  et  Th.  Muncker,  Hamb.  1674,  S.  201—202).  Die 
Hebamme  Aspasia,  die  von  Aetios  im  16.  Buche  oft  erwähnt  wird, 
scheint  eine  solche  Heilkundige  gewesen  zu  sein.  Nach  Abulpha- 
ragius  pflegten  Hebammen  zu  dem  auch  in  der  Frauenheilkunde 
berühmten  Paulus  Aeginetazu  kommen,  um  von  ihm  in  gynä- 
kologischen Fragen  Auskunft  zu  erbitten  (Gregor.  A  b  u  1  p  h  a  - 
ragius,  Histor.  Dynastiarum  etc.  ed.  E.  Pocock,  Oxford  1672, 
S.  114 — 115).  Auch  die  Ausbildung  der  Hebammen  stand  im  Alter- 
tume  auf  einer  bemerkenswerten  Höhe.  So  ranos  behandelt  in  cap.  2 
u.  3  seiner  Gynäcie  ausführlich  die  Eigenschaften  und  die  Ausbildung 
der  Hebammen,  die  in  allen  Teilen  der  Heilkunst  Bescheid  wissen 
müssen,  um  sowohl  diätetische,  als  auch  chirurgische  und  pharma- 
ceutische  Verordnungen  geben  zu  können,  um  über  das  Beobachtete 
richtig  zu  urteilen,  und  in  jeder  Beziehung  der  Situation  gewachsen 
zu  sein  (vgl.  auch  oben  S.  342).  Bei  solchen  Anforderungen  musste 
das  Ansehen  der  Hebammen  ein  sehr  grosses  sein.  Die  freien  obste- 
trices  bildeten  eine  Zunft,  der  die  „nobilitas"  beigelegt  wurde,  (PI in., 
N.  h.  XXVIII,  67);  sie  wurden  sogar  als  gerichtliche  Sachverständige 
vernommen,  um  über  das  Bestehen  einer  Schwangerschaft  ihr  Gut- 
achten abzugeben  (Seneca,  Ep.  66)  und  konnten  auch  ihre  Forde- 
rungen einklagen  (iPandect.  Hb.  50  tit.  13). 

Die  Ueberfüllung  des  ärztlichen  Berufes  hinderte  nicht  —  ganz 
wie  heute  —  das  kräftige  Gedeihen  eines  ausgedehnten,  aus  den 
mannichfaltigsten  Elementen  sich  zusammensetzenden  Kurpfuscher- 
t  u  m  s.  Wenn  verunglückte  Aerzte  Leichenträger  oder  GlaJitoren 
wurden  (Martial.  I,  30;  VIII,  74;  I,  47),  so  ergriff'en  andererseits 
Färber,  Schuster,  Schmiede  und  Zimmerleute  den  ärztlichen  Beruf 
(Galen.  X,  5),  ohne  die  geringste  Vorbildung  zu  besitzen,  sogar  ohne 
lesen  zu  können  (Galen.  XIX,  9).    Unter  diesen  Pfuschern  befanden 


^)  Auch  zwei  christliche  Aerztinneu  St.  Theodosia  (um  300  n.  Chr.)  und 
St.  Nicerata  (400  n.  Chr.)  werden  erwähnt.  Die  letztere  soll  den  hl.  Chrysostomos 
von  einem  Magenleiden  geheilt  haben  (v.  d.  Velden  S.  9).  üeber  die  Restiuta 
s.  oben  S.  494.  —  Plinius  berichtet  über  Meinungsverschiedenheiten  der  Lais  und 
Elephantis  bezüglich  der  Wirkung  verschiedener  Abortivmittel  (Hist.  nat 
XXVIII,  7,  23). 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I,  37 


578  Iwan  Bloch. 

sich  Salbenhändler  (iinguentarii,  myropolae),  Arzneikrämer  {TtanoTtwlai, 
y-ad^oltmi) ,  Kräutersammler  (ßotaviy.oi) ,  Wurzelsammler  (qi1^otÖ(.ioi)  , 
Arzneibereiter  (pharmacopolae,  thurarii),  Gewiirzkrämer  (aromatarii), 
Farbwarenhändler  (pigmentarii),  Arzneibudenbesitzer  (seplasiarii)  und 
viele  andere.  Die  Charlatanerie  gedieh  sehr  üppig,  da  jedermann  den 
Beruf  eines  Arztes  in  sich  fühlte.  Niemals  war  das  Interesse  für  die 
Arzneikunde  so  gross  gewesen,  niemals  eine  oberflächliche  Kenntnis 
derselben  durch  Popularisierung  so  weit  unter  das  Volk  getragen  wie 
in  der  römischen  Kaiserzeit.  Die  gebildeten  und  ungebildeten  Laien 
erachteten  es  für  ihre  Pflicht,  in  der  Medizin  beschlagen  zu  sein 
(Gellius  18,  10;  Plutarch,  de  san.  tuenda  praec.  cap.  24,  25).  Eine 
lebhafte  Schilderung  dieser  Zustände  findet  sich  in  der  Vorrede  der 
„Euporista"  des  Oreibasios. 

Kein  Wunder,  dass  der  Einzelne  nur  vermittelst  einer  rücksichts- 
losen und  schlauen  Reklame  sich  Ansehen,  Zulauf  und  Praxis  ver- 
schaffen konnte.  Von  den  öffentlichen  Disputationen,  Vorträgen,  Demon- 
strationen, Operationen  war  schon  die  Rede.  Ein  weiteres  wichtiges 
Hilfsmittel  der  Reklame  war  das  Herumziehen  von  Ort  zu  Ort,  wie 
dies  bis  tief  in  die  byzantinische  Zeit  die  negioöevTaL^  circula- 
tores  thaten.  In  der  Grabschrift  des  freigelassenen  Arztes  P.  Scri- 
bonius  Primigenius  heisst  es,  dass  er,  in  Iguvium  geboren,  viele 
Orte  besucht  habe  und  überall  durch  seine  Kunst,  noch  mehr  durch 
seine  Zuverlässigkeit  bekannt  sei  (Antholog.  latin.  ed.  Me5'^er  1430). 
Aehnlich  nennt  die  Grabschrift  eines  Arztes  aus  Nicäa  bei  Doliche  in 
Thessalien  ihn  „7colXrjv  ^dXaooav  aol  ycxlav  TC€QivoaTr]aas"  (Kaibel, 
Epigr.  Gr.  509).  Auch  viele  Quacksalber,  besonders  die  Pharma- 
kopoen, zogen  von  Ort  zu  Ort  (Cicer.,  pro  Cluent.  14,  40;  Horat., 
Sat.  12,  1;  Cato,  apud  Gellium  I,  15),  legten  Verbände  an  (Galen. 
XVIII  A,  770)  und  priesen  ihre  mit  Etiketten  {enayysliai)  versehenen 
Arzneien  an,  auf  denen  Name  des  Medikamentes,  Erfinder  und  Ge- 
brauchsanweisung angegeben  waren  (Galen.  XIII,  1005  u.  1019).  Zu 
den  genialsten  Betrügern  gehören  jene  medizinischen  Zauberer  wie 
Apollonios  von  Tyana  und  Alexandros  von  Abonuteichos, 
die  Grosskophtas  der  römischen  Kaiserzeit,  die  Lieblinge  hysterischer 
Frauen,  deren  Wunderkuren  weit  und  breit  berühmt  wurden.  ^) 

Die  Einnahmen  und  Honorare  der  römischen  Aerzte  wiesen 
je  nach  dem  Grade  der  Celebrität  ganz  bedeutende  Differenzen  auf. 
Während  wenigstens  in  der  älteren  Zeit  der  gewöhnliche  Arzt  für 
einen  Besuch  einen  Nummus  (ca.  1  Mk.  10  Pfg.)  empfing,  waren  die. 
Honorare  gesuchter  Aerzte  der  Kaiserzeit  sehr  hoch.  Besonders  die  H  a  u  s- 
är  z  te  und  Leibärzte  erfreuten  sich  häufig  glänzender  Einnahmen.  Die 
Leibärzte  der  ersten  Kaiserzeit  erhielten  ein  Jahrgehalt  von  250  000  Ses- 
terzen.  Aber  Quintus  Stertinius  rechnete  es  dem  Kaiserhause  als 
Opfer  an,  dass  er  mit  dem  Doppelten  zufrieden  war,  da  er  nachweisen 
konnte,  dass  seine  Stadtpraxis  ihm  600000  Sesterzen  (21 750  Mark)  einge- 
tragen habe.  Er  und  sein  Bruder  C.  Stertinius  Xenophon,  ebenfalls 
Leibarzt  des  Claudius,  hinterliessen  trotz  grosser  Verschwendung 
doch  noch  30  Millionen  Sesterzen  (PI in.,  N.  h.  XXIX,  1).  Das  Ge- 
halt wurde  gewöhnlich   am  1.  Januar  gezahlt  (Mommsen,  ad  Dig. 


1)  Vgl.  Lucian.,  Alexandr.  3,  11,  24,  86,  89,  42;  Philostrat.  Vitt.  soph.  II,  5. 
Vgl.  E.  Zell  er,  „Alexander  Peregrinus.  Ein  Betrüger  und  Schwärmer."  In: 
Deutsche  Eundschau  1877. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    579 

XIX  5,  26),  bisweilen  auch  nach  dem  Tode  des  Patienten  weiterge- 
zahlt (Dig.  XXXIII,  1,  10  §  1).  Auch  einzelne  Kuren  wurden  bis- 
weilen sehr  hoch  honoriert.  So  zahlte  der  Legat  von  Aquitanien, 
Manilius  Cornutus  200000  Sesterzen  für  Behandlung  eines  Haut- 
leidens (PI in.,  N.  h.  XXVI,  4).  Dieselbe  Summe  musste  ein  reicher 
Provinziale  dem  massilischen  Arzt  Charmis  für  zweite  Behandlung 
entrichten  (P 1  i  n.  XXIX,  29).  Galen  bekam  vom  Consularen  B  o  e  t  h  u  s 
für  die  glückliche  Behandlung  seiner  Gemahlin  400  Goldstücke  =  8700 
Mark  (Galen.  XIV,  647)  und  Hess  sich  selbst  —  tont  comme  chez 
nous  —  für  briefliche  Behandlung  bezahlen,  auf  welche  Weise  er 
von  Rom  aus  im  fernen  Gallien,  Spanien,  Thracien  und  Asien  weilende 
Patienten  kurierte  (Galen.  VIII,  224).  Auch  in  den  Provinzen  wurden 
hohe  Aerztehonorare  gezahlt,  wie  denn  z.  B.  der  Chirurg  A 1  c  o  n  in  Gallien 
während  seines  Exils  innerhalb  weniger  Jahre  10  Millionen  Sesterzen 
(2175000  Mark)  erwarb  (Plinius,  N.  h.  XXIX,  22).  Selbst  in 
kleineren  Städten  war  die  Praxis  oft  einträglich.  Nach  der  Grabschrift 
des  freigelassenen  „klinischen  Arztes  und  Augenoperateurs"  P.  Deci- 
mi US  Eros  Merula  in  Assisi  hatte  er  für  seine  Freilassung  4000 
Sesterzen,  für  weitere  Vergünstigungen  69000  Sesterzen  bezahlt  und 
hinterliess  doch  noch  520000  Sesterzen  (Mommsen  in:  Hermes 
Bd.  XIII  S.  120).  Der  Arzt  Heraclitus  in  Rhodiapolis  in  Lycien 
hatte  dort  unentgeltlich  praktiziert,  sich  aber  durch  Praxis  an  anderen 
Orten  ein  grosses  Vermögen  erworben,  so  dass  er  seiner  Vaterstadt 
einen  Tempel  des  Aesculap  und  der  Hygiea  samt  deren  Bildsäulen, 
ausserdem  noch  60000  Sesterzen  schenken  konnte  (CJL III,  4315n  S.  1148). 
Die  Laien  waren  übel  auf  die  Habsucht  der  Aerzte  zu  sprechen  (P 1  i  n. 
XXIX,  21).  Der  Verfasser  der  „Medicina  Plinii"  erzählt  von  Aerzten, 
die  aus  Geldgier  Kuren  übernahmen,  denen  sie  nicht  gewachsen  waren, 
die  wertlose  Heilmittel  zu  ungeheuerlichen  Preisen  verkauften  und  die 
unschuldigsten  Krankheiten  in  die  Länge  zogen,  um  grössere  Ein- 
nahmen zu  erzielen  (Plinii  quae  fertur  medicina  ed.  V.  Rose  S.  1). 
Indessen  wurden  auch  hier  durch  die  Ueberfüllung  des  ärztlichen 
Standes  gewisse  Grenzen  gezogen.  Wie  Plinius  sagt,  ermässigte  die 
Konkurrenz  die  Honorarforderungen  der  Aerzte  (XXIX,  21).  Viele 
derselben  waren  und  blieben  zeitlebens  ohne  Vermögen,  besonders 
diejenigen,  welche  Armenpraxis  ausübten  (Galen.  XII,  916). 

3.   Bürgerliche  Stellung  der  Aerzte. 

Das  bürgerliche  Ansehen  der  Aerzte  in  der  Kaiserzeit  war  ein 
sehr  grosses  und  wurde  durch  die  von  den  einzelnen  Kaisern  ihnen 
verliehenen  Vorrechte  noch  bedeutend  erhöht.  Julius  Caesar  ver- 
lieh 46  V.  Chr.  sämtlichen  Aerzten  das  Bürgerrecht  (Sueton.,  Caesar 
cap.  42;  Augustus  cap.  42),  indem  er  vielleicht  durch  die  Rücksicht 
auf  die  Gesundheitspflege  des  Heeres  dazu  veranlasst  wurde  (Fried- 
1  an  der  I,  337).  Zum  Danke  für  seine  Heilung  durch  Antonius 
Musa  (s.  unten)  verlieh  dann  Augustus  den  Aerzten  die  Abgaben- 
freiheit (Immunität,  äTikeia)  [Dio  Cassius  53,  30j  sowohl  von 
Grundsteuer  als  auch  persönlichen  Abgaben.  Von  den  späteren  Kaisern 
(Vespasian,   Trajan,^)   Hadrian)   wurde   diese   Immunität   er- 


^)  Trajan  verlieh  dem  Hausiatralipten  des  jüngeren  Plinius,  Harpokras, 
und  dessen  Arzt  Mariuus  das  Bürgerrecht  (PI in.,  Epist.  lib.  X  ep,  4 — 6,  22 — 23). 

57* 


580  Iwan  Bloch. 

neuert.  Hadrian  befreite  die  Aerzte  von  der  Verpflichtung  der 
Uebernahme  öffentlicher  Aemter  und  Funktionen,  welche  Verordnung 
durch  Antoninus  Pius  wiederholt  (Digg.  XXVII  tit.  1  cap.  6  §  8), 
aber  auf  eine  gewisse  Zahl  der  Aerzte  eingeschränkt  wurde  (für 
jede  Stadt  5 — 10).  In  kleinen  Städten  wurde  gewöhlich  dem  dort  ge- 
borenen Arzt  die  Immunität  erteilt.  Alexander  Severus  übertrug 
das  Recht  der  Immunitätsverleihung  den  stimmfähigen  Bürgern  (ordines) 
und  Grundbesitzern  (possessores),  während  die  Behörden  (decuriones) 
dem  Betreffenden  das  Gehalt  zahlen  mussten  (Dig,  Lib.  50  cap.  1; 
cap.  4  §  2).  Neben  dieser  öffentlichen  Besoldung  (salaria)  hervor- 
ragender Aerzte  schuf  Aexander  Severus  auch  einen  unentgelt- 
lichen Unterricht  für  arme  Medizinstudierende  in  besonderen  Hörsälen 
(auditoria)  [Lampridius,  Alexander  Severus  cap.  44].  Später  wurde 
noch  die  Vergünstigung  der  Einklagung  des  Honorars  bei  dem  Praeses 
provinciae  hinzugefügt.  Nur  Charlatane  und  Zauberärzte  wurden  aus- 
genommen (Digg.  I  Tit.  13  I  §  Iff.)  Constantinus  war  ein  be- 
sonders eifriger  Gönner  der  Aerzte,  die  er  zum  Unterrichten  möglichst 
vieler  Schüler  ermunterte  (Cod.  Theod.  1.  XIII  tit.  3).  Valentinian 
(370  n.  Chr.)  erteilte  Vorschriften  über  die  Lebensführung  der  Medizin- 
studierenden, worüber  Atteste  und  alljährliche  Berichte  der  Präfekten 
eingefordert  wurden  (Cod.  Theodos.  1.  XIV  tit.  1,  1).  Dies  war  nötig, 
da  in  den  letzten  Jahrhunderten  des  weströmischen  Reiches  und  auch 
unter  den  Byzantinern  das  studentische  Leben  einen  ausgelassenen 
Charakter  annahm  und  viele  Analogien  mit  modernen  Verhältnissen 
aufwies  (Trinkgelage,  Verbindungswesen,  Schulden  u.  s.  w.).  An  den 
Hochschulen  in  Athen,  Antiochia,  Alexandria,  in  Italien,  Gallien  und 
Spanien  erteilten  nicht  bloss  Professoren  (Jatrosophisten),  sondern  auch 
praktische  Aerzte  als  Privatdozenten  („Pädagogen")  den  medizinischen 
Unterricht,  der  aber  in  der  byzantinischen  Zeit  wesentlich  theoretisch 
war,  da  selbst  Tiersektionen  als  „Zauberei"  verpönt  waren  (Theo- 
phil. Protospath.,  „De  corp.  hum.  fabrica"  ed.  Gr eenhiU, 
Oxford  1842,  S.  129  u.  151). 


4.   Leibärzte. 

Neben  einem  sehr  grossen,  meist  aus  Sklaven,  die  die  verschieden- 
sten Spezialitäten  ausübten,  bestehenden  ärztlichen  Hauspersonal  (Corp. 
inscr.  latin.  VI,  8646 ;  8647  [medic.  domus  Augustianae] ;  8656  [medic. 
dom.  Pal.];  8671  [medicus  ex  hortis  Sallustianis],  Sueton.  CaligulaS; 
Scribon.  Larg.  cap.  120;  ut  ab  eins  (Cassii)  servo  Alimeto  accepi, 
legato  Tiberii  Caesaris  [d.  h,  der  durch  Vermächtnis  an  Tiberius 
kam]  quia  is  eam  solitus  erat  componere)  waren  schon  seit  der  ersten 
Kaiserzeit  Leibärzte  bei  Hofe  angestellt,  die  natürlich  durch  hervor- 
ragende Geistesgaben  oder  eminentes  therapeutisches  Talent  die  Auf- 
merksamkeit des  betreffenden  Caesar  erregt  hatten.  Mehrere  von 
ihnen  verdienen  auch  in  der  Geschichte  der  Medizin  eine  Erwähnung. 

Der  Kaiser  August us^)  hatte  als  Trium vir  zuerst  den  Marcus 
Artorius,  einen  Schüler  des  Asklepiades,  zum  Arzte,  welcher 
ihm  in  der  Schlacht  bei  Philippi  das  Leben  rettete.    Es  wird  erzählt, 


^)  Dubois  d'Amiens,  „Recherches  historiques  sur  la  vie  privee  de  l'empereur 
Auguste,  ses  maladies  etc."  Bulletin  de  l'academie  de  medecine,  Paris  1869,  Bd. 
XXIII  S.  762  ff. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    581 

dass  er  durch  einen  Traum  von  der  seinem  Herrn  drohenden  Gefahr 
unterrichtet  wurde  und  dass  er  den  schwerkranken  Octavianus 
in  einer  Sänfte  aus  dem  Lager  entfernte,  welches  im  Laufe  der 
Schlacht  von  Brutus  erobert  wurde.  Artorius  kam  10  Jahre 
später,  nach  der  Schlacht  bei  Actium,  durch  Schiffbruch  ums  Leben. 
Die  Bewohner  von  Smyrna  errichteten  ihm  ein  Grabmal  mit  der  In- 
schrift „Der  Asklepiade"  ^)  (Vellejus  Paterculus  II,  70;  Va- 
lerius  Maximus  I,  7,  1 ;  Plut.  Brut.  cap.  41;  Dio  Cass.  47,  41). 
Nach  Caelius  Aurelianus  (acut.  III,  14)  schrieb  Marcus  Ar- 
torius ein  Werk  über  Hydrophobie  und  nach  Clemens  Alexan- 
drin us  (Paedag.  II,  2)  über  Makrobiotik.  —  Unter  den  späteren 
Leibärzten  des  Augustus  ist  besonders  Cajus  Aemilius  (daraus 
verderbt:  „Camelius'')  zu  erwähnen,  der  den  Kaiser  sehr  verzärtelte, 
u.  a.  das  Dach  seines  Schlafzimmers  mit  Tierfellen  behängen  Hess 
(Vet.  Schol.  ad  Horat.  Epist.  I,  15),  grosse  Scheu  ( religio  nimia)  hatte, 
bei  einem  Gichtanfalle  dem  Caesar  die  ,.Lactuca"  zu  gestatten,  statt 
dessen  ihn  mit  erhitzenden  Mitteln  behandelte  (velleribus  muniret; 
P 1  i  n.  N.  h.  XIX  cap.  8),  wie  er  denn  auch  gegen  das  Fussleiden  des 
Kaisers  warme  Sandbäder  und  Umschläge  von  in  Essig  gekochten 
Rohrwurzeln  zur  Anwendung  brachte  (PI in,  a.  a.  0.). 

Der  berühmteste  Leibarzt  des  Augustus  war  Antonius 
Musa.^)  [„Musa"  ist  Hypokoristikon  von  Moiaoöiogog.]  Er  hatte  im 
Jahre  23  v.  Chr.  den  Kaiser  von  seinen  hartnäckigen  rheumatisch- 
gichtischen  Beschwerden  und  einem  Leberleiden  durch  eine  methodische 
Kaltwasserkur  (Wassertrinken  und  kalte  Bäder)  und  durch  Anwendung 
von  Lattich  befreit,  wofür  er  zum  Ritter  ernannt  wurde,  mit  dem 
Rechte  der  „nobilitas"',  goldene  Ringe  zu  tragen,  =^)  reiche  Geschenke 
und  ein  Standbild  im  Tempel  des  Aeskulap  bekam  (S  u  e  t  o  n.,  Augustus 
59;  Dio  Cass.  53,  30).^)  Ebenso  wurde  sein  Bruder  Euphorbus 
geehrt,  der  Leibarzt  des  Königs  Ju  ba  IL  von  Numidien,  welch  letzterer 
eine  von  ihm  gefundene  Pflanze  seinem  Arzte  zu  Ehren  „Euphorbia" 
benannte  (PI in.  nat.  bist.  XXV,  77).  In  kurzer  Zeit  wurde  Musa 
als  Hydrotherapeut  schnell  berühmt,  behandelte  z.  B.  auch  den  H  o  r  a  z 
(Epistol.  I,  15,  2),  ging  aber  seines  Rufes  verlustig,  als  Marcellus 
trotz  der  von  Musa  eingeleiteten  Kaltwasserkur  starb  (Dio  Cass. 
53,  30).  Nach  Galens  Mitteilungen  verfasste  Antonius  Musa 
pharmakologische  Schriften  in  griechischer  Sprache   (Gal.  XU,  989; 


^)  Car.  Patin,  „Comraentarius  in  cenotaphium  Marci  Artorii,  medici  Caesaris 
Angusti,  a  Smyrnensibus  positum",  Patavii  1689,  4 ". 

-)  L.  0.  und  J.  F.  Grell,  „Dissertatio  exhibens  Antonium  Musam  Angusti 
medicum  etc.",  Leipz.  1725,  4  **  (auch  in:  J.  C.  G.  Ackermann,  „Opuscula  ad 
medicinae  historiam  pertinentia"  1797  S.  343 — 382);  J.  C.  G.  Ackermann,  „De 
Antonio  Musa  Prolusio  et  libris  qui  üli  adscribuntur'-.  Alt^rf  1786,  4°;  Gardt- 
b au sen,  „Augustus  und  seine  Zeit",  1.  Tl.  Bd.  II,  Leipzig  1896,  S.  724;  2.  Tl. 
2.  Bd.,  Leipz.  1896,  S.  402;  Spalikowski,  „Antonius  Musa  et  l'hydrotberapie 
froide  ä  Rome",  Paris  1897;  M.  Wellmann  bei  Pauly-Wissowa  1894.  Bd.  I 
Spalte  2633;  Prosopograpbia  imperii  Romani,  Berlin  1897,  Bd.  I  S.  101  Nr.  680; 
H.  Schanz,  „Geschichte  der  römischen  Litteratur",  München  1901,  Bd.  11  Tl.  1 
S.  355—356. 

")  Ueber  die  Rolle  des  Ringes  bei  den  medizinischen  Promotionen  vgl.  J.  C. 
W.  Möhsen,  „Commentatio  de  medicis  equestri  dignitate  ornatio",  Berlin  1767,  4°. 
—  Brouchoud,  „Sur  la  noblesse  des  medecins  et  des  avocats  jusqu'au  18me  siecle" 
in:  Gaz.  med.  de  Paris  1860  S.  275 ff.;  Gazette  med.  de  Lyon  1860  S.  193 ff- 

^)  Eine  im  Vatikan  befindliche  Statue  eines  jugendlichen  Aeskulap  gilt  als  die 
des  Musa  (M.  Albert,  „Les  medecins  grecs  ä  Rome",  Paris  1894,  S.  119). 


582  Iwan  Bloch 

XIII,  463).  Die  unter  seinem  Namen  bei  Galen  sich  findenden  Re- 
zepte (Gal.  XI,  87;  137;  XII,  636;  XIII,  108;  263;  8332  u.  m.)  ge- 
hören wirklich  ihm,  nicht  dem  Petronius  Musa. 

Scribonius  Largus  (cap.  110)  erwähnt  ein  „medicamentum 
siccum"  aus  Aloe,  Crocus,  Zimmt,  syi'ischer  Narde,  Mastix,  welches 
„refertur  in  Musam  Antonium"  und  gegen  Magenbeschwerden  und 
Gelbsucht  wirkt.  Auch  bei  Oreibasios  (ed.  Dar.  V,  788)  findet  sich 
ein  „TQOxioi^og  6  MovGa^\  ebenso  bei  Aetios  (Tetrab.  I  Serm.  IV, 
cap.  12;  Tetrab.  II,  Serm.  II,  cap.  82).^) 

Unter  dem  Namen  des  Antonhis  Musa  gehen  ztvei  Schriften  „De  herha 
betonica^^  (mit  zwei  Gedichten  in  Senaren  „Precatio  terrae"  %md  ,,Precatio  omnium 
herbarum")  und  „De  tuenda  valetudine  ad  Maecenatem".  In  einem  Codex  des  12.  Jahr- 
hunderts (Ms.  K.  IV,  3)  der  Biblioteca  Nazionale  in  Turin  geht  der  Abhandlung 
über  das  betonische  Kraut  eine  „Epistola  Antonii  Musae  ad  Agrippam"  voraus,  ^) 
und  in  zwei  Codices  Laurentiani  (73,  41  saec.  XI  und  73,  16  saec.  XIII)  wird  das 
zweite  der  Schrift  beigegebene  Gedicht  als  ein  von  Antonius  JHusa  herrührendes 
und  an  M.  Agrippa  gerichtetes  bezeichnet. '')  Die  zweite  Schrift  ist  ein  Fragment. 
Sie  erscheint  in  der  Ausgabe  des  Marcellus  von  Helmreich  (Leipzig  1889,  S.  9) 
als  „epistula  alia  eiusdem  Hippocratis  ex  Graeco  translata  ad  Maecenatem".  Beide 
Schriften  sind  späteren  Ursprungs  und  haben  mit  Antonius  Musa  nichts  zu 
thun.  Die  erstere  nennt  46  Krankheiten,  gegen  welche  Betonica  anzuwenden  sei.*) 

Tiberius  hatte  den  Charikles  zum  Leibarzt  (Sue ton.  Tiber, 
cap.  72;  Tacit.  Ann.  VI,  50),  Caligula  und  Claudius  den 
Quintus  Stertinius  und  Cajus  Stertinius  Xenophon  von 
der  Insel  Kos,**)  die  direkten  Nachkommen  der  Asklepiaden.  Der 
letztere  machte  43  n.  Chr.  mit  Claudius  den  britannischen  Feld- 
zug mit  (als  „tribunus  militum")  und  erhielt  dafür  44  die  Corona 
aurea  und  hasta  pura  (Paton  u.  Hicks  „The  Inscriptions  of  Cos" 
Oxford  1891,  Nr.  345).  Xenophon  liess  durch  Claudius  seinen 
kölschen  Mitbürgern  viele  Wohlthaten  zukommen  (z.  B.  Steuerfreiheit 
53  n.  Chr.),  wie  mehrere  Inschriften  bezeugen.  Er  wohnte  in  einem 
Privathause  am  mons  Caelius.  Von  seinem  römischen  Haushalte  ist 
die  Grabschrift  einer  Sklavin  erhalten  (Corp.  inscr.  latin.  Bd.  VI  Nr. 
8905),  ferner  wurde  in  der  Villa  Casali  eine  Bleiröhre  mit  der  Inschrift 
„Stertini  Xenophontis"  gefunden.^)     Er  soll  im  Jahre  54  n.  Chr.  im 


^)  E.  Meyers  Ausführungen  („Geschichte  der  Botanik",  Königsb.  1855,  Bd.  II 
S.  48—54),  dass  Antonius  Musa  niemals  geschriftstellert  habe,  vielmehr  mit 
Petronios  Musa  verwechselt  worden  sei,  den  Galen  einmal  statt  seiner  er- 
wähnt, sind  m.  E.  deswegen  nicht  haltbar,  weil  doch  Scribonius  Largus  ganz 
deutlich  den  Antonius  Musa  als  Erfinder  einer  pharmaceutischen  Vorschrift  er- 
wähnt, was  durchaus  mit  den  Angaben  Galens  über  die  pharmakologische  Schrift- 
stelierei  desselben  übereinstimmt. 

^)  Piero  Giacosa,  „Magistri  Salernitani  nondum  editi",   Turin  1901,  S.  358. 

'')  Bährens,  „Miscellanea  critica",  Groningen  1878  S.  107. 

*)  Die  Schrift  „De  herba  Betonica"  ist  an  letzter  Stelle  abgedruckt  in  „Albani 
Torini  Collectio",  Basil.  1528,  fol. ;  ferner  in  den  Ausgaben  des  sogen.  ApulejusPlato- 
nicus  von  Wechel,  Paris  1528,  und  Humelberg,  Zürich  1537;  in  der  „Collectio 
Aldina",  Vened.  1:47,  fol  ;  in  Ackermanns  ,,Parabilium  medicinarum  scriptores", 
Nürnb.  1788,  S.  127  ff.  Die  Schrift  „De  tuenda  valetudine"  in  der  Ausgabe  des 
Sextus  Placitus,  Nürnberg  1538.  Beide  Schriften  in :  Antonii  Musae  qui  Augusti 
Caesaris  medicus  fuit,  fragmenta,  quae  extant,  collegit,  nunc  primum  praefatus  est 
comment.  et  notas  addidit  Florian.  Caldani,  Bassano  1800,  8^  —  Ueber  angel- 
sächsische Uebersetzungen  vgl.  Haeser  Bd.  I  S.  298  u.  628. 

*)  Litteratur  über  C.  Stertinius  Xenophon  s.  oben  S.  307  Anm.  1;  ausser- 
dem J.  M.  Cyrnos,  „Un  medecin  de  l'empereur  Claude"  in:  Journal  d'hygiene, 
Paris  1882.  Bd.  VII  S.  565—569. 

«)  Bulletino  comunale  di  Roma  1886  S.  104,  1160. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  iu  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    583 

Einverständnisse  mit  Agrippina  seinen  kaiserlichen  Herrn  vergiftet 
haben  (Tacit.  Ann.  XII,  67,^)  kehrte  später  nach  Kos  zurück,  wo  er 
zum  Oberpriester  gewählt  und  zahlreiche  Ehren  empfing  (Weihung  der 
Exedra  im  Theater  mit  der  Inschrift  fJQwg ;  Münzen  mit  seinem  Bilde). 
Alle  Ehrentitel  des  Stertinius  Xenophon  sind  auf  der  Inschrift 
eines  viereckigen  Altars  verzeichnet,  den  Johannes  Kallisperes 
im  Jahre  1898  beim  Tempel  des  Apollon  zu  Kalymnos  aufgefunden 
hat  (abgedruckt  bei  Herzog  a.  a.  0.  S.  198).  Mit  Recht  nennt 
Herzog  (S.  199)  den  C.  Stertinius  Xenophon  eine  „Figur  für 
einen  Sittenroman". 

Die  Aerzte  Neros  waren  die  beiden  Andromachos  (s.  oben ; 
Gal.  XIV,  211),  der  Leibarzt  Trajans,  der  ihn  auch  in  den  deutschen 
Krieg  begleitete,  war  Kr i ton  (Martial.  XI,  60,  6),  der  Hadrians 
Hermogenes  (Dio  Cass.  LXIX,  22),  der  Marc  Aureis  Deme- 
trios  (Gal.  XIV,  4).  Als  dieser  gestorben  war,  fragte  der  an  der 
Donau  befindliche  Marc  Aurel  bei  dem  Vorsteher  des  kaiserlichen 
Finanzamtes  an,  welcher  Arzt  gegenwärtig  kaiserlichen  Sold  empfange, 
und  als  er  erfuhr,  dass  dies  Galen  sei,  wurde  dieser  zum  Nachfolger 
des  Demetrios  ernannt  (Gal.  XIV,  4). 


5.   Archiatri. 

Die  Leibärzte  bildeten  seit  Claudius  einen  Bestandteil  der  be- 
sonderen Institution  der  Archiatri  (ägxicxTQÖg,'^)  davon  das  deutsche 
„Arzt"  [althochdeutsch  „arzät",  mittelhochdeutsch  „arzät,  arzet"]).  Der 
erste  Arzt  mit  dem  Titel  dQxiatQog  ist  nicht,  wie  bisher  angenommen 
wurde,  der  ältere  Andromachos,  sondern  bereits  C.  Stertinius 
Xenophon  führt  den  Titel  ÖQxiatQÖg  t&v  d^eCov  leßaatwv  (Bulletin 
de  Corresp.  Hellenique  Bd.  V,  S.  479).  Wir  wissen  nicht,  ob  Kaiser 
Claudius  als  erster  bestimmten  Aerzten  den  Titel  eines  Archiater 
verliehen  hat  und  seit  wann  derselbe,  wie  im  4.  Jahrhundert  (Cod. 
Theod.  XIII,  3)  mit  einem  Einkommen  und  anderen  Privilegien  ver- 
knüpft war.  Nach  Galen  (XIV,  211)  bekam  Andromachos  von 
Nero  diesen  Titel,  weil  er  sich  durch  praktische  und  theoretische 
Kenntnisse  auszeichnete  und  „über  uns  alle  herrschen  {äQXEiv)  soll".*^) 
Nach  Brian  führten  fünf  verschiedene  ärztliche  Beamte  den  Titel 
„Archiater":  1.  die  kaiserlichen  Leibärzte  (archiatri  sacri  palatii), 
2.  die  Provinzialstadtärzte  (archiatri  municipales,  populäres,  äQxiazQog 
TtöXetog),  3.  die  angestellten  Aerzte  der  zwei  kaiserlichen  Städte  (Rom 
und  Byzanz),  4.  die  Präsidenten  der  medizinischen  Gesellschaften  und 
Schulen  (archiatri  scholares),  5.  die  der  öffentlichen  Gymnasien  und 
die  Aerzte  der  Vestalinnen.  „Superpositus  medicorum"  und  „supra 
medicos"  auf  Grabinschriften  ist  nicht  gleichbedeutend  mit  Archiater, 
sondern  bedeutet  Oberarzt,  der  die  Aufsicht  über  die  Sklaven  (Unter-)- 


*)  Griechische  Aerzte  gaben  sich  öfter  zu  solchen  Meuchelmorden  her,  was 
ihnen  besonders  von  Plinius  (N.  h.  XXIX,  20)  vorgeworfen  wird,  wie  denn  auch 
Eudemos,  der  Leibarzt  der  Li  via,  den  Drusus  iimbrachte  (Tac,  Ann.  IV,  3,  11; 
Plin.  XXIX,  20).  Nicht  weniger  wurden  sie  des  Ehebruchs  mit  fürstlichen  Frauen 
geziehen  (Plin.  a.  a.  0.). 

^)  Ueber  die  Etymologie  und  Bedeutung  vgl.  Haeser  I,  413. 

*)  Vgl.  dazu  noch  Brian  a.  a.  0.  S.  20ff. ;  Erotian.  ed.  Klein,  Leipzig  1865, 
S.  29:  „d^x^ar^e  'AvS^öftaxe;  Galen  ,  De  antidot.  I,  1;  Lebas  et  Waddington, 
„Voyage  archeologique  en  Gr^ce"  TU,  1695  (d^x^ar^de  leßaariüv). 


584  Iwan  Bloch. 

ärzte  führt.  Galen  bezeichnet  noch  zwei  Zeitgenossen  als  „Archiatri", 
den  M a g n 0 s ,  Leibarzt  des  Antoninus  Pius  und  den  Demetrios, 
Leibarzt  des  Marc  Aurel  (Galen  XIV,  4;  XIV,  211).  Man  findet 
aber  bei  den  lateinischen  Autoren  bis  auf  Constantin  diesen  Titel 
durchaus  nicht  (B  r  i  a  u  S.  25),  erst  von  da  ab  erscheint  er  als  offizielle 
Bezeichnung.^) 

Die  Archiatri  palatini  oder  sacri  palatii,  Hofärzte, 
werden  zuerst  unter  Alexander  Severus  erwähnt,  der  aber  von 
den  sieben  Hofärzten  nur  einem  einzigen  einen  Gehalt  bewilligte, 
während  die  übrigen  sich  mit  Naturallieferungen  (Getreide,  Oel  u.  dgl.) 
begnügen  mussten  (Alexander  Sev.  cap.  42). 

Gemeinde- und  Stadtärzte,  aus  denen  später  die  archiatri 
populäres,  municipales,  ägxiarQol  ifjg  Tco'Aewg hervorgingen, 
hatte  es  in  Griechenland  schon  in  der  hippokratischen  Periode  ge- 
geben,'-) auch  in  Rom  werden  Stadtärzte  schon  früh  erwähnt.  Strabo 
gedenkt  der  Anstellung  von  Stadtärzten  in  Massilia  und  anderen 
gallischen  Städten  (III,  1;  IV,  181),  ein  M.  ül pius  Sporns,  früherer 
Militärarzt,  wird  als  „medicus  salararius  civitatis*  splendidissimae 
Ferentinensium"  in  einer  Grabschrift  aus  der  Zeit  Trajans  genannt 
(Orelli  „Inscript.  latinar.  selectar.  collectio"  Nr.  31507).  Seit  dem 
2.  Jahrhundert  waren  wohl  in  den  meisten  Städten  besoldete  Aerzte 
angestellt,  die  in  ihnen  zur  Verfügung  gestellten  iargsla  die  Kranken 
behandelten  (Gal.  XVIII  B,  678).  Eine  eigentliche  Regelung  des 
Gemeindearztwesens  erfolgte  jedoch  erst  unter  Valentinian  I.  in 
in  den  Jahren  368  —  370  n.  Chr.  Die  erste  Verordnung  des  Kaisers 
an  d€n  Stadtpräfekten  von  Rom  setzte  die  Zahl  der  Archiater  auf  je 
1  für  jede  Stadtregion  fest,  also  im  ganzen  auf  14,  ausser  den  Aerzten 
der  Athletengenossenschaft  (porticus  Xysti)  und  der  Vestalischen 
Jungfrauen.  Diese  sollten  zugleich  als  Armenärzte  fungieren  und 
daher  aus  öftentlichen  Mitteln  besoldet  werden,  durften  aber  auch 
Honorare  annehmen.  Bei  Vakanzen  sollte  der  neue  Kandidat  vom 
Kollegium  der  Archiatri  selbst,  nicht  mehr,  wie  früher,  von  den  Bürgern 
dem  Kaiser  vorgeschlagen,  und  zwar  nur  ein  solcher  ,,qui  ipsorum 
consortio  et  archiatriae  ipsius  dignitate  et  nostro  judicio  dignus  habe- 
atur"  (Cod.  Theodos.  XIII,  3,  8).  Ein  zweiter  Erlass  vom  Jahre  370 
bestimmte,  dass  der  neue  Archiater  nur  mit  Zustimmung  der  sieben 
Ael testen  gewählt  werden  könne  und  immer  die  letzte  Stelle  erhalte 
(Cod.  Theodos.  XIII,  3,  9;  Cod.  Theodos.  XIII,  3,  13;  Symmachus, 
Epistolae,  Napol.  1647,  X,  40).  Ferner  wurden  die  Archiatri  durch 
ein  besonderes  kaiserliches  Reskript  ermahnt  „lieber  in  rechtschaffener 
Weise  den  Armen  zu  Hilfe  zu  kommen,  als  schmählich  den  Reichen 
zu  dienen.  Wir  erlauben  ihnen  anzunehmen,  was  ihnen  die  Gesunden 
für  ihre  Dienste  anbieten,  aber  nicht,  was  ihnen  die  Kranken  in  der 
Gefahr  für  ihre  Rettung  versprechen."  (Cod.  X,  52,  9.)  Auch  in  den 
Provinzialstädten  bildeten  die  Archiatri  populäres  solche  Kollegien 
(von    7    bezw.    5  Mitgliedern),   wie    z.  B.    in  Benevent    und    Turin 


*)  Auf  Inschriften  werden  einzelne  Stadtärzte  vor  und  nach  Antoninus 
Pius,  der  die  Zahl  der  von  den  Stadtbehörden  zu  ernennenden  steuerfreien  Aerzte 
auf  10  für  grosse,  7  für  mittlere,  5  für  kleine  Städte  festsetzte  (Digg.  XXVII  1,  6 
§  2),  als  Archiater  bezeichnet,  so  in  Kleinasien  und  Griechenland,  in  Benevent  ein 
Mann  von  ritterlicher  Abkunft  und  erster  Kommunalbeamter,  in  Pisaurum  ein  Frei- 
gelassener,  in  Acclanum   ein  Grieche,  in  Venusia  ein  Jude  (Friedländer  I,  338). 

2j  Siehe  oben  S.  182-183. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Staudesverhältuisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    585 

(Friedländer  I,  337)  und  waren  in  den  griechischen  Städten  oft 
zugleich  Priester  des  Asklepios  (Corp.  inscr.  graecar.  Nr.  4315  nV) 
Die  offiziellen  Stadt-  und  Gemeindeärzte  genossen  viele  Privilegien 
(Steuerfreiheit,  Ablehnung  von  anderen  Aemtern,  Vergünstigungen  vor 
Gericht,  Schutz  gegen  Beleidigungen  u.  a.  m.).  In  byzantinischer  Zeit 
kamen  noch  Rangerhöhungen  und  Ehrentitel  hinzu  wie  V.  P.  =  vir 
perfectissimus,  was  den  Ritterrang  bedeutete,  aber  auch  mit  einer 
Steuer  (aurum  oblatibilium)  verbunden  war.  ferner  die  „comitiva  digni- 
tas",  die  in  drei  Grade  zerfiel  vom  Range  der  Provinzialpräfekten, 
der  Vicarii  und  der  Duces.  Die  kaiserlichen  Leibärzte  erhielten  nach 
längerer  Dienstzeit  die  letzteren  Rangerhöhungen  und  hiessen  dann 
„Comes  archiatrorunl"  mit  dem  Prädikat  „Vir  spectabilis",  welchen  Titel 
noch  heute  die  Dekane  der  medizinischen  Fakultäten  führen.-)  Auch 
Titel  wie  (ixiota(»iog= kaiserlicher  Hofarzt,  nQonoonaS-dQiog  =  Oherster 
der  Leibwache,  ^ivgeipög  =  Salbenkoch  begegnen  uns,  die  nicht  etwa 
als  Familiennamen  aufzufassen  sind.  Unter  Constantinus,  der  die 
dozierenden  Archiatri  durch  Honorare  auszeichnete  (Cod.  III  tit.  14), 
kommen  zuerst  emeritierte  Archiatri,  „ex  archiatris,"  vor.  Alle  diese 
Verhältnisse  blieben  im  wesentlichen  auch  unter  den  germanischen 
Herrschern  von  Italien  und  Frankreich  bestehen,  wie  aus  einer  Ver- 
ordnung des  Theoderich  über  die  Rechte  und  Pflichten  des  Comes 
archiatrorum  ^)  hervorgeht. 

6.   Andere  öffeniliche  Aerzte. 

Unter  den  übrigen  öffentlichen  Aerzten  sind  besonders  die  Gladia- 
toren- und  Theaterärzte  zu  nennen,  welche  bei  den  Gladiatoren- 
schulen, den  Schauspielen,  Zirkuskämpfen  u.  s.  w.  angestellt  waren, 
um  dem  Personal  ärztliche  Hilfe  zu  teil  werden  zu  lassen. 

Die  Gladiatoren  schulen  in  Rom  (nahe  dem  Amphitheater  des 
Flavius),  in  Capua,  Praeneste,  Ravenna  und  Alexandria  lagen  an  ge- 
sunden Orten,  da  man  auf  das  Wohlbefinden  der  Fechter  die  grösste 
Rücksicht  nahm.  Die  Gladiatorenärzte  (medici  ludi  gladiatorii)  mussten 
dieselben  in  diätetischer  Hinsicht  genau  überwachen.  Eine  Art  von 
antiker  Mastkur  zur  kräftigen  Herausbildung  der  Muskulatur  wurde 
meistens  durch  Darreichung  von  Gerstenspeisen  vorgenommen  (Cypri- 
anus,  Epp.  2:  „impletur  in  succum  cibis  fortioribus  corpus,  ut  arvinae 
toris  moles  robusta  pinguescat,  ut  saginatus  in  poenam  carius  pereat"), 
wovon  die  Gladiatoren  auch  Gerstenesser  (hordearii)  genannt  wurden 
(PI in.,  Nat.  hist.  XVIII,  72).  Nach  Galen  bekamen  die  von  ihm  be- 
handelten Gladiatoren  in  Pergamus  täglich  Bohnenbrei  mit  Gersten- 
graupen, wodurch  aber  das  Fleisch  nicht  straff  und  fest,  sondern  locker 
wurde  (G  a  1.  VI,  529).  Auch  J  u  v  e  n  a  1  schilt  über  das  schlechte 
„Gemengsei  der  Fechtschule''  (Juven.  XI,  20).  Auch  Einreibungen 
der  Gladiatoren  wurden  durch  besondere  Sklaven  (unctores)  vorgenommen 
(Corp.  inscr.  latin.  VI  Nr.  631).  Bei  den  Kämpfen  der  Gladiatoren  im 
Zirkus   waren   stets  Aerzte  und  Chirurgen  zugegen,   welche  sich  der 


*)  Inschriften  von  solchen  d^yiar^oi  TioXeco?  bei  Haeser  I,  415. 

^)  Gibbon,  History  of  the  decline  and  fall  of  the  Roman  empire",  Basel  1787 
Bd.  III  S.  22. 

^)J.  H.  Meibomius,  „Mag'ni  Anrelii  Cassiodori  formula  comitis  archia- 
troram  commentariolo  illustrata",  Helmstädt  1665,  4°. 


586  Iwan  Bloch. 

Verletzten  annahmen.  Es  gab  besondere  Vorschriften  für  die  Behand- 
lung- von  Gladiatorenwunden  (PI in.,  N.  h.  XXVI,  135;  Scribon. 
Larg.  102;  203;  207;  208).  Ott  bot  sich  bei  den  Hinrichtungen  durch 
wilde  Tiere  den  anwesenden  Aerzten  Gelegenheit  anatomische  Studien 
in  vivo  zu  machen,  indem  durch  die  grässlichen  Wunden  innere  Körper- 
teile blossgelegt  wurden  (Gal.  II,  885;  Gels.,  Praef.l  Die  bei  den 
Tierkämpfen  anwesenden  Aerzte  Messen  „medici  ludi  bestiarii"  oder 
„ludi  matutini".  ^)  Auch  bei  den  durch  Volksgedränge  entstehenden 
Unglücksfällen  waren  Aerzte  stets  zugegen,  wie  z.  B.  nach  der  Er- 
mordung des  Caligula  (FlaviusJosephus,  Antiquit.  judaic.  XIX, 
1).  Es  gab  ferner  Theaterärzte,  Aerzte  für  das  Personal  der  öffent- 
lichen Gärten,  Bibliotheksärzte  (medici  a  bibliothecis).-) 


7.  Militärärzte  und  Militärmedizinalwesen. 

Das  römische  Militärmedizinalwesen  ist  nicht  so  alt  wie  das 
griechische  •^)  und  entwickelte  sich  erst  mit  dem  Beginne  der  Kaiser- 
zeit. Wohl  nur  die  Feldherren  hatten  in  der  früheren  Zeit  bei  Kriegen 
ihre  Aerzte  bei  sich  (vgl.  oben  S.  409  den  Militärarzt  M  a  r  u  s ;  ferner 
den  Kleanthes,  Arzt  des  Cato  Uticensis  oder  Glykon,  Arzt  des 
Consuls  Vibius  Pansa  (43  v.  Chr.)  [Plutarch.,  Cato  minor  70; 
Sueton.,  Octavianus  11;  Cicero,  ad  Brutum  6;  Tacit,  Annal.  I,  10]). 
Die  grosse  Masse  der  Soldaten  war  bei  Verletzungen  auf  kamerad- 
schaftliche Hilfe  angewiesen.  Jeder  Soldat  führte  Verbandzeug  mit 
sich  (Dionys.  Halicarn.  IX,  50).  Der  Verletzte  wurde  aus  der 
Linie  getragen  und  verbunden  (im  Lager  oder  in  nahe  gelegenen 
Städten;  Dionys.  Halicarn.  VIII,  65;  Livlus  XXX,  34;  X,  35; 
VIII,  36;  II,  47;  XXII,  54;  XXVII,  2;  XI,  33).  Erst  Caesar  wendete 
der  besseren  Pflege  der  Verwundeten  seine  Aufmerksamkeit  zu  und 
Augustus  stellte  die  ersten  Militärärzte  an. ^)  Nach  Vellejus 
Paterculus  (II,  14)  sorgte  Tiberius  in  den  germanischen  Kriegen 
sogar  für  Bade  Vorrichtungen  im  Lager  seiner  Soldaten.  Aus  der  Zeit 
des  Claudius  stammt  das  Denkmal  des  Regimentsarztes  Claudius 
Hymnus  der  21.  Legion  in  Windisch  in  der  Schweiz.  Es  war  ein 
medicus  libertus  (Brunn er  S.  20 — 21;  Konen  a.  a.  0.  S.  3).  In 
Iversheim  wurde  ein  Stein  mit  der  Inschrift  „medicus  miles"  gefunden 
(ibidem  ^).j  Aerzte  waren  bei  allen  Truppengattungen  angestellt.  In 
Rom  hatten  die  sieben  Cohorten  der  Polizeiwachen  (vigiles)  je  vier 
Aerzte,  die  im  Range  unter  den  Unteroffizieren  standen.  Auch  die 
prätorischeu  Cohorten  (cohortes  urbanae),  die  Leibwache  der  Kaiser, 
hatten  für  jede  Cohorte  vier  Aerzte.  Desgleichen  die  Legionen  (medici 
legionum)  und  Hilfstruppen,     Die  Aerzte  der  Legionen,  der  städtischen 


^)  Inschrift  auf  einen  Arzt  der  Venetischen  Faktion  des  Wettrennens  im  Zirkus 
bei  Brian,  „L'assistance  medicale",  S.  18;  Inschrift  einer  von  den  „venatores*'  zu 
Korinth  ihrem  Arzte  errichteten  Bronzehüste  in:  Corp.  inscr.  graecar.  1106. 

'')  Briau  a.  a.  0.  S.  63. 

^)  Vgl.  über  griechische  Militärärzte  oben  S.  183  —  184. 

*)  Onesander  (ca.  50  n.  Chr.)  erwähnt  zuerst  die  das  Heer  begleitenden 
Aerzte  {^T^aTrjyiy.öe  ed.  Köchly  cap.  1  §  13). 

'')  Hierher  gehört  auch  der  Stein  des  Anicinus  Ingenuus  medicus  ord(inarius) 
coh.  I  Tungr(orum)  (Corp.  inscr.  lat.  VII,  690;  Konen  S.  4);  Galens  abfällige 
Aeusserung  über  Militärärzte  XIII,  604;  Erwähnung  eines  tüchtigen  Militärarztes 
Antigonos  XII,  557. 


Uebersicht  über  d.  ärztl.  Standesverhältnisse  in  d.  west-  u.  oström.  Kaiserzeit.    587 

und  prätorischen  Cohorten  waren  römische  Bürger,  daher  „immunes", 
zum  Teil  auch  „duplicarii",  während  die  Aerzte  der  Cohorten  der 
„vigiles"  und  der  Auxiliartruppen  liberti  und  peregrini  sein  konnten. 

Die  verletzten  und  kranken  Soldaten  (valetudinarii)  wurden  teils 
in  Zelten,  teils  in  Lazaretten  (valetudinaria)  behandelt.  Diese  lagen 
links  von  der  Porta  praetoria,  standen  unter  den  tribuni,  in  der 
Garnison  unter  dem  praefectus  castrorum.  Ihre  Yerwaltungsbeamten 
waren  die  „optiones  valetudinarii",  ^)  die  Lazarettärzte  die  „medici  a 
valetudinario"  (Hyginus,  de  munit.  castror.  cap.  14;  Vegetius,  de 
re  militari  II,  10).  Auch  Krankenställe  für  Pferde  (veterinaria)  wurden 
rechts  von  der  Porta  praetoria,  in  hinreichender  Entfernung  von  den 
Valetudinarien,  errichtet  (mit  einer  Schmiede).  Wiederholt  statteten 
Feldherren  und  Kaiser  wie  Germanicus  (Tacit.,  Annal.  I,  71), 
Trajan  (Plinius  jun.,  Panegjn-.  in  Trajanum  cap.  13),  Alexander 
Severus  (Lampridius,  Alex.  Sever.  cap.  47)  den  kranken  Soldaten 
in  ihren  Zelten  oder  Valetudinarien  Besuche  ab  und  spendeten  ihnen 
Trost.  Von  der  Thätigkeit  der  Militärärzte  unter  Trajan  erhalten 
wir  willkommenen  Aufschluss  in  einer  auf  der  Trajanssäule  dargestellten 
Szene  aus  einem  Treffen  gegen  die  Dacier.  Wir  erblicken  zwei  Ver- 
wundete, den  einen  von  zwei  Kameraden  unterstützt,  den  anderen 
in  der  Obhut  des  Arztes,  welcher  mit  der  Anlegung  eines  Beinver- 
bandes beschäftigt  ist  (vgl.  die  Abbildung  bei  Brunn  er  S.  8). 

Vielleicht  gab  es  auch  Chef-  und  Generalärzte  der  Armee,  worauf 
eine  Stelle  des  Achilles  Tatius  (De  Clitophontis  et  Leukippes 
amoribus,  IV,  10)  zu  deuten  scheint,  wo  von  dem  imgog  tov  oigaro- 
Ttiöov,  der  zu  dem  kranken  Feldherm  gerufen  werden  soll,  die  Rede 
ist.  In  byzantinischer  Zeit  wurden  Sanitätskolonnen  geschaffen,  indem 
unter  dem  Kaiser  Mauritius  (582 — 602),  der  selbst  ein  taktisches 
Werk  schrieb,-)  dem  ersten  Treffen  jeder  Abteilung  von  200—400 
Mann  acht  bis  zehn  unbewaffnete  deoTcoxcaoi,  öinoxönoi  (deputati)  oder 
a-KQißiüveg  (scribones)  beigegeben  wurden,  welche  Wasserflaschen  mit 
sich  führten,  beritten  waren  und  die  Verletzten  aus  dem  Getümmel 
brachten  und  für  jeden  so  Geborgenen  ein  Goldstück  bekamen 
(Mauritius,  Ars  milit.  II,  cap.  8;  Leonis  imperatoris  Tactica, 
cap.  IV,  §  15;  XII,  §§  51,  ß3,  119). 

Endlich  sind  noch  Aerzte  der  kaiserlichen  Flotte  zu  erwähnen, 
die  durch  mehrere  Inschriften  bezeugt  sind  (Friedländer  I,  337; 
H  a  e  s  e  r  I,  423j.  In  byzantinischer  Zeit  gab  es  einen  eigenen  Beruf 
der  Schiffsärzte  (Paulos  Aegin.  Vorrede). 

8.   Niedergang  des  ärztlichen  Standes. 

Das  Ansehen  des  ärztlichen  Standes,  welches  besonders  durch  die 
von  den  verschiedenen  Kaisern  auf  ihn  gehäuften  Ehren  offenbart 
wird  wie  auch  durch  die  von   den  wissenschaftlich  gebildeten  Laien 

^)  In  Bonn  ist  ein  Stein  mit  der  Inschrift  des  „Edistus  optio  valetudinarii" 
gefunden,  wodurch  die  Existenz  eines  römischen  Lazarettes  am  Niederrhein  nach- 
gewiesen worden  ist  (Konen  S.  4).  Ferner  wurde  ein  römisches  Militärlazarett  in 
Baden  (Schweiz)  aufgedeckt.  Vgl.  H  a  u  s  e  r .  „Ein  römisches  Militär-Hospiz",  Wochenbl. 
des  Bezirkes  Meilen,  Stäfa  1897;  Anzeiger  f.  Schweiz.  Älterthumskunde.  Zürich 
1895,  Nr.  2. 

*)  Vgl.  A  d  a  m  e  k ,  „Beiträge  zur  Geschichte  des  byzantinischen  Kaisers  Mauri- 
tius", Graz  1891,  2  Teile. 


588  Iwan  Bloch. 

den  Aerzten  gespendete  Anerkennung  (z.  B.  Seneca  de  benef.  VI, 
15,  16,  17),  wurde  schon  früh  durch  schlimme  Auswüchse  und  Aus- 
artungen geschädigt.  Die  Charlatanerie  fand  auch  bei  zahlreichen 
Jüngern  Aeskulaps  Eingang  und  verband  sich  mit  unwürdiger  Krie- 
cherei, Habsucht  und  Verbrechen.  Wie  stets  wurden  diese  unlauteren 
Elemente  dem  ganzen  Stande  zur  Last  gelegt.  Juvenal  geisselt  die 
Charlatanerie  der  griechischen  Aerzte  (III,  7),  Martial  die  Neigung 
zu  Diebstählen  (Mart.  IX,  96),  den  Ehebruch  und  Meuchelmord 
(Mart.  VI,  31;  Plin.  N.  h.  XXIX,  20).  Nicht  weniger  Widerwillen 
erregten  die  ewigen  Streitigkeiten  und  Schimpfereien  und  Schlägereien 
der  verschiedenen  ärztlichen  Sekten  (Galen  XIV,  660;  VIII,  357, 
495;  VII,  419),  der  Brotneid  (Gal.  XIV,  621)  und  die  gegenseitigen 
Verleumdungen  (Galen  XIV,  602,  623 ff.,  625,  660;  XIX,  15)  der 
Aerzte,  die  selbst  vor  Ermordung  eines  lästigen  Kollegen  nicht  zurück- 
schreckten. Diese  Uneinigkeit  der  Aerzte  erweckte  das  Misstrauen 
der  Laien.  „Unzweifelhaft,"  bemerkt  Plinius,  „jagten  sie  alle 
durch  ihre  Neuerungen  nach  Berühmtheit  und  machten  mit  dem  Leben 
der  Patienten  Gescliäfte,  daher  auch  jene  unseligen  Zänkereien  im 
Krankenzimmer,  wo  jeder  etwas  anderes  rät,  um  nicht  von  einem 
anderen  abhängig  zu  erscheinen;  daher  jene  unglückliche  Inschrift 
eines  Grabmals,  durch  die  Menge  der  Aerzte  sei  der  Verstorbene  um- 
gekommen. Täglich  wird  die  so  oft  umgemodelte  Wissenschaft  ver- 
ändert und  wir  durch  den  Hauch  der  Talente  Griechenlands  hin  und 
her  getrieben"  (Plinius  N.  h.  XXIX,  8,  8).  In  Satire  und  Pam- 
phlet wurden  die  Aerzte  verhöhnt,  wie  denn  selbst  der  Kaiser  Ha- 
drian  eine  solche  verfasste  (Epiphanius  TtEQl  /.utqCüv  xat  orad-f^wv 
ed.  Petavius  p.  170;  de  Lagarde  in  „Philologus"  Bd.  XVIII, 
S.  355)  und  sich  in  einem  Brief  über  den  medizinischen  Schwindel  der 
Alexandriner  erging  (abgedruckt  bei  0.  Keller  „Rerum  naturalium 
scriptores  graeci  minores"  Bd.  I  [Paradoxographi]).  Die  Aerzte  selbst 
klagen  über  die  Unwissenheit,  Oberflächlichkeit,  Anmassung  und  rück- 
sichtslose Habgier  zahlreicher  Afterärzte  (Scribon.  Largus  Compos. 
Epistola  ad  Callistum).  Galen  geisselt  in  scharfen  Worten  die 
widerliche  Kriecherei  der  römischen  Aerzte  gegenüber  den  reichen 
Patronen,  ihre  Missachtung  der  wissenschaftlichen  Bildung,  ihre  der- 
jenigen der  Eäuber  im  Gebirge  gleichende  Geldgier  (Galen  X,  Iff.; 
XIV,  599 ff.;  619 ff.). 


Die  Medizin  der  Araber. 

Von 
Schrutz  (Prag). 


Als  wichtigste  Hilfsquellen  für  die  Geschichte  der  arabischen  Medizin  sind 
Prof.  L,  Choulant,  Handbuch  der  Bücherkunde  für  die  ältere  Medicin,  2.  Aufl. 
{Leipzig  1841),  %ind  dann  die  Werke  Ferd.  Wiistenfelds,  besonders  seine  Geschichte 
der  arabischen  Aerzte  und  Naturforscher  {Göttingen  1840)  und  LiUC.  LeclercSf 
Histoire  de  la  mededne  arabe  {Paris  1876.  2  vols.)  zu  bezeichnen.  Beide  letzt,  sind 
nach  arabischen  Quellen,  luiuptsächlich  nach  dem  bio-bibliographischen  Werke  Oseibias 
gesehrieben  und  lassen  ältere  Bearbeitungen  dieses  Gegenstandes  entbehren.  Insbe- 
sondere das  Werk  Leder  es  enthält  ein  sehr  umfangreiches  und  kritisches  Material 
für  die  verschiedentlichsten  Bearbeitungen  der  litterarischen  Leistungen  arabischer 
Aerzte  und  Naturforscher.  Für  das  nähere  Eindringen  in  den  Geist  der  arabischen 
Medizin  ist  jedoch  das  eingehende  Nachschlagen  der  schon  im  Mittelalter  ins 
Lateinische  übersetzten  Schriften  arabischer  Aerzte  trotz  der  bekannten  den  meisten 
dieser  Uebersetzungen  anhaftenden  Mängel  unerlässlich.  Reichhaltige  Sammlungen 
arabischer  Handschriften  befinden  sich  in  den  Bibliotheken  des  Escurials,  in  Paris, 
Leyden,  London,  Oxford,  Wien,  Berlin,  München,  Dresden,  Florenz;  viele  Werke 
arabischer  Philosophen  und  Aerzte  wurden  früh  auch  ins  Hebräische  übersetzt  und 
befinden  sich  handschriftlich  in  verschiedmen  Bibliotheken.  —  Als  allgemein  wichtige 
Werke  zur  Kenntnis  der  Kulturzustände  bei  den  Arabern  mögen  ausser  den  bekannten 
grossen  Werken  über  allgemeine  Welt-  und  Kulturgeschichte  bloss  Alfr.  Kremer, 
Kulturgeschichte  des  Orients  unter  den  Chalifen  { Wien  1875,  2  Bde.)  und  Le  Bmi, 
La  civilisation  des  Arabes  {Paris  1884)  angeführt  werden.  Vo7i  Spezialwerken  sind 
insbesondere  zu  nennen:  Hob.  M.  v.  Töply,  Studien  zur  Geschichte  der  Anatomie 
im  Mittelalter  {Wien  1898),  Prof.  E.  Crvrlt,  Geschichte  der  Chirurgie  u.  ihrer  Aus- 
übung, I.  Bd.  {Berlin  1898),  Prof.  E.  C.  J.  Sleboldi  Versuch  einer  Geschichte  der 
Geburtshülfe,  I.  Bd.  {Berlin  1839,  neuer  Abdruck,  Tübingen  1901),  Prof.  G.  Dragen- 
dwjj'f  Die  Heilpflanzen  der  verschiedenen  Völker  und  Zeiten  {Stuttgart  1898),  die 
kritischen  Beiträge  Steinschneiders  in  Virchows  Archiv,  Zeitschr.  d.  d.  morgenl. 
Gesellsch.  ic.  a.  m. 

Bei  der  Transskription  der  arabischen  Namen  wurde  womöglich  diejenige 
Wüstenfelds  beibehalten,  %ind  die  am  häufigsten  vorkommenden  korrumpierten 
mittelalterlichen  Formen  beigefügt. 

I.  Einleitung. 

Die  Medizin  bei  den  Arabern  bildet  eine  denkwürdige  Episode 
in  der  Geschichte  der  Heilkunde  des  Mittelalters,  besonders  zu  jener 
Zeitperiode,  als  im  Abendlande  über  allgemeinen  Verfall  derselben 
geklagt  wird.    Anfangs  unbedeutend,  übte  sie  in  ihrer  Blütezeit  auf 


590  Schrutz. 

die  abendländische  Medizin  zeitlangs  einen  sehr  nachhaltigen  EinÜuss. 
Dieser  grosse  spätere  Aufschwung  der  arabischen  Medizin  hängt 
mit  der  weltbeherrschenden  Stellung  der  Araber  innig  zusammen  und 
gesellt  sich  organisch  zu  dem  Emporblühen  der  übrigen  Wissenszweige 
und  Fertigkeiten,  die  bei  den  Arabern  zur  ungemein  hohen  Entwick- 
lung gelangt  sind. 

Erst  nachdem  durch  die  Gründung  des  Islam  dem  arabischen 
Volke  ein  grosser  geistiger  Halt  gegeben  wurde,  wuchs  es  zu  einer 
welterobernden  Macht  heran.  Trotz  innerer  Wirren  nach  dem  Tode 
des  Propheten  unterwarfen  sich  die  Araber  nach  und  nach  alle 
Nachbarstaaten  und  beherrschten  schliesslich  nach  Verlauf  eines  Jahr- 
hunderts alle  die  weiten  Weltstriche  zwischen  dem  Indus  und  dem 
atlantischen  Ozeane.  Die  Periode  der  Ommajaden  war  die  Zeit  des 
höchsten  religiösen  Enthusiasmus  und  der  grössten  Expansion  der 
Araber,  zugleich  aber  auch  ihr  erster  Schritt  zur  Civilisation. 

Sobald  sich  die  ersten  Eroberungsstürme  gelegt  hatten,  gründeten 
die  Araber  überall  geregelte  Reiche  und  die  hervorragenden  geistigen 
Fähigkeiten  des  arabischen  Volkes  gelangten  zur  glänzenden  Ent- 
faltung. In  Aegypten,  Syrien  und  Persien  fanden  sie  Völker  vor,  die 
geistig  weit  höher  entwickelt  waren  als  die  Eroberer  selbst,  und  als 
die  erste  Glut  der  Glaubenskämpfe  zu  verglimmen  begann,  wurden 
die  Araber  in  kurzer  Zeit  auch  tolerant.  Schon  die  Notwendigkeit 
einer  geregelten  Verwaltung  selbst  erheischte  es  dringend  in  den  ver- 
schiedenartigsten Gebieten  der  öffentlichen  Bethätigung  gebildete 
Männer  auch  aus  den  Reihen  der  Nichtgiäubigen  häufig  zu  verwenden. 
Ja,  wir  finden  sehr  oft,  dass  christliche  und  jüdische  Aerzte  auch 
bei  den  Chalifen  als  Leibärzte  angestellt  waren  und  ihrer  besonderen 
Gunst  sich  erfreuten. 

Schon  in  Aegypten,  besonders  aber,  als  der  Sitz  des  Chalifates 
nach  Damaskus  verlegt  wurde,  kamen  die  Araber  in  eine  engere  Be- 
rührung mit  der  abendländischen  Kultur,  die  hauptsächlich  in  den 
christlichen  nestorianischen  Schulen  Syriens  gepflegt  wurde.  Die  Höhe 
des  allgemeinen  Aufschwunges  erlebte  aber  die  arabische  Kultur  erst 
unter  den  xA.bassiden,  als  Bagdad  gegründet  und  zum  Sitze  des  Chalifen 
gewählt  wurde.  Nicht  nur  die  Chalifen  selbst  (el-Mansur  754 — 775, 
Harun  er-Raschid  786-809,  el-Mamun  813—833,  el-Mutassim  833—842, 
el-Mutawekkil  847—861  und  el-Mutadhid  892—902),  sondern  auch 
viele  angesehene  und  mächtige  Familien,  wie  z.  B.  die  der  Barmekiden, 
wetteiferten  untereinander  in  der  Pflege  der  edlen  Künste  und  Wissen- 
schaften, die  um  so  erfreulicher  gedeihen  konnten,  da  sich  das  grosse 
Reich  am  Höhepunkte  seiner  Macht  befand. 

Zu  gleichem  Glänze  gelangte  die  arabische  Kultur  auch  in  Spanien 
unter  den  Ommajaden ,  besonders  unter  Abderrahman  I.  (755  -  788), 
am  meisten  jedoch  später  unter  Abderrahman  III.  (912—961)  und 
el-Hakim  III.  (961 — 976).  Und  als  das  einheitliche  weltbeherrschende 
Reich  des  Chalifen  durch  innere  Zwistigkeiten  und  Bürgerkriege  in 
mehrere  selbständige  Reiche  zerfiel,  entstanden  in  den  einzelnen 
Hauptstädten  ebensoviele  Pflegstätten  der  schönen  Künste  und  Wissen- 
schaften. Ueberall  wurden  Schulen  und  reichhaltige  Bibliotheken  ge- 
gründet und  in  allen  bedeutenderen  Städten  Hospitäler  mit  Kranken- 
anstalten und  Apotheken  gestiftet.  Auf  diese  Weise  wurden  besonders 
Bagdad,   Damaskus,   Kairo,   Cordova  und  manche  Provinzstädte,   wie 


Die  Medizin  der  Araber.  591 

z.  B.  Saraarkand  oder  Eaj  zu  wirklichen  Pflegestätten  der  Heilkunde.^) 
Grosse  Bibliotheken  sowie  berühmte  Lehrer  waren  Anziehungspunkte 
für  die  wissbegierigen  Araber.  Der  Keisedrang,  unterstützt  durch 
ein  vorzüglich  erhaltenes  Verkehrswesen,  verhalf  ungemein  viel  zur 
Verbreitung  neuer  Ideen  und  zum  Bekanntwerden  neuer  Bücher  im 
ganzen  ausgedehnten  Bereiche  des  Islam.  Jede  grössere  Stadt  hatte 
ihren  eigenen  Büchermarkt;  hauptsächlich  waren  in  dieser  Hinsicht  be- 
rühmt Bagdad  im  Orient  und  Cordova  in  Spanien.  Oeffentliche 
Bibliotheken  mit  200000  Bänden  waren  keine  Seltenheit  und  die 
Bücherschätze  zahlreicher  Private  blieben  hinter  den  grossen  öffent- 
lichen Bibliotheken  nicht  gar  zu  weit  zurück.  Bücherliebhaberei  ge- 
hörte überhaupt  zu  den  noblen  Passionen  der  vornehmen  Araber  und 
in  dieser  Hinsicht  wichen  die  Nachkommen  Omars  und  Amrus  von 
ihren  Vätern  weit  ab. 

Was  die  Entwicklung  der  Medizin  bei  den  Arabern  speziell  an- 
belangt, finden  wir  zwar  manche  Spuren  medizinischen  Wissens  schon 
aus  der  vorislamitischen  Zeit,  doch  gelangte  die  Heilkunde  bei  ihnen 
erst  nach  dem  X.  Jahrhunderte  unserer  Zeitrechnung  zum  vollen  Auf- 
blühen. Aber  auch  in  dieser  Ausbildung  können  wir  derselben  keine 
Selbständigkeit  beimessen,  denn  ihrem  innersten  Wesen  nach  stellt  sie 
sich  bloss  als  eine  gewandte  Bearbeitung  der  griechischen  Heilkunde 
heraus.  Mit  der  griechischen  Philosophie,  Mathematik,  Astronomie, 
Geographie  und  Naturkenntnissen  übernahmen  die  Araber  bei  ihren 
zahlreichen  Kontakten  mit  der  hellenistischen  Kultur  auch  die 
griechische  Medizin.  In  der  Mathematik,  Astronomie,  Geographie, 
Physik  und  Chemie  kamen  sie  über  die  Byzantiner  weit  heraus;  in 
der  Medizin  verarbeiteten  sie  nur  den  Grundstock  des  hellenistischen 
Wissens  nach  ihrer  Eigenart  zu  einer  auffallend  hohen  und  bemerkens- 
werten Vollkommenheit,  so  dass  dieselbe  äusserlich  das  Gepräge  einer 
Selbständigkeit  aufweist  und  auch  lange  als  selbständiges  Wissen  be- 
trachtet wurde. 

Dem  ganzen  Entwicklungsgange  der  arabischen  Medizin  nach 
können  wir  in  derselben  füglich  zwei  Perioden  unterscheiden :  die  der 
Anfänge,  welche  die  ersten  zwei  Jahrhunderte  der  islamitischen  Zeit- 
rechnung einnimmt  und  sich  durch  intensive  Uebersetzungsthätigkeit 
kennzeichnet,  und  dann  die  der  selbständigen  Bearbeitung  des  an- 
geeigneten Wissens,  worauf  mit  dem  Verfalle  der  einstigen  Macht 
der  Araber   auch  jedwelche  namhafte  Pflege  der  Heilkunde   aufhört. 

2.  Die  Anfänge  der  arabischen  Medizin. 

Die  Anfänge  der  arabischen  Volksmedizin  waren  wie  bei  anderen 
Völkern  empirisch.  Oseibia  speziell  führt  mehrere  bei  den  Arabern 
besonders  zutreffende  Momente  an:  göttliche  Inspiration,  Träume,  Zu- 
fall, Beobachtung  dessen,  was  bei  manchen  Tieren  geschieht,  Instinkt. 
Durch  nachträgliche  Abschätzung  all  dieser  Erfahrungsergebnisse  sollen 
die  ersten  allgemeinen  Regeln  und  die  Anfänge  der  Kunst  entstanden 
sein.    Zur  Zeit  Mohammeds  finden  wir  die  Ausübung  der  Heilkunde  ver- 


^)  Vgl.  J.  Wüstenfeld,  Die  Akademien  der  Araber  (Gott.  1845);  Ders., 
M ak r i z i s ,  Beschreibung  der  Hospitäler  in  el-Kahira.  Arabischer  Text  mit  deutscher 
Uebersetzung  ^anus  1846,  28—89);  D.  Haneberg,  Ueber  das  Schul-  und  Lehr- 
wesen der  Muhamedaner  im  Mittelalter  (Münch.  18^). 


592  Schrutz. 

teilt  unter  verschiedene  Volksspezialisten,  die  kauterisierten,  scliröpften, 
Blut  zur  Ader  Hessen,  Wunden  verbanden,  Arzneien  bereiteten  und 
Zauberkünste  austührten.  Manche  dieser  Heilkünstler  nahm  der  Prophet 
selbst  in  Anspruch  und  dieser  Umstand  dürfte  wohl  auch  dazu  bei- 
getragen haben,  dass  sich  die  Ausübung  der  Heilkunde  beim  Volke, 
wenigstens  bei  den  arabischen  Stämmen  Nordafrikas  bis  jetzt  auf 
eben  derselben  Stufe  wie  zur  Zeit  des  Propheten  und  in  den  Händen 
ähnlicher  Heilkünstler,  der  Tubibs,  befindet. 

Die  reichhaltigen  Ueberlieferungen  über  das  Leben  des  Propheten 
enthalten  auch  sehr  viele  (an  800)  Aeusserungen  und  Massregeln 
medizinischen,  resp.  hygienischen  Inhaltes,  die  dem  Propheten  selbst 
zugeschrieben  werden.  Sie  wurden  als  sogenannte  Hadits  öfters  ge- 
sammelt und  systematisch  geordnet,  so  dass  sich  daraus  schliesslich 
zusammenhängende  Abhandlungen  über  die  Medizin  des  Propheten 
entwickelten.  1)  Aus  diesen  Hadits  ist  vorerst  klar  ersichtlich,  wie 
grossen  Wert  Mohammed  auf  die  köperliche  Gesundheit  legte.  Von 
den  übrigen  medizinischen  Vorschriften  und  Grundsätzen  mögen  nur 
einige  angeführt  werden.  Die  Krankheiten  liess  zwar  Gott  auf  die 
AVeit  kommen,  aber  auch  die  Heilmittel  dagegen.  Gegen  anhaltende 
Kopfschmerzen,  an  denen  er  oft  litt,  und  gegen  Fieber  gebrauchte  er 
kalte  Uebergiessungen  und  Scarifikationen ;  Schröpf  köpfe  im  Nacken 
verwarf  er  jedoch,  da  sie  den  Verlust  des  Gedächtnisses,  das  in  dem 
hinteren  Teil  des  Gehirnes  seinen  Sitz  haben  soll,  nach  sich  ziehen. 
Bei  Ausbruch  von  ansteckenden  Krankheiten  empfahl  er  Vorsicht, 
verbot  jedoch,  das  Land  während  der  Seuche  zu  verlassen.  Die  an 
Seuchen,  durch  Verbrennen,  Ertrinken  und  die  als  Wöchnerinnen  Ver- 
storbenen betrachtete  er  als  Märtyrer.  Auch  über  chirurgische  An- 
gelegenheiten äusserte  sich  der  Prophet.  Nach  ihm  gilt  das  Glüheisen 
als  letztes  Heilmittel  in  Erkrankungen  und  als  Blutstillungsmittel. 
Beim  Biss  eines  tollen  Hundes  soll  man  die  Wunde  einschneiden, 
Schröpfköpfe  aufsetzen  und  die  Wunde  so  lange  als  möglich  offenhalten. 
Beim  Schlangenbisse  gilt  dasselbe  Verfahren,  der  Patient  soll  jedoch 
auch  am  Schlafe  gehindert  werden;  beim  Skorpionstich  ist  das  zer- 
quetschte Tier  auf  die  Wunde  zu  legen.  —  So  wie  bei  den  Juden 
werden  auch  bei  den  Arabern  und  Mohammedanern,  schon  vom 
Propheten  selbst,  die  hauptsächlichsten  Gesundheitslehren  als  religiöse 
Gebote  aufgefasst. 

Zur  Zeit  des  Propheten  begegnen  wir  auch  den  ersten  ernsteren 
Versuchen  der  Araber,  sich  das  medizinische  Wissen  der  benachbarten 
Völker  anzueignen.  Die  anfänglichen  systematischen  Kenntnisse  über 
Medizin  verdanken  die  Araber  überhaupt  den  Persern ,  die  mit  der 
griechischen  Heilkunde  schon  früher,  seit  dem  IV.  Jahrhunderte  durch 
Vermittlung  der  von  den  Byzantinern  ausgewiesenen  Nestorianer  in 
Berührung  gekommen  sind. 

Einer  der  ersten  erwähnenswerten  arabischen  Aerzte  ist  ein  Zeit- 
genosse Mohammeds,  Harits  ben  Kaiada,  der  früher  als  Zögling 
von  Dschondisabur  in  Persien  am  Hofe  Chosroes  des  Grossen  gelebt 
hatte  und  später  in  seine  Heimat  bei  Mekka  übersiedelte.  Von  den 
späteren  Schriftstellern  wird  ihm  nachgerühmt,  dass   er  die  Bräuche 


^)  Vgl.  Perron,  La  medecine  du  propliete.  Traduit  de  l'arabe  (Alger  et  Paris 
1860).  Nach  einer  Bearbeitung  des  Dsehelal  Eddin  Abu  Soleiman  Daud,  ungefähr 
aus  dem  XIII.  Jahrb.  uns.  Zeitrechn. 


Die  Medizin  der  Araber.  593 

der  Araber  und  die  ihnen  zusagenden  Medikamente  genau  kannte. 
Von  ihm  stammen  viele  Gesundheitsregeln,  besonders  über  Mässigung 
in  Speise  und  Trank,  körperliche  Reinigungen  und  geschlechtlichen 
Verkehr.  Auf  den  Propheten  hatte  er  in  medizinischen  resp.  hygie- 
nischen Angelegenheiten  überhaupt  einen  bedeutenden  Einfluss. 

In  dieselbe  Zeitperiode  fällt  auch  die  Thätigkeit  des  Theodokus, 
eines  griechisch  gebildeten  Arztes,  der  öfters  mit  Theodunus  und 
wahrscheinlich  mit  Recht  identifiziert  wird.  Von  ihm  sind  bei  den 
späteren  arabischen  Schriftstellern  ebenfalls  mehrere  nicht  selten 
humoristisch  anmutende  Gesundheitsgebote  erhalten.  Als  erstes  Bei- 
spiel einer  Aerztefamilie  bei  den  Arabern  kann  ebenfalls  aus  dieser 
Zeit  Abu  Hakam,  ein  christlicher  Leibarzt  des  Chalifen  Muawia, 
sein  Sohn  Hakam  Eddimaschki  und  Neffe  Issa  angeführt  werden. 


3.  Allgemeine  Charakteristik  der  ersten  Periode. 

Weit  erfolgreicher  als  die  anfänglichen  Leistungen  dieser  Aerzte 
erwies  sich  für  den  weiteren  Entwicklungsgang  der  arabischen  Medizin 
das  intensive  Uebermitteln  der  Ergebnisse  griechischer  Medizin  durch 
zahlreiche  Uebersetzungen ,  wobei  nicht  zu  vergessen  ist,  dass  schon 
früh  die  bedeutenderen  Uebersetzer  sich  auch  als  selbständige  Schrift- 
steller zu  bethätigen  versuchten. 

Mit  der  griechischen  medizinischen  und  überhaupt  wissenschaft- 
lichen Literatur  wurden  die  Araber  auf  zwei  Hauptwegen  bekannt 
Der  eine  führte  über  Alexandrien,  der  andere,  weit  mächtigere  über 
Syrien  und  Persien. 

In  Alexandrien,  das  bis  zu  diesen  Zeiten  ein  hervorragender  Sitz 
hellenistischer  Kultur  geblieben  war,  wurden  die  Araber  besonders 
mit  der  neuplatonischen  Philosophie  und  den  hermetischen  Künsten, 
hauptsächlich  aber  mit  der  Alchymie,  die  von  Alters  her  in  Aegypten 
einen  fruchtbaren  Boden  gefunden  hatte,  bekannt.  Einer  der  ersten 
Förderer  dieser  neuen  Künste  war  Omar  selbst  und  der  Moawide 
Khaled  ben  Jezid,  auf  dessen  Geheiss  hauptsächlich  der  Alexandriner 
Stephanus  zu  Ende  des  VII.  Jahrhunderts  Uebersetzungen  grie- 
chischer Werke  über  Medizin,  Astronomie  und  Alchymie  ins  Arabische 
besorgte. 

Dass  diese  Künste  bei  den  Arabern  selbst  eifrig  gepflegt  wurden, 
dessen  unleugbares  Zeugnis  finden  wir  an  Dschafar  es-Sadik, 
einem  Ommajadischen  Prinzen,  und  dessen  Schüler  Abu  Abdallah 
Dschabir  ben  Hajjan  es-Sufi  (Geber  —  f  776),  deren  Namen 
als  die  Grundpfeiler  der  hermetischen  Künste,  insbesondere  der  Alchymie, 
bis  jetzt  angesehen  werden.  Geber,  ein  vielseitig  gebildeter  Geist  und 
unstreitig  einer  der  hervorragendsten  Erscheinungen  des  Mittelalters 
überhaupt,  hinterliess  eine  grosse  Anzahl  (angeblich  über  500  Traktate) 
von  Schriften  über  Alchjmie,  Mineralien,  besonders  Steine  und  Metalle, 
über  Philosophie,  Astronomie,  Anatomie  und  Medizin,  aber  auch  über 
Erklärung  von  Träumen,  Wahrsagereien  und  Zauberkünste.  Schon 
aus  dieser  blossen  Aufzählung  sticht  ein  bemerkenswerter  Grundzug 
der  arabischen  Bearbeitungsweise  der  exakten  Wissenschaften  scharf 
hervor,  nämlich  ein  unleugbarer  Zug  ins  Mystische.  Ueberall  äussert 
sich  bei  den  Arabern  der  Einfluss  der  geheimen  hermetischen  Wissen- 
schaften,   der   Astrologie   und    Alchymie,   beziehungsweise   der   neu- 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  38 


594  Schrutz. 

platonischen  Philosophie,  auf  die  positivsten  naturwissenschaftlichen 
und  medizinischen  Ueberlieferungen  der  Griechen  ganz  unzweideutig. 
Und  an  diese  Art  arabischer  Bearbeitungsweise  der  Medizin  und  der 
verwandten  Fächer  stossen  wir  im  weiteren  Verlaufe  immer  wieder, 
auch  bei  den  besten  und  nüchternsten  Geistern  der  arabischen  wissen- 
schaftlichen Litteraturgeschichte. 

Der  zweite,  mehr  positive  Hauptstrom  führte  über  Persien  und 
Syrien.  Er  wurde  hauptsächlich  durch  die  Schulen  der  Nestorianer, 
insbesondere  durch  die  von  Dschondisabur  vermittelt.  Von  hochge- 
bildeten Männern,  Griechen  von  Abkunft,  wurden  hier  die  Wissen- 
schaften und  unter  ihnen  auch  die  Heilkunde  gepflegt  und  griechische 
"Werke  ins  Syrische  und  Persische  übersetzt.  Anfangs  wurden  aus 
diesen  Uebersetzungen  und  erst  später  aus  griechischen  Originalen  die 
klassischen  Werke  griechischen  Geistes  ins  Arabische  übertragen. 
Durch  freigebige  Unterstützung  der  Abassiden  und  vieler  Grossen  des 
Eeiches  entstanden  nicht  nur  in  Bagdad,  sondern  auch  in  anderen 
Städten  Syriens  und  Mesopotamiens  geregelte  Uebersetzungsschulen, 
die  von  Männern  der  höchsten  Bildung,  wie  z.  B.  der  Bachtischua, 
Mesue,  Honein,  Kosta  ben  Luka,  Tsabet  ben  Kora  u,  a.  m.  geleitet 
wurden.  Griechische  Originalwerke  wurden  oft  auf  die  kostspieligste 
Art  aufgesucht  und  angeschaift,  ja  es  kam  vor,  dass  die  Auslieferung 
von  Originalwerken  zu  Uebersetzungszwecken  den  Byzantinern  zur 
Friedensbedingung  gemacht  wurde.  Auf  solche  Weise  verschafften 
sich  die  Araber  einen  grossartigen  Schatz  auserlesener  griechischer 
Kenntnisse  aus  allen  Gebieten  der  Philosophie,  Mathematik,  Geometrie, 
Astronomie,  Geographie  und  aus  allen  Fächern  der  Naturwissen- 
schaften und  der  Medizin,  die  hermetischen  Künste  nicht  ausgenommen. 
Bei  dem  von  abendländischer  Kultur  noch  unberührten,  aber  empfäng- 
lichen und  hochbegabten  Volke  wurde  somit  eine  ausgiebige  Grund- 
lage zur  erfolgreichen  und  selbständigen  Pflege  all  dieser  Wissens- 
zweige und  insbesondere  der  Medizin  gegeben,  so  dass  wir  füglich  von 
einer  arabischen  Renaissance  sprechen  dürfen. 

Von  den  Philosophen  wurden  eifrigst  übersetzt  und  kommentiert: 
Pythagoras,  Demokritos,  Plato,  Theophrastos,  Alexander  von  Aphro- 
disias  u.  a.  Besonders  wurde  jedoch  Aristoteles  bevorzugt,  da  seine 
Art  und  Methode  des  Philosophierens  dem  Nationalgeiste  der  Araber 
am  meisten  entsprach.  Deswegen  wurden  nicht  nur  seine  Schriften 
selbst  etliche  Male  übersetzt  und  revidiert,  sondern  auch  die  Werke 
der  aristotelischen  Kommentatoren  eifrigst  aufgesucht  und  übersetzt. 
Von  den  Mathematikern  und  Physikern  wurden  vornämlich  Eukleides, 
Archimedes,  ApoUonios  von  Perga,  Diophantes  u.  a.;  von  den  Astro- 
nomen und  Geographen,  insbesondere  Hipparchos  und  Ptolemaios,  von 
den  Medizinern  alle  bedeutenderen,  hauptsächlich  aber  Hippokrates, 
Dioskorides,  Galenos,  Rufos,  Archigenes,  Oribasios,  Philagrios,  Alexan- 
der von  Tralles  und  Paulus  Aegineta  eingehendst  studiert  und  ihre 
Werke  oftmals  ins  Arabische  übersetzt  und  kommentiert. 

Die  arabischen  Aerzte  begnügten  sich  jedoch  schon  von  Anbeginn 
nicht  mehr  mit  blossen  wörtlichen  Uebersetzungen.  Sehr  bald  be- 
gannen sie  die  für  sie  doch  fremden  Werke  in  ihrer  Muttersprache 
frei  wiederzugeben,  dem  Nationalgeiste  entsprechender  zu  machen, 
kurzum  zu  popularisieren.  Auf  diese  Art  wurde  das  griechische  Wissen 
zu  den  Arabern  nicht  nur  eingeführt,  sondern  es  konnte  sich  auch  ver- 
hältnismässig bald  naturalisieren.    Und  so  geschah  es,  dass  zur  Zeit, 


Die  Medizin  der  Arabei-.  595 

als  sich  das  mittelalterliclie  Europa  auf  einer  tiefen  Stufe  der  Kultur 
befand,  die  Araber  sich  zu  den  vornehmsten  Bewahrern  der  wissen- 
schaftlichen Errungenschaften  des  griechischen  Geistes  emporhoben. 
Die  später  erfolgten  Uebersetzungen  arabischer  Werke  und  Be- 
arbeitungen ins  Lateinische  trugen  somit  überhaupt  ungemein  viel  zur 
allgemeinen  Eenaissance  der  klassischen  Wissenschaften  im  Abend- 
lande herbei. 

Auf  dieselbe  Weise,  nur  im  geringeren  Massstabe,  schöpften  die 
Araber  auch  aus  dem  Wissensschatze  des  Orientes,  insbesondere  aus 
dem  Persischen,  Chaldäischen  und  Indischen.  Diese  Ergebnisse  waren 
zwar  nicht  so  reichlich  und  fruchtbringend  wie  das  Benützen  der 
griechischen  Quellen,  aber  ihre  Spur  lässt  sich  in  den  Werken  späterer 
arabischer  Aerzte  immer  doch  verfolgen. 

Diese  erste  Periode  der  arabischen  Medizin  zeichnet  sich  demnach 
besonders  durch  eine  ungemein  reichhaltige  Uebersetzungsthätigkeit 
aus.  Die  besten  Männer  schufen  aber  zugleich  auf  Grund  der  neu 
erlernten  Kenntnisse  auch  manche  selbständige  Werke,  die  später  für 
würdig  befunden  wurden  ins  Lateinische  übersetzt  zu  werden.  Auch 
sonst  treffen  wir  in  dieser  Zeitperiode  einige  vorzügliche  Aerzte,  die 
sich  als  Praktiker  hervorthaten,  ohne  jemals  als  Schriftsteller  oder 
üebersetzer  bekannt  zu  sein. 


4.  Die  hervorragendsten  Vertreter  der  ersten  Periode. 

Als  besonders  hervorragende  Namen  dieser  ersten  Periode  müssen 
wir  einige  Mitglieder  der  Aerztefamilie  Bachtischua,  Mesue  und  Serapion 
den  Aelteren,  die  Honeins,  dann  Alkindus,  Kosta  ben  Luka  und  Tsabet 
ben  Korra  anführen. 

Einzelne  Mitglieder  der  syrischen  Nestorianerfamilie  Bachtischua 
(Bochtjesü®  =  Diener  Jesu)  werden  von  Mitte  des  VIIL  bis  zur  Mitte 
des  XL  Jahrhunderts  rühmlichst  erwähnt.  Der  erste  von  ihnen,  Georg, 
Dschordschis  ben  Dschibril  ben  Bachtischua,  war  Vor- 
stand des  Krankenhauses  zu  Dschondisabur  und  wurde  im  Jahre  765 
zum  erkrankten  Chalifen  el-Mansur  nach  Bagdad  berufen,  wo  er 
wegen  seiner  Kunst  zu  hohen  Ehren  gelangte.  Er  verpflanzte  die 
griechische  Heilkunde  nach  Bagdad  und  besorgte  daselbst  zahlreiche 
Uebersetzungen  ins  Arabische.  Sein  Sohn  Bachtischua  ben 
Dschordschis,  Leibarzt  Harun  Arraschids,  wurde  wegen  seiner 
Kunstfertigkeit  Vorstand  der  Aerzte  und  kann  also  als  erster  Archiater 
zu  Bagdad  betrachtet  werden.  Von  den  Uebrigen  möge  nur  noch  dessen 
Sohn  Gabriel  (Dschibril)  wegen  seiner  wechselvollen  Lebensgeschicke 
und  Förderung  von  Uebersetzungen  erwähnt  werden. 

Eine  in  der  mittelalterlichen  Medizin  öfter  vorkommende  Persön- 
lichkeit ist  Mesue  der  Aeltere  (Jahja  oder  Juhanna  ben  Masswi- 
jah  oder  Masawaihi  f  857),  ebenfalls  ein  christlicher  Arzt,  der  auch 
unter  dem  Namen  Janus  Damascenus  angeführt  wird.  Sein 
Vater  war  Apothekergehilfe  im  Hospitale  zu  Dschondisabur,  erlernte 
dabei  Medizin,  die  er  dann  mit  grossem  Erfolge  in  Bagdad  prakti- 
zierte. Dorthin  berief  er  später  seinen  Sohn,  der  als  Leibarzt  der 
Chalifen  Harun  bis  Motewekkil  Sammlungen  und  Uebersetzungen 
griechischer  Werke  leitete.  Zugleich  hielt  er  Vorträge  über  Dialektik 
und  Medizin  und  verfasste  zahlreiche  Schriften  hauptsächlich  patho- 

.38* 


596  Schrutz. 

logischen,  diätetischen  und  gynäkologischen  Inhaltes,  von  denen  nur 
wenig  erhalten  blieb.  Am  bedeutendsten  sind  die  Aphorismi  Jo- 
hannis  Damasceni  (Bonon.  1489),  die  auch  in  die  Articella  auf- 
genommen wurden.  Seine  Autorschaft  wurde  jedoch  angezweifelt  und 
u.  a.  auch  dem  älteren  Serapion  zugeschrieben. 

Jahja  ben  Serabi  oder  Ibn  Serafiun,  kurzweg  Serapion 
der  Aeltere  genannt,  gehört  zu  den  arabischen  Schriftstellern  nur 
insofern  als  seine  in  der  syrischen  Sprache  verfassten  Werke  bald  ins 
Arabische  übersetzt  und  auf  diese  Weise  im  Mittelalter  als  arabische 
Originalwerke  aufgefasst  wurden.  Er  war  aus  Damaskus  gebürtig, 
Christ  und  lebte  wahrscheinlich  bis  zur  Mitte  des  IX.  Jahrhunderts. 
Er  verfasste  ein  grösseres  medizinisches  Werk,  die  sogenannten  Aphoris- 
men, in  XII  und  ein  kleineres,  die  Pandekten,  in  VII  Büchern.  Dieses 
Werk,  das  sich  hauptsächlich  auf  Alexander  von  Tralles  anlehnt, 
wurde  von  Gerardus  Cremonensis  ins  Lateinische  übersetzt  und  als 
Aggregator,  Breviarium  oder  Practica  medicinae  öfters 
herausgegeben.  ^)  Von  Torinus  wurde  Serapion  der  Aeltere  als  Janus 
Damascenus  bezeichnet,  ein  Umstand,  der  zu  Verwechslungen  mit 
Mesue  dem  Aelteren  geführt  hatte. 

Honein  ben  Ishak  auch  Abu  Zeid  el-Ibadi  (809—873), 
im  Abendlande  als  Johannitius  bekannt,  ist  der  bedeutendste Ueber- 
setzer  und  seinem  Wissen  und  Charakter  nach  eine  der  hervorragend- 
sten Persönlichkeiten  des  IX.  Jahrhunderts  überhaupt.  Als  Sohn  eines 
christlichen  Apothekers  zu  Hira,  kam  er  früh  nach  Bagdad  zu  Mesue, 
der  ihn  ungnädig  aufnahm,  bereiste  dann  Mesopotamien,  Griechenland 
und  Persien,  lernte  gründlich  Griechisch  und  Arabisch  und  Hess  sich 
schliesslich  in  Bagdad  nieder,  wo  er  vom  Chalifen  Mamun  hauptsäch- 
lich als  üebersetzer  angestellt  wurde.  Seine  Thätigkeit  war  ungemein 
umfangreich  und  fruchtbar.  Er  übersetzte  aus  dem  Griechischen  teils 
ins  Syrische  und  teils  ins  Arabische  die  hauptsächlichsten  Werke  aller 
grossen  medizinischen  Schriftsteller  des  Altertums,  mehrere  Schriften 
griechischer  Philosophen  und  Mathematiker,  ferner  revidierte  er  zahl- 
reiche fremde  Uebersetzungen,  so  dass  durch  sein  Verdienst  die  Araber 
mit  allen  bedeutenden  Werken  der  abendländischen  wissenschaftlichen 
Litteratur  bekannt  wurden.  Die  Korrektheit  seiner  Uebersetzungen 
wird  allgemein  gerühmt.  Neben  dieser  umfangreichen  Thätigkeit 
hinterliess  er  etwa  einhundert  selbständiger  Schriften,  von  denen  uns 
meist  nur  die  Titel  bekannt  sind.  Viele  derselben  hatten  Bezug  auf 
Hippokrates  und  Galen,  andere  waren  hygienischen  Inhaltes,  betrafen 
einfache  und  zusammengesetzte  Speisen  und  Arzneien,  die  Lebensweise 
im  gesunden  und  krankhaften  Zustande,  Bäder,  den  Beischlaf,  die  Be- 
schaffenheit des  Pulses  und  Harnes,  die  verschiedenen  Krankheits- 
anzeichen, die  Fieber,  Augenkrankheiten,  Epilepsie,  Steinkrankheit 
u.  dgl.,  aber  auch  physikalische,  astronomische,  mathematische,  philo- 
sophische und  philologische  Fragen.  Am  bekanntesten  wurde  er  im 
Abendlande  durch  seine  durchaus  dogmatische  Schrift:  Einführung  in 
Galens  Mikrotechne,  welche  früh  ins  Lateinische  übersetzt  und  als 
Joannitis  isagoge  in  artem  parvam  Galeni^)  an  den  mittel- 


^)  Venet.  1479,  1497,  1503,  1530,  1550  —  Juntinische  Ausgabe  nach  Uebersetz. 
d.  Andreas  Alpagus;  Ferrariae  1488;  Basil.  1499,  1543  —  teilweise  Bearbeitung  d. 
Alb.  Torinus;  Lugdunii  1510. 

2)  Selbständ.  Ausgab.  Venet.  1483,  1487;  Lipsiae  1497;  Argentor.  1534.  —  Von 
seinen  selbständigen  Uebersetzungen  sind  gedruckt:  The  aphorismes  of  Hippocrates 


Die  Medizin  der  Araber.  597 

alterliclien  Universitäten  eingeführt  wurde.  Mit  ihr  wird  die  im  Mittel- 
alter allgemein  gebräuchliche  Articella  eingeleitet. 

Sein  Sohn  Ishak  ben  Honein  (f  910)  wii'd  als  ein  seinem 
Vater  ebenbürtiger  üebersetzer  ins  Syrische  und  Arabische  gerühmt, 
er  befasste  sich  jedoch  mehr  mit  Philosophie.  Von  ihm  rührt  be- 
sonders eine  Uebersetzung  der  aristotelischen  Schrift  über  die  Pflanzen, 
welche  auch  dem  Nicolaus  Damascenus  zugeschrieben  wird.  Von  seinen 
Originalarbeiten  möge  eine  Schrift  über  die  Anfänge  der  Heilkunde 
erwähnt  werden. 

Hobeisch  ben  el  Hassan,  der  Neffe  des  älteren  Honein, 
wurde  von  diesem  herangebildet  und  beteiligte  sich  au  dessen  üeber- 
setzungen  mit  solchem  Erfolge,  dass  manche  derselben  beiden  zu- 
gesprochen werden.  Hobeisch  übersetzte  hauptsächlich  die  medizini- 
schen Werke  Galens  und  war  auch  als  Praktiker  geschätzt.  Von 
seinen  Originalwerken  werden  besonders  Schriften  über  Medikamente 
erwähnt. 

Ein  vielseitiges  encyklopädisches  Genie,  wie  man  selten  findet, 
war  Alkindus  (Abu  Jusuf  Jakub  ben  Ishak  el-Kindi,  um 
813—873).  Er  stammte  aus  einem  fürstlichen  Geschlecht  und  war 
Sohn  eines  Statthalters  von  Kufa,  lebte  anfangs  zu  Basora  und  später 
unter  Mamun  und  Motassim  zu  Bagdad.  Wegen  seines  umfangreichen 
Wissens,  das  alle  Gebiete  menschlicher  Gelehrsamkeit  umfasste,  wurde 
er  überhaupt  nur  der  Philosoph  genannt.  Die  Zahl  seiner  Schriften 
wird  mit  zweihundert  angegeben,  wovon  22  die  Heilkunde  behandeln. 
Lateinisch  wurde  gedruckt  De  medicinarum  compositarura 
gradibus  investigandis  libellus  (Argentor  1531  u.  oft.)  und 
dann  Alkindus  de  pluviis,  imbribus  et  ventis  ac  de  aeris 
mutatione  (Venet.  1507.)  Auch  als  üebersetzer  griechischer  und 
persischer  Werke  that  er  sich  hervor. 

Von  den  übrigen  Uebersetzern  sind  noch  besonders  erwähnens- 
wert Kosta  ben  Luka  aus  Balbek,  Christ  griechischer  Abkunft,  der 
um  die  erste  Hälfte  des  X.  Jahrhunderts  in  Irak  und  Armenien  lebte, 
und  Abu  Hassan  Tsabit  ben  Korra  (um  826— 901),  auchThebit 
genannt,  Stammvater  einer  Gelehrtenfamilie,  ähnlich  der  der  Bach- 
tischua,  Mesue,  Thifury,  Honein,  Avenzoar  u.  a.  Er  gehörte  zur  Sekte 
der  Sabier  in  Haran  und  kam  später  nach  Bagdad,  wo  er  als  Astronom 
und  Arzt  des  Chalifen  Motadhid  thätig  war.  Er  beherrschte  die 
griechische,  syrische,  arabische  und  persische  Sprache  und  übersetzte 
hauptsächlich  mathematische  und  astronomische  Werke.  Tsabit  be- 
gnügte sich  jedoch  nicht  nur  mit  Uebersetzungen,  sondern  verfasste 
zahlreiche  Auszüge  aus  den  grösseren  galenischen  und  hippokratischen 
Werken  und  war  nebstdem  als  Popularisator  thätig. 

Neben  diesen  hervorragendsten  Uebersetzern  und  Bearbeitern  der 
griechischen  Medizin  waren  in  Mesopotamien  und  in  den  einzelnen  Pro- 
vinzen zu  verschiedenen  Zeiten  noch  an  hundert  Gelehrte  beflissen, 
das  Wissen  der  Nachbarvölker,  besonders  das  der  Griechen,  den  Ara- 
bern zugänglich  und  bekannt  zu  machen,  so  zwar,  dass  zu  Ende  des 
IX.  Jahrhunderts  die  Araber  mit  der  Philosophie,  Mathematik,  Astro- 
nomie, den  hermetischen  Künsten,  den  Naturwissenschaften  und  der 
Medizin  der  Griechen,  Perser,  Chaldäer  und  Inder  vollkommen  ver- 


in  to  Arabic  by  Honein  Ben  Ishak,  Physician  to  the  Caliph  Motawnkkul.    Calcutta 
1832  ed.  by  John  Tytler. 


598  •  Schrutz. 

traut  waren,  x'^lle  diese  vorgenannten  Wissenszweige  hatten  auf  die 
Bearbeitung  der  Medizin  der  Araber  den  entschiedensten  Einfluss,  so 
dass  dieselbe  auch  in  der  klassischen  Periode  der  arabischen  Heil- 
kunde von  ihnen  innig  durchdrungen  wird. 


5.  Blüteperiode  der  arabischen  Heilkunde. 

Rhazes  (AbuBekr  Muhammed  ben  Zakarijja  er-Razi, 
daraus  korrumpiert  Abubeter,  Abubater,  Albubeter,  Bubikir,  um  850 — 923 
oder  932)  ist  die  grösste  und  für  uns  die  sympathetischeste  Erscheinung 
unter  den  arabischen  Aerzten  überhaupt.  Aus  Raj  in  Chorasan  ge- 
bürtig befasste  sich  Rhazes  in  seinen  Jugendjahren  hauptsächlich  mit 
Musik,  Poesie  und  Philosophie.  Seit  seinem  dreissigsten  Lebensjahre 
widmete  er  sich  in  Bagdad  dem  Studium  der  Medizin,  wurde  Vorstand 
des  Krankenhauses  in  seiner  Vaterstadt,  dann  in  Bagdad  und  erwarb 
sich  allgemein  den  Ruf  eines  vorzüglichen  Arztes  und  Lehrers.  In 
seinen  letzten  Lebensjahren  infolge  einer  Misshandlung,  die  er  wegen 
missglückter  chemischer  Experimente  von  dem  Fürsten  el-Mansur  von 
Chorasan  zu  erleiden  hatte,  erblindet,  starb  Rhazes  wegen  seiner 
Freigebigkeit  in  Dürftigkeit.  Als  Schriftsteller  war  er  ungemein 
fruchtbar  und  hinterliess  mehr  als  zweihundert  Werke  über  Medizin, 
Philosophie  und  Religion,  Mathematik,  Astronomie  und  Naturwissen- 
schaften, insbesondere  über  Physik  und  Chemie. 

Sein  umfangreichstes  Werk  ist  al-Hawi,  gewöhnlich  nur  Con- 
tinens  (Behältnis  der  Medizin)  genannt.  Dieses  Riesenwerk  könnte 
als  eine  Art  Encyklopädie  der  praktischen  Heilkunde  aufgefasst  werden, 
oder  als  ein  Sammelwerk,  worin  meist  in  wörtlichen  Auszügen  („Dixit 
Galienus"  .  .  .  „Dixit  Diascorides  .  .  .")  die  Leistungen  der  Alten  und 
der  arabischen  Vorgänger  Rhazes  angeführt  und  mit  eigenen  Bemer- 
kungen des  Verfassers  ohne  jedwelche  dogmatische  Voreingenommen- 
heit besprochen  werden.  Da  auf  diese  Art  alle  bedeutenderen  Aerzte 
vor  Rhazes  und  in  manchen  Fällen  sonst  unbekannte  Persönlichkeiten 
angeführt  werden,  besitzt  der  Continens  als  medizinisch-historische  Quelle 
einen  bedeutenden  Wert.  Das  ganze  Werk  wurde  von  Rhazes  unbeendet 
hinterlassen.  Erst  nach  seinem  Tode  wurden  die  von  dem  Vezir 
Ibn  el-Amid  von  der  Schwester  Rhazes'  angekauften  Aufzeichnungen 
von  den  Aerzten  aus  Raj  geordnet  und  in  30  Bänden  herausgegeben; 
auf  diese  Redaktion  ist  wohl  manche  Ordnungslosigkeit  zurückzuführen. 
In  einer  vollständigen  arabischen  Handschrift  des  Escurirals  enthält 
der  Hawi  70  Bücher;  die  lateinisch  gedruckten  Ausgaben^)  sind  ge- 
wöhnlich nach  der  Edit.  princeps  in  25,  oder  nach  der  Surianischen 
Ausgabe  in  37  Bücher  eingeteilt,  ohne  dass  ihr  Inhalt  wesentlich 
vermehrt  oder  verringert  wäre.    Im  grossen  Ganzen  ist  die  Reihen- 


^)  Editio  princeps,  Brescia  1486:  Incipit  prologus  libri  elliaiii,  i.  totum  con- 
tinentis  Bubikir  zacharie  errasis  filii.  —  Explicit  liber  XXV.  elhauy  i.  continentis  in 
medicina,  quem  composuit  Bubikir  zacharie  errasis  filius:  traductus  ex  arabico  in 
latinum  per  magistrum  Feragium  medicum  salerni  iussu  excellentissimi  regis  Karoli 
glorie  gentis  Christiane  corone  filiorum  baptismatis  et  luminis  peritorum.  Impressum 
Brixie  per  Jacobum  Britannicum  Die  XVIII.  Mensis  octobris  MCCCCLXXXVI.  Ein 
mächtiger  Folioband  zu  588  Bl.  Das  Exemplar  der  Prager  Univ.-Bibl.  mit  schönen 
Initialen.  —  Fernere  Ausgaben  Venet.  1500,  1506,  1509  (besorgt  von  Surianus  und 
eingeteilt  in  37  Bücher). 


Die  Medizin  der  Araber.  599 

folge  der  besprochenen  Gegenstände  so  eingehalten,  dass  zuerst  die 
lokalen  Erkrankungen  a  capite  ad  calcem  mit  verhältnismässig  ein- 
geschränkter Berücksichtigung  der  Chirurgie  eingehendst  erörtet 
werden,  worauf  dann  Besprechungen  der  Krankheiten  im  allgemeinen 
und  der  verschiedentlichen  Heilmittel  folgen. 

Das  nach  dem  Continens  bekannteste  Werk  Rhazes'  ist  Liber 
medicinalis  Almansoris^)  so  genannt,  weil  es  von  Rhazes  dem 
Fürsten  el-Mansur  Ibn  Johak  von  Chorasan  gewidmet  wurde.  Es 
zeichnet  sich  durch  knappe  und  übersichtliche  Darstellung  aus  und 
enthält  in  10  Büchern  oder  Traktaten  die  Grundzüge  der  gesamten 
Heilkunde,  wie  sie  bei  den  Arabern  gepflegt  wurde.  Der  I.  Traktat, 
de  figura  et  forma  membrorum,  enthält  in  gedrängter  Form  die  erste 
auf  uns  gekommene  arabische  Anatomie,  IL  eine  Physiologie,  allgemeine 
Pathologie  und  Diagnostik  (Säftelehre  und  Erkennen  der  Komplexionen); 
III.  Pharmakologie  (Nahrun gsstoflFe  und  einfache  Arzneien);  IV.  Ge- 
sundheitslehre; V.  Kosmetik  (de  decoratione) ;  VI.  Gesundheitsmass- 
regeln auf  Reisen;  VII.  Allgemeine  Chirurgie;  VEI.  Toxikologie; 
IX.  Spezielle  Therapie  (de  curatione  aegritudinum,  quae  accidunt  a 
capite  usque  ad  pedes);  X.  Fieberlehre.  —  Am  häufigsten  wurde  im 
Mittelalter  das  neunte  Buch  (nonus  Almansoris)  gelesen  und  kommen- 
diert,  zugleich  diente  es  lange  Zeit  akademischen  Vorlesungen  zur 
Grundlage;  es  wurde  auch  sehr  oft  selbständig  oder  mit  anderen 
Werken  gemeinschaftlich,  besonders  in  der  Articeila  herausgegeben.-) 

Ein  ähnliches  Kompendium  ist  der  Fakhir  [liber  pretiosus,  de  inorbis 
particularibus  membrorntn  a  vertice  ad  pedes),  aus  dem  neulich  Koning 
einen  Abschnitt  über  die  Steinkranliheit  im  arab.  Originale  mit  franz.  Uebersetzting 
veröffentlichte,  und  dann  Liber  divisionum  oder  Divisiones. 

Von  den  übrigen  Werken  Rhazes^  wurden  mehrere  als  Opera  parva  mit 
dem  Almansuri  und  aiich  selbständig  öfters  herausgegeben.')  \on  diesen  betreffen 
die  in  sechs  Abschnitte  oder  Sermones  eingeteilten  Aphorismen  [Liber  Basis  de 
secretis  in  medicina,  qui  liber  aphorismorum  appellatur)  1.  Prognostik;  IL  Heil- 
mittel gegen  einzelne  Krankheiten ;  III.  einige  Krankengeschichten  [de  casibus,  qui 
mihi  acciderunt);  IV.  Diätetik;  V.  Paraphrasen  aus  Hippokrates  [de  verbo  Ypo- 
cratis);  VI.  Allgemeine  mediz.  Sätze  und  l'erhaltiingsmassi-egeln  des  Arztes.  Von 
diesen  sind  manche  für  die  Beurteilung  der  arabischen  Medizin  recht  lehrreich  und 
mögen  zugleich  als  Beispiel  der  barbarischen  mittelalterlichen  Uebersetzungstceise 
dienen.  „Cum  Galienus  et  Aristoteles  fortasse  in  re  aliqua  non  concordant,  grave 
est  eornm  rationem  concordare.  —  Cum  egrum  curas,  virtutem  naturalem  vigora: 
si  eflim  vigoravei-is  cam,  egritndines  qiiam  plures  removes.  Si  vero  eam  dimiseris, 
medicinis,  quibus  nteris,  enm  destruis.  —  Doctores  medicine  egros  debent  consolari 
etiam  si  signa  mortis  propendant.  Corpora  enim  hominum  spiritus  eornm  sequun- 
tur.  —  Qui  quamplures  medicorum  interrogaverit,  in  errorem  iiicidit  plurimum.  — 
Bonum  est  doctori,  quod  cum  dietis  egritudinem  removeat,  vel  curet,  si  potest,  et 


1)  Ausgaben:  Mediolani  1481;  Venet.  1494,  1497,  1500;  Lugdun.  Bat.  1511; 
Argentor.  1531;  Basil.  1544  gewöhnlicb  mit  den  übrigen  kleineren  Werken  Ehazes', 
den  Aphorismen  des  Rabi  Moses  und  Janus  Bamascenus,  sowie  einiger  hippokratischer 
und  pseudohippokratischer  Schriften. 

*)  Venet.  1483,  1490,  1493,  1497;  Patav.  1480.  Das  HI.  Buch  wurde  auch  in 
ital.  Bearbeitung  dreimal  herausgegeben  (zweimal  ohne  Ort  u.  Jahrz.,  dann  zu  Venedig 
o.  Jahrz.). 

")  Z.  B.  Venet  1500.  Liber  Easis  ad  almansorem;  Divisiones  eiusdem;  Liber 
de  iuncturam  egritudinibus  einsdem ;  Aphorismi  ipsius;  Antidotarium  quoddam  ipsius ; 
Tractatus  de  preservatione  ab  egritudine  lapidis  eiusdem;  Introductorium  medicine 
eiusdem ;  Liber  de  sectionibus  et  cauteriis  et  ventosis  eiusdem ;  Casus  quidam,  qui 
ad  manus  eins  pervenerunt :  Sinonima  einsdem ;  Tabula  omnium  antidotorum  in 
operibus  rasis  contentorum;  De  proprietatibus,  iuvamentis  et  nocumentis  sexaginta 
animalium.  Es  folgen  dann  fremde  Werke.  —  Die  Aphorismen  wurden  mit  denen 
des  Rabi  Moses  Bonon.  1489  herausgegeben. 


600  Schrutz. 

non  medicinis.'^  —  Das  Werk  über  die  Gliederkrankheiten  {de  e^ritudinibus 
iuncturarum)  enthält  nur  Heilmittel  und  diätetische  Vorschriften  und  keine 
speziell  chirurgische  Eingriffe,  dagegen  bietet  der  Traktat  über  die  Kinderkrayik- 
heiten  (Abubatri  .  .  .  libellus  de  egritudinibus  puerorum  et  earum 
cura,  qui  appellatur  practica  puerorum)  eine  übersichtliche  Darstellung 
der  hauptsächlichsten  Erkrankungen  des  Kindesalters  und  der  dagegen  gebrauchten 
Arzneien.  —  Das  Antidotarium  enthält  Vorschriften  zur  Bereitung  einer 
grösseren  Anzahl  Arzneien  gegen  einzelne  Krankheiten,  besonders  aber  verschiedenster 
heilkräftiger  Oele.  Der  ganze  Traktat  scheint  bloss  ein  Bruchstück  einer  grösseren 
Arbeit  zu  sein,  sowie  es  auch  mit  dem  nachfolgenden  über  die  Steinkrankheit 
thatsächlich  der  Fall  ist.  Unter  den  kleineren  Schriften  enthält  diese  Abhandlung 
bloss  den  diätetischen  Teil,  wogegen  sie  in  der  unlängst  erfolgten  Publikation  Konings  ^ 
eine  ziemlich  umfangreiche  und  geordnete  Schrift  über  die  Nieren-  und  Blasensteine 
darstellt,  woraus  nur  ein  geringer  Teil  ins  Lateinische  übersetzt  wurde.  Die  Dithiasis 
wird  darin  nicht  nur  vom  Standpunkte  des  Internisten,  sondern  auch  von  dem 
des  Chirurgen  eingehender  besprochen. 

Das  bedeutendste  Werk  Rhazes'  und  der  arabischen  medizinischen 
Litteratur  überhaupt  ist  die  Schrift  über  die  Blattern,  -)  Ihr  grosser  Wert 
besteht  vorzugsweise  darin,  dass  sie  fast  vollständig  auf  eigener  Er- 
fahrung beruht.  Die  Krankheit  selbst  wird  keinesfalls  als  neu  be- 
trachtet, da  die  Kenntnis  der  Blattern  schon  bei  Galen  in  dessen 
Kommentaren  zu  den  hippokratischen  Aphorismen  als  sicher  ange- 
nommen wird,  und  an  Galenischen  humoral-pathologischen  Anschau- 
ungen über  das  Wesen  der  Blattern  hält  auch  Rhazes  fest.  Auf  diese 
Weise  erklärt  er  aus  dem  Gleichnisse  zwischen  dem  Blute  des  Men- 
schen in  den  verschiedenen  Altersstufen  von  Kindheit  an  bis  zum 
Greisenalter  und  zwischen  dem  Weine  in  seinen  verschiedenen  Sta- 
dien als  Most,  feuriger  und  schliesslich  in  Essig  übergehender  Wein, 
sowie  aus  dessen  Gärungen,  Aufbrausen,  Versäuerungen  und  Verfaulen 
nicht  nur  den  Krankheitsverlauf,  sondern  auch  einzelne  abweichende 
Krankheitserscheinungen,  wobei  zugleich  auf  die  einzelnen  Körper- 
konstitutionen geziemende  Rücksicht  genommen  wird.  Aus  diesen 
Ausführungen  folgt  ferner,  dass  vor  dem  Ausbruche  der  Blattern  weder 
Alter  und  Geschlecht  noch  Jahreszeiten  schützen.  Rhazes  unterscheidet 
zweierlei  Arten  der  Blattern:  wirkliche  Blattern  (Dschedrij,  mittel- 
alterlich pestilentia)  und  die  Masern  (hasbah,  eulogia).  Beide  werden 
nach  ihren  Erscheinungen  sorgföltig  und  eingehendst  beschrieben, 
wobei  zur  genauen  Vergleichung  des  Fieberverlaufes  mit  anderen 
Fiebern  aufgefordert  wird.  Die  austührlich  geschilderte  Therapie 
richtet  sich  vorerst  nach  der  Art  des  Verlaufes  und  nach  den 
einzelnen  Stadien  der  Krankheit.  Vorerst  sind  Extinguentia  und  Re- 
frigerantia  zu  gebrauchen,  bei  jugendlichen  und  kräftigen  Personen 
Aderlass,  dann  verschiedene  Acetosa,  reichliche  kalte  Abwaschungen, 
Begiessungen,  ja  sogar  Bäder.  Kaltes  Wasser  und  säuerliche  Getränke 
sind  im  reichlichen  Masse  auch  innerlich  zu  nehmen,  damit  durch 
heilsamen    Schweiss    und    reichliche    Ausscheidungen    überhaupt    die 


^)  Tratte  sur  le  calcul  dans  les  reins  et  dans  la  vessie.  Par  Abu  Bekr 
Muhammed  Ibn  Zakariya  al-Kazi.  Traduction  accompagnee  du  texte.  Par  P.  de 
Koning,  docteur  en  medecine.  Leyde  1896.  Eine  sorgfältige  Ausgabe.  Enthält  neben 
der  Schrift  über  die  Steinkrankheit  auch  das  früher  erwähnte  Bruchstück  aus  dem 
Liber  pretiosus  und  Parallelstellen  aus  Ali  Abbas,  Ali  Habal,  Avicenna  und  Abulkasim. 

■'')  De  variolis  et  morbillis  (früher  Liber  de  pestilentia  genannt)  in  lat.  Ueber- 
setzungen:  Venet.  1498,  1555;  Basil.  1529,  1544;  Argent.  1549;  Gotting.  1781; 
Paris  1548  griechisch.  Lond.  1766  ed.  J.  Channing  arabisch  und  lateinisch.  Ibid. 
1847  engl.  Paris  1763  und  1866  französisch  (letztere  Ausgabe  von  Leclerc  und 
Lenoir). 


Die  Medizin  der  Araber.  601 

Giftstoffe  aus  dem  Körper  befördert  werden.  Immer  soll  man  jedoch 
auf  die  Herzbewegungen,  den  Puls,  Atem,  die  Erscheinungen  an  den 
Füssen,  die  Körperentleerungen  u.  dgl.  genau  achten  und  danach  die 
Therapie  einrichten.  Der  Ausbruch  des  Ausschlages  wird  hauptsäch- 
lich durch  gelinde  äussere  Wärme  betördert.  Besonders  ausführliche  Vor- 
sichtsmassregeln sind  in  betreff  des  Auges,  des  Gesichtes,  des  Ohres,  der 
Nase,  des  Mundes  und  Schlundes  gegen  Erblindung,  Versch wärungen,  Ver- 
unstaltungen durch  tiefe  Narbenbildungen  und  Erstickungsgefahr  ange- 
geben. Auch  dem  Betten  des  Patienten  auf  verschiedene  Pulver,  Ein- 
streuungen und  Salben  wird  sorgfaltige  Rücksicht  gewidmet,  damit 
durch  Verschwärungen  und  umfangreiche  Narbenbildung  keine  üblen 
Folgen  erwachsen.  Es  wird  kurzum  neben  der  therapeutischen  die 
kosmetische  Seite  mit  gleicher  Sorgfalt  und  Umständlichkeit  in  Betracht 
gezogen.  Wie  bei  Rhazes  überhaupt"  wird  auch  in  der  Schrift  über  die 
Blattern  die  Prognose  besonders  genau  besprochen :  schlimm  sind  die  keine 
kräftige  Färbung  aufweisenden,  fahlen,  grünen  und  violetten  Blattern, 
dann  die  schlecht  durchbrechenden,  verborgenen  oder  obskuren. 

Die  ganze  Schrift  lässt  uns  Rhazes  als  einen  vorurteilslosen  Arzt 
erscheinen  und  auf  diese  Weise  äussert  er  sich  in  seinen  Werken  über- 
haupt. Rhazes  ist  Galenist  und  Hippokratiker  im  besten  Sinne  des 
Wortes.  Galenist  in  betreff  der  Säftelehi-e  und  der  theoretischen 
Grundlagen  der  praktischen  Medizin  überhaupt,  Hippokratiker  jedoch, 
was  die  Praxis,  insbesondere  Semiotik,  Prognostik  und  Therapie  an- 
belangt. Als  Diagnostiker  und  Prognostiker  ist  er  ein  entschiedener 
Gegner  aller  Charlatanerie  und  zugleich  der  bei  den  Arabern  schon 
früh  in  einen  ungemeinen  Schwung  geratenen  Uroskopie,  die  zu  solchen 
Albernheiten  ausartete,  dass  z.  B.  durch  Harnschau  künftige  Schwanger- 
schaften und  das  Geschlecht  der  daraus  folgenden  Geburten  ohne 
Scheu  gewahrsagt  wurden.  Rhazes  verwirft  zwar  die  Harnschau  im 
allgemeinen  nicht,  prüft  jedoch  den  Harn  erst,  wenn  er  den  Kranken 
schon  sonst  untersucht  hatte,  um  durch  die  Erprüfung  des  Harnes 
das  gewonnene  Urteil  über  das  Wesen  der  Krankheit  zu  bekräftigen. 
In  der  Therapie  ist  er  ein  entschiedener  Freund  des  diätetischen 
Verfahrens  und  womöglich  einfacher  Arzneien,  weiss  aber  auch  mit 
zusammengesetzten  Mitteln  umzugehen.  Als  Hippokratiker  erweist 
er  sich  ferner  dadurch,  dass  er  sich  in  einem  ziemlich  hohen  Grade 
auf  die  Erfahrung  stützt.  Er  ist  vorwiegend  Internist,  wie  es  die 
mittelalterlichen  fisici  überhaupt  waren,  und  darum  macht  sich  bei 
ihm  eine  gewisse  Submission  der  Chirurgie  samt  Nebenlächern  unter 
die  interne  Medizin  bemerkbar.  Seine  Werke  bieten  insgesamt  eine 
umfangreiche  Zusammenfassung  und  Würdigung  der  Leistungen  seiner 
Vorgänger,  der  Griechen,  Inder,  Perser  und  Araber,  kontrolliert  und 
vervollständigt  durch  eigene  praktische  Erfahrungen,  teilweise  sogar 
durch  klinische  Beobachtungen. 


Dass  Rhazes'  Auftreten  auf  die  arabische  Gelehrtenwelt  einen 
gewaltigen  und  nachteiligen  Einfluss  ausübte,  beweist  u.  a.  der  Um- 
stand, dass  Ali  Abbas  in  seinem  Königlichen  Buche  unumwunden  ein- 
bekennt, er  sei  zur  Bearbeitung  dieses  Werkes  aus  dem  Grunde  ge- 
schritten, weil  ihm  der  Hawi  zu  umfangreich  und  das  Almansuri 
zu  gedrängt  erschien.  Ali  ben  el- Abbas  el-Madschusi,  ein 
Perser  ( — 994),  war  Leibarzt  des  edel  gesinnten  Emirs  Adhad  ed- 


602  Schrutz. 

Daula,  der  u.  a.  ein  grosses  Krankenhaus  in  Bagdad  errichtete.  Das 
auf  uns  gekommene  und  dem  Emir  Adhad  gewidmete  Buch  Alis  el- 
Maliki,  das  königliche  Buch.^)  ist  ein  vollständiges  und  gut 
geordnetes  Lehrbuch  der  gesamten  Medizin,  das  bis  zum  Erscheinen 
des  Canon  Avicennas  allgemein  im  Gebrauche  war.  Es  zerfällt  in 
einen  theoretischen  und  praktischen  Teil  zu  je  10  Büchern.  Daraus 
enthält  insbesondere  der  praktische  Teil  eine  übersichtliche  Dar- 
stellung der  Hygiene  und  Diätetik,  Pharmakologie,  speziellen  Patho- 
logie der  inneren,  äusseren  und  speziell  chirurgischen  Krankheiten, 
worauf  zum  Schlüsse  eine  Abhandlung  über  die  zusammengesetzten 
Arzneien  sowie  ihrer  Zubereitungs weise  folgt. 

Besonders  als  Chirurg  wurde  Abulkasira  (fälschlich  Albucasis 
oder  Bucasis)  Chalaf  ben  Abbas  bekannt.  Er  w^ar  aus  el-Zahra  bei 
Cordova  gebürtig  (deswegen  el-2»ahrawi  oder  Alzaharavius,  Alsarabi, 
Ezzahraui  u.  dgl.)  und  lebte  wahrscheinlich  in  der  zweiten  Hälfte  des 
X.  Jahrh.  (angebl.  912  —  1013).  Sein  Hauptwerk  ist  der  das  Gesamt- 
gebiet der  Medizin  umfassende  Tesrif  oder  Altasrif,  der  ebenso 
wie  bei  Ali  Abbas  in  zwei  Teile,  einen  theoretischen  und  einen  prak- 
tischen zu  je  15  Büchern  eingeteilt  ist;  die  Chirurgie  bildet  darin 
bloss  einen  grösseren  Abschnitt,  der  für  sich  in  3  Bücher  zerfällt.^) 
Schon  früh  wurden  daraus  Uebersetzungen  ins  Lateinische  von 
Gerardus  Cremonensis  besorgt,  und  man  trifft  in  mehreren  mittelalter- 
lichen Autoren  Auszüge  sowohl  aus  dem  Gesamtwerke  als  auch  aus 
dem  chirurgischen  Teile.  Besonders  viel  ist  im  XIV.  Jahrhundert  in 
die  grosse  Chirurgie  Guy  de  Chauliacs  übergegangen  und  der  letzte, 
der  aus  Abulkasim  in  ausgiebiger  Weise  schöpfte,  war  Fabrizio 
d'Acquapendente ,  der  als  grosse  Chirurgen  bloss  Celsus,  Paulus  von 
Aegina  und  Abulkasim  gelten  liess. 

Die  Chirurgie  Abulkasims  ist  freilich  kein  Originalwerk,  denn  sie 
wurde  grösstenteils  dem  VI.  Buche  des  seinerseits  auch  nicht  origi- 
nellen Paulus  von  Aegina  entnommen,  und  nur  an  manchen  Orten  mit 
eigenen  Beobachtungen  bereichert.  Ein  grosser  Vorzug  derselben  be- 
steht allerdings  darin,  dass  sie  mit  zahlreichen  Abbildungen  versehen 
ist,  somit  zu  den  ältesten  illustrierten  medizinischen  Werken  gehört, 
und  durch  diese  Abbildungen  viel  zum  näheren  Verständnisse  der  bei 
Paulus  angeführten  Instrumente  beiträgt. 

Dem  Inhalte  nach  besteht  dieselbe  aus  einer  kurzen  Einleitung 
und   drei  Büchern.     Das  erste   Buch  (56   Kapitel)   handelt   von   der 


^)  Wird  im  Mittelalter  auch  Regalis  dispositio  genannt  und  zuerst  von 
Constantinus  Afric.  übersetzt.  Eine  zweite  Uebersetzung  rührt  von  Stephanus  von 
Antiochien  aus  dem  Jahre  1127;  sie  wurde  im  Jahre  1492  in  Venedig  und  im  Jahre 
1523  in  Lyon  herausgegeben. 

^)  Aeltere  Ausgaben:  Augustae  Vindelicorum  1519  (unvollständ.  Ausgabe  des 
Gesamtwerkes),  Basil.  1541 :  Methodus  medendi  certa,  clara  et  brevis  .  .  .  cum  in- 
strumentis  ad  omnes  fere  morbos  utiliter  et  y^a^iy-cös  depictis.  Autore  Albucase  .  . . 
mit  Anschluss  der  Chirurgie  Eolands,  Rogers,  Constantini  Africani  etc.  und  mit 
zahlreichen  Holzschnitten.  —  Hauptausgaben:  Arabisch-lateinische  Ausgabe  der 
Chirurgie  von  J.  Channing  (Oxon.  1778)  nacih  zwei  Handschriften  in  Oxford  mit 
Abbildungen.  —  La  Chirurgie  d'Abulcasis,  traduite  par  Luc.  Leclerc  (Paris  1861)  mit 
Hlustr.,  verbesserte  Channingsche  Ausgabe  nach  der  Pariser  Handschrift.  Ein  Bruch- 
stück über  die  Steinkrankheit  erschien  in  der  oberwähnten  Publikation  de  Konings. 
Eine  hebräische  handschr.  Uebersetzung  befindet  sich  in  München  und  eine  pro— 
venQalische  in  Montpellier.  —  Eine  lat.  Bearbeitung  des  therapeutischen  Teiles  erschien 
unter  dem  Titel:  Liber  servitoris  s.  liber  XXVIIT.  Bulchasim  Benaberacerin  inter- 
prete  Sini  Januensi  et  Abraamo  Judaeo.    Venet.  1471. 


Die  Medizin  der  Araber.  603 

Kauterisation,  das  zweite  (99  Kap.)  von  den  chirurgischen  Erkrankungen 
sowie  von  den  chirurgischen  und  geburtshilflichen  Operationen,  das 
dritte  (35  Kap.)  von  den  Frakturen  und  Luxationen.  —  In  der  Ein- 
leitung wird  über  den  tiefen  Stand  der  Chirurgie  bei  den  Arabern 
bittere  Klage  geführt,  hauptsächlich  darüber,  wie  aus  Unkenntnis 
der  Anatomie  durch  Verwegenheit  roher  Empiriker  die  gröbsten 
Kunstfehler,  z.  B.  Verbluten  nach  Eröffnen  von  Arterien  beim  Ader- 
lasse, Herausreissen  von  Stücken  der  Harnblase  beim  Steinschnitte, 
zweckwidrige  Behandlung  der  Frakturen,  krebsartiger  Geschwülste 
u.  a.  m.  begangen  werden. 

Das  erste  Buch  befasst  sich  mit  der  Kauterisation.  Dieselbe  wird 
hauptsächlich  durch  das  Glüheisen  und  nur  im  untergeordneten  Masse 
durch  Aetzmittel  ausgeführt.  Es  wird  bei  allen  möglichen,  internen, 
externen  und  speziell  chirurgischen  Erkrankungen  kauterisiert,  wobei 
Abulcasim  selbst  die  Kauterisation  bei  vielen  Fällen  nur  als  letztes 
Mittel  betrachtet  mit  dem  Bemerken,  dass  dieselbe  nicht  vor  Recidiven 
schützt.  Die  für  einzelne  Zwecke  bestimmten  Instrumente  besitzen 
ihre  eigene  Form  und  sollen  nur  aus  Eisen  und  nicht  aus  Gold  oder 
Silber  verfertigt  sein.  Von  besonders  erwähnenswerten  Fällen  möge 
die  Kauterisation  des  Kopfes  an  verschiedenen  Stellen  bei  Apoplexie, 
Migräne,  Epilepsie,  Melancholie,  Ohren-,  Augen-  und  Gesichtsschmerzen, 
der  Lider  beim  Entropium,  der  Achselhöhle  bei  häufig  recidivierenden 
Luxationen  des  Oberarmkopfes,  Eröffnung  der  Leberabscesse  durch 
ein  spitziges  Glüheisen,  wogegen  die  Thoracocentese  auf  dieselbe  Art 
als  lebensgefährlich  verworfen  wird,  ferner  bei  Coxalgie,  Hernien, 
Lepra,  Abscessen  u.  a.  m.  angeführt  werden.  Sehr  bemerkenswert  ist 
das  Schlusskapitel  über  die  Anwendung  der  Kauterisation  bei  arte- 
riellen Blutungen.  Diese  Blutungen  werden  gestillt  durch  Digital- 
kompression und  darauf  folgende  Kauterisation  der  blutenden  Gefäss- 
öffnung,  wobei  vor  Verletzung  der  Nerven  ausdrücklich  gewarnt  wird. 
Blutungen  aus  grösseren  arteriellen  Stämmen  können  überhaupt  nur 
auf  vierfache  Art  gestillt  werden:  durch  die  angeführte  Art  der 
Kauterisation,  durch  vollständige  Durchschneidung  der  verletzten 
Arterie,  damit  sich  die  beiden  Endstücke  zurückziehen  können,  durch 
Ligatur  und  durch  Anwendung  von  Blutstillungsmitteln  mit  Druck- 
verband. Als  erste  Hilfeleistung  bei  arteriellen  Hämorrhagien  wird 
Digitalkompression  der  Wunde  und  hineinlegen  in  ein  womöglich 
kaltes  Wasser  empfohlen. 

Das  zweite  umfangreichste  Buch  der  ganzen  Schrift  enthält  vor- 
erst einige  einleitende  Ermahnungen,  keine  Operation  ohne  gehörig 
erforschte  Krankheitsursache  und  sicher  gestellten  Heilungsmodus  zu 
beginnen,  dieselbe  niemals  aus  blosser  Habgier,  sondern  immer  nur 
zum  Heile  der  Kranken  zu  unternehmen ,  denn  alles  geschieht  ja  vor 
den  Augen  des  allsehenden  Gottes.  Implicite  gelangt  schon  hier, 
sowie  im  ganzen  Werke  und  besonders  im  dritten  Buche  überhaupt 
eine  ziemlich  bemerkbare  Messer-  und  Blutscheu  auch  des  an  den 
alten  Werken  gediegener  griechischer  Chirurgen  gebildeten  Arabers 
zum  Ausdruck.  Im  weiteren  folgen  dann  die  chirurgischen  Er- 
krankungen und  Verletzungen  mit  den  diesbezüglichen  Heilverfahren 
a  vertice  usque  ad  pedes  mit  einer  weit  intimeren  Anlehnung  an 
Paulus  Aegineta  als  es  im  ersten  Buche  geschah.  Bei  den  Augen- 
operationen wird  u.  a,  als  volkstümliche  Operation  in  Persien  das 
Aussaugen  des  Stares  erwähnt;    sonst   wird  aber  die  Cataracta  de- 


604  Schrutz. 

primiert.  Die  Entfernung-  der  Fremdkörper  aus  dem  Ohre  geschieht 
je  nach  ihrer  Beschaifenheit  durch  zweckmässige  Methoden  und  immer 
bei  hellem  einfallenden  Lichte.  Bei  Operationen  der  Spaltbildungen  an 
Nase,  Lippen  und  Ohr  wird  zuerst  der  umschlungenen  Naht  ge- 
dacht, die  später  bei  Besprechung  der  Bauchwunden  ausführlicher 
geschildert  wird.  Der  zahnärztliche  Teil  ist  mehr  kosmetischen  Charakters. 
Vorerst  wird  eine  Menge  verschiedenartigster  Instrumente,  besonders 
zum  Entfernen  des  Zahnfleisches  angeführt.  Das  Zahnausziehen 
ist  nur  dann  erlaubt,  wenn  schon  alle  medikamentösen  Mittel  versagt 
haben.  Unregelmässig  gebildete  Zähne,  wenn  sie  hervorragen,  werden 
entweder  herausgezogen  oder  abgefeilt;  Vorderzähne,  die  durch  einen 
Schlag  oder  Fall  lose  geworden  sind,  werden  durch  Umwinden  mit 
Golddraht  an  den  festgebliebenen  Zähnen  befestigt  und  verlorene 
Zähne  durch  künstliche  aus  Rindsknochen  ersetzt.  —  Das  Einschneiden 
des  Zungenbändchens  geschieht  auf  herkömmliche  Art,  die  Ranula 
wird  exstirpiert,  und  die  hypertrophierten  Tonsillen  abgeschnitten, 
Nasen-Rachenpolypen  exstirpiert  und  kauterisiert,  und  das  vergrösserte 
Zäpfchen  ebenfalls  abgeschnitten;  nur  bei  messerscheuen  Patienten 
werden  auch  hier  Aetzmittel  oder  gewisse  Anräucherungen  verwendet. 
—  Bei  der  Tracheotomie  wird  u.  a.  erwähnt,  dass  Abulkasim  niemanden 
kenne,  der  dieselbe  ausgeführt  hätte,  es  wird  jedoch  ein  eigener  Fall 
von  Durchtrennung  der  Luftröhre  bei  einem  Selbstmörder,  welchen 
Abulkasim  durch  Naht  geheilt  hatte,  erwähnt.  —  Nach  Aufzählung 
einer  grösseren  Reihe  verschiedenartigster  Instrumente  zum  Schneiden 
und  Durchstechen,  hauptsächlich  Lanzetten  und  Häkchen  zu  je  dreierlei 
Grössen,  folgen  Besprechungen  von  chirurgischen  Erkrankungen  des 
Rumpfes,  hauptsächlich  der  Brustdrüsen,  Aneurysmen,  Ascites,  Aifek- 
tionen  der  Genitalien  und  eine  ausführliche  Schilderung  der  Circum- 
cision.  Die  Steinkrankheit  und  der  Steinschnitt  werden  nach  bekannten 
Mustern  ausführlich  erörtert;  zu  grosse  Steine  werden  vor  ihrer 
Extraktion  in  der  Blase  zertrümmert.  Aber  nebst  solcher  Zertrümme- 
rung wird  auch  wirkliche  Lithotrypsie  und  zwar  im  medizinischen  Teile 
des  Altasrif  (tract.  XXI)  erwähnt.  Merkwürdig  sind  die  Bemerkungen 
Abulkasims  über  den  Steinschnitt  beim  Weibe,  da  aus  demselben  die 
Schwierigkeiten,  die  sich  aus  den  orientalischen  Sitten  bei  Behandlung 
der  Frauen  überhaupt  ergeben,  ungemein  hervorstechen.  Vorerst  soll 
eine  in  Medizin  sachkundige  Frau  gesucht  werden,  und  da  solche 
nicht  vorhanden  sind,  wird  eine  Hebamme,  welche  womöglich  etwas 
von  der  Sache  versteht,  geholt  und  diese  führt  unter  Aufsicht  des 
Arztes  die  Untersuchung  des  Steines  und  auch  den  Steinschnitt  selbst 
(bei  deflorierten  Frauen  per  Vaginalschnitt)  aus.  Die  Kapitel  über 
Hernien,  Kastration  und  chirurgische  Erkrankungen  der  weiblichen 
Genitalien  bieten  nichts  Besonderes.  Bei  Imperforation  der  Vagina 
wird  nach  Beheben  des  Uebels  angeraten,  „ut  coeat  mulier  omni  die, 
ut  non  denuo  consolidetur  locus".  Es  folgt  ein  kurzer  Abriss  einer 
Geburtshilfe  für  Hebammen,  wobei  zugleich  eine  Reihe  abenteuerlicher 
Instrumente  angeführt  wird.  Sehr  ausführlich  wird  die  medikamen- 
töse und  chirurgische  Behandlungsweise  der  Wunden  erörtert.  Ins- 
besondere sind  es  die  penetrierenden  Bauchwunden,  welche  am  sorg- 
fältigsten und,  wie  es  scheint,  nach  eigener  Erfahrung  bearbeitet 
sind.  U.  a.  wird  unter  den  verschiedenen  Arten  der  Nähte  auch 
speziell  die  umschlungene,  Kürschner-  und  Doppelnaht  beschrieben.  Bei 
den  Darmwunden  wird  als  ein  besonders  empirischer  Vereinigungs- 


Die  Medizin  der  Araber.  605 

modus  das  Zusammenbeissen  der  Wundränder  durch  grosse  Ameisen 
erwähnt.  Bei  Besprechung  der  Osteomyelitis  und  Nekrose  wird  auch 
ein  Fall  von  Nekrose  der  Tibia  angeführt,  der  von  Abulkasim  durch 
Eesektion  geheilt  wurde.  Zu  Resektionen  werden  überall  da,  wo 
Antyllus  Meissel  gebraucht,  verschiedenartige  Sägen,  die  durch  bei- 
gefügte Abbildungen  veranschaulicht  werden,  verwendet.  Brandig  ge- 
wordene Glieder,  wenn  der  Brand  nur  bis  zum  Ellenbogen-  oder  Knie- 
gelenke reicht,  werden  amputiert,  und  zwar  auf  die  Art,  dass  die 
Weichteile  mit  einem  breiten  Messer  durchtrennt  werden,  worauf  das 
Durchsägen  der  Knochen  folgt.  Die  Weichteüe  werden  dabei  durch 
zwei  Binden  geschützt,  Blutungen  durch  Kauterisation  und  Styptica 
gestillt.  Varices  werden  entweder  durch  Incision  oder  durch  Ex- 
stirpation  beseitigt.  —  Das  Kapitel  über  Ausziehung  der  Pfeile  ist 
ziemlich  knapp,  dagegen  diejenigen  über  Aderlass  und  Schröpfen  weit 
umfangreicher,  wobei  auch  eine  genaue  Behandlungsweise  der  Arterien- 
verletzungen bei  Venaesektion  angegeben  wird. 

Das  dritte  Buch,  das  von  den  Frakturen  und  Luxationen  handelt, 
wird  durch  eine  ähnliche  Weise  eingeleitet,  wie  der  ganze  chirurgische 
Abschnitt  überhaupt,  und  wird  darin  besonders  das  Bedürfnis  des 
Studiums  der  Anatomie  nach  den  Schriften  der  Alten  nochmals  hervor- 
gehoben. Die  Knochenbrüche  werden  im  grossen  Ganzen  nur  in  einer 
allgemeinen,  mehr  populären  Weise  abgehandelt.  Insbesondere  eifert 
Abulkasim  gegen  die  kenntnislosen  Knocheneinrenker,  welche  die 
schlechtgeheilten  Frakturen  nochmals  brechen,  und  fügt  hinzu,  wenn 
es  eine  gesunde  Praktik  wäre,  würden  schon  die  Alten  davon  eine 
Erwähnung  gemacht  haben.  Es  folgen  die  Besprechungen  einzelner 
Knochenbrüche  und  deren  Heilung  a  capite  ad  calcem  und  dann  die 
der  Luxationen.  Bei  Reposition  der  Fraktur  des  Schambogens  wird 
eine  Art  Kolpeurynter  erwähnt,  nämlich  das  Einführen  einer  Schaf- 
blase in  die  Scheide,  wobei  durch  nachheriges  Aufblasen  derselben 
durch  ein  Rohr  die  Dislokation  der  Knochen  behoben  werden  soll. 
Ferner  ist  hier  noch  bemerkenswert,  dass  bei  Besprechung  der  mit 
einer  Wunde  komplizierten  Frakturen  auch  das  Einschneiden  eines 
Fensters  in  den  Verband  erwähnt  wird.  Bei  den  mit  Wunden  und 
zum  Teile  auch  mit  Fraktur  komplizierten  Luxationen  soll  man  sich 
nur  auf  blosse  Bekämpfung  der  Eutzündungserscheinungen  beschränken. 

Avicenna. 

In  den  Werken  des  Rhazes,  Ali  Abbas , .  Abulkasim  u.  a.  wurden 
neben  unverkennbarem  Anlehnen  an  die  Schriften  der  Griechen  gewiss 
auch  gediegene  Proben  selbständiger  Beherrschung  des  medizinischen 
Wissens  geliefert.  Obzwar  schon  im  Laufe  des  X.  Jahrhunderts  einige 
bemerkenswerte  medizinische  Uebersichtswerke,  wie  der  Almansuri 
Rhazes'  oder  dasjenige  des  Ali  Abbas,  in  denen  eine  arabische  Be- 
arbeitungswTise  sichtlich  zu  Tage  tritt,  entstehen  konnten,  gelangt 
die  eigentümlichste  und  dem  Arabismus  entsprechendste  Auffassungs- 
weise der  Medizin  bei  den  Arabern  doch  nur  erst  bei  Avicenna  zur 
vollsten  Geltung.  Avicenna  ist  der  gefeierteste  Arzt  und  Philosoph 
der  Araber  und  im  Abendlande  zugleich  die  einflussreichste  Autorität 
nicht  nur  zur  Blüteperiode  der  Scholastik,  sondern  auch  später  bis 
weit  in  die  Renaissance  und  Neuzeit  hinein.  Alle  die  heftigen  An- 
griife,   die   zur  Zeit   des  Wiedererwachens   des  unvoreingenommenen 


606  Schrutz. 

Studiums  und  der  selbständigen  Forschung  in  der  Heilkunde  gegen  den 
lähmenden  Einfluss  des  Arabismus  gerichtet  waren,  galten  fast  aus- 
schliesslich dem  Avicenna  und  seinen  späten  abendländischen  Nach- 
betern. Und  wenn  auch  der  Arabismus  in  der  Medizin  schliesslich 
gestürzt  wurde,  dasjenige,'  was  Avicenna  am  meisten  charakterisiert, 
der  Hang  zur  Dialektik,  zum  System  bilden ,  das  Dogmatisch-Metho- 
dische, blieb  doch  lange  noch  gar  vielen  Medizinern  anhaften  und 
kehrte  in  verschiedenfachen  Abänderungen  bis  zu  unlängstvergangenen 
Zeiten  immer  wieder  von  neuem  zurück. 

Avicenna  (Abu  Ali  el-Hosein  ben  AbdallahlbnSina, 
980 — 1037)  wurde  zu  Afschena  in  der  persischen  Provinz  Chorasan 
geboren,  kam  früh  nach  Buchara  und  genoss  eine  sorgfältige  Erziehung. 
Vorerst  befasste  er  sich  hauptsächlich  mit  mathematischen,  physi- 
kalischen und  philosophischen  Studien  und  seit  dem  15.  Lebensjahre 
widmete  er  sich  der  Medizin.  Durch  eine  ungewöhnlich  rasche  Auf- 
fassungsgabe ausgestattet,  vertasste  er  nach  Art  Galens  mehrere  um- 
fangreichere Kompendien  aus  den  verschiedensten  Wissenszweigen. 
Nach  dem  Tode  seines  Vaters  führte  er  ein  unstetes  Wanderleben, 
lebte  an  verschiedenen  Höfen  Persiens,  bekleidete  auch  das  Amt  eines 
Vezirs  und  versammelte  um  sich  immer  zahlreiche  Schüler.  Merk- 
würdig für  einen  Araber  ist  seine  Art  des  Studiums.  Nach  seinen 
eigenen  Einbekenntnissen  verbrachte  er  hauptsächlich  die  Nacht  zum 
Studium  und  zum  Niederschreiben  seiner  Werke.  Und  wenn  der 
Schlaf  ihn  zu  übermannen  begann,  griif  er  zum  Wein  und  setzte  seine 
Studien  fort.  Mit  denselben  beschäftigte  er  sich  auch  im  Schlafe  und 
beim  Erwachen  waren  ihm  alle  dunklen  Probleme  klar.  Dasselbe 
Verfahren  befolgte  er  auch  als  Lehrer  bei  seinen  Schülern.  Als  der 
Geist  durch  angestrengtes  Lernen  zu  erlahmen  begann,  wurde  zum 
Becher  gegriiten  und  durch  Gesang  und  Musik  der  Geist  zur  weiteren 
Arbeit  erfrischt.  Avicenna  starb  unweit  von  Hamadan  infolge  seiner 
eigenen  verfehlten  Kur,  die  er  bei  heftigen  Anfällen  einer  Kolik  an- 
wendete. 

Avicenna  zeichnet  sich  neben  ungewohnter  Frühreife  überhaupt 
durch  eine  ausserordentliche  Assimilationsfähigkeit  und  eine  ungemein 
umfangreiche  schriftstellerische  Thätigkeit  aus.  Eine  jede  Etappe 
seines  unsteten,  reichbewegten  und  aufzehrenden  Lebenslaufes  ist  durch 
ein  bedeutendes  Werk  gekennzeichnet.  Die  Zahl  der  bekannten 
Schriften  Avicennas  beläuft  sich  über  ein  Hundert.  Sie  betreifen 
Religion,  Philosopie,  Metaphysik,  Logik,  Dialektik,  Mathematik,  Astro- 
nomie, Physik,  Musik,  Alchymie,  die  Naturwissenschaften  überhaupt 
und  Medizin.  Er  beherrschte  alle  diese  Gebiete  und  in  allen  war  er 
Meister.  In  dieser  Hinsicht  erinnert  er  ganz  besonders  an  Galen. 
Von  den  Arabern  gleicht  er  am  meisten  dem  Alkindus,  einem  in 
gleichem  Masse  encyklopädischen  Geiste.  Als  Praktiker  ist  Rhazes 
bedeutender,  als  Philosoph  jedoch  und  Sj^stematiker  steht  Avicenna 
unter  den  arabischen  Aerzten  unerreicht  da. 

Das  medizinische  Hauptwerk  Avicennas  ist  sein  Kanon  der 
Medizin.^)    Dasselbe  ist  in  fünf  grosse  Bücher  eingeteilt,  von  denen 


')  Arabische  Ausgabe  Eomae  1593,  dann  Bulak  1294  (Hedshr.  1877)  in  3  Tl. 
Nebstdem  wurden  auch  einige  Bruchstücke  arabisch  herausgegeben  (z.  B.  v.  P.  Kirsten 
in  Breslau  1609)  und  verschiedene  arab.  Auszüge  aus  dem  Hauptwerke  verfasst.  Lat. 
Ausgaben:  Drei  ohne  Ort  u.  Jahresangabe,  von  denen  bes.  die  bei  Hain  sub  n.  2198 


Die  Medizin  der  Araber.  607 

I.  die  allgemeine  theoretische  Medizin,  IL  die  einfachen  Arzneimittel, 
TU.  die  spezielle  Pathologie  und  Therapie  a  capite  ad  calcem,  IV.  die 
mehreren  Körperteilen  gemeinschaftlichen  Krankheiten  und  Erschein- 
ungen und  V.  die  Pharmakopoe  oder  Zusammensetzung  und  Zubereitungs- 
weise der  Arzneien  umfasst. 

Ein  jedes  Buch  ist  vorerst  eingeteilt  in  mehrere  grössere  Ab- 
schnitte (Fen),  diese  in  Traktate,  ferner  in  Unterabteilungen  (Summen) 
und  zuletzt  in  einzelne  Kapitel.  Das  I.  aus  vier  Fen  bestehende  Buch 
enthält  im  1.  Fen  die  Definition  der  Medizin  (als  Wissenschaft,  welche 
uns  die  Einrichtungen  des  menschlichen  Körpers  kennen  lernt,  ferner 
die  Art,  wie  der  Körper  geheilt  oder  vor  Schädlichkeiten  geschützt 
werden  kann,  so  dass  die  Gesundheit  erhalten  bleibt  oder  die  ver- 
lorene wieder  erworben  wird),  weiters  Betrachtungen  über  die  Medizin 
im  allgemeinen,  die  Lehre  von  den  Elementen,  den  Komplexionen  und 
Temperamenten,  den  Säften,  der  Beschaifenheit  einzelner  Organe  und 
ihrer  Verrichtungen.  Der  2.  Abschnitt  oder  Fen  handelt  von  den 
Krankheiten  im  allgemeinen,  ihren  Ursachen  und  Anzeichen,  wobei 
insbesondere  die  Pulslehre  und  Haruschau  eingehendst  berücksichtigt 
werden.  Der  3.,  der  Diätetik  und  Prophylaxis  gewidmete  Fen  ist  mit 
einer  allgemeinen  Betrachtung  über  die  Ursachen  der  Gesundheit  und 
Erkrankung  und  über  die  Notwendigkeit  des  Todes  eingeleitet,  ent- 
hält eine  ausführliche  Besprechung  der  allgemeinen  Gesundheitsregeln 
im  Kindes-,  Mannes-  und  Greisenalter  von  der  Geburt  angefangen  bis 
zum  Tode,  ferner  Verhaltungsmassregeln  bei  einzelnen  Komplexionen 
und  schliesslich  Vorbeugungsregeln,  insbesondere  gegen  Hitze,  Kälte 
und  schlechtes  Wasser,  namentlich  auf  Reisen.  Der  letzte  Fen  betrifft 
die  allgemeine  Therapie;  hauptsächlich  werden  die  Entleerungen  und 
Abführmittel,  Klystiere,  Umschläge,  Aderlass,  Schröpfen,  Blutegel,  Er- 
öffnung von  Abscessen,  Kauterisation  u.  a.  besprochen.  —  Der  erste 
Abschnitt,  die  spezielle  Anatomie  ausgenommen,  dann  der  die  Lehre 
vom  Pulse  und  Harn  enthaltende  Teil  des  3.  Abschnittes  und  schliess- 
lich der  4.  Abschnitt  wurden  in  die  Articeila  aufgenommen  und  bildeten 
auch  auf  diese  Art  mit  ihrer  teleologisch-neuplatonischen  Auffassungs- 
weise und  unerreichbaren  Spitzfindigkeiten  die  hauptsächlichste  Grund- 
lage der  mittelalterlichen  anatomisch-physiologischen  und  pathologisch- 
therapeutischen Anschauungen. 

Das  IL  Buch  enthält  vorerst  eine  allgemeine  Besprechung  der 
inneren  Eigenschaften  einzelner  Heilmittel  besonders  nach  Dioskorides 
und  Galen,  aber  auch  auf  Grund  eigener  Erfahrungen  und  bildet  zu- 
gleich das  vollständigste  Buch  über  die  Simplicia  bis  Ibn  Beitar. 

Das  IIL,  umfangreichste,  aus  22  Abschnitten  oder  Fen  bestehende 
Buch  des  Kanon  ist  den  örtlichen  Krankheiten  gewidmet.  Dabei  be- 
folgt Avicenna  den  Modus,  dass  er  vor  den  eigentlichen  Schilderungen 
der  Erkrankungen  einzelner  Körperteile  und  Organe  immer  spezielle 
und  ziemlich  eingehende  anatomisch-physiologische  Bemerkungen  und 


angeführte  handlich  iPrag.  Univ.-Bibl.).  Mediolani  1473,  Patavii  1476,  1497;  Venet. 
1482,  1483,  1486,  1490  (Oct.  Scotus),  1490  (D.  Berthocus),  1491,  1494,  1500,  1507, 
1523  Juntinen  1527  [m.  Castig.  d.  Andr.  Belhmensis-Alpagns],  1544,  1555,  1582, 
1592,  1608,  1562,  1564  (ed.  Mongius  u.  Costaeus);  Papiae  1483,  1493,  1510,  1511; 
Lugd  1522;  Basil.  1556;  Lovanii  1658  (ed.  Vopiscus  Fortunat.  Plempius).  Fast 
allen  diesen  Ausgaben  des  Kanon  sind  auch  einige  kleinere  Schriften  Avicennas  bei- 

gefügt,  so  besonders  seine  Cantica  und  die  Schrift  de  viribus  cordis.   Hebräische 
ebersetzung  Neapoli  1491. 


608  Schrutz. 

Betrachtungen  voranschickt.  Auf  diese  Art  wird  der  anatomisch- 
physiologische Teil  des  I.  Buches  durch  eine  mehr  topographische  Be- 
arbeitungsweise,  z,  B.  der  des  Kopfes  (de  utilitate  capitis  et  partibus 
eins)  vervollständigt.  Die  Reihenfolge  ist  die  übliche  a  capite  ad  pedes 
und  es  folgen  hintereinander  Bespi-echungen  der  Kopfkrankheiten,  be- 
sonders derer  des  Hirnes,  Augen-,  Ohren-,  Nasen-,  Mund-,  Zungen-, 
Zahn-  und  Lippenkrankheiten,  Erkrankungen  der  Kehle  (es  wird  u.  a. 
auch  die  Tubage  und  Tracheotomie  erwähnt),  Brustkrankheiten  (u.  a. 
eine  scharfe  Sonderung  der  Pleuritis  durchgeführt,  das  Erkennen  des 
Empyems,  seine  ErölJFnung  und  Entleerung  richtig  angegeben),  die 
Krankheiten  des  Herzens,  der  Brustdrüsen,  des  Magens,  der  Leber, 
Milz  und  der  Gedärme,  wobei  besonders  Ascites  und  Gelbsucht  er- 
wähnenswert erscheinen,  ferner  die  Erkrankungen  der  Harnorgane, 
der  männlichen  und  weiblichen  Geschlechtsteile  mit  einem  kurzen 
geburtshilflichen  Abrisse;  darnach  werden  noch  die  Hernien  und  zum 
Schlüsse  die  Erkrankungen  der  Glieder,  hauptsächlich  aber  der  Ge- 
lenke, u.  a.  auch  Podagra  und  zu  allerletzt  die  Erkrankungen  der 
Nägel  erwähnt. 

Das  IV.  Buch  besteht  aus  sieben  Abschnitten.  Der  erste  be- 
handelt die  Fieber,  wurde  ebenfalls  in  die  Articella  aufgenommen  und 
von  da  aus  beherrschte  die  Avicennische  Fieberlehre  von  der  Definition 
(„febris  est  calor  extraneus  accensus  in  corde  et  procedens  ab  eo 
mediantibus  spiritu  et  sanguine  per  arterias  et  venas  in  totum  corpus  etc.) 
angefangen  bis  zur  Einteilung  und  Behandlungsweise  einzelner  Fieber- 
arten alle  Schulen  des  Mittelalters  bis  weit  in  die  Neuzeit  hinein. 
Im  4.  Traktate  des  1.  Fen  werden  auch  die  Blattern  und  „Morbilli" 
ausführlich  besprochen.  Der  2.  Abschnitt  oder  Fen  enthält  die 
Semiotik,  Prognostik  und  Krisenlehre,  der  3.,  4.  und  5.  Abschnitt 
wurden  als  Chirurgie  des  Avicenna  in  die  Articella  aufgenommen. 
Fen  3  enthält  eine  spezielle  Besprechung  der  Apostemen  und  Pusteln, 
nämlich  Erysipelas,  Phlegmone,  Brand,  Pestbubo  und  verschiedenartige 
Geschwüre,  Filaria  Medinensis  und  Lepra,  Fen  4  eine  Abhandlung 
über  die  Wunden,  Geschwüre  und  anderen  Verletzungen  der  Kontinuität. 
U.  a,  kommt  unter  den  Knochenerkrankungen  im  4.  Traktate  auch 
die  „ventositas  Spinae  et  corruptio  ossis"  vor.  Der  letzte  chirurgische 
Abschnitt  (Fen  5)  enthält  die  allgemeine  und  spezielle  Lehre  von  den 
Luxationen  und  Frakturen,  Fen  6  ist  der  Toxikologie  mit  Einschluss 
der  tierischen  Gifte  und  der  durch  Tiere  verursachten  vergifteten 
Wunden  gewidmet,  Fen  7  betriift  die  Kosmetik,  die  Erkrankungen 
der  Haare  und  der  Haut,  die  Bekämpfung  der  zu  grossen  Magerkeit 
und  Fettleibigkeit,  Entfernung  der  Mamillen,  Hoden,  Hände,  Füsse 
und  dergleichen,  und  schliesslich  die  Erkrankungen  der  Finger  und 
Nägel. 

Das  V.  Buch,  Antidotarium,  behandelt  die  Zusammensetzung  der 
Arzneien  (Composita)  und  wurde  für  die  späteren  Generationen  eben- 
falls massgebend. 

Durch  Vollständigkeit,  methodische,  bis  in  die  kleinsten  Unter- 
abteilungen durchgreifende  Einteilung,  durch  systematische,  in  alle 
Details  vordringende  Darstellungsweise,  durch  unübertroffene  Dialektik 
und  schliesslich  seiner  vorzüglichen  Schreibart  wegen,  wurde  der 
Kanon  Avicennas  weltberühmt  und  eins  der  merkwürdigsten  medi- 
zinischen  Bücher   überhaupt.     Ins  Lateinische   wurde    er   früh   von 


Die  Medizin  der  Araber.  609 

GeraB^us  Cremonensis  übersetzt  und  von  dieser  Zeit  an  beherrschte 
er  die  abendländische  Medizin  ebenso  unbeschränkt  wie  die  arabische. 
Von  den  übrigen  medizinischen  Schriften  Avicennas  wurden  im 
Abendlande  am  bekanntesten  die  fast  allen  Ausgaben  des  Kanon  bei- 
gefügten Cantica,^)  kurze  Lehrsätze  nach  Art  der  Hippokratischen 
Aphorismen,  welche  in  4  Bücher  eingeteilt  in  systematischer  Reihen- 
folge die  Grundsätze  der  theoretischen  und  praktischen  Medizin 
Avicennas  wiedergeben.  Mit  den  früher  angeführten  Abschnitten  des 
Kanon  wurden  sie  ebenfalls  in  die  Articella  aufgenommen.  Die 
mehreren  Ausgaben  des  Kanon  angeschlossenen  Schriften  de  viribus 
cordis  und  de  syrupo  acetoso,  dann  die  naturwissenschaftlichen, 
alchy mistischen  und  astrologischen  Abhandlungen  wurden  durch  den 
Glanz  des  Kanon  vollkommen  in  den  Schatten  gestellt. 

Avenzoar. 

Mit  Avicenna  erreichte  die  arabische  Medizin  ihren  Höhepunkt 
und  mit  ihm  schliesst  zugleich  die  Reihe  der  grossen  medizinischen 
Talente  Persiens  ab.  Inzwischen  aber  wuchs  das  arabische  Spanien 
zu  einer  ausserordentlich  grossen  wissenschaftlichen  Bedeutung  heran. 
Hauptsächlich  waren  es  die  Philosophie  und  Medizin,  die  unter  dem 
gesegneten  Himmelsstriche  Andalusiens  zur  schönsten  Blüte  gelangten 
und  zugleich  einen  gesunden  Rationalismus  annahmen,  der  für  eine 
freiere  Denkungsart  und  dadurch  auf  das  Wiedererwachen  einer  un- 
voreingenommenen Forschung  an  den  abendländischen  Universitäten 
von  dem  grössten  Einflüsse  wurde.  Unter  den  zahlreichen  bedeutenden 
Namen  ragen  besonders  die  Mitglieder  der  Familie  Ibn  Zohr  (Aven- 
zoar) hervor.  Ihr  Stammvater  kam  im  XI.  Jahrhundert  nach  Spanien 
und  der  Familie  entsprossen  viele  Rechtsgelehrte,  Staatsmänner  und 
Aerzte.  Der  berühmteste  von  denselben  ist  Abu  Merwan  Ibn 
Zohr  (korrump.  Abumeron;  f  in  Sevilla  1162  im  hohen  Alter).  In 
der  Schule  seines  Vaters  tüchtig  herangebildet,  zeichnete  er  sich  bald 
als  hervorragender  und  vornehmer  Praktiker  aus.  Wegen  seiner  Kunst 
stand  er  in  hohem  Ansehen  und  bekleidete  bei  Abd-el-Mumin  auch 
das  Amt  eines  Vezirs.  Er  war  ein  entschiedener  Gegner  des  Avicenna, 
seiner  Philosophie  und  seiner  dialektischen  Bearbeitungsweise  der 
Medizin;  auch  gegenüber  Rhazes  unterscheidet  er  sich  dadurch,  dass 
er  sich  ausschliesslich  auf  das  Gebiet  der  praktischen  Medizin  be- 
schränkte. Sein  Hauptwerk  ist  der  AJLl^^ei^r,  2)  eine  freie,  em- 
pirische Bearbeitung  der  praktischen  Medizin  a  capite  ad  pedes,  wo- 
bei ihm  seine  und  seines  Vaters  langjährige  Erfahrung  sehr  zu  statten 
kamen.  Die  Leistungen  der  alten  grossen  Aerzte  werden  keinenfalls 
ignoriert,  aber  denselben  gegenüber  stellt  Avenzoar  überall  als  ein 
ebenbürtiger  Mann.  Von  seinen  praktischen  Leistungen  mögen  nur 
einige  Proben  angeführt  werden.  Als  Abd-el-Mumin  Purgiermittel 
einnehmen  wollte,  Hess  es  Avenzoar  nicht  zu,  sondern  liess  vielmehr 
einen  Weinstock  mit  Purgierwässem  begiessen,  und  als  die  Rebe  reif 
wurde,  genoss  der  Emir  davon  und  die  erwartete  Wirkung  stellte  sich 


^)  Lat.  Ausg.  Venet.  1484,  Groning.  1649. 

2)  Lat.  Uebers.  Venet.  1490,  1496,  1497,  1514,  1530,  1553;  Lugd.  1531.  Fernere 
gedruckte  Werke:  De  curatione  lapidis,  Venet.  1497.  De  regimine  sani- 
statis,  Basil.  1630.    Excerpta  de  balneis,  Venet.  1553. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  1.  39 


610  Sclirutz. 

wirklich  ein.  Trotz  der  vornehmsten  Art  seiner  Heilmethoden  g-ilt 
Avenzoar  für  den  Entdecker  der  Krätzmilbe  und  eines  rationellen  Heil- 
verfahrens gegen  die  Krätze.  Bemerkenswert  ist  auch  sein  Vorgehen 
bei  der  Tracheotomie,  die  er  nicht  nur  im  Notfalle  bei  Kranken,  sondern 
auch  versuchsweise  einmal  bei  einer  Ziege  vollführte. 

Avenzoar  ist  der  letzte  grosse  arabische  Arzt;  nach  ihm  ist  der 
Verfall  der  arabischen  Medizin  unverkennbar.  Schon  seine  Medizin 
erscheint  recht  aristokratisch.  Avenzoar  betrachtet  einige  chirurgische  . 
Eingriffe,  so  z.  B.  den  Steinschnitt  für  einen  wahren  Arzt  als  un- 
würdig, weil  dabei  die  Geschlechtsteile  blossgelegt  werden.  Ja  Aven- 
zoar hält  auch  die  Zubereitung  der  Arzneien  für  einen  wahren  Arzt 
nicht  für  angemessen.  Und  auf  diese  Weise  finden  wir  die  alte  Drei- 
teilung der  praktischen  Medizin,  nämlich  in  den  internen,  chirurgischen 
und  therapeutisch-pharmaceutischen  Teil  von  neuem  scharf  betont  und 
bekräftigt  —  zum  grössten  Nachteile  für  den  Fortgang  der  Gesamt- 
medizin in  den  nachfolgenden  Jahrhunderten. 

Direkte  Nachkommen  des  Avenzoar  treten  noch  im  nachfolgenden 
Jahrhundert  als  bedeutende  Aerzte  auf. 

6.  Minder  hervorragende  Aerzte  des  X. -XII.  Jahrhunderts  und 
beginnender  Verfall  der  arabischen  Medizin. 

Im  Anschlüsse  an  die  vorangehenden  grossen  Namen  müssen 
wenigstens  in  aller  Kürze  noch  einige  Männer  aus  dieser  Zeitperiode 
erwähnt  werden,  die  sich  entweder  auf  dem  Gesamtgebiete  der  Medizin 
oder  in  einigen  speziellen  Fächern  derselben  hervorgethan  haben. 

Isaac  Judaeus  (Abu  Jakub  Ishak  ben  Soleiman  el-Israili,  im 
Mittelalter  genannt  auch  Isaac  Judaeus,  Salomonis  regis  Arabiae  filius 
adoptivus),  ein  ägyptischer  Israelit,  Schüler  des  zu  Keirowan  (Cyrene) 
um  das  Jahr  903  gekreuzigten  ausgezeichneten  Arztes  Ishak  ben 
Amran,  lebte  um  die  Mitte  des  X.  Jahrhunderts  (angebl.  830 — 932) 
in  Mauretanien  und  Keirowan.  Von  seinen  Schriften  wurden  im 
Abendlande  besonders  bekannt:  ein  Werk  über  Diätetik  und  der 
sogenannte  Führer  der  Aerzte,^)  der  vorzügliche  Maximen  über 
die  Medizin  im  allgemeinen  und  über  die  Verhaltungsmassregeln  des 
Arztes  enthält  (z.  B.  „Die  wichtigste  Aufgabe  des  Arztes  ist,  Er- 
krankungen zu  verhüten.  —  Die  meisten  Kranken  genesen  ohne  Bei- 
stand des  Arztes,  durch  die  Hilfe  der  Natur.  -  Gebrauche  stets  nur 
eine  einzige  Arznei  auf  einmal.  —  Sprich  nie  ungünstig  über  andere 
Aerzte.   Ein  jeder  hat  seine  glücklichen  und  unglücklichen  Stunden."). 

Sein  Schüler  Abu  Dschafar  Ibn  el-Dschezzar  (auch  Al- 
gizar,  Algazirah,  f  1009)  aus  Keirowan,  ein  nüchterner  und  methodischer 
Geist,  ist  Verfasser  eines  Reisebuches  für  Arme,  das  als  Ur- 
quelle einer  im  Mittelalter  verbreiteten  populären  Schrift  (Viaticum) 
gilt,  und  dann  einer  Abhandlung  über  die  Ursachen  der  Pest 
in  Aegypten. 

Ein  besonderes  Buch  über  die  Entstehung  des  Fötus  resp.  ein 
vollständiges  Handbuch  der  Geburtshilfe  verfasste  zu  Ende  des  X.  Jahr- 
hunderts ein  spanischer  Arzt  Arib  ben  Said  el  Katib. 


^)  Lat.  Uebers.  Opera  omnia,  Lug:d.  1515,1525,  De  diaetis  particulari- 
bus,  Paduae  1487,  De  diaetis  uni versalibus  et  particularib.  Ib  II. 
Basil.  1570.    Deutsch.    Berlin  1884. 


Die  Medizin  der  Araber.  611 

Eine  charakteristische  Erscheinung  ist  zu  dieser  Zeit  Abu  Ali 
Muhammed  Ihn  el-Heitsam  (965-1038)  aus  Basora,  wo  er  das 
Amt  eines  Vezirs  bekleidete,  ein  encyklopädisch  gebildeter  Mann,  der 
später  in  Kairo  lebte,  an  200  Schritten  und  Traktate,  hauptsächlich 
Kompilationen  aus  dem  Gebiete  der  Philosophie,  Mathematik,  Physik 
und  Medizin  verfasste,  von  denen  eine  Schrift  über  die  Optik  unter 
dem  Namen  Alhazen  besonders  hervorzuheben  ist. 

Hauptsächlich  als  Oculisten  sind  bekannt  Ali  ben  Isa  und  Ca- 
namusali.  Ali  ben  Isa  (auch  Jesu  Haly,  f  Anfang  des  XL  Jahr- 
hunderts) ist  Verfasser  einer  Schrift  über  die  Augenkrankheiten  ')  in 
drei  Abteilungen,  von  denen  die  1.  eine  Beschreibung  des  Auges, 
2.  Krankheiten,  die  unseren  Sinnen  zugänglich  sind,  und  3.  Krank- 
heiten, die  unseren  Sinnen  unzugänglich  sind,  betrefifen.  Die  ganze 
Schrift  ist  ein  Kompilationswerk  hauptsächlich  nach  Galen  und  Honein.  — 
Canamusali  ist  die  mittelalterliche  Bezeichnung  für  Omar  ben  Ali 
el-Musli,  einen  berühmten  Augenarzt  und  Philosophen,  der  im  XII.  Jahr- 
hundert zu  Bagdad  und  Aegypten  lebte  und  ein  aus  sieben  Büchern 
bestehendes  Werk  über  Augenheilkunde-')  niederschrieb.  Von  ihm 
wird  ausdrücklich  angeführt,  dass  er  bei  der  Operation  der  Katarakta 
ebenfalls  das  Aussaugen  anwendete. 

Ali  ben  Ridhwan  oder  Rodoam  (980  bis  um  lOßl)  aus 
Aegypten,  war  als  Philosoph  und  ärztlicher  Schriftsteller,  hauptsäch- 
lich aber  als  Kommentator  Galens  (lateinisch  gedruckt  Venet.  1496) 
bekannt.  Er  war  eine  streitsüchtige  und  rechthaberische  Natur  und 
mit  seinen  Zeitgenossen  in  vielfache  Polemiken,  die  er  sehr  leiden- 
schaftlich führte,  verwickelt. 

Wegen  der  besonderen  Form  ihrer  Schriften  sind  besonders  Bi- 
runi.  Botlan  und  Dschezla  bemerkenswert.  Der  als  Astronom,  Philo- 
soph und  Arzt  bekannte  Zeitgenosse  Avicennas,  el-Biruni,  der  auch 
40  Jahre  in  Indien  gelebt  haben  soll,  schrieb  u.  a.  ein  umfangreiches 
naturgeschichtlich-medizinisches  Werk,  worin  die  Medikamente  in  al- 
phabetischer Ordnung  gereiht  werden.  —  Eine  synoptische  Bearbeitung 
der  Medizin,  insbesondere  der  Diätetik,  in  Tabellenform"*)  lieferte 
Ibn  Botlan  (f  um  1063  in  hohem  Alter),  ein  im  Oriente  vielbewan- 
derter Nestorianer,  der  im  Jahre  1054  auch  ein  Jahr  in  Konstantinopel 
verweilte  und  aus  Autopsie  die  hier  grassierende  Pest  beschrieb.  — 
In  ähnlicher  synoptischer  Tabellenform  verfasste  auch  Ibn  Dschezla 
(korrump.  Byngezla,  f  1100),  ein  zum  Islamismus  übergetretener  Christ, 
der  dann  als  Arzt  in  Bagdad  lebte,  ein  Werk  über  Pathologie,  *)  worin 


^)  Lat.  Uebers.  De  cognitione  infirmitatum  oculorum  et  curatione  eorum.  Ge- 
druckt zusammen  mit  den  Werken  des  .\bulkasim  und  Guy  de  Chauliac  (Venet. 
1497,  1499,  1500).  Die  Einleitung,  die  anatomisch-physiologischen  Kapitel  und  die 
Titelangabe  der  einzelnen  Kapitel  dse  II.  u.  III.  Buches  wurden  von  C  Aug. 
Hille  nach  einer  Dresdner  Handschrift  ins  Lat.  übersetzt  (Ali  ben  Isa  monitorii 
oculariorura  s.  compendii  ophthalniiatrici  etc.  specimen,  Dresdae  et  Lipsiae  1845)  und 
mit   einer  ausführlichen  historischen  Einleitung  versehen 

")  Die  Abhandlung  über  Augenmittel  wurde  daraus  in  der  Collect.  Chirurg. 
Venet.  (1497  u    1499)  mit  dem  Werke  Ali  ben  Isas  i.bgedruckt 

'')  Takwim  es-Sihha,  Lat.  Tacuini  sanitatis  Ellucha.sem  Elimithar  etc.  Argentor. 
1531    deutsch  das.  153S. 

*)  Lat  Tacuini  aeeritudinum  et  morbornm  fere  omninm  corporis  humani 
cum  curis  eo rundem  Buhahylyha  Byngezla  autore,  Argent  1^32  (1533  das.  mit  dem 
Takwim  des  Botlan,  mit  dem  er  auch  verwechselt  wird,  als  Canones  tacuinorum  ge- 
druckt).   Deutsch  daselbst  1533  mit  den  Botlanschen  Tafeln. 

39* 


612  '  Schrutz. 

auch  den  Frauenkrankheiten  ein  besonderer  Teil  eingeräumt  wird. 
In  der  Therapie  werden  zweierlei  Grade  unterschieden,  ein  gewöhn- 
licher, für  jedermann  leicht  zugänglicher,  und  ein  königlicher,  für  jeder- 
mann nicht  zu  bestreitender,  eine  Unterscheidung,  die  an  die  mittel- 
alterliche Praxis  für  Aime  und  Reiche  erinnert.  Die  Heilung  der 
Hysterie  wird  den  Hebammen  überlassen. 

Von  den  ältesten  arabischen  Pharmakologen  sind  zu  nennen :  I  b  n 
Wafid  (korrump.  Abenguefit,  997 — 1075),  ein  vorzüglicher  spanischer 
Arzt  am  Hospitale  zu  Toledo,  der  eine  Schrift  über  die  einfachen 
Arzneien  ^)  und  ausser  einigen  kleineren  Werken  auch  ein  Rezeptbuch 
für  verschiedene  Krankheiten  und  eine  Abhandlung  über  die  Bäder 
verfasste;  Ibn  Dscholdschol,  ebenfalls  ein  Spanier  (zu  Ende  des 
X.  und  Anfang  des  XL  Jahrhunderts),  der  besonders  eine  Schrift  Aus- 
legung der  Namen  der  Heilmittel  des  Dioskorides  hinter- 
liess,  und  sein  Zeitgenosse,  der  in  Jerusalem  und  Aegypten  lebende 
Attamimi  oder  Temirai. 

Zu  ihnen  würde  zu  rechnen  sein  Mesue  der  Jüngere  (Joannes 
filius  Mesuae  filius  Hamech  filii  Hely  Abdala  regis  Damasci;  Joannes 
Damascenus),  eine  strittige  und  sonst  nicht  näher  zu  bestimmende 
Gestalt  aus  dem  X.  oder  XI.  Jahrhundert.  Dem  wenig  zuverlässigen 
Leo  Africanus  zufolge  soll  Mesue  ein  jakobitischer  Christ  gewesen 
sein,  der  in  Bagdad  Medizin  studiert  hatte,  in  Aegypten  lebte  und 
angeblich  1015  in  hohem  Alter  starb.  Unter  seinem  Namen  war  im 
Mittelalter  und  noch  im  XVI.  Jahrhundert  ein  Kompendium  hauptsäch- 
lich pharmakologischen  Inhaltes  vielfach  in  Gebrauch,  dessen  arabisches 
Original  vollkommen  unbekannt  geblieben  ist,  so  dass  die  Vermutung 
auftauchen  konnte,  dass  sich  den  Namen  Mesue  ein  lateinisch  schreiben- 
der mittelalterlicher  medizinischer  Schriftsteller  beigelegt  hatte,  um 
seinen  mittelmässigen  Werken  einen  besseren  Klang  zu  verschaffen. 
Thatsächlich  wurden  die  unter  seinem  Namen  angeführten  Schriften 
fast  so  oft  wie  diejenigen  des  Avicenna  gedruckt  und  herausgegeben.^) 
Sie  werden  folgendermassen  eingeteilt :  a)  De  medicinislaxativis, 
auch  de  simplicibus  oder  Consolatio,  betreffen  die  mildernden 
und  abführenden  Mittel;  öfters  werden  diese  Abteilungen  in  zwei 
selbständige  Schriften  gesondert,  b)  Antidotarium  s.  Grabadin 
medicamentorum  compositorum,  enthält  die  bei  den  Alten 
und  Arabern  gebräuchlichen  Medizinalformeln,  c)  Practica  medi- 
cinarum  particularium,  umfasst  die  Heilmittel  gegen  einzelne 
Krankheiten  resp.  Krankheitssymptome  vom  Kopfe  angefangen  bis  zu 
den  Herzkrankheiten.  Diese  Schrift  muss  als  unvollendet  betrachtet 
werden.  Eine  Fortsetzung  lieferte  insbesondere  Pietro  von  Abano. 
In  ihrer  ausschliesslich  praktischen  Richtung,  ihrer  leichten  Fasslich- 
keit  und  der  bequemen  Zusammenstellung  der  Arzneimittel  gegen  ein- 
zelne Krankheiten  liegt  hauptsächlich  der  Grund  ihrer  ungemein 
.grossen  Beliebtheit  und  Verbreitung.    Oft  werden  sie  mit  den  Werken 


^)  Lat.  wurde  nur  ein  Teil  Liber  de  medicamentis  simplicibus  als  An- 
hang der  Werke  des  jüngeren  Mesue  gedruckt,  Venet.  1549  etc.,  und  mit  dem 
Tacuin  Dschezlas  Argentor.  1531.    Ausserdem  De  balneis  sermo,  Venet.  1533. 

2)  Hauptsächlichste  lat.  Ausgaben  aller  Werke:  Venet.  1471,  1479,  1484,  1485, 
1489—91,  1495,  1497,  1498,  1549  (Juntina),  1561  (ed.  Andr.  Marinus,  eine  der  besten 
Ausgaben)  u.  oft.  Italienisch:  Modena  1475,  Venez.  1487,  1494,  1559,  1589;  Firenze 
1490.  Ferner  lat.  Teilausgaben :  Mediolani  1473,  Neapoli  1475,  Lugd.  1478,  Pap.  1478, 
Venet.  1489  u.  oft. 


Die  Medizin  der  Araber.  613 

des  älteren  Mesue  verwechselt.  —  Die  richtige  Deutung  der  Mesue 
wird  noch  erschwert  durch  einen  dritten  Mesue,  richtiger  Pseudo- 
Mesue,  dessen  Chirurgie,  nach  Pagel  wahrscheinlich  eine  lateinische 
Kompilation  aus  dem  XIII.  Jahrhundert,  von  Pagel  und  seinen  Schülern 
herausgegeben  wurde.  ^) 

Eine  ebenso  zweifelhafte  Gestalt  ist  Serapion  der  Jüngere 
(wahrscheinlich,  da  er  den  Abenguefit  erwähnt,  aus  der  zweiten  Hälfte 
des  XL  Jahrhunderts  oder  später).  Von  ihm  rührt  eine  lateinische, 
mehrfach  gedruckte  Schrift,  Liber  de  medicamentis  simplici- 
b  u  s ,  ^)  die  bis  jetzt  in  arabischer  Sprache  nicht  ausfindig  gemacht 
werden  konnte.  Das  Werk  ist  eine  vollständige  und  ausführliche  Zu- 
sammenstellung dessen,  was  griechische  und  arabische  Aerzte  bis  dahin 
über  einfache  Arzneien  geschi'ieben  hatten,  wobei  auch  das  Allgemeine 
der  Arzneimittellehre  berücksichtigt  wird.  Von  den  arabischen  Schrift- 
stellern wird  Serapion  nicht  erwähnt. 

Ein  von  den  Arabern  und  insbesondere  von  Ihn  el-Beitar  wegen 
seiner  vorzüglichen  Pflanzenbeschreibungen  hochgepriesener  spanischer 
Arzt  ist  Abu  Dschafar  er-Rafiki  oder  Ghafiki  (um  1100).  Er 
stammte  aus  der  Umgebung  von  Cordova  und  hielt  sich  wohl  auch 
im  Norden  Afrikas  auf,  worauf  manche  berberische  Bezeichnungen  in 
seiner  Schrift  hinweisen.  Nach  Oseibia  vereinigte  er  in  seinem  Werke 
über  die  Simplicia  neben  seinen  eigenen  Entdeckungen  alles,  was  bis 
zu  seiner  Zeit  über  diesen  Gegenstand  geschrieben  wurde.  •^) 

Zum  Schlüsse  möge  unter  den  pharmakologischen  Schriftstellern 
noch  Ibn  Baddscheh,  im  Abendlande  gewöhnlich  Avempace genannt 
(f  1138  in  Fez),  ein  freisinniger  Denker  aus  Saragossa  gebürtig,  an- 
geführt werden.  Er  praktizierte  vorerst  in  Sevilla,  war  dann  Vezir 
des  Jahja  ben  Taschifin  in  Fez,  und  da  er  sich  hier  in  die  Angelegen- 
heiten anderer  Aerzte  einmischte,  wurde  er  von  ihnen  vergiftet.  Er 
ist  als  Poet,  Philosoph  und  Arzt  gleichberühmt  und  verfasste  u.  a. 
einen  Kommentar  zu  Galen s  Schrift  über  die  einfachen  Arzneien,  einen 
Auszug  aus  dem  Continens  des  Rhazes,  ferner  eine  mehr  philosophische 
Schrift  De  meditationi  solitarii  und  Dissertatio  deamore 
physico. 


Der  rasche  Flug  der  EntA\icklung  der  arabischen  Medizin  Hess, 
vom  XII.  Jahrh.  angefangen,  merklich  ab.  Man  kann  zwar  von  einem 
wirklichen  Verfalle  noch  nicht  sprechen,  aber  der  Höhepunkt  war 
schon  überschritten  und  die  Anzeichen  einer  Dekadenz  nehmen  immer 
mehr  zu.  Dieser  Niedergang  giebt  sich  jedoch  nicht  überall  zu 
gleichen  Zeiten  und  plötzlich  kund.    So  blieb  das  maurische  Spanien 


')  J.  L.  Pagel,  Die  angebliche  Chirurgie  des  Mesue  junior  etc.,  Berlin  1893; 
Fr.  A.  Sternberg,  Das  4.  Buch  der  angebl.  Chirurgie  des  Johannes  Mesue  etc., 
Berlin  1893:  W.Schnelle,  Die  Chirurgie  d.  Job.  Mesue  jun.,  Schluss  des  4.  Buches, 
Berlin  1895;  H.  Brockelmann,  Das  5.  Buch  der  angebl.  Chirurgie  d.  Joh.  Mesue 
jun.,  Berlin  1895. 

^)  Mediol.  1473;  Veuet.  1497,  1552;  Argentor.  1531  und  mit  den  Schriften  des 
älteren  Serapion.  mit  dem  er  öfter  verwechselt  oder  identifiziert  wurde. 

')  Vgl.  M.  Steinschneider,  Gafiki's  Verzeichniss  einfacher  Heilmittel  (Virchows 
Archiv  Bd.  77,  85  u,  86.  —  Ein  anderer  er-Rafiki,  und  zwar  Muhammed  ben 
Aslem  er-Rafiki,  wurde  als  Vater  des  obigen  betrachtet.  Er  lebte  in  der  ersten 
Hälfte  des  XII.  Jahrh.  und  ist  Verfasser  eines  mit  Instrumenten-Abbildungen  ver- 
sehenen anatomisch-okulis tischen  Werkes  Morched  (lat.  Director). 


^14  Schrutz, 

noch  lange  eine  bewährte  Pfleg-estätte  der  Wissenschaften  und  ins- 
besondere der  Heilkunde,  aus  welcher  eine  stattliche  Zahl  freidenkender 
Philosophen,  sowie  hervorragender  Aerzte  und  Naturforscher  hervor- 
ging. Aehnliche  Zufluchtsstätten  fand  die  Pflege  der  Heilkunde  auch 
zeitweise  im  Norden  Afrikas,  besonders  in  Marokko,  das  damals  mit 
Spanien  lebhafte  Verbindungen  unterhielt,  dann  in  Aegypten  und 
Syrien,  wo  die  edlen  humanitären  Gründungen  eines  Nureddin  und 
Saladin  rege  wissenschaftliche  Bestrebungen  hervorgerufen  hatten. 

An  vielen  Orten  wirkten  zwar  noch  immer  vorzügliche  Männer 
und  bildeten  sogar  Schulen,  aber  die  Erscheiuungen  des  Ueberlebt- 
seins  der  arabischen  Kultur  und  speziell  der  Medizin,  die  schliesslich 
jedwede  Spur  einer  selbständigen  Bearbeitung  einbüsste,  treten  immer 
deutlicher  hervor.  Sie  erscheinen  Hand  in  Hand  mit  dem  allmäh- 
lichen Dahinwelken  der  einstigen  politischen  Macht  der  Araber  infolge 
innerer  Zerwürfnisse  und  der  Verfall  selbst  wird  durch  die  Barbarien 
der  Kreuzzüge  und  der  mongolischen  Invasionen  in  das  Eeich  der 
Chalifen  nur  beschleunigt. 

In  dieser  Periode  können  wir  uns  vollkommen  kurz  fassen,  denn 
nur  wenige  Hauptrepräsentanten  der  Natur-  und  Heilkunde  erheischen 
eine  ausführlichere  Besprechung, 

Eine  der  grössten  Erscheinungen  der  arabischen  Litteratur  ist 
Averroes  (eigentlich  Abul  Welid  Muhammed  ben  Ahmed  Ibn 
Koschd,  1126—1198),  besonders  als  freidenkender  Philosoph  hoch- 
gerühmt. Er  stammte  aus  Cordova,  war  Schüler  und  Freund  des  Ibn 
Zohr  (Avenzoar),  war  Kadi  von  Sevilla,  dann  von  Cordova  und  später 
Statthalter  von  Andalusien.  Wegen  seiner  Freisinnigkeit  wurde  er 
jedoch  aus  der  Gemeinschaft  der  Gläubigen  ausgestossen  und  lebte 
dann  bei  Cordova  in  Verbannung,  doch  wurde  er  kurz  vor  seinem 
Tode  begnadigt  und  begab  sich  nach  Marokko,  wo  er  sein  wechsel- 
volles Leben  beschloss.  Sein  ganzes  reichbewegtes  Leben  ist  von 
steter  Arbeit  erfüllt.  Es  wird  von  ihm  erzählt,  dass  er  bloss  zwei 
Nächte  ohne  zu  arbeiten  verbrachte,  nämlich  diejenige  seiner  Hoch- 
zeit und  diejenige  am  Todestage  seines  Vaters.  Seinen  grossen  Namen 
erwarb  er  sich  als  Philosoph  und  die  Kommentare  zu  Aristoteles  sind 
sein  bedeutungsvolles  Meisterwerk.  Seine  Medizin  ist  bloss  aus 
Büchergelehrtheit  geschöpft,  weswegen  es  nicht  zu  verwundern  ist,  dass 
die  Theorie  noch  mehr  als  bei  Avicenna  überhandnimmt  und  die 
Dialektik  in  Spitzfindigkeiten  ausartet,  welche  diejenigen  des  Avicenna, 
fast  übertreffen.  Dabei  tritt  die  Naturbeobachtung  noch  mehr  als  bei 
Avicenna  in  den  Hintergrund. 

Sein  medizinisches  Hauptwerk  sind  die  Hauptregeln  der 
Medizin  (Kitab  el-Kollijat  —  Liber  universalis  demedi- 
cina,  gewöhnlich  Coli  iget')  genannt),  die  dem  I.  Buche  des  Avi- 
cennischen  Canon  entsprechen.  Sie  sind  in  7  Bücher  eingeteilt;  von 
denen  I.  die  allgemeine  Anatomie,  IL  die  Physiologie,  III.  die  Patho- 
logie, IV.  die  Semeiologie,  V.  die  Materia  medica,  nämlich  die  Lehre 
von  den  Heil-  und  Genussmitteln,  VI.  die  Gesundheitslehre  und  VII.  die 
allgemeine  Therapie  enthält.  Nebstdem  verfasste  Averroes  mehrere 
kleinere  Werke  über  Temperamente,  Fieber,  Purgiermittel  und  Theriak 


^)  Ausgaben:  Lat.  Venet.  1482,  dann  mit  Avenzoar  oder  Rhazes  und  Serapion 
d.  J.  mehreremals,  z.  B.  Argentor.  1530,  Venet.  1490,  1496,  1553,  1560. 


Die  Medizin  der  Araber.  615 

nebst  Kommentaren  zu  einigen  Werken  Galens  und  zu  dem  Canticum 
Avicennas.  ^) 

Ein  seinem  Lehrer  und  Meister  Averroes  ebenbürtiger  Schüler 
war  der  grosse  Maimonides  (Abu  Amram  Musa  ben  Maimun  ben 
Obeid  Allah  el-Cordovi,  auch  in  abgekürzter  Form  ,.Rambam"  genannt, 
1135—1204).  Als  Mediziner  erlangte  er  keinesfalls  einen  solchen 
Ruhm,  der  ihm  als  Philosophen  und  Talmudisten  gebebührt,  doch  muss  ihm 
wegen  seiner  medizinischen  Schriften  eine  würdige  Stelle  unter  den  be- 
deutenderen arabischen  Aerzten  der  späteren  Periode  eingeräumt  werden. 
Aus  Cordova  gebürtig,  lebte  er  später  in  Fez  und  zuletzt  in  Alt-Kairo 
in  Aegypten,  wo  er  auch  als  Lehrer  der  Medizin  und  Praktiker  wirkte. 

Seine  medizinischen  Schriften,  die  zwar  der  Originalität  ent- 
behren, aber  eine  hohe  Stufe  der  Gelehrsamkeit  bekunden,  sind  fol- 
gende: Commentare  zu  den  Aphorismen  des  Hippokrates, 
handschriftlich  in  arabischer  und  hebräischer  Sprache;  Eigene  Apho- 
rismen,'^) nach  Galen,  in  25  Bücher  eingeteilt,  von  denen  das  letzte 
den  dunklen  Stellen  aus  Galen  gewidmet  ist;  Briefe  über  Diä- 
tetik, die  für  den  Sohn  Saladins,  welcher  an  Konstipation,  Melancholie 
und  Verdauungsbeschwerden  überhaupt  litt,  geschrieben  wurden  und  im 
Laufe  der  Zeit  verschiedene  Namen  erhalten  haben.  ^)  In  vier  Büchern 
bespricht  diese  Schrift  die  Lebensweise  im  gesunden  und  krankhaften 
Zustande  überhaupt,  dann  die  Lebensweise  der  Herrscher  insbesondere 
und  enthält  zum  Schlüsse  allgemeine  Gesundheitsregeln.  Ferner  ver- 
fasste  Maimonides  einen  Auszug  aus  den  Werken  Galens  (über  den 
Puls)  und  schliesslich  mehrere  kleinere  handschriftlich  teils  in  ara- 
bischer, teils  in  hebräischer  Sprache  vorhandene  Schriften  über  das 
Asthma,  die  Hämorrhoiden,  den  Beischlaf  und  die  Gifte,  sowie  deren 
Heilung.  *) 

Diesen  beiden  Männern  stellt  sich  als  hervorragender  Lehrer  der 
Philosophie  und  Theologie  Fachr  ed-Din  er-Razi  (1149—1209) 
würdig  zur  Seite.  Aus  Raj  gebürtig,  bereiste  er  fast  ganz  Mittelasien  und 
hielt  sich  hauptsächlich  in  Herat  auf,  wo  er  eine  Akademie  leitete, 
die  von  sehr  zahlreichen  Schülern,  unter  denen  sich  auch  Sultane  be- 
fanden, besucht  war.  Er  gehört  in  die  Reihe  der  letzten  grossen 
arabischen  Philosophen  des  Orients  und  hinterliess  auch  mehrere 
Werke  medizinischen  Inhalts,  unter  denen  Kommentare  zu  dem  Canon 
Avicennas  besonders  hervorzuheben  sind. 

Abu  Muhammed  Abd  el-Latif  (1162—1231),  aus  Bagdad  ge- 
bürtig, kommt  als  Mediziner  insofern  in  Betracht,  da  er  als  prak- 
tischer  Arzt  und   Lehrer  in  Syrien,  Palästina  und  Aegypten  thätig 


^)  Averroes  Cordubensis  Liber  de  venenis,  de  Tyriaca,  de  concordia  inter 
Aristotelem  et  Galienum  de  generatione  sanguinis.  Item  secreta  Hippocratis  s.  1.  a. 
fol.  (Prag).  —  Collectanea  de  re  medica  sectiones  III  (1.  de  sanitate,  II.  de  sanitate 
tuenda.  III.  de  ratione  curandonim  membrorum),  Lugd.  Bat.  1537.  —  Commentarius 
in  Canticum  Ibn  Sinae,  Venet.  1484.  Vgl.  auch  E.  Renan,  Averroes  et  rAverroisme, 
3.  ed.  Paris  1866. 

^)  Lat.  Ausg.:  Bonon.  1489,  Venet.  1497,  1500,  dann  mit  dem  Almansuri  des 
Ehazes  Basil.  1570  a.  1589.  Eine  Kompilation  aus  diesen  Aphorismen,  im  wesent- 
lichen diätetischen  Inhalts,  gab  neulich  M.  Grossberg  (London  1900)  heraus. 

^)  Tractatus  de  regiraine  sanitatis.  Lat.  Ausg.  Flor.  s.  a.  (vor  1484),  Venet. 
1514,  1521,  Aug.  Vind.  1518,  Lugd.  1535.  Deutsch  von  Winternitz,  Wien  1843. 
Hebräisch  Prag  1838. 

*)  Franz.  Uebersetzung :  Traite  de  poisons  de  Maimonide  etc.  trad.  par  J.  M. 
Rabinowicz,  Par.  1867.    Deutsch  von  Steinschneider,  Berlin  1873. 


616  Schrutz. 

war  und  unter  seinen  zahlreichen  Schriften  mehrere  Kompilationen, 
Auszüge  und  Kommentare  medizinischen  Inhaltes  hinterliess.  Auch 
in  seinem  Hauptwerke,  einer  Beschreibung  Aegyptens,  ^)  sind  medi- 
dizinische  Angaben  enthalten,  welche  sich  insbesondere  au  die  grosse 
Hungersnot  und  Pest,  die  zu  seiner  Zeit  Aegypten  (1201  u.  1202)  heim- 
suchten, beziehen.  In  dieser  Hinsicht  sind  hauptsächlich  seine  An- 
gaben über  die  anatomischen  Befunde  an  einem  Leichenhügel  von 
etwa  20000  Leichen  besonders  in  betreif  des  Nichtvorhandenseins 
einer  Sutur  am  Kinne  des  Unterkiefers  bemerkenswet,  da  sie  eine 
seltene  Selbständigkeit  des  Urteiles  der  Autorität  Galens  gegenüber 
bekunden  und  zugleich  ein  Beispiel  zufälliger  anatomischer  Unter- 
suchungen der  Araber  abgeben. 

Als  praktischer  Arzt  genoss  einen  grossen  Euf  Ali  ben  Ahmed 
ihn  Hobal  Muhaddib  ed-Din  (1117—1213)  aus  Bagdad,  der  haupt- 
sächlich in  Mosul  und  eine  Zeitlang  auch  in  Achlat  wirkte  und  mehrere 
Schriften  hinterliess.  Einen  beachtenswerten  Abriss  über  die  Stein- 
krankheit veröffentlichte  unlängst  de  Koning  in  seinem  bei  ßhazes 
angeführten  Werke. 

Als  Verfasser  für  den  praktischen  Gebrauch  bestimmter  Hilfs- 
bücher mögen  aus  dieser  Periode  angeführt  werden:  Izzaddin  es- 
Suwaidi  el-Ansari  aus  Damaskus  (1203 — 1291),  der  ein  Notizbuch 
über  einfache  Arzneien  für  Krankheiten  einzelner  Körperteile  a  capite 
ad  calcem  niederschrieb,  und  Salah  ed-Din  ben  Jusuf  aus  Hama 
(um  1296),  der  ein  vollständiges  Kompendium  über  Augenkrankheiten 
mit  einer  Einleitung  über  die  Anatomie  des  Auges  und  das  Wesen 
des  Sehens  hinterliess.  Ferner  möge  hierher  eingereiht  werden  Ibn 
an-Nafis  el- Karschi  (f  1288  oder  1296  im  Alter  von  80  Jahren), 
der  in  Damaskus  studierte  und  auch  als  sehr  gefeierter  Lehrer  auf- 
getreten ist.  Von  seinen  zahlreichen  und  umfangreichen  Schriften 
sind  am  bekanntesten  seine  im  Oriente  sehr  verbreiteten  Kommentare 
zu  dem  Canon  Avicennas,  die  im  J.  1828  in  Kalkutta  auch  gedruckt 
wurden.  ^) 

Ibn  el-Beitar,  eigentlich  Dhija  ed-Din  Abu  Muhammed  Abdallah 
ben  Ahmed  (f  1248  in  Damaskus),  ist  der  bedeutendste  botanische 
und  pharmakologische  Schriftsteller  der  Araber.  Er  war  aus  Malaga 
gebürtig  (daher  auch  el-Malaki  genannt)  als  Sohn  eines  Tierarztes, 
wovon  ihm  der  Name  Ibn  el-Beitar  geblieben  ist.  Unter  seinen  Lehrern 
ist  besonders  der  Arzt  und  ausgezeichnete  Botaniker  Abul  Abbas 
Ennabathi  (1165  oder  1171 — 1239)  aus  Sevilla,  dessen  Werke  sich 
jedoch  nicht  erhalten  haben,  hervorzuheben.  Um  das  Jahr  1220  zog 
er,  unterwegs  botanisierend,  über  Nordafrika  nach  dem  Oriente,  hielt 
sich  als  Leibarzt  der  ägyptischen  Emire  und  Vorgesetzter  der  Bota- 
niker (nach  anderen  Angaben  als  Vorgesetzter  der  Aerzte  in  Kairo) 
vornehmlich  in  Aegypten,  Syrien  und  Kleinasien  auf,  unterhielt  rege 
Verbindungen  mit  den  Gelehrten  des  Orients  und  hatte  reichlich  Ge- 
legenheit, sich  umfangreichen  botanischen  Studien  zu  widmen. 


^)  Compendium  memorabilium  Aegypti,  arab.  Ausg.,  Tubingae  1789;  arab.-lat. 
Ausg.  V.  J.  Wheite,  Oxonii  1800,  dann  eine  deutsche  (1790)  und  franz.  Uebersetzung 
(Paris  1810  bes.  von  Silv.  de  Sacy). 

^)  Moojiz-ool-Quanoon :  a  Medical  Work,  by  Alee  Bin  Abee  il  Huzm,  the  Kara- 
shite,  commonly  known  by  tlie  name  of  Ibn-ool-Nufees,  Calcutta  1828.  (Wüsten- 
feld 1.  c.  S.  147). 


Die  Medizin  der  Araber.  617 

Sein  Hauptwerk,  Dschami  el-Mufradat  (Corpus  simplicia 
medicamentorum  et  ciborum  continens)^)  ist  eine  zusammen- 
fassende Schrift  über  die  einfachen  Arzneien  und  Nahrungsmittel  aus 
allen  drei  Naturreichen.  In  alphabetischer  Reihenfolge  geordnet,  wird 
die  gesamte  Materia  medica  in  2330  Absätzen  abgehandelt  und  zwar 
nicht  nur  auf  Grund  der  Berichte  des  Dioskorides,  Galenos  und  der 
übrigen  Vorläufer  und  Zeitgenossen  Ibn  el-Beitars,  sondern  alle  diese 
sorgfältig  gesammelten  üeberlieferungen  sind  auf  Grund  persönlicher 
Erfahrungen  kritisch  erläutert,  ergänzt,  berichtigt  oder  durch  eigene 
Beobachtungen  ersetzt  worden.  Wesentlich  ist  es  zwar  eine  Kom- 
pilation, aber  durch  die  hervorragende  Bearbeitungsweise  ist  es  zum 
gewichtigsten,  umfassendsten  und  vollständigsten  Werke  der  arabischen 
Litteratur  auf  dem  Gebiete  der  Botanik  und  Materia  medica  geworden. 

Leclerc  schätzt  die  Zahl  der  beschriebenen  Simplicia  auf  1400, 
da  von  den  2330  Paragraphen  mehr  als  ein  Drittel  Synonyma  be- 
treffen. Von  dieser  reduzierten  Anzahl  entfallen  über  dreihundert  auf 
neue  bei  Ibn  el-Beitar  zum  ersten  Male  vorkommende  Medikamente 
und  Nahrungsmittel,  wovon  auf  das  Pflanzenreich  speziell  etwa  zwei- 
hundert kommen.  Unter  den  durch  die  Araber  in  die  Materia  medica 
überhaupt  eingetührten  oder  allgemein  bekannt  gewordenen  und  bei 
Ibn  el-Beitar  angeführten  Substanzen  befinden  sich  u.  a.  die  Bezoare, 
Ambra,  Moschus,  Manna,  verschiedene  Gewürzarten,  hauptsächlich  die 
Gewürznelke,  verschiedene  Pfefferarten  u.  a.  m.,  dann  Zucker,  Drachen- 
blut, Areca,  Zedoaria,  Galanga,  Amonium  granum  paradisi,  Betel, 
Sandal,  ßhabarber,  Muskatnuss,  Kampfer,  Berberis,  Mahaleb,  Tama- 
rinden, Senna,  Cassia  fistula,  Bonducella,  Orangen,  Croton,  Melia 
Azedarach,  Emblica,  Anacardium,  Jujuba,  Myrobolanen,  Turbith,  Salva- 
dora  persica,  Jasmin,  Convolvulus  Nil.,  Nux  vomica,  Datura  metel 
Globularia. 

Ausser  seiner  pharmakologischen  Wichtigkeit  verdient  dieses  Werk 
Ibn  el-Beitars  auch  als  litterarhistorische  Nachschlagequelle  die  vollste 
Beachtung  wegen  der  sich  darin  befindlichen  zahlreichen  und  gewissen- 
haften Citationen,  durch  die  wenigstens  Bruchstücke  mehrerer  in  Verlust 
geratener  Werke  sonst  bedeutender  Autoren  der  Nachwelt  überliefert 
wurden.  Dem  Hange  nach  Vollständigkeit  folgend,  führt  Ibn  el-Beitar 
neben  sonstigen  Synonymen  öfters  Lokalbenennungen  einzelner  Pflanzen 
an,  so  insbesondere  altspanische,  berberische,  persische  und  sonst  orienta- 
lische Bezeichnungen,  wodurch  dieses  Werk  auch  in  sprachwissenschaft- 
licher Hinsicht  ein  gewisses  Interesse  gewinnt. 

Weitere  Schriften  Ibn  el-Beitars  -sind  Morni  (Sufficiens 
de  medicina),  ein  Handbuch,  handschriftlich  in  Paris  erhalten,  über 
einfache  Arzneien  mit  Berücksichtigung  ihrer  therapeutischen  Wirkung. 
Es  ist  in  20  Abschnitte  nach  den  einzelnen  Körperteilen  a  capite  ad 
calcem  eingeteilt  und  enthält  zuletzt  kosmetische  Mittel,  Gegengifte 
und  prophylaktische  Massregeln.  Ferner  verfasste  er  Kommentare  zu 
dem  Werke  über  einfache  Arzneien  des  Dioskorides  und  dann  über 
Fehler  und  Irrtümer  in  dem  Werke  Ibn  Dschezlas. 


^)  Ausg.  Bulak  1875 ;  L.  Leclerc,  Traite  des  simples  par  Ibn  Beithar,  Paris  1877. 
Deutsche  Uebersetzung  von  Joseph  v.  Sontheimer :  Grosse  Zusammensetzung  über  die 
Kräfte  der  bekannten  einfachen  Heil-  und  Nahrungsmittel  etc.,  Stuttgart  1840  u.  42. 
Mangelhaft.  Sonst  wurden  Teilstücke  öfters  veröffentlicht  und  übersetzt  (hauptsäch- 
lich von  Alpagus,  Dietz  und  Sacy).  Handschriften  befinden  sich  hauptsächlich  in 
Oxford,  Paris,  Escurial,  Leydeu,  Padua,  Hamburg. 


JQIQ  Schrutz. 

Dass  das  Hauptwerk  Ibn  el-Beitars  zu  verschiedenen  Neubear- 
beitungen Anlass  gab,  ist  leicht  begreiflich.  Insbesondere  bildete  es 
•die  Grundlage  zu  einer  geschätzten  verkürzten  Bearbeitung  der  arabi- 
schen Materia  medica  aus  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts,  be- 
kannt nach  deren  Anfangsworten  unter  dem  Namen  Mala  iesa  (in 
iat.  Uebersetzung :  Quod  nefas  est  medico  ignorare).  Als 
Autor  gilt  Ibn  el  Kotbi  esch-Schafi  el-Bagdadi,  ein  in  Bagdad 
wirkender  Arzt,  von  dem  angenommen  wird,  dass  er  armenischen  Ur- 
sprunges war. 

Von  den  Zeitgenossen  Ibn  el-Beitars  wäre  insbesondere  der  Arzt 
und  Botaniker  Ibn  Essuri  (1177—1241  oder  1243)  hervorzuheben. 
In  Damaskus  hauptsächlich  unter  Abdellatif  herangebildet,  leitete  er 
eine  Zeitlang  das  Krankenhaus  in  Jerusalem,  kam  dann  nach  Aegypten 
und  kehrte  zuletzt  wieder  nach  Damaskus  zurück,  w^o  er  als  Lehrer 
der  Medizin  auftrat  und  eifrig  mit  botanischen  Studien  sich  befasste. 
Sein  botanisch-pharmakologisches  Werk  blieb  uns  leider  nicht  erhalten 
und  wir  sind  in  betreif  desselben  hauptsächlich  auf  die  begeisterte 
Schilderung  des  Ibn  Abu  Oseibia  angewiesen,  der  mit  Ibn  Essuri  in 
der  Umgebung  von  Damaskus  und  im  Libanon  öfters  botanisierte  und 
reichlich  Gelegenheit  hatte,  die  Vorzüge  Essuris  beurteilen  zu  können. 
Danach  untersuchte  Essuri  am  Fundorte  selbst  auf  das  sorgfältigste 
und  gewissenhafteste  alle  Bestandteile  der  Pflanzen  von  der  Blüte  bis 
zur  Wurzel  in  allen  Entwicklungsphasen  und  widmete  eine  gleiche 
Sorgfalt  auch  den  aus  ihnen  bereiteten  Droguen.  Zudem  begnügte  er 
sich  nicht  mit  blossen  Beschreibungen,  sondern  er  liess  die  Pflanzen 
und  Pflanzenteile  von  einem  Maler,  der  ihn  auf  seinen  botanischen 
Exkursionen  begleitete,  der  Natur  nach  getreu  abbilden.  Auf  diese 
Weise  war  es  ihm  möglich,  nicht  nur  neue  Pflanzen  aufzufinden, 
sondern  auch  öfters  die  fehlerhaften  oder  unrichtigen  Angaben  früherer 
Schriftsteller,  hauptsächlich  Galens,  aufzudecken  und  richtig  zu  stellen. 

In  diese  Periode  rühriger  wissenschaftlicher  Bethätigung  im  Oriente 
fällt  Ibn  Abu  Oseibia  Muwaffik  ed-Din  (1203—1273)  aus  Damaskus, 
der  wichtigste  arabische  medizinische  Geschichtsschreiber.  Er  stammte 
aus  einer  Aerztefamilie,  in  der  besonders  die  Augenheilkunde  gepflegt 
wurde,  und  wirkte  anfangs  als  Hospitalarzt  in  Damaskus  und  Kairo, 
später  als  praktischer  Arzt  am  Hofe  eines  Emirs  in  Sarched  (Syrien), 
wobei  er  mit  den  bedeutendsten  Aerzten  und  Gelehrten  des  Orientes 
verkehrte.  Sein  Hauptwerk  ist  eine  umfangreiche,  nach  Biographien 
verfasste  Geschichte  der  Medizin  (in  Iat.  Uebersetzung:  Fontes 
relationum  de  classibus  medicorum)^)  von  den  Ursprüngen 
der  Heilkunde  bis  zum  Zeitalter  des  Verfassers.  Das  ganze  Werk  ist 
in  15  Abschnitte  eingeteilt,  welche  die  Anfänge  der  Medizin,  die 
ersten  Aerzte  und  Erfinder  von  Heilmitteln,  die  Asklepiaden,  Hippo- 


^)  Das  Werk  ist  nur  in  einig-en  Handschriften  in  Paris,  Oxford,  Leyden  und 
Gotha  vorhanden ;  eine  Iat.  Uebersetzung  von  Reiske  (Ende  XVIII.  Jahrh.)  befindet  sich 
ebenfalls  handschriftlich  in  Kopenhagen.  Herausgegeben  wurden  bisher  nur  einzelne 
Bruchstücke  und  zwar  eine  Iat.  Uebersetzung  des  die  indischen  Aerzte  und  Ibn  Beitar 
behandelnden  Kap.  von  Dietz  (Analecta  medica),  dann  Auszüge  und  franz.  Ueber- 
setzungen  von  Sacy  (Abdellatif),  von  Sanguinetti  (Cinq  extraits  de  l'ouvrage  arabe 
d'Ibn  Aby  Ossaibi  sur  l'histoire  des  medecins,  Trad.  frang.,  Paris  1854 — 56,  enthält 
hauptsächlich  die  Anfänge  und  die  Zeitperiode  Muhammeds)  u.  a.  Bruchstücke  im 
Arab.  enthält  auch  das  Geschichtswerk  Wüstenfelds.  Weitaus  am  meisten  haben 
aus  dem  Werke  Oseibias  Wüstenfeld  und  Leclerc  in  ihren  Geschichtswerken  geschöpft. 


Die  Medizin  der  Araber.  619 

krates  und  seine  Zeitgenossen,  Galen  und  seine  Zeit,  die  alexandrini- 
schen  Aerzte,  die  zur  Zeit  Muhammeds  lebenden  Aerzte,  die  syrischen 
Aerzte  zur  Zeit  der  ersten  Abassiden,  die  üebersetzer  und  ihre  Gönner, 
die  Aerzte  Iraks,  Persiens,  Indiens,  Mag-rebs  (Nordafrikas)  und  ins- 
besondere Spaniens,  Aegyptens  und  diejenigen  Syriens  umfassen.  Das 
ganze  Werk  enthält  an  400  Biographien  arabischer  Aerzte  und  ist  für 
die  Zeitperiode  Oseibias  und  die  unmittelbar  vorangehende  am  wert- 
vollsten, obzwar  es  auch  für  die  griechische  Medizin  nicht  ohne 
Interesse  ist.  Nebst  Medizinern  sind  in  dem  Werke  auch  Lebens- 
beschreibungen von  Naturforschern,  Mathematikern  und  Philosophen, 
die  irgend  welche  Beziehungen  zur  Heilkunde  gehabt  haben,  ent- 
halten. 

Trotz  seiner  ausserordentlichen  Bedeutung  darf  Oseibia  doch 
keinenfalls  als  die  einzige  medico-historische  Quelle  angesehen  werden, 
denn  in  dieser  Hinsicht  müssen  noch  mehrere  andere  Geschicht- 
schreiber in  Betracht  kommen,  hauptsächlich  diejenigen,  welche  den 
kulturellen  Verhältnissen  und  Begebenheiten  ein  grösseres  Augenmerk 
geschenkt  haben.  Unter  denselben  nimmt  Abu  1  Faradsch  Dschordschis, 
auch  Bar  Hebraeus  genannt  (1226—1286),  gebürtig  aus  Melitene  in 
Klein-Armenien,  die  erste  Stelle  ein.  Er  befasste  sich  hauptsächlich 
mit  Geschichte,  Philosophie,  Theologie  und  Grammatik,  genoss  aber 
auch  eine  medizinische  Ausbildung,  insbesondere  in  dem  grossen  Ho- 
spitale in  Damaskus.  Später  war  er  nach  einander  Bischof  von  Guba, 
Lakaba  und  Aleppo,  schliesslich  Metropolit  der  Jakobiten.  Sein  Haupt- 
werk ist  die  Geschichte  der  Dynastien,^)  die  neben  ihrem 
politischen  Inhalte  im  reichlichen  Masse  den  kulturellen  Zuständen  das 
Augenmerk  zuwendet  und  auch  für  die  Geschichte  der  Medizin  be- 
sondere Bedeutung  erlangt.  In  dieser  Hinsicht  verdankt  Abulfaradsch 
viel  einem  umfangreichen  litterarischen  Geschichtswerke  des  gelehrten  ^  ' 
und  passionierten  Bibliophilen  Dschemal  ed-Din  ibn  el-Kifti  ^^^ 
(1172—1248).  —  Nebst  der  angeführten  Geschichte  der  Dynastien  ver- 
fasste  Abulfaradsch  mehrere  minder  bedeutende  medizinische  Kompi- 
lationen und  Kommentare  zu  einigen  griechischen  und  arabischen 
Aerzten  und  begann  eine  Uebersetzung  des  Canon  Avicennas  ins 
Syrische.  Als  medizinischer  Schriftsteller  wird  mit  ihm  manchmal 
Abul  Faradsch  Jakub  ben  Ishak  Ibn  el-Koff  (angebl.  1226—1286) 
verwechselt,  der  ausser  einer  Reihe  von  verschiedenen  Schriften  auch 
ein  Werk,  Der  Pfeiler  der  Chirurgie,  niederschrieb. 

Um  diese  Zeit  (1259)  lebte  in  Kairo  >Ä.bul  Mena  ben  Abu  Naser 
ben  Haffad,  bekannt  unter  dem  Namen  Kohen  el-Atthar,  und  ver- 
fasste  das  beste  arabische  Buch  über  die  Apothekerkunst. 2)  Es  ist  ein- 
geteilt in  25  Abschnitte,  von  denen  der  erste  einer  pharmaceutischen 
Deontologie,  die  folgenden  zwanzig  den  einzelnen  Formen  der  Medika- 
mente und  die  Schlusskapitel  den  Gewichten,  dem  Sammeln,  Auf- 
bewahren und  Prüfen  der  Arzneien,  sowie  verschiedenen  sonstigen 
Ratschlägen  gewidmet  sind. 

Im  Anschluss  an  die  botanisch-pharmakologischen  Schriftsteller 
mögen  noch  einige  über  naturgeschichtliche  Gegenstände,  welche  mit 
der  Heilkunde  in  einen  gewissen  Zusammenhang  gebracht  wurden,  an- 
geführt werden. 


»)  Beirut  1890.    Lat.  Ausgabe,  Oxon.  1672,  deutsch  Leipzig  1783—85. 
«)  Minhadsch  el-Dukhan.    Bulak  1870. 


ß20  Schrutz. 

Um  das  Jahr  1248  verfasste  Tifaschi  (Abul  Abbas  Ahmed  ben 
Jusef  Ettifaschi),  ein  um  die  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  in  Aej^ypten 
lebender  Arzt,  ein  Buch  über  wertvolle  Steine,  in  dem  nicht  nur  ihre 
mineralogischen  und  alchymistischen  Eigenschaften,  sondern  auch  ihr 
Wert  als  Edelgestein  und  heilkräftigen  Wirkungen  behandelt  werden. 

Als  besonderer  Schriftsteller  über  die  Naturgeschichte  der  Tiere 
möge  Damiri  oder  Domairi  (gest.  1405),  ein  vielseitig  gebildeter  Ge- 
lehrter, angeführt  werden,  der  in  einem  weitschweifigen  zoologischen 
Werke  neben  thatsächlichen  Eigenschaften  der  Tiere  sehr  viel  Fabel- 
haftes und  Fantastisches  beimengt. 

Die  Tierheilkunde  speziell  ist  im  XIII.  Jahrhundert  durch  Abu 
Bekr  ben  Bedr,  einem  Stallmeister  des  Sultans  Ennaser,  vertreten. 
Für  seinen  Herrn  schrieb  er  ein  Buch  Naseri,  das  in  zwei  Ab- 
teilungen das  Pferdewesen  und  die  Pferdeheilkunde  abhandelt.  Ein 
ähnliches  Werk  über  Pferdekrankheiten  ist  auch  aus  dem  XIV.  Jahr- 
hundert erhalten  und  die  Autorschaft  desselben  wird  einem  jemenischen 
Fürsten  zugeschrieben. 

Der  gänzliche  Verfall  der  arabischen  Medizin  äussert  sich  seit 
dem  XIV.  Jahrhundert  ganz  unverhohlen  und  nur  ausnahmsweise  er- 
scheinen vereinzelte  Spuren  einer  medizinischen  Schriftstellerei.  Es 
sind  dies  hauptsächlich  Polygraphen,  die  in  ihren  mannigfachen  Werken 
auch  von  der  Medizin  Erwähnung  machen.  Am  längsten  noch  er- 
halten sich  in  Spanien  die  Traditionen  einstiger  glanzvoller  Pflege  der 
Heilkunde. 

Unter  den  spanischen  Aerzten  des  XIV.  Jahrhunderts  ragt  be- 
sonders Ibn  el-Katib  aus  Granada  (1313  —  enthauptet  1374)  her- 
vor. Er  war  ein  vielseitig  gebildeter  Mann  und  hauptsächlich  po- 
litisch thätig;  schrieb  viel  aus  dem  Gebiete  der  Geschichte,  Philo- 
sophie, schönen  Künsten  und  Medizin.  Insbesondere  verfasste  er  ein 
Handbuch  der  Medizin  und  mehrere  Spezialschriften  über  die  Pest, 
die  Lebensweise  in  einzelnen  Jahreszeiten,  die  Bereitungsweise  des 
Theriaks,  über  die  Entstehungsweise  des  Fötus,  Tierheilkunde  u..a.  m. 
Auch  verfasste  er  Lehrgedichte  über  die  Heilkunde  und  über  Nahrungs- 
mittel. —  Als  ausgesprochener  Polyhistor  und  Polygraph  erlangte  auch 
Sojuti  aus  Aegypten  (Dschelal  ed-Din  es-Sojuti  1445—1505)  als 
medizinischer  Schriftsteller  eine  Bedeutung.  Er  befasste  sich  haupt- 
sächlich mit  Theologie,  Jurisprudenz,  Grammatik,  den  Naturwissen- 
schaften und  betrieb  dabei  auch  Medizin.  Er  war  ungemein  schreib- 
selig und  soll  an  560  Werke  verfasst  haben,  von  denen  die  medi- 
zinischen Schriften  speziell  in  Algier  bis  in  die  neueste  Zeit  populär 
blieben.  Sie  enthalten  sehr  viel  abergläubisches  und  albernes  Zeug 
und  hauptsächlich  den  verschiedensten  Amuletten  wird  darin  eine  beson- 
dere Heilkraft  zugeschrieben. 

Einer  der  letzten  Repräsentanten  der  arabischen  Medizin,  dessen 
Schriften  bis  heutzutage  benutzt  werden,  ist  Daud  be*i  Omar 
el-Antaki,  mit  dem  Beinamen  el-Eddhari,  der  Blinde.  Er  war  ge- 
bürtig aus  Antiochia,  lebte  zu  Kairo  und  starb  1597  oder  1599  zu 
Mekka.  Er  verfasste  besonders  ein  grosses  Handbuch  über  die  ge- 
samte theoretische  und  praktische  Medizin,  von  dem  besonders  das 
dritte  Buch  von  den  einfachen  und  zusammengesetzten  Arzneien  durch 
Reichtum  an  Arzneistoffen  (an  1712),  unter  denen  auch  der  Kaffee 
erwähnt  wird,  hervorzuheben  ist.  Eine  ähnliche  Bearbeitung  (Franz. 
Uebers.  v. Leclerc  1874)  lieferte  auch  Abd  er-Rezzak  ben  Muhammed 


Die  Medizin  der  Araber.  621 

Eddschezzairi,  der  in  der  ersten  Hälfte  des  XVIII.  Jahrhunderts  in 
Nordafrika  lebte  und  als  der  letzte  namhafte  arabische  Arzt  ange- 
sehen werden  muss. 

Seit  dieser  Zeit  hat  die  arabische  medizinische  Litteratur  nichts 
Bedeutendes  und  Selbständiges  aufzuweisen  und  es  sind  in  neuerer 
Zeit  bloss  einige  Neubearbeitungen  älterer  Meister  erschienen,  die 
moderne  Medizin  selbst  findet  bei  den  jetzigen  arabischen  Stämmen 
nur  allmählich  Eingang. 

Durch  frühe  Uebersetzungen  ins  Lateinische  übte  die  arabische 
Medizin  auf  die  Entwicklung  der  Heilkunde  des  Mittelalters  einen 
sehr  bedeutenden  Einfluss  und  Hess  zum  mindesten  die  griechischen 
Altmeister  der  Heilkunde  nicht  vollkommen  ins  Vergessen  geraten. 
Dadurch  führte  auch  sie  ihrerseits  zur  Renaissance. 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter. 


Von 
Julius  Pagel  (Berlin). 


Die  Vorläufer  der  Mönchsmedizin.    Die  letzten  medizinischen  Schrift- 
steller aus  der  römischen  Kaiserzeit. 

Die  eigentlichen  Vorläufer  oder  besser  Vorbilder  der  Mönchs- 
medizin sind  die  kleine  Gruppe  der  medizinischen  Schriftsteller,  welche 
den  letzten  Jahrhunderten  der  römischen  Kaiserzeit  angehörig  mit 
ihren  nach  Form  und  Inhalt  höchst  unbedeutenden  Machwerken  den 
Verfall  der  römischen  Heilkunde  deutlich  genug  kennzeichnen.  Bei 
der  Schrift  von  Quintus  Serenus  Sam(m)onicus  Vater  (f  211), 
einem  aus  1115  Hexametern  bestehenden  Rezeptbuch,  in  welchem  das 
berüchtigte  „Abracadabra"  neben  anderen  magischen  Formeln,  Mäuse- 
kot, Wanzen  und  ähnlichen  Mitteln  die  Haupttrümpfe  der  für  Arme 
bestimmten  Pharmakopoe  bilden,  handelt  es  sich  hauptsächlich  um 
Entlehnungen  aus  Plinius. 

Vgl.  Choulant,  Bücherkunde  p.  212;  Haeser  I  p.  616;  Joannes  Reese, 

Quomodo  Serenus  Sammonicus  a  medicina  Pliniana  ipsoque  Plinio  pendeat.  Rostocker 
Inau^ural-Diss.  1896.  Die  „praecepta  saluberrima'^  des  S.  sind,  wie  die  meisten 
Schriften  der  nachfolgend  genannten  Autoren,  in  die  bekannte  Collectio  Stephaniana 
{1567)  aufgenommen.  Vgl.  auch  Hob.  Fuchs  im  Ärch.  f.  lat.  Lexicogr.  XL 
p.  37-59. 

Sam(m)onicus  gehörte  zu  den  beliebtesten  Schriftstellern  des 
früheren  Mittelalters.  Das  Gleiche  gilt  von  dessen  ungefährem  Zeit- 
genossen Gargilius  Martialis,  einem  Schriftsteller  von  fast  gänz- 
lich Plinianischer  Provenienz;  doch  findet  sich  auch  Dioscorides  viel- 
fach citiert. 

Vgl.  Valentin  Hose,  Plinii  secundi  quae  fertur  una  cum  Gargilii  Martialis 
medicina  nunc  primum  edita.    Lips.  1875. 

Martialis  lebte  etwa  um  240  und  gelangte  mit  seinen  Schriften 
besonders  bei  den  Benediktinern  zu  hohem  Ansehen.  Während  seine 
Heilmittel  ausschliesslich  aus  dem  Pflanzenreich  stammen  und  die 
„poma  et  olera"  vornehmlich  betreffen,  berücksichtigt  ein  noch  viel 
unbedeutenderer  Eepräsentant  des  vierten  Jahrhunderts,  Sextus 
Placitus  Papyrensis   (auch  „Sextus  Philosophus  Platonicus")  in 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  623 

seinem  „Liber  de  medicina  ex  animalibus"  lediglich  die  tierischen 
Präparate.  Mit  dem  Hirsch  beginnt  er  (in  Kap.  1  der  22  Kapp,  des 
ersten  Teils)  und  mit  den  Schwalben  schliesst  er  (in  Kap.  12  des 
zweiten  Teils).  Annäherod  Zeitgenosse  des  Sextus  ist  Vindicianus 
Afer,  Comes  archiatrorum  unter  Valentinian  I.  (364 — 375),  später 
Prokonsul  und  Gymnasiarch.  Er  war  Landsmann  und  Freund  des 
heiligen  Augustinus,  wurde  von  diesem  dem  Christentum  gewonnen 
und  verfasste  eine  kurze,  wenige  Hexameter  umfassende  Zusammen- 
stellung der  einfachen  Arzneimittel  sowie  eine  „de  expertis"  betitelte 
Schrift,  die  von  spätei-en  Autoren  des  Mittelalters  vielfach  benutzt, 
gegenwärtig  nicht  mehr  existiert.  Die  noch  vorhandenen  Schriften 
des  Vindicianus  sind  im  Anhange  zur  Ausgabe  von  Theodorus  Pris- 
cianus  (vergl.  weiter  unten)  von  Valentin  Rose,  Leipzig  1894,  p.  426 
bis  492  neuerdings  herausgegeben  u.  d.  T. :  Vindiciani  Afri  exposi- 
tionis  membrorum  quae  reliqua  sund  ex  codicibus  etc.  I  Gynaecia 
quae  vocantur.  II  Epitome  uberior  altera.  Adhaeret  epistula  Vindi- 
ciani ad  Pentadium  nepotem  suum  de  quattuor  umoribus  in  corpore 
humano  constitutis.  Kennzeichnend  für  den  mittelalterlichen  Geist  ist 
u.  a.  die  Thatsache,  dass  selbst  das  wertlose  Produkt  eines  Dilettanten 
Marceil  US,  von  seiner  Vaterstadt  Bordeaux  auch  M.  Burdiga- 
lensis,  gewöhnlich  M.  Empiricus  geheissen,  Anklang  fand.  Mar- 
cellus  schrieb  zu  Anfang  des  5.  Jahrhunderts  zum  Gebrauch  für  seine 
Söhne  unter  dem  Titel  „de  medicamentis"  ein  ziemlich  umfangreiches 
Werk  aus  allen  möglichen  Autoren  zusammen,  das  mehr  vom  lingu- 
istischen als  eigentlich  medizinischen  Standpunkte  aus  insofern  Beach- 
tung gefunden  hat,  als  eine  Reihe  von  namentlich  in  Frankreich  ge- 
bräuchlichen pflanzlichen  Mitteln  mit  ihrem  vulgärgallischen  Namen 
bezeichnet  werden  und  somit  das  Werk  „die  ersten  Anfänge  einer 
Flora  von  Frankreich"  darstellt. 

Vgl.  die  ausgezeichnete  neuste  Ausgabe  von  Georg  Helmreich,  Lips.  1889,  mit 
schönen  Lidices,  sowie  die  am  28.  Juni  1847  von  Jacob  Grimm  in  der  Berliner 
Akademie  der  Wissenschaften  gelesene  Abhandlung,  Berlin  1849. 

Marcellus  war  Christ  und  diente  unter  Theodosius  I.  und  II.  als  Ex- 
magister  officiorutn  (entspricht  etwa  dem  heutigen  Amt  eines  Ministers  des 
Innern). 

In  ähnlichem  Geleise  wie  die  eben  genannte  Schrift  bewegt  sich 
der  „Herbarius'  des  Lucius  Apulejus,  auch  unter  dem  Titel  „de 
medicaminibus  herbarum"  oder  „Herbarum' vires  et  curationes"  citiert. 
Der  oifenbar  Pseudonyme  Autor  heisst  öfter  noch  „Apulejus  Barbarus" 
oder  „Apulejus  Platonicus"'.  Die  ungefähr  der  ersten  Hälfte  des 
4.  Jahrhunderts  angehörige  Schi-ift  bietet  neben  vielen  magischen 
Formeln  in  128  Kapiteln  die  Beschreibung  von  128  Arzneipflanzen 
und  ihrer  Wirksamkeit  in  Krankheiten.  Derselben  Periode  entstammt 
das  bei  weitem  höher  stehende  Werk  von  Cassius  Felix,  einem 
der  letzten  Vertreter  der  römischen  Medizin.  Der  volle  Titel  der 
sehr  verständig  abgefassten  Schrift  lautet:  „de  medicina  ex  Graecis 
logicae  sectae  auctoribus  liber  translatus  sub  Artabure  et  Calepio  con- 
sulibus"  (anno  447). 

Eine  prächtige  Editio  princeps  besorgte  Valentin  JRose,  Lips.  1879,  mit  einem 
griech.-lat.  Index,  der  von  Cassius  Felix  interpretierten  griechischen  Bezeichnungen 
und  einem   lateinischen   Index.      Vgl.  noch  A.  KöMer,  Handschriften  Römischer 


624  Julius  Pagel. 

Mediciner.    Hermes  XVIII.    Heft  3  p.  882 — 395,   sowie  Vir choio- Hirsch  Jahresber. 
de  1883  I  p.  327. 

Den  Beschluss  in  der  bezeichneten  Gruppe  von  Autoren  bildet  ein 
Schüler  des  oben  genannten' Vindicianus,  Theodorus  Priscianus, 
Leibarzt  unter  Gratian,  zu  Ende  des  4.  Jahrhunderts,  Verf.  einer 
zwar  aus  Plinius  und  Dioscorides  entlehnten,  immerhin  doch  gegenüber 
früheren  Produkten  durch  grössere  Originalität  des  Inhalts  ausge- 
zeichneten Schrift,  die  ursprünglich  in  griechischer  Sprache  abgefasst 
später  vom  Autor  selbst  ins  Lateinische  übersetzt  und  als  „Medicinae 
praesentaneae"  bezeichnet  wurde. 

Neueste  treffliche  Ausgabe  von  Valentin  Mose,  Lips.  1894  u.  d.  T. :  Theodori 
Prisciani  Euporiston  libri  III  cum  physicorum  fragmento  et  additamentis  Fseudo- 
Theodoreis  (und  dem  oben  bei  Vindiciumts  angegebenen  Anhang).  Lib.  I,  eine  Patho- 
logie a  capite  ad  calcem  in  38  Kapiteln,  ist  überschrieben  Faenomenon,  Lib.  II,  eine 
E^-gänzung  zu  1,  betitelt  „Logicus'\  handelt  von  Fiebern,  Phrenitis,  Apoplexie, 
Lethargie,  Pleuritis  in  33  Kapiteln;  das  3.  Buch  aus  10  Kapiteln  bestehend  ist 
gynäkologischen  Inhalts.  Ein  Fragment  „physica"  in  2  Kapiteln  über  Mittel  gegen 
Kopfschmerz  und  Epilepsie  bildet  den  Beschluss.  Es  folgen  unechte  Anhängsel 
{p.  261—354). 

Daneben  gehören  zu  den  gebräuchlicheren  Werken  des  frühen 
Mittelalters  noch  verschiedene  anonyme  oder  Pseudonym  geschriebene 
Auszüge  und  Versionen  griechischer  oder  lateinischer  Autoren,  meist 
ebenfalls  ausschliesslich  die  Therapie  betreffende  Darstellungen,  Ee- 
zeptsammlungen  elementarster  Art,  deren  innere  Verwandtschaft  mit 
den  Arbeiten  der  vorhin  aufgezählten  Autoren  klar  zu  Tage  tritt,  so 
die  berühmte  „Medicina  Plinii",  als  deren  Verfasser  Plinius 
secundusjunior  (Pseudo-Plinius)  gilt,  in  3  Büchern  mit  183  Kapiteln 
(neuste  Ausgabe  von  Valentin  Rose  zusammen  mit  der  Medizin  des 
Gargilius  Martialis,  Lips.  1875),  ferner  der  sehr  verbreitete  „Lib er 
Dynameus",  auch  u.  d.  T.  „Dynamidia"  gekannt,  eine  mit  Teilen 
der  Hippokratischen  „tisqI  öiahrjg^^  zusammengestoppelte  Entlehnung 
aus  Gargilius  Martialis,  endlich  der  berühmte  „Aurelius",  ein  Aus- 
zug aus  Caelius  Aurelianus  zum  ersten  Male  von  seinem  Entdecker 
Daremberg  im  „Janus"  von  Henschel  II  p.  468  ff.  veröffentlicht,  und 
die  mit  diesem  ganz  nahe  verwandte  als  „Esculapius"  bezeichnete 
Kompilation,  bei  der  es  sich  anscheinend  lediglich  um  eine  Ergänzung 
des  Aurelius  handelt. 


Die  Mönchsmedizin  vom  6. — 12.  Jahrhundert. 

Ztir  Litteratur  der  Mönchsmedizin  vgl.  ausser  den  Handbüchern  der  Geschichte 
der  Medizin  von  Sprengel,  Haeser,  sowie  den  Bibliographien  von  Choulant  u. 
Pauly  für  die  neuere  Zeit  meine  med.  Bibliogr.  de  1875 — 96. 

Es  ist  von  vorD  herein  einleuchtend,  dass  in  einer  Zeit,  wo  der 
Klerus  die  Repräsentation  des  gesamten  geistigen  Lebens  usurpiert 
und  sich  eine  führende  Rolle  in  der  wissenschaftlichen  Arbeit  ange- 
masst  hatte,  wo  Mönchstheologie  und  Scholastik  dominierten  und  die 
Grundpfeiler  auch  in  der  Heilkunde  bildeten,  die  Ergebnisse  für  diese 
sich  recht  traurig  gestalten  mussten.  In  der  That  haben  wir  in  den 
schriftstellerischen  Produkten,  welche  mönchische  Praxis  während  des 
Mittelalters  zeitigte,  die  höchste  Potenz  der  Sterilität  zu  erblicken. 
"Während  byzantinischer  und  arabischer  Medizin  bei  allen  kompilatorisch- 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  625 

dialektischen  Tendenzen  der  Charakter  der  Wissenschaftlichkeit  nicht 
vollständig  abzusprechen  ist  und  hier  Spuren  originaler  Forscherthätig- 
keit  deutlich  genug  hervortraten,  ist  von  alledem  in  den  Produkten 
der  sogenannten  Mönchsmedizin  keine  Rede.  Samt  und  sonders  doku- 
mentieren sie  den  Verfall  der  Wissenschaften  in  seiner  krassesten 
Form.  Dennoch,  so  albern  und  abgeschmackt  stellenweise  der  Inhalt 
der  betreifenden  Schriften  ist  und  so  wenig  Federstriche  erforderlich 
sind,  um  den  eigentlichen  Fortschritt  in  der  wissenschaftlichen  und 
praktischen  Erkenntnis  zu  zeichnen,  können  wir  eine  kurze  Würdigung 
der  betreffenden  Erzeugnisse  nicht  umgehen.  In  ihrer  für  den  Geist 
der  Zeit  charakteristischen  Eigenart  verdienen  diese  treuen  Zeugen 
einer  traurigen  Epoche  der  Medizin,  sei  es  auch  nur  vom  litterarischen 
Standpunkte,  unter  allen  Umständen  die  Aufmerksamkeit  des  Historikers. 
Indem  wir  sie  Revue  passieren  lassen,  werden  wir  überdies  keineswegs 
ein  gehäuftes  Mass  redlicher  Arbeit  vermissen.  Zahlreiche  Schrift- 
steller mit  ihren  z.  T.  recht  voluminösen  Schöpfungen  lassen  sogar  ein 
an  sich  imponierendes  Streben  nach  Universalität  nicht  verkennen, 
wodurch  sie  unzweifelhaft  auch  ihrerseits  dazu  beigetragen  haben,  den 
Boden  für  die  spätere  universitas  litterarum  zu  ebnen.  Unbedingt 
haben  wir  in  den  umfassend  angelegten  Werken  der  Mönchsmedizin 
eine  Art  Vorläufer  derjenigen  Richtung  zu  sehen,  welche  später  in 
Gestalt  der  Universitäten  den  eigentlichen  Ausdruck  einer  Gesamt- 
wissenschaft gewonnen  hat. 

Leider  ist  bei  diesen  Erzeugnissen,  ähnlich  wie  bei  denen  der  arabisch- 
med.  Litteratur,  der  Uebelstand  zu  beklagen,  dass  die  meisten  Werke  noch 
handschriftlich  im  Schosse  der  Bibliotheken  ruhen  und  bisher  nur  zum  ge- 
ringeren Teil  der  Forschung  durch  den  Druck  bequemer  zugänglich  gemacht 
sind.  Selbst  bei  den  gedruckten  Publikationen  harren  Fragen  der  Biblio- 
graphie, der  Authentizität  etc.  noch  mannigfacher  Aufklärung.  Notorisch 
haben  unwissende  Abschreiber  und  Pseudoautoren  absichtlich  und  unab- 
sichtlich mit  und  an  ihren  Originalien  Fälschungen  vorgenommen,  durch 
Zusätze  oder  Auslassungen  sie  entstellt;  oft  sind  sie  bei  ihrer  Thätigkeit 
von  einer  Seite  auf  eine  ganz  andere  derselben  Vorlage  oder  gar  in  einen 
ganz  anderen  Autor  hineingeraten  und  dieses  Irrtums  gar  nicht  gewahr  ge- 
worden; manche  Stellen  sind  doppelt  abgeschrieben  etc.,  so  dass  vieles  von 
dem,  was  wir  gedruckt  oder  handschriftlich  besitzen,  noch  gründlicher  Nach- 
prüfung bedarf,  eine  Arbeit,  deren  Mühseligkeiten  nur  Kenner  zu  beurteilen 
vermögen.  Dieser  Uebelstand  verhindert  eine  korrekte  historisch-pragmatische 
Würdigung  der  Verfasser  und  ihrer  Leistungen  selbst.  Andererseits  ist 
nicht  zu  verkennen,  dass  gerade  infolge  dieser  Thatsache  die  mittelalterliche 
Litteratur  einen  gewissen  Reiz  für  die  Forschung  bietet.  Nichts  wäre 
thörichter  und  verhängnisvoller  zugleich,  als  über  die  Heilkunde  des  Mittel- 
alters wegen  des  präjudizierten  Mangels  an  praktischer  Ausbeute  zur  Tages- 
ordnung überzugehen.  Dass  manches  brauchbare  Körnchen,  manche  an  sich 
treffliche  Beobachtung  auch  bei  den  mittelalterlichen  Autoren  anzutreffen 
ist,  ist  von  den  Historikern  nachgewiesen  worden  und  wird  sich  auch  aus 
dem  Folgenden  ergeben.  Unverkennbar  ist  übrigens  gerade  in  den  Schrift- 
werken der  mittelalterlichen  Medizin  die  praktisch-therapeutische  Tendenz. 
Zum  Verständnis  der  späteren  Epochen  überdies,  zur  Kenntnis  des  Ent- 
wicklungs-  und  Uebergangs,  der  auch  hier  nicht  sprungweise  und  unver- 
mittelt, sondern  allmählich  erfolgt  ist,  erweist  sich  eine  genaue  Darlegung 
der  mönchischen  Vorstufe  als  unumgänglich;  dem  Geschichtsforscher,  der 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  40 


626  Julius  Pagel. 

die  Zwecke  seiner  Wissenschaft  unbeirrt  verfolgt,  fällt  die  Aufgabe  zu, 
unparteiisch  und  unbefangen  die  Wahrheit  zu  ermitteln,  gleichviel  ob  die 
Ausbeute  von  vornherein  gross  oder  klein  zu  werden,  die  Forschung 
negative  oder  positive  Resultate  verspricht.  Er  hat  keinen  Winkel,  auch 
den  dunkelsten  nicht,  undurchsucht  und  unbeleuchtet  zu  lassen.  TJebrigens 
bietet,  wie  bereits  bemerkt,  selbst  die  unter  dem  unseligen  Einfluss  einer 
fanatischen  Kirche  in  ihrer  Entwicklung  gehemmte  und  geknechtete  Medizin 
des  Mittelalters  hie  und  da  einige  Lichtpunkte.  Stellt  doch  schon  die 
Thatsache  einen  Lichtschimmer  dar,  dass  in  der  Zeit,  als  die  Wissenschaft 
ganz  unter  dem  Scepter  der  Hierarchie  stand,  die  Universitäten  geboren 
wurden,  also  diejenigen  Institute,  die  in  einer  späteren  Zeit  die  Wissen- 
schaft den  Händen  der  Geistlichkeit  entrissen,  das  Banner  der  freien 
Forschung  entfaltet  und  hochgehalten  haben  und  fast  ausnahmslos  die  per- 
petuierlichen  Träger  der  fortschreitenden  Wissenschaft  bis  zu  unseren  Tagen 
geblieben  sind. 

In  der  Kette  der  Schriftsteller  aus  der  Periode  der  Mönchsmedizia 
tritt  uns  als  einer  ihrer  ersten  und  vornehmsten  Repräsentanten  der 
bekannte  Bischof  I s i d o r  von  Sevilla  aus  Cartagena  in  Spanien  ent- 
gegen (Isidorus  Hispalensis). 

Isidor  gehört  dem  6. — 7.  Jahrhundert  an.  Er  stammte  aus  sehr  an- 
gesehener Familie  und  war  ein  jüngerer  Bruder  des  Bischofs  Leander  aus 
Sevilla,  dessen  Nachfolger  er  um  600  wurde  und  bis  zu  seinem  am  4.  April 
636  erfolgten  Ableben  verblieb.  Er  war  ein  äusserst  gelehrter,  namentlich 
sprachlich  gebildeter  Mann,  auch  des  Griechischen  und  Hebräischen  voll- 
kommen mächtig.  Zugleich  besass  er  eine  tiefe  Kenntnis  der  profanen 
Litteratur,  wie  seine  zahlreichen  Werke  historischen,  theologischen,  philo- 
sophischen, ethischen  und  grammatikalischen  Inhalts  beweisen.  U.  a.  ist 
Isidor  Verfasser  einer  sehr  bemerkenswerten  Geschichte  der  Goten,  Van- 
dalen  und  Sueven. 

Ein  Verzeichnis  seiner  Arbeiten  nebst  einer  gediegenen  Würdigung  findet  sich 
in  dem  Aufsatz  von  L.  Spengler,  iveiland  Arzt  in  Eltville,  im  Janus  III  <  Breslau 
1848)  p.  54 — 90;  vgl.  die  daselbst  angegebenen  Quellen,  ferner  Haeser,  Gesch.  d. 
Med.  3.  Aufl.  I  p.  631 ;  Graesse,  Tresor  des  livres  rares  et  precieux  III  p.  431 ; 
V.  Töply  {Wien),  Studien  zur  Geschichte  der  Anatomie  im  Mittelalter  {Wien  u. 
Leipzig  1898)  p.  85. 

Das  Hauptwerk  von  Isidorus,  welches  für  die  Medizin  und  Natur- 
wissenschaften in  Betracht  kommt,  ist  mit  seinem  encyklopädischen 
Charakter  und  der  Art  der  Darstellung  ein  ausgezeichnetes  Specimen 
der  ganzen  Serie  von  Werken  jener  Zeit,  in  denen  meist  mit  dem 
lieben  Herrgott,  den  heiligen  Engeln,  der  Dreieinigkeit  begonnen,  dann 
zu  dem  Universum  übergegangen  wird,  schliesslich  die  Beschreibung 
der  Elemente,  der  Erde,  des  Menschen  etc.  folgt  und  de  omnibus  rebus 
et  quibusdam  aliis,  natürlich  in  der  oberflächlichsten  Weise  abgehandelt 
wird.  Isidors  „Etymologiae  s.  Origines"  zeigen  zwar  eine  andere 
Anordnung  des  Inhalts  als  die  hier  geschilderte,  aber  nur  unwesent- 
lich ;  man  gewinnt  fast  den  Eindruck,  als  ob  der  Charakter  der  Kom- 
pilation damit  verdeckt  und  eine  Originalarbeit  vorgetäuscht  werden 
sollte.  Schon  der  Titel  zeigt,  dass  der  Autor  tiefer  auf  das  Wesen 
der  Dinge  einzugehen  nicht  beabsichtigte. 

Die  eigentliche  Redaktion  der  20  Bücher  rührt  vom  Bischof 
Braulis  von  Cäsaraugusta  (Saragossa)  her.  Die  spezielle  Heilkunde 
wird  im   4.  Buch   behandelt  (Sammelausgabe  s.  1.  [Lyon]  1622   apud 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  627 

Johannem  Vignon  Spalte  914 — 923  in  3  Blättern)  und  scheint  aus 
Caelius  Aurelianus  entlehnt  zu  sein.  In  den  12  Kapiteln  ist  von  der 
Medizin  im  allgemeinen,  Definition,  Geschichte,  von  den  4  Körper- 
säften, von  akuten,  chronischen  Aflfektionen  die  Rede,  ferner  von  den 
Krankheiten,  die  an  der  Oberfläche  des  Körpers  ihren  Sitz  haben, 
von  den  Heilmitteln  und  Medikamenten,  von  den  „libris  medicinalibus", 
Instrumentarium,  von  Gerüchen  und  Salben  und  vom  Ursprung  der 
Medizin. 

Das  12.  Kapitel  überschrieben  „de  initio  medicinae",  imponiert  durch  folgenden 
Passus  beim  Vergleich  der  Medizin  mit  den  übrigen  liberales  disciplinae:  „Iiinc  est 
quod  medicina  secunda  philosophia  dicitur.  Uiraque  enim  disciplina  totum  hominem 
sibi  vindicat.  ISam  sicut  per  illa  anima  ita  per  hanc  corpus  curatur:^  —  Charak- 
teristisch ist  ferner  das  Kap.  X  de  libris  medicinalibus,  wo  nur  Erklärungen  von 
„Aphorismu8^\  „Prognostica^^j  „Dynamia'^  (offenbar  die  Dynamidia)  und  „Botanicum" 
{„herbarium  dicitur,  quod  ibt  herbae  notentur'^)  gegeben  sind. 

Die  naive  Verworrenheit,  die  stellenweise  hervortritt,  zeigt  u.  a.  ein 
Vergleich  zwischen  Kap.  3  u.  4.  In  ersterem  werden  Apollo,  Aeskulap 
und  Hippokrates  als  die  3  Inventores  der  Medizin  gepriesen,  in  letzterem 
dieselben  als  die  Häupter  der  drei  Sekten,  der  methodischen,  empirischen 
Schule  und  der  Logiker  angesprochen  (!). 

Für  die  Medizin  kommen  in  Betracht  das  1.  Kapitel  des  11.  Buches 
(oben  genannte  Ausgabe  Spalte  1089 — 1102)  mit  anatomischen  und 
physiologischen  Bemerkungen,  für  die  Naturwissenschaft  das  12.  Buch 
(zoologischen),  das  16.  (mineralogischen  Inhalts),  entfernt  noch  die 
12  Kapitel  des  13.  Buches,  in  welchem  von  den  Atomen,  den  Elementen, 
von  Ebbe,  Flut,  den  Wässern,  Flüssen,  auch  von  Mineralquellen  die 
Eede  ist  und  eine  recht  primitive  Meteorologie  und  physikalische  Geo- 
graphie geboten  werden.  — 

Aehnlich  ist  auch  der  Inhalt  einer  anderen,  aus  47  Kapiteln  bestehen- 
den Abhandlung  von  Isidorus  mit  dem  Titel  „de  rerum  natura".  Im  2.  u. 
3.  Kapitel  des  20.  Buches  werden  einige  Worte  den  Speisen  und  Getränken 
gewidmet.  Interessant  ist  u.  a.  die  Etymologie  des  Wortes  Lumbus,  das 
er  von  libido  ableitet,  weil  in  den  Lenden  der  Sitz  der  wollüstigen  Be- 
gierden sei.  —  Bei  Isidorus  sind  übrigens  noch  4  Verse  aus  zwei  sonst 
verloren  gegangenen  Gedichten  des  alten  Aemilius  Macer  aus  Verdun  (gest. 
17   V.  Chr.)  über  die  Vögel  und  die  Schlangen  erhalten  geblieben. 

Die  Etymologiae  des  Isidorus  Hispalensis  genossen  noch  lange 
autoritativen  Charakter  und  wurden  vielfach  später  abgeschrieben  (von 
Thomas  Cantimpratanus,  Bartholomäus  Anglicus  u.  a.).  Auch  das 
anonyme  poema  anatomicum  der  salernitanischen  Schule  scheint  nach 
Isidor  gearbeitet  zu  sein  (v.  Töply). 

Noch  charakteristischer  für  die  Gruppe  der  Mönchsärzte  und  ihre 
litterarische  Ware  ist  der  unter  dem  Namen  Beda  Venerabilis 
bekannte  Kirchenhistoriker  (674 — 735),  Presbyter  des  Klosters  Wear- 
mouth  in  England  und  Verf.  der  „Elementa  philosophiae",  bei 
denen  in  der  That  die  obige  allgemeine  Inhaltsanalyse  der  mönchs- 
medizinischen Produkte  ganz  und  gar  zutrifft.  Ausser  einer  oberfläch- 
lichen menschlichen  Physiologie,  einer  Kompilation  nach  Aristoteles, 
ist  kaum  etwas  Medizinisches  in  der  ganzen  Schrift  zu  finden.  Auch 
Bedas  Abhandlung  „de  minutione  sanguinis"  kommt  kaum  als 

40* 


628  Julius  Pagel. 

medizinische  in  Betracht,  da  sie  nichts  weiter  als  ein  Verzeichnis  der 
Prädilektionsstellen  und  -Jahreszeiten  enthält. 

Vgl.  Chrässe,  Litteraturgeschichte  II  1  p.  529;  Karl  Werner,  Beda 
Venerabilis  {Wien  1875);  G.  Wetzet,  Die  Kroniken  des  B.  F.,  Hallenser  Disser- 
tation, Leipzig  1878. 

Von  Isidorus  und  Beda  führt  ein  sehr  begreiflicher  Ideengang  zu 
dem  Philosophen  Hrabauus  (unrichtig  auch  Khabanus  geschrieben) 
780 — 856,  von  seiner  Vaterstadt  Mainz  noch  Magnentius  geheissen 
und  von  seinem  Lehrer  Alcuin,  dem  bekannten  Gründer  der  ersten 
Akademie  (schola  palatii)  unter  Karl  d.  Gr.,  auch  mit  dem  Beinamen 
Maurus  ausgezeichnet. 

Bekanntlich  wurde  von  den  Mitgliedern  dieser  Akademie  ebenso  wie 
seit  805  auf  Verordnung  Karls  des  Grossen  in  allen  seinen  Klosterschulen 
überhaupt  die  Arzneikunde  (sub  titulo  „physica")  im  Eahmen  des  ,,Q,uadri- 
viums"  traktiert. 

Vgl.  Schmeidler,  Die  Hofschule  und  die  Hofakademie  Karl  d.  Gr.  Diss. 
Jena  1872;  Th.  Sichel,  Alcuinstudien  {Wien  1875). 

Hrabanus  Magnentius  Maurus  stammte  aus  einem  Mainzer  Patrizier- 
gesclilecht,  studierte  auf  den  Klosterschulen  in  Fulda  und  Tours,  hier  unter 
Alcuin,  zu  dessen  berühmtesten  Schülern  er  zählte.  Später  wurde  er  selbst 
Lehrer  an  der  Klosterschule  in  Fulda,  822  Abt  des  Klosters  (bis  842)  und 
war  seit  847  bis  zu  seinem  Lebensende  Erzoischof  seiner  Vaterstadt. 

.  Die  zahllosen  Schriften  des  Hrabanus  sind  in  einer  ,, unkritischen  und  in- 
korrekten^'' Ausgabe  von  Colvenerius  zusammengestellt.  Vgl.  Spengler  in  Janus  I 
1846;  ibid.  II  1S47;  Haeser  l.  c.  I  p.  636;  Cfraesse,  Tresor  des  livres  rares 
etprScieux;  Cornel  Will,  Begesten  zur  Geschichte  der  Mainzer  Erzbischöfe  I.  Inns- 
bruck 1877 ;  Graesse,  Litteraturgeschichte  II.  1  p.  839;  I>ümniler,  Hrabanstudien, 
Verhandl.  d.  Akad.  d.  Wiss.  Berlin,  6.  Januar  1878;  Fellner,  Compendium  der 
Naturwissenschaften  aus  der  Schule  zu  Fulda.    Berlin  1881. 

Hrabanus  war  ein  sehr  gelehrter,  auch  poetisch  veranlagter  Mann,  von 
dem  der  bekannte  Trithemius  sagen  konnte:  cui  ut  absque  invidia  loquar 
nee  Italia  similem  nee  Germania  peperit  aequalem;  seine  Schriften  betreffen 
die  Gebiete  der  Theologie,  Philologie,  Mathematik  und  Philosophie.  Seine 
Verdienste  um  das  Schul-  und  Unterrichtswesen  in  Deutschland  sind  bekannt. 
Auf  Hrabans  Veranlassung  wurden  die  alten  Klassiker  systematisch  für  die 
Klosterbibliotheken  kopiert  und  vielfache  Reformen  im  Klosterschulwesen 
angebahnt. 

Für  die  Medizin  kommt  hauptsächlich  das  Werk  „Physica"  s. 
„de  universo"  in  Betracht  (Ausgabe:  Colon.  Agripp.  1626  I  fol. 
54 — 272,  Kgl.  Bibl.  Berlin),  eine  Universalencyklopädie  des  gesamten 
Wissens  in  22  Büchern,  klar  und  verständlich  geschrieben,  auch  etwas 
ausführlicher  als  die  früher  erwähnten  Arbeiten  gehalten,  aber  im 
ganzen  doch  auch  noch  recht  flach  und  naiv;  auf  Einzelheiten  wird 
so  gut  wie  gar  nicht  eingegangen.  — 

Das  6.  u.  7.  Buch  handelt  vom  Menschen,  das  8.  vom  Tierreich,  das 
9.  von  der  Welt,  den  Weltgegenden,  Elementen,  das  11.  vom  Wasser, 
Meer,  Flüssen,  Quellen,  Schnee,  Regen,  Eis;  das  12.  von  der  Erde  und 
ihrer  Beschaffenheit;  das  13.  von  der  Magie,  das  17.  von  Steinen  und 
Metallen,  das  18.  von  Mass,  Gewicht,  Zahl,  Musik,  von  Krankheiten 
und  Arzneien. 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  629 

Cap.  5  fol.  231  —  233  der  genannten  Ausgabe  de  mediana  etmorbis:  ,^medicina 
est  quae  corporis  vel  tuetur  vel  restaurat  salutem,  cujus  materia  versatur  in  morbis 
vel  vulneribus'^. 

Das  19.  vom  Landbau  und  den  Gewächsen.  —  Diese  Analyse  zeigt, 
wie  alle  bisher  angeführten  Produkte  nach  ziemlich  demselben  Muster  ge- 
arbeitet sind.  Die  medizinische  Partie  ist  nichts  weiter  als  eine  flüchtige, 
mit  Bibelsprüchen  in  reicher  Fülle  ausgestattete  Darstellung  der  humoralen 
Pathologie  und  Therapie. 

Wertvoller  für  die  Medizin,  weil  Einzelheiten  berückichtigend  und 
ein  spezielles  arzneiliches  Thema  betreffend,  ist  der  bekannte  „Hor- 
tulus"  eines  Schülers  von  Hrabanus,  Walafridus  Strabo 
(Strabus),  ein  Gedicht  in  444  Hexametern,  das  in  26  Kapiteln  23  ver- 
schiedene Pflanzen  beschreibt. 

Walafridus  Strabus  war  806 — 807,  angeblich  in  Schwaben,  geboren, 
studierte  in  St.  Gallen  und  Fulda,  hier  als  Schüler  von  Hrabanus,  war  eine 
Zeitlang  Dekan  in  St.  Gallen  und  wurde  842  Abt  zu  Reichenau  am  Zeller- 
see  in  der  Diözese  von  Konstanz.  Er  starb  849  als  Gesandter  des  Kaisers 
Ludwig  am  Hofe  von  dessen  Bruder  Karl  dem  Kahlen.  Bei  den  Zeit- 
genossen stand  Strabo,  der  diesen  Beinamen  wegen  seines  Schielens  erhielt, 
im  B,ufe  grosser  Gelehrsamkeit;  diese  bezeugen  auch  seine  zahlreichen 
übrigen  Schriften  meist  theologischen  und  historischen  Inhalts. 

Vgl.  Choulant,  Bücherkunde  p.  228  ff. ;  Haeser  l.  c.  p.  637 ;  E.  Dihnntlerf 

Kalender-Gedichte  des  W.  St.,  Anz.  f.  d.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1875  Nr.  6 ; 
Derselbe,  Grabschrift  des  Abtes  Walafrid,  Ztschr.  f.  d.  Alterthum  von  Stein- 
mayer N.  F.  1875;  Derselbe,  Poetae  latini  aevi  carolini  Recens.  T.  I,  Berl.  1880; 
Sievers,  Glossen  zv,  W.  Str.,  Hauptes  Ztschr.  f.  d.  Alterthum  1872;  F.  H» 
Walchner,  Karlsruhe  1838. 

Im  Hortulus,  dessen  letztes  Kapitel  dem  Abt  Grimaldus  in  St. 
Gallen  gewidmet  ist,  beabsichtigt  der  Verf.  zunächst  nichts  weiter 
als  die  poetische  Beschreibung  eines  von  ihm  selbst  angelegten  Kloster- 
gartens, der  darin  gezogenen  Pflanzen  und  eine  Darlegung  der  Heil- 
kräfte derselben.  Es  handelt  sich  dabei  um  Pflanzen,  wie  sie  in  jener 
Zeit  allgemein  in  Gärten  gehalten  wurden. 

Die  Reihenfolge  derselben  ist:  Salvia,  Ruta,  Abrotaaum,  Cucurbita, 
Pepones,  Absinthium,  Marrubium,  Feniculum,  Gladiola,  Libysticum,  Cere- 
folium,  Lilium,  Papaver,  Sclarea,  Mentha,  Pulejum,  Apium,  Betonica,  Agri- 
monia,  Ambrosia,  Nepeta,  Raphanus  und  Rosa.  Für  die  Kenntnis  der 
Botanik  und  Agrikultur  jener  Zeit  ist  Walafrids  Gedicht  nicht  ohne  Wert ; 
die  Ergebnisse  in  therapeutischer  Beziehung  sind  dürftig. 

An  den  Hortulus  erinnert  eine  nach  Form  und  Inhalt  ähnliche 
etwas  ältere  Schrift  des  mailändischen  Erzbischofs  Benedictus 
Crispus  (Benedetto  Crespo)  aus  Amiternura,  dem  heutigen  Aquila  oder 
S.  Vittorino. 

Benedictus  Crispus  lebte  zu  den  Zeiten  des  Longobardenkönigs  Aribert  U. 
Im  Jahre  681  wurde  er  vom  Papst  Sergius  I.  zum  Erzbischof  von  Mailand 
ernannt;  in  dieser  Stellung  war  er  bis  zu  seinem  Ableben  (725  oder  735) 
thätig.  Auf  seine  Veranlassung  soll  das  Benediktinerkloster  in  Mailand  er- 
baut worden  sein,  später  eine  Abteilung  des  bekannten  „II  soccorso''  für 
unglückliche  Frauen. 

Eine  editio  princeps  seiner  med.  Schrift  veranstaltete  der  bekannte  Angela  Mai 
nach    vatikanischen    Codices  Rom  1833.     Vgl.    G-rässe,   Litteraturgeschichte  II 1 


630  Julius  Pagel. 

p.  566;    Choulant,   Handbuch  der  Bücherkunde  p.  226 ;    Collect.  Salernit.  ed.  de 
Menzi  I  p.  72 — 87.  —  Die  geläufigste  Ausgabe  ist  die  von  Joannes  Vol.  Ullrich 

{Kitzingae  1835);  das  eigentliche  Gedicht  umfasst  nebst  der  Vorrede  knapp  9  kleine 
Oktavseiten. 

Das  „Com  mentariura  medicinale"  des  Bened.  Crispus  stellt 
ein  winziges  therapeutisches  Kompendium  in  241  Hexametern  (mit 
einer  in  Prosa  gehaltenen  Vorrede)  dar  und  ist,  wie  man  aus 
Vers  209  entnehmen  kann,  eine  Imitation  von  Quintus  Serenus  Samo- 
nicus.  Nach  dem  Vorwort  des  Gedichts  resp.  nach  dem  „Explicit" 
eines  vatikanischen  Codex  ist  es  von  dem  Verf.  noch  in  seiner  Dia- 
konatszeit  niedergeschrieben  und  seinem  ehemaligen  Zögling,  einem 
Klosterpräpositus  Maurus  aus  Mantua,  gewidmet.  In  der  Vatikan. 
Handschrift  wird  sogar  die  Verfasserschaft  des  Bened.  Crispus  in 
Zweifel  gezogen.  Sprache  und  Versmass  sind  minderwertig ;  der  Inhalt 
scheint  (wie  Vers  107  ergiebt)  aus  Plinius  und  Dioscorides  zu  stammen. 
Z.  T.  handelt  es  sich  um  Beschreibung  von  Volksmitteln.  Die  Ein- 
teilung des  Stoffes  ist  nach  den  Wirkungen  auf  die  einzelnen  Organe 
getroffen,  die  Anordnung  demgemäss  die  bekannte  a  capite  ad  calcem. 

Auf  einer  Stufe  mit  diesen  Produkten  stehen  zwei  bisher  nur  hand- 
schriftlich vorhandene  Werke  des  als  ,, schlechter  Dichter*'  (Meyer,  Gresch. 
d.  Botanik  III  p.  414)  bekannten  Benediktiners  Bertharius,  Abtes  am 
Kloster  zu  Monte  Cassino  von  857 — 884,  betitelt :  de  innumeris  remediorum 
utilitatibus  und  de  innumeris  morbis.  Berthar  stammte  aus  der  fränkischen 
Königsfamilie  und  verfasste  auch  mehrere  Schriften  theologischen  Inhalts.  — 

Vgl.  Hist.  liter.  de  la  France  V  p.  606;  Grässe,  Litteraturgeschichte  II 1 
p.  262  u.  567. 

Es  sei  bei  dieser  Gelegenheit  bemerkt  (vgl.  oben  p.  451),  dass  gerade 
den  Angehörigen  des  Benediktinerordens  ein  grosser  Anteil  an  dem  regen 
■wissenschaftlichen  Klosterleben  hinsichtlich  der  Vervielfältigung  der  medi- 
zinischen Handschriften  gebührt.  An  der  praktischen  Thätigkeit  beteiligten 
sich  Vertreter  aller  Orden,  so  die  Antonsbrüder  zu  Vienne,  die  Alexianer, 
die  Begharden,  die  schwarzen  Schwestern,  seit  1070  die  Verbindung  der 
hospitalarii  sancti  Spiritus  zu  Montpellier  und  seit  1092  auch  die  Orden 
der  Lazarusritter  und  Johanniter.  Anfangs  erfolgte  diese  praktische  Be- 
thätigung  aus  religiösen  Motiven,  später  jedoch  aus  rein  materiellen  ßück- 
sicbten  und  zwar  in  so  offenkundig  schmutziger  Habsucht,  dass  es  eines 
päpstlichen  Bannspruchs  bedurfte,  um  die  Geistlichen  wieder  in  ihre  Schranken 
zu  verweisen.  Die  Wunder-  und  Leichtgläubigkeit  der  damaligen  Zeit  ist 
dabei  von  den  Vertretern  der  Kirche  nach  Kräften  ausgebeutet  worden. 
Erst  seitdem  das  Laienelement,  namentlich  infolge  der  Gründung  der  ersten 
Hochschulen  Salerno  und  Montpellier  an  Bedeutung  gewinnt,  treten  die 
Geistlichen  im  allgemeinen  als  Praktiker  in  den  Hintergrund,  um  schliess- 
lich mit  dem  Ende  des  14.  Jahrhunderts  ganz  von  der  Arena  der  Medizin 
zu  verschwinden. 

Heber  die  Bedeutung  der  Benediktiner  vgl.  noch  aus  der  neueren  Litteratur: 
Regula  Sancti  Patris  Benedicti  juxta  antiquissimos  Codices  recognita  a  JP.  Ed/mundo 
Schmidt,  Batisbonn.  1880;  Die  Benedictiner  -  Regel  in  altdeutscher  Sprache  (in 
Piper,  Sprache  und  Litteratur  Deutschlands  bis  zum  12.  Jahrh.  II,  Paderborn 
1880);  Wissenschaftliche  Studien  und  Mittheilungen  aus  dem  Benedictiner-Orden  mit 
besonderer  Berücksichiigung  der  Ordensgeschichte  und  Statistik  [Brunn  1880). 

Eine  eigenartige  Stelle  und  jedenfalls  weit  grössere  Bedeutung 
als  die  bisher  aufgezählten  litterarischen  Denkmäler  beansprucht  unter 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  631 

den  medizinischen  Werken  des  früheren  Mittelalters  die   noch  nicht 
allzulange  bekannte  Diätetik  des  Anthimus. 

Anthimus  war  Arzt  Theoderichs  des  Grossen,  eine  Zeitlang  Gesandter 
desselben  (Legatarius)  am  Hofe  der  Franken.  Höchstwahrscheinlich  ist  er 
identisch  mit  dem  gleichnamigen  griechischen  Arzte,  der  478  von  Zeno  aus 
Konstantinopel  vertrieben  wurde  und  dann  zu  den  Goten  ging.  Die  Ent- 
stehung der  sogleich  zu  erwähnenden  lateinisch  abgefassten  Schrift  fällt  in 
die  Zeit  von  511 — 526.  Sie  ist  an  den  Fürsten  Theoderich,  ältesten  Sohn 
des  Merovingers  Chlodwig  und  dessen  Nachfolger  seit  511  in  der  Haupt- 
stadt Metz,  gerichtet  und  führt  den  Titel :  ,,Epistula  Anthimi  viri  inlustris 
comitis  et  legatarii  ad  gloriosissimum  Theudericum  regem  Francorum  de  ob- 
servatione  ciborum'*.  Vielleicht  ist  sie  auf  den  Wunsch  des  Königs  abgefasst 
ähnlich  wie  zwei  Jahrhunderte  früher  die  grosse  Encyklopädie  von  Oribasius 
für  Kaiser  Julian.  Das  Verdienst  einer  editio  princeps  gebührt  dem  Berliner 
Abteilungsdirektor  der  Kgl.  Bibliothek  Valentin  Rose,  der  die  Schrift 
seinen  ,,Anecdota  graeca  et  graeco-latina"  (Heft  2  p.  63 — 102,  Berlin  1870) 
einerverleibt  hat. 

Eine  Analyse  der  Schrift  lieferte  Uffelniann,  weiland  Professor  der  Hygiene 
in  Rostock,  in  Deutsche  Med.  Wochenschr.  1881.  Vffelmann  vindiziert  der  Arbeit 
den  Charakter  der  Selbständigkeit;  doch  ergiebt  sich  die  Kompilation  unzweifelhaft 
aus  dem  Passus:  „Rationem  ergo  diversorum  ciborum  queinadmoduni  uti  debeant 
secundum  praecepta  diversorum  auctorum,  ut  potest  intellectus  noster 
habere,  suggerimus".  Wenn  TJffelmann  in  seinem  Aufsatz  Celsus  als  Quelle  ver- 
misst,  so  hat  er  daran  vergessen,  dass  Celsus  im  ganzen  Mittelalter  überhaupt  nicht 
bekannt  gewesen  ist.  Uebrigens  scheint  auch  das  Werk  des  Anthimiis  von  dem 
Schicksal  vieler  tnittelalterlicner  Produkte  nicht  verschont  geblieben  zu  sein,  insofern 
auch  hier  fremde  Zusätze,  Einschaltungen  zweifelhafter  Authenticität  unverkenn- 
bar sind. 

Die  Wichtigkeit  der  Schrift  rechtfertigt  folgende  kurze  Analyse:  Die 
Darstellung  ist  kurz  und  fasslich ;  sie  bietet  nur  Thatsachen  ohne  jedes 
theoretische  Raisonnement.  Es  handelt  sich  um  eine  Beschreibung  aller 
damals  gebräuchlichen  Nahrungs-  und  Genussmittel,  wobei  der  Verf.  mit 
einigen  Worten  auch  der  Bereitungsweise  derselben  gedenkt  und  Bemer- 
kungen über  Verdaulichkeit,  Nährwert,  therapeutischen  Nutzen  (z.  B.  der 
Milch  bei  Phthisis)  etc.  einschaltet.  Einleitungsweise  wird  als  Grundlage 
der  menschlichen  Gesundheit  die  Notwendigkeit  einer  rationellen  Ernährung 
betont,  die  auch  Krankheit  verhütet.  Die  Kost  soU  leicht  verdaulich  und 
durch  geeignete  Zubereitung  (Siedehitze)  in  diesen  Zustand  gebracht  sein. 
Massigkeit  ist  nicht  bloss  im  Essen,  sondern  auch  im  Trinken  geboten. 
Selbst  während  einer  Reise  soll  man  die  geeignete  Präparation  der  Nahrungs- 
mittel zum  Zweck  leichter  Verdaulichkeit  nicht  unterlassen.  Diejenigen 
Nationen,  bei  denen  der  Genuss  rohen  Fleisches  Sitte  ist,  kompensieren 
diese  Schädlichkeit  durch  geringere  Quantität  des  Genossenen.  Besprochen 
werden  der  Reihe  nach  Brot,  Fleisch,  Speck,  Meth  (medus),  Bier,  Honig- 
wein, Geflügel,  Eier,  Fische,  Austern,  Gemüsearten,  Hülsenfrüchte,  Getreide- 
mehle, Milch,  Butter,  Käse,  Obst,  nussartige  Früchte,  im  ganzen  etwa  100 
verschiedene  Nahrungsstoffe  bezw.  Mittel,  übrigens  ohne  bestimmte  Dispo- 
sition. Das  Brot  soll  weiss,  gut  ausgebacken,  nicht  sauer  und  womöglich 
täglich  frisch  sein.  Vom  Fleisch  bespricht  Anthimus  verschiedene  Sorten, 
dasjenige  von  Rind,  Hammel,  Reh,  Hirsch,  Schwein,  Wildschwein,  Kalb 
und  Hasen,  p.  73  und  74  der  Schrift  empfiehlt  er  den  Speck,  dessen  Schwarte 
er  für  ungeniessbar  erklärt,  auch  für  äusserliche  Zwecke,  ferner  als  Mittel 
gegen    Eingeweidewürmer    (Spulwürmer   und   Tänien).     Auch    die    einzelnen 


632  Julius  Pagel. 

Teile  vom  Schwein,  Rind  etc.  werden  hinsichtlich  ihres  Nährwerts  ge- 
würdigt, besonders  Bauch  und  Nieren ;  letztere  hält  er  für  schädlich,  da- 
gegen die  Vulva  (uterus)  des  Schweins  für  zuträglich.  Das  Fleisch  der 
Turteltauben  soll  gemieden  werden,  weil  diese  öfter  Veratrum  (Helleborus) 
essen  und  somit  giftig  sein  könnten,  wofür  er  ein  Beispiel  aus  einer  eigenen 
Beobachtung  an  zwei  Landleuten  beibringt.  Von  dem  übrigen  Geflügel 
empfiehlt  er  die  Rebhühner,  deren  Fleisch  mit  etwas  Coriander  ohne  Salz 
und  Oel  aufs  Feuer  gebracht  und  dann  genossen  werden  soll ;  es  ist  be- 
sonders wirksam  gegen  Durchfall  (fluxus  ventris)  und  Dysenterie;  ebenso 
ist  der  Genuss  des  Haustaubenfleisches  empfehlenswert.  Als  spezifische 
Delikatesse  schildert  Anthimus  eine  Speise  „afrodes",  eine  Art  von  Fleisch- 
pudding mit  einer  Gewürzsauce.  Eier,  weich  gekocht,  mit  etwas  Salz  be- 
streut empfehlen  sich  zum  Frühstück.  Pilze  sind  als  schwer  verdaulich 
zu  vermeiden  (ausgenommen  allenfalls  die  Moosschwämme  und  Trüfifeln).  — ■ 
Von  Fischarten  werden  besprochen  resp.  empfohlen:  Hecht,  Aal,  Forelle, 
Lachs,  Barsch,  Stör,  Scholle.  Alle  Fische  müssen  frisch  sein,  desgleichen 
die  Auster  („austrea  si  olent  et  quis  manducaverit,  altero  veneno  opus  non 
habet").  Von  Blatt-  und  "Wurzelgemüsen  werden  vorgeführt:  Rüben,  Kohl, 
Porree,  Melde,  Lattich,  Endivium,  Pastinak,  Spargel,  Steckrüben,  Eppich, 
Kürbis,  Gurken  (gegen  Nierenleiden  empfohlen),  Melonen,  Lauch,  Zwiebeln, 
Schalotten  (ascaloniae).  —  Die  eigentlichen  Genussmittel,  wie  Salz,  Pfeffer, 
Kostwurz,  Ingwer,  Nelken,  Fenchel,  Dill,  Lavendel,  Poley,  Coriander,  Münze 
und  Essig  werden  an  verschiedenen  Stellen  zerstreut  besprochen.  Getreide- 
mehlsuppen sind  sehr  nahrhaft,  besonders  wird  die  bekannte  alfita  s.  fenea 
8.  polenta,  die  übrigens  nicht  mit  dem  heutigen  Maismehlgrützbrei  identisch 
ißt,  sondern  einem  Gerstenmehlbrei  entspricht,  mit  reinem,  lauwarmem 
Wasser  verdünnt  beim  Fieber  gerühmt  (ähnlich  wie  die  Ptisane  des  Hippo- 
krates).  Reis  in  Ziegenmilch,  warm  ohne  Salz  und  Oel  genossen,  ist  für 
Dysenterische  gesund.  —  Es  folgt  dann  die  Würdigung  von  Hirse.  Bohnen, 
Erbsen,  Linsen;  die  Linsensuppe  ist  mit  Essig  zu  bereiten.  —  Milch  soll 
entweder  gekocht,  oder  wenn  roh  dann  mit  Honig  (off'enbar  dem  Ersatz- 
mittel für  Zucker),  Wein  oder  Meth  gemischt  genossen  werden.  Bei  Dys- 
enterie lässt  Anthimus  gern  Ziegenmilch  mit  Weissbrotkrume  gekocht  nehmen 
(aber  „in  olla,  non  in  aeramine",  also  in  einem  irdenen  und  nicht  ehernen 
Gefäss  gekocht).  Auch  die  Verwendung  frisch  gemolkener  Kuh-,  Ziegen- 
und  Schafmilch  zu  Kurzwecken,  namentlich  bei  Phthisis,  ist  Anthimus  be- 
kannt. Die  Molken  sollen  warm  sein,  die  Milch  ist  beim  Melken  in  einem 
Thongefäss  aufzufangen.  Saure  Milch  wird  als  „melca  s.  oxygala"  (vielleicht 
unsere  „Buttermilch")  bezeichnet.  Butter  ist  frisch  und  ungesalzen  gegen 
Phthisis  gut,  aber  im  Beginn  der  Erkrankung  und  nicht,  wenn  bereits 
schwere  Läsionen  der  Lunge  bezw.  eitriger  Auswurf  existieren.  Käse  ist 
nur  frisch  und  süss  leicht  verdaulich,  sonst  schwer  und  zu  Steinbildung 
prädisponierend.  Quittenschleim  wird  gegen  Durchfall  gepriesen.  —  Es 
folgt  noch  die  Darstellung  des  Obstes,  der  Aepfel,  Birnen,  Pflaumen,  Pfir- 
siche, Kirschen,  Maulbeeren,  Feigen,  Datteln,  Trauben,  Pistazienfrüchte, 
Mandeln,  Kastanien  und  Nüsse,  endlich  noch  des  Olivenöls  und  eines  „oleum 
gremiale".  — 

Die  Abhandlung-  des  Anthimus,  von  so  guten  Tendenzen  sie  auch 
geleitet  ist  und  soviel  Interessantes  sie  auch  in  kulturhistorischer  Be- 
ziehung bietet,  ist  doch  nicht  als  eigentlich  wissenschaftliche,  höchstens 
im  beschränkten  Sinne  und  mehr  als  für  Laienzwecke  berechnete  und 
populärwissenschaftliche  zu  bezeichnen.    Immerhin  überragt  die  ratio- 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  633 

nelle  und  den  Gegenstand  erschöpfende  Darstellung  (es  fehlt  nur  der 
Wein)  alle  vorher  citierten  Arbeiten  an  wissenschaftlicher  Dignität  bei 
weitem,  schon  um  deswillen,  weil  sie  nicht  in  rein  pharmazeutischem 
Geleise  sich  bewegt,  sondern  in  der  Betonung  der  Diätetik,  also  in 
der  Wahl  des  Stoffes,  eine  gesundere  und  glücklichere  Richtung  ver- 
folgt. —  Leider  steht  die  Diätetik  des  Anthimus  mit  ihrem  bei  der 
Monotonie  der  übrigen  Abschreibsei  geradezu  erfrischenden  Eindruck 
als  rara  avis  da.  Die  übrigen  aus  jenen  Jahrhunderten  konservierten 
Dokumente  zeigen  denselben  Charakter,  wie  die  bereits  erwähnten; 
es  sind  dürftige  kompendiöse  Naturbetrachtungen,  die  Universalität 
prätendieren,  dabei  aber  auf  der  Oberfläche  bleiben,  oder  pharma- 
kologische Machwerke,  die  in  den  bodenlosen  Abgrund  des  wissen- 
schaftlichen Verfalls  einen  leider  zu  tiefen  Einblick  gewähren.  Phar- 
makologie und  kein  Ende!  Ob  diese  Produkte  nun  aus  Vorliebe  für 
den  Gegenstand  selbst  so  zahlreich  verfasst  sind,  oder  ob  die  viel- 
fältige Reproduktion  derselben  auf  einem  Zufall  beruht  —  die  That- 
sache  selbst  zeigt  jedenfalls,  dass  der  Schwerpunkt  litterarischer  Arbeit 
auf  diesem  Gebiete  gelegen  hat.  Nicht  minder  charakteristisch  ist 
die  Wahl  der  dichterischen  Form,  die  teils  zur  Erleichterung  für  das 
Gedächtnis,  teils  aus  einem  gewissen  Nachahmungstrieb  oder  aus 
der  Sucht  der  Schönschreiberei  hervorgegangen  ist.  Neben  der  Zeit- 
sitte ist  dabei  nicht  gering  auch  das  Motiv  der  Eitelkeit  oder  Rivalität 
in  Betracht  zu  ziehen.  Ein  Pfau  wollte  seine  Federn  immer  besser 
spreizen  als  der  andere!  —  Bei  der  unsicheren  Kenntnis  der  Ab- 
fassungszeiten vieler  dieser  Publikationen  muss  von  chronologischen 
Gesichtspunkten  abgesehen  und  lediglich  der  pragmatische  festgehalten 
werden. 

Die  nötige  Abwechselung  in  dem  pharmakologischen  Einerlei  bringt 
ein  mineralogisches  Machwerk,  das  jedoch  nur  im  Inhalt  variiert,  in 
Anlage,  Stil  und  Tendenz  den  übrigen  Werken  wie  ein  Ei  dem  andern 
gleicht.  Es  ist  das  „Steinbuch"  oder  der  „Lapidar ins"  des 
französischen  Bischofs  Marbod  (Marbodeus,  Marbold,  Merbold)  f  1123. 

Marbold  stammte  aus  einer  vornehmen  Familie  in  Angers,  wo  er  von 
1067 — 1081  das  Vorsteheramt  einer  Schule  und  dann  das  Diakonat  der 
Kirche  versah,  bis  er  1096  als  Bischof  nach  Rennes  (in  der  Bretagne)  ging. 
In  dieser  Stellung  blieb  er  bis  zu  seinem  Lebensende. 

Vgl.  Choulant  l.  c.  p.  244;  Haesei'  l.  c.  p.  638;  Crraesse  l.  c.  p.  364; 
M.  Steinschneider,  Die  hehr.  Uebersetznngen  des  Mittelalters  {Berlin  1893)  p.  956, 
sowie  die  These  von  Ferry,  de  Marbodi  lihedonnensis  episcopi  et  vita  et  carminibus. 

Nimes  1878. 

Das  genannte  Werk,  das  übrigens  verschiedene  Titel  führt,  handelt 
speziell  von  den  Edelsteinen  und  giebt  in  743  Hexametern  und  (exkl. 
des  Prologs  und  Epilogs)  in  60  Kapiteln  die  Beschreibung  von  60  Edel- 
mineralien.  Nach  dem  Prolog,  der  jedoch  vielleicht  unecht  ist,  soll 
ein  arab.  König  Evax  der  eigentliche  Verfasser  und  Marbods  Arbeit 
nur  ein  Auszug  aus  dessen  Original  sein.  Indessen  ist  die  Existenz 
eines  solchen  Evax,  für  den  in  manchen  Handschriften  auch  andere 
Namen  substituiert  sind,  apokryph.  Das  Buch,  das  bei  den  Zeitgenossen 
und  in  den  folgenden  Jahrhunderten  jedenfalls  sehr  geschätzt  war,  ist 
ziemlich  oft  gedruckt. 

Auch  französische,  italienische,  hebräische  und  dänische  TJebersetzungen 
rssp.  Ausgänge  existieren,  letztere  in  Henrik  Harpestrengs  (f  1244) 


634  Julius  Pagel. 

dänischem  Arzneibuch ;  die  hebräische  Version  gehört  nach  Steinschneider 
(1.  c.)  gleichfalls  dem  13.  Jahrhundert  an.  Der  Inhalt  ist  durchaus  legen- 
darisch, eine  Reihe  teilweise  durch  morgenländische  Tradition  über  Rom 
verpflanzter  Fabeln  und  Sagen  werden  aufgetischt,  und  den  Steinen  natür- 
lich allerlei  wunderbare  und  magische  Heilpotenzen,  sympathetische  Kräfte  etc. 
zugeschrieben.     Ein  näheres  Eingehen  auf  den  Inhalt  erübrigt  sich. 

Nicht  viel  besser  steht  es  mit  dem  vermutlich  ins  13.  Jahr- 
hundert fallenden,  vielberufenen  „P h y s i 0 1 0 g u s  de  naturis  duo- 
decim  animalium",  dessen  Verf.,  ein  sonst  unbekannter  Bischof 
Theobaldus  (Tebaldus ,  Tibaldus) ,  wahrscheinlich  in  Frankreich 
lebte  (doch  wollen  manche  die  Autorschaft  einem  gleichfalls  franzö- 
sischen Bischof  Hildebert  1057—1135  zuschreiben). 

Vgl.  Graesse  IL  1  p.  121;  IL  2  p.  585;  Choulant  l.  c.  p.  309;  K.  Ahrens, 
Zur  Geschichte  des  sogen.  Physiologus,  Gymnasialprogr.  Plöhn  1885;  M.  GasteTf 
II  physiologus  rumento.  Arch.  glottol.  ital.  Vol.  X,  1887;  Ferd.  Kühl,  Der  Physio- 
logus und  seine  naturwissenschaftlichen  Anschauungen,  Frankfurter  Zeitg.  1883 
Nr.  276;  Laudiert,  Geschichte  des  Physiologus,  Strassburg  1889;  G.  Policka, 
Zur  Geschichte  des  Physiologus  in  den  slawischen  Litteraturen  [Arch.  f.  slaw.  Philo- 
logie XIV  1893);  Emil  Peters,  Der  griechische  Physiologus  u.  seine  orientalischen 
Uebersetzungen  [Berlin  1898;  vgl.  dazu  Lauchert  in  Deutsche  Litteraturzeitung  1898 
Nr.  40). 

Der  Physiologus  ist  ebenfalls  in  Gedichtform  (Hexametern,  sapphi- 
schen  Strophen  und  anderen  Versarten)  abgefasst  und  litterarhistorisch 
insofern  von  einer  gewissen  Bedeutung,  als  er  ein  charakteristisches 
Specimen  für  die  Bestrebungen  bietet,  Theologie  mit  der  Naturwissen- 
schaft zu  verquicken.  An  die  Lebensweise  von  12  Tieren,  deren  Eigen- 
schaften dürftig  genug  geschildert  sind,  werden  allerlei  religiös-mora- 
lisierende  Betrachtungen  geknüpft. 

Gedruckt  ist  der  Physiologus  gleichfalls  in  zahlreichen  Ausgaben,  z.  T. 
mit  scholastisch  dialektischem  Kommentar  versehen.  Auch  Umarbeitungen, 
darunter  eine  in  althochdeutscher  Prosa,  existieren.  Da  an  den  Physiologus 
eine  reiche  litterarische  Arbeit  sich  geknüpft  hat,  so  war  schon  aus  diesem 
Grunde  eine  kurze  Erwähnung  desselben  an  dieser  Stelle  gerechtfertigt. 

In  die  Gruppe  derselben  Produkte  gehört  auch  die  bekannte 
„Physica"  der  Aebtissin  Hildegardis  de  Pinguia  (d.  h.  aus 
Bingen). 

Geboren  1098  zu  Beckelheim  a.  d.  Nahe  in  der  Grafschaft  Spanheim 
und  1180  als  Vorsteherin  eines  von  ihr  in  der  Nähe  von  Bingen  gestifteten 
Nonnenklosters  verstorben,  verfasste  diese  ebenso  fromme  als  begabte,  bei 
den  Zeitgenossen  wegen  ihrer  Gelehrsamkeit  hochangesehene  Jungfrau  unter 
zahlreichen  für  die  Kirchengeschichte  wichtigen  Schriften  theologischen  und 
moralisch  asketischen  Inhalts  auch  ein  medizinisch-naturwissenschaftliches 
Werk  unter  dem  obigen  Titel  in  4  Büchern  und  383  Kapiteln.  Der  Inhalt 
bietet  mehr  kulturhistorisches  und  linguistisches  als  eigentlich  medizinisches 
Interesse.  In  dem  lateinischen  Text  finden  sich  vielfach  altdeutsche,  z.  T. 
aus  der  Volksmedizin  entlehnte  Bezeichnungen  für  Krankheiten  und  Heil- 
mittel. Im  übrigen  ist  auch  die  Physica  der  heiligen  Hildegard  nichts  weiter 
als  ein  kurioses  Gemisch  von  Mystik  und  Dreckapotheke.  Auffallend  ist 
die  grosse  Zahl  von  Vorschriften  zur  Unterdrückung  der  Geschlechtslust, 
ferner  von  Ratschlägen  bei  Schwangerschaft  und  Geburt.  —  Manches  von 
dem  Inhalt  der  Physica  fällt  ins  Gebiet  der  Tiermedizin.     Offenbar  handelt 


Geschichte  der  Medizin  im  Mittelalter.  635 

es  sich  auch  hier  nicht  um  eine  Schrift  von  wissenschaftlicher  Dignität, 
sondern  lediglich  um  eine  Kompilation,  ein  populärmedizinisches  Vademecum 
(ähnlich  unseren  in  Laienkreisen  verbreiteten  ärztlichen  Haus-  und  Familien- 
ratgebern),  möglicherweise  auch  um  ein  unechtes,  der  heiligen  Hildegard 
untergeschobenes  Machwerk. 

Vgl.  Graesse  IL  2  p.  140,  558;  Choulant  l.  c.  p.  302— .W9-  Haeser 
jp.  640;  Die  Werke  der  heil.  Hildegard  und  ihre  neuste  Kritik.  Histor.  polit. 
Matter  für  das  kathol.  Deutschland,  Bd.  76.  1895;  ,T.  Berendes  (Goslar),  Die 
Physica  der  heil.  Hildegard  {Pharmac.  Post  1896—1897,  Sep.-Abz.  110  pp.;  enthält 
eine  ausgezeichnete  Analyse  nebst  fragmentarischer  deutscher  Uebersetzung) ;  Paul 
Kaiser,  Die  naturwissenschaftlichen  Schriften  der  H.  v.  B.  [Berlin  1901,  Oster- 
progr.  d.  Königstädt.  Gymnas.). 

Uebrigens  steht  die  Hildegard  als  schriftstell ernde  Nonne  nicht  ver- 
einzelt da.  TJ.  a.  sei  nur  an  die  Herrad  von  Landsperg  (-j-  1195), 
seit  1167  Aebtissin  des  Odilienklosters  Hohenburg,  erinnert,  Verfasserin  des 
bekannten  „Hortus  deliciarum",  einer  Art  von  Encyklopädie  mit  vor- 
wiegend biblischen  resp.  theologischen  und  rein  wissenschaftlichen  Auszügen. 
Die  Schrift  beweist,  dass  der  Unterricht  der  Nonnen  in  manchen  Klöstern 
auf  hoher  Stufe  stand.     (Vgl.   Grässe  II.  3  p.  933.) 

Endlich  sind  noch  zwei,  einer  ziemlich  frühen  und  dunkeln 
Litteraturperiode  angehörige  Dokumente  zu  registrieren,  deren  deut- 
liche Spuren  doch  bereits  nach  Salerno  führen,  so  dass  einige  Autoren 
sie  direkt  zu  den  Erzeugnissen  salernitanischen  Schulgeistes  zählen 
wollen,  nämlich  das  u.  d.  T.  „Macer  Floridus"  figurierende  Gedicht 
und  das  pharmakologische  Fragment  des  jüdischen  Arztes  Donnolo. 

M  a  c  e  r  Floridus  ist  ein  Pseudonym  für  ein  vielleicht  dem  Ende 
des  9,  oder  dem  folgenden  Jahrhundert  (1140  — 1160)  angehöriges 
Produkt.  Valentin  Rose  entscheidet  sich  für  die  Autorschaft  des  auch 
in  einer  Dresdener  Handschrift  des  12.  Jahrhunderts  als  Verf.  ange- 
führten Otto  Magdunensis  (Otto  v.  Meudon  aus  Meune  sur  Loire 
t  1161),  andere  nehmen  den  Cistercienser  Odo  Murmundensis 
(Otto  von  Morimont  im  Burgundischen  f  1161)  als  Verfasser  an;  jeden- 
falls muss  dieser  in  Frankreich  gelebt  haben,  auf  das  einige  Pflanzen- 
bezeichnungen hinweisen.  Es  handelt  sich  um  ein  Gedicht  in  2269 
latinobarbarischen  Hexametern,  betitelt  „de  viribus  (in  einigen 
Codices:  de  virtutibus)  herbarum";  es  hat  die  Darstellung  der 
Arzneikräfte  der  Pflanzen  zum  Gegenstand.  — 

Warum  der  Verf.  sich  hinter  dem  Pseudonym  Macer  Floridus  verborgen 
hat,  ist  bis  jetzt  noch  unaufgeklärt.  Vielleicht  geschah  es  aus  Vorliebe  für 
den  bekannten  Dichter  (vgl.  das  bei  Isidorus  Hispalensis  p.  626  Gesagte); 
die  Möglichkeit  ist  auch  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  dass  es  sich  um 
Pälscherarbeit  von  Kopisten  handelt.  In  einigen  Handschriften  wird  statt 
Macer  Floridus :  Aemilius  Macer  als  Autor  angeführt ;  auch  eine  Mischung 
der  Bezeichnungen  als  Otto  Veronensis  ist  gebräuchlich. 

Vgl.  Choulant  l.  c.  p.  233;   Haeser   l.  c.  p.  638;  Steinschneider   l.  c. 

p.  808.  Macer  wird  auch  in  dem  chirurg.  Lehrbuch  des  Theoderich  (Coli.  Venet. 
ed.  1519  fol.  113-^  u.  115-^)  bei  der  Besprechung  der  medikamentösen  Pfeilextraktions- 
mittel erwähnt.  —  In  dem  „Michi  competit'^  des  Thomas  von  Sarepta  '{vgl.  diesen) 
findet  sich  ein  Autor  Macer  Bertoldus  für  Apulejus-  Platonicus  angeführt. 
Henschel,  der  darüber  in  seiner  kleinen  Abhandlung  „Schlesiens  wissenschaftliche 
Zustuende  im  14.  Jahrh."  berichtet,  fragt  [l.  c.  p.  93)  anmerkungsweise:  „Sollte  dies 
nun  endlich  der  wahre  Name  des  Macer  sein,  über  den  schon  soviel  Vermutungen 
axifgestellt  sind?". 


636  Julius  Pagel. 

In  dem  Buch  werden  im  ganzen  77  Pflanzen  in  ebensovielen 
Kapiteln  in  buntester  Unordnung  behandelt  und  zwar  in  Anlehnung 
an  Plinius,  Gargilius  Martialis,  Dioscorides,  Oribasius,  Palladius  u.  a. 

Zahlreiche  Handschriften,  22  Ausgaben,  Uebersetzungen,  hebräische,  dänische 
und  deutsche  Bearbeitungen,  Kommentare  und  Erläuterungsschriften  [u.  a.  sogar  von 
Paracelsus),  sowie  die  Thatsache,  dass  einige  Verse  ins  Regimen  sanitatis  Salerni- 
tanum  übergegangen  sind,  sjyrechen  für  die  grosse  Beliebtheit  einer  Schrift,  deren 
sachlicher  Inhalt  durclmus  nicht  auf  einem  höheren  Niveau  steht  als  die  übrigen 
Erzeugnisse  jener  Litteraturepoche.  —  Von  Kap.  LXVI  ab  {Ausgabe  von  Choulant, 
Leipz.  1832  p.  114)  beginnt  die  Darstellung  der  Gewürze  als  Species  mit  dem  Pfeffer 
(„Carmine  jam  dictis  aliquot  vulgaribus  herbis  nunc  species  illas,  quas  cunctis  jam 
prope  notas  \  usus  vendendi  fecit,  tentabo  referre  \  atque  prius  Piperis  efc").  Einzelne 
Verse  sind  nicht  übel  gelungen,  und  man  muss  über  die  Kunstfertigkeit  der  Versi- 
fikation  bei  einem  oft  so  heterogenen  und  spröden  Stoffe  staunen. 

In  einem  gewissen,  nicht  bloss  zeitlichen,  sondern  (nach  Stein- 
schneider in  Virchows  Archiv  Bd.  42  p.  57)  auch  sachlichen  Ver- 
hältnis zum  Macer  steht  das  (von  Steinschneider  zuerst  der  Oeffent- 
lichkeit  übergebene)  pharmakologische  Fragment  des  jüdischen  Arztes 
D  0  n  n  0 1 0. 

Vgl.  M.  Steinschnei  der f  Virchow's  Archiv  Bd.  38 — 42. 

Der  volle  Namen  dieses  Arztes  lautet  Sabbatai  ben  Abraham. 
Donnolo  ist  die  ital.  Diminutivbezeichnung  für  Dominus.  In  einer 
griechischen  Quelle  heisst  derselbe  J6f.ivovlog.  Seine  Lebensschicksale 
hat  er  selbst  in  der  Vorrede  seines  Kommentars  zu  dem  mystischen 
„Sefer  jezirah"  (Buch  der  Schöpfung)  geschildert. 

Geboren  913  in  Oria  bei  Otranto,  studierte  Donnolo  in  Italien  und 
zwar  vermutlich  bereits  in  Salcrno  Medizin,  vielleicht  auch  autodidaktisch 
aus  Büchern,  bereiste  Unteritalien,  war  dort  an  verschiedenen  Orten  praktisch 
thätig  und  genoss  ein  so  grosses  Renommee,  dass  er  vielfach  auch  von  hohen 
"Würdenträgern  konsultiert  wurde,  so  u.  a.  auch  von  dem  bekannten  heiligen 
Nilus,  Abt  von  Eossano.  Sein  Tod  erfolgte  nach  965.  Das  ganze  Fragment 
ist  nur  VII  Oktavdruckseiten  stai'k  und  enthält  eine  dem  Anschein  nach 
selbständige  Aufzählung  und  Analyse  von  120  Arzneimitteln  meist  pflanz- 
licher Natur. 

Da  die  von  Steinschneider  s.  Z.  erfolgte  hebräische  Separatausgabe  jetzt  wohl 
seifen  geworden  ist,  so  sei  im  folgenden  die  Ueberschrift  angeführt.  Sic  lautet: 
„Donnolo,  Fragment  des  ältesten  medicinischen  Werkes  in  hebräischer  Sprache.'' 
Zu  Ehren  des  70.  Geburtstages  etc.  Berlin  1867.  nrpti'Dm  ninp-ian  ibd  nr  -ipvn  nsD  nt 
etc.  Nsn  h\o  n^d^'jsb  m^npin  nin'>DDni  D^pnonm  niti'nnnni  oipaKni  Das  Wort  n^d^Ssb, 
welches  Steinschneider  Schwierigkeiten  in  der  Erklärung  bereitet  hat,  scheint  nichts 
weiter  als  eine  Korrumpierung  entweder  für  politia  oder  philosophia  zu  sein  und  un- 
mittelbar mit  dem  Wort  wehamsiboth  zusammenzuhängen;  der  Autor  beabsichtigte 
nicht  bloss  eine  Darstellung  der  pharmakologischen  Mittel,  sondern  auch  dessen,  was 
ins  Bereich  der  ärztlichen  Politik  oder  Philosophie  gehört. 

Mit  wenigen  (aus  Bibel  und  Talmud  entlehnten)  Ausnahmen  handelt  es 
sich  um  römische  und  griechische  Drogen ;  ein  Präparat,  nämlich  das 
„Kelkh"  (=  galbanum)  ist  unzweifelhaft  arabisch ,  zwei  (Zedoaria  und 
Sendros  oder  Cedros)  zweifelhaft  arabisch  und  ein  Ausdruck  (für  Eselsgurke) 
aus  dem  Arabischen  übersetzt.  Wie  Steinschneider  ganz  richtig  hervorhebt, 
ist  das  Dokument  ein  Bruchstück  aus  einem  grösseren  Antidotarium  und 
enthält  praktische  Anweisungen  zur  Bereitung  von  Grewürzmitteln  mit  be- 
sonderer Rücksicht  auf  den  Honig  als  Constituens  (der  ähnlich  wie  hei 
Anthimus  den  Zucker  ersetzen  musste)  und  möglichst  lange  Konservierung. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  637 

Donnolo  giebt  seine  Anweisungen  als  Resultat  40  jähriger,  anscheinend  ganz 
eigener  Erfahrungen.  Der  Stü  ist  hart  und  unbeholfen.  Die  Handschrift 
ist  deshalb  von  der  grössten  Wichtigkeit,  weil  sie  einen  Beitrag  zur  Be- 
stätigung der  Thatsache  liefert,  dass  griechisches  Wissen  in  der 
Heilkunde  sich  noch-bis  zu  dieser  Zeit  unb  eeinflus  s  t  von 
arabischer  Weisheit  in  dem  übrigen  Europa,  speziell  in 
TJnteritalien  erhalten  hat.  So  ist  die  Entwicklung  der  salemi- 
tanischen  Hochschule  besser  zu  verstehen.  Der  Umstand,  dass  Donnolo, 
der  älteste  Autor  Unter  Italiens,  nach  dem  Untergange  Roms,  arabisch  ver- 
mutlich nicht  verstanden  hat  und  dennoch  ein  tüchtiger  Praktiker  war, 
zeigt,  dass  der  dortige  Boden  noch  nicht  mit  arabischen  Keimen  in  Be- 
rührung gekommen  war.  Tbatsächlich  fallt  ja  auch  die  Entstehung  der 
salernitanischen  Hochschule  mindestens  1  Jahrhundert  vor  der  eigentlichen 
Blüte  der  arabischen  Medizin,  die  erst  vom  11.  Jahrhundert  ab  einsetzt. 

Die  salernitanische  Schule. 

Die  Litteratur  über  die  salernitanische  Medizin  ist  eine  schier  wiübersehbare. 
Der  Kürze  halber  begnügen  wir  uns,  auf  die  bekannten  medizinisch-historischen 
Bibliographien  hinzuweisen,  ferner  auf  Haesers  gi-osses  Geschichtswerk,  sotcie  auf 
das  jüngst  erschienene  ausgezeichnete  Kolossahcerk  von  E.  €rurlt,  Gesch.  d.  Chir. 
Bd.  I p.  695.  Von  neueren  Arbeiten  seien  noch  hervorgehoben:  3Iodestino  del 
Gaizo,  Documenti  inediti  della  scuxtla  medica  Salernitana.  Memoria  letta  nella  R. 
Accad.  med.  chir.  di  Napol.  31.  7.  1887,  Nap.  1888.  Derselbe,  La  scuola  medica 
di  Salerno  stvdiato  nella  storiae  nelle  leggetide,  discoso  letto  alV  accademia  Pontaniana. 
Nupoli  1896.  Hier  findet  sich  auch  ein  ziemlich  erschöpfender  Quellennachweis  zv/r 
älteren  Litteratur. 

Zwischen  den  beiden  Einöden  von  Mönchs-  und  scholastischer 
Medizin  hebt  sich  diejenige  Periode  der  Heilkunde,  welche  man  als 
salernitanische  zu  bezeichnen  pflegt,  gleichsam  wie  eine  erfrischende 
und  liebliche  Oase  aus  unerquicklichem  Wüstenuntergrunde  ab  und 
bietet  für  die  historische  Betrachtung  einen  Gegenstand  von  er- 
freulicherer Gestaltung.  Auf  dem  Wege,  den  die  Entwickelung  der 
Medizin  vom  Altertum  über  das  Mittelalter  hinweg  in  mannigfachen 
Zickzacksprüngen  zur  neueren  Zeit  eingeschlagen  hat,  bildet  Salerno 
zwar  nicht  die  wichtigste,  immerhin  eine  der  wichtigeren  und  be- 
merkenswerteren Etappen.  Die  Bedeutung,  welche  diesem  Orte  in 
der  medizinischen  Entwicklungsgeschichte  zuiällt,  ist  eine  vielfache. 
Sie  knüpft  sich  zunächst  nicht  gerade  so  sehr  an  einen  positiven  Fort- 
schritt in  der  Erkenntnis  oder  in  den  Leistungen  als  vielmehr  an  den 
Ruf,  den  Salerno  als  Sitz  der  ersten  abendländischen  Hoch- 
schule im  grossen  Stil,  als  Stammmutter  der  Universitäten  mit  Recht 
geniesst;  sie  liegt  ferner  in  der  unzweifelhaften  Thatsache,  dass  hier 
die  Heilkunde  mit  Vorliebe  gepflegt  worden  ist,  dass  diese  lange 
und  unverfälscht  den  Anschluss  an  die  griechisch-römische  Tradition 
konserviert  hat,  endlich  nicht  zum  wenigsten  auch  darin,  dass  früh- 
zeitig bereits  eine  Emanzipation  von  klerikalem  Einfluss  stattgefunden 
und  unsere  Wissenschaft  durchweg  weltliches  Gepräge  angenommen 
hat.  Von  den  Stürmen  der  Völkerwanderung  wenig  berührt,  hat 
Salerno,  dessen  Geschichte  bis  ins  6.  Jahrhundert  zurückdatiert  und 
das  wahrscheinlich  seinen  Ursprung  aus  einer  alten  griechisch- 
römischen Kolonisierung  genommen  hat,  infolge  inniger  Handels- 
beziehungen mit  seinem  Stammlande  schon  frühzeitig  einen  festen 
Kern-  und  Kiystallisationspunkt  für  künstlerische  und  Wissenschaft- 


638  Julius  Pagel. 

liehe  Bestrebungen  geliefert.  Von  nicht  geringem  Einfluss  erwies 
sich  in  dieser  Beziehung  auch  die  Nachbarschaft  des  alten  Stamm- 
sitzes der  Benediktiner:  Monte  Cassino.  Lange  war  hier  wie  in  dem 
übrigen  Unteritalien  griechische  Wissenschaft  heimisch  geblieben. 
Speziell  wurden  die  Interessen  Salernos  von  allen  seinen  Beherrschern, 
in  gleicher  Weise  von  den  Fürsten  von  Benevent,  wie  später  in  der 
Zeit  der  Selbständigkeit  von  Longobardischen  Machthabern  und  nicht 
minder  unter  normannischer  und  sicilianischer  Botmässigkeit  kräftig 
gefördert.  Ganz  besonders  war  es  die  Heilkunde,  die  hier  in  relativ 
frühen  Zeitläuften  eine  Stätte  der  Pflege  fand.  Von  herrlichem  Klima 
begünstigt,  inmitten  einer  an  Naturschönheiten  reichen  Gegend  am 
Busen  des  Tyrrhenischen  Meeres  nicht  zu  weit  südlich  von  Neapel 
belegen,  soll  Salerno,  wie  neben  mehreren  interessanten  Legenden 
historisch  beglaubigte  Nachrichten  bekunden,  schon  in  der  ersten  Zeit 
seines  Bestehens  von  Kranken  aus  weiter  Ferne  aufgesucht  worden 
sein.  Personen  von  Rang  und  Ruf,  geistliche  und  weltliche  Fürsten 
und  Potentaten  haben  hier  von  dem  heilkünstlerischen  Wirken  ge- 
lehrter Benediktiner  Genesung  erhofft  und  angeblich  auch  gefunden. 
Die  medizinische  Wissenschaft  gewann  in  Salerno  einen  so  festen 
Boden,  dass  Aerzte  aus  dem  Laienstande  in  relativ  beträchtlicher 
Zahl  sich  ansiedelten,  ein  Kollegium  bildeten  und  nachgewiesener- 
massen  völlig  unabhängig  von  jeder  priesterlichen  Gemeinschaft  so 
die  Fundamente  zur  ersten  medizinischen  Schule  des  Abendlandes  in 
weiterem  Massstabe  legten.  In  ihr  hat  dann  medizinische  Wissen- 
schaft und  Kunst  eine  für  jene  Zeiten  überaus  gedeihliche  Förderung 
erfahren,  Salerno  wurde  eine  Pflanzstätte  medizinischen  Lehrens  und 
Lernens,  deren  Ruf  zahlreiche  Schüler  und  Doktoren  aller  Nationali- 
täten anlockte,  und  deren  Ergebnisse  von  nachhaltigem  Einfluss  auf 
die  theoretische  und  künstlerische  Ausbildung  in  späteren  Jahrhunderten 
geworden  sind.  Noch  in  der  Litteratur  des  14.  Jahrhunderts  finden 
wir  beispielsweise  das  berühmte  Regimen  sanitatis  Salernitanum  mit 
derselben  Autorität  umkleidet,  wie  etwa  die  Aphorismen  des  Hippo- 
krates  oder  irgend  eine  der  geläufigsten  Kraftsentenzen  des  Avicenna. 
Die  salernitanische  Hochschule  bewirkte  ferner,  dass  die  Heil- 
kunde auch  äusserlich  und  repräsentativ  zu  Ansehen  gelangte.  Der 
Glanz  der  Medizin  als  Wissenschaft  warf  seinen  Widerschein  auf  die 
Beziehungen  der  Heilkunde  zu  Staat  und  Behörden,  auf  den  Stand 
der  Aerzte  als  solchen;  er  erwirkte  diesem  eine  besondere  staatliche 
Ordnung  seiner  Angelegenheiten  und  eine  Reihe  von  Bevorzugungen. 
Lehrer  und  Schüler  genossen  nicht  nur  das  Privilegium  der  Steuer- 
freiheit, sondern  bezogen  überdies  stattliche  Stipendien  und  Remune- 
rationen. Ein  weiteres  Verdienst  von  Salerno  liegt  in  der  Thatsache, 
dass  es  vorbildlich  wurde  für  die  Gründung  weiterer  Universitäten 
auf  italienischem  Boden.  Unter  dem  Eindrucke  der  salernitanischen 
Hoch  schulerfolge  gewann  ein  einsichtsvoller  Fürst  wie  Kaiser  Friedrich  IL 
(1231)  die  Ueberzeugung  von  der  Notwendigkeit  organisatorischer  Mass- 
regeln im  Interesse  eines  geordneten  medizinischen  Unterrichts  und 
gewisser  Sonder  Vorrechte  zu  Gunsten  der  wissenschaftlich  geschulten, 
studierten  Vertreter  der  Medizin.  Dank  dem  Laienelement  und  der 
Unterdrückung  theologischer  Usurpationsgelüste  war  die  Heilkunde 
fortab  nicht  bloss  wieder  zum  Rang  einer  systematischen  Disziplin 
erhoben  und  aus  dem  Rahmen,  mit  dem  mönchisch- theologisches  Bei- 
werk sie  umgaben,  herausgelöst  worden,  sondern  sie  hatte  auch   die 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  639 

ihr  gebührende  äusserliche  Stellung  erlangt,  wie  zahlreiche  Verord- 
nungen aus  jener  Zeit  über  das  medizinische  Unterrichtswesen  und 
die  Medizinaltaxe  beweisen. 

Die  hauptsächlichste  Qudle  zur  geschichtlichen  Beurteilung  der  salernitanischen 
Leistungen  bildet  immer  noch  die  bekannte  5  bändige  Collectio  Salernitana  ossia 
documenti  inediti  e  trattati  etc.  von  Salvatore  de  Jtenzi  {Nupoli  1852 — 59).  Mit 
diesem  Riesentoerk  sind  die  relativ  dürftigen  und  nicht  zuverlässigen  älteren  Arbeiten 
von  Alazza  {(Irbis  Salernitanae  historia  et  antiquitates,  Napoli  1681)  u.  J.  C.  G, 
A.clcerirnanns  Ausgabe  des  Regimen  sanitatis  etc.  {Stendal  1790)  u.  a.  bei  weitem 
überflügelt  und  für  die  Forschung  überflüssig  gemacht.  Durch  die  Sammlungen  von 
de  Renzi  {mit  der  klassischen  Einteilung  im  I.  Bande),  denen  der  glückliche  Fund 
Hetischels  auf  der  Bibliothek  des  Magdalenen- Gymnasiums  in  Breslau  {1846),  ent- 
haltend ein  Konvolut  von  35  Schriften  aus  der  ersten  Blüteperiode  der  salernitanischen 
Schule  voraufging  und  als  Anregung  zu  weiteren,  fruchtbaren  Nachforschungen  in 
den  Klosterbiblio'heken  diente,  ist  das  litterarische  Material  für  dieses  Gebiet  in  un- 
geahnter Weise  bereichert  worden.  Der  grossartige  Zuwaclis  unserer  Litteratur  ge- 
stattet nunmehr  auch  eine  ziemlich  klare  und  erschöpfende  Kenntnis  und  pragmatische 
Würdigung  der  eigentlichen  Leistungen,  lieber  die  präsumptive  Beteiligung  jüdischer 
Aerzte  an  den  Arbeiten  der  salernitanischen  Schule  vgl.  das  bei  Donnolo  {p.  497) 
Bemerkte.  Neuere  Dokumente  aus  der  salernitanischen  Schule  gab  Piero  Giacosa 
heraus  in:  „Magistri  Salernitani  nondum  editi.  Catalogo  ragionato  della  esposizione 
di  storia  della  medicina  aperta  in  Torino  del  1898".  Torino  1901.  Fratella  Bocca 
editori  XXXIV  723  pp.  [Das  mit  einem  palaeographischen  Atlas  ausgestattete 
Monumentalwerk  enthält  u.  a.:Curae  magistri  Ferrarii ;  Catholica  magistri  Salerni ; 
Compendium  magistri  Ursonis  de  urinis;  Balnea  Puteolana,  sowie  zahlreiche  Mit- 
teilungen über  die  in  den  verschiedensten  italien.  Bibliotheken  zerstreuten  med. 
Codices.] 

Die  ersten  Spuren  der  Medizin  in  Salerno  lassen  sich  bis  ins 
9.  Jahrhundert  zurück  verfolgen.  Die  verschiedenen  Erzählungen  über 
den  Ursprung  der  Hochschule,  so  u.  a.  auch  die  Beteiligung  von 
4  Aerzten  verschiedener  Nationalität  (Araber,  Juden,  Griechen  und 
Lateiner)  sind  ins  Bereich  der  Legende  zu  verweisen.  Sicher  ist,  dass 
an  der  Gründung  der  civitas  hippocratica  —  so  hiess  die  medizinische 
Schule  zum  Unterschied  von  den  die  Philosophie  und  Rechtswissen- 
schaft umfassenden  Abteilungen  der  Lehranstalt  —  ausschliesslich  das 
Laienelement  in  Gestalt  eines  Kollegiums  von  in  der  Stadt  ansässigen 
Aerzten  beteiligt  war.  Die  Ausschliessung  klerikaler  Mitwirkung  zeigt 
die  Thatsache,  dass  eine  theologische  Fakultät  in  Salerno  überhaupt 
nicht  existierte. 

Der  weltliche  Charakter  der  Hochschule  dokumentiert  sich  ferner  da- 
durch, dass  nachgewiesenermassen  eine  grosse  Zahl  von  Frauen  (Gattinnen 
und  Töchter  von  Professoren)  am  Lehren  und  Lernen  der  Medizin  in 
Salerno  beteiligt  waren.  Einige  brachten  es  durch  ihre  schriftstellerischen 
Leistungen  zu  hohem  Ansehen.  Man  darf  kein  Bedenken  tragen,  die  „mu- 
lieres  Salernitanae",  von  denen  öfter  in  der  Collectio  Sal.  besonders  als 
Gewährspersonen  bei  Anpreisung  gewisser  Volksraittel  die  Rede  ist,  für  rite 
praktizierende  Aerztinneu  anzusprechen.  Der  Einwurf,  es  möchten  damit 
wohl  eher  die  sogenannten  „klugen  Frauen"  in  dem  ironischen  Sinne  gemeint 
sein,  ist  wohl  nicht  stichhaltig,  obwohl  sicher  auch  Salerno  damals  wie  jedes 
Gemeinwesen,  an  solchen  keinen  Mangel  litt.  —  Einzelne  Dekane  (Priores) 
waren  sogar  verheiratet.   Beweis,  dass  sie  nicht   Kleriker  waren. 

Der  bekannte  Historiker  der  Botanik  E.  Meyer  geht  bezüglich  des  Ursprunges 
der  salernitanischen  Hochschule  soiveit,  dass  er  sie  zunächst  nur  im  Sinne  von 
fraternitas  als  Gilde  oder  Innung  gelten  lassen  loill  und  behauptet,  es  habe  sich  nur 
um  eine  solche  vor  dem  Auftreten  des  Constantinus  Africanus  (s.  iveiter  unten)  in 
Salerno  gehandelt.    Diese  habe  ihre  Lehren  und  ihre  Mittel  geheim  gelialten  und  keine 


ß40  Julius  Pas"el. 

Schriften  veröffentlicht.  Die  litterarischen  Produkte,  namentlich  die  zahlreichen 
anonymen,  wie  das  bekannte  Lehrgedicht,  ein  antidotarium  universale  etc.,  welche 
aus  der  ersten  Periode  herrührten,  waren  eben  deshalb  nicht  zur  öffentlichen  Be- 
kanntmachung ursprünglich  bestimmt  und  gelten  nicht  als  Werke  Einzelner,  sondern 
der  ganzen  Gilde,  als  Kollektivarbeiten  der  gesamten  Schule,  daher  auch  der  1.  Yers 
in  dem  bekannten  Lehrgedieht  laute:  Anglorum  regi  scribit  tota  schola  Salerni, 
daher  ferner  der  Zusatz  am  Schltiss  der  Kompilation  des  Joh.  de  Mcdiolano  (s.  weiter 
unten):  compilationi  hujus  concordant  omnes  magistri  hujus  studii,  daher 
endlich  auch  die  grosse  Äbundanz  an  anonymen  Schriften  in  der  1.  Epoche.  Die  weiteren, 
Beweisgründe  dieser  anscheinend  recht  bestechenden  Ansicht,  die  bereits  Henschel  ver- 
focht und  an  einzelnen  Manuskripten  mit  Glück  belegte,  von  Haeser  u.  a.  Historikern 
jedoch  nicht  geteilt  wird,  sind  im  Original  nachzulesen.  Noch  nach  Constantinus  ist 
dieser  Unterschied  zwischen  den  exoterischen  und  esoterischen  Arbeiten  der  Schule 
nicht  sogleich  verschivunden,  sondern  hat  eine  Zeitlang  fortgedauert.  Vielleicht  ist 
der  ersten  Periode  aus  demselben  Grunde  auch  die  Chirurgie  der  Viermeister  ein- 
zureihen, die  sonst  als  Produkt  einer  späteren  Zeit  gilt.  Nicht  zu  verkennen  ist  ein 
gewisser  Widerspruch  in  Meyers  Annahme,  insofern  man  nach  unseren  heutigen 
Anschauungen  dann  nicht  von  einem  Blütezustand  der  Medizin  sprechen  kann,  wenn 
diese  nur  sozusagen  im  Verborgenen  existiert  hat.  Danach  käme  man  dazu,  die 
zweite,  mit  Tropfen  orientalischen  Gels  gesalbte  Litteraturepoche  der  salernitanischen 
Schule  für  glanzvoller  zu  halten. 

Die  ältere  Geschichte  der  medizinischen  Schule  Salernos  ist  in 
3  wohl  charakterisierte  Perioden  gegliedert,  die  sich  z.  T.  um  das 
bedeutungsvolle  Auftreten  des  Constantinus  Africanus  wie  um  einen 
Angelpunkt  drehen.  Periode  I  ist  diejenige,  in  der  die  salernitanischen 
Erzeugnisse  noch  die  engste  Fühlung  mit  den  Resten  der  griechischen 
Medizin  verraten,  etwa  bis  zum  12.  Jahrhundert.  Die  II.  Periode,  bis 
zum  13.  Jahrhundert  reichend,  ist  diejenige,  wo  die  arabische  Medizin 
auch  nach  Salerno  dringt  und  mit  ihrem  Einflüsse  allmählich  die 
griechische  modifiziert  resp.  verdrängt.  Es  ist  die  Zeit  der  eigent- 
lichen Blüte  und  Bedeutung  von  Salerno.  Ein  wesentlicher  Anteil  an 
dieser  Wendung  kommt  einer  Gruppe  von  Aerzten  zu,  die  es  sich  zur 
Aufgabe  gestellt  hatte,  die  arabischen  Werke  der  Medizin  durch  Ueber- 
setzungen  ins  Lateinische  auch  den  Aerzten  im  Abendlande  zugänglich 
zu  machen.  An  der  Spitze  dieser  Gruppe  steht  der  berühmte  Con- 
stantinus Africanus.  In  diese  Periode  fällt  auch  die  rege  Beteiligung 
der  Juden  an  dem  wechselseitigen  Austausch  der  Litteratur,  indem 
diese  gleichfalls  eine  lebhafte  Uebersetzerthätigkeit  speziell  aus  dem 
Arabischen  und  Lateinischen  ins  Hebräische  entfalteten  und  so  die  Er- 
gebnisse der  salernitanischen  Schule  verarbeiteten.  In  der  III.  Periode 
erlischt  der  Glanz  der  salernitanischen  Hochschule  ganz,  besonders 
nachdem  ihr  auf  italienischem  Boden  eine  Reihe  von  Rivalinnen  ent- 
standen waren.  Salernos  Bedeutung  sinkt  später  vollständig  auf  den 
Nullpunkt,  die  Geschichte  dieser  Universität  verschmilzt  dann  mit  der 
der  übrigen  Hochschulen  des  Mittelalters.  Bekanntlich  existiert  sie 
jetzt  nur  als  Lyceum,  seitdem  1810  ein  Machtgebot  Napoleons  ihrem 
Dasein  ein  Ende  machte. 

Von  den  ältesten,  bekannt  gewordenen  Repräsentanten  der  salerni- 
tanischen Schule  liegen  schriftstellerische  Leistungen  nicht  vor;  vielleicht 
existieren  solche  überhaupt  nicht,  oder  sie  sind  noch  nicht  entdeckt,  de 
Renzi  erwähnt  aus  den  Jahren  vor  1000  einen  Arzt  Ragenifridus. 
Der  Name  ist  offenbar  longobardischen  •Ursprunges.  Wie  aus  einer  er- 
haltenen Bittschrift  dieses  Arztes  hervorgeht,  lebte  Ragenifridus  zu  Ende 
des  9.  Jahrhunderts.  Yon  Bedeutung  ist  er  so  wenig  als  die  später 
lebenden  Berufsgenossen  Petrus  und  Grimvaldo  (Ende  des  10.  bezw. 
Anf.  des   11.  Jahrb.). 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  641 

Der  erste  Arzt  von  grösserer,  schriftstellerischer  Dignität  begegnet 
uns  in  der  Gestalt  des  „prudentissimus  et  nobüissimus  Clericns" 
Alphanus  I. 

Es  ist  dabei  zu  bemerken,  dass  der  weltliche  Charakter  der  Schule 
durchaus  nicht  absolut  und  grundsätzlich  jede  Betheiligung  klerikalen  Ele- 
ments ausschloss. 

Dieser  Alphanus,  der  etwa  um  die  Mitte  des  XL  Jahrhunderts 
blühte  (übrigens  nicht  mit  seinem  Nachfolger  Bischof  Alphanus  IL, 
der  sich  gar  nicht  um  die  Medizin  kümmerte,  verwechselt  werden 
darf),  gehört  nach  de  Eenzi  zu  den  wichtigsten  Vertretern  der  saler- 
nitanischen  Schule  aus  der  1.  Periode.  Er  war  vorübergehend  Mönch 
im  Kloster  Monte  Cassino  und  hier  mit  dem  bekannten  Abt  Desiderius, 
dem  Begründer  der  dortigen  Bibliothek,  befreundet;  von  1058—85  ver- 
waltete er  das  Erzbistum  Salerno. 

Nach  Petrus  Diaconus  und  anderen  Gewährsmännern  gilt  er  als  Verf. 
zweier  Schriften :  „De  quattuor  elementis  corporis  humani"  und  „De  unione 
corporis  et  animae",  sowie  einiger  kleinerer  Arbeiten  (u.  a.  auch  einer 
lateinischen  Uebersetzung  der  Schrift  des  Nemesius  von  der  Natur  des 
Menschen).  Eine  kurze  Abhandlung:  de  quattuor  humoribus  ex  quibus 
constat  corpus  humanum  hat  de  ßenzi  seiner  Kollektion  einverleibt. 

Bedeutender  ist  ein  etwas  älterer  Zeitgenosse  von  Alphanus, 
Namens  Gariopontus  (f  um  1050),  wahrscheinlich  ebenfalls  longo- 
bardischer  Nationalität.  Der  Name  kommt  übrigens  in  verschiedenen 
Formen  vor  als:  Guaripotus,  Garimpontus,  Warmipotus,  Warimbotus, 
Raimpotus,  Warbodus  etc.  Bei  seinem  „Passionarius  de  aegri- 
tudinibus  a  capite  usque  ad  pedes"  (auch  u.  d.  T. :  Libri 
quinque  praxeon  s.  ad  totius  corporis  aegritudines  remedia),  einer 
Kompilation  in  5  Büchern  aus  Hippokrates,  Galen,  Caelius  Aurelianus, 
besonders  aus  Theodorus  Priscianus  u.  a.  griechisch  -  byzantinischen 
Schriftstellern,  die  er  meist  citiert,  ist  der  Verf.  so  geschickt  zu  Werke 
gegangen,  dass  spätere  Abschreiber  und  Editoren  einige  Teile  davon 
sogar  dem  Galen  zugeschrieben  haben.  Zweifellos  sind  auch  die  Ar- 
beiten des  Gariopontus  von  dem  Schicksal  der  übrigen  mittelalterlichen 
Produkte  nicht  verschont  geblieben;  sie  sind  reich  an  Interpolationen 
und  Entstellungen. 

Von  Gariopontus  rühren  nach  eigenen  Angaben  noch  verschiedene 
Schriften  über  Chirurgie,  Pharmacie,  ein  Über  de  dynamidiis,  de  febribus, 
mehrere  Bücher  „raetuaticon"  (vielleicht  |U£^0(5r/ti)i')  her,  welche  direkt  unter 
den  pseudogalenischen  Schriften  Platz  gefunden  haben,  ein  Beweis  dafür, 
wie  sehr  von  Zeitgenossen  und  späteren  Aerzten  inhaltlich  die  Arbeiten  des 
Gariopontus  geschätzt  worden  sind.  Tritt  auch  bei  ihnen  die  Therapie 
überall  in  den  Vordergrund,  so  ist  doch  auch  die  Symptomatik  nicht  minder 
eingehend  berücksichtigt.  Sie  sind  nicht  bloss  für  die  Kenntnis  der  saler- 
nitanischen  Lehren  in  jener  1.  Periode,  sondern  auch  linguistisch  und  kultur- 
historisch von  Wichtigkeit,  insofern  hier  bereits  Uebergänge  vom  Lateinischen 
ins  ItaUenische  unverkennbar  sind. 

Eine  eingehende  Analyse  der  Schriften  des  Gariopontus,  speziell  in  Rücksicht 
auf  die  Quellen,  die  seiner  Kompilation  zu  Grunde  liegen,  lieferte  der  gelehrte 
Thomas  Reinesius  in  seinen  „  Variarum  lectionum  libri  III  priores  in  quibus  de 
scriptoribus  sacris  et  profanis  etc.''  Buch  III  cap.  XII  p.  527 — 555.    In  der  üeher- 

Haudbuch  der  Geschichte  der  Medizin.     Bd.  I.  41 


642  Julius  Pagel. 

Schrift  dazu  kennzeichnet  er  ihn  mit  folgenden  Worten:  esse  autorem,  nisi  cum 
exscribit  alios,  futilem,  imperitum,  barbarum:  imo  dum  exscribit  ludionem  et  dissi- 
mulatorem  quendam  etc."  Gedruckt  ist  der  noch  in  zahlreichen  Handschriften  vor- 
handene Passionarius  in  mehreren  Ausgaben,  u.  a.  Lyon  1526  {zugleich  mit  den 
libri  tres  de  febribus)  und  Basel  1531.  Aus  dem  von  de  Renzi  angeführten,  etwas 
langatmigen  Titel  der  Baseler  Handschrift  kann  man  entnehmen,  dass  Gariopontus 
eigentlich  kein  Plagiator  ist,  überdies  nur  griechische  (Quellen  benutzt  hat.  ein  Beweis 
für  den  damals  noch  vorherrschenden  Einfluss  griechtscder  Autoren.  Vgl.  noch  die 
jüngsten  Untersuchungen  von  Piero  G-iacosa  in  Verhandl.  d.  Münchener  Natur- 
forscher-Versammlung 1899  II.  2.  Hälfte  p.  618. 

Chronologisch  folgt  jetzt  als  eine  Hauptrepräsentantin  der  saler- 
nitanischen  Schule  die  berühmte  Trotula,  berühmt  weniger  wegen 
der  eigentlichen  Leistungen  wie  als  vornehmste  Vertreterin  der  in 
Salerno  zahlreich  vorhandenen  Aerztinnen,  für  deren  Existenz  uns 
sichere  Nachrichten  vorliegen.  Freilich  gehören  die  meisten,  Constanza 
(Filia  Salvatoris),  Calendula,  Abella,  Mercuriade,  Rebecca  Guarna, 
Luise  Trentacapilli  und  wie  sie  alle  heissen,  erst  einer  späteren  Zeit, 
z.  T.  dem  14.  Jahrhundert  an  (cf.  Coli.  Salern.  I  p.  370). 

Trotula,  geborene  di  Ruggiero,  gehört  nach  sicheren  Zeugnissen  der 
Mitte  des  11.  Jahrhunderts  an  und  stand  im  Ruf  grosser  Gelehrsamkeit. 
Von  zeitgenössischen  Schriftstellern  wird  sie  als  „sapiens  matrona"  als 
„multae  doctrinae  matrona  Salernitana"  und  ähnlich  bezeichnet,  die  nach 
dem  Zeugnis  des  Odericus  Vitalis  sogar  den  Rudolfus  Mala  Corona  an  Ge- 
lehrsamkeit übertroffen  haben  soll.  Trotula  gilt  auch  als  Verfasserin  ver- 
schiedener Schriften,  so  eines  Werkes :  „de  mulierum  passionibus  ante,  in 
et  post  partum,"  eines  anderen  „de  compositione  medicamentorum",  ferner 
von  „de  feris"  (Mazza),  „de  aegritudinura  curatione"  u.  a.  Die  Mehrzahl 
dieser  Arbeiten  liegt  bis  jetzt  nur  handschriftlich  vor.  Einzelne,  so  auch 
die  gedruckte  Ausgabe  des  erstgenannten,  erweisen  sich  als  von  später 
lebenden  Verfassern  hergestellte  Auszüge.  Man  darf  vielleicht  annehmen, 
dass  der  grössere  Teil  der  erwähnten  Arbeiten  mit  Unrecht  auf  ihr  Konto 
gesetzt  wird.  Zu  einer  sicheren  Entscheidung  fehlt  aber  jede  Handhabe, 
In  den  betreffenden  Publikationen  sind  viele  Scurrilitäten  enthalten,  Kos- 
metisches und  ähnliches,  was  mit  der  Medizin  nur  in  entfernten  Beziehungen 
steht,  aber  nach  der  Sitte  jener  Zeit  in  medizinischen  Büchern  einen  Platz 
erhielt.  —  De  ßenzi  widmet  ihr  (Coli.  Sal.  I  p,  149  ff.)  eine  12  Seiten 
lange  Besprechung.  Man  darf  annehmen,  dass  Trotula  hauptsächlich  geburts- 
hilfliche Praxis  getrieben  hat.  —  Handschriften  ihrer  angeblichen  Werke 
finden  sich  in  den  Bibliotheken  zu  Breslau,  Wien  und  Florenz.  —  Nach 
Meyer  (1.  c.  III  p.  479  -  80)  soll  Trotula  dem  Zeitalter  nach  Constantinus 
angehören.  —  Nach  anderen  Quellen  war  sie  die  Gattin  von  Johannes 
Platearius  I.  (dem  älteren),  wie  er  zum  Unterschied  von  mehreren,  einer 
späteren  Zeit  angehörigen  Autoren  gleichen  Namens,  deren  Stammvater  er 
gewesen  ist,  heisst.  Aus  der  „Practica  brevis"  seines  Sohnes,  des  noch  zu 
besprechenden  Job.  Platearius  II, ,  dürfen  wir  entnehmen,  dass  er  ein  recht 
tüchtiger  Praktiker  von  grosser  Geistesgegenwart  gewesen  ist.  Beweis  die 
glückliche  Kur  eines  Mandelabscesses  mit  drohender  Erstickungsgefahr  (vgl. 
Choulant  1.  c.  p.  296;  de  ßenzi  I  p.  162)  und  andere  Leistungen.  Schrift- 
stellerisch hat  er  sich  nicht  bethätigt.  Mit  Platearius  I.  und  dem  unbe- 
deutenden Copho  senior  (Copho  I ),  der  übrigens  nicht  mit  dem  späteren 
Verf.  der  anatome  porci  zu  verwechseln  ist,  schliesst  die  ältere  Periode  der 
salernitanischen  Schule. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  643 


Constantinus  Africanus. 

Die  zweite  Periode  der  medizinischen  Schule  von  Salerno  datiert 
etwa  vom  12.  Jahrhundert  und  wird  inauguriert  mit  der  Wirksamkeit 
eines  Mannes,  der  zu  den  bedeutenderen  Erscheinungen  des  Mittelalters 
zählt  und  dem  das  Verdienst  zukommt,  als  Hauptvermittler  arabischer 
Weisheit  im  Occident  indirekt  das  Studium  und  die  Kenntnis  der 
griechischen  Medizin  wiederbelebt  und  gefördert  zu  haben,  nämlich 
Constantinus  Africanus,  der  daher  auch  das  Ehrenprädikat  eines 
medizinischen  Präceptors  des  Abendlandes  („magister  orientis  et  occi- 
dentis")  erhalten  hat.  —  Von  den  einen  als  Plagiator  vielgeschmäht,  von 
den  anderen  als  Wiederhersteller  medizinischer  Wissenschaft,  dem  „ein 
Gelehrtenkongress  aus  allen  Ecken  Europas  ein  Kollektivdenkmal  in 
Monte  Cassino  oder  am  Golf  von  Neapel  schulde",  verhimmelt,  schwankt 
das  Bild  des  Constantinus  Afer  so  lange  in  der  Geschichte,  als  eine 
weitere  Forschung  noch  Aufklärung  über  Umfang  und  Inhalt  seiner 
schriftstellerischen,  speziell  seiner  Uebersetzerthätigkeit  schuldet. 
Trotz  der  Arbeiten  von  de  Renzi,  Puccinotti,  E.  Meyer  und  des  etwas 
diffusen,  aber  im  übrigen  fast  zu  gi-ündlichen  Aufsatzes  von  M,  Stein- 
schneider (s.  weiter  unten)  harrt  allerdings  diese  Seite  mancher  Ver- 
vollständigung und  es  wird  noch  manche  Nachlese  zu  halten  sein. 
Soviel  steht  jedoch  fest:  wenn  selbst  Constantinus  weiter  kein  Ver- 
dienst hätte,  als  dass  er  mit  seinen  bis  jetzt  als  ältesten  bekannten 
lateinischen  Uebersetzungen  nur  der  Vorbereiter  (nicht  der  Begründer) 
der  arabischen  Periode  gewesen  ist  und  dass  von  seiner  (übrigens  nur 
kurzen)  Wirksamkeit  in  Salerno  der  bedeutende  Aufschwung  dieser 
Schule  (speziell  nach  E.  Meyer  das  Heraustreten  aus  der  geschlossenen 
Gilde)  datiert,  so  würde  dies  allein  schon  genügen,  ihn  zu  einer 
historisch  wichtigen  Persönlichkeit  und  sein  Eingreifen  als  bedeutungs- 
voll zu  stempeln.  Und  diese  Thatsache  ist  über  allen  Zweifel  erhaben, 
selbst  wenn  wir  die  oben  (p.  639)  erwähnte  Hypothese  Meyers  als 
unbegründet  oder  unwahrscheinlich  ansehen.  Sicher  darf  man  an- 
nehmen, dass  das  Eingreifen  des  Constantinus,  sein  Aufenthalt  bezw. 
seine  Lehrthätigkeit  in  Salerno  nicht  spurlos  vorübergegangen,  sondern 
von  nachhaltigster  und  impulsivster  Wirkung  gewesen  sind.  Nicht 
minder  ergiebt  sich  die  Berechtigung,  die  mit  Constantinus  einsetzende 
Periode  als  die  eigentliche  Blütezeit  der  salernitanischen  Medizin 
anzusehen.  Daher  ist  auch  die  historische  Würdigung  dieses  Mannes 
einschaltun gs weise  hier  am  Platze,  und  nicht,  wie  in  manchen  Lehr- 
büchern, als  Appendix  zu  diesem  Abschnitte. 

Constantinus  hat  seinen  Beinamen  Africanus  von  seiner  Heimatstadt 
Carthago,  wo  er  ungefähr  im  1.  Drittel  des  11.  Jahrhunderts  geboren 
wurde.  Auch  der  Beiname  „Memphita",  der  sich  in  manchen  Quellen 
findet,  hat  vielleicht  diesen  Zusammenhang.  Er  widmete  sich  frühzeitig  der 
Medizin  und  unternahm  nach  der  Sitte  seiner  Zeit  weite  Studienreisen,  die 
ihn  schliesslich  auch  tief  in  den  Orient  führten  und,  wie  es  heisst,  sich  über 
eine  fast  40  jährige  Dauer  erstreckten.  Nach  der  bekannten  Chronik  des 
Petrus  Diacouus  soll  Constantinus  bis  nach  Babylonien,  Indien.  Aethiopien 
und  zuletzt  nach  Aegypten  gekommen  sein.  Während  dieser  Zeit  hatte  er 
Gelegenheit,  sich  mit  den  orientalischen  Sprachen  und  besonders  mit  der 
arabischen  Litteratur  aufs  innigste  vertraut  zu  machen.  Nach  der  Heimat 
zurückgekehrt  fand  er  hier  bei  seinen  Landsleuten  keine  günstige  Aufnahme, 

41* 


g44  Julius  Pagel. 

vielleicht  infolge  von  Neid  oder  allerlei  sonderbaren  Gerüchten,  die  sich 
an  den  mittlerweile  fremd  gewordenen  Mann  knüpften.  Nach  einer  Er- 
zählung, deren  Glaubwürdigkeit  allerdings  dahingestellt  bleiben  muss,  soll 
er  sogar  in  den  (für  ihn  lebensgefährlichen)  Verdacht  der  Zauberei  ge- 
kommen sein.  Fest  steht,  dass  Constantinus  bereits  nach  kurzem  Aufenthalt 
Karthago  verliess  und  Zuflucht  in  einer  Stellung  als  Sekretär  beim  Herzog 
Robert  von  Salerno  suchte  und  fand.  Vorher  soll  er  kurze  Zeit  noch  in 
ßeggio,  einer  kleinen  Stadt  in  der  Nähe  von  Byzanz,  als  Protosekretär  des 
Kaisers  Constantinos  Mönomachos  sich  aufgehalten  und  das  Reisehandbuch 
des  Abu  Dschafer  übersetzt  haben.  —  In  Salerno  trat  Constantinus  auch 
als  Lehrer  der  Medizin  mit  grossem  Erfolge  auf,  blieb  jedoch  hier  nur 
wenige  Jahre  und  ging  schliesslich  nach  Monte  Cassino,  wo  er  von  dem 
gelehrten  Abt  Desiderius  (vor  seiner  Einkleidung  als  Mönch:  Dauferius,  als 
Papst  zuletzt  Victor  III.)  mit  Freuden  aufgenommen,  etwa  seit  1070  ein 
zurückgezogenes,  gelehrten  Arbeiten  gewidmetes  Leben  führte,  das  1087 
seinen  Abschluss  fand.  Hier  in  Monte  Cassino,  wo  ihm  übrigens  in  der 
von  seinem  Protektor  wohl  assortierten  Klosterbibliothek  ein  reiches,  wissen- 
schaftliches Material  zur  Verfügung  stand,  sicher  auch  auf  persönliche  An- 
regung des  selbst  eifrig  schriftstellerisch  thätigen  Desiderius,  ist  die  Mehr- 
zahl der  litterarischen  Arbeiten  von  Constantinus  entstanden. 

Wie  bereits  bemerkt,  ist  Constantinus  der  erste  gewesen,  der  die 
medizinische  Litteratur  der  Araber  ins  Abendland  verpflanzte.  Aus- 
gerüstet mit  einer  für  jene  Zeit  immerhin  seltenen  und  vielseitigen 
Gelehrsamkeit  und  namentlich  mit  den  orientalischen  Sprachen  aufs 
tiefste  vertraut,  übersetzte  er  seit  der  Rückkehr  von  seinen  Reisen 
verschiedene  medizinische  arabische  Werke  ins  Lateinische  und  ver- 
mittelte so  die  Kenntnis  derselben  den  europäischen  Aerzten.  Leider 
hat  Constantin  dies  Verdienst  durch  zwei  Umstände  beeinträchtigt, 
einmal  dadurch,  dass  er,  wie  unzweifelhaft  festgestellt  ist,  teils  mehrere 
Uebersetzungen  unter  eigenem  Namen  direkt  als  eigene  Arbeiten 
ausgegeben,  teils  durch  Verschweigung  der  wahren  Autornamen  den 
Schein  der  eigenen  Urheberschaft  erweckt  hat.  Andererseits  erstrecken 
sich  seine  Uebersetzungen  nur  auf  untergeordnete  Produkte,  haupt- 
sächlich auf  Schriften  von  Ali  Abbas,  Isaak  Judaeus,  Abu  Dschafer 
ibn  el  Dschezzars  Reisehandbuch  (eigentlich  „Vorrat  der  Reisenden", 
über  Heilmittel  der  Armen  und  Dürftigen)  und  arabische  Ueber- 
tragungen  griechischer  Aerzte  (so  der  bippokratischen  Aphorismen, 
der  mikrotechne  Galens  u.  s.  w.),  während  die  eigentlichen  Koryphäen 
der  arabischen  Medizin,  Avicenna,  Rhazes,  Abulkasim  u.  a.  Europa 
in  lateinischen  Uebersetzungen  zugänglich  zu  machen,  späterer  Ueber- 
setzerthätigkeit  vorbehalten  war  (vgl.  weiter  unten). 

TJebrigens  hat  Constantinus  nebenher  auch  eigene  Arbeiten  thatsächlich 
verfasst ;  doch  ist  die  Scheidung  des  Echten  vom  Unechten,  der  Original- 
arbeiten von  den  Uebersetzungen  mit  grossen  Schwierigkeiten  verknüpft  und 
ein  verzweifeltes  Geschäft  für  die  Geschichtsforschung,  so  dass  das  wahre 
litterarische  Schaffen  des  Constantinus  in  vielen  Stücken  immer  noch  ein 
ungelöstes  Rätsel  bietet.  Den  gründlichsten  Beitrag  hat  Steinschneider  in 
seinem  Aufsatz  „Const.  Afr.  und  seine  arabischen  Quellen"  (Virch.  Arch. 
XXXVII  p.  353  ff.)  geliefert,  wo  im  ganzen  36  Arbeiten  auf  ihre  Echtheit 
untersucht  worden  sind,  auch  der  Nachweis  erbracht  ist,  dass  Const.  Afr. 
sich  nicht  gescheut  hat,  Job.  Mesue  den  Jüngeren  durch  ein  Pseudonym 
Job.  Damascenus  zu  substituieren. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  645 

Wegen  des  genaueren  Schriftenverzeichnisses  und  der  hebräischen  Uebersetzungen 
vgl.  Graesse  II  p.  568;  Clioulant  p.  253;  Steinschneidev,  Die  hehr,  üeberss. 
a.  Mittelalters  p.  789;  Puccinotti  II  p.  297 — 357.  —  Ueber  die  hier  nach  einem 
Codex  des  Antbrosiana  in  Mailand  zum  1.  Male  publizierte  Anatomie  hat  sich  von 
Töply  in  seinen  gediegenen  Studien  zur  Anatomie  des  Mittelalters  p.  77  nicht  weiter 
geäussert,  vermutlich  weil  er  mit  Steinschneider  ihre  Unechtheit  annimmt.  —  Haupt- 
sächlichste Gesamtatisgaben  erschienen  Basel  1536 — 39,  2  Bde.  und  die  schlechtere, 
weil  nur  ein   Viertel  umfassende,  Lyon  1515  hinter  dai  Opera  Isaaci.  —   Die  Bio- 

raphie  des  Const.  Afr.  teilt  nach  dem  Wortlaut  des  Petrus  Diaconus  Choulant 
c.  mit.  Auf  7  Bücher  de  morborum  cognitione  et  curatione,  eine  kompendiöse 
Pathologie  und  Therapie  a  capite  ad  calcem  folgt  in  T.  I  {der  Baseler  Ausgabe) 
der  sogen,  „über  aureus'^  überschrieben:  de  remediormn  et  aeyritndinum  curatione, 
ein  Sammelsurium  in  etwa  70  Kapiteln,  gleichfalls  pathologisch -therapeutischen 
Inhalts,  darauf  ein  über  de  urinis  {9  Kapitel),  femer  eine  Darstellung  der 
Magenaffektionen  {de  stomachi  naturalibus  et  non  naturalibus  affectionibus  in 
39  Kapiteln),  dann  ein  liber  de  victus  ratione  variorum  morborum,  ferner  Ab- 
handlungen de  melancholia,  de  coitu,  de  animae  et  Spiritus  discrimine,  de  mulierum 
morbis,  de  chirurgia,  de  gradibus.  T.  II  bringt  in  einem  de  communibus  medico 
cognitu  necessariis  locis  überschriebenen  Abschnitte  allgemeine  Betrachtungen  über 
ärztliche  Ethik,  Komplexionenlehre  und  ähnliches.  Daran  schliesst  sich  die  Anatomie 
in   2  Büchern  mit  je  17  u.  37  Kapiteln,   dann  folgt  ein  Buch  physiologischen,   ein 


anderes  diätetischen  Inhalts,  der  Rest  Buch  VI—X  iSchbiss)  enthält  wiederum 
pathologische  Betrachtungen,  aber  nicht  in  der  Ordnung  a  capite,  sondern  etwas 
bunt  durcheinatidergewürfelt,  einige  Kapitel  beziehen  sich  auf  allgemeine  Seviiotik 
und  Prognostik.  (Jebrigens  ist  die  Schreibweise  fliessend,  klar,  der  Inhalt  verständig 
und  nicht  mit  Citaten  überladen. 

Ein  weiteres  Verdienst  Constantins  kann  man  darin  sehen,  dass 
bald  nach  seinem  Auftreten  die  zweite  Epoche  der  salernitanischen 
Schule  beginnt,  ausgezeichnet  nicht  bloss  durch  einen  Reichtum  an 
Schriftstellern  und  Schriften,  sondern  vor  allem  dadurch,  dass  uunmehr 
auch  das  Studium  der  griechischen  Medizin  neue  Nahrung  durch  die 
lateinischen  Versionen  der  ai-abischen  Litteratur  erhielt.  Man  mag 
über  den  Wert  derselben  denken  wie  man  will,  soviel  ist  sicher,  dass 
sie  in  vielen  Stücken  auch  eine  Vermehrung  und  Verbesserung 
griechischen  Wissens  gebracht  hat,  namentlich  nach  der  pharmako- 
therapeutischen  Seite.  Wenn  anerkanntermassen  dem  Wirken  der 
Araber  ein  erheblicher  Anteil  an  dem  Aufschwung  der  Medizin  gebührt 
durch  die  Konservierung  griechischer  Werke,  so  ist  immerhin  das 
Eindringen  arabistischer  Anschauungen  für  die  salernitanische  Schule 
sicherlich  kein  Nachteil,  sondern  eher  ein  Vorteil  gewesen.  Dass  des 
Constantinus  Wirken  nicht  spurlos  an  Salerno  vorübergegangen  ist, 
beweist  das  Auftreten  mehrerer  hervorragender  Repräsentanten,  welche 
sich  direkt  als  seine  Schüler  bezeichnen.  Als  solche  sind  besonders 
bemerkenswert  Johannes  Afflacius  (um  1040—1100)  oder  Sara- 
cenus,  Verfasser  zweier  Abhandlungen  „de  febribus  et  urinis" 
und  „Curae  Afflacii",  wovon  ein  Teil  sogar  dem  Constantinus  direkt 
zugeschrieben  wurde. 

Die  Schrift  des  Afflacius  de  febribus  et  urinis  befindet  sich  Coli.  Sal.  II  p.  737 
bis  767.  Interessant  ist  daselbst  die  ingeniöse  Abkählungsmethode  zar  Milderung 
der  Fieberhitze  {II  p.  741) :  „Fiat  etiam  artißcialiter  pluvialis  aqua  circa  aegrum 
et  haec  facienda  sunt  si  tempus  fuerit  calidum.  Pluviali  modo  fiat.  Accipiatur 
illa  in  fundo  minutissime  perforata  et  impleatur  aqua,  postea  ligetur  fortiter  cum 
corda  juxta  lectum  aegrotantis  etc.''' 

Geläufiger  ist  Bartholomäus,  dessen  zum  erstenmale  in  der  Coli. 
Sal.  (IV  p.  321  -  408)  nach  einem  Codex  der  Marcusbibliothek  in  Venedig 
publizierte  und  von  Puccinotti  nach  einer  vollständigeren  Handschrift 
ergänzte  „Practica"  schon  aus  dem  Nebentitel:  „Introductiones  et  ex- 


ß46  Julius  Pagel. 

perimenta  in  practicam  Hippocratis,  Galieni,  Constantini,  graecorum  medi- 
corum"  den  Verf.  als  Schüler  des  Constantinus  verrät.  Für  die  Beliebtheit 
dieses  Lehrbuchs  sprechen  die  verschiedenen  Kommentare  und  Ueber- 
setzungen,  sogar  ins  Hoch-  und  Niederdeutsche,  ins  Dänische  etc. 
(Ein  lat.  Kommentar  rührt  von  einem  späteren  Salernitaner  Arzt 
Bernardus  Provincialis  her,  demselben,  der  auch  die  noch  zu  er- 
wähnende Tabula  des  Mag.  Salernus  [um  1150 — 1160]  kommentierte.) 
Die  mittelhochdeutschen  Bearbeitungen  der  Practica  des  Bartholomaeus 
stammen  zumeist  aus  dem  12. — 13.  Jahrhundert  und  haben  nicht  bloss 
ein  sprachgeschichtliches,  sondern  auch  als  Hauptquelle  aller  späteren, 
in  grosser  Zahl  vertretenen  deutschen  Arzneibücher  ein  grosses  litterar- 
historisches  Interesse  namentlich  für  die  Pharmakologie. 

Die  grosse  Zahl  der  Vervielfältigungen  teils  in  vollständiger  Gestalt, 
teils  in  Auszügen  oder  anderweitigen  redaktionellen  Veränderungen  beweist 
zugleich,  welchen  Wert  die  Aerzte  auf  den  Besitz  des  Buches  gelegt  haben. 

Handschriften  existieren  in  den  Bibliotheken  zu  Breslau,  Donau-Eschingen, 
Kloster-Neuburg,  München.  Stuttgart,  Wien,  ferner  Bruchstücke  einer  niederdeutschen 
Bearbeitung  in  einer  Papierhandschrift  der  Coburg- Gothaischen  Bibliothek  in  Gotha 
{Nr.  920  fol.  85—203),  zum  ersten  Male  gedruckt  im  Selbstverlage  von  F.  v,  Oefele, 
Neuenahr  1894.  Die  Kloster-Neuburger  Handschrift  diente  dem  Philologen  J.  Haupt 
(zuletzt  in  Berlin)  als  Unterlage  für  seine  Wiener  Akademie-Abhandlung  Bd.  71 
1872,  in  der  sich  speziell  der  Nachweis  bezüglich  des  TJmfanges  findet,  in  welchem 
die  deutschen  Arzneibücher  aus  der  Practica  des  Bartholomaeus  entlehnt  sind.  Haupt 
ist  auch  der  Nachweis  zu  verdanken,  dass  der  in  München  asservitrte  Codex  von 
Tegermee,  nach  welchem  Franz  Pfeijf'er  seine  Publikation,  betitelt  „Zwei  deutsche 
Arzneibücher  aus  dem  12.  u.  13.  Jahrhundert  mit  einem  Wörterbuch"  {Abhandl. 
der  Wiener  Akademie  Bd.  42  1863)  herstellte,  nur  ein  dürftiger  und  wertloser  Aus- 
zug aus  der  Neuburger  Handschrift  ist. 

TJebrigens  ist  von  dem  Genannten  durchaus  ein  Mag.  Bartholo- 
maeus de  Aversa  zu  unterscheiden,  der  ebenfalls  in  Salerno  praktiziert 
und  einen  ,,tractatus  compendiosus  et  valde  utilis  de  febribus"  geschrieben 
haben  soll. 

In  dieselbe  Periode  fällt  noch  die  Wirksamkeit  von  Johannes 
Platearius  II,  dem  Sohne  des  schon  erwähnten  Joh.  Platearius  I 
(vgl.  p.  642). 

Die  Stammtafel  der  Familie  Platearius  ist  nach  Coli.  Sal.  I p.  235  folgende: 

Joh.  Platearius  {a  Platea)  I 
(und  seine  Frau  Trotula?) 


Joh.  Platearius  II  Matteus  Plat.  I  (senior) 

I  I 

Matteus  PL  IL  Joh.  PL  III. 


Joh.  Platearius  II  ist  Verf.  der  schon  genannten  „Practica  brevis", 

die  in  verschiedenen  Ausgaben  gedruckt  und  handschriftlich  noch  in  fran- 
zösischen und  italienischen  Uebersetzungen  existiert  (vgl.  Choulant  1.  c.  p.  296) 

sowie  eines  Tractats  „de  aegritudinum  curatione",  indem  sich 
neben  Galenischen  Lehren  der  Einfluss  des  Constantinus  geltend 
macht,  wie  man  aus  der  öfteren  Erwähnung  seiner  Autorität  ent- 
nehmen darf. 

Nach  Steinschneider  (Virch.  Arch.  Bd.  40  p.  108)  würde  Joh.  Plate- 
arius II  vielleicht  auch  als  Verfasser  eines  ,,de  conferentibus  et  nocentibus 
corpori  humani  (sie)  libellus"  anzusehen  sein.  — 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  647 

Aus  dieser  Zeit  stammt  ferner  die  „A  n  a  t  o  m  e  p  o  r  c  i"  des  C  o  p  h  o 
junior  (1085—1100). 

Dies  anatomische  Buch  steht  in  seiner  Art  für  jene  Periode  fast  als  ein 
TJnicum  da.  Ein  poema  anatomicum  (Coli.  Sal.  V  174 — 198)  ist  nicht  direkt 
salernitanischen,  sondern  uralten  italienischen  Ursprunges,  vielleicht  gleich- 
zeitig mit  den  ersten  Anfangen  der  salernitanischen  Schule  und  scheint  sich 
stark  an  die  Etymologie  des  Isidorus  anzulehnen  (vgl.  v.  Töply,  Studien 
zur  Gesch.  d.  Anat.  im  Mittelalter  p,  89).  —  Von  einem  anderen  ana- 
tomischen Produkt  der  salernitanischen  Schule,  der  sogen,  demonstratio 
anatomica,  wird  später  bei  der  summarischen  Darstellung  der  Anatomie  die 
Bede  sein  müssen. 

Für  das  Ansehen  der  „Anatome  porci"  von  Copho  spricht  die 
Thatsache,  dass  sie  noch  bis  zum  16.  Jahrhundert  dem  Galen  zuge- 
schrieben und  unter  dessen  libri  spurii  geführt  wurde,  bis  der  bekannte 
Vesalgegner  Joh.  Dryander  (Eichmann)  zum  ersten  Male  einen  Teil 
davon  unter  richtigem  Namen  der  Oeffentlichkeit  übergab. 

Das  "Werk  zeigt  bereits  die  Abhängigkeit  von  griechisch-arabischer 
Terminologie  (vgl.  v.  Töply  1.  c.)  und  erwähnt  auch  den  liber  pantegni  des 
Constantin.  Später  ist  die  anatome  porci  von  Severini  ganz  reproduziert 
und  von  de  Renzi  in  seine  Sammlung  (II  388 — 391)  aufgenommen  worden. 

Hier  findet  sich  (IV  p.  415 — 504)  auch  noch  eine  von  Copho  jun. 
verfasste  „Ars  medendi",  in  der  übrigens  der  ältere  Copho  öfter 
citiert  wird. 

Vielleicht  handelt  es  sich  dabei  um  Auszüge  aus  einem  von  Henschel 
in  Breslau  entdeckten  umfangreicheren  Original.  Das  Werk  besteht  aus 
einer  Einleitung  mit  49  Kapiteln ;  es  enthält  hauptsächlich  eine  allgemeine 
Therapie  und  Auseinandersetzungen  pathologisch-semiotischen  Inhalts  ohne 
rechte  Ordnung.  Dann  folgt  der  liber  primus  de  febribus  et  aliarum 
egritudinum  curis,  die  letzteren  ziemlich  a  capite  ad  calcem  geordnet.  Den 
Beschluss  bildet  ein  längeres  Kapitel  über  Lepra.  Die  Sprache  ist  knapp 
und  einfach,  ohne  jede  Weitschweifigkeit  und  dabei  gefällig,  manches  nicht 
ohne  kasuistisches  Interesse.  Citiert  werden  Hippokrates,  Galen,  ßufus, 
Constantinus.  —  Verrucae  an  der  männlichen  Rute,  die  beschrieben  werden, 
deuten,  wie  de  Renzi  mit  Recht  hervorhebt,  auf  Syphilis  hin.  — 

Eine  sehr  interessante,  ärztliche  Hodegetik  aus  dieser  Periode  be- 
titelt: „De  adventu  medici  ad  aegrotum  s.  de  instructione 
medici"  (Coli.  Salern.  II  p.  72 — 81)  wird  einem  Arzte  Namens  Archi- 
matthaeus  zugeschrieben,  der  vielleicht  identisch  mit  Matthaeus 
de  Archiepiscopo,  Verf.  einer  kurzen  Abhandlung  de  urinis  (IV 
p.  506 — 512),  ist.  Die  betrefi"ende  Schrift  enthält  eine  auch  heute  noch 
lesens-  und  beherzigenswerte  Politik  im  besten  Sinne  des  Worts.  Inter- 
essant ist  die  Vorschrift : 

„Ingrediens  ad  infirmum  non  superbientis  vultum  nee  cupidi  praetendas  affec- 
tum  assurgentes  tibi  pariter  et  salutantes  humili  vultu  resalutans  et  gestu  eis  seden- 
tibus  sedeas." 

Dann  erst  erkundige  man  sich  nach  dem  Befinden,  lasse  den  Kranken 
sich  erst  beruhigen  und  untersuche  den  Puls  und  zwar 

„usque   ad  centesimam  percussionem  ad  minus  consideres  ubi  et  diversa  pulsuum 
genera  investiges  et  astantes  ex  longa  expectatione  verba  tua  gratiora  suscipianf^. 


648  Julius  Pagel. 

Die  Beichte  solle  man  schon  vorher  den  Kranken  abzulegen  veran- 
lassen, bevor  man  ihn  überhaupt  gesehen  hat.  Thut  man  das  nachher,  so 
könnte  der  Kranke  dadurch  in  dem  Gedanken  an  eine  schlechte  Prognose 
erschreckt  werden.  Ferner  geniere  man  sich  nicht,  die  Angehörigen  vorher 
auszuhorchen,  um  dem  Kranken  durch  Angabe  eines  scheinbar  erratenen 
Symptoms  zu  imponieren  und  dessen  Vertrauen  zu  gewinnen. 

Archimatthaeus  ist  auch  Verf.  einer  von  de  Renzi  (V  p,  350 — 376) 
mitgeteilten  kürzeren  „Practica". 


Wie  bereits  (p.  640)  bemerkt,  ist  die  salernitanische  Litteratur  an 
Schriftwerken  auffallend  reich,  deren  Verfasser  nicht  zu  ermitteln 
oder  die  vielleicht  von  vornherein  anonym  erschienen  sind,  Arbeiten, 
welche  Meyer  als  Kollektivpublikationen  der  ganzen  Fakultät  bezw. 
Gilde  aus  der  ersten  Zeit  des  Bestehens  anzusehen  geneigt  ist.  Die 
erste  Stelle  unter  diesen  Produkten  nimmt  das  gegen  Ende  des  11. 
oder  zu  Anfang  des  12.  Jahrhunderts  entstandene  berühmte  ^ 

Salernitanische  Lehrgedicht 

ein,  das  nicht  bloss  geläufigste,  sondern  auch  am  längsten  bekannte 
und  zur  Beurteilung  der  Leistungen  der  Schule  wichtigste  Dokument. 
Sein  gewöhnlicher  Originaltitel  lautet :  „Regimen  sanitatis 
Salernitanum"  (die  Bezeichnung  „flos  medicinae"  und  andere  sind 
erst  spätere  Epitheta).  Es  verrät  damit  schon  den  Inhalt,  der,  wenn 
auch  zu  anderen  Zwecken  bestimmt,  wohl  als  der  eigentliche  Kraft- 
niederschlag, als  Quintessenz  salernitanischer  Heilkunde,  angesehen 
werden  kann.  Wenn  man  in  den  didaktischen  Werken  der  späteren 
Aerzte  und  zwar  auf  sämtlichen  allgemeinen  und  Spezialgebieten 
immer  wieder  den  Spuren  dieses  Lehrgedichts  begegnet,  wenn  die 
Verse  ähnlich  als  bekannt  vorausgesetzt  werden  wie  etwa  hippo- 
kratische  Aphorismen  oder  gewisse  Galensche  Dicta,  so  wird  man  in 
diesen  Thatsachen  nicht  den  Reflex  salernitanischen  Glanzes  und  des 
autoritativen  Charakters  dieser  Schule  allein  wieder-  und  anzuerkennen, 
sondern  zugleich  den  Ausdruck  dessen  zu  erblicken  haben,  dass  gerade 
dies  Gedicht  den  Berufsgenossen  des  späteren  Mittelalters  ganz  in 
succum  et  sanguinem  übergegangen  war,  dass  es  nach  Inhalt  und  Form 
durchaus  dem  Geschmack  der  Studierenden  und  Praktiker  entsprach 
und  sicher  alle  Bedürfnisse  für  Lernen  und  Lehren  im  weitesten  Um- 
fange zu  befriedigen  geeignet  war.  Thatsächlich  ist  dies  Werk,  ob- 
wohl der  Inhalt  gemäss  unseren  heutigen  Anschauungen  doch  recht 
mager,  auch  im  Vergleich  zu  anderen  Arbeiten  der  gleichen  Zeitepoche 
dürftig  genug  ist,  in  seiner  Bedeutung  über  den  ursprünglich  inten- 
dierten Rahmen  seines  oder  seiner  Verfasser  weit  hinausgegangen.  Die 
ungeahnte  Popularität,  die  ihm  ein  günstiges  Geschick  beschieden  hat, 
verdankt  es  vor  allem  der  poetischen  Form  („quia  metrum  plus  placet 
auri",  heisst  es  im  poema  anat).  Das  salernitanische  Lehrgedicht  hat 
sich  nicht  bloss  dem  Ohr,  sondern  auch  dem  Gedächtnis  eingeschmeichelt 
und  in  Wahrheit  lange  Zeit  hindurch  seinem  Nebentitel  als  „flos 
medicinae"  Ehre  gemacht.  Schon  äusserlich  zeigt  sich  das  in  der 
ungeheuren,  fast  unübersehbaren  Zahl  von  Ausgaben  mit  und  ohne 
Kommentar,  üebersetzungen  (poetischen  und  ungereimten)  in  fast  alle 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  649 

bekannten  Hauptsprachen  der  Welt  und  sogar  einige  Dialekte,  Aus- 
zügen, Variationen  etc. 

Choulant  zählt  in  seiner  bekannten,  bis  1841  etwa  reichenden  Bächerkntide  Ml 
Ausgaben;  seitdem  hat  sich  diese  Zahl  fast  verdoppelt  [inkl.  der  von  Choulant  über- 
sehenen). Die  Uebersetziingen  existieren  u.  a.  in  deutscher,  französischer,  englischer, 
polnischer,  hebräischer,  czechischer,  persischer  Sprache,  in  provengalischem,  irischem 
Dialekt  etc.    Die  Variationen  haben  einen  kolossalen  Umfang  angenommen. 

Gerade  die  grosse  Zahl  der  verschiedenen  Redaktionen  zeigt,  dass 
das  Gedicht  als  willkommener  Tummelplatz  für  geschickte  und  unge- 
schickte Imitationen  seitens  der  verschiedensten  Verseschmiede  oft 
etwas  zweifelhafter  Qualifikation  gedient  hat,  so  dass  aus  den  ureprüng- 
lichen  unzweifelhaft  allein  echten  364  Strophen  in  der  von  Arnaldus 
von  Villanova,  einem  der  ersten  Kommentatoren  des  Gedichts  im 
13.  Jahrhundert,  hergestellten  und  von  Ackermann  in  der  bekannten 
Ausgabe  reproduzierten  Redaktion  schliesslich  —  man  lese  und  staune 
—  3526  Strophen,  d.  h.  das  Zehnfache  der  ursprünglichen  Zahl  ge- 
worden ist.  —  Das  in  leidlich  gefälligen  Leoninischen  Versen  nieder- 
geschriebene Gedicht  bildet  eine  zum  populären  Gebrauch,  wie  es 
scheint,  mehr  für  Laien  als  für  wissenschaftliche  Studien  bestimmte 
Zusammenstellung  hauptsächlich  diätetisch  -  prophylaktischer  Regeln 
(,.pro  conservatione  sanitatis  totius  humani  generis  perutilissimum"). 

Wie  aus  der  mannigfach  variierten  Einleitung  hervorgeht,  ist  es  dem 
Prinzen  Robert,  dem  Sohn  "Wilhelms  des  Eroberers  und  älteren  Bruder 
Wilhelms  II.,  dem  späteren  vergeblichen  englischen  Thronprätendenten, 
dediziert,  der  auf  seiner  Rückkehr  von  einem  Kreuzzuge  zur  Kur  einer 
Wunde  sich  längere  Zeit  in  Salerno  aufhielt  und  dem  es  bei  seiner  nach 
dem  Tode  des  Bruders  erfolgten  Abreise  überreicht  wurde  (daher  der  An- 
fang :  Anglorum  regi  scripsit  tota  schola  Salerni).  Der  Vollständigkeit 
halber  sei  die  von  manchen  Historikern  bezweifelte  Angabe  noch  erwähnt, 
wonach  (laut  einem  späteren  Handschrifttext)  der  eigentliche  Redakteur 
(Kompilator)  des  Gedichts  ein  sonst  unbekannter  Johannes  deMediolano 
sein  soll.  De  Renzi,  der  in  seiner  Redaktion  (Coli.  Sab  I  p.  445 — 516) 
2130  und  im  Wiederabdruck  nach  einer  durch  Baudry  de  Balzac  erweiterten 
Gestalt  (ibid.  V  p.  1 — 104)  sogar  alle  (3520)  Verse  reproduziert,  vertritt 
die  Meinung,  dass  alle  Verse  echt  seien ;  es  handle  sich  aber  um  kein  ein- 
heitliches, zu  einer  bestimmten  Zeit  entstandenes  und  von  einem  bestimmten 
Verfasser  herrührendes  Produkt,  sondern  die  einzelnen  Teile  seien  nach  und 
nach  zu  einem  Ganzen  zusammengetragen  worden. 

Die   Ueberschrift  in   der  Kommentarausgahe   des   Arnold  von  Villanova 

(Vened.  s.  l.  e.  a.,  wahrscheinlich  Abdruck  einer  älteren  von  1480)  lautet:  Iste  libellus 
est  editus  a  doctoribus  Saleriiiensibiis  in  quo  inscribuntur  multa  et  diversa  pro  con- 
servatione sanitatis  hum/ine.  Et  editus  est  iste  über  ad  usum  Regis  Anglie.  Et  in 
textu  Iccto  auctor  ponit  octo  documenfa  generalia  pro  conservatione  sanitatis:  de 
quibus  postea  specialiter  per  ordinem  determinabitur  etc. 

Nach  der  vollständigen  Redaktion  zerfällt  das  ganze  Gedicht  nächst 
den  oben  angeführten  8  Zeilen,  die  ein  geradezu  markiges  und  lapidares 
Vademecum  der  Diätetik  in  knappen  Zügen  enthalten,  in  10  Hauptabschnitte. 
Tl.  I  Hygiene  mit  8  Kapiteln  (V.  1—855) ;  Tl.  II  Materia  medica  in  4  Kapiteln 
(V.  856  —  1611);  Tl.  III  Anatomica  in  4  Kapiteln  (bis  V.  1649);  Tl.  IV 
Physiologica  in  9  Kapiteln  (bis  V.  1830) ;  Tl.  V  Aetiologia,  3  Kapitel  (bis 
V.  2032);  Tl.  VI  Semiotica,  24  Kapitel  bis  V.  2467;  Tl.  VH  Pathologia, 
8  Kapitel  V.  2494;    Tl.  VIII    Therapeutica    (allgemeine    Therapie,    Bäder, 


ß50  Julius  Pagel. 

Biät,  Aderlass  etc.)  22  Kap.,  V.  2883;  Tl.  IX  Nosologia  (spez.  Patho- 
logie inkl.  Wund-  und  Frauenkrankheiten)  20  Kap.  bis  V.  3430,  endlich 
Tl.  X  de  arte  (ärztliche  Hodegetik)  5  Kapitel  bis  zum  Schlussvers  3484. 
Den  Rest  bildet  der  ,,Epilogus".  —  "Wie  sich  aus  dieser  Analyse  ergiebt, 
stellt  das  salernitanische  Lehrgedicht  ein  vollständiges  Handbuch  der  Medizin, 
eine  Art  Encyklopädie,  oder  wie  man  es  später  genannt  hat,  Institutiones 
der  Medizin  in  dichterischer  Form  dar.  Man  mag  über  die  Echtheit  bezw. 
TJnechtheit  denken  wie  man  will,  sicher  ist :  beabsichtigt  man  recht  schnell, 
vollständig  und  angenehm  sich  über  die  mittelalterliche  Medizin  nach  allen 
Richtungen  hin  zu  orientieren,  über  Heiimittelschatz,  anatomische  und 
physiologische  Anschauungen,  therapeutische  Indikationen  und  Kontraindi- 
kationen, so  bietet  das  Regimen  sanitatis  Salem,  die  geeignetste  Handhabe 
dazu,  und  gerade  weil  es  einen  Niederschlag  verschiedener  Perioden  ver- 
tritt, ist  es  darum  auch  für  das  ganze  Mittelalter  massgebend.  —  Uebrigens 
ist  auch  die  erweiterte  Redaktion  so  geschickt,  dass  das  Ganze  eine  schein- 
bare Homogenität  nicht  verleugnet.  Von  den  Versen  gilt  allerdings :  sunt 
bona  mixta  malis. 

Nicht  alle  anonymen  Produkte  der  Salernitanerlitteratur  gehören  den 
ersten  Jahrhunderten  der  Schule  an.  Ein  von  Littre  (Hist.  liter.  de  la 
France  XXII  p.  105)  analysierter  Codex  der  Nationalbibliothek  (Nr.  8161  A, 
Katalog  IV  p.  434)  enthält  als  Unikum  das  39  Blätter  starke  Manuskript 
eines  „poema  medicum"  mit  dem  Nebentitel  „de  secretis  mulierum", 
der  nur  durch  den  Inhalt  von  Buch  1  und  2  gerechtfertigt  wird ;  Buch  3 — 6 
handelt  von  der  Chirurgie,  Buch  7  ist  de  modo  medendi  überschrieben. 
Da  hier  des  Aegidius  v.  Corbeil,  des  Wilh.  v.  Saliceto  etc.  Erwähnung  ge- 
schieht, so  stammt  dies  Produkt  frühestens  aus  dem  13.-14.  Jahrhundert. 
Es  enthält  (Coli.  Sal.  IV  p.  1 — 176)  im  ganzen  1063  Verse,  der  chirurgische 
Teil  bietet  Anklänge  an  Roger. 

Ein  anderes,  aber  in  Prosa  geschriebenes  anonymes  Werk,  ein  Konglo- 
merat aus  mehreren,  ursprünglich  getrennten  Teilen  mit  dem  Titel  „de 
aegritudinum  curatione"  (Coli.  Sal.  II  p.  81 — 386),  soll  die  Grund- 
lage für  die  weiter  unten  folgende  Darstellung  der  salemitanischen  Leistungen 
auf  dem  Gebiet  der  inneren  Medizin  bilden.  Dies,  femer  eine  anonyme 
Abhandlung  „de  signis  bonitatis  medicamentorum"  (II  402 — 406),  endlich 
die  kurze  Fieberdiätetik  des  Petrus  Musandinus,  betitelt  „Summula 
de  cibis  et  potibus  febricitantium"^  gehören  wahrscheinlich  dem  12.  Jahr- 
hundert an.  Bei  der  zuletzt  genannten  Schrift  scheint  als  Muster  offenbar 
die  hippokratische  TtSQi  diahrjg  ö^scov  vorgeschwebt  zu  haben. 

Den  Höhepunkt  der  zweiten  Periode  der  salemitanischen  Schule 
bildet  das  berühmte  Antidotarium  des  Nicolaus  Praepositus, 
in  welchem  wir  den  arabischen  Einfluss  ganz  zum  Durchbruch  kommen 
sehen,  speziell  in  den  pharmaceutisch-therapeutischen  Tendenzen,  Autor 
und  Werk,  das,  wie  das  Eegimen  für  Hygiene  und  Diätetik,  so  für 
die  Pharmacie  das  Standard- work,  das  typische  Apothekerbuch  für  das 
ganze  spätere  Mittelalter,  zugleich  der  Gegenstand  zahlreicher  Kommen- 
tare und  Bearbeitungen  geworden  ist,  bekunden  beide  das  nunmehr 
perfekt  gewordene  Ueberwuchern  der  pharmaceutischen  Therapie,  wie 
wir  ihr  auf  Schritt  und  Tritt  in  den  Werken  der  arabischen  Litteratur 
begegnen.  Diese  oft  spaltenlangen  formulae  magistrales,  die  kompli- 
ziertesten Rezeptkompositionen  in  allen  möglichen  Gestalten  sind  durch- 
aus nach  arabischen  Mustern  gearbeitet  respektive  arabischen  Schrift- 
stellern entlehnt. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  651 

Nicolaus  mit  dem  Beinamen  Praepositus  d.  h.  Vorsteher  der  Scliule 
(so  zum  Unterschied  von  dem  ein  Jahrhundert  jüngeren  Alexandriner 
Nicolaus  Myrepsus,  dem  Verfasser  eines  „Dynameron"  betitelten,  noch  reich- 
haltigeren Apothekerbuchs,  bezeichnet),  gehört  zu  den  bedeutendsten  schrift- 
stellernden  Aerzten  Salernos  und  wirkte  etwa  zu  Anfang  des  12.  Jahr- 
hunderts. Nach  dem  Zeugnis  des  Christophorus  de  Honestiis  war  er  ein 
reicher  und  vornehmer  Mann  (,,plenus  divitiis  et  ex  nobili  sanguine  pro- 
creatus").  Auf  Wunsch  seiner  Kollegen,  wie  er  selbst  in  der  Vorrede 
mitteilt : 

(„Ego  Nicolaus  rogatus  a  quib^isdam  in  practica  medicine  studere  volentibtis 
ut  eo8  recto  ordine  modnm  cotificiendi  dispensandique  docerem  etc.") 

verfasste  er  das  bekannte  Antidotarium,  ein  vollständiges  Rezeptbuch,  in 
welchem  etwa  140 — 150  höchst  komplizierte  Arzneivorschriften  mit  Angabe 
der  Wirkung  und  Anwendungsweise  angeführt  sind.  Dies  Antidotarium, 
das  pharmaceu tische  Haupt-Schul-  und  Lehrbuch  des  Mittelalters,  bildet 
den  Sammelplatz  aller  der  wunderlichen,  z.  T.  albernen,  ganz  an  die  selige 
Dreckapotheke  von  Galen  her  erinnernden  Mixta  composita,  der  mit  dem 
Worte  ,,dia"  beginnenden  Electuaria,  der  Syrupe,  der  verschiedenen  ,, Metra- 
data" und  „Antidota",  die  Gott  weiss  woher  stammen  und  oft  bedeutenden 
Personen  aus  dem  Altertum  zugeschrieben  wurden, 

so  u.  a.  auch  dem  „Prophetae  doctori"  Esdras  (vgl.  Ausgabe  Vened.  1549  fol.  210^ 
„Esdra  dicitur  quid  Esdra  propheta  in  babylonia  in  extlio  positus  eani  prima  in- 
venit"),  an  dessen  Wert  bereits  zicei  ältere  Lehrer  der  Schule,  Copho  u.  Joh.  de  Platea 
der  Aeltere  nicht  glaubten  [vgl.  Choulant  p.  261 ;  Coli.  Sal.  I  p.  229) 

der  zahlreichen  Pillenformeln,  der  Serie  der  Confectiones  von  der  Aurea 
alexandrina  bis  herunter  zum  Zinziber  conditum,  der  Trochisci,  Filonia, 
Oxypräparate,  Potiones,  der  mit  dem  Epitheton  omans  ,,yera"  versehenen 
Zusammenstellungen  etc.  etc.  —  Nächst  dem  Regimen  sanitatis  gehört  das 
Antidotarium  Nicolai  zu  den  populärsten  Büchern  der  Schule.  In  der 
Pharmacopöe  des  Mittelalters  spielt  es  geradezu  die  Rolle  des  Alleinherrschers. 
Es  ist  daher  nicht  auffallend,  dass  es  in  zahlreichen  Kopien  existiert  und 
oft  gedruckt  ist. 

Die  bekanntesten  Ausgaben  sind  die  Venediger  im  Anhang  zu  den  Werken  des 
Joh.  Mesue  und  meist  in  Verbindung  mit  den  Kommentaren,  von  denen  sogleich  die 
Rede  sein  wird  {„Glossae"  des  3Iatthaeu8  Plateariiis  juti.  vgl.  tveiter  unten) 
und  mit  dem  sog.  „  Tractatus  quid  pro  quo",  worin  die  Succedanea,  die  billigeren  und 
überall  erhältlichen  Ersatzmittel  für  teure  Droguen  aufgeführt  werden.  Auch  Ueber- 
setzungen  des  Antidotarium  existieren  {hebräisch',  arabisch,  italienisch,  französ-isch, 
neuste  französische  Ausgabe  von  ß.  Dorveaunc,  Paris  1896) ;  vgl.  Steinschneider y 
Hebr.  üebers.  p.  811  §  508,  wo  dieser  Forscher  mit  Recht  bemerkt:  „Die  Ge- 
schichte des  Antidotarium  Nicolai  in  aUen  seinen  Einzelnheiten  würde  einen  Band 
füllen  und  interessante  Partien  darbieten" ;  ferner  JPagel,  Med.  histor.  Bibliogr. 
p.  164. 

Mit  Unrecht  gilt  Nicolaus  Praepositus  noch  als  Verfasser  eines  sogen. 
Antidotarium  ad  aromatarios,  das  nichts  weiter  ist  als  eine  von  Nicolaus 
de  Regio  herrührende  Uebersetzung  des  oben  erwähnten  Dynameron  von 
Nicolaus  Myrepsus. 

In  der  grossen  Litteratur,  welche  das  Antidot.  Nicolai  erzeugt 
hat  stehen  zwei  Werke  obenan,  nämlich  zunächst  das  nicht  minder 
berühmte  und  angesehene  „Circa  instans"  des  Matthaeus  Pla- 
tea r  ins  jun.,  Verfassers  der  eben  genannten  „Glossae" ;  das  Werk  hat 
den  Titel  von  den  ersten  Worten  des  Anfangs,  welcher  lautet: 


552  Julius  Pagel. 

„Circa  in  st  ans  negotium  de  simplicibiis  medicinis  nostrum  versatur  pro- 
positum.    Simplex  autem  medicina  est,  que  talis  est  qualis  a  natura  producitur  etc."^ 

Es  handelt  sich  bei  diesem  Buch  zugleich  um  eine  Art  von  Supple- 
ment zu  dem  Mutterwerk,  indem  es  nur  die  einfachen  Stoffe  be- 
handelt. Es  ist  wertvoll  nicht  bloss  durch  den  grösseren  Reichtum 
an  botanischen  Mitteilungen  (wovon  bei  Nicolaus  nichts  zu  finden  und 
wodurch  es  sich  dem  Plinius  und  Dioscorides  in  gewisser  Beziehung 
als  Repertorium  anreiht),  sondern  auch  durch  die  sonstige  wissen- 
schaftliche Tendenz;  zugleich  liefert  es  eine  reiche  Ausbeute  für  die 
Kenntnis  der  griechischen,  lateinischen  und  vulgär-italienischen  Namen. 
—  Matthaeus  Platearius  gehört  (nach  de  Renzi)  bereits  einer  späteren 
Periode  der  salernitanischen  Schule  an  (etwa  dem  Ende  des  12.  Jahr- 
hunderts). 

Das  andere,  oft  in  Verbindung  mit  dem  Antidotarium  Nicolai  gebrachte 
"Werk  ist  der  Kommentar  des  Kanonikus  von  Tournai  Johannes  de 
Sancto  Amando,  eines  als  Arzt  und  Schriftsteller  nicht  unbedeutenden 
Scholastikers,  dessen  Wirken  erst  in  das  folgende  Jahrhundert  fällt. 

Johannes  de  Sancto  Amando,  der  hier  vorioeg  abgehandelt  werden  kann,  obgleich 
er  Hauptvertreter  eines  späteren  Zeitalters  ist,  verfasste  ausser  dem  Kommentar  zum 
Antidotar.  Nicolai,  wovon  Sprengel  ohne  Grund  viel  Rühmens  macht  {abgedruckt  in 
den  meisten  Venediger  Joh.  Mesue-Ausgaben) ,  das  viel  bedeutendere  Steiliye  „Re- 
vocativum  memoriae" ,  bestehend  1)  aus  den  Areolae,  einer  abgekürzten 
Arzneimittellehre,  die  als  Schulbuch  sieh  grosser  Beliebtheit  erfreute  {gedruckt  zum 
I.Male:  Berlin  1893),  2)  den  Concor danciae,  einer  nach  Schlagwörtern  geordne- 
ten  alphabetischen  Zusammenstellung  der  ivichtigsten  Sentenzen  aus  Qalcn  u.  Avi- 
cenna  {gedruckt:  Berlin  1894),  wozu  Petrus  de  Sto.  Floro,  ein  Pariser  Arzt  des 
14.  Jahrhunderts ,  eine  Ergänzung  schrieb  {vgl.  Neue  litterar.  Beiträge  zur  mittel- 
alterlichen Medizin  ed.  Pagel,  Berlin  1896),  3)  den  Abbreviationes  Hippo- 
cratis  et  Gtaleni,  einer  kurzen  summarischen  Inhaltsübersicht  der  ivichtigsten 
hippokratischen  und  galenschen  Schriften  {vgl.  Pagcl's  Bibliographie  de  1875 — 96 
unter  St.  Amand  p.  659). 

Hier  ist  der  Ort,  noch  kurz  der  „Alphita"  zu  gedenken,  eines 
gleichfalls  aus  der  salernitanischen  Schule  stammenden,  die  Arznei- 
mittellehre behandelnden  Wörterbuchs.  — 

Vgl.  M.  Steinschneider  im  Anhange  zur  Mondeville-Ausgabe  von  Pagel  {Berlin 
1892)  p.  583. 

Mit  Nicolaus  Praepositus  resp.  seinem  Kommentator  und  Ergänzer 
Matthaeus  Platearius  beginnt  eine  spätere  Epoche  der  salernitanischen 
Schule,  diejenige,  in  welcher,  wie  bemerkt,  der  arabische  Einfluss  zwar 
noch  nicht  vollständig  dominiert,  aber  doch  bereits  überwiegt  und 
die  alte  griechische  Einfachheit  verdrängt.  Jetzt  führt,  wie  die 
Litteratur  dieser  Zeit  beweist,  der  Apotheker  in  der  Therapie  die 
Herrschaft,  jetzt  sind  alle  die  oben  erwähnten  komplizierten  Rezept- 
verordnungen wieder  an  der  Tagesordnung;  je  komplizierter,  desto 
besser;  die  Diätetik  ist  in  den  Hintergrund  getreten.  Salerno  hat 
mit  dem  Schluss  des  12.  Jahrhunderts  (1190)  seinen  Höhepunkt  er- 
reicht, ja  fast  überschritten.  Schon  winkt  der  Verfall,  insofern  alle 
Arbeiten  Entlehnungen  oder  Nachahmungen  aus  dem  Arabischen  sind, 
mit  dem  schliesslich  die  salernitanische  Litteratur  ganz  verschmilzt. 
Nur  wenig  selbständige  Autoren  sind  aus  dieser  Zeit  zu  registrieren, 
unter  ihnen  seien  genannt  Joh.  Platearius  III  (der  Vollständigkeit 
halber),  der  auch  von  Arnold  von  Villanova  (vgl.  weiter  unten)  er- 
wähnte  Mag.  Salernus  (1130—1160),  Verf.   eines    „Compendium" 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  653 

(Coli.  Sal.  III  p.  52—65),  vgl.  M.  Steinsclin eider,  Hebr.  Uebers.  §  515 
p.  788),  sowie  der  bekannteren,  auch  von  Bernardus  Provincialis 
ausführlich  kommentierten  „Tabulae"  (Coli.  Sal.  V  p,  233 — 253  und  11 
p.  422 — 428) ;  beide  Werke  sind  lediglich  medikamentös-therapeutischen 
Inhalts.  — 

Auf  ein  etwas  höheres  Niveau  erhebt  sich  Mag.  Maurus  mit 
seinem  „Tractatus  de  urinis  s.  regulae  urinarum"  (III 
p.  2 — 50)  und  einem  Kommentar  zu  den  Aphorismen  des  Hippokrates 
(IV  p.  513  —  577).  Das  Werk  über  den  Urin  ist  wesentlich  nach  des 
Theophilus  und  Isaac  Judaeus  gleichnamigen  Abhandlungen  gearbeitet, 
es  enthält  nichts  weiter  als  eine  Uroskopie,  also  ein  Stück  Semiotik, 
die  Kunst,  aus  den  verschiedenen  Farben,  Niederschlägen,  wovon  er 
etwa  19  in  allen  möglichen  Nuancierungen  unterscheidet,  die  Dia- 
gnose der  Krankheit  zu  •  stellen ,  wobei  natürlich  die  Farben  als 
entsprechende  Modifikationen  der  Elementarqualitäten  angenommen 
werden. 

Endlich  fällt  in  dieselbe  Zeit  noch  der  erste  Hauptvertreter  der 
salernitanischen  Chirurgie  Roger  (um  1230),  dessen  Bedeutung  später 
im  Zusammenhang  mit  den  übrigen  hauptsächlichen  Chirurgen  des 
Mittelalters  gewürdigt  werden  soll.  Nur  soviel  sei  hier  bemerkt,  dass 
gerade  Roger  auffallende  Anklänge  in  der  Chirurgie  an  den  Araber 
Albucasim  zeigt,  und  dass  er,  was  für  gewöhnlich  nicht  beachtet  wird, 
Verf.  eines  Compendiums  der  inneren  Medizin  ist  unter  dem  Titel: 
„Summa"  oder  „Practica  parva  medicine",  die  in  einigen 
Ausgaben  der  Coli.  chir.  Venet.  abgedruckt  ist. 

Vgl.  Coli.  Venet.  ed.  1519  {pag.  211—234).  Sie  zerfällt  in  4  Traktate  und 
ist,  wie  die  Vorrede  lehrt,  nach  dem  Viaticum  des  Isaac  Judaeus  bezw.  Constantinus, 
nach  Alexander  von  Tralles  und  dem  Passionarius  gearbeitet  {„duximus  dignutn 
ea  que  circa  ista  tria  volumina  sunt  facienda  sub  brevi  doctrina  constringere  ).  — 
Dies  Werk  figurirt  auch  unter  verschiedenen  Titeln  als  „Practice  medicine  major  et 
minor^  als  „Rogerina  Summa  major,  media  et  parva",  etc.  —  Es  sind  später 
Zweifel  entstanden,  ob  der  Chirurg  Rogerius  identisch  mit  dem  Verf.  dieser  Practica 
ist.  Einige  wollen  einen  anderen  Roger,  Ruggiero  Barone  oder  di  Barone 
{di  Varone")  als  Autor  der  Practica  ansehen  und  zwar  auf  Grund  von  Angaben  in 
einem  Pariser  und  belgischen  Codex.  —  Ich  möchte  mich  ganz  entschieden  der  Beweis- 
führung von  de  Renzi  (I  p.  259 — 263)  anschliessen,  der  beide  für  eine  und  dieselbe 
Person  und  Barone  nur  für  die  Entstellung  der  Kopie  erklärt. 

Von  renommierten  Aerzten  der  salernitanischen  Schule  gehören 
dem  Ausgang  des  12.  bezw.  Anfang  des  13.  Jahrhunderts  noch  an 
Gerardus  Salernitanus  (der  natürlich  weder  mit  Gerhard  v. 
Cremona  f  1187,  dem  bekannten  Uebersetzet  —  vgl.  weiter  unten  — 
noch  mit  Gerardus  de  Solo  aus  dem  14.  Jahrhundert  —  vgl.  weiter 
unten  —  verwechselt  werden  darf),  ferner  der  bekannte  Pietro  da 
Eboli  (de  Ebulo),  der  Dichter  des  Werks  „de  motibus  Siculis", 
welchen  de  Renzi  auch  als  den  eigentlichen  Verf.  der  Schrift  über 
die  Bäder  von  Puteoli  ansehen  möchte.  —  Frühestens  aus  dem 
13.  Jahrhundert  stammt  wahrscheinlich  das  von  Littre  entdeckte  und 
die  Ergebnisse  salernitanischer  Lehren  reproduzierende  „Poema 
medicum",  dessen  wegen  der  darin  enthaltenen  Aufschlüsse  über 
die  Viermeister  noch  in  dem  Abschnitt  über  Chirurgie  zu  gedenken 
sein  wird. 

Die  weitere  Geschichte  der  medizinischen  Schule  von  Salerno 
flösst  wenig  Interesse  ein.  Fortab  tritt  sie  mehr  und  mehr  in  den 
Hintergrund  teils  infolge  des  Ueberwucherns  der  arabischen  Medizin, 


654  Juliiis  Pagel. 

teils  infolge  des  Emporblühens  ihrer  Rivalinnen  auf  italienischem 
Boden;  von  ihnen  überflügelt,  erlischt  die  Schule  allmählich  ganz. 
Auch  politische  Ereignisse  tragen  daran  eine  nicht  geringe  Schuld. 
1195  traf  Kaiser  Heinrich  VI.  die  Vorbereitungen  zu  seinem  Kreuz- 
zuge und  hielt  noch  vor  dem  Aufbruch  in  das  gelobte  Land  die 
furchtbarsten  und  grausamsten  Strafgerichte  über  die  Feinde  der 
Fremdherrschaft  in  Süditalien.  Damals  fiel  das  alte  Salerno  und  mit 
ihm  der  Glanz  seines  medizinischen  Monopols.  Die  Stadt  hatte 
ausserordentlich  zu  leiden,  viele  Gelehrte  wanderten  in  andere 
italienische  Städte  aus  und  suchten  hier  im  Verein  mit  flüchtigen 
byzantinischen  und  arabischen,  aus  Spanien  vertriebenen  Genossen 
für  ihre  wissenschaftlichen  Bestrebungen  Boden  zu  gewinnen.  —  Be- 
merkenswert nur  der  einflussreichen  politischen  Eolle  wegen,  die  er 
gespielt,  ist  noch  Giovanni  di  Procida,  Leibarzt  Kaiser  Friedrichs  IL 
und  Königs  Manfreds  v.  Sicilien.  Bekannt  ist  seine  Beteiligung  an 
der  sicilianischen  Vesper.  Die  Autorschaft  der  (Coli.  Salem.  III  p.  69 
bis  150  abgedruckten)  „Placita  philosophorum  moralium 
antiquorum  ex  graeco  in  latinum  translata"  wird  ihm 
abgesprochen  und  diese  Abhandlung  als  Uebersetzung  einer  Leidener 
(noch  vorhandenen)  Handschrift  erklärt. 

Vgl.  M.  Steinschneider,  Hehr.  Uebers.  p.  349. 

Charakter  der  medizinischen  Leistungen  der  Salernitaner. 

Ueberblicken  wir  nunmehr  die  Leistungen  der  salernitanischen 
Schule  in  den  einzelnen  Disziplinen  (mit  Ausnahme  der  Anatomie  und 
Chirurgie,  welche  später  im  Zusammenhang  erörtert  werden  sollen), 
so  imponiert  zunächst  die  reiche  selbständige  Produktivität,  mit  der 
Salerno  die  Fahne  der  medizinischen  Wissenschaft  jahrhundertelang 
fast  als  einzige  Centrale  im  ganzen  Occident  autochthon,  man  möchte 
fast  sagen,  einem  versprengten  Keime  gleich,  entfaltet  und  die  kümmer- 
lichen griechisch-römischen  Reste  vor  dem  Untergang  rettet,  eine  Pro- 
duktivität, die  nach  Qualität  und  Quantität  sich  derjenigen  der  besten 
Perioden  unserer  Wissenschaft  an  die  Seite  setzen  lässt  und  wobei  kein 
Gebiet  der  Medizin  leer  ausgegangen  ist.  Sind  auch  positive  Fort- 
schritte nicht  gemacht  worden,  so  ist  doch  manche  bemerkenswerte, 
originelle  Beobachtung  zu  verzeichnen.  Es  muss  anerkannt  werden, 
dass  in  reger  Arbeit  Lehrer  wie  Schüler  sich  bemüht  haben,  nach  Kräften 
Wissenschaft  und  Praxis  der  Heilkunde  zu  fördern.  An  den  Schrift- 
werken der  älteren  Periode,  die  von  Arabismus  und  Scholastik  noch  nicht 
angekränkelt  sind,  bewundern  wir  die  klare,  gefällig-schlichte,  leicht 
fliessende  Diktion,  die  nüchterne  und  ehrliche  Schilderung  der  Kasuistik, 
die  Einfachheit  des  Regimes,  das  meist  ein  diätetisch-exspektatives  ist, 
ebenso  bei  aller  Berücksichtigung  und  Reichhaltigkeit  der  Therapie 
dennoch  eine  gewisse  Knappheit  in  den  medikamentösen  Formeln  und 
Vermeidung  aller  pharmaceutischen  Polypragmasie.  Am  meisten  sind 
naturgemäss  die  Arbeiten  der  inneren  Medizin  zu  gute  gekommen,  die 
thatsächlich  in  theoretisch-schriftstellerischer  wie  praktischer  Beziehung 
eine  ausgiebige  Pflege  gefunden  hat. 

Die  wichtigste  Fundgrube  zur  Beurteilung  der  Lehren  und  An- 
schauungen der  Salernitaner  auf  dem  Gebiet  der  praktischen  Medizin  bietet 
das    (p.   648)    erwähnte,    aus    dem   12.  Jahrhundert,    also  der  Höhezeit    der 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  655 

Schule  stammende  anonyme  Sammelwerk  ,,de  aegritudinum  curatione*', 
besonders  der  zweite  Teil,  der,  wie  es  scheint,  unter  der  Mitarbeiterschaft 
einer  Reihe  der  tüchtigsten  Vertreter  der  Schule  zu  stände  gekommen  ist 
bezw.  eine  Blumenlese  aus  deren  Werken  enthält.  Schon  der  Umfang  deutet 
auf  Reichhaltigkeit  und  Gründlichkeit.  Er  umfasst  über  300  Seiten  des 
Bandes  II  der  Coli.  Salem,  (p.  81 — 386).  Eine  Analyse  dieses  Werks,  das 
man  wohl  als  eigentliches  Schulbuch  der  inneren  Medizin  von  Salerno  an- 
sehen darf,  wird  am  genauesten  und  treuesten  den  Stand  dieser  Disziplin 
wiederspiegeln. 

Analog  zahlreichen  Werken  der  Pathologie  aus  dem  klassischen  Altertum  be- 
ginnt auch  die  salernitanische  Anthologie  mit  der  Fieberlehre.  Die  Autoren  unter- 
scheiden in  herkömmlicher  Weise  drei  Arten  von  Fieber,  die  effimera  {ephemera, 
£}intagsfieber,  aus  einem  Fehler  der  Spiritus),  die  etnica  {hektisches  „que  vitio 
membrarum  fit")  und  die  putrida  {aus  einem  Säftefehler  hervorgegangenes,  meist 
akutes,  infektiöse  Krankheiten  begleitendes  Faulfieber).  Die  letztere  Art  zerfällt  in 
eine  interpolata  und  continua.  Die  Interpolata  {Wechsel/ieber)  hat  3  Unterarien:  die 
cotidiana,  tertiana,  quartana;  die  Continua  ebenfalls  verschiedene  Unterarten,  denen 
eine  eingehende  Besprechung  gewidmet  wird.  Es  folgt  auf  diese  ganz  Galensche  De- 
finition und  Einteilung  dir  Symptomatologie  und  die  Kur  der  verschiedenen  Arten, 
darunter  auch  des  „emitriteus  major  et  minor",  des  „synochns",  der  „synocha"  etc. 
in  Gestalt  von  diätetif,chen  Vtrordnungen,  kalten  Umschlägen,  Einpackungen,  Bädern, 
Abkühlungen,  Purgationen  etc.,  die  hier  alle  eine  grössere  Rolle  als  die  Hledikamente 
spielen.  Nur  bei  den  häufiger  vorkommenden  Wechselfiebern  tmrd  von  den  Vomitiven 
ein  ausgiebigerer  Gebrauch  gemacht.  —  An  die  Fieberlehre  scfiliesst  sich  die  eigent- 
liche spezielle  Pathologie,  die  „morbi  particulares"  in  166  a  capite  ad  calcem  geord- 
neten Abschnitten  mit  einem  Appendix:  de  salute  totius  corporis.  Die  Ursache  der 
frenesis  ist  {nach  Platearius)  ein  ^apostema  quod  fit  in  anteriori  cellula  capitis", 
also  eine  ganz  somatische  Auffassung  der  Geisteskrankheiten  bezw.  der  Delirien  bei 
akuten  Krankheiten.  Dementiqyrechend  ist  auch  die  Therapie.  Sie  besteht  in  durchaus 
lokalen  äusserlichen  Massnahmen,  unter  welchen  auch  die  venae  incisio  (hi  media 
fronte)  nicht  fehlen  darf!  Aehnlich  sind  die  Vorschriften  für  die  Behandlung 
der  Lethargie,  deren  Ursache  ein  Abscess  der  hinteren  Himkammer  ist.  —  Es 
folgen  einige  Kespirationskrankheiten :  katarrus,  coriza,  brancos  {=  bronchitis  resp. 
auch  angina,  letztere  nach  Bartholomaeus),  Apoplexie,  sehr  eingehende  Betrachtung 
der  Epilepsie  mit  differentialdiagnostischen  Bemerkungen  und  einer  allerdings  fast 
kurioser  Auswahl  therapeutischer  Vorschläge,  welche  ganz  wie  heute  die  Hoffnungs- 
losigkeit dieser  Krankheit  bekunden,  Paralyse  {nach  Platearius  und  Constantinus), 
Manie,  Melancholie  mit  prächtigen  symptomatologischen  Schilderungen  {der  ver- 
schiedenen Wahnideen),  Mittel  zur  Beförderung  des  Haarwuchses,  gegen  tinea,  Kopf- 
schmerz mit  besonderen  Abarten  (cephalea,  emigranea,  inflatio  cerebri,  scotomia,  dolor 
frontis  etc.,  15  Seiten  lang!),  Schilderung  der  Enthaarungsmittel,  die  Augenkrank- 
heiten mit  sehr  dürftigen  Bemerkungen  über  die  Affektionen  der  äusseren  Gebilde, 
über  Katarakt  {Operation  mittelst  Scleroticonyxis),  Ohrenleiden  {Schwerhörigkeit,  Ohr- 
schmerz, Taubheit,  die  auf  innere  Erkrankungen  des  Magens  und  der  Leber  zurück- 
geführt wird),  Nasenbluten,  Ozaena  {fetor  narium),  Nasenpolyp,  sehr  ausführliche 
Darstellung  der  Mundkrankheiten :  fetor  oris,  Mundyeschwüre,  Zahnfleischulcerationen 
[nach  Trotula),  Zahnschmerz ,  icobei  die  Extraktion  durch  Mittel  ersetzt  wird,  die 
den  spontanen  Ausfall  des  cariösen  Zahns  befördern,  Krankheiten  {Schivellungen)  der 
Zunge,  Sprechstörungen,  Mandelschwellungen,  Gaumenverschwärungen ,  Sommer- 
sprossen und  andere  Hautausschläge  im  Gesicht,  kosmetische  Mittel,  Gesichtswunden. 
Interkurrent  wird  hier  ein  Kapitel  über  Wundbehandlung,  Knochen-  und  Nerven- 
verletzungen, Eindringen  von  Fremdkörpern  eingeschaltet.  [Doch  zeugen  diese  Be- 
merkungen von  einem  tiefen  Niveau  der  Chirurgie,  da  von  manueller  und  instru- 
menteVer  Behandlung  nicht  die  Rede  ist,  sondern  alles  mit  Salben  und  Pflastern 
behandelt  wird.]  —  Es  folgen  Kapitel  über  Spasmus,  Ulceration  der  Trachea,  Hydro- 
fobie  {jedenfalls  wegen  des  Hauptsymptoms  der  Schluckbeschwerden  an  dieser  Stelle 
eingeschaltet),  eine  Anthologie  aus  den  Werken  der  älteren  Meister  der  Schule  über 
„squissantia"  (=  synanche,  Sammelbegriff  für  Croup,  Diphtherie,  Angina,  Retro- 
pharyngealabscess  etc),  „scrofulae  in  gutture"  {Hnlslymphdrüsenschwellungen),  Tremor, 
Heiserkeit,  Husten,  Atemnot  {Asthma),  Lungenentzündung  (peripleumonia)  mit 
differentaldiagnos fischen  Bemerkungen  bezüglich  der  pleuresis,  deren  Behandlung  die 
unvermeidliche  Minutio  (peri  antipasen  =  antispasin)  vorausgeht ;  sehr  warm  tritt 
hier  der  Autor  {Platearius)  für  Diaphoretika  ein,  ferner  für  angemessenes  diätetisches 


g56  Julius  Pagel. 

Verhalten,  für  Erregung  von  Nasenbluten  durch  Kitzeln  der  Nasenschleimhaut 
{mittelst  Schiveineborsten) ,  besonders  angesichts  der  kritischen  Tage  {7.  u.  9.);  die 
prognostischen  Auseinandersetzungen  sind  durchaus  originell  und  verständig.  — 
Weiter  folgen  Auseinandersetzungen  über  Empyem,  Phthisis  {unter  deren  Ursachen 
auch  ausgetretenes,  in  Eiter  verwandeltes  Blut  figuriert).  Die  Schilderung  ist  klar, 
verständig  und  erinnert  in  ihrer  Einfachheit  an  die  besten  Produlde  der  griechischen 
Medizin.  Besonders  interessant  sind  die  Bemerkungen  über  die  schlechte  Vrognose 
von  Durchfällen  und  Haarausfall  als  Komplikation  bei  Phthise,  ebenso  dass  einmal 
ausgebildete  Phthise  kaum  oder  niemals  heilt.  Jünglingen  ist  sie  sehr  gefährlich, 
über  das  40.  Lebensjahr  hinaus  weniger.  Dieses  Kapitel  ist  nach  Platearius, 
Bartholomaeus  und  dem  über  aureus  des  Constantinus  zusammengestellt.  —  Die 
Quellen  der  Haemoptysis  werden  ausführlich  erörtert,  überall  mit  eingehender  Kenntnis 
der  griechischen  Quellen,  speziell  der  hippokratischen  Lehren,  die  öfter  citiert  icerden. 
Es  fehlt  nicht  an  differentialdiagnostischen  Bemerkungen  über  die  Quellen  des  Blutes 
{Mundhöhle,  Zähne,  Lunge,  Magen)  —  natürlich  alles  vom  humoralpathologischen 
Standpunkte.  —  Interessant  ist  die  Definition  der  Syncopis,  weil  hier  das  Wort 
„malfatio"  gebraucht  wird,  dass  auch  in  den  chirurgischen  Schriften  späterer  Zeit 
z.  B.  bei  Mondeville  wiederkehrt  {„syncopis  est  defectio  motus  cordis,  que  a  qui- 
busdam  auctoribus  dicitur  malfatio,  ab  aliis  exsolutio,  ab  aliis  lipotomia,  vulgo 
autem  vocatur  spasmatio''^).  —  TJriter  der  „cardiaca  passio""'  ist  ivohl  mehr  ein 
Magenleiden  zu  verstehen,  nach  mag.  B.{arth.)  handelt  es  sich  um  eine  Affektion, 
„que  totum  corpus  resolvit  in  sudorem  continuum,  dicitur  autem  hec  pussio  diafore- 
tica  ab  auctoribus  ....  Notandum  quod  Jiec  passio  atiquando  fit  a  corde,  aliquando 
a  stomacho").  —  Dem  Ma^enschmerz  ist  ein  4  Seiten  langer  Abschnitt  gewidmet. 
Dazwischen  ist  von  Meteortsmus  [ventositas  stomachi),  von  Diarrhoe  {solutio),  Dys- 
pepsie {indigestio) ,  Brechneigung  {fastidium),  Heisshunger  (bolismos),  Appetit- 
verstimmungen. Aufstossen,  Singultus,  Vomitus  etc.  sehr  ausführliih  die  Rede,  wobei 
verständigerweise  überall  eine  kausale  TJierapie  befolgt  wird.  —  Bauchschmerz  {dolor 
intestinorum)  ist  Symptom  verschiedener  Affektionen  {tortio  ventris,  colica  passio, 
ventris  inflatio,  apostema  in  stomacho  vel  in  ititestinis  etc.),  Würmer  {lumbrici) 
werden  durch  Bittermittel  getötet  {aloe,  succus  absinthii,  persicaria,  pulvis  lupino- 
rum  amarorum,  pulvis  centonica  =  Santonin).  Man  soll  diese  Mittel  in  Honig 
verabreichen,  weil  die  Würmer  mit  dem  Honig,  den  sie  gern  haben,  zugleich  das  be- 
treffende darin  gemischte  Bittermittel  anziehen  „et  sie  specie  rede  decipiuntur"  und  so 
betrogen  icerden;  der  Autor  fügt  hinzu:  „dum  sub  esca  latitat  hamus" :  unter  dem 
Essen  lauert  die  Angel.  Man  kann  auch  vor  der  Kur  3  Tage  lang  Ziegenmilch 
geben  und  den  Geschmack  des  Bittermittels  durch  Verabreichung  mit  dieser  ver- 
decken. Dysenterie  ist  Diarrhöe  im  Verein  mit  „excoriatio  intestinorum  vel  cum 
sanguinea  ventris  egestione''.  Die  merkwürdige  Etymologie  „discintheria  a  discin- 
tendo  {sie),  quia  in  ea  scinduntur  intestina  quasi  discinteria'''  entspricht  ganz  dem 
Cluxrakter  und  Wissen  der  Zeit.  Therapeutisch  kommen  in  erster  Linie  die  Abführ- 
mittel und  an  zweiter  Stelle  die  Constrictiva  in  Betracht,  desgleichen  bei  der  Lien- 
terie,  dem  Tenesmus  und  den  übrigen  Darmaffektionen.  Gegen  zu  profuse  Hämor- 
rhoidalblutungen  wird  die  Applikation  von  Bäuschen  {bombices)  empfohlen,  die  mit 
einer  Bleisalbe  bestrichen  sind.  Auch  das  Abbinden  und  Nekrotisieren  der  Hämor- 
rhoiden mit  Cortex  lauriole  oder  radix  titimalli  wird  erivähnt.  Bei  mag.  B.{arth.) 
heisst  es:  omnia  capita  venarum  cum  cauterio  constringi  possunt,  si  fliixus  fuerit 
recens;  si  vero  inveteratus  non  omnia  ne  gravior  inde  contingat.  Noch  werden  die 
ficus  in  ano  besonders  unterschieden.  Dem  Prolapsus  sucht  man  durch  Sitzbäder  mit 
geeigneten  higredientien  abzuhelfen.  —  Daran  schliesst  sich  die  Darstellung  der 
Leber  äff ektionen :  calef actio  {Entzündung)  und  Apostema  hepatis.  Bei  der  {h)ydro- 
pisis  folgt  eine  eingehende  differentialdiagnostische  Erörterung  zwischen  ascites  und 
tympanites,  yposarca  und  leucoflcumantia  unter  Verwertung  der  physikalischen 
Momente  der  Schallerscheinungen  bei  der  Perkussion.  Die  Ausführungen  zeugen  von 
eigener  Erfahrung  und  sind  nicht  durchweg  kompiliert;  wo  Kompilation  vorliegt,  sind 
ausschliesslich  griechische  Quellen  benutzt.  —  Von  der  Milz  haben  die  Salernitaner 
mehr  zu  wissen  geglaubt  als  die  modernen  Aerzte.  Diabetes  wird  erklärt  als  über- 
mässige {immoderata)  Anziehung  des  Urins  von  der  Leber  zu  den  Nieren;  er  kann 
auch  nach  geschlechtlichen  Excessen  propter  renum  concussionem  eintreten;  die 
Schilderung  der  Symptomatologie  ist  vortrefflich.  Man  soll  früh  einschreiten,  damit 
die  Krankheit  nicht  in  Wassersucht  übergeht.  Manche  bezeichnen  Diabetes  auch 
als  diarria  urinae.  Diätetisch  wird  der  Genuss  grünen  Blattgemüses,  fetten 
Schweinefleisches  und  zusammenziehender,  aus  unreifen  Trauben  gewonnener  Weine 
empfohlen.  Diuretica  sind  kontraindiziert.  Warme  Bleiplatten  und  ein  tvärme- 
erzeugendes  Pflaster  sollen  in  der  Nierengegend  appliziert  iverden.  {Offenbar  sind 
Zustände  von  morb.  Brightii  hierbei  eingeschlossen.)     Das  grosse   Wissensmaterial, 


Geschichte  der  Heilkitnde  im  Mittelalter.  657 

das  von  den  Salernitanern  in  der  Pathologie  bereits  angehäuft  war,  bekundet  auch 
die  eingehende  Behandlung  der  folgenden  Kapitel :  Blutharnen,  Lendennierenschmerz, 
Anschicellung  der  Nierengegend,  Nierenstein,  Nieren-  und  Blasenverletznngen,  Dysurie 
und  Strangurie,  die  auch  als  Rheumatismus  und  suffocatio  vesicae  beschrieben  werden, 
sowie  der  übrigen  Abnormitäten  in  der  Harnentleerung,  Samenfiüsse  (gonorroea), 
Satyriasis,  Aproximeron  i.  e.  partium  genitalium  inoperatio  (nicjit  bloss  männliche 
Impotenz,  ivie  Haeser  irrtümlich  annimmt,  sondern  auch  die  Unmöglichkeit  des 
Coitus  von  selten  der  Frau).  Hier  finden  sich  bereits  Andeutungen  von  Organ- 
therapie. —  Es  folgen  Hodentumoren,  Anschwellungen  der  Scheide  und  des  Penis, 
Pustulae  in  virga,  „cavarus  in  virga,  qui  nihil  aliud  est  quam  Cancer  cum  infla- 
tione",  offenbar  also  vernachlässigter  Schanker  oder  paraphimotische  Zustände.  Die 
Erörterung  über  Menstruationsanomnlien  und  Gebärmutterkrankheiten,  Hindernisse 
der  Konzeption  nimmt  einen  breiten  Raum  ein  (p.  331—344);  unter  den  letzteren 
figuriert  auch  „spermatis  vitium".  An  Mitteln,  die  Konzeption  zu  verhindern  oder 
ein  bestimmtes  Geschlecht  zu  erzeugen,  fehlt  es  auch  nicht,  ebenso  gegen  zu  starke 
Geilheit  [ad  luxuriam  reprimendam)  und  um  Jungfrauschaft  vorzutäuschen.  An- 
hangsweise werden  dürftige  Notizen  über  normale  und  Fehlgeburt  gegeben.  Ischias 
(scia),  arthetica  und  podagra  {Gelenkschmerz  etc.)  sind  dafür  desto  ausführlicher 
behandelt.  Mit  diesem  Kapitel  ist  eine  Darstellung  der  Traumen,  Luxationen 
{extortio),  Verstauchungen  der  unteren  Extremitäten  verbtinden.  Den  Beschluss 
machen  juepra  (Elephantiasis)  und  die  übrigen  bekannten  Hautaffektionen,  morphea  etc. 
{des  sonst  in  der  späteren  mittelalterlichen  Litter atur  üblichen 
arab.  albarras  tcird  nicht  gedacht,  dieser  Ausdruck  kommt  nicht  vor,  Be- 
weis also  für  ausschliesslich  griechischen  Einfluss);  impetigo,  serpigo,  scrophulae, 
Verrucae,  Wunden,  Abscesse,  Fistel,  Cancer,  Karbunkel  {„bonus  tnalanus"),  Ver- 
giftungen, Schlangenbisse,  Verbrennungen,  ignis  sacer  {eine  Form  der  Gangrän, 
vielleicht  Ergotismus^,  endlich  noch  zwei  Kapitel  „de  frangendis  calculis"  und  ,,pro 
Salute  totius  corporis^,  d.  h.  diätetisch-hygienischer  Anhang.  —  Die  vorstehende 
Analyse  zeigt,  dass  in  diesem  Buche  fast  so  gut  wie  nichts  fehlt.  Man  kann  sich 
dem  im  allgemeinen  wohlthuenden  Eindrucke  dieses  ebenso  sachlich  nüchternen  wie 
erschöpfenden  Hayidbuchs  der  Medizin,  tcie  überhaupt  der  salernitanischen  Arbeiten 
nicht  entziehen,  besonders  im  Hinblick  auf  die  mit  Zitaten  aus  arab.  Qtiellen  über- 
reiche Litteratur  der  Scholastik.  Hier  ein  geradezu  widerwärtiger  Ballast  an  gelehrt 
scheinendem  Material  aprioristisch  gekünstelter,  in  der  Luft  schwebender  Argumen- 
tationen, dort  nüchterne,  sachlich  klare  Lehren  mit  dem  Stempel  der  Originalität, 
ruhiger  Erwägung  von  Erfahrungen  und  Beobachtungen  und  vor  allem  aus  dem 
direkten,  frischen  Born  griechischer  Weisheit  geschöpft.  Die  Saleriiitaner  haben, 
das  bleibt  ihr  steter  Ruhmestitel  in  der  Geschichte,  das  griechische  Erbe  getreulich 
und  nach  Kräften  gehütet.  —  An  anderer  Stelle  ist  zu  beleuchten,  welchen  Gewinn 
daraus  Stand  und  Beruf  der  Aerzte  in  äusserlicher  {materieller,  sozialer)  und  unter- 
richtlicher Beziehung  geschöpft  haben  {vgl.  p.  638).  Hier,  wo  die  Darlegung  ledig- 
lich die  tcissenschaftliche  Entwicklung  zum  Gegenstande  hat,  sei  abermals  betont, 
loelchen  kräftigen  Anteil  die  Salernitaner  an  der  Erhaltung,  Fortführimg  und  Ver- 
mittelung  der  griechischen  Heilkunde  inmitten  einer  allgemeinen  Oede  gehabt  Iiaben. 
Trotz  geringer  äusserer  Machtstellung  icetteifert  hierin  die  Schule  von  Salerno 
mit  den  Arabern,  die  mit  ihrem  mächtigen  politischen  Einfiuss  allerdings  'nach- 
haltiger zu  toirken  in  der  Lage  tcaren.  Vermochte  schliesslich  Salerno  sich  diesem 
nicht  zu  entziehen,  so  hat  es  doch  seinerseits  einstreiche  Saat  ausgestreut,  deren 
Keime  weithin  reiche  Früchte  trugen.  So  mancher  Autm-,  der  für  sich  Schule  ge- 
macht und  als  Repräsentant  der  Medizin  sich  ein  Andenken  in  der  Geschichte  ge- 
sichert hat,  verdankt  Salerno  die  Wurzeln  seiner  Kraft  und  muss  als  Ausläufer 
dieser  Schule  betrachtet  werden. 

Als  einer  der  bedeutendsten  Abkömmlinge  der  salernitanischen 
Schule,  der  ihre  Ansichten  bis  nach  Paris  verpflanzt  und  hier  als 
einer  der  ersten  Lehrer  gewirkt  hat,  aus  dessen  Wirken  sogar  später 
eine  gewisse  Rivalität  mit  der  Pariser  Schule  hervortritt,  kommt 
Petrus  Aegidius  Corboliensis  (Pierre  Gilles  v.  Corbeil)  in 
Betracht,  so  genannt  von  seiner  Heimat,  einem  unweit  von  Paris  an 
der  Seine  gelegenen  Städtchen. 

Von  der  Lebensgeschichte    dieses  Mannes  wissen  wir  nur  soviel  sicher, 
dass    er    etwa    im    12.  Jahrhundert    lebte,    seine    Studien, wie    aus    mehr    als 
einer  Stelle    seiner  Schriften    hervorgeht,    in    Salerno    machte    und    Leibarzt 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  42 


658  Julius  Pagel. 

des  Königs  Philipp  August  von  Frankreich  war.  In  dieser  Stellung,  mit 
der  zugleich  der  Vorsitz  in  der  Pariser  med.  Fakultät  verbunden  war,  wirkte 
Aegidius  noch  bis  zum  Anfang  des  13.  Jahrhunderts.  —  Ungewiss  ist, 
ob  er  Benediktiner  war  und  noch  anderweitig  studiert  hat. 

Wir  besitzen  von  ihm  eine  grosse  Reihe  von  Schriften,  die  im  wesentlichen 
nichts  weiter  als  in  Verse  gebrachte  Paraphrasicrungen  und  Glossierungen,  Nieder- 
schläge salernitanischer  Schulmeinungen  sind  speziell  nach  dem  Antidotarium  Nicolai 
und  den  Werken  des  Matthaeus  Platearius.  Die  Titel  derselben  sind:  1)  Liber 
deurinis,  eine  Jugendschrift  des  Verf's,  bestehend  aus  352 Hexametern  {und  einigen 
Pentametern),  ein  Kompendium  der  Uroskopie,  das  sich  trotz  mancher  Mängel  in 
grossem  Ansehen  noch  bis  zum  16.  Jahrh.  erhalten  und  viele  Nachahmungen,  Aus- 
züge, prosaische  und  poetische,  angeregt  hat,  u.  a.  auch  das  „Compendium  uri- 
narum"  von  Gualthemis  {Walter)  Agulinus,  wie  es  scheint  gleichfalls  einem 
Zögling  Salernos  {vgl.  Diss.  von  J.  Pfeffer,  Berlin  1841  und  Steinschneider,  Hebr. 
Uebers.  p.  800).  Ganz  im  Galenschen  Sinne  werden  hier  die  Niederschläge  und 
Farben  {12 — 20)  des  Urins  berücksichtigt:  niger,  lividus,  albus,  glaucus,  lacteus, 
charopos,  pallidus,  subpallidus,  subcitrinus,  subrubicundus,  citrinus,  rufus,  rubeus, 
rubicundus,  inopos,  cyaneus,  viridis  color  und  die  verschiedenen  Unterarten  und 
Modifikationen.  2)  Liber  de  pulsibus  mit  einem  in  Prosa  geschriebenen 
Prooemium  und  380  Hexametern,  ivie  es  scheint,  eine  Imitation  oder  Ent- 
lehnung nach  der  bekannten  Schrift  des  Philaretus  {Theophilus  Protospatharius). 
3)  de  laudibus  et  virtutibus  compositorum  medicamentorum,  das 
längste  ivenn  auch  am  wenigsten  gelungene  Gedicht,  4663  Hexameter  {leoninische 
Verse)  utid  eine  kurze  prosaische  Vorrede,  der  Inhalt  ganz  und  gar  Salernitanisch, 
im  wesentlichen  eine  Umschreibung  des  Antidotarium  Nicolai  und  der  dazu  gehörigen 
Glossen  des  Matthaeus  Platearius.  —  Diese  drei  Schriften  sind  in  der  ausge- 
zeichneten Ausgabe  von  L.  Choulant  {Leipzig  1826)  zusammengestellt.  Von  einer 
weiteren  Arbeit,  betitelt  „de  siynis  et  symptomatibus  egritudinem",  als 
deren  Verf.  sich  Aegidius  selbst  in  der  sub  3  genannten  Schrift  bekennt,  sind  nur 
Bruchstücke  erhalten  und  teils  von  Daremberg  {in  Notices  et  extraits  des  manu- 
scrits  medicaux  I  Paris  1853  nach  einer  Handschrift  der  Bodlejana  p.  178 — 197 
als  „signa  et  causa  febrium  Egidii")  teils  von  Valentin  Rose  in  seinen  bereits  er- 
wähnten Anecdota  {p.  171 — 201)  als  „Metra  de  physionomiis  [egrotorum]"  nach 
einer  Handschrift  des  Amploniana  publiziert. 

Die  Medizin  im  Zeitalter  der  Scholastii(. 

Die  Uebersetzer  der  arabischen  Werke. 

Der  Geist,  der  die  Heilkunde  in  Salerno  während  der  ersten  Jahr- 
hunderte durchweht  hatte,  blieb  leider  in  Europa  eine  isolierte  Er- 
scheinung. Auf  die  Dauer  vermochte  auch  der  Occident  orientalischen 
Einflüssen  sich  nicht  zu  entziehen.  Zwar  war  es  gelungen,  den  Islam 
selbst  bis  auf  geringe  Eeste  in  der  spanischen  Halbinsel  glücklich 
zurückzuschlagen,  aber  in  Kunst  und  Wissenschaft  sollten  die  Nach- 
wirkungen des  Arabismus  noch  lange  haften.  Das  gleichfalls  aus  dem 
Orient  entlehnte  christliche  Mönchstum  empfing  ihn  mit  offenen  Armen, 
und  aus  der  Paarung  beider  entwickelte  sich  die  unselige  Scholastik. 
Hätten  die  Klosterinsassen  sich  lediglich  darauf  beschränkt,  Hüter  der 
vom  Altertum  überkommenen  Schätze  zu  sein  und  in  getreuer 
nüchterner  Reproduktion  weiter  zu  bearbeiten,  so  wäre  ihre  Mission 
auch  für  die  Heilkunde  eine  gesegnete  gewesen.  Indessen  der  Zauber 
der  Dialektik  schlug  auch  ihre  Gemüter  in  Fesseln  und  mit  den  Pro- 
dukten der  arabischen  Medizin  fanden  auch  spitzfindige  Tüftelei  und 
haarspalterische  Wortklauberei  einen  empfänglichen  Boden.  Die  Ein- 
und  Uebergriffe  einer  herrschsüchtigen  Kirche  in  die  Sphäre  freier 
wissenschaftlicher  Forschung  thaten  das  Ihrige,  um  an  Stelle  un- 
befangener, klarer  Sinnesarbeit  und  echter,  frischer  Naturbeobachtung 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  659 

die  drückende  Tyrannei  übersinnlicher  aprioristi scher  Spekulation, 
nach  deduktivem  Schema  konstruierter  Lehrsätze,  die  geschraubtesten 
und  verzwicktesten  Beweistührungen  in  pseudologischem  Formalismus 
zur  Erhärtung  von  der  Kirche  stabilierter  Dogmen  aus  den  arabisch- 
griechischen  Lehrbüchern  der  Medizin  Platz  greifen  zu  lassen.  Was 
die  Araber  noch  unverdorben  gelassen  hatten,  das  vollendete  die 
Kirche.  Italien  und  Spanien,  die  beiden  orientalischen  Einflüssen  am 
nächsten  exponierten  Halbinseln,  gleichsam  die  septischen  Ecken  der 
Infektion,  boten  für  diese  Bestrebungen  das  eigentliche  Angriifsobjekt. 
Unter  allen  den  verschiedenen  Ordensspaltungen,  hinter  welche  nach 
und  nach  in  einer  Art  von  Konkurrenz  die  Benediktiner  hatten  zurück 
treten  müssen,  war  gerade  der  fanatischsten  einer,  den  Dominikanern, 
den  Nährvätern  der  Inquisition,  die  Rolle  vorbehalten,  jedwede  Re- 
gung freisinnigen  Geistes  an  den  Hochschulen  im  Keime  zu  erdrücken. 
—  An  erster  Stelle  steht  unter  den  die  Scholastik  vorbereitenden  und 
fördernden  Hauptmomenten  ohne  Zweifel  das  Eindringen  der  arabischen 
Medizin  auf  dem  Wege  von  lateinischen  Uebersetzungen. 
An  sich  lag  dieser  Uebersetzerthätigkeit  ein  sehr  löbliches  Streben  zu 
Grunde;  sie  zeugte  von  anerkennenswertem  wissenschaftlichen  Sinn 
und  von  dem  Drang  nach  Fortbildung;  hielt  man  sich  doch  für  be- 
rechtigt, bei  den  Arabern  neue  Weisheit  oder  alte  in  neuer  Form  zu 
suchen  und  griff  bereitwillig  zu.  Die  Araber  imponierten  mit  Recht 
Sie  hatten  die  Botanik,  Chemie  und  Pharmacie,  wichtige  Hilfsmittel 
der  Heilkunde,  bestens  gepflegt  und  mit  einer  Unmasse  von  That- 
sachen  bereichert,  blühende  Hochschulen  auf  der  spanischen  Halbinsel 
etabliert,  grosse  Bibliotheken  begründet,  eine  unübersehbare  Litteratur 
erzeugt,  tüchtige  Aerzte  hervorgebracht,  kurz  ein  reges  Leben  und 
Treiben  nach  allen  Richtungen  entfaltet.  Was  Wunder,  wenn  auch 
die  wissenschaftlich  strebsamen  Elemente  des  Occidents  nun  das  Be- 
dürfnis empfanden,  an  dem  Born  arabischer  Schulweisheit  sich  zu 
laben,  in  ihre  Geheimnisse  einzudringen  und  das  Gute  nach  Kräften 
zu  adoptieren.  Dazu  durchzog  die  ganze  Litteratur  der  Araber  auf  <o 
echt  realistischem  und  praktischem  Fundament  ein  tiefer  kongenitaler  0| 
philosophischer  Zug;  neben  Galen,  dem  eigentlichen  medizinischen^Ab-  ' 

gott,  erfreute  sich  der  Philosoph  kat'  exochen:  Aristoteles  gottgleicher 
Verehrung.  Die  klare  Disposition,  die  bis  ins  feinste  Detail  durch- 
geführten Darlegungen,  die  erschöpfende  Behandlung  des  Stoffes,  wie 
sie  beispielsweise  bei  den  Arbeiten  eines  Avicenna  u.  A.  hervortraten, 
verfehlten  ihre  bestechende  Wirkung  nicht.  '  Hier  fand  der  studierende 
Arzt  nicht  bloss  alles,  sondern  noch  mehr  als  alles.  Dazu  trat  ein 
politisches  Moment:  die  Lorbeeren  von  Salerno  Hessen  die  übrigen 
Städte  Italiens  nicht  schlafen;  bald  entstanden  auch  anderswo,  und 
zwar  nicht  bloss  in  Italien,  sondern  auch  in  Frankreich  (Montpellier, 
Paris)  Hochschulen  nach  dem  Muster  von  Salerno.  Aber  an  diesen 
neuen  rivalisierenden  Universitäten  fand  gleichsam  als  Gegengewicht 
gegen  Salerno  der  Arabismus  glänzende  Aufnahme  und  geradezu  blind 
fanatische  Förderung.  So  ist  denn  zwar  griechische  Medizin  auf  diesem 
Umwege  zu  Ehren  gekommen,  aber  infolge  fehlerhafter  Uebersetzung 
in  korrumpierter  Gestalt,  entstellt  und  missverstanden ;  das  Studium 
der  direkten  Quellen  wurde  darüber  zugleich  vernachlässigt,  und  mit 
der  arabischen  Litteratur  w^ar  wieder  der  Aristotelismus,  aber  nicht 
der  echte,  originale,  sondern  der  von  den  Arabern  verdolmetschte, 
will  sagen,  verdeutelte  und  missdeutete  mächtig  geworden,  der  eine 

42* 


660  Julius  Pagel. 

prächtige  Stütze  und  Pseudoautorität  für  die  dialektischen  Künste, 
für  alle  die  feinen  Distinktionen  und  Disputationen,  die  Grübeleien 
und  Argumente  der  Scholastik  bot.  —  Einen  Hauptanteil  an  der  Ver- 
mittelung  arabischer  Schulweisheit  im  Occident  haben  ferner  jüdische 
Aerzte.  Stammverwandt  mit  den  Arabern  fanden  die  Juden  unter 
deren  Herrschaft  volle  Glaubensfreiheit  und  soziale  Vergünstigungen, 
umsomehr  als  traditionelle  Verbindungen  materieller  und  geistiger 
Natur  mit  dem  Orient  schon  von  den  Alexandriner  Zeiten  an  be- 
standen hatten.  Philosophischer  Sinn  gepaart  mit  regem  Eifer  für 
die  Heilkunde,  den  einzigen,  ihnen  während  des  Mittelalters  nicht 
verpönten  wissenschaftlichen  Zweig  veranlassten  eine  stattliche  Mehr- 
zahl der  besser  veranlagten  von  ihnen  zum  Studium  der  Medizin  und 
Naturwissenschaften.  Sehr  viele  hervorragende  Rabbiner  waren  zu- 
gleich angesehene  Aerzte,  die  eine  erfolgreiche,  schriftstellerische  und 
praktische  Thätigkeit,  besonders  als  Uebersetzer  entfalteten.  —  Die 
bedeutendste  Centrale  stellte  nach  dieser  Richtung  Toledo  dar,  der 
„Hauptsitz  der  schwarzen  Magie  und  Nekromantie"  (vgl.  Valentin 
Rose,  Ptolemäus  und  die  Schule  von  Toledo,  Hermes  VIII  p.  333). 
Hier  unterhielt  Erzbischof  Raimund  (1130—1150)  eine  förmliche  Ueber- 
setzungsanstalt.  Grosse  Protektion  erfuhren  die  Gelehrten  auch  seitens 
der  italienischen  (neapolitanischen  und  sicilianischen)  Monarchen,  die 
für  ihre  Hochschulen  der  arabischen  Medizin  bedurften.  Es  kommen 
besonders  hierfür  in  Betracht  Roger  IL  (1121—1154),  Wilhelm  I. 
(1154—1166),  Wilhelm  IL  (1166—1189),  Kaiser  Friedrich  der  Rotbart 
(1152—1190),  Friedrich  IL  (1212—1250),  am  meisten  dessen  Nachfolger 
Manfred  (1250—1266)  und  Karl  von  Anjou  (1266-1284),  die  durch 
die  Kreuzzüge  mit  arabischem  Wesen  in  Beziehungen  gekommen 
waren.  Nicht  bloss  an  den  hebräischen,  sondern  auch  an  den  latei- 
nischen Uebersetzungen  haben  neben  christlichen  Gelehrten  zahlreiche 
jüdische  Aerzte  nennenswerten  Anteil. 

Historisch  denkwürdig  sind  durch  die  systematische  Aus- 
übung der  Uebersetzerthätigkeit,  die  einen  grossen  Teil  ihrer  Lebens- 
arbeit ausmachte  und  in  der  That  die  Verbreitung  der  arabischen 
Litteratur  im  Abendlande  bewirkt  hat,  ausser  Constantinus 
Africanus  (vgl.  p.  643)  vor  allem  zwei  Männer,  nämlich  Gerhard 
von  Cremona  (1114 — 1187)  „der  fruchtbarste  Uebersetzer  des 
Mittelalters"  (Steinschneider),  der  ohne  selbständige  Werke  zu  ver- 
fassen, während  eines  grossen  Teils  seines  Lebens  in  Toledo,  eben 
jenem  Hauptsitz  der  Translatoren,  und  im  speziellen  Auftrage  seines 
Protektors  Kaisers  Friedrich  des  Rotbarts  lediglich  Uebertragungen 
der  Werke  von  Isaac  Judaeus,  Rhazes,  Serapion,  Abulkasim  und  Avi- 
cenna  angefertigt  hat. 

Ein  Verzeichnis  aller  Arbeiten  des  Gerhard  von  Cremona  findet  sich  ausser  in 
den  bekannten  Geschichistverken  von  Wüstenfeld  und  Ledere,  bezw.  in  Wüstenfelds 
Göttinger  Akademie-Abhandlung  {„Die  arabischen  Uebersetzungen"  1876)  sotvie  in 
dem  Schumschen  Katalog  der  Amploniana  zu  Erfurt  noch  in  der  bemerkenswerten 
Monographie  von  31.  JB.  Buoncainpagni  {Principe),  Della  vita  e  delle  opere  di 
Gherardo  Cremonese,  traduttore  del  secolo  XII  etc.  {Rom  1851).  Es  sollen  im 
ganzen  mehr  als  71   Werke  geivesen  sein. 

Der  andere  der  Hauptübersetzer  ist  der  etwa  ein  Jahrhundert 
später  lebende  Jude  Faradj  ben  Salim  oder  Mose  Farachi  (auch 
Faragut,  Farrarius,  Ferrarius,  Franchinus)  aus  Girgent,  dessen  weit 
korrektere  Uebersetzungen  insofern  auch  ein  glücklicheres  Schicksal 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  661 

gehabt  haben,  als  sie  eine  grössere  Verbreitung  fanden.  Faradj  war 
in  Salerno  gebildet  und  übersetzte  im  Auftrage  seines  Protektors  Karl 
von  Anjou  seit  1279  verschiedene  arabische  Werke  ins  Lateinische 
(wie  aus  der  Ueberschrift  zur  Chirurgie  des  Pseudomesue  hervorgeht, 
in  Neapel).  Am  bekanntesten  und  verdientesten  und  für  die  Geschichte 
der  Medizin  am  wichtigsten  ist  die  Uebersetzung  des  Riesenwerks  des 
„Continens"  (al-Hawi)  von  Rhazes  (am  13.  Februar  1279  beendigt), 
wozu  Faradj  noch  ein  eigenes  Glossar  als  „tabula  de  nominibus  ara- 
bicis"  mit  727  Artikeln  hinzufügte. 

Nach  Steinschneider  (Hebr.  Uebers.  p.  974)  entliält  ein  Pariser  Prachtmami- 
skript  Miniaturen,  die  erst  1282  ausgeführt  wurden,  darunter  dreimal  die  Figur 
des  Uebersetzers.  Vergl.  noch  Virch.  Arch.  Bd.  39  p.  296 ;  Paget,  Clürurg.  d.  Heinr. 
V.  Mondeville  [Berlin  1891)  p.  594  u.  „die  angebl.  Chir.  d.  Joh.  Mesue  jun.^'  (ib.  1893). 

Bezüglich  eines  dritten,  oft  als  arabischer  TJebersetzer  genannten  Autors, 
Armengaud  (Ermenganus,  Hermengaud,  Ermengaud)  Blasii  (Sohn  des 
Blasius)  aus  Montpellier  (f  1314),  Arzt  Philipps  des  Schönen,  ist  es  noch 
zweifelhaft,  ob  er  wirklich  selbständig  und  überhaupt  sich  dieser  Thätigkeit 
gewidmet  hat.  Renan  ist  der  Ansicht,  dass  A.  nur  aus  dem  Hebräischen 
übersetzt  hat.  Wenn  er  etwas  aus  dem  Ajabischen  übertragen  hat,  und 
einzelne  handschriftliche  Ausgaben  melden  es  ausdrücklich  (vgl.  Stein- 
schneider 1.  c.  p.  698  §  444),  so  ist  das  höchstwahrscheinlich  durch  Ver- 
mittelung  eines  Juden  geschehen  (Profatius  s.  Jacob  ben  Machir).  (Vgl. 
Steinschneider  1.  c.  p.   778  und  die  daselbst  angegebenen  Quellen.) 

Die  Naturforscher  der  scholastischen  Periode. 

Wie  die  Mönchsmedizin,  so  hat  auch  die  Scholastik  eine  Reihe 
von  Männern  aufzuweisen,  welche  bei  ihrer  encyklopädischen  Bear- 
beitung der  Wissenschaften  auch  die  Naturwissenschaften  in  den  Kreis 
ihrer  Betrachtung  zogen  und  von  dem  Drang  geleitet,  Natur  und 
Offenbarung,  Glaube  und  Wissen  mit  einander  zu  versöhnen,  diese  ganz 
dem  kirchlichen  Zeitgeiste  gemäss  und  im  theologisch-philosophischen 
Sinne  behandelten.    An  der  Spitze  dieser  Männer  steht 

Albert  Graf  von  Bollstädt, 

von  der  Nachwelt  mit  dem  Beinamen  des  Grossen  geehrt  (1193 — 
15.  Nov.  1280). 

Albert  stammte  aus  Lawingen  in  Schwaben  und  war  vermutlich  von 
seinen  Eltern  zunächt  zur  Jurisprudenz  bestimmt.  Doch  scheint  er  bereits 
während  seiner  Studienzeit  in  Padua  an  der  Beschäftigung  mit  der  Natur 
grossen  Gefallen  gefunden  zu  haben,  speziell  an  der  Lektüre  des  damals 
gerade  zuerst  in  lateinischen  TJebersetzungen  zugänglich  gewordenen  Aristo- 
teles. Im  Alter  von  30  Jahren  trat  er  in  den  Dominikanerorden  ein,  hörte 
aber  neben  seinen  theologischen  Studien  niemals  auf,  naturwissenschaftlicher 
Arbeit  obzuliegen.  Wenige  Jahre  nach  seinem  Eintritt  in  den  Orden 
schickten  ihn  seine  Oberen  als  „Lector"  nach  Deutschland,  wo  er  ver- 
schiedentUch  in  Köln,  Hildesheim,  Freiburg  i.  Br.,  Regensburg  und  zuletzt 
in  Strassburg  thätig  war.  Von  hier  ging  er  wieder  nach  Köln  zurück  und 
mit  geringen  Unterbrechungen  brachte  er  dort  seine  ganze  übrige  Lebens- 
zeit zu.  Hier  wurden  die  berühmten  Männer  Thomas  v.  Cantimpre  und 
Thomas  v.  Aquino  (vgl.  weiter  unten)  seine  Schüler.  1245 — 48  weilte  er 
in   Paris    zur   Erlangung    der   Doktorwürde.      1254    wurde    er   von    einem 


662  Julius  Pagel. 

Provinzialkapitel  in  "Worms  zum  Provinzial  der  Provinz  „Teutonia"  (Süd-, 
Mittel-  und  Nordwestdeutschland)  gewählt.  Als  solcher  musste  er  einem 
Gelübde  zufolge  die  Klöster  von  Thür  zu  Thür  sich  durchbettelnd  besuchen. 
1256  weilte  Albert  in  Paris  aus  Anlass  der  Streitigkeiten  zwischen  der 
Universität  Paris  und  dem  ein  Privilegium  als  Nebenuniversität  zu  selb- 
ständigem Unterricht  beanspruchenden  Bettelmönchsorden  in  Rom,  wobei  er 
angeblich  der  Sache  der  Ordensbrüder  zum  Siege  verhalf.  1259  wohnte  er 
einem  Ordenskapitel  in  Valenciennes  bei;  1260  zum  Bischof  von  ßegens- 
burg  gewählt,  nahm  er  dies  Amt  nur  ungern  an  und  abdizierte  bereits  1263, 
um  dann  definitiv  in  Köln  bis  zu  seinem  Lebensende  zu  verbleiben. 

Albert  verriet  bereits  als  Student  Sinn  und  Talent  zur  Natur- 
forschung. Die  Schriften  des  Aristoteles,  die  gerade  damals  durch 
Uebersetzungen  populärer  zu  werden  anfingen,  verfehlten  ihren  Ein- 
druck nicht  auf  ihn;  schon  in  den  Augen  der  Studiengenossen  wurde 
Albert  als  der  „philosophus"  charakterisiert,  weil  er  im  Aristoteles 
genau  Bescheid  wusste  und  einige  seltsame,  in  Venedig  und  Padua 
beobachtete  Naturereignisse  zu  deuten  verstanden  hatte.  —  So  ist  es 
denn  nicht  auffallend,  dass  ihm  die  Liebe  zum  Aristoteles  zeitlebens 
anhaftete  und  er  der  Aristoteles  des  Mittelalters  genannt  werden 
konnte.  An  dies  Vorbild  lehnt  sich  Albert  ganz  und  gar  nicht  bloss 
in  Disposition  und  Detailbeschreibung,  sondern  selbst  in  einzelnen 
Kapitelüberschriften  an.  Mit  den  Naturforschern  der  scholastischen 
Periode  teilt  Albert  noch  die  Eigentümlichkeit,  dass  er  (im  Gegensatz 
zu  den  Encyklopädisten  der  Mönchsmedizin)  tiefer  und  erschöpfender 
auf  die  Gegenstände  der  Natur  eingeht  und  sich  nicht  mit  blossen 
oberflächlichen  Angaben,  die  fast  nur  auf  die  Nomenklatur  hinaus- 
laufen, begnügt.  —  Als  streng  kirchlich  gläubiger  Mann  musste  er 
selbstverständlich  seine  Aufgabe  darin  sehen,  gleichsam  zur  Beruhigung 
für  sein  eigenes  Gewissen  eine  Brücke  zwischen  Aristoteles,  dessen 
Autorität  sein  Lebenselement  war,  und  den  kirchlichen  Lehrsätzen, 
an  deren  Wahrheit  er  keinen  Zweifel  laut  werden  lassen  durfte,  auch 
wohl  hegte,  zu  schlagen,  und  so  erklären  sich  bei  aller  Anlehnung 
an  Aristoteles  seine  mehr  auf  transcendentem  Boden  stehenden 
„Digressiones".  Andererseits  ist  Albert  relativ  unbefangen  und  ge- 
steht oifen  ein:  so  sehr  er  in  der  Theologie  dem  Augustinus  folgte, 
in  der  Medizin  müsse  er  Hippokrates  und  Galen  als  höheren  Autori- 
täten huldigen.  Man  muss  es  Albert  zum  Lobe  ausdrücklich  hervor- 
heben, dass  er  streng  zwischen  natürlichen  und  übernatürlichen  Er- 
eignissen unterscheidet,  und  lediglich  die  ersteren  als  Objekte  der 
Naturbetrachtung  ansieht,  während  er  die  letzteren  an  die  Metaphysik 
verweist.  Freilich  sollen  hierher  auch  Genese  und  Schicksale  des 
Kosmos  gehören,  sowie  manches  andere,  was  nach  anderen  Anschau- 
ungen eine  natürliche  Erklärung  zulässt.  Alberts  Bestreben,  die 
Grenzen  der  Naturerkenntnis  festzustellen,  birgt  bereits  die  Keime 
einer  mehr  wissenschaftlichen  Behandlung  der  Naturphänomene  und 
die  Anerkennung  von  der  Notwendigkeit  „rerum  cognoscere  causas" 
und  nicht  lediglich  alles  vom  lieben  Gott  abzuleiten.  Man  muss  also 
Albert  schon  zu  den  rationelleren  Denkern  seiner  Zeit  rechnen,  obwohl 
ihn  die  Fesseln  der  Scholastik  genugsam  drücken,  und  er  seine 
Meisterschaft  in  der  dialektischen  Kunst,  von  seinem  eifrigen  Domini- 
kanerstandpunkt aus  die  Naturgesetze  den  Kirchenlehren  unterzuordnen, 
in  geradezu  imponierender  Weise  bekundet.    Doch  rechtfertigen  seine 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  663 

aufrichtige  Frömmigkeit,  seine  tiefe  Gelehrsamkeit,  sein  grenzenloser 
Fleiss,  der  Drang  nach  Universalität,  seine  Vielseitigkeit  in  der  Pro- 
duktivität die  allseitige  Anerkennung,  die  er  bei  Mit-  und  Nachwelt 
gefunden  hat  und  stempeln  ihn  thatsächlich  zu  einer  hervorragenden 
Erscheinung  im  Mttelalter, 

Drei  Domänen,  Theologie,  Philosophie  und  Naturwissenschaften 
beanspruchen  in  gleicher  Weise  diesen  Polyhistor,  den  „phoenix 
doctorum"  oder  „philosophorum  princeps",  wie  er  noch  (in  einem 
Epitaphium)  heisst,  als  den  ihrigen.  An  dieser  Stelle  können  nur  die 
naturwissenschaftlichen  Arbeiten  in  Betracht  gezogen  werden.  Leider 
ist  ihnen  das  Schicksal  aller  mittelalterlichen  Schriftwerke  zu  teil  ge- 
worden, dass  eine  Scheidung  des  Echten  vom  Unechten  mit  ausser- 
ordentlichen Schwierigkeiten  verknüpft  und  bis  heute  noch  nicht  durch- 
führt ist. 

Nach  den  Hmiptbiographen  der  tieueren  Zeit  {Choulant  «.  Meyer)  haben  wir 
folgende  naturwissenschaftliche  Schriften  als  echt  anzusehen  (in  chronologischer 
Ordnung  nach  ihrem  Entstehen  aufgezählt):  1)  Physicorum  libri  VIll,  8  Bücher 
über  Naturwissenschaften  {auch  de  physico  auditu  genannt),  schliessen  sich  an  des 
Aristoteles  physica  an  und  behandelten  die  allgemeine  Naturlehre,  die  Lehre  von  den 
Kräften  und  der  Bewegung  sehr  systematisch  und  ausführlich.  2)  de  coelo  et  mundo 
l.  IV,  4  Bücher  über  Himmel  und  Welt,  allgemeine  Grundsätze  über  Bewegung  der 
Himmelskörper,  ebenfalls  nach  dem  gleichnamigen  Buche  des  Aristoteles.  3)  de 
natura  locorum,  Klimato-  u.  kurze  Kosmograj^hie  mit  zahlreichen  ethno-  u.  physio- 
logischen Bemerkungen.  4)  de  causis  p^-oprietatum  elementorum,  die  Begründung 
der  spezifischen  Eigentümlichkeiten  der  Elemente  nach  den  physikalisch -geographi- 
schen Verhältnissen.  5)  de  generatione  et  corruptione  libri  II.  6)  Meteororum  libri  TV, 
Meteorologisches  u.  Physikalisch-Geographisches.  7)  de  mineralibus  libri  V.  8)  de 
anima  libri  III.  9)  de  nutrimento  et  nutribili.  10)  de  sensu  et  sensato.  11)  de 
memoria  et  reminiscentia.  12)  de  intellectu  et  intelligibili  libri  II.  13)  de  somno 
et  vigilia.  14)  de  juvejitute  et  senectute.  15)  de  spiritu  et  respiratione  libri  IL 
16)  de  motibus  animalium  libri  II  {von  den  willkürlichen  und  unwillkürlichen  Be- 
wegungen der  Tiere).  17)  de  vita  et  morte.  18)  de  vegetabilibus  et  plantis  libri  VII. 
19)  de  animantibus.  —  Für  die  Beurteilung  der  natuncissenschaftlichen  Kenntnisse 
Alberts  kommen  als  die  icichtigsten  die  sub  Nr.  7,  18  «.  19  genannten  Schriften  in 
Betracht.  Ar.  7  enthält  eine  ausführliche  Darstellung  de?-  allgemeinen  Eigenschaften 
der  Mineralien,  die  Beschreibung  von  95  Edelsteinen,  darunter  auch  die  Perle,  von 
7  Metallen,  Satz,  Vitriol,  Alaun,  Arsenik,  Marcasit  {Schtcefelkies),  Nitrum,  Tutia, 
Electrum.  —  Eine  schöne  Ausgabe  von  Nr.  18  erschien  durch  Meyer  u.  Jessen 
{Berlin  1867).  —  Dazu  kommen  zahlreiche  A^-beiten  spezifisch  thologischen  und  philo- 
sophischen Inhalts,  und  nicht  tcenige,  sicher  unechte,  Alchemie,  Astronomie  u.  Astro- 
logie betreffende,  so  u.  a.  auch  das  berüchtigte  Machtverk  de  secretis  mulierum  mit 
einer  z.  T.  direkt  schlüpfrigen  Tendenz.  —  Alberts  Werke  sind  entspi-echend  dem 
grossen  Ansehen  ihres  Verfassers  bald  nach  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  partiell 
und  in  zahlreichen  Gesamtausgaben  erschienen.  Von  letzteren  ist  die  bekannteste 
in  XXI  Foliobänden  von  Petrus  Jamy  {Lyon  1651)  mit  Marginalindices,  Varianten 
und  Registern.  Auch  deutsche,  französische,  italienische  und  polnische  Veber- 
setzungen  einzelner  Schriften  existieren.  —  Vgl.  besonders  die  Biographien  von 
Choulant  im  Janus  I  {1846)  p.  127—160;  Meyer,  Geschichte  der  Botanik  IV 
P-  9 — 84  und  die  daselbst  angegebenen  Quellen,  sowie  wegen  der  Litteratur  der 
jüngeren  Zeit  Haeser  l.  c.  I  u.  Paget,  Med.  Biblogr.  de  1875—96. 

Grössere  Verbreitung  als  Alberts  Werke,  wenn  auch  ihrem  inneren 
Gehalt  nach  hinter  diesen  weit  zurückstehend,  fanden  die  Arbeiten 
dreier  anderer  Naturforscher  der  scholastischen  Periode,  nämlich  des 
Engländers  Bartholomaeus  Anglicus;  des  Niederänders  Thomas 
de  Cantimprato  und  des  Franzosen  Vincentius  Bellovacensis. 

Das  "Werk  des  Erstgenannten,  betitelt  „de  genuinis  rerum  coelestium, 
terrestrium  et  infernarum  proprietatibus  libri  XVIII,  cui  [sie !)  accessit  liber 
XIX,  de  variarum  rerum  accidentibus",  um  1258 — 1260  verfasst,  ist  durchaus 


664  Julius  Pagel. 

minderwertig  und  von  derselben  Gattung  wie  die  oben  charakterisierten 
Produkte  der  Mönchsmedizin.  v.  Töply  in  seinen  gründlichen  ,, Studien 
zur  Geschichte  der  Anatomie  im  Mittelalter"  (Leipzig  und  "Wien  1898) 
schliesst  seine  ausführliche  Analyse  des  Bartholomaeus  (p,  113—121)  damit, 
dass  er  sagt,  man  wird  diesem  Autor  nicht  allzu  nahe  treten,  wenn  man 
seine  mühselige  Arbeit  als  kritiklose  Kompilation  bezeichnet.  Das  5.  Buch, 
welches  die  Anatomie  behandelt,  ist  ganz  nach  Isidor  v.  Sevilla  gearbeitet.  — 
Trotzdem  war  das  Werk  sehr  populär,  wie  die  grosse  Zahl  der  Ausgaben 
beweist  (vgl.  v.  Töply  1.  c.  und  die  dort  angegebenen  Quellen).  —  Auf 
keiner  höheren  Stufe  steht  die  bis  jetzt  nur  handschriftlich  vorhandene 
Kompilation  „de  naturis  rerum'*  des  Thomas  v.  Cantimprö  (Canti- 
pratanus),  sogenannt  von  dem  Kloster  bei  Cambrai,  an  welchem  er  als 
B,egularkanonikus  wirkte.  Das  Werk  wird  irrtümlicherweise  öfter  Th.'s 
Lehrer  Albertus  Magnus  zugeschrieben ;  doch  bekennt  sich  Th.  in  dem 
Prologus  zu  seinem  ,,Bonum  universale  de  apibus"  ausdrücklich  zur  Ver- 
fasserschaft mit  den  Worten: 

„Revolvi  autem  librum  illum  de  natura  rerum  quem  ipse  multo  lahore  per 
annos  15  de  diversis  auctoribus  utilissime  compilavi." 

Thomas  stammte  aus  Peters  Leeuw  bei  Brüssel,  wo  er  1204  geboren 
wurde,  war  anfangs  Augustiner  und  in  der  oben  genannten  Stellung,  trat 
1232  zu  den  Dominikanern  über,  war  in  Köln  unter  Albert  dem  Grossen 
und  später  in  Paris  zur  Erwerbung  des  Magisteriums,  die  ihm  jedoch  nicht 
glückte,  und  kehrte  1240  als  Lector  nach  Löwen  zurück,  erhielt  dann  das 
Amt  eines  Generalpredigers  der  Provinzen  Deutschland,  Frankreich  und 
Belgien  und  starb  am  15.  Mai  1280.  Er  soll  sehr  gelehrt  und  namentlich 
ein  Kenner  des  Griechischen  gewesen  sein.  Unter  seinen  litterarischen 
Arbeiten  befinden  sich  auch  Uebersetzungen  einiger  aristotelischer  Schriften 
ins  Lateinische.  Das  oben  genannte  Werk  ist,  soweit  die  Inhaltsübersicht 
und  ein  Analogieschluss  aus  anderen  gedruckten  Werken  des  Thomas  ein 
Urteil  gestattet,  sicher  nichts  weiter  als  eine  mehr  weniger  redaktionell  ge- 
änderte Nachahmung  der  Vorgänger  und  eine  blosse  Entlehnung  der  älteren 
Mitteilungen  ohne  selbständige  Nachprüfung  und  eigene  Beobachtung.  (Vgl. 
V.  Töply  1.  c.  p.  109 — 113.)  —  Für  das  geringe  Niveau  naturwissenschaft- 
licher Anschauungen  und  der  Anforderungen,  die  die  Zeitgenossen  an  der- 
artige Arbeiten  stellten,  •  ist  keine  Thatsache  charakteristischer,  als  die  Be- 
liebtheit des  Buches  von  Thomas.  Wahrscheinlich  hatte  es  für  einzelne 
Kreise  nur  den  Fehler  zu  grosser  Beleibtheit;  nur  so  lässt  sich  das  Be- 
dürfnis nach  den  zahlreichen  Umarbeitungen  und  Auszügen  aus  demselben 
erklären.  Thomas  hatte  viel  aus-  und  abgeschrieben,  ihm  wurde  das  Schicksal 
zu  teil,  gleichfalls  als  Quelle  für  weitere  Entlehnungen  zu  dienen.  Auf  einem 
solchen  Auszug  beruht  das  vielberufene  ,,Puch  der  Natur'*  von  Kunrat 
vonMegenberg  1307 — 1374  (eigentlich  Maydenberg,  de  Monte  Puelllarum, 
vgl.  Graesse  II  2  p.  81  u.  571),  das  nichts  weiter  ist  als  eine  durch  zahl- 
reiche Abweichungen  vom  Original  unkenntlich  gemachte  und  mit  Pseudo- 
originalität  ausgestattete  deutsche  üebertragung  einer  solchen  freien  latei- 
nischen Bearbeitung  von  ,,de  rerum  naturis''  des  Thomas  Cantimpre.  Dieses 
populäre  Buch  (herausgegeben  von  Fr.  Pfeiffer,  Stuttgart  1862,  in  neuhoch- 
deutscher Sprache  bearbeitet  und  mit  Anmerkungen  versehen  von  Hugo 
Schulz,  Greifswald  1898)  stellt  als  erste  Naturgeschichte  in  deutscher 
Sprache  eine  litterar  historische  Rarität  dar,  ist  jedoch  ohne  jeden  wissen- 
schaftlichen Wert.  Es  strotzt  von  irrtümlichen  und  abergläubischen  Mit- 
teilungen,   ganz  wie    sein    entferntes  Vorbild.     Der   Verfasser    machte    seine 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  665 

Studien  in  Erfurt  und  Paris  und  war  Kanonikus  in  Regensburg.  Anerkennens- 
wert ist  allenfalls  die  zeitweise  hervortretende  liberale  Gesinnung  des  Ver- 
fassers, der  keine  Bedenken  trägt,  kirchliche  Missbräuche  und  sittliche  Defekte 
bei  seinen  Berufsgenossen  zu  verspotten. 

Vgl.  ausser  den  bei  Haeser  1  p.  699  genannten  Quellen  noch  H.  Sprenger^ 
Ziu  Conrad  v.  Megenberg^s  Buch  der  Natur,  Germania  Viertel jahrsschr.  f.  d.  Alter- 
thum  1894.  —  Auf  ähnlicher  Basis  beruht  wahrscheinlich  auch  die  als  Meinauer 
Naturlehre  bekannte,  erst  1851  von  Wackefnagel  {Bibl.  d.  litter.  Vereins  Bd.  22 
p.  1 — 19)  edierte  Schrift,  die  vielleicht  aus  einem  Werk  der  Schule  von  Salerno  oder 
Montpellier  entlehnt  ist.  Den  in  Bezug  auf  die  eigentliche  Medizin  sehr  dürftigen 
Inhalt  bilden  diätetische  Bemerkungen  und  eine  Aufzählung  der  vier  Temperamente. 
Dasselbe  gilt  von  einigen  anderen  encyklopädischen  Werken  des  13. — 14.  Jahr- 
hunderts, so  von  den  „Li  Livres  diu  Tresor"^  des  ßintnetto  Latini  {f  1294)  aus 
Florenz,  eines  Zeitgenossen  Dantes  {vgl.  G^-aesse  l.  c.  II  p.  1202 ff.),  sowie  von 
den  „Composizione  del  mundo'^  des  Fistoro  (VArezzo  {um  1282,  herausgegeben 
von  Enrico  Narducci,  Rom  1859).  Lediglich  auf  Botanik  und  Landwirtschaft  be- 
zieht sich  das  bei  Meyer  IV  p.  138  gründlich  analysierte  „Opus  ruralium  commo- 
dorum"  von  Petrus  de  Crescentiis,  einem  Atttor  aus  dem  Anfang  des  14.  Jahr- 
hunderts {vgl.  Janus  N.  F.  II  1853  p.  380).  —  Eine  Reihe  populärmedizinischer 
Schriften  der  mittelalterlichen  Litteratur  {wie  der  „Gart,  der  Gesundheit",  das 
Arzneybuch  des  Ortolff  v.  Bayrlandt  u.  a.)  wird  später  zu  erwähnen  sein. 

Bei  weitem  bedeutender  und  für  die  Medizin  nicht  unwichtig  ist 
der  dritte  in  der  Serie  der  oben  genannten  naturwissenschaftlichen 
Encykloplädisten  nach  Albert,  der  berühmte  VincenzvonBeauvais 
(Vincentius  Bellovacensis),  von  dessen  Leben  nur  soviel  be- 
kannt ist,  dass  er  „Lector"'  bei  Ludwig  IX.  dem  Heiligen  war  und 
1264  starb.  Ausser  zahlreichen  theologischen  Schriften  verfasste  er 
das  voluminöse  „Speculum  majus  tripertitum"  in  3  Teilen, 
als :  speculum  naturale,  historiale  und  doctrinale,  „die  umfang-  und  in- 
haltreichste Encyklopädie  aller  Wissenschaften,  welche  bis  dahin  er- 
schienen war"  (Meyer). 

Die  Kgl.  Bibliothek  zu  Berlin  besitzt  {unter  A.  4040)  ein  prachtvolles  Exemplar 
{editio  princeps)  des  Speculum  naturale  in  zwei  Riesenfolianten,  welche  aus  der 
Bibliothek  der  Breslauer  Dominikaner  stammen.  Druck  und  Ausstattung  { Ver- 
zierung der  Initialen)  sind  ganz  ausgezeichnet,  offenbar  handelt  es  sich  um  eine  In- 
kunabel aus  der  ersten  Zeit  nach  Erfindung  der  Buchdruckerkunst.  Näheres  über 
Druckjahr  und  -Ort  fehlt. 

Das  Speculum  naturale,  dessen  Beendigung  in  das  Jahr  1250  fallt, 
umfasst  33  Bücher  mit  3740  Kapiteln.  Der  Stoff  ist  ganz  nach  den 
sechs  Schöpfungstagen  gegliedert.  Mit  Buch  19  beginnt  der  6.  Schöpfungs- 
tag („de  opere  sexti  diei  etc.").  Buch  2Ö  handelt  von  der  Anatomie 
des  Menschen  („de  formatione  corporis  humani").  Buch  32  (,.de  humana 
generatione  etc.")  von  Zeugung,  Geburt,  Wochenbett,  Lebensalter, 
Temperament,  Krankheitsanlagen,  Tod  u.  s.  w.  Citiert  werden  ausser 
den  Kirchenvätern  und  Philosophen  Augustinus,  Cassianus,  Gull,  de 
Conchis,  Gregorius  (von  Nazianz?),  Hieronymus,  Maurus  noch  Hippo- 
krates,  Aristoteles,  Plinius,  Palladius,  Avicenna,  Razes,  Isaak,  Hali 
Abbas,  Constantinus  (Africanus),  Platearius,  Salernus,  Isidors  Etymolo- 
giae,  Albertus,  das  Buch  „de  rerum  naturis"  (vgl.  weiter  unten),  im 
ganzen  sind  Excerpte  aus  vielen  Hunderten  von  Schriften  bezw. 
Schriftstellern  gegeben;  dagegen  bin  ich  merkwürdigerweise  auf  ein 
Citat  aus  Galen  nicht  gestossen.  Am  Schluse  des  speculum  naturale 
befindet  sich  ein  bis  etwa  1250  fortgeführter  kurzer  Abriss  der  Welt- 
geschichte. —  Das  Werk  von  Vincenz  v.  ßeauvais  ist  mit  bewunderns- 
wertem Sammelfleiss  hergestellt;  es  stützt  sich  aber  nicht  bloss  auf 


055  Julius  Page  1. 

fremde  Citate,  sondern  bringt  auch  sehr  verständige  Ansichten  des 
Verfassers  selbst  (unter  dem  Stichwort  „Autor").  Die  Sprache  ist  klar 
und  leicht  verständlich,  oft  von  dem  bekannten  simpeln  Stil;  durch 
Einflechtung  interessanter  Vergleiche  entbehrt  der  Inhalt  nicht  eines 
gewissen  Eeizes,  so  dass  die  Lektüre  sich  zu  einer  fesselnden  gestaltet. 

Vgl.  Haeser  l.  c.  I  p.  697 ,  Meyer  IV  u.  die  dort  genannten  Quellen, 
ferner  A.  Rieunier,  Quelques  mots  sur  la  medecine  au  moyen-äge  d^apres  le  Spe- 
culum  majus  de  Vincent  de  Beauvais  XIII.  siecle,  Paris  1893;  JT.  B.  Bourgeaty 

JE]tudes  siir  Vincent  de  Beauvais,  Paris  1856. 

In  ungefähr  dieselbe  Periode  und  Gattung  von  Schriften  gehört 
auch  die  1863  ans  Licht  gezogene  Schrift  „de  rerum  naturis". 
des  englischen  Geistlichen  Alexander  Neckam  (Nechamus,  Nequam, 
de  Nuques),  in  welcher  die  naturwissenschaftlichen  Kenntnisse  jener 
Zeit  in  kompendiöser  Form  mit  einer  theologischen  Exegese  zum  Eccle- 
siasticus  verflochten  sind. 

Neckam  (1157 — 1227)  stammte  aus  Hartford  in  England,  studierte  an 
französischen  und  italienischen  Universitäten,  trat  dann  in  das  Augustiner- 
kloster zu  Exchester  ein,  dessen  Abt  er  seit  1225  war.  Er  starb  in 
Worchester.  N.  ist  bemerkenswert  dadurch,  weil  er  der  älteste  europäische 
Schriftsteller  ist,  bei  welchem  der  Boussole  Erwähnung  geschieht. 

Vgl.  Crraesse  l.  c.  II  2  p.  234;  Haeser  l.  c.  p.  641;  Steinschneider, 
Hebr.  Uebers.  d.  Mittelalters  p.  964. 

Ein  Zeitgenosse  und  Freund  von  Neckam  ist  Alfred  de  Sereshel 
(oder  de  Sarchel),  auch  Alfredus  Anglicus  geheissen,  ein  bedeutender 
Kenner  des  Aristoteles  und  Verfasser  einer  Nequam  gewidmeten  Schrift  de 
motu  cordis. 

Vgl.  C.  8.  Barach,  Excerpta  e  libro  Anglici  de  motu  cordis  item  Costa 
Ben  Lucae  de  differentia  animi  et  spiritus  über  translatus  a  Johanne  Hispalensi 
(Innsbruck  1878). 

Die  scholastischen  Mediziner. 

Italien. 

Die  scholastische  Medizin  ist  nicht  bloss  chronologisch,  sondern 
auch  pragmatisch  als  Tochter  der  Mönchsmedizin  zu  bezeichnen.  Beide 
sind  sozusagen  aus  demselben  Blute,  nur  ist  die  Scholastik  noch  an 
der  Brust  der  arabischen  Amme  gesäugt  und  hat  dadurch  ein  anderes 
Kolorit  erhalten.  Die  Tradition  der  Klosterschulen  fand  eine  würdige 
Fortsetzung  und  Erbin  an  der  Scholastik ;  ihre  getreuen  Hüter  wurden 
die  Universitäten.  Bildeten  nicht  Salerno  und  allenfalls  Montpellier 
die  ehrenvolle  Ausnahme,  so  könnte  man  sagen:  Universität  und 
Scholastik  sind  an  einem  Tage  geboren.  Beide  bedeuten  eine  Art  von 
wissenschaftlichem  Aufschwung  insofern,  als  ihnen  die  Tendenz  zur 
gelehrten  Gründlichkeit  eigen  ist,  wie  sie  sich  besonders  in  der  er- 
schöpfenden Durchrüttelung  und  Durchschüttelung  (Discussio  et  Dis- 
putatio)  des  Thema  probandum,  in  den  Citaten  der  verba  magistrorum, 
in  den  gelehrten  Zuthaten  „Schollen"  genannt,  in  Kommentaren  und 
Superkomm entaren,  in  einem  lebhaften  Frage-  und  Antwortspiel  zeigt. 
Indessen  eben  diese  wissenschaftliche  Methode,  für  Theologie  und 
Philosophie  das  Ideal  einer  solchen,  gereichte  der  Medizin  und  Natur- 
forschung zum  Verderb.    Duo  cum  faciunt  idem  non  est  idem.    Die 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  667 

theologische  Physiognomie  aller  Wissenschaften  mit  Dogma  an  der 
Spitze  und  Autoritätsglauben  als  Grundsäule  verurteilten  von  vorn- 
herein die  Heilkunde  zum  Stillstand,  zur  praktischen  ünfruchtkarkeit 
und  führten  sie  fast  an  den  Rand  des  Abgrunds.  Dennoch  überragt 
immerhin  die  Scholastik  ihre  mönchsarzneiliche  Mutter  der  früheren 
Jahrhunderte.  Schon  zeigt  sich  wenigstens  das  schwache  Bestreben 
nach  Emanzipation,  nach  Selbstbefreiung  von  dem  legendarischen  und 
naiven  Charakter,  der  den  Produkten  der  Mönchsmedizin  anhaftete, 
wenn  auch  viele  Züge  noch  zu  deutlich  die  gemeinschaftliche  Ab- 
stammung, die  Blutsverwandtschaft  verraten.  Eine  gewisse  Neigung 
zur  eigenen  Beobachtung  und  selbständigen  Prüfung  der  Ueberliefe- 
rungen  ist  nicht  zu  verkennen,  aber  die  Methode  ist  eine  falsche;  es 
weht  ein  kräftiger  Hauch  von  Ratio,  aber  ohne  Experimentum ;  es 
steckt  ein  tiefer  wissenschaftlicher  Ernst  in  allen  Arbeiten  der 
scholastischen  Periode,  aber  Ziele  und  Wege  sind  eine  Kette  von 
Irrungen  und  Zirkelbewegungen.  Selbst  die  Autoren  der  zahlreichen 
Kompilationen  machen  sich  ihre  Thätigkeit  durchaus  nicht  leicht; 
fleissig  suchen  sie  ihre  Quellen  auf  und  eitleren  sie;  in  wahrhaft 
rührender  Weise  quälen  sie  sich  damit  ab,  ihren  Behauptungen  durch 
vermeintlich  beweiskräftige  Momente  den  nötigen  Nachdruck  zu  geben ; 
mit  einem  staunenswerten  Aufwand  von  dialektischen  Künsten  und 
logischem  Formalismus,  mit  einer  Citatenwut  sondergleichen,  mit  einem 
förmlichen  Turmbau  von  Propositiones,  Quaestiones,  Argumentationes, 
CoUectiones,  RecoUectiones,  Quodlibetationes  sollen  Widersprüche  aus- 
geglichen, in  den  oft  willkürlich  angenommenen  Differenzen  die  Sphäre 
der  Harmonien  nicht  minder  willkürlich  retabliert  werden.  Man  kann 
sich  von  dieser  Art  von  Lehre  und  Beweisführung  ohne  Lektüre  der 
Originalien  kaum  eine  Vorstellung  machen.  Man  glaubt  sich  in  die 
Talmudschulen  der  Juden  oder  die  arabischen  „Medrasat"  versetzt, 
nur  der  eigentümliche  begleitende  Singsang  fehlt,  im  übrigen  ist  die 
Aehnlichkeit  eine  geradezu  frappierende.  Uns  erscheinen  diese  ganze 
Art  der  Fragestellung,  die  oft  bei  den  Haaren  herbeigezogenen  Ein- 
wände in  den  stereotypen  Satzanfängen,  wie:  Hie  oritur  quaestio  famosa, 
oder  quaestio  salbatina,  quaeritur  utrum  etc.,  arguitur  quod  sie,  ad 
hoc  quod  dicis,  ad  primum  respondeo  .  . . ,  ad  secundum  etc.,  major  patet, 
minor  etc.,  ergo  etc.,  wobei  nicht  selten  offene  Thüren  mit  aller  Kraft 
eingerannt  werden,  völlig  unbegreiflich.  Dahin  hatte  die  Kirche  mit 
ihrem  fanatischen  Dogmenzwang  die  medizinische  Forschung  gebracht! 
Nachdem  Galen  und  Avicenna  förmlich  heilig  gesprochen  waren,  wie 
hätten  grosse  und  kleine  Geister  wagen  dürfen,  an  diesen  Ketten  zu 
rütteln,  welche  anderen  Hilfsmittel  als  die  der  Dialektik  hätten  sie 
verwenden  können,  um  als  blind  gehorsame  Sklaven  nicht  gegen  die 
von  der  Kirche  anerkannten  und  von  ihr  als  massgebend  betrachteten 
Autoritäten  zu  Verstössen?!  Es  ist  überdies  kein  Zufall,  dass  die- 
jenigen beiden  Universitäten  in  Italien,  welche  die  berühmtesten  Rechts- 
schulen jener  Zeit  beherbergten,  nämlich  Bologna  und  Padua,  die 
eigentlichen  Centren  der  scholastischen  Medizin  wurden.  Formelkram 
und  dialektisches  Gezanke,  Buchstabendeutung  und  Wortklauberei, 
diese  wahren  Wonnen  der  Juristen,  wurden  leider  auch  die  Signatur 
der  Medizin  an  diesen  Schulen,  deren  Hauptführer  in  Bologna  zunächst 

Thaddaeus  Alderotti  (1215—95) 
aus  Florenz  war. 


668  Julius  Pagel. 

lieber  die  Lebensgeschichte  dieses  merkwürdigen  Mannes  finden  sich 
in  den  Schriften  desselben  zahlreiche  autobiographische  Daten.  Von  neueren 
Historikern  beschäftigt  sich  Puccinotti  in  seiner  Storia  di  med.  (II  2  p.  289, 
340)  am  ausführlichsten  mit  Thaddäus.  Er  schwelgt  förmlich  in  der 
breitesten  Darlegung  von  dessen  ..physiologischen"  und  philosophischen 
Doktrinen,  die  eher  in  ein  Lehrbuch  der  katholischen  Moraltheologie  oder 
Philosophie  als  ein  solches  der  Medizin  gehörten.  —  Thaddäus  stammte  aus 
einer  ganz  ärmlichen  Familie  der  niedersten  Volksstufen  und  soll  bis  zu 
seinem  30.  Lebensjahre  ohne  jede  höhere  Bildung  und  Erziehung  geblieben 
sein.  Er  erwarb  seinen  Lebensunterhalt  durch  Verkauf  von  Kerzen.  "Wie 
er  selbst  mitteilt,  war  er  Soranambulist.  Erst  im  kräftigen  Mannesalter  er- 
wachte bei  ihm  der  Lerntrieb;  er  begann  1245  mit  grossem  Eifer  das 
Studium  der  Philosophie  und  Medizin  in  Bologna.  1260  trat  er  zuerst  als 
Lehrer,  1269  als  Schriftsteller  hervor.  In  der  Praxis  hatte  dieser  gelehrte 
Scholastiker  enorme  Erfolge.  Er  war  u.  a.  Arzt  des  Papstes  Honorius  IV. 
und  gewann  ein  grosses  Vermögen.  Trotz  seines  Eigennutzes  genÄss  er  bei 
seinen  Landsleuten  grosse  Popularität,  so  dass  ihm  allerlei  Privilegien,  Steuer- 
befreiung u.  dgl.  eingeräumt  wurden.  Er  stand  im  Verkehr  mit  den 
berühmtesten  seiner  Zeitgenossen,  u.  a,  mit  Dante,  der  ihn  als  „Hippokratist" 
bezeichnete.  Noch  im  Alter  von  80  Jahren  heiratete  er.  —  Seine  schrift- 
stellerische Thätigkeit  ist  ziemlich  umfangreich  gewesen ;  die  meisten  Schriften 
bilden  Kommentare  zu  griechischen  und  arabischen  Autoren,  weshalb  ihn 
Choulant,  meines  Erachtens  mit  Unrecht,  zu  den  Vertretern  der  sogen,  „grä- 
cisierenden"  Scholastik  zählt.  Eher  kann  man  sagen,  dass  in  Thaddäus 
die  Verschmelzung  des  Gräcismus  mit  dem  Arabismus  perfekt  wird.  — 
Auch  als  Uebersetzer  ins  Italienische  ist  Thaddäus  hervorgetreten  (wofür 
Puccinotti  1.  c.  II  1  p.  XLIV  eine  Probe  aus  der  Ethik  des  Aristoteles 
liefert).  Die  meisten  seiner  Schriften  sind  aus  Aufzeichnungen  für  die  Vor- 
lesungen hervorgegangen,  daher  ausser  öfteren  autobiographischen  Notizen 
noch  allerlei  persönliche  Bemerkungen  darin  vorkommen,  wie :  ich  will  zu 
Bette  gehen,  also  genug  für  heute,  oder :  ich  schliesse,  weil  das  Papier  zu 
Ende  ist  und  ich  müde  bin,  oder:  diese  Note  ist  in  Pisa  gemacht,  als  ich 
einen  Krankenbesuch  dort  machen  wollte  u.  dgl.  —  Von  den  Schriften,  die 
z.  T.  in  einer  Neapeler  Ausgabe  von  1522  und  in  einer  Venediger  Aus- 
gabe von  Joh.  Bapt.  NicoUinus  Salodiensis  (1527)  gedruckt,  z.  T.  noch 
handschriftlich  in  den  Bibliotheken  vorhanden  sind  (einige  Consilia  hier- 
von hat  Puccinotti  1.  c.  I  p,  XIV — XXVII  abgedruckt),  seien  genannt: 
Expositio  in  arduum  Hippocratis  volumen,  bestehend  aus 
Glossen  zu  Hippokrates'  Aphorismen  und  dem  galenischen  Kommentar  der- 
selben, ferner  Kommentare  zu  Galens  Microtechne,  der  Isagoge  von  Johannitius 
und  ein  mehr  selbständiges  Werk  diätetisch-hygienischen  Inhalts  unter  dem 
Titel:  hber  sanitatis  conservandae  factus  et  adinventus  etc.  (Bonon.  1477, 
auch  italienisch).  Die  Berliner  Bibliothek  besitzt  von  Thaddäus  die  oben 
genannten  beiden  Ausgaben  in  einem  dicken  Folianten  vereinigt  (asserviert 
sub  Vr  3140).  Vgl.  noch  v.  Töply:  Mann  und  Weib.  Eine  Abhandl. 
V.  T.  A.     Wiener  klin.  Eundsch.   1899  Nr.   41—42. 

Thaddäus  war  ein  durch  und  durch  philosophastischer  Gelehrter» 
der  winzige  Kern  von  Beobachtungen  ist  erstickt  und  begraben  unter 
einer  dicken  Hülle  von  philosophisch-dialektischen  Zusätzen.  Pucci- 
notti giebt  sich  grosse  Mühe  den  Zusammenhang  zwischen  Thaddäus 
und  dem  bekannten  römischen  Philosophen  A.  M.  T.  S.  Boethius  (gest. 
525)  durch  komparatives  Material  zu  erweisen.  —  Es  ist  unmöglich, 


Geschichte  der  Heilknnde  im  Mittelalter.  669 

sich  auch  nar  im  entferntesten  von  der  Art  der  Argumentation,  von 
der  Methode,  die  den  wissenschaftlichen  Auseinandersetzungen  dieses 
Hauptes  der  Scholastiker  zu  Grunde  liegt,  ohne  die  Originallektüre 
ein  Bild  zu  machen.  Das  Ganze  ist  ein  wahrer  Eattenkönig  von 
Fragen  und  Antworten  und  erregt  schliesslich  bei  fortgesetzter  Lektüre 
den  höchsten  Widerwillen. 

Es  mag  daher  ein  kleiner  Passus  ans  Kap.  X  seines  Kommentars  zur  be- 
kannten Isagoge  des  Joannitius  hier  in  deutscher  Sprache  reproduziert  werden.  Er 
lautet:  Frage  d:  Ob  jemand  im  Schlaf  Sinnesempfindurig  haben  kann?  Mit  Bezug 
auf  diese  Frage  4  gehe  ich  folgendermassen  vor:  Es  scheint,  als  ob  der  Mensch 
schlafend  fühlen  kann,  da  er  doch  auch  im  Schlaf  sich  bewegt,  wie  das  an  den 
Nachtwandlern  (zu  denen  ich  auch  gehöre)  klar  wird.  Bewegung  ist  aber  mit  Gefühl 
verbunden,  tceil  beide  auf  derselben  Stufe  stehen  {aequalia  sunt).  Ausserdem  tcissen 
tcir,  dass  sie,  nämlich  die  Nachtwandler,  ein  Pferd  satteln  U7id  reiten,  dies  ist  aber 
ohne  Sinnesthätigkeit  unmöglich.  Hinwiederum  ist  nach  einem  Ausspruch  des 
Aristoteles  (in  der  Schrift  über  Schlafen  und  Wachen)  Schlaf  das  Unvermögen  des 
Sinnesgebrauchs  und  die  Unerregbarkeit  (immobilitas)  der  Sinnesthätigkeit,  also 
fühlt  der  Mensch  im  Schlaf  nicht.  Hierauf  {nämlich  auf  diese  Widn'sprüche 
zwischen  der  letzteren  und  der  vorhergehenden  Schlussfolgerung)  antworte  ich,  dass 
zweifellos  der  Mensch  im  Schlaf  nichts  fühlt  und  räume  die  Begründung  nach  dieser 
Seite  ein.  Wenn  man  mir  nun  einwendet,  dass  der  Mensch,  da  er  sich  im  Schlaf 
bewegt,  auch  Gefühl  haben  muss,  so  erwidere  ich  darauf,  dass  jene  Bewegung  (näm- 
Hch  die  im  Schlafe)  nur  geschieht  als  Folge  einer  Einwirkung  auf  das  Einbildungs- 
vermögen (motus  non  fit  nisi  ab  impressione  facta  in  virtute  imaginativa),  das  im 
Schlafe  gut  funktioniert  {bene  operatur).  Wendet  man  nun  ein,  dass  mit  der  Be- 
tvegung  zugleich  auch  die  Sinnesempfindung  verwaiulelt  wird,  so  ist  das  wohl  richtig 
hinsichtlich  der  äusseren  Uebereinstimmung  (secundum  aptitudinem),  aber  nicht  der 
eigentlichen  Funktion  {secundum  actum),  daher  fühlen  tcir  meistens,  ohne  ein  Glied 
zu  bewegen  ^lnd  umgekehrt  {wie  sich  das  aus  dem  vorhin  Gesagten  ergiebt).  In  Bezug 
auf  den  zweiten  Einwand,  wenn  du  sagst ^  dass  sie  selbst  ein  Pferd  satteln  und 
reiten,  entgegne  ich,  dass  sie  dies  mit  Hilfe  der  Einbildungskraft  thun  und  nicht 
mit  dem  Gefühlssinn  {no7i  per  visum);  denn  wäre  ihnen  das  Haus  unbekannt  (tn- 
solita,  d.  h.  befanden  sie  sich  in  einer  fremden  Umgebung),  so  würden  sie  nicht  zum 
Stall  gehen,  vielmehr  gehen  sie  aus  Gewohnheit,  ähnlich  wie  das  bei  Meister  Com- 
pagus  dem  Blinden  der  Fall  ist,  der  infolge  seiner  genauen  Bekanntschaft  durch 
die  Strassen  von  Bologna  ohne  Begleiter  geht.  Ueberaies  kenne  ich  das  aus  eigener 
Erfahrung,  da  ich  schon  schlafwandelnd  aus  einer  Höhe  von  4  Fuss  zur  Erde  ge- 
fallen bin.  Ich  sage  also,  dass  ich  nichts  fühle.  Denn  sobald  ich  zu  frieren  beginne 
oder  ich  jemand  sprechen  höre,  kehre  ich  zu  mir  zurück  {bekomme  ich  Bewusstsein) 
und  begebe  mich  ins  Bett"  u.  s.  tc.  —  hi  diesem  Tone  geht  es  weiter.  {Vgl.  die 
oben  genannte  Ausgabe  T.  II  fol.  362^  Columne  2  Zeile  27.) 

Es  soll  im  übrigen  nicht  geleugnet  werden,  dass  den  Ausfüh- 
rungen des  Thaddäus  eine  gewisse  Lebhaftigkeit  eigen  ist,  wie  er 
denn  überhaupt  ein  sehr  guter  Lehrer  gewesen  sein  soll,  der  auch 
praktischen  Unterricht  am  Krankenbette  erteilte,  sowie  als  Vorläufer 
von  Jacques  de  le  Boe  Sylvius  und  Boerhaave  gelten  kann.  —  Die 
didaktische  Bedeutung  des  Thaddäus  geht  aus  der  Thatsache  hervor, 
dass  zahlreiche  Männer  in  seine  Fusstapfen  traten  und  direkt  zu  seinen 
Schülern  gezählt  werden,  und  zwar  Männer,  die  als  Schriftsteller  und 
Praktiker  auch  ihrerseits  das  Niveau  des  Mittelmasses  überragten. 
Ausser  dem  (später  ausführlich  zu  behandelndeiy  Chirurgen  Saliceto^ 
gehört  hierzu  der  sogenannte  „Plusquamcommentator"  (nomen 
et  omen!)  Torrigiano  de  Torrigiani  (mit  dem  vollständigen 
Namen  Pietro  Torrigiano  Rustichelli,  auch  Trusianus  oder  Drusianus 
de  Valori  geheissen),  „prinius  inter  ceteros  Taddei  auditores",  gebürtig 
aus  Santo  Procolo  bei  Florenz,  dem  Heimatsorte  des  Historikers  und 
Biographen  Torrigianos,  Philippo  Yilani,  nach  einem  mehrjährigen 
Pariser  Aufenthalt  Karthäusermönch  in  Bologna,  wo  er  etwa  1350  ge- 
storben ist.    In  dem  „Commentum  in  librum  Galieni  qui  mi- 


yvw^ 


670  Julius  Pagel. 

croteclmi  intitulatur",  seinem  Hauptwerk,  von  dem  der  Autor 
seinen  Beinamen  hat,  sind  einzelne  nicht  üble  Gedanken,  das  meiste 
ist  jedoch  philosophistisch-aprioristische  Deutelei  ohne  thatsächlichen 
Wert.  Der  grosse  Ruf  dieses  Buches  charakterisiert  den  Geist  der 
Zeit  zur  Genüge,  ist  übrigens  z.  T.  auf  Rechnung  des  Ansehens  zu 
stellen,  welches  das  Original,  die  Microtechne  selbst,  besass. 

Der  Schluss  des  Einleitungskapitels  motiviert  den  Namen  Plusquam  commentum 
mit  folgenden  Worten:  „Et  quoniam  in  hoc  dicto  nostro  non  solum  mentem  Galeni 
proponimus  comminisci  sed  sepe  disgredientes  aliqua  faciemus  intercipi  medicis  non 
inutilia  sciri,  ideo  plusquam  commentum  appellamus.  Et  deus  sit  dator  auxilii." 
Besonders  abgedruckt  daraus  sind  „  Canones  balneandi"  cap.  XXXI  in  der  Gollectio 
de  haineis  {Venedig  1553).     Vgl.  Henschel  im  Janus  N.  F.  II  1853  p.  400. 

Fruchtbarer  als  Schriftsteller  und  Praktiker  ist  ein  anderer 
Schüler  (und  zugleich  Verwandter)  des  Thaddäus,  Dino  de  Garbo 
(f  1327),  Professor  in  Bologna  und  anderen  Städten,  zuletzt  in  Florenz, 
ein  Sohn  des  hervorragenden  Florentiner  Chirurgen  Bruno  oder  Buono, 
Schwagers  von  Thaddäus.  —  Nach  den  Mitteilungen  seines  sogleich 
zu  nennenden  Sohnes  war  Dino  ein  grosser  Verehrer  des  Galen,  dem 
er  wie  seinem  Evangelium  folgte.  Daneben  wandte  er  aber  seine 
Aufmerksamkeit  der  arabischen  Litteratur  zu,  speziell  dem  Avicenna, 
dessen  Canon  er  teilweise  in  sehr  weitschweifiger  Weise  kommentierte. 
Vielfach  wurde  er  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit  von  seinem  hohen 
Protektor,  dem  König  Robert  von  Sicilien,  angeregt. 

Die  Kommentare  des  „Dynus  Florentinus"  zu  Avicennas  Canon  beziehen  sich 
speziell  auf  1. 1  f.  4,  l.  II  und  den  Abschnitt  über  Chirurgie.  Ausgaben  erschienen: 
Ferrara  1489,  Vened.  1594  (Kgl.  Bibl.  Berlin).  Hauptsächlich  handelt  es  sich  um 
„^uaestiones"  und  deren  Beantwortung  ganz  in  scholastischer  Manier.  Die  Ein- 
leitung zu  l.  I  f.  4  besagt,  dass  der  Kommentar  vom  Verf.  1311  im  6.  Jahr  seiner 
Lehrthätigkeit  in  Bologna  begonnen  wurde  (w.  nach  dem  „Explicif^  1315  beendigt). 
Der  Kommentar  zu  l.  II  schliesst  mit  dem  Explicit:  „Et  finita  est  et  completa 
haee  expositio  et  declaratio  hujus  partis  Avicenne  anno  xpi  1325,  27.  mens.  Octobris. 
Quam  ego  Dynus  de  fi,orentia  minimus  inter  medicine  doctores  incepi  cum  viguit 
Studium  in  civitate  Senarum  et  hanc  partem  Avicenne  ibi  in  cathedra  legi  sed  eam 
complevi  cum  Florentiam  redii  propter  illius  studii  diminutionem  et  annihila- 
tionem  .  ...  et  hoc  opus  Senis  incepi  et  florentie  feliciter  terminavi.  —  lieber  den 
Streit  des  Dino  mit  dem  gefeierten  Dichter,  Philosophen  und  {eine  Zeitlang)  Leibarzt 
Johanns  XXII.  in  Avignon,  Cecco  dl  Asculo  {f  132T),  zuletzt  Professor  der  Astro- 
loqie  in  Bologna,  der  bekanntlich  nicht  ohne  Miticirkung  des  Dino  de  Garbo  zum 
E^euertode  verurteilt  wurde,  vgl.  Henschel  im  Janus  N.  F.  II  1853  p.  395; 
vgl.  ferner  Puccinotti,  Storia  di  med.  II  1  p.  LXXXIX  und  wegen  der  Be- 
deutung Dinos  als  chirurgischer  Schriftsteller  das  grosse  Geschichtsiverk  der 
Chirurgie  von  E.  Gurlt  I  p.  799  {Berlin  1898). 

Dinos  Sohn  und  Nachfolger,  Tommaso  di  Garbo  (f  1370), 
Freund  und  Landsmann  von  Petrarka,  ein  sehr  gesuchter  Arzt,  ver- 
fasste  eine  (unbeendigt  gebliebene)  „Summa  medicinalis"  (Venedig 
1506,  Kgl.  Bibl.  Berlin),  mehrere  Pestkonsilien,  eine  von  Kennern  ge- 
rühmte „Expositio  super  capitulo  de  generatione  embryonis  III.  Canon, 
f.  21  Avicennae"  (Vened.  1502,  Kgl.  Bibl.  Berlin,  zusammen  mit  einer 
ähnlichen  Schrift  des  Jacobus  Forliviensis,  s.  diesen),  einen  Kommentar 
zu  Galens  „de  febrium  differentiis"  und  andere  kleinere  Schriften. 

Das  Exemplar  der  summa  medicinalis  in  der  Kgl.  Bibl.  zu  Berlin  119  Folio- 
blätter stark,  enthält  noch  einen  „Tractatus  de  restauratione  humidi  radicalis^'  in 
5  Kapiteln  und  einem  „tract.  de  reductione  medicinarum  ad  actum'"'.  —  Der  An- 
fang der  summa  medicinalis  lautet:  Quoniam  sublimis  Deus  omnium  naturalium 
et  supernaturalium  est  opifex  vitam  et  esse  creaturis  distribuens  secundum  distinctos 
gradus  et  ordines:   Idcirco  in  hujus  nostri  operis  exordio  etc.    Das  Werk  ist  nach 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  671 

80  Quaestiones  im  I.  Buch  und  11  Quaestiones  im  IL  Buch,  das  aus  4  Traktaten 
besteht,  geordnet.  —  Vgl.  Henschel  l.  c.  p.  405;  Puccinotti  l.  c.  II  2  p.  346. 

Als  Vertreter  der  Bologneser  Schule  nach  Thaddäus  sind  zu  nennen 
Angehörige  der  (ursprünglich  jüdischen)  Aerztefarailie  Varignana: 
Bartolommeo,  ein  an  den  politischen  Angelegenheiten  seines  Landes 
hervorragend  beteiligter  Arzt,  dessen  Arbeiten.  Consilien  und  Kollegien- 
hefte (sogen.  Recollectiones),  hauptsächlich  Kommentare  zu  Galen  und 
Avicenna  bis  jetzt  nur  in  einigen  durch  Puccinotti  (1.  c.  II 1  CXIII  bis 
CXXIX)  publizierten  Proben  gedruckt  vorliegen;  dessen  Sohn:  Gui- 
lielrao  B.  (t  1330)  schrieb :  „Secreta  sublimia  ad  varios  curandos  mor- 
bos  verissimis  auctoritatibus  illustrata  additionibus  nonnullis:  flosculis 
item  in  margine  decorata  diligentissime  castigata  etc."  (Venedig  1520), 
„Ad  omnium  interiorum  et  exteriorum  partium  remediorum  praesidia 
et  ratio  utendi  eis  pro  circumstantiarum  varietate"  (Basel  1531),  zu- 
sammengefasst  in  „Opera  medica  de  curandis  morbis  universalibus  et 
particularibus,  febribus,  venenis,  faciei  et  totius  corporis  raundificatio- 
nibus"  (Lyon  1560).  Das  erstgenannte  Werkchen  besteht  aus  5  Ser- 
mones.  Sermo  I  enthält  in  19  Traktaten  eine  Pathologie  a  capite  ad 
calcem,  Sermo  II  in  2  Traktaten  die  Fieberlehre  und  akuten  Exan- 
theme, Sermo  III  in  5  Traktaten  Wunden  und  Geschwürslehre,  Sermo 
IV  in  3  Traktaten  Toxikologisches,  schliesslich  Sermo  V  in  8  Trak- 
taten den  bekannten  Abschnitt  „de  docoratione"  (Exantheme,  Lepra, 
elephantiasis  etc.). 

Vgl.  ruccinotti  l.  c.  II  2  p.  360.    Henschel  l.  c.  p.  390. 

Der  Vollständigkeit  halber  seien  hier  sogleich  die  späteren  Haupt- 
vertreter Bolognas  für  die  praktische  Medizin  angeschlossen.  Der  tüchtige 
Anatom  Nicolaus  Bert(r)ucci  (Vertuzzo,  -j-  1347),  Lehrer  des  Chirurgen 
Guy  de  Chauliac  und  Verfasser  verschiedener  Schriften  über  innere  Medizin, 

Vgl.  Henschel  l.  c.  p.  403  u.  E.  Cturlt,  Gesch.  d.  Chir.  I  p.  801. 

wovon  gedruckt  sind  eine  Abhandlung  über  Diätetik,  ein  „Collectorium 
artis  medicinae  tarn  practicae  quam  speculativae"  (dessen 
Hauptschrift)  mit  anatomischen  Bemerkungen,  und  ,,M ethodi  cognoscen- 
dorum  tam  particularium  quam  universalium  morborum". — 
Bertucci  steht  bereits  unter  dem  Einfluss  einer  aufgeklärteren,  durch  Ver- 
wertung anatomischer  Kenntnisse  geläuterten  Richtung ;  zu  seiner  Zeit  waren 
(speziell  nach  Mondinos  Vorgang,  vgl.  weiter  -unten)  an  den  Universitäten 
menschliche  Leichensektionen  zu  Unterrichtszwecken  häufiger  geworden. 
Ferner:  Pietro  de  Tussignana  (-{-  1410),  ist  bemerkenswert  als  "Ver- 
fasser der  ersten  Schrift  über  die  Bäder  von  Bormio  (gedruckt  in  der  Collect, 
de  balneis,  Venedig  1553  s.  t.  und  ,,3e  balneis  Burmi  apud  Vulturenos 
liber**) ;  er  schrieb  ferner:  Corapositiones  et  remedia  ad  plerosque  omnes 
affectus  morbosque  sanandos"  (Lugd.  1587,  zusammen  mit  der  Summula  des 
Jacobus  a  Partibus,   ex  libris  Mesue  excerpta) ; 

Vgl.  Henschel  l.  c.  p.  419. 

endlich  aus  dem  15.  Jahrhundert  Baverius  de  Baveriis  aus  Imola 
(■{■  nach  1480),  von  1447 — 55  Arzt  Nicolaus'  V.,  Verfasser  von  ,,Consilia" 
(Bologna  1489)  mit  einzelnen  beachtenswerten  kasuistischen  Mitteilungen 
(Caries  des  Felsenbeins,  Differentialdiagoose  zwischen  Hysterie,  Katalepsie, 
Epilepsie    und    Synkope,     Fall    von    Hemiplegie    einer    gravida    mit  Wirbel- 


672  Julius  Pagel. 

Säulenverkrümmung,     von    Magenschwindel ,     erfolgreicher    Behandlung    von 
Chlorose  mit  Eisen  etc.). 


Gegenüber  der  Schule  von  Bologna  bedeutet  ihre  Rivalin  in  P a  d  u  a, 
gegründet  1222  von  Friedrich  II,  insofern  einen  gewissen  Fortschritt, 
als  ihr  eigentliches  Haupt,  der  berühmte  „Ketzer"  Pietro  d'Abano 
(d'Albano,  d'Apona,  Petrus  Aponensis)  (1250  bis  um  1320)  in  seinem 
denkwürdigen  „Conciliator  controversiarum  (differentiarum) 
quae  inter  philosophos  et  medicos  versantur"  (Venedig 
1471)  den  Versuch  machte,  die  zahlreichen  Widersprüche,  die  sich 
notwendigerweise  aus  der  dialektischen  Behandlungsweise  ergeben 
mussten,  zu  beseitigen.  Der  „Conciliator",  der  als  Muster  einer  Reihe 
späterer  Werke  unter  ähnlicher  Tendenz  in  der  Litteratur  epochale 
Bedeutung  besitzt,  verdient  wegen  seiner  Bedeutung  an  sich  volle 
Anerkennung;  er  würde  vielleicht  seiner  Aufgabe  besser  genügt  haben, 
wenn  der  Verfasser,  der  ein  naturwissenschaftlich  und  sprachlich  seine 
Zeitgenossen  an  Bildung  überragender  Mann  war,  von  diesen  seinen 
Kenntnissen  mehr  Gebrauch  gemacht  und  sie  zur  Lösung  der  ver- 
schiedenen Streitfragen  in  gi-össerem  Umfange  herangezogen  hätte. 
Leider  stand  auch  er  so  sehr  noch  im  Banne  des  Autoritätsglaubens 
und  der  Dialektik,  dass  von  irgend  welchen  Aenderungen  selbst  in  den 
Grundzügen  der  Methode  nicht  im  entferntesten  die  Rede  ist.  Die 
Aehnlichkeit  in  der  Argumentation  bei  Abano  mit  Thaddäus  ist  eine 
so  frappante,  dass  man  den  Abano  gleichsam  als  Zwillingsbruder  des 
letzteren  bezeichnen  kann.  Die  ganz  schauderhaften  Fragestellungen 
(Quaesita),  eingeleitet  mit  den  Partikeln  utrum  bezw.  an,  erinnern 
durchaus  an  Thaddäus,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  der  Conciliator 
wegen  der  unklaren,  abbreviierten,  oft  dunklen  und  geradezu  abstrusen 
Sprache  viel  schwerer  zu  verdauen  ist.  Was  soll  man  von  einem 
Autor  halten,  der  (in  Differentia  CLXIX,  Ausgabe  Venedig  1565  fol. 
225  „utrum  ptisana  hordacea  febri  conferat  necne")  die  Frage  auf- 
wirft, ob  Gerstenptisane  fieberhaften  Kranken  verabreicht  werden  darf 
und  diese  Frage,  nachdem  er  sich  durch  ein  labyrinthartiges  Gewirre 
von  Subtilitäten  hindurchgearbeitet  hat,  allen  Ernstes  deshalb  ver- 
neint, weil  Gersten  Wasser  eine  Substanz  und  Fieber  ein  Accidens  ist? 
Immerhin  ist  es  nicht  ohne  Interesse,  dass  Abano  in  manchen  Stücken 
trotz  dialektischer  Beweisführung  zu  ganz  plausiblen,  mit  unseren 
Anschauungen  harmonierenden  Schlussfolgerungen  gelangt  ist. 

Pietro  d'Abano  stammte  aus  Albano,  einem  Dorf  in  der  Nähe  von 
Padua,  und  war  der  Sohn  eines  Notars.  Von  "Wissensdrang  geleitet  begab 
er  sich  nach  Konstantinopel,  um  sich  dort  in  Besitz  des  vollständigen  Textes 
der  Problemata  des  Aristoteles  zu  setzen.  Hier  eignete  er  sich  auch  die 
Kenntnis  der  griechischen  Sprache  an.  Als  Lector  nach  Paris  berufen, 
versah  er  diese  Stellung  mit  grossem  Erfolg,  so  dass  er  den  Titel  eines 
Magisters  und  das  Ehrenprädikat  ,,le  grand  Lombard"  erhielt.  1303  begann 
er  den  Conciliator  zu  schreiben;  freie  Äusserungen  in  demselben  und  Ver- 
spottung mancher  kirchlicher  Lehren  verdächtigten  ihn  der  Ketzerei  bei 
den  Dominikanern,  wegen  deren  er  sich  vor  dem  Papst  Bonifacius  VIII. 
in  Rom  rechtfertigte  und  ein  Absolutionsdekret  erzielte.  1306  kehrte  er 
nach  Padua  zurück,  um  an  der  Universität  zu  lehren,  die  durch  seine 
Thätigkeit  einen  bedeutenden  Ruf  erlangte.     In  seinen  letzten  Lebensjahren 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  673 

hatte  er  mannigfache  Anfechtungen  seitens  der  Inquisition  zu  erdulden ; 
sein  Leichnam  wurde  noch  nachträglich  dem  Scheiterhaufen  überliefert.  — 
Bei  allem  Freisinn  verraten  viele  Ansichten  im  Conciliator  den  Verfasser 
als  einen  von  Astrologie,  Magie,  Alchemie  und  Chiromantie  befangenen 
Denker.  —  Eine  ziemlich  ausführliche  Inhaltsanalyse  des  Conciliator  findet 
sich  bei  Sprengel  II  p.  571 — 575.  Es  sind  im  ganzen  210  solcher 
„Differentiae",  welche  dem  Verfasser  am  Herzen  gelegen  haben.  In  der 
Juntine  1565  folgt  dann  fol.  263  ff.  die  Schrift  ;,de  remedüs  venenorum" 
desselben  Verfassers.  In  dieser  Ausgabe  ist  der  Text  des  Conciliator  sogar 
mit  einigen  Abbildungen  ausgestattet.  —  Wegen  der  Noten  zu  einem 
lateinischen,  alphabetisch  geordneten  Dioskorides  s.  Hose  in  Hermes  VII,  38 
und  Steinschneider  in  Pageis  Ausgabe  des  Heinr.  v.  Mondeville  p.  592. 

Vgl.  ferner  Jantts  N.  F.  II  p.  382—887.  —  In  den  Venediger  Avisgaben  des 
„Mesue  et  quae  cum  eo  imprimi  consneverunt"  {1549)  findet  sich  noch  zu  dem 
Grabadin  des  Joh.  Mesue  eine  von  Petrus  Aponiis  herrührende  Additio  (fol.  38— 48), 
bestehend  atis  einem  Sermo  de  unctionibus,  kurzeyi  Abhandlungen  de  syncopi  und  de 
tumoribus  mamillarutn,  meist  einer  Anthologie  ans  arab  Schriftstellern,  gewürzt 
mit  der  oft  wiederkehrenden  Apostrophe:  si  Deo  placebit  oder  si  Deo  placuerit ;  die 
Therapie  ist  die  „echte  gemeine  ecclesiastische  Praxis"  [HenscJiel,  Schlesiens  wissensch. 
Zustände  im  Abendlande  p.  53).  Dann  folgt  der  ganze  Abschnitt  Digestionskrank- 
heiten in  16  Kapiteln  uiul  einem  Schlussgebet  (oratio),  das  als  Geheimmittel  zur 
Stärkung  des  Gedächtnisses  dienen  soll,  mit  der  charakteristischen  Einleitung :  Herr- 
gott, König  der  Engel,  ich  rufe  Dich  an  bei  der  geheiligten  Mutter  Marie,  Mutter 
des  Erbarmens  und  der  Frömmigkeit,  bei  Deinen  Engeln  «nd  Erzengeln,  bei  den 
12  Aposteln,  den  Märtyrern,  den  Gläubigen  (confessores),  bei  den  14  000  Unschuldigen 
und  bei  allen  Deinen  Heiligen  u.  s.  tv. 

Dasselbe,  was  Tbaddäus  mit  seinen  Glossierungen,  Pietro  d'Abano 
mit  seinem  Conciliator  erstrebte,  hat  des  Letzteren  Schüler  Guglielmo 
Cor  vi  (1250 — 1326)  aus  Canneto  bei  Brescia  mit  seinem  bekannten 
„Aggregator  Brixiensis"  oder  wie  er  mit  vollständigem  Titel 
heisst:  excellentissimi  medici  Guielmi  brixiensis  aggregatoris  dictorum 
illustrium  medicorum  ad  unamquamque  egritudinem  a  capite  ad  pedes 
practica  etc.  (Vened.  1510,  160  Folioblätter  stark)  erreichen  wollen, 
einem  grossen  Sammelwerk  und  dem  protot3^pischen  Muster  einer 
ganzen  Gruppe  von  Kompilationen,  die  alle  mehr  oder  weniger  über 
einen  Leisten  geschlagen  den  Zweck  verfolgen,  durch  Zusammen- 
stoppelung  der  massgebenden  Anschauungen  aus  allen  möglichen  Autoren 
über  die  verschiedenen  Kapitel  der  speziellen  Pathologie  und  Therapie 
(a  capite  ad  calcem)  dem  Leser  selbst,  ohne  um  vorweg  für  irgend 
eine  der  Ansichten  besonders  einzunehmen,  die  Entscheidung  über  die 
Richtigkeit  zu  überlassen. 

Ein  ,, Kompendium",  wie  Haeser  das  thut,  kann  man  die  „Practica", 
einen  umfangreichen  Folianten  (Padua  1505),  kaum  nennen,  wohl  aber  eine 
unbefangene  oder  besser  kritiklose  Kompilation,  die  bei  der  Seltenheit  der 
Bücher  in  jener  Zeit  und  bei  der  Schwierigkeit  ihrer  Vervielfältigung  und 
somit  genauerer  Quellenstudien  jedenfalls  gut  gemeint  war  und  thatsächlich 
ihren  Zweck  nicht  verfehlt  hat.  Selbständige  Anschauungen  finden  sich 
allerdings  in  diesem  von  scholastischem  Geist  durchsetzten  Machwerk  kaum; 
ein  gewisser  Fortschritt  ist  insofern  unverkennbar,  als  von  gewaltsamen  Ver- 
mittelungsversuchen  abgesehen  ist,  die  oft  die  Differenzen  mehr  zu  ver- 
mehren als  zu  schlichten  geeignet  waren  und  die  Thatsachen  nur  ver- 
dunkelten. —  Im  Keim  bergen  diese  Aggregatoren  ein  gewisses  Streben 
nach  nüchternerer  Auffassung,  sie  wollen  —  natürlich  cum  grano  salis  — 
nichts  weiter  bieten,  als  möglichst  unparteiische  Reproduktionen  autoritativer 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  43 


674  Julius  Pagel. 

Ansicht;  die  definitive  Entscheidung  bleibt  schliesslich  dem  Leser  selbst 
überlassen.  Guielmus  brixiensis  ist  noch  Verfasser  eines  der  genannten  Ausgabe 
angehängten  „de  febribus  tractatus  optimus",  sowie  von  Abhandlungen  „de 
peste",  „de  coneilio  observando  tempore  pestilentiali  ac  etiam  de  cura  pestis 
tractatus  perspicuus  ejusdem". 

Auf  weit  höherem  Niveau  steht  ein  anderer  Vertreter  der  Schule 
von  Padua,  glühender  Verehrer  des  Pietro  d'Abano,  Gentilis  de 
Folig-no  (t  1348)  mit  seinen  „Consilia',  die,  wie  die  Etymologie 
zeigt,  zwar  noch  an  die  Produkte  mit  conciliatorischen  Tendenzen  an- 
klingen, aber  als  kasuistische  Sammlungen  eine  gewisse  Selbständig- 
keit zeigen  und  hierdurch  trotz  reichhaltiger  scholastischer  Argumen- 
tationen wegen  mancher  verständigen,  kritisch  gehaltenen  Mitteilungen, 
mancher  nicht  ganz  uninteressanten  Beobachtungen  und  mancher  Daten 
von  kulturhistorischem  Wert  grössere  litterarhistorische  Berücksich- 
tigung verdienen  und  jedenfalls  zu  den  besseren  Arbeiten  der  scholasti- 
schen Periode  gehören. 

Gentilis  da  Foligno  (nicht  zu  verwechseln  mit  Gentilis  da  Florentia, 
einem  Kommentator  von  Avicennas  Canon  1.  IV  f.  5  tr.  1  u.  2),  (auch 
Gentilis  Fulgineus,  de  Gentilibus),  war  der  Sohn  eines  Bologneser  Arztes, 
Schüler  von  Thaddäus  und  Professor  in  Bologna  und  Perugia,  bis  er  1337 
zugleich  als  Leibarzt  des  Grafen  Ubertino  von  Carrari  nach  Padua  ging, 
wo  er  bis  1345  lebte.  Die  letzten  3  Lebensjahre  bis  zu  seinem  am 
schwarzen  Tod  erfolgten  Ableben  („ex  nimia  infirmotum  requisitione",  wie 
sein  Schüler  und  Verwandter  Francesco  de  Foligno  berichtet)  brachte  er  in 
Perugia  zu.  Ausser  seinen  „Consilia"  (Vened.  1503)  schrieb  er  noch  eine 
Reihe  anderer  Schriften,  mit  denen  er  allerdings  sich  nicht  zu  sehr  von 
den  Geleisen  der  Scholastik  entfernt  hat. 

Vgl.  HenscJiel  im  Janus  N.  F.  II  p.  401;  Haeser  I  p.  750;  wegen  der 
hehr,  uebers.  Steinschneider  l.  c.  p.  791.  —  lieber  eine  Handschrift  der  Vaticana 
„de  corde"  berichtet  Puccinotti,  Storia  di  med  II 1  p.  CXLIl ;  auch  die  Erfurter 
Amploniana  besitzt  noch  Handschriften  von  Werken  des  Gentilis  da  Foligno.  — 
In  den  Venediger  Joh  Mesue- Ausgaben  {1549,  fol.  272  ^^  -  275^)  findet  sich  noch 
eine  Schrift  von  demselben  Verf.  „de  pi'oportionibus  medicinarum  et  de  modo  in- 
vestigandi  complexiones  earum  et  ad  sciendum  convenientem  dosim  cujuslibet  medi- 
cinae"  zugleich  mit  einer  ähnlichen  Apothekerschrift  des  Saladin  d'Ascido  {vgl. 
Haeser  p.  849). 

Zu  den  hervorragenderen  Schülern  des  Pietro  d'Abano  bezw. 
Vertretern  der  paduanischen  Hochschule  gehören  vier  Abkömmlinge 
der  hochberühmten  und  eine  Kette  ausgezeichneter  Männer  dem  14.  Jahr- 
hundert liefernden  Aerztefamilie  Santa  Sofia,  nämlich  Nicolo  S. 
(f  1350)  und  dessen  Söhne,  der  ältere:  Giovanni  S.  (f  1389),  Pro- 
fessor in  Padua  und  Bologna,  der  jüngere  bei  weitem  bedeutendere 
Marsilio  (f  1405  als  Professor  in  Bologna),  vorher  Professor  in 
Padua  (seit  1367)  und  in  Paris. 

Lebensbeschreibung  u.  Schriftenverzeichnis  s.  bei  Henschel  im  Janus  N.  F. 
1853  p.  413 — 416.  Sein  „celeberrimus  tractatus  de  febribus  cum  omnium  accidentium 
cura^  erschien  mit  ähnlichen  Abhandlungen  von  Galeazius  de  S'"  Sofia,  Ricardus 
Parisiensis  u.  Antonius  de  Gradis  u.  a. :  Venedig  1514  {135  Folioblätter). 

Endlich  Galeazzo  Santa  Sofia,  ältester  Sohn  von  Giovanni, 
bis  1394  Professor  in  Padua,  dann  in  Wien  und  (nach  1402)  wiederum 
in  Padua,  wo  er  1427  an  der  Pest  starb. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  675 

Vgl.  Karl  Schrauf,,  Acta  facultatis  medicae  universitatis  Vindobonensis  I 
1399-1435,   Wien  1894. 

Er  schrieb  u.  a.  „Opus  med.  practicae  saluberrimum  ...  in  nonum 
tractatum  libri  Rhasis  ad  regem  Almansorem  de  curatione  morborum 
particiilarium*'  nebst  Kommentaren  zu  Galen,  Johannitius  etc.  (Hagenau 
1533  tbl.  Kgl.  Biblioth.  Berlin). 

Eine  andere  berühmte  Aerztefamilie  in  Padua  wird  repräsentiert 
durch  Giacomo  de'Dondi  und  dessen  Sohn  Giovanni  de'D. 

Giacomo  de'  Dondi  der  Vater  wurde  1298  in  Padua  geboren  und 
machte  hier  seine  Studien.  1318  liess  er  sich  als  Arzt  in  Chioggia  nieder 
und  praktizierte  hier  bis  1338,  um  daim  einem  Ruf  als  Lector  der  Medicin 
in  seine  Vaterstadt  zu  folgen,  wo  er  bis  zu  seinem  Lebensende  (1359)  ver- 
blieb. Er  ist  bekannt  durch  sein  grosses  1358  vollendetes  Sammelwerk 
u.  d.  T. :  „Aggregator  Paduanus  de  medicinis  simplicibus" 
(zum  Unterschied  von  Aggregator  Brixianus  so  benannt),  auch  u.  d.  T. : 
„Promptuarium  medici  sive  de  aggregatione  medicamen- 
torum"  (Vened.  1481  u.  1576).  Es  handelt  sich  dabei  nur  um  die  nackten 
Namen  der  Heilmittel ;  von  den  Kennzeichen  derselben,  wie  von  denen 
der  Krankheiten  ist  nicht  die  Rede. 

lieber  die  öftere  Verwechselung  mit  dem  „Herbarius  Moguntinus^  vgl.  Meyer^ 
a.  a.  0.  IV  p.  182  ff.  u.  Haeser  I  p.  818. 

Bemerkenswert  ist  Giacomo  dadurch,  dass  er  zuerst  das  Salz  der  bereits 
seit  den  Römerzeiten  berühmten  Thermen  von  Albano  zu  Arzneizwecken 
zu  extrahieren  versuchte.  Er  erregte  damit  anfangs  das  Misstrauen  des 
Fürsten  Francesco  I.  von  Carrara,  das  jedoch  nach  Publikation  des  Aggre- 
gator beseitigt  wurde,  so  dass  er  nunmehr  die  Erlaubnis  zur  Fortsetzung 
seiner  Untersuchungen  erhielt.  Als  Resultat  derselben  publizierte  er  mehrere 
Schriften,  die  z.  T.  in  der  Collect,  de  balneis  Venedig  1554  abgedruckt  sind. 

Vgl.  Henschel  im  Janus  N  F.  II  1S53  p.  400. 

Sein  Sohn  Giovanni  de'  Dondi  gehört  zu  den  angesehensten 
Ärzten  und  Lehrern  des  14.  Jahrhunderts.  Geboren  1318  in  Chioggia 
studierte  er  hauptsächlich  unter  seinem  Vater  in  Padua  und  war  bereits 
1350  Professor  daselbst,  seit  1349  Leibarzt  Karls  IV.  Er  lehrte  anfangs 
Logik,  später  Medizin  und  Astronomie  mit  grossem  Erfolge.  Zuletzt  hielt 
er  sich  abwechselnd  in  Padua  und  Pavia  auf  und  starb  auf  einer  Besuchs- 
reise in  Genua  bei  seinem  Freunde,  dem  Dogen  Antonio  Adorno  unter 
Hinterlassung  eines  grossen  Vermögens.  Für  seine  ärztlichen  Leistungen 
spricht  besonders  die  Thatsache,  dass  Petrarka,  den  wir  als  herben  Kritiker 
der  Ärzte  seiner  Zeit  kennen  lernen  werden,  mit  ihm  befreundet  war  und 
sich  während  einer  fieberhaften  Erkrankung  (im  66.  Lebensjahre)  von  ihm 
behandeln  liess.  Wegen  eines  ausserordentlich  kunstvollen  Planetariums, 
das  er  nach  16  jährigen  Bemühungen  herstellte  und  eine  Sehenswürdigkeit 
der  Stadt  bildete,   erhielt  er  noch  den  ehrenden  Beinamen  „dell'  Orologgio". 

Vgl.  Henschel  l.  c. 

In  einer  späteren  Zeit,  zu  Ende  des  14.  und  Anfang  des  15.  Jahr- 
hunderts, ist  mit  der  paduanischen  Hochschule  aufs  innigste  verknüpft 
der  berühmte  Jacobus  Forliviensis  (f  1413),  denkwürdig  durch 
seinen  oft  citierten  Kommentar  zur  Microtechne  des  Galen. 

Giacomo  della  Torre  aus  Forli  lehrte  Logik,  Medizin  und  Philosophie 
an  verschiedenen    Orten   Itahens,    von    1399  — 1402   in    Bologna   und   von 

43* 


676  Julias  Pagel. 

1407  bis  zu  seinem  Tode  in  Padua,  zu  dessen  bedeutendsten  Repräsentanten 
er  gehört.  Sein  Kommentar  zur  Microtechne  des  Galen  erlangte  fast  dasselbe 
Ansehen  wie  das  des  Ali  Rodoam.  Er  verfasste  ferner  Kommentare 
„super  capitulum  de  generatione  embryonis  cum  questionibus "  zu  dem  be- 
züglichen Abschnitt  von  Avicennas  Canon  (Venedig  1502,  zusammen  mit 
denselben  Kommentaren  von  Dino  de  Garbo  s.  diesen  p.  670),  zu  Hippo- 
krates'  Aphorismen  und  zum  1.  Buch  des  Canon  (Papie  1488  u.  Vened. 
1490  Kgl.  Bibl.  Berlin). 

Aus  dem  15.  Jahrhundert  sind  nennenswerte  Lehrer  der  paduani- 
schen  Hochschule  und  sämtlich  Verfasser  von  „Consilien"  Antonio 
Cermisone,  zuerst  Professor  in  Pavia  und  seit  1413  in  seiner  Vater- 
stadt Padua,  daselbst  1441  verstorben,  schrieb:  „Consilia  medica 
numero  CLIII  contra  omnes  fere  aegritudines  a  capite 
usque  ad  pedes"  (Lyon  1525;  das  Exemplar  der  Kgl.  Bibliothek 
zu  Berlin,  zusammen  mit  den  sogleich  zu  nennenden  consilia  des 
Montagnana,  ein  Sammelband  von  547  Blättern);  Ugone  Bentio 
aus  Siena  (Hugo  Senensis),  f  1445  unter  Papst  Eugenius  IV,  schrieb: 
„Perutilia  consilia  ad  diversas  egritudines  a  capite 
usque  ad  calcem"  (Bononie  1482),  sowie  Kommentare  zu  Hippo- 
krates,  Galen  und  Avicenna,  u.  a.  zur  Schrift  de  malicia  complexionis 
diverse  von  Galen  („scripta  Florentie  et  completa  per  me  ügonem 
Senensem  anno  diil  1421  die  3.  Januarii",  Ausg.  Vened.  1490,  Kgl. 
Bibl.  Berlin). 

Die  Kgl.  ßibl.  Berlin  besitzt  einen  umfangreichen  Sammelband  von  Avicenna- 
kommentaren  des  Ugo  Senensis  (Canon  l.  I  f.  1,  Venedig  1523,  Canon  l.  I  f.  4, 
Venedig  1517;  Canon  l.  IV  f.  1,  Vened.  1523),  in  welchem  auch  die  „consilia  de 
regimine  sanitatis  ac  omnibus  egritudinibus" ,  im  ganzen  111  an  der  Zahl,  sowie 
noch  eine  „subtilissima  quaestio  de  modo  augmentationis"  enthalten  sind. 

Interessant  sind  in  den  Consilia  des  TJgone  Bentio  kasuistische  Mit- 
teilungen über  periodischen  "Wahnsinn,  Spermatorrhöe,  Magenschwindel,  Nasen- 
polyp und  Thränenfistel,  Epilepsie  (angeblich  infolge  zu  schnell  geheilter 
AfFektion  an  den  unteren  Extremitäten),  über  ein  junges  Mädchen,  das  mit 
16  Jahren  niederkommt,  im  folgenden  Jahre  abortiert  und  fortab  steril  bleibt. 

Endlich  der  bedeutendste  Vertreter  der  Paduanischen  Hochschule 
in  der  späteren  Periode :  BartholomaeusdeMontagnana(t  1460), 
dessen  oft  aufgelegte  „Consilia  medica''  (Lyon  1525,  Kgl.  Bibl.) 
wegen  ihrer  reichhaltigen  und  bemerkenswerten  Casuistik  zu  den 
besseren  Litteraturprodukten  des  Mittelalters  gehören. 

Montagnana  verfasste  ferner:  „de  balneis  et  utilitatibus  juvamentisque 
eorum  ac  regulae  et  modus  quem  observare  debent"  (abgedr.  im  Anhang 
zur  Ausgabe  von  Gatinaria,  Basel  1537),  in  3  Büchern  (18  Folioseiten), 
sowie  unbedeutende  Schriften  pharmakologischen  Inhalts.  Er  darf  nicht  mit 
Heremias  de  Montagnana  verwechselt  werden,  dem  Verfasser  eines 
Kompendiums  u.  d.   T. :    „de  significatione  vocabulorum  medicorum". 

Vgl.  hierzu  Steinschneider  in  Pageis  Mondeville-Ausgabe  p.  593,  ferner: 
Alexander  Hittmannf  Culturgeschichtliche  Abhandlungen  über  die  Reformation 
der  Heilkunst,  Heft  II,  Brunn  1869. 

Bart.  Montagnana  war  ein  anatomisch  gebildeter  Arzt,  der  selbst  14 
Sektionen  ausgeführt  hatte,  und  ein  guter  Diagnostiker.  Seine  die  Zeit 
von    1439 — 1443    umfassenden    Konsilien    zeichnen    sich    durch   ihre    gute 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  677 

Ordnung  aus  und  besitzen  dadurch  einen  gewissen  Wert,  „dass  die  lokalisierte 
Krankheitsform  stets  in  den  Wechselbeziehungen  zum  Gesamtorganismus 
gewürdigt  wird"   (ßittmann).    — 

Als  solche,  die  vorübergehende  Lehrthätigkeit  in  Padua  ausübten, 
kommen  folgende  Verfasser  medizinischer  Kompendien  in  Betracht: 
Giovanni  Michele  Savonarola  (1390 — 1462),  Grossvater  des  aus 
der  Reformationsgeschichte  berühmten,  unglücklichen  Theologen  Hiero- 
nymus  S.;  von  seinen  sechs  Schriften  ist  die  bedeutendste  die  „Prac- 
tica major,  in  qua  de  morbis  omnibus  quibus  singulae  humani  cor- 
poris partes  afficiuntur  etc.",  die  noch  während  des  16.  Jahrhunderts 
fünfmal  aufgelegt  durch  mehr  als  zwei  Jahrhunderte  von  italienischen 
Aerzten  als  Leitfaden  und  Schulbuch  der  gesamten  Medizin  benutzt 
wurde. 

In  der  Ausgabe  (Venedig  1561,  Königl.  Bibl.  Berlin,  434  Folioblätter) 
schliesst  sich  an  die  Practica  major  noch  eine  Reihe  von  Abhandlungen: 
practica  canonica  de  febribus,  de  pulsibus,  de  urinis,  egestionibus,  vermibus 
balneis  omnibus  Italiae.  Eine  genaue  Analyse  der  Practica  major  liefert 
Rittmann  1.  c.  Heft  1.  —  Von  Michelo  Savonarola  rührt  noch  eine  sehr 
beliebte  und  verbreitete  Schrift  über  Diätetik  her  u.  d.  T. :  „Libreto  de 
tutte  le  cose  che  se  manzano  comuuamente  piu  che  comune  .  .  .  e  le  regule 
per  conservare  la  sanita  de  li  corpi  humani  con  dubii  notabilissimi**  (Vened. 
1508).  —  Ueber  Savonarolas  Bedeutung  für  die  Chirurgie  vgl.  E.  Gurlt 
1.  c.  p.  871  flf. 

Antonio  Guaineri  (f  1440),  Professor  in  seiner  Vaterstadt 
Pavia  und  später  in  Padua,  dessen  „Practica  seu  opus  praeclarum  ad 
praxin  non  mediocriter  necessariura"  (Lyon  1534  und  in  zahlreichen 
anderen  Ausgaben)  einzelne,  auch  heute  noch  beachtenswerte  kasuis- 
tische Mitteilungen  enthält,  besonders  zur  Pathologie  des  Nerven- 
systems. Neben  der  Pathologie  a  capite  ad  calcem  bringt  das  ziemlich 
umfangreiche  Buch  noch  besondere  Abschnitte:  ,,de  fluxibus",  „de 
calculosa  passione",  „de  peste",  „de  venenis",  „de  febribus",  „de  balneis" 
und  ein  Antidotarium, 

Die  oben  genannte  Ausgabe  enthält  auf  307  in  engster  Petitschrift  ge- 
druckten Blättern  noch  die  „additiones  utiliss.  excellent  domini  Joannis 
Falconis,  consiliarii  regii  in  famosa  universitate  montispessulani  doctoris 
regentis  etc." 

Endlich  noch  Giovanni  d'Arcoli  (Arculanus,  Herculanus)  aus 
Verona,  vor  seiner  Thätigkeit  in  Padua  Professor  in  Bologna,  schrieb 
„Expositio  in  nonum  librumAlmansoris"  (Basel  1540),  worin 
er  u.  a.  auch  eine  ziemlich  exakte  Symptomatologie  des  Säuferwahn- 
sinns giebt. 

Als  hervorragender  Arzt  des  14.  Jahrhunderts  ist  hier  anzu- 
schliessen  Franciscus  dePedemontium  (Piedemonte, Pedemontio, 
Pedemontanus),  Verfasser  des  sehr  geschätzten  „Supplementum 
Mesue",  einer  Ergänzung  zu  dessen  „Grabadin",  die  dort  einsetzt,  wo 
Peter  von  Abano  (vgl.  p.  673)  aufgehört  hat,  also  mit  den  Herz-, 
Baucheingeweide-,  Leber-,  Gebärmutter-  und  Gelenkkrankheiten. 

Das  Supplementum  Mesue  von  Franz  von  Pieraont  ist  eines  der  besten 
Lehrbücher    der   speziellen    Pathologie  und   Therapie   der   gesamten    mittel- 


678  Julius  Pagel. 

alterlichen  Litteratur.  Es  atmet  salernitanischen  Geist,  insofern  es  (ausge- 
nommen in  dem  letzten  vom  Fieber  handelnden  Abschnitt)  von  scholastischen 
Beweisführungen  frei  ist,  sich  an  die  Thatsachen  hält  und  dadurch  mehr 
wissenschaftlichen  Charakter  verrät,  dass  einzelnen  Kapiteln  anatomisch- 
physiologische Bemerkungen  voraufgehen.  Im  übrigen  handelt  es  sich  aller- 
dings um  eine  Kompilation  mit  wenig  eigenen  Beobachtungen,  einer  recht 
stiefmütterlichen  Kasuistik,  dagegen  einer  recht  stattlichen,  pharmaceutischen 
Therapie,  in  der  die  Empfehlungen  „ex  inventione  nostra"  oft  genug  wieder- 
kehren. Erwähnt  werden  (übrigens  nicht  immer  mit  genauem  Hinweis  auf 
die  Originalien)  Hippocrates,  Galen  und  einige  bei  diesem  vorkommende 
Autoren,  Paulus  (Aegineta),  dann  die  ganze  Serie  der  Araber,  Avicenna 
(meist  als  Aboali  oder  Elabin  Aboa,  womit  Ali  Abbas  nicht  gemeint  sein 
kann,  da  er  an  einer  Stelle  direkt  als  Hali  abbas  figuriert,  auch  als  rex 
Abo,  nach  Analogie  von  Galenus  princeps),  Alchindus,  ßabi  Moyse,  Humayn 
(Ymain  ?),  von  späteren  Schriften  und  Schriftstellern :  circa  instans,  eine 
Schrift  des  Gualtherius,  das  „lilium"  (offenbar  des  Bern.  v.  Gordon,  vgl. 
weiter  unten),  Arnaldus  (womit  jedoch  angeblich  nach  de  ßen7;i  Coli.  Sal.  I, 
p.  351  nicht  der  von  Villanova,  sondern  ein  Neapolitaner  gemeint  sein  soll), 
ein  ,,emplastrum  Papae  Joannis",  endlich  in  dem  Abschnitt  über  Fieber- 
lehre auffallend  häufig  (7  x)  ein  Autor,  Namens  Falco.  Ob,  wie  de  Renzi 
(Coli.  Sal.  IV  p.  592)  will,  damit  ein  sonst  ganz  obskurer  Arzt  und  Richter 
Falcone  aus  Eboli  gemeint  sein  soll,  oder  ob  es  sich  nicht  vielmehr  um 
den  höchst  renommierten  NicoloFalcucci  von  Falcone  (Falcutius, 
■f  1411)  aus  Florenz  handelt.  Verfassereines  ausserordentlich  weitschweifigen 
(in  der  Juntine  von  1533  drei  schwere  FoUanten  umfassenden),  übrigens 
fast  lediglich  nach  den  Arabern  gearbeiteten  Repertoriums  der  gesamten 
Medizin,  muss  dahingestellt  bleiben.  Die  letztgenannte  Annahme  hat  deshalb 
einige  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  weil  unter  den  VII  ,,Sermones'*  des 
Falcutius  gerade  der  Sermo  II  de  febribus  ein  grosses  Ansehen  genoss ;  er 
ist  sehr  breit  angelegt  und  umfasst  in  der  genannten  Ausgabe  fast  den 
ganzen  Tom.  I  in  dem  1.  Folioband;  er  ist  auch  in  der  bekannten  Venediger 
Coli,  de  febribus  z.  T.  reproduziert.  —  Ist  die  letztere  Annahme  richtig, 
so  würde  allerdings  die  Lebenszeit  des  Falcutius  und  das  Datum  der  Nieder- 
schrift der  Sermones  in  die  2.  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  fallen,  während 
de  Renzi  1310  bezw.   1319  hierfür  statuiert. 

lieber  Nicolaus  Falcutius  oder  Florentinus  vgl.  Henschel  im  Janus  N.  F. 
II  1853  p.  416;  E.  Chirlt,  Gesch.  d.  Chir.  I  p.  803.  Sein  „Sermonum  über  scientiae 
medicinae  ....  qui  continet  octo  sermones"  {enthält  nur  7,  der  8.  Sermo  ist  nicht 
zu  stände  gekommen)  bildet  auch  eine  gute  Quelle  für  die  Kenntnis  der  Chirurgie 
und  Geburtshilfe  des  Mittelalters.  Für  die  umfassende  Anlage  des  Werks  spricht 
die  Thatsache,  dass  beispielsweise  der  Abschnitt  über  Kopfschmerz  (Sermo  III  Tr.  1 
Summa  III)  26  Folioblätter  stark  ist,  der  Sermo  V  Tr.  lY  über  Magenkrankheiten 
sogar  71  Blatter. 

Für  die  Bestimmung  der  Lebenszeit  des  Franz  von  Piemont  geben 
einige  Notizen  in  dem  Werk  selbst  einen  gewissen  Anhalt,  so  der  Passus 
in  der  Einleitung,  wo  er  davon  spricht,    dass  er  das  Supplement    abgefasst 

habe :    ex    imperio    quam   plurimum    reverendi    domini Roberti    dei 

gratia  Hierusalem  et  Sicilie  regis  summi  etc.,  woraus  als  sehr  wahrscheinhch 
hervorgeht,  dass  Franc,  v.  P.  Leibarzt  des  Königs  Robert  von  Sicilien  ge- 
wesen ist.  Seinen  Geburtsort  verlegt  de  Renzi  nach  San  Germano  in  der 
Terra  di  Lavoro.  „Doctor  evangelicus"  nennt  ihn  Guy  de  Chauliac  (Tr.  II 
Doctr.  1  cap.  1  fol.  27*  d.  Ausg.  von  1519)  jedenfalls  deshalb  mit  Recht, 
weil  in  dem  Supplementum  Mesue  die  Wendung,  „mit  Jesu  Hilfe"  in  zahl- 


GcBchichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  679 

loBen  Varianten  vorkonamt,  als  da  sind :  Christo  duce,  Christo  dante, 
auxiliante,  annuente,  suggerente,  propitiante,  Christo  Jesu  concedente,  Christi 
gratia  mediante,  si  adjuverit  etc.  etc.  —  Einige  Male  werden  neapolitanische 
Verhältnisse  besprochen.  So  gedenkt  Verfasser  bei  der  Therapie  der  Ge- 
lenkkrankheiten der  Thermalwässer  ,,sanctae  Luciae  Neapol.",  ferner  erwähnt 
er  einige  Beobachtungen  an  Steinkranken  in  Neapel,  auch  dass  die  Neapoli- 
taner häufiger  von  Podagra  heimgesucht  sind,  während  dagegen  die  Be- 
wohner von  Genua  und  Messana  häufiger  vom  Husten  und  Katarrhen  zu 
leiden  haben.  An  einer  Stelle  spricht  er  von  einer  ,,ducissa  Calabrie",  der 
während  eines  akuten  epidemischen  Fiebers  ein  Aderlass  aus  den  Häraorrhoidal- 
venen  von  Nutzen  gewesen  sei.  An  einer  anderen  Stelle  spricht  er  von 
dem  medicamen  Galeni  quod  magister  Jo.  de  Procida  fecit  imperatori  in 
siti  vehementi  (offenbar  Giovanni  di  Procida,  Leibarzt  Kaiser  Friedrichs  II. 
(vgl.  p.  515),  infolgedessen  vermutet  de  Renzi  (Coli.  Sal.  I  p.  357),  dass 
Franz  v.  Piemont  in  Salerno  studiert  hat.  Auch  die  pilulae  mag.  Jo. 
CasamiQule  werden  erwähnt.  (lieber  diesen,  der  auch  als  Casamida  figuriert 
vgl.  de  ßenzi  1.  c.  I  p.  345 ;  er  war  vermutlich  Lehrer  von  Arnold 
V.  Villanova  und  Verfasser  eines  breviarium  practice,  das  unter  des  letzteren 
Namen  geht.)  —  Wer  ist  ferner  Agaz  experimentator  magnus  de  Athenarum 
civitate  ?  —  Im  übrigen  ist,  wie  schon  bemerkt,  in  Franz  v.  Piemonts 
,,Supplementum  Mesue"  die  Kasuistik  sehr  rar.  Die  Intentionen,  welche 
ihn  bei  seinem  Werke  leiteten,  charakterisiert  er  selbst  mit  den  Worten: 
,,No8  autem  facientes  doctxinam  disciplinativam  non  improbativam." 

Sehr  interessant  ist  der  geburtshilfliche  Teil  des  Werks;  allerdings  macht 
Fr.  V.  Piemont  noch  von  der  Zuflüsterung  von  „verba  sacra^  bei  schweren  Ent- 
bindungen Gebrauch,  im  übrigen  aber  treten  die  auf  Aberglauben  beleihenden 
Empfehlungen  hinter  ernster  zu  nehmenden  Ausführungen  zurück.  U.  a.  berichtet 
er  von  einer  Dame,  Tochter  eines  Arztes,  die  im  50.  Lebensjahre  zum  1.  Male  be- 
schwängert ivurde  („  Vidimus  enim  quandam  dominam  medici  filiam  que  nunquam 
conripere  potuit  nisi  ad  quinquagesimum  annum  et  primo  tempore  fuit  passa  molam, 
deinde  anno  sequenti  fuit  impregnata  vere").  —  Noch  ist  schliesslich  ein  Fall  von 
Gcdact-  oder  Chylurie  bei  dem  eigenen  Bruder  {oda'  ettca  Amtsbruder?)  des  Fr. 
V.  Piemont  bemerkensivert  („et  ita  vidimtis  in  fratre  nostro,  cujus  corpus  totum 
fuit  ex  febre  longa  consumptum  et  dissolutum  per  talem  urinam  et  mortuus  est, 
cujus  animam  Christus  recipiat  benedictus^). 

Alles  in  allem  genommen  gehören  die  Sermones  des  Nicolaus 
Florentiniis  und  das  Complementum  Mesuae  des  Fr.  v.  Piemont  zu  den 
ausführlichsten  Lehrbüchern  der  mittelalterlichen  Medizin.  Die  Sermones 
freilich  durchzustudieren  ist  fast  eine  Aufgabe  für  Monate,  da  sie  noch 
ausführlicher  gehalten  sind,  als  selbst  der  Canon  des  Avicenna. 

Unabhängig  von  Universitätsstellungen  und  als  praktische  Aerzte 
in  anderen  italienischen  Städten  als  Bologna  und  Padua  wirkten  zwei 
Männer,  die  sich  durch  ihre  schriftstellerischen  Leistungen  ein  be- 
sonderes Andenken  in  der  Litteraturgeschichte  der  Medizin  gesichert 
haben.  Es  sind  die  beiden  Verfasser  der  grossen  Wörterbücher  der 
Medizin:  Simon  von  Genua  und  Matthaeus  Silvaticus. 

Unter  allen  bereits  erwähnten  und  noch  zu  berührenden  Litteratur- 
produkten  des  scholastischen  Mittelalters,  den  Commentarii,  Summae  und 
Summulae,  den  Practicae,  Consilia,  den  Aggregatores  und  Couciliatorea, 
Expositiones  und  Clarificationes,  den  Tractatus,  Eosae,  Lilia  und  sonstigen 
oft  seltsam  genug  betitelten  Werken  spielen  die  Wörterbücher  oder  Synonyma 
der  Medizin  eine  nicht  nebensächliche  Rolle.  Der  Sache  nach  handelt  es 
sich  meistens   ebenfalls  um  nichts  weiter  als  Kompendien  oder  Auszüge  aus 


680  Julius  Pagel. 

den  dickleibigen  Folianten  der  Araber,  doch  ist  die  lexikalische  Form  aus 
didaktischen  Rücksichten  der  Bequemlichkeit  halber  gewählt ;  sie  rechtfertigt 
sich  noch  mehr  in  einer  Zeit,  wo  bekanntlich  Bücher  zu  den  kostspieligen 
Raritäten  gehörten,  die  nur  wenige  begüterte  Liebhaber  oder  Institute  in 
grösserer  Anzahl  als  dem  unmittelbaren  Bedürfnis  entsprechend  sich  ver- 
schaffen konnten. 

lieber  die  Litteratur  der  Synonyma  vgl.  Steinschneider  im  Anhang  zu 
Pageis  Ausg.  d.  Heinrich  v.  Mondeville,  Berlin  1891. 

Die  „Synonyma  medicinae"  oder  die  „Clavis  sanationis" 
des  Simon  Januensis  (Geniales,  de  Cordo  [Sprengel  II  578 — 79], 
Geniates  a  Cordo  [Graesse  III  534J)  gehören  zu  den  „wichtigsten  Ar- 
beiten auf  dem  Felde  der  Synonymik"  (Steinschneider);  der  Verfasser 
hat  daran  etwa  35  Jahre  lang  gearbeitet. 

Von  den  Lebensdaten  desselben  ist  bekannt,  dass  er  Arzt  des  Papstes 
Nicolaus  IV.  (1288 — 1292)  und  Subdiakonus  und  Kaplan  bei  einem  von 
dessen  Nachfolger  (Bonifacius  VIII.,  1293 — 1304)  war.  In  einem  dem 
Werk  vorausgeschickten  Empfehlungsbrief  des  Campanus  wird  Simon  noch 
als  ,,rothomagensis"  bezeichnet.  —  Das  dem  Mathematiker  und  Astronom 
Campanus  (,,magi8tro  Campano  domini  pape  capellano  canonico  Parisiensi**) 
gewidmete  Werk  ist  etwa  in  der  Zeit  von  1  288  —  1 292  entstanden,  vielleicht 
auch  früher,  da  Simon  auch  die  1279  beendigte  lateinische  Uebersetzung  des 
Continens  von  Razes  in  der  Vorrede  citiert.  Auch  der  Chirurg  Mondeville, 
der  1306  sein  Werk  zu  schreiben  begann,  erwähnt  an  zwei  Stellen  Simon 
Januensis. 

Wegen  der  verschiedenen  Ausgaben  der  Synonyma  vgl.  Haeser  I  p.  708; 
Meyer  l.  c.  IV  p.  162 ;  Steinschneider  a.  a.  0.  Die  sub  Vr.  302  asservierte  Aus- 
gabe der  Kgl.  Bibl.  Berlin,  65  Folioblätter,  Vened.  1514,  ist  einer  Dioscoridesausgab  e 
von  Marceilus  Vergilius  Secretarius  Florentinus,  Cöln  1529  angebunden.  Anfang: 
Incipit  clavis  sanationis  elaborata  per  venerabilem  virum  magistrum  Simonem 
Januensem  domini  pape  subdiaconum  et  capellanum  medicum  quondam  felicis  re- 
cordationis  domini  Nicolai  pape  quarti  qui  fuit  primus  de  ordine  minorum.  Om- 
nino  suo  praecipuo  domino  magistro  Campano  domini  pape  capellano  canonico 
Parisiensi  Simon  Januensis  subdiaconus  se  ipsum  ex  debito  commendat  etc. 

Bi  der  „Clavis  sanationis"  handelt  es  sich  um  eine  mehr  nach 
grammatikalisch-etymologischen  als  nach  naturwissenschaftlichen  Ge- 
sichtspunkten erfolgte  Zusammenstellung  der  Arzneimittel  nach  den  be- 
kanntesten griechischen  (Dioskorides,  Alexander,  Demokritos,  Galenus, 
Oribasius,  Moschion,  Paulus),  arabischen  (Avicenna,  Serapion,  Albucasim, 
Ali  Abbas,  Ebn  Mesue,  Isaac  Judaeus  etc.)  und  lateinischen  (Plinius, 
Cornelius  Celsus  (!),  Cassius  Felix,  Theodorus  Priscianus,  Gariopontus, 
Macer,  Vegetius  u.  a.)  Quellen,  trotz  mancher  Irrtümer  nicht  ohne 
Sachkenntnis  geschrieben,  mit  dem  Zwecke,  „die  wüste  Nomenklatur 
der  Medizin  zu  säubern  und  zu  erläutern".  Sieht  man  von  manchen 
ausserordentlich  gezwungenen  und  geradezu  barbarischen  Deutungen 
ab,  so  hat  der  Verfasser  seine  Aufgabe  im  ganzen  glücklich  gelöst, 
so  dass  nach  dem  Zeugnis  des  Historikers  der  Botanik  F.  Meyer  es 
für  das  Verständnis  der  älteren  Synonymik  (bis  zu  Caspar  Bauhin) 
kein  besseres  Werk  giebt  als  dieses.  Anzuerkennen  ist  das  Bestreben, 
dessen  sich  Simon  selbst  rühmt,  durch  gründliche  Untersuchungen, 
persönliche  Erkundigungen,  wozu  er  weite  kostspielige  Reisen  nicht 
scheute,  auf  alle  Weise  authentisches  Material  zu  liefern. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  681 

„«ec  his  solum  contentus  sed  ad  diversas  mundi  partes  per  sedulos  viros  inda- 
gare  ab  advenis  sciscitari  non  pinguit  {sie)  iisque  adeo  quod  per  montes  arduos 
neniorosas  convalles  catnpos  ripasque  sepe  liistrando  aliquando  comitem  me  feci 
cujusdam  anicule  (sie)  eretensis  admodum  sciole  'non  modiim  in  dignoseendis  herbis  et 
nominihus  grecis  exponendis  verum  etiam  in  ipsis  herbarmn  virtutibus  secundnm 
Dyiascoridem)  sententiam  explicandis.  Omnia  tentavi  quantum  ingenii  mei  paupertas 
sineret  ut  opus  efficeretur  excultum." 

Das  mit  grossem  Fleiss  und  in  der  Absicht  möglichster  Voll- 
ständigkeit hergestellte  Glossar  enthält  etwa  6000  Artikel. 

Von  Simon  rührt  auch  eine  im  Verein  mit  Abraham  Judaeus  Tortu- 
siensis  verfertigte  TJebereetzung  des  liber  servitoris  i.  e.  liber  XXVIII 
Bulchasim  benaberazerin  her  (abgedruckt  in  der  bekannten  Venediger 
Job.  Mesue-Ausgabe). 

Aehnliche  litterarische  Berühmtheit  wie  die  Synonyma,  wenn  auch 
geringeren  sachlichen  Wert  besitzen  die  an  Umfang  Simons  Werk  bei 
weitem  überragenden  „Pandectae  medicinae"  (mit  dem  voll- 
ständigen Titel  nach  einem  Exemplar  der  Kgl.  Bibliotliek  Berlin, 
Vened.  1488,  207  Folioblätter:  Liber  pandectarum  medicine:  omnia 
medicine  simplicia  continens  quem  ex  omnibus  antiquorum  libris  ag- 
gregavit  eximius  artium  et  medicine  doctor  Mattheus  Silvaticus  ad 
serenissimum  Sicilie  regem  Robertum),  welche  ihr  Verfasser  AEatthaeus 
Silvaticus  (f  1342)  ausMantua  seinem  Protektor,  dem  König  Robert 
von  Sizilien,  widmete.  Um  1297  begonnen  und  1317  (nicht  1330) 
vollendet,  bilden  die  Pandectae  kein  Wörterbuch,  sondern  eine  die 
Synonymik  berücksichtigende  praktische  Arzneimittellehre,  der  in  der 
latinobarbarischen  Litteratur  von  allen  Historikern  ein  hoher  Platz 
eingeräumt  wird  und  die  in  der  That  während  mancher  Jahrhunderte 
zu  den  beliebtesten  Litteraturerzeugnissen  gehört  hat.  Das  Werk  be- 
steht aus  etwa  720  Artikeln  und  ist  oft  gedruckt.  Der  erste  Artikel 
betrifft  Aron  grece,  arabice  siricantica  latine  vero  barba  aaron;  der 
letzte  handelt  von  zucarum,  und  dann  folgen  noch  einige  Namen,  die 
mit  der  Silbe  „con'*  beginnen,  zuletzt:  „condisi  quid  est  lege  litterara 
condes". 

Vgl.  Steinschneider  im  Anhang  zu  Mondevilles  Chir.  ed.  Paget  p.  592;  Meyer, 
Gesch.  d.  Botanik  IV  p.  167 ;  Graesse  III  p.  533;  Henschel  in  Janus  S^.  F.  II 
1853  p.  398;  Coli.  Sal.  ed.  de  Renzi  I  p.  341. 

Der  „Pandectarius",  wie  der  Verfasser  nach  seinem  Buch  heisst,  unter- 
nahm gleich  seinem  Vorgänger  im  Interesse  seiner  Arbeit  grosse  Reisen 
und  soll  bis  nach  Tunis  gekommen  sein.  Zuletzt  wohnte  er  in  Salerno  als 
„miles  et  physicus  regius"  und  unterhielt  hier  einen  botanischen  Garten. 
Für  manche  officinelle  Pflanzen  soll  er  sich  die  Sämereien  eigens  aus  Griechen- 
land haben  kommen  lassen. 

Das  „opus  pandectarium  medicine",  wie  es  auch  noch  be- 
titelt ist,  bildet  eine  fleissige  und  gelehrte  Kompilation  aus  allen  mög- 
lichen Quellen.  Der  Wert  der  Arbeit  ist  jedoch  dadurch  beeinträchtigt, 
dass  nachweislich  durch  Kopistenschuld  ganze  Stücke  aus  Simons 
Clavis  hineingeraten  sind;  eine  Sonderung  des  Echten  vom  Unechten 
ist  noch  nicht  erfolgt.  Höchst  verdächtig  sind  besonders  die  zwischen 
den  Artikeln  eingeschalteten  Worterklärungen. 

Handschriftlich  existieren  noch  die  „Synonyma  breviata  cum  additionibus 
quibusdam"  von  ,,Mondino  de  Foro  Julio"  (Mundinus  Friulensis  f  1340) 


682  Julius  Pagel. 

aus  Cividale  in  der  venetianischen  Delegation  von  Friaul,  Lehrer  der 
Medizin   in    Padua.     Vgl.    Henschel   im    Janus  N.  F.  II,   1853,  p.  391. 

Hier  ist  der  Ort,  des  bekannten  „Thesaurus  pauperum"  zu 
gedenken,  einer  populär  geschriebenen  Rezeptsammlung,  auch  u.  d.  T. 
„Summa  experimentorum".  Als  Verfasser  dieser,  wie  d er  Titel 
zeigt,  für  die  Bedürfnisse  der  Pharmacopoea  oeconomica  berechneten 
Zusammenstellung,  die  ursprünglich  angeblich  italienisch  geschrieben 
war,  gilt  irrtümlicherweise  der  Portugiese  Petrus  Hispanus  (nach- 
malig Papst  Johann  XXI.,  Verfasser  eines  Kommentars  zu  des  Isaac 
Judaeus  „de  dietis  particularibus")-  Wahrscheinlich  rührt  der  Thesaurus 
pauperum  von  einem  Arzt  Julianus  her.  Jedenfalls  gehört  die  1270 
verfasste  Schrift  zu  den  ältesten  und  verbreitetsten  ihrer  Art. 

Der  vollständige  Titel  lautet  nach  der  Ausgabe  Frankfurt  1576  (kl.  8®, 
Kgl.  Bibl.  Berlin) :  Thesaurus  pauperum  Petri  Hispani  Pontificis  Pomani 
philosophi  ac  medici  doctissimi  de  medendis  morbis  humani  corporis  liber: 
experimenta  particularia  per  simplicia  medicamenta  ex  probatissimis  autoribus 
et  propriis  observationibus  coUecta  continens  nunc  primum  etc.  Es  handelt 
sich  in  85  Kapiteln  um  eine  ßezeptsammlung  gegen  alle  AfFektionen  a  capite 
ad  calcem,  wobei  die  Einfachheit  der  Verordnungen  und  die  Kürze  der 
Darstellung  sicher  zur  Popularität  des  Buches  beigetragen  haben.  —  lieber 
die  Bedeutung  des  Petrus  Hispanus  für  die  Augenheilkunde  vgl.  J.  B. 
Pete  IIa  (Rom),  ,,Le8  connaissances  oculistiques  d'un  medecin  philosophe 
devenu  pape''  (Janus  Amsterdam  II,  1897/98  p.  405—420  u.  570  —  596), 
sowie  die  Darlegungen  im  Abschnitt  ,, Augenheilkunde". 

Aehnliche  Zwecke,  wie  der  Thesaurus  pauperum,  aber  auf  einem  anderen 
Gebiete,  verfolgen  verschiedene  Schriften,  die  durch  populäre  Belehrung 
auf  die  Menge  der  Gebildeten  im  Sinne  einer  rationellen  Diätetik  einwirken 
sollen.  Am  bekanntesten  unter  dieser  Gattung  litterarischer  Erzeugnisse 
sind  des  Marsilius  Ficinus  (1433 — 1499)  ,,de  vita  libri  tres" 
(Basel  1529).  —  Die  übrige,  in  diese  Kategorie  gehörige  Litteratur,  populäre 
Arzneibücher ,  balneologische  Schriften ,  soweit  sie  nicht  auf  italienischem 
Boden  entstanden  sind,  werden  an  anderer  Stelle  zu  erwähnen  sein.  — 

Zu  den  berühmtesten  italienischen  Aerzten  und  medizinischen 
Professoren  des  15.  Jahrhunderts  gehören  noch  zwei  Autoren,  deren 
Werke  im  allgemeinen  nichts  weiter  sind  als  Kommentare  zu  Avicenna 
bezw.  zu  dem  als  Schulbuch  der  Pathologie  beliebten  Liber  nonus  des 
Razes  ad  Almansorem,  die  aber  trotzdem  als  selbständig  beobachtende 
Praktiker  einen  gewissen  Anspruch  auf  historische  Bedeutung  haben, 
nämlich  Giovanni  Matteo  Ferrario  de  Gradibus  (f  1480)  aus 
Grado  im  Mailändischen,  Arzt  in  Mailand  bezw.  eine  Zeit  lang  Leib- 
arzt am  Hofe  der  Herzogin  Maria  Visconti,  Verfasser  von  „Tabula 
consiliorum"  (Pap.  1501,  Kgl.  Bibl.  Berlin,  zusammen  mit  den  Ab- 
handlungen de  regimine  sanitatis  von  Rabi  Moyse  und  von  Raynaldus 
[sie !]  ex  villa  nova  ad  Aragonum  regem  inclitum),  einer  recht  wert- 
vollen Sammlung  von  109  Consilien,  das  letzte  „pro  reverendissimo  in 
xpro  patre  d.  Jacobo  Borromeo  episcopo  papiensi  et  comite  dignissimo 

et  domino pro  macrefactione  inducenda,  sowie  Marco  Gatinaria 

(f  nach  1481),  ein  Arabist  vom  Scheitel  bis  zur  Sohle,  dessen  Com- 
pendium  „de  curis  egritudinum  totius  corporis"  (Basel  1537) 
trotz  vieler  selbständiger  Beobachtungen  doch  typisch  für  die  ganze  Art 
der  kommentatorischen  Thätigkeit  jener  Zeit  ist. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  683 

Vgl.  die  Pariser  These  von  H.  M.  Ferrari,  TJn  chaire  de  m^decine  au 
XV.  siecle  (1899).  —  TJeber  die  Lebensverhältnisse  von  Gatinaria  ist  nichts 
weiter  bekannt,  als  dass  er  in  Pavia  gewirkt  hat  und  noch  nach  14^1  ge- 
lebt haben  muss,  da  er  in  seinem  Kompendium  von  einer  in  diesem  Jahr 
vollzogenen  Kur  spricht. 

{Vgl.  Baseler  Ausg.  1537  p.  143  in  dem  Kapitel:  Cura  involnntarii  exitus 
urinae:  „Nota  quod  magister  Franciscus  de  Busti  Mediolanensis  in  dicta  civitate 
Mediolani  anno  1481  habuit  in  cura  quandam  puellam  annorum  18  quae  passa  est 
superfluum  fiuxum  urinae  etc.") 

Dass  das  Buch  sich  grosser  Beliebtheit  erfreute,  beweist  die  Thatsache, 
dass  es  von  15()6 — 1575  im  ganzen  etwa  8  mal  und  sogai  noch  im  17,  Jahr- 
hundert 2  mal  gedruckt  worden  ist. 

In  dem  in  der  Baseler  Ausgabe  nur  170  Folioseiten  umfassenden  Werkchen 
werden  ausser  den  Arabern  noch  folgende  Schriften  bezw.  Aei-zte  erwähnt:  Gentilis, 
Simon  Januensis,  Rosa  anglica,  Matthaeus  Gradi,  der  Conciliator,  Joannes  Arcu- 
lanus,  Antnn.  Ghuaynerius,  Nicolaus  Florentinus,  Thadeus,  Gordonius,  Gerardus  de 
Solo,  Jacobus  Forliviensis,  Hugo  Senensis,  Guil.  Placentinus,  ferner  einige  obskure 
Aerzte,  wie  Giringellus,  Marlianus  etc.  —  Interessant  ist  die  Warnung  vor  zu 
früher  Beerdigung  an  Apoplexie   Verstorbener   (nicht  vor  72  Stunden  post  mortem). 

Von  geringerer  Bedeutung  als  die  Genannten  sind :  Franciscus 
de  Sienis  (Francesco  di  Bartolomeo  Casini  da  Siena),  der  um  1374 
bis  90  blühte,  der  Freund  Petrarkas,  Professor  in  Perugia  und  Pisa 
und  Leibarzt  der  Päpste  Gregor  XL  und  Urban  VI.  (übrigens  nicht 
zu  verwechseln  mit  seinem  gleichnamigen  Nachfolger  in  Perugia,  der 
erst  1400  „ad  legendum  et  practicandum'"  hierher  berufen  wurde); 
der  mehr  als  Philosoph  bekannte  M e n g h 0  Bianchelli  (1440—1520) 
aus  Faenza,  einer  der  Aerzte  und  Günstlinge  des  Fürsten  Philipp 
Maria  Visconti,  Verfasser  von  „de  morbis  particularibus  a 
capite  ad  pedes"  etc.  (Vened.  1536),  sowie  einiger  balneologischer 
Abhandlungen  und  eines  unbedeutenden  Consiliums;  der  bei  Guy  de 
Chauliac  (im  Prooemium  der  Chirurgie)  erwähnte  Mag.  Nicolaus  de 
Eegio  (in  Calabrien),  ein  Kenner  der  griechischen  Sprache,  dessen 
Uebersetzungen  Galenischer  Schriften  („graecae  translationes"  im 
Gegensatz  zu  den  aus  dem  Arabischen  veranstalteten)  z.  T.  noch 
handschriftlich  vorhanden  sind  und  von  Guy  de  Chauliac  gerühmt 
werden;  er  blühte  etwa  um  1317 — 45;  Johannes  de  Parma,  lebte 
etwa  in  der  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  (um  1348 — 65),  war  Canonicus 
in  Prato,  und  wird  von  Guy  de  Chauliac  wie  von  Petrarka  gelobt; 
endlich  Johannes  Concorreggio  aus  Mailand,  successive  Professor 
in  Bologna  (1404),  Pavia,  Florenz  und  seit  1439  in  seiner  Vaterstadt, 
dessen  „Lucidarium  et  flos  florum  medicinae",  ein  Kommentar  zum 
9.  Buch  des  Razes  ad  Almansorem,  ausser  dem  schön  klingenden  Titel 
kaum  etwas  Neues  oder  Selbständiges  bringt. 

Damit  schliesst  die  Reihe  der  bemerkenswertesten  italienischen 
Praktiker  des  13.— 15.  Jahrhunderts,  die  hier  nach  den  verschiedenen 
Schulen,  denen  ihre  Lehrthätigkeit  in  überwiegendem  Masse  zu  gute 
gekommen  ist,  geordnet  worden  sind.  Samt  und  sonders  kann  man 
sie  als  Repräsentanten  der  scholastischen  Medizin  bezeichnen.  Ihre 
Produkte  bewegen  sich  fast  ohne  Ausnahme  auf  einerlei  Geleisen,  und 
zwar  auf  denjenigen,  welche  durch  die  dialektische  Methode  ein  für 
alle  Male  den  Autoren  der  genannten  Jahrhunderte  gleichsam  als  aus- 
schliesslich passierbar  vorgeschrieben  waren.  Doch  ist  bei  hervor- 
ragenden Aerzten   des  15.  Jahrhunderts  insofern  ein  gewisser  Fort- 


684  Julius  Pagel. 

schritt  unverkennbar,  als  thatsächlich  hier  schon  die  ersten  Anfänge 
von  Bestrebungen  sich  geltend  machen,  welche  darauf  ausgehen,  sich 
von  der  Scholastik  zu  emanzipieren  und  den  Weg  selbständiger, 
nüchterner  Naturbeobachtung  zu  betreten.  Ein  nicht  geringer  Impuls 
zur  Besserung  in  dieser  Richtung  ging  von  einem  Manne  aus.  der 
zwar  nicht  selbst  Arzt  war,  aber  ein  grosses  Interesse  für  die  Heil- 
kunde, wie  überhaupt  für  alle  wissenschaftlichen  Angelegenheiten  seiner 
Zeit  an  den  Tag  legte  und  mit  scharfem  Blick  namentlich  die  traurigen 
Verirrungen  erkannte,  welche  die  Scholastik  gerade  in  der  Medizin 
hervorgerufen  hatte.  Dieser  Mann  ist  kein  Geringerer  als  der  be- 
rühmte Dichter  Francesco  Petrarka  (1304—74),  der  wegen  seiner 
ebenso  scharfen  als  erfolgreichen  Bekämpfung  der  Scholastik  und 
wegen  seines  grossen  Anteils  an  dem  Wandel  der  Heilkunde  in  der 
Richtung  zum  Fortschritt  in  der  Geschichte  unserer  Kunst  allezeit 
einen  Ehrenplatz  beanspruchen  wird.  Petrarka  gebührt  das  Verdienst, 
in  nachdrücklichster  Weise  auf  all  das  Unheil  hingewiesen  zu  haben, 
das  die  „syllogistische"  Behandlungsmethode  in  der  Medizin  ver- 
schuldet hatte.  Mit  Recht  erhob  er  gegen  die  Aerzte  den  Vorwurf: 
syllogizant  sed  non  curant.  Vor  allem  geisselte  er  die  Sucht,  die 
Heilkunde  mit  dem  Nimbus  einer  gelehrten  im  damaligen  Sinne,  das 
heisst  „philosophischen"  Würde  zu  bekleiden.  Die  Philosophie,  sagt 
Petrarka,  sei  eine  Wissenschaft,  deren  Ziele  völlig  den  irdischen  Ver- 
hältnissen abgewendet  seien ;  die  Medizin  aber  eine  spezifisch  praktische 
Kunst  und  könne  schon  aus  diesem  Grunde  nicht  nach  denselben 
Methoden  erforscht  und  behandelt  werden  wie  die  Philosophie.  Selbst 
diese  sei  durch  missbräuchliche  Verwertung  von  Logik  und  Dialektik, 
die  niemals  Selbstzweck,  sondern  nur  Mittel  zum  Zweck  seien,  auf 
Abwege  geraten,  wieviel  mehr  aber  sei  dies  bei  der  Heilkunde  der 
Fall,  wo  nicht  die  Disputierkunst,  sondern  das  praktische  Handeln, 
nicht  rhetorisches  Phrasengeklingel,  sondern  einfache  Erwägung  der 
Krankheitssymptome,  nicht  Autoritätenglaube,  sondern  selbständige 
Beobachtung  massgebend  sein  sollen.  Treffend  verspottet  er  die  Aerzte 
wegen  ihrer  Meisterschaft  in  der  Kunst,  den  Kranken  mit  gelehrten 
Redensarten  abzuspeisen,  und  wegen  ihrer  völligen  Impotenz  hinsicht- 
lich des  eigentlichen  Heilens.  Sehr  gut  verständen  sie,  sagt  er,  ihre 
Unfähigkeit  und  Ohnmacht  am  Krankenbette  mit  leeren  Ausflüchten 
zu  verdecken  und  für  ihre  eigenen  Fehler  den  Kranken  oder  die  Natur 
resp.  die  Schwere  der  Krankheit  verantwortlich  zu  machen.  Wenn 
die  Aerzte  häufig  die  Meinungen  der  Alten  im  autoritativen  Sinne 
verwerteten,  wenn  sie  an  Hippokrates  und  Galen  festhielten,  so  sei 
eine  solche  widerspruchslose  und  blinde  Verehrung  der  älteren  Aerzte 
durchaus  nicht  mehr  den  völlig  veränderten  Zeitverhältnissen  ange- 
messen, ganz  abgesehen  davon,  dass  man  auch  nicht  einmal  mehr 
fähig  sei,  die  älteren  Lehren  zu  verstehen,  und  dass  durch  künstliche 
Interpretation  und  missverständliche  Auffassung  die  Worte  der  Alten 
geradezu  verdreht  und  entstellt  wären,  so  dass  die  litterarischen  Ar- 
beiten eine  förmliche  Kette  von  in  der  Luft  schwebenden  Trugschlüssen 
darstellten,  denen  jede  reelle  Unterlage  mangele.  Allenfalls  bestände 
nur  insofern  noch  ein  wirklicher  Zusammenhang  zwischen  der  da- 
maligen Medizin  und  den  alten  Griechen,  dass  die  Aerzte  deren 
Nomenklatur  adoptiert  hätten  und  durch  griechische,  gelehrt  klingende 
Namen,  die  sie  den  Krankheiten  beilegten,  der  Welt  zu  imponieren 
suchten.     „Latina  mors  graeco  velamine"   nannte  das  Petrarka  mit 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  685 

feiner  satirischer  Wendung-.  Vollends  schmachvoll  sei  das  Eindringen 
des  arabischen  Elements  in  die  Heilkunde;  es  verdiene  die  schärfste 
Brandmarkung,  dass  die  Aerzte  an  all  den  Schwindel  glaubten,  der 
mit  dem  Arabismus  in  die  Kunst  importiert  worden  sei,  wie  Astrologie, 
Alchemie,  Uromantie  etc.  —  Petrarka  ist  durchaus  kein  Verächter  der 
Medizin  und  der  Aerzte  an  sich.  Im  Gegenteil  war  er  mit  einer  Reihe 
von  Medizinern  bekannt  und  befreundet,  mit  vielen  stand  er  in  ge- 
lehrtem Briefwechsel,  Er  anerkannte  die  Thätigkeit  einzelner  voll 
und  ganz  und  namentlich  rühmte  er  die  von  den  Medikern  verachteten 
Chirurgen  wegen  ihres  relativ  nüchternen  Standpunktes.  Auch  war 
Petrarka  von  der  Bedeutung  einer  auf  reellen  Fundamenten  beruhen- 
den Heilkunst  völlig  durchdrungen,  aber  er  sagt,  die  Aerzte  selbst 
müssten  zugeben,  dass  ihre  Kunst  noch  viel  von  Zufälligkeiten  abhänge 
und  fast  gänzlich  bestimmter  Regeln  entbehre.  Er  könne  die  grosse 
Mehrheit  der  Aerzte  nicht  von  dem  Vorwurf  entlasten,  dass  ihre 
Thätigkeit  eine  direkt  auf  Trug  und  Charlatanerie  beruhende,  ja 
geradezu  auf  Täuschung  gerichtete  sei.  —  Ist  auch  Petrarka  ent- 
schieden in  einzelnen  Punkten  über  das  Ziel  hinausgeschossen  und 
beruhen  auch  manche  seiner  Anklagen  auf  üebertreibungen,  namentlich 
wenn  er  tadelt,  dass  die  Aerzte  zu  viel  Wert  auf  Diätbeschränkungen 
legten  und  wenn  er  das  zur  ärztlichen  Kunst  unentbehrliche  psychische 
Element,  die  unvermeidliche  pia  fraus  gänzlich  ausser  Acht  lässt,  so 
ist  doch  andererseits  zweifellos  seine  Kritik  in  den  meisten  Stücken 
eine  durchaus  berechtigte  und  verdienstliche.  Es  kann  nicht  in  Ab- 
rede gestellt  werden,  dass  auch  sie  neben  manchen  anderen  Verhält- 
nissen, wozu  besonders  einige  schwere  Volkskrankheiten,  die  unter 
dem  Namen  des  schwarzen  Todes  bekannte  Seuche,  die  Wiederbelebung 
der  anatomischen  Forschung  etc.  gehören,  dazu  beigetragen  hat,  die 
Aerzte  von  den  Fesseln  der  Scholastik  zu  befreien  und  sie  auf  den 
allein  selig  machenden  Weg  der  Naturbeobachtung  hinzuführen.  Aus 
diesem  Grunde  bleiben  die  kritischen  Aeusserungen  Petrarkas  trotz 
ihres  vielfach  laienhaften  Charakters  allezeit  auch  für  die  Medizin 
denkwürdig  und  von  einem  gewissen  epochalen  Wert.  Mit  Recht 
wird  Petrarka  selbst  zu  den  Vorläufern  des  Humanismus  gezählt; 
sein  Wirken  inauguriert  in  gewissem  Sinne  bereits  das  Zeitalter,  das 
man  in  der  Geschichte  der  Kultur  mit  dem  Namen  Prärenasisance  zu 
belegen  pflegt.  Immerhin  bedurfte  es  noch  langer,  mühevoller  Ai-beit, 
bis  der  Scholastik  mit  allen  ihren  Konsequenzen  und  Dependenzen 
der  Todesstoss  versetzt  werden  konnte. 

Die  Medizin  in  Frankreich  während  der  scholastischen  Periode. 

Inzwischen  hatte  auch  in  Frankreich  die  medizinische  Wissen- 
schaft festeren  Fuss  gefasst  und  eine  dauernde  Heimstätte  gefunden. 
AVährend  jedoch  in  Italien  auch  nach  dem  Zurücktreten  der  arabischen 
Präponderanz  an  zahlreichen  Orten  blühende,  mit  Salerno  rivalisierende 
Hochschulen  mit  einer  verhältnismässig  grossen  Zahl  von  Lehrern  und 
Schülern,  einer  reichen  litterarischen  Produktivität  entstanden,  sind 
es  in  Frankreich  während  des  ganzen  Mittelalters  hauptsächlich  nur 
zwei  Universitäten,  nämlich  Montpellier  und  Paris,  die  als 
wichtige  Trägerinnen  des  geistigen  Lebens  auf  dem  Gebiete  der 
Natur-  und  Heilkunde  in  Betracht  kommen.  Namentlich  Montpellier 
gehört,  wie  Salerno,  zu  den  ältesten  und  bedeutendsten  Centren  der 


686  Julius  Pagel. 

Wissenschaft.  Wie  die  Stadt  selbst  von  ihrer  Begründung  an,  die  bis 
auf  das  8.  Jahrhundert  zurückgeführt  wird,  fast  ganz  orientalischen 
Charakter  zeigt,  so  ist  auch  die  Universität  als  eine  Art  von  Tochter- 
stätte der  spanisch-arabisch-jüdischen  Gelehrtenschule  anzusehen.  Von 
jeher  hatten  zwischen  Montpellier  und  den  orientalischen  Ländern, 
sowie  mit  Spanien  und  Italien  lebhafte  Handelsbeziehungen  bestanden. 
Eine  Folge  derselben  war  die  Ansiedelung  zahlreicher  Juden,  unter 
denen  auch  viele  jüdische  Gelehrte  und  Aerzte  sich  befanden.  Nach- 
weislich haben  diese  nicht  bloss  eine  umfangreiche  praktische  Thätig- 
keit  entwickelt,  sondern  auch  bei  der  Gründung  der  Universität  mit- 
gewirkt (um  1290).  Die  ersten  sicheren  Nachrichten  über  die  Existenz 
einer  medizinischen  Schule  in  Montpellier  datieren  bereits  aus  dem 
12.  Jahrhundert.  Die  erhebliche  Beteiligung  gerade  jüdischer  Gelehrter 
an  der  Verpflanzung  der  Medizin  nach  Montpellier  erhellt  aus  zahl- 
reichen Dokumenten,  u.  a.  aus  dem  bekannten  Itinerarium  des  Benjamin 
von  Tudela,  eines  berühmten  Eeisenden,  aus  Mitteilungen  von  Aegidius 
von  Corbeil  (vgl.  Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  II  p.  546/547),  besonders 
aus  einer  erst  vor  kurzem  von  Steinschneider  publizierten  altfranzö- 
sischen Kompilation  (in  jüdischen  Lettern),  die  vermutlich  aus  dem 
12. — 13.  Jahrhundert  datiert.  —  In  Montpellier  waren  Jean  de  St.  Gilles, 
Guillaume  de  Mazeres  jüdische  Aerzte.  Armengaud  de  Blaise  (vgl. 
p.  522i)  übersetzte  zusammen  mit  Juden  die  arabischen  Werke  ins 
Latenische,  u.  a.  mit  Prophatius  (Prophiat,  Jacob  ben  Machir),  Arzt 
und  Astronom  (gest.  um  1307—1308). 

Prophatius  stammte  aus  Marseille  und  lebte  in  Montpellier;  er  ist  Er- 
finder eines  Quadranten  und  Verfasser  eines  Almanachs. 

Vgl.  H  e  n  8  c  h  e  1 ,  Janus  N.  F.  II  p.  389  ;  Steinschneider,  Hebr.  Uebers. 
§  584  p.    976. 

Allerdings  waren  die  in  Montpellier  ansässigen  christlichen  Aerzte 
von  dem  Zudrang  der  spanisch-jüdischen  Genossen  wenig  erbaut  und 
vermochten  u.  a.  bei  Guillaume  Seigneur  de  Montpellier  ein  Verbot  der 
Einwanderung  durchzusetzen,  was  bekanntlich  misslang,  indem  dieser 
humane  Seigneur  verfügte: 

„Mundo,  volo,  laudo  atque  concedo  in  perpetuum  quod  omnes  homines  qui- 
cunque  sint  vel  undecimque  sint,  sine  aliqua  contradictione  regant  scholas  de  physica 
in  Montpessulano." 

Lange  freilich  blieb  dies  Edikt  nicht  in  Geltung;  auch  hier  feiert 
bald  die  Intoleranz  ihre  Triumphe,  indem  schon  1319  sämtliche  Juden 
aus  Frankreich  vertrieben  wurden. 

Auf  die  nähere  Geschichte  der  med.  TJnterrichtsverhältnisse  an  den 
Universitäten  von  Montpellier  und  Paris  kann  an  dies^er  Stelle  nicht  ein- 
gegangen werden.  Ein  Hinweis  auf  die  bekannten  Werke,  hauptsächlich 
von  Puschmanns  Gesch.  d.  med.  Unterrichts  (Leipzig  1889)  muss    genügen. 

Die  lebhafte  Mitarbeit  der  Juden  mochte  vielleicht  die  Ursache 
dafür  bilden,  dass  in  Montpellier  die  Schola«;tik  verhältnismässig  hinter 
einer  mehr  nüchtern-empirischen  Richtung  zurücktrat.  Wenn  jedoch 
von  einzelnen  Historikern  die  Ansicht  vertreten  wird,  dass  in  Mont- 
pellier ein  freierer  Geist  sich  regte  und  die  Scholastik  gänzlich  auf- 
gegeben, oder  vielmehr  nicht  adoptiert  wurde,  so  beruht  das  auf 
Schönfärberei. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mtteialter.  687 

Ich  glaube  an  einigen  zuerst  von  mir  publizierten  Schriften  eines  der 
berühmtesten  Vertreter  der  Hochschule  von  Montpellier ,  des  ,,monarcha 
medicinae*'  Bernhard  von  Gordon,  nachgewiesen  zu  haben,  dass  die  Scholastik 
auch  dort  ganz  in  dem  Stile  gehandhabt  wurde ,  wie  von  den  besten 
italienischen  Repräsentanten  derselben.  Auch  der  Chirurg  Mondeville,  der 
eine  Zeitlang  in  Montpellier  lebte ,  war  ein  echter  Scholastiker ,  sein 
chirurgisches  Lehrbuch  ist  in  den  Hauptteilen  mit  Scholien  geradezu  über- 
laden. Immerhin  muss  unumwunden  zugegeben  werden,  dass  cum  grano 
Balis  genommen  Montpellier  sich  anfangs  in  einer  gewissen  Unabhängigkeit 
von  kirchlichem  Einfluss  zu  erhalten  verstanden  hat,  und  dass  thatsächlich 
auch  die  rein  praktischen,  auf  die  Beobachtung  der  Thatsachen  und  auf 
Ausbildung  von  Praktikern  gerichteten  Bestrebungen  in  grösserem  Umfange 
zu  Montpellier  Geltung  gewannen.  Einen  klassischen  Zeugen  hierfür  be- 
sitzen wir  in  Arnold  von  Villanova.  Es  ist  sicher  kein  Zufall,  dass  gerade 
dieser  Mann,  Repräsentant  einer  Art  von  Prärenaissance ,  der  uns  noch 
sogleich  besonders  beschäftigen  wird,  ferner  Männer,  wie  der  schon  genannte 
Bernhard  von  Gordon,  die  Chirurgen  Mondeville  und  Guy  de  Chauliac,  der 
Augenarzt  Benevenutus  Grapheus  (Grassus),  Abkömmlinge  der  Hochschule 
von  Montpellier,  berufen  gewesen  sind,  wesentlich  im  geläutert  empirischen 
Sinne  die  Heilkunde  zu  fördern.  Leider  sind  unsere  Kenntnisse  über  die 
Leistungen  der  medizinischen  Schule  von  Montpellier  trotz  der  Arbeiten 
von  Astruc  u.  v.  neueren  Autoren  immer  noch  lückenhaft.  Das  Studium 
der  Handschriften  zeigt,  dass  viele  Arbeiten  von  Vertretern  der  Schule  von 
Montpellier  noch  unbekannt  und  unediert  sind.  Bäckström  (Oberlehrer  in 
Petersburg),  der  mit  der  Sammlung  von  Anecdota  Gordoniana  beschäftigt 
ist,  verdankt  Verfasser  noch  die  Kenntnis  einiger  von  Raymundus  de 
Moleriis,  Kanzler  der  Univ.  v.  Montp.  um  1338,  herrührenden  Arbeiten, 
die  handschriftlich  in  Berlin  und  Erfurt  vorhanden  sind  und  bisher  völlig 
unbekannt  waren. 

Paris  bleibt  anfangs  in  der  Bedeutung  hinter  Montpellier  zurück. 
Hugo  physicus  und  Obizo,  Leibarzt  Ludwigs  des  Dicken  und  Abt  von 
St,  Victoire  (vgl.  Sprengel  II  p.  547),  Rigord,  Mönch  in  St.  Denis, 
Aegidius  von  Corbeil  (vgl.  p.  657)  sind  die  ersten  Lehrer  in  Paris 
(vgl.  Janus  N.  F.  1852  p.  659).  Ein  ewig  unvergänglicher  Ruhmes- 
titel dieser  Hochschule  bleibt  es,  dass  hier  der  wissenschaftlichen 
Chirurgie,  die  die  Wurzeln  ihrer  Kraft  bekanntlich  in  Italien  hat, 
während  des  13. — 14.  Jahrhunderts  eine  neue  Pflanzstätte  bereitet 
wird.  Der  Mailänder  Lanfranchi  begründete  in  Paris  den  neuen  Auf- 
schwung der  Chirurgie,  die  nachmalig,  wie  bekannt,  den  besonderen 
Glanz  der  französischen  Heilkunde  zu  bilden  berufen  war,  und  gerade 
in  Paris  ist  mit  der  Entstehung  des  College  de  St.  Come,  mit  dem 
Wirken  von  Lanfranchi,  Jean  Pitard,  Mondeville  etc.  die  Chirurgie 
schon  im  Mittelalter  zu  hohen  Ehren  gekommen. 

Ist  auch  die  Zahl  der  bedeutenden  französischen  Aerzte  aus  der 
scholastischen  Periode  gegenüber  den  italienischen  Autoren  eine  ver- 
hältnismässig bescheidene,  so  wird  diese  numerische  Inferiorität  durch 
das  Ansehen  der  Männer,  die  hier  entgegentreten,  reichlich  auf- 
gewogen. 

An  dieser  Stelle  verdient  zunächst  der  Kanonikus  von  Tournay, 
Johann  von  St.  Amand  aus  dem  13.  Jahrhundert,  Erwähnung  (vgl. 
p.  652),  von  dessen  Kommentar  zum  Antidotarium  Nicolai  Curt  Sprengel 
soviel  Aufhebens  gemacht  hat,    und  dessen  Lob  dann  seitdem  in  alle  Lehr- 


638  Julius  Pagel. 

bücher  der  Geschichte  übergegangen  ist.  Aderlass,  Kalenderdiät,  TJroskopie 
sind  auch  hier  die  integrierenden  Elemente,  die  instrumenta  medicinae  bezw. 
therapiae.  Vielleicht  liegt  der  Fortschritt  darin,  dass  die  arabische  Poly- 
pharmacie  im  Kommentar  etwas  in  den  Hintergrund  tritt.  In  dem  schon 
(p.  652)  genannten  Revocativum  memoriae  ist  das  sicher  nicht  der  Fall. 
Wie  bereits  bemerkt,  beruht  der  Ruf  des  Kommentars  wohl  mehr  auf  der 
Wertschätzung  des  Originals,  des  Antidotariums  selbst.  Sicher  ist,  dass 
Johann  von  St.  Amand  zu  den  angesehensten  und  gelehrtesten  Aerzten 
und  Greistlichen  seiner  Zeit  gehört  und  nicht  bloss  von  Zeitgenossen,  sondern 
auch  von  den  nachfolgenden  Aerzten  viel  als  Autorität  citiert  wird.  Zweifellos 
muss  übrigens  St.  Amand,  obwohl  er  in  einem  belgischen  Orte  wirkte,  als 
Franzose  bezw.  als  Ausläufer  der  Pariser  Hochschule  angesehen  werden.  — 
Seine  Areolae  waren  lange  Zeit  ein  sehr  beliebtes  Schulbuch  der  Pharma- 
kologie ;  die  Kompendiosität  desselben  erinnert  an  moderne  Taschenrezept- 
büchlein. 

An  der  Spitze  derjenigen  Männer,  welche  für  eine  gesunde, 
empirische  Entwicklung  der  Medizin  in  Montpellier  tonangebend  und 
von  durchgreifendem  Einfluss  gewesen  sind,  steht  ein  Mann,  der 
zu  den  bedeutungsvollsten  Erscheinungen  des  Mittelalters  überhaupt 
gehört 

Arnaldus  von  Villanova, 

der  Autor,  der  in  gewissem  Sinne  das  Verdienst  für  sich  in  Anspruch 
nehmen  darf,  die  wissenschaftliche  Basis  der  Medizin  in  Gestalt  von 
ratio  und  experimentum  zielbewusst  als  einer  der  ersten  wieder 
urgiert  und  den  Beginn  einer  freieren,  von  der  Scholastik  sich  mehr 
und  mehr  emanzipierenden  Richtung  (übrigens  nicht  in  Frankreich 
allein)  angebahnt  zu  haben. 

Von  seinem  Auftreten  datiert  zweifellos  schon  der  Anhub  zur 
Prärenaissance;  mit  Recht  wird  Arnold  von  Villanova  zu  den  weit 
über  die  grosse  Menge  der  Zeitgenossen  hinausragenden,  leuchtenden 
Marksäulen  der  medizinischen  Wissenschaft  gezählt.  Handelt  man  von 
der  Medizin  in  Montpellier,  so  ist  man  verpflichtet,  seiner  zuerst  zu 
gedenken;  denn  gerade  mit  der  ersten  Blütezeit  dieser  Hochschule  ist 
das  Andenken  an  den  Mann  unauflösbar  verknüpft,  der  dort  unmittel- 
bar nach  der  1289  erfolgten  Stabilierung  der  Universitätsverhältnisse 
zu  wirken  begonnen  und  nachweislich  lange  segensreich  gewirkt  hat. 
Figuriert  er  doch  sogar  in  einem  an  den  Papst  gerichteten  Dokument 
als  „habitator  Montispessulani". 

Wegen  der  Litteratur  über  Arn.  v.  Villanova  vgl.  u.  a.  Haeser,  Gesch.  d. 
Med.  I  p.  718  u.  die  dort  genanntnn  Quellen;  Barthelemy  Haureau  in  Hist. 
literaire  de  la  France  XXVIII  p.  26—126;  Emmanuel  Lalande,  Am.  de  Vill, 
sa  vie  et  ses  oeuvres,  these  de  Paris  1896;  Coli.  Salem,  ed.  de  Renzi  I  p.  340  u. 
347;  V.  Töply,  Die  Lagerhygiene  des  Arn.  v.  Vill.,  Wiener  med.  Wochenschr.  1896. 
—  Wegen  der  hebr.  TJeber Setzungen  vgl.  Steinschneider  a.  a.  0.  Wegen  Arnolds 
Bedeutung  für  die  Chemie  vgl.  Carl  Kiesewetter,  Die  Geheimwissenschaften  T.  II 
Leipz.  1895  p.  38 ff.  —  Wegen  der  Leistungen  Arnolds  in  der  Chirurgie  vgl.  das 
neueste  herrliche  Riesenwerk  von  E.  Gurlt  II  p.  125 — 132. 

Charakteristisch  für  den  Mangel  an  historischem  Sinn  im  Mittelalter 
ist  das  in  direktem  Gegensatz  zur  Grösse  und  Bedeutung  des  Mannes 
stehende  geringe  Mass  von  sicheren  Nachrichten  über  die  Lebensgeschichte 
Arnolds. 

Dieser  Umstand  hat  es  verschuldet,    dass  gerade  Arnold  den  Phantas- 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  689 

men  gewisser  Geschichtsmacher  den  unglaublichsten  Spielraum  gewährt  hat, 
und  dass  je  dunkler  thatsächlich  die  bezüglichen  Verhältnisse  liegen,  desto 
klarer  einzelne  Biographen  alles  sehen  und  darstellen  zu  können  geglaubt 
haben.  Es  war  zunächst  erforderlich,  mit  dem  ganzen  Mythenkranz  auf- 
zuräumen, der  um  Arnolds  Person  geflochten  worden  ist.  Trotz  der  z.  T. 
recht  guten,  in  dem  obigen  Verzeichnis  genannten  Arbeiten  bleibt  noch 
mancher  dunkle  Punkt  übrig.  Die  Schwierigkeiten  erheben  sich  schon  bei 
der  genauen  Feststellung  des  Geburtsortes,  der  eigentlichen  Heimat  von 
Arnold:  ihre  Beseitigung  erscheint  bei  den  etwa  20  bis  30  Ortschaften  des 
Namens  Villanova  oder  eines  ähnlichen  in  Spanien  und  Südfrankreich  so  gut 
wie  unmöglich.  Haureau  plädiert  für  Spanien,  und  erklärt  unseren  Arnold 
für  einen  Abkömmling  einer  jener  884  Katalonierfamilien,  die  nach  Ver- 
treibung der  Mauren  aus  Valencia  zur  Bevölkerung  der  verödeten  Gegend 
aus  Katalonien  dorthin  um  1240  verpflanzt  wurden.  Diese  Annahme  stützt 
er  auf  die  Aeusserung  des  Papstes  Clemens  V.,  dessen  Leibarzt  Arnold 
später  war:  „Mag.  Arn.  de  Vill.,  clericus  Valentinae  dioecesis,  physicus 
noster".  Andere  Quellen  treten  für  die  proven^alische  Herkunft  des 
Arnold  ein,  und  für  diese  entscheidet  sich  der  neueste  Biograph  Lalande 
mit,  wie  mir  scheint,  durchschlagenden  Argumenten  auf  Grund  von 
Dokumenten ,  die  bisher  noch  nicht  allgemein  bekannt  resp.  verwertet 
waren.  Lalandes  Beweisgründe  sind  folgende :  In  seiner  Dedikationsepistel 
zur  Schrift  de  conservanda  juventute  an  König  Robert  von  Neapel  und 
<Trafen  von  der  Provence  schreibt  er:  „qui  ex  innatae  (landsmannschaft- 
lichen oder  heimatlichen)  fidelitatis  devotione  pro  salute  vestra  semperoro". 
Ferner  verwendet  er  in  seinem  Regimen  sanitatis  mit  Vorliebe  Vulgäraus- 
drücke aus  dem  Provencjalischen  u.  a.  einen  noch  heute  dort  gebräuchlichen 
Provinzialismus  für  Gebäck  (pistin)  und  die  übrigen  Ausdrücke ,  die 
spanischen ,  deutschen  und  italienischen ,  bezeichnet  er  ausdrücklich  als 
fremdes  Idiom.  Dieser  Grund  verliert  allerdings  an  Gewicht,  wenn  man 
erwägt ,  dass  er  den  Kommentar  vielleicht  während  eines  Aufenthalts  in 
der  Provence  geschrieben  und  zunächst  für  dortige  Zuhörer  oder  Leser  be- 
stimmt hat.  Endlich  greift  Arnold  häufig  die  Nordfranzosen  wegen  ihres 
unordentlichen  Lebenswandels  an,  ebenso  die  Süditaliener,  lobt  den  bei  den 
Provengalen  beliebten  Knoblauch  (dies  Moment  passt  allerdings  auch  für 
Spanien),  den  in  der  Provence  häufigen  Maulbeerbaum  u.  s  w.  Diese  und 
ähnliche  Einzelheiten  (u.  a.  auch  noch  der  in  provengalischer  Mundart  ge- 
schriebene ,,Rosarius  alkimicus")  bilden  die  Grundlage  für  die  Annahme 
der  provengalischen  Herkunft  Arnolds  und  zwar  nimmt  Lalande  als  Ge- 
burtsort Villeneuve-Loubet  (arrondissement  de  Grasse)  an.  —  Auch  über 
die  Geburtszeit  fehlen  sichere  Nachrichten.  Die  meisten  Historiker  ver- 
legen sie  in  die  Jahre  von  1235  bis  1240;  diese  Annahme  hat  viel  für 
sich.  —  Eine  plausible  Erklärung  für  den  öfter  vorkommenden  Beinamen 
jjBachuone"  oder  ,,Bachinone'*  fehlt  noch ;  manche  halten  diesen  für  eine 
Verstümmelung  von  Barcelona.  Sichergestellt  ist  die  Abstammung  aus  ganz 
armer  Familie  und  die  sehr  unvollkommene  Schulbildung  von  Arnold.  Er 
nennt  sich  selbst  ,,homo  Sylvester,  practicus  rusticanus"  (in  der  Praefatio 
zur  Schrift  de  conservanda  juventute)  und  erzählt  im  ,,Novum  lumen", 
dass  sein  erster  Unterricht  ein  sehr  lücken-  und  mangelhafter  gewesen  sei. 
Bestätigung  hierfür  bietet  sein  ziemlich  inkorrekter  und  stellenweise  fast 
barbarischer  Stil.  Die  ersten  Lehrer  von  Arnold  waren  Dominikaner. 
Später  wandte  er  sich  mit  Vorliebe  praktischen  Studien  zu,  namentlich  den 
Naturwissenschaften,  Alchemie,  Physik,  Medizin.  Vielleicht  mochte  hierbei 
für  den  von  Hause  aus  armen  Studenten  der  stille  Wunsch  leitend  gewesen 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  44 


690  Julius  Pagel, 

sein,  schneller  durch  ein  praktisches  Fach  zu  ausreichender  Existenz  zu  ge- 
langen. Wo  A.  seine  ersten  Studien  getrieben  hat,  ist  ungewiss,  viel- 
leicht ist  das  in  Neapel  der  Fall  gewesen ;  einen  magister  Casamida  oder 
Casamiccola  aus  Neapel  nennt  er  seinen  Lehrer,  wenn  es  sich  dabei  nicht, 
wie  de  E-enzi  will,  um  einen  anderen  A.  gehandelt  hat,  dem  auch  dann 
die  Autorschaft  des  ,,ßreviarium"  zukommen  würde  (vgl.  p.  679)  ;  auch 
Valencia  kommt  in  Betracht.  Lalande  nimmt  Aix  an ;  wahrscheinlich 
hat  wohl  A.  auch  in  Paris  studienhalber  sich  aufgehalten,  hauptsäch- 
lich der  Zeitsitte  und  dem  Beispiel  berühmter  Genossen  gemäss,  Albertus 
Magnus ,  Roger  Bacon ,  später  ßaymund  Lull  etc.,  zur  Erlangung  der 
Magisterwürde.  Fest  steht,  dass  Arnoldus  bereits  1285  einen  grossen  Ruf 
als  Arzt  geniesst  und  zu  Peter  III.,  König  von  Arragonien,  citiert  wird, 
der  in  Villafranca  schwer  krank  daniederlag.  Fest  steht  ferner,  dass  er 
bald  danach  in  Montpellier  erscheint,  vielleicht  schon  um  1289  und  dort, 
nach  zahlreichen  beglaubigten  Dokumenten  zu  schliessen ,  einen  langen 
Aufenthalt  nimmt.  Dort  hat  er  auch  einige  seiner  bedeutendsten  Werke 
abgefasst,  u.  a.  die  ,,Medicationis  parabolae",  vielleicht  auch  das  dem  neuen 
König  von  Arragonien  gewidmete  ,, Regimen  sanitatis".  In  einer  von  1300 
datierten  Appellationsschrift  an  den  Papst  (von  der  später  noch  die  Rede 
sein  muss)  kommt  der  Name  Arnolds  in  Verbindung  mit  ,,habitator  Montis- 
pessulani"  vor.  Er  selbst  erzählt  im  Breviarium  (lib.  I  cap.  38)  von 
der  glücklichen  Kur  einer  lebensgefährlichen  Hämorrhagie  mit  Hilfe  eines 
von  einer  alten  Frau  erfahrenen  Geheimmittels.  Aus  einer  (von  Riolan 
angezweifelten,  von  Haureau  für  echt  gehaltenen)  päpstlichen  Bulle  ergiebt 
sich,  dass  A.  in  Montpellier  als  Lehrer  der  Medizin  thätig  gewesen 
ist  (zusammen  mit  Jean  d'Alais  und  anderen  Genossen) ;  doch  hat  er  dort 
die  Kanzlerwürde,  wie  manche  wollen,  niemals  bekleiden  dürfen,  weil  er 
kein  Kleriker  von  Beruf  war.  —  Wenn  man  übrigens  einigen  Codices 
trauen  darf,  hat  er  Mondeville  zur  Abfassung  seiner  Chirurgie  inspiriert. 
1299  weilte  er  in  Paris  und  zwar  in  politischer  Mission  im  Auftrage  von 
Jacob  IL,  als  ältestem  Sohn  Peters  III.  König  von  Arragonien  (,,Ego 
magister  Arnaldus  dictus  de  Villa  Nova,  non  ut  Arnaldus,  sed  ut  nunfcius 
inclyti  principis  et  illustris  consanguinei  vestri,  regis  Aragonie").  Nach 
Erledigung  der  Aufträge  im  Begriff  in  einer  neuen  Sendung  sich  zum 
Erzbischof  von  Toulouse  zu  begeben  wird  er  plötzlich  durch  den  Pariser 
Official  wegen  angeblich  ketzerischer  Aeusserungen  trotz  energischen  Protestes 
verhaftet  und  erst  nach  langen  Verhandlungen  dank  thatkräftiger  Protektion 
einiger  einflussreicher  Freunde  gegen  Kaution  auf  freien  Fuss  gesetzt.  Der 
Prozess  endete  mit  Verurteilung  seiner  Schriften  zur  Verbrennung.  Arnold 
appelliert  gegen  dies  Urteil  an  den  Papst  in  einer  vom  12.  Oktober  1300 
datierten  Schrift ;  zur  Bekräftigung  seiner  Berufung  reist  er  persönlich  nach 
Rom,  wo  es  ihm  thatsächlich  gelingt,  nicht  nur  Bonifacius  VIII.  für  seine 
Freisprechung  umzustimmen,  sondern  auch  noch  dessen  Wohlwollen  zu  ge- 
winnen. Er  ist  dann  nicht  sofort  nach  Paris  zurückgekehrt,  sondern  war 
zunächst  1304  (nach  sicherem  Dokument)  Arzt  bei  Benedict  XL,  dann 
nach  dessen  Tod  kurze  Zeit  in  Spanien  und  erst  nach  der  Stuhlbesteigung 
von  Clemens  V.  sucht  er  wieder  Paris  auf.  1306  disputiert  er  mit  dem 
Jakobiner  Dominicus  de  Athera  vor  dem  Papst  in  Bordeaux,  1308  hält 
er  sich  bei  eben  demselben  in  Avignon  auf;  bald  danach  treffen  wir  ihn  in 
Sicilien  am  Hofe  Königs  Friedrich,  Bruders  von  Jacob  von  Arragonien. 
Wie  zerstreute  kasuistische  Mitteilungen  beweisen,  hat  Arnold  in  den 
verschiedensten  Städten  von  Frankreich,  Spanien  und  Italien  (Rom, 
Bologna  etc.)    praktiziert.      Einzelne   seiner   Schriften   sind    nach    ausdrück- 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  691 

lieber  Erklärung  des  Verfassers  in  Barcelona,  Valencia ,  Neapel ,  Piemont 
redigiert,  der  tractatus  de  vinis  sogar  auf  afrikanischem  Boden.  Von 
Sicilien  aus  wendet  er  sich  für  kurze  Zeit  wieder  an  den  Hof 
Clemens  VI.  und  kehrt  dann  definitiv  im  Gefolge  Roberts  nach  Sicilien 
zurück,  um  hier  in  innigstem  freundschaftlichem  Verkehr  mit  diesem, 
schriftstellerisch  wie  alchemistiscb  thätig,  den  Rest  seines  Lebens  zuzu- 
bringen. Hier  befreundete  er  sich  auch  mit  dem  bekannten  Baimund 
Lull  (1235 — 1315)  aus  Mallorca,  dem  fanatischen  Mystiker  und  Vertreter 
der  mehr  auf  die  Auffindung  des  Steins  der  Weisen  bedachten  Richtung 
in  der  Alchemie  (vgl.  Hist.  liter.  de  la  France  XXIX  p.  1 — 386  und 
Berthelot:  La  chymie  au  moyen  äge,  Paris  1895).  Lull  war  hier  ein  eifriger 
Schüler  Arnolds  und  experimentierte  viel  mit  ihm ;  durch  Vermittelung  des 
gemeinschaftlichen  Protektors  suchte  er  von  diesem  alle  möglichen  Geheim- 
nisse zu  erfahren.  Lull  verehrt  Arnold  sehr  hoch ,  nennt  ihn  ,,fons 
scientie,  quia  in  omnibus  scientiis  prae  ceteris  hominibus  floruit".  Auf 
einer  Konsultationsreise  zum  schwer  leidenden  Papst  Clemens  V.  nach 
Avignon  erkrankte  Arnold  unterwegs  und  starb  in  Genua ,  wo  er  auch 
beerdigt  wurde,  noch  vor  dem  Jahre  1312.  —  Soweit  die  Lebensgeschichte 
Arnolds  auf  Grund  neuerer  Untersuchungen. 

Das,  was  Arnold  von  Villanova  mit  Recht  über  seine  Zeitgenossen 
stellt  und  ihm  das  grosse  Ansehen  noch  bei  der  Nachwelt  verliehen 
hat,  ist  nicht  bloss  seine  bedeutende  Gelehrsamkeit,  nicht  bloss  seine 
ärztliche  Tüchtigkeit,  nicht  bloss  die  schriftstellerische  Produktivität, 
sondern  vor  allem  die  eminente  und  imponierende  Geschicklichkeit  im 
Experimentieren,  seine  Leistungen  in  der  experimentellen  Alchemie. 
Arnolds  geschichtliche  Grösse  und  Bedeutung  beruht  ferner  auf  dem 
energischen  und  zielbewussten  Streben,  die  Heilkunde  im  Gegensatz 
zu  den  dialektischen  Künsten  der  Scholastiker  wieder  auf  eine  wissen- 
schaftliche Basis  zu  stellen.  Dass  die  Heilkunde  eine  solche  besitzt, 
dass  die  Medizin  keine  dem  blinden  Zufall  des  Einzelnen  preisgegebene 
regellose  Kunst  sei,  dass  die  Grundlage  jeder  ärztlichen  Thätigkeit 
ratio  und  experimentura  seien,  betont  er  unablässig.  Zwar  ist  auch 
Arnold  nichts  weiter  als  Galenist  resp.  Anhänger  der  arabischen 
Lehren,  zwar  ist  auch  er  durchaus  nicht  von  der  Scholastik  frei,  zwar 
findet  sich  in  seinen  Schriften  durch  mehr  als  ein  Specimen  der  Glaube 
an  astralische  und  magische  Einflüsse  vertreten,  aber  er  ist  kein 
blinder  Anhänger  des  Galen,  kein  kritikloser  Nachbeter  der  Araber, 
kein  ausschliesslich  mit  scholastischen  Argumentationen  arbeitender 
Autor;  überall  leuchtet  bei  ihm  die  nüchterne,  praktische,  selbständige 
Auffassung  durch,  überall  tritt  die  eigene  Nachprüfung  in  ihr  Recht 
in  Verbindung  mit  dem  ernsten  Streben  auf  Grund  eigener 
Beobachtungsresultate  offenkundige  Irrtümer  der  Alten  zu  korrigieren 
und  hie  und  da  eigene  Wege  zu  gehen.  Nirgends  verrät  Arnold 
Glaube  an  aprioristische  Dogmen,  stets  behauptet  er  den  Standpunkt 
nüchterner  Kritik  und  sucht  durch  seine  Kasuistik  die  Lehren  der 
Alten  zu  läutern.  Die  Autorität  des  Avicenna  imponiert  ihm  beispiels- 
weise durchaus  nicht  in  allen  Stücken,  offen  bekennt  er  sich  mehr  zu 
Rhazes,  der  sein  Lieblingsautor  gewesen  zu  sein  scheint.  —  Dazu  kommt 
die  hohe  Auffassung  von  der  sittlichen  Würde  des  ärztlichen  Berufs, 
von  der  er  sich  tief  durchdrungen  zeigt,  wie  viele  Stellen  seiner  Schriften 
bezeugen.  Alle  seine  Winke  zur  ärztlichen  Politik,  der  Rat  an  die 
Aerzte,  sie  sollten  den  Patienten  gegenüber  auf  Befragen  nach  der  Natur 

44* 


692  Julius  Pagel. 

ihres  Leidens  möglichst  obskure,  allgemeine  Bezeichnungen  gebrauchen, 
sind  nicht  etwa  von  der  Absicht  diktiert,  die  Aerzte  zur  Charlatanerie 
zu  verleiten,  sondern  im  Gegenteil  den  psychischen  Faktor  bei  einer 
Kur  wohl  zu  beachten.  Ausdrücklich  warnt  er  vor  der  üblichen,  auf 
Täuschung  der  Patienten  berechneten  Manipulationen,  wieUroskopie  etc.; 
das  sei  plumpe,  des  Empirikers  würdige  Betrügerei,  Auf  eine  milde, 
diätetisch-expektative  Therapie  legt  er  das  grösste  Gewicht;  den  Wert 
einer  Prophylaxe  weiss  er  gleichfalls  zu  schätzen.  Bäder,  physikalische 
Agentien  wendet  er  mit  Vorliebe  an;  ja  selbst  Volksmittel  verschmäht 
er  nicht.  Hebung  der  Widerstandskraft  des  Patienten  bildet  eine  der 
vornehmsten  Indikationen  nach  Arnoldus,  Sein  Werk  ist  ferner  die 
Einführung  und  systematisch-methodische  Verwertung  des  ^Alkohols 
am  Krankenbette, 

"Was  nun  die  Leistungen  Arnolds  im  einzelnen  angeht,  so  ist  die 
Würdigung  derselben  solange  erschwert  und  wird  solange  erschwert  bleiben, 
als  die  sichere  Entscheidung  über  die  Authenticität  der  Schriften  fehlt. 
Gerade  für  eine  der  wichtigsten  und  bedeutendsten,  die  bisher  als  unantast- 
bares Eigentum  von  Arnold  galt,  nämlich  für  das  berühmte  „Breviarium" 
ist  mit  gutem  Grunde  von  keinem  Geringeren  als  de  Renzi  die  Echtheit 
angefochten  worden,  (Die  betreffenden  Beweise  vgl.  Coli.  Sal,  I  a.  a.  0.  ; 
von  Haeser  reproduziert.)  Sicher  und  unbestritten  stehen  Arnolds  Ver- 
dienste in  der  Chemie.  Er  ist  gewisserraassen  der  Vater  der  medizinischen 
Chemie,  Er  beschreibt  in  seiner  Schrift  de  vinis  die  Darstellung  des 
Alkohols  aus  Eotwein,  er  kennt  die  ätherischen  Oele ,  namentlich  das 
Terpentinöl  und  die  aromatischen  Wässer.  —  Seine  hygienischen  Grundsätze 
verdienen  heute  noch  Beachtung ;  die  Klassifikation  der  Pathologie  ist  gut 
gemeint,  wenn  auch  etwas  unklar.  Das  Interesse  Arnolds  für  Anatomie 
ergiebt  sich  aus  verschiedenen  Stellen, 

Die  Zahl  seiner  Schriften  ist  recht  beträchtlich;  sie  belauft  sich  auf  etwas 
mehr  als  60 Abhandlumjeti  und  Werke  von  verschiedenem  Umfang  und  Inhalt:  med., 
alcJiemistisch ,  philosoph.,  moraltheologisch,  astrologisch.     Eine  Zusammenstellung  als 

'„Opera  onmia'^  ist  mehrfach  gedruckt.  {Lyon  1504  und  in  weiteren  9  Ausgaben  bis 
i.Wö)  Vieles  ist  noch  handschriftlich  und  unediert  in  den  Bibliotheken  vorhanden. 
Von  den  etwa  40  Arbeiten  rein  medizinischen  bezw.  diätetischen  Inhalts  beschränken 
icir  uns  auf  die  kurze  Anführung  und  Analyse  der  tvichtigsten,  ohne  uns  im  übrigen 
auf  die  Echtheitsfrage  als  eine  der  heikelsten  und  eigenes,  genaueres  Originalstudium 
voraussetzenden  Angelegenheiten  einzulassen:  1)  de  regimine  sanitatis,  eine 
Hygiene  in  2  Teilen  mit  11  bezw.  46  Kapiteln  {L.  I  allgemeine  physiologische  Vor- 
bemerkungen, Hygiene  der  Kindheit,  der  Greise,  der  Temperamente ;  L.  II  Spezielle 
Hygiene  der  Nahrungsmittel,  der  Gewerbe,  hygienisches  Verhalten  bei  Krankheiten, 
Rekonvalescenz,  Seuchen,  Aderlass,  Cauterien,  Blutegel,  Laxativa,  Purgativa,  Vomi- 
tiva.  2)  de  conservatione  sanitatis  ad  inclytum  regem  Aragonum 
{auch  unter  anderem  Titel),  verbreitet  sich  in  14  Kapiteln  über  Luft,  Uebung, 
Hydrotherapie  und  Bäder,  Schlaf,  Gemütsbewegungen,  Nahrungsmittel  und  — 
Hämorrhoiden  {mit  vielen  M^iederliolungen).  3)  de  conservatione  juventutis 
et  retardatione  senectutis  ad  regem  Hierosolymitanum  et  Siciliae, 
eine  diätetisch-therapeutische  Abhandlung,  anscheinend  eine  seiner  letzten  Schriften, 
besteht    aus    einer    Vorrede   in   3  Kapiteln   mit   Erklärungen   zur  Pathologie   und 

•  Diätetik  des  Greisenalters,  Mitteln  zur  Wiederverjüngung  {durch  Gebrauch  des 
Goldicassers)  beziv.  zur  Erhaltung  der  Jugend.  4}  Tractatus  medicinae  re- 
galis  sive  descriptiones  receptarum.  Therapeutisches.  Hier  ist  das  Rezept 
für  die  aromatischen  Wässer,  für  das  Goldtcasser  etc.  angegeben,  aber  es  fehlt  auch 
nicht  an  astrologischem  Blödsinn.  5)  de  regimine  castra  sequentium,  Lager- 
hygiene in  1  Kapitel  {vgl.  v.  Töply  l.  c).  6)  C  omm  entum  in  regime  n 
S  aler  nitanum ,  eine  der  geläufigsten  Kommentarausgaben  des  salerni- 
tanischen  Lehrgedichts ,  das  in  dieser  Redaktion  aus  370  Versen  besteht.  Neben 
Galen,  Avicenna  und  den  bekanntesten  arab.  Autoren  erscheinen  hier  noch  Simon 
Januensis,  Platearius,  mag.  Bariuccius   (offenbar  der  p.  671  angeführte),  Albertus 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  693 

(Magnus)  und  DemocHtus  als  Autoritäten.  Der  Kommentar  ist  entschieden 
die  schtcächste  und  am  wenigsten  selbständige  Leistung  Arnolds.  Hier  ist  auch 
vom  „vinum  friscum"  die  Rede,  wie  denn  überhaupt  der  Passus  über  die  Weine 
sehr  eingehend  ist,  was  einen  Rückschluss  auf  die  von  anderer  Seite  angezweifelte 
Echtheit  gestattet.  Die  galenische  Temperamentenlehre  erstrahlt  in  voller  Glorie. 
7)  de  parte  operativa,  Nervenkrankheiten,  Hirnaffektionen  mit  Appendix  über 
Magen-  und  Darmtumoren.  8)  de  phlebotomia,  wird  für  unecht  angesproclien. 
ff)  de  cautelis  tnedicorum,  ärztliche  Politik  mit  med.  Methodologie,  Kranken- 
examen u.  Hygiene  am  Krankenbett.  10)  Pa rabolae  medicationis,  Hauptwerk 
von  Arnold,  spezielle  interne  u.  hauptsächlich  chirurgische  Pathologie  u. 
Therapie  in  7  Doktrinen  mit  zahlreichen  Aphorismen.  Diese  sind  von  bedeutendem 
ivissenschaftlichen  Wert  und  sicher  echt;  sie  beziehen  sich  besonders  auf  Chirurgie ; 
der  Kommentar  dazu  jedoch  von  einem  Schüler  abgefasst  und  minderwertig. 
11)  Aphorismi  editi  de  ingeniis  nocivis,  ciirativis  et  praeservatiris 
morhorum,  speciales  corporis  partes  respicientes,  summarische  Patho- 
logie z.  T.  Wiederholung  von  Nr.  7.  —  12)  Tabule  que  nie  die  um  informant 
Hpecialiter  dum  ignoratur  egritudo,  Anleitung  zur  exspektativen  Therapie, 
solange  die  Diagnose  noch  unsicher  ist.  13)  Compendium  med i eine  practice 
Ai-naldi  de  Vilki  7iova  etc.,  das  berühmte,  viel  umstrittene  „Breviarium^  (s.  oben). 
Es  zerfällt  in  4  Bücher.     L.  T  entJuilt  ausser  der  Vorrede  24,  l.  II  46,   lib.  III  22, 

I.  IV:  SH  Kapitel.  Die  Ordnung  ist  die  geläufige  a  capite  ad  calcem,  dazu  viel  auf 
Chirurgie  und  Gymikologie  Bezügliches.  Die  letztere  wird  in  demselben  Abschnitt 
u-ie  die  Intoxikationen  abgehandelt;  die  seltsame  Zusammenstellung  motiviert  Arnold 
mit  den  Worten:  mulieres  ut  plurimum  sunt  animalia  venenosa.  Im  letzten  Buch 
ist  eine  Fieberlehre,  die  Semiotik  des  Urins  und  dann  noch  eine  Reihe  von  Respira- 
tions-  tmd  Digestionskrankheiten,  sowie  Kapitel  über  Hirnabscesse  und  Phrenesis 
[epiala  et  liparia)  enthalten.  14)  Practica  sum  marin  seu  regime n  magistri 
Arnaldi  ad  instantiam  Clementis  summi  pontificis,  Therapie  in 
29  Kapiteln  mit  meist  kurzen  Rezepten  gegen  alle  möglichen  Symptome,  lö)  De 
modo  preparandi  cibos  et  potus  infirmorum  in  e gritud ine  acuta , 
durchaus  rationelle  Ernährungstherapie.  Arnold  ist  darauf  bedacht,  Medikamente 
und  Speisen  so  für  die  Kranken  zu  bereiten,  dass  sie  die  Aufnahme  derselben  nicht 
verweigern.  16)  Compendium  regiminis  acut or um,  spezielle  Hygiene,  fast 
durchweg  scholastisch  gehalten  tmd  von  zweifelhafter  Güte.  17)  Regimen  sive 
concilium  quartane  {in  Briefform  an  den  Papst,  Clemens  V.?\.  18)  Con- 
cilium  sive  cura  febris  hectice  {(jleichfalls  in  Briefform).  19)  Concilium 
sive  regimen  podagre,  bunte  Rezeptsammlung  gegen  Gichtanfall  und  Gicht- 
schmerz. 20)  de  sterilitatc  tarn  ex  parte  viri  quam  ex  parte  mulier is. 
21)  de  signis  leprosoru  m.  22)  de  amore  heroico,  die  psych ischen  Folgen 
der  unglücklichen  Liebe  in  Briefform  an  einen  Arzt.  23)  De  venenis,  ein  jRe- 
pertorium  der  Theriakformeln  und  Universalan tidote  nebst  Symptomatologie  und 
Therapie  der  Intoxikationen.  24)  de  arte  cognoscendi  venena.  25)  Contra 
calculum.  26)  Regimen  curativum  et  preservativum  contra  catar- 
rhum,  handelt  nicht  bloss  von  akuten  und  chronischen  Katarrhen  der  ßchleim- 
häute,  sondern  auch  von  rheumatischen  Affektionen.  27)  de  tremore  cordis, 
eine  ausgezeichnete,  kleine  Schrift  über  Herzpalpitationen  mit  vielen,  originellen  und 
persönlichen  Beobachtungen.  28)  de  epilepsia.  29)  de  us.u  carnium.  Endlich 
noch  zahlreiche,  in  allen  mittelalterlichen  Medizinbüchern  unvermeidliche  kleinere 
Abhandlungen  de  ornatu  mulierum,  de  decoratione,  de  dosibus  theriacalibus,  de 
coitu,  de  conceptione  u.  a.  Gegenstände,  entschieden  wohl  sämtlich  apokryph.  Wichtig 
sind  nur  noch  von  diesen  gemischten  Schriften  die  Abhandlungen  de   vinis  {auch 

II.  d.  T.:  „de  secretis  magnis  medicine  et  virtutibus  rirti"  u.  „Elixir  doctissimi  . . . . 
de  vinorum  confectione^),  sowie  de  aquis  medicinalibus  {aque  bechice  s.  ptisane, 
diuretice,  purgative,  adstringentes  et  aiterative).  Die  philosophischen  und  rein 
nlcheniistischen  Schriften  {thesaurus  thesaurorum  et  rosarius  philosophorum.  Über 
dictus  nomim  lumen,  flos  florum  bezw.  semita  semite,  cathena  aurea,  de  humido 
radicali)  können  hier  nicht  Gegenstand  der  Betrachtung  sein.  Dazu  kommen  noch 
ein  Antidotarium.  Kommentare  zu  hippokratischen  Aphorismen,  Vebersetzung  der 
Augenheilkunde  des  Alcanamusali  de  Baldach,  Schriften  über  Traumdeutung  und 
sonstigen  nmgischen  und  mystischen  Inhalts:  Talismane,  Beurteilung  der  Krank- 
heiten nach  der  Stellung  der  Gestirne  u.  s.  w.  u.  s.  w. 

Dass  Arnold  mit  seinen  geläuterten  Anschauungen  vorbildlich  ge- 
Avirkt  hat,  unterliegt  keinem  Zweifel,  wenn  man  auch  nicht  soweit 
gehen  kann,  um  mit  Henschel,  Haeser  u.  a.  eine  besondere  Schule  der 


694  Julius  Pagel. 

Arnoldisten  anzunehmen.  Gewiss  hat  er  viele  Schüler  gehabt,  aber 
diesen  war  mehr  an  der  Kenntnis  seiner  alchemistischen  Geheimnisse 
und  Experimente  gelegen.  In  der  Medizin  nimmt  Arnold  eine  ganz 
isolierte  Stellung  ein.  Doch  ist  sein  Kampfesruf  gegen  die  Scholastik 
sicher  nicht  unverbaut  geblieben.  Das  beweisen  die  milderen  Formen 
dieser  Methode  speziell  bei  den  nachfolgenden  Repräsentanten  der 
französischen  Medizin.  Das  beweist  namentlich  auch  der  nächste 
Hauptvertreter  der  Schule  von  Montpellier, 

Bernard  von  Gordon 

der  zwar  in  der  allgemeinen  Bedeutung  weit  hinter  Arnold  zurück- 
tritt, immerhin  für  seine  Zeit  als  angesehener  Praktiker,  Lehrer  und 
Schriftsteller  eine  wesentliche  Rolle  spielt. 

Bernhard  von  Gordon  stammte  wahrscheinlich  aus  einer  schottischen 
Ortschaft  dieses  Namens ;  doch  existieren  auch  in  Frankreich  (Saone  et 
Loire,  Ardeche,  Provence),  mehrere  Gemeinden  mit  dem  Namen  Gourdon ; 
es  ist  nicht  unmöglich,  dass  aus  einer  derselben  Bernhard  seinen  Ursprung 
genommen  hat.  Aus  der  Einleitung  zu  seinem  populärsten  Werk  (s.  unten) 
ist  zu  entnehmen,  dass  er  etwa  1285  seine  Professur  in  Montpellier  antrat, 
also  zu  einer  Zeit,  wo  daselbst  bereits  zwei  Menschenalter  hindurch  die 
med.  Schule  dank  der  Bulle  des  Kardinal  Conrad  feste  Pormen  angenommen 
und  sich  zu  einer  sicher  fundierten  Anstalt  herausgebildet  hatte.  Nach 
20  jähriger  Thätigkeit  begann  Bernhard  seinen  Schülern  (1305)  sein  be- 
rühmtes „Opus  s.'  Lilium  medicine  inscriptum  s.  de  morborum 
prope  omnium  curatione  Septem  particulis  distributum"  zu  diktieren.  "Wie 
lange  der  Verfasser  dies  Werk  noch  überlebt  hat,  ist  unbekannt.  Einzelne 
Historiker  lassen  ihn  erst  nach  1314  sterben.  Sein  Lilium  bedeutet  nicht 
den  geringsten  Fortschritt;  keine  Spur  einer  selbständigen  Entwicklung 
ist  darin  zu  entdecken ;  es  bandelt  sich  nur  um  die  Konservierung  arabistischer 
Anschauungen.  Im  Griechischen  ist  Bernhard  von  Gordon  bei  aller  Gelehr- 
samkeit genau  derselbe  Ignorant  wie  die  Mehrzahl  seiner  Zeitgenossen.  Die 
•einzigen  Vorzüge  des  AVerks  sind  Kürze,  Uebersichtlichkeit 
und  die  Einbeziehung  der  Chirurgie.  Manche  seltsame  Anschauung,  so  die 
merkwürdigen  therapeutischen  Vorschläge  zur  Behandlung  des  Amor  hereos 
sind  den  Arabern  entnommen.  Von  der  Chemie  in  der  Medizin  hält  er 
nicht  viel ;  gewiss  darf  man  das  nicht  als  Fortschritt  ansehen.  .1.  Edmund 
Güntz  in  Dresden  (Aussatz  und  Syphilis.  Nach  den  Quellen  des  Bernh. 
Gordon,  Arch.  für  Dermat.  u.  Syphilis  1870)  u.  H.  A.  F.  Peypers  in  Amster- 
dam (Lues  medii  aevi  1895)  wollen  bei  ihm  Angaben  entdeckt  haben,  die 
auf  seine  Kenntnis  der  Syphilis  hinweisen.  Ich  halte  die  Deutung  für  ge- 
sucht. Der  von  Curt  Sprengel  erhobene  Einwurf,  Gordon  mache  aus  Eigen- 
nutz einen  Unterschied  in  der  Behandlung  von  Armen  und  Reichen,  ist 
ungerecht.  Es  handelt  sich  nur  um  Empfehlung  der  Pharmacopoea 
oeconomica.  Dass  auch  hierauf  im  Mittelalter  geachtet  wurde,  beweisen  der 
Tractatus  quid  pro  quo  mit  den  Succedanea  und  der  Thesaurus  pauperum. 
Im  übrigen  war  Gordon  ein  recht  fruchtbarer  Schriftsteller,  wie  die  be- 
kannten bibliographischen  Quellenwerke  lehren,  auf  die  hiermit  verwiesen 
werden  muss. 

Gesamtausgaben:  Ferrara  1486;  Lyon  1474,  1550;  Neapel  1480.  lieber  eine 
franz'ös.  Uebers.  aus  d.  Jahre  1377  berichtet  E.  Littre  in  Hist.  liter.  de  la  France 
XXV  p.  821  -  337.  Wegen  der  hebr.  Uebersetzungen  vgl.  Steinschneider  a.  a.  0. 
p.  785.    Die  Bedeutung  Gordons  als  Chirurg  erörtert  Gurlt  ausführlich  in  Bd.  II 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  695 

seiner  kostbaren  Gesch.  d.  Chirurgie.  Particula  I  (Ausgabe  Lyon  1550  p.  5 — 139) 
handelt  von  deti  Fiebern,  Abscessen,  Lepra,  Hautinfektionen  und  Wunden;  Part.  II 
(j).  140-251)  von  den  Affektionen  des  Kopfes;  Part.  III  ( — p.  332)  umfasst  die 
Darstellung  der  Augen-,  Ohren-,  Nasen-  und  Mundleiden ;  Part.  IV  ( —  p.  413)  ist 
dem  Respirationstrakt  gewidmet;  Part.  V  ( —  p.  520)  den  A/fektioneri  der  Ver- 
dauungsorgane, VI  ( —  2^-  5^-5)  d^n  Krankheiten  der  Leber  n.  Nieren,  VII  ( —  p.  666) 
den  Kr^inkheiten  der  männlichen  und  tceiblichen  Generationsorgane  und  enthält 
zum  Schluss  noch  ein  Antidotarium  („de  antidotis").  Die  genannte  Ausgabe  ent- 
hält ferner  die  Schriften  Gordons  „De  decem  ingeniis  curandorum  morbonim",  ein 
„Regimen  acutarum  aegritudinutn"  in  3  Abschnitten,  sowie  einen  „tractatus  de  pro- 
gnosficis'-'  {in  5  Teilen)  und  einem  längeren  „tractatus  de  urinis^.  Die  stereotyp 
unederkehrenden  Anfänge  mit  „notandum,  quod'\  „intelligendum  quod"^  etc.  erinnern 
zu  sehr  an  Mondevilles  Chirurgie  resp.  umgekehrt.  Vgl.  noch  Paget,  med.  hist. 
Bibliogr.  p.  622. 

Ziemlich  gleichzeitig  wirkte  als  Lehrer  der  Medizin,  selbst  als 
Kanzler  in  Montpellier  G  e  r  a r  d  u  s  d  e  S  o  1  o  (um  1320),  Verfasser  von 
„Introductorium  juvenum",  „libellus  de  febribus", 
,.tractatus  de  gradibus  medicine",  sowie  von  Kommentaren 
zum  Viaticum  des  Isaac  Judaeus  und  zum  Liber  nonus  Kasis  ad 
Almansorem.  Der  Autor  führt  auch  die  Ehrenprädikate  als  ..Expositor" 
und  ..Doctor  mansuetus". 

lieber  die  hebr.  Uebers.  vgl.  Stei^ischneider  l.  c.  p.  794.  Der  hebr.  Uebersetzer 
der  zuletzt  genannten  Schrift  ist  ein  jüd.  Gelehrter  Leon  Josef.  Er  beendigte  seine 
Uebersefzung  in  Carcassonc  am,  19.  Juli  1394  und  eine  Revision  am  11.  Septemoer  1402. 

Andere  hervorragende  Aerzte,  die  z.  T.  nur  vorübergehend  in 
Montpellier  wirkten,  sind  Johannes  Jacobus,  Kanzler  daselbst 
um  1364,  Verfasser  eines  „Secretarius  practicus  med.  s. 
Thesaurarium  med."  (auf  Befehl  Karls  V.),  einer  Kompilation 
aus  Galen,  Avicenna,  Razes  und  Alexander,  wovon  sogar  zwei 
hebräische  Uebersetzungen  existieren  (vgl.  Henschel.  Janus  N.  F.  II 
1853  p.  411  und  Steinschneider  1.  c.  p.  804);  Johannes  de 
Tornamira, 

von  1372 — 76  Arzt  des  Papstes  Gregor  XI.,  dann  Kanzler  in  Mont- 
pellier, bis  er  später  abwechselnd  Leibarzt  des  Königs  von  Frankreich  und 
des  Papstes  Clemens  VII.  in  Avignou  war;  1401  soll  er  vorübergehend 
wieder  die  Kanzlerwürde  in  Montpellier  bekleidet  haben.  Sein  Clari- 
ficatorium  juvenum  super  nono  almansoris  cum  textu 
ipsius  Rasis  (Lyon  1501,  159  Quartblätter,  Kgl.  Bibl.  Berlin)  in  96 
Kapiteln  mit  Zusätzen  von  20  Kapiteln  unter  Benutzung  des  Continens 
von  Razi  gehörte  zu  den  verbreitetsten  Schulkompendien  während  des 
14. — 15.  Jahrhunderts,  namentlich  als  Elementarbuch  für  Anfänger  (ed. 
princeps  1490,  liber  rarissimus,  vgl.  Hebr.  Uebers.  Steinschneider  1.  c.  p.  833). 
Tornamira  ist  auch  Verfasser  eines  Traktats  de  febribus  und  de  accidentibus 
febrium  (Lugd.  1501,  27  Quartblätter,  Kgl.  Bibl.  Berlin).  —  Das  Clari- 
ficatorium  wurde  später  verdrängt  von  dem  berühmteren 

„Philonium  s.  Practica  medica"  des  Portugiesen  Valascus 
(Balascon)  de  Taranta, 

seit  1382  Lehrer  in  Montpellier,  der  die  sehr  umfangreiche  Schrift  1418 
nach  36 jähriger  Praxis  beendigte,  mit  dem  vollständigen  Titel:  „Philonium 
pharm aceuticum  et  chirurgicum  de  medendis  Omnibus  cum  internis  tum 
externis  humani  corporis  affectibus"  (Frankf.   1599). 

Vgl.  Näheres  bei  A.  Rittinanii,  Culturgeschichtliche  Abhandlungen  über  die 
Reformation  der  Heilkumt,  Heft  I,  Brunn  1869  p.  3—13. 


696  Julius  Pagel. 

Das  Buch  zerfällt  in  einen  innerlicli  med.  und  einen  chirurgischen  Teil. 
Der  erstere  behandelt  in  7  Büchern  (7  Bücher  wegen  der  Heiligkeit  der 
Zahl,  cfr.  7  Todsünden,  7  Bitten,  hehr,  ynt^  niDin,  7  Planeten,  7  "Wochen- 
tage etc.)  und  224  Kapiteln  nebst  unzähligen  Canones  die  Krankheiten  vom 
Kopf  bis  zur  Sohle :  I.  Kopf,  II.  G-esicht,  III.  Atmungswerkzeuge,  IV.  Organe 
der  ersten  Verdauung,  vom  Schlund  bis  After  inkl.  Cholera,  V.  Organe 
der  zweiten  Verdauung ,  Leber ,  Milz ,  Niere,  Blase,  VI.  Sexualorgane, 
VII.  Fieber  inkl.  Abschnitte  über  Marasmus,  Sudor,  variolae  et  morbilli 
und  pestilentia.  Uebrigens  bedient  sich  Valascus  konsequent  der  Schreib- 
weise :  Avicennas  statt  Avicenna.  —  (Wegen  der  Chirurgie  vgl.  Gurlt's 
grosses  Geschichtswerk  II  p.    108 — 120). 

Das  Buch  von  Valascus  empfiehlt  sich  durch  seinen  nüchternen, 
mehr  die  Thatsachen  berücksichtig-enden ,  als  das  verba  facere 
intendierenden  Standpunkt.  Die  Behandlung  des  Stoffes  ist  übersicht- 
lich und  rationell  nach  den  Rubriken:  Clarificatio  resp.  Declaratio 
(nomina,  diff'erentia),  causae,  signa,  pronosticatio  sive  judicia,  curatio, 
also  nach  bekanntem  Schema  wie  in  den  übrigen  Lehrbüchern. 
Beweis,  dass  in  der  äusseren  Anlage  und  formalen  Disposition  die 
Schriften  jener  Periode  alle  über  einen  Leisten  geschlagen  waren. 
Bemerkenswert  sind  die  vielen  Kapiteln  angefügten  „Appendices". 

Geringere  historische  Bedeutung  besitzen :  Johannes  c  u  m  B  a  r  b  a 
(de  Burgundia),  Prof.  der  Med.  in  Liege  (1330  — 1370),  Verfasser  einer 
(auch  von  Hoeniger,  Gesch.  d.  schwarzen  Todes  in  Deutschland  erwähnten) 
Pestschrift  (vgl.  Hist.  liter.  de  la  France  XXIV  p.  471,  XXVII  p.  628, 
746;  Steinschneider  1.  c.  p.  803):  Raymund  Chalin  de  Vinario 
(1345  — 1384),  mitunter  schlechtweg  als  der  „Medicus  de  Montpellier"  be- 
zeichnet, gleichfalls  Verfasser  eines  für  die  Kenntnis  der  Geschichte  vom 
schwarzen  Tode  wichtigen  kleinen  Dokuments  (vgl.  Henschel,  Janus  N.  F.  II, 
1853,  p.  403);  endUch  aus  dem  15.  Jahrhundert:  Jacobus  de  Partibus 
(Jacques  Despars),  f  1457,  aus  Tournay,  Prof.  in  Paris  und  Deputierter 
der  Universität  auf  dem  Konzilium  zu  Konstanz,  ein  eingefleischter  Arabist, 
dessen  Hauptwerk  ein  grosser  Kommentar  zu  Avicenna  ist.  Anzuerkennen 
ist,  dass  er  seine  Arbeiten  nach  Originalstudien  und  nicht  auf  Grund  von 
Uebersetzungen  angefertigt  hat. 

Ausser  dem  oben  genannten  Kommentar  {Lyon  1498)  lieferte  Despars  noch  eine 
glossa  interlinearis  zu  Alexander  [Tralles?)  und  schrieb  ein  Dispensatoriuni  m.  d. 
T.:  „Summiila  per  ordinem  alphabeti  singulorum  remediorum  singulis  morbis  con- 
ferentium" ,  sowie  eine  Abhandlung  über  Diätetik  (vgl.  Henschel  l.  c.  p.  424);  Haeser 
{I  p.  707)  citiert  noch :  de  triplici  discipUna,  cujus  partes  sunt  pMlosophia  naturalis, 
medicina,  theologia,  moralis  philosophia,  integrantes  quadruvium  {Lyon  1508).  — 
Henschel  {Schlesiens  icissenschaftl.  Zustände  im  14.  Jahrh.  p.  57)  gedenkt  noch 
einer  durch  Despars  besorgten  Redaction  der  Articella,  d.  i.  jener  bekannten  im 
15.  Jahrh.  von  verschiedeyien  Autoren  veranlassten  Zusammenstellung  einer  Reihe 
von  unentbehrlichen  Schriften  für  die  med.  Praxis  {daher  die  Bezeichnung,  Dimi- 
nutiv von  „arte'-'').  Nach  der  sehr  vollständigen  Aufzählung  der  Ausgaben  bei 
Choulant  {Handb.  d.  Bücherkunde  p.  398)  tvird  jedoch  nirgends  der  Name  von 
Despars  mit  diesem  Schriftiverk  in  Verbindung  gebracht,  vielmehr  iverden  als 
hauptsächlichste  Redaktoren  die  Aerzte  Franc.  Argillagues  aus  Valencia  und  Gre- 
gorius  a  Vulpe  aus  Vicenza  genannt.  Ausserdem  existiert  von  Despars  noch  eine 
„Summula  ordine  alphabeti  ex  libris  Mesue  excerpta^'  {vgl.  p.  671  bei  Tussignana), 
eine  Art  Generalreqister  zu  Mesues  Grabadin. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  697 


Die  Medizin  in  den  übrigen  Ländern  Europas  wälirend  des 
13.— 15.  Jaiirhunderts. 

Eine  verhältnismässig  spärliche  Zahl  von  Aerzten  tritt  während 
des  13. — 15.  Jahrhunderts  in  England,  dem  von  der  Seuche  der 
Scholastik  am  wenigsten  angekränkelten  Lande,  entgegen.  Ein 
blühendes  wissenschaftliches  Leben  hatte  sich  ziemlich  früh  in  Oxford 
entfaltet,  das  anfangs  auch  das  politische  Centrum  des  Landes  bildete. 
Oxfords  gelehrte  Schule  datiert  bereits  aus  der  Zeit  Alfreds  des 
Grossen  (9.  Jahrhundert).  Etwa  zwei  Jahrhunderte  später  entwickelte 
sich  aus  ihr  eine  Universität,  die  einen  regen  litterarischen  Verkehr 
mit  Paris  unterhielt.  Die  üppigen  Blüten,  welche  die  Scholastik 
anderswo  trieb,  schössen  in  Oxford  nicht  in  dem  Masse  empor.  Neben 
der  Thatsache  der  räumlichen  Entfernung  von  den  flauptherden  der 
Scholastik  kommt  hierfür  das  Verdienst  einer  ebenso  genialen,  wie 
unerschrockenen  Mannes  in  Betracht,  der  zu  den  frühesten  Vor- 
kämpfern einer  freisinnigen  und  aufgeklärten  Richtung  in  England 
gehörte  und  durch  sein  wackeres,  mutiges,  das  Martyrium  für  seine 
Ueberzeugung  nicht  scheuendes  Auftreten  die  Eegungen  der  Scholastik 
sozusagen  im  Keime  erstickte.  Roger  Baco,  der  universelle  Poly- 
histor, dessen  Riesengeist  das  gesamte  Wissen  jener  Zeit  beherbergte, 
der  in  seiner  Person  eine  harmonische  Vereinigung  religiösen,  poli- 
tischen undwissenschaftlichen  Freidenkertums  verkörperte,  hatte  sich 
mit  einem  für  jene  Zeit  imponierenden  Wagemut  erkühnt,  den  Vor- 
urteilen der  meisten  seiner  Zeitgenossen  trotzig  den  Fehdehandschuh 
hinzuwerfen.  Aehnlich  wie  Villanova  für  Frankreich,  gebührt  Roger 
Baco  für  England  der  unentwindbare  Lorbeer,  das  Vorbild  einer  vor- 
urteilslosen, liberalen,  nüchternen  Forschungsmethode  geworden  zu 
sein  und  unbefangene,  exakte  Naturbeobachtung  nach  Kräften  wieder 
zu  Ehren  gebracht  zu  haben. 

Roger  Baco  stammte  aus  einer  sehr  angesehenen,  auch  am  politischen 
Leben  mit  einer  nicht  unerheblichen  Rolle  beteiligten  Familie  und  wurde 
1214  (oder  1215)  in  Ilchester  (vielleicht  dem  Iscalis  des  Ptolemäus)  in 
Sommersetshire  geboren.  Seine  erste  Ausbildung  erhielt  er  in  seiner  Vater- 
stadt ;  später  bezog  er  die  Oxforder  Universität,  an  der  u.  a.  der  freisinnige 
Edmund  von  Canterbury  einer  seiner  Lehrer  war.  Dem  damaligen  Her- 
kommen gemäss  vertauschte  Baco  nach  einiger  Zeit  Oxford  mit  Paris,  wo 
er  sämtliche  Gebiete  des  Wissens  mit  derartigem  Eifer  und  Erfolg  zum 
Gegenstand  seiner  Studien  machte,  dass  er  bei  der  Promotion  wegen  seines 
vielseitigen  und  profunden  Wissens  das  Ehrenprädikat  des  „Doctor  nürabilis" 
erhielt.  Innige  Freundschaft  und  Gesinnungsgleichheit  verband  ihn  hier 
mit  zwei  freisinnigen  Theologen  Adam  v.  Marisco  und  Robert  Grosse-Tete. 
1240  kehrte  Baco  wieder  nach  England  zurück,  wo  er  eine  Schule  gründete, 
in  der  er  mit  Hilfe  eines  eigenen  Laboratoriums  und  einer  Sternwarte  natur- 
wissenschaftliche Kurse  veranstaltete  und  durch  sein  ungeheures  Wissen, 
sowie  durch  die  entschieden  freimütige  Art,  mit  der  er  den  herrschenden 
Ideen  und  Methoden  entgegentrat,  sehr  bald  Aufsehen  erregte.  Unbegreif- 
licherweise und  zu  seinem  Unheil  beging  er  den  Missgriff,  dass  er  (vielleicht 
aus  politischen  Beweggründen)  in  den  Orden  der  Minoriten  (Franziskaner) 
eintrat.  «Von  diesen  wurde  er  nun ,  besonders  als  er  die  Ignoranz  der 
Brüder,    die    nur    von    ihrer    Sittenlosigkeit   übertroffen    wurde,    zu    geissein 


698  Julius  Pagel. 

gewagt  hatte,  aufs  erbittertste  bekämpft.  Aus  Eache  beschuldigte  man  ihn, 
dass  er  sich  mit  Magie,  den  geheimen  Wissenschaften  beschäftige  und  der 
Zauberei  ergeben  sei.  Man  behielt  ihn  im  Ordenshause  in  Haft  und  legte 
ihm  allerlei  Bussen  auf.  Trotz  des  Wohlwollens  des  Papstes  Clemens  IV., 
der  1266  sich  sogar  Bacos  Schriften  durch  einen  seiner  Schüler  (Jean  de 
Paris)  vorlegen  Hess  und  von  seinen  ßeformplänen ,  Instrumenten,  Er- 
findungen etc.  begeistert  war,  ruhten  seine  Feinde  nicht.  Sie  begannen 
1278  mit  abermaligen  offenkundigen  Verfolgungen.  Der  Ordensgeneral 
Hieronymus  von  Esculo  (Ascoli)  verbot  die  Lektüre  seiner  Bücher,  unter- 
sagte ihm  die  weitere  Lehrthätigkeit  und  Hess  ihn  abermals  verhaften.  Die 
Gefangenschaft  Bacos  dauerte  noch  fort,  als  inzwischen  Hieronymus  Papst 
Nicolaus  III.  (1288)  geworden  war,  obwohl  Baco  ihn  durch  Widmung 
einer  Schrift  über  die  Kunst,  die  Beschwerden  des  Alters  zu  verhüten,  zu 
versöhnen  gesucht  hatte.  Erst  nach  14 jähriger  G-efangenschaft  wurde  er 
auf  Verwenden  einflussreicher  Männer  (angeblich  nachdem  er  dem  Ordens- 
general Raimund  Galfred  [Ganfridi]  in  der  Alchemie  unterwiesen  hatte) 
freigelassen.     Bald  danach  ist  er  am   11.  Juni   1292    oder   1294   gestorben. 

Roger  Baco  lässt  sich  in  vielen  Beziehungen  mit  seinem  Zeit- 
genossen, dem  Scholastiker  Albertus  Magnus,  vergleichen.  Doch  über- 
ragt er  diesen  nicht  bloss  durch  die  Vielseitigkeit  im  positiven  Wissen 
namentlich  hinsichtlich  der  Sprach-  und  exakten  Naturwissenschaften, 
sondern  vor  allem  durch  den  entschiedenen,  freisinnig-reformatorischen 
Standpunkt  sowohl  im  Verhalten  gegenüber  der  Kirche  wie  in  seinen 
philosophischen  und  den  übrigen  wissenschaftlichen  Anschauungen. 
Während  der  gläubige  Albert  unter  den  Fesseln  der  Kirche  sich  wohl 
fühlte  und  in  den  Bahnen  der  Scholastik  unbeirrt  seines  Weges  ging, 
gehört  Roger  Baco  zu  den  energischsten  Gegnern  beider.  Er  erklärte 
die  scholastische  Methode  als  absolut  unfruchtbar  für  die  Forschung 
und  brandmarkte  sie  als  ein  Verderb,  als  eine  Fälschung  der  Wissen- 
schaft. Autoritätenglauben  verwirft  er  als  der  Uebel  grösstes,  dem 
nur  das  Festhalten  an  Vorurteilen,  die  Meinung  des  grossen  Haufens 
und  die  menschliche  Eitelkeit  den  Rang  streitig  machen.  Zwar 
schätzt  auch  Baco  den  Aristoteles  sehr  hoch,  aber  doch  nicht  so 
hoch,  dass  er  ihm  da  blind  folgt,  wo  jener  unzweifelhaft  geirrt  hat. 
Ausdrücklich  retabliert  er  das  Experimentum  als  vollberechtigt  dem 
Argumentum. 

Allerdings  giebt  es  für  Baco  neben  der  äusseren  Sinneserfahrung  noch 
eine  innere  durch  direkte  göttliche  Eingebung.  Die  Mathematik  stellt  er 
als  Fundament  aller  wissenschaftlichen  Bildung  hin,  indem  sie  einen  Teil 
der  physikalischen  und  metaphysischen  Wissenschaften  in  sich  schliesst. 
Ihre  vier  Disziplinen  sind  Geometrie,  Arithmetik,  Astronomie  und  Musik. 
Grosse  Verehrung  hegte  Baco  für  die  Medizin,  die,  wie  er  sagt,  die  anima 
rationalis  behandelt,  Gesundheit  und  Krankheit  des  Menschen  betrifft  und 
somit  seine  Organisation  und  Erzeugung  zum  Gegenstand  hat.  Allerdings 
kann  sich  auch  Baco  nicht  ganz  von  einzelnen  Anschauungen  seiner  Zeit 
frei  machen.  Er  huldigte  noch  mancher  astrologischer  und  alchymistischer 
Lehre ;  darin  bringt  er  ebenfalls  dem  Zeitgeist  den  schuldigen  Tribut,  aber 
er  thut  das  in  gemässigter  Form,  und  überall  tritt  das  Bestreben  nach  einer 
nüchternen  realen  und  wirklich  naturgemässen  Auffassung  der  Dinge  dieser 
Welt  ersichtlich  hervor.  Systematischer  Obskurantismus  und  spekulative 
Mystik  sind  ihm  ebenso  verhasst  wie  die  Tyrannei  der  gelehrt  klingenden 
Phraseologie  und  der  spitzfindig  dialektischen  Wortmacherei. 


Geschichte  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  699 

Die  Schriften  Bacos  sind  zum  grösseren  Teil  noch  handschriftlich  in  englischen 
Bibliotheken,  soivie  in  Leiden  vorhanden.  Sein  Hauptwerk,  das  Opus  majus, 
welches  er  auf  Verlangen  des  Papstes  zu  seiner  Verteidigung  schrieb,  und  das  eine 
Reihe  von  philosophischen,  physikalischen  und  anderen  Abhandlungen  entliält,  erschien 
erst  1733  in  London  von  Jebb  herausgegeben.  Ein  Jahrhundert  später  [1859 — 60) 
erfolgte  die  Drucklegung  der  übrigen  Schriften  B.s,  des  Opus  minus  bezw.  des  Opus 
tertium,  das  eine  umgearbeitete  Zusammenfassung  des  Opus  majus  et  minus  bildet, 
dtirch  J.  S.  Breicer  u.  d.  T. :  „Fr.  Rogerii  Bacon,  Opera  quaedam  hactenus  inedita. 
Vol.  I  containing  Opus  tertium.  Opus  minus.  Compendium  philosophiae^  (London). 
Weitere  Arbeiten  B.s  sind:  „De  nullitate  magiae"^  {Hamburg  1618),  die  vorher  ge- 
nannte Abhandlung  über  das  Alter  {lat:  Oxford  1590,  engl,  von  Brown  1683),  ferner 
die  „Ejiistola  de  secretis  artis  et  naturae  operibus^  {Paris  1541,  Hamburg  1617); 
„^peculum  alchimiae  {Nürnberg  1542)  und  mehrere  chemische  Schriften,  zusammen- 
gcfasst  als  „Thesaurus  chymicus"  {Frankfurt  1603,  1620).  —  Zwei  Schriften  über 
die  kritischen  Tage  und  die  Krise  der  Krankheiten  finden  sich  noch  handschriftlich 
in  der  Amj)loniana  unter  Q  215  asserviert  {vgl.  Katalog  von  Schum).  Vor  kurzem 
erschien :  The  „opus  majus"^  of  Roger  Bacon  edited  unth  introduction  and  analytical 
table  by  John  Henry  Bridges,  Oxford  u.  London  1897,  2  Bde.;  2  ed.  ib.  1900,  3  voll. 

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  der  auffallende  Mangel  an 
scholastischen  Autoritäten  in  England  dem  reformatorischen  Einfluss 
zuzuschreiben  ist,  welchen  die  Lehren  Bacos  ausgeübt  haben.  Im 
ganzen  kommen  für  England  als  innere  Mediziner  (magistri  in 
physica)  nur  zwei  Männer  ernstlich  in  Betracht:  Gilbertus 
(Anglicus),  ein  viel  umstrittener  Autor,  der  jedenfalls  dem  XIII.  Jahr- 
hundert angehört.  Er  führt  die  Ehrenbezeichnung  als  „Doctor  desi- 
deratissimus"  [Littre  unterscheidet  noch  einen  jüngeren  Autor 
Gilbert  d'Aquila  (Legleus,  de  l'Aigle),  Commentator  des  Johann 
Jacobi,  im  XIV.  Jahrh.].  Sein  Hauptwerk,  betitelt  „Compendium 
medicine  tam  morborum  universalium  quam  particu- 
larium,  nondum  medicis  sed  et  cyrurgicis  utilissimum" 
{Lyon  1510  und  Sachregister,  Genf  1608;  hebräische  Uebersetzung 
vgl.  Steinschneider  p.  798)  ist  auch  als  „Laurea"  oder  „Rosa 
anglicana"  bekannt,  darf  aber  nicht  mit  der  „Rosa  anglica" 
verwechselt  werden,  d.  i.  der  zwischen  1305—1317  verfassten 
„Practica"  von  Joh.  Gaddesden  (Johanes  Inglesius),  Prof.  d.  Med. 
am  Merton  Colleg  in  Oxford. 

Bezüglich  dieses  Werks  sei  auf  das  Urteil  von  Sprengel  verwiesen 
(II,  633):  „Seine  albernen  Charlatanerien  waren  in  diesem  Jahrhundert  so 
wenig  ausserordentlich,  dass  man  vielmehr  eine  Menge  ähnlicher  Ausbrüche 
der  frommen  Unwissenheit,  der  Betrügerei  und  groben  Charlatanerie  fast 
bei  allen  Aerzten  dieser  Zeit  bemerkt."  Was  Sprengel  an  Einzelheiten 
aus  diesem  Werk  beibringt,  ist  thatsächlich  so  kmios,  dass  es  dies  herbe 
Urteil  nicht  erschüttern  kann.  —  Gaddesden  ist  auch  derselbe  Autor,  auf 
den  sich  Guy  de  Chauliacs  scharfe  Kritik  über  die  „una  fatua  Rosa  Anglicana" 
bezieht. 

Endlich  berühren  wir  noch  von  Deutschen  den  Scholastiker 
Thomas  v.  Sarepta,  Bischof  in  Breslau,  einen  Zögling  der  1384 
begründeten  Prager  Hochschule. 

Vgl.  Henschel  1.  c.  p.  83. 

Geb.  1297,  kam  Thoraas  39  Jahre  alt  nach  Breslau,  wirkte  hier 
anfangs  unter  seinem  Klosternamen  Petrus  physicus ,  bis  er  1352  zum 
Bischof  von  Sarepta  ernannt  wurde.  Er  starb  nach  1378.  Ein  Bruchstück 
aus  seinem  1360  begonnenen  „Collectorium"  s.  Michi  competit  ist  im  Janus  I 
p.  372    (Amsterdam    1896)    nach    einem    amplonianischen    Codex    mitgeteilt. 


700  Julius  Pagel. 

Ferner  Sigismund  Albicus  aus  Mährisch  -  Neustadt  (ünczov). 
Geb.  1347,  sturlierte  A.  in  Prag  von  1378-1382,  zeichnete  sich  während 
der  Herrschaft  des  schwarzen  Todes  in  Prag  (1379  — 1380)  und  der  dortigen 
Judenverfolgung  (1390)  aus,  war  seit  1391  Leibarzt  des  Königs  Wenzel 
und  zugleich  30  Jahre  lang  Lehrer  der  Medizin  in  Prag,  bis  er  1411  zum 
Erzbiscliof  gewählt  wurde.  Später  war  er  infolge  der  diirch  die  Hussiten- 
bewegungen  verursachten  Wirren  genötigt  nach  Olmütz  und  von  dort  nach 
Ungarn  zu  gehen,  wo  er  1427  gestorben  ist. 

Vgl.  noch  v.  Hasner  in  Prager  Vierteljahrsschr.  1866  XC  p.  19  ff. 

Gedruckt  sind  von  ihm  der  „Tractatulus  de  regimine  hominis 
s.  Vetularius"  (Leipzig  1484),  eine  Art Makrobiotik ;  ferner „Medicinale" 
(1483)  und  Regimen  tempore  pestilentiae"   (Leipzig    1484  — 1487). 


Nachträge. 

1.  Zu  Petrus  Hispanus  {p.  682)  vgl.  noch  Picard  in  Gaz.  med.  d.  Paris 
1901  Nr.  48  ff'. 

2.  Z%  Bernard  von.  Gordon  {p.  695)  vgl.  Pagel,  lieber  den  Theriak  nach  einer 
bisher  ungedruckten  Schrift  des  B.  v.  G.  und  über  die  Grade  der  Arzneien  nach 
einer  bisher  ungedruckten  Schrift  des  B.  v.  G.  {Pharmac.  Post,   Wien  1894  u.  1895). 

3.  lieber  einen  1307  abgefassten  Tract.  de  flebotomia  des  Bernard  v.  Gordon 
in  der  Bibl  naz.  di  Napoli  vgl.  Giacosa,  Mag.  Salem,  nondum  editi,  Torino 
1901  p.  390. 

4.  lieber  den  bisher  nicht  genügend  gekannten  und  gewürdigten  Iticardus 
Anglicus  {f  1252),  dessen  zahlreiche  Arbeiten  bis  auf  die  Anatomie  ungedruckt, 
u.  a.  auch  in  der  Erfurter  Amploniana  [F.  303,  275,  288,  289;  Q.  185,  229),_ 
noch  vorhanden  sind,  vgl.  die  jüngste  Publikation  von  v.  Töphj,  „Anatomia  Bicardi 
Anglici  [c.  a.  1242—1252)  etc.",  Vindobonae  1902. 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter. 

Von 

Julins  Pagel  (Berlin). 


Anatomie  und  Physiologie. 

V.  Töply,  Studien  zur  Geschichte  der  Anatomie  im  Mittelalter,  Leipzig  ■». 
Wien  1898.  —  Modestino  del  Gaizo,  Delta  pratica  della  anatomia  in  Italia 
sino  al  1600.  Napoli  1892  (Estratto  degli  Atti  della  R.  Accademia  niedico-chir.  di 
Napoli  anno  XLVI  N.  S.  Nr.  2). 

Keine  Thatsache  zeigt  und  erklärt  den  Verfall  der  Medizin  im 
Mittelalter  deutlicher  als  die  vollständige  Ergebnislosigkeit  auf  den  Ge- 
bieten der  Anatomie  und  Physiologie.  Wenn  es  wahr  ist  (und  es  duldet 
leider  keinen  Zweifel),  dass  das  16.  Jahrhundert  die  Heilkunde  genau  so 
vorgefunden  hat,  wie  sie  das  3.  verlassen  hat,  so  gilt  dies  ganz  be- 
sonders von  der  Anatomie  und  Physiologie,  zwei  Disziplinen,  die  den 
Konservativismus  des  Mittelalters  in  der  traurigsten  Gestalt  vorführen. 
Es  wirkt  geradezu  abstossend,  immer  wieder  auf  Galen  und  Avicenna, 
Avicenna  und  Galen  als  fast  die  einzigen  massgebenden  Autoren  zu 
stossen.  Nirgends  ist  bis  auf  Mundino  von  Untersuchungen  am  Ka- 
daver die  Eede.  Die  Araber  haben  den  Wert  anatomischer  Kennt- 
nisse an  sich  nicht  gering  geachtet,  aber  wir.  sehen  überall  nur 
Büchergelehrsamkeit.  Ihrer  Wertschätzung  der  anatomisch- physiologi- 
schen Kenntnisse  als  Basis  einer  rationellen  Heilkunde  vermochten  sie 
in  Rücksicht  auf  die  Gebote  des  Koran,  in  Rücksicht  auf  verschiedene 
Umstände,  die  Sektion  und  Beobachtung  am  Kadaver  verpönten,  keinen 
anderen  Ausdruck  zu  geben,  als  dass  sie  sich  nach  Kräften  bemühten, 
aus  griechischen  Quellen  das  Wissenswerte  zusammenzustellen  und  in 
ihrer  Weise  wie  alle  übrigen  Gebiete  der  Heilkunde  mit  ihren  dialek- 
tischen Subtilitäten  auszuschmücken.  Eine  wesentliche  sachliche  Diffe- 
renz gegenüber  Galen  tritt  nicht  hervor,  jedenfalls  kein  nennenswerter 
Fortschritt.  Wer  wissen  will,  welchen  Standpunkt  Galen  in  Anatomie 
und  Physiologie  eingenommen  hat,  wie  vor  allem  durch  seinen  krass 
teleologischen  Standpunkt,  durch  die  sonst  gewiss  nicht  üble  Ver- 
quickung der  juvamenta  mit  der  Morphologie  den  Thatsachen  Gewalt 
angethan  worden  ist,  der  kann  sich  mit  dem  Studium  des  Avicenna 
begnügen,  und  wer  den  Galen  kennt,  kann  Avicenna  und  sämtliche 


702  Julius  Pagel. 

arabische  Autoren  (selbst  den  von  v.  Töply  wegen  einer  supponierten 
Rektifikation  Galens  hinsichtlich  der  Osteologie  des  Unterkiefers  rüh- 
mend hervorgehobenen  Eazes)  für  die  Anatomie  wenigstens  getrost 
übergehen;  neue  Gesichtspunkte  werden  ihm  darüber  nicht  entgehen. 
Nur  um  feststellen  zu  können,  wie  getreu  der  Anschluss  der  euro- 
päisch-mittelalterlichen Schriftsteller  an  die  Araber  gewesen  ist,  hat 
das  Studium  der  letzteren  ein  Interesse ;  zur  historisch-kritischen  Beur- 
teilung dieser  Frage  ist  es  allerdings  unentbehrlich,  —  Von  der 
Mönchsanatomie  ist  am  besten  ganz  zu  schweigen.  Der  legendarische, 
simpel-naive  Charakter  ihrer  Litteratur  verleugnet  sich  auch  nicht  in 
den  anatomischen  Anschauungen.  Das  einzige  Parademuster,  Isidor 
von  Sevilla,  nimmt  sich  traurig  genug  aus.  Die  mit  Eecht  gerühmte 
Selbständigkeit  der  salernitanischen  Schule,  die  bekanntlich  in  ihrer 
ersten  Zeit  noch  die  Reste  griechischer  Medizin  pflegt,  findet  für  die 
Darstellung  und  das  Studium  der  Anatomie  kein  anderes  Hilfsmittel  als 
die  anatome  porci.  Ihre  Hauptrepräsentanten  und  litterarischen  Leistun- 
gen in  der  Anatomie  sind  bereits  gewürdigt.  Die  Ergebnisse  im  Sinne 
des  Fortschritts  gegenüber  Galen  bilden  eine  negative  Grösse.  Auch 
die  noch  nicht  einer  Analyse  unterzogene  „demonstratio  anato- 
mica"  läuft  der  anatome  porci  des  Copho  keinesfalls  den  Rang  ab; 
sachlich  ist  darin  nicht  die  geringste  Entwicklung  nach  vorwärts  zu 
erkennen.  Nur  insofern  besitzt  sie  einen  gewissen  Wert,  als  sie  ihrer- 
seits die  Zahl  der  Beweisstücke  für  ein  ziemlich  reges  anatomisches 
Studium  in  Form  der  praktischen  Zergliederung  und  in  der  Betonung 
der  Notwendigkeit  anatomischer  Kenntnisse  für  die  Praxis  vermehrt. 
Im  übrigen  ist  sie  genau  so  Schweineanatomie  wie  die  von  Copho. 
Gegenüber  diesem  sucht  der  betreffende  Autor  seine  Inferiorität  zu 
verbergen,  indem  er  in  seine  die  Ueberschrift  Demonstratio  keineswegs 
rechtfertigenden  Ausführungen  einige  Tropfen  polemischen  Wermuts 
gegen  seine  Vorgänger  und  Genossen  mischt.  Immerhin  muss  der 
salernitanischen  Schule  das  Verdienst  nachgerühmt  werden,  dass  sie 
wenigstens  den  Nutzen  praktischer  Sektionen,  wenn  auch  an  Tieren, 
zum  Verständnis  der  Pathologie  hervorgehoben  und  den  Gegenstand 
vom  13.  Jahrhundert  an  als  obligatorischen  Lehrgegenstand  dem  Unter- 
richt eingefügt  hat.  Von  der  Notwendigkeit  des  anatomischen  Wissens 
zeigen  sich  insbesondere  die  Chirurgen  im  Interesse  ihrer  Kunst  durch- 
drungen. Gerade  infolge  ihrer  Initiative  sehen  wir  selbst  in  der 
scholastischen  Periode  die  praktisch-anatomischen  Studien  keineswegs 
vernachlässigt;  überall  treten  in  der  Litteratur  die  Bestrebungen 
hervor,  diesen  Zweig  der  Heilkunde  praktisch  zu  fördern.  Diese  Be- 
strebungen gewinnen  eine  Etappe  nach  vorwärts  in  den  bekannten 
Demonstrationen  H  e  i  n  r  i  c  h  v  o  n  M  o  n  d  e  v  i  1 1  e '  s  an  primitiven  Tafel- 
flguren  und  erreichen  ihren  Gipfelpunkt  mit  Mondini  de  Liucci 
in  Bologna,  der  zum  ersten  Male  selbst  wieder  Sektionen  an  der 
menschlichen  Leiche  vornimmt  und  danach  die  Anatomie  in  einem 
Kompendium  darstellt,  ohne  übrigens  sachlich  irgendwie  einen  Zweifel 
an  den  Autoritäten  zu  wagen,  geschweige  denn  eine  Erschütterung 
derselben  herbeizuführen. 

Als  Vorläufer  Mondevilles  erscheint  noch  in  der  Litteratur  des  Mittel- 
alters die  von  Daremberg  entdeckte  und  von  Haeser  nach  dem  Codex 
Lat.  Bibl.  Berolinens.  F.  219  kopierte  Anatomia  Richardi  (publiziert 
zum  1.  Male    in  der  Breslauer   Doktordissertation   des  cand.    med.  Florian, 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  703 

aber  in  inkorrekter  Gestalt,  daher  auf  Veranlassung  von  Pagel  zum  2.  Male 
verbessert  und  mit  deutscher  Uebersetzung  heraus sfegeben  von  cand.  med. 
Tarrasch,  Inauguraldiss.  Berlin  1898).  Dieses  Dokument,  über  das  sich 
auch  von  Töply  (1.  c.  1)  auf  Grund  der  Florianschen  Edition  ausführlich  aus- 
lässt,  nimmt  eine  etwas  isolierte  Stellung  ein.  Es  ist  zweifelhaft,  welcher 
Periode  es  angehört.  Die  Meinung,  dass  es  noch  als  Produkt  der  salerni- 
tanischen  Schule  anzusehen  ist,  muss  angesichts  der  zahlreichen  teleologischen 
und  anderer  im  Stile  der  Scholastik  gehaltenen  Bemerkungen  fallen  gelassen 
werden.  Neuerdings  veröffentlichte  v.  Töply  auch  die  „Anatomia  ßicardi 
Anglici"  (vgl.  p.  700). 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  die  bereits  oben  angedeutete  That- 
sache,  dass  die  Hauptförderer  anatomischer  Kenntnisse  die  Chirurgen 
auch  im  Zeitalter  der  Scholastik  sind  und  es  auch  später  bleiben. 
Fast  alle  Lehrbücher  der  Chirurgie  enthalten  mehr  oder  weniger  aus-^ 
fiihrliche  anatomische  Vorbemerkungen  bei  jedem  einzelnen  Kapitel 
der  speziellen  (chir.)  Pathologie  und  Therapie,  meist  allerdings  in  Form 
theoretischer  Auseinandersetzungen  ohne  unmittelbare  praktische  Er- 
läuterungen; in  manchen  Büchern  ist  der  Anatomie  ein  besonderer 
Abschnitt  ausschliesslich  gewidmet.  So  verdient  mit  Recht  aus  der 
Schule  von  Bologna  der  (später  noch  genauer  zu  betrachtende)  AVund- 
arzt  Wilhelm  von  Saliceto  (f  um  1280)  deshalb  besondere  Er- 
wähnung auch  an  dieser  Stelle,  weil  seine  kurze  als  Lib.  IV  der 
Chirurgie  einverleibte  Anatomie  gerade  die  Manualoperationen  vor- 
nehmlich berücksichtigt.  Menschliche  Anatomie  beschreibt  er  aller- 
dings ebensowenig  als  sein  späterer  Berufsgenosse,  der  Franzose  Henri 
deMondeville  (fum  1320),  der,  wie  aus  einem  in  verschiedenen 
Abschriften  an  uns  gelangten  Kollegienheft  hervorgeht,  Anatomie 
selbständig  um  1304  in  Montpellier  vorgetragen,  an  13  Figurentafeln 
und  die  Schädelanatomie  an  einem  knöchernen  Modell  demonstriert  hat. 
Der  Inhalt  dieser  Vorträge  weicht  von  ihrer  Quelle,  dem  Avicenna. 
nicht  im  geringsten  ab;  über  eigene  und  gar  menschliche  Sektions- 
ergebnisse hat  auch  Mondeville  nicht  verfügt. 

Anders  steht  es  mit  dem  Zeitgenossen  des  letzteren,  dem  be- 
rühmten Bologneser  Arzt  Mondino  de'  Liucci  (Luzzi),  der,  als 
Sohn  eines  Spezereihändlers  Nerino  Franzoli  de'  L.  um  1275  geboren. 
1290  in  seiner  Vaterstadt  die  Doktorwürde  erwarb  und  hier  bis  zu 
seinem  1326  erfolgten  Tode  als  Lehrer  der  Medizin  wirkte.  —  Mondina 
ist  der  wichtigste  Repräsentant  der  Anatomie  für  das  ganze  spätere 
Mittelalter  (bis  zum  Auftreten  Vesals).  Sein  Verdienst  ist  ein  doppeltes: 
erstlich  nämlich  hat  er  seit  der  Periode  der  Alexandriner,  also  seit 
15  Jahrhunderten,  wieder  einmal  selbständig  menschliche  Kadaver 
seziert  und  zweitens  hat  er  ein  Büchelchen  geschrieben,  in  dem  die 
Anatomie  in  origineller  und  von  früheren  Darstellungen  abweichender 
Form  behandelt  war.  Man  wird  ihr  am  besten  gerecht,  wenn  man 
sie  als  eine  Art  von  Anleitung  zu  methodischen  Präparierübungen  auf- 
fasst.  Mondino  geht  bei  seiner  Darstellung  präparierend  vor,  wofür 
er  selbst  den  Ausdruck  gebraucht:  excarnando  procedere.  Offenbar 
hat  der  Verfasser  bei  der  Niederschrift  seines  Kompendiums  die  wäh- 
rend der  Demonstration  am  Kadaver  gehaltenen  Vorträge  zu  Grunde 
gelegt;  das  beweisen  die  beobachtete  Reihenfolge  (s.  weiter  unten) 
und  die  Einleitungen  zu  jedem  Kapitel.  Der  Inhalt  ist  durchaus 
Autoritätenanatomie,  keine  eigene  Beobachtung  (mit  ganz  unwesent- 


704  Julius  Pagel. 

liehen  Einzelheiten).  Dieselbe  Terminologie,  dieselbe  Teleologie  wie 
beim  arabisierten  Galen,  nirgends  auch  nur  die  Spur  einer  korrekten 
Beobachtung  am  Menschen,  nirgends  eine  neue  Thatsache  oder  neue 
Entdeckung  ausser  den  Bemerkungen  über  die  Art,  wie  man  sich 
diesen  oder  jenen  Teil  dem  Auge  und  Messer  am  besten  zugänglich 
macht.  Das  Hauptverdienst  Mondinos  beruht  also  darauf,  dass  er  in 
die  Schweineschneiderei,  der  er  ja  auch  noch  fröhnte  (wie  einige  Mit- 
teilungen in  dem  Buch  selbst  beweisen),  wenigstens  einige  Abwechselung 
durch  die  Sektion  menschlicher  Kadaver  gebracht  hat.'  Trotzdem  er- 
freute sich  Mondinos  Werkchen  jahrhundertelang  grosser  Beliebtheit 
als  Schulbuch  der  anatomischen  Disziplin,  ohne  dass  der  Autor  einen 
solchen  Erfolg  vorausgeahnt  hat;  denn  sicher  ist  Mondino  mehr  von 
einem  gewissen  schriftstellerischen  Drang  (ganz  nach  Sitte  seiner  Zeit) 
als  von  eigentlicher  Liebe  zu  seiner  Spezialwissenschaft  bei  Abfassung 
.seines  Buches  geleitet  gewesen.  Die  Popularität  desselben  beruhte 
einmal  auf  dem  Zweck,  als  technische  Anleitung  zu  dienen  und  dann 
auf  der  Kürze  und  Einfachheit  der  Schreibweise,  sowie  auf  der  ein- 
gehenden Berücksichtigung  der  Praxis,  insbesondere  der  chirurgischen. 

Ah  Ahfassun(jszeit  yilt  geivöhnlich  das  Jahr  1316 ;  diese  Annahme  stützt  sich 
auf  einen  Passus  in  dem  Kapitel  von  der  Anatomie  der  Gebärmutter,  lautend:  „Et 
propter  istos  quatuor  cousas  mulier  quam  anatomizavi  anno  preterito  s.  anno  Christi 
M.CCC.XV  de  mense  Januarii  majorem  in  duplo  habuit  matricem  quam  illa  quam 
anatomizavi  {d.h.  habe  sezieren  lassen)  anno  eodem  de  mense  Martii^^.  —  Von  allen 
Historikern  ist  bisher  ein  Datum  übersehen  tvorden,  wie  es  sich  in  der  Mehrzahl 
der  Ausgaben  findet,  das  (jeeiijnet  ist,  die  obige  Annahme  zu  erschüttern.  Es 
folgt  nämlich  bald  darauf  eine  Stelle,  wo  er  von  der  hundertmal  grösseren,  13  Ferkelchen 
enthaltenden  Gebärmutter  einer  1316  sezierten  trächtigen  Sau  berichtet.  Diese 
Zahl  1316  haben  von  9  von  mir  eingesehenen  Ausgaben  7,  darunter  sogar  die  be- 
rühmte Kommentarausgabe  des  bekannten  Anatomen  Berengar  Carpi  „cum  amplissimis 
additionibus  .  .  .  una  cum  textu  ejtisdem  in  pristinum  et  verum  nitorem  redacto'^ 
während  2  ältere  Ausgaben  (Strassburg  1513  von  Joh.  Adelphus  u.  Rostock  1514  cum 
additionibus  Adelphi)  das  jedenfalls  korrektere  Datum  1306  haben.  Nach  brieflicher 
Auskunft,  die  ich  der  Liehenswürdigkeit  des  Herrn  v.  Töply  (Wien)  verdanke,  hat 
auch  der  im  Fasciculus  med  von  Jo.  Ketham  enthaltene  Wiederabdruck  {Vened.  1500) 
die  Zahl  1306.  —  Jedenfalls  beruht  1316  auf  einem  Kopierfehler,  ähnlich  wie  ver- 
mutlich auch  das  eigentümliche  Datum  in  einer  Krankengeschichte  der  Chirurgie 
des  Saliceto  (s.  diesen).  Aber  es  lässt  sich  schliesslich  auch  nicht  ganz  von  der  Hand 
weisen,  dass  die  erst  angegebene  Zahl  1315  fehlerhaft  ist;  indessen  da  diese  sich  in 
alle 71  Ausgaben  übereinstimmend  findet,  darf  sie  wohl  unbestritten  als  richtig 
gelten.  —  Von  Mondinos  Anatomie  existieren  zahlreiche  Ausgaben  {Venedig  1494; 
ib.  1507;  Strassburg  1513;  Bostock  1514;  Bonon.  1514;  Bonon  1521;  Lyon  1528; 
Marburg  1541;  s.  l.  e.  a.  per  Doctorem  Meierstat.  mit  einem  Widmungscarmen  von 
Martinus  Meierstat  [PollichJ  medicus).  —  In  der  Einleitung  betont  Mondino  zunächst 
den  Zweck  seines  Kompendiums,  indem  er  sagt:  „Hinc  est  quod  Ms  tribus  de  causif< 
promotxis  proposui  meis  scholaribus  quoddam  opus  in  medicina  componere,  et  quid 
cognitio  partium  subjecti  in  medicina  quod  est  corpius  humanum,  que  loca  disposi- 
cionum  appellantur,  est  una  partium  scientie  medicine  ut  dicit  Averrois  primo  sui 
colliget  cap  de  diffinitione  medicine:  hinc  est  quod  inter  cetera  vobis  cognitionem 
corporis  humani  partium  ejus  que  ex  anathomia  insurgit  proposui  tradere:  non 
hie  observans  stihim  altum  sed  magis  secundum  manualem  opera- 
tionem  vobis  tradam  notitiam.  Situato  itaque  corpore  vel  homine  mortuo 
per  decollationem  vel  supensionem  supino :  primo  notitiam  totius  debemus  habere,  se- 
cundario  partium  etc.^'  Diese  Bemerkung  zeigt,  wie  sehr  auch  Mondino  in  seinen 
Argumentationen  ganz  von  der  Scholastik  beherrscht  wird,  durch  die  der  teleologische 
Standpunkt  eine  besonders  grelle  Beleuchtung  erfährt.  Das  Buch  hätte  unbeschadet 
seinem  eigentlich  anatomischen  Inhalt  noch  iim  zwei  Drittel  gekürzt  sein  können. 
Im  iveiteren  Verlauf  der  Einleitung  werden  wir  wieder  an  Galen  erinnert,  ivenn 
Mondino  die  Gründe  für  die  aufrechte  Haltung  des  Menschen,  für  die  Lage  der 
Augen  im  Kopfe  etc.  darlegt.  Im  übrigen  ist  er  in  seinem  präparatorischen  Vor- 
gehen ebenso  konsequent  wie  rationell.  Auf  eine  allgemeine  Anatomie  verzichtet  er 
ganz;,  er  beriicksichtigt   nur   den  praktischen  Standpunkt.    Zuerst  kommt   die  Be- 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  705 

Schreibung  des  venter  inferior  d.  i.  der  Bauchhöhle  an  die  Reihe  {im  Gegensatz 
zum  venter  medius  für  die  membra  spiritualia  und  venter  stiperior  Schädelhöhh' 
für  die  membra  animata).  Mit  der  Bauchhöhle  fängt  Mondino  deshalb  die  Sektiov 
an:  „pi'imo  quia  illa  membra  fetida  sunt  et  ideo  ut  ista  primitus  abjiciantur  ab 
eis  incipieiidum  est;  secundo  quia  omnis  nostra  cognitio  et  specialiter  que  ex 
manuali  existit  operatione  a  notioribus  incipit  7iobis  etc "  Es  folgt  eine  Art  situs 
viscerum  oder  Regionenbeschreibung  und  dann  in  Kap.  2  die  Beschreibung  des 
Mirach,  arabistisch  für  Bauchwand,  Bauchdecke.  Dieselbe  besteht  aus  der  Haut, 
dem  Unterhautfell,  dem  panniculus  carnosus,  den  3Iuskeln  und  dazu  gehörigen 
Sehnen  und  dem  Siphac  oder  Bauchfell.  Zur  Priiparation  empfiehlt  Mondino 
einen  vertikalen  Schnitt  ,,a  scuto  oris  stomachi  directe  usque  ad  ossa  pectinis  lenitei' 
incidendo,''  also  vom  proc.  xiphoideus  bis  zur  Symphyse,  dem  ein  über  den  Nabel 
bis  zu  den  beiden  Seiten  des  Rückens  führender  Horizontalschnitt  hinzugefügt  toird. 
Doch  solle  man  bei  weiblichen  Leichen  die  von  der  Gebärmutter  zu  den  Milch- 
drüsen durch  die  Bauchwand  hindurchgehende  Vene  vermeiden.  Zum  Unterhautfell 
bemerkt  er,  dass  dies  beim  Schwein  stärker  sei  als  beim  Menschen.  Hätte  Mondino 
nur  bezüglich  der  übrigen  Teile  mehr  auf  die  Unterschiede  zwischen  Mensch  und 
Schwein  geachtet!  Aber  diese  Notiz,  einige  Bemerkungen  über  Grösse  und  Bau  der 
menschlichen  Leber,  Abweichungen  im  Bau  der  Gebärmutter,  kleine  prima  vista 
{auch  ohne  Sektion  erkennbare)  Einzelheiten,  wie  die,  dass  der  „penis  absoluta  est 
et  non  applicata  ventri  sictit  in  quadrupedibus'^  sind  die  einzigen  Unterschiede 
ztcischen  Mensch  und  Schwein,  die  sich  in  Mondinos  Buch  finden.  Mit  Galen  unter- 
scheidet er  3  Bauchmuskeln,  die  longitudinal  verlaufenden  {ad  attrahendum  et  ex- 
pellendum),  die  latudinalen  {ad  expeÜendum)  und  die  transversalen  {ad  retinendum). 
Ganz  nach  Galen  sind  sie  zur  Substanzbildung  des  Mirach  und  zum  Schutz  der 
Eingeweide  da.  Man  soll  beim  Präparieren  nicht  gänzlich  die  Bauchicand  ent- 
fernen, damit  noch  die  Möglichkeit  zur  Demonstration  der  punctio  abdominis  {ex- 
fradio  aque  ab  hydropico)  bleibt,  wobei  übrigens  Mondino  die  Warnung  vor  zu 
schneller  Entleerung  des  Ascites  nicht  unterlässt.  Ueberhaupt  nehmen  die  chirur- 
gischen  Bemerkungen  gerade  aus  Anlass  der  Bauchanatomie  einen  verhältnismässig 
grossen  Raum  ein  {Darmwundnaht,  Ameisennaht,  Resektion  des  Zirbus  etc.).  In 
dem  Kapitel  über  die  Anatomie  des  Netzes  ist  der  Passus  bemerkenswert,  wo  von 
der  durch  Alteration  des  Magenmundes  entstehenden  Syneojte  die  Rede  ist.  Die 
dürftigen  anatomischen  Bemerkungen  sind  hier,  tcie  in  den  folgenden  Kapiteln, 
Anatomie  der  Därme,  des  Mastdarms,  Colon  u.  s.  tc.  unter  einem  Wust  von  Scholastik 
begraben,  ganz  nach  demselben  Paradigma  wie  in  den  typischen  Werken  dieser 
Litteratur.  mit  denselben  stereotypen  Phrasen  und  Einicänden  {„sed  dubitabitxir 
aliquis  rationalibiter  .  .  .  dicendum  quod  .  .  .  Ad  illud  quod  objicitur  solvitur  etc.). 
Bei  der  Beschreibung  des  Colon  tverden  differentialdiagnostische  Momente  zwischen 
Darm-  und  Nierenkolik  eingeschaltet.  Bei  der  Applikation  eines  Klystiers  soll  der 
Körper  auf  der  rechten  Seite  liegen,  damit  das  Colon  nicht  von  den  übrigen  Ein- 
geweiden gedrückt  tverde.  [Uebrigens  sind  in  der  Kommentarausgabe  von  Carpi  alle 
auf  die  Darmanatomie  bezüglichen,  sonst  qetrennten  Kapitel  in  eines  zusammen- 
gezogen.] Beim  Netz  erwähnt  er  die  in  Bologna  dafür  übliche  Vulgärbezeichnung 
{interriglio  :=  interiora  tenens).  In  einem  sehr  langen  Kapitel  folgt  die  Anatomie 
des  Magens;  die  Länge  kommt  auf  Rechnung  des  scholastisch-teleologischen  Formel- 
krams („Sed  tu  hie  dubitabis,  quare  non  stomachus  fuit  positus  ßixta  os,  dico  quod  , . . 
Sed  tu  diees  quare  stomachus  non  fuit  locatus  directe  supra  spondiles  doisi?  Dico 
quod  causa  hujus  etc.").  Es  ist  nicht  zu  lextgnen,  dass  diese  Art  der  direkten  Inter- 
pretation etwas  lebendig  und  anregoid  wirkt.  Die  Magenkurvaturen  vergleicht  er 
mit  den  Wölbungen  eines  Schröpfkopfs.  Die  Magenwand  besteht  aus  der  derberen 
nervenhaltigen  tunica  interior  und  der  extrinseea  carnosa ;  die  innere  Haut  ist 
derber,  weil  sie  zuerst  mit  den  Speisen  in  Berührung  kommt.  Auch  hier  wieder 
sitid  die  Longitudinalfasern  zum  Anziehen,  die  transversalen  zum  Zurückhalten,  die 
Latitudinalfasern  zur  Ausstossuug  des  Inhalts  {„villi  latitudinales  fuerunt  positi  in 
secunda  tunica  expulsioni  servientes").  Die  innere  Haut  vermittelt  die  Sensibilität, 
die  äussere  ist  „ad  digcrendum  et  alterandum"  bestimmt,  d.  h.  sie  bringt  die  Ver- 
wandlung und  Verdauung  des  Inhalts  hervor.  Ausser  dem  os  stomachi  unterscheidet 
Mondino  das  portanarium  vel  piluron  (pileron).  Im  konsensuellen  Verhältnis  steht 
der  Magen  zu  Leber,  Herz  und  Hirn.  Um  die  Milz  betrachten  zu  können,  ist  die 
Entfernung  einiger  falscher  Rippen  von  der  linken  Seite  erforderlich.  Sie  steht 
durch  eine  von  der  Leberpforte  kommende  Vene  mit  diesem  Organ  in  Verbindung 
{,,nam  si  excarnando  procedas  videb'is  quod  a  vena  concava  epatis  pervenit 
Vena  una  magna  ad  spleneyn  efc.").  Bei  der  Leber  macht  Mondino  auf  die  ab- 
weichende Grösse  beim  Menschen  und  auf  den  Unterschied  im  Situs  zwischen 
Lebendem  und  Leichnam  aufmerksam  {„sed  hoc  evenit  quia  membra  spiritualia  mulfnm 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  45 


706  Julius  Pag-el. 

evanuernnt  et  ideo  vacuitatem  eorum  replet  hepar  comprimendo  diajjhragitin  cfc"). 
Die  einzelnen  Leberlappen  sind  beim  Menschen  nicht  immer  getrennt;  gebildet  wird 
jeder  Lappen  von  den  netzartig  hinter  einander  verflochtenen  Blutgefässen ;  die  Hohl- 
räume der  Netze  werden  von  der  eigentlichen  Lebersubstanz  ausgefüllt,  die  ge- 
ronnenem Blute  entspricht;  in  den  Venen  ist  der  aufs  feinste  verteilte  Chglits  ver- 
treten, dessen  Uebergang  ins  Blut  in  der  Leber  statthat.  Sie  ist  von  einem  doppelte}h 
Bindegeivebe  eingehüllt  {„panniculus  autem  ejus  est  duplex  sc.  cooperiens  et  vel 
circmnvolvens  et  suspendens'^).  Sehr  sorgfältig  ist  die  Beschreibung  der  Gefässe.  Die 
Bemerkungen  über  die  Gallenblase  beziehen  sich  tveniger  auf  die  Anatomie  als  auf 
Physiologie  und  Pathologie  dieses  Organs.  Ein  besonderes  Kapitel  beschäftigt  sich 
mit  den  „venae  Chilis  et  emulgentium  et  renum^^ :  den  „venae  emulgentes"  [Nieren- 
gefässen)  rarefactae  ad  modum  colatorii)  tourde  die  Funktion  zugeschrieben,  den 
Chylus  zur  Leber  fortzuleiten  und  die  Harnsekretion  zu  vermitteln;  daher  auch  die 
rechte  Niere  näher  zur  Ijeber  als  zur  Blase  gerückt  ist,  daher  auch  die  Porositäten 
in  den  Nierengefässen  so  klein  sind,  dass  nur  Urin,  aber  kein  Blut  dieselben  passieren 
konnte.  Ersterer  gelangt  durch  den  x>orus  uritidcs  zur  Blase.  —  UmstaudViihrn. 
Erörterungen  über  die  Gründe  für  die  Duplizität  der  Niere  schliessen  sich  ebensolche 
zur  Pathologie  dieses  Organs  an.  Das  Kapitel  über  die  Anatomie  der  Samengefässe 
und  der  Gebärmutter  ist  von  historischem  Interesse,  weil  sich  hier  die  Angaben  des 
Mondino  über  seine  eigenen  Sektionen  an  iveiblichen  Leichen  findest.  Um  so  trauriger, 
dass  trotzdem  die  Schweineanatomie  überwiegt.  Nichts  Auffallendes  weiter  als  die 
Grössenunterschiede  ztcischen  dem  schon  beschwängerten  und  dem  jungfräulichen 
Uterus  weiss  er  zu  melden.  —  Diese  Ergebnislosigkeit  ist  nur  dadurch  zu  erklären, 
dass  thatsächlich  Mondino  selbst  gar  nicht  seziert  hat,  sondern  sein  Prosektor, 
während  er  selbst  sich  damit  begnügte,  galenische  Anatomie  am  Kadaver,  so  gut  es 
eben  ging,  demonstrieren  zu  lassen.  Bekanntlich  vollzog  sich  der  anatomische  Unter- 
richt meist  so,  dass  der  Professor  selbst,  ohne  das  Katheder  zu  verlassen,  aus  seinem 
Heft  die  Erklärungen  vorlas,  während  ein  Demonstrator  mit  dem  Stäbchen  auf  die 
bezeichneten  Partien  zeigte  und  der  Prosektor,  oft  ein  Barbier,  die  Sektion  machte.  — 
Die  vasa  spermatica  münden  bei  der  Frau  in  die  Gebärmutter.  Auch  hier  hat 
Mondino  weniger  Observationes  als  Quaestiones,  wie  alle  seine  Zeitgenossen  und 
Nachfolger.  Pathologische  Bemerkungen  bilden  auch  hier  den  üblichen  Schluss,  be- 
sonders über  die  sujfocatio  matricis,  die  ganz  nach  Galen  geschildert  wird.  Die 
zahlreichen  arabistischen  Termini  beweisen  die  z.  T.  wörtliche  Benutzung  des  Avicenna. 
Die  Anatomie  des  didimus  i.  e.  funiculus  spermaticus  und  der  Testikeln  (osceum, 
Hodensack)  scheint  mehr  zum  Zweck  der  Erläuterimg  der  Hernien  einen  besonderen 
Abschnitt  erhalten  zu  haben.  Bei  der  Blase  hält  sich  Mondino  nicht  lange  auf,  aber 
ohne  die  üblichen  Bemerkungen  über  die  Steinkrankheit  geht  es  natürlich  nicht  ab. 
Das  Kapitel  über  die  Rute  und  den  anus  ist  von  erfreulicher  Kürze.  —  Dann 
folgen  die  Sektion  der  Brusthöhle,  Anatomie  der  Milchdrüsen,  der  Brustmuskeln  und 
einiger  Rückenmuskeln,  Osteologie  und  Syndesmologie  des  Thorax,  Beschreibung  des 
Diaphragma,  der  Pleura,  des  Mediastinum  mit  Digressionen  über  Pleuresie  und 
Pneumonie,  ausführliche  Anatomie  des  Herzens,  alles  eingestandener massen  (,,haec 
omnia  hubentur  a  Galeno'')  ganz  nach  seinem  grossen  Muster  Galen,  ebenso  die 
Lungen,  deren  Gewebe  durch  den  Komplex  der  Bronchialramifikationen  [arteria, 
trachea]  mit  denen  der  Blut  führenden  Arteria  venalis  und  Vena  arterialis  gebildet 
loird.  Das  folgende  Kapitel  mit  einer  langen  Ueberschrift  enthält  die  Beschreibung 
der  Halsgefässe  {arteriae  et  venae  guidez  =  jugulares  seu  apopleticarum,  quia  ex 
jüenitudine  earum  frequenter  fit  apojylexia,  auch  venae  somni  oder  profunde  genannt). 
Von  eigenen  Beobachtungen,  wie  Haeser  meint,  ist  hier  so  wenig  zu  verspüren,  wie 
in  dem  nächsten  der  Anatomie  der  Mundhöhle  gewidmeten  Abschnitt,  wo  die  alte 
Theorie  von  dem  Ziveck  der  Uvula  als  Receptaculum  für  die  aus  der  Kopfhöhle 
herabfliessenden  Superfluitates  „hora  reumatismi"  aufgefrischt  und  atif getischt  ivird. 
Meri  bedeutet  Oesophagus.  Dürftig  ist  die  Anatomie  des  Schädels,  ivo  die  Weich- 
teile, dann  der  knöcherne  Schädel  mit  den  Nähten  und  den  5  einzelnen  Knochen, 
die  Häute,  das  Gehirn  selbst  mit  seinen  Ventrikeln  eine  flüchtige,  nur  auf  die  groben 
Verhältnisse  bezügliche  Darstellung  erfahren  {hyp)ophysis  cerebri  als  zivei  caruncnlae 
geschildert,  die  nervi  optici,  rete  mirabile  und  os  basilare).  Bei  der  Anatomie  des 
Auges  fehlen  Bemerkungen  über  die  Katarakta  nicht.  Den  Schluss  des  Ganzen 
bilden  einige  Zeilen  über  die  Anatomie  des  Gehörorgans,  die  Besehreibung  der 
Wirbelsäule,  des  Rückenmarks  und  der  aus  demselben  entspringenden  Nerven,  der 
oberen  und  unteren  Extremitäten.  Die  Terminologie  ist  überall  durchaus  eigen- 
artig :  Adjutorium  =  humerus,  subassella  =  axilla,  pars  domestica  =  innere,  Beuge- 
seite, 2Mrs  silvestris  die  entgegengesetzte,  spatula  =  scapula;  furcula  =  claviculo, 
focile  supcrius  =  radius  antibrachii;  focile  inferius  =  Ulna  beziv.  tibia  und  fibula; 
rasceta  =  carpus;   pecten  =   metacarpus:    pixis  =   Gelenkpfanne:   vertebruni  = 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  707 

Caput  femm-is  etc.     Offenbar  sind  latehuftche    Uebersetztingen  aus  dem  Arabischen 
dabei  zu  Grunde  gelegt. 

Mundinus  „Anathoraia"  ist  in  zahlreichen  Abschriften  verviel- 
fältigt und  in  nicht  weniger  als  etwa  25  Auflagen  (s.  oben)  gedruckt 
worden.  Sie  ist,  wie  bereits  bemerkt,  jahrhundertelang  als  Schul- 
buch in  Gebrauch  gewesen.  Au  zahlreichen  Lehranstalten  haben  nach 
und  aus  ihr  ganze  Generationen  studiert,  bis  sie  vom  16.  Jahrhundert 
ab  allmählich  in  den  Hintergrund  gedrängt  wurde.  Selbst  dann  noch 
hat  ein  hervorragender  Lehrer  und  Gelehrter  wie  Berengar  v.  Carpi 
seiner  Weisheit  kein  besseres  Relief  verleihen  zu  können  geglaubt, 
als  indem  er  die  Ergebnisse  seiner  Forschungen  als  Kommentar  zum 
„textus  Mundini"  in  die  Welt  setzte.  Darauf  allein  beruht  die  Be- 
deutung von  Mundinos  Buch.  Daneben  kommt  allerdings  als  Ursache 
seines  grossen  Erfolges  in  Betracht,  dass  der  Autor  den  Mut  besass 
resp.  in  der  günstigen  Lage  war,  die  anatomische  Kunst  von  der  Stufe 
der  rohen  Schweineschneiderei  wieder  zum  Rang  einer  menschlichen 
(im  technischen  Sinne)  zu  erheben.  Was  er  vorgetragen  hat,  war, 
wie  gesagt,  nichts  weiter  als  mit  einigen  chirurgisch-pathologischen 
Bemerkungen  ausgestattete  Galensche  Anatomie. 

Die  wenigen  Autoren,  welche  Haeser  und  andere  Geschichtsschreiber 
als  Nachfolger  von  Mondino  anführen,  der  bereits  (p.  671)  genannte  Lombarde 
Bert(r)uccius  (j-  1347  am  schwarzen  Tod),  ferner  Pietro  di  Argelata 
(de  la  Cerlata),  Professor  in  Bologna  {\  1423),  besitzen  für  die  Anatomie 
keine  grosse  historische  Bedeutung.  Sie  sind  nichts  weiter  als  Nachbeter 
Mondinos  bezw.  Galens  und  haben  nur  das  eine  vor  den  Genannten  voraus, 
dass  sie  dank  dem  allmählich  aufgeklärteren  Zeitgeiste  und  der  geläuterten 
Erkenntnis  von  der  Wichtigkeit  der  Anatomie,  dank  ferner  der  Protektion 
durch  die  massgebenden  Gewalten  in  der  Lage  waren,  Sektionen  mensch- 
licher Leichen  regelmässig  und  systematisch  voi'zunehmen,  ohne  übrigens 
dabei  einen  thatsächlichen  Fortschritt  der  Erkenntnis  anzubahnen.  —  Die 
Anatomie  bleibt  noch  lange  mit  der  Chirurgie  als  deren  Nebenfach  in 
Theorie  und  Praxis  verschmolzen.  Jahrhunderte  vergehen,  bis  die  Ergeb- 
nisse so  reichhaltig  sind,  dass  sie  die  Kraft  eines  Forschers  in  Anspruch 
nehmen.  Dem  grossen  Deutschniederländer  Andreas  Vesalius  war  es  vor- 
behalten ,  definitiv  Galens  Autorität  zu  stürzen  und  der  Anatomie  neue 
Bahnen  zu  eröffnen.  Aber  erst  in  späteren  Jahrhunderten  erlangt  sie  im 
Unterricht  und  im  akademischen  Leben  äusserlich  selbständige  Vertretung 
als  den  übrigen  Disziplinen  gleichberechtigtes  und  vollwertiges  Fach. 


Die  Chirurgie  vom  12.— 15.  Jahrhundert. 

Vgl.  das  grosse  Geschichtswerk  von  E.  Gurlt  Bd.  I  u.  II  {Berlin  1898). 

Ein  günstigerer  Stern  als  der  praktischen  Medizin  leuchtete 
während  des  gesamten  Mittelalters  der  Chirurgie.  Ihren  Vertretern 
gelang  es  früher  als  den  praktischen  Aerzten  sich  vom  Banne  der 
Scholastik  frei  zu  machen.  In  ihrer  Entwicklung  ist  ein  stetiger, 
ebenraässiger  Fortschritt  nicht  zu  verkennen.  Der  Strom  der  litte- 
rarischen Arbeiten  fliesst  reicher  dahin.  Sind  auch  die  Chirurgen  weit 
entfernt  sich  von  den  herrschenden  allgemein-pathologischen  Theorien 
zu  emanzipieren,  so  ist  doch  in  einem  Gebiet,  in  dem  manuelle  Technik 

45* 


708  Julius  Pagel. 

und  freie  Sinnesarbeit  in  erster  Linie  in  Betracht  kommen,  die 
Forschung  unbefangener,  an  die  praktischen  Thatsachen  und  nicht 
an  künstliche  Deuteleien  geknüpft;  die  Empirie  wird  hier  nicht  von 
einer  verkehrten  und  geschraubten  Eatio  völlig  erdrückt.  Gerade  der 
Mangel  an  sogenannter  Gelehrsamkeit,  die  vorurteilslose  Frische,  mit 
welcher  die  Chirurgen  unbeeinflusst  von  scholastischen  Präsumption^n 
an  eine  objektivere  Betrachtung  der  Dinge  heranzutreten  geradezu 
gezwungen  waren,  die  den  meisten  eigene  innere  Neigung  zum  Berufe 
im  Verein  mit  technischer  Gewandtheit  brachten  es  zu  Wege,  dass 
die  Chirurgie  relativ  grössere  Erfolge  als  die  praktische  Medizin 
zeitigte.  Ein  Niedergang  war  allerdings  auch  in  der  Chirurgie  zu 
verzeichnen  gewesen  und  zwar  insofern,  als  infolge  des  Druckes 
der  Kirche  auf  die  wissenschaftliche  Medizin  die  Vertreter  der 
letzteren  die  praktische  Operationskunst  vernachlässigen  mussten.  Die 
Satzungen  der  Kirche  verboten  blutige  Eingriffe,  zu  denen  sich 
nicht  wenige  Aerzte  auch  viel  zu  vornehm  dünkten.  Daher  blieb 
denn  die  Ausübung  der  Chirurgie  meist  niederem  Heilpersonal  über- 
lassen. Es  kam  soweit,  dass  den  eigentlichen  Medikern  die  Chirurgie 
geradezu  als  schimpfliches  Gewerbe  galt;  selbst  der  so  häufig  ange- 
wandte und  in  der  inneren  Behandlung  unentbehrliche  Aderlass  m.achte 
die  Hinzuziehung  eines  Barbiers  erforderlich.  Allmählich  blieb  jedoch 
auch  hierin  eine  wohlthätige  Wandlung  nicht  aus;  wissenschaftlich 
gebildete  Aerzte  begannen  sich  der  Chirurgie  mit  Eifer  anzunehmen, 
und  von  da  ab  datiert  der  sichtliche  Aufschwung  dieser  Disziplin. 
So  knüpft  sich  schliesslich  nicht  minder  in  der  Chirurgie  wie  in  der 
praktischen  Medizin  der  Gang  der  bemerkenswertesten  litterarischen 
Ereignisse  und  Erzeugnisse  an  die  repräsentativen  Schulen  des  Mittel- 
alters, an  die  Vertreter  von  Salerno,  Bologna,  Paris,  Montpellier.  Sie 
bilden  die  Hauptetappen  auch  in  der  Entwicklungsgeschichte  der  wissen- 
schaftlichen Chirurgie.  Von  erheblichem  Einfluss  auf  die  Vervoll- 
kommnung der  wundärztlichen  Kunst  erwiesen  sich  die  Kreuzzüge. 
An  ihnen  nahmen  nachweislich  italienische  Wundärzte  in  beträchtlicher 
Zahl  teil;  diese  hatten  hier  reiche  Gelegenheit,  Erfahrungen  zu  sammeln, 
welche  sie  nach  der  Eückkehr  in  die  Heimat  in  der  Lehrthätigkeit 
wie  in  der  Praxis  verwerteten.  Von  Roger,  dem  ersten  und  wichtigsten 
chirurgischen  Repräsentanten  der  salernitanischen  Schule  bis  zu  Guy 
de  Chauliac,  also  in  einem  Zeitraum  von  noch  nicht  ganz  zwei  Jahr- 
hunderten, vollzieht  sich  ein  völliger  Bruch  mit  der  blutscheuen 
Tradition  der  Araber.  In  keinem  europäischen  Lande  fehlt  es  an 
Zeichen  ebenso  reger  wie  erfolgreicher  wissenschaftlich-praktischer 
Thätigkeit  in  der  Chirurgie.  Dieselbe  erreicht  in  demselben  Jahr- 
hundert, in  welchem  Vesal  die  Reformation  der  Anatomie  anbahnt, 
mit  dem  Auftreten  des  barbier  Chirurgien  Ambroise  Pare  einen  gewissen 
Abschluss.  Sein  Auftreten  begründet  die  bis  ins  19.  Jahrhundert  hinein 
andauernde  Superiorität  der  französischen  Chirurgie. 


Wundärzte  der  Salernitanischen  Schule. 

Henschel  im  Janus  II  184.7  p.  132 ;  Coli.  Salem,  ed.  de  JRenzi  I  p.  246, 
Ö21;  III  p.  332;  IV  39,  176,  612;  Hist.  liier,  de  la  France  XVII  p.  389;  XXI 
p.  513-  544;  Steinschneider,  Hehr.  Uehers.  d.  Mittelalters  §514  p.  825;  Chirlt, 
Gesch.  d.  Chir.  I  p.  695  ff. 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  709 

Wie  die  innere  Medizin,  so  fand  auch  die  Chirurgie  sclion  relativ 
frühzeitig  in  Salei'no  eine  Pflegestätte.  Es  bleibt  ein  ewiger  Ruhmes- 
titel dieser  Schule,  dass  alle  Zweige  der  Heilkunde  an  ihr  gleich- 
massige  Berücksichtigung  erfuhren.  —  Einfluss  auf  die  Ausbildung 
tüchtiger  Wundärzte  in  Salerno  gewannen  vor  allem  die  Kreuzzüge. 
Die  Heerführer  der  letzteren  haben  für  ihre  Soldaten  die  erforderliche 
wundärztliche  Hilfe  nachweislich  von  dort  entlehnt,  und  bei  den 
innigen  Verkehrsbeziehungen  der  Kreuzfahrer,  wie  der  orientalischen 
Länder  überhaupt  mit  den  italienischen  Küstenstädten  konnte  es  sicher 
nicht  fehlen,  dass  die  in  den  Feldzügen  gesammelten  Erfahrungen 
auch  Salerno  bezw.  den  medizinischen  Schulen  Italiens  zu  gute  kamen. 
Erfreulich  ist  die  Wahrnehmung  einer  gewissen  Selbständigkeit,  welche 
die  Vertreter  der  Chirurgie  selbst  in  einer  älteren  Periode  Salernos 
an  den  Tag  legten.  So  ist  der  älteste  litterarisch  bekannte  salerni- 
tanische  Chirurg,  der  berühmte  Roger  (oder  Ruggiero.  zuweilen 
„filius  Frugardi"  geheissen),  keineswegs  ein  Nachbeter  des  Abulkasim,. 
wie  ihm  von  manchen  Seiten  vorgeworfen  wird,  sondern  ein  durchaus 
selbständiger  Bearbeiter  der  Chirurgie  nach  eigener  reicher  Erfahrung 
und  allenfalls  in  Anlehnung  an  die  griechisch-lateinische  Tradition. 

Von  der  Lebensgeschichte  Rogers  ist  nicht  viel  bekannt.  Es  ist 
zweifelhaft,  ob  Parma,  wie  angegeben  wird,  oder  direkt  Salerno  sein  Ge- 
burtsort war.  Jedenfalls  hat  er  hier  während  des  grösseren  Teils  seines 
ins  12.  Jahrhundert  fallenden  Lebens  zugebracht  und  mit  Erfolg  schrift- 
stellerisch wie  praktisch  gewirkt.  (Vielleicht  beruht  die  Angabe  bezüglich 
Parmas  auf  einer  Verwechselung  mit  Rogers  bekanntestem  Editor  und 
Kommentator  Rolando,  der  thatsächlich  aus  Parma  stammte.)  Rogers  um 
1180  mit  mehreren  Mitarbeitern  zusammen  verfasste  Chirurgie  existiert  in 
der  ursprünglichen  Gestalt  nur  noch  in  einer  von  Puccinotti  in  der  Maglia- 
becchischen  Bibliothek  zu  Florenz  entdeckten  Kopie,  die  jedoch  noch  nicht 
gedruckt  ist.  Geläufiger  und  mehrfach  publiziert  (zuerst  in  der  Coli.  chir. 
Venet.  ed.  1546  und  später  in  der  Coli.  Sal.  II  p.  426  —  496)  ist  sie  in 
der  Redaktion,  welche  ihr  1264  von  dem  später  noch  zu  erwähnenden 
Rolando  Capelutti  gegeben  wurde.  Sie  führt  daher  auch  den  Titel 
Rolandina.  Uebrigens  weicht  die  neue  Redaktion  von  dem  eigentlichen 
Original  nur  unwesentlich  ab;  sie  enthält  nur  einige  Zusätze  (Additiones) 
aus  Hippokrates,  Galen  und  Avicenna.  —  Von  einer  anderen  Gestalt  der 
Rolandina,  die  eigentlich  dem  Roland  zugeschrieben  worden  ist,  wird  später 
die  Rede  sein. 

Vgl.  Coli.  Sal.  II  j).  724:  „^9^  quid  cm  Rolanchm  Pnrmcnsis  in 
opere  presenti  juxta  mewm  pofise  in  o m n i h ns  Hcns um  et  Ute r a m 
Rogerii  sum  secutus,  quod  videlicet  opus  in  lucem  et  ordinem  redacium  fnit 
ab  Arcetino  Guidone,  logice  professionis  ministro,  rogatu  cUtrissimorum  socionim 
et  egregii  doctoris  siii  concessu  ac  desiderio  ab  incarnatione  Domini  M'^  C^.  —  In 
nliis  sie:  A.  D.  M.  CC.  XXX.  etc.  Wozu  die  später  zu  enrnhnenden  Glossulae 
der  Quattuor  magistri  den  Zusatz  machen:  Relatu  quidem  quorundam  sociorum 
anno  Domini  JP  C*  XXX^  factum  fiiit  sive  compositum  istnd  opus  et  von  a 
magistro  Rogerio  solum,  sed  a  tribus  aliis  cum  eo:  sed  ipse  sno  nomine  intitnlavit. 
{Vgl.  Coli.  Sal.  II p.  505.) 

Rogers  Werk  zeigt  in  der  Knappheit  und  Klarheit  der  Fassung, 
in  der  Betonung  des  praktischen  Standpunktes,  in  dem  Mangel  alles 
gelehrten  Citatenmaterials  ganz  die  charakteristischen  Eigentümlich- 
keiten der  salernitanischen  Litteratur.  Der  ..Prologus"  zu  dem  in 
4  Bücher  eingeteilten  Werk  beginnt  mit  den  bekannten  Worten: 


710  Julius  Pagel. 

„Post  munäi  fahricam  ejmque  decorem  Deus  Jiominem  de  terrestri  snhstanüd 
formae  vitaeque  spirnculum  in  eo,  velut  de  coelesti,  voluit  inspirm-e>''  etc. 

Buch  I  behandelt  in  44  Kapiteln  die  chirurgischen  AfFektionen  des 
Kopfes:  Wunden,  Frakturen  am  Schädel,  Hautausschläge,  Flechten  (tinea, 
Grind)  der  behaarten  Kopfhaut,  die  wegen  Manie,  Phrenesis,  Epilepsie  er- 
forderlichen Kauterien,  Verletzungen  des  Gesichts,  verschiedene  Augen- 
krankheiten, Nasenpolyp,  krebsartige  Verschwärungen  in  der  Nasengegend, 
Krankheiten  der  Lippen,  Luxation  und  Fraktur  der  Kieferknochen,  einige 
AfFektionen  des  Gehörorgans,  darunter  auch  die  in  keinem  chirurgischen 
Lehrbuch  fehlenden  Würmer  im  Gehörgang.  Buch  II  beginnt  mit  der 
charakteristischen  Einleitung,  die  zugleich  die  auf  Kürze  gerichtete  Tendenz 
des  Buches  beleuchtet : 

Nemo  2)rolixitatls  vel  sermonis  rudis  crimen  mihi  opponat,  cum  mxüta,  paucis 
implicite,  ohscuritatem  potiiis  et  confusionem  quam  compendü  eommoditatem  purere 
fioleant:  et  ego  7ion  solum  provectis  sed  aliis  proficere  disposui.  Quoeirca  qtiecunqne 
ab  egregio  doctore  communiter  et  privatim  recepi  et  de  ejus  scriptis  habere  volui 
ordine  certo  inscriptis  redigere  et  ut  pulchrius  elucescat  in  commune  dediicere 
decrevi. 

Es  behandelt  in  16  Kapiteln  die  chirurgischen  Erkrankungen,  Hieb- 
und Stichwunden ,  Abscesse ,  Anthrax  und  Karbunkel  in  der  Hals-  und 
Nackengegend,  die  skrophulösen  Drüsengeschwülste,  Kropf  (botium),  Hals- 
fisteln ,  die  anginösen  Zustände  (squinantia  =  synanche  der  Griechen), 
Bräune ,  Incision  des  Zapfens ,  Mandelkrankheiten ,  Halswirbelluxation. 
Manches  empirische  Mittel  wird  empfohlen,  ebenso  fehlen  die  üblichen  Be- 
sprechungen (incantationes  et  conjurationes)  nicht.  Von  der  Tracheotomia 
ist  auch  nicht  eine  Andeutung  zu  finden.  —  Buch  III  beginnt  mit  den 
Worten : 

Quod  tanti  operis  utilitate  tractare  tentavi  et  ordine  certo  doctoris  nostri 
scientiam  in  artem  redigere  disideravi  plus  fuit  devötio  praesentibus  et  futuris  pro- 
ficiendi  quam  de  viribus  aut  temporis  commoditate.  Quocirca  providus  lector 
negotiis  imminentibus  et  brevitati  temporis  parcat  et  colligat  potius  que  in  hoc 
libro  rationahiliter  scripta  sunt  quam  invidia  livores  sequatur. 

In  52  übrigens  nur  ganz  kurzen  Kapiteln  schildert  es  die  chirurgischen 
Erkrankungen  des  Rumpfs  und  der  oberen  Extremitäten,  Verletzungen  der 
Scapula  (homoplata),  des  Schlüsselbeins  (catena  gule),  Frakturen  und 
Luxationen  an  Schulter,  Arm,  Thorax,  penetrierende  Bi-ust-  und  Darmver- 
letzungen, Brustdrüsenkrebs,  Penis-  und  Hodenverletzungen,  Ruptur  des 
Bauchfells,  Hernien,  Lithiasis,  Steinextrnktion,  Verletzungen  des  Dickdarms, 
der  Nieren,  Hämorrhoiden,  ableitende  Kauterien  gegen  Gicht,  Anlegen  eines 
Haarseils  etc.  Dieser  Teil  ist  der  dürftigste  des  ganzen  Werks.  Die 
Therapie  ist  fast  lediglich  eine  pharmaceutische.  —  Das  IV.  und  letzte  Buch 
behandelt  in  17  Kapiteln  Verletzungen  und  andere  chirurgische  Affektionen 
der  unteren  Extremität,  des  Hüftgelenks  (scia),  Schenkelekzem,  Verbrennungen, 
schliesslich  Lepra  und  Wundkrampf.     Die  Einleitung  lautet: 

Quia  operi  finem  imponere  in  parte  Deo  dante  disposui  sed  quod  non  sublimi 
stylo  non  colorato  sermone  non  ordine  perfecto  cuncta  sum  prosecutus  diligens  lector 
mihi  veniam  prestet:  et  quo  sermone  quo  ordine  in  artem  redactam  receperim  et  in 
quid  eam  mutaverim  quibusve  loquuturus  sim  diligenter  attendat,  et  in  hoc  velut  in 
stabili  firmoque  principio  supra  edificare  laboret,  ut  terrenam  sibi  laudem  et  gloriam 
consequi  mereatur. 

Die  in  diesen  AVorten  ausgedrückte  Selbsterkenntnis  verdient  volles 
Lob.     In    der  That    ist    dem  Inhalt  nach    kaum   etwas  Anspruchsloseres  zu 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  711 

denken,  als  diese  ßogersche  Chirurgie,  da  Aetiologie,  Diagnose,  also  die 
eigentlich  wissenschaftliche  Behandlung  des  Gegenstandes  in  den  Hinter- 
grund gedrängt  ist;  das  Werk  ist  eher  ein  Kompendium  der  Terapie  als 
eines  der  Pathologie.  Am  meisten  entspricht  die  Diagnose  und  Behandlung 
der  Schädelverletzungen  der  Bedeutung  der  Affektionen  (vgl.  die  am  Schluss 
dieses  Kapitels  folgende  Zusammenstellung  der  Ergebnisse  der  salernitanischen 
Chirurgie).   — 

Es  verdient  noch  Erwähnung,  dass  ausser  einer  kleinen  Schrift  über 
den  xA.derlass  („de  modis  mittendi  sanguinem  et  de  cujusque  utilitate") 
unter  der  Autorschaft  des  Roger  noch  ein  Kompendium  der  prakt.  Medizin 
geht,  betitelt:  „Summa  ßogerii"  oder  „Practica  parva".  Doch 
wird  dieselbe  von  einzelnen  Historikern  einem  Namensvetter  Roger  de 
Barone  (Varone)  zugeschrieben. 

Ursprünglich  aus  drei  einzelnen  Teilen:  Roga'ina  major,  media  et  minor  be- 
stehend, ist  diese  Practica  medicine  später  zu  einem  Ganzen  verbunden  (n.  «.  a.  auch 
in  den  bekannten  chirurgischen  Sammelausgaben  Venediger  Herkunft  gedruckt 
irorden  z.  B.  ed.  1519  fol.  211-233).  Es  handelt  sich  um  eine  Lokalpathologie 
a  capite  ad  calcem.  Die  kurze  Einleitung  lautet:  Sicut  ab  antiquis  habemus  aucto- 
ribus  et  eorundem  edocet  ratio  commmiis:  generalium  noticia  particularium  cogni- 
tionem  non  excludit:  sed  generalium  certam  et  verum  notitiam  vel  inquisitionem 
particularium  utpotc  sub  ij)sis  contentorum  de  facili  fit  cognitio.  Cum  ergo  ab 
antiquis  philosophis  in  viatico,  Alexandro,  i)assionario  multa  minus  perfecte  pro- 
2>osita,  tarn  in  generalibus  quam  in  particularibus  reperiatur.  Duximus  dignum 
ea.  que  circa  ista  tria  Volumina  sunt  facienda  sub  brevi  doctrina  constringere. 
Nach  dieser  Einleitung  korrigieren  sich  übrigens  Haesers,  offenbar  auf  Ver- 
ircchselung  beruhende  Angaben  in  dessen  Geschichtsuerk  I  p.  755.  Ausdrücklich 
nennt  Roger  hier  seine  Gewährsmänner  für  die  innere  Medizin,  Alexander  {v.  Tralles), 
Gariopontus  (Passionarius)  und  Constantinus  v.  Africa  (Viaticum).  Traktat  I 
(74  Kapitel)  beginnt  mit  der  Darstellung  des  Kopfschmerzes  und  der  übrigen  Krank- 
heiten des  Kopfes,  Augen-,  Ohren-,  Zaknleiden;  es  folgen  Bräune,  Affektionen  der 
Bespirationsorfjune  u.  s.  u\  die  ganze  Serie  herunter  bis  zu  den  weiblichen  Geschlechts- 
krankheiten mit  geburtshilflichen  Bemerkungen  und  einem  Anhang  über  Mamma-, 
Schienbeinleiden  und  Gicht.  Die  TJiatsache,  dass  in  dem  Lehrbuch  der  inneren 
Medizin  nochmals  Affektionen  besprochen  werden,  welche  bereits  im  chirurgischen 
Kompendium  abgehandelt  sind,  beweist  nichts  gegen  die  Identität  des  Autors  für 
beide  Teile,  sowohl  den  chirurgischen,  wie  den  innerlich  medizinischen.  —  In  dem 
kürzeren  2.  Traktat  mit  19  Kapiteln  bespricht  der  Autor  Abscesse,  das  „noli  me 
tangere"  {bösartige  Tumoren),  Anthrax,  Erysipelas,  Cancer,  Herpes  estiomenos, 
Fisteln,  malum  mortmim  [chron.  Ekzeme  bezw.  Gangrän),  Herpes,  Impetigo,  Mor- 
])hea,  Lepra,  vergiftete  Wunden  tmd  Hydrophobie.  Der  3.  Traktat  mit  28  Kapiteln 
handelt  im  wesentlichen  von  den  Fiebern;  der  4.  in  20  Kapiteln  ist  lediglich  phar- 
makologischen Inhalts. 

Die  Bedeutung,  welche  Eogers  Chirurgie  bei  den  Vertretern  der 
salernitanischen  Schule  gewann,  vielleicht  auch  ihre  Kürze,  führten 
dazu,  dass  man  das  genannte  Werk  als  Grundlage  zu  einer  Eeihe  von 
Kommentaren  benutzte.  Offenbar  machte  sich  ein  gewisses  Bedürfnis 
nach  ausführlicherer  Interpretation  und  Erweiterung  des  Rogerschen 
Kompendiums  geltend.  So  entstanden  denn  die  ebenso  berühmten,  als 
bis  heute  noch  rücksichtlich  ihres  Ursprunges  rätselhaften  Kömmentare 
der  sogen.  Quattuor  magist ri  (Viermeister),  ein  anonym  bezw. 
Pseudonym  geschriebenes  Produkt,  das  möglicherweise  nur  von  einem 
einzigen  Chirurgen  der  salernitanischen  Schule  herrührt.  Vielleicht  hat 
der  wirkliche  Verfasser  absichtlich  sein  Werk  4  Autoren  untergeschoben, 
um  ihm  einen  grösseren  Wert  in  den  Augen  der  Zeitgenossen  bei- 
zulegen. Nicht  unmöglich  ist  jedoch  die  Annahme,  dass  thatsächlich 
vier  berufene  magistri  chii'urgie  und  tüchtige  Praktiker  sich  zur  Ab- 
fassung des  Kommentars  vereinigt  haben,  womit  in  gewisser  Beziehung 


712  Julius  Pag-el. 

die  Ansicht  von  Ernst  Meyer  betreffs  des  ursprünglich  gildenartigen 
Charakters  der  Schule  eine  Stütze  finden  würde. 

E.  Littre  (Hist.  litei'.  de  la  France  XXII  p.  105  ff.)  hat  in  einer 
Pariser  Handschrift  (asserviert  sub  8161^,  Katalog  Tl.  IV  p.  434)  ein 
anonymes  Poema  medicum  entdeckt  (vgl.  Coli.  Sal.  IV  p.  1  — 176),  das 
aus  3  Teilen  in  7  Büchern  besteht  und  eine  Gynäkologie  (de  secretis 
mulierum),  eine  Chirurgie  (Buch  3 — 6)  und  eine  innere  Medizin  (de  modo 
medendi)  umfasst.  Der  chirvirgische  Teil  lehnt  sich  direkt  an  die  Rolandina 
an  und  benutzt  zugleich  den  Kommentar  der  Quattuor  magistri,  die  hier 
ausdrücklich  genannt  werden,  nämlich  :  Archimatthaeus,  Petroncellus,  Platearius 
und  Ferrarius,  offenbar  dieselben  Autoren,  welche  bereits  als  ärztliche  Ver- 
treter der  Salernitaner  erwähnt  sind. 

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  Roger  Schule  gemacht  hat. 
Guy  de  Chauliac,  der  berühmte  französische  Chirurg  des  14.  Jahr- 
hunderts, citiert  36  mal  als  „imitator"  bezw.  „sectator"  Eogerii  einen 
bisher  noch  rätselhaften  Autor  Jamerius. 

Der  Umstand,  dass  Guy  de  Chauliac  diesen  Jamerius  iiherhaupt  öfterer  Er- 
wähnung würdigt^  beweist  trotz  der  tadelnden  Nebenbemerkung  dessen  autoritative 
Bedeutung,  der  ich  historisch  gerecht  Z7i  werden  suchte  (vgl.  Diss.  von  A.  Saland, 
Berlin  1893,  mit  einer  Rekonstruktion  von  den  Leistungen  des  Jamerius  auf  Grund 
der  Citate  bei  Guy  de  Chauliac). 

Von  Steinschneider  gelegentlich  aufmerksam  gemacht,  habe  ich  feststellen 
können,  dass  das  in  einem  Erfurter  Codex  vorhandene  Fragment  eines  {erst  bei 
dem  später  zu  ertvähnenden  niederländischen  Chirurgen  Yperman)  vorkommenden 
Meisters  Wilhelm  von  Congeinna  [Congenis,  Conchinis)  sich  stellenweise  loört- 
lich  mit  Rogers  Chirurgie  deckt,  so  dass  auch  dieser  Guilelmus  als  Schüler  Rogers 
anzusehen  sein  dürfte.  (Vgl.  Fagel,  Chir.  d.  Wilh.  v.  Congeinna,^  Berlin  1891.) 
Vielleicht  ist  diese  Thatsache  zur  Aufklärung  der  Ziveifel  u)ichtig,  die  bezüglich  des 
in  dem  oben  erwähnten  imema  medicum  {Proloyus  zu  lib.  V,  Coli.  Sal.  I V  p.  95  u. 
p.  177)  genannten  Willemms  existieren,  dessen  dogmata  und  secreta  noch  vieleti 
Schwierigkeiten  begegnen.  Es  ist  sehr  wahrscheinlich,  dass  dieser  Willermus  identisch 
ist  mit  dem  in  der  Chirurgie  des  Pseudo-Mesuii  citierten  mag.  V.  oder  W.  {vgl.  Pagel, 
Die  angebl.  Chir.  d.  Joh.  Mesue,  Berlin  1893  u.  die  Fortsetzungen  in  den  Dissertt. 
con  Sternberg,  Schnelle  u.  Brockelmann,  Berlin  1893-95). 

Während  die  eigentliche  Chirurgie  Rogers  verhältnismässig  dürftig 
ist,  stehen  die  Glossulae  nach  Form  und  Inhalt  auf  höherer  Stufe  und 
haben  durch  die  Berücksichtigung  von  Aetiologie,  Semiologie  etc.  einen 
strengeren  wissenschaftlichen  Charakter,  so  dass  dieses  Produkt  als  die 
chirurgische  Glanzleistung  der  salernitanischen  Schule,  als  der  eigent- 
liche Ausdruck  ihrer  Chirurgie  angesehen  werden  muss.  Sie  zeugen 
von  ausserordentlich  gründlicher,  sorgfältiger,  mit  grosser  Liebe  er- 
folgter Durcharbeitung,  bieten  in  litterarischer  und  praktischer  Be- 
ziehung ein  sehr  reichhaltiges  Ergebnis  und  sind  thatsächlich  ein 
Meisterwerk.  Die  Anordnung  ist  klar  und  übersichtlich;  man  kann 
mit  einem  modernen  Begritf  von  einer  verbesserten  und  erweiterten 
bezw.  völlig  umgearbeiteten  Neuauflage  von  Rogers  Chirurgie  reden. 

Im  ersten  Buch  dieses  Viermeister  -  Kommentars  sind  ausschliesslich 
die  "Wunden  aller  Körperregionen  behandelt;  es  stellt  (in  10  Teilen  und 
30  Kapiteln)  eine  spezielle  "Wundlehre  dar.  In  Buch  2  (5  Teile  und  24 
Kapitel)  folgen  Abscesslehre ,  Exantheme,  Krebs  und  Fisteln  einzelner 
Organe.  Buch  3  bringt  die  chronischen  Affektionen  vom  chirurgischen 
Standpunkte,  Manie,  Melancholie,  Epilepsie,  Augen-,  Ohren-,  Zahnaffektionen, 
Hernien,  Blasenstein,  Hämorrhoidalkrankheiten,  Kauterien,  Lepra,  Spasmus. 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  713 

Endlich  ist  Buch  5  (2  Teile  und   17  Kapitel)  ausschliesslich  im  Zusammen- 
hange den  Knochenfrakturen  und  Luxationen  gewidmet. 

Die  reichhaltige  Erweiterung  dieses  Kommentars,  der  sich  übrigens 
grösstenteils  mehr  an  die  Fassung  der  Rolandina  anlehnt,  rechtfertigt 
vielleicht  die  Annahme,  dass  er  einer  späteren  Epoche  der  salerni- 
tanischen  Schule  angehört  und  bereits  rückläufige  Einflüsse  von  Bologna 
her  nicht  ohne  eine  Beimischung  scholastischen  Salzes  sich  geltend 
machen;  wenigstens  spielt  hierbei  die  eigentliche  Scholien-  und  Kom- 
mentargelehrsamkeit bereits  eine  grössere  Eolle. 

Der  Bedeutung  und  chronologischen  Zeitfolge  nach  kommt  Roger 
am  nächsten  Mag.  Rolandus  von  Parma,  der  eigentliche  Editor 
und  erste  Kommentator  Rogerscher  Lehre. 

Wie  bereits  bemerkt  (vgl,  p.  709)  stammte  Roland  aus  Parma  und 
wirkte  teils  an  diesem  Orte,  teils  in  Bologna. 

Die  nrsjmbi gliche,  zucmt  durch  den  Druck  bekannt  gewordene  Fassung  der 
Rolandina,  diejenige,  an  welche  sich  auch  der  Kommentar  der  Viermeister  angelehnt 
hat,  findet  sich  in  der  Coli.  Venet.  ed.  1498  u.  danach  ebda.  1519  (fol.  147 — löO). 
Danach  besteht  sie  aus  4  Büchern.  Der  Wortlaut  der  Einleitung  verrät  dem  Kenner 
bereits  deutliche  Anklänge  an  das  scholastische  Schema  mid  lässt  damit  den  Einfluss 
der  Bologneser  Schule  unrerkennbar  hervortreten.  —  Uebrigens  ist  über  das  Ver- 
hältnis der  verschiedenen  Redaktionen  zu  einander,  über  die  Authentizität  und  ver- 
schiedene andere  Fragen  trotz  der  gediegenen  Arbeiten  von  de  Renzi,  Daremberg  etc. 
ivgl.  Coli.  Sal.  III  p.   'Möff')  völlige  Klarheit  noch  nicht  erzielt. 

Interessant  ist  die  auch  von  Henschel  in  grosser  Breite  mitgeteilte 
Krankengeschichte  im  23.  Kapitel  des  3.  Buches  von  Heilung  einer 
penetrierenden  Brustwunde  mit  Vorfall  von  Lungensubstanz.  Während  diese 
Verletzung  von  allen  Bologneser  Chirurgen  (u.  a.  auch  von  dem  noch  zu 
erwähnenden  Theoderich)  für  absolut  tötlich  angesehen  wurde,  schnitt  Roland 
das  prolabierte  Stück  munter  fort,  verband  die  Wunde  in  seiner  Weise 
(mit  „emplastrum  rubeum")  und  erzielte  vollständige  Heilung  (vgl.  Coli, 
chir.  Venet.  ed.  1519  fol.  117^,  nach  der  Erzählung  des  Theoderich,  und 
p.  157;   Coli.  Sal.  II  p.  567). 


Die  Ergebnisse  der  Salernitanischen  Chirurgie. 

lieber  die  Gesamtleistungen  und  den  Stand  der  Chirurgie  an  der 
Salernitanischen  Schule  lässt  sich  ein  Ueberblick  nur  durch  zusammen- 
fassende Betrachtung  der  Werke  von  Roger  und  den  Kommentatoren 
Roland  und  den  Viermeistern  gewinnen,  die  unmittelbar  zusammen- 
gehören. Diagnose  und  Behandlung  der  Schädelverletzungen  zeigen 
einen  Fortschritt,  indem  hier  auch  der  Frakturen  durch  Contrecoup 
Erwähnung  geschieht  und  ein  Fall  durch  eine  Sektion  bestätigt  wird. 
Die  Verbandsart  bei  komplizierten  Schädelbrüchen  ist  eine  sehr  sorg- 
fältige. Als  Verbandstücke  werden  3  bis  4  fach  zusammengelegte 
Kompressen  aus  Leinewand,  auch  aus  Seide,  ferner  gezupfte  Charpie 
(carpia),  die  bekannten  plumaceoli  (mit  Federn  gefüllte  Kissen)  und 
„stupata"  (W^icken  von  Werg)  benutzt.  Die  Trepanation  wird  nur 
oberflächlich  erwähnt;  sie  wird  vorgenommen,  um  dem  Eiter  einen 
Abfluss  zu  gewähren,  aber  nicht  weiter  beschrieben.  Das  Haupt- 
augenmerk des  Wundarztes  in  der  Behandlung  von  Schädelverletzungen 
soll  auf  leichte  Beseitigung  des  Eiters  gerichtet  sein.    Bei  Depression 


714  Julius  Pagel. 

eines  Knochenstücks   sollen  Löcher   gebohrt  und   vorsichtig  das   be- 
treffende   Fragment    mittels    „spatumen"    abgehebelt   werden,  jedoch 
SO;  dass  die   darunter  liegenden  Hirnhäute  geschont  und  namentlich 
vor  Infektion  geschützt  werden.   Komplikation  von  Schädelverletzungen 
mit  Fieber  giebt  eine  ungünstige  Prognose.    Zur  Untersuchung  ist  der 
Finger   den   Sonden    oder   federkielartigen  Instrumenten  vorzuziehen. 
Event,  sollen  zur  Freilegung  der  Bruchstelle  ein  Kreuzschnitt  gemacht 
und  die  Weichteile  vom  Knochen  mit  einer  Rugine  (Schabeisen)  ent- 
fernt werden.    Behufs  Blutstillung  wird  event.  die  Unterbindung  der 
Gefässe  empfohlen.    Das  bekannte  diagnostische  Symptom,  wonach  bei 
kräftigem  Exspiration sd ruck  mit  geschlossenem  Mund   und  Nase  Luft 
durch  eine  vorhandene  Schädelfissur  dringen  soll,  findet  sich  schon  bei 
den  Salernitanern.     Event,    kann   ein  Schädelspalt  (ganz  wie  schon 
Hippokrates  an  giebt)   durch  Aufgiessen  von  „encaustum"  (Tinte)  er- 
kannt werden.    Einfache  Weichteilwunden  können  (durch  Knopfnaht) 
vereinigt  werden,  ebenso  Gesichtswunden.  —  Bewegliche  Balggeschwülste 
sind    zu    exstirpieren,    unbewegliche    mit    Hilfe    eines   Kreuzschnitts. 
Gestaltet  sich  die  Exstirpation  von  Nasenpolypen  schwierig,  so  soll 
selbst  die  Nase  gespalten  werden.  —   Bei  Caries   oder  fistulösen  Ge- 
schwüren  am   Unterkiefer  wird   andeutungsweise  die  Resektion   der 
kranken  Partie  empfohlen.  —  Zur  Blutstillung  bei  grossen  Halsver- 
letzungen wird  von  den  Viermeistern  die  doppelte  Gefässligatur  durch 
Umstechung  empfohlen.    Gegen  Kropf  wird  das  Haarseil  angewandt, 
event.  auch,  falls  die  Geschwülste  nicht  zu  gross  sind,  die  Exstirpation 
angeraten;   Mandelentzündungen   bezw.   Tonsillarabscesse   werden  als 
.,branchi"  beschrieben.   Unter  den  Begrifi"  „squinantia"  werden  offenbar 
alle  möglichen  Pharynxaffektionen  subsumiert.    Rachenabscesse  können^ 
auch  mit  dem  Finger  eröffnet  werden.     Bemerkenswert  ist  die  Be- 
schreibung der  umschlungenen  Naht  bei  einer  Armwunde  (bei  Roger 
und  Roland).  —  Zur  Reposition  von  Humerusluxationen  kommen  ähn- 
liche Massnahmen  wie  die  bei  Hippokrates  angegebenen  in  Betracht. 
Bei  Brüchen  werden  erhärtende  bezw.  Klebeverbände   in   primitiver 
Form  mittels  „plagellae",  die  mit  Eiweiss  und  Mehl  überstrichen  sind, 
bei  komplizierten  Frakturen  gefensterte  Verbände  empfohlen.  —  Ist 
die  Fraktur  mit  Dislokation   geheilt,  so  soll   der  Callus   noch  einmal 
gebrochen  werden.    Die  Darmnaht  erfolgt  über  einem  Hollunderröhrchen, 
das    vorher   in    die  Darmenden   eingebracht  ist.    Bei  penetrierenden 
Bauchwunden    mit    vorgefallener    und    erkalteter   Darmschlinge    soll 
diese  zunächst  durch  die  animalische  Wärme  wieder  normale  Tempe- 
ratur erhalten,   zu    welchem   Zwecke  an    die  Darmpartie  ein   frisch 
geschlachtetes  Tier  (Katzen,  Tauben)   appliziert  wird,   dann  kann  die 
Darmschlinge   event.    nach    Erweiterung    der   Bauchwunde   reponiert 
werden.     Carcinome   sollen  nicht  operiert  werden.     Ist  die  Operation 
unvermeidlich,   so  muss  die  Exstirpation  so  gründlich  als  möglich  bis 
weit   in   das   gesunde  Gewebe  hinein  erfolgen  mit  nachheriger  Aus- 
brennung.     Doch    tritt    bei    Gebärmutter-    und    Mastdarmkrebs    der 
Tod  nach  Operation  schneller  ein.  —  Was  über  die  Radikaloperation 
von  grossen,  durch  Bandage  nicht  zurückzuhaltenden  Hernien  gesagt 
wird,  ist  schwer  verständlich.    Hydrocele  und  Sarcocele  werden  eben- 
falls zu  den  Hernien  gerechnet.    Die  Abschnitte  vom  Blasenstein  und 
Steinschnitt  bieten  weder  etwas  Bemerkenswertes   noch  Aenderungen 
gegenüber  dem  Standpunkte  der  früheren  Autoren.   Die  Lehrmeinungen 
über  die  Verletzungen  und  sonstigen  Affektionen  der  unteren  Extre- 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  715 

mitäten  sind  teils  oberflächlich  wiedergegeben  teils  ohne  erhebliche 
Abweichung  von  der  traditionellen  Anschauung.  — 

Meister  Roland  bildet  den  Uebergang  zu  der  fast  gleichzeitigen 
Gruppe  von  Chirurgen,  die  als  Vertreter  der 

Schule  von  Bologna 

historisch  bemerkenswert  sind.  Als  ihr  Begründer  gilt  herkömmlicher- 
weise  Hugo  von  Lucca,  ein  Chirurg,  über  dessen  Lebensgeschichte 
wir  merkwürdigerweise  verhältnismässig  gut  unterrichtet  sind,  obwohl 
er  selbst  nichts  Schriftliches  hinterlassen  hat,  und  seine  Ansichten 
und  Lehren  nur  in  dem  später  noch  zu  erwähnenden  Werk  seines 
Sohnes  Theoderich  erhalten  sind.  Dieser  bildet  allerdings  die  Haupt- 
quelle zur  Würdigung  seiner  Bedeutung  als  Praktiker,  Hier  wird  er. 
ausser  in  der  Einleitung,  nicht  weniger  als  rund  50  mal  genannt,  öfter 
unter  der  Bezeichnung  als  „(predictus)  vir  mirabilis"  und  namentlich 
wegen  seiner  einfachen  und  rationellen  Wundbehandlung  an  mehreren 
Stellen  gerühmt. 

,,PredictuH  tainen  vir  mlrahiliü  magister  Hugo  omnia  fere  vitinern  cum  solo 
viiio  et  stupa  et  ligatnra  decenti  et  artificiosa  quam  optime  facere  noverat  sanabaf. 
vonHolidahat  et  pulcherrimas  cicatrices  sine  nnguento  aliquo  inducebaf.-^  [L.  I  cap.  1:J. 
Ausg.  d.  Chir.  Coli.  Venet.  1519  fol.  110.) 

Ueberhaupt  weiss  Theoderich  wahrhafte  Wunderkureu  von  ihm 
zu  berichten.  So  ist  das  Kap.  3  von  lib.  II,  Schädelfrakturen  betreffend, 
ganz  nach  Hugo  gegeben.  Auf  Einzelnes  wird  noch  bei  Theoderich 
zurückzukommen  sein. 

Vql.  Eugen  Perrenon,  Die  Chir.  d.  Hugo  v.  Lucca  nach  den  Mittheilungen  bei 
TJieoderich,  IHss.,  Berlin  1899. 

Hugo  von  Lucca,  wie  er  von  seinem  Geburtsort  heisst,  wurde  hier 
etwa  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  geboren  und  war  ein  Spross  der 
berühmten  Familie  Borgogone.  1211  erhielt  er  einen  Ruf  als  praktischer 
Stadtchirurg  nach  Bologna,  wofür  ihm  eine  einmalige  grössere  Abfindungs- 
summe unter  der  Bedingung  bewilligt  wurde,  dass  er  alljährlich  6  Monate 
in  Bologna  thätig  sein  und  in  Kriegszeiten  die  erforderliche  wundärztliche 
Hilfe  unentgeltlich  leisten  müsse.  1218  machte  er  im  Bologneser  Heere 
einen  Kreuzzug  mit,  wohnte  1220  der  Belagerung  von  Damiette  bei  und 
kehrte  1221  nach  Italien  zurück.  Er  wirkte  noch  1252  in  Bologna  und 
starb  etwa  hundertjährig  vor  1258.  Sein  hohes  Alter  vererbte  sich  auch 
auf  seinen  Sohn  Theoderich.  —  Meister  Hugo  war  übrigens  nicht  nur  ein 
praktisch  tüchtiger  Chirurg ,  sondern  auch  ein  erfolgreicher ,  chemischer 
Forscher,  was  seine  zahlreichen,  von  seinem  Sohn  gerühmten  Kompositionen, 
die  Methode  der  Arseniksublimation  und  dergl.  beweisen.  Interessant  ist, 
dass  sich  an  Hugo  eine  der  ältesten  Thatsachen  der  gerichtlichen  Medizin 
im  Mittelalter  knüpft.  Laut  einer  noch  vorhandenen  Stelle  im  Bologneser 
Stadtstatut  nämlich  war  Hugo  ausdrücklich  gebalten,  ^in  gerichtlichen  Fällen 
vom  Podesta  befragt  nach  geleistetem  Eide  ein  Gutachten  abzugeben." 
(Vgl.  Henschel  in  Janus  1847  II  p.   134.) 

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  Hugo  der  intellektuelle  Ur- 
heber der  eiterungslosen  Wundbehandlung  ist,  deren  Grundsätze  später 
noch  prägnanter  von  Theoderich  und  Mondeville  betont  worden  sind. 
Wenn  man  einzelne  der  therapeutischen  Massnahmen  des  „dominus 
Hugo"   erwägt,  wie  sie  Theoderich  überliefert  hat,  so  kann  man  den 


716  Julius  Pagel. 

Enthusiasmus,  mit  dem  der  Sohn  vom  Vater  spricht,  nicht  bloss  vom 
menschlichen,  sondern  auch  vom  sachlichen  Standpunkt  aus  begreiflich 
linden.  In  der  That  ist  Hug'o  ein  ausserordentlich  verständiger  Chirurg, 
seiner  Zeit  und  namentlich  den  Medikern  weit  voraus.  Eine  Zu- 
sammenstellung aller  seiner  Ansichten,  für  die  ihn  Theoderich  als  den 
Urheber  hinstellt,  also  eine  Rekonstruktion  derselben  auf  Grund  des 
Werks  von  Theoderich  findet  sich  in  der  oben  erwähnten  Dissertation. 
Als  typisches  Beispiel  für  Hugos  Verordnungsweise  sei  hier  nur  die 
sehr  bemerkenswerte  Empfehlung  erwähnt,  die  Reposition  von  Rippen- 
frakturen im  Wasserbade  (mit  vorher  eingeölten  Fingern)  vorzunehmen. 
Ueberhaupt  erweisen  sich  Hugos  Massnahmen  bei  Frakturen  und 
Luxationen  als  ein  Fortschritt  sogar  gegen  Hippokrates  insofern 
statt  der  komplizierten  Maschinen  behufs  Reposition  nach  dem  Vor- 
gange von  Albucases  einfache  Verbände  gewählt  werden  (L.  III 
cap.  40  der  Chir.  des  Theoderich).  Zahlreiche  Salbenkompositionen 
und  andere  pharmakologisch  -  chirurgische  Originalverfahren  rühren 
von  ihm  her.  Auf  weitere  Einzelheiten  wird  noch  bei  Theoderich 
einzugehen  sein,  der,  wie  bemerkt,  zum  überwiegenden  Teile  die 
Autorität  seines  Vaters  sprechen  lässt.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass 
trotz  dieser  Abhängigkeit  von  den  Anschauungen  des  Vaters  dessen 
Sohn  Theoderich  (1206—98),  nachmals  Bischof  von  Cervia  und 
Chirurg  in  Bologna,  als  Schriltsteller  wie  als  Praktiker  grössere  Be- 
deutung erlangte.  Auch  über  dessen  Lebensgeschichte  sind  wir  genau 
orientiert. 

Geboren  als  Sohn  des  Vorgenannten  erhielt  er  den  ersten  Unterricht 
bei  seinem  Vater.  Wie  er  selbst  erzählt  (fol.  114  ^  der  Ausg.  Coli.  chir. 
Venet.  1519),  erlitt  er  als  Kind  eine  lebensgefährliche  Schädelfraktur,  von 
der  er  nach  Ausstossung  von  9  Knochensplittern  genas.  Nach  dem  Beispiel 
vieler  vornehmer  Landsleute  trat  er  1230 — 1231  in  den  damals  sehr  ange- 
sehenen Predigerorden  ein ,  übte  aber  dabei  auf  Grund  der  von  seinem 
Vater  empfangenen  Unterweisungen  die  chirurgische  Praxis  aus.  Von  1243 
bis  1254  bekleidete  er  eine  Stelle  als  ,, Kaplan,  Pönitentiarius  und  Haus- 
arzt" bei  dem  Papst  Innocenz  IV.  Später  war  er  successive  Bischof  in 
Eltone,  in  seiner  Vaterstadt  und  zuletzt  seit  1266  (nach  anderen  Quellen 
erst  seit  1274)  Bischof  von  Cervia.  Infolge  besonderer  Erlaubnis  wohnte 
er  dauernd  in  Bologna.  Seine  Praxis  war  so  umfangreich  und  lukrativ, 
dass  er  bei  seinem  Ableben  ein  grosses  Vermögen  für  wohlthätige  Zwecke 
hinterliess. 

Vgl.  Modestino  del  Gaizo,  II  niagisterio  cMrurgico  äi  Teodorico  dei 
Borgognoni  ed  alcuni  codici  delle  opere  di  lui  {Estratto  dagli  Atti  della  B.  Accad.  med, 
chir.  di  Napoli  anno  XL  VIII  N.  S.  No.  2,  Napoli  1894).  —  Die  noch  kürzlich 
von  Pifteau  in  der  Einleitung  zu  dessen  französ.  Ausgabe  der  Chir.  von  Saliceto 
icieder  aufgefrischte  Annahme  der  catalonischen  Abstammung  des  Theoderich  ist 
längst  von  Choulant,  Henschel  u.  a.  als  irrig  nachgewiesen. 

Theoderich  gehört  entschieden  gleichfalls  zu  den  erfreulichen  Er- 
scheinungen der  mittelalterlichen  Chirurgie.  Sein  Werk,  von  dem  so- 
gleich die  Rede  sein  wird,  bringt  trotz  bedeutender  Anlehnungen  an 
die  Erfahrungen  des  Vaters  die  Resultate  selbständigen  Denkens  und 
Handelns  des  Verfassers.  Es  ist  durchaus  nicht  ausschliesslich  Kom- 
pilation.   Dagegen   verwahrt  sich  der  Verfasser  selbst  (L.  II  cap.  54). 

Auch  wird  in  den  letzten  beiden  Büchern,  namentlich  in  Buch  III 
Hugo  seltener  citiert. 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  717 

Das  Urteil  Guy  de  Chauliacs  über  Theodericli  in  der  historischen  Ein- 
leitung zu  seinem  „Collectorium"  oder  , .Guidon"  ist  ganz  entschieden 
ungerecht,  wonach  Theoderich  .,rapiendo  omnia  que  dixit  Brunus  cum 
quibusdam  fabulis  Hugonis  de  Luca  magistri  sui  librum  edidit".  Auf- 
fallend ist  bei  diesem  Urteil  zweierlei:  erstlich,  dass  Bruno  hier  als  Ge- 
währsmann des  Theoderich  genannt  wird,  während  dieser  in  dem  ganzen 
"Werk  auch  nicht  ein  einziges  Mal  angeführt  ist,  trotzdem  Thoderich  in 
seinen  übrigen  Quellenangaben  durchaus  den  Eindruck  der  Ehrlichkeit  hervor- 
ruft. Beweis  dafür  bildet,  abgesehen  von  den  etwa  50  Citaten  des  ,, dominus 
Hugo"  auch  der  Freimut,  mit  dem  er  gelegentlich  eine  falsche  Diagnose 
und  einen  Irrtum  eingesteht,  wie  u.  a.  in  der  1.  III  cap.  3]  (de  napta) 
erzählten  Krankengeschichte,  Ferner,  dass  Guy  de  Chauliac  die  Thatsache 
nicht  mehr  bekannt  gewesen  zu  sein  scheint,  dass  Hugo  de  Lucca  auch 
der  Vater  von  Theoderich  war.  Richtig  ist  die  Aehnlichkeit  in  den  Ein- 
leitungen beider  Werke  von  Bruno  und  Theoderich;  diese  entspringt  aber 
zweifellos  aus  der  Benutzung  gemeinschaftlicher  arabischer  Quellen  (Haliabbas, 
Damascenus,  Johannitius)  und  ist  im  übrigen  ein  so  unwesentliches  Moment, 
dass  es  gegenüber  den  sonstigen  Unterschieden  in  Form,  Inhalt  und  Anord- 
nung gar  nicht  in  Betracht  kommt.  Unter  allen  Umständen  ist  Guy's 
Urteil  einseitig,  und  die  Anschauungen  der  neueren  Zeit  geben  ihm  noch 
mehr  Unrecht ;  denn  wir  können  feststellen,  dass  Theoderich  die  eiterungs- 
lose Wundbehandlung  in  dem  Masse  zielbewusst  und  eindringlich  betont 
und  systematisch  erstrebt  hat,  dass  sein  späterer  Schüler  Mondeville  von 
dessen  Wirksamkeit  direkt  eine  neue  Aera  datieren  darf.  Der  bekannte 
Passus  in  cap.  11  lib.  II  (Coli,  chir.  Venet.  1519  fol.  117)  hat  gerade 
in  der  Neuzeit  aktuelle  Bedeutung  gewonnen.  —  Im  Geiste  der  Neuzeit  be- 
trachtet, bildet  diese  Darlegung  den  Glanzpunkt  der  Lehren  von  Hugo- 
Theoderich,  und  wenn  dieser  Lehre  heftiger  Widerstand  bereitet  und  später 
von  Guy  de  Chauliac  sogar  mit  verstecktem  Spott  entgegengetreten  wurde, 
so  zeigen  die  Ergebnisse  der  modernen  expektativen  Asepsis,  wie  Unrecht  die 
damalige  Opposition  hatte,  und  wie  sehr  im  Recht  Theoderich  war.  —  Noch 
eine  andere  Thatsache  geht  aus  diesen  Ausführungen  hervor,  nämlich  ent- 
weder dass  Verfasser  vielleicht  neben  seiner  Chirurgie  noch  ein  Werk  u.  d.  T. 
,,filia  principis"  verfasst  hat,  oder  dass  die  bekannt  gewordene  und  gedruckte 
Chirurgie  offenbar  im  Hinblick  auf  den  Ursprung  aus  den  väterlichen  Er- 
fahrungen diesen  Ehrentitel  erhalten  hat.  Dass  Theoderich  versucht  hat,  seine 
Patienten  in  primitiver  Weise  zu  narkotisieren,  berichtet  Guy  de  Chauliac. 
Dass  er  Speichelfluss  als  Folge  von  äusserem  Quecksilbergebrauch  beschreibt, 
speziell  bei  Scabies,  pruritus,  ,,malum  mortuum"  (Verschwärung  und  Morti- 
fikation  an  den  Unterschenkelweichteilen),  ist  bekannt  (lib.  III  cap.  47 — 48 ; 
fol.  138  und  139  d.  Edit,  von  1519).  Im  einzelnen  sei  noch  hervorgehoben, 
dass  Theoderich  auch  von  dem  grossen  Wert  und  der  Notwendigkeit  anat, 
Kenntnisse  für  den  Chirurgen  durchdrungen  ist  (lib.  III  cap.  18:  fol.  130^).  — 
Wenn  er  auch  zur  Pfeilextraktion  und  bei  anderen  Gelegenheiten  sogen. 
,, empirische"  Mittel  erwähnt,  so  thut  er  dies  offenbar  nur  der  Vollständigkeit 
wegen,  um  vielleicht  dem  Herkommen  und  der  Zeitsitte  zu  genügen.  Dass 
er  selbst  von  der  Wertlosigkeit  aller  dieser  und  ähnlichen  ]\Iittelchen  über- 
zeugt ist,  beweist  er  durch  sein  Dictum  (lib.  III  cap.  1  gegen  den  Schluss, 
fol.   125B): 

„Et  in  practica  Almayesti  jtonuntur  quedam  emperica:  ex  quibus  ponemuH 
aliqua  quamvis  non  niagnam  fidetn  adhibeamus,  quin  magis  videntur  nobis  vetularum 
esse  quam  prudentis  viri.'* 


718  Julius  Pag-el. 

Etwa  ^1^  Dutzend  Male  wird  Macer  (offenbar  Macer  Ploridus,  cfr.  p.  635) 
erwähnt.  Neben  den  „sapientes"  wie  er  allgemein  die  älteren  Autoren  be- 
zeichnet, sind,  wie  bereits  hervorgehoben,  hauptsächlich  die  Lehren  und 
Erfahrungen  seines  Vaters  für  ihn  massgebend.  Natürlich  dürfen  auch 
Hippokrates,  Galen  und  die  unvermeidlichen  Araber,  Avicenna  und  Albucasem 
nicht  fehlen.  Mit  grosser  Energie  tritt  er  für  die  operative  Behandlung 
der  Mastdarrafistel  als  die  allein  richtige  Methode  ein  (üb.  III  cap.  47, 
fol.  136^).  Die  schon  bei  ßoland  (p.  713)  erwähnte  Krankengeschichte 
einer  penetrierenden  Thoraxwunde  findet  sich  in  lib.  II  cap.  17.  In  dem- 
selben Kapitel  erzählt  er  auch  die  erfolgreiche  Kur  eines  Patienten  aus 
Salerno  an  einer  ähnlichen,   aber  schon  8  Monate  alten  Verletzung. 

Das  ganze  Werk  des  Theoderich  besteht  aus  4  Büchern.  Lib.  I  um- 
fasst  in  26  Kapiteln  wesentlich  die  Wundbehandlung,  lib.  II  schildert  in 
54  Kapiteln  Schädel-,  Gesichts-,  Thorax-,  Darm-  und  Gefäss-  resp.  Nerven- 
verletzungen. In  Buch  III  mit  56  Kapiteln  folgen  Fisteln,  Krebs,  Haut- 
leiden, Abscesse  verschiedener  Körperregionen,  Tumoren,  skrophulöse  Drüsen- 
geschwülste, Hernien,  Hämorrhoiden,  Panaritium,  Lepra  etc.  In  dem  sehr 
kurzen  in  9  Kapitel  geteilten  4.  Buch,  von  denen  2  pharmakologischen 
Inhalts  sind,  wird  eine  kurze  Nachlese  über  Kopfschmerz ,  Augenleiden, 
Gicht,  Lähmung  und  Epilepsie  gehalten. 

Das  Buch  von  Theoderich  lässt  bereits  den  grossen  Fortschritt 
erkennen,  welchen  die  Chirurgie  zu  machen  sich  anschickt.  Die  Ver- 
einfachung der  Wundbehandlung,  die  Einschränkung  der  machinellen 
Polypragmasie  bei  Frakturen  und  Luxationen  sind  zwei  wichtige  Er- 
rungenschaften, geeignet,  ein  gutes  Licht  auf  den  Enwicklungsgang 
der  Chirurgie  im  Mittelalter  zu  werfen. 

Ueher  die  hehr.  Uebers.  von  Theoäerichs  Werk  vgl.  Steinschtieider  l.  c.  §  8H2. 

Dia  Chirurgie  in  den  übrigen  Schulen  Italiens. 

Ein  litterarhistorisches  Andenken  haben  sich  noch  einige  Chirurgen 
anderer  Städte  Italiens  gesichert.  Der  älteste  dieser  Männer,  deren 
Besprechung  nicht  umgangen  werden  kann,  ist  Bruno  von  Longo- 
burgo  aus  Kalabrien,  Verf.  einer  „Chirurgia  magna",  die  er 
einem  Freund  aus  Vincentia  widmete,  sowie  einer  weit  kürzeren 
„Chirurgia  parva",  die  einem  gewissen  Lazarus  aus  Padua  de- 
diziert  ist.  Aus  dem  Schluss  der  ersteren  ergiebt  sich,  dass  die 
Chirurgia  magna  im  Januar  des  Jahres  1152  „apud  civitaitem  Padue 
in  loco  Sancti  Pauli"  abgefasst  ist.  Das  sind  die  einzigen  sicheren 
Daten  aus  dem  Leben  des  Mannes.  Das  Studium  seiner  Werke  er- 
giebt, dass  Bruno  die  verkörperte  Autoritätengläubigkeit  bildet.  Sicut 
dicit  Avicenna,  inquit  Galenus,  testante  Albucase,  dico  igitur  secundum 
modum  Avicenne  und  ähnliche  W^endungen  kommen  unzählige  Male 
vor;  das  Buch  strotzt  von  ihnen.  Charakteristisch  für  den  Wert  des 
Werkes  ist  die  eigene  Aeusserung  Brunos  lib.  I  cap.  10  (fol.  86  ^  d. 
Ausg.  V.  1519): 

„Medicine  consolidative  quas  elegi  et  accepi  ex  summa  librorum  veteriim  post- 
quam  certificatus  sum  ex  eis  cum  testimonio  rationis.'' 

Allerdings  erklärt  er  öfter,  einige  Empfehlungen  der  Alten  selbst 
erprobt  zu  haben,  so  die  wunderbare  Salbe  Galens  (lib.  I  cap.  5, 
fol.  85^),  ferner  einige  „medicine  composite  quas  longo  usu  probavi" 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  719 

(lib.  II  cap.  6).  Aber  das  kommt  tliatsächlich  nur  ausnahmsweise  vor. 
Selbst  da  wo  er  gegen  die  Eitererzeugung-  bei  Wunden  polemisiert 
und  für  die  „austrocknende  Wundbehandlung"  eintritt,  thut  er  es  nur 
in  Anlehnung  an  Galen  und  Hippokrates  und  unter  deren  Autorität. 
Wirkliche  originelle  Beobachtungen  sind  bei  Bruno  rarissimae  aves. 
Sein  Stil  ist  typisch  für  die  mittelalterlich  naive  Schreibweise.  Die 
Scholastik  ist  ihm  nicht  fremd,  wie  beispielsweise  u.  a.  ein  Passus  in 
lib.  I  cap.  6  beweist,  der  lautet: 

„Sed  qiiia  medici  rationati  sunt  et  adhuc  ratiocinantur  de  vulnerafione  pnl- 
motiis  oportet  nos  aliq n antulu m  disputa r e.    Dico  ergo  quod  etc." 

Eine  Mitteilung  in  der  Einleitung  ist  von  standesgeschichtlichem 
Wert.    Bruno  versichert,  er  wolle  über  alle  Operationen  handeln, 

praeterquam  de  scarificatione  et  flebotomia,  que  licet  ci/rurgie  species  hnbeanfur 
tarnen  de  eis  plurimi  docuerunt  auctores  ac  ipsorum  operationem  noluerunt  medici 
propter  indecentiam  exercere  sed  illas  barberiorum  i n  m a n i b ii s  reliq » e • 
r  u  n  t. 

Diese  Zeilen  bestätigen  also  die  Existenz  eines  niederen  Chirurgen- 
personals zur  Ausübung  der  kleinen  chirurgischen  Verrichtungen, 
Aderlass,  Schröpfen  etc.  —  Im  übrigen  verrät  sich  der  kompilatorische 
Charakter  von  Brunos  Werken  durch  die  gänzlich  ungeordnete,  bunte 
Zusammenstellung  des  Stoifes.  Von  anatomischen  Bemerkungen  ist 
keine  Rede. 

Die  Chir.  magna  sollte  eigentlich  major  und  die  parva :  minor  heissen. 
Erstere  behandelt  in  20  Kapiteln  des  lib.  I,  wovon  die  beiden  letzten  über 
Frakturen  und  Dislokationen  in  7  bezw.  10  ,, Rubriken"  geteilt  sind, 
Wunden ,  Geschwüre ,  Cancer ,  Fisteln,  Schädel-  und  Extremitätenbrüche 
resp.  Verrenkungen  und  in  20  Kapiteln  des  lib.  II  mit  verschiedenen  Unter- 
abteilungen (Rubriken)  die  (unvollständige)  chir,  Pathologie  a  capite  ad 
calcem,  sowie  in  einem  Anhang  die  Kauterien,  Verbrennungen  und  Wund- 
krämpfe. —  Die  kleinere  Chirurgie  (3  Eolioblätter  stark)  giebt  in  23 
Kapiteln  eine  kürzere  Darstellung  der  Wundbehandlung ,  Schädel-  und 
andere  Knochenbrüche,  Blutstillung,  Geschossextraktion,  Fisteln,  Krebs, 
Phegmone,  Karbunkel,  Erysipelas,Abscesse,  skrophulöse  Geschwülste,  Warzen, 
Hämorrhoiden,  Verbrennungen  und  Kauterien.  In  Summa  kann  für  Bruno 
das  Urteil  Guy  de  Chauliacs  Wort  für  Wort  unterschrieben  werden : 

„Subsequenter  invenitur  Brunns  qui  satis  directe  dicta  Galeni  et  Avicemie  et 
nperafionum  Albucasis  assummavit,  translationem  tarnen  librorum  Galeni  totam 
non  habult  et  anathomiam  penitus  dimisit.'^ 

In  einem  geraden  Gegensatz  zu  Bruno,  wie  er  stärker  nicht  ge- 
dacht werden  kann,  steht  Gulielmus  de  Saliceto  oder  Guilelmus 
Placentinus,  von  seinem  Geburtsort  Piacenza,  wo  er  etwa  im  ersten 
Drittel  des  13.  Jahrhunderts  geboren  wurde.  Saliceto  ist  ein  durch 
und  durch  origineller  und  selbständiger  Praktiker,  der  unter  den 
Schriftstellern  des  13. — 15.  Jahrhunderts  mutatis  mutandis  etwa  die- 
selbe Stelle  einnimmt,  wie  Alexander  von  Tralles  in  der  byzantinischen 
Periode.  Nennt  ihn  doch  selbst  der  kritische  Guy  de  Chauliac  einen 
Valens  homo,  eine  den  Mann  am  meisten  ehrende  Bezeichnung. 

Die  Lebensgeschichte  des  Saliceto  harrt  noch  in  vielen  Punkten  der 
Aufklärung.  Das  bisher  für  den  Abschluss  seiner  Chirurgie  angenommene 
Jahr   1275  ist  durch  Auffindung  einer  von  1279  datierten  Krankengeschichte 


720  Julius  Pagel. 

in  dem  Werk  selbst  zweifelhaft  geworden.  Doch  kann  angesichts  der  bei 
Mundino  erwähnten  Funde  auch  ein  Kopistenfehler  vorliegen.  Aus  dem 
,,Exp]icit"  wissen  wir,  dass  "Wilhelm  von  Saliceto  seine  Chirurgie  in  Bologna, 
dem  ersten  Ort  seiner  Wirksamkeit,  begonnen  und  in  Verona,  wo  er  als 
Stadtarzt  thätig  war,  vollendet  hat.  Nach  Abscbluss  seiner  Chirurgie  schrieb 
er  noch  die  bei  weitem  umfangreichere  ,,Summa  conservationis  et 
curationis",  in  der  er  mehrfach  auf  den  chirurgischen  Teil  verweist. 
Auch  die  Summa  ist  ein  tüchtiges  Werk ;  es  handelt  sich  um  ein  Kompen- 
dium der  Medicin,  das  in  vielen  Beziehungen  die  übrigen  Werke  dieser 
Periode  überragt.  Das  Buch  ist  frei  von  Scholastik,  nicht  mit  Autoren- 
citaten  überladen,  und  bringt  am  Anfang  neben  einer  noch  heute  beherzigens- 
werten ärztlichen  Politik  eine  ausführliche  Diätetik,  ein  Beweis,  welchen 
Wert  der  Autor  verständigerweise  auf  die  Prophylaxe  (die  Conservatio  seil, 
a  morbis)  legt.  In  Buch  1  folgt  dann  eine  spezielle  Pathologie  a  capite 
ad  calcem  (inklusive  Gynäkologie) ;  auch  liefert  Saliceto  mit  der  Beschreibung 
der  durities  renum  die  erstmalige  Andeutung  des  Brightschen  Symptomen- 
komplexes, Buch  2  ist  eine  Fieberlehre  in  38  Kapiteln ;  Buch  3  enthält 
die  Kosmetik  (decoratio)  u.  z.  T.  Dermatologie  (ganz  nach  dem  Herkommen 
jener  Zeit),  Buch  4  eine  Toxikologie,  Buch  5  eine  Pharmakologie  bezw. 
ein  Antidotarium  in  32  Kapiteln. 

Vgl.  Paul  Piftenu,  Chimrgie  de  Guillaume  de  Salicet,  Traduction  et  com- 
mentaire,  Toulouse  1898:  die  Berliner  Dissertationen  von  Hermann  Grunow, 
Diätetik  des  Wilh.  von  Saliceto  [1895],  Eugen  Loeiuy,  Beiträge  zur  Kenntniss  u. 

Würdigxmg  des  W.  v.  Sol.  als  Arzt  {1897);  Wilhelm  Herkner,  Kosmetik  u.  Toxi- 
coloqie   nach,    W.   v.   S.  {189Z)  u.    Oscar  Bosch,    Materialien   zur   Beurteilung  des 

Wilhelm  v.  S.  als  Arzt  {1898). 

Vorwiegend  kommt  Saliceto  als  Chirurg-  in  Betracht.  In  der 
Chirurgie  lag  der  Schwerpunkt  seiner  schriftstellerischen  und  praktischen 
Thätigkeit,  und  als  Chirurg  geniesst  er  historische  Bedeutung.  Sein 
bezügliches  Werk  trägt  Zeile  für  Zeile  den  Stempel  der  Originalität, 
ist  knapp  gehalten,  reich  an  interessanter  Kasuistik  und  bildet  den 
Ausdruck  des  „specialis  amor",  womit  Saliceto  gerade  chirurgische 
Praxis  getrieben  hat.  Er  selbst  hat  sein  chirurgisches  Werk  zuerst 
in  Angriif  genommen  und  sagt  in  der  „Summa"  lib.  I  cap.  189: 

„Operatio  .  .  .  non  hene  spectat  ex  toto  ad  istum  tractatum  sed  ad  librum 
nostrum  quem  fecimus  de  cyrurgia  quem  ante  ipsum  complevimus  ex  speciali  amore 
in  quo  etc.'^ 

Die  Einleitung  giebt  zunächst  die  bekannte  (und  verkehrte)  ety- 
mologische Deutung  des  Begriffs  „Chirurgie"  und  eine  kurze  chirur- 
gische Hodegetik  und  Methodologie.  Daran  schliesst  sich  Buch  1  mit 
67  Kapiteln,  im  wesentlichen  eine  vollständige  Darstellung  der  chirur- 
gischen Erkrankungen  der  Schädeldecke  (u.  a.  auch  Kopfblutgeschwulst 
der  Neugeborenen  und  hydrocephalus  congenitus),  Augen-  und  Ohren- 
affektionen,  Nasenpolypen,  Exantheme  im  Gesicht,  Ranula,  Zahnkrank- 
lieiten,  Drüsenabscesse  am  Halse,  Kropf,  Axillarbubo,  Entzündungen 
der  Weichteile  am  Schulterblatt  und  an  den  oberen  Extremitäten, 
Panaritium,  Milchdrüsenabscesse  resp.  Carcinom,  Vereiterungen  am 
Thorax,  Verhärtungen  und  Tumoren  in  der  Leber-  und  Milzgegend, 
Aifektionen  der  Leistenbeuge,  Condylome  und  Hämorrlioiden  an  After 
und  Scheide,  Mastdarmfistel,  Blasensteinextraktion,  Krankheiten  des 
Penis,  Exantheme,  Knötchen  und  Versch wärungen  an  demselben  (un- 
zweifelhaft auch  venerische:  „de  pustulis  albis  ut  milium  et  rubeis 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  721 

€t  scissuris  et  corruptionibus  que  fiunt  in  virga  et  circa  preputium 
propter  coytum  cum  meretrice  vel  foeda  vel  alia  causa"), 
Abscesse  am  Hoden,  Hernien,  Hüft-  und  Kniegelenksaffektionen,  Ekzem- 
und  Varicenbildung  an  den  Unterschenkeln,  Frostbeulen  an  den  Zehen, 
Schwielen,  Hühneraugenbildung,  Fisteln,  Krebs,  Karbunkel  und  Anthrax, 
Kontusionen,  Verbrennungen,  Hyperhydrosis,  verschiedene  Hautaffek- 
tionen, Scabies,  Pruritus,  Morphea,  endlich  Gicht. 

Die  zum  Beweis  des  späteren  Datums  der  Chirurgie  herangezogene 
Krankengeschichte  aus  d.  J.  1279  betrifft  eine  gänseeigrosse  Kiefergeschwulst; 
die  Schilderung  der  zweizeitigen  Operation  zeigt  Saliceto  als  ebenso  kühnen, 
wie  umsichtigen  Operateur,  der  seine  eigenen  Wege  zu  gehen  und  sich  auch 
da  zu  helfen  weiss ,  wo  die  Büchergelehrsamkeit  in  Stich  lässt.  Be- 
merkenswert ist  hierbei  die  manuelle  Kompression  zur  Blutstillung.  —  In 
Kapitel  27  erörtert  Saliceto  die  Schwierigkeiten  der  Differentialdiagnose  bei 
tief  liegendem  Abscess  und  erzählt  einen  bezüglichen  Fall  aus  der  eigenen 
Praxis,  welcher  seine  diagnostische  Kunst  schlagend  beweist.  In  Kapitel  34 
berichtet  er  über  einen  Fall  von  sehr  ausgebreitetem,  inoperablem  Mamma- 
carcinom.  Die  Motivierung  seines  Verhaltens  verdient  selbst  nach  heutigem 
Standpunkte  Beifall.  In  Kapitel  42  ist  die  berühmte,  oft  citierte  Stelle: 
et  fit  etiam  (seil,  bubo  in  inguinibus),  cum  homo  infirmatur  in  virga 
propter  fedam  meretricem  vel  aliam  causam  etc.  Kapitel  44  enthält  eine 
lichtvolle  Beschreibung  der  Kadikaloperatiou  der  Hernie,  zu  der  er  die  Be- 
merkung hinzufügt: 

„Curavi  sine  incisione  (seil,  in  herniis)  pueros  maxime  et  alios  in  quibus  in- 
testina non  descendunt  ad  Jnirsam  testiciilorum  et  qui  habebant  parvam  eminentiam 
cum  lomhare  vel  emplastro  nostro  et  pulvere  multos  nieo  tempore  curavi.  Lombar 
sie  fieri  debet  de  panno  lineo  triplicato  etc." 

Es  folgt  dann  die  Beschreibung  des  Bruchbandes.  Zur  Heilung  von 
Varicen  werden  in  Kapitel  54  verschiedene  Operationsmethoden  beschrieben, 
darunter  die  Blosslegung  der  Vene  und  doppelte  Unterbindung  mit  nach- 
folgender Durchschneidung  und  Kauterisation  an  der  durchschnittenen  Stelle 
und  späterer  Ausräumung  des  entstandenen  Thrombus  (Exstirpation  der 
thrombosierten  Stelle).  —  Das  2.  Buch  behandelt  in  27  Kapiteln  aus- 
schliesshch  die  Wunden  der  einzelnen  Körperregionen  (ohne  allgemeine 
Wundbehandlung),  ferner  Quetschungen  und  ähnliche  Verletzungen;  nur 
das  Schlusskapitel  erörtert  allgemein  die  Gründe,  welche  die  Heilung  einer 
Wunde  verzögern.  (Vier  interessante  Fälle  aus  Kap.  5,  7  und  15  reproduziert 
Puccinotti  in  der  Storia  di  med.  II  p.  357 — 358,  Anmerkung;  sie  betreffen 
gefahrliche  Säbelstich-  und  Hiebwunden  am  Halse,  Kehlkopf  und  penetrierende 
Bauchwunden  mit  Darmnaht).  Es  zeigt  sich,  dass  die  Wundbehandlungs- 
methode des  Saliceto  eine  relativ  einfache,  rationelle,  von  jeder  Poly- 
pragmasie freie  ist,  und  dass  Saliceto  sich  auch  in  verzweifelten  Fällen  zu 
helfen  weiss.  Meist  behandelt  er  die  grossen  Schnittwunden  mit  Naht  nach 
voraufgeschickter  Reinigung  mit  Oel  und  Blutstillung,  sorgfältigem  Verband, 
Ruhestellung  des  verletzten  Organs  und  passender  Diät.  Erfolgt  Eiterung, 
so  tritt  natürlich  die  bekannte  Succession  des  mundificare,  incarnare  und 
consolidare  in  ihre  Rechte.  Als  besonders  gefährlich  gelten  Nervenver- 
letzungen (Kap.  24).  —  Das  3.  Buch  handelt  von  der  sogen.  „Algebra" 
d.  i.  Reposition  bei  Frakturen  und  Dislokationen.  Zur  Reposition  von 
Rippenfragmenten  empfiehlt  S.  in  geeigneten  Fällen,  wenn  andere  Wege 
nicht  zum  Ziele  führen,  den  Patienten  stark  husten  zu  lassen  und  auf  der 
Bruchstelle  einen  Schröpfkopf  zu  applizieren.  Im  übrigen  ist  auch  hier 
Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  46 


722  Julius  Pagel. 

Diagnose  und  Therapie  mustergültig  klar  und  rationell.  —  Im  4.  Buch 
folgt  in  5  Kapiteln  eine  kurze,  in  der  Form  durchaus  selbständige  und 
eigenartige  Darstellung  der  Anatomie.  Es  handelt  sich  hier,  wie  auch  von 
Töply  richtig  hervorhebt,  um  eine  chirurgische  Regionen-  oder  topographische 
Anatomie.  Hauptsächlich  werden  dabei  die  Aderlassvenen,  die  Incisions- 
richtungen,  in  Kapitel  2  die  verschiedenen  Formen  der  Luxationen,  in 
Kapitel  4  die  Hernien  berücksichtigt.  Endlich  bringt  Buch  5  in  10  Kapiteln 
die  Darstellung  der  Kauterien  (Kap.  1  und  2)  und  die  in  der  praktischen 
Chirurgie  gebräuchlichen  Arzneimittel. 

Das  Lehrbuch  der  Chirurgie  von  Saliceto  imponiert  durch  die 
überall  hervortretende  Selbständigkeit  und  sichert  dem  Autor  die 
historische  Bedeutung,  welche  ihm  bereits  seit  den  Tagen  des  Guy 
von  Chauliac  zuerkannt  ist.  Saliceto  ist  der  letzte  der  Hauptrepräsen- 
tanten der  italienischen  Chirurgie  des  12. — 14.  Jahrhunderts;  einige 
italienische  Chirurgen  des  15.  Jahrhunderts  werden  später  noch  be- 
sondere Erwähnung  finden  müssen. 

Die  Chirurgie  in  Franl(reich  vom  13.-15.  Jahrhundert. 

Vgl.  •hauptsächlich  E.  Xicaise,  La  grande  Chirurgie  de  Guy  de  Chauliac 
{Paris  1890);  Derselbe,  Chirurgie  de  Maitre  Henri  de  Mondeville  {Paris  1893); 
Derselbe ,  Chir.  de  Pierre  Franco  {ibid.  1895)  in  der  Introduction ;  E.  Giirltf 
Gesch.  d.  Chir.  {Berlin  1898)  Bd.  IL 

Auch  in  Frankreich  war  die  Chirurgie  mittlerweile  zu  einem  ge- 
wissen Blütezustand  gelangt.  Ein  wesentliches  Verdienst  daran  trägt  die 
um  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  erfolgte  Gründung  des  berühmten 
College  de  St.  Cöme,  mit  dem  die  Anfänge  der  französischen 
wissenschaftlichen  Chirurgie  aufs  innigste  verflochten  sind.  Die 
Existenz  dieses  Instituts,  das  lange  Zeit  in  Europa  die  einzige  chirur- 
gische Spezialunterrichtsanstalt  bildete,  liefert  das  beste  Zeugnis  für 
den  hohen  Aufschwung,  den  die  Wundheilkunde  in  Frankreich  schon 
vom  12.  Jahrhundert  ab  genommen  hatte.  Offenbar  handelte  es  sich 
zunächst  bei  dem  College  de  St.  Come  um  eine  Nachahmung  ähnlicher 
Einrichtungen,  wie  sie  bei  den  Vertretern  der  Gewerke  und  Zünfte 
bestand.  Auch  die  Pariser  Wundärzte  beabsichtigten  mit  der  Ein- 
richtung des  College  ein  Centrum  zur  Wahrung  ihrer  geistigen  und 
materiellen  Interessen  zu  schaffen.  Es  beweist  diese  Thatsache  zu- 
gleich, dass  in  jener  Zeit  bereits  gebildete  Chirurgen  in  Paris  in  re- 
spektabler Anzahl  vertreten  gewesen  sind.  Diese  hatten  einen  Ver- 
teidigungskampf mit  2  Fronten  zu  führen:  auf  der  einen  Seite  gegen 
die  numerisch  überlegenere  Genossenschaft  der  Bader  und  Barbiere, 
also  Mitglieder  des  niederen  Heilkünstlerstandes,  auf  der  anderen  Seite 
gegen  die  Prätensionen  und  unberechtigte  Bevormundungssuclit  der 
medici  physici,  der  eigentlichen  unter  dem  Schutz  der  Fakultät  privi- 
legierten und  von  Gelehrten  dunkel  aufgeblasenen  Mediker,  die  ihre 
Praxis  nur  disputando,  allenfalls  durch  Urinschau  und  Pulsbetasten 
ausübten,  aber  jedes  praktische,  manuelle  Eingreifen  am  Krankenbette 
als  direkt  standesunwürdig  perhorreszierten.  Dazu  waren  eben  die 
Chirurgen  da,  die  dann  freilich  nicht  selten  ihre  Kompetenzen  über- 
schritten und  auch  innerliche  Kuren  vornahmen,  was  dann  zu  allerlei 
Konflikten  führte.  —  Es  ist  hier  nicht  der  Ort  zu  einer  ausführlichen 
Erörterung  der  höchst  interessanten  Geschichte  des  unter  dem  Patronat 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  723 

der  Heiligen  Cosmas  und  Damian  florierenden  Kolleg-iums.  Dieselbe 
ist  überdies  noch  vielfach  in  Dunkel  gehüllt.  Sicher  jedoch  ist,  dass 
das  Kollegium  seine  eigentliche  Bedeutung  als  ünterrichtsanstalt  erst 
im  14.  Jahrhundert  unter  der  Protektion  von  Männern,  wie  dem 
(schriftstellerisch  nicht  hervorgetretenen)  Leibwundarzt  dreier  Könige 
(Ludwigs  des  Heiligen,  Philipps  des  Kühnen  und  Philipps  des  Schönen) 
Jean  Pitard  (1230—1317)  und  seines  später  noch  genauer  zu  wür- 
digenden Nachfolgers  Heinrich  von  Mondeville  gewann,  und 
dass  es  unter  wechselreichen  Schicksalen  und  allerlei  Streitigkeiten 
seine  Existenz  noch  bis  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  (1715)  fort- 
führte, um  dann  mit  der  Academie  de  Chirurgie  zu  verschmelzen.  Es 
ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  noch  ein  anderes  Moment  zur  Bildung 
des  Schutz-  und  Trutzkollegiums  Anlass  gegeben  hatte,  und  zwar  ein 
wirtschaftliches,  das  sich  nur  vom  Standpunkte  der  intolerantesten  Ex- 
klusivität rechtfertigen  lässt.  Man  wollte  sich  nämlich  gegen  den 
massenhaften  Andrang  ausländischer  Elemente  schützen,  wie  er  damals 
besonders  aus  Italien  infolge  politischer  Ereignisse  hervortrat. 

Zu  denen,  die  politische  Konflikte  zur  Auswanderung  aus  ihrem 
Vaterland  Italien  nach  Frankreich  getrieben  und  die  hier  ein  Asyl 
gesucht  und  gefunden  hatten,  gehört  auch  der  einzige  noch  nennens- 
werte italienische  Chirurg  des  13.  Jahrhunderts.  Lanfranchi  aus 
Mailand,  einer  der  bedeutendsten  Schüler  von  Wihelm  von  Saliceto. 
Lanfranchi  gehört  mit  seinem  späteren  Leben  und  Wirken  Frankreich 
an,  wo  der  Expatriierte  anfangs  in  Lyon  und  später  in  der  Hauptstadt 
selbst  nicht  bloss  einen  Zufluchtsort,  sondern  auch  den  eigentlichen 
Schwerpunkt  seiner  Lehr-  und  schriftstellerischen  Thätikeit,  sowie  den 
Schauplatz  vieler  praktischen  Erfolge  fand.  Lanfranchi  gebührt  das 
Verdienst,  die  in  den  Schulen  seiner  Heimat  erworbenen  Kenntnisse 
und  Erfahrungen  auf  französischen  Boden  übertragen  zu  haben.  Da- 
mit kommt  ihm  auch  ein  wesentlicher  Anteil  a»  der  Förderung  und 
gedeihlichen  Entwicklung  der  Chirurgie  in  Frankreich  zu.  Reichlich 
hat  er  seiner  neuen  Heimat  die  hier  erlangte  Wohlthat  einer  Frei- 
stätte wieder  vergolten.  —  Hat  doch  nachweislich  der  älteste 
autochthone  französische  Schriftsteller  der  Chirurgie,  der  schon  er- 
wähnte Mondeville,  einem  Teil  seines  Hauptwerkes  die  Anschauungen 
Lanfranchis  zu  Grunde  gelegt  und  eine  Art  vonVermittelung  zwischen 
diesen  und  denjenigen  des  Theoderich  angestrebt.  —  Wie  sehr 
Lanfranchi  schliesslich  mit  Paris  verwachsen  ist  und  wie  wohl  er  sieh 
gerade  hier  von  seinem  Standpunkte  als  Vertreter  der  wissenschaft- 
lichen Operationskunst  befunden  hat.  beweist  der  Enthusiasmus,  mit 
dem  er  seinen  neuen  Aufenthaltsort  preist  (in  der  1295  geschriebenen 
Einleitung  zu  seinem  Hauptwerk,  vgl.  weiter  unten). 

„Summus  ille  pater  omnij)otens me Parisius  in   terrnm  jMcis 

et  studii  licet  coactum  sua  sapientia  transplantnvit.  0  Parisius  propter  sedem 
regle  majestatis,  propter  excellentiam  spei,  propter  bonorum  abundantiam,  propter 
physicoruni  intelligentiam  paradisus   te.rrenaUs   est  nuncupata.      0  regalis   civitas 

Parisius  civitatis  Parisius  sine  pari,  Parisius  per  partes  Justins Kam 

in  te  quisquc  utitur  jure  suo^^  etc.  etc. 

So  sehr  dieser  Hymnus,  den  Lanfranchi  hier  förmlich  dem  Paris 
seiner  Zeit  singt,  nach  captatio  benevolentriae  schmeckt  (man  merkt  die 
Absicht),  so  geht  doch  aus  diesem  Ausdruck  der  Begeisterung  soviel 
hervor,  dass  Lanfranchi  hier  einen  Aufenthalt  gefunden  hat,  der  seinen 
Neigungen  und  Fähigkeiten  durchaus  entsprach. 

46* 


724  Julius  Pagel. 

Heber  die  Lebensverhältnisse  Lanfranchis,  vor  allem  über  die  Veran- 
lassung zur  Auswanderung  aus  Italien  nach  Frankreich  und  seine  weiteren 
Schicksale  sind  wir  durch  dessen  eigene  Mitteilungen  in  dem  „Explicit" 
seiner  Chirurgia  major  relativ  gut  unterrichtet.  Bevor  Lanfranchi,  der  aus 
einer  vornehmen  mailändischen  Familie  stammte,  nach  Paris  kam,  hatte  er 
in  seiner  Vaterstadt  studiert  und  dort  ebensowohl  innere,  wie  chirurgische 
Praxis  betrieben.  Ein  nicht  näher  begründeter  Konflikt  mit  „Mattheus 
Vicecomes"  (Matteo  Visconti)  zwang  ihn,  Mailand  zu  verlassen.  Die  Art 
der  politischen  Massregelung  (wie  sie  in  dem  Explicit  geschildert  wird) 
beweist  jedenfalls  die  ansehnliche  Stellung,  zu  der  es  Lanfranchi  in  seiner 
Vaterstadt  gebracht  hatte.  Zunächst  wandte  sich  L.  nach  Lyon,  wo  er  die 
chirurgia  parva  begann  und  durch  Praxis,  sowie  Familienangelegenheiten 
seinen  Aufenthalt  über  die  ursprüngliche  Absicht  hinaus  verlängern  musste. 
Endlich  konnte  er  seine  innige  Sehnsucht  nach  Paris  befriedigen,  wo  er 
1295  anlangte  und  auf  Anregung  von  mehreren  Freunden,  Kollegen  und 
Schülern  (u.  a.  auch  des  Jean  de  Passavant)  seine  grosse  Chirurgie  be- 
gann, die  er  schon  1296  beendigte.  Nach  eigenen  Mitteilungen  (in  dem 
genannten  Opus)  hat  Lanfranchi  in  Paris  eine  ebenso  umfassende,  als  er- 
folgreiche Lehr-,  praktische  und  schriftstellerische  Thätigkeit  entwickelt  und 
damit  auf  die  Entwicklung  der  Chirurgie  in  Frankreich  einen  grossen  Ein- 
fluss  gewonnen.  Den  anfänglichen  niederen  Zustand  derselben  charakterisiert 
und  beklagt  er  selbst  (in  Tr.  III    Doctr.  III  cap.   16    über    den  Aderlass). 

Unbedingt  hat  L.  auch  Beziehungen  zum  College  de  St.  Come  ge- 
wonnen und  durch  seine  Unterrichtsthätigkeit  an  demselben  zu  dessen  Blüte 
beigetragen.  Das  Todesjahr  von  L.  ist  unbekannt;  wahrscheinlich  fällt  es 
in  die  Zeit  vor  1306.  —  Einer  seiner  Söhne,  mag.  Bonetus,  war  ebenfalls 
Chirurg  (in  Montpellier)  und  wird  von  Guy  de  Chauliac  erwähnt.  Ihm 
hat  auch  der  Vater  neben  seinem  Protektor  König  Philipp  dem  Schönen 
seine  chirurgia  magna  dediziert.  —  Seine  beiden  Hauptwerke  sind  die  aus 
16  Kapiteln  (in  5  Folioblättern)  bestehende  Chirurgia  parva,  ein  kurzer 
Abriss  und  zugleich  eine  Art  allgemeiner  Chirurgie  als  Vorstufe  zu  dem 
grösseren  Werk,  das  er  ausdrücklich  ankündigt  und  auf  das  er  mehrfach 
im  voraus  verweist  (z.  B,  in  Kap.  15  von  den  Augenkrankheiten  und 
Kap.  16  von  den  Antidoten).  Gewidmet  ist  diese  Chirurgie  seinem  Freunde 
„Bernardus".  Sollte  damit  vielleicht  Bernhard  von  Gordon  gemeint  sein? 
Die  Chir.  parva  enthält  nur  das  allernotwendigste  und  unentbehrliche 
Wissensmaterial  für  die  chirurgische  Praxis  und  zugleich  als  elementare 
Grundlage  für  weitere  Fortbildung.  Trotzdem  bringt  sie  eine  Fülle  des 
Interessanten.     Bemerkenswert  ist  u.  a.  das  Diktum  in  Kapitel  14: 

„Nam  oninis  scientia  que  dependet  ab  operatione  multum  corrohoratur  per 
experientiam." 

Eigentliche  Neuerungen  finden  sich  hier  allerdings  nicht.  Selbstver- 
ständlich bewegt  sich  Lanfranchi  wie  alle  seine  Kollegen  mit  den  allgemein 
pathologischen  Ausführungen  ganz  im  humoralen  Geleise ,  was  besonders 
bei  der  Methode  der  Abscessbehandlung  hervortritt.  Hier  wird  zunächst 
die  ,,ßepercussion"  d.  h.  Zurücktreibung  bezw.  Verteilung  der  Materie 
angestrebt,   die  in  den  bekannten  9  Fällen  kontraindiziert  ist : 

„in  puero,  in  sene,  convalesccnte,  materia  multa,  furiosa,  in  emunctoriis,  in  gula 
subassellae  et  inguine,  si  apostema  fit  per  viam  derivationis  et  membrum  mandans 
nobilius  est  recipiente". 

Im  übrigen  wird  im  letzten  Kapitel  die  ganze  Serie  der  Abscessmittel 
vorgeführt:    vor    der    Repercussion    die    Evacuantia,    dann    die    simpliciter 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  725 

repercussiva  und  composita  repercussiva,  und  wenn  die  Repercussion  nicht 
gelang  oder  nicht  angängig  war,  folgten  in  üblicher  Succession  die  matura- 
tiva,  behufs  Eröffnung  des  Abscesses  die  ulcerantia  und  cauterizantia,  dann 
die  mundificativa ,  aggregativa .  conglutinativa ,  regenerativa ,  incarnativa, 
consolidativa,  cicatrizativa,  sigillativa.  —  Bei  der  Definition  des  Begriffs 
ulcus  (Kap.  12)  und  fistula  polemisiert  Lanfranchi  gegen  Roger  und  Roland; 
doch  läuft  das  auf  leere  Wortklauberei  hinaus.  In  Kapitel  11  schildert  er 
die  Wunderwirkung  des  Theriaks  gegen  Anthrax.  Soviel  von  der  Chirurgia 
parva.  — 

Weit  Inhalt-  und  ergebnisreicher  ist  entsprechend  dem  grösseren 
Umfange  die  Chirurgia  magna,  das  eigentliche  Hauptwerk 
Lanfranchis.  Sie  zerfällt  in  5  Traktate,  die  einzelnen  Traktate  in 
verschiedene  Doktrinen  und  Kapitel.  Zunächst  liefert  der  Verfasser 
eine  sehr  ausführliche  Deontologie,  bei  der  der  Einfluss  seines  Lehrers 
Saliceto  nach  Form  und  Inhalt  unverkennbar  ist.  Beiläufig  bemerkt, 
ist  dieser  Abschnitt  der  einzige,  mit  dem  sich  L.  an  seinen  Lehrer 
anlehnt;  er  ist  sonst  in  seiner  Darstellung  durchaus  selbständig,  er 
belegt  und  belebt  diese  überall  mit  einer  ebenso  interessanten  als 
reichhaltigen  Kasuistik  aus  seiner  ehemaligen  mailändischen  Praxis, 
meist  solche  Fälle  betreffend,  die  durch  Laien  oder  niedere  Chirurgen 
verpfuscht  und  durch  sein  P^ingreifen  gebessert  worden  waren.  Inter- 
essant ist  die  in  scholastischer  Manier  gehaltene  Beweisführung: 

Omnis  practicus  est  theoricns,  omnis  cyrurgicus  est  practicus,  ergo  omni» 
cyrurgicus  est  theoricus.    Major  probatnr  .  .  .  minor  prohatur  .  .  .  patet  ergo  etc. 

Verknüpft  ist  diese  Deontologie  mit  ausgedehnten  allgemein  bio- 
logischen Betrachtungen  über  die  Elemente,  Qualitäten,  Komplexionen  etc. 
Doctr.  II  Tr.  1  enthält  in  einem  Kapitel  eine  allgemeine  Anatomie; 
die  spezielle  wird  bei  den  einzelnen  Kapiteln  der  Organpathologie  er- 
örtert. Tr.  I  doctr.  III  beschäftigt  sich  mit  den  Wunden  und  Ge- 
schwüren. Hier  ist  aus  Kap.  3  besonders  bemerkenswert  die  Em- 
pfehlung der  direkten  Nervennaht  (im  Gegensatz  zu  Theoderich), 
die  Betonung  des  Einflusses,  welchen  die  Luft  auf  die  Eiterbildung  in 
Wunden  ausübt,  die  Methoden  der  Blutstillung  (Kap.  9),  speziell  die 
Digitalkompression  und  Torsion  der  Gefässe.  Die  Schilderung  der 
Wundbehandlung,  Naht,  Blutstillung  etc.  ist  ebenso  sorgfältig  wie  ein- 
gehend. Je  nach  den  Modifikationen  der  Diätetik  und  der  sogenannten 
„Wundtränke"  unterscheidet  er,  wie  alle  seine  Genossen,  verschiedene 
Schulen  und  Sekten.  Offenbar  erging  es  damit  den  Chirurgen  bezüg- 
lich der  accidentellen  Wundkrankheiten  m.  m.  ähnlich  wie  den  Aerzten 
in  der  vor- Semmel weisschen  Periode  mit  dem  Puerperalfieber.  In 
ihrer  Unkenntnis  der  wahren  Natur  dieser  Affektioneii  suchten  sie 
peinlich  die  Diät  zu  regulieren  und  zu  modifizieren,  weil  sie  damit 
eine  der  Ursachen  der  Krankheit  zu  treffen  bezw.  zu  beseitigen 
hofften.  Die  Ulcera  teilt  Lanfranchi  ein  in  virulenta,  sordida,  profunda, 
corrosiva,  putrida,  ambulativa  und  difficilis  consolidationis.  —  Mit 
Traktat  II  beginnt  die  spezielle  Organpathologie,  bei  jedem  Kapitel 
von  einer  kürzeren  chirurgischen  Anatomie  eingeleitet.  In  Kapitel  1 
werden  die  diagnostischen  Hilfsmittel  bei  einer  unkomplizierten 
Schädelfraktur  erörtert,  der  rauhe  klirrende  Ton  beim  Perkutieren 
der  Schädeldecke  mit  einem  Stäbchen,  die  Schmerzempfindung  des 
Patienten,  wenn  an  einem  von  diesem  mit  den  Zähnen  gehaltenen 


726  Julius  Pagel. 

Faden  mit  den  Nägeln  geschabt  wird.  —  Sehr  treifend  und  vollständig 
werden  die  Hirnsyniptome  bei  Schädelbruch  abgehandelt.  (Die  Dar- 
stellung leitet  er  mit  einem  Gebet  an  den  heiligen  Geist  ein,  dieser 
möchte  ihm  bei  der  ungeheuren  Differenz  der  Lehrmeinungen  und  der 
Schwierigkeit  des  Gebiets  ein  zuverlässiger  Führer  sein.)  Die 
Trepanation  ist  nach  Lanfranchi  nur  bei  Depression  eines  Fragments 
und  bei  Reizung  der  Dura  erforderlich.  Sie  bildet  einen  gefährlichen 
Eingriff,  zu  dem  man  ohne  Not  nicht  übergehen  soll.  Er  berichtet, 
dass  sein  Kollege  Anselm  von  Janua  bei  jeder  möglichen  Gelegenheit 
trepaniere  und  damit  viel  Geld  zusammenscharre.  Lanfranchi  setzt 
hinzu:  Ego  tarnen  scio  quod  plures  per  hanc  viam  in  ejus  manibus 
moriuntur.  Die  Erzählung  von  Wiederanheilung  eines  abgeschnittenen 
oder  abgehauenen  Nasenstücks  erklärt  er  als  Lüge  (,.quod  est  maximum 
mendacium").  Bei  schweren  Verletzungen  der  grossen  Bauchorgane 
(Kap.  8)  rät  er  die  Uebernahme  der  Behandlung  nur  einem  bekannten 
und  wohlrenommierten  Chirurgen ;  ein  aus  der  Fremde  zugereister  und 
im  Ruf  nicht  gesicherter  Wundarzt  solle  seine  Hand  davon  lassen.  — 
Traktat  III  ist  in  Doctr.  I  den  Hautkrankheiten  gewidmet.  Bei  der 
Definition  der  Impetigo,  morphea,  serpigo  und  albarras  erwähnt  er  die 
Meinungsverschiedenheiten  zwischen  den  Salernitanern  einer-  und  den 
Griechen  bezw.  Arabern  andererseits.  —  Der  Lepra  ist  Kapitel  7  ge- 
widmet; jedoch  übei'geht  er  die  eigentliche  Behandlung  als  nicht 
unter  di6  Aufgaben  des  Chirurgen  fallend.  —  Doctr.  II  handelt  von 
der  Abcesslehre.  Bei  der  Kur  des  Anthrax  kommt  er  wieder  auf  den 
in  der  Chir.  parva  empfohlenen  Bericht  zurück;  auch  die  Wirkung 
der  scabiosa  weiss  er  nicht  genug  zu  rühmen.  —  Wie  sehr  Lanfranchi 
von  der  Notwendigkeit  überzeugt  ist,  im  didaktischen  Interesse  wirk- 
lich erlebte  Fälle  aus  der  Praxis  einzuflechten,  beweist  der  Passus: 

„El  qnoniam  bona  rasiium  narratio  viultnm  corrohorat  operantem,  ponam  in 
hoc  loco  quod  viihi  accldit  in  civitate  Mediolnni  etc.  " 

Ein  gut  gewähltes  Beispiel  ersetzt  also  auch  nach  Lanfranchi 
lange  dogmatische  Belehrung.  —  Sehr  ausführlich  ist  die  Abhandlung 
von  den  Gelenkschmerzen  (Kap.  17),  die  in  Anlehnung  an  einen  „Über 
sacer  (?)  Rasis"  erfolgt;  er  rechtfertigt  seine  Ausführlichkeit  mit  der 
Thatsache,  dass  oft  gerade  hierbei  die  Hilfe  des  Chirurgen  be- 
ansprucht Averde;  nicht  selten  hätten  sich  dabei  sonst  gute  und 
bewährte  Aerzte  als  Ignoranten  erwiesen.  —  In  Doctr.  III  folgen  die 
Affektionen  der  Augen,  Ohren,  des  Mundes,  der  Nase,  Zahnkrank- 
heiten, Krankheiten  der  Brustdrüse,  Bauchfellverletzungen,  Hernien, 
wobei  er  vor  der  Radikaloperation  warnt,  die  oft  ohne  jeden 
zwingenden  Grund  nur  schnöden  Geldgewinnes  halber  unternommen 
werde : 

„0  miser  niedicc  qui  pro  pecunia  p>onis  corpus  humaniim  in  mortis  periculo  .  .  . 
Tu  vcro  pro  misera  ijecnnia  ponis  creatumin  mortis  articulo  qui  cum  sua  crepatura 
posset  vivus  vsqrie  ad  ultimum  sue  etatis  terminum  conservari.'^ 

Man  könne  sich  mit  Bruchbändern  sehr  gut  behelfen.  Die 
Lithiasis  (Kap.  8)  ist  nicht  übel  beschrieben;  freilich  tritt  hier  die 
scholastische  Darstellung  wie  überall  da  in  den  Vordergrund,  wo  die 
Grenzgebiete  der  inneren  Medizin  gestreift  werden.  Quaestiones, 
dubitationes  und  deren  solutiones  spielen  hier  wieder  eine  gewisse 
Rolle.    Beim  Nierenstein  legt  er  den  Hauptwert  auf  die  Prophylaxe; 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  727 

gegen  ßlasenstein  versucht  er  es  zunächst  mit  innerlichen  Mitteln, 
bevor  er  zur  Extraktion  schreitet.  Doch  verhält  er  sich  gegenüber 
dem  Steinschnitt  möglichst  vorsichtig  und  verteidigt  sich  gegen  den 
Vorwurf  der  Operationsscheu  bezw.  der  Ungeschicklichkeit,  indem  er 
mit  einer  gewissen  Emphase  ausruft: 

0  quotiens  qnidmn  volentes  nie  mordere  dente  canino  de  me  tales  curas  di- 
miffente  dixerunt  quod  ego  curas  illas  dimittebem,  quia  curationis  magisterium 
ignoraham.  Hoc  idem  dicebant  de  ruptorum  incisione  et  ydropicorum,  quorum 
cur  am  .  .  .  propter  pericula  dimittebam. 

Also  nur,  um  den  Patienten  nicht  leichtsinnig  zu  gefährden, 
meidet  er  die  Operation  ebenso  wie  die  Paracentese  des  Abdomen  bei 
Hydrops,  von  dem  er  (Kap.  10)  die  bekannten  Formen  der  „hyposarcha". 
„asclites"  und  „tympania"  unterscheidet.  Der  Schluss  der  Doctr.  Ilt 
bezw.  des  ganzen  Traktats  III  handelt  vom  Aderlass,  Schröpfköpfen, 
Blutegeln,  von  den  Kauterien  (sehr  ausführlich  nebst  zahlreichen  Ab- 
bildungen) und  von  Verbrennungen.  Trakt.  IV  behandelt  in  2  Dok- 
trinen mit  je  7  und  5  Kapiteln  die  Frakturen  und  Luxationen, 
Traktat  V  enthält  als  „Antidotarium"  die  übliche  chirurgisch-pharma- 
kologische  Zusammenstellung. 

Lantranchi  gehört  zweifellos  zu  den  Grössen  der  mittelalterlichen 
Ohirui  gie.  Er  muss  als  der  eigentliche  Begründer  der  französischen 
Chirurgie  augesehen  werden,  da  Monde\ille  und  Guy  de  Chauliac 
später  wirkten  und  direkt  oder  indirekt  bei  ihm  in  die  Schule  ge- 
gangen sind.  Begeistert  für  die  Würde  und  Bedeutung  seiner  Kunst 
erstrebte  er  für  diese  eine  streng  wissenschaftliche  Basis  und  trat  mit 
Energie  für  die  Vereinigung  der  Chirurgie  mit  der  inneren  Medizin 
ein.  Er  war  ein  tüchtiger  und  glücklicher  Praktiker,  auf  eigenen 
Füssen  stehend,  nüchtern  denkend  und  beobachtend,  im  Operieren  mehi- 
vorsichtig  als  kühn,  ehrlich,  aller  Polypragmasie  abhold  und  nicht 
direkt  messerlustig,  dabei  als  Mensch  eine  durch  Religiosität,  lautere 
Gesinnung  und  politisches  Martyrium  imponierende  Persönlichkeit.  — 
(Eine  monographische  Würdigung  von  Lanfranchi  ist  ein  dringendes 
litterarisches  Bedürfnis.) 

Die  von  ihm  gestreute  Saat  hat  reiche  Früchte  getragen.  Die 
nachfolgenden  bedeutenden  französischen  Chirurgen  wandeln  zum 
grossen  Teil  in  seinen  Spuren,  der  beste  Beweis  für  die  nachhaltigen 
Folgen  seiner  Wirksamkeit  als  Lehrer.  —  Chronologisch  am  nächsten 
steht  ihm 

Heinrich  von  Mondeville 

der  erste  namhafte  autochthone,  französische,  d.  h.  auf  französischem 
Boden  entsprossene  Chirurg.  In  der  ganzen  grossen  Chirurgengruppe 
des  12. — 14.  Jahrhunderts  ist  Mondeville  vor  allem  der  Scholastiker, 
der  echte  Gelehrte  unter  den  Wundärzten,  „nutritus  iuter  philosophos" ; 
wie  ihn  Guy  de  Chauliac  nennt.  Sein  schriftstellerisches  Gewissen, 
fühlt  sich  nicht  eher  befriedigt,  als  bis  er  seinen  „per  notabilia", 
d.  h.  nach  dem  Muster  der  hipppokratischen  Aphorismen  in  einzelnen 
Lehrsätzen  abgefassten  „nudus  tractatus''  noch  mit  allerlei  gelehrten, 
an  Citaten  und  Belegstellen  reichen  „declarationes"  („interlineares 
und  praeambulae"',  einleitenden  und  zwischen  den  Zeilen  eingefügten), 
sowie  den  üblichen  appendiciären  „declarationes  obscurorum  et  obscura 
tangentium"  ausgestattet  hat.  Autoritäten  glauben  ist  ihm  ganz  im 
Geiste  seiner  Zeit  nicht  nur  nicht  auffallend,  sondern  im  Gegenteil 


728  Julius  Pagcl. 

conditio  sine  qua  non,  von  der  sich  zu  emanzipieren  ihm  gewiss  einem 
schweren  Verbrechen  gleich  gedünkt  hätte.  Ausdrücklich  adoptiert  er 
die  Sentenz  des  Galen:  die  Epigonen  gleichen  Zwergen,  die  auf  den 
riesenhaften  Schultern  der  Vorgänger  stehen.  In  der  Einleitung  zu 
seinem,  leider  unvollendeten  Lehrbuch  erklärt  er,  dass  er  Avicenna 
für  die  Anatomie,  Theoderich  (den  er  übrigens  113  mal  citiert)  für  die 
Wundbehandlung  Lanfranchi,  (der  17  mal  erwähnt  wird)  für  den  Ab- 
schnitt über  Geschwüre  und  die  übrigen  Teile  der  chirurgischen 
Pathologie  und  Therapie  als  die  besten  Muster  zu  Grunde  legen 
wolle  („nitebatur  de  Theoderico  et  Lanfranco  facere  matrimonium" : 
Guy  de  Chauliac).    Aber,  fügt  Mondeville  hinzu, 

j,quoniam  in  humanis  operibus  nihil  fit  omnino  j^erfectum  immo  successores  juniores 
quandoque  predecessorum  suorum  majorum  editiones  cxcellentissimas  meliorant  et 
corrigunt  et  decorant  supperaddendo  ea  etc. 

darum  könne  und  wolle  auch  er  aus  eigener  Erfahrung  und 
Beobachtung  manches  in  seinem  Buche  obenauf  geben.  Die  Art,  wie 
das  geschieht,  zeigt  Mondeville  als  ebenso  bescheidenen  wie  eigener 
Wege  fähigen  Autor.  Die  Entschiedenheit,  mit  der  er  einer  ganzen 
Clique  beschränkter  reaktionärer  Genossen  in  der  Frage  der  eiterungs- 
losen Wundbehandlung  opponiert,  die  Energie,  mit  der  er  in  Ver- 
fechtung seiner  Ansichten  weit  über  den  Vater  dieser  Methode,  seinen 
Lehrer  Theoderich,  hinausgeht,  beweist,  dass  Mondeville  ein  vorurteils- 
los denkender  Kopf  ist,  der  mit  praktischer  Routine  die  Fähigkeit 
nüchterner  Beobachtung  verbindet.  Gerade  hierin,  indem  abweichenden 
Standpunkt,  betreffend  die  Wundbehandlung,  liegt  seine  historische 
Bedeutung.  Hatte  ferner  Lanfranchi  die  Erzählung  von  wieder  an- 
geheilten Nasenspitzen  für  eine  Lüge  erklärt,  so  teilt  demgegenüber 
Mondeville  eine  Krankengeschichte  aus  der  Praxis  seines  Senior- 
kollegen Pitard  mit,  die  dennoch  die  von  Lanfranchi  geleugnete 
Möglichkeit  beweist.  Sicher  ist  sein  Werk  eine  Kompilation  im 
besseren  Sinne,  namentlich  in  den  rein  theoretischen  Teilen,  welche 
die  humoralpathologischen  Lehren  betreffen,  Aetiologie,  Einteilung, 
Diagnose,  Behandlung  der  Abscesse,  Lepra,  Hautaffektionen,  das 
Kapitel  von  der  sogen,  decoratio  etc.  Aber  überall  leuchtet  das 
Streben  nach  einer  gewissen  Selbständigkeit  durch.  Das  beweist  die 
Ausführlichkeit,  namentlich  des  deontologisch-methodologischen  Teils, 
die  Erläuterung  der  sogen.  „Contingentia",  d.  h.  der  zur  erfolgreichen 
wundärztlichen  Thätigkeit  erforderlichen  Voraussetzungen  bezüglich 
der  Person  des  Wundarztes,  des  Kranken  und  seines  Milieus,  die 
ebenso  klare  als  gründliche  Schilderung  des  „modus  novus  noster"  der 
Wundbehandlung  und  ihrer  Vorzüge  gegenüber  den  älteren  Methoden^ 
die  Ausstattung  des  pharmakologischen  Anhangs,  des  sogen.  Antidotarium, 
mit  einem  sehr  gelehrten  Kapitel  über  die  Synonyma  und  die  Ersatz- 
mittel etc.,  so  dass  das  Werk  trotz  des  fragmentarischen  Charakters 
und  des  Mangels  der  speziell  chirurgischen  Pathologie  dennoch  in  der 
mittelalterlich  chirurgischen  Litteratur  einen  achtunggebietenden  Rang 
beansprucht. 

Heinrich  von  Mondeville  (Henricus  de  Amondavilla,  Mondavilla,  Hermon- 
davilla)  stammt  wahrscheinlich  aus  einem  Oertchen  in  der  Normandie ;  doch 
giebt  es  ia  Frankreich  noch  mehrere  Ortschaften  Namens  Mondeville,  so  dass 
also  die  Heimat  nicht  ganz  sicher  ist.  Für  die  Normandie  spricht,  dass 
Mondeville    öfter    normannische    Vulgärausdrücke   anführt.       (Uebrigens    ist 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  729 

unser  Autor  nicht  mit  dem  bekannten  Reisenden  Jean  de  Mandeville,  dem 
Autor  einer  Reisebeschreibung  zu  verwechseln,  die  nach  neueren  Forschungen 
ein  Plagiat  einer  von  Jean  ä  la  Barbe  oder  Joh.  de  Burgundia  herrührenden 
Schrift  ist;  vgl.  Steinschneider,  Hebr.  Uebers.  und  die  daselbst  angegebenen 
Quellen.)  Die  Geburtszeit  von  Mondeville  lässt  sich  nur  vermutungsweise 
bestimmen;  sie  fällt  wahrscheinlich  in  das  6.  7.  Decennium  des  13.  Jahr- 
hunderts. Wann  und  wo  er  studiert  hat,  ist  gleichfalls  unbekannt.  Vielleicht 
liegt  die  Annahme  nicht  zu  fern,  dass  Mondeville  in  Bologna,  dem  Haupt- 
sitz der  Scholastik,  seine  Studien  gemacht  hat  oder  auch  an  einer  anderen 
italienischen  Universität.  Dass  er  vorübergehend  (vielleicht  bei  der  Rück- 
kehr aus  Italien  in  seine  Heimat)  1304  in  Montpellier  ,,ad  instantiam  (auf 
Drängen)  quoiundam  venerabilium  scolarium  medicine"  Anatomie  demon- 
striert hat,  ist  über  allen  Zweifel  erhaben.  Vielleicht  hat  er  hier  auf  eine 
Berufung  gehofft.  Da  er  jedoch  in  den  bezüglichen  Dokumenten  bereits 
als  ,,illustri8simus  regis  Francorum  cyrurgicus"  (nämlich  Philipps  des 
Schönen  1285—1314)  figuriert,  so  liegt  auch  die  Möglichkeit  vor,  dass 
Mondeville  auf  einer  Exkursion  von  Paris  nach  Montpellier  (vielleicht  im 
Gefolge  des  Königs)  sich  hier  einige  Zeit  aufgehalten  hat.  1306  begann 
er  in  Paris  seine  auf  5  Traktate  berechnete  ,,Cyrurgia"  niederzuschreiben, 
nachdem  er  dieselbe  öffentlich  gelehrt  hatte.  Doch  ist  er  zunächst  über 
die  ersten  beiden  Traktate  (Anatomie,  Wunden  und  Geschwüre)  nicht  hinaus- 
gekommen, die  er  1312  vollendet  hatte.  Seine  Teilnahme  an  einem  Feld- 
zuge an  der  nördlichen  Küste  und  umfangreiche  praktische  Geschäfte 
zwangen  zur  Unterbrechung  der  Arbeit.  Bei  der  späteren  Wiederaufnahme 
erfolgte  zunächst  die  Revision  und  Erweiterung  von  Tr.  II  speziell  im 
einleitenden  Teil.  Von  einer  chronischen  Lungeukrankheit  (,,asma,  ptisis'*) 
in  seiner  besten  Kraft  gelähmt,  musste  Mondeville  nach  Beendigung  von 
Tr.  III  (Dermatologie,  Abscesslehre)  schleunigst  auf  Wunsch  seiner  Freunde 
zum  Antidotarius  übergehen  und  dann  die  Feder  niederlegen ;  die  spezielle 
Pathologie,  zu  der  er  Einleitung  und  Einteilung  bereits  entworfen  bezw.  nieder- 
geschrieben hatte,  sowie  das  Kapitel  über  Luxationen  und  Frakturen  sind 
nicht  zu  Stande  gekommen. 

Vgl.  Pagelf  Die  Anatomie  des  Heinrich  von  Mondeville  {Berlin  1889);  Der- 
selbe, Leben,  Lehre  und  Leistungen  des  Heinrich  von  Mondeville  Tl.  I.  Die 
Chirurgie  des  H.  v.  M.  nach  Berliner,  Erfurter  u.  Pariser  Codices  etc.  [Berlin  1892); 
französ.  Ausgabe  von  E.  Nicaise  (Paris  1893);  Derselbe,  Noch  einmal  die  Chir. 
des  H.  V.  M.  (v.  Langenbecks  Archiv  XLIV,  1);  Derselbe,  Wundbehandlung  im 
Alter thum  u.  Mittelalter  (D.  Med.  Ztg.  1891  Xr.  101);  Derselbe,  Die  chir.  Hodegetik 
u.  Propädeutik  des  H.  v.  M.  {ib.  1892);  Derselbe,  Die  erste  bekannte  Empfehlung 
des  Magnets  in  der  Chir.  {Allg.  Med.  C.-Ztg.  1897  Xr.  101;  Xachtrag  ib.  1898  Xr.  1). 
Dazu  eine  grosse  Beihc  Berliner  Dissertationen  seit  dem  Jahre  189-5,  toelche  die 
deutsche  Uebersetzung  der  Chirurgie  nebst  einleitenden  Bemerkungen  und  Er- 
klärungen bringen;  A..  Dos,  La  Chirurgie  de  maitre  Henri  de  M.  Traduction 
contcmporaine  de  Vauteur  imbliee  d'apres  le  ms.  unique  de  la  bibliotheque  nationale. 
T.  I  u.  II,  Paris  1898. 

Bei  aller  Kompilation  verleu^et  die  Schrift  Mondevilles  auf 
keiner  Seite  Spuren  der  Originalität  des  Verfassers.  Die  Schreibweise 
ist  lebendig,  klar,  oft  packend.  Viele  eigene  Ansichten  und  Erleb- 
nisse sind  eingeflochten  und  trotz  des  grossen  gelehrten  Citaten- 
apparats  ist  die  Uebersichtlichkeit  über  die  eigentliche  Quintessenz, 
den  dogmatischen  Inhalt  der  Lehren,  kaum  beeinträchtigt.  ^Eehrere 
Codices  machen  die  Lehrsätze  durch  grosse  gothische  Lettern  von  den 
kleiner  geschriebenen  bezw.  am  Rande  notierten  erklärenden  Zusätzen 
kenntlich.  —  Dass  Mondeville  die   seit  den  Indern  nicht  mehr  er- 


730  Julius  Pagel. 

wähnte  Geschossextraktion  mittels  des  Magneten  gekannt  hat,  scheint 
nach  einigen  Stellen  nicht  zweifelhaft.  Neu  ist  bei  ihm  eine  Modi- 
fikation für  Nadel-  und  Fadenhalter,  einige  Salbenkompositionen,  eine 
Hebelvorriclitung  zur  Extraktion  von  Pfeilen  mit  Widerhaken  etc. 
Mit  der  bisherigen  Schablone  in  der  Diätbeschränkung  der  Verwun- 
deten bricht  er  definitiv,  und  wenn  er  auch  bei  Verabreichung  der 
„Pigmenta"  (Wundtränke)  als  gläubiger  Arzt  seine  gläubigen  Patienten 
die  bekannten  Psalmenverse  sprechen  lässt,  so  ist  er  dennoch  von 
allem  Aberglauben,  von  blindem  Vertrauen  auf  die  „Incantationes" 
und  „Conjurationes",  auf  die  „carmina  Damietae"  absolut  frei.  —  Eine 
solche  Operationsscheu,  wie  sie  Lanfranchi  bezüglich  der  Trepanation 
hegt,  kennt  Mondeville  nicht;  aber  auch  er  unterschätzt  die  Bedeutung 
und  Vorteile  des  expektativen  Verhaltens  bei  Schädelverletzungen  so 
wenig  wie  bei  anderen  Wunden,  bei  denen  das  „non  tentare,  non 
probare"  seine  summa  lex  ist.  Was  er  über  den  Wert  der  Wall- 
fahrten und  Wunderkuren  sagt,  ist  heute  noch  wahr  und  beherzigens- 
wert. Am  hervorragendsten  ist  seine  wundärztliche  Politik.  Hier 
rangiert  er  schriftstellerisch  und  didaktisch  an  der  Spitze  aller  seiner 
Vorgänger  und  Nachfolger. 

Die  Leistungen  Mondevilles  erstrahlen  in  noch  hellerem  Glänze 
bei  der  Erwägung,  dass 

Guy  de  Chauliac, 

der  von  der  Geschichte  als  hervorragendster  anerkannte  Chirurg  dieser 
Epoche,  zum  nicht  geringen  Teile  auf  den  Schultern  Mondevilles  ruht. 
Er  ist  zwar  durchaus  weder  sein  unmittelbarer  noch  mittelbarer 
Schüler,  aber  die  86  Citate  aus  mag.  Henricus  beweisen,  dass  und  wie 
sehr  Guy  von  diesem  gelernt  hat.  Allerdings  sind  einige  Chirurgen 
noch  öfter  genannt  (Abulkasim  175,  Lanfranchi  102,  Eoger  ,92mal), 
aber  ihre  Lehren  werden  vielfach  eher  bekämpft  als  gebilligt,  und 
bezüglich  des  Henricus  ist  zu  bedenken,  dass  sein  Werk  nur  ein 
Fragment  geblieben  ist,  die  Citate  also  nach  Verhältnis  ergiebiger 
ausgefallen  wären,  falls  nicht  Mondeville 'die  Beendigung  seiner  Schrift 
von  einem  ungünstigen  Schicksal  versagt  geblieben  wäre. 

Die  Kenntnis  der  Lebensgeschichte  Guys,  die  sich  bisher  nur  auf 
autobiographische  Daten  an  verschiedenen  Stellen  seines  grossen  Werks 
stützte,  ist  durch  wertvolle,  von  seinem  letzten  Herausgeber,  dem  1896  ver- 
storbenen Pariser  Chirurgen  Ed.  Nicaise ,  eruierte  Dokumente  nicht  un- 
wesentlich ergänzt  und  bereichert  worden.  Danach  stammte  Guy  de 
Chauliac  (Guigo  de  Chaulhaco)  aus  dem  kleinen  in  le  Gevaudau  auf  der 
Hochebene  des  Mont  Morgerine  unweit  von  Mende,  der  Hauptstadt  einer 
gleichnamigen  Diözese,  an  der  Grenze  der  Auvergne  belegenen  Dorf  Chaulhac. 
Das  Geburtsjahr  ist  nicht  bekannt,  liegt  aber  sicher  nicht  weit  jenseits  des 
letzten  Jahrzehnts  des  13.  Jahrhunderts;  denn  1325  führt  G,  der  seine 
Studien  erst  relativ  spät  beginnen  konnte,  den  Titel  eines  Magister;  auch 
erklärt  er  ausdrücklich  in  dem  bekannten  historischen  Einleitungskapitel 
(„capitulum  singulare")  seines  Hauptwerks,  dass  er  dasselbe  „ad  solatium 
senectutis"  niederschreibe,  und  das  war  1363.  Die  Angabe  einiger  Historiker 
(u.  a.  auch  Haesers),  dass  Guy  die  Kathedralschule  in  Mende  besucht 
habe,  kann  deshalb  nicht  richtig  sein,  weil  diese  Schule  erst  zu  Ende  des 
14.  Jahrhunderts  vom  Papst  TJrban  V.  gegründet  wurde.  Wahrscheinlich 
erhielt  er   jedoch  hier    seinen    ersten  Unterricht    bei    einem  Geistlichen  und 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  731 

wurde  nach  damaliger  Sitte  schon  frühzeitig  zum  ,, Kleriker"  d.  h.  für  die 
höhere  Laufbahn  bestimmt.  Die  eigentliche  Fachausbildung  erhielt  er  in 
Toulouse  und  Montpellier.  Mehrmals  spricht  er  von  einem  ,,magister  mens 
ptolosanus"  (Nicolaus  Cathalanus)  und  ,.mag.  mens  Montispessulani".  Es 
ist  anzunehmen,  dass  Guy  zunächst  bei  einem  Chirurgen  in  Toulouse  in 
die  Lehre  getreten  ist  und  später  sich  nach  Montpellier  gewandt  hat,  wo 
er  mehrere  Lehrer  besessen  haben  muss.  Er  nennt  als  solche  „Raymundus" 
(der  um  1334  Kanzler  der  Universität  war),  siecher  der  bereits  p.  687  als 
Verf.  einer  bisher  unedierten  Schrift  ..de  sterilitate"  erwähnte  ßaym.  de 
Moleriis  (de  Molieres)  ferner  ,,Bonetus,  filitis  Lanfranci".  Fest  steht  weiter, 
dass  Guy  von  Montpellier  nach  Bologna  gegangen  ist  und  hier  beim  Nach- 
folger des  Mundino,  dem  schon  (p.  671)  erwähnten  Bartuccius  anatomischen 
Unterricht  erhalten  hat  (er  schildert  genau  die  Handhabung  desselben, 
speziell  die  bekannte  Reihenfolge  bei  einer  Sektion).  Vielleicht  hat  Guy 
hier  auch  noch  bei  einem  von  ihm  citierten  mag.  Albertus  gehört.  Dieser, 
u.  a.  auch  von  Boccaccio  erwähnte  Arzt,  las  und  kommentierte  die  Aphorismen 
des  Hippokrates.  Auf  einen  Aufenthalt  Guys  in  Paris  lässt  vielleicht  die  That- 
sache  schliessen,  dass  er  des  dortigen  Chirurgen  Petrus  de  Argenteria  gedenkt. 
"Wo  er  seine  Approbation  als  ,,cyrurgicu8",  ,,magister  in  medicina''  erlaugt  hat, 
ob  hier  in  Paris  oder  vielleicht  schon  vorher  in  Montpellier,  ist  ungewiss. 
Ebensowenig  ist  Näheres  über  den  demnächstigen  Niederlassungsort  bezw.  den 
Schauplatz  seiner  ersten  ärztlichen  Wirksamkeit  bekannt.  Er  selbst  sagt: 
,,et  per  multa  tempora  operatus  fui  in  multis  partibus''.  —  Ein  längerer 
Aufenthalt  in  Lyon  wird  von  Guy  selbst  erwähnt.  Aus  einem  von  Nicaise 
ans  Licht  gezogenen  Dokument  ergiebt  sich,  dass  er  1344  als  Kanonikus 
an  einem  Capitel  in  St.  Just  bei  Lyon  teilnahm.  Zur  Zeit  des  Ausbruchs 
des  schwarzen  Todes  (1348)  war  G.,  gleichfalls  nach  eigener  Mitteilung 
(cfr.  Tr.  II  Doctr.  II  cap.  5  de  apostematibus  pectoris  bezw.  transgressio 
de  mortalitate)  als  Leibarzt  beim  Papst  Clemens  VI.  in  Avignon  thätig. 
Unzweifelhaft  hat  er  hier  den  überwiegenden  Teil  seiner  Lebenszeit  zu- 
gebi-acht.  Im  Einleitungskapitel  bezeichnet  er  sich  mit  einer  gewissen 
Emphase  als  ,,medicus  et  capellanus  commersalis  domini  nostri  papae 
Urbani  V",  der  damals  im  1.  Jahre  seines  Pontifikats  stand.  Nach  sicheren 
Urkunden  war  Guy  in  dieser  Eigenschaft  schon  seit  1352  bei  Innocenz  VI. 
installiert,  der  ihm  1353  als  Entgelt  das  mit  einer  Pfründe  verknüpfte 
Kanonikat  in  Reims  verlieh.  Im  ganzen  hat  also  Guy  3  Päpsten  (Clemens  VI., 
Innocenz  VI.  und  Urban  V.)  ärztliche  Dienste  geleistet.  Als  der  letzt- 
genannte 1367  nach  Rom  übersiedelte,  ist  ihm  Guy  dahin  nicht  gefolgt 
und  bei  der  Rückkehr  des  Papstes  nach  Avignon  (1370)  weilte  er  nicht 
mehr  unter  den  Lebenden.  In  dieser  Zeit  also,  von  1367 — 1370,  muss 
sein  Tod  erfolgt  sein. 

Uehrigens  xmr  Guy  selbst  6  Wochen  an  der  Bubonenpest  lebensgefährlich  er- 
krankt. Die  von  einigen  gemeldete  Notiz,  dass  Guy  mit  Petrarka,  der  eine  Zeitlang 
in  Avignon  gelebt  hat,  verfeindet  gewesen  sei,  ist  irrtümlich.  Petrarkas  Spott  (in 
einem  seiner  Briefe)  über  eitlen  „zahnlosen,  ans  dem  Gebirge  stammenden  Gi'eis" 
bezieht  sich  nicht  auf  Guy,  sondern  auf  dessen  Kollegen  am  Hofe  Clemens  VI.,  den 
„Physikus'^  Jean  d'Alais. 

Ausser  dem  schon  erwähnten  grossen  Lehrbuch  der  Chirurgie  u.  d.  T. 
,,Cyrurgia  magistri  Guidonis  de  Cauliaco  dicta  inventarium  seu  collectorium 
cyrurgie  edita  anno  dni  1363  in  preclaro  studio  montispessulani"  hat  Guy 
noch  mehrere  kleinere  Schriften  verfasst,  einen  ,,libellus  de  astrologia",  über 
Hernien ,  über  Katarakt ,  de  con  junctione  animalium  ad  se  invicem ,  de 
conjunctione    plantarum   ad    se  invicem,    Lapidarius    und    Consilia.  —  Dass 


732  Julius  Pagel. 

Guy  mit  Vorliebe  Chirurg  war,  beweist  die  Ehrfurcht,  mit  der  er  wieder- 
holt von  den  ,,domini  physici"  spricht  und  die  Warnung  an  seine  Genossen 
vor  UebergrifFen  in  die   Kompetenzen  der  Mediker. 

Guy  de  Chaiüiac  bedeutet  in  Bezug  auf  den  Gesamtinhalt  seiner 
Lehren  und  das  pragmatische  Ergebnis  seiner  Schriftstellerei  durchaus 
keinen  eigentlichen  Fortschritt  gegenüber  seinen  Vorgängern  Theoderich, 
Saliceto,  Lanfranchi  und  Mondeville,  im  Gegenteil  in  manchen  Be- 
ziehungen z.  B.  bezüglich  der  eiterungslosen  Wundbehandlung  und 
anderer  Neuerungen,  denen  er  recht  skeptisch,  ja  hyperkritisch  gegen- 
übertritt, sogar  einen  gewissen  Rückschritt.  Auch  er  weicht  nicht 
um  Haaresbreite  von  den  allgemein  pathologischen  Doktrinen  und  An- 
schauungen seiner  Zeit  ab,  auch  bei  ihm  sind  ganz  dieselben  Ein- 
teilungen, Aetiologie,  Diagnose  etc.  der  Abscesse,  auch  er  citiert  viele 
hunderte  Male  Galen  und  Avicenna  (weit  über  800  bezw.  600  mal 
übrigens  Galen  nicht  direkt  nach  dem  Original,  sondern  teils  nach 
einer  „graeca",  teils  nach  einer  „arabica  translatio");  auch  bei  ihm 
sind  noch  astrologische  Einflüsse  (z.  B.  bezüglich  der  Aetiologie  der 
Bubonenpest,  cfr,  seine  Schrift  „de  astrologia")  und  anderer  thera- 
peutischer Irrwahn  vertreten,  und  w^enn  er  seinen  Vorgängern  das 
bekannte  „sequuntur  se  sicut  grues"  vorwurfsvoll  nachsagt,  so  kann 
man  ihm,  ohne  ihm  irgendwie  zu  nahe  zu  treten,  mit  Bezug  auf  den 
eigentlichen  Inhalt  seiner  Lehren  mit  dem  „de  te  fabula  narratur" 
erwidern.  Trotz  alledem  und  alledem  besitzt  Guy  de  Chauliac  an- 
erkanntermassen  eine  eminente  historische  Bedeutung.  Unzweifelhaft 
bildet  sein  Werk  in  der  durchaus  selbständigen  Form,  in  der  vorher 
noch  von  keinem  erreichten  Vollständigkeit  den  Höhepunkt  der  mittel- 
alterlichen Chirurgie  und  für  lange  Zeit  eine  Art  von  Abschluss.  Es 
stellt  sich  in  dieser  Beziehung  dem  Mondinoschen  Kompendium  der 
x^natomie  an  die  Seite  und  ist  thatsächlich  bis  zu  Pares  Auftreten 
das  gebräuchlichste  und  geläufigste  Lehrbuch,  ein  veritabler  „Guidon" 
der  Wundheilkunde  gewesen.  Dazu  lernen  wir  aus  demselben  den 
Autor  persönlich  als  erfahrenen  und  gewandten  Operateur,  als  viel- 
seitig gebildeten  und  gelehrten  Mediker  und  als  einen  Mensch  von 
lauterster  Gesinnung  kennen.  Einen  nicht  geringen  Vorzug  bildet  sein 
kritisch-historischer  Sinn,  der  besonders  im  Einleitungskapitel,  aber 
auch  an  vielen  anderen  Stellen  seines  Buches  hervortritt. 

"Welche  Bedeutung  Guys  Werk  besitzt,  beweist  die  grosse  Zahl  von 
Handschriften ,  Originalausgaben  und  Uebersetzungen ,  die  bis  jetzt  vor- 
liegen. Bezüglich  der  Bibliographie  und  weiterer  litterarischer  Mitteilungen 
muss  ein  für  alle  Male  auf  die  schöne  Ausgabe  von  Nicaise  verwiesen 
werden.  Zwei  Codices,  die  hier  nicht  erwähnt  sind,  besitzt  die  Erfurter 
Bibliothek  (F  283  und  Q,  205);  wegen  der  hebr.  üeberss.  vgl.  Stein- 
schneiders Monumentalwerk  p.  802.  —  Dass  es  sich  bei  dem  Werk  auch 
um  kompilatorische  Arbeit  handelt,  giebt  Guy  selbst  zu,  aber  er  bemerkt 
gleichzeitig,  dass  er  auch  Eigenes  („que  juxta  modicitatem  mei  ingenii 
utilia  reputavi")  bringe.  Gewidmet  ist  das  Werk  „vobis  dominis  meis 
medicis  Montispessulani ,  Bononie ,  Parisius  atque  Avinionis  precipue 
papalibus   quibus  me  in  servitio  Romanorum  pontificura   associavi". 

Ay.f  die  Einleitung  folgt  das  berühmte  „capitulum  singulare'''  mit  einer  hiuppen, 
aber  äusserst  wertvollen  historischen  Skizze  und  einer  methodologischen  Betrachtung 
über  den  Begriff  und  die  Bedeutung  der  Chirurgie,  Pflichten  und  Eigenschaften 
eines  guten  Chirurgen,  die  zu  einer  gedeihlichen  Wirksamkeit  erforderlichen  Voraus- 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  733 

Setzungen  etc.  Daran  schliessen  sich  Plan  und  Einteilung  nebst  Inhaltsverzeichnis 
des  Werks,  das  in  7  Traktate  mit  verschiedenen  Doktrinen  und  Kapiteln  gegliedert 
ist.  Tract.  I  Doctr.  1  mit  8  Kapiteln  enthält  eine  Art  allgemeiner,  Doctr.  2  mit 
8  Kapiteln  eine  spezielle  resp.  topographisch-chirurg.  Ä)iatoniie  von  Schädel,  Gesicht, 
Hals,  Rücken,  oberen  Extremitäten,  Brust,  Bauch,  Becken  und  unteren  Extremitäten 
meist  nach  Mondinos  Schule;  doch  sind  direkte  Quellenstudien  bei  Galen  und 
Avicenna.  stellenweise  auch  eigene  Untersuchungen  und  ein  Fortschritt  gegenüber' 
Mondino  unverkennbar.  An  arabischen  Ausdrücken  ist  kein  Mangel,  die  Termino- 
logie stelleniceise  noch  reichhaltiger  als  bei  Mondino.  Andererseits  verdienen  die 
knappe,  dabei  gefällige  Darstellung,  die  Bemühungen,  strittige  Punkte  kritisch  zu 
erörtern,  die  grösste  Anerkennung.  Hier  wird  auch  Mondeville  als  Autorität  für 
den  Wert  anat.  Kenntnisse  in  der  Chirurgie  angeführt,  doch  stammt  das  Gleichnis, 
das  er  ihm  in  den  Mund  lec/t,  von  Galen.  Fast  bei  jedem  Kapitel  der  speziellen 
Anatomie  werden  gleichzeitig  in  aller  Kürze  diejenigen  Erkrankungen  angeführt, 
welche  das  betreffende  Organ  befallen  können.  Von  hohem  historischen  Interesse 
sind  die  Mitteilungen  bezüglich  der  Handhabung  des  anatomischen  Unterrichts.  Die 
Einteilung  in,membra  simplicia,  composita,  consimilia,  principalia  etc.  ist  die  all- 
gemein übliche.  —  Bei  der  Beschreibung  der  Fingergelenke  machte  er  auf  den 
Tetanus  aufmerksam  bei  Verletzungen ;  die  leichte  Entstehung  desselben  erklärt  er: 
quia  chorde  nervöse  ibi  sunt  denudate  a  carne  et  apparentes,  quorum  punctura 
spasmi  est  generativa  etc.  {übrigens  ganz  nach  Galen).  Bei  der  Nervenanatomie 
wird  der  alte,  noch  seit  Thuddäus  herrührende  Streit  erörtert,  ob  Sensibilität  urul 
Motilität  durch  einen  Nerven  vermittelt  werden  können  oder  durch  mehrere;  die 
letzte  Ansicht  wird  von  der  Schule  von  Montpi-llier  vertreten.  Die  Anatomie  der 
Bauchhöhle  ist  ganz  nach  Mondino  bearbeitet;  bedenklich  sind  allerdings  einige 
etymologische  Irrtümer,  doch  sagt  Guy  selbst:  de  nominibus  non  est  curandum.  — 
Tr.  II  betrifft  die  Abscesslehre  und  zerfällt  gleichfalls  in  2  Doktrinen:  Abscesse  der 
membra  simplicia  und  der  membra  composita.  Die  Definition  des  „apostema'\  wie 
sie  die  „moderni  viri"  aufgestellt  haben,  billigt  er  als  „satis  simpliciter'\  Hier  berichtet 
er  öfter  über  die  Anschauungen  der  ,,scola  nostra  communis  Montispessulani". 
Uebrigens  bildet  dieser  Abschnitt  den  grossen  Topf,  in  dem  unterschiedslos  wirkliche 
Abscesse  {im  jetzigen  Sinne)  mit  Tumoren,  Neoplasmen,  Oedem,  Meteorismus  etc. 
untergebracht  sind.  Bezüglich  der  Kontraindikation  der  remedia  repercutieiitia  geht 
Guy  seine  eigenen  Wege  und  begnindet  seine  abweichende  Meinung.  Die  Incision 
und  die  bezügliche  Nachbehandlung  der  Abscesse  schildert  Guy  eingehend.  Ist  Patient 
ängstlich,  so  kann  statt  der  Incision  auch  ein  Ruptorium  {de  calce  et  sapone)  be- 
nutzt werden.  Die  Einteilung  der  Phlegmonearten  ist  ganz  imd  gar  scholastisch. 
Die  Definition  des  Anthrax  ist  die  des  Wilh.  v.  Saliceto  als  „carhunculus  ma- 
li^natus^\  die  Symptomatologie  nach  Mondeville  gegeben.  Theriak  und  die  Scabiosa 
sind  auch  nach  Guy  eine  Panacee,  ferner  die  zwischen  zwei  Steinen  zerriebene  Conso- 
dida  major  (nach  Roger  und  Theoderich).  Beim  „Esthiomenus^^  d.  i.  Brand  und 
Nekrose  empfiehlt  er  (nach  Theoderich  und  Mondetnlle)  das  Arsenicum  sublimatum 
zur  Abstossung  der  nekrotischen  Partien  zum  Gebrauch.  Bei  skrophulösen  Bildungen 
(„excrescentiae  flcgtnaticae^^)  empfiehlt  er  mit  Arnold  v.  Villanova  den  Gebrauch  von 
Mineralwässern  („maxime  saporis  tatiarei^',  aquae  aluminosae  seu  sulphureae).  Die 
Enucleation  der  „excrescentiae  tractabiles"  beschreibt  er  ganz  nach  Abulkasim  mit 
einer  eigeaen  Modifikation.  Doch  icerden  auch  die  Aetzungsmethoden  [nach  Bruno 
u.  a.)  weitläufig  geschildert.  Den  Beschluss  der  allgemeinen  Abscesslehre  bilden  Er- 
örterungen über  die  apostemata  melancholica  (sephyros  s.  srlerosis),  eine  besondere 
Art  von  Neoplasmen,  die  sich  mit  modernen  Krankheitsbildern  nur  annähernd  iden- 
tifizieren lassen,  das  apostema  cancrosum.  —  In  der  2.  Doktrin  des  Tr.  II  folgt  di  e 
spezielle  Geschwulst-  resp.  Abscesslehre  der  einzelnen  Organe  a  cnpite  ad  calcem: 
Hydroceplmlus  neonatorum,  obtalmia.  sanies  retro  corneam,  Geschivülste  in  dei'  Ohren- 
gegend, squinancia  [Sammelbegriff  für  alle  Art  entzündlicher  Hals  und  Raclien- 
krankheiten),  Abscesse  post  flebotomiam,  Aneurysmen,  Gicht  („et  est  apostema  fleg- 
maticum  etiam  manuum^^)  Spina  ventosa  [apostemata  digitormn  fistulosorum)  ^ind 
panaritium.  —  Vor  der  Exstirpation  grosser  Geschwülstr  am  Halse  warnt  G.  wegen 
der  Gefahren  der  Blutung  und  Nervenverletzung.  Im  Kap  5  (apostemata  pectoris) 
ist  die  denkwürdige  „transgressio  de  lethalifate"  enth  dtend  die  Beschreibung  des 
schwarzen  Todes  in  Avignon  um  1348  (ausgebrochen  im  Januar  und  von  3  monat- 
licher Dauer),  „lila  ingens  et  inaudita  mortalitas^^  nennt  Ghiy  die  plötzlich  herein- 
gebrochene entsetzliche  Seuche,  die  er  „proptfr  ipsius  mirabilitatem  et  jyrevidentiam 
si  iterum  accideret"  mit  rhetorischem  Schwung  und  fesselnder  Lebendigkeit  schildert. 
„Et  ego'\  erzählt  er,  ..jn-opter  diffugere  infamiam  non  fui  ausus  recedere".  Er 
musste  sein  tapferes  Ausharren  bekanntlich  selbst  mit  einem  6 wöchentlichen  Kranken- 
lager Missen.    Im    6.  Kapitel  von  den  apostemata  ventris  sind  kurze  Bemerkungen 


734  Julius  Pagel. 

über  die  durities  stomachi,  epatis  und  splenis  eingeschaltet.  —  Die  hernia  aqnosa 
festiculi  ist  offenbar  die  Hydrocele.  —  Tr.  III  beschreibt  in  doctr.  I  {mit  5  Kapiteln) 
die  allgemeine  und  doctr.  II  {8  Kapitel)  die  spezielle  Wundbehandlung  der  einzelnen 
Organe,  Kopf,  Brust,  Bauch.  Ich  halte  die  erste  Partie  für  die  am  wenigsten  be- 
merkenswerte; scholastische  Schemata,  breite,  weitschweifige  Einteilungen,  doktrituires, 
.spitzfindiges  Gezanke  über  Definition  und  Begriff  von  Vulnus  etc.,  kurzum  ganz  an 
Avicenna  und  die  Produkte  der  Scholastik  erinnernde  Ausführungen.  Von  einem 
Fortschritt  ist  gerade  in  diesem  Abschnitt  am  wenigsten  die  Rede.  Die  Opposition 
gegen  die  üblichen  Potiones  oder  Pignienta  ist  die  einzige  reformatorische  Massregel 
gegenüber  der  alten  Schablone.  Dagegen  gehört  das  Kapitel  Schädelverletzungen  zu 
den  glanzvollsten  der  ganzen  Chirurgie;  die  Kritik,  welche  Guy  hier  den  älteren 
Methoden  widmet,  zeigt  ebensosehr  seine  gründliche  Gelehrsamkeit  icie  seinen  scharf- 
sinnigen Geist.  Nach  einem  Resume  über  die  frühere  Behandlungsart  folgt  die 
Beschreibung  des  eigenen  modus  procedendi,  zunächst  der  allgemein  diätetischen 
Massnahmen,  Reinigung  des  Wtindgebiets,  Schutz  vor  Kälte  und  Luftzutritt,  Ver- 
bandmethode und  Verbandwechsel,  Indikationen  der  Trepanation,  bei  nicht  kom- 
plizierten Frakturen  von  grösserem  Umfange,  bei  komplizierten  penetierenden  Schädel- 
frakturen, auch  bei  Koyitusion  „cum  magna  fract%ira",  namentlich  ferner,  „si  vulnus 
habet  squirlas  que  ^wssent  pungere  duram  matrem''^  und  zur  Beseitigung  von  eitrigen 
und  anderen  Absonäerungeu,  ycores,  von  der  dura  mater;  in  diesen  Fällen,  sagt 
Guy,  ist  die  Operation  unvermeidlich,  da  keine  Arznei  und  kein  noch  so  starker 
Wundtrank  im  stände  sei,  in  der  Tiefe  zii  wirken  und  den  Eiter  aus  der  Tiefe  zu 
ziehen  [wie  etwa  der  „Conciliator"  glaubt).  Die  Beschreibung  der  Operation  und 
des  Instrumentariums  ist  anerkennenswert.  —  In  Kap.  2  {Gesichtsverletzungen) 
werden  die  Läsionen  der  Augengegend  {nach  Jesu  Hali),  dann  die  Nasemvunden  ge^ 
schildert;  auch  Guy  glaubt  nicht  an  die  Möglichkeit  des  Wiederanheilens  völlig  ge- 
trennter Nasenspitzen;  er  nennt  die  Vertreter  der  entgegengesetzten  Meinung  Schwätzer 
{garrulatores).  —  Bei  den  Brustivunden  erörtert  Guy  einen  analogen  Disjmt  wie 
bei  den  Kopfverletzungen;  es  handelt  sich  hierbei  um  die  Frage:  sollen  Thorax- 
verletzungen sofort  geschlossen  werden  {wie  Theoderich  und  Mondeville  wollen),  oder 
nicht.  Guy  ist  gemäss  der  Ansicht  älterer  Autoren  für  die  offene  Wundbehandluff^im 
allgemeinen;  er  gestattet  den  festen  Verschluss  nur,  wenn  das  Fehlen  eines  Exsudats 
sicher  nachgetciesen  ist.  Bei  Eiterstagnation  resp.  Empyem  empfiehlt  er  die  Thorax- 
eröffnung  durch  Schnitt  {nach  Saliceto).  Aus  Kap.  6  {Bauchivunden)  ist  mir  die 
Methode  der  Darmnaht  hervorzuheben.  Guy  verwirft  die  Ameisen-  und  empfiehlt 
die  Kürschnernaht;  auch  unterlässt  er  das  Einlegen  einer  Hollunderkanüle  resp. 
eines  animalischen  Trachealrohrstückes  zum  Schutz  der  Nähte.  Der  Schluss  der 
Doctr.  II  von  Tr.  III  {cap.  7  u.  8)  bringt  kurze  Angaben  über  Verletzungen  der 
unteren  Extremitäten.  —  Tr.  IV  ist  in  seinen  beiden  Doktrinen  mit  je  5  u.  8 
Kapiteln  ausschliesslich  der  Geschwürslehre  gewidmet,  ohne  übrigens  Neues  oder 
interessante  Kasuistik  zu  bringen.  Einteilung  der  Geschwüre  und  Fisteln  ist  die 
übliche.  Auch  im  speziellen  Teil  ist  die  Darstellung  eine  ziemlich  einförmige  und 
an  Beobachtungen  dürftige.  Tr.  V  beschäftigt  sich  in  Doctr.  I  (5  Kapiteln)  mit  den 
Frakturen,  in  Doctr.  II  {in  gleichfalls  8  Kap itehi)  mit  den  Luxationen.  Beiden  Ab- 
teilungen gehen  allgemein  einleitende  Bemerkungen  voraus.  Querbrüche  sind  nach 
G.  schiverer  zu  reponieren  resp.  zu  heilen  als  Längsbrüche,  ebenso  Brüche  in  der 
Nähe  von  Gelenken.  Aetiologie  der  Frakturen,  Methoden  der  Extension  und  Re- 
position, die  Binden-  und  Schienenverbände,  VerbandtvecJisel  und  seine  Indikationen, 
Dauer  der  Heilung,  Komplikationen,  Pseudarthrose  etc.  —  alles  erfährt  eine  klare 
und  erschöpfende  Darstellung,  ohne  jedoch  Neues  zu  bringen.  Avicenna,  Abulcasim 
und  Aliabbas  bilden  in  der  Hauptsache  die  Geivährsmänner.  Das  Kapitel  über  die 
Rippenbrüche  enthält  ähnliche  Erörterungen  von  Schulstreitigkeiten  ivie  bei  den 
Kopf-  und  Brustverletzungen.  Zur  Reposition  von  Humerusluxationen  werden 
5  Methoden  angegeben,  dartmter  auch  die  bekannte  des  Avicenna.  —  Tr.  VI,  der 
eigentliche  Hauptteil  des  ganzen  Werks,  überschrieben:  „de  omnibus  egritudinibus 
que  non  sunt  proprie  apostemata  neque  vulnera  neque  ulcera  neque  ossium  passiones 
pro  quibus  habetur  recursus  ad  cyrurgicam''^  enthält  die  spezielle  Organpathologie  und 
Z'war  in  Doctr.  I  u.  8  Kapiteln  gewisse  konstitutionelle  und  Allgemeinerkrankungen, 
Gicht,  Gelenkaffektionen,  Lepra,  die  ganze  Dermatopathologie,  ein  Kapitel  über 
Mast-  und  Entziehungskuren  {extennatio  et  ingrossatio  corporum),  ferner  Ver- 
unglückungen, Erhängen,  Ertrinken,  Verbrennungen,  Warzen-  und  Schwielenbildung, 
Amputation  und  Konservierung  von  Leichen.  Anordnung  und  Inhalt  sind  sehr 
ähnlich  den  bezüglichen  Abschnitten  bei  Mondeville  bziv.  den  diesen  zu  Grunde  liegen- 
den Quellen.  Der  grössere  Teil  ist  pure  Kompilation,  mitunter  in  wörtlicher  An- 
lehnung an  ältere  Muster  sogar  bis  auf  die  bekannten  Salernitanischen  Lehrgedicht- 
citate  {„solvere  nodosam  nequit  medicina  podagram"  u.  a.).    Die  Lepra  ist  fast  ganz 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  735 

nach  Bernh.  v.  Gordon  {„Mag.  Jordanm  in  Montepessulano")  geschildert:  G.  nennt  sie 
einen  morbus  contagiosus  et  infectivus  und  dringt  auf  strenge  Isolierung  {„maxima 
injuria  est  non  sequestrare  sequestrandos  et  dimittere  leproses  cum  populo"^).  —  Im 
8.  Kapitel  über  Ampiitation,  der  übrigens  G.  bei  Gangrän  den  spontanen  Abfall  vor- 
zieht, findet  sich  die  bekannte  Mitteilung  über  die  primitiven  Narkotisierungsversuche 
des  Theoderich.  —  Im  Abschnitt  vom  Einbalsamieren  berichtet  er  von  der  Methode 
eines  „Jacobus  apothecarius'^ ,  der  viele  Päpste  einbalsamiert  habe.  —  In  der  Doctr.  II 
sind  zur  TJierapie  der  Organkrankheiten  eine  Unmasse  Rezepte  atigegeben ;  die  Phar- 
macie  überwiegt  hier  bedeutend,  namentlich  überall  da  geradezu  erdrückend,  wo  es  sich 
um  Kosmetisches  und  Dermatologisches  handelt;  die  seltsame  Etymologie  der  ,.tynea'^ 
(a  tenendo  quia  firmiter  caput  tenet)  hat  er  von  Jamerius.    Bei  der  Darstellung  der 
Augenkrankheiten  sind  hauptsächlich  Jesu  Hali,  Alcoa tim,  Acanamusali  {de  Baldach) 
und  Benvenutus  Grapheus,   die  bekanntesten  Augemirztc   in   der  latinobarbarischen 
Zeit,   ab  und  zu  auch  Azaravius  (=  Abulcasim),   dagegen  nicht  Paulus  von  Aegina 
{wie  Haeser  meint)   benutzt.     Uebrigens   ist  dieser  Teil  sehr  umfangreich  und  um,- 
fasst  beinah  15  Folioseiten   {der  Ausgabe  von  1519).    —   Bei  den  Ohrenkrankheiten 
spielen    unter  den  Fremdkörpern   im  Gehörgang  natürlich    auch   die  bestiolae   eine 
Rolle.     Versagen   die  üblichen  Extraktionsmethoden,  so  schreckt  G.  sogar  vor  der 
blutigen  Operation  nicht  zurück  {„et  incisio  ejus  sit  secundum  lunarem  formam  in 
radice  auris  usque  od  lapidem").    Hinsichtlich  der  Zahnaffektionen  ist  ein  gewisser 
Fortschritt  insofern  zu  bemerken,  als  die  zahllosen  Formeln,   wie  sie  beispielsweise 
bei  Galen  zur  eradicatio   dentium   angegeben  sind,  fehlen  und  dafür  {ganz  wie  bei 
Abulkasim)   die  Zahnzange  in   ihre  Rechte  getreten    ist.    Er  moniert  übrigens   bei 
dieser  Gelegenheit,    dass   die  Mediker   die  Zahnoperationen   den   barbitonsoribus   et 
dentatoribus  überliessen  und  fügt  hinzu:  Tutum  autem  est,  ut  tales  operationes  per 
medicos  dirigantur.     Zur  Kur  der  inflatio  et  casus  neide  werden  die  bei  Joh.  Mesue 
empfohlenen  Prozeduren  reproduziert  {Ableitungen  am  Vertex,  Ziehen  an  den  Zopf- 
haaren etc.).    Auch  Aägelkrankheiten  sitid   mit  einigen  Zeilen   berücksichtigt.     Aus- 
führliche Schilderung  erfährt  die   Radikaloperation  der  Nabelhernie,   die  G.  jedoch 
selbst  nie  gemacht  hat,  weil  sie  ihm  zu  umständlich  und  mühsam  {taediosa)  erschien. 
Das   7.   und   vorletzte  Kapitel   der  Doktrin  ist  den  Hernien   bezw.  der   „cura  per 
cyrurgiam^    gewidmet.    Mit  Schärfe    wendet    er    sich    gegen    die    Behauptung    von 
Lanfranchi,   er   hätte  Hernien   mit   inneren   Arzneien  geheilt.     Auch   G.    schwärmt 
ülyrigens  nicht  für  die  blutige  Radikalbehandlung ;  jedenfalls  sei  die  Operation   bei 
nervenschwachen,    alten,    heruntergekommenen    und  mit  Katarrhen  behafteten  Indi- 
viduen zu  unterlassen.    Die  Taxis  einer  Hernie  wird  genau  beschrieben,  ebenso  die 
Herstellung   eines    Bruchbandes   „de  panno    triplicato    cum  scuto  parco   secundum 
inguinis  quantitatem'-^ .   Bei  einer  eingehenden  kritischen  Beleuchtung  der  verschiedenen 
RadikalmetJioden  will  G.  dem  cauterium  pofentiale  den  Vorzug  einräumen,  obwohl 
er  von  einigen  anderen  Methoden  auch  zugiebt,  dass  sie  „completi  et  aOsque  fallacia"^ 
seien  {nämlich  cum  incisione  rasorii,  cum  cauterio  actuali  und  cum  ligamento);  die 
übrigen  sind  allerdings  nicht  cum  securitatis  fiducia.     Unter  den  Kauterien  erscheint 
ihm  der  Arsenik  als  das  zweckmässigste  {„et  arsenicum  in  hoc  obfinet  principatum"). 
Er  meint,    er  habe  damit  die  Kurzeit  wesentlich  verkürzt:  seine  Methode  sei  von 
Mag.  Petrus  adoptiert  {auf  Grund  eines  von  G.  an   dem  „dorn.  Ludw.  de  brissiato 
dalphinatus   Viniensis"-^  erzielten  günstigen  Resultats).     Bei  der  medikamentösen  Kur 
der  Blasensteine  führt  er  ein  von  Dom.  napulio  cardinalis  empfohlenes  Wasser  an. 
Der  Katheterismus    wird  gut  beschrieben;   dagegen   ist  die  Durstellung  des  Stein- 
schnitts ziemlich  dürftig.     Charakteristisch  ist  der  Schlusspassus :  „et  si  videantur 
mala  accidentia  evenire  sit  deua  auxiliator".    Bei  den  ,j)assionibus  virge"  tcird  auch 
mit  einigen  Zeilen  der  Beschneidung  und  Kastration  gedacht.    Daran  schliessen  »ich 
flüchtige,  Notizen  über  Hermaphroditismus,  Gebärmutteraffektionen,  Extractio  foeius 
et  secundine,  über  mola  matricis,  Prolaps  der  Gebärmutter  und  ein  kurzes  Schluss- 
kapitel {8)  über  Chirurg.  Erkrankungen  der  unteren  Extremitäten,   soweit  sie  fn'iher 
noch  nicht  erledigt  waren.     Den  Schluss  des  ganzen  Werks  bildet  das  unvermeidliche 
Antidotarium  in  Tr.  VII  mit  8  Kapiteln  der  1.  Doktrin  über  Aderlass,  Schröpfköpfe, 
Blutegel,  Purgantien  {Abführ-,  Brechmittel,  Klystiere,  Stuhlzäpfchen)  und  Kauterien^ 
Darstellung  der  Präparationsmethoden  der  chir.  Salben,  Pflaster,  Oele,    Wundtränke, 
Kataplasmen,   verschiedene  Arten   von    Umschlägen.     Vom  Kap.  5   ab    kommen  die 
einzelnen  Abscessmittel  an  die  Reihe,   die  repercussiva ,   attractiva,  resolutiva,  molli- 
tiva,  maturativa,  mundiflcativa  7ind  dolorem  Sedativa  {ganz  wie  bei  Mondeville  u.  a.). 
In  Kap.  6  folgen   die   speziellen  Mittel   bei    der    Wundbehandlung,    die   med.    con- 
stringentes  sanguinemj  incarnativac,  regenerantes  carnem,  cicatrizativae  et  sigillntivae, 
die  corrosivae,  putrefactivae,   causticae,   carnem  atque  entern  rumpentes,   in  Kap.  t 
einige   bei  Frakturen   und   Luxationen   besonders  geeignete  Mittel   zur  Prophylaxe 
gegen  Abscess,  zum  festen  Verband,  zur  Verklebung  der  Bruchstellen  {glutinativae. 


736  Julius  Pagel. 

confortantes  et  remollientes  duritiem,  que  aliquando  remanent  post  restaurationem), 
in  Kap.  8  die  Grade  der  Arzneimittel  und  alphabetische  Aufzählung  derselben. 
Endlich  kommen  noch  8  kurze  Kapitel  eines  speziellen  Antidotariums,  ein  wertloses 
Sammelsurium  von  allen  möglichen  nnd  unmöglichen  Rezeptkompositionen,  womit 
G.  offenbar  nur  dem  Bedürfnis  seines  Publikums  eine  Konzession  hat  machen  wollen. 

Mit  Guy  de  Chauliac  erreicht  die  mittelalterliche  Chirurgie  ihren 
Höhepunkt.  Zugleich  darf  Guy  für  sein  Vaterland  das  Verdienst 
beanspruchen,  diesem  die  erste  Grundlage  zur  Suprematie  gegeben  zu 
haben,  welche  hier  zwei  Jahrhunderte  später  mit  dem  Auftreten  eines 
Ambroise  Pare,  des  berühmten  Reformators,  voll  und  ganz  zur  un- 
bestrittenen Geltung  gelangt  ist. 

Die  Chirurgie  in  den  germanischen  Ländern,  in  den  Niederlanden, 
England  und  Deutschland. 

Gegenüber  Italien  und  Frankreich  tritt  die  Chirurgie  in  den 
germanischen  Ländern  wesentlich  an  Bedeutung  zurück  und  hat 
höchstens  Anspruch  auf  litterarhistorische  Registrierung.  Sie  ist  ledig- 
lich an  die  Namen  dreier  Männer  geknüpft,  des  Engländers  John 
Ardern,  des  Niederländers  Jehan  Yperman  und  des  Deutschen 
Heinrich  vonPfolsprundt,die  sämtlich  wenig  Originelles  bieten, 
vielmehr  im  grossen  und  ganzen  Nachbeter  ihrer  französischen  und 
italienischen  Ijehrer  sind  und  auf  keinem  höheren  Niveau  wie  die  Em- 
piriker stehen;  ein  Fortschritt  ist  durch  ihre  praktische  oder  schrift- 
stellerische Wirksamkeit  nicht  angebahnt  worden. 

Von  der  Lebensgeschichte  des  Engländers  John  Ardern  sind  nur 
einige  autobiographische  Notizen  in  seiner  „Practica"  vorhanden.  Danach 
gehört  er  dem  14.  Jahrhundert  an.  Er  studierte  vermutlich  in  Montpellier 
und  war,  wie  es  scheint,  auch  in  Frankreich  wundärztlich  thätig.  Später 
siedelte  er  wieder  nach  seinem  Vaterlande  über,  praktizierte  von  1349, 
dem  Jahre,  wo  der  schwarze  Tod  auch  in  England  zu  wüten  begonnen 
hatte,  bis  1370  in  Newark  (Nottinghamshire)  und  bis  1399  in  London.  — 
Ardern  ist  der  Hauptrepräsentant  der  englischen  Chirurgie  während  des 
Mittelalters.  Seine  bisher  grösstenteils  noch  ungedruckte  ,, Practica"  ent- 
hält zwar  auch  eine  Darstellung  der  inneren  Medizin,  ist  aber  hauptsächlich 
der  Chirurgie  gewidmet.  Sie  ist,  wie  Freind  bemerkt ,  sehr  reich  an 
Krankengeschichten,  teils  aus  eigener,  teils  aus  fremder  Erfahrung.  Obgleich 
manches  Empirische  und  Abergläubische  mit  unterläuft,  überwiegt  dennoch 
das  Rationelle,  und  bei  aller  Reichhaltigkeit  der  Auswahl  sind  die  vorge- 
schlagenen Mittel  an  sich  von  einer  gewissen  Einfachheit,  wodurch  sich 
Arderns  Werk  vor  manchen  anderen  mittelalterlichen  Litteraturerzeugnissen 
vorteilhaft  auszeichnet.  Er  muss  ein  ganz  geschickter  Operateur  gewesen 
sein,  namentlich  in  der  Kur  der  Mastdarmfisteln  eine  glückliche  Hand  ge- 
habt haben.  Der  betreffende  Abschnitt  ist  der  einzige  gedruckte  aus  der 
Practica  (von  Jean  Read  1588  publiziert).  Ardern  bemerkt  darin,  dass  er 
noch  niemals  von  jemand  gehört  habe,  weder  in  England  noch  im  Aus- 
lande, der  im  stände  sei,  Mastdarmfistel  zu  heilen ;  ein  betrügerischer  Mönch 
habe  das  einmal  zwar  von  sich  behauptet,  er.  Ardern,  habe  jedoch  noch 
viele  von  diesem  als  inkurabel  entlassene  Patienten  mit  Glück  behandelt. 
Mit  Ausnahme  einiger  Modifikationen  des  Instrumentariums  zeigt  jedoch 
die  Beschreibung  seiner  Operationsmethode  keinen  Fortschritt  gegenüber 
Paulus  von  Aegina  und  selbst  Celsus.     Ardern  empfiehlt  ein   ,,tendiculum" 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  737 

als  Sonde  bezw.  ein  ,,sequere  me"  als  Speculum ;  das  tendiculum  diente 
für  den  Unterbindungsfaden,  um  diesen  fester  zu  schnüren ;  den  letzteren 
bezeichnete  er  als  ,,frenum  Caesaris" ;  er  benutzte  ferner  ,.acus  rostratae*' 
sclmabelförmige  Nadeln.  Seine  Operationen  liess  er  sich  übrigens  recht 
gut  bezahlen,  worüber  er  selbst  berichtet  (mit  genauen  Zahlenangaben). 
Von  Ardern  rührt  ein  neuer  Klystierapparat  her.  Mit  Vorliebe  verwendet 
er  Salzklystiere  und  Mastdarminjektionen  namentlich  bei  Darm-  und  Nieren- 
ßteinkolik.  Jeder  Mensch,  sagt  er,  sollte  mindestens  2 — 3  mal  jährlich  ein 
Klysma  nehmen.  —  Die  Applikation  von  Causticis,  wie  Auripigment  und 
sublimierter  Arsenik,  darf  wegen  der  schädlichen  Nebenwirkungen  nur  mit 
grosser  Vorsicht  geschehen. 

Arderns  Practica  soll  übrigens  nach  Daremberg,  der  nach  einem  Manuskript 
im  St.  John^s  College  in  Oxford  eine  Kopie  verfertigte,  zahlreiche  Abbildungen  von 
Instrumenten  «nd  Operationen  enthalten.  Die  Redaktion  des  Ganzen  soll  sehr  schlecht 
sein.  Daremberg  hatte  den  Eindruck,  als  ob  es  sich  bei  Arderns  Practica  um  eine 
lose,  ohne  Ordnung  und  Methode  hergestellte  Sammlung  von  Monographien  handle. 
—  Eine  eingehendere  Würdigung  Arderns  ist  deshalb  unmöglich,  tceil,  wie  bemerkt, 
der  grössere  Teil  seiner  Schrift  bisher  noch  unediert  geblieben  ist. 

Ein  glücklicheres  Schicksal  ist  dem  Niederländer 

Jehan  Y  per  man 

zu  teil  geworden,  dessen  litterarischer  Nachlass  im  7.  Decennium  des 
19.  Jahrhunderts  von  dem  verdienten  belgischen  Historiker  M.  C. 
Broeckx  ans  Tageslicht  gezogen  ist. 

Jehan  Yperman  aus  Ypem,  der  bekannteste  Vertreter  der  mittelalter- 
lichen Chirurgie  in  den  Niederlanden,  gehört  dem  13.  Jahrhundert  an.  Er 
ist,  wie  sich  unzweifelhaft  aus  verschiedenen  Stellen  seines  chirurgischen 
"Werks  ergiebt,  ein  Schüler  von  Lanfranchi,  unter  dessen  Leitung  er  noch 
zu  Ende  des  13.  Jahrhunderts  in  Paris  mit  Hilfe  eines  Stipendiums  seiner 
Vaterstadt  die  fachmännische  Ausbildung  erlangte.  Nach  Beendigung  seiner 
Studien  kehrte  er  in  seine  Heimat  zurück,  liess  sich  in  der  Nähe  von 
Ypem  nieder,  wurde  noch  in  demselben  Jahre  Hospitalarzt  in  Belle,  folgte 
jedoch  1318  einem  Ruf  in  seine  Vaterstadt,  wo  er  vermutlich  bis  zu  seinem 
Lebensende  praktizierte,  dessen  Datum  nicht  bekannt  ist  (vermutlich  fallt 
es  in  die  Zeit  nach    1329). 

Meister  Yperman  genoss  in  seiner  Heimat  ein  grosses  Renommee, 
das  sich  noch  bis  heute  erhalten  hat,  so  dass  sein  Name  noch  jetzt 
generell  als  Attribut  für  einen  geschickten  Wundarzt  dient.  Er  ist 
Verfasser  zweier  in  vlämischer  Sprache  verfassten  Werke.  Das  eine 
ist  eine  übrigens  unbedeutende  Kompilation  über  innere  Medizin,  von 
dem  oben  erwähnten  Broeckx  nach  einer  Bi-üsseler  Handschrift  heraus- 
gegeben u.  d.  T.:  ,.Traite  de  med.  pratique  de  maitre  Y." 
(Anvers  1867). 

Es  enthält  auf  95  Oktavseiten  eine  mehr  für  Anfänger  bestimmte  und  haupt- 
sächlich die  Therapie  berücksichtigende  Zusammenstellung  in  42  Kapiteln.  Auf  eine 
kurze  Fieberlehre  in  6  Kapiteln  folgen  Abschnitte  über  Wassersucht,  Rheumatismus 
(coryza,  catarrus),  Icterus,  Phthisis  {van  „iysiken"),  Causus  {van  „heeten  evele"), 
Phrenesis,  Lethargie,  Apoplexie,  Epilepsie  {„van  den  groten  evele"),  Ulcera  capitis 
{tnn  den  hooftswere),  Nasenbluten,  „gefallenen  Zapfen^,  Squinancia,  Heiserkeit, 
Husten,  Kurzatmigkeit,  Lungenabscess,  Blutspeien,  eitrigen  Auswurf  {Empyem), 
Bulimie,  Erbrechen,  Kolik  {van  „torcioetie"  =  torsio,  Enteralgie),  Parasiten  {„van 
wormen  in  den  lichame"),  Lienterie,  Diarrhoe,  Leberabscess,  Milzverhärtung,  Nieren- 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  47 


738  Julius  Pagel. 

affektionen,    Blutharnen,    Diabetes,    Incontinentia    urinae,    Dysurie,    Strangurie, 
Gonorrhoe  und  unfreitvillige  Samenabgänge. 

Yperman  zeigt  in  seiner  inneren  Medizin  ein  aneri<.ennenswertes  Streben 
nach  Emanzipation  vom  Autoritätenglauben.  Die  meisten  Empfehlungen 
von  therapeutischen  Massnahmen  beruhen  auf  eigener  Erfahrung,  nur  wenige 
Autoren  (höchstens  etwa  ein  Dutzend)  werden  citiert,  darunter  auch  ein 
gewisser  Heymannus  als  Verfasser  eines  „tresor  van  den  armen"  (im  Kap.  4 
von  der  Dysurie).  Broeckx  erklärt  diesen  für  identisch  mit  Heymannus 
Jacobi  (Herman  Jacobs),  aus  dem  12. — 13.  Jahrh.,  Autor  eines  Werks 
„van  den  schat  der  armen  opera".  TJebrigens  ist  Y.  ein  Freund  von 
Aderlass,  Purgantien,  Bädern,  Räucherungen,  Einreibungen  und  Umschlägen 
(fumigationes,  fomentationes  et  fricationes).  "Wahrscheinlich  handelt  es  sich 
bei  der  inneren  Medizin  um  ein  Fragment ;  der  übrige  Teil  scheint  noch 
nicht  aufgefunden  zu  sein.  Er  ist  nach  der  Chirurgie  abgefasst,  da  er 
diese  darin  bereits  ei'wähnt. 

Von  grösserem  Wert  und  charakteristisch  für  die  Beurteilung-  Y.'s 
ist  die  gleichfalls  von  Broeckx  zuerst  in  Druck  gebrachte  Chirurgie 
(Separatabdr.  aus  T.  XX  der  „Annales  de  Tacad.  d'archeologie  de 
Belgique"  p.  128  -  332).  Dass  Y.  vornelimlich  als  Chirurg  und  Operateur 
in  Betracht  kommen  kann,  beweist  der  grössere  Umfang  des  chirur- 
gischen Werks  und  die  offenbar  grössere  Liebe  und  Sorgfalt,  die  er 
diesem  Teil  auch  schriftstellerisch  gewidmet  hat.  Hier  sind  selbständige 
Erfahrungen  reichlich  untermischt  mit  den  Lehrmeinungen  älterer 
Autoren,  von  denen  mehr  als  30  citiert  werden,  darunter  besonders 
Lanfrancus  (Alfrancus)  und  ausser  den  bekannteren  Autoren  noch 
einige,  deren  Namen  wir  hier  zum  ersten  Male  begegnen  (Wilh. 
V.  Congeinna,  Willem  van  Medicke,  Mester  Dierc,  Mester  Hugo  de 
Legembourch,  Louic  van  Macke,  Petrus  Lucrator,  Robbaert,  Mester 
Gillis  u.  a.).  Die  C'hirurgie  ist  ebenfalls  vlämisch  abgefasst;  von  der 
ursprünglichen,  lateinischen,  für  den  Sohn  des  Y.  bestimmten  Fassung 
ist  nur  noch  die  Ueberschrift  erhalten.  Sie  lautet:  Hie  est  practica 
et  doctrina  composita  a  magistro  Johanne  Ypermanni  quem  ipse  trac- 
tavit  in  flamingo  ad  utilitatem  filii  sui  in  tempore  vite  sue  sane  et 
voluit  quod  ipse  haberet  aliquid  de  opere  'suo  et  doctrina  sua  a  multis 
magistris  de  Lanfranco  a  quattuor  magistris  de  salerno  a  galieno  a 
rolando  a  rogero  et  a  brutto  (sie)  a  raso  (sie)  a  magistro  hugone  de 
luckes  et  a  magistro  albucaso  (sie). 

Ein  besonderes  Interesse  gewinnt  die  Handschrift  durch  70  dem  Text 
beigegebene  Figuren  von  Instrumenten  der  verschiedensten  Art  (eine 
anatomische  Abbildung  der  Kopfnähte  findet  sich  gleich  zu  Anfang  des 
Buchs),  an  16  Stellen  sind  noch  Lücken  für  Einzeichnung  von  Figuren 
ursprünglich  bestimmt.  —  Trotz  des  grösseren  Umfanges  handelt  es  sich 
auch  bei  der  Chirurgie  um  ein  Fragment ;  der  letzte  Teil  fehlt,  welcher 
von  den  Extremitäten  handeln  sollte. 

Nach  einer  kurzen  Einleitung  mit  der  üblichen  Apostrophe  an  den  lieben  Gott, 
die  heilige  Dreieinigkeit,  die  Schutzpatrone  der  Chirurgie  Cosmas  und  Damian  etc. 
folgt  die  bekannte  Etymologie  des  Begriffs  „cirugie'^  und  eine  sehr  ausführliche 
chir.  Anatomie  des  Schädels  und  seines  Inhaltes  nebst  physiologischen  und  patho- 
logischen Bemerkungen.  Die  ausführliche  Wundbehandlungslehre,  der  sich  Y.  jetzt 
zuwendet,  wird  mit  einem  kurzen  Abschnitt  über  chirurgische  Deontologie  eingeleitet 
{„wat  een  cirugien  toe  behoeren  mo^t").  Neben  den  operativen  Massnahmen  tritt  die 
pharmaceutische  Behandhmg  mittels  verschiedener  styptischer  Mittel  zur  Blut- 
stillung in  den  Vordergrund.    Die   Wundnaht  ist  klar  und  ausführlich  beschrieben. 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  739 

Y.  aiebt  den  Unterschied  zwischen  arterieller  und  venöser  Blutung  an  und  kennt 
auch  die  Kompression,  das  Kauterium,  die  Unterbindung  und  Umstechung  behufs 
BlutstilhuKj.  Er  berichtet  über  einen  interessanten  Fall  von  Armverletzung  bei 
einem  Ißjähr.  Fat.  aus  Lanfranchis  Praxis,  wie  er  sich  denn  auch  in  den  folgen- 
den Abschnitten  vielfach  an  die  Erfahrungen  und  Verordnungen  seines  nächst  Galen 
{auf  14  Seiten),  Avicenna  (auf  10  Seiten)  am  meisten  (10 mal)  erwähnten  Lehrers 
Lanfranc  hält,  für  dessen  Maximen  er  begreiflicherweise  eine  gewisse  Vorliebe  zeigt. 
Der  Abschnitt  über  die  Kopfverletzungen  ist  ziemlich  umfangreich:  die  Lehren  der 
verschiedenen  Schulen  und  Autoren  werden  gründlich  erörtert  und  Y.  verfehlt  nicht, 
überall  seine  Sondermeinung  prägnant  hervorzuheben.  Ein  besonderes  kleines  Kapitel 
ist  den  Quetschungen  des  Schädeldachs  ohne  äussere  Wunde  gewidmet.  Danach  folgen 
die  Verletzungen  „boven  den  ooghen'',  am  Gehörorgan  und  anderen  Teilen  des  Ge- 
sichts; von  letzteren  werden  speziell  die  Schusswunden  in  Betracht  gezogen  tmd  zwei 
Rezepte  zu  den  unvermeidlichen  Wundtränken  {„wonden  dranc")  angeführt.  Ein 
Kapitel  beschäftigt  sich  mit  den  „crampen  dat  men  Spasmen  heef',  ein  anderes 
handelt  „van  den  Insen  ende  neten  die  wassen  op  dat  hooff"  (Läusen  und  Nissen,  die 
auf  dem  Kopf  gedeihen).  Im  2.  Buch  folgen  die  chirurg.  Erkrankungen  der  Nase, 
Nasenpolypen  und  andere  Exkresccnzen,  Nasenbluten,  Stinknase.  Einige  im  Inhalts- 
verzeichnis entworfene  Kapitel  fehlen  im  Text.  Li  17  Kapiteln  werden  die  Affek- 
tionen des  Mundes,  der  Zunge,  des  Zahnfleisches  {ranula,  cancer,  ulcera,  spasmus, 
apostema  der  Zunge),  Mundfäule  {„van  vulen  tantvleesche"),  Fissuren  der  Lippen- 
schleimhaut {„van  clevinghe  tippen)  erörtert:  es  folgt  die  Darstellung  der  übrigen, 
noch  nicht  erledigten  Affektionen  des  Gehörorgans  in  8  Kapiteln,  Geschwüre, 
Würmer  und  andere  Fremdkörper  im  Gehörgang,  Ohreneiterung,  Taubheit.  Hieran 
schliessen  sich  {in  11  Kapiteln)  die  Krankheiten  in  der  Halsregion,  Verletzungen 
am  Halse,  Schusswmiden.  Abscesse,  bocium  „van  een  stic  vieesch  wassende  aen  die 
kele  dat  men  heet  bocium",  „van  scrouffelen",  „van  des  conincs  evele'  Königsübel, 
sogenannt  von  der  bekannten  Heilung  durch  Auflegen  der  Hände  seitens  der  französ. 
Köni(je,  worüber  Y.  seine  kritischen  Glossen  zu  äussern  nicht  verfehlt;  er  sagt,  wo 
sie  heilbar  sind,  heilen  sie  auch  ohne  diese  Massnahme  „ende  ondencilen  ghenesen 
si  niet".  —  Bezüglich  der  „squinancien"  verweist  er  auf  die  Alisführungen  in  seinem 
Lehrbuch  der  prakt.  Medizin.  Wunden  der  Herzgegend  werden  ebenfalls  kurz  be- 
sprochen. Ausgedehnte  Erörterungen  erfährt  die  chir.  Dermatopathologie :  rudicheit 
en  scorreftheit  {Scabies),  tcarten  {Warzen),  van  de  pocken  en  van  de  maselen,  laser- 
scap  {Lepra)  mit  verschiedenen  Species  (tqrie,  alopicia  ofte  vulpes,  leonia,  ele- 
fantia  etc.),  wobei  namentlich  die  verschiedenen  diagnostischen  Proben  {,,pi-ouven 
omme  dat  laserschap  te  kenne"),  sowie  die  therapeutischen  Massnahmen  eingehend 
besprochen  werden.  Der  folgende  Abschnitt  handelt  von  den  Intoxikationen  {„Die 
ghenen  die  venin  ghenomen  heeft  ofte  ghedronken"),  Canthariden,  Schlangenbisse  oder 
Stiche,  Skorpionen,  „ruthelen",  Hydrophobie  {„van  den  verwoede  hontr')  nebst  seinem 
appendiciären  „armen  tresoer  jeghen  venin".  -  In  16  weiteren  Kapiteln  handelt  es 
sich  um  skrofulöse  Geschwülste  {clieren)  in  anderen  Körpergegenden,  um  {bocksmässig) 
stinkende  Schweisse  in  der  Achselgegend  {„van  den  stancke  die  yrcus  heet  in  de 
oxelen"),  Bubonen,  Fisteln,  phlegmonöse  Abscesse,  Verbrennungen,  anderweitige  Ab- 
scesse, Leberverletzungen  mit  Prolaps  von  Lebersubstanz,  Nieren-,  Blasen-,  Darm- 
wunden,  von  der  Heilung  der  Hernien  ohne  Operation  {„van  den  ghescorden  te 
■yhenesene  sonder  snyden"),  thatsächlich  verwiift  Y.  die  Eadikaloperation :  Ge- 
schwülste im  Penis  {„van  apostemen  die  wassen  in  de  rode  der  veder  ende  dat  van 
winde  es")  nebst  einem  „Deffensatyf  {Defensativ  P)  „van  gaten  in  de  roeden  der 
veder",  „van  den  vede  die  erisipeleren  wille  ofte  ontsteken",  „van  den  cancker  in  de 
vede",  „van  bloet  te  stelpene  in  de  roede  der  vede"  {mit  einem  Fall  von  Blutung  in 
der  art.  dorsalis  penis  bei  „een  arm  mersman"  {Matrosen),  die  Y.  durch  Kom- 
pression und  nachfolgende  Bestreuung  aus  dem  glyptischen  Pulver  von  Mester  Huges 
stillte),  „van  apostemen  ende  zwellinglien  {Schwellung)  des  cullen",  „van  apostemen 
van  caune  saken",  „van  eenen  siecheit  in  den  cullen  die  men  heet  erina-'-  (erina  car- 
nosa  =  „vieesch  carnouffel",  erina  ventosa  =  „winl  carnouffel"),  „van  water  car- 
nouffele",  „van  den  gescorden  te  ghenesene  in  andere  maniere"  {Beschreibung  des 
Bruchbandes),  „van  den  navele  ghescort  in  kindere"  {Nabelbrüche  bei  Kindern,  die 
Y.  durch  Umstechung  heilen  loill)  etc.  etc.  —  Den  Beschluss  bildet  die  Darstellung 
der  Hämorrhoiden.  Mastdarmfistel  {van  de  fistele  in  den  ers  darme),  Prolapsus  ani, 
sowie  einige  Kapitel  über  Affektionen  der  Extremitäten:  malum  mortuum  {van 
vorthingen  der  beene),  Geschunlre  an  den  Unterschenkeln  „van  den  cancker  die  comt 
in  den  beenen"  nebst  einem  Rezept  zu  einem  Unguentum  veneris.  — 


47* 


740  Julius  Pagel. 

Endlich  bleibt  noch  der  einzige  bis  jetzt  bekannte  deutsche  Re- 
präsentant mittelalterlicher  Chirurgie  zu  betrachten, 

Heinrich  von  Pfolspeundt, 

'dessen  „Buch  der  Bündth-Erzney",  das  älteste  litterarische 
Denkmal  deutscher  Wundheilkunde,  der  Mitte  des  15.  Jalirhunderts 
angehört  und  von  H.  Haeser  und  A.  Middeldorpf  zu  Breslau  durch 
Druck  zum  ersten  Male  zugäuglich  gemacht  wurde  (Berlin  1868 
XLIV.    179  pp.). 

Heinrich  von  Pfolspeundt  oder  wie  er  in  einem  aus  dem  Anfang  des 
16.  Jalirhunderts  von  Heinrich  von  Baldenstetten  herrührenden  Auszug 
noch  heisst  „von  Phlatzpingen",  gehörte  wahrscheinlich  einem  in  Pfolspeundt 
(jetzt  Pfalzpaint)  an  der  Altmühl  unterhalb  Eichstädt  angesessenen  adligen 
Geschlecht  an  und  war  (seit  1465)  Bruder  des  Deutschen  Ordens.  AVahr- 
scheinlich  hatte  er  seine  Kunst  direkt  bei  einigen  italienischen  und  deutschen 
Wundärzten  erlernt;  er  nennt  von  letzteren  selbst  die  Meister  Johann  Birer 
zu  Metz,  Christoph,  Stadtarzt  in  München  (bis  1480),  Hans  von  Baireuth, 
Conrad  von  Nürnberg,  Otto  von  Heider  zu  Weissenburg,  Linhart  von 
Basel,  Hans  von  Halberstadt,  Johann  von  Paris  (aus  Metz  stammend)  und 
Verfasser  einer  ,,die  Kunst"  betitelten  chirurgischen  Schrift.  Ausgedehnte 
Reisen  und  die  Teilnahme  an  verschiedenen  Feldzügen  des  deutschen  Ordens 
besonders  in  Polen  u.  a.  auch  bei  einer  der  Belagerungen  von  Marien- 
burg verschafften  P.  eine  reiche  Erfahrung,  die  er  in  der  oben  citierten, 
1460  ausgearbeiteten  Schrift  niederlegte.  Dieselbe  ist,  wie  mehrere 
Stellen  beweisen,  zunächst  nur  für  Laien  bestimmt,  in  zweiter  Linie  für 
Wundärzte,  und  im  weitesten  Sinne  eine  Anweisung  zum  Verbinden, 
Kleine  Chirurgie  und  Aderlass ,  also  alles  für  den  eigentlichen  Barbier 
Wissenswerte,  ist  ausgeschlossen ,  ebenso  die  Darstellung  der  blutigen 
Operationen,  wie  Trepanation,  Amputation,  Paracentese  des  Unterleibs  etc. 
Von  den  in  den  Händen  der  Spezialisten  liegenden  Stein-,  Bruch  -  und 
Augenoperationen  ist  erst  recht  bei  P.  keine  Rode.  Auch  ist  die  Stoff- 
einteilung in  der  Schrift  ziemlich  planlos ;  der  Inhalt  der  Kapitel  stimmt 
nicht  mit  den  Ueberschriften  im  Inhaltsverzeichnis  überein,  so  dass  das 
letztere  vielleicht  gar  nicht  von  P.  herrührt.  Zweifellos  ist  P.  ein  reiner 
sogar  von  einer  gewissen  Charlatanerie  nicht  frei  zu  sprechender  Empiriker 
ohne  jede  höhere  wissenschaftliche  Bildung,  ohne  anatomische  Kenntnisse. 
Sein  Buch  bietet  ein  typisches  Büd  des  niedrigen  Niveaus  der  damaligen 
Wundheilkunde  in  Deutschland.  Trotzdem  ist  es  von  grossem  Wert,  ab- 
gesehen vom  linguistischen  Gesichtspunkte ,  einmal  als  Mittelglied  resp. 
litterarischer  Vorläufer  späterer  chirurgischer  Schriften  zum  Verständnis 
dieser  und  ihres  Zusammenhanges  mit  den  älteren  ausländischen  Litteratur- 
produkten  und  zwei  ens,  weil  bei  P.  eine  Beschreibung  der  Rhino- 
plastik  (neben  der  Hasenschartenoperation)  existiert,  einer  Operation,  die 
mittlerweile  von  italienischen ,  besonders  calabrischen  Wundärzten  des 
15.  Jahrhunderts  (vgl.  unten)  zu  Ehren  gebracht,  aber  lange  Zeit  als 
Zunftgeheimnis  gehütet  worden  war.  P.  selbst  giebt  an,  dieses  von  einem 
„Walen"  (d.  h.  einem  Wälschen)  ermittelt  und  zweien  seiner  Ordensbrüder 
weiter  mitgeteilt  zu  haben.  Er  schildert  das  Verfahren  überaus  deutlich, 
so  dass  anzunehmen  ist,  er  habe  es  auch  selbst  geübt  oder  dabei  öfter  assistiert, 
nebenbei  bemerkt  ganz  übereinstimmend  mit  den  Angaben  italienischer 
Autoren ,  besonders  eines  sicilianischen  Operateurs  Branca.  Auch  der 
anästhesierenden  Inhalationen  gedenkt  P.   in    einem  Kapitel  mit  der  lieber- 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  74  t 

Schrift:  „Dy  erste  künst,  wie  man  einen  schlaffen  macht."  Im  einzelnen 
beginnt  P.  seine  (mit  13  Abbildungen  ausgestattete)  Schrift  mit  einigen 
deontologischen  Betrachtungen,  die  z.  T.  ganz  verständig,  z.  T.  allerdings 
curios  klingen.  Der  Wundarzt,  sagt  er,  solle  nicht  bloss  ein  gedankenloser 
Routinier  sein,  sondern  mit  „Vernunft"  operieren;  er  solle  stets  nüchtern,, 
religiös  sein,  in  zweifelhaften  Fällen  gern  und  ohne  jedes  Rivalität sgefiihl 
Kollegen  hinzuziehen ;  er  solle  vor  seinen  Besuchen  nicht  Zwiebeln  essen 
und  keinen  verdächtigen  Beischlaf  üben,  um  nicht  mit  seinem  vergifteten 
AtQjn  auch  Wunden  zu  infizieren.  Die  Wunden  teilt  er  in  frische  (nicht 
faule)  und  alte  „faule"  ein;  die  Sondenuntersuchung  derselben  ist  regel- 
mässiges Erfordernis ;  dagegen  verwirft  P.  den  ausgiebigen  Gebrauch  von 
Meissein  und  Wieken.  Frische  Wunden  können  nur  durch  Eiterung  zur 
Heilung  gebracht  werden ,  zu  welchem  Zwecke  anfangs  Terpentinöl ,  im 
weiteren  Verlauf  Rosen-Leinöl  eingegossen  wird ;  die  Applikation  eines  aus 
Honig ,  Mehl ,  Butter  und  Bolus  bereiteten ,  auf  Flachs  oder  Werg  ge- 
strichenen Wundpflasters  bildet  meist  den  Schluss  der  Behandlung.  P. 
liefert  eine  klare  Anweisung  zu  den  verschiedenen  blutigen  Nähten.  Die 
Verbände  sollen  nicht  zu  fest  angelegt  werden.  Als  accidentelle  Wund- 
krankheiten kennt  und  beschreibt  P.  Blutungen,  „wildes  Feuer"  (Erysipel, 
Entzündung)  und  das  „Gliedwasser",  das  bei  ihm  eine  grosse  Rolle  spielt. 
—  Eine  fortlaufende  Darstellung  der  Verletzungen  der  einzelnen  Organe 
findet  sich  bei  P.  nicht;  vielmehr  sind  die  betreffenden  Notizen  an  den  ver- 
schiedensten Stellen  der  Schrift  zerstreut.  Gegen  Blutungen  aus  kleinen  Ge- 
fässen  empfiehlt  P.  die  Kompression  mit  einer  halben  Nussschale,  gegen  starke 
Gefässblutungen  einen  styptischen,  mittels  Spans  befestigten  Tampon.  Von  den 
betreffenden  Stypticis  führt  P.  eine  grosse  Zahl  an.  —  Bei  penetrierenden 
Bauchwunden  sollen,  event.  nach  vorheriger  Erweiterung  der  Wunde,  die  Ein- 
geweide mit  warmem  Oel  reponiert  werden.  Eine  verletzte  Darmschlinge  soll 
durch  Schnitt  entfernt  und  durch  eine  silberne  Kanüle  ersetzt  werden.  Innerer 
Bluterguss  ist  wegen  der  möglichen  Gerinnung  gefährlich ;  durch  ent- 
sprechende Lagerung  des  Kranken  ist  für  Entfernung  resp.  freien  Abfluss 
zu  sorgen.  Selbstverständlich  dürfen  auch  die  Wundtränke  nicht  fehlen, 
die  bei  allen  möglichen  Schäden  verabreicht  wei'den.  Faule  Wunden  be- 
dürfen scharfer,  austrocknender  und  ätzender  Jlittel,  für  die  P.  eine  gi'osse 
Zahl  von  Substanzen  angiebt.  —  Zahlreich  sind  die  auf  Hautafi'ektionon 
bezüglichen  Bemerkungen  in  P.s  Schrift,  Hautgeschwüre,  vielleicht  auch 
Syphilis  (nach  Haeser),  Lupus,  ..faule  Blattern  und  Schwämme"  am  After 
werden  erwähnt.  Sehr  eingehend  sind  die  Vorschriften  zur  Pfeilextrak- 
tion. —  Von  Gewehrschusswunden  ist  noch  keine  Rede.  Die  zur  Reposition 
von  Luxationen  empfohlenen  Massnahmen ,  wie  überhaupt  alles  auf 
Luxationen  Bezügliche,  entbehrt  der  anatomischen  Unterlage  und  beruht 
auf  reiner  Empirie.  Besser  ist  die  Lehre  von  den  Frakturen,  bei  welchen 
P.  ganz  rationell  manipuliert,  indem  er  zunächst  an  der  Bruchstelle  ein 
,, Leinpflaster"  und  zur  weiteren  Befestigung  Holz-,  Filz-  und  Pappen- 
schienen anbringt.  P.  warnt  vor  Applikation  eines  zu  festen  Verbandes. 
Bei  komplizierten  Frakturen  soll  die  Bruchstelle  offen  gehalten  werden. 
Sorgfältige  Beachtung  erfordern  die  Oberschenkelfrakturen  wegen  der  Neigung 
zur  Verkürzung.  —  Die  Bemerkungen  zur  Hernienlehre  sind  sparsam. 
Scrotalbrüche  sollen  reponiert  werden.  Von  Radikaloperation  ist  keine 
Rede,  wie  denn  überhaupt  operative  Encheiresen  im  höheren  Stil  mit  Still- 
schweigen übergangen  werden.  Nur  die  sehr  flüchtig  geschilderte  Hasen- 
schartenoperation und  die  Rhinoplastik  machen  eine  Ausnahme.  —  Von 
anderen  Gebieten    der  Pathologie    werden  noch  die  Zahn-   und  Mundkrank- 


742  Julius  Pagel. 

heiten,  Gicht,  Ruhr,  Spulwürmer,  Dysurie  und  am  Schluss  der  Schrift 
die  häufigeren  Krankheitssymptome  wie  Verstopfung,  Durchfall,  Pesthubonen 
mit  küi'zeren  Bemerkungen   berücksichtigt. 


Die  Chirurgie  in  Italien  während  des  15.  Jahrhunderts. 

Die  sehr  eingehende  Schilderung  der  Rhinoplastik  bei  Pfolspeundt 
und  dessen  Angabe,  er  habe  diese  Operation  von  einem  Walen  (Italiener) 
gelernt,  führt  unsere  Darstellung  wieder  auf  den  Stand  der  Chirurgie 
in  Italien  zurück,  wo  diese  Kunst  während  des  15.  Jahrhunderts  einen 
weiteren  Aufschwung  gewonnen  hatte.  Beteiligt  an  demselben  waren 
eine  Reihe  bedeutender  Chirurgen,  die  in  folgendem  noch  eine  kurze 
Würdigung  verdienen.  Zu  ihnen  gehören  zunächst  Pietro  di  Ar- 
ge 1  lata  (de  Largelata,  de  la  Cerlata),  f  1423,  Professor  in  Bologna 
(der  übrigens  nicht  mit  dem  bei  Guy  de  Chauliac  citierten  Peter  de 
Arelate  zu  verwechseln  ist).  Pietro  di  Argellate  ist  Verfasser  von 
6  Büchern  Chirurgie  (von  1480—1556  6  mal  in  Venedig  gedruckt),  in 
denen  er  sich  in  manchen  Lehren,  namentlich  bezüglich  der  Krank- 
heiten der  männlichen  Geschlechtsorgane,  an  Saliceto  anlehnt.  In 
anderen  folgt  er  Lanfranchi  z.  ß.  in  der  Ablehnung  der  Heilungs- 
möglichkeit abgehauener  Nasenspitzen,  in  der  Behandlung  von  Darm- 
und Netzwunden;  hie  und  da  sind  auch  Citate  von  Abulkasim,  Arderne 
u.  a.  vertreten.  Die  eigentliche  Wundbehandlung  ist  im  3.  Buche  dar- 
gestellt und  mit  nicht  uninteressanten  kasuistischen  Bemerkungen  aus- 
gestattet. Argellata  ist  von  rühmenswerter  Ehrlichkeit;  ganz  offen  legt 
er  im  Interesse  seiner  Leser  die  Missgriffe  dar  und  richtet  die  Ermahnung 
an  seine  Schüler,  in  ähnlichen  Fällen  derartige  Irrtümer  zu  meiden. 
—  Argellatas  ungefährer  Zeitgenosse  ist  Leonardo  Bertapaglia 
(t  1460),  Professor  in  Padua,  einer  der  hervorragendsten  Chirurgen 
des  15.  Jahrhunderts,  dessen  Lehrbuch  u.  d.  T.:  Recollecte  habite 
super  quarto  Avicenne  ab  egregio  et  singulari  doctore 
etc.  auch  in  einige  Ausgaben  der  Venediger  Kollektion  (so  in  die  von 
1519)  aufgenommen  ist.  Es  besteht  aus  nicht  weniger  als  7  Trak- 
taten. Trakt.  1  ist  eine  Abscesstherapie  in  27  Kapiteln,  ganz  in  ara- 
bistischem  Stil  (inkl.  der  Terminologie)  und  arabistischem  Geist  ge- 
halten; die  emplastra  und  unguenta  drängen  sich  schon  bei  oberfläch- 
licher Betrachtung  des  Buches  in  unübersehbarer  Zahl  auf.  Trakt. 
2  und  3  über  Wunden,  Geschwüre  resp.  Fisteln  mit  je  10 — 12  Ka- 
piteln machen  einen  erquicklicheren  Eindruck.  Hier  tritt  der  phar- 
makologische Teil  hinter  den  ätiologisch-diagnostischen  Betrachtungen 
und  der  eigentlich  chirurgischen  Therapie  zurück ;  namentlich  hat  die 
Lehre  von  der  Blutstillung  eine  eingehende  und  sorgfältige  Darstellung 
erfahren.  Allerdings  ist  der  überwiegende  Teil  nicht  originell,  sondern 
Kompilation.  Die  Geschwüre  teilt  Bertapaglia  ein  in  virulenta,  sordida, 
profunda,  cavernosa.  corrodentia,  putrida,  ambulativa;  jedoch  ist  auch 
anderen  Gesichtspunkten  bei  der  Einteilung  Rechnung  getragen.  Auch 
die  Geschwürslehre  ist  gründlich  vorgetragen  worden;  bei  der  Be- 
handlung spielen  freilich  die  zahlreichen  Salben  und  Verbandswässer 
eine  Rolle.  Trakt.  4  in  6  Kapiteln  hat  ausschliesslich  die  Verletzun- 
gen der  Nerven,  Trakt.  5  in  6  Kapiteln  die  Knochenverletzungen 
zum  Gegenstande,  jedoch  diese  nur  allgemein;  die  speziellen,  wie 
Schädelbrüche   etc.,   Luxationen   etc.   sind    ausgeschlossen.     Trakt.  6 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  743 

in  7  Kapiteln  offenbart  die  ganzen  Geheimnisse  der  Astrologie,  speziell 
die  Beziehungen  schwerer  Verletzungen  zu  den  Aspekten.  Die  Ueber- 
schrift  dieses  merkwürdigen  Abschnittes  lautet: 

De  judieiis  vidvemm  significantium  mortem  per  singula  membra  humana  per 
aspectum  et  secimdum  duodecim  signa  celestia  mit  salutem  et  hoc  cum  maxima 
diffieultate  aut  talia  vulnera  remanebunt  semper  illesa  vel  cum  debilitate  illitis 
membri  in  quo  fxierint.  De  hoc  multa  mirabilia  vidhmts  super  verificationem 
horum  signorum. 

Vielleicht  bezieht  sich  gerade  auf  diese  „mirabilia"  der  kleine 
Zusatz  in  der  Titelüberschrift  des  Ganzen,  welcher  lautet:  „et  ibi 
sunt  mirabilia  secreta  habita  ab  eo  et  per  nie  experta".  Den  Beschluss 
auch  von  Bertapaglias  Chirurgie  bildet  das  unentbehrliche  „capitulum 
nnicum"  des  Tr.  VII  de  antidotis,  dessen  Einleitung  recht  charak- 
teristisch lautet: 

Jiec  est  secreta  conimendanda  memorie  et  magnificanda  nee  danda  manibus 
harbitonsorum  nee  qui  male  intelligendo  auctores  bonos  vituperant". 

Uebrigens  berichtet  er  hier  auch  u.  a.  von  einer  glücklichen  Kur 
an  seinem  Hunde  („in  quodam  meo  cane  qui  dum  esset  ab  aspide  morsus 
etc.';).  Neues  und  Originelles  ist  sonst  im  allgemeinen  wenig  bei  Ber- 
tapaglia  zu  finden;  der  Wirkung  der  Scabiosa  singt  er  im  Schluss- 
kapitel einen  begeisterten  Hymnus  in  10  Hexametern.  Interessant  ist 
hier  ferner  eine  Notiz  über  eine  am  8.  Februar  1429  ausgeführte 
Sektion  eines  ermordeten  Bergamesen  durch  Mag.  Hugo  de  Senis, 
der  Bertapaglia  beiwohnte;  eine  andere  „Anatomie"  (im  April  des 
folgenden  Jahres)  betraf  nur  eine  Gebärmutter.  Endlich  verdient 
unter  den  italienischen  Chirurgen  des  15.  Jahrhunderts  allenfalls 
noch  Erwähnung  ]Marcellus  Cumanus  nicht  wegen  aller 
seiner  100,  erst  1668  durch  Georg  Hieronymus  Welsch  in  seiner 
„Sylloge  curationum  et  observationum  medicinalium" 
(Ulm)  publizierten,  recht  schlichten,  um  nicht  zu  sagen  dürftigen  Be- 
obachtungen, die  nicht  einmal  auf  den  Namen  Krankengeschichten 
Anspruch  haben  —  thatsächlich  handelt  es  sich  bei  den  meisten  nur 
um  Rezepttherapie,  und  ein  Teil  dieser  Fälle  gehört  überhaupt  nicht 
ins  Gebiet  der  Chirurgie  — ,  sondern  lediglich  wegen  einer  Notiz  in 
dem  64.  Fall  der  Sammlung,  überschrieben  „dolor  vulneris  sclo- 
peto  illati  vel  ballista",  in  der  deutlich  die  erste  litte- 
rarisch bekannte  Erwähnung  einer  Gewehrschuss- 
wunde erfolgt. 

Wenn  aber  de  Renzi  u.  a.  behaupten,  dass  Cumanus  den  vergif- 
teten Charakter  der  Schusswunden  in  Abrede  stelle,  so  geht  das  aus  der 
bezüglichen  Notiz  resp.  aus  der  dort  empfohlenen  Therapie  ohne 
weiteres  und  ausdrücklich  nicht  hervor.    Der  Wortlaut  ist  folgender: 

„Ad  sedandum  dolorem  factum  in  vulnere  ex  sclopeto  vel  ballista  Bp.  ol.  tos. 
iinc.  VI  galban.  asae  foetid.  ää  wie.  1  dissolv.  gummi  in  praedicto  oleo  et  cal. 
applicentur" 

ohne  jeden  weiteren  Kommentar.  Eine  grössere  litterarische  Wich- 
tigkeit besitzt  die  Centurie  des  Cumanus,  die  übrigens  vom  Heraus- 
geber Welsch  mit  einem  nützlichen  Kommentar  versehen  worden  ist, 
für  die  Geschichte  der  Syphilis,  Aus  der  Krankengeschichte  4  („pustulae 
sive  vesicae  epidemiae")  geht  des  Cumanus  Beteiligung  an  einem  Feldzuge 
im  Jahre  1495  hervor  („in  Italia  ex  uno  influxu  coelesti  dum  me  re- 


744  Julius  Pagel. 

cepi  in  castris  Navarrae  cum  armii^eris  dominoruin  Venetorum,  domi- 
norum  Mediolanensium"),  beiläufig  bemerkt  die  einzige  autobiographische 
Notiz  in  dem  Buch,  ferner  ist  daraus  zu  entnehmen,  dass  Cumanus 
bei  dieser  Gelegenheit  syphilitische  Exantheme  bei  mehreren  Soldaten 
beobachtet  hat.  Auch  andere,  ziemlich  zahlreiche  Kurgeschichten  der 
übrigens  gänzlich  planlosen  Zusammenstellung  handeln  noch  von  ulcera 
virgae  (21,  70,  72,  75),  caries  (oder  „caroli")  pudendorum  (20,  73),  bu- 
bones  causati  ex  pustulis  virge  (7,  53,  54),  gonorrhoea  (44),  aposte- 
mata  inguiniim  (52)  etc.  —  Dass  Cumanus  sonst  nicht  zu  den  aufge- 
klärtesten Aerzten  seiner  Zeit  gehört,  beweist  die  allen  Ernstes  gegen 
Hundebiss  (Nr.  15)  vorgebrachte  Empfehlung  einer  Wunderkur  am 
Grabe  eines  Heiligen;  besonders  emphatisch  beginnt  er  diese  Notiz 
mit  den  Worten:  Nos  Christiani  habemus  pro  vera  experientia  sl 
quis  fuit  morsus  a  cane  rabido  etc.  Der  Herausgeber  Welsch  be- 
merkt dazu  sehr  treifend:  Haec  olim,  Marcelli  tempore.  Quid  hodie 
fiat  non  libuit  inquirere.  Quae  enim  naturae  limites  transscendunt, 
non  pertinent  ad  artem  medendi. 


Die  italienischen  Empiriker  des  15.  Jahrhunderts. 

Vgl.  E.  Gurlt,  Gesch.  d.  Chir.  I  p.  100. 

Charakteristisch  für  die  Entwicklung  der  Chirurgie  in  Italien 
während  des  15.  Jahrhunderts  ist  die  beglaubigte  Thatsache,  dass  ein 
grosser  Teil  schwieriger  Operationen  in  den  Händen  von  Wundärzten 
lag;  die  ihre  Kunst  rein  empirisch  ausübten.  Als  solche  sind  bemerkens- 
wert die  Mitglieder  von  mehreren  Familien,  die  sich  nach  ihrem  Ab- 
stammungsorte Norcia  (Norsia,  Nurcia)  und  einigen  Orten  der  Umgebung, 
hauptsächlich  dem  Castello  und  Centado  delle  Preci  Nor  ein  er  und 
Precianer  nannten.  Es  existieren  unzweifelhafte  Nachrichten,  wo- 
nach diese  Kategorie  von  Wundärzten  systematisch  und  mit  grossem 
Erfolge  diejenigen  Operationen  übte  und  pflegte,  die  von  den  gelehrten 
und  wissenschaftlich  gebildeten,  aber  aus  dem  Klerus  stammenden 
Chirurgen  meist  wegen  ihrer  Schwierigkeit  perhorresziert  wurden.  So 
wird  berichtet,  dass  sie  namentlich  in  der  Radikalheilung  der  Scrotal- 
brüche  grosse  Uebung  besassen,  dass  sie  ferner  Geschicklichkeit  bei 
den  plastischen  Operationen,  ferner  beim  Steinschnitt,  bei  der  Kastration, 
bei  der  Operation  der  Harnröhrenstrikturen  und  sogar  in  der  Katarakt- 
operation entwickelten.  Haeser  vertritt  die  Ansicht,  dass  in  den  ge- 
nannten Familien,  die  übrigens  im  Wandern  ihre  Kunst  ausübten,  die 
versprengten  Abkömmlinge  des  uralten,  aus  der  Hippokratischen  Zeit 
gemeldeten  Periodeuten  zu  erblicken  sind  und  dass  so  die  Thatsache 
von  dem  Verbot  des  Steinschnitts  in  dem  asclepiadischen  Eid  und  der 
Preisgebung  dieser  Operation  an  besondere,  diese  gewerbsmässig 
pflegende  Männer  die  beste  Erklärung  findet.  In  dem  Kreise  dieser 
Empiriker  ist  sicher  zuerst  wieder  die  Operation  der  künstlichen 
Nasenbildung  rehabilitiert  und  lange  Zeit  als  Zunftgeheimnis  gewahrt 
worden.  Von  hier  aus  hat  auch  der  erwähnte  Heinrich  von  Pfolspeundt 
seine  Wissenschaft  erhalten.  —  Um  die  Rhinoplastik  erwarben  sich 
ferner  Angehörige  der  italienischen  Wundarztfamilie  Branca  (pater 
et  Antonius  fllius)  aus  Catanea  in  Sicilien  (um  1450)  sowie  die  im 
16.  Jahrhundert  lebenden  Vertreter   der  Familie  Vianeo   aus  Maida 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  745 

(am   Meerbusen   S.   Euferaia)    und   Tropea   grosse   Verdienste,  deren 
Würdigung-  jedoch  an  einen  späteren  Ort  gehört.  — 


Die  Augenheilkunde  im  Mittelalter  (12.-15.  Jahrhundert). 

Vgl.  A.  M.  Berger  und  T.  31.  Auracher,  Des  Benevenittus  Grapheiis 
Practica  oculuorum.  Beitrag  zur  Geschichte  der  Augenheilkunde.  Heft  1  München 
1884;  Heft  2  München  1886.  Dazu  Janus,  Archives  internat.  Amsterdam  IL  1897 
p.  290;  Giuseppe  Albertotti,  Benvenuti  Grassi  hierosolimitani  doctoris  celeber- 
rimi  etc.  incunatmlo  Ferrarese  delV  anno  1474  con  notizie  bibliografiche.  Favia 
1897.  Derselbe,  I  Codici  Riccardiano  Parigino  ed  Ashburnhamiano  delV  opera 
oftalmoiatrica  di  Benvenuto  Modena  1897 ;  Derselbe,  Vopera  oftalmoiatrica  di 
Benvennto  nei  codici  negli  incunabuli  e  nelle  edizioni  moderne  [ib.  1897);  Der- 
selbe in  „Annali  di  Ottalmologia'''  XXVII.  fasc.  3.  Pavia  1898;  Derselbe, 
I  codici  Napoletano,  Vaticani  e  Boncamimgni  ora  Albertotti  delV  opera  oftalnto- 
jatrica  di  Benvenuto.  Modena  1901;  Derselbe,  Libellus  de  conservanda  sanitate 
oculorum  di  mag.  Barnabas  di  Regio  (ib.  1895);  Derselbe,  Mag.  Barnabas  de 
Regio  ed  il  suo  libellus  etc.  (estratto  della  Rassegna  di  scienzi  mediche  1896.  XL 
Modena);  Derselbe,  Mag.  Barnabas  de  Regio  ed  il  suo  libellus  etc.  (Pavia  1896); 
Paget,  Neue  litter.  Beitrüge  zur  mittelalterl.  Med.  (Berlin  1896);  Derselbe  im 
Janus  Amsterdam  1 1897 ;  Finzi,  Angelo  Attilio,  11  codice  Amploniano  delV  opera 
oftalmojatrica  di  B.G.  etc.  Modena  1899.  Vgl.  dazu  Ohleniann  (Wiesbaden), 
über  den  Codex  8.  193  d.  Bibl.  Amplon.  (Wochenschr.  f.  Ther.  u.  Hygiene  des 
Auges  IJI  Nr.  49—74  1900). 

Die  ^Augenheilkunde  lag  während  des  ganzen  Mittelalters  meist  in 
den  Händen  der  Chirurgen.  Doch  existierten  bereits  bei  den  Arabern 
hervorragende  Spezialaugenärzte,  deren  Schriften  sich  grossen  Ansehens 
bei  den  Latinobarbaren  erfreuten  und  beispielsweise  bei  Guy  de  Chauliac 
erschöpfende  Erwähnung  gefunden  haben,  so  die  Arbeiten  der  Jesu  Hali 
(Ali  ben  Isa),  Alcanamusali  und  Alcoatim,  deren  Leistungen  an  anderer 
Stelle  zu  besprechen  sind.  Von  nicht  arabischen  Augenärzten  sind 
uns  nur  die  Schriften  zweier  Männer  erhalten  geblieben  resp.  bis  jetzt 
bekannt  geworden,  nämlich  Beneven utus  Grapheus  (vgl.  obiges 
Litteraturverzeichnis),  der  wahrscheinlich  aus  Jerusalem  stammte,  und 
da  er  von  Guy  de  Chauliac  erwähnt  wird,  spätestens  dem  13. — 14. 
Jahrhundert  angehören  muss.  Benvenutus  liat  in  Süditalien  (Salerno), 
vielleicht  auch  vorübergehend  in  Montpellier  praktiziert  und  eine  im 
Mittelalter  als  Spezialwerk  sehr  geschätzte  Schrift  über  Augenkrank- 
heiten verfasst,  die  unter  verschiedenen  Titeln  vorkommt,  und  um 
deren  Kenntnis  sich  neuerdings  ß erger  und  Auracher  in  München 
sowie  Albertotti  in  Modena  die  grössten  Verdienste  erworben  haben. 
Die  „Practica  oculorum"  des  Benvenutus  (,.de  oculorum  aifectioni- 
bus"  oder  „ars  probatissimä  oculorum")  zerfällt  in  drei  Abschnitte. 
Eine  kurze  anatomische  Skizze  dient  als  Einleitung  (meist  nach  Galen). 
Sehr  ausführlich  ist  das  Kapitel  der  Katarakte,  bekanntlich  des  Sammel- 
begriifs  für  Linsentrübungen  wie  für  Amblyopie  und  Amaurose.  Dem 
entsprechend  werden  heilbare  und  unheilbare  Katarakte  unterschieden. 
Die  Operation  geschieht  mittels  Depression  der  Linse  („Sustineas 
ipsam  ibi  cum  puncta  acus  [Spitze  der  Starnadel]  donec  dicas  quater 
vel  quinquies  Pater  noster").  Im  übrigen  werden  Verband,  Nach- 
behandlung, Diät  und  das  Material,  aus  dem  die  Starnadel  bestehen 
soll,  eingehend  erörtert.  Benvenutus  beschreibt  noch  die  Operation  bei 
Trichiasis,  Ectropium,  Ungda  u.  a.  Der  arabistische  Geist  zeigt  sich 
in  der  vornehmlichen  Berücksichtigung  des  pharmaceutischen  Teils. 
Gross  ist   die  Zahl  der  Eezepte   zu  Salben,   Collyrien,  Augenpulvern 


746  Julius  Pagel. 

und  allen  mög-lichen  Verordnungen.  Der  überwiegende  Teil  ist  Kom- 
pilation; jedoch  finden  sich  hie  und  da  auch  selbständige  Beobach- 
tungen eingeflochten.  Die  Schrift  hat  nur  litterarhistorischen  Wert, 
keinen  pragmatischen,  ebensowenig  der  vor  einigen  Jahren  von  Prof. 
Albertotti  in  Modena  nach  einem  Codex  der  Venediger  Marcus- 
bibliothek aus  dem  XIV.  Jahrhundert  ans  Licht  gezogene  „Libellus 
de  conservanda  sanitate  oculorum"  eines  mag.  Barnabas 
de  Regio,  beendigt  am  15.  Oktober  1331,  in  dem  neben  rationellen 
diätetischen  Vorschriften  auch  Bemerkungen  zur  Anatomie  und  Patho- 
logie des  Auges  enthalten  sind.  Endlich  ist  vor  kurzem  durch  Berger 
noch  auf  die  Bedeutung  hingewiesen  worden,  welche  auch  Petrus 
Hispanus  (cfr.  p.  682)  als  Augenarzt  verdient. 

Vgl.  A.  M.  Berger,  Die  Ophthalmologie  {über  de  oculd)  des  Petrus  Hispanus. 
Zum  ersten  Male  herausg.,  ins  Deutsche  übersetzt  und  erläutert,  München  1899 
[eine  ausgezeichnete  Edition]. 


Oeffentliche  Gesundheitspflege  und  Epidemien  im  Mittelalter. 
Populäre  medizinische  Litteratur. 

H.  Haeser,  Lehrb.  d.  Gesch.  d.  Med.  3.  Auf..  Bd.  III  p.  58ff.  und  die  da- 
selbst angegebenen  Quellen;  A.  Hirsch,  lieber  die  historische  Entwickelung  der 
öffentlichen  Gesundheitspflege,  Rede,  Berlin  1889 ;  L,  Kotelmann,  Gesundheits- 
pflege im  Mittelalter.  Kulturgeschichtliche  Studien  nach  Predigten  des  13.,  14.  und 
15.  Jahrhunderts  {Hamburg  u.  Leipzig  1890) ;  J.  Köhler,  Beiträge  zur  öffentlichen 
Gesundheitspflege  deutscher  Städte  im  Mittelalter  {Vierteljahrsschr.  f.  gerichtl.  Med. 
u.  öffentl.  Sanitätstvesen  3.  Folge  IX  1;  E.  Lesser,  Die  Aussatzhäuser  des  Mittel- 
alters. Vortrag,  Bern  1896  {Schweizerische  Rundschau  1896) ;  B.  31.  Lersch,  Ge- 
schichte der  Volksseuchen  nach  und  mit  den  Berichten  der  Zeitgenossen  etc.  {Ber- 
lin 1896);  Ludwig  Graf  Uetterodt  zu  Scharffenberg,  Zur  Geschichte _  der 
Heilkunde.  Darstelhmgen  aus  dem  Bereiche  der  Volkskrankheiten  und  des  Sanitäts- 
wesens im  deutschen  Mittelalter  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Lagerepidemien 
und  der  Militärkrankenpflege,  Berlin  1875. 

Der  niedrige  Stand  aller  Kultur  im  mittelalterlichen  Europa 
findet  den  kräftigsten  Ausdruck  in  der  Vernachlässigung  der  öffent- 
lichen Gesundheitspflege.  Zwar  fehlt  es  nirgends  an  deutlichen  Spuren, 
welche  die  mitunter  recht  ernsten  Bemühungen  zur  Schaff'ung  von 
Einrichtungen  für  das  öff"entliche  Wohl  verraten.  Allein  einesteils 
war  diese  Fürsorge  nur  sporadisch,  sie  betraf  nur  einzelne  Gebiete 
wie  z.  B.  das  Hospitalwesen,  andererseits  waren  die  Einrichtungen 
selbst  im  höchsten  Grade  primitiv,  mangelhaft;  ihre  Durchführung 
scheiterte  nicht  bloss  an  der  Ungunst  der  sozialen  Verhältnisse,^  an 
den  politischen  Wirren  und  Kämpfen,  sondern  auch  an  der  Gleich- 
gültigkeit, ja  an  dem  direkten  Widerstand  der  unaufgeklärten,  durch  die 
Herrschaft  des  kirchlichen  Mysticismus  verdummten  Massen.  Von  ziel- 
bewussten,  systematischen  und  durchgreifenden  Massregeln  in  hygie- 
nischen Angelegenheiten  seitens  der  zuständigen  Behörden  ist  nirgends 
die  Eede.  Dazu  fehlten  vor  allem  die  wissenschaftlichen  und  technischen 
Grundlagen,  dazu  war  der  Stand  der  naturwissenschaftlichen  und  me- 
dizinischen Kenntnisse  ein  viel  zu  niedriger.  Die  Folgen  dieser  Unter- 
lassungssünden konnten  nicht  ausbleiben.  Aussatz  (Lepra),  Blattern 
und  andere  Hautkrankheiten  waren  während  des  ganzen  Mittelalters 
in  allen  Ländern  und  allen  Bevölkerungsklassen  endemisch.  Ihre  Dar- 
stellung nimmt  in  den  Lehrbüchern  der  Medizin  und  Chirurgie  einen 
ständigen  und   breiten   Platz  ein.     Diesen   endemischen   Affektionen 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  747 

reihen  sich  die  schweren  somatischen  und  psychischen  Seuchen  des 
12. — 15.  Jahrhunderts  an,  die  in  wahrhaft  mörderischer  Weise  die 
Völker  heimsuchten  und  von  entsetzlichen,  fast  bis  zur  Auflösung  aller 
sozialen  Bande  führenden  Folgen  begleitet  waren.  Unter  den  grossen 
Epidemien,  die  gleichzeitig  die  ebenso  grausame  wie  gerechte  Strafe 
für  die  Indolenz  der  Massen,  die  Impotenz  der  Aerzte  und  die  allge- 
meine, bis  in  die  höchsten  Kreise,  die  berufenen  Vertreter  der  Moral 
und  Bildung  gedrungene  Sitten-  und  Zuchtlosigkeit  bildeten,  ist  die 
unter  dem  Namen  des  „schwarzen  Todes"  figurierende  Pestepidemie 
des  14.  Jahrhunderts  die  bekannteste  und  berüchtigste.  Die  Schilderung 
dieser,  sowie  der  übrigen  Seuchen  gehört  zu  den  traurigsten  Kapiteln 
der  mittelalterlichen  Geschichte.  An  dieser  Stelle  muss  ihre  blosse 
Erwähnung  genügen  zugleich  mit  dem  Hinweis  auf  eine  der  Haupt- 
quellen, die  bereits  (p.  731  ff.)  hervorgehobene  Stelle  bei  Guy  de  Chauliac. 
Hand  in  Hand  mit  dieser  Bubonenpest  gingen  teils  als  Vorläufer,  teils 
in  würdiger  Nachfolgerschaft  die  seltsamen,  für  jene  Zeitläufte  recht 
charakteristischen  Geistesvolkskrankheiten,  die  Lykanthropie,  die 
Tanzwut,  die  Geissler-  und  Kinderfahrten,  von  denen  J.  F. 
C.  Heck  er  ein  ebenso  klares  wie  ergreifendes  Bild  entworfen  hat. 
Das  Schlussglied  in  dieser  Kette  bildet  die  zu  Ende  des  15.  Jahr- 
hunderts erfolgte,  allgemeine  und  plötzliche  Ausbreitung  der  Syphilis, 
bei  welcher  Ursprung  und  Ursache  des  epidemischen  Charaktere  zu  er- 
gründen bis  heute  noch  nicht  gelungen  ist  Nicht  unerwähnt  bleibe  die 
um  1486  in  England  ausgebrochene  Epidemie  von  Schweisstieber, 
die  jedoch  in  der  Gruppe  der  grossen  Volkskrankheiten  eine  ziemlich 
isolierte  Erscheinung  blieb,  indem  sie  sich  nur  noch  während  des  16. 
Jahrhunderts  einige  Male  wiederholte,  im  übrigen  auf  den  ürsprungs- 
herd  beschränkt  blieb,  um  dann  völlig  zu  verschwinden,  während 
Pesten,  Aussatz,  typhöse  Fieber,  Blattern,  allerlei  exan thematische 
Affektionen  im  Verein  mit  anderen  schweren  Volksseuchen  noch  jahr- 
hundertelang fast  bis  in  die  neueste  Zeit  hinein  ständige  Rubriken 
in  den  Schriften  der  Aerzte  wie  in  den  Berichten  der  Chronisten 
blieben.  Die  empfindliche  Lektion,  welche  auf  diese  Weise  die  Völker 
und  ihre  Aerzte  erhielten,  hatte  auch  eine  heilsame  Kehrseite.  Die 
Behörden  wurden  aus  ihrer  Lethargie  aufgerüttelt,  die  Aerzte  ge- 
langten zum  Bewusstsein  der  Mangelhaftigkeit  in  ihrem  Wissen  und 
Können,  geläutertere  Anschauungen  über  Ursache  und  Wesen  der 
Krankheiten  traten  an  Stelle  verkehrter  Argumentationen,  die  aprio- 
ristische  Spekulation  der  scholastischen  Methode  wich  einer  rationellen 
Natnrbeobachtung,  und  allmählich  vollzog  sich  der  gesunde  Umschwung 
in  der  ganzen  Denk-  und  Forschungsrichtung,  der  schliesslich  zu  einer 
kräftigeren  Initiative  auch  in  hygienischen  Dingen  führte.  Es  liegt 
nicht  im  Plane  dieser  Arbeit,  eine  erschöpfende  Aufzählung  aller  in 
das  Gebiet  der  öffentlichen  Gesundheitspflege  einschlägigen  Mass- 
nahmen und  Einrichtungen  zu  geben,  wie  sie  während  des  späteren 
Mittelalters  in  den  verschiedenen  Ländern  für  die  verschiedenen 
Zweige  getroffen  worden  sind.  An  ernsten  Bemühungen,  die  bessernde 
Hand  überall  da  allmählich  anzulegen,  wo  ein  Bedürfnis  dazu  hervor- 
trat, hat  es  nirgends  gefehlt.  Die  zahlreichen  Aussatzhäuser,  Herbergen, 
Hospitäler  und  Lazarette,  die  Gründung  von  Ordensgesellschaften  und 
Krankenverpflegungsgenossenschaften,  Verordnungen  hinsichtlich  der 
Beaufsichtigung  der  Gewerbe,  Massregeln  gegen  Kurpfuschertum  und 
Quacksalberei,  Ueberwachung  der  Prostitution,  Regelung  des  Bäder- 


748  Julius  Pagel. 

Wesens,  Einrichtungen  und  Vorschriften  bezüg'lich  der  Apotheken, 
Sorge  für  das  medizinische  Unterrichtswesen,  zahlreiche  Pestconsilien 
und  Anweisungen  zum  diätetischen  Verhalten  bei  Epidemien  etc.  — 
alles  dies  beweist,  dass  der  Sinn  für  Schaffung  von  Einrichtungen  zum 
Wohle  der  Gesamtheit  erwachte  und  sich  in  immer  steigendem  Masse 
das  Verständnis  für  die  Notwendigkeit  einer  öffentlichen  hygienischen 
Fürsorge  entwickelte.  In  der  Litteratur  macht  es  sich  ausser  den 
schon  erwähnten  zahlreichen  Pestverordnungen  noch  durch  das  An- 
wachsen der  populär-medizinischen  Schriften,  meist  diätetischen,  phar- 
makologischen und  balneo-diätetischen  Inhalts  geltend.  Diese.  Schriften 
sind  hinsichtlicli  ihres  eigentlichen  Inhalts  ziemlich  belanglos;  eine 
genaue  Aufzählung  ist  nur  für  den  Bibliographen  von  Wert.  Er- 
wähnung verdienen  allenfalls  abgesehen  von  den  bereits  genannten 
Umarbeitungen  und  Auszügen  aus  den  Encyklopädien  der  Mönchsärzte 
und  der  scholastischen  Naturforscher  (Albertus  Magnus,  Thomas  v.  Can- 
timpre  vgl.  p.  663)  das  „Arzneibuch"  des  im  15.  Jahrhundert  zu 
Würzburg  praktizierenden  Arztes  Ortolff  v.  Bayrlandt,  das 
übrigens  auch  zu  einem  Teile  nichts  weiter  ist  als  eine  Reproduktion 
des  Inhalts  von  Kunrat  von  Megenbergs  „Puch  der  natur"  (vgl. 
p.  664),  ferner  der  gleichfalls  aus  dem  15.  Jahrhundert  stammende 
,,H  e  r  b  a  r  i  u  s  M  o  g  u  n  t  i  n  u  s",  „ein  mit  Abbildungen  von  (150)  Kräutern, 
Tieren  und  Mineralien  versehenes  Hausarzneibuch  für  Arme'"  von  einem 
unbekannten  Verfasser.  (Ueber  diese  Kompilation,  sowie  über  eine 
andere  ähnliche  Schrift,  betitelt  „Ortus  sanitatis''  [in  deutscher 
Bearbeitung  „Gart  der  Gesundheit-']  hat  Ludwig  Choulant  in 
seinen  „Graph.  Incunabeln"  etc.  p.  155  ff.  nähere  Mitteilungen  gemacht, 
auf  die  hiermit  verwiesen  werden  muss). 


Die  übrigen  Spezialzweige  der  Medizin  während  des  Mittelalters. 

Auf  die  reiche  und  blühende  pharmakologische  Litteratur 
bei  den  abendländischen  Aerzten  während  des  Mittelalters  ist  wieder- 
holt an  früheren  Stellen  aufmerksam  gemacht  worden.  In  dieser  Be- 
ziehung zeigten  sich  unsere  Genossen  durchaus  als  würdige  Hüter 
galenisch- arabischer  Tradition.  Der  Pharmacie  blieb  bei  aller  Wahrung 
des  diätetischen  Standpunktes  in  der  inneren  Medizin  und,  was  be- 
sonders charakteristisch  ist,  auch  in  der  chirurgischen  Therapie  im 
ganzen  Mittelalter  die  Hauptrolle  gesichert.  Die  zahlreichen  Anti- 
dotarien,  die  pharmaceutischen  Wörterbücher,  die  schier  unüberseh- 
baren Verordnungen  von  Salben,  Pflastern  und  allen  möglichen  Re- 
zepten, Theriakalien,  die  wunderbaren  Gemische  und  kompliziertesten 
Formeln  von  Dutzenden  von  Ingredienzien  sprechen  eine  nur  zu  beredte 
Sprache.  Es  ist  unnötig,  hier  noch  einmal  die  betreffenden  Litteratur- 
produkte  vorzuführen.  Naturgeraäss  musste  die  Mannigfaltigkeit  der 
ärztlich-pharmaceutischen  Verordnungen  allmählich  auch  zur  Entwick- 
lung eines  gut  geregelten  Apotheke rwesens  führen.  Sind  auch 
einige  Medikamente  besonders  in  der  äusseren  Therapie  sicher  von 
den  Aerzten  selbst  dispensiert  worden  (wozu  wären  sonst  die  gründ- 
lichen, oft  nur  zu  gründlichen  Anweisungen  in  den  bekannten  Anti- 
dotarien  im  Anhange  z.  B.  fast  aller  grösseren  Lehrbücher  der 
Chirurgie?),  so  steht  andererseits  fest,  dass  dank  der  Initiative  der 
Araber   bereits    während    des    Mittelalters   zahlreiche    relativ    selbst 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  749 

modernen  Begriffen  entsprechend  vollkommene  Apotheken  existierten, 
in  Italien,  in  Frankreich,  Deutschland,  die  stellenweise  sogar  behörd- 
licher Aufsicht  unterstanden,  bezw.  nach  bestimmten  gesetzlichen  Vor- 
schriften ihren  Betrieb  einzurichten  hatten.  Thatsache  ist,  dass  die 
Anfertigung  einzelner  besonders  wichtiger  oder  vermeintlich  wichtiger 
Arzneien,  wie  z.  B.  des  unentbehrlichen  Theriaks,  direkt  von  den 
Behörden  überwacht  wurde  und  in  feierlichster  Weise  in  Anwesenheit 
von  Magistratsvertretern  und  Honoratioren  des  Orts  geschah.  Es  be- 
stand ferner  ein  blühender  Handel  mit  Droguen  und  zusammen- 
gesetzten Arzneien,  die  in  beträchtlichen  Quantitäten  namentlich  in 
Italien  fabriziert  und  überall  hin  exportiert  wurden.  Auch  waren  die 
Apotheker  verpflichtet,  die  Preise  für  die  Arzneien  nach  einer  behörd- 
licherseits bestimmten  Taxe  zu  regulieren.  —  In  litterarischer  Be- 
ziehung kommen  als  ganz  speziell  die  Bedürfnisse  der  Apotheker  be- 
rücksichtigend noch  in  Betracht  das  „compendium  aroraatario- 
rum"  von  Saladinus  de  Asculo,  Leibarzt  eines  tarentinischen 
Fürsten  (abgedruckt  in  den  bekannten  Venediger  Joh.  Mesue- Ausgaben), 
sowie  das  „lumen  apothecariorum"  des  Quiricus  de  Augustis 
aus  Tortona,  Arzt  zu  Vercelli.  beide  Produkte  des  14.  Jahrhunderts. 
Aus  dem  ersteren  sei  folgender  Passus  als  charakteristisch  hervor- 
gehoben : 

„Primo  igitur  aromatarius  examinandtis  a  medico  interrogandus  erit  quid  est 
officium  aromatarii.  Respondeo  et  dico  quod  officium  aromatarii  est  terere,  abluere, 
infundere,  coquere,  distilkire,  bene  conficere  et  confecta  bene  conservare.  Fropter  qiiae 
omnia  dico  ulterius  quod  aromatarii  tenentur  scire  grammaticatn,  ut  valeant  bene 
intelligere  dispensationes  recep^arum  et  antidotariorum  et  sdcntiae  tnedicinae" 
(Ausgabe,  Venedig  1549  fol.  291^). 

Erwähnung  verdient  noch  allenfalls  der  Kommentar  zu  Mesues 
„Grabadin"  von  Christophorus  Georgius  de  Honestiis  aus 
Florenz  (ebenfalls  abgedruckt  in  den  meisten  Venediger  Mesue- 
Ausgaben). 

Ein  durchaus  analoges  Wechsel  Verhältnis  wie  zwischen  Theorie 
und  Praxis  der  Pharmakologie  bestand  während  des  ganzen  Mittel- 
alters hinsichtlich  der  Balneologie.  Der  kräftigen  Entwicklung 
des  Badewesens,  das  bekanntlich  während  des  Mittelalters  eifrig  ge- 
pflegt wurde,  entspricht  eine  umfangreiche  balneologische  Litteratur, 
besonders  in  Italien,  w^o  ja  auch  zahlreiche  Bäder  und  Kurorte  vor- 
handen waren.  Ein  grosser  Teil  der  betreffenden  Litteratur  ist  der 
Venediger  „Collectio  de  balneis"  (1553)  einverleibt.  Die  hervor- 
ragenden Aerzte  des  12. — 15.  Jahrhunderts  sind  mehr  oder  weniger 
alle  daran  beteiligt  teils  mit  selbständigen  Abhandlungen  über  ver- 
schiedene Badeorte,  teils  mit  allgemeinen  Betrachtungen  über  Ge- 
brauch, Indikationen  und  Wert  der  Bäder  überhaupt ;  bei  der  üppigen 
Blüte,  der  sich  das  Badeleben  im  Mittelalter  erfreute,  durften  sie  sich 
der  Darstellung  dieses  Zweiges  der  Therapie  in  ihren  schrift- 
stellerischen Produkten  nicht  entziehen.  Es  sei  in  dieser  Hinsicht  an 
Autoren  wie  Pietro  d'Eboli,  Joh.  von  St.  Amand,  Arnold  von  Villanova, 
Giacomo  de'  Dondi,  Pietro  de  Tussignana,  Gentilis  de  Fuligno, 
Michele  Savonarola  u.  v.  a.  erinnert.  Bemerkenswert  ist  das  Gedicht 
eines  in  Salerno  gebildeten  und  dort  später  als  Lehrer  sowie  als 
Leibarzt  zweier  Fürsten  (Kaiser  Heinrich  VI.  f  1197  und  Friedrich  IL 
1 1250)  thätigen  Arztes  AI  cadin us  über  die  Bäder  von  Puteoli; 
einige  Strophen  dieses  Gedichts  sollen  von  Eustachius  de  Matera 


750  Julius  Pagel. 

herrühren,  der  unter  Karl  II.  von  Neapel  (um  1285)  lebte;  ferner 
die  Schrift  des  Ugolino  da  Monte catini  aus  dem  14.  Jahr- 
hundert, betitelt :  „T  r  a  1 1  a t o  d  e'  b  a g n  i  t  e  r  m  a  1  i  d' 1 1  a  1  i  a"  (de  baln. 
Ital.  propriet). 

Vgl.  Francesco  Nbvati  in  „Memorie  del  R.  istitiito  lomhardo  di  scienze  e 
lettere'  XX.  Serie  III— XI  Fase.  III,  Milano  1896;  B.  M.  Lersch,  Geschichte  der 
Balneologie,  Würzburg  1863  p.  168  f.;  Choulant  l.  c.  p.  813;  Graesse  l.  c.  I  2 
]i.  566 ff.;  Hugo  Marggrajf,  Badewesen  und  Badetechnik  der  Vergangenheit, 
Samml.  wissensch.  Vortr.  von  Virchow  u.  v.  Holtzendorff',  Berlin  1881;  Theodor 
Dielitz,  Bäder  und  Badereisen  im  deutschen  Mittelalter  [Voss.  Ztg.  Berlin  1894 
Sonntagsbeil.  Nr.  39);  Pagel.,  Histor.  med.  Bibliogr.  de  1875— 96  p.  894  ff. 

Wegen  der  Art  und  Handhabung  der  Bäder,  Zahl  und  Namen  der 
beliebten  Kurorte  in  den  verschiedenen  Ländern  muss  auf  die  reiche 
Speziallitteratur  hingewiesen  werden. 

Im  Gegensatz  zu  den  genannten  Fächern  ist  in  der  Entwicklung 
der  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  ein  Fortschritt  während 
des  Mittelalters  weder  in  litterarischer  noch  in  praktischer  Hinsicht 
wahrzunehmen.  Beide  Gebiete  sind  ein  Feld  für  jede  Form  rohester 
Empirie  und  wüstesten  Aberglaubens,  wovon  man  sich  beim  Studium 
der  bezüglichen  (apokryphen)  Erzeugnisse  der  „mulieres  Salernitanae" 
(Trotula  u.  s.  w.),  Albertus  Magnus  (de  secretis  mulierum?)  ein  leider 
nur  zu  deutliches  Bild  machen  kann.  Da  zur  Ueberwachung  normaler 
Geburten  Aerzte  so  gut  wie  gar  nicht  zugezogen  wurden,  und  die  Hilfe 
in  schwierigen  Fällen  zum  grössten  Teil  wenig  gebildeten  Hebammen 
oder  ganz  unwissenden  Weibspersonen  anvertraut  war,  deren  Manipu- 
lationen meist  in  allerlei  abergläubischen  oder  sonstigen  unzweck- 
mässigen Maassnahmen  bestanden,  so  konnte  naturgemäss  von  einer 
Avissenschaftlichen  Geburtshilfe  überhaupt  nicht  die  Eede  sein. 
Immerhin  finden  sich  in  den  kompilatorischen  Schriften  der  hervor- 
ragenden Kepräsentanten  des  Mittelalters,  besonders  bei  den  Chirurgen, 
einige  Abschnitte,  in  denen  speziell  die  Gynäkologie,  meist  nach 
griechischen  und  arabischen  Mustern,  behandelt  wird.  Einzelne  nicht 
unverständige  Ansichten  über  Menstruationsanomalien,  über  abnorme 
Lage  des  Uterus,  über  Hysterie  (suffocatio  matricis),  Sterilität  u.  a.  m, 
beweisen,  dass  die  Aerzte  die  Lehren  ihrer  Vorgänger  sich  theoretisch 
wohl  angeeignet  hatten.  Dagegen  sind  die  spezifisch  geburtshilflichen 
Bemerkungen  dürftig  und  verraten  ein  traurig  niedriges  Niveau  dieser 
Kunst.  Abgesehen  vom  Kaiserschnitt  an  toten  Frauen,  von  dem  hie 
und  da  die  Eede  ist,  beschränkt  sich  der  grösste  Teil  der  Ausführungen 
auf  die  Angabe  der  Mittel  zur  Entfernung  der  Nachgeburt  (de 
extractione  secundinae)  mittels  Niesemittel,  Abortiva  und  zur  instru- 
menteilen Entfernung  des  toten  Fötus  (de  extractione  foetus  mortui), 
die  in  ganz  roher  Weise  erfolgte.  Von  einer  Wendung,  von  manuellen 
Encheiresen  sind  nur  Andeutungen  vorhanden,  so  unbestimmter 
Natur,  dass  keine  klare  Vorstellung  darüber  möglich  ist  ob  die 
Empfehlungen  auf  dem  Grunde  praktischer  Erfahrung  ruhen  oder 
lediglich  kompilatorisch  entlehnt  sind.  Selbst  die  gerühmte  relativ 
ausführlichere  Darstellung  von  Franc,  v.  Piemont  de  aegritudinibus 
matricis  (Complement.  Masuae,  Venedig  1549  fol.  126^ — 139^)  in 
19  Kapiteln  geht  auf  diesen  Gegenstand  (in  Kap.  XVIII)  nur  recht 
oberflächlich  ein;  es  werden  überdies  zur  Beförderung  des  Austritts 
der  Nachgeburt  nur  medikamentöse  Mittel  empfohlen.  An  einer  Stelle 
heisst  es  recht  charakteristisch: 


Die  Spezialzweige  der  Heilkunde  im  Mittelalter.  751 

„Et  ex  dirigentibus  ad  canale  et  trahentibus  ad  os  matricis  et  facientibus  eam 
{seil,  secundinam)  cadere  est  unguentum  basilicum  immissum,  post  ilhid  administratur 
oleum  rosarum  pulverizata  desuper  altea  et  sumptio  stercoris  accipitris  in  potu.  Et 
ex  Ulis  est  manus  obstetricis  {Hebeamme)  prudentis  et  ex  parte  ex  aliquo 
lubricantium  inuncta  et  imposita,  ita  ut  inuncta  ipsam  trahat  si  per  se  non  appareat. 
Cumque  ceperit  apparere,  tunc  tendatur  facilita-  et  sine  labore,  ut  non  scindatur  et 
ahscindatur,  stringatur  tractum  cum  coxa  mulieris  et  conetur  in  sternutatione  et 
deinde  commoveatur  leviter,  ut  separetur  a  profunda  et  cadat  et  sucurre  ctim  facienti- 
bus abortire  et  suppositoriis  et  fumigationibus  que  dicemus  ibidem.^  Vgl.  Cl,  Att- 
(lurean,  Etüde  sur  l'obstetrique  en  occident  pendant  le  mögen  age  et  la  renaissance, 
Dijon  1892,  worin  jedoch  gerade  Franz.  v.  Piemont  nicht  berücksichtigt  ist,  weil  dem 
Verf.  das  Original  nicht  zugänglich  war.  Vgl.  ferner  Oscar  Hasch,  Materialien 
zur  Beurteilung  des  W.  v.  baliceto  als  Arzt  {Berliner  Inaugural-Dissert.  1898,  ent- 
hält eine  ausführliche  Analyse  seiner  Gynäkologie). 

Auch  die  Bemerkungen  Franc,  v.  Piemonts  über  Abort  im 
letzten  Kapitel  (19)  bringen  nichts  Neues  gegenüber  den  traditionellen 
Lehren  der  Griechen  und  Araber,  —  Was  Guy  de  Chauliac  anbetrifft, 
so  hat  Audureau  Recht,  wenn  er  sagt:  „Nous  avons  eu  une  deception 
avec  cet  auteur."  Das  Kapitel  de  passionibus  matiicis  (Tr.  VII 
doctr.  VI)  besteht  aus  wenigen  Zeilen,  während  allerdings  der  nach- 
folgende Abschnitt  „de  extractione  fetus"  etwas  länger  gehalten  ist. 
Er  lautet: 

„Et  si  a  casu  fetus  esset  mortuus,  quod  cognoscitur  per  minorationem  mam- 
millarum  et  per  immobilitatem  fetus  qui  ante  movebatur,  per  fetorem  anhelitiis,  per 
2irofunditatem  oculorum  et  mortificationem  labiorum  et  totius  faciei,  per  inflatio7iem 
ventris  et  per  precessianem  alicujus  acute  egritudinis  aut  offensionis.  Tunc  obstetrix 
debet  attentare  cum  manibus  inunctis  et  locis  Ulis  cum  moUificantibus  fomentatis 
et  pessarizatis  et  provocatione  stermitationis  et  mediciyiis  provocantibus  aborsum 
velut  est  castoreum  et  myrrha  cum  rutha  et  similia.  Si  poterit  eum  extrahere:  si 
non,  intromittatur  instrumentum  dictutn  speculum  factum  cum 
vite  torculari  et  aperiat  matricem  quantum  erit  possibile  et  postea 
cum  manibus  et  uncinis  et  tenaculis  integrum  aut  frustatim  extra- 
hatur  et  non  remaneat,  licet  Albucases  dixit  se  vidisse  muH  crem 
que  superimpregnata  est  super  fetum  mortuum  dimissum,  et  post 
longum  tempus  per  apostema  umbilici  exiverunt  ossa  et  sie  longo  tempore  vixit.  Est 
tarnen  caxitela:  quodsi  in  capite  fetus  mortui  aut  in  pectore  seu  venire  vel  in 
sceundina  fuerit  aqua  tumore  exitum  impediens  quod  cum  ungulis  aut  spatumine 
incidatur  et  aqua  extrahatur  et  sie  melius  exibit.  Si  autem  contingeret 
mulierem  ipsam  esse  mortuam  quod  cognoscetur  per  signa  dicta  superius  de 
mortuis,  etsuspicaverisquodfetusessetvivus,  quia  vetat  lex  regia  mulierem 
pregnantem  non  humari  quousque  fetus  exiverit  tenendo  mulieris  os  et  matricem 
apertam  ut  volunt  midieres  aperiatur  mulier  secundum  longitudinem  cum 
rasorio  in  latere  sinistro  quia  pars  illa  est  magis  libera  quam  dextra  propter 
epar.  Et  digitis  interpositis  extrahatur  fetus.  Ita  enim  extractus  fuit 
Julius  Cesar  ut  in  gestis  legitur  romanorum.  Extractio  secundine  quando 
retinetur  secundina  tunc  secundum  Albucasem  oportet  ut  precipias  infirme  ut  juvet 
se  cum  sternutatione  et  retentione  anhelitus  super  os  et  si  non  egreditur  suffumigetur 

matrix et  jn'ovocetur  sternutatio  et  dentur  provocantia  aborsum.    Et  si 

non  egreditur  precipiatur  obstetrici  ut  submergat  manum  suam  in 
oleo  sesamino  aut  in  mucillagine  altee.  Et  iritromittat  eam  in  matrice  et  capiat 
eam  suamter.  Et  si  fuerit  annexa  extrahatur  quod  erit  possibile  extrahi  et  reliquum 
cum  remollitivis  ut  est  injectio  unguenti  basilicon  sanetur,  ipsum  enim  putrefaciet 
eam  post  dies  et  egredietur  etc. 

So  stellt  sich  das  Extrakt  geburtshilflicher  Weisheit  bei  den 
mittelalterlichen  Aerzten  dar. 

Vgl.  wegen  der  mittelalterlichen  Litteratur  über  Frauenkrankheiten  noch 
Graesse  II  2  p.  607.  Der  p.  687  ertcähnte  Mayminidus  de  Moleriis  ist 
u.  a.  Verf.  einer  Schrift  „de  impedimentis  conceptionis",  loelche  inzwischen  in  der 
Berliner  Dissert.  von  Carl  Arlt  z.  T.  publiziert  ist. 


752  Julius  Page  1. 

Noch  dürftiger  ist  es  mit  der  selbständigen  Litteratur  der 
Kinderheilkunde  bestellt.  Paulus  Bagellardus  aus  Fiume 
(15.  Jahrh.)  schrieb:  „De  infantium  egritudinibus  et 
remediis ,  und  Bartholomeus  Metlinger,  Arzt  in  Augsburg 
zu  Ende  des  15.  Jahrhunderts,  schrieb  in  4  Kapiteln :  „Ein 
Regiment  wie  man  junge  kinder  halten  sollvon  mutter- 
leyb  biss  zu  siben  jaren  mit  essen,  trincken,  paden 
und  in  a  1 1  e n  k  r a  n c k h  ey  1 1  e n  d i  e  i n n  z u  st e n  m  ü g e n"  u.  s.  w. 
Der  Vollständigkeit  halber  mögen  diese  beiden  Schriften  hier 
registriert  werden,  obwohl  sie  höchstens  litterarhistorische  Wichtig- 
keit besitzen. 


Namenregister.  '^ 


Abano  672. 

Abul  Faradsch  s.  Faradj  b.  Salim. 

Abulkasim  602. 

Adamantios  522. 

Aegidius  Corboliensis  657. 

Aetios  von  Amida  529. 

Afflacius  645. 

Agathinus  362. 

Aglaias  357. 

Agrippa  315. 

Ahron  556. 

Aigimios  270. 

Ailios  Promotos  314. 

Aineios  196. 

Aischrion  315. 

Akron  175. 

Albertus  Magnus  661. 

Albicus  700. 

Alcadinus  749. 

Alcanamusali  745. 

Alexandros  von  Abonuteichos  504. 

„  von  Aphrodisias  482. 

„  Philalethes  293. 

,,  von  Tr alles  535. 

Alfredus  Anglicus  666. 
Ali  ben  Isa  611. 
„     „    Ridhwan  611. 
Alkamenes  177.  270. 
Alkindus  597. 
Alkmaion  v.  Kroton  173. 
Alphanus  I  641. 
Amraonios  322. 
Anaxagoras  177. 
Anaximandros  171. 
Anaximenes  171. 
Andreas  von  Karystos  292. 
Andron  352. 

Anselm  von  Canterbury  454. 
Anthimus  631. 
Antiochos  319. 


Antipatros  337. 
Antonius  Musa  410. 
Antyllos  483. 
Apemantos  307. 
Apollonides  von  Kos  196, 
ApoUonios  aus  Antiochia  312. 

„  von  Kittion  313. 

„         von  Memphis  308. 

„  Mys  294. 

„  von  Tyana  453. 

Apollophanes  307. 
Aratos  318. 
Archagathos  409. 
Archelaos  177. 
Archigenes  126.  363. 
Archimatthaeus  647. 
Ardem  736. 
Argelata  707.  742. 
Arcoli  677. 
Aretaios  366. 
Aristogenes  319. 
Ariston  271. 
Aristoteles  126.  282. 
Aristoxenos  295. 
Armengaud  Blasii  661. 
Arrian  125. 
Artemidoros  308. 
Asculo,  Saladinus  de  749. 
Asiaticus  339. 
Asklepiades  7.  324.  409. 
Asklepiodotos  525. 
Asklepios  168. 
Athenaios  359. 
Athenion  308. 
Attalos  III  320. 
Aufidius  328. 
Augustinus  453. 
Avenzoar  609. 
Averroes  614. 
Avicenna  605. 


^)  Dies  Register  enthält  nur  die  zur  vorläufigen  Uebersicht  wichtigsten  J^amen 
der  Hauptvertreter  der  alten  Medizin.  Ein  vollständiges  Namen-  und  Sachregister 
wird  für  die  Schlusslieferung  des  ganzen  Werkes  vorbehalten.  —  Die  arabischen 
Autoren  sind  mit  den  herkömmlichen  latinobarbarischen  Namen  registriert. 

Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin.    Bd.  I.  48 


754 


Namenregister. 


A\A-Y^ 


W-  ^M 


Bachtischuah  128.  595. 
Bagellardus  752. 
Bakcheios  290. 
Barnabas  746. 
Bartholomaeus  645. 

„  Anglicus  663. 

„  Metlinger  752. 

Barzujeh  127. 
Bassus  353. 
Baverius  671. 
Bayrlandt,  Ortolff  v.  748. 
Beda  Venerabilis  627. 
Beitar,  Ibn  el  616. 
Benedictus  Crispus  629. 
Benedikt  von  Nursia  451. 
Bentio,  Ugone  (Hugo  Seuensis)  647. 
Benvenutus  Grapheus  745. 
Bernard  v.  Gordon  694. 
Bertapaglia  742. 
Bert(r)iTCci  671. 
Bianchelli,  Mengho  683. 
„  Branca  744. 

Bruno  v.  Longoburgo  718. 

Caelius  Aurelianus  344. 
C(h)araka  120. 
Cassius  s.  Kassios. 
Felix  623. 
Cato  411. 
Celsus  9.  414. 
Cermisone  677. 
Chalin  de  Vinario  696. 
Charideraos  307. 
Chrysermos  291. 
Chrysippos  272.  307.  328. 
Congenis  (Cougeinna)  712. 
Constantinus  Africanus  643.  660. 
Copho  jun.  647. 
Corvi  673. 
Cumanus  743. 

Damnastes  564. 
Demetrios  von  Apameia  290. 
„  Pepagomenos  565. 

Demokedes  193. 
Demokritos  175. 
Demosthenes  Philalethes  294. 
Diagoras  352. 
Dieuches  278. 
Diodoros  315. 

Diogenes  von  ApoUonia  171. 
Diokles  von  Karj'stos  272. 
Dionysios  .336. 
Dioskorides  Pedanios  349. 
Dioskurides  Phakos  295. 
Dondi,  de'  675. 
Donnolo  111.  636. 
Dschezzar,  Ibn  el  610. 

Eboli,  Pietro  da  653. 
Empedokles  174. 
Epicharmes  173. 
Erasistratos  295. 
Erotianos  206. 
Eudemos  285.  290.  337. 
Euelpistos  322. 


Euenor  278. 
Euryp'hon  194. 

Faradj  b.  Salim  660. 

Ferrario  de  Gradibus  682. 

Figulus  413. 

Franciscus  de  Pedemontio  (Piemont)  677. 

750. 
Franciscus  de  Sienis  683. 

Gaddesden,  Joh.  699. 
Gaius  295. 

Galen  9.  116.  121.  126  ff. 
Garbo,  Diuo  de  670. 
,,      Tommaso  670. 
Gargilius  Martialis  622. 
Gariopontus  641. 
Gatinaria  682. 
Geber  593. 
Gellius  412. 

Gentilis  de  Folisrno  674. 
Gerardus  Salernitanus  653. 

de  Solo  695. 
Gerhard  von  Cremona  660. 
Ghafiki  613. 
Gilbertus  Anglicus  699. 
Glaukias  v.  Taras  310. 
Gregor  v.  Nazianz  453. 
Gregoras  198.  199. 
Guaineri  677. 
Guy  de  Chauliac  730. 

Hegetor  290. 
Heliodoros  365. 
Herakleides  292.  309. 

V.  Taras  311. 
Herakleitos  174. 
Heras  314. 
Herodikos  v.  Knidos  177. 

V.  Selymbria  178.  187. 
Herodot  126. 
Herodotos  362. 
Herophilos  287. 
Herrad  von  Landsperg  635. 
Hesychios  von  Damaskus  524. 
Hikesios  308. 
Hildegardis  634. 
Hippasos  193. 

Hippokrates  6.  23.  124.  129.  196  ff. 
Hippon  171.  193. 
Hobal,  ibn  616. 
Honestiis,  C.  G.  de  749. 
Hrabanus  Maurus  628. 
Hugo  von  Lukka  715. 
Hugo  physicus  687. 

Ibn  el  Beitar  cfr.  Beitar. 
Ikkos  von  Tarent  187. 
Isaak  Judaeus  610. 
Isidor  von  Sevilla  626. 
Jacobus  Forliviensis  675. 
de  Partibus  696. 
Jakobos  Psychrestos  522. 
Jamerius  712. 
Janus  Damascenus  595. 
Joannes  Aktuarios  566. 


Namenregister. 


755 


Joannes  Alexandrinos  556. 

,,        Chumnos  565. 
Johannes  cum  Barba  696. 

„         Concorreggio  683. 

,,         Jacobus  695. 

„         de  Mediolano  649. 
de  Parma  683. 

,,         de  Sancto  Amando  652.  687. 

„         de  Tomamira  695. 
Johannitius  596. 
Jonikos  490. 
Ishak  ben  Amran  128. 
Julianos  338. 

Kallignotos  196. 
Kallikles  315. 
Kalliphon  193. 
Kallisthenes  285. 
Kallianax  290. 
Kallimachos  290. 
Kassios  Jatrosophista  371. 
Klearchos  285. 
Kleopatra  321. 
Kleophantos  293. 
Koben  el-Atthar  619. 
Kosta  ben  Lnka  597. 
Kotbi,  Ibn  el  618. 
Krateuas  322. 
Ktesias  124.  195. 
Kydias  291. 
Kyranides  528. 

Latif,  Abd  el-  615. 

Lanfranchi  723. 

Leo  559. 

Leonidas  von  Alexandreia  338. 

Leonides  126. 

Leukippos  175. 

Lucian  126. 

Lucius  Apulejus  623. 

Lull  691. 

Lykos  315. 

Lysimachos  319. 

Macer,  Aemilius  413. 

„      Floridus  635. 
Maenius  Rufus  353. 
Magdunensis,  Otto  635. 
Magnos  361.  490. 
Maimonides  615. 
Mala  iesa  618. 
Mantias  291. 
Marbod  633. 

Marcellus  Empiricus  623. 
Marinos  315. 
Markellos  371. 
Martianos  309. 
Matera,  Eustach.  de  749. 
Matthaeus  de  ArcMepiscopo  647. 

,,  Platearius  651. 

„  Silvaticus  679. 

Maurus  653. 
Megasthenes  125. 
Megenberg,  Kunrat  von  664. 
Meges  aus  .Sidon  335. 
Melanthios  196. 


Meletios  558. 
Menekrates  355. 
Menemachos  337. 
Menodoros  308. 
Menodotos  314. 
Meuokritos  278. 
Menon  285. 
Mesue  d.  Ae.  595. 

„       jun.  612. 
Metlinger  s.  Bartholomaeus. 
Miltiades  328. 
Mithradates  VI.  320. 
Mnaseas  336. 
Mnesimachos  193. 
Mnesitheos  278. 

Moleriis,  Raymundns  de  687.  751. 
Mondevüle  703.  723.  727. 
Mondino  di  Liucci  703. 
Montagnana  677. 
Montecatini,  Ugolino  de  750. 
Moschion  347. 

Muwaffak,  Abn  Mansur  108.  127. 
Musandinus  650. 

ISeckam,  Alexander  666. 
Neileus  352. 
Nemesios  522. 
Nicolo  Falcucci  678. 
Nicolaus  Myrepsos  566. 
„        Praepositus  650. 
de  Regio  683. 
Nikandros  317. 
Nikeratos  355. 
Niketas  564. 
Nikias  306. 
Nikomedes  196. 
Nikomedes  II  320. 
Nikon  328. 
Ninyas  178.  270. 
Norciner  744. 
Numenios  278. 
Nymphodoros  353. 

Obizo  687. 

Olympikos  337. 

Ophion  352. 

Orbanos  126. 

Oreibasios  513. 

Oseibia,  Ibn  Abu  128.  618. 

Palladios  Sophistes  526. 
Parophilos  126.  358. 
Parmenides  174. 
Paulos  Aiginetes  548. 
Pedemontio,  de  s.  Franciscus. 
Pelops  315. 
Petrarka  684. 
Petrichos  (Petronas)  270. 
Petronius  Diodotos  355. 
Petrus  Hispanus  682. 
Pfolspeundt  740. 
Phaeitas  178.  270. 
Phanias  285. 
Phekianos  315. 
Philagrios  372.  489. 
Philinos  v.  Kos  309. 

48* 


756 


Namenregister. 


Philippos  363. 
Philolaos  172.  193. 
Philon  353. 
Philostratos  188. 
Philotimos  277. 
Phitoxenos  309. 
Philumenos  339. 
Photios  560. 
Pitard  723. 

Placitus  Papyrensis  622. 
Platearius  I  642. 

II  646. 

ni  652. 
Piaton  279. 
Pleistonikos  277. 
Plinius  348.  409. 

Plinius  junior  (Pseudo-Plinius)  624. 
Plotinus  453. 
Polveides  352. 
Polykritos  193. 
Porphyrius  453. 
Poseidonios  314.  372.  489. 
Praxagoras  v.  Kos  276. 
Precianer  744. 
Proeid  a,  Giovanni  da  654. 
Proklos  335. 
Prophatius  686. 
Protarchos  353. 
Protoktetos  196. 
Psellos,  Michael  561. 
Ptolemaios  307. 
Pythagoras  103.  104.  172. 
Pythocles  193. 

Qnattiior  magistri  711! 

Quiutus  315. 

Quiricus  de  Augustis  749. 

Khazes  128.  598. 
Khuphos  368. 

Ricardns  Anglicus  700.  703. 
Eoger  653.  709. 
„      Baco  697. 
Rolando  709. 
Roschd,  Ihn  s.  Averroes. 
Rutus  Ephesius  s.  Rhuphos. 

Salernus  652. 

Saliceto  703.  719. 

Sainonicus,  Serenus  622. 

Samuel,  Mar  112. 

Santa  Sofia  674. 

Satyros  315. 

Savonarola  677. 

Scotus  Erigena  454. 

Scribonius  Largus  354. 

Seneca  412. 

Serapion  von  Alexandreia  310. 

„        d.  Ae.  596. 

„         jun.  613. 
Servilius  Damokrates  357. 


Sextius  Nigros  354.    • 
Sextus  Empiricus  315. 
Seth,  Simeon  563. 
Simon  v.  Genua  679. 
Soranos  9.  339. 
Sostratos  318. 
Stephanos  v.  Athen  547. 
„         Magnetes  565. 
Strabo  125. 
Straton  306. 
Susruta  120. 
Synesios  564. 

Thaddaeus  Alderotti  667. 

Thaies  171. 

Themison  von  Laodikeia  330. 

Theobaldus  634. 

Theodas  315. 

Theoderich  715.  716. 

Theodoros  361. 

„  Priscianns  624. 

Theomedon  193. 
Theon  490. 

Theophanos  Nonnos  560. 
Theophilos  Protospatharios  545. 
Theophrast  126.  284. 
Thessalos  v.  Tralles  335. 
Thodos  112. 
Thomas  de  Cantimprato  663. 

„        von  Sarepta  699. 
Thrasymachos  178.  270. 
Timotheos  177.  270. 
Torrigiano  669. 
Trotula  642. 
Tussignaua  671. 

Uranios  544. 

Vagbata  120  ff. 

Valascus  de  Taranta  695. 

Valgius  Rufus  414. 

Varignana  671. 

Varro  411. 

Vianeo  744. 

Villanova,  Arnoldus  von  688. 

Vincentins  Bellovacensis  663. 

Vindicianus  Afer  623. 

Vitruvius  413. 

Walafridus  Strabo  629. 
Wilhelm  v.  Champeaux  454. 

Xenocrates  196.  355. 

Xenophanes  173. 

Xenophon  aus  Kos  277.  307. 

Tperman  737. 

Zenon  291.  490. 
Zeuxis  293.  311. 
Zopyros  312. 


Lippert  &  Co.  (G.  Pätz'sche  Buchdr.),  Naumburg  a.  S. 


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ftlNOiNG  8ECT.       QCT  7      1982 


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^  Puschmann,  Theodor 

131  Handbuch  der  Geschichte 

P87  der  Medizin 

Bd.l 


BioMed 

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